nie den Georg-Büchner-Preis bekommen haben:
Literaturkritik in der Kritik
Empfehlungsmaschine
Vor einigen Tagen war es wieder soweit: Der österreichische Germanistik-Professor Klaus Kastberger stellte auf Facebook Fotos online, auf denen ein ein Reh zu sehen ist, welches sich seinem Grundstück schüchtern nähert. Von Fall zu Fall sieht man das Reh recht gern und ich dachte, dass dieses Reh von Herrn Kastberger häufiger zu sehen ist als Literaturkritik im deutschen Fernsehen. Was aktuell ja ein Thema ist.
Zugegeben, dass neulich erschienene Buch über Literaturkritik habe ich nicht gelesen und es war wieder Klaus Kastberger, der monierte, dass nicht einmal die Veranstaltung des Bachmann-Preises vorkommt und ich dachte mir, dass bei aller Häme, die dieser Wettbewerb so erfährt, tatsächlich hier noch Momente von Literaturkritik aufpoppen, was natürlich stark an den jeweiligen Juror, die jeweilige Jurorin gebunden ist. Aber sonst?
Der Anlass dieser Gedanken ist jene Causa Denis Scheck gegen Elke Heidenreich bzw. Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy. Frau Heidenreich spielte sich wieder einmal als Statthalterin der Literatur im Fernsehen auf, fordert die Absetzung von Druckfrisch und führt nicht nur Schecks flotte Sprüche zu den Bestsellern von Passmann und Kürthy an, sondern kritisiert auch – und jetzt wird es wirklich lustig – das Scheck noch »nie ein kluges Buch« publiziert habe und ich dachte mir (ich dachte recht viel, scheint mir), dann gibt es ja da durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Euch und das ist ja mindestens mal ein Anfang.
Arnold Maxwill: Lieber nicht

Da hört der Literaturwissenschaftler Arnold Maxwill 2023 ein Interview mit dem Schriftsteller Ralf Rothmann auf WDR5 und ärgert sich, dass nach noch nicht einmal zwei Minuten die Rede auf Rothmanns Absage, sein Buch zum Deutschen Buchpreis 2015 einzureichen, thematisiert wird. Die Causa scheint, so Maxwill, »wichtig genug, um sie gleich an den Anfang zu stellen«. Nun, sie ist offenbar derart wichtig, dass man darüber nach inzwischen zehn Jahren ein Buch über 77 Seiten plus 265 Anmerkungen auf weiteren 43 Seiten schreibt.
Durch seinen Verlag Suhrkamp hatte Rothmann 2015 ausrichten lassen, seinen Roman Im Frühling sterben nicht zum Deutschen Buchpreis einzureichen. »Ich möchte nicht«, so lautet die Formulierung, die er hierfür verwendet haben soll. Eine Paraphrase der Melville-Figur Bartleby, der in seiner Position als Angestellter mit »I would prefer not to« passiven Widerstand seinem Chef und überhaupt der Welt gegenüber leistete. Maxwill nennt denn sein Buch passend Lieber nicht.
Schon 2008 hatte Peter Handke den Börsenverein gebeten, seine Erzählung Die morawische Nacht, die auf der Longlist gelandet war, zu entfernen, um jüngeren Autoren den Vorrang zu geben. Ab und an kommt Maxwill auf Parallelen zwischen Handke und Rothmann zurück. Sein Fokus liegt jedoch eindeutig auf Ralf Rothmanns Textgenese, seinem Umgang mit Manuskripten und dem (leider notwenigen) Literaturbetrieb im speziellen und allgemeinen.
Janko Ferk: Mit dem Bleistift in der Hand

Der Kärntner Janko Ferk ist ein Tausendsassa: Richter (im Ruhestand), Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt Franz Kafka, Übersetzer, Initiator eines Lexikons Kärntner slowenischer Literatur, Autor von Sachbüchern Reiseführern, Novellen, Romanen, Essays und Literaturkritiken. Letztere werden in unregelmässigen Abständen in einer Art Sammelband im LIT-Verlag zusammengefasst. Durch den Titel Mit dem Bleistift in der Hand (ein Handke-Zitat) wurde ich auf den dritten, aktuellen Band seiner Rezensionssammlung aufmerksam, der insgesamt 33 Kritiken von 2018 bis 2021 sowie zwei Originalbeiträge enthält.
Ferks Texte erscheinen hauptsächlich in österreichischen Medien, insbesondere sind hier die »Wiener Zeitung«, »Die Presse« und das »Literaturhaus« aus Wien zu nennen, wobei im Nachweis des Buchs leider der Webseiten-Umzug des Literaturhauses nicht berücksichtigt wurde. Die Kritiken haben fast alle »zeitungsgerechtes« Kurzformat, selten sind es mehr als drei Seiten. Erstaunlicherweise findet sich trotzdem noch genügend Platz für die gendergemäße Doppelnennung; mein Favorit: »Nichtkärntnerinnen und Nichtkärntner.« Die Beschäftigung mit dem Rechtsanwalt, Schriftsteller und Dozenten Alfred Johannes Noll fällt ausführlicher aus, wobei es hier auch um fünf Werke geht, die Ferk hymnisch feiert (und zugibt, eines der Bücher nur quergelesen zu haben).
Fünf Texte beschäftigen sich direkt oder indirekt mit Franz Kafka, was nicht ganz verwundert, gilt doch Ferk als »Kafkologe« von Rang. Hier ist er in seinem Element, portraitiert griffig Maria-Luisa Caputo-Mayrs Verdienste um die Kafka-Forschung, spürt den Kafka-Schwestern nach, kritisiert die im Sammelband von Orthmann und Schuller »an den Haaren herbeigezogenen« Aufsätze und bemerkt süffisant, dass in Reiner Stachs Kafka von Tag zu Tag ein Hinweis auf die ähnlich gelagerte Chronik von Chris Bezzel aus dem Jahr 1975 fehlt. Zur juristischen Frage, wem denn nun Kafkas Nachlass gehöre, positioniert sich der Ferk eindeutig (was für einen Juristen bemerkenswert ist).
Hildesheimer statt Canetti
Jurysitzungen und Alarmismen
Literaturpreis der Stadt Bremen:
»[A]lle hatten ihren Kandidaten, der niemals Canetti gewesen war, genannt, als ich an die Reihe gekommen war und ›Canetti‹ sagte. Ich war dafür, Canetti den Preis zu geben für seine ›Blendung‹, das geniale Jugendwerk, das ein Jahr vor dieser Jurysitzung wieder neu gedruckt worden war. Mehrere Male sagte ich das Wort ›Canetti‹ und jedes Mal hatten sich die Gesichter an dem langen Tisch wehleidig verzogen. Viele an dem Tisch wussten gar nicht, wer Canetti war, aber unter den wenigen, die von Canetti wussten, war einer, der plötzlich, nachdem ich wieder Canetti gesagt hatte, sagte: aber der ist ja a u c h Jude. Dann hatte es nur noch ein Gemurmel gegeben und Canetti war unter den Tisch gefallen.«
Die Diskussion zog sich schier endlos hin, Namen fallen und werden verworfen; es musste eine Entscheidung geben.
»Zu meiner großen Verblüffung zog plötzlich einer der Herren, ich weiß wieder nicht, welcher, aus dem Bücherhaufen auf dem Tisch, wie mir schien wahllos, ein Buch von Hildesheimer heraus und sagte in umwerfend naivem Tone und geradezu schon im Aufstehen zum Mittagessen: ›Nehmen wir doch Hildesheimer, nehmen wir doch Hildesheimer‹ und Hildesheimer war gerade jener Name, der während der ganzen stundenlangen Debatten überhaupt nicht gefallen war […] Wer wirklich Hildesheimer war, wussten sie wahrscheinlich alle nicht. Im Augenblick wurde auch schon an die Presse die Mitteilung gegeben, Hildesheimer sei nach dieser über zweistündigen Sitzung der neue Preisträger. Die Herren erhoben sich und gingen hinaus in den Speisesaal. Der Jude Hildesheimer hatte den Preis bekommen. Für mich was d a s die Pointe des Preises. Ich habe sie nicht verschweigen können.«1
58 Jahre später zu Juliane Liebert und Ronya Othmann. Beide waren 2023 in der Jury zum »Internationalen Literaturpreis« des HKW Berlin. In der ZEIT berichten sie »komplett aus allen Wolken gefallen« (Perlentaucher) unter dem Grisham-Titel Die Jury mehr als ein halbes Jahr später ihre Erlebnisse. Die Sache ist kompliziert, handelt von Autoren und Autorinnen, die aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe und/oder Beliebtheit von Jurymitgliedern nicht auf eine Shortlist kommen sollen bzw. anderen Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe und/oder Unbekanntheit auf diese Liste kommen sollen. Es fielen Sätze wie »Sorry, ich liebe die Literatur, aber Politik ist wichtiger« und selbst als man sich auf einen Preisträger geeinigt hatte, kritisierte man noch die beiden Übersetzer und ob es überhaupt gestattet ist, wenn Weiße einen Schwarzen übersetzen und allerlei anderer Unsinn. Es ging also, so die Quintessenz, weniger um literarische Qualität als um identitätspolitisch motivierte Quoten. So weit, so wenig überraschend. Und man hätte sicherlich diesen Text nie zu lesen bekommen, wenn die beiden Autorinnen auch für 2024 in der Jury nominiert worden wären. Wurden sie aber nicht und nun also das, eine ganze Seite in der ZEIT, das gibt es nicht mehr häufig.
Thomas Bernhard, Meine Preise, Suhrkamp, 1. Auflage 2009, S. 32-49. ↩
Helmut Böttiger: Die Gegenwart durchlöchern

Nach dem gewissenhaft-historischen Aufriss über die Gruppe 47, einer eher launigen Revue über die Literatur der 1970er Jahre und einem reisereportagehaften Band über Czernowitz legt der Literaturkritiker Helmut Böttiger mit Die Gegenwart durchlöchern Werkportraits über fünfzehn Dichter vor, garniert mit seiner Rede zur Literaturkritik, die zwar auch schon mehr als zehn Jahre zurückliegt, aber nichts von ihrer Brisanz verloren hat und auf Samtpfoten, aber dennoch deutlich, den Unterschied zwischen Literaturjournalismus und Literaturkritik aufzeigt.
Zwar sind zehn der fünfzehn Autoren Büchnerpreisträger, dennoch fristen einige immer noch (bzw. wieder) ihr Los im Geheimtipp-Status. Obwohl auch Johannes Bobrowski (geboren in Tilsit) und Paul Celan (Czernowitz) vorgestellt werden, kann man guten Gewissens erklären, dass hier deutsche Autoren portraitiert werden (Österreicher und Schweizer kommen nicht vor). Böttiger weist in einem kurzen Hinweis, versteckt bei den Nachweisen, darauf hin, dass es sich nicht um den Versuch eines Kanons handeln soll.
Der schüchterne Blick auf die Pensionsgrenze
Ein Freund hatte mir einen Text geschickt, den ich übersehen hätte, denn er steckt hinter einer sogenannten »Bezahlschranke«. Ich nehme an, er wollte mich anstacheln, aber weil er mich ganz gut kennt, legte er mir nicht nahe, eine Replik zu verfassen, denn er weiß, dass ich das dann gerade nicht mache. Ich erinnerte mich dunkel. Am Sonntag hatte der scheidende Bachmannpreis-Juror Hubert Winkels diesen Text ganz kurz erwähnt. Es handelt sich um Richard Kämmerlings’ »Zehn Gründe, warum Literatur immer bedeutungsloser wird«, publiziert in der »Welt«.
Zunächst einmal ist interessant, dass in der Druckversion und in der URL die Überschrift eine leicht andere ist. Dort steht: »Zehn Gründe, warum unsere Literatur immer bedeutungsloser wird.« (Hervorhebung von mir.) Der Unterschied ist nur auf den ersten Blick marginal. Das Pronomen »unsere« erhebt einen Besitzanspruch auf das, was man dort behandelt. Gleichzeitig nimmt es den Leser mit in das imaginäre Boot. Es wird eine Gemeinschaft beschworen. Und dann erhebt es seinen Verfasser (und die Bootsinsassen) als eine Art Richter.
Die »zehn Gründe« entpuppen sich bei näherer Lektüre als eine Zusammenstellung hinlänglich bekannter Kritteleien, leicht gewürzt mit dystopischem Unterton, einer Prise Vergangenheitsverklärung und einem kräftigen Schuss Corona-Würze.
Der erste der Gründe, warum »unsere« Literatur immer bedeutungsloser wird ist, laut Kämmerlings, die »Buchmesse ohne Verlage«. Diese würden die Frankfurter Buchmesse im Herbst »im Stich lassen«. »Buchhalterköpfe« hätten die Macht übernommen. Dass es im Betrieb eine große Anzahl Menschen gibt, die sich auch einige Monate nach einer vielleicht halbwegs überstandenen Pandemie nicht zehn Stunden täglich in schlechtdurchlüfteten Messehallen aufhalten wollen, kommt dem Autor nicht in den Sinn.
Es wird noch läppischer, wenn er dann vom »Schweigen der Autoren« spricht. Nein, er meint nicht die fast unzählbaren »Corona-Tagebücher«, die das Netz in den letzten Monaten überschwemmt haben. Er meint »Offene Briefe« von Autoren, beispielsweise gegen das Schließen von Buchhandlungen, gegen Amazons Versandprioritätenlinie und die Absage der Leipziger Buchmesse. Nun, wer jemals in Leipzig war und nicht nur an Verlagsständen für ein Stündchen seine Schnittchen und Wein genossen hat, kann nur froh sein, dass diese Messe ausgefallen ist. Egal, Kämmerlings beschwört Frisch, Peter Weiss und den »jungen Walser«, die in ähnlicher Situation sicherlich damals einen »Marsch auf den Bonner Kanzlerbungalow angeführt hätten.«
No Time to Kill
Die Klage über die Mittelmässigkeit der Texte zum Bachmannpreis-Bewerb ist fast schon Ritual. Sie ist zuweilen geprägt von Enttäuschungen, wird genährt von verklärenden Rückblicken auf die Vergangenheit und ist immer natürlich subjektiv. Aber dass Tanja Maljartschuk im letzten Jahr den Bachmannpreis gewonnen hatte, war mir wirklich entfallen wie mir auch gänzlich jede Erinnerung an ihr Prosastück fehlt. Und dass einem beim Lesen eines Textes das Herz aufging, das ist nach Maja Haderlap eigentlich nicht mehr bei mir passiert. Die in der Vergangenheit durchaus kindliche Vorfreude auf das Ereignis weicht einem beiläufig routinierten Anstreichen im Kalender.
Es liegt seit langem in der Natur der Sache, dass sich dem Urteil der Juroren1 bereits arrivierte Autoren kaum mehr stellen. Das hat mit so etwas wie Fallhöhe zu tun. Vor allem Verlage mögen so etwas nicht.
Da ist ein Ereignis wenn ein Autor, der, wie es in der Beschreibung heisst »keine Veröffentlichungen, Stipendien oder Preise« vorzuweisen hat, teilnimmt. Medien jazzen diesen Tatbestand hoch: »Noch nichts veröffentlicht: 22-Jähriger für Bachmann-Preis nominiert« schreibt einer (der dann das Video des Autors brav nacherzählt). Ich habe dann noch über Twitter verzweifelt versucht, dem Verfasser dieses Elaborats den Unterschied zwischen »Nominierung« und »Teilnahme« zu erklären. Ich scheiterte. Es sollte nicht das letzte Scheitern sein, wenn es darum ging, offensichtliche Fehler von Literaturjournalisten wirkungsvoll zu korrigieren. Aber egal.
Kaum jemand bemerkt, dass die Kritik an den Texten auf die Juroren verweist, die diese Texte auswählen oder, wie man es auch schon einmal hörte, in Auftrag geben. Die guten alten Zeiten der Hilfestellung durch den Patenjuror, der Lektorierung scheinen vorbei zu sein. Alles ist möglich: Überbordende Adjektive, eigensinnige Interpunktion, Figurennamen, die in unterschiedlichen Schreibweisen im Text kursieren. Stoff für Interpretationen. Aber auch mehr?
hier gilt das generische Maskulinum – sorry ↩