Helmut Böttiger hebt zur Verteidigung der Literaturkritik an. Er hat soeben den Johann-Heinrich-Merck-Preis für Literaturkritik der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten. Man stellt sich das Auditorium vor, während er seine Tour d’horizon durch die Geschichte der deutschen Literaturkritik anstimmt. Es dürfte dort niemanden geben, der die von Böttiger genannten historischen Entwicklungen nicht kennt, aber man hört es bei solchen Gelegenheiten halt gerne. Damit alle etwas davon haben, werden solche Reden meist in Zeitungen abgedruckt. Hier war es die taz. Nun kann jeder lesen, wie die deutsche Literaturkritik entstand, sich entwickelte, durch den Zivilisationsbruch der Nazis wieder neu aufgebaut werden musste (die DDR kommt nicht vor) und wie der Preisträger die heutige Literaturkritik – an der er nach wie vor, man ist geneigt zu sagen: glücklicherweise!, mitwirkt – einschätzt.
Vieles davon ist längst kanonisch geworden. Die Klage, dass die Literaturkritik zunehmend den Kriterien unmittelbarer Konsumierbarkeit folgt, ist nicht neu. Böttiger selbst verweist auf Enzensberger, der die Kritiker schon vor mehr als fünfzig Jahren polemisch zu »Zirkulationsagenten« degradierte. Über jene Zeit, die Enzensberger damals derart kritisierte, gerät das Feuilleton heute bisweilen in verklärendes Schwärmen.
Ansichtssachen nennt der Jurist, Autor, Initiator eines Lexikons Kärntner slowenischer Literatur und »Kafkaloge« Janko Ferk sein neuestes Buch mit etwas mehr als 30 Kurz- und Kürzesttexten, teilweise skurril, bisweilen pointiert, manchmal sagen- bis märchenhaft aber fast immer mit persönlichen Referenzen und dies bewusst. Einige Beiträge sind neu, andere in verschiedenen Medien erschienen. Man liest (kurze) Portraits über die Künstler Valentin Oman (zum 90. Geburtstag) oder den »Puristen« Walter Vopava, Ausführungen über Gerechtigkeit, dazu passend eine fiktive Verteidigungsrede einer Maddalena vor einem Richter, die den Mord an einem Freier stellvertretend für ihre Erniedrigungen des bisherigen Lebens begründet. Es findet sich eine Bemerkung über die Verurteilung des Dorfrichters Adam durch den Bundesgerichtshof sowie eine »historische Collage« über Leo Pfeffer, der 1914 den Doppelmord von Sarajevo untersuchte und von Ferk anknüpfend an einem Roman von Milo Dor ebenfalls in einem solchen dargestellt wurde.
Wie so häufig zitiert sich Ferk auch hier selber, was bei der Fülle seiner thematischen Einlassungen irgendwann fast unumgänglich erscheint. Sogar in der Liebesgeschichte der Akademiker von Christian und Astrid, die sich zu vorgerücktem Alter finden und einen Kinderwunsch mit Hilfe der PID realisieren wollen, taucht er pseudonymisiert als intellektueller und vor allem juristischer Mentor auf.
Da hat sich einiges angesammelt. Zwei Fastenpredigten etwa. In einer spricht er frank und frei Priestern die Befugnis ab, Menschen als »Sünder« zu bezeichnen (was natürlich Auswirkungen auf das Sakrament der Beichte haben würde). Oder eine Anleitung zum Basteln eines Papierfliegers (vermutlich eine Allegorie, die sich mir verborgen hat). Dann eine halbe Seite gegen den Krieg. Aha.
Mit Der Krieg ist anderswo legt die vielfach ausgezeichnete Journalistin Åsne Seierstad ein 600seitiges Buch über, wie es im Untertitel heißt, »Russland von innen« vor. Es soll »Menschen vor Ort« zeigen und die »russische Seele« erkunden. Die 1970 geborene Seierstad studierte u. a. Russisch in den chaotischen 1990er Jahren in St. Petersburg und Moskau, berichtete später aus Bagdad, Tschetschenien und Afghanistan, portraitierte Anders Breivik und blickte auf dessen monströse Tat von 2011.
Das von Anja Lerz ins Deutsche übersetzte Buch besteht zum einen aus mehreren Reiseberichten aus Russland, die Seierstad zwischen 2023 und 2025 unternommen hatte. Und zum anderen ist es die Lebensgeschichte eines gewissen Andrej Medwedew, der von der Wagner-Truppe desertierte und in Norwegen Asyl sucht. Bisweilen gibt es Überschneidungen.
2023 trifft sie sich mit ehemaligen Studienfreundinnen in St. Petersburg, von denen inzwischen viele im und am Theater beschäftigt sind. Man besucht eine Inszenierung des dystopischen Romans Wir von Jewgeni Samjatin, der einst Orwell inspirierte. Auch im privaten Rahmen kann Seierstad den Reporterinnenmodus nicht ganz ablegen und kommt natürlich auf die russische Invasion der Ukraine zu sprechen. Überraschend dabei, dass diese progressive Intelligenz, die noch im Land verblieben ist, im Verhalten der Ukraine eine Mitschuld sieht. So berichtet eine Freundin mit Verwandtschaft im Donbas, dass das Leben eigentlich normal verlaufen sei. Aber als 2019 »die Ukrainer Russisch verboten, wurde es für sie [die russischsprechende Bevölkerung in der Ukraine] natürlich schwierig. Plötzlich wurde in allen Schulen auf Ukrainisch unterrichtet. Die Kinder, die zu Hause Russisch sprachen, sollten alle Fächer in einer Sprache lernen, die sie nicht beherrschten. Was macht man da?«. Die Antwort Seierstads ist lapidar: »Tja, dann muss man eben Ukrainisch lernen«.
Samuel Beckett besuchte vom 28. September 1936 bis 1. April 1937 Deutschland. Weniger als erstrebtes Ziel, eher als ein Wegkommen aus Irland. Zudem wollte er seine Deutschkenntnisse verbessern. Er ist 30 Jahre alt und versucht über einen Agenten einen Verleger für seinen Roman Murphy zu finden. Der Verlag, der zugesagt hat, gefällt ihm nicht. Nun also Deutschland, Nazi-Deutschland, kurz nach den Olympischen Spielen. Er beginnt in Hamburg, dann Berlin, Leipzig (»Dickicht«), Dresden (»zauberhaft«), Nürnberg (»grauenhafter Schneematsch«), München. Beckett arbeitet sich wie ein besessener Kunsthistoriker durch Museen, Galerien lernt Sammler kennen, fällt Urteile, oft mit verblüffender Scharfsichtigkeit. In den Museen gibt es inzwischen Schreckens- oder Folterkammern mit expressionistischen Bildern, die für Deutsche nicht mehr zugängig sind; als Ausländer oder mit Empfehlungen geht es noch. Gerade diese verbotenen Dinge interessieren Beckett. Er liest deutsche Zeitungen, ist angeekelt von dem Nazi-Kult, hält mit nichts in diesen Tage- oder besser, Erinnerungsbüchern, hinter dem Berg. Fast überall ist das Essen schlecht oder miserabel (»Deutsches Essen ist wirklich furchtbar«). Der Antisemitismus zeigt sich in Kleinigkeiten, die Beckett genau registriert.
Über die kolossale Edition des Suhrkamp-Verlags, der die Tagebücher in einer zweisprachigen Ausgabe herausbringt1, hat Jürgen Nielsen-Sikora einiges Gute geschrieben. Ich gestehe, dass ich den mehr als 1000 seitigen Korpus nicht vollständig gelesen habe. Aber nach dem Anhören des vierteiligen, von Gaby Hartel und zeitblom inszenierten und Sabin Tambrea gesprochenen Hörspiels, nimmt der Appetit stark zu. Auch wenn man sich an die Hintergrundakustik, die häufig leicht bedrohliches suggeriert, erst einmal gewöhnen muss, besticht der Duktus der Lesung, weil die Stimmungslagen Becketts kongenial gespiegelt werden.
Eigentlich sollte Peter Handkes 2009 erschienene epische Erzählung Die morawische Nacht Samara heißen. Samara bedeutet, so kann man lesen, »die Nacht im Gespräch verbringen.« Es scheint allerdings eher unwahrscheinlich, dass Caroline Wahl mit der Wahl des Namens ihrer Protagonistin in 1999 Meter über dem Meer hierauf Bezug nimmt. Ihre Hauptfigur Samara ist Ende 20, Anfang 30, Einzelkind, intaktes Elternhaus, solide Mittelschicht (der »Baba« hat eine Kfz-Werkstatt). Sie hat ihren Master in Literatur und Geschichte gemacht und zieht demnächst nach Berlin, um als »Junior-PR-Beraterin« in einer Agentur für 2700 Euro brutto anzufangen. Bis dahin wird, nicht zuletzt um den Eltern ihre Lebenstüchtigkeit zu beweisen, eine Reise nach Bali gemacht. Alles selbst herausgesucht, inklusive Flug mit Transit-Aufenthalt in Doha. Aber auf Bali ist es heiß, es gibt weder RTL+ noch bezahlbares kohlensäurehaltiges Wasser, von den obsessiv-geliebten Müllermilch-Drinks erst gar nicht zu reden. In den Acht- oder Sechsbettschlafräumen lauter geschwätzige Touristinnen (besonders schlimm sind die Amerikanerinnen). Die Ausflüge mit dem E‑Scooter enden stets in einem Fiasko – entweder Sturz oder Unwetter oder beides. Immerhin gelingen ihr mit der Leica einige Schnappschüsse. Für 390 Euro extra bucht sie nach dem Fast-Badeunfall im Meer einen früheren Rückflug. Wieder Transitraum in Doha und diesmal schlafende Menschen auf den angelegten Kunstrasen.
Kurz zu den Eltern. Und vor dem Umzug nach Berlin schenkt ihr der Vater einen »Mercedes SL R 129, 1999 Erstzulassung. Dritte Hand, und nur 80000 Kilometer.« Erst schockiert (sie ist seit dem Führerschein nicht mehr gefahren), wird ihr das Fahrzeug rasch ans Herz wachsen.
Es ist ein berühmtes Zitat von Walther Rathenau, dem erfolgreichen Unternehmer und späteren Außenminister, geschrieben 1909 in seiner Schrift »Geschäftlicher Nachwuchs«, in dem er sich mit dem Unternehmertum des Kaiserreichs und dessen Verflechtungen untereinander beschäftigte: »Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents.« Konstantin Richter bedient sich in seinem inzwischen ausgezeichneten und zum Bestseller avancierten Buch über »Aufstieg und Fall der Deutschland AG« dieser Metapher und nannte sein Buch entsprechend: Dreihundert Männer.
Der Satz wird später von Antisemiten gegen Rathenau verwendet werden, wenn sie von dreihundert »Juden« sprechen. Rathenau übernahm das Bild aus der Geschichte über jene 300 Spartaner, »die in der Schlacht bei den Thermopylen die viel größere persische Armee in Schach hielten«, so folgert Richter. Vergessen wird, dass diese dreihundert Spartaner zwar der Übermacht trotzen konnten, allerdings nur für kurze Zeit. Sie wurden dann, wie es so schön heißt, »aufgerieben«, d. h. vernichtet. Insofern hätte Rathenau eine dem Untergang geweihte Klientel beschrieben. Und tatsächlich, nach der Lektüre des Buches mehr als einhundert Jahre später ist klar, dass die Deutschland AG, die Rathenau charakterisiert hatte, nicht mehr existent.
Fürs Erste hätte geholfen, wenn Richter den Satz vollständig zitiert hätte: »Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung.« Die Hermetik dieses elitären Kreises wird so noch deutlicher. Gleichzeitig begannen die Probleme für die in der Gründerzeit aus kleinen Anfängen entstandenen Unternehmen, die um die Jahrhundertwende zu weltwirtschaftlich relevanter Größe gewachsen waren. Sie sahen sich nach und nach mit der Nachfolger-Frage konfrontiert. Die meisten Firmenpatriarchen versuchten, es in der Familie zu belassen. Das beste Beispiel hierfür ist Siemens. Der Tüftler und Erfinder brachte sechs von neun Brüdern in Positionen in seinem Unternehmen. Andere begannen, einen oder mehrere leitende Angestellte, sogenannte Manager, zu implementieren und zogen sich aus dem Tagesgeschäft weitgehend zurück. Emil Rathenau, der Vater von Walther Rathenau, war einer der ersten »Manager«. Er war es, der für AEG das Patent auf Edisons Glühlampe erwarb während Siemens & Halske auf die »Jablotschkowschen Kerzen« setzte.
Im letzten Jahr feierte Ulf Poschardt1 mit seiner Philippika über das Shitbürgertum einen Spiegel-Bestseller, obwohl (oder trotz?) des Starts der Publikation im Selbstverlag. Rasch fand sich mit dem Westend-Verlag eine offiziöse Bleibe. Poschardt fand statt der liebevollen Bezeichnungen wie »juste-milieu« oder einfach nur »Gutmenschen« eine neue Vokabel für jene moralinsauren Besserwisser, die anderen ungefragt Essens , Reise , Lektüre , Sprach , Mobilitäts- und Verhaltensimperative erteilt und Vegetarismus, autofreies Leben, antidiskriminierende Lektüre, gendersprachliche Formulierungen und CO2-neutrale Lebensweise zu Dogmen erhebt. Bedrohlich fand Poschardt, dass diese Klientel inzwischen große Teile der Politik und Medienöffentlichkeit usurpiert haben und ihre Mission politischen, ökonomischen und kulturellen Prozessen überstülpen. Wer diskutieren will oder gar widerspricht, wird aus dem Diskursraum exkommuniziert. Debatten werden zu Gesinnungsprüfungen, bei Nichtgefallen drohen Shitstorm und Petition.
Die ostentative Schnoddrigkeit des Buchs balancierte gekonnt zwischen Manifest, Wuttext und Invektive garniert mit einer Prise Übermut. Poschardt verstand es, mit seinem »journalistischen Dreschflegelaktionismus« (Christoph Narholz) eine von politischer Resignation erfasste Zielgruppe, lokalisierbar irgendwo zwischen Ralf Dahrendorf und Ludwig Erhard, eine Sprache zu geben. Dabei distanzierte er sich sorgfältig von rechtsnationalistisch-völkischem Gedankengut der vermeintlichen Alternative und machte auch nicht den Fehler, sich zu tief in Tagesaktualitäten zu begeben, sondern blieb bei theoretischen Betrachtungen zum großen Ganzen. Damit erreichte er bei aller rhetorischen Schärfe eine gewisse Elastizität und bisweilen Heiterkeit. Letztere befördert dadurch, dass suggeriert wurde, das Shitbürgertum läge in den letzten Zügen trotz der Mitläufer, die er damals »Lauchbourgeoisie« oder, kürzer, »Lauch« nannte. Das Shitbürgertum, so hieß es, habe »eine Pädagogik der Angst entworfen, um diese Bourgeoisie loyal zu halten.«
Kaum ein Jahr später geht Poschardt daran, das Verhältnis zwischen Shitbürgern und ihren Mitmachern genauer zu betrachten. Die Gemüsekonnotation wurde in der Biotonne entsorgt, stattdessen ist nun vom Bückbürger die Rede, einem »Zombie der Zivilgesellschaft. Es ist der Bürger, der sich selbst aufgegeben hat.« Band zwei dieser Deutschland-Soziologie heißt dementsprechend Bückbürgertum, was streng genommen ungenau ist, weil es eine gewisse Autonomie zwischen den beiden Schichten nahelegt, die der Autor selber negiert, sind doch die Grenzen eher fließend.
Man erspare mir die Nennung der Funktionen, die Poschardt innerhalb der Springer- bzw. WELT-Gruppe damals hatte bzw. heute hat – es verändert sich zu schnell ↩