Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Frank Jakubzik: Gefühlte Zuversicht

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Vor drei Jah­ren er­schie­nen mit »In der mitt­le­ren Ebe­ne« 17 Er­zäh­lun­gen von Frank Ja­kub­zik. Sie sei­en, so der Un­ter­ti­tel, »aus den ka­pi­ta­li­sti­schen Jah­ren« und han­del­ten von »Sa­les­lem­min­gen« und »klinkenputzende(n) No­ma­den«, evo­zier­ten mit gro­ßer Ge­nau­ig- und Be­hut­sam­keit die Me­lan­cho­lie der zu Ver­kaufs­au­to­ma­ten de­gra­dier­ten An­ge­stell­ten, die auf der Au­to­bahn, in muf­fi­gen Ho­tel­zim­mern oder ste­ri­len Kon­fe­renz­räu­men agie­ren müs­sen und den Noch-En­thu­si­as­mus ih­rer Chefs, oft ge­nug Mitt­drei­ssi­ger, die, sich selbst be­rau­schend an ih­rem ei­ge­nen Busi­ness­sprech, aus­hal­ten müs­sen.

Mit »Ge­fühl­te Zu­ver­sicht« ist jetzt ein neu­er Er­zäh­lungs­band von Ja­kub­zik mit 15 Ge­schich­ten er­schie­nen (zwei da­von wa­ren in frü­he­ren Fas­sun­gen in Zeit­schrif­ten pu­bli­ziert wor­den). Das The­men­feld ist er­wei­tert, der Ka­pi­ta­lis­mus und des­sen De­for­ma­tio­nen spie­len nur noch teil­wei­se ei­ne Rol­le. Auch die Schau­plät­ze sind un­ter­schied­lich. Mal wird von ei­nem »Mar­tin der Küh­ne« er­zählt, ei­nem Bü­cher­samm­ler aus Mainz, der gro­ße Sta­pel von Bü­chern, al­le­samt von der Stadt­bi­blio­thek aus­ran­gier­te Lei­he­x­em­pla­re, in her­ku­li­scher An­stren­gung un­ter sei­nen Ach­seln durch den be­gin­nen­den Re­gen nach Hau­se trägt (und da­bei fast ei­ne Ver­ab­re­dung ver­passt). In ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung er­kennt man Kas­sel. Es gibt Ju­gend­er­in­ne­run­gen aus der deut­schen Pro­vinz. Oder Men­schen sit­zen im Zug nach Frank­furt oder Portland/USA. Nils Rem­ming, ein pen­sio­nier­ter An­ge­stell­ter, fliegt in ein klei­nes Land, in dem selbst die Na­tur­ka­ta­stro­phen »zu be­schei­den« sind, um in den Welt­nach­rich­ten vor­zu­kom­men, mit 837.000 Eu­ro im Hand­ge­päck (»Die Frei­heit«) – und er­lebt ei­ne Über­ra­schung. Die letz­te Er­zäh­lung – »Zwei ja­pa­ni­sche Fa­beln« ge­nannt – spielt in To­kio, der Le­ser lernt Herrn und Frau Ko­shi­mo­ri ken­nen, de­nen all­nächt­lich et­was fa­bel- und wun­der­haf­tes wi­der­fährt (das En­de ist wahr­lich rüh­rend).

Der gan­ze Bei­trag »Va­ria­tio­nen von Zu­ver­sicht« hier bei Glanz und Elend le­sen

Ko­stüm- und Ku­lis­sen­brei

Filmplakat Deutschstunde - © Artwork Darius Ghanai, Fotografie Sammy Hart

Film­pla­kat Deutsch­stun­de – © Art­work Da­ri­us Gha­nai, Fo­to­gra­fie Sam­my Hart

Chri­sti­an Schwo­chow ver­filmt Sieg­fried Lenz’ Deutsch­stun­de. Aber war­um nur?

Die »Deutsch­stun­de« ist neu ver­filmt wor­den (Ki­no­start: 3. Ok­to­ber). Die »Deutsch­stun­de« von Sieg­fried Lenz? Ge­nau die. War­um? Und, vor al­lem, wie? Da war doch der zwei­tei­li­ge Film von Pe­ter Be­au­vais von 1971. 600 Sei­ten auf drei­ein­halb Stun­den kom­pri­miert; ad­ap­tiert. »Von den Freu­den der Pflicht« schreibt Sig­gi Jep­sen im Buch als ei­ne Art Straf­ar­beit, aber auch zur Selbst­auf­ar­bei­tung in ei­ner Zel­le. Ei­ner Ge­fäng­nis­zel­le. Weil er vor­her, in an­dert­halb Stun­den, nichts hat­te schrei­ben kön­nen, weil die Mas­se der Bil­der und Ein­drücke zu vie­le wa­ren.

1968 er­schien das Buch »Deutsch­stun­de«. Mit­ten in den APO-Zei­ten. Nun war Sieg­fried Lenz kein Ak­ti­vist; sei­ne po­li­ti­schen Auf­trit­te be­schränk­ten sich in den 1970er Jah­ren dar­auf, Wil­ly Brandt im Wahl­kampf zu un­ter­stüt­zen. Mit den Re­vo­luz­zern der 67er oder 68er konn­te er nichts an­fan­gen. Den­noch ging das Buch nicht un­ter – im Ge­gen­teil. Es wur­de ein Best­sel­ler, viel­leicht weil es, wie bei mei­nen El­tern, als »Bücherbund«-Exemplar ver­schickt wur­de, wenn man im Halb­jahr nichts an­de­res aus­ge­wählt hat­te (so ist mei­ne Er­in­ne­rung). Die Kri­tik war da­mals eher ver­hal­ten, aber das Buch trotz­te eben dem re­vo­lu­tio­nä­ren Zeit­geist.

Sig­gi Jep­sen, der, als er die­sen Mam­mut­auf­satz in ‑zig Schul­hef­ten nie­der­schreibt, ge­ra­de »er­wach­sen« ge­wor­den ist (al­so 21 Jah­re), er­zählt von sei­nem Va­ter, dem Po­li­zi­sten von Rug­büll. Und vom Ma­ler Nan­sen. Die Män­ner wa­ren Freun­de; Nan­sen ret­te­te Jep­sen einst ein­mal das Le­ben. Aber es ist 1943. Und die Bil­der Nan­sens ge­fal­len den Macht­ha­bern nicht. Da­mit ge­fal­len sie auch sei­nem Freund nicht. Aber der ist nicht nur als Po­li­zist der Über­brin­ger der schlech­ten Nach­richt. Er ist be­seelt da­von, dass es sei­ne Pflicht ist, das Mal­ver­bot der Na­zis um­zu­set­zen. Wei­ter­le­sen

Der Som­mer mit Ge­or­ges Si­me­non

[...]
Den Le­sern die­ser Zei­len muss klar sein, dass ich in den letz­ten sechs Wo­chen nur ei­nen klei­nen Teil des Wer­kes von Ge­or­ges Si­me­non ge­le­sen ha­be. Da die Neu­aus­ga­ben von Die Ver­lo­bung des Mon­sieur Hi­re und Die Fan­to­me des Hut­ma­chers noch et­was auf sich war­ten las­sen, wur­den die Dio­ge­nes-Bü­cher von En­de der 1990er Jah­re her­an­ge­zo­gen. Das Si­me­non-Le­se­buch wur­de schon er­wähnt. Es ent­hält ne­ben zwei Mai­gret-Er­zäh­lun­gen ei­ni­ge frü­he Re­por­ta­gen Si­me­nons (u.a. über ein Ge­spräch mit Leo Trotz­ki, und, sehr in­ter­es­sant, ein Rei­se­be­richt aus dem Jahr 1932 in den da­ma­li­gen Bel­gisch-Kon­go, der sich spöt­tisch über den Ko­lo­ni­al­ap­pa­rat der Bel­gi­er äu­ßert), klei­ne­re, auf­sat­zähn­li­che Tex­te, den Brief­wech­sel mit An­dré Gi­de und die au­to­bio­gra­phi­sche Er­zäh­lung Brief an mei­ne Mut­ter. An­son­sten wur­den die Neu­erschei­nun­gen ge­le­sen: Sie­ben Mai­grets und zwölf ro­mans durs. Bei den »gro­ßen« Ro­ma­nen und auch den Mai­grets, die zu­erst bei Kam­pa er­schei­nen, gibt es ein Nach­wort ei­nes ir­gend­wie pro­mi­nen­ten Le­sers (und/oder Au­tors). So er­fährt man, wie bei­spiels­wei­se John Ban­vil­le, Da­ni­el Kehl­mann, Ju­li­an Bar­nes, Ul­rich Wickert (na­ja) oder Mi­cha­el Klee­berg Si­me­non be­wer­ten. Da­bei fällt auf, dass die Kom­men­ta­to­ren zu­wei­len den von ih­nen »be­treu­ten« Ro­man nicht un­be­dingt für den be­sten hal­ten. Scha­de, dass sie nicht kon­kre­ter wur­den.

Cover von Simenon Romanen

Co­ver von Si­me­non Ro­ma­nen

Ob die ge­le­se­nen Bü­cher re­prä­sen­ta­tiv sind? Ich weiß es nicht. Die Lek­tü­re wur­de mehr oder we­ni­ger durch die Ver­öf­fent­li­chun­gen der Ver­la­ge vor­ge­ge­ben. Und noch ein Hin­weis: Bei al­lem Be­mü­hen, die Auf­lö­sun­gen, Wen­dun­gen und En­dun­gen nicht zu ver­ra­ten ist es den­noch zu­wei­len un­er­läss­lich zu »spoi­lern«. Der ge­neig­te Le­ser soll­te, wenn er sich die voll­stän­di­ge Span­nung er­hal­ten möch­te, lie­ber nicht wei­ter­le­sen.
[...]

Der gan­ze Bei­trag »Men­schen, ‘die­se ko­mi­schen Tie­re’...« hier bei Glanz und Elend le­sen

Hu­go von Kupf­fer: Re­por­ter­streif­zü­ge

Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge

Hu­go von Kupf­fer: Re­por­ter­streif­zü­ge

Hu­go von Kupf­fer (1853–1928) ent­stamm­te ei­ner bal­tisch-deut­schen Adels­fa­mi­lie. Der Va­ter war Phy­si­ker und Me­teo­ro­lo­ge. 1858 zog die Fa­mi­lie dau­er­haft von St. Pe­ters­burg nach Dres­den um. Nach dem Ab­itur stu­dier­te von Kupf­fer zu­nächst Me­di­zin, dann »Schö­ne Wis­sen­schaf­ten«, al­so Li­te­ra­tur. Bei­de Stu­di­en­gän­ge brach er ab. In ihm reif­te für kur­ze Zeit der Wunsch, Schrift­stel­ler zu wer­den. Fa­mi­liä­re An­ge­le­gen­hei­ten führ­ten ihn zwi­schen 1875 bis 1879 in die USA. Er ar­bei­te­te beim »New York He­rald« und lern­te das ame­ri­ka­ni­sche Pres­se­we­sen ken­nen. Hier zähl­te der Tat­sa­chen­be­richt, die Un­mit­tel­bar­keit des Er­leb­nis­ses mehr als ein kri­ti­scher oder phi­lo­so­phisch an­ge­hauch­ter Kom­men­tar. Nach sei­ner Rück­kehr ging er nach Ber­lin und traf dort Al­fred Scherl, der ei­ne neue Zei­tung grün­den woll­te. Schnell wur­de man sich han­dels­ei­nig: Von Kupf­fer wird – mit 30 Jah­ren – Chef­re­dak­teur vom »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger«. Die er­ste Aus­ga­be er­scheint am 4. No­vem­ber 1883. Die Po­si­ti­on wird von Kupf­fer un­ge­ach­tet des spä­te­ren Ver­le­ger­wech­sels (1914 über­nimmt das Im­pe­ri­um von Al­fred Hu­gen­berg den »Lo­kal-An­zei­ger«) bis zu sei­nem Tod ins­ge­samt 45 Jah­ren aus­üben.

Der »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger« ver­stand sich als un­po­li­tisch und »über­par­tei­lich« und rich­te­te sich an »al­le Schich­ten der Ge­sell­schaft«. Der Le­ser soll­te »von den wich­tig­sten Vor­komm­nis­sen im Staat und in der Stadt in Kennt­nis« ge­setzt wer­den. Schnell ent­wickel­te er sich zu ei­ner »der meist­ge­le­se­nen Ta­ges­zei­tun­gen Ber­lins und da­mit zu ei­ner fe­sten In­sti­tu­ti­on« des boo­men­den Ber­lin. 1911 be­trug die Auf­la­ge 300.000 Ex­em­pla­re (bei rd. 2 Mil­lio­nen Ein­woh­nern).

All die­se In­for­ma­tio­nen ent­nimmt man dem in­struk­ti­ven Nach­wort von Fa­bi­an Mauch zum Sam­mel­band von Hu­go von Kupf­fers »Re­por­ter­streif­zü­ge« (ei­gent­lich »Re­por­ter-Streif­zü­ge«). Mauch ist auch Her­aus­ge­ber. Wir ler­nen, dass die mei­sten Tex­te im »Lo­kal-An­zei­ger« oh­ne Nen­nung des Ver­fas­sers pu­bli­ziert wur­den. Für sei­ne Re­por­ta­gen ver­wen­de­te von Kupf­fer das Pseud­onym des »Ber­li­ner Be­ob­ach­ters«. Er woll­te, wie es im Un­ter­ti­tel heisst, »un­ge­schmink­te Bil­der aus der Reichs­haupt­stadt« lie­fern. Im von Mauch her­aus­ge­ge­be­nen, im Düs­sel­dor­fer Li­li­en­feld-Ver­lag auf­ge­leg­ten Buch, sind ins­ge­samt 25 Re­por­ta­gen ab­ge­druckt. Die­se wa­ren zwi­schen 1886 und 1888 und dann noch­mals, in ei­ner Art zwei­ter Staf­fel, zwi­schen 1890 und 1892, ver­fasst wor­den. Än­de­run­gen zum Ori­gi­nal er­folg­ten nur sehr spar­sam und in ein­deu­ti­gen Fäl­len. Es wur­de auch die Or­tho­gra­phie der da­ma­li­gen Zeit bei­be­hal­ten, was zu­nächst manch­mal stut­zen lässt. Man ge­wöhnt sich dann je­doch ver­blüf­fend schnell. Wei­ter­le­sen

Freund­li­che Waf­fen

Peter Handke: Zeichnungen

Pe­ter Hand­ke: Zeich­nun­gen

Schon in Pe­ter Hand­kes No­tiz­bü­cher der 1970er Jah­re fin­den sich ver­ein­zelt Zeich­nun­gen des Schrift­stel­lers, wie man auf der Sei­te Handke­on­line bei­spiel­haft se­hen kann. Fast le­gen­där sei­ne Skizze(n) des ge­ra­de ver­stor­be­nen Freun­des Ni­co­las Born. Nur sel­ten fin­det man Hand­kes Zeich­nun­gen in sei­nen Bü­chern, wie in »Ab­schied des Träu­mers vom Neun­ten Land« oder dem hei­te­ren Mär­chen »Lu­cie im Wald mit den Dings­da«. Im 2016 er­schie­ne­nen Jour­nal­band »Vor der Baum­schat­ten­wand nachts«, der den Ex­trakt der No­tiz­bü­cher zwi­schen 2007 bis 2015 bil­det, wa­ren rund 80 Zeich­nun­gen ein­ge­streut. Vor zwei Jah­ren wur­den für we­ni­ge Wo­chen in der Ber­li­ner Ga­le­rie von Klaus Ger­rit Frie­se erst­mals mehr als 100 Zeich­nun­gen von Pe­ter Hand­ke aus­ge­stellt. Die zum Teil win­zi­gen Ex­po­na­te (das klein­ste maß 20 x 65 mm) wur­den auf Trä­ger­pa­pier im ein­heit­li­chen For­mat von 209 x 296 mm mon­tiert. Sie stamm­ten aus No­tiz­bü­chern zwi­schen 2009 und 2017 (ei­ni­ge wa­ren schon im Jour­nal­band in kom­pri­mier­ter Form zu se­hen). Mit ei­ner klei­nen Ver­zö­ge­rung liegt nun bei Schirmer/Mosel ein Pracht­band vor, der 103 Ex­po­na­te der Aus­stel­lung zeigt. Zu­sätz­lich sind im Vor­wort von Gior­gio Agam­ben wie auch auf den Vor­satz­pa­pie­ren wei­te­re Zeich­nun­gen aus Pe­ter Hand­kes Ex­em­plar des No­vum Te­sta­men­tum Grae­ce ab­ge­druckt.

Die Aus­stel­lungs­stücke von 2017 sind in­zwi­schen in Fa­mi­li­en­be­sitz. Um­so ver­dienst­vol­ler, dass Klaus Ger­rit Frie­se durch das Pho­to­gra­phie­ren die Vor­aus­set­zun­gen für die aus­ge­zeich­ne­te Re­pro­duk­ti­ons­qua­li­tät ge­schaf­fen hat­te. Die Ob­jek­te wur­den aus den je­wei­li­gen No­tiz­bü­chern – zum Schrecken der Ger­ma­ni­sten – her­aus­ge­trennt. Aus dem DIN-A-4-For­mat des Trä­ger­pa­piers wird im Buch ca. 155 x 219 mm. Ent­spre­chend ver­klei­nert zei­gen sich die Ob­jek­te. Durch die sehr gu­te Auf­lö­sung lohnt sich die Be­trach­tung mit ei­ner Lu­pe. Da den mei­sten Zeich­nun­gen zum Teil sehr ge­naue Da­tie­run­gen zu­ge­wie­sen sind, kann man fest­stel­len, dass die Rei­hen­fol­ge im Buch nicht chro­no­lo­gisch er­folgt ist. Den­noch scheint es da­bei ei­nen Sinn zu ge­ben, was sich auch dar­an zeigt, dass es zu­wei­len lee­re Sei­ten als Ab­schnitts­mar­kie­run­gen gibt.

Der gan­ze Bei­trag hier bei »Glanz und Elend«

By­ung-Chul Han: Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale

By­ung-Chul Han:
Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Im sehr kur­zen Vor­wort zu sei­nem Buch über das Ver­schwin­den der Ri­tua­le platz­iert By­ung-Chul Han so et­was wie ei­ne Klar­stel­lung: Es gin­ge nicht dar­um, ei­ne ver­schwun­de­ne Zeit zu be­kla­gen, son­dern es wür­de »oh­ne Nostalgie…eine Ge­nea­lo­gie ih­res Ver­schwin­dens skiz­ziert.«

Das Buch hat nicht ein­mal 130 Sei­ten. Aber die ha­ben es in sich. Wie ein Schmied häm­mern die im zu­wei­len auf­dring­lich da­her­kom­men­den Hei­deg­ger-Duk­tus for­mu­lier­ten Sät­ze auf den Le­ser ein, ei­nem Le­ser, der so­fort zu Glü­hen be­ginnt, ei­ne Mi­schung aus (an­fäng­li­cher) Fas­zi­na­ti­on, Neu­gier und, be­son­ders ge­gen En­de, auch Ver­stö­rung. Doch da­zu spä­ter.

Han wie­der­holt in die­sem Buch ei­ni­ge The­sen sei­ner kultur‑, zi­vi­li­sa­ti­ons- und zeit­kri­ti­schen Sicht­wei­sen und er­wei­tert sie um das Ele­ment der Ri­tua­le und Ze­re­mo­ni­en. Er gilt als Kri­ti­ker der mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die er mit Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik ver­knüpft. Die In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on be­herr­sche nicht nur das Mit­ein­an­der son­dern tra­ge auch noch zur Selbst­aus­beu­tung des ar­bei­ten­den Sub­jekts bei. Der bö­se Ka­pi­ta­list, der sei­ne Mit­ar­bei­ter knech­tet, hat aus­ge­dient. Heu­te be­gibt sich das In­di­vi­du­um sel­ber und frei­wil­lig in Ab­hän­gig­kei­ten. Die­se Kri­tik ist nicht neu; sie wur­de schon vor ei­ni­ger Zeit als »Ko­lo­nia­li­sie­rung der Le­bens­welt« durch die Öko­no­mie be­schrie­ben. Han nennt den Feind ein we­nig ne­bu­lös »neo­li­be­ra­les Re­gime«.

Es fol­gen durch­aus in­ter­es­san­te Ein­sich­ten, bei­spiels­wei­se über das Smart­pho­ne, wel­ches »kein Ding im Sin­ne von Han­nah Arendt« sei, weil ihm »die Sel­big­keit, die das Le­ben sta­bi­li­siert« feh­le. Oder die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Wer­ten wie Ge­rech­tig­keit, Mensch­lich­keit oder Nach­hal­tig­keit, die leid­lich »öko­no­misch aus­ge­schlach­tet« wür­den. Den Wer­be­spruch »Tee trin­kend die Welt ver­än­dern« ei­nes Fairtra­de-Un­ter­neh­mens kom­men­tiert Han sar­ka­stisch: »Welt­ver­än­de­rung durch Kon­sum, das wä­re das En­de der Re­vo­lu­ti­on.« Prä­gnant die Hin­wei­se über die Emo­tio­na­li­sie­rung und »die mit ihr zu­sam­men­hän­gen­de Äs­the­ti­sie­rung der Wa­re«. Das Äs­the­ti­sche wer­de »durch das Öko­no­mi­sche ko­lo­nia­li­siert« (sic!). Auch dies ei­ne hin­läng­lich be­kann­te Kla­ge. Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hamm

Merk­wür­dig, wenn man an die »gro­ßen« Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Nach­kriegs­deutsch­lands denkt, kom­men ei­nem vie­le Na­men in den Sinn. Da sind die Grup­pe 47-Gran­den und de­ren un­mit­tel­ba­re Schü­ler. Da war der wun­der­ba­re Fritz J. Rad­datz, Au­ßen­sei­ter und doch mit­ten­drin. Na­tür­lich der zu früh ver­stor­be­ne Ber­ser­ker Jörg Drews. Und da ist Pe­ter Hamm, der sanf­te Ex­eget, der ei­nem, wenn er im Schwei­zer »Li­te­ra­tur­club« an­hob über ein Buch zu er­zäh­len, das Zu­hö­ren ab­nö­tig­te. Man spür­te, wie sich Hamm von gu­ter Li­te­ra­tur er­grei­fen ließ. Als Her­mann Lenz ge­stor­ben war, setz­te er zu ei­nem wun­der­ba­ren Nach­ruf an. Und wie er einst litt, als ein rot­zi­ger Hen­ryk M. Bro­der in der Sen­dung zu Gast war.

Da­bei war Pe­ter Hamm, der auch Ge­dich­te schrieb, über 40 Jah­re Re­dak­teur beim Bay­ri­schen Rund­funk, al­so durch­aus im »Be­trieb« an­ge­kom­men. Ge­nutzt hat er dies un­ter an­de­rem für wun­der­ba­re abend­fül­len­de Do­ku­men­ta­tio­nen. Je­weils zwei Stun­den über In­ge­borg Bach­mann (1980), Ro­bert Wal­ser (1986) und Fer­nan­do Pes­soa (1992). Dich­ter­por­traits, die nichts von ih­rem Zau­ber ein­ge­büßt ha­ben. Der letz­te Film wa­ren 2002 die 90 Mi­nu­ten über Pe­ter Hand­ke. Die­sen hat­te er in den 1960er Jah­ren noch hef­tig we­gen des­sen Ab­leh­nung po­li­ti­sche Pro­sa zu ver­fas­sen, an­ge­grif­fen. Das ent­sprach dem Zeit­geist. Spä­ter re­vi­dier­te Hamm sein Ur­teil. Un­längst wur­den Hamms über die Jahr­zehn­te ver­fass­ten Auf­sät­ze zu Hand­kes Werk, sei­ne »An­nä­he­run­gen«, ge­sam­melt auf­ge­legt. Bei ei­nem an­de­ren Öster­rei­cher war es um­ge­kehrt: Hamm schätz­te Tho­mas Bern­hard vor al­lem als Ly­ri­ker, wäh­rend er dem spä­ten Bern­hard ei­ne »Ver­zweif­lungs­rou­ti­ne« at­te­stiert. Hamm lob­te al­so nicht im­mer. Ich er­in­ne­re mich an sei­ne Sen­dung, in der er wohl­be­grün­det El­frie­de Je­lin­eks »Lust« kri­ti­sier­te. Mit de­ren zu­wei­len ins ka­lau­er­haf­te ab­drif­ten­de Sprach­spie­le­rei­en konn­te er nichts an­fan­gen.

In Er­in­ne­rung blei­ben die lan­gen Auf­sät­ze Hamms, bei­spiels­wei­se in der ZEIT. Et­was, was es heu­te kaum mehr gibt: Das Ver­trau­en in den Le­ser. Und die Be­loh­nung dann, in Form von Er­kennt­nis, wenn sich der Le­ser dann sei­ner­seits Pe­ter Hamm an­ver­trau­te. Man konn­te im­mer et­was aus Pe­ter Hamms Er­kun­dun­gen ler­nen, oh­ne dass sie be­leh­rend oder be­vor­mun­dend da­her ka­men. Sei­ne Es­says wa­ren wohl­tu­end be­freit von jeg­li­chen über­bor­den­den li­te­ra­tur­theo­re­ti­schen Ent­wür­fen. Er stif­te­te lie­ber Ana­lo­gi­en, zeig­te Re­fe­ren­zen. Wenn er et­was emp­fahl, wur­de und blieb man neu­gie­rig.

Pe­ter Hamm ist ge­stern ge­stor­ben. Wie­der ei­ner we­ni­ger, zu dem man noch auf­blicken konn­te.

Si­mon Strauss: Rö­mi­sche Ta­ge

Simon Strauss: Römische Tage

Si­mon Strauss:
Rö­mi­sche Ta­ge

Ein 1. Ju­li, ein männ­li­cher Ich-Er­zäh­ler, Mit­te 30, An­kunft in Rom, »zwei­hun­dert­ein­und­drei­ßig Jah­re und acht Mo­na­te nach Goe­the«. Al­so ein Schrift­stel­ler, der da schreibt? Ein Sti­pen­di­at et­wa? Ir­gend­wann ist von ei­nem No­tiz­buch die Re­de. Aber auch von ei­ner Vor­stands­sit­zung, so als ken­ne sich der Er­zäh­ler da­mit aus. Man er­fährt zu Be­ginn von ei­ner Flucht, um »die Ge­gen­wart ab­zu­schüt­teln«. »Rom als Heil­an­stalt«. Hei­lung von was?

Ein­zug in die Via del Cor­so, »ein Zim­mer schräg ge­gen­über von der Ca­sa di Goe­the, Goe­thes Haus«. Wie­der die­se Re­fe­renz. Und er ahnt sie, die Kli­schees, das Zerr­bild von Rom, all die­ser be­rühm­ten Or­te, Stra­ßen, Plät­ze, das Be­kann­te, dass schon al­le ge­se­hen ha­ben, und dass er, der »Lei­dens­tou­rist« auch se­hen möch­te und zwar so, wie es noch nie je­mand ge­se­hen hat. Der Wunsch nach der Nai­vi­tät des er­sten Blicks. Es gibt viel To­po­gra­phie und viel Ge­schich­te in die­sem Buch. Und ein Nach­den­ken, Sin­nie­ren über das, was man Ge­gen­wart nennt und was im An­sich­tig­wer­den die­ser mo­der­nen Me­tro­po­le mit de­ren Jahr­tau­sen­de al­ten Bau­wer­ken kon­tra­stiert. Et­wa wenn er den Ort von Cae­sars Er­mor­dung re­kon­stru­iert und par­al­lel da­zu das ge­gen­wär­ti­ge Stadt­bild be­schreibt.

Be­son­ders zu Be­ginn ist der Grund­ton des Bu­ches wie schon in »Sie­ben Näch­te« von ei­ner trot­zi­gen Weh­mut be­stimmt. »Sie­ben Näch­te«, je­nes Buch, das zu ei­nem Li­te­ra­tur­skan­dal wur­de, weil es nicht den er­wünsch­ten Mu­stern ei­ner po­li­tisch-iden­ti­täts­gläu­bi­gen Zeit­kri­tik ent­sprach. Das Ver­mis­sen des Dio­ny­si­schen als un­er­träg­lich emp­fun­de­ne Pro­vo­ka­ti­on. Man such­te da­her fast ver­zwei­felt bis hin zur Sip­pen­haft nach In­di­zi­en für den Duk­tus der »Neu­en Rech­ten«. Im Ver­lauf die­ses Ver­suchs ei­ner Ehr­ab­schnei­dung zeig­ten sich deut­lich die Vor­bo­ten ei­ner (Li­te­ra­tur- und auch Kunst-)Kritik, die sich auf das Ab­su­chen ver­bo­te­ner oder min­de­stens »um­strit­ten« de­kla­rier­ter Ter­mi­ni kon­zen­triert, die not­falls so lan­ge de­kon­tex­tua­li­siert wer­den, bis die An­kla­ge­schrift »passt«. Wei­ter­le­sen