Hand­kes Ra­che

Peter Handke: Das zweite Schwert

Pe­ter Hand­ke:
Das zwei­te Schwert

» ‘Das al­so ist das Ge­sicht ei­nes Rä­chers!’ sag­te ich zu mir, als ich mich an dem be­wuß­ten Mor­gen, be­vor ich mich auf den Weg mach­te, im Spie­gel an­sah.«

Mit die­sem Satz be­ginnt Pe­ter Hand­kes Er­zäh­lung Das zwei­te Schwert, und als Le­ser könn­te man nun an­neh­men, die im Un­ter­ti­tel ver­spro­che­ne »Mai­ge­schich­te« wer­de als­bald los­ge­hen. Der ent­schlos­se­ne Ge­stus des An­fan­gens er­in­nert an be­kann­te Er­zähl­werk der Li­te­ra­tur­ge­schich­te, wo der Au­tor gleich zu Be­ginn ei­ni­ge wich­ti­ge Mit­tei­lun­gen über die Haupt­fi­gur und die Si­tua­ti­on macht, in der er sich be­fin­det. »Je­mand muß­te Jo­sef K. ver­leum­det ha­ben, denn oh­ne daß er et­was Bö­ses ge­tan hät­te, wur­de er ei­nes Mor­gens ver­haf­tet.« Tat­säch­lich geht die­se Ge­schich­te so­gleich los, die bei­den Scher­gen bre­chen in K.s Le­ben ein, doch be­kannt­lich ver­wickelt sich die Ge­schich­te im­mer mehr, sie fin­det kein En­de, und wenn es ei­nes gibt – Kaf­ka hat es skiz­ziert –, so weiß man nicht, wie die Er­zäh­lung dort­hin ge­lan­gen kann. Der Ro­man ist Frag­ment ge­blie­ben.

Hand­ke hat die Wer­ke, die wir von ihm ken­nen, al­le­samt ab­ge­schlos­sen, doch im Ver­lauf sei­nes Schrift­stel­ler­le­bens hat er die Di­rekt­heit mit der er in frü­hen Er­zäh­lun­gen in me­di­as res ging, ver­lo­ren oder be­wußt ab­ge­legt. Der Wech­sel er­folg­te in et­wa zu der Zeit, in der Hand­ke sich von Kaf­ka als Vor­bild los­sag­te. Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter zum Bei­spiel be­ginnt so: »Dem Mon­teur Jo­sef Bloch der frü­her ein be­kann­ter Tor­mann ge­we­sen war, wur­de, als er sich am Vor­mit­tag zur Ar­beit mel­de­te, mit­ge­teilt, daß er ent­las­sen sei.« Kom­pak­te Syn­tax und viel (für not­wen­dig ge­hal­te­ne) Mit­tei­lung, wie in den Ge­schich­ten Kleists. Un­ver­mit­telt er­fah­ren wir Na­men, Be­ruf, sport­li­che Ak­ti­vi­tät und die Si­tua­ti­on, in die sich der Held ge­wor­fen sieht. In ei­nem spä­te­ren Werk, in dem Hand­ke die Ge­schich­te des »ge­glück­ten Tags« zu er­zäh­len ver­sucht, fragt sich der Er­zäh­ler selbst, wes­halb er den ei­gent­li­chen Be­ginn im­mer wie­der ver­schiebt.

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Ma­thi­as Enard: Das Jah­res­ban­kett der To­ten­grä­ber

Mathias Enard: Das Jahrensbankett der Totengräber

Ma­thi­as Enard: Das Jah­res­ban­kett der To­ten­grä­ber

Da­vid Ma­zon, 1990 ge­bo­ren, ist ein flei­ßi­ger An­thro­po­lo­gie­stu­dent und zieht 2018 zu For­schungs­zwecken für ein Jahr von Pa­ris in den We­sten Frank­reichs, in das Dorf La Pierre-Saint-Chri­sto­phe, Dé­part­ment Deux-Sè­v­res. Dort le­ben »nach der letz­ten Volks­zäh­lung 649 Ein­woh­ner« oder »284 Herd­feu­er, wie die Al­ten sa­gen wür­den«. Nach Ni­ort, der »Ver­si­che­rungs­haupt­stadt« Frank­reichs, sind es 15 Ki­lo­me­ter. Da­vid wohnt bei dem Land­wirt­ehe­paar Mat­hil­de (57) und Ga­ry (62) im hin­te­ren Teil des Haupt­ge­bäu­des, den er »das Wil­de Den­ken« nennt (hier die Ko­or­di­na­ten: 46°25’25.4″ Nord, 0°31’29.3″ West). So­fort be­ginnt er ein »eth­no­gra­phi­sches Feld­ta­ge­buch« zu füh­ren, in dem er sei­ne Ein­drücke, aber auch sei­ne Ar­beits­fort­schrit­te do­ku­men­tie­ren möch­te. Es ist De­zem­ber und kalt, die Ein­rich­tung eher haus­backen, in der Du­sche tum­melt sich Un­ge­zie­fer. Aber im­mer­hin funk­tio­niert das WLAN. Manch­mal liest er Ma­li­now­skis »Ar­go­nau­ten des west­li­chen Pa­zi­fik« oder Vic­tor Hu­gos »1793«.

Ma­thi­as Énard be­ginnt sei­nen Ro­man »Das Jah­res­ban­kett der To­ten­grä­ber« mit dem Ta­ge­buch von Da­vid. Es dient nicht nur da­zu, die an­fäng­li­chen, sich dann ver­blüf­fend rasch auf­lö­sen­den Vor­ur­tei­le des leicht ar­ro­gan­ten und mit ge­sun­dem Selbst­be­wusst­sein aus­ge­stat­te­ten Pa­ri­ser Stu­den­ten zu il­lu­strie­ren, son­dern auch das Per­so­nal des Ro­mans und den Ort sel­ber zu ent­wickeln. Man lernt Mar­ti­al Pou­vreau ken­nen, der – idea­ler­wei­se – die Po­si­tio­nen des Bür­ger­mei­sters und Lei­chen­be­stat­ters gleich­zei­tig aus­füllt, be­kommt ei­nen Ein­blick in das ein­zi­ge Ca­fé des Dor­fes, in dem es ne­ben Spi­ri­tuo­sen vor al­lem Ang­ler­zu­be­hör zu kau­fen gibt, lernt Lu­cie ken­nen, ei­ne 25jährige Bio­bäue­rin und Ak­ti­vi­stin, die mit ih­rem leicht ver­rück­ten Cou­sin Ar­n­aud und dem ero­to­ma­ni­schen Groß­va­ter zu­sam­men­lebt, nach­dem ih­re Be­zie­hung ge­schei­tert ist. Dann gibt es Max, et­wa 45, ein Künst­ler, »ziem­lich ver­bit­tert«, der seit zehn Jah­ren im Dorf wohnt. Auch zwei eng­li­sche Fa­mi­li­en hat es dort­hin ver­schla­gen. Da­vid will sie al­le für sei­ne Dok­tor­ar­beit in­ter­view­en, feilt an dem Fra­ge­bo­gen und sieht sich aus der Fer­ne ei­nem ge­wis­sen Druck durch sei­nen Dok­tor­va­ter aus­ge­setzt. Ein wei­te­res Pro­blem: Das Be­geh­ren zu La­ra, sei­ner Freun­din in Pa­ris, die in ei­ner Ver­wal­tungs­fach­schu­le lernt. Ein­mal pro­biert er so­gar die eher über­sicht­li­chen Freu­den des In­ter­netsex mit ihr aus.

Den gan­zen Bei­trag »Ein maß­lo­ser Rei­gen« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Ku­re oder Wie man ei­ne Stadt doch noch ent­deckt

Ku­re. War­um nicht. Ich kann­te die Stadt na­tür­lich, hat­te mich ihr aber nie von hin­ten ge­nä­hert, im­mer nur von der Sei­te. Und ein­mal von vor­ne, bei der Rück­kehr aus Mats­u­ya­ma, auf der Haupt­in­sel Shi­ko­ku, mit dem Schiff. Der Kö­nigs­weg um ei­ne Stadt am Meer ken­nen­zu­ler­nen, sagt man. Aber nicht je­de die­ser Städ­te trägt ein so of­fe­nes Ge­sicht wie Ve­ne­dig, vie­le ver­schlie­ßen sich, sie er­war­ten kei­ne wohl­wol­len­den Be­su­cher, son­dern Ge­fah­ren, Tai­fu­ne, Spring­flu­ten, Feuch­tig­keit, feind­li­che Schif­fe.

So war es auch, als ich Ca­ta­nia ken­nen­lern­te, die Stadt in Si­zi­li­en, am Fuß des Ät­na hin­ge­streckt. Die Flan­ke des Vul­kans steigt lang­sam und ste­tig an – und um­ge­kehrt, man geht den Weg hin­un­ter, dem Meer zu, das man von wei­ter oben sehr schön se­hen kann, aber wei­ter un­ten sind dann Ge­bäu­de da­vor, nur noch Him­mel dar­über. Als ich das er­ste Mal nach Ca­ta­nia kam, such­te ich nach dem Meer, aber je wei­ter ich in die Rich­tung mar­schier­te, in der es lie­gen muß­te, de­sto häß­li­cher und be­droh­li­cher wur­de die Ge­gend. Mit wei­chen Knien kehr­te ich um, nach­dem mir ein dicker Mann auf ei­nem stot­tern­den Mo­fa ent­ge­gen­ge­kom­men war, bö­se Gri­mas­se schnei­dend, ein­hän­dig fah­rend, mit der an­de­ren Hand Schlä­ge ge­gen mich aus­tei­lend, die mich nicht er­reich­ten und den­noch tra­fen. Nein, die Ge­gen­den zum Meer hin sind nicht im­mer herz­er­fri­schend. Vie­le Städ­te wen­den sich vom Meer ab und zie­hen Schutz­vor­rich­tun­gen ge­gen die er­wähn­ten Ge­fah­ren hoch. Nur Ur­lau­ber aus Bin­nen­län­dern den­ken im­mer, am Meer müs­se es am schön­sten sein. Sie ken­nen das Meer, sei­ne Lau­nen und sei­ne Ge­walt nicht. Mar­seil­le ist ei­ne Aus­nah­me, ge­wiß. Auch Bar­ce­lo­na… Es gibt vie­le Aus­nah­men, of­fe­ne Städ­te – schon siehst du dich die Ca­ne­biè­re hin­un­ter­schlen­dern, bis sie in den Al­ten Ha­fen mün­det, am Kai setzt du dich auf die Ter­ras­se ei­nes Ca­fés, war­test auf die Meer­jung­frau, von der du bei Yo­ko Ta­wa­da ge­le­sen hast…

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El­ler­stra­ße, Düs­sel­dorf

Der sich im Wind wie­gen­de Gras­halm, dunk­les, kräf­ti­ges Grün,
da­ne­ben der gel­be Lö­wen­zahn, klim­pern­de Au­to­schlüs­sel.

In den Be­ton­rit­zen des Kopf­stein­pfla­sters schla­fen­de
Zi­ga­ret­ten­stum­mel; klei­ne Mu­mi­en, dun­kel­gelb zwi­schen grau; wü­sten­ok­ka;
ein Ka­mel lugt von ei­ner weg­ge­wor­fe­nen Zi­ga­ret­ten­packung her­vor.

Der auch hier schwer tra­gen­de Bau­ar­bei­ter, der Mann mit Zan­ge und
blau­er Ho­se und da­zwi­schen im­mer wie­der Kin­der an den Hän­den von
Müt­tern, die Kin­der­wa­gen schie­ben.

Von über­all her­ab­hän­gen­de Ta­schen mit Lauch; Pe­ter­si­lie und Gur­ken.
Die Do­mi­nanz der Far­be Grün bei den in den Pla­stik­tü­ten
trans­por­tier­ten Wa­ren.

Der vor ei­nem Klin­gel­schild ste­hen­de Mann mit ei­ner schwar­zen
Trai­nings­ta­sche in der rech­ten Hand. Sein den Na­mens­dschun­gel
durch­käm­men­der Blick; end­lich das er­lö­sen­de Sur­ren, das Auf­drücken
der Tür, ich ha­be et­was für dich und das will ich dir ge­ben.

Das mit ei­ner Ab­deckung ver­se­he­ne Mo­tor­rad, grau; oh schlaft ihr
Mo­to­ren, schlaft ein. Der dar­aus her­vor­schau­en­de Spie­gel, als Au­ge,
als Hin­weis: Mich wird es im­mer ge­ben und: Ich se­he dich.

Das Er­tö­nen des Ge­räu­sches ei­ner Rat­sche, »oh, oh, da musst du
vor­sich­tig sein. Die sind fest. Da kannst du nicht run­ter­fal­len«.

Ein Hund bellt, et­was fiept, sich zu­zie­hen­de Din­ge, Roh­re,
Was­ser­lei­tun­gen; im­mer noch Ju­stie­rungs­ge­räu­sche.

Der Pa­ket­bo­te und sein Pa­ketturm; ein Ba­lan­ce­akt, ei­ne ar­ti­sti­sche
Dar­bie­tung. Die auch ihn er­lö­sen­den Surr­ge­räu­sche des Tür­öff­ners,
der Wi­der­hall des Sir­rens sei­nes Pa­ket­scan­ners im Ein­gangs­flur, sein
schnel­ler Schritt beim Ab­gang.

Ein Stuhl, ein Tisch, ein Ra­be, ein klar ge­stal­te­ter Bal­kon; dar­un­ter auf
dem Bür­ger­steig ein Jun­ge mit sei­nem Va­ter, aus des­sen Ta­sche die
Ge­räu­sche ei­nes Schafs kom­men; »Ich glau­be, wir ha­ben hier ein
Schaf«.

Die Va­ria­tio­nen der Men­schen beim Ge­hen, ein Schlei­chen, ein
Schlei­fen, ein stöh­nen­des Ge­hen, ein Tap­sen, ein Trip­peln;
Vo­gel­ge­zwit­scher, das sich jetzt in die Ge­räu­sche der Rat­sche mischt.

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Ge­or­ges Si­me­non: Bet­ty

Georges Simenon: Betty

Ge­or­ges Si­me­non: Bet­ty

Éli­sa­beth Étam­ble, ge­bo­re­ne Fay­et, ge­nannt Bet­ty, 28 Jah­re, oh­ne Be­ruf, wohn­haft in Pa­ris, fin­det sich plötz­lich im »Trou«, ei­ner Mi­schung aus Knei­pe und Bi­stro, mit »Ausländer[n] oder Fran­zo­sen, die zwi­schen Ver­sailles und Saint-Ger­main woh­nen, ir­gend­wo bei Mar­ly, Lou­ve­ci­en­nes und Bou­gi­val«, Le­bens­künst­lern und bis­wei­len rich­ti­gen »Spin­nern« wie­der. Das Re­stau­rant bie­tet täg­lich ein Ge­richt zum Abend­essen, da­zu wahl­wei­se Chi­an­ti oder Whis­ky. Bet­tys Er­in­ne­run­gen an die letz­ten Ta­ge sind bruch­stück­haft und es geht dem Le­ser wie der Haupt­fi­gur: Man kommt zu­nächst nicht so recht hin­ein in Ge­or­ges Si­me­nons »Bet­ty«.

Dia­lo­ge und Mo­no­lo­ge, die erst spä­ter ver­ständ­lich wer­den, die som­nam­bu­le, wahr­neh­mungs­ge­stör­te Bet­ty, der schein­bar nicht auf­hö­ren­de, pras­seln­de Re­gen so­zu­sa­gen als Be­gleit­mu­sik. Et­li­che Prot­ago­ni­sten des »Trou« woh­nen im »Ho­tel Carl­ton« in Ver­sailles, so auch Lau­re La­van­cher, die Wit­we ei­nes Me­di­zin­pro­fes­sors aus Ly­on oder Ma­rio, dem das »Trou« ge­hört und der Lau­res Lieb­ha­ber ist. Sie küm­mern sich um die kör­per­lich und psy­chisch ge­schwäch­te Bet­ty, die vor ei­ni­gen Ta­gen ih­ren Mann Guy, dem Sohn ei­nes be­kann­ten Ge­ne­rals, nebst den bei­den Töch­tern (4 Jah­re und 19 Mo­na­te) ver­las­sen hat­te.

Die Um­stän­de ent­hül­len sich dem Le­ser (und mit ihm auch Bet­ty sel­ber) erst nach und nach. Bet­ty war in fla­gran­ti mit ei­nem Lieb­ha­ber er­wischt wor­den. Für die Of­fi­ziers­fa­mi­lie, die ge­sell­schaft­lich noch im 19. Jahr­hun­dert zu le­ben scheint, gibt es nur ei­ne Re­ak­ti­on: Ver­ban­nung und der voll­kom­me­ne Ver­zicht Bet­tys auf die Kin­der; frei­lich mit ei­nem groß­zü­gi­gen, fi­nan­zi­el­len An­ge­bot. Wei­ter­le­sen

Ul­ri­ke Ed­schmid: Le­vys Te­sta­ment

Ulrike Edschmid: Levys Testament

Ul­ri­ke Ed­schmid:
Le­vys Te­sta­ment

Win­ter 1972. Die Ich-Er­zäh­le­rin aus Ul­ri­ke Ed­schmids Ro­man »Le­vys Te­sta­ment« macht sich zu­sam­men mit ei­ni­gen an­de­ren Stu­den­ten der Ber­li­ner Film­aka­de­mie auf nach Lon­don zu der Grup­pe »Ci­ne­ma Ac­tion«, die un­ter an­de­rem mit Fil­men über den Pa­ri­ser Mai 1968 auf­ge­fal­len war. So­fort ist man in der Lon­do­ner An­ar­chi­sten­sze­ne, bei der »An­gry Bri­ga­de«, die mit ih­ren An­schlä­gen (» ‘Wir grei­fen Be­sitz an, nicht Men­schen‘«) für Fu­ro­re sor­gen. Acht Ak­ti­vi­sten sind seit 1971 im Ge­fäng­nis, man nennt sie die »Sto­ke Newing­ton Eight«. Jetzt ste­hen sie vor Ge­richt. An Kü­chen­ti­schen wer­den So­li­da­ri­ät­sadres­sen ver­fasst. »Trau­er, Ohn­macht und Pro­test«. Der Pro­zess wird be­sucht. Und hier lernt die Er­zäh­le­rin ih­ren »Eng­län­der« ken­nen.

Sie be­wun­dern die Ver­lo­ren­heit der An­ge­klag­ten aber auch de­ren Elo­quenz, die sich »nicht aus Ideo­lo­gien« speist, son­dern aus den An­lie­gen sel­ber. Sie sind ge­stän­dig, aber nicht reu­mü­tig, er­klä­ren ih­re Mo­ti­va­ti­on. Ih­nen sei klar, dass sie mir ih­ren An­schlä­gen nicht die Welt ver­än­dern könn­ten. Weil da­mals in Groß­bri­tan­ni­en al­ler­dings Ge­walt ge­gen Sa­chen auf der glei­chen (oder so­gar ei­ner hö­he­ren Stu­fe) stand wie Ge­walt ge­gen Per­so­nen, ha­ben vier von ih­nen kei­ne Chan­ce. Sie er­hal­ten zehn Jah­re Ge­fäng­nis. Die an­de­ren kom­men frei.

Die Er­zäh­le­rin und der Eng­län­der wer­den ein Paar. Er ist der Sohn jü­di­scher El­tern. Die Mut­ter Norah, klag­te zeit ih­res Le­bens um ih­re ver­lo­re­ne Ju­gend, als sie als äl­te­ste Toch­ter für die Ge­schwi­ster sor­gen muss. Sie ver­kauft ir­gend­wann Schu­he. Ih­rem Sohn sagt sie rau­nend, dass er nie da­zu­ge­hö­ren wird. Auch die gu­ten Schul­no­ten und spä­ter der Uni-Ab­schluss wür­den dar­an nichts än­dern. Aber war­um? Der Va­ter, »Gin­ger Joe«, han­del­te mit bil­li­gen Klei­dern. Als er da­mit schei­tert, fährt er Ta­xi. In den 1970ern le­ben sie in ei­ner So­zi­al­bau­woh­nung. Wenn ir­gend­wie mög­lich, be­su­chen Va­ter und Sohn die Heim­spie­le des Fuß­ball­ver­eins Tot­ten­ham Hot­spurs. Der Eng­län­der wird die­sen Ver­ein für im­mer lie­ben. Hin­zu kom­men dann die Rol­ling Stones. Und ein biss­chen Bob Dy­l­an. Aber, und das sagt er ihm kurz vor sei­nem Tod, vor al­lem sei­nen Va­ter. Es ist die er­grei­fend­ste Stel­le im Buch.

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Nach­ge­tra­gen

»Wenn je­mand ei­ne Rei­se tut, so kann er was er­zäh­len…«, so lau­tet ein Volks­lied von Mat­thi­as Clau­di­us. Mi­cha­el Mar­tens kann auch et­was er­zäh­len, wenn er kei­ne Rei­se »tut«.

Und so »be­rich­tet« er al­so von Pe­ter Hand­kes Rei­sen nach Ser­bi­en und zur Re­pu­bli­ka Srps­ka im Mai 2021. Der Nicht-Oh­ren-und-Au­gen­zeu­ge Mar­tens weiß er­staun­li­cher­wei­se al­les. Gleich zu Be­ginn wird deut­lich, dass Hand­ke nicht ein­fach nur ei­ne Rei­se un­ter­nom­men hat, son­dern ei­ne »Ju­bel­tour­nee«. Und dass er die Or­den in Ban­ja Lu­ka, die er be­kam, mit dem Wor­ten »Dies ist ein gro­ßer Au­gen­blick für mich« kom­men­tiert hat­te. Er weiß mit wem sich Hand­ke ei­nig war, was man be­spro­chen hat, dass er ein Fuß­ball­tri­kot von Par­tizan Bel­grad »stolz« ge­tra­gen hat (so wie einst das von »Ro­ter Stern Bel­grad«? – bit­te, Herr Mar­tens, ich bren­ne auf die Ant­wort). Wenn Hand­ke von »Volk« re­de, so er­in­ne­re dies an den »Höcke-Flü­gel« der AfD. Was er nicht weiß, ist wie Hand­ke den Be­griff »Volk« ver­wen­det1. Wie soll­te er auch, denn da­für hät­te man sich mit dem Werk aus­ein­an­der­set­zen müs­sen.

Aus der Hand­ke-Re­de in Više­grad an­läss­lich des Ivo-An­drić-Prei­ses2 zi­tiert Mar­tens zwei Stel­len – und lässt den ent­schei­den­den Satz weg. Mei­nes Wis­sens er­wähn­te ihn nur Mla­den Gla­dić in sei­ner Be­richt­erstat­tung für die »Welt« – im In­ter­net hin­ter ei­ner Be­zahl­schran­ke sorg­sam ver­wahrt. Da­her soll – mit aus­drück­li­cher Ge­neh­mi­gung der Be­tei­lig­ten – Pe­ter Hand­kes spon­ta­ne Re­de vom 7. Mai 2021 in Više­grad in ei­ner Tran­skrip­ti­on von Žar­ko Ra­dako­vić hier ab­ge­druckt wer­den3:

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  1. Darüber gibt es seit den 1980er Jahren vielschichtige literaturwissenschaftliche Studien. Meine Gedanken dazu findet man hier: https://mirabilis-verlag.de/produkt/lothar-struck-erzaehler-leser-traeumer-begleitschreiben-zum-werk-von-peter-handke/ 

  2. Anlass war die serbische Übersetzung von "Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte“ von Žarko Radaković "Drugi mač. Majska povest". Es wurde als Buch des Jahres 2020 in Serbien und Republika Srpska mit dem "Ivo Andrić Preis" ausgezeichnet. Peter Handke reiste am 7. Mai 2021 nach Višegrad, um den Preis persönlich entgegenzunehmen. Der andere Laureat, der serbische Schriftsteller Milovan Danojlić, war aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Višegrad gekommen. 

  3. Handke hielt die Rede auf Deutsch; die Original-Aufnahme liegt mir vor 

Mar­cel Prou­st: Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber

Marcel Proust: Der geheimnisvolle Briefschreiber

Mar­cel Prou­st:
Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber

Aus dem Nach­lass des 2018 ver­stor­be­nen Ver­le­gers und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Ber­nard de Fal­lois fan­den sich neun frü­he Er­zäh­lun­gen von Mar­cel Prou­st, da­von acht bis­her un­ver­öf­fent­lich­te, die der Suhr­kamp Ver­lag über­setzt von Bern­hard Schwibs nun im Band »Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber« pas­send zum 150. Ge­burts­tag des Schrift­stel­lers in ei­nem präch­ti­gen Band vor­legt. Edi­tiert wur­de der Band von Luc Frais­se, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät in Straß­burg. Es be­ginnt mit ei­ner um­fas­sen­den Ein­füh­rung, in der auch die Um­stän­de der Ent­deckung be­leuch­tet wer­den. Je­dem Text wird zu­sätz­lich noch ein­mal in Kur­siv­schrift der Re­fe­renz­rah­men in­ner­halb des Proust’schen Wer­kes vor­an­ge­stellt und, so­weit mög­lich, die Ge­ne­se des Tex­tes er­läu­tert. Ein­fü­gun­gen, Strei­chun­gen und Kor­rek­tu­ren Prou­sts sind in den Fuß­no­ten auf­ge­führt.

Ein kon­kre­tes Ent­ste­hungs­da­tum wird nicht ge­nannt, ver­mut­lich, weil die Tex­te nicht ent­spre­chend ge­kenn­zeich­net sind. Sie sol­len par­al­lel zur Er­zäh­lung »Der Gleich­gül­ti­ge« ver­fasst wor­den sein, al­so um 1896 (da war Prou­st 25 Jah­re alt).Der Grund, war­um Mar­cel Prou­st die­se Er­zäh­lun­gen un­ter Ver­schluss ge­hal­ten hat­te, liegt bei al­ler Spe­ku­la­ti­on für Frais­se auf der Hand: Das Haupt­the­ma, das hier »ver­han­delt« wer­de, sei Ho­mo­se­xua­li­tät. Der jun­ge Au­tor zog es vor, die für die da­ma­li­ge Zeit »wohl zu skan­dal­träch­ti­gen Tex­te« ge­heim zu hal­ten. Der um­fang­rei­che Re­fe­ren­zap­pa­rat er­klärt je­doch, dass For­mu­lie­run­gen und vor al­lem Mo­ti­ve die­ser Tex­te in spä­te­ren Ro­ma­nen, vor al­lem je­doch in der »Re­cher­che« durch­aus Ver­wen­dung fin­den.

Wer sich un­mit­tel­bar auf die fun­keln­de poe­ti­sche Kraft Prou­sts, die auch in die­sen bis­wei­len frag­men­ta­ri­schen Tex­ten her­vor­leuch­tet, ein­las­sen möch­te, le­se zu­nächst die Tex­te sel­ber oh­ne jeg­li­che Ein­füh­rung und Ein­ord­nun­gen (und igno­rie­re, wenn mög­lich, auch die Fuß­no­ten). Das gilt ins­be­son­de­re für die ti­tel­ge­ben­de Er­zäh­lung »Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber« (zu­dem hier in den Er­läu­te­run­gen der Spoi­ler er­läu­tert wird, dem Prou­st un­ter­lau­fen war) und »Er­in­ne­rung ei­nes Haupt­manns«. Letz­te­re wur­de als ein­zi­ge be­reits ein­mal ver­öf­fent­licht, im Jahr 1952. Im Band steht sie re­kon­stru­iert aus dem vor­lie­gen­den Ma­nu­skript von Prou­st. Wei­ter­le­sen