An­drea Gio­ve­ne: Die Au­to­bio­gra­phie des Giu­lia­no di San­se­vero (1 und 2)

Andrea Giovene: Ein junger Herr aus Neapel

An­drea Gio­ve­ne: Die Au­to­bio­gra­phie des Giu­lia­no di San Se­vero – Ein jun­ger Herr aus Nea­pel

Es ist na­tür­lich ein ver­le­ge­ri­sches Wag­nis, die­se fünf au­to­bio­gra­phi­schen Bü­cher der fik­ti­ven Fi­gur Giu­lia­no di San­se­vero, er­schaf­fen von An­drea Gio­ve­ne, bis En­de 2023 erst­ma­lig voll­stän­dig in deut­scher Über­set­zung vor­zu­le­gen. Ein Ri­si­ko des­halb, weil Duk­tus und Stil des 1904 ge­bo­re­nen Ita­lie­ners (1995 ver­stor­ben) so gar nicht in die Zeit zu pas­sen schei­nen, in der die zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur mit Welt­schmerz- und/oder Iden­ti­täts­fra­gen der­art aus­gie­big be­schäf­tigt ist.

Dass es da­zu kom­men wird, ist wohl der Hart­näckig­keit und dem En­thu­si­as­mus des Über­set­zers Mos­he Kahn zu dan­ken. Die er­sten bei­den Bän­de der »Au­to­bio­gra­phie des Giu­lia­no di San­se­vero« – »Ein jun­ger Herr aus Nea­pel« (Band 1) und »Die Jah­re zwi­schen Gut und Bö­se« (Band 2) – lie­gen jetzt vor. Die drei an­de­ren Bü­cher sol­len im Lau­fe des Jah­res 2023 er­schei­nen. Zur Ein­stim­mung des Le­sers zei­gen die Co­ver kon­ge­nia­le Ge­mäl­de des ita­lie­ni­schen Ma­lers Fe­li­ce Ca­s­o­ra­ti (1883–1963). So könn­te das »Por­trait des In­ge­nieurs« (ent­stan­den 1924/25; Um­schlag von Band 1) die Ti­tel­fi­gur Giu­lia­no dar­stel­len, der, nach dem Wunsch des Va­ters, In­ge­nieurs­we­sen stu­die­ren soll­te. Die por­trai­tier­te Frau auf Band 2 (»Ra­ja«, 1925) könn­te ei­ner der Lieb­schaf­ten ge­we­sen sein.

Im er­sten Band gibt Ul­ri­ke Vos­win­kel im Nach­wort ei­nen kun­di­gen Über­blick über Ge­ne­se und Re­zep­ti­on der zwi­schen 1966 und 1970 in Ita­li­en er­schie­ne­nen Bü­cher. Den zwei­ten Band ließ Gio­ve­ne auf ei­ge­ne Ko­sten drucken und schick­te ihn an Kri­ti­ker, Ver­la­ge und Agen­ten. Ei­ne be­gei­ster­te Re­zen­si­on ver­half ihm 1970 zu ei­nem Preis, be­vor dann der re­vo­lu­tio­när-pro­gres­si­ve Zeit­geist Gio­ve­nes Äs­the­tik wi­der­sprach und die Re­zep­ti­on stock­te. Vos­win­kel schreibt, dass Gio­ve­ne für den No­bel­preis vor­ge­schla­gen wor­den wä­re. Auf der Web­sei­te der Aka­de­mie gibt es al­ler­dings kei­nen Ein­trag zu ihm; ver­mut­lich war die emp­feh­len­de Per­son nicht um Um­feld des Ko­mi­tees.

Die »Au­to­bio­gra­phie« be­ginnt 1912 in Nea­pel. Giu­lia­no der Ich-Er­zäh­ler, der mit dem Wis­sen der Er­eig­nis­se fast im­mer chro­no­lo­gisch er­zählt (ge­le­gent­li­ches Auf­zei­gen von Ent­wick­lun­gen zwan­zig oder drei­ßig Jah­re spä­ter sind sel­ten), ist neun Jah­re alt. Sei­ne drei Jah­re jün­ge­re Schwe­ster Chec­chi­na ist sein Spiel­ka­me­rad. Äl­te­re Ge­schwi­ster sind Cri­sti­na, 16 und Fer­ran­te, 15. Giu­lia­no und Chec­chi­na star­ren in ei­ner Mi­schung aus Ehr­furcht und Be­klom­men­heit auf den an ei­ner Wand im Sa­lon üp­pig auf­ge­zeich­ne­ten Stamm­baum der »lau­nen­haf­ten Fa­mi­li­en­zwei­ge«, die bis ins 11. Jahr­hun­dert zu­rück rei­chen. Aber bei al­ler Über­wäl­ti­gung gab es durch Feuch­tig­keit in den Wän­den er­ste Flecken und so­gar klei­ne­re Ab­plat­zun­gen am Stamm­baum – sub­ti­le Zei­chen für den be­gin­nen­den Zer­fall der al­ten Ord­nung, aber noch »roll­te die lang­sa­me Pfer­de­drosch­ke wei­ter« und auch »das gol­de­ne Zeit­al­ter der Kir­che« hat­te noch Be­stand. Erst nach­träg­lich wer­den aus Pro­zes­sen die Zä­su­ren deut­lich.

Wei­ter­le­sen

Ne­ben­bah­nen

Im rum­peln­den Zug das Tal hin­un­ter, das zu­erst ein­mal ei­ne Schlucht ist, be­vor es sich wei­tet und die Ge­bäu­de zu­neh­men, woll­te ich die Land­schaft und was dar­in vor­kommt, al­ler­lei Din­ge und We­sen, mit den Au­gen mei­ner Toch­ter be­trach­ten, die hier täg­lich au­ßer sonn­tags ih­ren Schul­weg hin­ter sich bringt, aber dann wur­de mir be­wußt, daß sie ihr Smart­pho­ne bei sich hat und si­cher die mei­ste Zeit dar­auf starrt wie die an­de­ren Schü­ler auch, wenn sie nicht ge­ra­de schla­fen, aber das eher nicht, denn die Plät­ze sind zu die­sen Zei­ten, mor­gens und abends, be­setzt, da müß­te sie schon im Ste­hen schla­fen. Es ist der ge­wohn­te Blick der Pend­ler, den­ke ich, der ober­fläch­li­che Smart­phone­blick, der die Bil­der fort­wischt, so­fern sie sich nicht von selbst be­we­gen, die be­weg­ten und un­be­weg­ten Bil­der, fort- und her­bei­bug­siert im Nu; oder der schwar­ze Blick des Schlafs, der graue des Dö­sens; oder der Blick nach in­nen, wo die Träu­me hau­sen. Bloß kei­ne Wirk­lich­keit! Die sich so­wie­so in ei­nem Satz be­schrei­ben läßt: grü­nes Ge­wu­cher, grau­er Be­ton, Blin­ken von Was­ser, Ka­ros­se­rien und Licht­re­fle­xen. Punkt. Am En­de doch wie­der das­sel­be wie die Bil­der­flut am Dis­play.

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Neu­es von El­frie­de Je­li­nek

El­frie­de Je­li­nek – Die Spra­che von der Lei­ne las­sen

Vor we­ni­gen Wo­chen wur­de die öster­rei­chi­sche Schrift­stel­le­rin und Dra­ma­ti­ke­rin El­frie­de Je­li­nek 76 Jah­re alt. Mit wohl­tu­en­der An­lass­lo­sig­keit kommt nun ein Film der Ber­li­ner Do­ku­men­tar­fil­me­rin Clau­dia Mül­ler mit dem schö­nen Ti­tel »El­frie­de Je­li­nek – Die Spra­che von der Lei­ne las­sen« in die Ki­nos. Mül­ler ist durch ih­re Fern­seh­ar­bei­ten u. a. über Jen­ny Hol­zer, Ka­tha­ri­na Gro­sse und Hans Neu­en­fels be­kannt ge­wor­den. Der Je­li­nek-Film ist ih­re er­ste Ki­no­pro­duk­ti­on.

El­frie­de Je­li­nek: An­ga­be der Per­son

Über die­sen Film und dem neu er­schie­ne­nen, als »Le­bens­bi­lanz« apo­stro­phier­ten, Buch »An­ga­be der Per­son« bei Glanz und Elend: »Das Ge­wis­sen Öster­reichs?« .

Ga­brie­le Ried­le: In Dschun­geln. In Wü­sten. Im Krieg.

Gabriele Riedle: In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.

Ga­brie­le Ried­le: In Dschun­geln.
In Wü­sten. Im Krieg.

In Ni­co­las Borns Ro­man »Die Fäl­schung« von 1979 sitzt der Re­por­ter La­schen, der vom li­ba­ne­si­schen Bür­ger­krieg be­rich­tet, täg­lich zu­sam­men mit an­de­ren Jour­na­li­sten in ei­nem Ho­tel und sor­tiert die je­wei­li­gen Pres­se­mit­tei­lun­gen der Kriegs­par­tei­en. Der Pu­bli­ka­ti­ons­druck zwingt ihn Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al zu le­sen, Fo­tos zu ma­chen, In­ter­views zu füh­ren, un­zu­ver­läs­si­ge Au­gen­zeu­gen zu be­fra­gen. Für Orts­ter­mi­ne au­ßer­halb des Schutz­raums Ho­tel sind die Jour­na­li­sten auf zu­ver­läs­si­ge Über­set­zer und vor al­lem das Good­will der je­wei­li­gen War­lords und de­ren Schutz an­ge­wie­sen. Da­bei weiß La­schen, dass er im­mer droht, von ei­ner Sei­te ver­ein­nahmt zu wer­den und doch ver­sucht er, so et­was wie die Wirk­lich­keit ein­zu­fan­gen.

Jo­ris Luy­en­di­jk, Ara­bist und Kor­re­spon­dent des nie­der­län­di­schen Fern­se­hens von 1998 bis 2003, be­schrieb 2007 in sei­nem Buch »Wie im ech­ten Le­ben« des­il­lu­sio­niert die Un­mög­lich­keit ei­ner auch nur halb­wegs ob­jek­ti­ven Be­richt­erstat­tung. Der Re­por­ter wür­de zer­rie­ben zwi­schen der Pro­pa­gan­da der un­ter­schied­li­chen Par­tei­en. Von sei­nen Auf­trag­ge­bern blieb im­mer we­ni­ger Raum für die aus­führ­li­che Dar­stel­lung von Kon­flikt­li­ni­en; es galt, die schnel­le, knal­li­ge Schlag­zei­le zu lie­fern. Kom­ple­xe Sach­ver­hal­te wer­den ein­ge­dampft. Die Ent­schei­dung, was ge­sen­det, was wie ge­druckt wird, tref­fen an­de­re.

Wei­te­re Krie­ge und ein paar Di­gi­tal­me­di­en wei­ter las­sen Kriegs- und Kri­sen­be­richt­erstat­ter als die letz­ten Aben­teu­rer der Welt neu auf­fri­schen. Der­weil sich die ein­sti­gen Print­re­por­ter im­mer mehr dar­auf ver­le­gen, ih­re Er­leb­nis­se in ei­nen fik­tio­na­len Text zu trans­for­mie­ren. Sie chan­gie­ren häu­fig zwi­schen Ver­mächt­nis, Hel­den­ge­schich­te, Me­lan­cho­lie oder Re­si­gna­ti­on über die Schlecht­heit der Welt und die Un­be­lehr­bar­keit der Men­schen. Manch­mal schwingt noch das Be­dürf­nis mit, ei­nen Schlüs­sel­ro­man zu schrei­ben, um die Neu­gier des Re­zi­pi­en­ten auf Me­di­en­in­ter­na zu len­ken, so­fern die ent­spre­chen­den Prot­ago­ni­sten be­kannt ge­nug sind.

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Mo­ritz Baß­ler: Po­pu­lä­rer Rea­lis­mus

Moritz Baßler: Populärer Realismus

Mo­ritz Baß­ler:
Po­pu­lä­rer Rea­lis­mus

Im letz­ten Jahr sorg­te ein Auf­satz des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Mo­ritz Baß­ler über den »neu­en Mid­cult« für ei­ni­ges Auf­se­hen in der Li­te­ra­tur­sze­ne. Kurz dar­auf folg­te zu­sam­men mit Heinz Drügh das Buch »Ge­gen­wart­s­äs­the­tik«. Es war der Ver­such ei­ner Ana­ly­se der ak­tu­el­len Li­te­ra­tur im Kos­mos des Mark­tes. Hier füg­te sich schließ­lich die Mid­cult-The­se ein, die ei­ne Art Pur­ga­to­ri­um des (gegenwarts-)ästhetischen li­te­ra­ri­schen Him­mels­ge­wöl­bes er­schuf und Klas­si­fi­zie­run­gen er­mög­li­chen soll­te. Sie be­sagt, dass markt­kon­for­me, zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur Hoch­kul­tur si­mu­lie­re, in dem sie Ver­satz­stücke da­von ver­wen­de und dem Re­zi­pi­en­ten das woh­li­ge Ge­fühl ver­mitt­le, Kul­tur zu kon­su­mie­ren.

Nun legt Baß­ler mit »Po­pu­lä­rer Rea­lis­mus« ei­ne er­wei­ter­te Stu­die vor, wie es heißt, ei­ne Sich­tung von Ge­gen­warts­li­te­ra­tur »un­ter Aspek­ten li­te­ra­ri­scher Ver­fah­ren«. Baß­ler ver­knüpft hier die Mid­cult-The­se mit der Hy­po­the­se, dass der Groß­teil al­ler zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur der Stil­rich­tung »po­pu­lä­rer Rea­lis­mus« zu­zu­ord­nen sei. Und er prä­zi­siert die Kri­te­ri­en des »neu­en Mid­cult«.

Ex­kurs: Mid­cult bei Um­ber­to Eco

Viel­leicht ist es vor­ab not­wen­dig, sich das Mid­cult­we­sen, das Baß­lers Buch struk­tu­riert, ge­nau­er an­zu­se­hen. In mei­nem Text über »Ge­gen­wart­s­äs­the­tik« ver­or­te­te ich es auf die 1990er Jah­re. Das war je­doch falsch. Um­ber­to Eco über­nahm die De­fi­ni­ti­on des »Mid­cult« vom ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­ler, Li­te­ra­tur- und Ge­sell­schafts­kri­ti­ker Dwight Mac­Do­nald (1908–1982) aus den 1960er-Jah­ren und ex­tra­po­lier­te sie 1963/64 in zwei Tex­ten, die in deut­scher Spra­che al­ler­dings erst 1986 im Auf­satz­band »Apo­ka­lyp­ti­ker und In­te­grier­te« pu­bli­ziert wur­den (das Ta­schen­buch er­schien 1992 und ist der­zeit noch an­ti­qua­risch er­hält­lich).

Den voll­stän­di­gen Text »Die Ka­no­ni­sie­rung des Pop« bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

He­le­na Ad­ler: Fret­ten

Helena Adler: Fretten

He­le­na Ad­ler: Fret­ten

Vor zwei Jah­ren wur­de He­le­na Ad­ler ei­nem brei­ten Pu­bli­kum mit ih­rem fu­rio­sen De­but »Die In­fan­tin trägt den Schei­tel links« be­kannt. Mit »Fret­ten« liegt nun der zwei­te Ro­man vor, der im Ver­gleich zum Erst­ling noch mehr an der Schrau­be der Ex­pres­si­vi­tät, der Wut aber auch der Zärt­lich­keit dreht, et­was, was man kaum für mög­lich ge­hal­ten hat. Aber ge­mach.

Zu Be­ginn wird die Vo­ka­bel »fret­ten« er­klärt: »sich ab­mü­hen, sich pla­gen […] sich wund rei­ben«. Wie schon in der »In­fan­tin« sind die 21 Ka­pi­tel des neu­en Ro­mans über­schrie­ben mit Ti­teln von Kunst­wer­ken; zu­meist Ge­mäl­den (de­ren An­schau­en zur Lek­tü­re loh­nend ist), aber auch ei­ne Per­for­mance und zwei In­stal­la­tio­nen der Au­torin, die man nur er­ah­nen kann. Auch in­halt­lich könn­te »Fret­ten« ei­ne Fort­schrei­bung des Erst­lings sein; es gibt an­ge­deu­te­te Par­al­le­len zur El­tern- und Groß­el­tern­ge­schich­te, die aber nicht mehr wei­ter aus­ge­führt wer­den. Die »In­fan­tin« en­det mit dem Ab­schied von Kind­heit und Ju­gend; sie leg­te »ih­re Waf­fen nie­der« und still­te ihr Kind. Und die Ich-Er­zäh­le­rin aus »Fret­ten« stellt ab Mit­te des Ro­mans die Ge­burt und die Be­treu­ung ih­res Soh­nes in den Mit­tel­punkt. Dann nimmt das rich­tig Fahrt auf.

Zu­nächst je­doch wird die Kind­heit als »ir­di­sches Pa­ra­dies« er­zählt, ein bu­ko­li­sches Idyll mit ima­gi­nier­ten war­men Dämp­fen; ei­ne »wei­che Welt« im »Blu­men­ver­steck« des ver­wil­der­ten Groß­el­tern­gar­tens mit Blick auf die Ber­ge, die ein »un­end­li­ches Meer« »in­sze­nier­ten«. Je­der Tag »roch nach Aben­teu­er«. Noch war es da, das »Ur­ver­trau­en« und ei­ne strot­zen­de Le­bens­gier er­füll­te sie. Es gab den »Duft un­se­rer Wei­zen­fel­der« (das Olfak­to­ri­sche spielt in die­sem Buch ei­ne wich­ti­ge Rol­le) und die »Abend­son­ne sti­chelt gold­gelb in die Al­pen­sa­van­ne« wäh­rend die Schat­ten ein Bild lie­fer­ten, »als wür­de das Land mit Erd­öl ge­flu­tet.«

Es sind Evo­ka­tio­nen aus den »Gefilde[n] der Se­li­gen« und ich fra­ge mich, wann ich zu­letzt der­art zau­ber­haf­tes ge­le­sen ha­be (das ist lan­ge her). Aber das ist nur die ei­ne Sei­te. Da­ne­ben, gleich­zei­tig, gab es auch das Le­bens in der har­ten, »bru­ta­len Welt« der El­tern, die­se Ka­da­ver- und Ver­we­sungs­ge­rü­che – ei­ne Me­ta­pher für Un­ver­ständ­nis und Bor­niert­heit – und am lieb­sten war die Er­zäh­le­rin mit sich al­lei­ne, beim Zeich­nen von Be­stia­ri­en mit den »Mon­stern der Nacht« und spä­ter wur­de die »Spra­che der Phra­sen­dre­scher« (vul­go: Fa­mi­lie) »zer­häck­selt«.

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Ri­chard Da­vid Precht / Ha­rald Wel­zer: Die vier­te Ge­walt

Precht/Welzer: Die vierte Gewalt

Precht/Welzer:
Die vier­te Ge­walt

We­ni­ge Ta­ge vor der of­fi­zi­el­len Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches »Die vier­te Ge­walt« schlug den bei­den Au­toren für ihr Werk ei­ne gro­ße Por­ti­on Hä­me und Un­ver­ständ­nis ent­ge­gen. Grund wa­ren vor al­lem die für das Buch­mar­ke­ting vor­ge­nom­me­nen (und von den Leit­me­di­en be­reit­wil­lig ge­führ­ten) In­ter­views, in dem bei­de (oder auch nur ei­ner von bei­den) vor al­lem ih­re Po­si­ti­on zum Russ­land-Ukrai­ne-Krieg und den deut­schen Waf­fen­lie­fe­run­gen noch ein­mal poin­tiert – und teil­wei­se mit gro­ßer Ar­ro­ganz – vor­brach­ten. Precht und Wel­zer sind ge­gen die Lie­fe­rung von schwe­ren Waf­fen an die Ukrai­ne (und zwar ge­ne­rell – nicht nur von Deutsch­land), weil sie ei­ne Es­ka­la­ti­on fürch­ten. Russ­land sei, so das Cre­do, Atom­macht. Dass Atom­mäch­te in der Ver­gan­gen­heit durch­aus ih­re In­va­sio­nen auf­grund zu ho­her Ge­gen­wehr ab­ge­bro­chen ha­ben, schei­nen sie nicht zu wis­sen. Statt­des­sen schla­gen sie Ver­hand­lun­gen mit Pu­tin vor, ob­wohl des­sen Re­gime die Be­din­gun­gen hier­für mehr­fach er­klärt hat: Hier­zu wä­re die Ka­pi­tu­la­ti­on der Ukrai­ne not­wen­dig.

Mehr­fach ha­ben Precht wie auch Wel­zer (hier der Ein­fach­heit hal­ber mit der Si­g­le »WP« ab­ge­kürzt) in »Of­fe­nen Brie­fen« zur Ein­stel­lung der mi­li­tä­ri­schen Un­ter­stüt­zung der Ukrai­ne auf­ge­ru­fen. Dies und das ag­gres­si­ve Mar­ke­ting führt zu ful­mi­nan­tem Wi­der­spruch ins­be­son­de­re in den so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en (Twit­ter, Face­book). Dass die über­wäl­ti­gen­de Mehr­zahl der Kri­ti­ker das Buch bis da­hin nicht ge­le­sen hat­ten (bzw. es nicht le­sen konn­ten) spielt kei­ne Rol­le. Man schloss schlicht­weg vom In­halt der bis­he­ri­gen State­ments von WP auf das Buch.

Om­ni­prä­sen­te Dar­lings

Bei­de Au­toren sind seit vie­len Jah­ren pu­bli­zi­stisch om­ni­prä­sent und man kann sie als Dar­lings des Me­di­en­be­triebs be­zeich­nen. Ha­rald Wel­zer, Au­tor zahl­rei­cher Bü­cher ist ei­ne be­kann­te Fi­gur der sich pro­gres­siv ge­ben­den De­growth-Be­we­gung und gern­ge­se­he­ner Gast in den Me­di­en. Ri­chard Da­vid Prechts Kar­rie­re ver­dankt sich vor al­lem dem öf­fent­lich-recht­li­chen Sy­stem: es war die Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin El­ke Hei­den­reich, die sein Buch »Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le?« der­art em­pha­tisch lob­te, dass es prak­tisch über Nacht zum Best­stel­ler wur­de. Zu­schau­er von po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Sen­dun­gen konn­ten von da an dem so­ge­nann­ten Phi­lo­so­phen Precht schwer ent­kom­men; sei­ne Bü­cher wur­den stets in ent­spre­chen­den Sen­dun­gen »vor­ge­stellt« (Eu­phe­mis­mus für be­wor­ben) und er­reich­ten dem­entspre­chend ho­he Ver­kaufs­zah­len. Tat­säch­lich hat Precht kei­nen ein­zi­gen phi­lo­so­phi­schen For­schungs­bei­trag pu­bli­ziert und spielt in der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie kei­ne Rol­le.

Nun ha­ben al­so WP ein Buch ge­schrie­ben, in dem sie un­ter an­de­rem be­kla­gen, dass die so wich­tig ge­wor­de­nen Talk­showrun­den im deut­schen Fern­se­hen nicht pa­ri­tä­tisch nach Um­fra­ge­er­geb­nis­sen be­setzt sind. Weil sie her­aus­ge­fun­den ha­ben, dass im Früh­jahr bis zu 46% der be­frag­ten deut­schen Be­völ­ke­rung ge­gen Lie­fe­run­gen schwe­rer Waf­fen an die Ukrai­ne ge­we­sen sind, lei­ten die bei­den dar­aus ab, dass Dis­kur­se die­ses (schwan­ken­de) Stim­mungs­bild je­des Mal ab­zu­bil­den ha­ben. Man soll­te al­so kei­ne Mi­li­tär­ex­per­ten, Geo­po­li­tik­wis­sen­schaft­ler oder Russ­land­for­scher ein­la­den, son­dern, so wird sug­ge­riert, ver­mehrt wis­sens­fer­ne Ak­teu­re, de­ren ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on dar­in be­steht, ei­ne be­stimm­te Mei­nungs­quo­te zu er­fül­len.

In­ter­es­sant ist da­bei, dass die­se Dis­kus­si­ons­run­den von WP wie ei­ne Art Ring­kampf be­trach­tet wer­den, in dem es nur »pro« oder »con­tra« gibt. Zwar be­kla­gen die bei­den im Lau­fe des Bu­ches ex­akt die­se bi­nä­re Aus­rich­tung und set­zen sich (et­was ob­skur for­mu­liert) für »mehr als fünf­zig Schat­tie­run­gen von Grau« (wer kommt da nicht auf ei­nen Buch­ti­tel?) ein, die »nicht an­ge­mes­sen re­prä­sen­tiert« sei­en – aber man sel­ber be­treibt das »Entweder-Oder«-Spiel sehr häu­fig.

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Jo­chen Hö­risch: Poe­sie und Po­li­tik

Jochen Hörisch: Poesie und Politik

Jo­chen Hö­risch:
Poe­sie und Po­li­tik

Die zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen wie bei­spiels­wei­se die Kul­tur­ge­schich­te der Hän­de (2021), die Mo­no­gra­fie »Gott, Geld und Me­di­en« (2004), ein Es­say über das »Wis­sen der Li­te­ra­tur« (2007), Mar­tin Lu­ther (2020), Ri­chard Wag­ners Theo­rie­thea­ter (2015) oder der »Wut des Ver­ste­hens« (1988/2011) ma­chen Jo­chen Hö­risch (Jahr­gang 1951) zu ei­ner ger­ne be­frag­ten Per­sön­lich­keit. Er er­scheint da­bei wie ei­ne Art kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Ther­mo­mix des öf­fent­lich-recht­li­chen Ra­dio­feuil­le­tons, zu­mal er ge­schickt und mit gro­ßer Elo­quenz schein­bar Ab­sei­ti­ges zu ver­blüf­fen­den Ana­lo­gien ver­knüp­fen kann.

Nun legt Hö­risch »Poe­sie und Po­li­tik« vor, ein Buch, das er li­stig mit »Sze­nen ei­ner ris­kan­ten Be­zie­hung« un­ter­ti­telt. Tat­säch­lich geht es ihm nie um ei­ne um­fas­sen­de Dar­stel­lung der be­spro­che­nen Phä­no­me­ne, son­dern es wer­den epi­so­den­haft ein­zel­ne Bei­spie­le vor­ge­stellt und kom­men­tiert. So kommt das neue­ste Werk mit End­no­ten und Per­so­nen­ver­zeich­nis auf ge­ra­de ein­mal knapp 160 Sei­ten.

Den voll­stän­di­gen Text »Eit­les Feuil­le­ton­ges­ums« bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.