Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch
Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Der Ti­tel des neu­en Bu­ches ist et­was merk­wür­dig, wenn man Fran­cis Fu­ku­ya­mas Schrif­ten nicht kennt: Der letz­te Mensch (Über­set­zer: Hel­mut Dier­lamm und Tho­mas Stau­der). Nach dem kur­zen Vor­wort scheint der 1952 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner mit ja­pa­ni­schen Wur­zeln mit die­sem Buch ei­ne Art Au­to­bio­gra­phie, ein Me­moir, vor­zu­le­gen. Er er­zählt von sei­ner Fa­mi­lie, den Drang­sa­lie­run­gen und In­ter­nie­run­gen ei­ni­ger Fa­mi­li­en­mit­glie­dern nach Pearl Har­bor, als in den USA al­le Ja­pa­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht fie­len. Er er­zählt wei­ter von zer­stör­ten Kar­rie­ren, ge­bro­che­nen See­len, aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Fa­mi­li­en, der star­ken Per­sön­lich­keit sei­ner aka­de­misch ge­bil­de­ten Mut­ter und den li­be­ra­len An­sich­ten sei­nes pa­zi­fi­stisch ein­ge­stell­ten Va­ters, ein pro­mo­vier­ter Re­li­gi­ons­so­zio­lo­ge. Der Va­ter stand fünf­zehn Jah­re der »United Church of Christ« vor. Auch die Mut­ter war Chri­stin.

Fu­ku­ya­ma er­zählt über sein Stu­di­um, sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang, der zum größ­ten Teil in »In­sti­tu­tio­nen der öf­fent­li­chen Po­li­tik« statt­fand, streift nur kurz die Tätigkeit(en) im US-Au­ßen­mi­ni­ste­ri­um (Stich­wort: Ver­trau­lich­keit), schließ­lich sei­ne Lehr­tä­tig­kei­ten. Er er­zählt von sei­nen hand­werk­li­chen Fä­hig­kei­ten, den Schrei­ner­ar­bei­ten, der Her­stel­lung vom Baum­roh­ling bis zum »Pem­bro­ke-Tisch­chen im Fe­de­ral Style« (ei­ne fünf­jäh­ri­ge Ar­beit), der tie­fen Be­frie­di­gung die­ser Hand­ar­beit. Ei­ne Zeit lang sam­mel­te Fu­ku­ya­ma Lei­ca-Ka­me­ras. Spä­ter bau­te er Com­pu­ter, schrieb Pro­gram­me, will von den An­ge­bo­ten der Tech-Gi­gan­ten au­to­nom sein. Be­reit­wil­lig of­fen­bart er sei­ne Schwä­chen: Er ist un­sport­lich und zu sei­nem Be­dau­ern lei­der voll­kom­men un­mu­si­ka­lisch. Letz­te­res de­kre­tiert er auch als ein Ur-Pro­blem der USA, die in der Mu­sik im Ge­gen­satz zu Eu­ro­pa kei­ne »tie­fen kul­tu­rel­len Wur­zeln« ha­be. Es feh­le ei­ne »star­ke na­tio­na­le Mu­sik­tra­di­ti­on«; eu­ro­päi­sche klas­si­sche Mu­sik blie­be ein Phä­no­men der Ober­schicht.

Bis­wei­len por­trai­tiert er Per­sön­lich­kei­ten aus sei­nem aka­de­mi­schen Mi­lieu. Et­wa ei­ner sei­ner Leh­rer, Allan Bloom, der ein Schü­ler von Leo Strauss war (des­sen Phi­lo­so­phie wird knapp er­läu­tert). Man hät­te nach die­sen Aus­füh­run­gen Blooms Buch Der Nie­der­gang des ame­ri­ka­ni­schen Gei­stes von 1987 ger­ne ge­le­sen, aber es ist nicht mal mehr aus se­riö­sen an­ti­qua­ri­schen Quel­len ver­füg­bar. Man er­fährt et­was über sein Ver­hält­nis zu Sa­mu­el Hun­ting­ton und ist über­rascht zu er­fah­ren, wel­ches Fu­ku­ya­ma als sein wich­tig­stes Buch ein­schätzt.

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Chri­stoph Nar­holz: Kni­ster

Christian Narholz: Knister
Chri­sti­an Nar­holz: Kni­ster

Chri­stoph Nar­holz, 1968 ge­bo­ren, ist Au­tor, Phi­lo­soph und ak­tu­ell Lehr­be­auf­trag­ter an der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen. Im letz­ten Jahr er­schien Wi­de Bo­dies Jets, ei­ne Mi­schung aus No­ta­ten und klei­nen Er­zäh­lun­gen, ver­fasst wäh­rend der Co­ro­na­zeit zwi­schen En­de 2020 und Som­mer 2022. Im­mer wenn Nar­holz vom Rä­so­nie­ren oder Be­ob­ach­ten ins Schau­en kam, ge­lan­gen ihm nach­drück­li­che Evo­ka­tio­nen von Kür­zes­tau­gen­blicken. Be­ein­druckend ge­lun­gen auch die Fort- bzw. Wei­ter­schrei­bung des Ro­mans Der Chi­ne­se des Schmer­zes von Pe­ter Hand­ke.

Als das Buch im März 2025 vor­ge­stellt wur­de, hat­te Nar­holz mit ein.jahr.aus.allen be­reits ein an­de­res Pro­jekt be­gon­nen und zwar dort, wo man im all­ge­mei­nen nicht un­be­dingt mit li­te­ra­ri­schen In­hal­ten rech­net: auf In­sta­gram. Ab 1. März 2025 wur­de bis zum 28. Fe­bru­ar 2026 je ein Ein­trag per Scan aus ei­nem No­tiz­buch ge­zeigt, der an die­sem Tag ent­stan­den war. Die Be­son­der­heit liegt in der Chro­no­lo­gie der Jah­re: »Die Ta­ge lie­fen stur chro­no­lo­gisch durch, die Jah­re spran­gen er­ra­tisch vor und zu­rück«. So ent­stand ein Jahr, dass es in die­ser Form gar nicht ge­ge­ben hat. »Zu­sam­men­hang«, so Nar­holz, »ent­stand durch die mo­ment­haf­te Wahl am Tag des Posts und die in­ne­re Lo­gik des im ak­tu­el­len Jah­res­lauf col­la­gier­ten Bilds.« Die Ba­sis bil­de­ten Ein­tra­gun­gen aus 33 Jah­ren – von 1992 bis 2025. So folgt nach dem er­sten Ein­trag vom 1.3.1999 ei­ne Rei­se­skiz­ze aus Ägyp­ten vom 2.3.2018, da­nach ei­ne No­tiz vom 3.3.2023, und so wei­ter. Sel­ten, dass es zwei auf­ein­an­der­fol­gen­de Posts aus dem glei­chen Jahr gibt; schon häu­fi­ger, dass ei­ne Fort­schrei­bung nur durch ei­nen oder zwei Ta­gen un­ter­bro­chen wur­de. Ak­tu­ell steht die »Fol­lo­wer­zahl« bei 182 und ich weiß nicht, ob das für ein sol­ches For­mat auf die­sem Ka­nal nun viel oder we­nig ist. (Rai­nald Goetz hat > 6000 Fol­lower, aber wer liest das wirk­lich?)

Egal. Die aus­ge­wähl­ten 365 Ein­tra­gun­gen sind nun als Buch un­ter dem Ti­tel Kni­ster er­schie­nen. Das Buch stel­le, so der Au­tor, das »drit­te ge­nutz­te Me­di­um« (nach No­tiz- bzw. Ta­ge­buch und On­line-Pu­bli­ka­ti­on) dar. Ich ha­be das Buch als E‑Book ge­le­sen; wenn man so will ei­ne wei­te­re Di­men­si­on.

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Jo­sef Wink­ler: Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht

Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Jo­sef Wink­ler: Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht

Ir­gend­wann ging es um die ak­tu­el­len Lek­tü­ren. Pe­ter Hand­ke las die Brie­fe von Stendhal. Und von Schil­ler. Be­son­ders je­ne, in de­nen Schil­ler schon von der Krank­heit ge­zeich­net sei. Und dann sah ich bei mir den seit ei­nem hal­ben Jahr im Re­gal der un­ge­le­se­nen Bü­cher ste­hen­den Ro­man Das Glück ist ein En­gel mit ern­stem Ge­sicht und sag­te, dass ich nur noch den Wink­ler ha­be. Hand­ke war so­fort ent­setzt. Das sei grau­en­haft, so kön­ne man doch nicht schrei­ben. Al­le wä­ren schuld, al­le bö­se, nur die Schwe­ster nicht. Er stock­te. Na­tür­lich kön­ne ich das le­sen. Aber wie der Wink­ler hier schrei­be, das sei »sehr un­ver­schämt«. Aber auch ge­konnt. Sehr ge­konnt. Aber er, Hand­ke, le­se dann doch lie­ber et­was we­ni­ger Ge­konn­tes. Ich sag­te noch, dass mich Men­schen­kind und der Acker­mann aus Kärn­ten da­mals be­wegt hät­ten, was ihn er­staun­te.

Aber Hand­ke ließ nicht mit sich re­den. Na­tür­lich weiß er, das Wink­ler ihn ver­ehrt und in die­sem neu­en Ro­man fin­den sich auch (gut ver­steckt) zwei Zi­ta­te von Über die Dör­fer (die am En­de er­wähnt wer­den zu­sam­men mit all den an­de­ren Zi­ta­ten bei­spiels­wei­se von An­na Ach­ma­towa, Rai­ner Ma­ria Ril­ke und Dscha­lal ad-Din Rūmī). Mit die­ser ri­go­ro­sen, mit An­er­ken­nung ver­se­he­nen Ab­leh­nung hat­te er mein In­ter­es­se ge­weckt.

Tat­säch­lich han­delt der neue Ro­man von Jo­sef Wink­ler von sei­ner fünf Jah­re äl­te­ren Schwe­ster Ma­ria, die am En­de ih­res Le­bens sie­ben Jah­re im »psych­ia­tri­schen Pfle­ge­heim in Möll­brücke, im Obe­ren Drau­tal, kei­ne zwan­zig Ki­lo­me­ter von ih­rem Hei­mat­ort Ka­me­ring ent­fernt« ver­brach­te. Die Er­in­ne­run­gen an die Schwe­ster, das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich-Er­zäh­ler Seppl und ihr bil­den das Ge­rüst. Aber oh­ne die Mo­ti­ve aus den ver­gan­ge­nen (Kamering-)Romanen, die in üb­li­cher, li­tan­ei­haf­ter Art und Wei­se vor­ge­tra­gen wer­den und den Er­zäh­ler und des­sen Emp­fin­dun­gen und Qua­len in den Mit­tel­punkt stel­len, kommt auch die­ses Buch nicht aus.

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Chri­sti­an Hal­ler: Ein­fal­len­de Däm­me­rung

Christian Haller: Einfallende Dämmerung
Chri­sti­an Hal­ler: Ein­fal­len­de Däm­me­rung

Der Mo­le­ku­lar­bio­lo­ge und Zell­for­scher Paul Bálint »be­trat an sei­nem acht­zig­sten Ge­burts­tag den Früh­stücks­raum des Ho­tels Du­cret.« So be­ginnt Ein­fal­len­de Däm­me­rung, das neue­ste Buch des 1943 ge­bo­re­nen Chri­sti­an Hal­ler. Es trägt die Gat­tungs­be­zeich­nung No­vel­le und so ist der Le­ser auf ei­ne »un­er­hör­te Be­ge­ben­heit« ein­ge­stellt. Die gibt es dann ge­gen En­de und sie ist über­ra­schend, weil man sich, ver­mut­lich ver­dor­ben durch all­zu aus­gie­bi­gen Film- und Fern­seh­spiel­kon­sum, auf an­de­res ein­ge­stellt hat­te. Da­bei be­dient sich Hal­ler durch­aus im Film­gen­re, in dem er den oh­ne­hin schon schma­len Text in 34 chro­no­lo­gisch an­ge­leg­ten Sze­nen an­legt. Er­zählt wird per­so­nal aus Sicht von Bálint, der nach be­ruf­li­chen Auf­ent­hal­ten un­ter an­de­rem in Ber­ke­ley und Pa­ris nun in Ba­sel wohnt.

Die Fei­er in Pa­ris hat ei­ne ehe­ma­li­ge Kol­le­gin or­ga­ni­siert, der er viel ver­dankt und er macht sich Vor­wür­fe, sie als Au­torin in ei­ni­gen Fach­auf­sät­zen nicht an er­ster Stel­le ge­nannt zu ha­ben. Sie heißt Made­lei­ne, was Bálint ge­fällt, denn der ist ein Proust-Le­ser, der sich in des­sen »Klang der Spra­che auf­ge­ho­ben« fühlt. Zwan­zig Gä­ste ha­ben sich ein­ge­fun­den aber Bálint fühlt sich ein biss­chen ver­lo­ren beim nach dem Es­sen ein­set­zen­den Tratsch der Com­mu­ni­ty, die er als »Fa­mi­lie« be­trach­tet, weil er kei­ne »rich­ti­ge« Fa­mi­lie hat­te.

Mehr als 50 Jah­re war er mit der Fo­to­gra­fin Car­la ver­hei­ra­tet und da bei­de Be­ru­fe gro­ße geo­gra­fi­sche Fle­xi­bi­li­tät ver­lang­ten, ent­schied man sich ge­gen Kin­der. Kurz nach Bálints Pen­sio­nie­rung ver­ließ Car­la ih­ren Mann zu Gun­sten ei­nes an­de­ren. Ein hal­bes Jahr spä­ter fiel sie in gro­ße psy­chi­sche Pro­ble­me, bat ih­ren Ex-Mann um Hil­fe, ging in Kli­ni­ken um sich dann doch in den Frei­tod zu stür­zen. Bálint such­te Hil­fe, fand in Stein­berg ei­nen The­ra­peu­ten mit ei­ner »war­men, freund­li­chen und prü­fen­den Zu­ge­wandt­heit«. Stein­berg, da­mals En­de 50, er­zähl­te et­was von jun­gem Al­ter und al­ten Al­ter, von zwei un­ter­schied­li­chen Kam­mern und den Ver­füh­run­gen der »Ver­gnü­gungs- und Ab­len­kungs­in­du­strie«. Stein­berg wird nach der The­ra­pie zu ei­nem Freund; man trifft sich zwang­los mit ei­ner ge­wis­sen Re­gel­mä­ßig­keit.

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Sa­lo­mo­ni­sche Ent­schei­dung

Falsche Bewegung - Screenshot vom Film von Wim Wenders - © Wim Wenders
Fal­sche Be­we­gung – Screen­shot vom Film von Wim Wen­ders – © Wim Wen­ders (nach Wi­ki­pe­dia)

Nun al­so doch et­was »zur Sa­che«? Im­mer­hin: Der Streit (?) um Fal­sche Be­we­gung von Wim Wen­ders hat da­zu ge­führt, dass ich mir nach mehr als zehn Jah­ren den Film noch ein­mal an­ge­se­hen ha­be. Ich schrieb da­mals an mei­nem Buch Der Ge­ruch der Fil­me über das Ki­no von Pe­ter Hand­ke und ha­be dort ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on zu Dreh­buch und Film ab­ge­ge­ben. Fal­sche Be­we­gung war die Vor­la­ge zum Film, in dem Wim Wen­ders Re­gie führ­te. Am En­de des Bu­ches (Suhr­kamp Ta­schen­buch 258, 1. Auf­la­ge 1975) hat­te Hand­ke Ent­ste­hungs­ort und ‑zeit­raum fest­ge­hal­ten: »Ve­ne­dig, Juli/August 1973«. Auf dem Co­ver ein Bild mit Rü­di­ger Vog­ler, Nastass­ja Kin­ski (im Ab­spann des Films wird sie »Nastass­ja Naks­zyn­ski« ge­nannt) und Hans-Chri­sti­an Blech. Laut Hand­keon­line ist der 25.06.1975 das Erst­erschei­nungs­da­tum. Der Film wur­de, so steht es im Buch, im Herbst 1974 ge­dreht und hat­te am 14. März 1975 Pre­mie­re. Der Film ge­wann den Deut­schen Film­preis und er­hielt das Film­band in Gold in sechs Ka­te­go­rien (u. a. für die Dar­stel­ler). Im Ju­ni 1976 er­folg­te ei­ne Aus­strah­lung in der ARD.

Buch und Film sind eng mit­ein­an­der ver­zahnt. Den­noch gibt es Un­ter­schie­de. Of­fen­sicht­lich wa­ren die an­de­ren Or­te. Hand­ke lässt sei­ne Fi­gur Wil­helm, den an­ge­hen­den Schrift­stel­ler, in Hei­de le­ben, Wen­ders nimmt Glück­stadt. Bei Hand­ke fährt er nach Soest, bei Wen­ders nach Bonn. Schwal­bach und der letz­te Ort Wil­helms, die Zug­spit­ze, sind hin­ge­gen iden­tisch. Die Fi­gur des Bernd Land­au kam im Buch aus der Schweiz, bei Wen­ders aus Wien. Zu Be­ginn fährt kein TEE-Zug, wie Hand­ke es woll­te. Klei­nig­kei­ten; den Um­stän­den ge­schul­det.

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Mi­cha­el Klee­berg: Achil­les in Ta­or­mi­na

»Du brauchst nur ei­nen ein­zi­gen wah­ren Satz zu schrei­ben.
Schreib den wahr­sten Satz, den du kennst.«
– Er­nest He­ming­way, Miss Stein do­ziert in Pa­risEin Fest fürs Le­ben

Michael Kleeberg: Achilles in Taormina
Mi­cha­el Klee­berg: Achil­les in Ta­or­mi­na

Achil­les in Ta­or­mi­na heißt das Buch des Karl­mann-Schöp­fers und Bun­des­re­pu­blik-Chro­ni­sten Mi­cha­el Klee­berg und es ver­spricht, über ein »Le­ben auf der Su­che nach He­ming­ways letz­tem Ge­heim­nis« zu er­zäh­len. Und das pas­siert auch – auf ei­ne li­stig-ori­gi­nel­le Art. Prot­ago­nist die­ses Ro­mans ist ein ge­wis­ser Mi­cha­el Klee­berg. »Let’s con­fu­se the bug­gers« steht schon als ein Mot­to dem Ro­man vor­an (der pop­kul­tu­rel­le Hin­ter­grund ist in­ter­es­sant, spielt aber kei­ne Rol­le) und es dau­ert tat­säch­lich ein biss­chen, die ein­ge­streu­ten Ver­wir­run­gen, de­nen der Le­ser aus­ge­setzt ist, zu sor­tie­ren. Denn die­ser Ich-Er­zäh­ler Mi­cha­el Klee­berg (von nun an wird die­ser hier kur­siv ge­schrie­ben) ist zwar in ei­ni­gen Punk­ten dem rea­len Mi­cha­el Klee­berg nach­emp­fun­den, dann aber doch ei­ne ganz an­de­re Fi­gur mit ei­nem an­de­rem Le­ben.

Zu­nächst ist da der Wunsch des Gym­na­sia­sten und Stu­den­ten Mi­cha­el Klee­berg, sei­nem Idol Er­nest He­ming­way nach­zu­ei­fern und rasch so et­was wie »Krieg« aus ei­ge­ner Er­fah­rung zu er­le­ben. Und so ver­dingt sich der 19jährige als Frei­wil­li­ger, um ad­äquat zu He­ming­ways Spa­ni­en-Ein­satz von 1937 mehr als 40 Jah­re spä­ter in Ni­ca­ra­gua das kor­rup­te So­mo­za-Re­gime zu be­kämp­fen. So geht es im Ju­ni 1979 ins Grenz­ge­biet zwi­schen Co­sta Ri­ca und Ni­ca­ra­gua. Er wird Teil ei­ner in­ter­na­tio­na­len Frei­wil­li­gen­trup­pe von rund 40 Per­so­nen und er­fährt ei­ne kur­ze mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Für die po­li­ti­sche Agi­ta­ti­on ist ein DDR-Mann vor Ort. Klee­berg lernt dort die zwei Jah­re jün­ge­re Lynn ken­nen und lie­ben, ei­ne Ame­ri­ka­ne­rin, aus, wie sich spä­ter zei­gen wird, gu­tem Haus. Sie schwö­ren sich so­bald wie mög­lich zu hei­ra­ten. Drei Wo­chen spä­ter geht es end­lich an die Front. Sie ge­ra­ten prompt un­ter ei­nem höl­li­schen Be­schuss, über­ste­hen je­doch den stun­den­lan­gen An­griff ir­gend­wie. Am glei­chen Tag wird ver­kün­det, dass So­mo­za das Land ver­las­sen hat.

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Me­lan­cho­lie und Son­nen­tau

Neue Er­zäh­lun­gen vom Li­te­ra­tur­ent­decker Mi­cha­el Hel­ming

Ein neu­es Buch von Mi­cha­el Hel­ming. Zu­ge­ge­ben, lei­der kein Ent­deckungs­buch wie Bye bye Ba­bel oder Lei­chen trepp­auf, in de­nen Dich­ter auf bio­gra­phisch-wun­der­ba­re Art der Ver­ges­sen­heit ent­ris­sen, ih­re Grä­ber be­sucht und der neu­gie­rig ge­wor­de­ne Le­ser Her­mann Un­gar, Heinz Ol­schwe­ski oder Kurt Mün­zer (aka Ge­org Fink) ken­nen­lern­te. Auch die 16 Sei­ten über den min­de­stens 35 Mal er­folg­los zum Li­te­ra­tur­no­bel­preis vor­ge­schla­ge­nen Jor­ge Lu­is Bor­ges, den er lie­be- und re­spekt­voll »Ge­or­gie« nennt, sind sehr in­struk­tiv. Gran­di­os dar­in die­ses Fo­to von ei­nem men­schen­lee­ren Platz mit Gar­ten­schachs und dem Un­ter­ti­tel: »Genf am 14.06.2006, auf den Tag ge­nau 20 Jah­re nach Bor­ges’ Tod« (Bor­ges starb in Genf).

Michael Helming: Notizen vom schwarzen Faden
Mi­cha­el Hel­ming: No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den

Nun al­so No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den. Zum Glück kein Ro­man, son­dern 19 Er­zäh­lun­gen oder, wie der Ver­lag schreibt, »Kurz­ge­schich­ten über das Rei­sen und das ewig un­ste­te Mensch­sein«. Das und die Hom­mage an Bor­ges im Kopf, soll­ten ei­nem die 5 Eu­ro wert sein.

Und selbst wenn man mit der Ge­schich­te über den Win­ter-Ver­käu­fer, der ei­ne sin­gen­de Ma­de ent­deckt und da­mit ei­ne Frau be­ein­drucken möch­te ein biss­chen frem­delt oder sich ein leich­ter Gru­sel ein­stellt bei der Er­zäh­lung über den Mann, der sich sel­ber in sei­ner Woh­nung im Ses­sel sit­zend be­geg­net – es gibt wirk­lich tol­le Er­zäh­lun­gen.

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Li­te­ra­ri­sche Er­kun­dun­gen

In Zei­ten zahl­lo­ser li­te­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen, die von rast­lo­sen Zir­ku­la­ti­ons­agen­ten in das Zen­trum der Auf­merk­sam­keit ge­pusht wer­den (sol­len), wei­chen vom Über­maß der Ent­täu­schun­gen zu­neh­mend er­mü­de­te Le­ser ver­stärkt auf Blü­ten­le­sen aus, in der ih­nen nicht nur Zu­sam­men­hän­ge und Pre­tio­sen aus ver­gan­ge­nen Li­te­ra­tur­wel­ten na­he­ge­bracht wer­den, son­dern das un­über­sicht­li­che Ta­bleau hel­fen, ein­zu­ord­nen. Ne­ben den eher auf­dring­lich-apo­dik­ti­schen, im Ab­stand von ei­ni­gen Jah­ren im­mer wie­der neu auf­ge­leg­ten Ka­non­de­bat­ten, sind dies an­spruchs­vol­le Mo­no­gra­fien, wie Ed­ward Franks Stran­ger than Fic­tion, ein Ver­such, drei­ßig Ro­ma­ne zu fin­den, die das 20. Jahr­hun­dert spie­geln oder, ern­ster, Hel­muth Kie­sels groß­ar­ti­ges Va­de­me­cum über die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur zwi­schen 1933 und 1945.

Leopold Federmair: Portraits
Leo­pold Fe­der­mair: Por­traits

Be­son­ders be­liebt sind Schrift­stel­ler­por­traits. So bei Hel­mut Böt­ti­ger und, als em­pha­ti­scher Lob- und Trau­er­red­ner, Mi­cha­el Krü­ger. Por­traits heißt denn auch kurz und knapp die so­eben er­schie­ne­ne Auf­satz­samm­lung des öster­rei­chi­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Schrift­stel­lers Leo­pold Fe­der­mair. Al­ler­dings könn­te der Ge­gen­satz zum feuil­le­to­ni­sti­schen Krü­ger kaum grö­ßer sein. Ver­sam­melt sind 27 Tex­te über 26 »Schrift­stel­ler, Dich­ter & Den­ker«, ent­stan­den in drei Jahr­zehn­ten. Die Por­traits wur­den an ver­schie­de­nen Stel­len on­line oder auf Pa­pier pu­bli­ziert und für das Buch ge­ge­be­nen­falls den Ak­tua­li­tä­ten an­ge­passt. Manch­mal fin­det man Pu­bli­ka­ti­ons­da­ten, manch­mal nicht; ei­ne Bi­blio­gra­phie fehlt.

Ein­stiegs­hil­fen

Schon im Vor­wort be­tont Fe­der­mair die Sub­jek­ti­vi­tät sei­ner Aus­wahl, die nicht zu­letzt sei­nem kos­mo­po­li­ti­schen Le­ben und der Neu­gier auf frem­de Län­der und de­ren Li­te­ra­tur fußt. So kommt süd­ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur vor, auch weil er un­ter an­de­rem län­ger in Ar­gen­ti­ni­en ge­lebt hat (und Spa­nisch spricht, die Wer­ke im Ori­gi­nal le­sen kann). Auch sei­ne Pro­fes­sur in Ja­pan zeigt Spu­ren. Ne­ben dem noch leid­lich be­kann­ten Kenzabu­ro Oe gibt es Auf­sät­ze zu zur tau­send Jah­re al­ten »Mäd­chen­li­te­ra­tur« von Sei Sho­na­gon so­wie über Ju­ni­chi­ro Ta­ni­zaki und den sich selbst als »Au­ßer­ir­di­schen« be­zeich­nen­den Hi­to­na­ri Tsu­ji.

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