Nichts wie weg

Stephan Thome: Besser als nie
Ste­phan Thome: Bes­ser als nie

An­dert­halb Jahr­zehn­te nach sei­nem Ge­sell­schafts­ro­man Grenz­gang macht Ste­phan Thome mit Bes­ser als nie aus sei­nem Ber­gen­stadt ei­nen Trai­ler­park.

2009 sorg­te der in Tai­wan le­ben­de Schrift­stel­ler Ste­phan Thome für ei­ne klei­ne Feuil­le­ton­dis­kus­si­on. Sein Erst­ling Grenz­gang spie­gel­te die Er­eig­nis­se ei­ni­ger Fi­gu­ren an­hand ei­nes al­le sie­ben Jah­re in ei­ner hes­si­schen Klein­stadt statt­fin­den­den, weit über die re­gio­na­len Gren­zen be­kann­ten, seit rund 200 Jah­ren ge­fei­er­ten Stadt- und Land­fe­stes mit dem Na­men Grenz­gang. Mit der Um­be­nen­nung des Or­tes vom rea­len Bie­den­kopf (rd. 12.000 Ein­woh­ner; Tho­mes Ge­burts­stadt) zum ima­gi­nä­ren Ber­gen­stadt (im Ro­man 7.000 Ein­woh­ner) soll­te die Fik­tio­na­li­sie­rung un­ter­stri­chen wer­den, wenn­gleich die Ri­tua­le des Fe­stes, et­wa die hi­sto­risch be­ding­ten Wan­de­run­gen rund um die Grenz­mar­kie­run­gen und die Peit­schen­schwün­ge über­nom­men wur­den. Für ei­ni­ge Kri­ti­ker war dies zu viel. Sie wit­ter­ten ei­ne »Re­nais­sance des deut­schen Pro­vinz­ro­mans«, ver­mut­lich weil die Haupt­fi­gu­ren we­der in Ber­lin, New York oder Pa­ris leb­ten und es sich nicht um schreib­ge­hemm­te Schrift­stel­ler, schöp­fungs­mü­de Künst­ler oder des­il­lu­sio­nier­te Aka­de­mi­ker han­del­te. Man ver­glich Tho­mes Klein­stadt­bio­top mit den da­mals neu her­aus­ge­kom­me­nen Wer­ken von Fo­ster Wal­lace und Bo­la­ño.

Nun fällt der Pro­vin­zia­lis­mus­vor­wurf fast im­mer dann, wenn Kri­ti­ker ih­re ei­ge­ne (Klein)Bürgerlichkeit, die sie mehr oder we­ni­ger er­folg­reich ver­drän­gen, all­zu deut­lich wie­der­erken­nen. Der Spie­gel kann manch­mal grau­sam sein. Im Fu­ror über­sa­hen sie, dass sich in den im Buch statt­fin­den­den Rück­blen­den der ein­zel­nen Prot­ago­ni­sten (um­fas­send die Jah­re zwi­schen 1985 und 2006 in Sie­ben­jah­ren-Schrit­ten) ein Mo­sa­ik über den Zu­stand des Lan­des ent­wickel­te. Thome setz­te die Grenz­gang-Fe­ste der­art, dass es 2006 mit dem »Som­mer­mär­chen« der Fuß­ball-WM in Deutsch­land zu­sam­men­traf. Liest man die Epi­so­den heu­te noch ein­mal nach, ist man er­staunt, wie ge­löst und frei man sich da­mals fühl­te.

Nach­träg­lich bin ich froh, die TV-Ver­fil­mung von Grenz­gang aus 2013 auf­grund wid­ri­ger Um­stän­de (der Re­kor­der nahm nicht auf) ver­passt zu ha­ben. So kann man sich nun, im neu­en Grenz­gang-Ro­man mit dem zu­nächst rät­sel­haf­ten Ti­tel Bes­ser als nie wei­ter­hin so vor­stel­len, wie man sie aus der Er­in­ne­rung (und den da­ma­li­gen No­ti­zen) re­kon­stru­iert hat­te.

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Banine/Alexander Psche­ra: Lie­be ist dir ver­bo­ten –
Ernst Jün­ger und ich

Banine/Alexander Pschera: Liebe ist Dir verboten - Ernst Jünger und Ich
Banine/Alexander Psche­ra:
Lie­be ist Dir ver­bo­ten – Ernst Jün­ger und Ich

Ba­ni­ne hieß ei­gent­lich Umm-el-Ba­ni­ne As­sa­doulaeff und wur­de 1905 in Ba­ku ge­bo­ren. Die El­tern wa­ren durch Erd­öl­ge­schäf­te zu Mil­lio­nä­ren ge­wor­den. In der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on ver­lo­ren sie ihr ge­sam­tes Ver­mö­gen. Der Va­ter war in der kur­zen Pe­ri­ode der Un­ab­hän­gig­keit Aser­bei­dschans Mi­ni­ster ge­we­sen, be­vor 1920 die Ro­te Ar­mee das Land be­setz­te und die Fa­mi­lie floh. Ba­ni­ne ging nach Pa­ris, be­tä­tig­te sich zu­nächst als Ver­käu­fe­rin und Mo­del, ar­bei­te­te dann jour­na­li­stisch und als Über­set­ze­rin, war prä­sent in den li­te­ra­ri­schen Sa­lons von Pa­ris. 1942 er­schien ihr er­ster Ro­man Na­mi. Im glei­chen Jahr kam es zur »schick­sal­haf­ten« Be­geg­nung Ba­ni­nes mit dem Be­sat­zungs­of­fi­zier Ernst Jün­ger, in den sie sich ver­lieb­te.

Für Jün­ger war sie zu­nächst die »Tar­ta­rin« oder »Mo­ham­me­da­ne­rin«. Er war ver­hei­ra­tet und hat­te in Pa­ris ei­ne Af­fä­re mit der deutsch-jü­di­schen Ärz­tin So­phie Ra­voux, de­ren Mann der fran­zö­si­schen Ré­si­stance an­ge­hör­te. Ba­ni­ne wuß­te um die­se Kon­stel­la­ti­on, was sie nicht ab­hielt, Jün­ger zu um­schwär­men. Wie nach­hal­tig die­se Lie­be für sie war, be­gann sie 1952 in ei­nem wil­den, nicht en­den wol­len­den Brief an Jün­ger aus­zu­drücken, den sie al­ler­dings nie ab­schick­te, son­dern un­ter Jün­ger et moi in die Schub­la­de ver­bann­te. Alex­an­der Psche­ra hat das Ma­nu­skript nun über­setzt und um Ta­ge­buch­ein­tra­gun­gen Ba­ni­nes zwi­schen 1971 bis 1991 er­gänzt. Der Ti­tel des Bu­ches ist hin­ter­sin­nig ge­wählt: Lie­be ist Dir ver­bo­ten. Dann folgt der Ti­tel des in­ti­men Brand­briefs: Ernst Jün­ger und ich. Als Ver­fas­se­rin wird auf dem Co­ver Ba­ni­ne ge­nannt; die Her­aus­ge­ber­schaft fin­det sich erst auf der In­nen­sei­te.

Jün­ger et moi ist, wie Psche­ra zu Recht im Vor­wort er­klärt, »kein zu­sam­men­hän­gen­des, ein­heit­li­ches Ma­nu­skript«. Es ist ein to­ben­der »Au­to-Ex­or­zis­mus«, chan­gie­rend zwi­schen Ver­zweif­lung und Wut; Hass- und zu­gleich Lie­bes­po­stu­lat. Mal sprach sie ihn di­rekt an – im­mer mit »Sie« – mal wähl­te sie ei­nen Er­zähl­ton. Bei al­lem Fu­ror be­kommt man ein wie Psche­ra schreibt »ra­di­ka­les« Bild über Ernst Jün­ger aus der Sicht ei­ner Frau. Auch Ba­ni­ne mach­te bei Jün­ger je­ne Käl­te aus, die sei­nem We­sen und der Pro­sa nach­ge­sagt wird, sprach je­doch lie­ber von »Ego­zen­tris­mus«. Sie schätz­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk, war ver­narrt in sein Ge­sicht, sein Äu­ße­res, moch­te al­ler­dings die schnar­ren­de Stim­me nicht (et­wa wenn sie te­le­fo­nier­ten). Sie durch­schau­te Jün­gers Prio­ri­tä­ten, was Frau­en an­ging, aber er­nied­rig­te sich trotz­dem, in dem sie Bot­schaf­ten an sei­ne auch nach der Be­sat­zung be­stehen­de Be­zie­hung zu So­phie Ra­voux wei­ter­lei­te­te. Die­se war für sie nichts wei­ter als »ei­ne pum­me­li­ge vom Typ ›Dienst­mäd­chen‹, kör­per­lich recht nett, aber von ei­ner Vul­ga­ri­tät und Dumm­heit, die so­fort auf­fiel«. Sie ge­hör­te für sie zu der »Sor­te Men­schen«, die »im Thea­ter an der fal­schen Stel­le la­chen«. Et­was bes­ser kam Jün­gers Frau Gre­tha weg, die Ba­ni­ne als »pro­sa­isch« und »au­to­ri­tär« ein­schätz­te.

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Chri­stoph Nar­holz: Kni­ster

Christian Narholz: Knister
Chri­sti­an Nar­holz: Kni­ster

Chri­stoph Nar­holz, 1968 ge­bo­ren, ist Au­tor, Phi­lo­soph und ak­tu­ell Lehr­be­auf­trag­ter an der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen. Im letz­ten Jahr er­schien Wi­de Bo­dies Jets, ei­ne Mi­schung aus No­ta­ten und klei­nen Er­zäh­lun­gen, ver­fasst wäh­rend der Co­ro­na­zeit zwi­schen En­de 2020 und Som­mer 2022. Im­mer wenn Nar­holz vom Rä­so­nie­ren oder Be­ob­ach­ten ins Schau­en kam, ge­lan­gen ihm nach­drück­li­che Evo­ka­tio­nen von Kür­zes­tau­gen­blicken. Be­ein­druckend ge­lun­gen auch die Fort- bzw. Wei­ter­schrei­bung des Ro­mans Der Chi­ne­se des Schmer­zes von Pe­ter Hand­ke.

Als das Buch im März 2025 vor­ge­stellt wur­de, hat­te Nar­holz mit ein.jahr.aus.allen be­reits ein an­de­res Pro­jekt be­gon­nen und zwar dort, wo man im all­ge­mei­nen nicht un­be­dingt mit li­te­ra­ri­schen In­hal­ten rech­net: auf In­sta­gram. Ab 1. März 2025 wur­de bis zum 28. Fe­bru­ar 2026 je ein Ein­trag per Scan aus ei­nem No­tiz­buch ge­zeigt, der an die­sem Tag ent­stan­den war. Die Be­son­der­heit liegt in der Chro­no­lo­gie der Jah­re: »Die Ta­ge lie­fen stur chro­no­lo­gisch durch, die Jah­re spran­gen er­ra­tisch vor und zu­rück«. So ent­stand ein Jahr, dass es in die­ser Form gar nicht ge­ge­ben hat. »Zu­sam­men­hang«, so Nar­holz, »ent­stand durch die mo­ment­haf­te Wahl am Tag des Posts und die in­ne­re Lo­gik des im ak­tu­el­len Jah­res­lauf col­la­gier­ten Bilds.« Die Ba­sis bil­de­ten Ein­tra­gun­gen aus 33 Jah­ren – von 1992 bis 2025. So folgt nach dem er­sten Ein­trag vom 1.3.1999 ei­ne Rei­se­skiz­ze aus Ägyp­ten vom 2.3.2018, da­nach ei­ne No­tiz vom 3.3.2023, und so wei­ter. Sel­ten, dass es zwei auf­ein­an­der­fol­gen­de Posts aus dem glei­chen Jahr gibt; schon häu­fi­ger, dass ei­ne Fort­schrei­bung nur durch ei­nen oder zwei Ta­gen un­ter­bro­chen wur­de. Ak­tu­ell steht die »Fol­lo­wer­zahl« bei 182 und ich weiß nicht, ob das für ein sol­ches For­mat auf die­sem Ka­nal nun viel oder we­nig ist. (Rai­nald Goetz hat > 6000 Fol­lower, aber wer liest das wirk­lich?)

Egal. Die aus­ge­wähl­ten 365 Ein­tra­gun­gen sind nun als Buch un­ter dem Ti­tel Kni­ster er­schie­nen. Das Buch stel­le, so der Au­tor, das »drit­te ge­nutz­te Me­di­um« (nach No­tiz- bzw. Ta­ge­buch und On­line-Pu­bli­ka­ti­on) dar. Ich ha­be das Buch als E‑Book ge­le­sen; wenn man so will ei­ne wei­te­re Di­men­si­on.

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Jo­sef Wink­ler: Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht

Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Jo­sef Wink­ler: Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht

Ir­gend­wann ging es um die ak­tu­el­len Lek­tü­ren. Pe­ter Hand­ke las die Brie­fe von Stendhal. Und von Schil­ler. Be­son­ders je­ne, in de­nen Schil­ler schon von der Krank­heit ge­zeich­net sei. Und dann sah ich bei mir den seit ei­nem hal­ben Jahr im Re­gal der un­ge­le­se­nen Bü­cher ste­hen­den Ro­man Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht und sag­te, dass ich nur noch den Wink­ler ha­be. Hand­ke war so­fort ent­setzt. Das sei grau­en­haft, so kön­ne man doch nicht schrei­ben. Al­le wä­ren schuld, al­le bö­se, nur die Schwe­ster nicht. Er stock­te. Na­tür­lich kön­ne ich das le­sen. Aber wie der Wink­ler hier schrei­be, das sei »sehr un­ver­schämt«. Aber auch ge­konnt. Sehr ge­konnt. Aber er, Hand­ke, le­se dann doch lie­ber et­was we­ni­ger Ge­konn­tes. Ich sag­te noch, dass mich Men­schen­kind und der Acker­mann aus Kärn­ten da­mals be­wegt hät­ten, was ihn er­staun­te.

Aber Hand­ke ließ nicht mit sich re­den. Na­tür­lich weiß er, das Wink­ler ihn ver­ehrt und in die­sem neu­en Ro­man fin­den sich auch (gut ver­steckt) zwei Zi­ta­te von Über die Dör­fer (die am En­de er­wähnt wer­den zu­sam­men mit all den an­de­ren Zi­ta­ten bei­spiels­wei­se von An­na Ach­ma­towa, Rai­ner Ma­ria Ril­ke und Dscha­lal ad-Din Rūmī). Mit die­ser ri­go­ro­sen, mit An­er­ken­nung ver­se­he­nen Ab­leh­nung hat­te er mein In­ter­es­se ge­weckt.

Tat­säch­lich han­delt der neue Ro­man von Jo­sef Wink­ler von sei­ner fünf Jah­re äl­te­ren Schwe­ster Ma­ria, die am En­de ih­res Le­bens sie­ben Jah­re im »psych­ia­tri­schen Pfle­ge­heim in Möll­brücke, im Obe­ren Drau­tal, kei­ne zwan­zig Ki­lo­me­ter von ih­rem Hei­mat­ort Ka­me­ring ent­fernt« ver­brach­te. Die Er­in­ne­run­gen an die Schwe­ster, das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich-Er­zäh­ler Seppl und ihr bil­den das Ge­rüst. Aber oh­ne die Mo­ti­ve aus den ver­gan­ge­nen (Kamering-)Romanen, die in üb­li­cher, li­tan­ei­haf­ter Art und Wei­se vor­ge­tra­gen wer­den und den Er­zäh­ler und des­sen Emp­fin­dun­gen und Qua­len in den Mit­tel­punkt stel­len, kommt auch die­ses Buch nicht aus.

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Chri­sti­an Hal­ler: Ein­fal­len­de Däm­me­rung

Christian Haller: Einfallende Dämmerung
Chri­sti­an Hal­ler: Ein­fal­len­de Däm­me­rung

Der Mo­le­ku­lar­bio­lo­ge und Zell­for­scher Paul Bálint »be­trat an sei­nem acht­zig­sten Ge­burts­tag den Früh­stücks­raum des Ho­tels Du­cret.« So be­ginnt Ein­fal­len­de Däm­me­rung, das neue­ste Buch des 1943 ge­bo­re­nen Chri­sti­an Hal­ler. Es trägt die Gat­tungs­be­zeich­nung No­vel­le und so ist der Le­ser auf ei­ne »un­er­hör­te Be­ge­ben­heit« ein­ge­stellt. Die gibt es dann ge­gen En­de und sie ist über­ra­schend, weil man sich, ver­mut­lich ver­dor­ben durch all­zu aus­gie­bi­gen Film- und Fern­seh­spiel­kon­sum, auf an­de­res ein­ge­stellt hat­te. Da­bei be­dient sich Hal­ler durch­aus im Film­gen­re, in dem er den oh­ne­hin schon schma­len Text in 34 chro­no­lo­gisch an­ge­leg­ten Sze­nen an­legt. Er­zählt wird per­so­nal aus Sicht von Bálint, der nach be­ruf­li­chen Auf­ent­hal­ten un­ter an­de­rem in Ber­ke­ley und Pa­ris nun in Ba­sel wohnt.

Die Fei­er in Pa­ris hat ei­ne ehe­ma­li­ge Kol­le­gin or­ga­ni­siert, der er viel ver­dankt und er macht sich Vor­wür­fe, sie als Au­torin in ei­ni­gen Fach­auf­sät­zen nicht an er­ster Stel­le ge­nannt zu ha­ben. Sie heißt Made­lei­ne, was Bálint ge­fällt, denn der ist ein Proust-Le­ser, der sich in des­sen »Klang der Spra­che auf­ge­ho­ben« fühlt. Zwan­zig Gä­ste ha­ben sich ein­ge­fun­den aber Bálint fühlt sich ein biss­chen ver­lo­ren beim nach dem Es­sen ein­set­zen­den Tratsch der Com­mu­ni­ty, die er als »Fa­mi­lie« be­trach­tet, weil er kei­ne »rich­ti­ge« Fa­mi­lie hat­te.

Mehr als 50 Jah­re war er mit der Fo­to­gra­fin Car­la ver­hei­ra­tet und da bei­de Be­ru­fe gro­ße geo­gra­fi­sche Fle­xi­bi­li­tät ver­lang­ten, ent­schied man sich ge­gen Kin­der. Kurz nach Bálints Pen­sio­nie­rung ver­ließ Car­la ih­ren Mann zu Gun­sten ei­nes an­de­ren. Ein hal­bes Jahr spä­ter fiel sie in gro­ße psy­chi­sche Pro­ble­me, bat ih­ren Ex-Mann um Hil­fe, ging in Kli­ni­ken um sich dann doch in den Frei­tod zu stür­zen. Bálint such­te Hil­fe, fand in Stein­berg ei­nen The­ra­peu­ten mit ei­ner »war­men, freund­li­chen und prü­fen­den Zu­ge­wandt­heit«. Stein­berg, da­mals En­de 50, er­zähl­te et­was von jun­gem Al­ter und al­ten Al­ter, von zwei un­ter­schied­li­chen Kam­mern und den Ver­füh­run­gen der »Ver­gnü­gungs- und Ab­len­kungs­in­du­strie«. Stein­berg wird nach der The­ra­pie zu ei­nem Freund; man trifft sich zwang­los mit ei­ner ge­wis­sen Re­gel­mä­ßig­keit.

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Mi­cha­el Klee­berg: Achil­les in Ta­or­mi­na

»Du brauchst nur ei­nen ein­zi­gen wah­ren Satz zu schrei­ben.
Schreib den wahr­sten Satz, den du kennst.«
– Er­nest He­ming­way, Miss Stein do­ziert in Pa­risEin Fest fürs Le­ben

Michael Kleeberg: Achilles in Taormina
Mi­cha­el Klee­berg: Achil­les in Ta­or­mi­na

Achil­les in Ta­or­mi­na heißt das Buch des Karl­mann-Schöp­fers und Bun­des­re­pu­blik-Chro­ni­sten Mi­cha­el Klee­berg und es ver­spricht, über ein »Le­ben auf der Su­che nach He­ming­ways letz­tem Ge­heim­nis« zu er­zäh­len. Und das pas­siert auch – auf ei­ne li­stig-ori­gi­nel­le Art. Prot­ago­nist die­ses Ro­mans ist ein ge­wis­ser Mi­cha­el Klee­berg. »Let’s con­fu­se the bug­gers« steht schon als ein Mot­to dem Ro­man vor­an (der pop­kul­tu­rel­le Hin­ter­grund ist in­ter­es­sant, spielt aber kei­ne Rol­le) und es dau­ert tat­säch­lich ein biss­chen, die ein­ge­streu­ten Ver­wir­run­gen, de­nen der Le­ser aus­ge­setzt ist, zu sor­tie­ren. Denn die­ser Ich-Er­zäh­ler Mi­cha­el Klee­berg (von nun an wird die­ser hier kur­siv ge­schrie­ben) ist zwar in ei­ni­gen Punk­ten dem rea­len Mi­cha­el Klee­berg nach­emp­fun­den, dann aber doch ei­ne ganz an­de­re Fi­gur mit ei­nem an­de­rem Le­ben.

Zu­nächst ist da der Wunsch des Gym­na­sia­sten und Stu­den­ten Mi­cha­el Klee­berg, sei­nem Idol Er­nest He­ming­way nach­zu­ei­fern und rasch so et­was wie »Krieg« aus ei­ge­ner Er­fah­rung zu er­le­ben. Und so ver­dingt sich der 19jährige als Frei­wil­li­ger, um ad­äquat zu He­ming­ways Spa­ni­en-Ein­satz von 1937 mehr als 40 Jah­re spä­ter in Ni­ca­ra­gua das kor­rup­te So­mo­za-Re­gime zu be­kämp­fen. So geht es im Ju­ni 1979 ins Grenz­ge­biet zwi­schen Co­sta Ri­ca und Ni­ca­ra­gua. Er wird Teil ei­ner in­ter­na­tio­na­len Frei­wil­li­gen­trup­pe von rund 40 Per­so­nen und er­fährt ei­ne kur­ze mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Für die po­li­ti­sche Agi­ta­ti­on ist ein DDR-Mann vor Ort. Klee­berg lernt dort die zwei Jah­re jün­ge­re Lynn ken­nen und lie­ben, ei­ne Ame­ri­ka­ne­rin, aus, wie sich spä­ter zei­gen wird, gu­tem Haus. Sie schwö­ren sich so­bald wie mög­lich zu hei­ra­ten. Drei Wo­chen spä­ter geht es end­lich an die Front. Sie ge­ra­ten prompt un­ter ei­nem höl­li­schen Be­schuss, über­ste­hen je­doch den stun­den­lan­gen An­griff ir­gend­wie. Am glei­chen Tag wird ver­kün­det, dass So­mo­za das Land ver­las­sen hat.

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Me­lan­cho­lie und Son­nen­tau

Neue Er­zäh­lun­gen vom Li­te­ra­tur­ent­decker Mi­cha­el Hel­ming

Ein neu­es Buch von Mi­cha­el Hel­ming. Zu­ge­ge­ben, lei­der kein Ent­deckungs­buch wie Bye bye Ba­bel oder Lei­chen trepp­auf, in de­nen Dich­ter auf bio­gra­phisch-wun­der­ba­re Art der Ver­ges­sen­heit ent­ris­sen, ih­re Grä­ber be­sucht und der neu­gie­rig ge­wor­de­ne Le­ser Her­mann Un­gar, Heinz Ol­schwe­ski oder Kurt Mün­zer (aka Ge­org Fink) ken­nen­lern­te. Auch die 16 Sei­ten über den min­de­stens 35 Mal er­folg­los zum Li­te­ra­tur­no­bel­preis vor­ge­schla­ge­nen Jor­ge Lu­is Bor­ges, den er lie­be- und re­spekt­voll »Ge­or­gie« nennt, sind sehr in­struk­tiv. Gran­di­os dar­in die­ses Fo­to von ei­nem men­schen­lee­ren Platz mit Gar­ten­schachs und dem Un­ter­ti­tel: »Genf am 14.06.2006, auf den Tag ge­nau 20 Jah­re nach Bor­ges’ Tod« (Bor­ges starb in Genf).

Michael Helming: Notizen vom schwarzen Faden
Mi­cha­el Hel­ming: No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den

Nun al­so No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den. Zum Glück kein Ro­man, son­dern 19 Er­zäh­lun­gen oder, wie der Ver­lag schreibt, »Kurz­ge­schich­ten über das Rei­sen und das ewig un­ste­te Mensch­sein«. Das und die Hom­mage an Bor­ges im Kopf, soll­ten ei­nem die 5 Eu­ro wert sein.

Und selbst wenn man mit der Ge­schich­te über den Win­ter-Ver­käu­fer, der ei­ne sin­gen­de Ma­de ent­deckt und da­mit ei­ne Frau be­ein­drucken möch­te ein biss­chen frem­delt oder sich ein leich­ter Gru­sel ein­stellt bei der Er­zäh­lung über den Mann, der sich sel­ber in sei­ner Woh­nung im Ses­sel sit­zend be­geg­net – es gibt wirk­lich tol­le Er­zäh­lun­gen.

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Li­te­ra­ri­sche Er­kun­dun­gen

In Zei­ten zahl­lo­ser li­te­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen, die von rast­lo­sen Zir­ku­la­ti­ons­agen­ten in das Zen­trum der Auf­merk­sam­keit ge­pusht wer­den (sol­len), wei­chen vom Über­maß der Ent­täu­schun­gen zu­neh­mend er­mü­de­te Le­ser ver­stärkt auf Blü­ten­le­sen aus, in der ih­nen nicht nur Zu­sam­men­hän­ge und Pre­tio­sen aus ver­gan­ge­nen Li­te­ra­tur­wel­ten na­he­ge­bracht wer­den, son­dern das un­über­sicht­li­che Ta­bleau hel­fen, ein­zu­ord­nen. Ne­ben den eher auf­dring­lich-apo­dik­ti­schen, im Ab­stand von ei­ni­gen Jah­ren im­mer wie­der neu auf­ge­leg­ten Ka­non­de­bat­ten, sind dies an­spruchs­vol­le Mo­no­gra­fien, wie Ed­ward Franks Stran­ger than Fic­tion, ein Ver­such, drei­ßig Ro­ma­ne zu fin­den, die das 20. Jahr­hun­dert spie­geln oder, ern­ster, Hel­muth Kie­sels groß­ar­ti­ges Va­de­me­cum über die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur zwi­schen 1933 und 1945.

Leopold Federmair: Portraits
Leo­pold Fe­der­mair: Por­traits

Be­son­ders be­liebt sind Schrift­stel­ler­por­traits. So bei Hel­mut Böt­ti­ger und, als em­pha­ti­scher Lob- und Trau­er­red­ner, Mi­cha­el Krü­ger. Por­traits heißt denn auch kurz und knapp die so­eben er­schie­ne­ne Auf­satz­samm­lung des öster­rei­chi­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Schrift­stel­lers Leo­pold Fe­der­mair. Al­ler­dings könn­te der Ge­gen­satz zum feuil­le­to­ni­sti­schen Krü­ger kaum grö­ßer sein. Ver­sam­melt sind 27 Tex­te über 26 »Schrift­stel­ler, Dich­ter & Den­ker«, ent­stan­den in drei Jahr­zehn­ten. Die Por­traits wur­den an ver­schie­de­nen Stel­len on­line oder auf Pa­pier pu­bli­ziert und für das Buch ge­ge­be­nen­falls den Ak­tua­li­tä­ten an­ge­passt. Manch­mal fin­det man Pu­bli­ka­ti­ons­da­ten, manch­mal nicht; ei­ne Bi­blio­gra­phie fehlt.

Ein­stiegs­hil­fen

Schon im Vor­wort be­tont Fe­der­mair die Sub­jek­ti­vi­tät sei­ner Aus­wahl, die nicht zu­letzt sei­nem kos­mo­po­li­ti­schen Le­ben und der Neu­gier auf frem­de Län­der und de­ren Li­te­ra­tur fußt. So kommt süd­ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur vor, auch weil er un­ter an­de­rem län­ger in Ar­gen­ti­ni­en ge­lebt hat (und Spa­nisch spricht, die Wer­ke im Ori­gi­nal le­sen kann). Auch sei­ne Pro­fes­sur in Ja­pan zeigt Spu­ren. Ne­ben dem noch leid­lich be­kann­ten Kenzabu­ro Oe gibt es Auf­sät­ze zu zur tau­send Jah­re al­ten »Mäd­chen­li­te­ra­tur« von Sei Sho­na­gon so­wie über Ju­ni­chi­ro Ta­ni­zaki und den sich selbst als »Au­ßer­ir­di­schen« be­zeich­nen­den Hi­to­na­ri Tsu­ji.

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