Beckett, Coo­per, Bach­mann­preis

Samuel Beckett: German Diaries
Sa­mu­el Beckett: Ger­man Dia­ries

Ger­man Dia­ries – Deut­sche Ta­ge­bü­cher.

Sa­mu­el Beckett be­such­te vom 28. Sep­tem­ber 1936 bis 1. April 1937 Deutsch­land. We­ni­ger als er­streb­tes Ziel, eher als ein Weg­kom­men aus Ir­land. Zu­dem woll­te er sei­ne Deutsch­kennt­nis­se ver­bes­sern. Er ist 30 Jah­re alt und ver­sucht über ei­nen Agen­ten ei­nen Ver­le­ger für sei­nen Ro­man Mur­phy zu fin­den. Der Ver­lag, der zu­ge­sagt hat, ge­fällt ihm nicht. Nun al­so Deutsch­land, Na­zi-Deutsch­land, kurz nach den Olym­pi­schen Spie­len. Er be­ginnt in Ham­burg, dann Ber­lin, Leip­zig (»Dickicht«), Dres­den (»zau­ber­haft«), Nürn­berg (»grau­en­haf­ter Schnee­matsch«), Mün­chen. Beckett ar­bei­tet sich wie ein be­ses­se­ner Kunst­hi­sto­ri­ker durch Mu­se­en, Ga­le­rien lernt Samm­ler ken­nen, fällt Ur­tei­le, oft mit ver­blüf­fen­der Scharf­sich­tig­keit. In den Mu­se­en gibt es in­zwi­schen Schreckens- oder Fol­ter­kam­mern mit ex­pres­sio­ni­sti­schen Bil­dern, die für Deut­sche nicht mehr zu­gän­gig sind; als Aus­län­der oder mit Emp­feh­lun­gen geht es noch. Ge­ra­de die­se ver­bo­te­nen Din­ge in­ter­es­sie­ren Beckett. Er liest deut­sche Zei­tun­gen, ist an­ge­ekelt von dem Na­zi-Kult, hält mit nichts in die­sen Ta­ge- oder bes­ser, Er­in­ne­rungs­bü­chern, hin­ter dem Berg. Fast über­all ist das Es­sen schlecht oder mi­se­ra­bel (»Deut­sches Es­sen ist wirk­lich furcht­bar«). Der An­ti­se­mi­tis­mus zeigt sich in Klei­nig­kei­ten, die Beckett ge­nau re­gi­striert.

Über die ko­los­sa­le Edi­ti­on des Suhr­kamp-Ver­lags, der die Ta­ge­bü­cher in ei­ner zwei­spra­chi­gen Aus­ga­be her­aus­bringt1, hat Jür­gen Niel­sen-Si­ko­ra ei­ni­ges Gu­te ge­schrie­ben. Ich ge­ste­he, dass ich den mehr als 1000 sei­ti­gen Kor­pus nicht voll­stän­dig ge­le­sen ha­be. Aber nach dem An­hö­ren des vier­tei­li­gen, von Ga­by Har­tel und zeit­blom in­sze­nier­ten und Sa­bin Tam­brea ge­spro­che­nen Hör­spiels, nimmt der Ap­pe­tit stark zu. Auch wenn man sich an die Hin­ter­grund­a­ku­stik, die häu­fig leicht be­droh­li­ches sug­ge­riert, erst ein­mal ge­wöh­nen muss, be­sticht der Duk­tus der Le­sung, weil die Stim­mungs­la­gen Becketts kon­ge­ni­al ge­spie­gelt wer­den.

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  1. Englisch und deutsch. Text und Kommentar. Aus dem Englischen von Gaby Hartel. Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Mit Abbildungen ↩

Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer
Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Ei­gent­lich soll­te Pe­ter Hand­kes 2009 er­schie­ne­ne epi­sche Er­zäh­lung Die mo­ra­wi­sche Nacht Sa­ma­ra hei­ßen. Sa­ma­ra be­deu­tet, so kann man le­sen, »die Nacht im Ge­spräch ver­brin­gen.« Es scheint al­ler­dings eher un­wahr­schein­lich, dass Ca­ro­li­ne Wahl mit der Wahl des Na­mens ih­rer Prot­ago­ni­stin in 1999 Me­ter über dem Meer hier­auf Be­zug nimmt. Ih­re Haupt­fi­gur Sa­ma­ra ist En­de 20, An­fang 30, Ein­zel­kind, in­tak­tes El­tern­haus, so­li­de Mit­tel­schicht (der »Baba« hat ei­ne Kfz-Werk­statt). Sie hat ih­ren Ma­ster in Li­te­ra­tur und Ge­schich­te ge­macht und zieht dem­nächst nach Ber­lin, um als »Ju­ni­or-PR-Be­ra­te­rin« in ei­ner Agen­tur für 2700 Eu­ro brut­to an­zu­fan­gen. Bis da­hin wird, nicht zu­letzt um den El­tern ih­re Le­bens­tüch­tig­keit zu be­wei­sen, ei­ne Rei­se nach Ba­li ge­macht. Al­les selbst her­aus­ge­sucht, in­klu­si­ve Flug mit Tran­sit-Auf­ent­halt in Do­ha. Aber auf Ba­li ist es heiß, es gibt we­der RTL+ noch be­zahl­ba­res koh­len­säu­re­hal­ti­ges Was­ser, von den ob­ses­siv-ge­lieb­ten Mül­ler­milch-Drinks erst gar nicht zu re­den. In den Acht- oder Sechs­bett­schlaf­räu­men lau­ter ge­schwät­zi­ge Tou­ri­stin­nen (be­son­ders schlimm sind die Ame­ri­ka­ne­rin­nen). Die Aus­flü­ge mit dem E‑Scooter en­den stets in ei­nem Fi­as­ko – ent­we­der Sturz oder Un­wet­ter oder bei­des. Im­mer­hin ge­lin­gen ihr mit der Lei­ca ei­ni­ge Schnapp­schüs­se. Für 390 Eu­ro ex­tra bucht sie nach dem Fast-Ba­de­un­fall im Meer ei­nen frü­he­ren Rück­flug. Wie­der Tran­sit­raum in Do­ha und dies­mal schla­fen­de Men­schen auf den an­ge­leg­ten Kunst­ra­sen.

Kurz zu den El­tern. Und vor dem Um­zug nach Ber­lin schenkt ihr der Va­ter ei­nen »Mer­ce­des SL R 129, 1999 Erst­zu­las­sung. Drit­te Hand, und nur 80000 Ki­lo­me­ter.« Erst schockiert (sie ist seit dem Füh­rer­schein nicht mehr ge­fah­ren), wird ihr das Fahr­zeug rasch ans Herz wach­sen.

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Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Konstantin Richter: Dreihundert Männer
Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Es ist ein be­rühm­tes Zi­tat von Walt­her Ra­then­au, dem er­folg­rei­chen Un­ter­neh­mer und spä­te­ren Au­ßen­mi­ni­ster, ge­schrie­ben 1909 in sei­ner Schrift »Ge­schäft­li­cher Nach­wuchs«, in dem er sich mit dem Un­ter­neh­mer­tum des Kai­ser­reichs und des­sen Ver­flech­tun­gen un­ter­ein­an­der be­schäf­tig­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents.« Kon­stan­tin Rich­ter be­dient sich in sei­nem in­zwi­schen aus­ge­zeich­ne­ten und zum Best­sel­ler avan­cier­ten Buch über »Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG« die­ser Me­ta­pher und nann­te sein Buch ent­spre­chend: Drei­hun­dert Män­ner.

Der Satz wird spä­ter von An­ti­se­mi­ten ge­gen Ra­then­au ver­wen­det wer­den, wenn sie von drei­hun­dert »Ju­den« spre­chen. Ra­then­au über­nahm das Bild aus der Ge­schich­te über je­ne 300 Spar­ta­ner, »die in der Schlacht bei den Ther­mo­py­len die viel grö­ße­re per­si­sche Ar­mee in Schach hiel­ten«, so fol­gert Rich­ter. Ver­ges­sen wird, dass die­se drei­hun­dert Spar­ta­ner zwar der Über­macht trot­zen konn­ten, al­ler­dings nur für kur­ze Zeit. Sie wur­den dann, wie es so schön heißt, »auf­ge­rie­ben«, d. h. ver­nich­tet. In­so­fern hät­te Ra­then­au ei­ne dem Un­ter­gang ge­weih­te Kli­en­tel be­schrie­ben. Und tat­säch­lich, nach der Lek­tü­re des Bu­ches mehr als ein­hun­dert Jah­re spä­ter ist klar, dass die Deutsch­land AG, die Ra­then­au cha­rak­te­ri­siert hat­te, nicht mehr exi­stent.

Fürs Er­ste hät­te ge­hol­fen, wenn Rich­ter den Satz voll­stän­dig zi­tiert hät­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents und su­chen sich Nach­fol­ger aus ih­rer Um­ge­bung.« Die Her­me­tik die­ses eli­tä­ren Krei­ses wird so noch deut­li­cher. Gleich­zei­tig be­gan­nen die Pro­ble­me für die in der Grün­der­zeit aus klei­nen An­fän­gen ent­stan­de­nen Un­ter­neh­men, die um die Jahr­hun­dert­wen­de zu welt­wirt­schaft­lich re­le­van­ter Grö­ße ge­wach­sen wa­ren. Sie sa­hen sich nach und nach mit der Nach­fol­ger-Fra­ge kon­fron­tiert. Die mei­sten Fir­men­pa­tri­ar­chen ver­such­ten, es in der Fa­mi­lie zu be­las­sen. Das be­ste Bei­spiel hier­für ist Sie­mens. Der Tüft­ler und Er­fin­der brach­te sechs von neun Brü­dern in Po­si­tio­nen in sei­nem Un­ter­neh­men. An­de­re be­gan­nen, ei­nen oder meh­re­re lei­ten­de An­ge­stell­te, so­ge­nann­te Ma­na­ger, zu im­ple­men­tie­ren und zo­gen sich aus dem Ta­ges­ge­schäft weit­ge­hend zu­rück. Emil Ra­then­au, der Va­ter von Walt­her Ra­then­au, war ei­ner der er­sten »Ma­na­ger«. Er war es, der für AEG das Pa­tent auf Edi­sons Glüh­lam­pe er­warb wäh­rend Sie­mens & Hals­ke auf die »Ja­blotsch­kow­schen Ker­zen« setz­te.

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Ulf Po­s­ch­ardt: Bück­bür­ger­tum

Ulf Poschardt: Bückbürgertum
Ulf Po­s­ch­ardt: Bück­bür­ger­tum

Im letz­ten Jahr fei­er­te Ulf Po­s­ch­ardt1 mit sei­ner Phil­ip­pi­ka über das Shit­bür­ger­tum ei­nen Spie­gel-Best­sel­ler, ob­wohl (oder trotz?) des Starts der Pu­bli­ka­ti­on im Selbst­ver­lag. Rasch fand sich mit dem West­end-Ver­lag ei­ne of­fi­ziö­se Blei­be. Po­s­ch­ardt fand statt der lie­be­vol­len Be­zeich­nun­gen wie »ju­ste-mi­lieu« oder ein­fach nur »Gut­men­schen« ei­ne neue Vo­ka­bel für je­ne mo­ra­lin­sauren Bes­ser­wis­ser, die an­de­ren un­ge­fragt Es­sens , Rei­se , Lek­tü­re , Sprach , Mo­bi­li­täts- und Ver­hal­tensim­pe­ra­ti­ve er­teilt und Ve­ge­ta­ris­mus, au­to­frei­es Le­ben, an­ti­dis­kri­mi­nie­ren­de Lek­tü­re, gen­der­sprach­li­che For­mu­lie­run­gen und CO2-neu­tra­le Le­bens­wei­se zu Dog­men er­hebt. Be­droh­lich fand Po­s­ch­ardt, dass die­se Kli­en­tel in­zwi­schen gro­ße Tei­le der Po­li­tik und Me­di­en­öf­fent­lich­keit usur­piert ha­ben und ih­re Mis­si­on po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Pro­zes­sen über­stül­pen. Wer dis­ku­tie­ren will oder gar wi­der­spricht, wird aus dem Dis­kurs­raum ex­kom­mu­ni­ziert. De­bat­ten wer­den zu Ge­sin­nungs­prü­fun­gen, bei Nicht­ge­fal­len dro­hen Shits­torm und Pe­ti­ti­on.

Die osten­ta­ti­ve Schnodd­rig­keit des Buchs ba­lan­cier­te ge­konnt zwi­schen Ma­ni­fest, Wut­text und In­vek­ti­ve gar­niert mit ei­ner Pri­se Über­mut. Po­s­ch­ardt ver­stand es, mit sei­nem »jour­na­li­sti­schen Dresch­fle­gel­ak­tio­nis­mus« (Chri­stoph Nar­holz) ei­ne von po­li­ti­scher Re­si­gna­ti­on er­fass­te Ziel­grup­pe, lo­ka­li­sier­bar ir­gend­wo zwi­schen Ralf Dah­ren­dorf und Lud­wig Er­hard, ei­ne Spra­che zu ge­ben. Da­bei di­stan­zier­te er sich sorg­fäl­tig von rechts­na­tio­na­li­stisch-völ­ki­schem Ge­dan­ken­gut der ver­meint­li­chen Al­ter­na­ti­ve und mach­te auch nicht den Feh­ler, sich zu tief in Ta­ges­ak­tua­li­tä­ten zu be­ge­ben, son­dern blieb bei theo­re­ti­schen Be­trach­tun­gen zum gro­ßen Gan­zen. Da­mit er­reich­te er bei al­ler rhe­to­ri­schen Schär­fe ei­ne ge­wis­se Ela­sti­zi­tät und bis­wei­len Hei­ter­keit. Letz­te­re be­för­dert da­durch, dass sug­ge­riert wur­de, das Shit­bür­ger­tum lä­ge in den letz­ten Zü­gen trotz der Mit­läu­fer, die er da­mals »Lauch­bour­geoi­sie« oder, kür­zer, »Lauch« nann­te. Das Shit­bür­ger­tum, so hieß es, ha­be »ei­ne Päd­ago­gik der Angst ent­wor­fen, um die­se Bour­geoi­sie loy­al zu hal­ten.«

Kaum ein Jahr spä­ter geht Po­s­ch­ardt dar­an, das Ver­hält­nis zwi­schen Shit­bür­gern und ih­ren Mit­ma­chern ge­nau­er zu be­trach­ten. Die Ge­mü­se­kon­no­ta­ti­on wur­de in der Bio­ton­ne ent­sorgt, statt­des­sen ist nun vom Bück­bür­ger die Re­de, ei­nem »Zom­bie der Zi­vil­ge­sell­schaft. Es ist der Bür­ger, der sich selbst auf­ge­ge­ben hat.« Band zwei die­ser Deutsch­land-So­zio­lo­gie heißt dem­entspre­chend Bück­bür­ger­tum, was streng ge­nom­men un­ge­nau ist, weil es ei­ne ge­wis­se Au­to­no­mie zwi­schen den bei­den Schich­ten na­he­legt, die der Au­tor sel­ber ne­giert, sind doch die Gren­zen eher flie­ßend.

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  1. Man erspare mir die Nennung der Funktionen, die Poschardt innerhalb der Springer- bzw. WELT-Gruppe damals hatte bzw. heute hat – es verändert sich zu schnell ↩

Szc­ze­pan Twar­doch: Sehn­sucht

Szczepan Twardoch: Sehnsucht
Szc­ze­pan Twar­doch: Sehn­sucht

En­de der 1980er Jah­re kam der Film Der Zu­fall mög­li­cher­wei­se des pol­ni­schen Re­gis­seurs Krzy­sz­tof Kieś­low­ski in die deut­schen Ki­nos. Der Film, der be­reits Jah­re zu­vor ge­dreht wur­de und in Po­len zu­nächst nicht ge­zeigt wer­den durf­te, ku­mu­liert in ei­ner Sze­ne, in der die Haupt­fi­gur, ein Stu­dent na­mens Wi­tek, nach dem Tod sei­nes Va­ters mit dem Zug nach War­schau fah­ren und sein Le­ben neu ord­nen will. Nun wer­den drei ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en durch­ge­spielt. In der er­sten Ver­si­on er­reicht er ge­ra­de noch den Zug und wird Jah­re spä­ter zum kom­mu­ni­sti­schen Funk­tio­när. In der zwei­ten Va­ri­an­te legt er sich am Bahn­hof mit ei­nem Po­li­zi­sten an, was den Keim für ein Le­ben als Dis­si­dent legt. Auch in der drit­ten Ver­si­on ver­passt er den Zug knapp, be­geg­net statt­des­sen ei­ner Stu­di­en­kol­le­gin, in die er sich ver­liebt. Die bei­den hei­ra­ten und ver­brin­gen ihr Le­ben im un­po­li­ti­schen Pri­va­ten. Am Schluss wer­den die drei Va­ri­an­ten wie­der zu­sam­men­ge­führt, in dem Wi­tek ein Flug­zeug be­tritt, wel­ches ab­stürzt.

Kieś­low­skis Mei­ster­werk in­spi­rier­te Re­gis­seu­re, Dreh­buch­schrei­ber, aber auch Schrift­stel­ler, um zu zei­gen, wie klei­ne Nu­an­cen Le­bens­läu­fe ver­än­dern kön­nen. Es ist an­zu­neh­men, dass Szc­ze­pan Twar­doch den Film sei­nes Lands­manns kennt. Denn sein neu­er Ro­man mit dem leicht merk­wür­di­gen Ti­tel Sehn­sucht, über­setzt von Olaf Kühl, schreibt das kon­tra­fak­ti­sche Den­ken in bis­wei­len ab­surd an­mu­ten­den Wen­dun­gen wei­ter. Der pol­ni­sche Ti­tel, der im Buch auch lau­fend zi­tiert wird, gibt die Rich­tung vor: »Sa­gen wir, [Er­win] Piontek«. Ein »Sa­gen wir«, dass den Le­ser ste­tig da­mit kon­fron­tiert, dass es sich um ein fik­tio­na­les Mög­lich­keits­wer­kes han­delt.

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Nichts wie weg

Stephan Thome: Besser als nie
Ste­phan Thome: Bes­ser als nie

An­dert­halb Jahr­zehn­te nach sei­nem Ge­sell­schafts­ro­man Grenz­gang macht Ste­phan Thome mit Bes­ser als nie aus sei­nem Ber­gen­stadt ei­nen Trai­ler­park.

2009 sorg­te der in Tai­wan le­ben­de Schrift­stel­ler Ste­phan Thome für ei­ne klei­ne Feuil­le­ton­dis­kus­si­on. Sein Erst­ling Grenz­gang spie­gel­te die Er­eig­nis­se ei­ni­ger Fi­gu­ren an­hand ei­nes al­le sie­ben Jah­re in ei­ner hes­si­schen Klein­stadt statt­fin­den­den, weit über die re­gio­na­len Gren­zen be­kann­ten, seit rund 200 Jah­ren ge­fei­er­ten Stadt- und Land­fe­stes mit dem Na­men Grenz­gang. Mit der Um­be­nen­nung des Or­tes vom rea­len Bie­den­kopf (rd. 12.000 Ein­woh­ner; Tho­mes Ge­burts­stadt) zum ima­gi­nä­ren Ber­gen­stadt (im Ro­man 7.000 Ein­woh­ner) soll­te die Fik­tio­na­li­sie­rung un­ter­stri­chen wer­den, wenn­gleich die Ri­tua­le des Fe­stes, et­wa die hi­sto­risch be­ding­ten Wan­de­run­gen rund um die Grenz­mar­kie­run­gen und die Peit­schen­schwün­ge über­nom­men wur­den. Für ei­ni­ge Kri­ti­ker war dies zu viel. Sie wit­ter­ten ei­ne »Re­nais­sance des deut­schen Pro­vinz­ro­mans«, ver­mut­lich weil die Haupt­fi­gu­ren we­der in Ber­lin, New York oder Pa­ris leb­ten und es sich nicht um schreib­ge­hemm­te Schrift­stel­ler, schöp­fungs­mü­de Künst­ler oder des­il­lu­sio­nier­te Aka­de­mi­ker han­del­te. Man ver­glich Tho­mes Klein­stadt­bio­top mit den da­mals neu her­aus­ge­kom­me­nen Wer­ken von Fo­ster Wal­lace und Bo­la­ño.

Nun fällt der Pro­vin­zia­lis­mus­vor­wurf fast im­mer dann, wenn Kri­ti­ker ih­re ei­ge­ne (Klein)Bürgerlichkeit, die sie mehr oder we­ni­ger er­folg­reich ver­drän­gen, all­zu deut­lich wie­der­erken­nen. Der Spie­gel kann manch­mal grau­sam sein. Im Fu­ror über­sa­hen sie, dass sich in den im Buch statt­fin­den­den Rück­blen­den der ein­zel­nen Prot­ago­ni­sten (um­fas­send die Jah­re zwi­schen 1985 und 2006 in Sie­ben­jah­ren-Schrit­ten) ein Mo­sa­ik über den Zu­stand des Lan­des ent­wickel­te. Thome setz­te die Grenz­gang-Fe­ste der­art, dass es 2006 mit dem »Som­mer­mär­chen« der Fuß­ball-WM in Deutsch­land zu­sam­men­traf. Liest man die Epi­so­den heu­te noch ein­mal nach, ist man er­staunt, wie ge­löst und frei man sich da­mals fühl­te.

Nach­träg­lich bin ich froh, die TV-Ver­fil­mung von Grenz­gang aus 2013 auf­grund wid­ri­ger Um­stän­de (der Re­kor­der nahm nicht auf) ver­passt zu ha­ben. So kann man sich nun, im neu­en Grenz­gang-Ro­man mit dem zu­nächst rät­sel­haf­ten Ti­tel Bes­ser als nie wei­ter­hin so vor­stel­len, wie man sie aus der Er­in­ne­rung (und den da­ma­li­gen No­ti­zen) re­kon­stru­iert hat­te.

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Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch
Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Der Ti­tel des neu­en Bu­ches ist et­was merk­wür­dig, wenn man Fran­cis Fu­ku­ya­mas Schrif­ten nicht kennt: Der letz­te Mensch (Über­set­zer: Hel­mut Dier­lamm und Tho­mas Stau­der). Nach dem kur­zen Vor­wort scheint der 1952 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner mit ja­pa­ni­schen Wur­zeln mit die­sem Buch ei­ne Art Au­to­bio­gra­phie, ein Me­moir, vor­zu­le­gen. Er er­zählt von sei­ner Fa­mi­lie, den Drang­sa­lie­run­gen und In­ter­nie­run­gen ei­ni­ger Fa­mi­li­en­mit­glie­dern nach Pearl Har­bor, als in den USA al­le Ja­pa­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht fie­len. Er er­zählt wei­ter von zer­stör­ten Kar­rie­ren, ge­bro­che­nen See­len, aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Fa­mi­li­en, der star­ken Per­sön­lich­keit sei­ner aka­de­misch ge­bil­de­ten Mut­ter und den li­be­ra­len An­sich­ten sei­nes pa­zi­fi­stisch ein­ge­stell­ten Va­ters, ein pro­mo­vier­ter Re­li­gi­ons­so­zio­lo­ge. Der Va­ter stand fünf­zehn Jah­re der »United Church of Christ« vor. Auch die Mut­ter war Chri­stin.

Fu­ku­ya­ma er­zählt über sein Stu­di­um, sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang, der zum größ­ten Teil in »In­sti­tu­tio­nen der öf­fent­li­chen Po­li­tik« statt­fand, streift nur kurz die Tätigkeit(en) im US-Au­ßen­mi­ni­ste­ri­um (Stich­wort: Ver­trau­lich­keit), schließ­lich sei­ne Lehr­tä­tig­kei­ten. Er er­zählt von sei­nen hand­werk­li­chen Fä­hig­kei­ten, den Schrei­ner­ar­bei­ten, der Her­stel­lung vom Baum­roh­ling bis zum »Pem­bro­ke-Tisch­chen im Fe­de­ral Style« (ei­ne fünf­jäh­ri­ge Ar­beit), der tie­fen Be­frie­di­gung die­ser Hand­ar­beit. Ei­ne Zeit lang sam­mel­te Fu­ku­ya­ma Lei­ca-Ka­me­ras. Spä­ter bau­te er Com­pu­ter, schrieb Pro­gram­me, will von den An­ge­bo­ten der Tech-Gi­gan­ten au­to­nom sein. Be­reit­wil­lig of­fen­bart er sei­ne Schwä­chen: Er ist un­sport­lich und zu sei­nem Be­dau­ern lei­der voll­kom­men un­mu­si­ka­lisch. Letz­te­res de­kre­tiert er auch als ein Ur-Pro­blem der USA, die in der Mu­sik im Ge­gen­satz zu Eu­ro­pa kei­ne »tie­fen kul­tu­rel­len Wur­zeln« ha­be. Es feh­le ei­ne »star­ke na­tio­na­le Mu­sik­tra­di­ti­on«; eu­ro­päi­sche klas­si­sche Mu­sik blie­be ein Phä­no­men der Ober­schicht.

Bis­wei­len por­trai­tiert er Per­sön­lich­kei­ten aus sei­nem aka­de­mi­schen Mi­lieu. Et­wa ei­ner sei­ner Leh­rer, Allan Bloom, der ein Schü­ler von Leo Strauss war (des­sen Phi­lo­so­phie wird knapp er­läu­tert). Man hät­te nach die­sen Aus­füh­run­gen Blooms Buch Der Nie­der­gang des ame­ri­ka­ni­schen Gei­stes von 1987 ger­ne ge­le­sen, aber es ist nicht mal mehr aus se­riö­sen an­ti­qua­ri­schen Quel­len ver­füg­bar. Man er­fährt et­was über sein Ver­hält­nis zu Sa­mu­el Hun­ting­ton und ist über­rascht zu er­fah­ren, wel­ches Fu­ku­ya­ma als sein wich­tig­stes Buch ein­schätzt.

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