Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung

Susanne Falk: Feindbegegnung
Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung – Ei­ne Hans Ha­be-Bio­gra­fie

1911 in Bu­da­pest als Já­nos Bé­kes­sy ge­bo­ren, 1977 in Lo­car­no als Hans Ha­be ver­stor­ben. Wer kennt ihn noch, den Re­por­ter, Jour­na­li­sten, Her­aus­ge­ber und Ro­man­au­tor? Sei­ne Bü­cher er­reich­ten vor al­lem (aber nicht nur) in der Nach­kriegs­bun­des­re­pu­blik teil­wei­se Mil­lio­nen­auf­la­gen, ei­ni­ge wur­den ver­filmt. En­de der 1960er Jah­re war er ei­ne Feind­fi­gur der auf­kom­men­den Lin­ken. Bis da­hin war er nur der Feind der re­stau­ra­ti­ven Rech­ten ge­we­sen, die dem Ju­den Ha­be nicht ver­zie­hen hat­ten, zwei Mal ge­gen Na­zi-Deutsch­land ge­kämpft zu ha­ben. Ha­be war kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­när, ei­tel, ame­ri­ka­no­phil, hass­te den Kom­mu­nis­mus ge­nau­so wie die Na­zis. Sein Le­bens­stil war ex­al­tiert, er lieb­te den Lu­xus und hat­te ne­ben sechs Ehen an­schei­nend zahl­lo­se Af­fä­ren.

Längst sind sei­ne Ro­ma­ne nur noch an­ti­qua­risch zu kau­fen. Ei­ne Ge­samt­aus­ga­be gibt es nicht. Ei­ni­ge letz­te Neu­aus­ga­ben wur­den in den 1980er Jah­ren ge­druckt. Und aus­ge­rech­net über ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit und de­ren Wer­ke, die in der Öf­fent­lich­keit na­he­zu ver­ges­sen sind, pu­bli­ziert die deut­sche Ger­ma­ni­stin und Schrift­stel­le­rin Su­san­ne Falk nun ei­ne Bio­gra­fie in ei­nem öster­rei­chi­schen Ver­lag.

Der Ti­tel der Bio­gra­fie, Feind­be­geg­nung, ist be­wusst dop­pel­bö­dig ge­wählt. Zum ei­nen hat­te Ha­be mehr als ge­nü­gend Fein­de im Le­ben, die ihn so­wohl phy­sisch wie auch in­tel­lek­tu­ell be­kämpf­ten. Zum an­de­ren ist da die­ses Zi­tat aus Ha­bes Au­to­bio­gra­fie, wel­ches Falk als Mot­to dem Buch vor­an­stellt, in­dem er sich sel­ber als den »ein­zi­gen wah­ren Feind« be­zeich­ne­te. Falk hat­te einst so­wohl ih­re Di­plom­ar­beit als auch ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über Hans Ha­be ver­fasst und da­nach erst ein­mal an­de­ren Fel­dern ge­wid­met, un­ter an­de­rem der Schrift­stel­le­rei. Die di­stan­zier­te Fas­zi­na­ti­on blieb, führ­te nach ei­ni­gen Jah­ren zu neu­en Re­cher­chen und schließ­lich zu die­ser Bio­gra­fie, die für den Le­ser zu ei­ner Zeit­rei­se von der Do­nau­mon­ar­chie bis in die 68er-Jah­re wird.

»Im Zwei­fel für den Schrei­ben­den«

Der Ver­lag wirbt schon auf dem Co­ver mit »mul­ti­me­dia­lem Bo­nus-Con­tent«. Über QR-Codes im Text wer­den Ver­wei­se zu Do­ku­men­ten, Au­di­os und Vi­de­os an­ge­bo­ten, die die je­weils an­ge­spro­che­nen Er­eig­nis­se il­lu­strie­ren und ver­tie­fen. So fin­den sich Aus­schnit­te aus Fil­men über und mit Hans Ha­be aber auch bei­spiels­wei­se Trai­ler zu US-ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, in de­nen ei­ne sei­ner Ehe­frau­en mit­ge­spielt hat­te. Man fin­det Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Va­ter her­aus­ge­brach­ten Pu­bli­ka­tio­nen. Et­wa in der Mit­te des Bu­ches sind auf die­se Wei­se In­halts­an­ga­ben von 27 aus­ge­wähl­ten Ro­ma­nen Ha­bes hin­ter­legt und als Boo­mer be­ginnt man, sich an das ein oder an­de­re Co­ver zu er­in­nern. Ne­ben zahl­rei­chen Fo­tos gibt es al­so mehr als 50 nütz­li­che Zu­satz­in­for­ma­tio­nen. Et­was stö­rend sind die groß auf­ge­mach­ten Zwi­schen­über­schrif­ten, die zen­tra­le The­sen und Aus­sa­gen noch ein­mal re­ka­pi­tu­lie­ren.

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Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer
Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Ei­gent­lich soll­te Pe­ter Hand­kes 2009 er­schie­ne­ne epi­sche Er­zäh­lung Die mo­ra­wi­sche Nacht Sa­ma­ra hei­ßen. Sa­ma­ra be­deu­tet, so kann man le­sen, »die Nacht im Ge­spräch ver­brin­gen.« Es scheint al­ler­dings eher un­wahr­schein­lich, dass Ca­ro­li­ne Wahl mit der Wahl des Na­mens ih­rer Prot­ago­ni­stin in 1999 Me­ter über dem Meer hier­auf Be­zug nimmt. Ih­re Haupt­fi­gur Sa­ma­ra ist En­de 20, An­fang 30, Ein­zel­kind, in­tak­tes El­tern­haus, so­li­de Mit­tel­schicht (der »Baba« hat ei­ne Kfz-Werk­statt). Sie hat ih­ren Ma­ster in Li­te­ra­tur und Ge­schich­te ge­macht und zieht dem­nächst nach Ber­lin, um als »Ju­ni­or-PR-Be­ra­te­rin« in ei­ner Agen­tur für 2700 Eu­ro brut­to an­zu­fan­gen. Bis da­hin wird, nicht zu­letzt um den El­tern ih­re Le­bens­tüch­tig­keit zu be­wei­sen, ei­ne Rei­se nach Ba­li ge­macht. Al­les selbst her­aus­ge­sucht, in­klu­si­ve Flug mit Tran­sit-Auf­ent­halt in Do­ha. Aber auf Ba­li ist es heiß, es gibt we­der RTL+ noch be­zahl­ba­res koh­len­säu­re­hal­ti­ges Was­ser, von den ob­ses­siv-ge­lieb­ten Mül­ler­milch-Drinks erst gar nicht zu re­den. In den Acht- oder Sechs­bett­schlaf­räu­men lau­ter ge­schwät­zi­ge Tou­ri­stin­nen (be­son­ders schlimm sind die Ame­ri­ka­ne­rin­nen). Die Aus­flü­ge mit dem E‑Scooter en­den stets in ei­nem Fi­as­ko – ent­we­der Sturz oder Un­wet­ter oder bei­des. Im­mer­hin ge­lin­gen ihr mit der Lei­ca ei­ni­ge Schnapp­schüs­se. Für 390 Eu­ro ex­tra bucht sie nach dem Fast-Ba­de­un­fall im Meer ei­nen frü­he­ren Rück­flug. Wie­der Tran­sit­raum in Do­ha und dies­mal schla­fen­de Men­schen auf den an­ge­leg­ten Kunst­ra­sen.

Kurz zu den El­tern. Und vor dem Um­zug nach Ber­lin schenkt ihr der Va­ter ei­nen »Mer­ce­des SL R 129, 1999 Erst­zu­las­sung. Drit­te Hand, und nur 80000 Ki­lo­me­ter.« Erst schockiert (sie ist seit dem Füh­rer­schein nicht mehr ge­fah­ren), wird ihr das Fahr­zeug rasch ans Herz wach­sen.

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An­na Baar: Am­seln

Anna Baar: Amseln
An­na Baar: Am­seln

Es be­ginnt ku­ri­os mit ei­nem »Vor­wort des Her­aus­ge­bers«. Na­nu? Hat man nicht ei­nen Ro­man in der Hand? Der Her­aus­ge­ber dankt der Au­torin An­na Baar so­gar noch für An­ony­mi­sie­run­gen und er­klärt die Me­tho­de, mit der er das ihm auf my­ste­riö­se Wei­se zu­ge­gan­ge­ne Kon­vo­lut an Auf­zeich­nun­gen ei­ner ge­wis­sen El­da Ve­ra ord­net und schließ­lich pu­bli­ziert. Da sind zum ei­nen 31 Brie­fe die­ser El­da an ei­nen ge­wis­sen »Lev«, er­stellt zwi­schen dem 1. No­vem­ber 2022 und 24. De­zem­ber 2023 und zum an­de­ren »un­da­tier­te No­ti­zen, Auf­zeich­nun­gen und Ver­mer­ke«, die der Her­aus­ge­ber, wie er schreibt, nach »per­sön­li­chem Gut­be­fin­den« ein­ge­streut »und fort­lau­fend num­me­riert« hat. Die­se El­da (der Na­me ist, wie be­tont wird, eben­falls an­ony­mi­siert) mach­te, so er­fährt man, 2020 Schlag­zei­len als sie, ei­ne aus­ge­bil­de­te Ärz­tin, be­schul­digt wur­de, ei­nen Pa­ti­en­ten ver­ge­wal­tigt zu ha­ben. Sie ver­lor ih­re An­stel­lung und ver­schwand. Als die Brie­fe be­gan­nen war sie 58 Jah­re alt.

Als Le­ser ist man ab­seits der Kon­struk­ti­on gut be­ra­ten, sich in El­das Mi­kro­kos­mos zu be­ge­ben. Die lebt in ih­rer Woh­nung, was zu­nächst in An­be­tracht der Pan­de­mie-Nach­we­hen noch nor­mal er­scheint. Schließ­lich ist von ei­ner Fuß­ver­let­zung die Re­de, die sie ver­an­lasst, »die Ta­ge aus­schließ­lich zu Hau­se, haupt­säch­lich im Lie­gen« zu ver­brin­gen. Was sie braucht, be­stellt sie on­line. Die Welt sieht sie, »nur von fern, aber um­so schär­fer« und be­tä­tigt sich ne­ben­bei mit ei­nem Fern­rohr als Voy­eu­ri­stin. Sie kor­ri­giert Recht­schrei­be­feh­ler in Bü­chern und Zei­tun­gen und be­ob­ach­tet das Ver­hal­ten der Am­seln auf ei­nem Baum vor ih­rem Fen­ster, wor­an sich ihr die Jah­res­zei­ten zei­gen. Wäh­rend­des­sen läuft der Fern­se­her »auf laut­los«. Sie hat »ge­nug von den im­mer­glei­chen fer­nen Ka­ta­stro­phen, be­waff­ne­ten Krie­gen, Skan­da­len, be­lang­lo­sen Staats­af­fä­ren, ge­nug auch vom Ge­schrei der Zu­kurz­ge­kom­me­nen und den Em­pö­rungs­ri­ten ver­wirr­ter Be­rufs­al­tru­isten.«

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Tho­mas Kunst: Mas­le­boi

Thomas Kunst: Masleboi
Tho­mas Kunst: Mas­le­boi

Ich hät­te die Ger­man Dia­ries von Sa­mu­el Beckett le­sen kön­nen. Ich hät­te mich in ei­nen Kri­mi­nal­ro­man ver­sen­ken kön­nen. Ich hät­te ein Kreuz­wort­rät­sel lö­sen kön­nen. Ich hät­te die er­ste Staf­fel Strom­berg schau­en kön­nen. Ich hät­te ein Fuß­ball­spiel ein­schal­ten kön­nen. Ich hät­te der Ex­per­tin bei Ba­res für Ra­res sa­gen kön­nen, dass es sich nicht um ei­nen Bern­stein­ein­schluss han­delt, son­dern um ei­ne in Ep­oxid­harz ein­ge­schlos­se­ne Trau­er­mücke, die in ei­ner schwie­ri­gen Pro­ze­dur von ei­nem Flie­gen­fän­ger ent­fernt wur­de. Ich hät­te den Schmuck­her­stel­ler Ma­sah­le­na in Na­tu­re, von dem Tho­mas Kunst in Mas­le­boi er­zählt, ent­lar­ven kön­nen.

Ich könn­te Red Ri­ver schau­en, ich könn­te Ian Haw­good hö­ren, ich könn­te mich bei Jack­son C. Frank ent­span­nen, ich könn­te was von Ul­rich Zie­ger le­sen, ich könn­te Bran­dig von Gerd Pe­ter Eig­ner le­sen, nein: ich hat­te Bran­dig von Gerd Pe­ter Eig­ner schon ge­le­sen. Ich könn­te den gan­zen Film‑, Mu­sik- und Li­te­ra­tur­kos­mos, den Tho­mas Kunst in Mas­le­boi nennt, kon­su­mie­ren.

Ich müss­te auf­hö­ren, Tho­mas Kunst nach­zu­ma­chen, sagt mei­ne Frau. Ich müss­te be­gin­nen, ei­ne se­riö­se Kri­tik zu Mas­le­boi zu schrei­ben. Ich müss­te be­gin­nen, mei­ne No­ti­zen noch ein­mal zu le­sen. Ich müss­te auf­hö­ren, das Darts-Tur­nier an­zu­schau­en. Ich müss­te noch ein­mal Rom, Blicke le­sen. Ich müss­te noch ein­mal den Film über Max Ernst an­schau­en. Ich müss­te noch ein­mal Ez­ra Pound igno­rie­ren. Ich müss­te end­lich ein­mal Pe­ter Kurz­eck wei­ter­le­sen. Ich müss­te end­lich ein­mal Zan­dschower Klin­ken sa­gen statt Zan­dschower Kli­ni­ken.

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Sta­tio­nen ei­ner Rei­se

Neu­es über den »freund­li­chen« Rolf Die­ter Brink­mann

1968 ge­lang es Gün­ter Rohr­bach, da­mals ge­ra­de »Lei­ter Fern­seh­spiel« im WDR ge­wor­den, die »Herrn« Rolf Die­ter Brink­mann und Ralf-Rai­ner Ry­gul­la für ein Fern­seh­spiel »zu ge­win­nen«, das un­ter »jun­gen Men­schen« spie­len soll. Rohr­bach war am­bi­tio­niert, woll­te dem eher drö­gen Fern­seh­spiel ei­nen Fern­sehfilm ent­ge­gen­set­zen, such­te neue Au­toren und war be­reit für Ex­pe­ri­men­te. Rohr­bach war für ei­ni­ge Jahr­zehn­te ein gro­ßer Er­mög­li­cher, hol­te nicht zu­letzt das Fern­se­hen aus sei­ner Be­tu­lich­keits­ecke. (Lei­der war dies nur ein Auf­flackern; in­zwi­schen sind die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en ver­seucht mit Ba­na­li­tä­ten und Tri­via­li­tä­ten.)

In Nor­bert Wehrs neu­em Schreib­heft 107 kann man er­gän­zend zum Brink­mann-Dos­sier Zer­split­ter­te Ge­gen­wart der letz­ten Num­mer erst­mals so­wohl das Ex­po­sé als auch das ein Jahr spä­ter ent­stan­de­ne Dreh­buch zum ge­plan­ten Film nach­le­sen. Ein­ge­rahmt wird dies von Mi­cha­el Tö­te­bergs in­struk­ti­ven Be­mer­kun­gen über das Film­schaf­fen Brink­manns und ei­nem Ge­spräch von Mi­cha­el Rü­ger mit Ralf-Rai­ner Ry­gul­la.

Norbert Wehr (Hrsg.): Schreibheft 107
Nor­bert Wehr (Hrsg.): Schreib­heft 107

Nach­dem der WDR auf das Ex­po­sé ver­trags­ge­mäß ei­nen Vor­schuss be­zahlt hat­te, fuh­ren die bei­den erst ein­mal nach Lon­don und kauf­ten Bü­cher. Der Ti­tel des ge­plan­ten Films lau­te­te Der Ab­stieg und Brink­mann ent­wickel­te fast so et­was wie ei­ne So­zi­al­stu­die ei­nes 21jährigen, der zu Be­ginn in ei­ner Schü­ler­band singt und zu­nächst Er­folg hat. Ir­gend­wann muss er sich dann je­doch sein feh­len­des mu­si­ka­li­sches Emp­fin­den ein­ge­ste­hen. Er ist »ein­fach schlecht«, heißt es, aber kann noch ein­mal in ei­ne an­de­re Band wech­seln, al­ler­dings er­folg­los. Es folgt der Aus­zug bei den El­tern; chro­ni­sche Geld­not. Der Kon­takt mit der zwei Jah­re äl­te­ren Schwe­ster bleibt. Sie en­ga­giert sich im SDS, wäh­rend er kein In­ter­es­se an po­li­ti­scher Ak­ti­on ver­spürt. Statt­des­sen ver­dingt er sich als Disc­jockey, rutscht suk­zes­si­ve in ein halb­kri­mi­nel­les Mi­lieu ab, wird schließ­lich Ku­rier­fah­rer. Der Schluss ist, wie es im Ex­po­sé heißt, ei­ne »Kri­mi-Ak­ti­on«: »Schüs­se, Schreie, Lich­ter«, schließ­lich Kri­po und Hand­schel­len.

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Szc­ze­pan Twar­doch: Sehn­sucht

Szczepan Twardoch: Sehnsucht
Szc­ze­pan Twar­doch: Sehn­sucht

En­de der 1980er Jah­re kam der Film Der Zu­fall mög­li­cher­wei­se des pol­ni­schen Re­gis­seurs Krzy­sz­tof Kieś­low­ski in die deut­schen Ki­nos. Der Film, der be­reits Jah­re zu­vor ge­dreht wur­de und in Po­len zu­nächst nicht ge­zeigt wer­den durf­te, ku­mu­liert in ei­ner Sze­ne, in der die Haupt­fi­gur, ein Stu­dent na­mens Wi­tek, nach dem Tod sei­nes Va­ters mit dem Zug nach War­schau fah­ren und sein Le­ben neu ord­nen will. Nun wer­den drei ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en durch­ge­spielt. In der er­sten Ver­si­on er­reicht er ge­ra­de noch den Zug und wird Jah­re spä­ter zum kom­mu­ni­sti­schen Funk­tio­när. In der zwei­ten Va­ri­an­te legt er sich am Bahn­hof mit ei­nem Po­li­zi­sten an, was den Keim für ein Le­ben als Dis­si­dent legt. Auch in der drit­ten Ver­si­on ver­passt er den Zug knapp, be­geg­net statt­des­sen ei­ner Stu­di­en­kol­le­gin, in die er sich ver­liebt. Die bei­den hei­ra­ten und ver­brin­gen ihr Le­ben im un­po­li­ti­schen Pri­va­ten. Am Schluss wer­den die drei Va­ri­an­ten wie­der zu­sam­men­ge­führt, in dem Wi­tek ein Flug­zeug be­tritt, wel­ches ab­stürzt.

Kieś­low­skis Mei­ster­werk in­spi­rier­te Re­gis­seu­re, Dreh­buch­schrei­ber, aber auch Schrift­stel­ler, um zu zei­gen, wie klei­ne Nu­an­cen Le­bens­läu­fe ver­än­dern kön­nen. Es ist an­zu­neh­men, dass Szc­ze­pan Twar­doch den Film sei­nes Lands­manns kennt. Denn sein neu­er Ro­man mit dem leicht merk­wür­di­gen Ti­tel Sehn­sucht, über­setzt von Olaf Kühl, schreibt das kon­tra­fak­ti­sche Den­ken in bis­wei­len ab­surd an­mu­ten­den Wen­dun­gen wei­ter. Der pol­ni­sche Ti­tel, der im Buch auch lau­fend zi­tiert wird, gibt die Rich­tung vor: »Sa­gen wir, [Er­win] Piontek«. Ein »Sa­gen wir«, dass den Le­ser ste­tig da­mit kon­fron­tiert, dass es sich um ein fik­tio­na­les Mög­lich­keits­wer­kes han­delt.

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Nichts wie weg

Stephan Thome: Besser als nie
Ste­phan Thome: Bes­ser als nie

An­dert­halb Jahr­zehn­te nach sei­nem Ge­sell­schafts­ro­man Grenz­gang macht Ste­phan Thome mit Bes­ser als nie aus sei­nem Ber­gen­stadt ei­nen Trai­ler­park.

2009 sorg­te der in Tai­wan le­ben­de Schrift­stel­ler Ste­phan Thome für ei­ne klei­ne Feuil­le­ton­dis­kus­si­on. Sein Erst­ling Grenz­gang spie­gel­te die Er­eig­nis­se ei­ni­ger Fi­gu­ren an­hand ei­nes al­le sie­ben Jah­re in ei­ner hes­si­schen Klein­stadt statt­fin­den­den, weit über die re­gio­na­len Gren­zen be­kann­ten, seit rund 200 Jah­ren ge­fei­er­ten Stadt- und Land­fe­stes mit dem Na­men Grenz­gang. Mit der Um­be­nen­nung des Or­tes vom rea­len Bie­den­kopf (rd. 12.000 Ein­woh­ner; Tho­mes Ge­burts­stadt) zum ima­gi­nä­ren Ber­gen­stadt (im Ro­man 7.000 Ein­woh­ner) soll­te die Fik­tio­na­li­sie­rung un­ter­stri­chen wer­den, wenn­gleich die Ri­tua­le des Fe­stes, et­wa die hi­sto­risch be­ding­ten Wan­de­run­gen rund um die Grenz­mar­kie­run­gen und die Peit­schen­schwün­ge über­nom­men wur­den. Für ei­ni­ge Kri­ti­ker war dies zu viel. Sie wit­ter­ten ei­ne »Re­nais­sance des deut­schen Pro­vinz­ro­mans«, ver­mut­lich weil die Haupt­fi­gu­ren we­der in Ber­lin, New York oder Pa­ris leb­ten und es sich nicht um schreib­ge­hemm­te Schrift­stel­ler, schöp­fungs­mü­de Künst­ler oder des­il­lu­sio­nier­te Aka­de­mi­ker han­del­te. Man ver­glich Tho­mes Klein­stadt­bio­top mit den da­mals neu her­aus­ge­kom­me­nen Wer­ken von Fo­ster Wal­lace und Bo­la­ño.

Nun fällt der Pro­vin­zia­lis­mus­vor­wurf fast im­mer dann, wenn Kri­ti­ker ih­re ei­ge­ne (Klein)Bürgerlichkeit, die sie mehr oder we­ni­ger er­folg­reich ver­drän­gen, all­zu deut­lich wie­der­erken­nen. Der Spie­gel kann manch­mal grau­sam sein. Im Fu­ror über­sa­hen sie, dass sich in den im Buch statt­fin­den­den Rück­blen­den der ein­zel­nen Prot­ago­ni­sten (um­fas­send die Jah­re zwi­schen 1985 und 2006 in Sie­ben­jah­ren-Schrit­ten) ein Mo­sa­ik über den Zu­stand des Lan­des ent­wickel­te. Thome setz­te die Grenz­gang-Fe­ste der­art, dass es 2006 mit dem »Som­mer­mär­chen« der Fuß­ball-WM in Deutsch­land zu­sam­men­traf. Liest man die Epi­so­den heu­te noch ein­mal nach, ist man er­staunt, wie ge­löst und frei man sich da­mals fühl­te.

Nach­träg­lich bin ich froh, die TV-Ver­fil­mung von Grenz­gang aus 2013 auf­grund wid­ri­ger Um­stän­de (der Re­kor­der nahm nicht auf) ver­passt zu ha­ben. So kann man sich nun, im neu­en Grenz­gang-Ro­man mit dem zu­nächst rät­sel­haf­ten Ti­tel Bes­ser als nie wei­ter­hin so vor­stel­len, wie man sie aus der Er­in­ne­rung (und den da­ma­li­gen No­ti­zen) re­kon­stru­iert hat­te.

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Banine/Alexander Psche­ra: Lie­be ist dir ver­bo­ten –
Ernst Jün­ger und ich

Banine/Alexander Pschera: Liebe ist Dir verboten - Ernst Jünger und Ich
Banine/Alexander Psche­ra:
Lie­be ist Dir ver­bo­ten – Ernst Jün­ger und Ich

Ba­ni­ne hieß ei­gent­lich Umm-el-Ba­ni­ne As­sa­doulaeff und wur­de 1905 in Ba­ku ge­bo­ren. Die El­tern wa­ren durch Erd­öl­ge­schäf­te zu Mil­lio­nä­ren ge­wor­den. In der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on ver­lo­ren sie ihr ge­sam­tes Ver­mö­gen. Der Va­ter war in der kur­zen Pe­ri­ode der Un­ab­hän­gig­keit Aser­bei­dschans Mi­ni­ster ge­we­sen, be­vor 1920 die Ro­te Ar­mee das Land be­setz­te und die Fa­mi­lie floh. Ba­ni­ne ging nach Pa­ris, be­tä­tig­te sich zu­nächst als Ver­käu­fe­rin und Mo­del, ar­bei­te­te dann jour­na­li­stisch und als Über­set­ze­rin, war prä­sent in den li­te­ra­ri­schen Sa­lons von Pa­ris. 1942 er­schien ihr er­ster Ro­man Na­mi. Im glei­chen Jahr kam es zur »schick­sal­haf­ten« Be­geg­nung Ba­ni­nes mit dem Be­sat­zungs­of­fi­zier Ernst Jün­ger, in den sie sich ver­lieb­te.

Für Jün­ger war sie zu­nächst die »Tar­ta­rin« oder »Mo­ham­me­da­ne­rin«. Er war ver­hei­ra­tet und hat­te in Pa­ris ei­ne Af­fä­re mit der deutsch-jü­di­schen Ärz­tin So­phie Ra­voux, de­ren Mann der fran­zö­si­schen Ré­si­stance an­ge­hör­te. Ba­ni­ne wuß­te um die­se Kon­stel­la­ti­on, was sie nicht ab­hielt, Jün­ger zu um­schwär­men. Wie nach­hal­tig die­se Lie­be für sie war, be­gann sie 1952 in ei­nem wil­den, nicht en­den wol­len­den Brief an Jün­ger aus­zu­drücken, den sie al­ler­dings nie ab­schick­te, son­dern un­ter Jün­ger et moi in die Schub­la­de ver­bann­te. Alex­an­der Psche­ra hat das Ma­nu­skript nun über­setzt und um Ta­ge­buch­ein­tra­gun­gen Ba­ni­nes zwi­schen 1971 bis 1991 er­gänzt. Der Ti­tel des Bu­ches ist hin­ter­sin­nig ge­wählt: Lie­be ist Dir ver­bo­ten. Dann folgt der Ti­tel des in­ti­men Brand­briefs: Ernst Jün­ger und ich. Als Ver­fas­se­rin wird auf dem Co­ver Ba­ni­ne ge­nannt; die Her­aus­ge­ber­schaft fin­det sich erst auf der In­nen­sei­te.

Jün­ger et moi ist, wie Psche­ra zu Recht im Vor­wort er­klärt, »kein zu­sam­men­hän­gen­des, ein­heit­li­ches Ma­nu­skript«. Es ist ein to­ben­der »Au­to-Ex­or­zis­mus«, chan­gie­rend zwi­schen Ver­zweif­lung und Wut; Hass- und zu­gleich Lie­bes­po­stu­lat. Mal sprach sie ihn di­rekt an – im­mer mit »Sie« – mal wähl­te sie ei­nen Er­zähl­ton. Bei al­lem Fu­ror be­kommt man ein wie Psche­ra schreibt »ra­di­ka­les« Bild über Ernst Jün­ger aus der Sicht ei­ner Frau. Auch Ba­ni­ne mach­te bei Jün­ger je­ne Käl­te aus, die sei­nem We­sen und der Pro­sa nach­ge­sagt wird, sprach je­doch lie­ber von »Ego­zen­tris­mus«. Sie schätz­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk, war ver­narrt in sein Ge­sicht, sein Äu­ße­res, moch­te al­ler­dings die schnar­ren­de Stim­me nicht (et­wa wenn sie te­le­fo­nier­ten). Sie durch­schau­te Jün­gers Prio­ri­tä­ten, was Frau­en an­ging, aber er­nied­rig­te sich trotz­dem, in dem sie Bot­schaf­ten an sei­ne auch nach der Be­sat­zung be­stehen­de Be­zie­hung zu So­phie Ra­voux wei­ter­lei­te­te. Die­se war für sie nichts wei­ter als »ei­ne pum­me­li­ge vom Typ ›Dienst­mäd­chen‹, kör­per­lich recht nett, aber von ei­ner Vul­ga­ri­tät und Dumm­heit, die so­fort auf­fiel«. Sie ge­hör­te für sie zu der »Sor­te Men­schen«, die »im Thea­ter an der fal­schen Stel­le la­chen«. Et­was bes­ser kam Jün­gers Frau Gre­tha weg, die Ba­ni­ne als »pro­sa­isch« und »au­to­ri­tär« ein­schätz­te.

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