Va­len­tin Hau­ser: Ein Stück des We­ges...

Valentin Hauser: Ein Stück des Weges mit meinem Freund Peter Handke
Va­len­tin Hau­ser: Ein Stück des We­ges mit mei­nem Freund Pe­ter Hand­ke

Ein Stück des We­ges mit mei­nem Freund Pe­ter Hand­ke ist der Ti­tel des neue­sten Bu­ches des ehe­ma­li­gen Griff­ner Ge­mein­de­be­am­ten Va­len­tin Hau­ser, auch be­kannt als ein­sti­ger Volks­mu­si­kant (»Griff­ner-Buam« – zwi­schen 1968 und 1982 2000 Auf­trit­te), Kom­po­nist, Koch­cham­pi­on, Hei­mat­for­scher und Buch­au­tor. Der Weg ist, wie der Un­ter­ti­tel »Er­leb­nis­se und Er­in­ne­run­gen aus fünf Jahr­zehn­ten« zeigt, ein lan­ger.

Die er­ste Be­geg­nung der bei­den ver­or­tet Hau­ser auf das Jahr 1972. Er spiel­te in ei­nem Land­gast­hof in der Markt­ge­mein­de Grif­fen mit sei­nen Mu­si­kern. Der da­mals 30jährige Pe­ter Hand­ke sah dem Trei­ben zu und wünsch­te sich ei­nen Wie­ner Wal­zer. 1984 be­nö­tig­te Hand­ke für die Ver­län­ge­rung sei­nes Rei­se­pas­ses die Ge­burts­ur­kun­de und wand­te sich di­rekt an Hau­ser. Der re­agier­te schnell und Hand­ke zeig­te sei­ne Dank­bar­keit mit ei­ner klei­nen Spen­de für die Re­stau­ra­ti­on ei­nes Weg­kreu­zes. Der Wunsch nach An­ony­mi­tät ließ sich nicht lan­ge hal­ten. Ein Jahr spä­ter kam es zu der näch­sten Be­geg­nung; seit­dem duzt man sich.

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Beckett, Coo­per, Bach­mann­preis

Samuel Beckett: German Diaries
Sa­mu­el Beckett: Ger­man Dia­ries

Ger­man Dia­ries – Deut­sche Ta­ge­bü­cher.

Sa­mu­el Beckett be­such­te vom 28. Sep­tem­ber 1936 bis 1. April 1937 Deutsch­land. We­ni­ger als er­streb­tes Ziel, eher als ein Weg­kom­men aus Ir­land. Zu­dem woll­te er sei­ne Deutsch­kennt­nis­se ver­bes­sern. Er ist 30 Jah­re alt und ver­sucht über ei­nen Agen­ten ei­nen Ver­le­ger für sei­nen Ro­man Mur­phy zu fin­den. Der Ver­lag, der zu­ge­sagt hat, ge­fällt ihm nicht. Nun al­so Deutsch­land, Na­zi-Deutsch­land, kurz nach den Olym­pi­schen Spie­len. Er be­ginnt in Ham­burg, dann Ber­lin, Leip­zig (»Dickicht«), Dres­den (»zau­ber­haft«), Nürn­berg (»grau­en­haf­ter Schnee­matsch«), Mün­chen. Beckett ar­bei­tet sich wie ein be­ses­se­ner Kunst­hi­sto­ri­ker durch Mu­se­en, Ga­le­rien lernt Samm­ler ken­nen, fällt Ur­tei­le, oft mit ver­blüf­fen­der Scharf­sich­tig­keit. In den Mu­se­en gibt es in­zwi­schen Schreckens- oder Fol­ter­kam­mern mit ex­pres­sio­ni­sti­schen Bil­dern, die für Deut­sche nicht mehr zu­gän­gig sind; als Aus­län­der oder mit Emp­feh­lun­gen geht es noch. Ge­ra­de die­se ver­bo­te­nen Din­ge in­ter­es­sie­ren Beckett. Er liest deut­sche Zei­tun­gen, ist an­ge­ekelt von dem Na­zi-Kult, hält mit nichts in die­sen Ta­ge- oder bes­ser, Er­in­ne­rungs­bü­chern, hin­ter dem Berg. Fast über­all ist das Es­sen schlecht oder mi­se­ra­bel (»Deut­sches Es­sen ist wirk­lich furcht­bar«). Der An­ti­se­mi­tis­mus zeigt sich in Klei­nig­kei­ten, die Beckett ge­nau re­gi­striert.

Über die ko­los­sa­le Edi­ti­on des Suhr­kamp-Ver­lags, der die Ta­ge­bü­cher in ei­ner zwei­spra­chi­gen Aus­ga­be her­aus­bringt1, hat Jür­gen Niel­sen-Si­ko­ra ei­ni­ges Gu­te ge­schrie­ben. Ich ge­ste­he, dass ich den mehr als 1000 sei­ti­gen Kor­pus nicht voll­stän­dig ge­le­sen ha­be. Aber nach dem An­hö­ren des vier­tei­li­gen, von Ga­by Har­tel und zeit­blom in­sze­nier­ten und Sa­bin Tam­brea ge­spro­che­nen Hör­spiels, nimmt der Ap­pe­tit stark zu. Auch wenn man sich an die Hin­ter­grund­a­ku­stik, die häu­fig leicht be­droh­li­ches sug­ge­riert, erst ein­mal ge­wöh­nen muss, be­sticht der Duk­tus der Le­sung, weil die Stim­mungs­la­gen Becketts kon­ge­ni­al ge­spie­gelt wer­den.

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  1. Englisch und deutsch. Text und Kommentar. Aus dem Englischen von Gaby Hartel. Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Mit Abbildungen ↩

Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung

Susanne Falk: Feindbegegnung
Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung – Ei­ne Hans Ha­be-Bio­gra­fie

1911 in Bu­da­pest als Já­nos Bé­kes­sy ge­bo­ren, 1977 in Lo­car­no als Hans Ha­be ver­stor­ben. Wer kennt ihn noch, den Re­por­ter, Jour­na­li­sten, Her­aus­ge­ber und Ro­man­au­tor? Sei­ne Bü­cher er­reich­ten vor al­lem (aber nicht nur) in der Nach­kriegs­bun­des­re­pu­blik teil­wei­se Mil­lio­nen­auf­la­gen, ei­ni­ge wur­den ver­filmt. En­de der 1960er Jah­re war er ei­ne Feind­fi­gur der auf­kom­men­den Lin­ken. Bis da­hin war er nur der Feind der re­stau­ra­ti­ven Rech­ten ge­we­sen, die dem Ju­den Ha­be nicht ver­zie­hen hat­ten, zwei Mal ge­gen Na­zi-Deutsch­land ge­kämpft zu ha­ben. Ha­be war kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­när, ei­tel, ame­ri­ka­no­phil, hass­te den Kom­mu­nis­mus ge­nau­so wie die Na­zis. Sein Le­bens­stil war ex­al­tiert, er lieb­te den Lu­xus und hat­te ne­ben sechs Ehen an­schei­nend zahl­lo­se Af­fä­ren.

Längst sind sei­ne Ro­ma­ne nur noch an­ti­qua­risch zu kau­fen. Ei­ne Ge­samt­aus­ga­be gibt es nicht. Ei­ni­ge letz­te Neu­aus­ga­ben wur­den in den 1980er Jah­ren ge­druckt. Und aus­ge­rech­net über ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit und de­ren Wer­ke, die in der Öf­fent­lich­keit na­he­zu ver­ges­sen sind, pu­bli­ziert die deut­sche Ger­ma­ni­stin und Schrift­stel­le­rin Su­san­ne Falk nun ei­ne Bio­gra­fie in ei­nem öster­rei­chi­schen Ver­lag.

Der Ti­tel der Bio­gra­fie, Feind­be­geg­nung, ist be­wusst dop­pel­bö­dig ge­wählt. Zum ei­nen hat­te Ha­be mehr als ge­nü­gend Fein­de im Le­ben, die ihn so­wohl phy­sisch wie auch in­tel­lek­tu­ell be­kämpf­ten. Zum an­de­ren ist da die­ses Zi­tat aus Ha­bes Au­to­bio­gra­fie, wel­ches Falk als Mot­to dem Buch vor­an­stellt, in­dem er sich sel­ber als den »ein­zi­gen wah­ren Feind« be­zeich­ne­te. Falk hat­te einst so­wohl ih­re Di­plom­ar­beit als auch ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über Hans Ha­be ver­fasst und da­nach erst ein­mal an­de­ren Fel­dern ge­wid­met, un­ter an­de­rem der Schrift­stel­le­rei. Die di­stan­zier­te Fas­zi­na­ti­on blieb, führ­te nach ei­ni­gen Jah­ren zu neu­en Re­cher­chen und schließ­lich zu die­ser Bio­gra­fie, die für den Le­ser zu ei­ner Zeit­rei­se von der Do­nau­mon­ar­chie bis in die 68er-Jah­re wird.

»Im Zwei­fel für den Schrei­ben­den«

Der Ver­lag wirbt schon auf dem Co­ver mit »mul­ti­me­dia­lem Bo­nus-Con­tent«. Über QR-Codes im Text wer­den Ver­wei­se zu Do­ku­men­ten, Au­di­os und Vi­de­os an­ge­bo­ten, die die je­weils an­ge­spro­che­nen Er­eig­nis­se il­lu­strie­ren und ver­tie­fen. So fin­den sich Aus­schnit­te aus Fil­men über und mit Hans Ha­be aber auch bei­spiels­wei­se Trai­ler zu US-ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, in de­nen ei­ne sei­ner Ehe­frau­en mit­ge­spielt hat­te. Man fin­det Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Va­ter her­aus­ge­brach­ten Pu­bli­ka­tio­nen. Et­wa in der Mit­te des Bu­ches sind auf die­se Wei­se In­halts­an­ga­ben von 27 aus­ge­wähl­ten Ro­ma­nen Ha­bes hin­ter­legt und als Boo­mer be­ginnt man, sich an das ein oder an­de­re Co­ver zu er­in­nern. Ne­ben zahl­rei­chen Fo­tos gibt es al­so mehr als 50 nütz­li­che Zu­satz­in­for­ma­tio­nen. Et­was stö­rend sind die groß auf­ge­mach­ten Zwi­schen­über­schrif­ten, die zen­tra­le The­sen und Aus­sa­gen noch ein­mal re­ka­pi­tu­lie­ren.

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Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer
Ca­ro­li­ne Wahl: 1999 Me­ter über dem Meer

Ei­gent­lich soll­te Pe­ter Hand­kes 2009 er­schie­ne­ne epi­sche Er­zäh­lung Die mo­ra­wi­sche Nacht Sa­ma­ra hei­ßen. Sa­ma­ra be­deu­tet, so kann man le­sen, »die Nacht im Ge­spräch ver­brin­gen.« Es scheint al­ler­dings eher un­wahr­schein­lich, dass Ca­ro­li­ne Wahl mit der Wahl des Na­mens ih­rer Prot­ago­ni­stin in 1999 Me­ter über dem Meer hier­auf Be­zug nimmt. Ih­re Haupt­fi­gur Sa­ma­ra ist En­de 20, An­fang 30, Ein­zel­kind, in­tak­tes El­tern­haus, so­li­de Mit­tel­schicht (der »Baba« hat ei­ne Kfz-Werk­statt). Sie hat ih­ren Ma­ster in Li­te­ra­tur und Ge­schich­te ge­macht und zieht dem­nächst nach Ber­lin, um als »Ju­ni­or-PR-Be­ra­te­rin« in ei­ner Agen­tur für 2700 Eu­ro brut­to an­zu­fan­gen. Bis da­hin wird, nicht zu­letzt um den El­tern ih­re Le­bens­tüch­tig­keit zu be­wei­sen, ei­ne Rei­se nach Ba­li ge­macht. Al­les selbst her­aus­ge­sucht, in­klu­si­ve Flug mit Tran­sit-Auf­ent­halt in Do­ha. Aber auf Ba­li ist es heiß, es gibt we­der RTL+ noch be­zahl­ba­res koh­len­säu­re­hal­ti­ges Was­ser, von den ob­ses­siv-ge­lieb­ten Mül­ler­milch-Drinks erst gar nicht zu re­den. In den Acht- oder Sechs­bett­schlaf­räu­men lau­ter ge­schwät­zi­ge Tou­ri­stin­nen (be­son­ders schlimm sind die Ame­ri­ka­ne­rin­nen). Die Aus­flü­ge mit dem E‑Scooter en­den stets in ei­nem Fi­as­ko – ent­we­der Sturz oder Un­wet­ter oder bei­des. Im­mer­hin ge­lin­gen ihr mit der Lei­ca ei­ni­ge Schnapp­schüs­se. Für 390 Eu­ro ex­tra bucht sie nach dem Fast-Ba­de­un­fall im Meer ei­nen frü­he­ren Rück­flug. Wie­der Tran­sit­raum in Do­ha und dies­mal schla­fen­de Men­schen auf den an­ge­leg­ten Kunst­ra­sen.

Kurz zu den El­tern. Und vor dem Um­zug nach Ber­lin schenkt ihr der Va­ter ei­nen »Mer­ce­des SL R 129, 1999 Erst­zu­las­sung. Drit­te Hand, und nur 80000 Ki­lo­me­ter.« Erst schockiert (sie ist seit dem Füh­rer­schein nicht mehr ge­fah­ren), wird ihr das Fahr­zeug rasch ans Herz wach­sen.

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An­na Baar: Am­seln

Anna Baar: Amseln
An­na Baar: Am­seln

Es be­ginnt ku­ri­os mit ei­nem »Vor­wort des Her­aus­ge­bers«. Na­nu? Hat man nicht ei­nen Ro­man in der Hand? Der Her­aus­ge­ber dankt der Au­torin An­na Baar so­gar noch für An­ony­mi­sie­run­gen und er­klärt die Me­tho­de, mit der er das ihm auf my­ste­riö­se Wei­se zu­ge­gan­ge­ne Kon­vo­lut an Auf­zeich­nun­gen ei­ner ge­wis­sen El­da Ve­ra ord­net und schließ­lich pu­bli­ziert. Da sind zum ei­nen 31 Brie­fe die­ser El­da an ei­nen ge­wis­sen »Lev«, er­stellt zwi­schen dem 1. No­vem­ber 2022 und 24. De­zem­ber 2023 und zum an­de­ren »un­da­tier­te No­ti­zen, Auf­zeich­nun­gen und Ver­mer­ke«, die der Her­aus­ge­ber, wie er schreibt, nach »per­sön­li­chem Gut­be­fin­den« ein­ge­streut »und fort­lau­fend num­me­riert« hat. Die­se El­da (der Na­me ist, wie be­tont wird, eben­falls an­ony­mi­siert) mach­te, so er­fährt man, 2020 Schlag­zei­len als sie, ei­ne aus­ge­bil­de­te Ärz­tin, be­schul­digt wur­de, ei­nen Pa­ti­en­ten ver­ge­wal­tigt zu ha­ben. Sie ver­lor ih­re An­stel­lung und ver­schwand. Als die Brie­fe be­gan­nen war sie 58 Jah­re alt.

Als Le­ser ist man ab­seits der Kon­struk­ti­on gut be­ra­ten, sich in El­das Mi­kro­kos­mos zu be­ge­ben. Die lebt in ih­rer Woh­nung, was zu­nächst in An­be­tracht der Pan­de­mie-Nach­we­hen noch nor­mal er­scheint. Schließ­lich ist von ei­ner Fuß­ver­let­zung die Re­de, die sie ver­an­lasst, »die Ta­ge aus­schließ­lich zu Hau­se, haupt­säch­lich im Lie­gen« zu ver­brin­gen. Was sie braucht, be­stellt sie on­line. Die Welt sieht sie, »nur von fern, aber um­so schär­fer« und be­tä­tigt sich ne­ben­bei mit ei­nem Fern­rohr als Voy­eu­ri­stin. Sie kor­ri­giert Recht­schrei­be­feh­ler in Bü­chern und Zei­tun­gen und be­ob­ach­tet das Ver­hal­ten der Am­seln auf ei­nem Baum vor ih­rem Fen­ster, wor­an sich ihr die Jah­res­zei­ten zei­gen. Wäh­rend­des­sen läuft der Fern­se­her »auf laut­los«. Sie hat »ge­nug von den im­mer­glei­chen fer­nen Ka­ta­stro­phen, be­waff­ne­ten Krie­gen, Skan­da­len, be­lang­lo­sen Staats­af­fä­ren, ge­nug auch vom Ge­schrei der Zu­kurz­ge­kom­me­nen und den Em­pö­rungs­ri­ten ver­wirr­ter Be­rufs­al­tru­isten.«

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Tho­mas Kunst: Mas­le­boi

Thomas Kunst: Masleboi
Tho­mas Kunst: Mas­le­boi

Ich hät­te die Ger­man Dia­ries von Sa­mu­el Beckett le­sen kön­nen. Ich hät­te mich in ei­nen Kri­mi­nal­ro­man ver­sen­ken kön­nen. Ich hät­te ein Kreuz­wort­rät­sel lö­sen kön­nen. Ich hät­te die er­ste Staf­fel Strom­berg schau­en kön­nen. Ich hät­te ein Fuß­ball­spiel ein­schal­ten kön­nen. Ich hät­te der Ex­per­tin bei Ba­res für Ra­res sa­gen kön­nen, dass es sich nicht um ei­nen Bern­stein­ein­schluss han­delt, son­dern um ei­ne in Ep­oxid­harz ein­ge­schlos­se­ne Trau­er­mücke, die in ei­ner schwie­ri­gen Pro­ze­dur von ei­nem Flie­gen­fän­ger ent­fernt wur­de. Ich hät­te den Schmuck­her­stel­ler Ma­sah­le­na in Na­tu­re, von dem Tho­mas Kunst in Mas­le­boi er­zählt, ent­lar­ven kön­nen.

Ich könn­te Red Ri­ver schau­en, ich könn­te Ian Haw­good hö­ren, ich könn­te mich bei Jack­son C. Frank ent­span­nen, ich könn­te was von Ul­rich Zie­ger le­sen, ich könn­te Bran­dig von Gerd Pe­ter Eig­ner le­sen, nein: ich hat­te Bran­dig von Gerd Pe­ter Eig­ner schon ge­le­sen. Ich könn­te den gan­zen Film‑, Mu­sik- und Li­te­ra­tur­kos­mos, den Tho­mas Kunst in Mas­le­boi nennt, kon­su­mie­ren.

Ich müss­te auf­hö­ren, Tho­mas Kunst nach­zu­ma­chen, sagt mei­ne Frau. Ich müss­te be­gin­nen, ei­ne se­riö­se Kri­tik zu Mas­le­boi zu schrei­ben. Ich müss­te be­gin­nen, mei­ne No­ti­zen noch ein­mal zu le­sen. Ich müss­te auf­hö­ren, das Darts-Tur­nier an­zu­schau­en. Ich müss­te noch ein­mal Rom, Blicke le­sen. Ich müss­te noch ein­mal den Film über Max Ernst an­schau­en. Ich müss­te noch ein­mal Ez­ra Pound igno­rie­ren. Ich müss­te end­lich ein­mal Pe­ter Kurz­eck wei­ter­le­sen. Ich müss­te end­lich ein­mal Zan­dschower Klin­ken sa­gen statt Zan­dschower Kli­ni­ken.

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Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Konstantin Richter: Dreihundert Männer
Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Es ist ein be­rühm­tes Zi­tat von Walt­her Ra­then­au, dem er­folg­rei­chen Un­ter­neh­mer und spä­te­ren Au­ßen­mi­ni­ster, ge­schrie­ben 1909 in sei­ner Schrift »Ge­schäft­li­cher Nach­wuchs«, in dem er sich mit dem Un­ter­neh­mer­tum des Kai­ser­reichs und des­sen Ver­flech­tun­gen un­ter­ein­an­der be­schäf­tig­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents.« Kon­stan­tin Rich­ter be­dient sich in sei­nem in­zwi­schen aus­ge­zeich­ne­ten und zum Best­sel­ler avan­cier­ten Buch über »Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG« die­ser Me­ta­pher und nann­te sein Buch ent­spre­chend: Drei­hun­dert Män­ner.

Der Satz wird spä­ter von An­ti­se­mi­ten ge­gen Ra­then­au ver­wen­det wer­den, wenn sie von drei­hun­dert »Ju­den« spre­chen. Ra­then­au über­nahm das Bild aus der Ge­schich­te über je­ne 300 Spar­ta­ner, »die in der Schlacht bei den Ther­mo­py­len die viel grö­ße­re per­si­sche Ar­mee in Schach hiel­ten«, so fol­gert Rich­ter. Ver­ges­sen wird, dass die­se drei­hun­dert Spar­ta­ner zwar der Über­macht trot­zen konn­ten, al­ler­dings nur für kur­ze Zeit. Sie wur­den dann, wie es so schön heißt, »auf­ge­rie­ben«, d. h. ver­nich­tet. In­so­fern hät­te Ra­then­au ei­ne dem Un­ter­gang ge­weih­te Kli­en­tel be­schrie­ben. Und tat­säch­lich, nach der Lek­tü­re des Bu­ches mehr als ein­hun­dert Jah­re spä­ter ist klar, dass die Deutsch­land AG, die Ra­then­au cha­rak­te­ri­siert hat­te, nicht mehr exi­stent.

Fürs Er­ste hät­te ge­hol­fen, wenn Rich­ter den Satz voll­stän­dig zi­tiert hät­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents und su­chen sich Nach­fol­ger aus ih­rer Um­ge­bung.« Die Her­me­tik die­ses eli­tä­ren Krei­ses wird so noch deut­li­cher. Gleich­zei­tig be­gan­nen die Pro­ble­me für die in der Grün­der­zeit aus klei­nen An­fän­gen ent­stan­de­nen Un­ter­neh­men, die um die Jahr­hun­dert­wen­de zu welt­wirt­schaft­lich re­le­van­ter Grö­ße ge­wach­sen wa­ren. Sie sa­hen sich nach und nach mit der Nach­fol­ger-Fra­ge kon­fron­tiert. Die mei­sten Fir­men­pa­tri­ar­chen ver­such­ten, es in der Fa­mi­lie zu be­las­sen. Das be­ste Bei­spiel hier­für ist Sie­mens. Der Tüft­ler und Er­fin­der brach­te sechs von neun Brü­dern in Po­si­tio­nen in sei­nem Un­ter­neh­men. An­de­re be­gan­nen, ei­nen oder meh­re­re lei­ten­de An­ge­stell­te, so­ge­nann­te Ma­na­ger, zu im­ple­men­tie­ren und zo­gen sich aus dem Ta­ges­ge­schäft weit­ge­hend zu­rück. Emil Ra­then­au, der Va­ter von Walt­her Ra­then­au, war ei­ner der er­sten »Ma­na­ger«. Er war es, der für AEG das Pa­tent auf Edi­sons Glüh­lam­pe er­warb wäh­rend Sie­mens & Hals­ke auf die »Ja­blotsch­kow­schen Ker­zen« setz­te.

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Sta­tio­nen ei­ner Rei­se

Neu­es über den »freund­li­chen« Rolf Die­ter Brink­mann

1968 ge­lang es Gün­ter Rohr­bach, da­mals ge­ra­de »Lei­ter Fern­seh­spiel« im WDR ge­wor­den, die »Herrn« Rolf Die­ter Brink­mann und Ralf-Rai­ner Ry­gul­la für ein Fern­seh­spiel »zu ge­win­nen«, das un­ter »jun­gen Men­schen« spie­len soll. Rohr­bach war am­bi­tio­niert, woll­te dem eher drö­gen Fern­seh­spiel ei­nen Fern­sehfilm ent­ge­gen­set­zen, such­te neue Au­toren und war be­reit für Ex­pe­ri­men­te. Rohr­bach war für ei­ni­ge Jahr­zehn­te ein gro­ßer Er­mög­li­cher, hol­te nicht zu­letzt das Fern­se­hen aus sei­ner Be­tu­lich­keits­ecke. (Lei­der war dies nur ein Auf­flackern; in­zwi­schen sind die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en ver­seucht mit Ba­na­li­tä­ten und Tri­via­li­tä­ten.)

In Nor­bert Wehrs neu­em Schreib­heft 107 kann man er­gän­zend zum Brink­mann-Dos­sier Zer­split­ter­te Ge­gen­wart der letz­ten Num­mer erst­mals so­wohl das Ex­po­sé als auch das ein Jahr spä­ter ent­stan­de­ne Dreh­buch zum ge­plan­ten Film nach­le­sen. Ein­ge­rahmt wird dies von Mi­cha­el Tö­te­bergs in­struk­ti­ven Be­mer­kun­gen über das Film­schaf­fen Brink­manns und ei­nem Ge­spräch von Mi­cha­el Rü­ger mit Ralf-Rai­ner Ry­gul­la.

Norbert Wehr (Hrsg.): Schreibheft 107
Nor­bert Wehr (Hrsg.): Schreib­heft 107

Nach­dem der WDR auf das Ex­po­sé ver­trags­ge­mäß ei­nen Vor­schuss be­zahlt hat­te, fuh­ren die bei­den erst ein­mal nach Lon­don und kauf­ten Bü­cher. Der Ti­tel des ge­plan­ten Films lau­te­te Der Ab­stieg und Brink­mann ent­wickel­te fast so et­was wie ei­ne So­zi­al­stu­die ei­nes 21jährigen, der zu Be­ginn in ei­ner Schü­ler­band singt und zu­nächst Er­folg hat. Ir­gend­wann muss er sich dann je­doch sein feh­len­des mu­si­ka­li­sches Emp­fin­den ein­ge­ste­hen. Er ist »ein­fach schlecht«, heißt es, aber kann noch ein­mal in ei­ne an­de­re Band wech­seln, al­ler­dings er­folg­los. Es folgt der Aus­zug bei den El­tern; chro­ni­sche Geld­not. Der Kon­takt mit der zwei Jah­re äl­te­ren Schwe­ster bleibt. Sie en­ga­giert sich im SDS, wäh­rend er kein In­ter­es­se an po­li­ti­scher Ak­ti­on ver­spürt. Statt­des­sen ver­dingt er sich als Disc­jockey, rutscht suk­zes­si­ve in ein halb­kri­mi­nel­les Mi­lieu ab, wird schließ­lich Ku­rier­fah­rer. Der Schluss ist, wie es im Ex­po­sé heißt, ei­ne »Kri­mi-Ak­ti­on«: »Schüs­se, Schreie, Lich­ter«, schließ­lich Kri­po und Hand­schel­len.

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