Thor­sten Car­sten­sen (Hg.): Die täg­li­che Schrift

Thor­sten Car­sten­sen (Hg.): Die täg­li­che Schrift

Thor­sten Car­sten­sen: Ro­ma­ni­sches Er­zäh­len

»Nach Eu­ro­pa zu­rück­ge­kehrt, brauch­te ich die täg­li­che Schrift und las vie­les neu.« Den er­sten Satz aus Pe­ter Hand­kes Die Leh­re der Sain­te-Vic­toire hat Thor­sten Car­sten­sen als Grund­la­ge für den Ti­tel sei­nes Sam­mel­ban­des »Die täg­li­che Schrift« über »Pe­ter Hand­ke als Le­ser« ge­nom­men. Der Band er­schien im Herbst 2019 – ei­gent­lich ge­nau zur rich­ti­gen Zeit: Hand­ke hat­te den Li­te­ra­tur­no­bel­preis zu­ge­spro­chen be­kom­men. Aber das hy­per­ven­ti­lie­ren­de Feuil­le­ton hat­te nur Au­gen und Oh­ren für Hand­kes Ju­go­sla­wi­en-Tex­te. Statt sie zu le­sen wur­den sie zer­trüm­mert und der­art neu zu­sam­men­ge­setzt, dass das Fall­beil­ur­teil im (fal­schen) Zi­tat sei­ne Be­stä­ti­gung er­hielt. Für Hand­kes poe­to­lo­gi­sches Schaf­fen in­ter­es­sier­te sich nie­mand. Man war aus­rei­chend mit De­nun­zia­tio­nen be­schäf­tigt.

Fast na­tur­ge­mäß sind li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten über das Œu­vre von Pe­ter Hand­ke bis­wei­len sper­rig, ih­re Lek­tü­re ist müh­sam, die Be­schäf­ti­gung ver­langt bis­wei­len auch vom Le­ser Kennt­nis der Pri­mär­tex­te. Thor­sten Car­sten­sen hat­te al­ler­dings 2013 mit sei­nem um­fang­rei­chen Band über Ro­ma­ni­sches Er­zäh­len ge­zeigt, dass man ver­ständ­lich und an­re­gend zu­gleich über Hand­ke re­fe­rie­ren kann. Sei­ne The­se ging da­hin, dass die ro­ma­ni­sche Bau­kunst des Mit­tel­al­ters als Vor­bild für Hand­kes Spät­werk an­ge­se­hen wer­den kann. Den gän­gi­gen Be­zeich­nun­gen der Werk­pha­sen wi­der­sprach Car­sten­sen sanft, aber be­stimmt: die sprach­kri­ti­sche Pha­se sei nie ganz ab­ge­schlos­sen ge­we­sen, son­dern ha­be sich nur »im Zei­chen der fran­zö­si­schen De­kon­struk­ti­on« ge­wan­delt. Den ho­hen Ton um die Lang­sa­me-Heim­kehr-Te­tra­lo­gie ha­be Hand­ke spä­ter zu Gun­sten ei­nes ge­las­se­ne­ren Er­zäh­lens ver­än­dert, oh­ne al­ler­dings von sei­nen Am­bi­tio­nen des »epi­schen Er­zäh­lens« ab­zu­las­sen, wel­ches »phä­no­me­no­lo­gi­sche Wahr­neh­mung, ge­schichts­phi­lo­so­phi­sche Re­fle­xi­on und äs­the­ti­sche Selbst­ver­ge­wis­se­rung zu ei­nem Ge­fü­ge ar­ran­giert«. Mit der Mo­ra­wi­schen Nacht kom­me auch im­mer mehr Selbst­iro­nie und ‑par­odie in Hand­kes Werk. Die »ro­ma­ni­sche Pha­se« Hand­kes ver­or­tet Car­sten­sen ab En­de der 1980er Jah­re, mit dem Er­schei­nen der drei Ver­su­che. Ob man die­ser Ein­schät­zung nun zu­stimmt oder nicht: wer über das Spät­werk Hand­kes ei­nen pro­fun­den Über­blick er­hal­ten möch­te, soll­te die knapp 30 Sei­ten der Ein­lei­tung von Ro­ma­ni­sches Er­zäh­len le­sen. Min­de­stens die­se.

[...]

Der »Hand­ke-Ka­non« zeigt ei­ne gro­ße äs­the­ti­sche Band­brei­te. Wie kann je­mand der Ger­hard Mei­er schätzt gleich­zei­tig Wolf­gang Welt gou­tie­ren? War­um hört man von Hand­ke eher Zu­rück­hal­ten­des von der Li­te­ra­tur Knaus­gårds, der doch ähn­lich wie Welt ein chro­no­lo­gi­sches und prak­tisch un­ge­schütz­tes Er­zäh­len prak­ti­ziert? Wel­che Kri­te­ri­en legt ein Vielleser wie Pe­ter Hand­ke bei der Lek­tü­re und »För­de­rung« von Au­toren an?

Ob­wohl Thor­sten Car­sten­sen in sei­ner Ein­lei­tung auf das »Ne­ben­ein­an­der von Pop-Kul­tur und Welt­li­te­ra­tur« bei Hand­ke zu spre­chen kommt, wer­den die­se Fra­gen im vor­lie­gen­den Band nur am Rand be­spro­chen. Tat­säch­lich geht es mehr um die Ein­flüs­se an­de­rer Au­toren und die in­ter­tex­tu­el­le Ver­ar­bei­tung des Ge­le­se­nen im Werk des Dich­ters. Schon in der Ein­lei­tung kommt Car­sten­sen auf den Ein­fluss Goe­thes zu spre­chen und be­grün­det, war­um sich der Öster­rei­cher durch­aus in des­sen Tra­di­ti­on ver­or­tet (und dies, ob­wohl in sei­nem Post-No­bel­preis­aus­spruch »Ich[…] kom­me von Tol­stoi, ich kom­me von Ho­mer, ich kom­me von Cer­van­tes« über­ra­schen­der­wei­se Goe­the nicht vor­kommt). Hand­kes »Ge­stus der Be­schwö­rung« ins­be­son­de­re seit den 1980er Jah­ren folgt der Idee, den (er­zähl­ten) Raum, der bei Goe­the noch vor­han­den war, aber in­zwi­schen – man darf an­neh­men durch die Mo­der­ne oder das, was Hand­ke da­für hält – ver­schüt­tet ist, für sich wie­der neu zu (er)schaffen. Hier wä­ren Hof­mannsthals Brie­fe des Zu­rück­ge­kehr­ten wo­mög­lich er­wäh­nens­wert – ein Text, der Hand­ke mehr ge­prägt ha­ben dürf­te als der be­kann­te­re Chan­dos-Brief.

Den gan­zen Bei­trag » ‘...und las vie­les neu’ « hier bei Glanz und Elend le­sen

Mi­chel De­guy zum 90.

Mi­chel De­guy, am 25. Mai 1930 in Pa­ris ge­bo­ren, Dich­ter und Phi­lo­soph, Grün­der der Zeit­schrift Po&sie, ist ei­ner der be­deu­tend­sten fran­zö­si­schen Ly­ri­ker der Ge­gen­wart. Kürz­lich er­hielt er für sein Ge­samt­werk den Prix Gon­court de la poé­sie.

Leo­pold Fe­der­mair über­setz­te ei­ne Aus­wahl von Ge­dich­ten, er­schie­nen 2008 un­ter dem Ti­tel Ge­ge­bend bei Fo­lio in Bo­zen.


Mi­chel De­guy

Es ist nicht das­sel­be

Es ist nicht das­sel­be
Tür oder Tor
Trenn­wand oder Schutz­wall
Al­ko­ven oder Gar­ten
Lücke oder Zin­ne
Zim­mer oder Ter­ras­se

Däda­lus ein­mal baust du
um die Er­de zu pla­nie­ren
ein an­der­mal ein Nest zur Blei­be
Es ist nicht das­sel­be
das In­nen des Au­ßens
oder des In­nens

Aus dem Band „N’était le co­eur“ (2011). Über­setzt von Leo­pold Fe­der­mair.

Hier das Ori­gi­nal:

Mi­chel De­guy: Ce n’est pas la mê­me cho­se – © Mi­chel De­guy – Zeich­nung © Alain Le­stié

Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung von Mi­chel De­guy. © Ge­dicht Mi­chel De­guy – © Zeich­nung Alain Le­stié – © Über­set­zung Leo­pold Fe­der­mair

Ernst Lo­thar: Das Wun­der des Über­le­bens

Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens

Ernst Lo­thar:
Das Wun­der des Über­le­bens

Als Ernst Lo­thar sei­ne Au­to­bio­gra­phie »Das Wun­der des Über­le­bens« pu­bli­zier­te, war er 70 Jah­re alt. 1890 als Lo­thar Ernst Mül­ler in Brünn ge­bo­ren (der Va­ter war Rechts­an­walt, die Mut­ter »hat­te sich das La­chen früh­zei­tig ab­ge­wöhnt«), sie­del­te die Fa­mi­lie (es gab noch zwei äl­te­re Brü­der, Ro­bert, der früh ver­starb und der 1882 ge­bo­re­ne Hanns, der spä­ter als Hans Mül­ler-Ei­ni­gen als Ly­ri­ker und Dra­ma­ti­ker re­üs­sier­te) 1904 nach Wien. Lo­thar stu­dier­te Ju­ra und Ger­ma­ni­stik und pro­mo­vier­te 1914 zum Dr. jur. Aus sei­nen Rei­se­plä­nen nach En­de des Stu­di­ums wur­de nichts. Der Krieg brach aus. Im­mer­hin: Lo­thar wur­de (war­um auch im­mer) für kriegs­un­fä­hig er­klärt und zu ei­nem Staats­an­walt als Ge­hil­fe nach Wels ver­setzt. Er hei­ra­te­te 1914 und die Töch­ter Aga­the (*1915) und Jo­han­na (*1918, ge­nannt »Han­si«) kom­plet­tier­ten die Fa­mi­lie. Lo­thar hat­te be­reits wäh­rend des Stu­di­ums mit dem Schrei­ben an­ge­fan­gen; erst Ge­dich­te, dann Ro­ma­ne. Aus sei­ner Schrift­stel­ler­tä­tig­keit re­sul­tiert die Än­de­rung des Na­mens.

Wenn man die im Zsol­nay-Ver­lag er­schie­ne­ne Neu­auf­la­ge der »Er­in­ne­run­gen« Ernst Lo­thars (so der Un­ter­ti­tel des Bu­ches) ge­le­sen hat, er­kennt man drei Mo­men­te, die sein Le­ben nicht nur ge­prägt, son­dern exi­sten­ti­ell er­schüt­tert ha­ben. Da ist zu­nächst der Zu­sam­men­bruch der Do­nau­mon­ar­chie Öster­reich-Un­garn 1918. Aus 53 Mil­lio­nen wer­den plötz­lich nur mehr 7 Mil­lio­nen, die sich Öster­rei­cher nen­nen (durf­ten). Die »Macht und Herr­lich­keit oh­ne Bei­spiel« der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa« – so eu­pho­risch wird er im Rück­blick – ist zer­stört. Jetzt kann der Le­ser die Epi­so­de zu Be­ginn, die er­ste Kind­heits­er­in­ne­rung, bes­ser ein­ord­nen. Sie be­steht dar­in, dass Lo­thar ei­ne De­mon­stra­ti­on von Tsche­chen in sei­ner Ge­burts­stadt Brünn re­ka­pi­tu­liert, die für ei­ne Se­zes­si­on von Öster­reich-Un­garn ein­tre­ten. Jetzt ist es ein­ge­tre­ten: Sei­ne Hei­mat be­steht nur mehr als ein Tor­so. Er emp­fin­det es nichts we­ni­ger als ei­ne Ver­stüm­me­lung sei­nes Le­bens.

Als »sein« Land zu­sam­men­bricht, ist man im Buch auf Sei­te 30; noch wei­te­re 330 Sei­ten fol­gen. Und wer die­se Art von »hy­ste­ri­scher Lie­be«, wel­che »die Gren­zen des nor­ma­len Pa­trio­tis­mus« streift (so Da­ni­el Kehl­mann im Nach­wort) vor­ei­lig als Na­tio­na­lis­mus oder gar Chau­vi­nis­mus ab­tut, wird mit der wei­te­ren Lek­tü­re Schwie­rig­kei­ten ha­ben. Lo­thars Idea­li­sie­rung der k.u.k.-Monarchie ist nicht pri­mär po­li­tisch zu ver­ste­hen. Er macht sich kei­ne Mü­he, die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen Öster­reich-Un­garns, die Struk­tu­ren der Min­der­hei­ten in dem Staats­ge­bil­de oder gar die Ur­sa­chen des Krie­ges zu ana­ly­sie­ren. Statt­des­sen sucht er nach dem Krieg Sig­mund Freud auf, um sich er­klä­ren zu las­sen, wie er den Ver­lust sei­ner Hei­mat über­win­den kön­ne. Die Ant­wort Freuds in der Be­schrei­bung die­ses Ge­sprächs ist ei­ner der Hö­he­punk­te des Bu­ches. Wei­ter­le­sen

An­drzej Sta­si­uk: Bes­ki­den-Chro­nik

Andrzej Stasiuk: Beskiden-Chronik

An­drzej Sta­si­uk:
Bes­ki­den-Chro­nik

End­lich wie­der ein neu­es Buch von An­drzej Sta­si­uk. »Bes­ki­den-Chro­nik« heißt es, 2018 in Po­len erst­mals er­schie­nen. Sta­si­uk wohnt ja ir­gend­wo in den Bes­ki­den, an der pol­nisch-slo­wa­ki­schen Gren­ze, in ei­nem Haus oh­ne Fern­se­hen (aber mit WLAN), ei­nem Holz­ofen und ei­ni­gen Scha­fen. Ver­sam­melt sind 76 Feuil­le­tons auf fast 300 Sei­ten, »Nach­rich­ten aus Po­len und der Welt«, so der Un­ter­ti­tel, die Sta­si­uk in den 2010er-Jah­ren für die pol­ni­sche Wo­chen­zeit­schrift »Ty­god­nik Pows­zech­ny« ge­schrie­ben hat. Über­setzt wur­den sie wie­der ein­mal von der fa­bel­haf­ten Re­na­te Schmid­gall.

Es sind zu­meist »4000-Zeichen«-Texte, drei­ein­halb, vier Sei­ten; nur we­ni­ge sind län­ger (die aus­führ­lich­ste hat 14 Sei­ten). Sta­si­uk bleibt sich auch hier treu: Er schreibt von »mei­nem Land« (ge­meint ist Po­len – be­zie­hungs­wei­se, wenn er dann ge­ra­de da ist, Ka­sach­stan oder die Mon­go­lei), be­ob­ach­tet die Vö­gel, die in klir­ren­der Käl­te an sei­nem Haus über­win­tern (und bin­nen vier Wo­chen 10 kg Son­nen­blu­men­ker­ne und ei­ni­ge Schei­ben Speck kon­su­miert ha­ben), är­gert sich, in sei­ner Ju­gend se­ri­ös nur an­dert­halb Mo­na­te Rus­sisch ge­lernt zu ha­ben, er­zählt von den Ge­rü­chen der un­ter­schied­li­chen Holz­ar­ten, die in sei­nem Ofen ver­bren­nen, er­in­nert sich an ei­nen or­tho­do­xen Trau­er­got­tes­dienst, be­sucht Fried­hö­fe, spricht dort Grab­ge­be­te (be­we­gend sei­ne Epi­ta­phe wie bei­spiels­wei­se auf sei­nen Freund Ma­ri­usz Kar­gal), ent­deckt Kauf­häu­ser mit »lu­zi­fe­ri­schen« Lich­ter­ket­ten als Zu­fluchts­or­te für die Al­ten, die sich zwar nichts kau­fen kön­nen, aber ei­nen Platz ha­ben, be­rich­tet von ei­ner Le­sung, in der die Zu­schau­er per­ma­nent wech­sel­ten (er fand das nicht so schlecht), re­det mit sei­nen Scha­fen oder setzt ei­nen »last call« zu ei­nem von ihm auf­ge­ga­bel­ten slo­wa­ki­schen Jagd­hund, den er auf­ge­pep­pelt hat. Sta­si­uk lobt »die Er­eig­nis­lo­sig­keit der Ta­ges­zeit« ist je­doch auch fas­zi­niert von »großflächige[m] Nichts« in der Step­pe. Er ist be­gei­stert vom »Wun­der des Ok­to­bers«. Und er preist den Früh­ling, der end­lich die­se »lan­gen Fe­bru­ar­ta­ge« mit Näch­ten von mi­nus 20 Grad ab­löst.

[...]

Den gan­zen Bei­trag »Elo­gen an den Au­gen­blick« hier bei Glanz und Elend le­sen

Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑8/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

(← 7/8)

An ei­nem der schö­nen Ta­ge, an de­nen ich mit die­sem Heft im Ruck­sack ab­wech­selnd her­um­fla­nier­te und her­um­saß, zog es mich wie­der ein­mal nach Ara­shi­ya­ma, aber dies­mal ging ich nicht das rech­te, son­dern das lin­ke Fluß­ufer ent­lang, das die mei­ste Zeit des Ta­ges im Schat­ten liegt. Nach ei­ner Wei­le be­geg­ne­te ich ei­nem Mann, der dort auf ei­ner Bank saß, ei­ne Hau­be auf dem Kopf und mit ei­nem Lä­cheln be­gabt, das sein Ge­sicht wohl dau­er­haft zeigt, und mich oh­ne Um­schwei­fe an­sprach: Whe­re are you from?

Oh my god, dach­te ich zu­erst (im Deutsch mei­ner Toch­ter), gab dann aber doch ei­ne brauch­ba­re Ant­wort. Es stell­te sich her­aus, daß er flie­ßend eng­lisch sprach, die­ser hei­te­re, im­mer noch neu­gie­ri­ge, le­bens­be­gie­ri­ge Mann von sieb­zig Jah­ren, der eben­so un­er­schüt­ter­lich wie ge­schmei­dig ei­ne Denk­wei­se pflegt, die sich in der Zeit, als er jung war, ei­ner Zeit des Auf­bruchs, der Öff­nun­gen, des Al­les-ist-mög­lich aus­ge­bil­det ha­ben muß. (Und ich, Starr­kopf, hier am tri­sten Com­pu­ter, re­de von Ab­brü­chen!) In jun­gen Jah­ren war er als Ma­the­ma­tik­leh­rer an ei­ner Ober­schu­le tä­tig ge­we­sen, die Ar­beit hat­te ihn zu lang­wei­len be­gon­nen, so ver­such­te er sich als Blu­men­händ­ler, grün­de­te bald ei­nen ei­ge­nen Be­trieb, zog sich nach vie­len Jah­ren auch von die­sem zu­rück; jetzt ist er Ma­na­ger in ei­nem Trans­port­un­ter­neh­men. Er wohnt nicht weit von mei­ner Schwie­ger­mut­ter ent­fernt, al­so in mei­ner Nä­he, wenn ich in Osa­ka bin, Nord-Osa­ka, um ge­nau zu sein, Iba­ra­ki-shi, und kommt oft nach Ara­shi­ya­ma, we­gen der Schön­heit und Ru­he des Orts, hier wei­ter oben im Tal, sitzt auf der Bank, liest in ei­nem Buch, plau­dert mit Pas­san­ten – schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten kam ein Be­kann­ter von ihm vor­über. Wei­ter­le­sen

Fabjan Haf­ner: Er­ste und letz­te Ge­dich­te

Fabjan Hafner: Erste und letzte Gedichte

Fabjan Haf­ner:
Er­ste und letz­te Ge­dich­te

[...]

Pe­ter Hand­ke fin­det in sei­nem Vor­wort den Be­griff des »Zun­gen­re­dens« (ei­ne Art ly­ri­scher Écri­tu­re au­to­ma­tique, wel­ches Her­an­wach­sen­den so­zu­sa­gen ge­schieht). Er schreibt von Ar­thur Rim­baud – um dann schnell die­se Par­al­le­le zu ver­wer­fen und Haf­ners Ge­dich­te als ein­zig­ar­tig zu be­schrei­ben: »Die­se Ge­dich­te da sind ernst; der Mensch, der sich dar­in äu­ßert, das Ich, wel­ches da, eher ton­los, spricht, stockend zu­gleich sind wen­dend, jetzt an mich, jetzt an dich, ist herz­lich-herz­öff­nend ernst, von Al­pha bis Ome­ga ju­gend­lich ernst – kind­lich ernst – fabjan­haf­ne­risch ernst.« Wun­der­bar, wie Hand­ke den Bo­gen vom Su­chen­den, Fle­hen­den zum zeit­wei­lig sich als Glücks­kind emp­fin­den­den F. H. spannt, er­zählt, nach­bil­det und so­mit die­se Ge­dich­te jen­seits al­ler ly­ri­schen Gen­res be­greif­bar macht.

[...]

Den gan­zen Bei­trag » ‘Herz­lich-herz­öff­nend ernst...’ « hier bei Glanz und Elend le­sen

Lutz Sei­ler: Stern 111

Lutz Seiler: Stern 111

Lutz Sei­ler: Stern 111

Ir­gend­wie war es Pe­ter Hand­kes Schuld, dass ich 2014 »Kru­so« nicht ge­le­sen hat­te. Er fand das Buch »grau­en­haft« (nebst ei­ner nicht zi­tier­ba­ren Vo­ka­bel). Ich hat­te dann kei­ne Lust mehr und wid­me­te mich an­de­ren Bü­chern. »Kru­so« ge­wann da­mals den Deut­schen Buch­preis. Und nun wie­der ein Preis­buch von Sei­ler, »Stern 111« (mit kur­zen Ca­meo­auf­trit­ten ei­ner Fi­gur na­mens »Kru­so«). Der neue Ro­man hat 520 Sei­ten, aber es ist ver­blüf­fend leicht, den In­halt wie­der­zu­ge­ben: Man ist zu Be­ginn im Herbst 1989. Die Mau­er hat­te sich ge­öff­net. Carl Bi­sch­off, Ein­zel­kind, 26, »zur Zeit Stu­dent«, wird von sei­nen El­tern In­ge und Wal­ter (um die 50) te­le­gra­phisch mit ei­ner Art Hil­fe­ruf nach Hau­se, nach Ge­ra ge­be­ten. Sie of­fen­ba­ren ihm, dass sie so­fort »den We­sten in An­griff« neh­men, noch ein­mal ganz von vor­ne an­fan­gen wol­len. Be­gin­nen im Not­auf­nah­me­la­ger. Carl ist fas­sungs­los, für ihn sind die bei­den die »un­wahr­schein­lich­sten Flücht­lin­ge«; die er sich nur vor­stel­len kann. Er rich­tet sich im El­tern­haus ein, rech­net mit ei­ner frü­her Rück­kehr. Die tritt nicht ein, er be­kommt ei­nen La­ger­kol­ler und bricht sei­ner­seits mit dem Shi­gu­li sei­nes Va­ters auf. Er stran­det in der Ber­li­ner Haus­be­set­zer­sze­ne »As­sel«, um die Ora­ni­en­bur­ger Stra­sse. Wäh­rend er in Ber­lin lie­ben und le­ben lernt, mit­hilft, die rui­nö­sen Häu­ser als Mau­rer und Put­zer zu ver­schö­nern, ne­ben­bei kell­nert und ei­ne Zie­ge mel­ken kann, be­kommt er die von Ge­ra um­ge­lei­te­ten Brie­fe sei­ner Mut­ter. Aus Sor­ge, dass sich die El­tern Sor­gen ma­chen wür­de, ver­schweigt er ih­nen lan­ge sein Le­ben in Ber­lin. Carls Zu­kunfts­plan ist ei­ne Kar­rie­re als Dich­ter. Die Haus­be­set­zer-Gue­ril­la ist be­ein­druckt: Ein Hand­wer­ker und Dich­ter. Das passt per­fekt in die ideo­lo­gi­sche Ge­bäck­mi­schung der Frei­zeit­gue­ril­las. Ein paar Jah­re spä­ter sind die El­tern über Um­we­ge in Los An­ge­les ge­lan­det und Carl ver­ab­schie­det sich schließ­lich aus Ber­lin.

Es ist nicht un­be­dingt ein Aus­weis von feh­len­der Qua­li­tät, wenn Ro­ma­n­in­hal­te der­art schnell re­ka­pi­tu­lier­bar sind. Es ist ein Rah­men. Li­te­ra­tur be­steht ja auch aus Ne­ben­as­pek­ten. Zum Bei­spiel: Was ist mit dem Ti­tel? Auf dem wun­der­schö­nen Co­ver sieht man ei­ne Ra­dio­ska­la nebst Laut­spre­cher­ver­klei­dung und Sen­der­rad. Der im We­sten so­zia­li­sier­te Le­ser lernt auf Sei­te 340, dass es sich um die An­sicht von »Stern 111«, ei­nem ost­deut­schen Ra­dio, han­delt. Tat­säch­lich spielt die­ses Ra­dio ei­ne Rol­le. Geht es um die Kurz­wel­le, die das Hö­ren al­ler­lei »ver­bo­te­ner Sen­der« zu DDR-Zei­ten hät­te er­mög­li­chen kön­nen? Nein. Das Ra­dio dient als Er­in­ne­rungs­an­ker für Aus­flü­ge von Carl als Kind mit sei­nen El­tern. Spä­ter, am En­de, wird es dann noch aus­ge­gra­ben, wo­bei un­klar bleibt, war­um es je­mals ein­ge­gra­ben wur­de. Das war’s. Wei­ter­le­sen

Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑7/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

(← 6/8)

Salzburg, auf dem Mönchsberg. Hier soll vor Jahren ein berühmter Epiker gewohnt haben. © Leopold Federmair

Salz­burg, auf dem Mönchs­berg. Hier soll vor Jah­ren ein be­rühm­ter Epi­ker ge­wohnt ha­ben. © Leo­pold Fe­der­mair

Schluß. Mei­ne ab­ge­bro­che­nen Lek­tü­ren woll­te ich doch un­ter den Tep­pich keh­ren. Bes­ser, du machst mal halt und blickst zu­rück (auf die­sen Rück­blick hier). Die Re­de ist da nur von Er­zähl­li­te­ra­tur, fast al­les Ro­ma­ne. Da­bei ha­be ich doch auch Es­says ge­le­sen, nicht nur von Fo­ster Wal­lace, auch von Ol­ga Mar­ty­n­o­va und Tho­mas Stangl. Mon­tai­gne, den le­se ich so­wie­so im­mer, mei­ne Bi­bel, die es­sais. Auch so­ge­nann­te Sach­li­te­ra­tur, Grund­fra­gen der Ma­schi­nen­ethik zum Bei­spiel, die Na­men von Sach­buch­au­toren ver­ges­se ich mitt­ler­wei­le fast aus­nahms­los. Und Ge­dich­te? Ich ge­hö­re zu de­nen, die die Ly­rik für den Kern des Pla­ne­ten Li­te­ra­tur hal­ten: ein hei­ßer, glü­hen­der Kern, der in der Epik manch­mal Erup­tio­nen zei­tigt; em­ble­ma­tisch in Bo­laños Wil­den De­tek­ti­ven. Ri­car­do Pi­glia hat so gut wie gar kei­ne Ge­dich­te ge­schrie­ben – nur ei­nes, im Traum:

Soy
el equi­li­bri­sta que
en el ai­re ca­mi­na
des­cal­zo
sob­re un al­ambre
de púas

Ich bin
der Seil­tän­zer der
in der Luft geht
oh­ne Schu­he
auf dem
Sta­chel­draht

– aber 2008 zur Er­öff­nung der Buch­mes­se in Bue­nos Ai­res sag­te er in sei­ner (wie üb­lich im­pro­vi­sier­ten) Re­de, in den ei­li­gen Zei­ten, in de­nen wir heu­te leb­ten, sei die Dich­tung ei­ner der we­ni­gen Räu­me, in de­nen man ei­ne ei­ge­ne Zeit­lich­keit ent­fal­ten kön­ne. Und er wi­der­sprach Ador­nos Ver­dikt, nach Ausch­witz sei das Schrei­ben von Ge­dich­ten bar­ba­risch (die Über­lie­fe­rung trans­por­tiert das Ad­verb »un­mög­lich«, doch Ador­no hat­te »bar­ba­risch« ge­schrie­ben, fast so, als mach­te sich ein Dich­ter al­lein durch sein Da­sein mit der Na­zi-Bar­ba­rei ge­mein): Die ar­gen­ti­ni­sche Er­fah­rung nach »un­se­rem klei­nen Ausch­witz« zei­ge, daß dies sehr wohl mög­lich sei, sag­te Pi­glia und ver­wies auf Juan Gel­man1 und Leó­ni­das Lam­bor­ghi­ni. »Wir, die Er­zäh­ler«, fuhr Pi­glia fort, »brin­gen den Dich­tern Hoch­ach­tung ent­ge­gen, weil sie mit Spra­che in Rein­kul­tur ar­bei­ten.« Wei­ter­le­sen


  1. Diese Mitteilung verbanne ich in die Fußnote, weil die Fülle des Getanen, Gelesenen, Geschriebenen langsam ein bißchen angeberisch wirkt; andererseits gehört das halt alles zum Bericht, dessen Teile sich wechselseitig erhellen sollen: Kürzlich habe ich zwei Gedichte von Gelman für eine zweisprachige Anthologie spanischer und lateinamerikanischer Dichtung übersetzt, und vor einigen Jahren auch einen ganzen Gedichtband, der bisher – auf deutsch – nicht veröffentlicht ist. Von Gedichten bin ich umgeben, mehr als von Romanen, Erzählungen oder Essays. Mit den Gedichten lebe ich. Freilich, sie lassen mir auch keine Ruhe, treten nicht so zurück in ihre Schlafkammer wie, zum Beispiel, die ersten beiden Bände der Suche nach der verlorenen Zeit. Man liest öfter und genauer, es kommt zu Verschiebungen und Überlagerungen des Sinns. So daß wir beim Übersetzen manchmal zu zweifeln beginnen: Was steht hier: amo oder amor, zwei grundverschiedene Wörter, grundverschiedene Bedeutungen. Herr oder Liebe? Mit Susanne Lange, einer großartigen Übersetzerin, der wir u. a. den neuen deutschen Don Quijote verdanken, tausche ich mich jetzt gerade darüber aus. Übersetzen ist ein genaueres, eindringliches, schöpferisches Lesen.