Wolf­gang Welt

Wolfgang Welt 2014 - © Lothar Struck

Wolf­gang Welt 2014 – © Lo­thar Struck

Wolf­gang Welt schrei­be »Bruch­teil­se­kun­den­sät­ze«, so vor ei­ni­gen Jah­ren ein­mal Pe­ter Hand­ke über den Bo­chu­mer Au­tor. Li­te­ra­risch sind Hand­ke und Welt fast An­ti­po­den und doch schät­ze Hand­ke die­sen als »Pop-Li­te­ra­ten« nur un­zu­rei­chend cha­rak­te­ri­sier­ten Au­tor, mach­te sich stark für ihn, dass er im Suhr­­kamp-Ver­lag pu­bli­zie­ren konn­te. Die Pro­sa von Wolf­gang Welt war derb und grif­fig, aber in den schön­sten Mo­men­ten lö­sten sich Au­gen­blicke zeit­lu­pen­haft auf. Da spiel­te es kei­ne Rol­le, ob das Er­eig­nis zehn oder zwan­zig Jah­re ver­gan­gen war. Welt schien dies zu spei­chern und es kam ei­nem vor, als sei es nicht aus ei­ner (va­gen) Er­in­ne­rung her­aus ge­schrie­ben, son­dern aus dem was man Wie­der-Ho­lung nen­nen könn­te; ei­ne Wie­der-Her­vor­ho­len ei­nes ge­leb­ten Mo­ments.

Das ver­lieh sei­nen Bü­chern et­was wim­mel­bild­haf­tes, aber Welt ver­stand es, die un­ter­schied­li­chen Ebe­nen, die im­mer sei­ne wa­ren, si­mul­tan zu evo­zie­ren. Die fünf pral­len Jah­re zwi­schen 1979 und 1984 als Welt ei­ner der wil­de­sten und ge­fürch­tet­sten Mu­sik­kri­ti­ker Deutsch­lands war bil­den das Zen­trum der er­sten drei Ro­ma­ne (»Peg­gie Sue«, »Der Tick« und »Der Tun­nel am En­de des Lichts«). Es ist ein Le­ben auf der Über­hol­spur, denn Welt war ein Ber­ser­ker, ein Mu­sik­be­se­ses­se­ner aber vor al­lem ein Mu­sik­be­seel­ter. Bei al­ler In­ter­na­tio­na­li­tät der Mu­sik war Welt ver­wur­zelt mit sei­ner Hei­mat­stadt Bo­chum, was sei­nen Ro­ma­nen ein Span­nungs­feld zwi­schen Welt­läu­fig­keit und Ruhr­ge­biet ver­schaff­te. Un­trüg­lich sein Ge­spür für Heu­che­lei; man gibt nicht ein­fach sei­ne Idea­le für Geld auf. Wenn Grö­ne­mey­er von »Bo­chum« sang, kränk­te ihn die­se Bi­got­te­rie. Welt hielt auch mit Kri­tik am Be­trieb nicht hin­ter dem Berg; nur not­dürf­tig ver­schlei­er­ten die Pseud­ony­me in sei­nen Bü­chern die ech­ten Per­so­nen. Schließ­lich trat 1983 ein er­ster psy­cho­ti­scher Schub auf. Welt schon­te sich in sei­nen Bü­chern nicht, son­dern be­schrieb sei­ne von nun an im­mer wie­der in Schü­ben auf­tre­ten­den psy­chi­schen Pro­ble­me. Er zog sich aus der Sze­ne zu­rück, schrieb wei­ter an sei­ner Pro­sa und war Nacht­wäch­ter im Bo­chu­mer Schau­spiel­haus.

Vor fast ge­nau zwei Jah­ren traf ich Wolf­gang Welt im »Tu­chol­sky« in Bo­chum. Das Tref­fen soll­te ei­gent­lich schon frü­her statt­fin­den, aber er war krank ge­wor­den, Ver­dacht auf Schlag­an­fall. Ei­ni­ge Ta­ge spä­ter schrieb er dann per Mail, dass es doch kein Schlag­an­fall war. Er war sicht­lich ge­zeich­net von sei­ner Me­di­ka­men­tie­rung (was er so­fort pro-ak­tiv an­ging). Den­noch war er wach; kor­ri­gier­te und er­gänz­te wo es not­wen­dig war. Mein Text freu­te ihn und der Ver­gleich mit Pe­ter Kurz­eck führ­te da­zu, dass man ihn zu ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung in Kurz­ecks Hei­mat­dorf ein­lud.

Wolf­gang Welt ist, wie ich ge­ra­de le­se, am Sonn­tag in Bo­chum ge­stor­ben.

Ir­gend­wann wer­det Ihr be­grei­fen, was für ein tol­ler Au­tor Wolf­gang Welt war.

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