
Längst ist der Kabarettist und Buchautor Frank Goosen so etwas wie der Ethnologe des Ruhrgebiets oder, genauer: Bochums. Seine Programme, Kolumnen, Romane und Erzählungen sprudeln geradezu vor »Atmosphäre«. Sogar der wirklich große und so ganz andere Autor, der früh verstorbene Wolfgang Welt, ist vor Goosens Vereinnahmung als »Pottkind« und Bochum-Maskottchen nicht sicher. Mit Lovely Rita legt Goosen einen neuen Roman vor, eine äußerlich wilde Elegie auf die (fiktive) Bochumer Kneipe Haus Himmelreich, die, als der Roman beginnt, in zwei Tagen schließen soll. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, der einige Merkmale von Goosen trägt, will ursprünglich einen Artikel für ein Magazin schreiben, aber er merkt rasch, dass hier Stoff für ein Buch ist, denn er sieht »überall Romane«. Obwohl: das Magazin würde ganz gut zahlen.
Und dann also geht’s los mit Glückseligkeit, WDR5 und dem Lob auf die Pilsblumen. Starring: ein »zerstörter« Mensch, der Käpt’n genannt wird und dessen Frau einst Schlammcatcherin auf St. Pauli war, das Faktotum Willi Trommer und Dieter, der Automatenaufsteller und Jukebox-Experte (später, wenn es ans erinnern geht, kommt noch »Elvis« dazu, der allerdings in den 80ern an AIDS starb). Am Stammtisch wird geknobelt oder Skat gespielt, am Zapfhahn ist Gisela, in weißer Bluse, daher der Kosename »White Blues Lady« (man muss kalauerresilient sein bei der Lektüre), seit mehr als dreißig Jahren angestellt und immer da, auch und vor allem wenn Rita Urbaniak, die eigentliche Wirtin, eine ihrer geheimnisumwitterten Auszeiten nimmt. Der als Dichter apostrophierte Frischling wird erst einmal in die allgemeinen Regeln des Himmelreichs eingeführt, lernt, wie man »erdet« und wann man was auszugeben hat. Kneipenfolklore, die Authentizität suggeriert.






