Szc­ze­pan Twar­doch: De­mut

Szczepan Twardoch: Demut

Szc­ze­pan Twar­doch:
De­mut

Alo­is Po­ko­ra, 1891 in Ober­schle­si­en ge­bo­ren, Leut­nant des Schle­si­schen Pio­nier-Ba­tail­lons Nr. 6, kämpft am 23. Ok­to­ber 1918 um drei Uhr sie­ben­und­zwan­zig ir­gend­wo in Flan­dern für den Deut­schen Kai­ser. Er ist längst des­il­lu­sio­niert, was den Krieg an­geht und schwärmt bis­wei­len von der letz­ten Be­geg­nung mit sei­ner Lie­be Agnes, sechs Mo­na­te zu­vor. Jetzt ist er im Schüt­zen­gra­ben bei sei­nem Feld­we­bel, der, was er noch nicht weiß, we­nig spä­ter bei ei­nem An­griff bei­de Bei­ne ver­lie­ren wird. Ex­pres­siv schil­dert Szc­ze­pan Twar­doch in sei­nem neue­sten Ro­man »De­mut« (wie­der über­setzt von Olaf Kühl) die­ses Sze­na­rio, den Wel­ten­brand, wie schon in »Drach«, dem an­de­ren »schle­si­schen« Ro­man von 2014 (2016 in deutsch), in dem sei­ner­zeit statt Ernst Jün­gers »Wäld­chen 125« ei­ne »Hö­he 165« zum Schick­sal der Haupt­fi­gur Jo­sef Ma­gnor wur­de (Twar­doch kennt Jün­gers Bü­cher sehr gut), wie Po­ko­ra ein Ober­schle­si­er, und bei­de wüh­len im Mo­rast, ver­setzt mit Ex­kre­men­ten und Lei­chen­tei­len, nur das die­ser Ich-Er­zäh­ler Alo­is sei­ne Em­pa­thie, sei­ne Angst und sei­ne Trau­er nicht ver­leug­nen kann (wäh­rend in »Drach« nie­mand ge­rin­ge­rer als die Er­de er­zählt). Schließ­lich wird Alo­is von ei­nem Schrapnell­split­ter am Helm ge­trof­fen, ver­liert das Be­wusst­sein, was da­zu führt, dass nicht nur ihm, son­dern auch uns, dem Le­ser, das Le­ben des Alo­is Po­ko­ra aus der »al­ten Welt« wie ein Mär­chen aus weit ent­rück­ter Zeit er­scheint – da­bei sind es nur we­ni­ge Jah­re.

Alo­is heißt zu­nächst Lo­jz­ik und ist der Sohn ei­nes Berg­manns, aus ar­men Ver­hält­nis­sen in Nie­bo­ro­witz bei Glei­witz (heu­te Nie­bo­ro­wice; im Ro­man ste­hen zu­meist die deut­schen Orts­na­men). Der Va­ter An­ton, 1849 ge­bo­ren, ist der Pa­tri­arch der Fa­mi­lie, der Tatu­lek, ei­ne Art Ur­va­ter, un­nah­bar, schweig­sam, lau­nisch, bis­wei­len dem Al­ko­hol ver­fal­len und wü­tend auf al­les, auf sei­ne Kin­der, die er manch­mal mit Gür­tel­hie­ben schlug, den Kai­ser (ob­wohl er im 1870er-Krieg dien­te und de­ko­riert wur­de), auf die Po­len, die Deut­schen, auf Gott, die Kom­mu­ni­sten. Es war der »Zorn ei­nes Man­nes, der in ei­ner Welt leb­te, die fest ge­fügt war und kei­ne Hoff­nung, kei­ne Aus­sicht auf Ver­än­de­rung bot«. Die »Früch­te die­ses ver­dich­te­ten Zorns« sind mehr als ein Dut­zend Kin­der. Sei­ne Frau, 19 Jah­re jün­ger, war zeit­wei­se dau­er­haft schwan­ger; die Li­ste der Ge­schwi­ster reißt nicht ab und auch als Mamul­ka, sei­ne Mut­ter, bei der Ge­burt von Zwil­lin­gen mit 46 Jah­ren starb, fand er rasch ei­ne neue Frau, die mür­risch sei­nen Haus­halt ver­sorg­te und die die er noch jen­seits sei­nes 70. Le­bens­jah­res schwän­ger­te.

Den voll­stän­di­gen Text »Im Stru­del der Zeit­ge­schich­te« bei Glanz und Elend le­sen.

Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren

Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Für ei­nen kur­zen Mo­ment schien die Welt der deut­schen Li­te­ra­tur in Ord­nung. Es war ein Ok­to­ber­tag im Jahr 2008 und Uwe Tell­kamp war mit dem da­mals noch recht neu kon­zi­pier­ten »Deut­schen Buch­preis« für sei­nen Ro­man »Der Turm« aus­ge­zeich­net wor­den. Die Lo­be über­schlu­gen sich und vie­le Kri­ti­ker wa­ren sich si­cher, end­lich DEN Wen­de­ro­man vor sich zu ha­ben. Auch die eher seich­te Ver­fil­mung vier Jah­re spä­ter, die ei­ni­ge Zeit lang zu den ent­spre­chen­den Ge­denk­da­ten im öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen wie­der­holt wur­de, konn­te den Ruf des Ro­mans nicht we­sent­lich er­schüt­tern.

Am Schluss des Ro­mans war ein Dop­pel­punkt – der Au­gen­blick, als Uh­ren schlu­gen, der 9. No­vem­ber, und Chri­sti­an Hoff­mann, Sohn des Arz­tes Ri­chard Hoff­mann, zur Zeit der Wen­de Wehr­dienst­pflich­ti­ger, nä­her­te sich mit mul­mi­gen Ge­fühl den De­mon­stran­ten. Kommt der Be­fehl, auf sei­ne Lands­leu­te zu schie­ßen? Wie geht es wei­ter? Was ge­schieht mit den Hoff­manns, der Ober­schicht in der DDR?

Die Un­ge­duld wuchs; An­kün­di­gun­gen kün­dig­ten Ver­schie­bun­gen und neue An­kün­di­gun­gen an. 2015 war das Land mit der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se be­schäf­tigt. Uwe Tell­kamp war mit der Po­li­tik der Kanz­le­rin nicht ein­ver­stan­den. Er sag­te dies auch. Im Ge­spräch mit Durs Grün­bein im Jahr 2018. Der Suhr­kamp-Ver­lag di­stan­zier­te sich per Tweet von sei­nem Au­tor, was ein merk­wür­di­ges Ver­ständ­nis zeigt.

Von nun an wur­de die Ver­zö­ge­rung des neu­en Ro­mans von Ge­rüch­ten be­glei­tet. Ge­nießt Tell­kamp noch die Un­ter­stüt­zung des Ver­lags? Es er­schie­nen Aus­schnit­te aus sei­nem Ro­man; Ar­beits­text »La­va«. Tell­kamp galt jetzt als »rechts« – weit­ge­hend be­grün­det auf ei­ner Aus­sa­ge aus der Grün­bein-Dis­kus­si­on und sei­ner Freund­schaft zur Buch­händ­le­rin Su­san­ne Da­gen, die seit ih­rer Pu­bli­ka­ti­ons­rei­he »Exil« und di­ver­sen Ver­an­stal­tun­gen mit dem Ti­tel »Mit Rech­ten le­sen« zur Pa­ria des Dresd­ner Kul­tur­be­triebs – und dar­über hin­aus – wur­de.

2020 riss der Ge­dulds­fa­den des Feuil­le­tons. Man be­frag­te so­ge­nann­te In­tel­lek­tu­el­le, was sie von Tell­kamps neu­em Ro­man hiel­ten. Wohl ge­merkt, der Ro­man exi­stier­te nur in der Werk­statt des Au­tors, viel­leicht teil­wei­se be­reits im Lek­to­rat des Ver­lags. Nie­mand wuss­te Ge­nau­es. Aber das hielt ei­ni­ge nicht da­von ab, fer­ti­ge Ur­tei­le zu prä­sen­tie­ren. Alei­da Ass­mann et­wa, die fest­zu­stel­len glaub­te, dass aus dem einst »Auf­rech­ten« ein »Rech­ter« ge­wor­den sei. Bar je­der Kennt­nis des Ma­nu­skrip­tes gab sie Rat­schlä­ge an den de­si­gnier­ten Ver­lag: »Wenn er [Tell­kamp] tut, was der Ti­tel des neu­en Ro­mans ver­spricht, näm­lich glü­hen­de La­va über das Land zu gie­ßen, dann wird man ihn dar­an nicht hin­dern kön­nen. An­ders als in der DDR herrscht kei­ne Zen­sur mehr, Kunst- und Mei­nungs­frei­heit sind in der De­mo­kra­tie ein Bür­ger­recht. Man muss sich al­ler­dings fra­gen, durch wel­chen Vul­kan, sprich Ver­lag, die­se La­va sich er­gie­ßen soll.« Ihr Fu­ror stei­ger­te sich: »Zu ei­nem Zeit­punkt, wo sich in der Ge­sell­schaft Hass, An­ti­se­mi­tis­mus und Ge­walt mit der Ge­schwin­dig­keit des Co­ro­na­vi­rus aus­brei­ten, muss der Suhr­kamp-Ver­lag kei­nen Brand­be­schleu­ni­ger auf den Markt wer­fen.« Wie kann man sich noch mehr de­mon­tie­ren?

Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hand­ke: In­ne­re Dia­lo­ge an den Rän­dern

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021

Pe­ter Hand­ke: In­ne­re
Dia­lo­ge an den Rän­dern 2016–2021

Seit 1977 ver­öf­fent­licht Pe­ter Hand­ke Jour­na­le. Es han­delt sich um ei­ne Aus­wahl aus sei­nen sehr viel um­fang­rei­che­ren No­tiz­bü­chern Die ver­wen­de­ten Ein­trä­ge wer­den für die Pu­bli­ka­ti­on bis­wei­len leicht be­ar­bei­tet. 2016 er­schien mit »Vor der Baum­schat­ten­wand nachts« ei­ne Aus­wahl der No­ti­zen von 2007 bis En­de 2015, die mit Zeich­nun­gen des Au­tors er­gänzt wur­den. Und nun, wie­der­um zeit­nah, liegt das näch­ste Jour­nal mit dem leicht sper­ri­gen, aber, wie sich zei­gen wird, zu­tref­fen­den Ti­tel »In­ne­re Dia­lo­ge an den Rän­dern« vor, in dem man die Auf­zeich­nun­gen vom 6. Ja­nu­ar 2016 bis zum 6. No­vem­ber 2021 fin­det.

In die­sen Zeit­raum fällt die Ver­ga­be des Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses an Pe­ter Hand­ke (nebst der hit­zi­gen Dis­pu­te dar­um) und, kurz dar­auf, die Co­vid-Epi­de­mie, die in Frank­reich min­de­stens zu Be­ginn sehr dra­sti­sche Maß­nah­men zur Fol­ge hat­te. Bei­des stei­gert die Neu­gier auf die­sen neu­en Band, der be­dau­er­li­cher­wei­se kei­ne Zeich­nun­gen ent­hält.

Das Co­ver macht die Aus­nah­me. Es zeigt in ei­ner Art Pik­to­gramm ei­nen stol­pern­den Men­schen und ei­nen Pfeil nach un­ten. Es er­in­nert an das Zei­chen für ei­nen Not­aus­gang. Und tat­säch­lich zeigt sich, dass auch die­ses Jour­nal – viel­leicht mehr als an­de­re von Pe­ter Hand­ke – ein Not­aus­gang ist, ei­nen Ret­tungs­weg bie­tet. Al­so ist es ein Zei­chen für die dem Au­tor im­mer wie­der at­te­stier­te Welt­flucht?

Nichts ist ab­we­gi­ger als das. Da ist, wenn über­haupt, ei­ne Flucht aus ei­ner Welt in ei­ne an­de­re Welt. Es sind Ex­er­zi­ti­en, Ru­fe aus der (selbst­ge­wähl­ten) »Frucht der Ein­sam­keit«.

Den voll­stän­di­gen Text »Ein­drücke aus der ›Werk­statt‹« bei Glanz und Elend le­sen.

Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Heike Geißler: Die Woche

Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Der Ro­man »Die Wo­che« von Hei­ke Geiß­ler ist die Lang­form ei­nes im Som­mer 2021 beim In­ge­borg-Bach­mann-Preis ge­le­se­nen Tex­tes mit dem glei­chen Na­men. Die Ich-Er­zäh­le­rin (ein­mal nur »H.« ge­nannt) und ih­re Freun­din, Con­stan­ze, han­geln sich durch ein Leip­zig, wel­ches sie be­stimmt se­hen durch die mon­täg­li­chen »Pegida«-Demonstrationen. Ir­gend­wann scheint im­mer Mon­tag zu sein; die an­de­ren Wo­chen­ta­ge ver­schwin­den. Die bei­den, um die 40 und noch in der DDR so­zia­li­siert, sind bei den Ge­gen­de­mon­stran­ten und be­zeich­nen sich im Über­schwang auch schon ein­mal als »pro­le­ta­ri­sche Prin­zes­sin­nen«. Wäh­rend Con­stan­ze dem Be­ruf der »Pro­duk­ti­ons­as­si­sten­tin« nach­zu­ge­hen scheint (oder schien), ist H. Mut­ter von zwei Kin­dern. Ne­ben den De­mos be­sucht man Fit­ness­stu­di­os (da­bei wird ge­ach­tet, dass man bei ei­ner Übung nicht den rech­ten Arm he­ben muss – es könn­te ja ein Hit­ler­gruß sein) und un­ter­nimmt Rei­sen – nach Frei­berg, Pa­ris, Rom oder Zü­rich.

Ge­fühlt be­ginnt je­der zwei­te Satz in dem Buch mit ei­nem agi­ta­to­ri­schen »wir«, was na­tür­lich Dy­na­mik, Kampf­geist und die rich­ti­ge Hal­tung aus­drücken soll. Tat­säch­lich wird ei­nem die­ser zwi­schen Po­lit­sprech der 1980er Jah­re und Pseu­doi­ro­nie chan­gie­ren­de Duk­tus schnell ran­zig. Man­ches ist noch sorg­sam ge­drech­selt wie »Wir wol­len kei­ne Waf­fen ha­ben, aber Waf­fen sein.« Oder »Wir ste­hen am Rand ei­nes Krie­ges« (was in An­be­tracht der ak­tu­el­len La­ge deut­lich macht, welch’ ein Un­sinn das ist). Und ir­gend­wann, wenn man längst auf­ge­ge­ben hat, je­den Schmar­ren in die­sem Buch an­zu­strei­chen, soll man auch noch das ka­putt ma­chen, was ei­nem ka­putt macht und ja, das ist lu­stig ge­meint, aber vor lau­ter Gäh­nen blieb mir das La­chen im Hals stecken. Si­cher, es geht auch ori­gi­nell (»Wir ha­ben die Welt auf­ge­ge­ben, aber das wis­sen wir noch nicht.«) und bis­wei­len auch selbst­kri­tisch zu (»Wir neh­men uns selbst zur Brust«). Da ist Pa­thos (»Wir hal­ten der Welt­po­li­tik und der Lo­kal­po­li­tik un­se­re Träu­me ent­ge­gen.«), Trotz (»Wir hö­ren der Welt nicht mehr zu.«), Ver­zweif­lung (»Wir sind re­kon­va­les­zent.«), Wut (»Wir zie­hen wei­ter. Wir räu­men jetzt auf.«) und deut­sche Frie­dens­be­we­gungs­tra­di­ti­on (»Wir schrei­ben jetzt auf Bett­la­ken«).

Wei­ter­le­sen

»Be­dürf­nis nach Ver­ständ­nis«

Be­mer­kun­gen über zwei Ro­ma­ne des No­bel­preis­trä­gers Ab­dul­ra­zak Gur­nah

Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade

Ab­dul­ra­zak Gur­nah: Fer­ne Ge­sta­de

Es war schon ei­ne klei­ne Über­ra­schung, als die Schwe­di­sche Aka­de­mie Ab­dul­ra­zak Gur­nah den Li­te­ra­tur­no­bel­preis 2021 zu­sprach. Bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten wa­ren die On­line-An­ti­qua­ria­te mit ih­ren Rest­be­stän­den aus­ver­kauft oder ver­lang­ten Mond­prei­se. Der Preis­trä­ger war kei­ner der üb­li­chen »Ver­däch­ti­gen« und in Deutsch­land weit­ge­hend un­be­kannt.

Ge­bo­ren wur­de Gur­nah 1948 in San­si­bar, heu­te Tan­sa­nia. 1968 Stu­di­um in Can­ter­bu­ry und Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 1980 lehr­te er zwei Jah­re an der Uni­ver­si­tät in Ka­no, Ni­ge­ria und ging dann an die Uni­ver­si­ty of Kent, wo er bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 2017 als Pro­fes­sor für Eng­lisch und post­ko­lo­nia­le Li­te­ra­tu­ren tä­tig war. Zu­nächst er­schie­nen ver­streut ei­ni­ge Er­zäh­lun­gen von ihm; zwi­schen 1987 und 2020 dann zehn Ro­ma­ne in eng­li­scher. Bis­her wur­den fünf Ro­ma­ne ins Deut­sche über­setzt, Sie er­schie­nen in vier ver­schie­de­nen Ver­la­gen.

Kurz vor Weih­nach­ten 2021 wur­de im Pen­gu­in-Ver­lag »Das ver­lo­re­ne Pa­ra­dies« (Ori­gi­nal-Ti­tel: »Pa­ra­di­se«) neu auf­ge­legt. Der Ro­man ist von 1994 und war sei­ner­zeit auf der Short­list zum »Boo­ker-Pri­ze«. Er wur­de erst­mals in ei­ner deut­schen Über­set­zung von In­ge Lei­pold 1996 im Krü­ger-Ver­lag her­aus­ge­bracht.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

Ab­dul­ra­zak Gur­nah: Das ver­lo­re­ne Pa­ra­dies

Zeit­lich um­fasst der Ro­man un­ge­fähr die Jah­re zwi­schen 1909 bis 1914. Er­zählt wird aus per­so­na­ler Sicht des zu Be­ginn 12jährigen Yus­uf, der in der klei­nen Stadt Ka­wa mit sei­nen El­tern lebt. Sie gel­ten in Ost­afri­ka als »Ms­wa­hi­li«; es liegt na­he, dass die Ah­nen aus San­si­bar kom­men. Sie prak­ti­zie­ren ei­nen (mo­de­ra­ten) Is­lam, der sich vom Ani­mis­mus und Aber­glau­ben der an­de­ren Be­woh­ner un­ter­schied. Der Va­ter be­treibt ein Ho­tel, ist aber in sei­nen Un­ter­neh­mun­gen eher glück­los. Bis­wei­len er­hält die Fa­mi­lie ei­nes »On­kel Aziz«, ein »rei­cher und be­rühm­ter Kauf­mann«, der, wie sich spä­ter her­aus­stellt, kein bio­lo­gi­scher On­kel ist. Aziz wird bei sei­nen Be­su­chen von der ei­gent­lich eher ar­men Fa­mi­lie fürst­lich be­wir­tet und am En­de er­hält Yus­uf im­mer ei­ne Sil­ber­mün­ze zum Ab­schied. Die­ses Mal ist al­les an­ders. Der Va­ter er­klärt ihm, dass er mit dem »On­kel« mit­ge­hen muss.

Den voll­stän­di­gen Text bei Glanz und Elend le­sen.

»Der Frie­den nach dem Kal­ten Krieg ist vor­bei«

Allen/Hodges/Lindley-French: Future War

Al­len/Hod­ge­s/­Lind­ley-French: Fu­ture War

»Fu­ture War«, das Buch drei­er Mi­li­tär­stra­te­gen, erst­mals 2021 pu­bli­ziert und jetzt in deut­scher Über­set­zung vor­lie­gend, be­kommt durch die rus­si­sche In­va­si­on in die Ukrai­ne zu­sätz­li­che Re­le­vanz. Die Lek­tü­re ist be­un­ru­hi­gend, er­nüch­ternd und an­stren­gend, aber auch loh­nend.

Zwei Ta­ge vor der In­va­si­on rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne er­schien das Buch »Fu­ture War – Be­dro­hung und Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas« in deut­scher Spra­che. Ge­schrie­ben wur­de es von den bei­den ehe­ma­li­gen US-Ge­ne­rä­len John R. Al­len und Fre­de­rick Ben Hod­ges so­wie dem bri­ti­schen Mi­li­tär­hi­sto­ri­ker Ju­li­an Lind­ley-French. Die deut­sche Über­set­zung stammt von Bet­ti­na Ve­string (der man aus vie­len Grün­den ein gro­ßes Lob zol­len muss). Der Ver­lag weist zu Recht auf die trau­ri­ge Ak­tua­li­tät des Bu­ches hin, wel­ches, so Klaus Nau­mann, ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral und Ge­ne­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, in glück­li­che­ren Zei­ten ge­schrie­ben wor­den sei. Tat­säch­lich er­schien »Fu­ture War« 2021 in der »Ox­ford Uni­ver­si­ty Press«. Die Lek­tü­re zer­streut den Ein­druck rasch, da­mals sei­en we­sent­lich glück­li­che­re Zei­ten ge­we­sen.

Die Kern­the­sen des Bu­ches sind schnell um­ris­sen: Er­stens er­for­dert die Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas im zu­künf­ti­gen Krieg ein neu­es, um­fas­sen­des Si­cher­heits­kon­zept, in dem in­di­vi­du­el­le Si­cher­heit und na­tio­na­le Ver­tei­di­gung mit­ein­an­der har­mo­nie­ren. Bei­de sind un­ver­zicht­bar für ei­ne neue Art von Ab­schreckung, die sich im kom­ple­xen Mo­sa­ik der Hybrid‑, Cy­ber- und Hy­per-Kriegs­füh­rung be­wäh­ren muss. Zwei­tens ha­ben die neu­en Tech­no­lo­gien zur Fol­ge, dass sich die Füh­rung mo­der­ner Krie­ge – und folg­lich auch die eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gung – von Grund auf ver­än­dert.

Lei­der sind, so die im­mer wie­der­hol­te Prä­mis­se, die­se Ent­wick­lun­gen durch die Co­vid-19-Pan­de­mie ins­be­son­de­re in Eu­ro­pa, aber auch in den USA, aus dem Fo­kus ge­ra­ten. Die Staa­ten hät­ten, wie es leicht vor­wurfs­voll – vor al­lem in Rich­tung Deutsch­land – heißt, in der Pan­de­mie lie­ber in in­di­vi­du­el­le mensch­li­che Si­cher­heit als in na­tio­na­le Ver­tei­di­gung in­ve­stiert. Da­bei ist die Pan­de­mie nur ein Be­schleu­ni­ger ei­ner eu­ro­päi­schen Brä­sig­keit hin­sicht­lich der Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft zu ver­ste­hen. Die Au­toren spre­chen von ei­nem schwin­del­erre­gen­den Nie­der­gang Eu­ro­pas seit 2010. Es wer­den vier glo­ba­le Me­ga­trends ge­nannt, die Eu­ro­pas Nie­der­gang noch be­schleu­ni­gen könn­ten: Der Kli­ma­wan­del (und die hier­aus ent­ste­hen­de Mas­sen-Mi­gra­ti­on), der de­mo­gra­fi­sche Wan­del (aus­ster­ben­de Ge­sell­schaf­ten), Was­ser- und Res­sour­cen­knapp­heit (bzw. stra­te­gi­sche Ab­hän­gig­kei­ten zu Staa­ten wie Russ­land und Chi­na) und die Ver­schie­bung wirt­schaft­li­cher und mi­li­tä­ri­scher Macht in Rich­tung Asi­en.

Über­be­an­spru­chung der USA

Wäh­rend die USA sich vor al­lem von Chi­nas zu­neh­men­den Ag­gres­sio­nen im süd­pa­zi­fi­schen Meer (ins­be­son­de­re um Tai­wan her­um) zu kon­zen­trie­ren hat und den Blick auf die Kri­sen­si­tua­tio­nen im Mitt­le­ren Osten legt, glau­ben die Eu­ro­pä­er im­mer noch, sich im Zwei­fel auf den, wie es bis­wei­len po­le­misch heißt, ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­zah­ler ver­las­sen zu kön­nen. Da­bei dürf­te bei ei­ner Gleich­zei­tig­keit meh­re­rer Kon­flik­te den USA rasch die Res­sour­cen aus­ge­hen und ih­re Prio­ri­tä­ten nicht mehr in Eu­ro­pa zu fin­den sein.

Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hand­ke: Zwie­ge­spräch

Peter Handke: Zwiegespräch

Pe­ter Hand­ke:
Zwie­ge­spräch

Da ist die­se Wid­mung zu Be­ginn von »Zwie­ge­spräch«, dem neue­sten Buch von Pe­ter Hand­ke: »für Ot­to San­der und Bru­no Ganz«. So­fort er­in­nert man sich an Cas­siel und Da­miel, die bei­den »En­gel« aus dem »Him­mel über Ber­lin«, dar­ge­stellt und ver­kör­pert von eben­je­nen Schau­spie­lern. Stellt man sich nun die bei­den bei der Lek­tü­re vor? Ima­gi­niert de­ren Duk­tus auf die Fi­gu­ren? »Zwie­ge­spräch« ist ein Dia­log zwi­schen zwei na­men­los blei­ben­den, äl­te­ren Män­nern. Die bei­den ken­nen sich und er­zäh­len ih­nen je­weils leid­lich be­kann­te Re­mi­nis­zen­zen. Sie nen­nen sich zu Be­ginn »Nar­ren«, was dem Text Schwe­re nimmt.

Aber die­ser Dia­log dient an­ders als in so man­chem Hand­ke-Stück nicht als Bin­nen­text, um ei­nen dra­ma­ti­schen Kon­flikt zu ver­an­schau­li­chen, wie et­wa bei Quitt/Paula in »Die Un­ver­nünf­ti­gen ster­ben aus«, oder, noch deut­li­cher, zwi­schen Pa­blo und Fe­li­pe in »Zu­rü­stun­gen für die Un­sterb­lich­keit«. »Zwie­ge­spräch« ist ein aut­ar­kes Kam­mer­spiel; von Fer­ne eher ei­ne Va­ria­ti­on von »Die schö­nen Ta­ge von Aran­ju­ez«, den »Som­mer­dia­log« zwi­schen Mann und Frau.

Den voll­stän­di­gen Text »Zwei be­son­de­re Nar­ren« bei Glanz und Elend le­sen.

Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Marc Degens: Selfie ohne Selbst

Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Er wol­le mich auf sein neu­es Buch auf­merk­sam ma­chen, so Marc De­gens in ei­ner Mail. Das The­ma könn­te mich in­ter­es­sie­ren und auch Wolf­gang Welt kom­me vor. Und da mich (fast) al­les zu Wolf­gang Welt in­ter­es­siert und man ir­gend­wie wei­ter­ma­chen muss (oder es zu­min­dest glaubt), gab ich ihm mei­ne neue Adres­se (die er auch hät­te im Im­pres­sum nach­schau­en kön­nen, aber egal). Zwei Ta­ge spä­ter war »Sel­fie oh­ne Selbst« da. Aus dem Wasch­zet­tel ent­nahm ich dann, es um die »in­tel­lek­tu­el­le Ge­gen­wart Ber­lins« und die Ta­ge­bü­cher von Mi­cha­el Rutsch­ky geht. Zu bei­dem ha­be ich nun lei­der über­haupt kei­ne Be­zie­hung. We­der in­ter­es­siert mich die Ber­li­ner Sze­ne noch ha­be ich die Ta­ge­bü­cher von Rutsch­ky ge­le­sen. Die Aus­sicht auf Klatsch stimm­te mich al­ler­dings hoff­nungs­froh und man wird tat­säch­lich nicht ent­täuscht.

Zu­nächst er­zählt der Ich-Er­zäh­ler, der Marc De­gens heißt, ehr­furchts­voll von ei­ner Be­geg­nung mit Mi­cha­el Rutsch­ky in Ber­lin, wel­ches wohl das letz­te Tref­fen der bei­den war, denn Rutsch­ky starb 2018. Dann der Sprung zum Dreh- und An­gel­punkt, zu »Ge­gen En­de«, dem drit­ten Band der Ta­ge­bü­cher. Das Buch er­schien 2019 so­zu­sa­gen dop­pelt post­hum, weil auch der Her­aus­ge­ber Kurt Scheel kurz vor Ver­öf­fent­li­chung starb (durch Frei­tod). Marc De­gens ge­hör­te trotz sei­ner ge­le­gent­li­chen Tref­fen nur am Ran­de dem »Rutsch­ky-Kreis« an (An­lei­hen an ei­nen an­de­ren Kreis nicht ganz un­ge­wollt). Aber er ver­ehr­te den Au­tor, vor al­lem als Sti­list.

De­gens er­hält für ei­ne Prä­sen­ta­ti­ons­ver­an­stal­tung in Ber­lin die Fah­nen des Bu­ches vor­ab per pdf, Meh­re­re Au­toren sol­len aus dem Buch et­was vor­tra­gen. Rasch sucht De­gens nach Ein­tra­gun­gen zu sei­ner Per­son. Die Fun­de des­il­lu­sio­nie­ren ihn; Rutsch­kys Aus­füh­run­gen sind un­ge­nau, falsch und ver­let­zend. Er fühlt sich als »dümm­li­chen Dampf­plau­de­rer« dar­ge­stellt. Auch sei­ne »Freun­din­nen und Freun­de« (die­sen Gen­der­quatsch macht De­gens durch­gän­gig mit) wer­den »bloß­ge­stellt«. Soll er über­haupt teil­neh­men (es gibt auch we­der Ho­no­rar noch Spe­sen­er­satz)? Wie re­agiert man auf die­se Grenz­über­schrei­tun­gen Rutsch­kys? (Wie ha­ben die Men­schen ei­gent­lich auf Knaus­gård re­agiert?)

Wei­ter­le­sen