Frank Goo­sen: Love­ly Ri­ta

Frank Goosen: Lovely Rita
Frank Goo­sen: Love­ly Ri­ta

Längst ist der Ka­ba­ret­tist und Buch­au­tor Frank Goo­sen so et­was wie der Eth­no­lo­ge des Ruhr­ge­biets oder, ge­nau­er: Bo­chums. Sei­ne Pro­gram­me, Ko­lum­nen, Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen spru­deln ge­ra­de­zu vor »At­mo­sphä­re«. So­gar der wirk­lich gro­ße und so ganz an­de­re Au­tor, der früh ver­stor­be­ne Wolf­gang Welt, ist vor Goo­sens Ver­ein­nah­mung als »Pott­kind« und Bo­chum-Mas­kott­chen nicht si­cher. Mit Love­ly Ri­ta legt Goo­sen ei­nen neu­en Ro­man vor, ei­ne äu­ßer­lich wil­de Ele­gie auf die (fik­ti­ve) Bo­chu­mer Knei­pe Haus Him­mel­reich, die, als der Ro­man be­ginnt, in zwei Ta­gen schlie­ßen soll. Der na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­ler, der ei­ni­ge Merk­ma­le von Goo­sen trägt, will ur­sprüng­lich ei­nen Ar­ti­kel für ein Ma­ga­zin schrei­ben, aber er merkt rasch, dass hier Stoff für ein Buch ist, denn er sieht »über­all Ro­ma­ne«. Ob­wohl: das Ma­ga­zin wür­de ganz gut zah­len.

Und dann al­so geht’s los mit Glück­se­lig­keit, WDR5 und dem Lob auf die Pils­blu­men. Star­ring: ein »zer­stör­ter« Mensch, der Käpt’n ge­nannt wird und des­sen Frau einst Schlamm­cat­che­rin auf St. Pau­li war, das Fak­to­tum Wil­li Trom­mer und Die­ter, der Au­to­ma­ten­auf­stel­ler und Juke­box-Ex­per­te (spä­ter, wenn es ans er­in­nern geht, kommt noch »El­vis« da­zu, der al­ler­dings in den 80ern an AIDS starb). Am Stamm­tisch wird ge­kno­belt oder Skat ge­spielt, am Zapf­hahn ist Gi­se­la, in wei­ßer Blu­se, da­her der Ko­se­na­me »White Blues La­dy« (man muss ka­lau­er­re­si­li­ent sein bei der Lek­tü­re), seit mehr als drei­ßig Jah­ren an­ge­stellt und im­mer da, auch und vor al­lem wenn Ri­ta Ur­ba­ni­ak, die ei­gent­li­che Wir­tin, ei­ne ih­rer ge­heim­nis­um­wit­ter­ten Aus­zei­ten nimmt. Der als Dich­ter apo­stro­phier­te Frisch­ling wird erst ein­mal in die all­ge­mei­nen Re­geln des Him­mel­reichs ein­ge­führt, lernt, wie man »er­det« und wann man was aus­zu­ge­ben hat. Knei­pen­folk­lo­re, die Au­then­ti­zi­tät sug­ge­riert.

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Ja­na Pu­glie­rin: Wer ver­tei­digt Eu­ro­pa?

Jana Puglierin: Wer verteidigt Europa?
Ja­na Pu­glie­rin:
Wer ver­tei­digt Eu­ro­pa?

Wer ver­tei­digt Eu­ro­pa? be­ginnt mit ei­nem Sze­na­rio. Es ist 2029, in Deutsch­land ist ei­ne schwarz-ro­te Re­gie­rung nur noch ge­schäfts­füh­rend im Amt. Die AfD hat­te 29,6% Stim­men­an­teil bei der letz­ten Wahl; es gibt, wie es scheint, kei­ne Mehr­heit mehr oh­ne sie. Die Ukrai­ne muss­te grö­ße­re Ge­bie­te an Russ­land ab­tre­ten, in Frank­reich sitzt ein Prä­si­dent des RN und die USA hat­te un­ter Prä­si­dent Van­ce ih­re Trup­pen in Ost­eu­ro­pa re­du­ziert. In Ber­lin ist man über­rascht und hilf­los: Russ­land greift über den Su­wal­ki-Kor­ri­dor das Bal­ti­kum an. Und nun?

Oh­ne sol­che Sze­na­ri­en geht es nicht mehr. Ja­na Pu­glie­rin, Lei­te­rin des Ber­li­ner Bü­ros des Eu­ro­pean Coun­cil of For­eign Re­la­ti­ons, ei­nes Thinktank, will ver­deut­li­chen, was ge­sche­hen könn­te, wenn jetzt nichts ge­schieht. Ih­re Kron­zeu­gen sind die Ent­wick­lun­gen der Ver­gan­gen­heit, die Be­schwich­ti­gun­gen der Eu­ro­pä­er 2014 und noch 2021, als Russ­land die Trup­pen vor der Ukrai­ne mas­sier­te und al­le an ein Ma­nö­ver glaub­ten. Be­son­ders Deutsch­land ver­wei­ger­te lan­ge, sich den Rea­li­tä­ten zu stel­len. Zu wich­tig war das rus­si­sche Gas. Und dann die nai­ven Be­ur­tei­lun­gen 2024, als Do­nald Trump aber­mals zum Prä­si­den­ten der USA ge­wählt wur­de und al­le glaub­ten, ihn ir­gend­wie ein­he­gen zu kön­nen und nicht wahr­ha­ben woll­ten, dass Trump sich Pu­tin an­nä­hern könn­te. Schmei­che­lei­en, Ver­bie­gun­gen, Schön­re­den – das macht Pu­glie­rin mehr als deut­lich – hel­fen höch­stens kurz­fri­stig.

Ganz oh­ne die­se Aus­flü­ge in die Ver­gan­gen­heit kommt das Buch nicht aus. In­ter­es­sant wird es, wenn es in die Zu­kunft weist. Da­bei wird die zwei­te Prä­si­dent­schaft Trumps als Be­ginn ei­ner Epo­che ge­se­hen, nicht als Aus­rei­ßer. Nach Trump dürf­te mit J. D Van­ce je­mand be­reit­ste­hen, der noch we­ni­ger In­ter­es­se an der NATO und der Si­cher­heit und Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas zeigt. Her­fried Mün­k­ler mein­te neu­lich, Van­ce sei noch ge­fähr­li­cher als Trump, weil in­tel­li­gen­ter. Mit Van­ce über­neh­me, so Pu­glie­rin, ei­ne Ge­ne­ra­ti­on die po­li­ti­schen Ge­schicke, die ge­se­hen ha­be, wie In­ter­ven­tio­nen bei­spiels­wei­se in Af­gha­ni­stan oder dem Irak ge­schei­tert wa­ren. Bi­den sei der letz­te Trans­at­lan­ti­ker als Prä­si­dent ge­we­sen. Und schon Bi­dens Amts­zeit hät­te sich an­ders ent­wickelt, wenn nicht der rus­si­sche Über­fall auf die Ukrai­ne pas­siert wä­re.

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Neu­es von Brink­mann und Ploog

Schreibheft 106
Schreib­heft 106

Seit die Wit­we Ma­leen Brink­mann den Nach­lass von Rolf Die­ter Brink­mann frei­ge­ge­ben und 2023 nach Mar­bach ge­ge­ben hat­te, wird jetzt das Ge­bir­ge sei­ner bis­her un­ver­öf­fent­lich­ten Tex­te be­stie­gen. Im Früh­jahr be­ginnt ei­ne Brief­edi­ti­on (Brie­fe von 1956–1958) bei Wall­stein, her­aus­ge­ge­ben von Mar­kus Fauser und Ann­kath­rin Son­der. Und im neu­en Schreib­heft von Nor­bert Wehr kann man ei­ne er­ste Aus­wahl fin­den, ge­trof­fen und spar­sam kom­men­tiert von Mi­cha­el Tö­te­berg.

Es be­ginnt mit ei­nem Text aus 1971, über­schrie­ben als Fra­ge im Brink­mann-Stil Wor­über kann man noch schrei­ben, was? und es scheint so, als er­in­ne­re er sich, wenn es um die »ab­traum­haft leer[en] Au­gen­blicke am Sonn­tag nach dem Mit­tag­essen« geht, die er fast her­bei­be­schwor, wo­mög­lich ei­ne Re­mi­nis­zenz an ei­ne Er­zäh­lung von 1963 mit dem Ti­tel Ein lan­ger Sonn­tag, die sich eben­falls im Schreib­heft fin­det. Tö­te­berg skiz­ziert die Ge­schich­te die­ser Er­zäh­lung, die Brink­mann mehr­mals um­ge­schrie­ben hat­te, zeit­wei­se wei­ter aus­führ­te und als ei­nen Ro­man­an­fang dach­te. Sein da­ma­li­ger Lek­tor Die­ter Wel­lers­hoff schick­te sie, als »Werk­stück« de­kla­riert, an Wal­ter Höl­le­rer, der da­mals zu­sam­men mit Hans Ben­der die Li­te­ra­tur­zeit­schrift Ak­zen­te her­aus­gab. »HB da­ge­gen« fin­det sich schließ­lich auf dem Brief und die Er­zäh­lung wur­de nicht ab­ge­druckt, wan­der­te ins Ak­zen­te-Ar­chiv und wur­de von Au­tor und Lek­tor ver­ges­sen.

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Lau­ra Freu­den­tha­ler: Iris

Laura Freudenthaler: Iris
Lau­ra Freu­den­tha­ler: Iris

Nach der Welt­un­ter­gangs­dy­sto­pie Ar­son legt Lau­ra Freu­den­tha­ler mit Iris nun ei­nen Fast-Ge­gen­warts­ro­man vor. Er ist bis auf sel­te­ne Ich-Pas­sa­gen aus der Per­spek­ti­ve der in Wien le­ben­den Schrift­stel­le­rin Iris er­zählt, die wie al­le Prot­ago­ni­sten nach­na­men­los bleibt. Die drei­zehn Ka­pi­tel des Kurz­ro­mans sind, wie man dies in­zwi­schen von Ma­thi­as Enard, Lá­sz­lo Kra­szn­ahor­kai und An­drás Vis­ky kennt, als Lang­satz­pro­sa ver­fasst (nur ein­mal gibt es ei­nen Dop­pel­punkt).

Der Ro­man be­ginn et­wa 2019, es kommt die Co­vid-Pan­de­mie vor, die In­va­si­on Russ­lands der Ukrai­ne im Fe­bru­ar 2022 und en­det ir­gend­wann da­nach. Iris ist in die­ser Zeit sehr häu­fig auf Rei­sen; folgt Ein­la­dun­gen von Uni­ver­si­tä­ten und Kul­tur­in­sti­tu­ten von Chi­ca­go, New York, Rom, Nea­pel, Ti­ra­na, Bres­lau, Bel­grad, Pa­ris bis nach Banga­lo­re und Goa. Wer mag, kann Par­al­le­len zu Freu­den­tha­lers En­ga­ge­ments nach­le­sen; ei­ni­ge ih­rer frü­he­ren Bü­cher wur­den un­ter an­de­rem ins al­ba­ni­sche und ser­bi­sche über­setzt. (Iris nahm al­ler­dings nicht in Kla­gen­furt teil.)

Mit dem Fo­to­gra­fen An­ton, ih­rem Le­bens­part­ner, un­ter­nimmt Iris Ur­laubs­rei­sen, ist in Ve­ne­dig und auf Si­zi­li­en. Die bei­den le­ben in ei­ner of­fe­nen Be­zie­hung. Sex mit An­ton ist zu­meist Ma­le­dom. Iris lässt sich dann bei­spiels­wei­se die Au­gen ver­bin­den und an ei­ne Ei­sen­stan­ge fes­seln. Oder mit ei­nem Seil fes­seln. Es gibt zwei, drei sol­cher Er­eig­nis­se, die er­zählt wer­den. Iris hat auch bis­wei­len (se­xu­el­le) Tref­fen mit an­de­ren Män­nern. An­tons Rei­sen und Af­fä­ren kom­men nicht vor. Am En­de will er für län­ge­re Zeit »fort­ge­hen«.

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Vol­ker Per­thes: Die Mul­ti­po­la­ri­sie­rung der Welt

Volker Perthes: Die Multipolarisierung der Welt
Vol­ker Per­thes:
Die Mul­ti­po­la­ri­sie­rung der Welt

Es ist nicht leicht in die­sen dis­rup­tiv ge­präg­ten Zei­ten Bü­cher über geo­stra­te­gi­sche The­men zu schrei­ben, die Be­stand ha­ben. Vol­ker Per­thes hat es mit sei­nem »geo­po­li­ti­schen Rat­ge­ber« Die Mul­ti­po­la­ri­sie­rung der Welt ver­sucht. Die Fah­nen, die mir vor­lie­gen, sind im Ok­to­ber 2025 er­stellt wor­den. Ob es ei­ne An­pas­sung auf­grund der ak­tu­el­len Er­eig­nis­se (Ve­ne­zue­la, Grön­land, Frie­dens­rat) gab, ist mir zum Zeit­punkt mei­ner Re­zen­si­on nicht be­kannt. An­de­rer­seits kann es auch von Vor­teil sein, sich nicht den Lau­nen des Ta­ges­ge­schäfts hin­zu­ge­ben. Geo­po­li­ti­sche Stra­te­gien ent­ste­hen zu­meist un­ab­hän­gig von ak­tu­el­len Hy­ste­rien.

Vol­ker Per­thes, lang­jäh­ri­ger Lei­ter der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik und UN-Di­plo­mat, was man zum ei­nen dar­an er­kennt, dass er in sei­nem Buch die UNO mit dem im deut­schen Au­ßen­amt üb­li­chen Akro­nym »VN« be­zeich­net und zum an­de­ren, dass er die Ver­ein­ten Na­tio­nen als geo­po­li­ti­schen Spie­ler im­mer noch ernst nimmt.

Zu­nächst wird er­läu­tert wie aus der Bi­po­la­ri­tät des Kal­ten Krie­ges (USA vs UdSSR) nach dem Mau­er­fall der He­ge­mon USA als ein­zi­ge Welt­macht üb­rig­blieb. Es war die Zeit, als das »En­de der Ge­schich­te« for­mu­liert und der (Neu-)Beginn der »re­gel­ba­sier­ten Ord­nung« des Völ­ker­rechts als all­seits ak­zep­tier­te Hand­lungs­ma­xi­me aus­ge­ru­fen wur­de. Hier­in fällt die Rück­erobe­rung von Ku­wait aus ira­ki­scher Be­sat­zung, die un­ter Fe­der­füh­rung der USA vom da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Ge­or­ge Bush mit aus­drück­li­chem Man­dat der UN und den re­gio­na­len Mäch­ten durch­ge­führt wur­de. Die­se Welt­ord­nung mit den Ver­ein­ten Na­tio­nen als Mo­tor währ­te nur kurz (und wur­de ei­gent­lich schon durch die Bür­ger­krie­ge in Ex-Ju­go­sla­wi­en aus­ge­he­belt).

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Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg
Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

Im Ge­gen­satz zu Herscht 07769, ei­nem Text, der aus ei­nem Satz be­stand, gibt es in Zsöm­le ist weg, dem neu­en Ro­man des Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Lá­szló Kra­szn­ahor­kai, im­mer­hin elf Ka­pi­tel und da­mit elf Sät­ze. Sie wer­den nur ge­le­gent­lich von fett­ge­druck­ten, co­mic­ar­ti­gen Ver­sa­li­en un­ter­bro­chen, die den Er­zähl­fluss aus­ein­an­der­rei­ßen, oh­ne da­bei die Chro­no­lo­gie aus der Sicht der Haupt­fi­gur zu ver­las­sen. Das von Hei­ke Flem­ming ins Deut­sche über­setz­te Buch er­in­nert stark an Tho­mas Bern­hard, gar­niert mit ei­ner Pri­se aus Der Fürst spricht (Jan Pe­ter Bre­mer).

In ei­nem Dorf auf ei­nem Berg in Un­garn, durch­aus drei Stun­den mit »Bus, Zug, Me­tro« von der Haupt­stadt ent­fernt, lebt in den 2010er Jah­ren ein ge­wis­ser Józ­sef Ka­da, zu Be­ginn der Ge­schich­te 91 Jah­re alt. Al­le nen­nen ihn On­kel Józ­si, aber er stammt, und das ist die Sen­sa­ti­on, aus der Ár­pá­den-Li­nie des un­ga­ri­schen Kö­nigs­hau­ses, wel­ches eben nicht mit Bé­la IV. 1301 aus­ge­stor­ben war, son­dern 750 Jah­re ver­deckt wei­ter exi­stier­te. On­kel Józ­si ist dem­nach ein Nach­fah­re von Dschin­gis Khan und die Herr­schaft der Habs­bur­ger wird nach­träg­lich zur Be­sat­zung er­klärt.

Bis­her hat Józ­si von sei­ner Ab­stam­mung we­nig Auf­he­bens ge­macht, aber er er­hält Be­such, im­mer häu­fi­ger und im­mer mehr und die­se Leu­te wol­len ihn wie­der auf den Thron brin­gen, Un­garn zur Mon­ar­chie ma­chen. So stellt man sich die Fin­dungs­kom­mis­si­on für den neu­en Da­lai La­ma vor. Mit »dem jun­gen Bag­idy« gibt es ei­nen Hi­sto­ri­ker, der zu­nächst skep­tisch ist, dann aber Quel­len ge­fun­den hat, die On­kel Józ­sis The­se stüt­zen. Der ist ei­gent­lich ein biss­chen le­bens­mü­de zu Be­ginn, wie sein Hund, Zsöm­le, der nur noch den Kopf he­ben kann. Die Be­su­cher kom­men nur in die Kü­che. Den Herd facht er nicht mehr an; es loh­ne sich nicht mehr. Den Kaf­fee kocht er auf zwei Herd­plat­ten.

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Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Dieter Bongartz: Vaterland
Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Der Ti­tel die­ses Ro­mans ist von fei­ner Dop­pel­deu­tig­keit: Va­ter­land. Ge­meint ist nicht un­be­dingt das, was man sich dar­un­ter vor­stellt; in­di­rekt na­tür­lich schon. Da wird von je­man­dem er­zählt, der im Land des Va­ters lebt, dem Land, in der die Ver­gan­gen­heit nicht ver­gan­gen ist und da lebt der Va­ter, der Karl heißt, einst Vor­zei­ge­ober­ge­frei­ter, der vor der Reichs­kanz­lei bei Staats­be­su­chen in blank­ge­putz­ten Stie­feln die Gä­ste emp­fing, spä­ter dann ging es nach Nor­we­gen, die er­sten To­ten wa­ren Eng­län­der, die man fo­to­gra­fier­te, Tro­phä­en, dann Russ­land, er ist Feld­we­bel, »Po­si­ti­on 3351«, ein Hü­gel, den man »hal­ten« muss, er kann nicht auf den ein­zi­gen Rus­sen, der ihm dort be­geg­net, schie­ßen, et­was hält ihn zu­rück, statt­des­sen schießt der Rot­ar­mist, zwei Kopf­schüs­se, zer­schos­se­ner Mund, er wird aus der »Mat­sche­pam­pe« ins La­za­rett ge­tra­gen. Sech­zehn Mal wird Karl ope­riert, dann ei­ne Pfle­ge­an­stalt, er ist nur noch ein Kno­chen­ge­rip­pe, »Mit­glied im Bund der Hirn­ver­letz­ten«. »Sie müss­ten tot sein, sa­gen die Ärz­te« und sie schie­ben ihn zur An­schau­ung in die Hör­sä­le der Uni­ver­si­tä­ten.

Es ist aber auch die Ge­schich­te von Loui­se, da­mit be­ginnt al­les, wie sie, die klei­ne Loui­se, ih­ren Va­ter, den Kut­scher, be­wun­dert und ver­ehrt; Kind­heits­idyl­le. Und dann pas­siert das, was nicht pas­sie­ren darf, der Va­ter wird krank, tod­krank, er »be­lei­digt« sie mit sei­nem Tod und nun ist sie mit Heinz, dem Bru­der, und der über­for­der­ten Mut­ter al­lei­ne und sie müs­sen sich durch­schla­gen. Es sind die 1920er oder 30er Jah­re, Loui­se nimmt ei­ne Bü­ro­stel­lung an, ir­gend­wie lernt sie Karl ken­nen, ei­ne kon­fes­sio­nel­le »Misch­ehe«. Das Paar zieht von Qued­lin­burg ins Rhein­land, Ma­rie wird ge­bo­ren. Nach den Schüs­sen auf Karl be­sucht sie ihn Wo­chen oder Mo­na­te spä­ter, wird zu sei­nem Bett ge­führt und dann sagt sie das, was er nie ver­ges­sen wird: »Schwe­ster, das ist nicht mein Mann. Das ist nicht mein Mann. Nicht mein Mann …«. Im­mer wie­der. Trom­mel­feu­er.

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Hel­muth Kie­sel: Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Hel­muth Kie­sel:
Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten von Hel­muth Kie­sel ist Band XI der Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart. Er schließt die Lücke zwi­schen Band X, der 2017 eben­falls von Kie­sel ver­fass­ten Ge­schich­te der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 1918 – 1933 und dem be­reits 2006 er­schie­ne­nen Band XII über die »deut­sche Li­te­ra­tur« nach 1945.

Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, der sich Hel­muth Kie­sel un­ter­zo­gen hat und wenn man ehr­lich ist, dann kann man sich nie­mand an­de­ren vor­stel­len, der dies hät­te der­art groß­ar­tig be­wäl­ti­gen kön­nen. Um den Le­se­fluss nicht zu hem­men, ver­zich­tet Kie­sel voll­stän­dig auf Fuß- oder End­no­ten und ver­packt bi­blio­gra­phi­sche De­tails im Text. Das gilt auch für die den je­wei­li­gen Ka­pi­teln vor­an­ge­stell­ten bis­her er­schie­ne­nen Auf­sät­ze, Zu­sam­men­stel­lun­gen und Mo­no­gra­phien zu Teil­aspek­ten ei­nes The­mas. Im An­hang gibt es ne­ben ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ein de­tail­lier­tes Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster. Be­son­ders de­tail­rei­che Aus­füh­run­gen zu Wer­ken, Prot­ago­ni­sten oder The­sen wer­den in klei­ne­rer Schrift ab­ge­druckt. Es ist mög­lich, die­se Stel­len zu über­sprin­gen, oh­ne den Zu­sam­men­hang zu ver­lie­ren. Ich ra­te da­von ab; was Hel­muth Kie­sel zu sa­gen hat, ist durch­weg fun­diert und in­ter­es­sant.

Im­mer wie­der wird Be­zug ge­nom­men auf Band X, der die 14jährige »Blü­te­zeit« der deut­schen Li­te­ra­tur um­fasst, um das Aus­maß des »ter­ro­ri­stisch durch­ge­setz­ten Bruchs mit der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on«, die sich mit dem 30. Ja­nu­ar 1933 zeig­te, deut­lich zu ma­chen. Kurz wird dis­ku­tiert, ob man von »Macht­er­grei­fung« oder, neu­tra­ler, »Macht­über­nah­me« re­den soll­te. Kie­sel ver­wen­det dann fast durch­gän­gig »Macht­er­grei­fung«.

Exil ge­gen bin­nen­deutsch

Kie­sel er­klärt, dass die um­fang­rei­che Gen­re- und Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur nicht in die­se Epo­chen­be­trach­tung auf­ge­nom­men wur­de (ge­le­gent­lich zei­gen sich al­ler­dings Grenz­fäl­le). Der Fo­kus liegt auf »dich­te­risch her­aus­ra­gen­de und zeit­ge­schicht­lich auf­schluß­rei­che Li­te­ra­tur.« Ge­klärt wird der Un­ter­schied zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur und klar­ge­stellt, dass die im Exil ent­stan­de­ne Li­te­ra­tur selbst­ver­ständ­lich in die­se Be­trach­tung ein­be­zo­gen wer­den muss, weil sie ei­ne »Spiel­art« der deut­schen Li­te­ra­tur dar­stellt und die »po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands nach 1933« als Haupt­the­ma hat­te. Die Exil­li­te­ra­tur trat an, »(1.) [zu] zei­gen, wo­zu das freie Deutsch­land kul­tu­rell fä­hig ist; (2.) die Wahr­heit über das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land ver­brei­ten; (3.) den Kampf ge­gen Hit­ler un­ter­stüt­zen.« Letz­te­res war be­son­ders wich­tig für die kom­mu­ni­sti­schen Au­toren, die un­ter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten, ih­re Li­te­ra­tur, aber auch Flug­blät­ter und Auf­ru­fe im Reich zu ver­brei­ten, um auf­klä­re­risch zu wir­ken. Die deutsch(sprachig)e Li­te­ra­tur aus dem Exil war min­de­stens zu Be­ginn sehr stark po­li­tisch grun­diert.

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