
Ende der 1980er Jahre kam der Film Der Zufall möglicherweise des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski in die deutschen Kinos. Der Film, der bereits Jahre zuvor gedreht wurde und in Polen zunächst nicht gezeigt werden durfte, kumuliert in einer Szene, in der die Hauptfigur, ein Student namens Witek, nach dem Tod seines Vaters mit dem Zug nach Warschau fahren und sein Leben neu ordnen will. Nun werden drei verschiedene Szenarien durchgespielt. In der ersten Version erreicht er gerade noch den Zug und wird Jahre später zum kommunistischen Funktionär. In der zweiten Variante legt er sich am Bahnhof mit einem Polizisten an, was den Keim für ein Leben als Dissident legt. Auch in der dritten Version verpasst er den Zug knapp, begegnet stattdessen einer Studienkollegin, in die er sich verliebt. Die beiden heiraten und verbringen ihr Leben im unpolitischen Privaten. Am Schluss werden die drei Varianten wieder zusammengeführt, in dem Witek ein Flugzeug betritt, welches abstürzt.
Kieślowskis Meisterwerk inspirierte Regisseure, Drehbuchschreiber, aber auch Schriftsteller, um zu zeigen, wie kleine Nuancen Lebensläufe verändern können. Es ist anzunehmen, dass Szczepan Twardoch den Film seines Landsmanns kennt. Denn sein neuer Roman mit dem leicht merkwürdigen Titel Sehnsucht, übersetzt von Olaf Kühl, schreibt das kontrafaktische Denken in bisweilen absurd anmutenden Wendungen weiter. Der polnische Titel, der im Buch auch laufend zitiert wird, gibt die Richtung vor: »Sagen wir, [Erwin] Piontek«. Ein »Sagen wir«, dass den Leser stetig damit konfrontiert, dass es sich um ein fiktionales Möglichkeitswerkes handelt.






