Mi­chel Houelle­becq: Ver­nich­ten

Michel Houellebecq: Vernichten

Mi­chel Houelle­becq:
Ver­nich­ten

Vor drei Jah­ren er­schien Mi­chel Houelle­becqs Ro­man »Se­ro­to­nin«. Er han­del­te, kurz zu­sam­men­ge­fasst, von Flo­rent, ei­nem sich als Ver­sa­ger emp­fin­den­den Mann von 46 Jah­ren, der in sei­ner Mid­life-Cri­sis Sta­tio­nen sei­nes bis­he­ri­gen Le­bens auf­such­te (haupt­säch­lich Men­schen), um sich am En­de in sei­ne selbst­hass­erfüll­ten Dys­to­pien ein­zu­rich­ten. Der Ro­man – si­cher­lich ei­ner der schwä­che­ren von Houelle­becq – lebt von der bis­wei­len pro­vo­ka­ti­ven Zur­schau­stel­lung po­li­tisch in­kor­rek­ter oder be­son­ders poin­tiert vor­ge­brach­ter The­sen sei­nes Prot­ago­ni­sten, der ver­zwei­felt auf der Su­che nach ei­ner Ni­sche, ei­nem Glück in die­ser Welt zu sein scheint. Dies wird mit der flap­si­gen Pa­ro­len über­tüncht, was für die Gar­de der mei­sten Houelle­becq-Geg­ner ge­nügt, um ihr Müt­chen zu küh­len. Der fast fle­hent­li­che Ro­man­ti­zis­mus der Haupt­fi­gur, der sich bei­spiels­wei­se im ge­mein­sa­men Frei­tod der El­tern zeigt (weil ei­ner von ih­nen un­heil­bar an ei­nem Tu­mor er­krankt ist), wird da­bei leicht über­le­sen.

Nach dem ful­mi­nan­ten Po­li­ti­cal-Fic­tion-Ro­man »Un­ter­wer­fung« fiel »Se­ro­to­nin« vor al­lem des­halb ab, weil Houelle­becq wie­der teil­wei­se in sei­nen seich­ten Pro­vo­ka­ti­ons­stil ver­fal­len war. Der neue Ro­man »Ver­nich­ten« (über­setzt von Ste­phan Klei­ner und Bern­hard Wilc­zek), der wie­der ein­mal An­fang Ja­nu­ar wie ei­ne Art ver­spä­te­tes Weih­nachts­ge­schenk in die Li­te­ra­tur­bla­se in­ji­ziert wird, hat au­ßer ein paar ty­pi­sche Houelle­bec­qia­den we­nig mit dem Vor­gän­ger zu tun.

Es ist der 23. No­vem­ber 2026, als Ba­stien Dou­tre­mont, ein Mit­ar­bei­ter des In­lands­ge­heim­dien­stes DGSI über meh­re­re my­ste­riö­se Vi­de­os brü­tet, die zum Teil den In­ter­net-Ver­kehr über­schwem­men. Ei­nes da­von zeigt die Guil­le­to­nie­rung des fran­zö­si­schen Fi­nanz­mi­ni­sters Bru­no Ju­ge der­art echt, dass man rät­selt, wie die­se Qua­li­tät er­reicht wur­de, denn in Wirk­lich­keit ist die­ser quick­le­ben­dig. Die an­de­ren Vi­de­os zei­gen ei­ne An­ein­an­der­rei­hung geo­me­tri­scher Sym­bo­le und ei­nen Ei­sen­bahn­tun­nel.

Der Ro­man be­ginnt mit ei­ner Täu­schung. Denn die Fi­gur Dou­tre­ment kommt im wei­te­ren Ver­lauf des Ro­mans nur dann ins Spiel, wenn es neue Vi­de­os gibt, die dies­mal rea­le ter­ro­ri­sti­sche An­schlä­ge auf Han­dels­schif­fe oder ei­ne dä­ni­sche Sa­men­bank zei­gen. Der letz­te An­griff, der wie­der vi­ral geht, ist auf ein Flücht­lings­schiff. Hier ster­ben 500 Men­schen, was zu ei­ner bei­spiel­lo­sen, welt­wei­ten So­li­da­ri­tät führt.

Aber die­se Thril­ler-Ele­men­te kann man ge­trost ver­ges­sen; nicht zu­letzt des­we­gen, weil es der Au­tor eben­so hand­habt. Denn die Ge­schich­te von Sa­ta­ni­sten, Ni­hi­li­sten, Öko­fa­schi­sten oder »An­ar­cho-Pri­mi­ti­vi­sten«, die für die Ak­tio­nen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, wird nicht wei­ter­ge­führt. Houelle­becq ist nicht Dan Brown. Der Le­ser wird nie er­fah­ren, ob die Theo­rien des Nerd im schmut­zi­gen Trai­nings­an­zug über den näch­sten An­schlag zu­tref­fen. Aber im­mer­hin gibt es schö­ne Gra­phi­ken da­zu.

Im Mi­ni­ster­ka­bi­nett

Im Zen­trum von »Ver­nich­ten« steht der 49jährige Be­am­te Paul Rai­son. Er ar­bei­tet im Mi­ni­ster­ka­bi­nett des Fi­nanz­mi­ni­sters, je­nem Mann, der vir­tu­ell ge­köpft wur­de; ist des­sen rech­te Hand. Paul ist Ab­sol­vent ei­ner Eli­te­uni­ver­si­tät, aber be­zeich­net sich sel­ber nicht als In­tel­lek­tu­el­len (was im wei­te­ren Ver­lauf des Ro­mans deut­lich wird). Bru­no und Paul du­zen sich seit ei­ni­gen Jah­ren; die We­ge des Ken­nen­ler­nens und Nä­her­kom­mens wer­den aus­gie­big er­zählt. Die Be­zie­hung mit sei­nem Chef ist die ei­ner re­spekt­vol­len Freund­schaft. Der Mi­ni­ster ist ein Ar­beits­tier und da­bei über­ra­schend un­ei­tel. (In­wie­weit er dem am­tie­ren­den Wirt­schafts- und Fi­nanz­mi­ni­ster Bru­no Le Mai­re nach­emp­fun­den ist – ei­nem Freund Houelle­becqs – ist eher un­wich­tig). Die Tat­sa­che, dass er nach dem Vi­deo un­ter be­son­de­rem Schutz steht, nutzt er da­für, im Mi­ni­ste­ri­um auch zu woh­nen, was ihm ent­ge­gen­kommt, denn um die Ehe steht es schlecht, was ihn nicht be­son­ders be­trübt. Er ist mit dem Mi­ni­ste­ri­um und sei­nen Ak­ten ver­hei­ra­tet. Sei­ne Be­zie­hung zum fast hym­nisch be­schrie­be­nen Prä­si­den­ten (zeit­hi­sto­risch be­trach­tet muss es Ma­cron sein, ob­wohl der Na­me nie fällt), der am En­de sei­ner zwei­ten Amts­zeit steht und dem­zu­fol­ge nicht mehr an­tre­ten kann, wird als recht gut be­zeich­net.

Den voll­stän­di­gen Text »Po­si­ti­ve Er­kennt­nis« bei Glanz und Elend le­sen.

Ei­ne klei­ne Sti­cho­my­thie

Li­te­ra­tur­dis­kus­sio­nen im di­gi­ta­len Zeit­al­ter

Ge­le­gent­lich, in ver­schie­de­nen Tex­ten und Kon­tex­ten, wei­se ich dar­auf hin, daß ich die seit ei­ner Rei­he von Jah­ren welt­weit ver­brei­te­te Ge­wohn­heit zahl­lo­ser Pri­vat­per­so­nen oder viel­leicht auch – man kann es nicht wis­sen – öf­fent­li­cher Per­so­nen, sich nur un­ter so­ge­nann­ten nick­na­mes oder ganz oh­ne Na­men öf­fent­lich, al­so im In­ter­net, zu äu­ßern, für ei­ne Un­sit­te hal­te, die al­les in al­lem ne­ga­ti­ven Ein­fluß auf die Ent­wick­lung des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens aus­übt. Ich selbst äu­ße­re mich in so­ge­nann­ten Fo­ren und Kom­men­tar­spal­ten grund­sätz­lich nur un­ter mei­nem so­ge­nann­ten Klar­na­men. Das tat ich un­längst im On­line­fo­rum ei­ner öster­rei­chi­schen Ta­ges­zei­tung, nach­dem ich dort ei­ne Er­zäh­lung ei­nes öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers ge­le­sen hat­te, die sich auf die ge­gen­wär­ti­ge Pan­de­mie be­zog. Die mei­sten Re­ak­tio­nen der On­lin­ele­ser die­ser Er­zäh­lung wa­ren ne­ga­tiv und nicht son­der­lich klug, ge­schrie­ben von Leu­ten, die we­nig Ah­nung ha­ben von Li­te­ra­tur.

Ich ver­spür­te kein Be­dürf­nis, da­zu selbst et­was zu äu­ßern, bis ich auf ei­nen – na­tür­lich pseud­ony­men – Kom­men­tar stieß, der mir das Pro­blem die­ser Er­zäh­lung zu be­rüh­ren schien. Jetzt griff ich doch noch zur Fe­der, ließ mei­ne Fin­ger über die Ta­sta­tur des Com­pu­ters glei­ten. Aus­drück­lich schrieb ich, daß ich die ab­schät­zi­ge Wer­tung die­ses Le­sers nicht tei­le, und ver­such­te, die von ihm ver­mu­te­te per­sön­li­che Pro­ble­ma­tik auf ei­ne li­te­ra­ri­sche Ebe­ne zu he­ben: Ich stell­te die Fra­ge, ob ei­ne vor­sätz­lich und ra­di­kal ab­strak­te Li­te­ra­tur, bei der man nicht ein­mal die ge­schlecht­li­che Zu­ord­nung (»El­tern­tei­le«), ge­schwei­ge denn ir­gend­wel­che – sei es auch fik­ti­ve – Na­men und erst recht kei­ne Ge­füh­le er­fährt, denn funk­tio­nie­ren kön­ne. Soll­te Li­te­ra­tur nicht ge­ra­de das Kon­kre­te, Be­son­de­re, Ein­zig­ar­ti­ge im Au­ge ha­ben?

Die­se Fra­ge kann man so oder so be­ant­wor­ten. Es gibt Au­toren, auch sehr be­rühm­te, die vor­wie­gend mit Ste­reo­ty­pen, de­ren Kon­struk­ti­on und De­kon­struk­ti­on ar­bei­ten. Mit sol­cher Li­te­ra­tur ha­be ich zu­ge­ge­ge­be­ner­ma­ßen Schwie­rig­kei­ten. Ich se­he aber nicht, was dar­an eh­ren­rüh­rig sein soll­te, die­se Fra­ge am Bei­spiel ei­nes kon­kre­ten (und zwar ab­strak­ten) Er­zähl­tex­tes auf­zu­wer­fen.

Kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung mei­nes Kom­men­tars er­hielt ich im Mes­sen­ger mei­nes »Face­book-Ac­counts« (so nennt man das wohl) ei­ne Nach­richt die­ses Au­tors. Er woll­te wis­sen, ob ich der­je­ni­ge sei, der un­ter dem Na­men »Leo­pold Fe­der­mair« in je­nem On­line­fo­rum »ge­po­stet« hat­te. Die Fra­ge wirk­te selt­sam, zu­mal der Au­tor bei sei­ner Auf­for­de­rung zur Ant­wort das Wort »Mut« ge­brauch­te und da­mit im­pli­zit die Mög­lich­keit von Feig­heit in den Raum stell­te. Ich ant­wor­te­te frei­mü­tig: Ja, klar, so hei­ße ich, so po­ste ich.

Wei­ter­le­sen

Den­nis Coo­per: Die Schlam­pen

Dennis Cooper: Die Schlampen

Den­nis Coo­per:
Die Schlam­pen

Vor ei­ni­gen Jah­ren er­reg­te die Ab­schal­tung des Web­logs des Schrift­stel­ler Den­nis Coo­per für ei­ni­ges Auf­se­hen, auch in Deutsch­land. Die Goog­le-Toch­ter »Blog­spot« hat­te, wie sich erst spä­ter her­aus­stell­te, auf­grund ei­nes Bil­des, wel­ches als Kin­der­por­no­gra­fie ge­mel­det wur­de, die Sei­te vom Netz ge­nom­men. Zwei Mo­na­te spä­ter re­vi­dier­te man die Ent­schei­dung; der Blog ging wie­der on­line.

Coo­per ist tat­säch­lich das, was man ge­mein­hin ei­nen »Skan­dal­schrift­stel­ler« nen­nen kann. Dies zeigt sich auch in sei­nem neue­sten Ro­man »Die Schlam­pen« (Über­set­zung: Rai­mund Var­ga). Hier wer­den zwei auch in an­de­ren Tex­ten Coo­pers be­kann­te Mo­ti­ve ge­spie­gelt: Zum ei­nen die Fas­zi­na­ti­on von Iden­ti­täts­wand­lun­gen und ‑ver­mi­schun­gen in den di­gi­ta­len Me­di­en. Und zum and­ren die se­xu­el­le Lust an Ge­walt und Tod. Bei­de The­men wer­den auch ver­schränkt.

Das Buch spielt in den Ado­les­zenz-Jah­ren des In­ter­net 2001 und 2002; AOL und Pa­ger sind noch wich­tig. Der ge­sam­te Ro­man be­steht aus Po­stings bzw. so­ge­nann­ten »Re­zen­sio­nen« auf ei­ner Sex-Da­ting-Web­sei­te über »Es­cor­ts« (»Twinks«), die von ho­mo­se­xu­el­len Män­nern fre­quen­tiert wer­den (Coo­per ist sel­ber be­ken­nen­der Schwu­ler). Hier be­rich­ten Frei­er un­ter Pseud­ony­men wie Bri­an, built­li­keat­ruck, Elai­ne, the­gay­jour­na­list, Zack Young, the­bas­her, snazzy­stocky oder xtra­cu­te­bill von ih­ren re­al-li­fe-Er­fah­run­gen mit Call­boys und be­ant­wor­ten Fra­gen nach de­ren kör­per­li­chen Merk­ma­len. Ei­ne Art vir­tu­el­ler, po­ly­pho­ner Brief­ro­man. Sehr bald kon­zen­triert sich die Auf­merk­sam­keit auf ei­nen ge­wis­sen Brad in Long Be­ach bzw. Los An­ge­les, der sehr jung aus­se­hen soll (die Al­ters­an­ga­ben va­ri­ie­ren zwi­schen 14 und 20) und auf­grund po­si­ti­ver Ur­tei­le sehr schnell in der Gunst der User auf­steigt.

Rasch wird aus Brad dann Ste­ve, dann Ke­vin, spä­ter Thad. Schließ­lich taucht ein ge­wis­ser Bri­an auf, ei­ne Art Ma­na­ger von Brad. Wahl­wei­se ist Brad psy­chisch krank, hat ei­nen Hirn­tu­mor, Leuk­ämie oder AIDS (was die Gier der Frei­er nichts im Ge­ring­sten stört; eher im Ge­gen­teil). Dann wie­der­um hat er ei­ne Freun­din, die schwan­ger von ihm ist. Al­le die­se Per­so­nen mel­den sich auf der Web­sei­te, po­sten State­ments und füh­ren das, was an­de­re ge­schrie­ben ha­ben, ad ab­sur­dum. Wer ist Brad wirk­lich? Ist das Fo­to von ihm, wel­ches im Um­lauf ist, ein Ori­gi­nal? Oder ist es je­mand an­ders? Bri­an ach­tet ei­gent­lich dar­auf, dass es we­der Fo­tos noch Ton­auf­nah­men gibt. Brads Dien­ste sind teu­er, rich­ten »sich an wohl­ha­ben­de Kli­en­ten mit ex­tre­men Fan­ta­sien«.

Wei­ter­le­sen

Von »zei­chen­ba­sier­ten Epi­de­mien«

Me­di­en­theo­rie rührt an das me­dia­le Un­be­wuß­te von so­zia­len Groß­kör­pern, die seit dem 18. Jahr­hun­dert als Po­pu­la­tio­nen von Na­tio­nal­staa­ten ver­faßt sind, zu­meist in For­ma­tie­run­gen von zehn Mil­lio­nen bis 300 Mil­lio­nen Men­schen und mehr. Im Blick auf die­se über­gro­ßen Ge­bil­de sta­tu­iert die un­be­lieb­te Theo­rie: Der ak­tu­el­le men­ta­le Zu­sam­men­hang sol­cher nie­mals phy­sisch ver­samm­lungs­fä­hi­gen Rie­sen­kol­lek­ti­ve kann nur durch Mas­sen­me­di­en von ho­her Pe­ne­trie­rungs­wir­kung ge­währ­lei­stet wer­den, so­fern die­se den Stoff, aus dem die ge­teil­ten Sor­gen sind, auf täg­li­cher Ba­sis ge­ne­rie­ren und um­ver­tei­len. Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on or­ga­ni­siert das per­ma­nen­te Ple­bis­zit ge­mein­sa­mer Sor­gen und lie­fert auch gleich die Ab­len­kung von die­sen mit.

[…]

[Slo­ter­di­jk geht auf die Re­ak­tio­nen auf sei­nen Es­say »Re­geln für den Men­schen­park« ein]

Ich wuß­te jetzt, daß Mas­sen­me­di­en, eben weil sie sind, was sie sein müs­sen, pri­mär nicht in­for­mie­ren, son­dern zei­chen­ba­sier­te Epi­de­mien er­zeu­gen, ich wuß­te, daß die Men­schen­rech­te des Ori­gi­nals ge­gen die Ge­walt der Pa­ra­phra­se nicht zu schüt­zen sind, ich wuß­te, daß es auf mas­sen­me­dia­ler Ebe­ne nie um Ar­gu­men­te geht, viel­mehr um die Ein­sprit­zung men­ta­ler In­fek­tio­nen…

Quel­le: Pe­ter Slo­ter­di­jk, »Re­fle­xio­nen ei­nes nicht mehr Un­po­li­ti­schen«, Suhr­kamp-Ver­lag, 2013 [E‑Book]

Pa­tri­cia Highs­mith: Ta­ge- und No­tiz­bü­cher

Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher

Pa­tri­cia Highs­mith:
Ta­ge- und No­tiz­bü­cher

Einst wur­de Fritz J. Rad­datz ein­mal ge­fragt, wer aus den Ta­ge­bü­chern von Tho­mas Mann all die­se In­ti­mi­tä­ten wis­sen soll­te oder gar müss­te. Rad­datz ant­wor­te­te osten­ta­tiv: »Ich. Ich ha­be al­le Bän­de ge­le­sen und kei­ne Zei­le aus­ge­las­sen. War­um sind Ba­na­li­tä­ten […] bei Tho­mas Mann so wun­der­bar? Ich fin­de, sie sind das Un­ter­fut­ter ei­nes gro­ßen Wer­kes. Selbst sei­ne Ma­stur­ba­ti­ons­ex­er­zi­ti­en fand ich schön ab­surd.«

Die er­hal­te­nen und pu­bli­zier­ten Ta­ge­bü­cher von Tho­mas Mann um­fas­sen viel­leicht 9000 Sei­ten. Von den 18 Ta­ge- und 38 No­tiz­bü­chern, die man nach Pa­tri­cia Highs­mit­hs Tod ge­fun­den hat­te und die ins­ge­samt rund 8000 Sei­ten um­fas­sen sol­len, kann man nun bei Dio­ge­nes aus An­lass ih­res 100. Ge­burts­ta­ges 1300 Sei­ten le­sen. Fe­der­füh­rend als Her­aus­ge­be­rin fun­giert An­na von Plan­ta, Lek­to­rin des Dio­ge­nes Ver­lags, der die Welt­rech­te von Pa­tri­cia Highs­mith be­sitzt. Die er­sten pu­bli­zier­ten Ein­trä­ge sind von 1941. Der letz­te Ein­trag ist vom 6. Ok­to­ber 1992; über die Jah­re 1993 bis zu ih­rem Tod 1995 wird der Le­ser durch ei­ne kur­ze Zu­sam­men­fas­sung in­for­miert.

Pa­tri­cia Highs­mith wur­de am 19. Ja­nu­ar 1921 in Fort Worth, Te­xas, ge­bo­ren. Ih­re El­tern lie­ßen sich be­reits vor Pa­tri­ci­as Ge­burt schei­den. Die Mut­ter hei­ra­te­te 1924 er­neut. 1927 Um­zug nach New York. Ih­ren leib­li­chen Va­ter, ei­nen deut­schen Ein­wan­de­rer (da­her brach­te sie sich eif­rig die deut­sche Spra­che bei), lern­te sie erst mit 12 Jah­ren ken­nen. Sie stu­dier­te bis 1942 eng­li­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten am Bar­nard Col­le­ge. Be­reits wäh­rend des Stu­di­ums ver­fass­te sie Kurz­ge­schich­ten, die im stu­den­ti­schen Ma­ga­zin »Bar­nard Quar­ter­ly« ver­öf­fent­licht wur­den, dem sie auch kurz als lei­ten­de Re­dak­teu­rin dien­te. Ne­ben ih­rer schrift­stel­le­ri­schen Am­bi­ti­on zeich­ne­te sie auch und fer­tig­te Skulp­tu­ren.

Die Ta­ge­bü­cher nutz­te Highs­mith für die Do­ku­men­ta­ti­on der un­mit­tel­ba­ren Er­leb­nis­se, wäh­rend die No­tiz­bü­cher für in­tel­lek­tu­el­le und, mit der Zeit im­mer stär­ker, li­te­ra­ri­sche Ver­ar­bei­tun­gen, als ei­ne Art »Spiel­wie­se« (die Her­aus­ge­be­rin), dien­ten. Die Ein­trä­ge in den Ta­ge­bü­chern ver­fass­te Highs­mith an­fangs häu­fig in fran­zö­sisch, deutsch und spa­nisch, spä­ter auch ita­lie­nisch, um ei­ne heim­li­che Lek­tü­re bei­spiels­wei­se der Mut­ter zu er­schwe­ren; die Ein­trä­ge in den No­tiz­bü­chern sind in eng­lisch. Für die vor­lie­gen­de Aus­ga­be wur­den die fremd­spra­chi­gen Pas­sa­gen der Ta­ge­bü­cher von Eliza­beth Lauf­fer, So­phie Du­ver­noy, No­ah Har­ley und Hope Camp­bell Gu­staf­son über­tra­gen. Im Buch wird ge­kenn­zeich­net, wel­che Spra­che Highs­mith je­weils ver­wen­de­te. Die Pas­sa­gen, die Highs­mith auf deutsch ver­fasst hat­te, wur­den ge­glät­tet; die eng­li­schen Tex­te von Me­la­nie Walz, po­ciao, An­na-Ni­na Kroll, Ma­ri­on Härt­le und Pe­ter Tor­berg über­setzt.

Aus­las­sun­gen sind, wie es heißt, der bes­se­ren Über­sicht­lich­keit hal­ber, nicht ge­kenn­zeich­net. Es gibt Fuß­no­ten (sehr klei­nes Schrift­bild) in de­nen zu­meist die zahl­rei­chen Lo­ka­li­tä­ten, ge­trof­fe­nen Per­so­nen und ei­ni­ge werk­ge­ne­ti­sche An­mer­kun­gen skiz­ziert wer­den. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Ein­schü­be gibt es sel­ten; man bleibt fast im­mer de­skrip­tiv. Über die im Vor­wort an­ge­deu­te­te Edi­ti­ons­po­li­tik, dass man be­son­ders üb­le For­mu­lie­run­gen Highs­mit­hs bei­spiels­wei­se ge­gen Schwar­ze und Ju­den nicht auf­ge­nom­men ha­be, wird noch zu re­den sein.

Den voll­stän­di­gen Es­say »Zwi­schen Selbst- und Welt­hass« bei Glanz und Elend le­sen.

Uwe Witt­stock: Fe­bru­ar 33

Uwe Wittstock: Februar 33

Uwe Witt­stock: Fe­bru­ar 33

»Der Win­ter der Li­te­ra­tur« lau­tet der Un­ter­ti­tel von Uwe Witt­stocks »Fe­bru­ar 33«. Es ist die Zeit vom 28. Ja­nu­ar 1933 bis zum 15. März 1933, die er Re­vue pas­sie­ren lässt, 47 Ta­ge in 35 chro­no­lo­gisch ge­ord­ne­ten Ka­pi­teln. Sie er­zäh­len vom Be­ginn ei­nes ge­wal­ti­gen Epo­chen­bruchs, ei­ner furcht­ba­ren Zeit, an des­sen En­de Mil­lio­nen von To­ten zu be­kla­gen sind. Das Buch be­ginnt harm­los mit dem Pres­se­ball, dem letz­ten gro­ßen Fest in Ber­lin, auf dem sich auch Schrift­stel­ler und Künst­ler zei­gen. Kurz dar­auf folgt der »Re­gie­rungs­an­tritt« Hit­lers, durch Hin­den­burgs Er­nen­nung. Das, was vor ein paar Ta­gen noch un­mög­lich schien, trat ein. Vie­le glaub­ten, dass die neue Re­gie­rung wie so vie­le an­de­re zu­vor nicht lan­ge be­stehen wür­de. Dann muss man an die Ein­lei­tung den­ken: man wuss­te da­mals schlicht­weg noch nicht, was das be­deu­te­te – mit dem heu­ti­gen Wis­sen ist es leicht, ei­ni­ge Prot­ago­ni­sten ob ih­rer ver­meint­li­chen Nai­vi­tät zu zei­hen.

Die Form des Bu­ches er­in­nert zu­nächst an das kol­lek­ti­ve Ta­ge­buch »Echo­lot« von Wal­ter Kem­pow­ski. Hier wur­den Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Auf­zeich­nun­gen, Zei­tungs­ar­ti­kel oder No­ti­zen von pro­mi­nen­ten und we­ni­ger pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­kei­ten im Ori­gi­nal und weit­ge­hend un­be­ar­bei­tet chro­no­lo­gisch auf tau­sen­den von Sei­ten ne­ben­ein­an­der pu­bli­ziert. Von Kem­pow­ski stamm­te le­dig­lich das kur­ze Vor­wort. Vor al­lem ist hier das »Echo­lot« zu nen­nen, wel­ches in vier Bän­den den Zeit­raum von 1. Ja­nu­ar 1943 bis 28. Fe­bru­ar 1943 um­fasst. Ein be­ein­drucken­des Werk, in dem der An­fang vom En­de – Sta­lin­grad fällt – der Hö­he­punkt dar­stellt (vie­len ist auch da­mals die Di­men­si­on nicht deut­lich). Witt­stock macht es je­doch an­ders: Er er­zählt auf­grund der ihm vor­lie­gen­den Do­ku­men­te (die am En­de ge­nannt wer­den) in ei­ner Art Do­ku-Dra­ma-Stil (oh­ne Fuß- oder End­no­ten). Um ei­ne grö­ße­re Un­mit­tel­bar­keit zu er­zeu­gen, schreibt er im Prä­sens. Kurz kommt ei­nem Flo­ri­an Il­lies’ »1913« in den Sinn, aber Witt­stock ver­fällt glück­li­cher­wei­se nicht den phan­tas­ma­go­ri­schen Zam­pa­no-Stil von Il­lies.

Nicht im­mer er­schei­nen Er­fin­dun­gen des Au­tors und die »Tat­sa­chen­be­rich­te« sau­ber ge­trennt. Manch­mal gibt es wer­ten­de (über­flüs­si­ge) Ein­schü­be, et­wa wenn ein­mal von den »be­sten Zei­tun­gen« die Re­de ist, bei de­nen je­mand ge­ar­bei­tet hat oder ei­ne Re­por­ta­ge »sen­sa­tio­nell« war. Das sind ver­mut­lich die »In­ter­pre­ta­ti­ons­frei­hei­ten«, von de­nen Witt­stock zu Be­ginn schreibt. Hin­zu kommt, dass mit­un­ter auch die Ori­gi­nal-Quel­len nicht im­mer hi­sto­risch zu­ver­läs­sig sind, et­wa wenn sie mit gro­ßen zeit­li­chen Ab­stand ver­fasst wur­den. Im Nach­wort gibt Witt­stock an, dass er, wenn mög­lich, Do­ku­men­te prä­fe­riert hat, die »par­al­lel zu den Er­eig­nis­sen ent­stan­den« sei­en.

Wei­ter­le­sen

Deutsch-deut­sche Pflicht­lek­tü­re

Ein Streif­zug durch die Ste­fan-Heym-Werk­aus­ga­be

Stefan Heym: Der Winter unsres Missvergnügens

Ste­fan Heym: Der Win­ter uns­res Miss­ver­gnü­gens

Stefan Heym: Die Architekten

Ste­fan Heym:
Die Ar­chi­tek­ten

Wer kennt ihn noch, Ste­fan Heym? Ein Mann mit ei­nem gro­ßen Kopf, bu­schi­gen wei­ßen Haa­ren an den Sei­ten, tie­fer Stim­me, fast ein Bass, bis­wei­len mit Bas­ken­müt­ze oder in ei­nem opu­len­ten Ses­sel sit­zend und ziem­lich lang­sam, fast su­chend, spre­chend. Da­mals, in den 1970er Jah­ren, kam er häu­fig in den Kul­tur­sen­dun­gen im deut­schen (West-)Fernsehen vor, sei­ne neu­en Bü­cher, die nicht in der DDR er­schei­nen durf­ten, wur­den re­gel­mä­ßig vor­ge­stellt. Heym hat­te nie ei­nen Hehl dar­aus ge­macht, dass er Kom­mu­nist war. Aber er war kein Par­tei­gän­ger. Sei­ne Kri­tik hat­te für mich da­mals im­mer et­was Dop­pel­deu­ti­ges. Galt doch im Zeit­geist der »Dis­si­dent« fast au­to­ma­tisch als »kal­ter Krie­ger«. Wer die sich so­zia­li­stisch nen­nen­den Re­gime kri­ti­sier­te, wur­de schnell als Re­vi­sio­nist ab­ge­stem­pelt, der der »Ent­span­nung«, al­so dem Fort­schritt, im Weg stand. Da­bei ver­stör­te dann, dass ein Kri­ti­ker der DDR-Ver­hält­nis­se nicht auch gleich An­ti­kom­mu­nist war. Die Schub­la­den klemm­ten.

Stefan Heym: Collin

Ste­fan Heym: Col­lin

Stefan Heym: Schwarzenberg

Ste­fan Heym:
Schwar­zen­berg

In­zwi­schen ist die DDR Ge­schich­te. Und Ste­fan Heym zwan­zig Jah­re tot. Aus die­sem An­lass gibt der Ber­tels­mann Ver­lag in ei­ner 28 bän­di­gen Aus­ga­be das Ge­samt­werk des Schrift­stel­lers neu her­aus. Und zwar, das ist ziem­lich ein­zig­ar­tig, fast aus­schließ­lich als di­gi­ta­le Werk­aus­ga­be, per E‑Book (nur »As­ha­ver« und »Nach­ruf« er­schei­nen als Neu­auf­la­ge in ge­druck­ter Form). Im No­vem­ber ist »Flam­men­der Frie­den« der von Heym 1944 ver­fass­te Ro­man »Of Smi­ling Peace« erst­mals auf deutsch er­schie­nen. Hier folgt man der Buch­han­dels­lo­gik und pu­bli­ziert zu­erst das Pa­pier­buch (nebst un­ge­kürz­ter Hör­buch-Aus­ga­be). Von ei­nem E‑Book ist hier nichts ver­merkt. So wird die di­gi­ta­le Ge­samt­aus­ga­be so­fort wie­der ein biss­chen un­voll­stän­dig, was scha­de ist. Denn die zum Teil ver­streut er­schie­ne­nen Bü­cher un­ter ei­nem Dach zu bün­deln und dann noch in di­gi­ta­ler Form ist ei­ne klu­ge und nach­hal­ti­ge Ent­schei­dung, um das Werk dau­er­haft ver­füg­bar zu hal­ten.

Ge­bo­ren wur­de Ste­fan Heym 1913 als Hel­mut Flieg in Chem­nitz. Er war der Sohn ei­ner jü­di­schen Kauf­manns­fa­mi­lie. Schon als Schü­ler fiel er mit sei­nen Ge­dich­ten auf. Ab­itur in Ber­lin, dann Stu­di­um der Jour­na­li­stik, wel­ches er 1933 ab­brach. Nach dem Reichs­tags­brand Flucht nach Prag, dort tä­tig mit klei­nen Ar­ti­keln als »Ste­fan Heym«. Durch gu­te Ver­bin­dun­gen be­kam er ein Sti­pen­di­um in die USA und setz­te sein Stu­di­um in Chi­ca­go fort. Er wur­de jour­na­li­stisch tä­tig, u.a. für ei­ne kom­mu­ni­sti­sche Zei­tung deut­scher Emi­gran­ten. Heym hat­te aber auch be­gon­nen, Ro­ma­ne zu schrei­ben, in eng­li­scher Spra­che (dies wird er für im­mer bei­be­hal­ten; auch zu DDR-Zei­ten schrieb er sei­ne Ma­nu­skrip­te auf eng­lisch). Sein er­ster Ro­man »Hosta­ges« er­schien 1942.

Den voll­stän­di­gen Es­say über Ste­fan Heym hier bei Glanz und Elend le­sen.

Mar­tin von Arndt: Wie wir tö­ten, wie wir ster­ben

Martin von Arndt: Wie wir töten, wie wir sterben

Mar­tin von Arndt: Wie wir
tö­ten, wie wir ster­ben

Spät­herbst 1961. Der ita­lie­nisch­stäm­mi­ge 54jährige US-Ame­ri­ka­ner Dan Va­nuz­zi, mit ganz vie­len »Ex«-Titeln (Ex-US-Ar­my, Ex-CIC, Ex-Mos­sad), schlägt sich wört­li­chen Sinn als Bo­xer Ted Jack­son seit mehr als drei Jah­ren durch das Le­ben, und zwar in Es­sen, im Ruhr­ge­biet. Va­nuz­zi sieht jün­ger aus als er ist und er ist fit. Aber es ist kein Traum­job. Ei­gent­lich war er so et­was wie ein »un­ab­hän­gi­ger In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fer«, der ab und an von west­li­chen Ge­heim­dien­sten Auf­trä­ge be­kam, mit de­nen man sich nicht sel­ber ab­ge­ben woll­te. Mit ihm der jun­ge, rot­haa­ri­ge Un­garn-Flücht­ling Ödön, der ihn wäh­rend der Kämp­fe coacht. Der Kampf ist zu­meist Show. Buch­ma­cher be­stim­men, wer wann wie ge­winnt und ver­liert. We­he, man rich­tet sich nicht da­nach. Das ist der Ein­stieg in Mar­tin von Arndts neue­stem Po­lit-Spio­na­ge­ro­man mit dem bi­blisch an­mu­ten­den Ti­tel »Wie wir tö­ten, wie wir ster­ben«.

In die­se leicht aus­sichts­lo­se Sze­ne­rie hin­ein wird er von zwei (zu­ge­ge­ben du­bio­sen) Fran­zo­sen an­ge­spro­chen, die zwei Al­ge­ri­er, die sich in Deutsch­land im Exil auf­hal­ten, su­chen und Va­nuz­zi be­auf­tra­gen, die­se zu fas­sen und ih­nen zu über­ge­ben. Es sind Kämp­fer der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung FLN, die den Fran­zo­sen in Al­ge­ri­en zu schaf­fen ma­chen und wahl­wei­se als Kom­mu­ni­sten oder Ter­ro­ri­sten dar­ge­stellt wer­den. Ih­nen wer­den Mas­sa­ker ge­gen Fran­zo­sen und al­ge­ri­sche Zi­vi­li­sten nach­ge­sagt. Vie­les bleibt un­klar, aber da die bei­den die Ge­heim­dienst­re­geln be­herr­schen und Va­nuz­zi und Ödön Geld brau­chen, nimmt er an.

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