nie den Georg-Büchner-Preis bekommen haben:
Szczepan Twardoch: Sehnsucht

Ende der 1980er Jahre kam der Film Der Zufall möglicherweise des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski in die deutschen Kinos. Der Film, der bereits Jahre zuvor gedreht wurde und in Polen zunächst nicht gezeigt werden durfte, kumuliert in einer Szene, in der die Hauptfigur, ein Student namens Witek, nach dem Tod seines Vaters mit dem Zug nach Warschau fahren und sein Leben neu ordnen will. Nun werden drei verschiedene Szenarien durchgespielt. In der ersten Version erreicht er gerade noch den Zug und wird Jahre später zum kommunistischen Funktionär. In der zweiten Variante legt er sich am Bahnhof mit einem Polizisten an, was den Keim für ein Leben als Dissident legt. Auch in der dritten Version verpasst er den Zug knapp, begegnet stattdessen einer Studienkollegin, in die er sich verliebt. Die beiden heiraten und verbringen ihr Leben im unpolitischen Privaten. Am Schluss werden die drei Varianten wieder zusammengeführt, in dem Witek ein Flugzeug betritt, welches abstürzt.
Kieślowskis Meisterwerk inspirierte Regisseure, Drehbuchschreiber, aber auch Schriftsteller, um zu zeigen, wie kleine Nuancen Lebensläufe verändern können. Es ist anzunehmen, dass Szczepan Twardoch den Film seines Landsmanns kennt. Denn sein neuer Roman mit dem leicht merkwürdigen Titel Sehnsucht, übersetzt von Olaf Kühl, schreibt das kontrafaktische Denken in bisweilen absurd anmutenden Wendungen weiter. Der polnische Titel, der im Buch auch laufend zitiert wird, gibt die Richtung vor: »Sagen wir, [Erwin] Piontek«. Ein »Sagen wir«, dass den Leser stetig damit konfrontiert, dass es sich um ein fiktionales Möglichkeitswerkes handelt.
Nichts wie weg

Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Gesellschaftsroman Grenzgang macht Stephan Thome mit Besser als nie aus seinem Bergenstadt einen Trailerpark.
2009 sorgte der in Taiwan lebende Schriftsteller Stephan Thome für eine kleine Feuilletondiskussion. Sein Erstling Grenzgang spiegelte die Ereignisse einiger Figuren anhand eines alle sieben Jahre in einer hessischen Kleinstadt stattfindenden, weit über die regionalen Grenzen bekannten, seit rund 200 Jahren gefeierten Stadt- und Landfestes mit dem Namen Grenzgang. Mit der Umbenennung des Ortes vom realen Biedenkopf (rd. 12.000 Einwohner; Thomes Geburtsstadt) zum imaginären Bergenstadt (im Roman 7.000 Einwohner) sollte die Fiktionalisierung unterstrichen werden, wenngleich die Rituale des Festes, etwa die historisch bedingten Wanderungen rund um die Grenzmarkierungen und die Peitschenschwünge übernommen wurden. Für einige Kritiker war dies zu viel. Sie witterten eine »Renaissance des deutschen Provinzromans«, vermutlich weil die Hauptfiguren weder in Berlin, New York oder Paris lebten und es sich nicht um schreibgehemmte Schriftsteller, schöpfungsmüde Künstler oder desillusionierte Akademiker handelte. Man verglich Thomes Kleinstadtbiotop mit den damals neu herausgekommenen Werken von Foster Wallace und Bolaño.
Nun fällt der Provinzialismusvorwurf fast immer dann, wenn Kritiker ihre eigene (Klein)Bürgerlichkeit, die sie mehr oder weniger erfolgreich verdrängen, allzu deutlich wiedererkennen. Der Spiegel kann manchmal grausam sein. Im Furor übersahen sie, dass sich in den im Buch stattfindenden Rückblenden der einzelnen Protagonisten (umfassend die Jahre zwischen 1985 und 2006 in Siebenjahren-Schritten) ein Mosaik über den Zustand des Landes entwickelte. Thome setzte die Grenzgang-Feste derart, dass es 2006 mit dem »Sommermärchen« der Fußball-WM in Deutschland zusammentraf. Liest man die Episoden heute noch einmal nach, ist man erstaunt, wie gelöst und frei man sich damals fühlte.
Nachträglich bin ich froh, die TV-Verfilmung von Grenzgang aus 2013 aufgrund widriger Umstände (der Rekorder nahm nicht auf) verpasst zu haben. So kann man sich nun, im neuen Grenzgang-Roman mit dem zunächst rätselhaften Titel Besser als nie weiterhin so vorstellen, wie man sie aus der Erinnerung (und den damaligen Notizen) rekonstruiert hatte.
Banine/Alexander Pschera: Liebe ist dir verboten –
Ernst Jünger und ich

Liebe ist Dir verboten – Ernst Jünger und Ich
Banine hieß eigentlich Umm-el-Banine Assadoulaeff und wurde 1905 in Baku geboren. Die Eltern waren durch Erdölgeschäfte zu Millionären geworden. In der russischen Revolution verloren sie ihr gesamtes Vermögen. Der Vater war in der kurzen Periode der Unabhängigkeit Aserbeidschans Minister gewesen, bevor 1920 die Rote Armee das Land besetzte und die Familie floh. Banine ging nach Paris, betätigte sich zunächst als Verkäuferin und Model, arbeitete dann journalistisch und als Übersetzerin, war präsent in den literarischen Salons von Paris. 1942 erschien ihr erster Roman Nami. Im gleichen Jahr kam es zur »schicksalhaften« Begegnung Banines mit dem Besatzungsoffizier Ernst Jünger, in den sie sich verliebte.
Für Jünger war sie zunächst die »Tartarin« oder »Mohammedanerin«. Er war verheiratet und hatte in Paris eine Affäre mit der deutsch-jüdischen Ärztin Sophie Ravoux, deren Mann der französischen Résistance angehörte. Banine wußte um diese Konstellation, was sie nicht abhielt, Jünger zu umschwärmen. Wie nachhaltig diese Liebe für sie war, begann sie 1952 in einem wilden, nicht enden wollenden Brief an Jünger auszudrücken, den sie allerdings nie abschickte, sondern unter Jünger et moi in die Schublade verbannte. Alexander Pschera hat das Manuskript nun übersetzt und um Tagebucheintragungen Banines zwischen 1971 bis 1991 ergänzt. Der Titel des Buches ist hintersinnig gewählt: Liebe ist Dir verboten. Dann folgt der Titel des intimen Brandbriefs: Ernst Jünger und ich. Als Verfasserin wird auf dem Cover Banine genannt; die Herausgeberschaft findet sich erst auf der Innenseite.
Jünger et moi ist, wie Pschera zu Recht im Vorwort erklärt, »kein zusammenhängendes, einheitliches Manuskript«. Es ist ein tobender »Auto-Exorzismus«, changierend zwischen Verzweiflung und Wut; Hass- und zugleich Liebespostulat. Mal sprach sie ihn direkt an – immer mit »Sie« – mal wählte sie einen Erzählton. Bei allem Furor bekommt man ein wie Pschera schreibt »radikales« Bild über Ernst Jünger aus der Sicht einer Frau. Auch Banine machte bei Jünger jene Kälte aus, die seinem Wesen und der Prosa nachgesagt wird, sprach jedoch lieber von »Egozentrismus«. Sie schätzte sein schriftstellerisches Werk, war vernarrt in sein Gesicht, sein Äußeres, mochte allerdings die schnarrende Stimme nicht (etwa wenn sie telefonierten). Sie durchschaute Jüngers Prioritäten, was Frauen anging, aber erniedrigte sich trotzdem, in dem sie Botschaften an seine auch nach der Besatzung bestehende Beziehung zu Sophie Ravoux weiterleitete. Diese war für sie nichts weiter als »eine pummelige vom Typ ›Dienstmädchen‹, körperlich recht nett, aber von einer Vulgarität und Dummheit, die sofort auffiel«. Sie gehörte für sie zu der »Sorte Menschen«, die »im Theater an der falschen Stelle lachen«. Etwas besser kam Jüngers Frau Gretha weg, die Banine als »prosaisch« und »autoritär« einschätzte.
Francis Fukuyama: Der letzte Mensch

Der Titel des neuen Buches ist etwas merkwürdig, wenn man Francis Fukuyamas Schriften nicht kennt: Der letzte Mensch (Übersetzer: Helmut Dierlamm und Thomas Stauder). Nach dem kurzen Vorwort scheint der 1952 geborene Amerikaner mit japanischen Wurzeln mit diesem Buch eine Art Autobiographie, ein Memoir, vorzulegen. Er erzählt von seiner Familie, den Drangsalierungen und Internierungen einiger Familienmitgliedern nach Pearl Harbor, als in den USA alle Japaner unter Generalverdacht fielen. Er erzählt weiter von zerstörten Karrieren, gebrochenen Seelen, auseinandergerissenen Familien, der starken Persönlichkeit seiner akademisch gebildeten Mutter und den liberalen Ansichten seines pazifistisch eingestellten Vaters, ein promovierter Religionssoziologe. Der Vater stand fünfzehn Jahre der »United Church of Christ« vor. Auch die Mutter war Christin.
Fukuyama erzählt über sein Studium, seinen beruflichen Werdegang, der zum größten Teil in »Institutionen der öffentlichen Politik« stattfand, streift nur kurz die Tätigkeit(en) im US-Außenministerium (Stichwort: Vertraulichkeit), schließlich seine Lehrtätigkeiten. Er erzählt von seinen handwerklichen Fähigkeiten, den Schreinerarbeiten, der Herstellung vom Baumrohling bis zum »Pembroke-Tischchen im Federal Style« (eine fünfjährige Arbeit), der tiefen Befriedigung dieser Handarbeit. Eine Zeit lang sammelte Fukuyama Leica-Kameras. Später baute er Computer, schrieb Programme, will von den Angeboten der Tech-Giganten autonom sein. Bereitwillig offenbart er seine Schwächen: Er ist unsportlich und zu seinem Bedauern leider vollkommen unmusikalisch. Letzteres dekretiert er auch als ein Ur-Problem der USA, die in der Musik im Gegensatz zu Europa keine »tiefen kulturellen Wurzeln« habe. Es fehle eine »starke nationale Musiktradition«; europäische klassische Musik bliebe ein Phänomen der Oberschicht.
Bisweilen portraitiert er Persönlichkeiten aus seinem akademischen Milieu. Etwa einer seiner Lehrer, Allan Bloom, der ein Schüler von Leo Strauss war (dessen Philosophie wird knapp erläutert). Man hätte nach diesen Ausführungen Blooms Buch Der Niedergang des amerikanischen Geistes von 1987 gerne gelesen, aber es ist nicht mal mehr aus seriösen antiquarischen Quellen verfügbar. Man erfährt etwas über sein Verhältnis zu Samuel Huntington und ist überrascht zu erfahren, welches Fukuyama als sein wichtigstes Buch einschätzt.
Christoph Narholz: Knister

Christoph Narholz, 1968 geboren, ist Autor, Philosoph und aktuell Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im letzten Jahr erschien Wide Bodies Jets, eine Mischung aus Notaten und kleinen Erzählungen, verfasst während der Coronazeit zwischen Ende 2020 und Sommer 2022. Immer wenn Narholz vom Räsonieren oder Beobachten ins Schauen kam, gelangen ihm nachdrückliche Evokationen von Kürzestaugenblicken. Beeindruckend gelungen auch die Fort- bzw. Weiterschreibung des Romans Der Chinese des Schmerzes von Peter Handke.
Als das Buch im März 2025 vorgestellt wurde, hatte Narholz mit ein.jahr.aus.allen bereits ein anderes Projekt begonnen und zwar dort, wo man im allgemeinen nicht unbedingt mit literarischen Inhalten rechnet: auf Instagram. Ab 1. März 2025 wurde bis zum 28. Februar 2026 je ein Eintrag per Scan aus einem Notizbuch gezeigt, der an diesem Tag entstanden war. Die Besonderheit liegt in der Chronologie der Jahre: »Die Tage liefen stur chronologisch durch, die Jahre sprangen erratisch vor und zurück«. So entstand ein Jahr, dass es in dieser Form gar nicht gegeben hat. »Zusammenhang«, so Narholz, »entstand durch die momenthafte Wahl am Tag des Posts und die innere Logik des im aktuellen Jahreslauf collagierten Bilds.« Die Basis bildeten Eintragungen aus 33 Jahren – von 1992 bis 2025. So folgt nach dem ersten Eintrag vom 1.3.1999 eine Reiseskizze aus Ägypten vom 2.3.2018, danach eine Notiz vom 3.3.2023, und so weiter. Selten, dass es zwei aufeinanderfolgende Posts aus dem gleichen Jahr gibt; schon häufiger, dass eine Fortschreibung nur durch einen oder zwei Tagen unterbrochen wurde. Aktuell steht die »Followerzahl« bei 182 und ich weiß nicht, ob das für ein solches Format auf diesem Kanal nun viel oder wenig ist. (Rainald Goetz hat > 6000 Follower, aber wer liest das wirklich?)
Egal. Die ausgewählten 365 Eintragungen sind nun als Buch unter dem Titel Knister erschienen. Das Buch stelle, so der Autor, das »dritte genutzte Medium« (nach Notiz- bzw. Tagebuch und Online-Publikation) dar. Ich habe das Buch als E‑Book gelesen; wenn man so will eine weitere Dimension.
Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht

Irgendwann ging es um die aktuellen Lektüren. Peter Handke las die Briefe von Stendhal. Und von Schiller. Besonders jene, in denen Schiller schon von der Krankheit gezeichnet sei. Und dann sah ich bei mir den seit einem halben Jahr im Regal der ungelesenen Bücher stehenden Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht und sagte, dass ich nur noch den Winkler habe. Handke war sofort entsetzt. Das sei grauenhaft, so könne man doch nicht schreiben. Alle wären schuld, alle böse, nur die Schwester nicht. Er stockte. Natürlich könne ich das lesen. Aber wie der Winkler hier schreibe, das sei »sehr unverschämt«. Aber auch gekonnt. Sehr gekonnt. Aber er, Handke, lese dann doch lieber etwas weniger Gekonntes. Ich sagte noch, dass mich Menschenkind und der Ackermann aus Kärnten damals bewegt hätten, was ihn erstaunte.
Aber Handke ließ nicht mit sich reden. Natürlich weiß er, das Winkler ihn verehrt und in diesem neuen Roman finden sich auch (gut versteckt) zwei Zitate von Über die Dörfer (die am Ende erwähnt werden zusammen mit all den anderen Zitaten beispielsweise von Anna Achmatowa, Rainer Maria Rilke und Dschalal ad-Din Rūmī). Mit dieser rigorosen, mit Anerkennung versehenen Ablehnung hatte er mein Interesse geweckt.
Tatsächlich handelt der neue Roman von Josef Winkler von seiner fünf Jahre älteren Schwester Maria, die am Ende ihres Lebens sieben Jahre im »psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke, im Oberen Drautal, keine zwanzig Kilometer von ihrem Heimatort Kamering entfernt« verbrachte. Die Erinnerungen an die Schwester, das Verhältnis zwischen dem Ich-Erzähler Seppl und ihr bilden das Gerüst. Aber ohne die Motive aus den vergangenen (Kamering-)Romanen, die in üblicher, litaneihafter Art und Weise vorgetragen werden und den Erzähler und dessen Empfindungen und Qualen in den Mittelpunkt stellen, kommt auch dieses Buch nicht aus.
Christian Haller: Einfallende Dämmerung

Der Molekularbiologe und Zellforscher Paul Bálint »betrat an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstücksraum des Hotels Ducret.« So beginnt Einfallende Dämmerung, das neueste Buch des 1943 geborenen Christian Haller. Es trägt die Gattungsbezeichnung Novelle und so ist der Leser auf eine »unerhörte Begebenheit« eingestellt. Die gibt es dann gegen Ende und sie ist überraschend, weil man sich, vermutlich verdorben durch allzu ausgiebigen Film- und Fernsehspielkonsum, auf anderes eingestellt hatte. Dabei bedient sich Haller durchaus im Filmgenre, in dem er den ohnehin schon schmalen Text in 34 chronologisch angelegten Szenen anlegt. Erzählt wird personal aus Sicht von Bálint, der nach beruflichen Aufenthalten unter anderem in Berkeley und Paris nun in Basel wohnt.
Die Feier in Paris hat eine ehemalige Kollegin organisiert, der er viel verdankt und er macht sich Vorwürfe, sie als Autorin in einigen Fachaufsätzen nicht an erster Stelle genannt zu haben. Sie heißt Madeleine, was Bálint gefällt, denn der ist ein Proust-Leser, der sich in dessen »Klang der Sprache aufgehoben« fühlt. Zwanzig Gäste haben sich eingefunden aber Bálint fühlt sich ein bisschen verloren beim nach dem Essen einsetzenden Tratsch der Community, die er als »Familie« betrachtet, weil er keine »richtige« Familie hatte.
Mehr als 50 Jahre war er mit der Fotografin Carla verheiratet und da beide Berufe große geografische Flexibilität verlangten, entschied man sich gegen Kinder. Kurz nach Bálints Pensionierung verließ Carla ihren Mann zu Gunsten eines anderen. Ein halbes Jahr später fiel sie in große psychische Probleme, bat ihren Ex-Mann um Hilfe, ging in Kliniken um sich dann doch in den Freitod zu stürzen. Bálint suchte Hilfe, fand in Steinberg einen Therapeuten mit einer »warmen, freundlichen und prüfenden Zugewandtheit«. Steinberg, damals Ende 50, erzählte etwas von jungem Alter und alten Alter, von zwei unterschiedlichen Kammern und den Verführungen der »Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie«. Steinberg wird nach der Therapie zu einem Freund; man trifft sich zwanglos mit einer gewissen Regelmäßigkeit.