Die Kla­gen­furt-For­mel oder Vi­deo Kil­led the Ra­dio Star

Im Wall­stein-Ver­lag ist vor kur­zem ein Buch mit dem in­ter­es­san­ten Ti­tel »Dichter­darsteller – Fall­stu­di­en zur bio­gra­phi­schen Le­gen­de des Au­tors im 20. und 21. Jahr­hundert« er­schie­nen. Die bei­den Her­aus­ge­ber Ro­bert Leucht und Ma­gnus Wie­land stel­len zu­nächst in ei­ner Ein­lei­tung die lan­ge ver­ges­se­ne The­se der »bio­gra­phi­schen Le­gen­de« des rus­si­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Bo­ris To­maševskij aus dem Jahr 1923 vor. Schließ­lich gibt es Fall­stu­di­en di­ver­ser Au­toren, die die bio­gra­phi­schen Le­gen­den von Hu­go von Hof­manns­thal, Tho­mas Mann, Franz Kaf­ka, B. Tra­ven und Tho­mas Bern­hard un­ter­su­chen. Zu Pe­ter Hand­ke re­fe­riert Karl Wag­ner den »Auf­tritt« Hand­kes bei der Grup­pe 47 in Prin­ce­ton 1966 und setzt ihn in Re­la­ti­on zu an­de­ren, da­mals durch­aus üb­li­chen, weit­aus opu­len­te­ren Auf­trit­ten von Schrift­stel­lern in Kon­zert­hal­len oder Sta­di­en. Auch über Rol­len­zu­wei­sun­gen bei Dich­te­rin­nen gibt es ei­nen (sehr in­ter­es­san­ten) Bei­trag (von Eve­lyn Polt-Heinzl). Schließ­lich be­schäf­tigt sich ein Text mit Me­di­um Twit­ter und den »Ge­brauch« die­ses Me­di­ums von ame­ri­ka­ni­schen Au­toren wie vor al­lem Bret Ea­ston El­lis aber auch von Mark Z. Da­nie­lew­ski, Chuck Pa­lah­ni­uk und Lind­say Lo­han.

Die bio­gra­phi­sche Le­gen­de wird da­bei als Kon­struk­ti­on hin zum Werk in­ter­pre­tiert und als Ab­gren­zung zum em­pi­ri­schen Au­tor aber auch zur Au­toren­fi­gur im li­te­ra­ri­schen Text be­trach­tet. Sie ist so­mit ei­ne drit­te aukt­oria­le In­stanz; so­zu­sa­gen »zwi­schen« der rea­len Vi­ta des Au­tors und des­sen Werk. Sie ist vom Au­tor nur be­grenzt zu be­ein­flus­sen. In ei­nem der Auf­sät­ze im Buch wird To­maševskij da­hin­ge­hend zi­tiert, dass es im Ein­zel­fall »schwie­rig zu ent­schei­den [sei], ob die Li­te­ra­tur die­se oder je­ne Le­bens­er­schei­nung re­pro­du­ziert oder ob um­ge­kehrt die­se Le­bens­er­schei­nun­gen das Re­sul­tat des Ein­drin­gens li­te­ra­ri­scher Scha­blo­nen in das Le­ben ist«. Da­her darf, wie die Her­aus­ge­ber im Ré­su­mé des Bu­ches klar­stel­len, die bio­gra­phi­sche Le­gen­de nicht re­du­ziert wer­den auf »Po­se, Mar­ke, Image, In­sze­nie­rung oder Ha­bi­tus«. Die­se Selbst­in­sze­nie­rungs­stra­te­gien wer­den vom Au­tor (bzw. dem Ver­lag oder an­de­ren Ver­mark­tern) be­wusst ge­wählt. Da­ge­gen ver­schmel­zen in der bio­gra­phi­schen Le­gen­de bio­gra­phi­sche Aspek­te im Werk und Werk­aspek­te im Le­ben zu ei­ner neu­en äs­the­ti­schen Fi­gu­ra­ti­on.

Die bio­gra­phi­sche Le­gen­de bö­te sich an, die je­wei­li­gen li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen La­ger zu ver­söh­nen: Zum ei­nen je­ne, die ei­ne strik­te Tren­nung von Werk und Le­ben for­dern. Und zum an­de­ren je­ne, die ei­nem Bio­gra­phis­mus frö­nen und je­de Text­stel­le mit dem rea­len Le­ben des Au­tors, der Au­torin in Be­zug brin­gen.

»Staats­fern­se­hen«

Der letz­te Bei­trag die­ses Ban­des ver­dient nicht zu­letzt in Hin­sicht auf den an­ste­hen­den In­ge­borg-Bach­mann-Preis be­son­de­re Auf­merk­sam­keit. Er ist von Chri­stoph Stei­er und trägt den merk­wür­di­gen Ti­tel »Staats­fern­se­hen«. Erst der Un­ter­ti­tel gibt nä­he­re Aus­künfte: »Äs­the­tik und Funk­ti­on des Kla­gen­fur­ter Au­toren­por­träts im 21. Jahr­hun­dert.«

Stei­er be­ginnt sei­nen Text mit dem Satz »Kat­ja Pe­trows­ka­ja wür­de ge­win­nen«. Der­art sei sei­ne Pro­gno­se nach Sich­tung der Au­toren­vi­de­os zum Bach­mann­preis 2013 vor Kennt­nis der je­wei­li­gen Tex­te der Le­sen­den ge­we­sen. Und sie­he da: Pe­trows­ka­ja ge­wann.

Der Au­tor hat – so scheint es – den Stein der Wei­sen ge­fun­den, die »bio­bi­blio­gra­phi­sche For­mel«. Die »bi­po­la­re Gret­chen­fra­ge« der »Groß­n­ar­ra­ti­ve« zwi­schen Le­ben und Werk wür­de da­hin­ge­hend be­ant­wor­tet, dass in Kla­gen­furt ei­ne spe­zi­fi­sche, sich im Autoren­portait (vul­go Vi­deo) zei­gen­de »Au­tor-Text-Fi­gu­ra­ti­on«, die »sel­ber ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len« muss, Prei­se er­hält. Die Haupt­preis­ver­ga­be der letz­ten 14 Jah­re ba­sie­re mehr­heit­lich auf »dem im je­wei­li­gen Vi­deo prä­fi­gu­rier­ten Mo­ment der Kon­ver­si­on, die im ‘Be­werb’ als In­itia­ti­on voll­zo­gen wird«. Aus­ge­zeich­net wür­den »nicht Tex­te, son­dern Au­toren, de­ren Le­gen­de die In­sti­tu­tio­nen in Kla­gen­furt in zu­neh­men­der Olig­ar­chie selbst zu pro­du­zie­ren un­ter­nimmt.«

Be­loh­nung oder Kon­ver­si­on

Spä­ter legt Stei­er noch ei­ne et­was volks­tüm­li­cher for­mu­lier­te Ver­si­on sei­ner The­se auf. Der Wett­be­werb in Kla­gen­furt muss den Au­tor als an ei­nem Über­gang ste­hend zei­gen. Hier­für gibt es zwei Mög­lich­kei­ten. Wa­wer­zi­nek, Ha­der­lap, Pe­trows­ka­ja wa­ren Au­torIn­nen, die in der Sze­ne zwar be­kannt wa­ren, durch die Le­sung in Kla­gen­furt je­doch aus ih­rem Ni­schen­da­sein, in dem sie ein »sym­bo­li­sches Ka­pi­tal« an­ge­sam­melt hat­ten, her­aus­tra­ten. Nun er­reich­ten sie die gro­ße Büh­ne. Der Preis fun­gier­te da­bei als »nach­trägliche An­er­ken­nung ei­nes bis­her am Markt vor­bei pro­du­zier­ten Œu­v­res«, das sym­bo­li­sche Ka­pi­tal wer­de nun ent­spre­chend ver­zinst. Von mir wird dies im wei­te­ren Ver­lauf die­ses Tex­tes »Be­loh­nungs­mo­tiv« ge­nannt.

Im Fal­le von Pa­s­sig, Pe­ter­sen, Ramm­stedt greift die­se Er­klä­rung nicht. Ih­re Auszeich­nungen sind als »An­er­ken­nung ei­nes ein­ge­schla­ge­nen neu­en We­ges« zu se­hen. Die drei ge­nann­ten wa­ren zwar nicht gänz­lich pu­bli­zi­stisch un­be­kannt, hat­ten zwar kein grö­ße­res Werk zu bie­ten; es gab nichts zu be­loh­nen. Mit ih­rer Le­sung wur­den sie nun zum »Li­te­ra­tur­be­trieb Über­ge­tre­te­ne« (Leucht/Wieland). Ich nen­ne dies »Kon­ver­si­ons­mo­tiv«. Aber es geht nicht ganz oh­ne Be­zug auf den li­te­ra­ri­schen Be­trieb. Da­her schreibt Stei­er auch spä­ter: »Ei­nen Sie­ger aus dem völ­li­gen pu­bli­zi­sti­schen Nichts gibt es in Kla­gen­furt nicht«.

Es gibt auch bei­de Mo­ti­ve, die Stei­er bei Sei­ler und Mar­ty­n­o­va aus­macht. Ob das Zu­tref­fen bei­der Mo­ti­ve die Preis­ver­ga­be be­gün­stigt, bleibt un­klar.

Folgt man Stei­ers Aus­füh­run­gen be­steht die Auf­ga­be des Au­tors dar­in, sei­ne Autoren­darstellung im Vi­deo durch den Text zu be­glau­bi­gen. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass die Über­ein­stim­mun­gen nicht zu of­fen­sicht­lich sind; ei­ne ge­wis­se Über­ra­schung soll­te es doch noch ge­ben, was in der schö­nen For­mel ei­ner »Kom­bi­na­ti­on von Neu­heit und Redun­danz« mün­det. Fehlt der Fak­tor »Neu­heit« so schei­tert die Preis­ver­ga­be, wie an Bei­spie­len aus­ge­führt wird. So ganz über­flüs­sig ist der Text al­so doch nicht. »Wenn…weder die Be­stä­ti­gung noch die zag­haf­te Ver­schie­bung der be­stehen­den bio­gra­phi­schen Le­gen­de« sich hin­rei­chend im Text zeigt, so fällt die­ser bei den Ju­ro­ren nicht li­te­ra­risch-äs­the­tisch durch (die Lo­be gä­be es trotz­dem), aber sie er­hal­ten kei­ne Preis. Das glei­che gel­te für zu per­fek­te Tex­te oder auch für zu be­kann­te Au­torIn­nen. Die Li­ste, die Stei­er auf­führt, ist im­po­sant; hier hät­te man sich ein oder zwei Bei­spie­le ge­wünscht.

Sehr fle­xi­bel in der Aus­le­gung sei­ner The­se zeigt sich Stei­er im Fall von Tex Ru­bi­no­witz, dem Bach­mann­preis­trä­ger von 2014, der oh­ne ein Vi­deo­por­trait den Preis ge­won­nen hat­te. Hier greift, so die In­ter­pre­ta­ti­on, das Kon­ver­si­ons­mo­tiv in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner be­son­ders ho­hen Be­kannt­heits­grad (als Car­too­nist und Zeich­ner).

Ge­schmei­di­ge Ar­gu­men­ta­ti­on

Ei­ne ge­wis­se ar­gu­men­ta­ti­ve Ge­schmei­dig­keit des Au­tors zeigt sich auch an an­de­ren Stel­len. Zu­nächst spricht er von der An­sicht von »200 Vi­de­os«, die nach der »Jahr­tausendwende« pro­du­ziert wur­den. Geht man da­von aus, dass er da­mit als Be­ginn das Jahr 2000 nimmt und als En­de das Jahr 2014 (Ru­bi­no­witz als Preis­trä­ger), gab es 236 Le­sun­gen, wo­bei 6 Teil­neh­mer auf ein Vi­deo ver­zich­tet hat­ten, ei­ner statt ei­nes Por­traits ei­nen »Vor­film« aus­such­te und zwei Vi­de­os laut ORF-Ar­chiv auf Wunsch der Au­torin­nen ent­fernt wur­de (ei­nes da­von – An­to­nia Baum – er­wähnt Stei­er; Do­ro­thee El­mi­ger nicht, was ver­mut­lich Baums in­zwi­schen ge­wach­se­ner Po­pu­la­ri­tät ge­schul­det ist). So­mit hät­te er 227 Vi­de­os an­se­hen müs­sen; er schreibt aber von 200.

Schließ­lich ver­än­dert er lau­fend sei­ne Un­ter­su­chungs­zeit­räu­me. Ist zu­nächst von der Jahr­tau­send­wen­de die Re­de, wird plötz­lich der Zeit­raum zwi­schen 2006 und 2013 ge­nannt und dann, zwei Sei­ten spä­ter, noch ein­mal auf 2007–2014 ver­än­dert. Ab 2007 stellt er näm­lich fest, dass der Haupt­preis zu­meist an (ver­gleichs­wei­se) »äl­te­re« Au­torIn­nen geht (ei­gent­lich ein Be­loh­nungs­mo­tiv, aber das gilt dann nicht für Ramm­stedt 2008 und Pe­ter­sen 2009), die Ne­ben­prei­se hin­ge­gen an jün­ge­re Teil­neh­mer, ver­mut­lich, so Stei­er, um die Ver­la­ge zu er­mun­tern, jun­ge Ta­len­te wei­ter­hin nach Kla­gen­furt zu schicken. Frap­pie­rend ist, dass auch die Preis­trä­ger 2015 (die nicht von Stei­er be­rück­sich­tigt wer­den, weil ver­mut­lich der Text schon 2014 fer­tig war) die­sem Mu­ster ent­spri­chen. Mit der Haupt­reis­trä­ge­rin No­ra Gom­rin­ger wur­den wie­der bei­de Mo­ti­ve an­ge­spro­chen und die bei­den an­de­ren Preis­trä­ge­rin­nen ent­spra­chen eben­falls dem Sche­ma.

Die Über­ein­stim­mun­gen ma­chen skep­tisch. Hät­ten nicht auch Ol­ga Flor 2014 oder Leo­pold Fe­der­mair 2012 den Haupt­preis be­kom­men kön­nen (Be­loh­nungs­mo­tiv)? Oder Anousch Mül­ler, die 2013 aus der »Twit­ter-Li­te­ra­tur« kam, im Rah­men des Konver­sionsmotivs (à la Pa­s­sig)? Und war­um hat ei­gent­lich Pa­s­sig 2006 den Haupt­preis be­kom­men (Kon­ver­si­ons­mo­tiv) und nicht Nor­bert Scheu­er (Be­loh­nung)? We­gen ih­res »au­to­re­fe­ren­ti­el­len Auf­tritts«? Stei­er wird ar­gu­men­tie­ren, dass die Tex­te der Ge­schei­te­ren nicht aus­rei­chend die im Por­trait aus­ge­ge­be­ne »Au­tor-Text-Fi­gu­ra­ti­on« un­ter­stützt hät­ten. Aber hier hät­te man sich de­tail­lier­te­re Aus­füh­run­gen ge­wünscht (was aber wo­mög­lich den Rah­men des Tex­tes ge­sprengt hät­te).

»Po­si­ti­ver Ras­sis­mus« und das Po­chen auf das bio­gra­phi­sche Er­leb­nis

Lau­nig wird es, wenn Stei­er den durch ei­ni­ge Ju­ro­ren min­de­stens in den letz­ten Jah­ren (meist pa­ter­na­li­stisch da­her­kom­men­den) »mun­ter-her­bei­ge­re­de­ten po­si­ti­ven Ras­sis­mus« ana­ly­siert, wie et­wa Ca­duffs Lob ei­ner »Nicht-Ger­man-Na­ti­ve-Spea­ke­rin« (sic!) ge­gen­über oder Feß­manns Re­de auf Sen­th­uran Va­rat­ha­ra­jah. Hier weicht die drit­te aukt­oria­le In­stanz der bio­gra­phi­schen Le­gen­de ei­nem vul­gä­ren Bio­gra­phis­mus, der auch noch nach ei­ner ent­spre­chend »kor­rek­ten« Re­zep­ti­on ver­langt.

Am Bei­spiel von Wa­wer­zin­eks Text, der 2010 ge­wann, wird die In­stru­men­ta­li­sie­rung des Bio­gra­phi­schen deut­lich. Als es in der Ju­ry-Dis­kus­si­on Kri­tik an sei­nem Text gab, mel­de­te sich – was un­ge­wöhn­lich ist – der Au­tor zu Wort und wies mit ein paar Wor­ten auf die Schwie­rig­kei­ten hin, die­se, sei­ne Ge­schich­te (ei­ne Kind­heit in den 1950er/1960er Jah­ren in ei­nem Heim in der ehe­ma­li­gen DDR) nie­der­zu­schrei­ben. »Der Bann wirk­te«, so Stei­er, »auch die zu­vor schärf­sten, for­mal ar­gu­men­tie­ren­den Kri­ti­ker des durch­aus kitsch­würdigen Tex­tes wag­ten im An­schluss nicht mehr, die­sen un­ab­hän­gig von Wa­wer­zin­eks Bio­gra­fie zu ver­han­deln.«

Vor­her hat­te Stei­er Wa­wer­ni­zek als Preis­trä­ger des Be­loh­nungs­mo­tivs aus­ge­macht, we­nig spä­ter macht er ei­nen be­wusst in­sze­nier­ten Bio­gra­phis­mus aus. Greift hier die bio­graphische Le­gen­de, die ja aus­drück­lich nicht die In­sze­nie­rung meint, nicht mehr? Die Ant­wort bleibt aus. Auch an­der­wei­tig man­gelt es ein we­nig an Kon­si­stenz. Nach­dem zu­nächst sug­ge­riert wird, dass das Por­trait und der bio­gra­phi­sche Wer­de­gangs des Au­tors aus­rei­chend für die Er­mitt­lung des Prei­ses sind (man ver­glei­che den er­sten Satz sei­nes Auf­sat­zes), kommt dann doch noch der Text ins Spiel. Und ge­gen En­de ist dann so­gar vom »Drei­schritt Vi­deo, Le­sung, Dis­kus­si­on« die Re­de. Den­noch er­schei­nen die Ju­ro­ren bei Stei­er selt­sam de­ter­mi­niert. Die Preis­fin­dung wird re­du­ziert auf ei­ne Art Reiz-Re­ak­ti­ons-Sche­ma: die bio­gra­phi­sche Le­gen­de, die ih­ren Aus­druck im Vi­deo fin­det und der Be­stä­ti­gung die­ser Le­gen­de im Text des Au­tors.

Sehn­sucht nach der De­kon­struk­ti­on li­te­ra­ri­scher Ana­ly­se

In ei­ner er­sten Re­ak­ti­on auf die Kon­fron­ta­ti­on mit Stei­ers The­se be­harrt Klaus Kast­ber­ger, Ju­ror seit 2015, zwar auf »ei­ne ge­wis­se Wi­der­stands­kraft der Li­te­ra­tur«, kon­ze­diert je­doch, dass die Ju­ro­ren nur noch »ein Teil der [Fernseh-]Dramaturgie« sei­en. Sie stün­den mit ih­ren Kri­te­ri­en nicht mehr über dem Ge­sche­hen. Das wür­de in der Kon­se­quenz be­deu­ten, dass der Ver­lauf des Wett­be­werbs ein an­de­rer wä­re, wenn das Fern­se­hen nicht über­tra­gen wür­de.

Die lang­jäh­ri­ge Ju­ro­rin Da­nie­la Stri­gl be­stand und be­steht eben­so wie Kast­ber­ger auf ei­nem Vor­rang der Li­te­ra­tur: Es »soll­te hier um den Text ge­hen und nur um den Text.« Tat­säch­lich ha­be es ein­mal die Idee ge­ge­ben, für die Vi­de­os ei­nen ei­ge­nen Preis zu stif­ten. Dies sei aber fal­len­ge­las­sen wor­den, nicht zu­letzt weil »die fi­nan­zi­ell Po­ten­ten oder je­ne mit Kon­tak­ten zu Film­sze­ne« be­vor­zugt ge­we­sen wä­ren. Sie sel­ber ha­be die Vi­de­os nicht vor­her an­ge­schaut und sich voll­ends auf die Tex­te kon­zen­triert. Hin­zu kom­me, so Stri­gl, dass die Vi­de­os manch­mal für die Ju­ry nicht hör- und/oder sicht­bar ge­we­sen sei­en.

In Stei­ers Kla­gen­furt-For­mel (über die Kast­ber­ger leicht iro­ni­sie­rend mit dem Hash­tag #kff ei­ni­ge Be­mer­kun­gen ge­twit­tert hat­te) spie­gelt sich die Sehn­sucht nach der De­kon­struk­ti­on li­te­ra­ri­scher Ana­ly­se durch ei­ne Art me­dia­ler Phä­no­me­no­lo­gie. Wie schon in der »Au­to­ma­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik« (auf die Stei­er hin­weist) wer­den au­ßer­li­te­ra­ri­sche Kri­te­ri­en be­müht, um li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät po­si­ti­vi­stisch zu mes­sen. Der Traum so man­ches Kla­gen­furt-Grou­pies ist er­füllt: Das Af­ter-Show-Pro­gramm kann so­fort be­gin­nen. Es winkt (oder droht?) der un­end­li­che Spass. Oder doch eher die un­end­li­che Lan­ge­wei­le?

Und längst scheint sich ein neu­es Phä­no­men her­aus­zu­bil­den. Nach der Be­kannt­ga­be der Le­sen­den wer­fen ei­ni­ge Teil­neh­me­rIn­nen ih­re Netz­werk-Ma­schi­nen an und ver­su­chen ein höch­stes Maß an Auf­merk­sam­keit im Vor­feld zu er­zeu­gen. Die der­art be­gon­ne­ne Selbst­dar­stel­lungs­ma­schi­ne muss dann nur noch durch ent­spre­chen­de Mul­ti­pli­ka­to­ren (Zei­tun­gen; On­line­fo­ren) auf­ge­nom­men und an­ge­heizt wer­den. So wer­den »Stars« er­zeugt, de­ren ein­zi­ge Lei­stung dar­in be­steht sich mög­lichst laut und/oder schrill in Sze­ne ge­setzt zu ha­ben. Me­di­en mö­gen die­se Form der Per­so­na­li­sie­rung. Mit bio­gra­phi­scher Le­gen­de im Sin­ne To­maševskijs hat das nichts mehr zu tun, zu­mal die Li­te­ra­tur in sol­chen In­sze­nie­rung gänz­lich ab­we­send ist.

Ei­ne be­son­de­re Poin­te des (nicht ein­mal nur we­gen Stei­ers Auf­satz sehr empfeh­lenswerten) »Dichterdarsteller«-Buches ist es, das es zwar um bio­gra­phi­sche Le­gen­den und Au­tor-Werk-Kon­fi­gu­ra­tio­nen geht, aber nicht ein­mal Kurz­bio­gra­phien der Au­toren der Auf­sät­ze ab­druckt sind.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Be­deu­tung die­ser Kla­gen­furt-Mi­ni­vi­de­os wird m. E. über­schätzt (Tex Ru­bi­no­witz hat die ent­spre­chen­de Kon­se­quenz ge­zo­gen). Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler be­schäf­ti­gen sich gern mit Kin­ker­litz­chen.

  2. Stei­er ist ja so­wohl Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler wie auch Schrift­stel­ler. Sein Text für den Sam­mel­band der »Dich­ter­dar­stel­lun­gen« ist mir per­sön­lich da­hin­ge­hend zu we­nig »wis­sen­schaft­lich«, da er nicht ge­nau spe­zi­fi­ziert wie er zu den Er­geb­nis­sen kommt. Ge­ra­de da, wo es in­ter­es­sant wird, ist er von prä­zi­ser Un­ge­nau­ig­keit.

    Ich ge­ste­he, dass mich die Vi­de­os nie be­son­ders in­ter­es­sie­ren. Meist ge­he ich, wenn sie denn lau­fen, zur Toi­let­te oder ma­che mir ei­nen Kaf­fee. Ganz sel­ten schaue ich mal ei­nes im In­ter­net vor­ab an. Für Leu­te, die sich nor­ma­ler­wei­se we­nig oder gar nicht mit Li­te­ra­tur be­schäf­ti­gen, ist das so et­was wie ein in be­weg­ten Bil­dern er­schei­nen­der Klap­pen­text.

    Ich wer­de aber nie ver­ges­sen, als ei­ne wirk­lich re­nom­mier­te Ju­ro­rin sicht­lich ir­ri­tiert war, als An­dre­as Mai­er 2000 auf ein Vi­deo ver­zich­te­te. Sie kann­te den Au­tor nicht (was nicht schlimm war) und hoff­te ver­mut­lich mehr bio­gra­phi­sches über ihn zu fin­den, um ... Ja, was? Ich rät­se­le heu­te noch.