
Im letzten Jahr feierte Ulf Poschardt1 mit seiner Philippika über das Shitbürgertum einen Spiegel-Bestseller, obwohl (oder trotz?) des Starts der Publikation im Selbstverlag. Rasch fand sich mit dem Westend-Verlag eine offiziöse Bleibe. Poschardt fand statt der liebevollen Bezeichnungen wie »juste-milieu« oder einfach nur »Gutmenschen« eine neue Vokabel für jene moralinsauren Besserwisser, die anderen ungefragt Essens , Reise , Lektüre , Sprach , Mobilitäts- und Verhaltensimperative erteilt und Vegetarismus, autofreies Leben, antidiskriminierende Lektüre, gendersprachliche Formulierungen und CO2-neutrale Lebensweise zu Dogmen erhebt. Bedrohlich fand Poschardt, dass diese Klientel inzwischen große Teile der Politik und Medienöffentlichkeit usurpiert haben und ihre Mission politischen, ökonomischen und kulturellen Prozessen überstülpen. Wer diskutieren will oder gar widerspricht, wird aus dem Diskursraum exkommuniziert. Debatten werden zu Gesinnungsprüfungen, bei Nichtgefallen drohen Shitstorm und Petition.
Die ostentative Schnoddrigkeit des Buchs balancierte gekonnt zwischen Manifest, Wuttext und Invektive garniert mit einer Prise Übermut. Poschardt verstand es, mit seinem »journalistischen Dreschflegelaktionismus« (Christoph Narholz) eine von politischer Resignation erfasste Zielgruppe, lokalisierbar irgendwo zwischen Ralf Dahrendorf und Ludwig Erhard, eine Sprache zu geben. Dabei distanzierte er sich sorgfältig von rechtsnationalistisch-völkischem Gedankengut der vermeintlichen Alternative und machte auch nicht den Fehler, sich zu tief in Tagesaktualitäten zu begeben, sondern blieb bei theoretischen Betrachtungen zum großen Ganzen. Damit erreichte er bei aller rhetorischen Schärfe eine gewisse Elastizität und bisweilen Heiterkeit. Letztere befördert dadurch, dass suggeriert wurde, das Shitbürgertum läge in den letzten Zügen trotz der Mitläufer, die er damals »Lauchbourgeoisie« oder, kürzer, »Lauch« nannte. Das Shitbürgertum, so hieß es, habe »eine Pädagogik der Angst entworfen, um diese Bourgeoisie loyal zu halten.«
Kaum ein Jahr später geht Poschardt daran, das Verhältnis zwischen Shitbürgern und ihren Mitmachern genauer zu betrachten. Die Gemüsekonnotation wurde in der Biotonne entsorgt, stattdessen ist nun vom Bückbürger die Rede, einem »Zombie der Zivilgesellschaft. Es ist der Bürger, der sich selbst aufgegeben hat.« Band zwei dieser Deutschland-Soziologie heißt dementsprechend Bückbürgertum, was streng genommen ungenau ist, weil es eine gewisse Autonomie zwischen den beiden Schichten nahelegt, die der Autor selber negiert, sind doch die Grenzen eher fließend.
Man erspare mir die Nennung der Funktionen, die Poschardt innerhalb der Springer- bzw. WELT-Gruppe damals hatte bzw. heute hat – es verändert sich zu schnell ↩





