Vor einigen Tagen war es wieder soweit: Der österreichische Germanistik-Professor Klaus Kastberger stellte auf Facebook Fotos online, auf denen ein ein Reh zu sehen ist, welches sich seinem Grundstück schüchtern nähert. Von Fall zu Fall sieht man das Reh recht gern und ich dachte, dass dieses Reh von Herrn Kastberger häufiger zu sehen ist als Literaturkritik im deutschen Fernsehen. Was aktuell ja ein Thema ist.
Zugegeben, dass neulich erschienene Buch über Literaturkritik habe ich nicht gelesen und es war wieder Klaus Kastberger, der monierte, dass nicht einmal die Veranstaltung des Bachmann-Preises vorkommt und ich dachte mir, dass bei aller Häme, die dieser Wettbewerb so erfährt, tatsächlich hier noch Momente von Literaturkritik aufpoppen, was natürlich stark an den jeweiligen Juror, die jeweilige Jurorin gebunden ist. Aber sonst?
Der Anlass dieser Gedanken ist jene Causa Denis Scheck gegen Elke Heidenreich bzw. Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy. Frau Heidenreich spielte sich wieder einmal als Statthalterin der Literatur im Fernsehen auf, fordert die Absetzung von Druckfrisch und führt nicht nur Schecks flotte Sprüche zu den Bestsellern von Passmann und Kürthy an, sondern kritisiert auch – und jetzt wird es wirklich lustig – das Scheck noch »nie ein kluges Buch« publiziert habe und ich dachte mir (ich dachte recht viel, scheint mir), dann gibt es ja da durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Euch und das ist ja mindestens mal ein Anfang.
Klaus Kastberger, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, bekam unlängst (verdientermaßen) den Österreichische Staatspreis für Literaturkritik zugesprochen. Niemand, der sich mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur beschäftigt, kann auf Dauer dem quecksilbrigen Geist Kastbergers entkommen. Als ordentlicher Professor der Karl-Franzens-Universität in Graz steht er nicht nur am Katheder, sondern kuratiert Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Symposien, moderiert zusammen mit Daniela Strigl eine Literaturshow mit dem zukunftsweisenden Titel Roboter mit Senf, begibt sich in die Niederungen der Literaturkritik, stellt und entfacht literarisch-ästhetische Debatten und sitzt in diversen Jurys. Rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse mit ihrem Schwerpunkt Österreich präsentiert der Sonderzahl-Verlag in einem schick designten Buch (die Haptik des Covers!) zehn Aufsätze zur österreichischen Literatur unter dem zünftigen Titel Alle Neune. Das Paradoxon wird rasch aufgelöst. Neun österreichische Autorinnen und Autoren werden werkgenetisch skizziert. Ein weiterer Text widmet sich einer (informellen) Autorengruppierung. Die Auswahl der Schriftsteller orientiert sich an den Forschungsschwerpunkten des Autors in den letzten Jahren. Erschienen sind die Texte zwischen 2009 und 2021 in Büchern, Festschriften oder als Symposiumspublikationen. Für Alle Neune wurden sie noch einmal »gründlich überarbeitet«, was man auch an den Anmerkungen sieht, die als rote Marginalien gesetzt wurden, für die in die Jahre gekommene Leser wie ich zwar eine Lupe benötigen, aber das macht nichts.
Der Band beginnt lebhaft mit dem »letzte[n] Mohikaner des sechsfachen Daktylus«, Anton Wildgans. Dieser sei zu Recht vergessen, so spottet Kastberger und am Ende des Aufsatzes glaubt man ihm. Man lernt, dass Wildgans’ Kunst unter anderem darin bestand, »aus der Plattitüde eine Attitüde zu machen«. Die urteilstützende Referenz auf Karl Kraus, der Wildgans nicht mochte, erscheint hingegen nicht zwingend, denn Kraus mochte à la longue niemanden (und vice versa). Interessanter ist die Beschäftigung mit Richard Billinger, zu dem Kastberger zusammen mit Daniela Strigl 2014 ein Symposium veranstaltete. Zunächst als expressionistischer Lyriker begonnen und sich im Umfeld von Carl Zuckmayers »Henndorfer Kreis«, entschied er sich in den 1930er Jahren zum »Reichsbauerndichter« der Nazis zu werden. Billinger wurde 1932 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet und schrieb nicht nur dem Blut und Boden-Denken verhaftete, beliebte Stücke sondern auch Drehbücher, wie zum Beispiel für Veit Harlans Die goldene Stadt von 1942.
Kastberger zitiert aus einer »Homestory« des späteren Feuilletonchefs und Chefredakteurs der Wochenzeitung Die Zeit, Josef Müller-Marein, der 1937 neben seinen Texten zum Völkischen Beobachter für ein Medium mit dem Namen Lokal Anzeiger den körperlichen Hünen Richard Billinger besuchte und seine Dichter-Inszenierungen verbreitete. Spätestens mit Zuckmayers Einordnungen im sogenannten Geheimreport, ist deutlich, dass Billinger ein »parfümierter Großstädter« war, »der in seinem Werk den Bauern nur spielte«. Dass Billinger bei den Nazis reüssieren konnte, war eigentlich ungewöhnlich. Denn er war 1935, zwei Jahre vor Müller-Mareins Inauguration, wegen seiner Homosexualität für mehrere Wochen inhaftiert und ins Konzentrationslager Dachau verbracht worden. Einigen Funktionären war er deswegen dauerhaft ein Dorn im Auge, aber seine Popularität schütze ihn und er erhielt in den 1940er Jahren weitere Preise, bevor er dann nach dem Krieg dem Vergessen übergeben wurde.
Die Klage über die Mittelmässigkeit der Texte zum Bachmannpreis-Bewerb ist fast schon Ritual. Sie ist zuweilen geprägt von Enttäuschungen, wird genährt von verklärenden Rückblicken auf die Vergangenheit und ist immer natürlich subjektiv. Aber dass Tanja Maljartschuk im letzten Jahr den Bachmannpreis gewonnen hatte, war mir wirklich entfallen wie mir auch gänzlich jede Erinnerung an ihr Prosastück fehlt. Und dass einem beim Lesen eines Textes das Herz aufging, das ist nach Maja Haderlap eigentlich nicht mehr bei mir passiert. Die in der Vergangenheit durchaus kindliche Vorfreude auf das Ereignis weicht einem beiläufig routinierten Anstreichen im Kalender.
Es liegt seit langem in der Natur der Sache, dass sich dem Urteil der Juroren1 bereits arrivierte Autoren kaum mehr stellen. Das hat mit so etwas wie Fallhöhe zu tun. Vor allem Verlage mögen so etwas nicht.
Da ist ein Ereignis wenn ein Autor, der, wie es in der Beschreibung heisst »keine Veröffentlichungen, Stipendien oder Preise« vorzuweisen hat, teilnimmt. Medien jazzen diesen Tatbestand hoch: »Noch nichts veröffentlicht: 22-Jähriger für Bachmann-Preis nominiert« schreibt einer (der dann das Video des Autors brav nacherzählt). Ich habe dann noch über Twitter verzweifelt versucht, dem Verfasser dieses Elaborats den Unterschied zwischen »Nominierung« und »Teilnahme« zu erklären. Ich scheiterte. Es sollte nicht das letzte Scheitern sein, wenn es darum ging, offensichtliche Fehler von Literaturjournalisten wirkungsvoll zu korrigieren. Aber egal.
Kaum jemand bemerkt, dass die Kritik an den Texten auf die Juroren verweist, die diese Texte auswählen oder, wie man es auch schon einmal hörte, in Auftrag geben. Die guten alten Zeiten der Hilfestellung durch den Patenjuror, der Lektorierung scheinen vorbei zu sein. Alles ist möglich: Überbordende Adjektive, eigensinnige Interpunktion, Figurennamen, die in unterschiedlichen Schreibweisen im Text kursieren. Stoff für Interpretationen. Aber auch mehr?
Wenn man erklärt, dass man sich die Lesungen und Diskussionen zum Bachmannpreis anschaut, kommt immer mehr die mitleidige Frage: »Warum?« Sie impliziert zweierlei: Zum einen glaubt man nicht mehr an die Kraft der Literatur im Zeichen des Fernsehens. Und zum anderen wird damit auch gleich in einer Mischung aus Mitleid und Empörung die jeweilige Auswahl der Lesenden erledigt. Nein, die Lesenden im Bachmannpreis repräsentieren natürlich nicht »die deutschsprachige Literatur« wie es dann mal apodiktisch, mal vorwurfsvoll heißt. Nachträglich muss man dieses Dementi gerade für den »Jahrgang 2016« zur Hand haben: Nein, das, was heuer in Klagenfurt gelesen wurde ist kein repräsentativer Querschnitt der deutschsprachigen Literatur. Da mag der Moderator noch so Animateursqualitäten offenbart haben (was zuweilen peinlich war). (Über das peinliche Sandkastenarrangement »draußen«, bei Zita Bereuter, schweigt man besser.)
Aber es ist womöglich ein Querschnitt der inzwischen inflationären Stadtschreiber- und Schreibschulprosaisten, die sich von ihren Notebooks erheben und das replizieren, was sie gelernt haben, wofür sie ausgezeichnet wurden und was sie nun mit einem seltsam stoischen Selbstbewusstsein als preiswürdig reklamieren.
Im Wallstein-Verlag ist vor kurzem ein Buch mit dem interessanten Titel »Dichterdarsteller – Fallstudien zur biographischen Legende des Autors im 20. und 21. Jahrhundert« erschienen. Die beiden Herausgeber Robert Leucht und Magnus Wieland stellen zunächst in einer Einleitung die lange vergessene These der »biographischen Legende« des russischen Literaturwissenschaftlers Boris Tomaševskij aus dem Jahr 1923 vor. Schließlich gibt es Fallstudien diverser Autoren, die die biographischen Legenden von Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Franz Kafka, B. Traven und Thomas Bernhard untersuchen. Zu Peter Handke referiert Karl Wagner den »Auftritt« Handkes bei der Gruppe 47 in Princeton 1966 und setzt ihn in Relation zu anderen, damals durchaus üblichen, weitaus opulenteren Auftritten von Schriftstellern in Konzerthallen oder Stadien. Auch über Rollenzuweisungen bei Dichterinnen gibt es einen (sehr interessanten) Beitrag (von Evelyn Polt-Heinzl). Schließlich beschäftigt sich ein Text mit Medium Twitter und den »Gebrauch« dieses Mediums von amerikanischen Autoren wie vor allem Bret Easton Ellis aber auch von Mark Z. Danielewski, Chuck Palahniuk und Lindsay Lohan.
Die biographische Legende wird dabei als Konstruktion hin zum Werk interpretiert und als Abgrenzung zum empirischen Autor aber auch zur Autorenfigur im literarischen Text betrachtet. Sie ist somit eine dritte auktoriale Instanz; sozusagen »zwischen« der realen Vita des Autors und dessen Werk. Sie ist vom Autor nur begrenzt zu beeinflussen. In einem der Aufsätze im Buch wird Tomaševskij dahingehend zitiert, dass es im Einzelfall »schwierig zu entscheiden [sei], ob die Literatur diese oder jene Lebenserscheinung reproduziert oder ob umgekehrt diese Lebenserscheinungen das Resultat des Eindringens literarischer Schablonen in das Leben ist«. Daher darf, wie die Herausgeber im Résumé des Buches klarstellen, die biographische Legende nicht reduziert werden auf »Pose, Marke, Image, Inszenierung oder Habitus«. Diese Selbstinszenierungsstrategien werden vom Autor (bzw. dem Verlag oder anderen Vermarktern) bewusst gewählt. Dagegen verschmelzen in der biographischen Legende biographische Aspekte im Werk und Werkaspekte im Leben zu einer neuen ästhetischen Figuration.
Die biographische Legende böte sich an, die jeweiligen literaturwissenschaftlichen Lager zu versöhnen: Zum einen jene, die eine strikte Trennung von Werk und Leben fordern. Und zum anderen jene, die einem Biographismus frönen und jede Textstelle mit dem realen Leben des Autors, der Autorin in Bezug bringen.
Da ging ein Raunen durch das Publikum als Klaus Kastberger seine Wahl zum Bachmannpreis damit begründete, dass auch Ingeborg Bachmann den Text »Das Bein« von Valerie Fritsch gewählt hätte. Kastberger war klug genug Fritsch nicht innerhalb der Jurydiskussion am Donnerstag mit der Namenspatronin in Verbindung zu bringen. Am Sonntag dann, bei seiner kurzen Laudatio, die, ...