Pe­ter Slo­ter­di­jk: Du mußt dein Le­ben än­dern

Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern

Pe­ter Slo­ter­di­jk:
Du mußt dein Le­ben än­dern

So wie der Tor­so Apol­los im Lou­vre von Pa­ris im Jahr 1908 zum Dich­ter Rai­ner Ma­ria Ril­ke mit sei­ner durchlichtende[n] Äu­ße­rung des Seins in ei­nem an­thro­po­mor­phen Akt zu spre­chen be­ginnt und ihn auf­ruft »Du mußt dein Le­ben än­dern«, so möch­te auch Pe­ter Slo­ter­di­jk den Le­ser mit­rei­ssen und af­fi­zie­ren. Be­gei­stert ob die­ser (sä­ku­la­ri­sti­schen) In­spi­ra­ti­on weist er in sei­ner höchst ori­gi­nel­len Les­art des Ril­ke-Ge­dichts en pas­sant auf die bei­den wich­tig­sten Wor­te die­ses ab­so­lu­ten Im­pe­ra­tivs hin: Zum ei­nen das »Müs­sen« – zum an­de­ren das Pos­ses­siv­pro­no­men: hier sind we­der Aus­flüch­te noch De­le­ga­tio­nen er­laubt und die Kon­se­quen­zen könn­ten ein­schnei­dend sein.

Und so nimmt Slo­ter­di­jk Fahrt auf zur Le­bens­än­de­rungs-Ex­pe­di­ti­on. Da­bei soll (in Pa­ra­phra­se zu Witt­gen­stein) der Teil der ethi­schen Dis­kus­si­on, der kein Ge­schwätz ist, in an­thro­po­tech­ni­schen Aus­drücken re­for­mu­liert wer­den. So wird der Üben­de, der Akro­bat, zur Ga­li­ons­fi­gur des Sich-Än­dern-Wol­len­den in­stal­liert und be­kommt da­bei fast zwangs­läu­fig das At­tri­but »as­ke­tisch«, denn der größ­te Teil al­len Übungs­ver­hal­tens voll­zieht sich in der Form von nicht-de­kla­rier­ten As­ke­sen. Kein Ziel kann da hoch ge­nug sein (und das im wört­li­chen Sinn). Ril­kes Voll­kom­men­heits-Epi­pha­nie als un­um­kehr­ba­res Auf­bruchs­mo­ment, als Vor­bild für den heu­ti­gen Träg­heits­men­schen. Slo­ter­di­jk als Trai­ner (das ist der­je­ni­ge, der will, daß ich will oder doch eher ei­ne Re-In­kar­na­ti­on Za­ra­thu­stras, denn kein Zwei­fel kommt auf, daß hier Nietz­sche der gro­sse Mo­ti­va­tor ist, so­zu­sa­gen der »Über-Trai­ner«.

Welt­ver­bes­se­rung und Krüp­pel­exi­sten­tia­lis­mus

Zu­sam­men mit sei­nem an­de­ren Co-Trai­ner Heid­eg­ger, dem Re-Vi­ta­li­sa­tor des Da­seins, ver­sucht Slo­ter­di­jk den Le­ser aus (s)einer mo­der­nen Be­quem­lich­keits-Le­thar­gie auf­zu­rüt­teln – oh­ne da­bei mit eso­te­ri­schen Lebens­hilfepropheten oder bil­li­gen Pa­ro­len­dre­schern ver­wech­selt zu wer­den. Hart geht er mit den Kul­tur­kri­ti­kern ins Ge­richt, die den Men­schen im Fa­tum sei­ner Exi­stenz ver­haf­tet se­hen. So greift er Bour­dieus Ha­bi­tus-Be­griff stark an, den er als Aus­re­de für ein au­to­sug­ge­rier­tes Klas­sen­be­wusst­sein be­greift. Die­ser lei­den­schaft­li­che Ver­such den Aus­gang des Men­schen aus sei­ner ok­troy­ier­ten und dann (wil­lig?) selbst­ein­ge­bil­de­ten (so­zio­lo­gi­schen) Schicht her­bei­zu­schrei­ben, um die Klas­sen­ge­sell­schaft in ei­ne Dis­zi­pli­nen­ge­sell­schaft zu über­füh­ren, lohnt die Lek­tü­re.

Das Slo­ter­di­jk­sche Ziel ist, auch wenn er das in die­ser Form be­strei­ten wür­de, auf Welt­ver­bes­se­rung aus­ge­rich­tet. Und hier kann tat­säch­lich je­der mit­ma­chen, wie er in ei­nem be­mer­kens­wer­ten Ka­pi­tel über Carl Her­mann Unthan aus­führt, ei­nem arm­lo­sen Gei­gen­spie­ler, der En­de des 19./Anfang des 20. Jahr­hun­derts mit sei­ner Kunst durch erst durch Va­ri­tés zog, be­vor er als an­er­kann­ter So­list in Kon­zert­sä­len spiel­te. Slo­ter­di­jk ver­sucht die Übungs­in­ten­si­tä­ten die­ses Man­nes nach­zu­emp­fin­den, ent­deckt da­bei ei­nen vi­ta­li­stisch gefärbte[n] Krüp­pel­exi­sten­tia­lis­mus (mit Me­lan­cho­lie-Ver­bot; er­gänzt wird die­ses Ka­pi­tel mit Be­mer­kun­gen zu Hans Würtz und sei­nem Buch »Zer­brecht die Krücken«) und trans­for­miert ihn ins All­ge­mei­ne.

Aber der Weg, der zum Auf­stieg wer­den soll, ist an Vor­aus­set­zun­gen ge­knüpft. Erst durch ei­ne Eva­ku­ie­rung des In­nen­raums durch Aus­räu­mung des Nicht-Ei­ge­nen, der Ab­set­zung von der Mit­welt und den dann fol­gen­den Rück­zug in sich (Se­zes­si­on von der Gewöhn­lichkeit bzw. Re­zes­si­on ge­nannt) wird die Grund­la­ge zum üben­den We­sen ge­legt, wel­ches das Da­sein des Men­schen von mor­gen be­grün­den soll, und zwar ein­schließ­lich der Wil­lens­gym­na­stik und der Mut­pro­ben für die ei­ge­nen Kräf­te – hier ist Slo­ter­di­jk ganz Nietz­sche-Adept, wo­bei er sehr früh die bio­lo­gi­sti­schen Im­pli­ka­tio­nen, die Nietz­sche-Ver­äch­ter zü­gig her­an­zie­hen, um nicht tie­fer in die Ma­te­rie ein­drin­gen zu müs­sen, ver­wirft (bzw. in den Kon­text der Zeit stellt): der »Über­mensch« sei im­pli­ziert kein bio­lo­gi­sches, son­dern ein ar­ti­sti­sches, um nicht zu sa­gen: akro­ba­ti­sches Pro­gramm.

Lö­sung aus den re­li­giö­sen Af­fek­ten

Die­se For­men von Ex­er­zi­ti­en wecken na­tür­lich zahl­rei­che As­so­zia­tio­nen zu re­li­giö­sen und spi­ri­tu­el­len Hand­lun­gen und Ver­sen­kun­gen. Die­se wer­den en dé­tail, ach­tungs­voll und so­gar als durch­aus vor­bild­haft für den heu­ti­gen Üben­den be­schrie­ben. Den­noch rech­net Slo­ter­di­jk mit Ver­ve mit den re­li­giö­sen Af­fek­ten spe­zi­ell der Neu­zeit ab – re­spekt­voll mit dem so­ma­ti­schen Re­li­gi­ons­stif­ter Pierre de Cou­ber­tin, der mit sei­nem Olym­pis­mus all­zu na­iv die Welt über die Wie­der­ein­füh­rung des Grie­chen­tums ret­ten woll­te, bei­ßend-iro­nisch mit dem Religionsparodist[en] und Busi­ness-Trai­ner, in der Tra­di­ti­on mo­der­ner Schar­la­ta­ne ste­hen­den Ron Hub­bard, des­sen psy­cho­tech­ni­sche Übungs­trup­pe im­mer­hin in­di­rekt auf­klä­re­risch auf­zeigt, wie ein­fach letzt­lich das Stif­ten ei­ner Re­li­gi­on sein kann (die Ge­fah­ren die­ser »Psy­cho­lo­gy-Fic­tion« für den Ein­zel­nen wer­den da­bei durch­aus er­kannt). Aber auch Re­li­gio­nen, wo das In­ter­es­se an Letzt­ver­si­che­rung die af­fek­ti­ve und äs­the­ti­sche Be­set­zung der vor­letz­ten Din­ge sa­bo­tiert, wie bei­spiels­wei­se das Chri­sten­tum wer­den kri­tisch be­trach­tet (na­tur­ge­mäß we­ni­ger die fern­öst­li­chen Er­zäh­lun­gen).

Re­li­gio­nen sind nichts an­de­res als Kom­ple­xe von in­ne­ren und äu­ße­ren Hand­lun­gen, sym­bo­li­sche Übungs­sy­ste­me und Pro­to­kol­le zur Re­ge­lung des Ver­kehrs mit hö­he­ren St­res­so­ren und »tran­szen­den­ten« Mäch­ten – mit ei­nem Wort An­thro­po­tech­ni­ken im im­pli­zi­ten Mo­dus. Glau­ben geht mit ei­ner Sus­pen­si­on der Em­pi­rie da­her. Nur der ist in der La­ge zu glau­ben, der im­stan­de ist, sich ge­gen die Au­to­ri­tät des Au­gen­scheins zu ent­schei­den. Dem gut or­ga­ni­sier­ten Ere­mi­ten der Mo­der­ne (bzw. der Neo-An­ti­ke, der Ära »nach der Mo­der­ne«) kommt die In­klu­die­rung oder gar das Ab­drif­ten in die von Slo­ter­di­jk in An­füh­rungs­zei­chen ge­setz­te Re­li­gi­on nicht in den Sinn; er be­greift dies als ob­so­le­te Re­gres­si­on, die höch­stens noch als aut­ar­kes Sy­stem ihr Re­fu­gi­um hat (ein Religions­stürmer ist Slo­ter­di­jk da­bei nicht; er kri­ti­siert die Ober­fläch­lich­keit des Neu­en Athe­is­mus à la Hit­chens und Daw­kins aus­drück­lich).

Das Ziel des as­ke­ti­schen Übens muß dem­nach ein an­de­res sein als Gott­ge­fäl­lig­keit oder Got­tes­nä­he zu er­rei­chen. Wo­bei Slo­ter­di­jk durch­aus hart mit der (von ihm so­ge­nann­ten) Pseu­do-Sä­ku­la­ri­sie­rung der Mo­der­ne ver­fährt und so­gar von ei­nem Miß­ver­ständ­nis spricht. Er sieht das Haupt­er­eig­nis die­ser Epo­che nicht in der Ära der Sä­ku­la­ri­sie­rung (die mei­sten hät­ten sich, so wird sug­ge­riert, in ei­nen of­fen las­sen­den Agno­sti­zis­mus oder Re­li­gi­ons-Ek­lek­ti­zis­mus be­ge­ben), son­dern in der Ent­ra­di­ka­li­sie­rung der ethi­schen Un­ter­schei­dung – oder…: De­ver­ti­ka­li­sie­rung der Exi­stenz.

»Ver­ti­kal­span­nun­gen«

Die­se schein­bar rein de­skrip­ti­ve Be­mer­kung be­kommt durch­aus Bri­sanz, wenn man als es­sen­ti­el­len Ma­kel der Mo­der­ne das Stre­ben nach ei­ner Art Ri­go­ris­mus der Ega­li­tät be­greift. Slo­ter­di­jk schickt sei­nen Üben­den in Op­po­si­ti­on, in dem die­ser sich den Ver­ti­kal­span­nun­gen, die sich aus sei­ner Akro­ba­tik er­ge­ben, nicht nur stellt, son­dern sie aus­hält und sich auf ih­nen so­zu­sa­gen zum »Lea­der« ge­gen die trä­ge ge­wor­de­ne Rest-Welt em­por ma­nö­vriert. Leicht er­liegt der un­auf­merk­sa­me Le­ser dem Irr­tum, Slo­ter­di­jk hul­di­ge da­mit ei­nem neu­en Hier­ar­chie- oder Eli­te-Prin­zip. Ver­ti­ka­li­tät wird statt­des­sen de­fi­niert als ei­ne ethisch kom­pe­ten­te­re und em­pi­risch ad­äqua­te­re Al­ter­na­ti­ve zu der grob­schläch­ti­gen Her­lei­tung al­ler Hier­ar­chie-Ef­fek­te und Stu­fen­phä­no­me­ne aus der Ma­trix von Herr­schaft und Un­ter­wer­fung. Das klingt sehr schön, wird aber im wei­te­ren Ver­lauf des Bu­ches au­ßer va­gen An­re­gun­gen zu ei­ner neu­en Dis­zi­pli­ni­stik (ei­nem Vor­bo­ten der As­ke­se?) nicht kon­kre­ti­siert; zu­mal Slo­ter­di­jk von den herr­schafts­frei­en Dis­kur­sen gleich weit ent­fernt zu sein scheint wie von star­ren Hier­ar­chien, wie sei­ne Aus­fäl­le der Frank­fur­ter Phi­lo­so­phen­schar ge­gen­über do­ku­men­tie­ren.

Was aber, wenn das »Ba­sis­la­ger-Pro­blem« auf­tritt? Was, wenn die an­fangs wil­li­gen Ex­pe­di­ti­ons­teil­neh­mer mit ih­rem Ba­sis­la­ger, wel­ches Aus­gangs­punkt zum stei­ni­gen Gip­fel­auf­stieg sein soll, als Auf­ent­halts­ort voll­kom­men zu­frie­den sind und sich in ih­rem »Ha­bi­tus« ein­ge­rich­tet und da­mit ab­ge­fun­den ha­ben? Wenn die fi­na­len Spie­ßer […] wol­len, was sie ha­ben, nur kom­for­ta­bler? Was, wenn das Wol­len des Nicht-Wol­lens un­ter dem Vor­wand der De­mut vi­ru­lent zu wer­den droht? Mit Gran­dez­za be­sei­tigt Slo­ter­di­jk für lan­ge Zeit die Zwei­fel:

    Moch­ten die Stoi­ker der An­ti­ke ihr Le­ben dem Ver­such ge­wid­met ha­ben, durch ste­ti­ges Üben in sich die Sta­tue auf­zu­stel­len, die in un­sicht­ba­rem Mar­mor ihr be­stes Stück her­aus­ar­bei­te­te – die Mo­der­nen fin­den sich als fer­ti­ge Träg­heits­pla­stik vor und stel­len sich im Iden­ti­tä­ten-Park auf, gleich, ob sie den eth­ni­schen Flü­gel wäh­len oder das in­di­vi­dua­li­sti­sche Frei­ge­län­de be­vor­zu­gen.

    […] Ent­schei­dend ist, daß der Ge­dan­ke an neue Hö­hen ver­pönt sein muß – wür­den sol­che er­klom­men, könn­te ei­ne Wert­min­de­rung bei den ein­ge­la­ger­ten Be­stän­den ein­tre­ten. Wenn und weil im Ba­sis­la­ger das bis­her Er­reich­te als sol­ches un­ter Kul­tur­schutz ge­stellt wird, be­deu­tet je­des Ex­pe­di­ti­ons­pro­jekt in der Ver­ti­ka­len ei­nen Fre­vel, ei­ne Verhöhn­ung al­ler ge­rahm­ten Wer­te. Im Iden­ti­tä­ten-Re­gime wer­den sämt­li­che En­er­gien de­ver­ti­ka­li­siert und der Re­gi­stra­tur über­ge­ben. Von dort aus geht es di­rekt in die per­ma­nen­te Samm­lung, in der es we­der »pro­gressive Hän­gung« noch evo­lu­tio­nä­re Stu­fung gibt. Im Ho­ri­zont des Ba­sis­la­gers ist je­de Iden­ti­tät je­de an­de­re wert. Iden­ti­tät lie­fert folg­lich den Su­per-Ha­bi­tus für al­le, die so sein wol­len, wie sie auf­grund ih­rer lo­ka­len Prä­gun­gen wur­den, und mei­nen, das sei gut so. Auf die­se Wei­se stel­len die Iden­ti­schen si­cher, au­ßer Hör­wei­te zu sein, soll­te un­vor­her­ge­se­hen wie­der ir­gend­wo der Im­pe­ra­tiv »Du mußt dein Le­ben än­dern!« zu hö­ren sein.

Die Wie­der­ent­deckung der Voll­nar­ko­se

Wer gin­ge da nicht erst ein­mal ge­duck­ten Haup­tes mit sei­nem Ruck­sack wei­ter? Und so setzt sich der Le­ser dem ge­le­gent­lich don­nern­den Apho­ris­mus­ge­wit­ter ge­dul­dig aus, hört die Kri­tik an Witt­gen­steins Leh­rer­rol­le (er nennt ihn ei­nen Na­rod­nik, der sich im Jahr­hun­dert ge­irrt hat­te), liest ein Lob über Fou­cault, der den Weg zu ei­ner all­ge­mei­nen Dis­zi­pli­ni­stik be­grün­de­te, be­kommt ver­blüf­fen­de Les­ar­ten zu Kaf­kas »Hun­ger­künst­ler« und »Be­richt für ei­ne Aka­de­mie«, streift den me­ta­phy­sisch Hun­gern­den Emi­le M. Cioran, die­sen Mei­ster des Es-zu-nichts-Brin­gens, für den Nietz­sches Über­mensch nur ein aufge­blasener Haus­mei­ster dar­stell­te, er­fährt na­he­zu al­les über Trai­ner (in­klu­si­ve aus­ge­zeich­ne­ter, zehn­tei­li­ger Ty­po­lo­gie – pa­ri­tä­tisch aus­ge­wo­gen: fünf spi­ri­tu­el­le und fünf akro­ba­ti­sche Trai­ner­ty­pen), liest über den Un­ter­schied zwi­schen Trai­ner und Päd­ago­ge, er­hält ei­ne Ah­nung, war­um das Schul­we­sen so ist, wie es ist, be­kommt den spi­ri­tua­li­sier­ten Se­zes­si­ons­mus nebst Ex­tre­mis­mus des frü­hen Chri­sten­tums er­läu­tert, lernt den Un­ter­schied zwi­schen Se­zes­sio­ni­sten und Sess­haf­ten ken­nen, er­regt sich mit dem Au­tor über die ideo­lo­gi­sche Blind­heit Sar­tres, ver­nimmt har­te Wor­te über die fort­schrei­ten­de Per­ver­tie­rung des Sports durch das Do­ping (das idea­le Übungs­sy­stem wird da­durch dau­er­haft be­schä­digt), hört et­was vom na­iv-gro­ßen Den­ker der Welt­ver­bes­se­rung Her­mann Bloch und be­kommt ei­nen Ein­blick in die Denk­struk­tu­ren bei­spiels­wei­se der rus­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­re, Be­ne­dikt von Nur­sia, dem Hei­li­gen Fran­zis­kus (das Christen­tum…suchte den Su­per­star), er­fährt fast ne­ben­bei, daß He­gels Phi­lo­so­phie Ver­ar­bei­tung von fru­strier­tem Idea­lis­mus sein dürf­te und ist ver­blüfft von der Fest­stel­lung, daß die Wie­der­ein­füh­rung der Voll­nar­ko­se am 16. Ok­to­ber 1846 (»ether day«) die an­thro­po­tech­ni­sche Si­tua­ti­on der Mo­der­ne ra­di­ka­ler ver­än­dert ha­be als je­des ein­zel­ne po­li­ti­sche Er­eig­nis oder je­de son­sti­ge tech­ni­sche In­no­va­ti­on seit­her.

Nietz­sche, Heid­eg­ger – und Sen­nett

Das sind nur ei­ni­ge der teil­wei­se weit ent­le­ge­nen Tä­ler, in die der Ex­pe­di­ti­ons­teil­neh­mer mit im­mer schwe­re­rem Ge­päck in stän­di­gem Auf und Ab ge­führt wird – mal in Ser­pen­ti­nen und dann auch wie­der steil hin­auf in die Hö­he. Slo­ter­di­jks Aus­füh­run­gen schei­nen par­al­lel auch ei­ne gut ge­tarn­te To­po­gra­fie des Um­wegs zu sein.

Ne­ben Nietz­sche ist die­ses Buch mehr als nur im ent­spre­chen­den Ka­pi­tel (Mei­ster­spie­le) von Ri­chard Sen­netts »Hand­werk« in­spi­riert, wenn nicht be­ein­flußt. Nicht nur die Par­al­le­len zum Ere­mi­ten Slo­ter­di­jks mit den »ih­rer Ar­beit mit Hin­ga­be nachgehen[den]« Hand­wer­kern des »en­ga­gier­ten Tuns« sind of­fen­sicht­lich. Ins­be­son­de­re wenn Sen­nett die ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­ti­on des Be­griffs der Rou­ti­ne in die po­si­ti­ve For­mu­lie­rung des »Übens« über­führt und als »Ent­wick­lungs­vor­gang« dar­stellt, sind die Über­ein­stim­mun­gen frap­pie­rend. Spä­ter führt Slo­ter­di­jk li­sti­ger­wei­se noch den Be­griff der Wie­der­ho­lung ein (Was ist ein Kul­tur­trä­ger, wenn nicht der Hü­ter der Wie­der­ho­lung?). Wäh­rend Sen­nett al­ler­dings sei­ne Übungs­leh­re als kul­tur­anthro­po­lo­gi­sche Be­trach­tung an­legt und mit durch­aus ega­li­tä­rer Ten­denz so­zio­lo­gisch aus­stat­tet, kommt Slo­ter­di­jk phi­lo­so­phisch als ein Über­mensch-Trai­ner des 21. Jahr­hun­derts da­her, der das »Hand­werk­li­che« in das »Akro­ba­ti­sche« ver­wan­delt.

Die Mo­der­ne, so gibt Slo­ter­di­jk dem po­ten­ti­el­len Se­zes­sio­ni­sten auf den Weg, bin­det uns an ein Ge­mein­we­sen, das kei­ne Aus­wan­de­rung mehr kennt. Seit wir in ihm le­ben, be­sit­zen wir al­le den glei­chen Paß, aus­ge­stellt durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten der Ge­wöhn­lich­keit. Sämt­li­che Men­schen­rech­te sind ga­ran­tiert, aus­ge­nom­men das Recht auf Aus­rei­se aus der Fak­ti­zi­tät. Des­halb wer­den die me­di­ta­ti­ven En­kla­ven mit der Zeit un­sicht­bar, die Wohn­ge­mein­schaf­ten der Welt­fremd­heit lö­sen sich auf. Die heil­sa­men Wü­sten ver­öden, die Klö­ster ent­lee­ren sich, Ur­lau­ber tre­ten an die Stel­le von Mön­chen, Fe­ri­en er­set­zen die Welt­flucht. Die Halb­wel­ten der Ent­span­nung ge­ben dem Him­mel wie dem Nir­va­na em­pi­risch Sinn.

Es gibt Im­pe­ra­ti­ve – aber gibt es ei­ne Ethik?

Da er­scheint das neue Ge­setz des ab­so­lu­ten Im­pe­ra­tivs not­wen­dig: »Hier­mit tre­te ich aus der ge­wöhn­li­chen Wirk­lich­keit aus«. Slo­ter­di­jks Akro­bat ist der Pas­si­ons­spie­ler des In-der-Welt-Seins, wo­bei die Welt des Akro­ba­ten ei­ne an­de­re ist als die des Nicht-Akro­ba­ten (da ist Slo­ter­di­jk dann wie­der ganz bei Witt­gen­stein).

Zwi­schen­durch er­weckt der Au­tor den Ein­druck, mit dem gan­zen ei­ge­nen Da­sein des Se­zes­sio­ni­sten ei­nen Un­ter­schied zu ma­chen, den zu­vor nie­mand voll­zog sei der Weg ins ethi­sche Den­ken. Im­mer wie­der va­ri­iert Slo­ter­di­jk »sei­nen« Im­pe­ra­tiv, de­kla­miert ei­nen per­fek­tio­ni­sti­schen Im­pe­ra­tiv (»Ver­hal­te dich je­der­zeit so, daß die Nach­er­zäh­lung dei­nes Wer­de­gangs als Sche­ma ei­ner ver­all­ge­mei­ner­ba­ren Voll­endungs­ge­schich­te die­nen könn­te«), und passt ihn schließ­lich der Stoß­rich­tung der Mo­der­ne an, vom Du sollst dich je­der­zeit so ver­hal­ten, daß du in dei­ner Per­son die bes­se­re Welt in der schlech­ten vor­weg­nimmst bis hin zum Du mußt die Welt ver­än­dern, da­mit du, wenn sie im rich­ti­gen Sinn um­ge­stal­tet ist, dich gu­ten Ge­wis­sens an sie an­pas­sen kannst.

Auch wenn er ge­gen En­de wuch­tig po­stu­liert, daß der Fort­schritts- und Entwicklungs­gedanke in der Mo­der­ne als schlimm­ster Feind der ra­di­ka­len Me­t­a­noia al­ten Stils er­wie­sen ha­be (Me­t­a­noia über­setzt Slo­ter­di­jk sel­ber mit Ge­sin­nungs­wan­del; zu sei­nem Be­griff der po­li­ti­schen Me­t­a­noia gibt es in­ter­es­san­te An­sich­ten in sei­nem Nach­kriegs­zei­ten-Buch) – er be­treibt un­ter der Hand doch das Ge­schäft des Fort­schritts und macht aus dem Üben­den, der sich mit Lei­den­schaft, Sen­netts Hand­werks­ge­schick und ei­ner ge­wis­sen Im­per­ti­nenz, die als Va­ria­tio­nen von As­ke­se auf­ge­hübscht wer­den, den neu­en Lei­stungs­trä­ger der Mo­der­ne; der­je­ni­ge, der die schein­ba­re Aus­sichts­lo­sig­keit der Di­cho­to­mien wie der ver­meint­li­chen Sach­zwän­ge ne­giert.

Nicht über­zeu­gend ist die Dar­stel­lung der Re-Emi­gra­ti­on des Ere­mi­ten, der nicht dau­er­haft in sei­ner welt­flüch­ti­gen Klau­sur ver­har­ren kann. Grund­sätz­lich ist ein sol­cher Ab­stieg si­cher­lich ir­gend­wann ge­bo­ten, aber die Be­grün­dung über­rascht schon, soll doch aus dem ei­ge­nen Da­sein ein Ge­gen­stand der Be­wun­de­rung zu for­men sein, der sich na­tür­lich ei­nes Ta­ges auf die Büh­ne brin­gen und aus der in­ne­ren Per­for­mance ei­ne äu­ße­re zu ma­chen ha­be. Als sei ein zu er­war­te­ter Ap­plaus Mo­vens der Se­zes­si­on ge­we­sen. Und was ge­schieht, wenn die Re­sul­ta­te der Klau­sur ein Er­geb­nis bräch­ten, wel­ches ad hoc kei­ne Be­wun­de­rung fän­de, denn schließ­lich ist doch die al­les­in­fil­trie­ren­de Mas­sen­kuk­tur auf­grund ih­rer sieg­rei­chen Mi­schung aus Sim­pli­fi­ka­ti­on, Re­spekt­lo­sig­keit und Unduld­samkeit je­der nor­ma­ti­ven Vor­stel­lung von Hö­he ab­ge­neigt, erst recht von Hö­hen, an de­nen sie sich mes­sen soll­te?

Leuch­ten­de Mo­men­te

Sel­ten wird Slo­ter­di­jk kon­kret, was Übungs-Re­sul­ta­te an­geht. In­ter­es­sant wird es dann, wenn er be­merkt, wie der As­ket sich vom Zwang, ei­nen Feind zu ha­ben [eman­zi­piert], in dem er ei­nen uni­ver­sa­len Feind in sei­nem In­nern wählt, von dem in der Au­ßen­welt nur zweit­klas­si­ge Pro­jek­tio­nen auf­tre­ten kön­nen. [...] Die mo­ra­li­sche As­ke­se nimmt dem Feind die Macht aus der Hand, uns zum Zu­rück­schla­gen zu nö­ti­gen. Wer die Ebe­ne des Re­gie­rens auf Feind­schaft über­steigt, löst den ‘cir­culus vi­tio­sus’ von Ge­walt und Ge­gen­ge­walt auf, na­tür­lich oft um den Preis, der Leid­tra­gen­de zu blei­ben.

Oder wenn es um ei­ne even­tu­ell neu zu schaf­fen­de Öko­no­mie geht: Die ef­fek­ti­ve Welt­ver­bes­se­rung wür­de die mög­lichst ge­ne­rel­le Ve­rei­gen­tü­me­rung ver­lan­gen. Statt des­sen be­gei­ster­ten sich die po­li­ti­schen Me­t­a­noe­ti­ker für die all­ge­mei­ne Ent­eig­nung – hier­in den christ­li­chen Or­dens­grün­dern ver­wandt, die al­les ge­mein­sam und nichts für sich be­sit­zen woll­ten. Ih­nen blieb die wich­tig­ste Ein­sicht in die Dy­na­mik der öko­no­mi­schen Mo­der­ni­sie­rung un­zu­gäng­lich: Das durch die Be­lei­hung von Ei­gen­tum ge­schaf­fe­ne Geld ist das uni­ver­sa­le Welt­ver­bes­se­rungs­mit­tel. Erst recht will ih­nen nicht ein­leuch­ten, daß bis auf wei­te­res nur der mo­der­ne Steu­er­staat, der an­ony­me Hy­per-Mil­li­ar­där, als all­ge­mei­ner Welt­ver­bes­se­rer fun­gie­ren kann, ge­wiß in Al­li­anz mit den lo­ka­len Me­lio­ri­sten – nicht al­lein auf­grund sei­ner tra­di­tio­nel­len Schul­macht, son­dern vor al­lem dank sei­ner im Lauf des 20. Jahr­hun­derts bis ins Un­glaub­li­che an­ge­wach­se­nen Um­ver­tei­lungs­macht. Der ak­tu­el­le Steu­er­staat sei­ner­seits hat nur Be­stand, so­lan­ge er sich auf Ei­gen­tums­wirt­schaft stützt, de­ren Ak­teu­re es wi­der­spruchs­los ak­zep­tie­ren, wenn ih­nen durch die sehr sicht­ba­re Hand des Fis­kus Jahr für Jahr die Hälf­te des Ge­samt­pro­dukts zu­gun­sten von Ge­mein­schafts­auf­ga­ben ab­ge­nom­men wird. Slo­ter­di­jk spricht – oh­ne ideo­lo­gi­schen Hin­ter­ge­dan­ken – in An­be­tracht ei­ner Staats­quo­te von 50% von ei­nem Se­mi-So­zia­lis­mus. Letzt­lich feh­le dem Sy­stem nur die Eta­blie­rung ei­ner welt­weit ho­mo­ge­ni­sier­ten Steu­er­sphä­re und die längst über­fäl­li­ge Ve­rei­gen­tü­me­rung der ar­men Welt.

Es sind die­se leuch­ten­den Stel­len, die das Buch so wert­voll ma­chen (un­ab­hän­gig da­von, ob man den The­sen zu­stimmt oder nicht). Hier be­zieht Slo­ter­di­jk Po­si­ti­on und kurz schim­mern die Mög­lich­kei­ten, die Di­men­sio­nen die­ser an­thro­po­tech­ni­schen Kon­struk­ti­on durch, was an­ge­sichts des üp­pi­gen Vo­lu­mens des Bu­ches (be­dau­er­li­cher­wei­se) er­staun­lich sel­ten der Fall ist.

All­zu ger­ne er­geht er sich in süf­fi­san­ten Be­schrei­bun­gen und wei­te Tei­le sind letzt­lich mul­ti-hi­sto­ri­sche Ex­kur­sio­nen durch drei­tau­send Jah­re Phi­lo­so­phie- und Kul­tur­ge­schich­te (wo­bei der »Kultur«-Begriff bei­zei­ten als Hy­per­po­panz ver­kün­det wird). Al­les wun­der­bar for­mu­lier­te, lu­zi­de Be­mer­kun­gen, Sen­ten­zen und Er­gän­zun­gen. Aber man merkt früh: Strin­genz ist Slo­ter­di­jks Stär­ke nicht; sein apho­ri­stisch-nar­ra­ti­ver Stil hat Schwä­chen, wenn er die Me­ta­pho­rie­rung sei­ner Akro­ba­ten- und As­ke­sen­leh­re im­mer wei­ter for­ciert und da­bei ge­konn­te aber dann doch manch­mal ma­ni­schem Ori­gi­na­li­täts­zwang unter­liegende Pi­rou­et­ten dreht. (Man ist dann schon amü­siert, wenn er schreibt, daß Phi­lo­so­phen auf der Hö­he der Zeit den Mut zur Sim­pli­zi­tät ha­ben müs­sen – und da­bei Ri­chard Ror­ty und Hans Jo­nas an­preist, de­nen er ei­ne jar­gon­freie Spra­che als Tu­gend an­rech­net.)

Die Angst des Phi­lo­so­phen vor der Hö­he

Wer da nicht auf der Hö­he des ak­tu­el­len (phi­lo­so­phi­schen) Dis­kur­ses ist, wird recht bald ge­zwun­gen auf sei­ner Rei­se auch ein­mal die schö­ne Pflan­ze am We­ges­rand oder den Jahr­tau­sen­de al­ten Tem­pel auf der An­hö­he nicht zu be­stau­nen, son­dern die Ex­pe­di­ti­on me­cha­nisch (zwangs­läu­fig kopf­nickend) wei­ter­zu­ge­hen; ein er­stes Zu­ge­ständ­nis man­geln­der Fit­ness (des Le­sers? des Au­tors?). Aber noch ist man ge­willt, dem Trai­ner zu fol­gen. Et­wa, wenn von der Kon­ver­si­on als Sub­ver­si­on, über den ma­kro­e­go­isti­schen Staat, der nicht oh­ne blü­hen­de Mi­kro­or­ga­nis­men ge­dei­hen kann oder äu­ßerst an­re­gend über die rus­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­re, de­ren Re­vo­lu­ti­ons­rhe­to­rik und den Ver­ti­ka­li­sten des be­ginnenden 20. Jahr­hun­derts die Re­de ist (hier wird be­son­ders deut­lich, daß der teil­wei­se de­skrip­ti­ve Stil Slo­ter­di­jks Schwä­chen hat, da er we­nig­stens vor­über­ge­hend ei­ne ge­wis­se Über­ein­stim­mung mit dem Be­schrie­be­nen sug­ge­riert).

Ir­gend­wann be­ginnt Slo­ter­di­jk wohl Angst vor der Hö­he zu be­kom­men. Al­te For­men sei­en auf ih­re Wie­der­ver­wend­bar­keit zu prü­fen, neue For­men zu er­fin­den heißt es ein­mal. Und wei­ter: Ein an­de­rer Zy­klus von Se­zes­sio­nen mag be­gin­nen, um Men­schen er­neut her­aus­zu­füh­ren – wenn schon nicht aus der Welt, so doch aus der Stumpf­heit, der Nie­der­ge­schla­gen­heit, der Ver­rannt­heit, vor al­lem aber aus der Ba­na­li­tät, von der Isaac Ba­bel sag­te, sie sei die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Ist die­ser an­de­re Zy­klus von Se­zes­si­on nach all dem vor­her so em­pha­tisch Vor­ge­tra­ge­nen nicht nur mehr ei­ne »Light«-Version, die le­dig­lich noch die gröb­sten Spu­ren der Ba­na­li­tät til­gen will?

Wie war das denn ge­nau? Am An­fang nahm man die zart an­ge­deu­te­te Mah­nung noch als An­sporn des Trai­ners, aber jetzt steht dort noch ein­mal und deut­li­cher, daß je­der Ein­zel­ne, auch der er­folg­reich­ste, der schöp­fe­risch­ste, der groß­zü­gig­ste, wenn er sich ernst­haft prüft, zu­ge­ben müß­te, er sei we­ni­ger ge­wor­den, als er sei­nem Sein­kön­nen nach hät­te wer­den sol­len, die we­ni­gen Mo­men­te aus­ge­nom­men, in de­nen er sa­gen durf­te, er ha­be der Pflicht, ein gu­tes Tier zu sein, ge­horcht. Was bleibt ist das durch­schnitt­li­che Über­tier, von Am­bi­tio­nen ge­kit­zelt, von ex­zes­si­ven Sym­bo­len heim­ge­sucht, wel­ches hin­ter dem zu­rück­bleibt was von ihm ge­for­dert wird, selbst im Tri­kot des Sie­gers, selbst im Ge­wand des Kar­di­nals, da hilft kein Gott und Über­mensch.

Aber was ist das für ein Trai­ner, der sei­nem Ar­ti­sten auf die­se Wei­se nur ei­ne Per­spek­ti­ve auf die Zweit­klas­sig­keit in Aus­sicht stellt? War­um dann nicht gleich im Iden­ti­tä­ten-Park den Klapp­stuhl auf­stel­len und die Son­nen­bril­le auf­set­zen? Aus­ge­rech­net Slo­ter­di­jk, der so klug je­de Ak­ti­on in den ent­spre­chen­den Kon­text ver­or­ten und be­wer­ten kann zieht sich plötz­lich auf die (nicht nur christ­lich ver­ord­ne­te) Un­voll­kom­men­heit des Men­schen zu­rück? Oder will er mit durch­aus gu­ten Ab­sich­ten ei­ner neu­en mensch­li­chen Hy­bris vor­beu­gen?

Der Le­ser ist ver­wirrt und auch är­ger­lich. Be­grif­fe wie Het­e­ro­to­pie; re­vo­lu­tio­nä­re Or­tho­pä­die; enhance­ment-Fie­ber; das Sub­jekt in der au­to-ope­ra­ti­ven Krüm­mung; die Me­ta­phy­sik des Ei­ser­nen Zeit­al­ters nebst Ver­tei­di­gung des Zwei­ten Sil­ber­nen Zeit­al­ters – es ist schier un­mög­lich im Rah­men ei­ner sol­chen Be­spre­chung die stän­dig neu auf­tau­chen­den Wort- und Be­griffs­schöp­fun­gen wie­der­zu­ge­ben. All die­se Ka­pi­tel ha­ben teil­wei­se ho­hen Un­ter­hal­tungs­wert – so­fern sie nicht spä­ter im Jar­gon-Dickicht un­pas­sier­bar wer­den. Und so ver­nimmt man dann ei­ni­ges, wie zum Bei­spiel die Im­mu­no­lo­gie-Leh­re, nur noch im Ne­bel.

Al­lei­ne im Ge­bir­ge

Das Den­ken be­ginnt, wenn das Af­fen­thea­ter der As­so­zia­tio­nen auf­hört – was ur­sprüng­lich als Ord­nungs­ruf ge­gen­über den for­schen Neu­ro­lo­gen galt, die ih­re de­ter­mi­ni­sti­schen Theo­rien ver­ab­so­lu­tie­ren möch­ten, wen­det sich ir­gend­wann de­zi­diert ge­gen den Trai­ner. (Über die Not­wen­dig­keit, ja Pflicht, die­sen be­darfs­wei­se zu wech­seln, ist im Buch ja auch die Re­de.)

Slo­ter­di­jks Stär­ke – die Spra­che – wird auf ein­mal sei­ne Schwä­che. Was im kur­zen po­li­ti­schen Es­say will­kom­me­ne gei­sti­ge Er­fri­schung und In­spi­ra­ti­on ist, er­mat­tet im phi­lo­so­phi­schen Kon­vo­lut. Die Er­mü­dung hät­te durch Kon­si­stenz ge­mil­dert bzw. auf­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Aber am En­de wur­de der ge­neig­te No­vi­ze ver­las­sen, im Ruck­sack – so stellt er fest – ei­ne Men­ge Ma­te­ri­al, daß er nun müh­sam zu sor­tie­ren hat (es gibt kein Per­so­nen- bzw. Stich­wort­ver­zeich­nis am En­de; ein sträf­li­ches Un­ter­las­sen). Man hat­te zwar nicht un­be­dingt ein funk­tio­nie­ren­des GPS-Ge­rät er­war­tet, aber min­de­stens ei­nen Kom­pass und Kar­te. Wä­re nicht der Heid­eg­ger­sche Feld­weg leich­ter und trotz­dem er­gie­bi­ger ge­we­sen als die­se ab­ge­bro­che­ne Gip­fel­ex­pe­di­ti­on? Oder ist dies schon Teil des Pro­gramms des üben­den We­sens (im Heid­eg­ger-Duk­tus steht ein­mal Die Weltver­besserung ist das Gu­te, das Zeit braucht); Pa­ra­phra­se des Prü­fungs­ge­dan­kens?

Und wie ist das nun mit der En­kla­ven-Exi­stenz des Ere­mi­ten? Da die Re­li­gio­nen pro­gram­ma­tisch ins Pri­va­te ver­scho­ben wur­den, den Preis, den Nietz­sche, der mit Wahn­sinn Ge­impf­te, als Zeu­ge für die Ver­ti­ka­le oh­ne Gott zahl­te, ein sehr ho­her war (falls die­se Ein­schät­zung nicht ein ve­ri­ta­bles Miß­ver­ständ­nis sein soll­te) und der be­stirn­te Him­mel über den Üben­den längst ent­zau­bert und in­zwi­schen mit nord­ko­rea­ni­schen Sa­tel­li­ten­at­trap­pen kon­ta­mi­niert ist, stol­pert die Slo­ter­di­jk­sche Me­ta-Akro­ba­ti­stik nur noch hin zu ei­ner dif­fus-halb­her­zi­gen Per­fek­tio­nie­rungs­stra­te­gie. Jetzt erst weiß man die Be­mer­kung vom Trai­ner als Füh­rer in die Un­wahr­schein­lich­keit rich­tig ein­zu­ord­nen.

Klingt das nicht ver­däch­tig nach ei­ner Me­lan­ge aus evan­ge­li­schem Pfarr­haus und fern­öst­li­chen Übungs­sy­ste­men, je­weils um die ih­re spi­ri­tu­el­len Grund­fe­ste be­freit, ei­ner sä­ku­la­ren Um­for­mung un­ter­zo­gen und schließ­lich der Mo­der­ne an­ver­wan­delt? Die Krux die­ses Ver­fah­rens: Die Sinn­stif­tung bleibt dau­er­haft tau­to­lo­gisch, da al­le vor­han­de­nen Idea­le ent­we­der nicht mehr in­fra­ge kom­men, längst als fal­sche Weltverbesserungs­optionen ent­larvt wur­den, oder an­der­wei­tig be­setzt sind. Der Üben­de ver­einsamt – nicht zu­letzt ideell. Man be­kommt ei­ne Ah­nung, wie man üben soll, aber eben nicht was und – vor al­lem – war­um. Dem Le­ser bleibt fast nichts an­de­res üb­rig, auf die­se Fra­ge al­ler Fra­gen mit ei­nem pat­zi­gen »dar­um« zu ant­wor­ten. Oder die Hand­wer­ker zur Re­no­vie­rung des Ba­sis­la­gers zu be­stel­len. Wort­akro­ba­tik hin oder her.


Die kur­si­ven Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch


Le­se­pro­be aus dem be­spro­che­nen Buch


Sehr klu­ge und in­ter­es­san­te Be­spre­chung von Goed­art Palm

23 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Adep­ten-Rä­son­ne­ment
    Die Fra­ge, die mir nach dem Le­sen bis hier­hin kommt, ist: Sind Ant­wor­ten auf dem Le­vel über­haupt noch mög­lich? Und sind sie nö­tig? Wenn man auf sol­chen Hö­hen von Me­ta-Akro­ba­ti­stik sich be­wegt? Wie oft ist Phi­lo­so­phie Selbst­zweck, da sie auch ein schö­ner, mit­rei­ßen­der Rausch sein kann!

    Ich ha­be schwer­lich ge­glaubt – und es bis­her nicht er­lebt -, dass Slo­ter­di­jk auch er­mü­den kann. Es klingt viel­leicht blöd, aber ich ha­be an ihn als Le­ser an­schei­nend ganz an­de­re Be­dürf­nis­se. War­um soll­te er sich um so was wie Kon­si­stenz und Prak­ti­ka­bi­li­tät sei­ner zu­gleich aus­ufern­den wie doch auch strin­gen­ten Denk-(=Labyrinth-)fäden noch küm­mern? Man kann manch­mal den Ein­druck ha­ben, er nä­hert sich sel­ber mehr und mehr der Rät­sel­haf­tig­keit in ei­nem Zu­stand der Spra­che, da das Den­ken dar­in auf­ge­löst scheint und zu­gleich eben­so mul­ti­per­spek­tisch wie re­so­nie­rend lo­gik-ver­strebt wie auch schon fast se­he­risch, in ei­ner Art über-re­flek­tier­tem Rau­nen, das ei­nem auch mal na­he an ei­nem Um­schlag in Hölderlin’scher Um­nach­tung vor­kom­men kann. Aber war der je um­nach­tet? Je­den­falls hört er so nicht auf, et­was zu sa­gen. Ich weiß, man darf es ei­gent­lich nicht zu­ge­ben, aber im Ent­schlüp­fen des Fa­dens mei­ne ich dann manch­mal et­was Wei­ter­füh­ren­des zu fin­den als nur die er­wart­ba­re, alt­ge­wohn­te Lo­gik des Ge­dan­kens, der es sich sel­ber als ge­schlos­se­ner zu be­glau­bi­gen schafft.

    Heid­eg­ger mit Nietz­sche kurz­zu­schlie­ßen – das scheint mir auf­re­gend ge­nug. Was aber kann da schon prak­ti­ka­ble Kon­se­quenz sein? Selbst Bo­tho Strauß, der mir ver­gleichs­wei­sen Po­si­tio­nen mal ver­gleichs­wei­se na­he ge­we­sen zu sein schien, kann dann doch nur mehr „wei­ter­ma­chen“ oder sich auf die Su­che nach dem Par­ti­ku­la­ren be­ge­ben. Vor dem Ver­dacht ei­nes blo­ßen Selbst­laufs des Akro­ba­ti­ken ist man da eh nicht ge­feit. In­so­fern führt er auch im­mer et­was vor, macht uns et­was vor, und in die­sen Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hän­gen des Se­hers, des gro­ßen „Durch­blickers“ – so schien es mir je­den­falls bis­her – sieht sich Slo­ter­di­jk auch.

    (Ei­ne Freun­din stu­diert neu­er­dings bei ihm in Karls­ru­he und hat der Buch­vor­stel­lung vor den Stu­den­ten bei­gewohnt – sie ist nor­ma­ler­wei­se sehr klug, aber sie be­kennt, dass sie „nichts“ ver­stan­den hat.)

    Ob­wohl ich weit da­von ent­fernt bin, sol­cher­art As­ke­sen für mich ad­ap­tier­bar zu ma­chen, leuch­tet mir vie­les doch ein (auch wenn ich es teils kurz­schlie­ßen muss, Zwi­schen­schrit­te mal aus­las­se). Die Ver­ti­kal­span­nun­gen, die dann – doch auch Bourdieu’schen – Di­stink­ti­ons­ge­win­ne der Re­li­gi­on nicht leicht­fer­tig auf­zu­ge­ben, sind dann viel­leicht ei­ne An­stren­gung an sich wert. Und die zu fin­den­den Übungs­sy­ste­me müs­sen dann viel­leicht zwangs­läu­fig zum Teil die auf den al­ten Sy­ste­men auf­bau­en­den sein. Wie sich da­von lö­sen? Dann aber wie­der al­lein das Be­har­ren auf Welt­ver­bes­se­rung – und dass je­der mit­ma­chen kann! Wo hör­te man heu­te denn schon mal sol­che Er­mu­ti­gung?

    Es ist viel­leicht wie mit Je­sus selbst: Man muss gar nicht ka­pie­ren, was er woll­te, die Zu­mu­tung ist schon, dass es sol­che ko­mi­schen Hei­li­gen gibt. Da lau­ern dann im­mer­hin doch noch, nach al­len Er­schöp­fun­gen, Op­tio­nen, sich „ein Bei­spiel“ zu neh­men, von de­nen man längst sel­ber ahnt, dass es kei­ner­lei ge­treu­es mehr sein kann, und dass die per­sön­li­chen Er­run­gen­schaf­ten da­mit in ei­nem Un­be­kann­ten lie­gen müs­sen.

    Was mir auch noch auf­fällt, ist, wie auf ein­mal die grö­ße­ren Nar­ra­ti­ve, die ja (min­de­stens seit Ly­o­tard) für er­schöpft ge­gol­ten ha­ben wie­der mög­lich sein sol­len (die “ka­te­go­ri­sche“ Ge­schich­te des ei­ge­nen Wer­de­gangs – ein Gleich­nis?). Viel­leicht ist das for­cier­te wei­ter Er­zäh­len – in „dürf­ti­ger“ Zeit, die doch längst mit Bil­lio­nen jon­glie­ret (= Akro­ba­tik) – sel­ber schon das Fort­schrei­ten. Im Ant­wort­ge­ben scheint, wenn es so vie­le Ant­wor­ten stets schon gibt, im­mer auch schon die vor­ei­li­ge Ver­nei­nung zu lie­gen. Und da brauch­te es dann viel­leicht erst mal sol­che Öff­ner wie Slo­ter­di­jk, de­nen man nicht ein­mal nicht in al­lem fol­gen kön­nen muss. Die Ver­wir­rung reich­te fast schon für neue Po­si­tio­nie­run­gen. Das Be­har­ren auf ein­deu­ti­ge Ko­or­di­na­ten wä­re das zwei­fel­haft Ge­wor­de­ne. („GPS“)

    Dass er für Sim­pli­zi­tät plä­diert ist dann na­tür­lich ei­ne wirk­li­che Vol­te – ist es viel­leicht ein Witz? Im­mer­hin ist Slo­ter­di­jk ein ge­nug ba­rocker Typ, dass er sich auch sol­che Wi­der­sin­nig­kei­ten durch­ge­hen lässt. (Und er wird auch wis­sen, wann er sich ver­ga­lop­piert – wol­len wir ihn wirk­lich brem­sen? Für mich sind sei­ne Bü­cher oft ge­nug ein­fach nur öff­nen­de „Trips“.)

    Das Schlim­me – oder das Gu­te? – ist dann nur, dass mir klar wird, dass man au­ßer sol­chen Bü­chern, die ei­nen lan­ge be­setzt hal­ten aber viel­leicht um so mehr durch­drin­gen (und der ei­nen oder an­de­ren gu­ten Li­te­ra­tur na­tür­lich noch) ei­gent­lich nichts mehr le­sen braucht. Auch ei­ne Art von Er­leich­te­rung – und ei­ne Form von As­ke­se.

     

  2. Es kann ja sein, daß die Er­mü­dung mein Feh­ler, mein Un­ver­ständ­nis, mei­ne Un­ge­duld ist. Wo­bei ich ge­ra­de mer­ke, dass Er­mü­dung viel­leicht das fal­sche Wort war. Er­mü­dend wie bspw. Jo­nas’ Prin­zip Ver­ant­wor­tung (aus dem man min­de­stens fünf Sech­stel hät­te strei­chen kön­nen) war die Lek­tü­re nicht. Ich hat­te merk­wür­di­ger­wei­se wäh­rend der Lek­tü­re dar­an ge­dacht, ob­wohl es au­ßer die­se Stel­le ge­gen En­de kaum ei­nen di­rek­ten An­knüp­fungs­punkt von Slo­ter­di­jk mit Jo­nas gibt. Viel­leicht hät­te ich bes­ser »Über­sät­tigt« schrei­ben sol­len.

    Das Wohl­tu­en­de an die­sem Buch ist dann tat­säch­lich, dass da je­mand noch et­was ver­sucht und sich nicht dem locken­den Zeit­geist-Zy­nis­mus an­dient. Dass, was Sie »Er­mu­ti­gung« nen­nen. Nur: Wer will die­sen lo­sen Fä­den fol­gen oder, bes­ser: wer ver­mag ih­nen zu fol­gen (auch nicht Ih­re Be­kann­te)? Das Wol­len wä­re doch da.

    Na­tür­lich ist Slo­ter­di­jk kein Ent­we­der-Oder-Phi­lo­soph (er nennt das – glau­be ich – an ei­ner Stel­le »ar­cha­isch«). Und die­ses Buch ist wie ge­schaf­fen, sich ei­nem Rausch hin­zu­ge­ben, wenn man sei­ne viel­leicht et­was kru­den Er­war­tun­gen so­zu­sa­gen auf hal­ber Strecke ver­gisst, oder, bes­ser, sich von ih­nen be­freit. Aber er­zählt man mir nicht schon in an­de­ren Er­zäh­lun­gen so oft vom »Selbst­zweck«? Das ist, was ich tau­to­lo­gisch nen­ne: Wenn das Üben zum Selbst­zweck wird. (Ich ge­ste­he: Ich bin kein Freund die­ses halb­ga­ren An­sporns.)

    Ich glau­be, dass Slo­ter­di­jk letzt­lich nicht weit ge­nug geht (im fast wört­li­chen Sinn). Die Nar­ben der Fehl- und hä­mi­schen Miss­in­ter­pre­ta­tio­nen zu »Re­geln für den Men­schen­park« sit­zen noch tief (es gibt zwei Stel­len, in de­nen es so et­was wie Er­läu­te­run­gen gibt). Da­her die­se teil­wei­se über-me­ta­pho­rie­ren­de Spra­che. Er sagt »Ver­ti­kal­span­nun­gen« und meint so et­was wie Macht­kampf. Er re­det von »As­ke­se« und meint viel­leicht Op­fer. Er spricht von »Übung« und meint (auch) das Ex­pe­ri­ment (das ge­sell­schaft­li­che, das na­tur­wis­sen­schaft­li­che, das so­zio­lo­gi­sche). Er spricht von »Träg­hei­ten« im »Iden­ti­tä­ten-Park« – statt von Sa­tu­riert­heit und – tja, das sind halt sol­che As­so­zia­tio­nen – dem kol­lek­ti­ven Frei­zeit­park. (In Wahr­heit ist Slo­ter­di­jk von die­sem Duk­tus na­tür­lich mei­len­weit ent­fernt.)

    Der ent­schei­den­de Un­ter­schied zu Heid­eg­ger ist sei­ne Er­mu­ti­gung (sie­he oben); Slo­ter­di­jk ver­ach­tet die Mas­se nicht. Er kon­zi­diert je­dem den »Akro­ba­ten­sta­tus« zu; wenn er ihn aber (aus ir­gend­ei­nem Grund) nicht will, soll er den an­de­ren wei­chen. Sein Pro­gramm ist nicht ega­li­tär, son­dern »dis­zi­pli­niert« (aber nicht dik­ta­to­risch). Aber Slo­ter­di­jk ist kein Mann der Mo­der­ne, die er für dau­er­haft nicht wet­ter­fest ge­nug hält.

  3. Mmh, „über­sät­tigt“ ja, das emp­fin­de ich mit. Und das wei­te­re setzt dann na­tür­lich doch auch et­was an­de­re Ak­zen­te (As­ke­se – Op­fer) – auch sie leuch­ten mir ein, nicht nur als Ih­re Les­art (ob­wohl ich sel­ber viel­leicht nicht dar­auf ge­kom­men wä­re). Ich muss zu­ge­ben, dass Teil des ei­ge­nen Rau­sches bei sol­chen gei­stern wie Slo­ter­di­jk für mich dann auch die Lust an der Ver­führ­bar­keit ist, ei­ner ge­wis­sen Wört­lich­keit oh­ne die mit­zu­hö­ren­den Echos und An­klän­ge nach­zu­ge­ben. Das wird sel­ber mir dann manch­mal ver­spä­tet ver­däch­tig.

    Ich se­he aber auch im­mer schon den et­was du­bio­sen Schat­ten, den so ein Ge­nie-Tier wie S. not­wen­dig wer­fen muss. Es hat im­mer auch et­was von ei­nem Künst­ler, der ja auch ra­bi­at sein Ding be­för­dern und nach vor­ne brin­gen muss; und hier wä­re es, das Ge­nie, ja doch auch deut­lich Nietz­schea­ner und be­haup­te­te sich im­mer auch aus ei­ner Kraft sei­ner selbst. Und die muss not­wen­dig blin­de Flecken ha­ben.
    (Und neu­er­dings krie­ge ich ja auch schon mal Nach­richt von Slo­ter­di­jks At­ti­tü­den im aka­de­mi­schen Be­reich. Da wä­re ich al­ler­dings im­mer auch groß­zü­gig. Selbst so ei­ne Ty­pe wie Lü­pertz wä­re mir we­ni­ger auf die Ner­ven ge­gan­gen, wenn er ein in­ter­es­san­ter Ma­ler ge­we­sen wä­re.)

    Aber es gibt auch bei mir so et­was wie ei­ne Be­reit­schaft, zu­letzt auch den Ver­füh­rer zu stür­zen. Al­ler­dings se­he ich nie­man­den, der das in­tel­lek­tu­ell ver­möch­te. (Die Ar­gu­men­te ge­gen Slo­ter­di­jk hör­te und hö­re ich sehr wohl und man­che leuch­ten auch ein.)

    Und ja, dann die ei­ge­nen Nar­ben in so ei­nem weit ge­hen­den Wurf nicht ganz ver­ges­sen zu kön­nen (vor al­lem, wenn sie da­mals teils von wirk­lich sehr dum­men Po­si­tio­nen aus ka­men), ist dann doch ein Ma­kel. Aber ei­tel war er schon im­mer.

    Den letz­ten Punkt an Un­ter­schei­dung dann fin­de ich wei­ter füh­rend: Dass er die Mas­se nicht ver­ach­tet. Zwar fällt mir jetzt kein di­rek­ter Leit­satz Heid­eg­gers da­hin ein, aber dass die Be­wäl­ti­gung der mo­der­nen Un­be­haust­heit dann doch ein Pro­jekt wä­re, in dem je­der al­lein steht, zu­mal die Un­an­ge­lei­te­ten, hat­te schon et­was von im­pli­zi­ter Igno­ranz, wenn nicht von Ver­ach­tung auch. Das ge­fiel mir im­mer bei Slo­ter­di­jk, dass er die­se deut­sche Li­nie – Jün­ger, Schmidt... Hel­muth Le­then („Ver­hal­tens­re­geln der Käl­te“) – zwar prä­sent, sie aber als hi­sto­risch an­ge­se­hen hat­te, was sie auch sein muss. – Oder nicht? Sie könn­te, even­tu­ell mit dem neu­en An­satz Slo­ter­di­jks für „Übun­gen“, ja auch wie­der den Kult des he­roi­schen Ein­zel­nen be­feu­ern. Meist ist die Mas­se ja doch nicht zu ret­ten, ob­wohl man sie, ih­re Trans­mis­si­ons­kräf­te, sehr gut für die ei­ge­nen Po­si­tio­nen be­nut­zen kann. Dis­zi­plin ist ja auch der Mas­se kei­ne im­mer rund­um ver­däch­ti­ge Tu­gend. Oft sind die ei­ge­nen (re­flex­haf­ten) Ver­däch­ti­gen ge­gen sie schon über­hol­ter...

    Wenn ein Buch schon Be­frei­un­gen er­laubt, sei­en es se­kun­dä­re, in­di­rek­te, wel­che auch im­mer, ist es si­cher le­sens­wert.

     

  4. Ich fin­de, man kann bei Heid­eg­ger im »Man« und der »Un­ei­gent­lich­keit« der Exi­stenz schon ei­ne ge­wis­se Re­ser­viert­heit, ja auch Ver­ach­tung er­ken­nen; Bei­spiel zum »Man«:

    »Das Man ist über­all da­bei, doch so, daß es sich auch schon im­mer da­von­ge­schli­chen hat, wo das Da­sein auf Ent­schei­dung drängt. Weil das Man je­doch al­les Ur­tei­len und Ent­schei­den vor­gibt, nimmt es dem je­wei­li­gen Da­sein die Ver­ant­wort­lich­keit ab. Das Man kann es sich gleich­sam lei­sten, daß ‘man’ sich stän­dig auf es be­ruft. Es kann am leich­te­sten al­les ver­ant­wor­ten, weil kei­ner es ist, der für et­was ein­zu­ste­hen braucht. Das Man ‘war’ es im­mer und doch kann ge­sagt wer­den, ‘kei­ner’ ist es ge­we­sen. In der All­täg­lich­keit des Da­seins wird das mei­ste durch das, von dem wir sa­gen müs­sen, kei­ner war es. Das Man ent­la­stet so das je­wei­li­ge Da­sein in sei­ner Alltäglichkeit....Und weil das Man mit der Sein­s­ent­la­stung dem je­wei­li­gen Da­sein stän­dig ent­ge­gen­kommt, be­hält es und ver­fe­stigt es sei­ne hatz­näcki­ge Herr­schaft.« Und dann kommt der har­te Satz »Je­der ist der An­de­re und Kei­ner er selbst.« (»Sein und Zeit«, §27)

    Ei­ner­seits fin­de ich das teil­wei­se von gro­sser Lu­zi­di­tät (teil­wei­se fast pro­gno­stisch, was nach 1945 ge­schah) – und teil­wei­se eben gru­se­lig.

    Da ist na­tür­lich Slo­ter­di­jk leich­ter – und vor­der­grün­dig op­ti­mi­sti­scher. Vor ei­nem neu­en Kult des Ein­zel­nen (des »Üben­den«) schreckt er zu­rück (nicht um­sonst be­han­delt er die rus­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­re und be­hält – wie Sie schrei­ben – im Hin­ter­kopf Schmitt et. al.).

    Jetzt wür­de ich noch ger­ne was über sei­ne At­ti­tü­den hö­ren. Wenn Sie möch­ten, kön­nen wir auf das Mai­ling aus­wei­chen (das wer­de ich wohl ab Som­mer so­wie­so ver­su­chen – statt des Blogs, den »Mei­ster« pa­ra­phra­sie­rend: ‘Du mußt dei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on än­dern’): be­gleit­schrei­ben ät goo­gle­mail dot com

  5. Was Slo­ter­di­jk be­trifft bin ich völ­lig »blank«. Aber da­zu Aber Slo­ter­di­jk ist kein Mann der Mo­der­ne, die er für dau­er­haft nicht wet­ter­fest ge­nug hält. wür­den mich ein paar De­tails in­ter­es­sie­ren: In­wie­fern ist er kein Mann der Mo­der­ne bzw. wel­che Al­ter­na­ti­ven schlägt er vor?

  6. @Metepsilonema
    Die Mo­der­ne ist, so Slo­ter­di­jk, in ei­ne für das In­di­vi­du­um will­kom­me­ne Pas­si­vi­tät (bspw. Sich-In­for­mie­ren-Las­sen, Sich-Un­ter­hal­ten-Las­sen, Sich-Be­die­nen-Las­sen…). Er plä­diert mit sei­ner Übungs­leh­re in die­sem Sin­ne für ei­ne neue »Ak­ti­vi­tät« (frei­lich nicht das, was man da­für »ge­kauft« be­kommt). In die­sem Sin­ne will auf der Mo­der­ne auf­bau­end die­se wei­ter­ent­wickeln und ein­mal fällt das Wort »Neo-An­ti­ke« (wo­bei dies nicht als hi­sto­risch-po­li­ti­sche Re­gres­si­on zu ver­ste­hen ist). Die Mo­der­ne ist da­bei Vor­aus­set­zung des­sen, was er trei­ben will. Aber – er will dar­über hin­aus (in­so­fern ist mei­ne Be­mer­kung un­ge­nau), weil er die­se als »sa­tu­riert« sieht (das ist mei­ne For­mu­lie­rung). Hier­zu gibt es zahl­rei­che An­spie­lun­gen, et­wa wenn er von der Mo­der­ne als starke[m] Er­satz­pro­gramm für die ethi­sche Se­zes­si­on spricht und dann en pas­sant noch fol­gen lässt: Ih­re Vor­aus­set­zung ist die De­mon­stra­ti­on, dass man […] auch mit an­de­ren Mit­teln sie­gen kann als de­nen, die von den Übungs­hel­den äl­te­rer Zei­ten in die Schlacht ge­führt wur­den oder an an­de­rer Stel­le der bis­si­ge Ter­mi­nus der Ver­ei­nig­ten Staa­ten der Ge­wöhn­lich­keit.

    An an­de­rer Stel­le steht kon­kre­ter: Die Ent­wick­lung des west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­ons­kom­ple­xes nach 1945 scheint den Ge­mä­ßig­ten na­he­zu un­ein­ge­schränkt recht zu ge­ben. Sie brach­te die Sät­ti­gung der Um­welt mit leicht zu­gäng­li­chen Welt­ver­bes­se­rungs­mit­teln für die mei­sten. De­ren Ver­brei­tung er­folg­te teils über frei Märk­te, teils durch Lei­stun­gen des Um­ver­tei­lungs­staats und des über­bor­den­den Ver­si­che­rungs­we­sens – den bei­den un­po­li­ti­schen Ope­ra­tio­na­li­sie­run­gen der So­li­da­ri­täts­idee, die für die prak­ti­sche Im­plan­ta­ti­on lin­ker Mo­ti­ve mehr be­wir­ken, als ei­ne po­li­ti­sche Ideo­lo­gie je ver­mocht hät­te. 1968 be­zeich­net er als er­wei­ter­te Ro­man­tik, die sich hi­sto­ri­sche Fi­gu­ren wie Le­nin, Sta­lin, Mao, Brecht und Wil­helm Reich als Re­a­dy-ma­des an­eig­ne­te […] Un­ter der an­ti­re­vo­lu­tio­nä­ren Grund­stim­mung, die sich auf dis­kur­si­ver Ebe­ne als An­ti­to­ta­li­ta­ris­mus bzw. An­ti­fa­schis­mus ar­ti­ku­lier­te, ver­barg sich die Rück­kehr zu den pro­gres­si­ven Tra­di­tio­nen des Ba­rock und der Auf­klä­rung, de­ren prag­ma­ti­scher Kern in der re­la­tiv stei­gen­den und ra­tio­nal über­wach­ten Er­wei­te­rung mensch­li­cher Op­ti­ons­räu­me be­steht.

    Am En­de ent­wirft er ein biss­chen ne­bu­lös ei­ne Art Zei­ten-Leh­re; spricht von Ei­ser­nem Zeit­al­ter und zwei­tem Sil­ber­nen Zeit­al­ter (seit 1945), was er dann (so­gar) ver­tei­digt. Fast em­pha­tisch stellt er sich da­ge­gen, dass un­zäh­li­ge Be­woh­ner des Zwei­ten Sil­ber­nen Zeit­al­ters, das sich selbst nicht be­greift, zur üb­len Nach­re­de über den neu­en Zu­stand grei­fen. Was man die Post­mo­der­ne nennt, ist in wei­ten Tei­len nichts an­de­res als die me­dia­le Aus­schlach­tung des Un­be­ha­gens am Zweit­be­sten – mit all den Ri­si­ken, die Lu­xus­pes­si­mi­sten an­haf­ten. Die Schick­sals­fra­ge heißt: ob es ge­lingt, die Stan­dards des epi­so­disch auf­ge­tauch­ten Sil­ber­nen Zeit­al­ters zu sta­bi­li­sie­ren oder ob der Rück­fall in ein Ei­ser­nes Zeit­al­ter vor der Tür steht, von des­sen Ak­tua­li­tät al­te und neue Rea­li­sten über­zeugt sind – nicht zu­letzt un­ter Hin­weis auf die Tat­sa­che, dass mehr als zwei Drit­tel der Mensch­heit es nie ver­las­sen ha­ben. Ein sol­cher Rück­fall wä­re kein Schick­sal, son­dern ei­ne Fol­ge mut­wil­li­ger Re­ak­tio­nen ge­gen die Pa­ra­do­xien des Da­seins im Sub­op­ti­ma­len.

    Deut­lich wird für mich hier: 1. Slo­ter­di­jk will kei­ne ra­di­ka­le Kul­tur­kri­tik der Mo­der­ne (ob­wohl er dann doch nicht wi­der­ste­hen kann) und 2. er ver­tei­digt das Er­reich­te, auch wenn es nur »sub­op­ti­mal« sein soll­te – um dar­auf eben auf­zu­bau­en. Das hat durch­aus Pa­thos und er­geht sich nicht in »post­mo­der­nem« La­men­to.

  7. Die Mo­der­ne ist, so Slo­ter­di­jk, in ei­ne für das In­di­vi­du­um will­kom­me­ne Pas­si­vi­tät (bspw. Sich-In­for­mie­ren-Las­sen, Sich-Un­ter­hal­ten-Las­sen, Sich-Be­die­nen-Las­sen…).

    Ich er­le­be das an­ders; sehr oft ha­be ich eher den Ein­druck, dass ich in die­se Pas­si­vi­tät ge­drängt wer­de, dass ei­ne Un­zahl von Din­gen be­wäl­tigt wer­den muss, und das ei­gent­lich We­sent­lich auf der Strecke bleibt. In die­sem Sinn in­ter­pre­tie­re ich sein Plä­doy­er (bzw. das was von Dei­ner Re­zen­si­on hän­gen blieb) für Übung und As­ke­se, als ei­nen Auf­bruch zu dem was We­sent­lich ist, und zu­gleich als ein Ab­strei­fen von all den Din­gen die auf uns ein­strö­men.

  8. @Metepsilonema
    Schö­ne Kurz­zu­sam­men­fas­sung wür­de ich mal sa­gen.

    Wenn von »der« Mo­der­ne oder »dem« In­di­vi­du­um ge­spro­chen wird so ist das als (vor­läu­fi­ge) »Zwi­schen­bi­lanz« zu se­hen. Es gibt m. E. kei­nen Zwei­fel an der Dia­gno­se, dass wir in ei­ne Pas­si­vi­tät ab­ge­drängt wer­den. Wür­de ich jetzt ver­schwö­rungs­theo­re­tisch ar­gu­men­tie­ren wol­len, so kann dies an der fast durch­weg ne­ga­ti­ven Kon­no­ta­ti­on des­sen, was man In­ter­net­kul­tur nen­nen könn­te (um den ab­ge­lutsch­ten Be­griff ‘Web 2.0’ zu brin­gen) schön se­hen: In dem die Übun­gen der Blog-»Akrobaten« per se als Di­let­tan­tis­mus de­nun­ziert wer­den (von de­nen, die hier­durch ei­nen Be­deu­tungs­ver­lust für ih­re ei­ge­nen Ak­ti­vi­tä­ten be­fürch­ten), ent­stün­de der will­kom­me­ne Ne­ben­ef­fekt der Re-Pas­si­vie­rung der ent­spre­chen­den »Stö­ren­frie­de«.

    Zum Auf­bruch ge­hört da­bei ganz we­sent­lich die Wei­ter­ent­wick­lung der Mo­der­ne – so ha­be ich das her­aus­ge­le­sen.

  9. Na­ja, be­stellt ha­be ich mir das Buch schon ein­mal. Ei­ne ganz schö­ne Ar­beit, die­se Be­trach­tung zu schrei­ben, so kommt es mir vor.
    »Re­li­gio­nen sind nichts an­de­res als Kom­ple­xe von in­ne­ren und äu­ße­ren Hand­lun­gen, sym­bo­li­sche Übungs­sy­ste­me und Pro­to­kol­le zur Re­ge­lung des Ver­kehrs mit hö­he­ren St­res­so­ren und »tran­szen­den­ten« Mäch­ten – mit ei­nem Wort An­thro­po­tech­ni­ken im im­pli­zi­ten Mo­dus. « Al­lein des­we­gen muss ich mir das Buch schon ein­mal ge­ben:)

  10. Tut mir leid, die lan­ge Un­ter­bre­chung...
    Aber et­was wie ei­nen (Gegen)Entwurf, ei­ne Art Weg­wei­ser, fin­det man bei Slo­ter­di­jk nicht (was die Post­mo­der­ne ja ver­sucht)?

  11. Der Ge­gen­ent­wurf...
    ist das »Akro­ba­ti­sche«...

    Slo­ter­di­jk ent­wirft kein neu­es Ge­sell­schafts­pan­ora­ma, son­dern nimmt je­den für sich in die Pflicht. Nicht we­nig, wie mir scheint.

  12. Hmm
    So ha­be ich es bis­her nicht ver­stan­den (aber das Buch auch nicht ge­le­sen), und dach­te zu­nächst eher an ei­ne blo­ße Le­bens­än­de­rung (qua­si oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken), die man fühlt, aber sich nicht (zu)traut. Das heißt Slo­ter­di­jk meint mit »du musst dein Le­ben än­dern«, »du musst dein mo­der­nes Le­ben (d.h. Le­ben in der Mo­der­ne) än­dern«.

  13. @Metepsilonema
    Da hat of­fen­sicht­lich mein Text voll­kom­men ver­sagt: Slo­ter­di­jk ist ja kein Le­bens­hil­fe-Phi­lo­soph. Er ist al­ler­dings ge­nau­so we­nig ein »Drill-Ser­geant«, der ein fer­ti­ges Kon­zept mit kla­ren An­wei­sun­gen vor­gibt. Und wel­ches Le­ben soll man sonst än­dern, als das, was man ge­ra­de führt?

    Slo­ter­di­jks Ap­pell an den sich in ei­ne »welt­li­che Klau­sur« be­ge­ben­den »Üben­den« kann man als Chif­fre für den Aus­gang des (na­tur­ge­mäss mo­der­nen) Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten Träg­heit ver­ste­hen.

    Die­ser Ge­dan­ke ent­wickelt zu­nächst durch­aus sei­nen Reiz. Die Pro­blem, die ich dann be­kom­me, sind an­de­re: In­wie­weit ist dies zu we­nig?

  14. @Gregor
    Ich hal­te die Fra­ge nach dem Le­ben (und da­mit nach dem Sinn) für ei­ne fun­da­men­ta­le und be­deu­ten­de, wo­mit man sich aber oft et­was wie Ab­fäl­lig­keit ein­han­delt (ich deu­te das als Ab­wehr­hal­tung, da die­se Fra­ge ei­ne ist, die ei­nen zur Ver­zweif­lung brin­gen kann). Dass sich die Phi­lo­so­phie ih­rer an­nimmt ver­wun­dert kaum, ja man könnt viel­leicht so­gar sa­gen, dass ihr al­le Phi­lo­so­phie ent­springt. Dass man dann zu Ant­wor­ten kommt, die – wenn sie ei­ne Art Recht­fer­ti­gung für die ei­ge­ne Le­bens­füh­rung sein sol­len – auch ei­nen ge­wis­sen All­ge­mein­heits­an­spruch tra­gen, liegt in der Na­tur der Sa­che. Ei­nen un­frei­wil­lig ko­mi­schen Bei­geschmack er­hal­ten die Ant­wor­ten, wenn sie zu Re­geln oder An­lei­tun­gen »ver­kom­men«, aber auch das ist in ge­wis­ser Hin­sicht durch den (be­ding­ten) All­ge­mein­heits­an­spruch der Ant­wort schon mit vor­ge­schrie­ben. Sein Le­ben nach An­lei­tung ei­nes an­de­ren le­ben zu wol­len bzw. an­de­ren zu sa­gen wie sie le­ben sol­len, weil man das bes­ser weiß, das macht die Le­bens­hil­fe ver­däch­tig (von Kitsch etc. mal ab­ge­se­hen). Sich der Fra­ge zu stel­len, sich mit Ge­dan­ken von an­de­ren be­schäf­ti­gen, aber selbst ent­schei­den – dar­an kann ich nichts schlech­tes se­hen, und auch nicht wenn man in die­sem Sin­ne Bü­cher schreibt.

    Mir war schon klar, dass Slo­ter­di­jk kein Le­bens­hil­fe­phi­lo­soph im oben ge­nann­ten, schlech­ten Sinn ist. Aber ex­pli­zi­te Mo­der­ne­über­win­dung bzw. ‑wei­ter­ent­wick­lung ha­be ich we­der aus Dei­ner Be­spre­chung noch aus der von Goed­art Palm (wo­bei ich zu­ge­ben muss, dass mir bei­de noch »im Ma­gen lie­gen«) her­aus­ge­le­sen. Das hat ver­mut­lich vie­le Ur­sa­chen: Ich ha­be bis­lang nichts von oder über Slo­ter­di­jk ge­le­sen; ich ken­ne das be­spro­che­ne Buch nicht; und wenn Slo­ter­di­jk kei­ne ech­te Kul­tur­kri­tik der Mo­der­ne ge­schrie­ben hat, dann bleibt sei­ne Kri­tik mehr im­pli­zit, und ist da­durch we­ni­ger of­fen­sicht­lich; und nicht zu­letzt: auch ich als Le­ser in­ter­pre­tie­re Dei­ne Be­spre­chung, und mei­ne kann sich von Dei­ner Le­se­art durch­aus un­ter­schei­den. Du soll­test das nicht vor­schnell Dei­nem Text an­la­sten.

    Wie auch im­mer: Dein – nach Slo­ter­di­jk for­mu­lier­tes Fa­zit – kann ich aus ei­ge­nem Er­le­ben nur un­ter­schrei­ben (wo­bei dar­aus dann auch wie­der Pro­ble­me ent­ste­hen, aber da­zu hof­fent­lich in ei­ni­ger Zeit an an­de­rem Ort).

    Den Be­zugs­punkt Dei­nes zu we­nig be­kom­me ich ge­ra­de nicht in den Blick.

  15. @Metepsilonema
    Ja, Slo­ter­di­jks Kri­tik ist tat­säch­lich im­pli­zit – und in dop­pel­ter Hin­sicht er­wei­ternd, was ich ei­ner­seits ver­such­te durch das Bild der Berg­tour an­zu­deu­ten, was wie­der­um auf Slo­ter­di­jks Be­griff des »Ba­sis­la­ger-Pro­blems« re­kur­rier­te und sich an­de­rer­seits nicht in ei­ner Nör­ge­lei über die Mo­der­ne er­schöpft.

    »Zu we­nig« ist es mir des­halb, weil ich mich auf hal­ber Strecke al­lein­ge­las­sen füh­le. Wie die sä­ku­la­re Klau­sur (die m. E. schwer ge­nug ist weil klas­si­sche »Be­zugs­re­fe­ren­zen« feh­len) nach­her zu­rück auf der »Büh­ne« frucht­bar ge­macht wer­den kann (und soll), leuch­tet mir nicht ein.

    Not­wen­dig wä­re bei dem was Slo­ter­di­jk »Neo-An­ti­ke« nennt (und ich als Wei­ter­ent­wick­lung der Mo­der­ne ver­ste­he) ei­ne Art von Pa­ra­dig­men­wech­sel der ge­sell­schaft­li­chen (Werte)Prioritäten. Das wird ele­gant um­schifft, weil es dann doch so et­was wie An­lei­tun­gen be­darf. Slo­ter­di­jk ist dem Be­griff der »Re­geln« nicht ab­ge­neigt (s. sei­nen um­strit­te­nen Es­say »Re­geln für den Men­schen­park«) – er scheut of­fen­bar nur, die­se aus­zu­for­mu­lie­ren. An­de­ren wie­der­um (wie bei­spiels­wei­se Palm) geht be­reits die­ses »An­ge­bot« zu weit – sie ha­ben sich ver­mut­lich in­zwi­schen ganz gut im Ba­sis­la­ger ein­ge­rich­tet.

  16. Ich ha­be mir mal Zeit ge­nom­men die »Re­geln für den Men­schen­park« zu le­sen. Es ist ge­nau­so wie von Dir fest­ge­stellt, und ob­wohl das Gan­ze höchst span­nend und in­ter­es­sant ist, am En­de ste­he ich ent­täuscht da, weil ich auch wis­sen will, was das et­was kon­kre­ter und prak­tisch be­deu­ten kann. Das mag nicht Slo­ter­di­jks In­ten­ti­on ge­we­sen sein, und ist na­tür­lich ge­eig­net, wenn man Aus­ein­an­der­set­zun­gen und De­bat­ten an­sto­ßen will.

  17. Jetzt ha­be ich end­lich mit dem Slo­ter­di­jk an­ge­fan­gen. Der An­fang ge­fällt mir schon ein­mal sehr gut.
    Aber na­tür­lich kann ich gleich zu Be­ginn ei­nen emi­nen­ten Kri­tik­punkt an­brin­gen:
    Für wen schreibt er denn das? Die, wel­che es ka­pie­ren und ei­nen ähn­li­chen Stand an Ab­strak­ti­on be­herr­schen, kön­nen sich wahr­schein­lich das Glei­che zu­sam­men­den­ken. Oh­ne ei­ne ent­spre­chen­de Ge­dan­ken­schu­lung wird man aber ver­mut­lich sa­gen: »Was geht mich das an?«
    Bö­se ge­spro­chen, als ad­vo­ca­tus dia­bo­li. Mir macht das Le­sen je­den­falls Freu­de. Ein paar schö­ne Sät­ze ha­be ich schon ent­deckt:)

  18. Die Fra­ge, für wen er das schreibt ist in­ter­es­sant. Ich glau­be er schreibt zu­nächst ein­mal für Leu­te, die be­reit und in der La­ge sind, ihn über­haupt zu ver­ste­hen (mit Ver­laub: für sol­che wie uns al­so).

    Die Ver­füh­rung, sich sei­nen schö­nen Sät­zen oder For­mu­lie­run­gen zu er­ge­ben, ist gross. Aber...reicht das am En­de? Dei­ne Mei­nung hier­zu wür­de mich sehr in­ter­es­sie­ren!

  19. Lie­ber Gre­gor Keu­sch­nig, ich wer­de den Slo­ter­di­jk bei mir selbst kom­men­tie­ren. Das des­we­gen, weil es nicht mit ei­nem Kom­men­tar ab­ge­tan ist. Und weil ich auch an­de­re Ein­drücke, die nicht un­mit­tel­bar vom Buch ver­ur­sacht sind, mit hin­ein­brin­gen will.
    Ge­ne­rell fin­de ich dei­ne Re­zen­si­on groß­ar­tig, selbst wenn ich ge­ra­de die Schluss­fol­ge­rung ab­leh­ne. Du hast Ihn ver­mut­lich so ver­stan­den, wie er ver­stan­den wer­den will, doch das was dir ab­geht, kann es mei­ner Mei­nung nach nicht ge­ben und ist ge­ra­de die un­ziem­li­che For­de­rung der heu­ti­gen Zeit.
    Ant­wor­ten im Schnell­ge­richt­ver­fah­ren. Wenn S. so ge­scheit ist, muss er doch gleich auch das Re­zept lie­fern, wie man es rich­tig kocht. Ich se­he ihn eher als ei­ne Fort­set­zung des 20. Jahr­hun­derts. Wir er­ken­nen lang­sam, was uns un­mög­lich ist. Na­tür­lich wol­len wir es nicht wahr­ha­ben. Aber wir dür­fen nicht die Ab­senz von et­was be­kla­gen, was es für ei­nen ver­nünf­ti­gen Men­schen gar nicht ge­ben kann, was es viel­leicht nie ge­ben wird, wenn wir uns nicht wei­ter­ent­wickeln. Von S. zu ei­ner prak­ti­ka­blen Ver­fah­rens­wei­se und zu der Er­kennt­nis des War­um ist es noch ein lan­ger Weg. Und ge­ra­de das scheint mir ei­ne Haupt­er­kennt­nis des Bu­ches zu sein. Für mich ist es tröst­lich, dass es auch an­de­re Men­schen gibt, die das so se­hen und da­zu noch viel über­leg­ter und fun­dier­ter aus­drücken kön­nen.
    Aber je­den­falls gro­ßen Dank für dei­nen Text und auch für den Link des Ra­dio-In­ter­views.
    Bei ei­nem Alt wird es sich noch viel bes­ser dar­über plau­dern las­sen.

  20. Dass mei­ne For­de­rung ei­ne »un­ziem­li­che« ist, ist ein in­ter­es­san­ter Ge­dan­ke, der mir noch gar nicht ge­kom­men ist, aber na­tür­lich in das doch sehr stark »bud­dhi­sti­sche« die­ses Bu­ches passt (das ha­be ich in die­ser Kon­se­quenz dann tat­säch­lich über­se­hen und da­her könn­te dann mein Un­wohl­sein kom­men).

    Slo­ter­di­jks »Übungs­pro­gramm« ist al­so dann ei­ne »neve­r­en­ding sto­ry«, ei­ne Art Stre­ben, wel­ches nie­mals en­det. Ei­ne Ver­voll­kom­mung, die per se im­mer schei­tern muss (das ist dann wie­der pro­te­stan­tisch).

    Da ha­be ich ihn dann am En­de doch an­ders ge­le­sen, als er fast mis­sio­na­risch zu wer­den scheint und eben das El­fen­bein­tumd­a­sein ab­lehnt und die Üben­den (man könn­te sie auch als Me­di­tie­ren­de be­zeich­nen) wie­der auf die Mensch­heit los­lässt. Das Üben als Pri­vat­ver­gnü­gen – so hat­te ich ihn nicht ge­le­sen. Da war schon deut­lich mehr Am­bi­ti­on drin. Das ist ja das, was mir ge­fal­len hat.

    Nicht ge­fal­len hat mir, dass er die Leu­te auf hal­bem Weg ste­hen läßt. (Aber viel­leicht lie­ge ich hier auch falsch.)

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