Der Titel dieses Romans ist von feiner Doppeldeutigkeit: Vaterland. Gemeint ist nicht unbedingt das, was man sich darunter vorstellt; indirekt natürlich schon. Da wird von jemandem erzählt, der im Land des Vaters lebt, dem Land, in der die Vergangenheit nicht vergangen ist und da lebt der Vater, der Karl heißt, einst Vorzeigeobergefreiter, der vor der Reichskanzlei bei Staatsbesuchen in blankgeputzten Stiefeln die Gäste empfing, später dann ging es nach Norwegen, die ersten Toten waren Engländer, die man fotografierte, Trophäen, dann Russland, er ist Feldwebel, »Position 3351«, ein Hügel, den man »halten« muss, er kann nicht auf den einzigen Russen, der ihm dort begegnet, schießen, etwas hält ihn zurück, stattdessen schießt der Rotarmist, zwei Kopfschüsse, zerschossener Mund, er wird aus der »Matschepampe« ins Lazarett getragen. Sechzehn Mal wird Karl operiert, dann eine Pflegeanstalt, er ist nur noch ein Knochengerippe, »Mitglied im Bund der Hirnverletzten«. »Sie müssten tot sein, sagen die Ärzte« und sie schieben ihn zur Anschauung in die Hörsäle der Universitäten.
Es ist aber auch die Geschichte von Louise, damit beginnt alles, wie sie, die kleine Louise, ihren Vater, den Kutscher, bewundert und verehrt; Kindheitsidylle. Und dann passiert das, was nicht passieren darf, der Vater wird krank, todkrank, er »beleidigt« sie mit seinem Tod und nun ist sie mit Heinz, dem Bruder, und der überforderten Mutter alleine und sie müssen sich durchschlagen. Es sind die 1920er oder 30er Jahre, Louise nimmt eine Bürostellung an, irgendwie lernt sie Karl kennen, eine konfessionelle »Mischehe«. Das Paar zieht von Quedlinburg ins Rheinland, Marie wird geboren. Nach den Schüssen auf Karl besucht sie ihn Wochen oder Monate später, wird zu seinem Bett geführt und dann sagt sie das, was er nie vergessen wird: »Schwester, das ist nicht mein Mann. Das ist nicht mein Mann. Nicht mein Mann …«. Immer wieder. Trommelfeuer.
Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Schreiben in finsteren Zeiten von Helmuth Kiesel ist Band XI der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Er schließt die Lücke zwischen Band X, der 2017 ebenfalls von Kiesel verfassten Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 – 1933 und dem bereits 2006 erschienenen Band XII über die »deutsche Literatur« nach 1945.
Es ist eine Herkules-Aufgabe, der sich Helmuth Kiesel unterzogen hat und wenn man ehrlich ist, dann kann man sich niemand anderen vorstellen, der dies hätte derart großartig bewältigen können. Um den Lesefluss nicht zu hemmen, verzichtet Kiesel vollständig auf Fuß- oder Endnoten und verpackt bibliographische Details im Text. Das gilt auch für die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten bisher erschienenen Aufsätze, Zusammenstellungen und Monographien zu Teilaspekten eines Themas. Im Anhang gibt es neben einer Auswahlbibliographie ein detailliertes Personen- und Sachregister. Besonders detailreiche Ausführungen zu Werken, Protagonisten oder Thesen werden in kleinerer Schrift abgedruckt. Es ist möglich, diese Stellen zu überspringen, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Ich rate davon ab; was Helmuth Kiesel zu sagen hat, ist durchweg fundiert und interessant.
Immer wieder wird Bezug genommen auf Band X, der die 14jährige »Blütezeit« der deutschen Literatur umfasst, um das Ausmaß des »terroristisch durchgesetzten Bruchs mit der kulturellen Tradition«, die sich mit dem 30. Januar 1933 zeigte, deutlich zu machen. Kurz wird diskutiert, ob man von »Machtergreifung« oder, neutraler, »Machtübernahme« reden sollte. Kiesel verwendet dann fast durchgängig »Machtergreifung«.
Exil gegen binnendeutsch
Kiesel erklärt, dass die umfangreiche Genre- und Unterhaltungsliteratur nicht in diese Epochenbetrachtung aufgenommen wurde (gelegentlich zeigen sich allerdings Grenzfälle). Der Fokus liegt auf »dichterisch herausragende und zeitgeschichtlich aufschlußreiche Literatur.« Geklärt wird der Unterschied zwischen »deutscher« und »deutschsprachiger« Literatur und klargestellt, dass die im Exil entstandene Literatur selbstverständlich in diese Betrachtung einbezogen werden muss, weil sie eine »Spielart« der deutschen Literatur darstellt und die »politische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands nach 1933« als Hauptthema hatte. Die Exilliteratur trat an, »(1.) [zu] zeigen, wozu das freie Deutschland kulturell fähig ist; (2.) die Wahrheit über das nationalsozialistische Deutschland verbreiten; (3.) den Kampf gegen Hitler unterstützen.« Letzteres war besonders wichtig für die kommunistischen Autoren, die unter Lebensgefahr versuchten, ihre Literatur, aber auch Flugblätter und Aufrufe im Reich zu verbreiten, um aufklärerisch zu wirken. Die deutsch(sprachig)e Literatur aus dem Exil war mindestens zu Beginn sehr stark politisch grundiert.
2023 publizierte der Dichter, Übersetzer, Dichter, Herausgeber und ehemalige Geschäftsführer des Hanser-Verlags Michael Krüger mit Verabredung mit Dichtern bisweilen launige und sehr personendichte Lebens- und Verleger-Erinnerungen. 1943 in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt geboren, machte Krüger in den 1960er Jahren nach seiner Lehre als Verlagskaufmann in London erste Schritte in die Literaturwelt, wurde zunächst Lektor im Hanser-Verlag, den er schließlich seit Mitte der 1980er Jahre bis 2013 federführend leitete. Neben seinen autobiografischen Erinnerungen entwickelte Krüger kenntnisreiche Ausflüge unter anderem in die englischsprachige, polnische, italienische und hebräische Poesie. Zwei Jahre später widmet er sich nun mit Unter Dichtern schwerpunktmässig den deutsch(sprachig)en Poeten und legt ein Potpourri aus Lob- und Geburtstagsreden, Nachworten, Laudationen, Preisreden und vor allem seinen funkelnd-einfühlsamen, seelenmalerischen Nachrufen aus mehr als vierzig Jahren vor.
Unter Dichtern beginnt dem Hinweis auf die 1983 entstandene Erzählung Enzyklopädie der Toten des jugoslawischen Schriftstellers Danilo Kiš, in der Archivare die Biographien aller Menschen gesammelt haben. Krügers Rekurs auf die Furcht, die Dichter könnten in Vergessenheit geraten, stimmt melancholisch, denn er hört nicht auf, darauf hinzuweisen, wie randständig und gleichzeitig notwendig sie und deren Poesie sind. Die Sorge geht dahin, dass die kleinen Gedichtbände neben den Konvoluten der mächtigen, kommerziell forcierten Romane untergehen könnten. Krüger bespricht, lobt und feiert das Gedicht, das Poem und damit den Dichter und wenn es irgendwie geht, vermeidet er den Gattungsbegriff Lyrik, wissend, dass viele Dichter ihn als unzureichend empfinden.
Es beginnt mit einer melancholischen Erinnerung an eine Aufführung seiner Theater AG von Thornton Wilders Unsere kleine Stadt. Ein »sanftes Drama« über Liebe und Leid statt Gier und Angst nennt Simon Strauß dieses Stück von 1938, ein »Gleichnis über das Glück der Dauer«. Andere würden es eine Hommage an die Provinz nennen. Strauß nimmt es als Vorlage zu Überlegungen über das politische Miteinander in einer globalisierten, unübersichtlichen Welt jenseits fest zementierter Meinungskorridore. In der Nähe heißt das Buch des Romanciers und FAZ-Redakteurs und es ist eine Mischung aus Reportage, Streitschrift, Manifest und bisweilen sogar Utopie.
Grover’s Ryle, die kleine Stadt bei Wilder, ist ein Ort der Gemeinschaft, eine kleine »Polis«. In der Antike bestanden Städte aus rund 20.000 Menschen, ähnlich dem Ort im Stück. Die Stadt ist ein ur-politisches Phänomen; sie besteht aus Bürgern (darin ist das Wort Burg enthalten). Diese kennen sich, kümmern sich, arrangieren sich. Strauß ist 1988 geboren, wuchs in der Uckermark auf. Die Dichotomie zu Ost gegen West bekam er überliefert. Interessant, wenn er erzählt, wie unbedarft man einst eine LPG-Fahne als Zeltdecke benutzt habe. Erst während eines Internatsaufenthalts in Neuseeland, im Spott der »Farming Boys«, die ihn mit Hitler-Gruß und Fragen nach der Mauer konfrontierten, änderte sich das.
Das »Banden-Gefühl«, das sich während der Theater AG entwickelte, war rasch vorbei. Nach dem Abitur kam das schnelle »Aus-den-Augen-verlieren«. Auch Strauß jettete für Bildung und Beruf umher. Aber die Idee der Gemeinschaft, wie sie sich in Wilders Stück zeigt, lässt ihn nicht los. Strauß wohnt in Berlin und in der Uckermark; in der Nähe liegt Prenzlau, nicht zu verwechseln mit dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, jener »Modekiez, dessen gutsituierte Doppelmoral gerne mit Lastenrad und Privatschulbesuch charakterisiert wird«. Prenzlau hat Polis-Größe, wurde erstmals 1138 erwähnt, hatte in ihrer Blütezeit sieben Kirchen und drei Klöster und galt im 15. Jahrhundert als »Hauptstadt der Uckermark«. Zwei Jahre wird Simon Strauß diesen Ort immer wieder besuchen, als »Bürger in der Nachbarschaft, der sich für eine Frage besonders interessiert: Wie ist im Zeichen wachsender Selbstgerechtigkeit und digital befeuerter Schmählust noch Gemeinschaft möglich?«
Das ist das Setting des Dreiakters Franz des österreichischen Schriftstellers Janko Ferk, unlängst erschienen in der AT Edition: 3. Juni 1925, gegen 16 Uhr, Oppelthaus, Prag, Wohnzimmer der Familie Kafka. Franz ist vor einem Jahr gestorben. Ottla hat eingeladen. Gekommen sind Felice Bauer, Dora Diamant, Milena Jesenská und Julie Wohryzek. Auf der Innenseite wird das Alter der Protagonistinnen zum Zeitpunkt des fiktiven Treffens vermerkt.
Man könnte nun das Witzeln anfangen, etwa nach dem Motto »Fünf Frauen und ein Todesfall«. Und man könnte sich amüsieren über den Gedanken an diese imaginäre Zusammenkunft der Lieblingsschwester des Verstorbenen mit vier seiner Mehrfach‑, Ganz- oder So-gut-wie-Verlobten, die sich ein Jahr nach dem Tod ihres Franz treffen, ihn bewundern und betrauern und sich im Laufe des Abends immer mehr beschimpfen und beleidigen. Aber dann gibt es nicht nur die beiden Motti zu Beginn, sondern auch einen Hinweis des Autors. Vier dieser fünf Frauen haben die Nazi-Barbarei nicht überlebt. Und dann folgt der großartige Satz: »Der Meister aus Deutschland hat ihnen ein Grab in den Lüften gehoben.« Das bleibt haften und erzeugt bei der Lektüre dieses Stückes eine gewisse Beklemmung, die einem nicht mehr loslässt. (Aber vielleicht ist das gar nicht schlecht.)
Janko Ferk ist Jurist, Literaturkritiker, Übersetzer, Autor und, nicht ganz unwichtig in diesem Zusammenhang, »Kafkaloge«. Er hat mehrere Bücher über Werk und Leben von Franz Kafka verfasst. Am Ende listet Ferk sowohl seine als auch diejenigen Bücher auf, die Verwendung in seinem Stück fanden (seiner Abneigung zu Reiner Stach gemäß fehlen dessen Werke). Zitate aus Briefen oder dem Werk von Franz Kafka, die im Stück von den Personen wiedergegeben werden, sind im Buch kursiv gesetzt (man müsste in einer Aufführung einen entsprechenden Modus finden).
2011 erschien im Müry Salzmann Verlag ein Photoband der besonderen Art: Lillian Birnbaum portraitierte den Dichter Peter Handke »in seiner Abwesenheit«. Birnbaum erzählte im kleinen Vorwort von der Qual, die Handke erfasst, photographiert zu werden, und dachte, »es wäre doch sinnvoller, ein Bild seines Gartens zu zeigen, oder der Federn auf dem Küchentisch« oder all der geheimnisvollen »Installationen« seien sie nun errichtet oder zufällig. Und so zeigte dieser bemerkenswerte Band kein einziges Mal den Dichter – bis auf eine Ausnahme, als die Hände zu sehen waren, die Pilze zubereiteten. Der Leser wird zum Schau-Lustigen, sieht Mahlzeiten, Obst und Nüsse, Nähutensilien, Bleistiftstummel, Bücher, Manuskriptseiten, eine arabische Zeitung, Treppenstufen, auf denen links und rechts Bücher liegen, Laubhaufen, einen Gartenstuhl mit Sakko, ein Sessel oder das legendäre Obstbaubuch seines Onkel Gregor.
Und nun legt Isolde Ohlbaum ein »Langzeitportrait« über Peter Handke in 150 Photographien vor (plus zwei Aufnahmen, die nicht von ihr sind). Sie umfassen den Zeitraum von 1975 bis 2024 und zeigen den Dichter auf diversen »Preis-Festen und dem Drumherum« (Frank Wierke im Vorwort). Es sind zunächst die Feste des ab 1975 bis 1995 jährlich in unterschiedlichen, meist südeuropäischen Regionen stattfindenden Petrarca-Preises. Handke saß hier in der Jury.
Alissa Jung: Paternal Leave – Drei Tage Meer
Leo ist 15, ignoriert die Entschuldigungen der überarbeiteten Mutter auf dem Anrufbeantworter, packt hastig ihren Rucksack und bricht auf. Auf ihrem Smartphone hat sie ein Video von einem Mann, der als Surflehrer arbeitet und etwas über Kinder und Familie erzählt. Sie fährt zu diesem Mann, nach Marina Romea, an die italienischen Küste. Man hört Salt Coast von Kae Tempest. Es ist Januar, man sieht vereinzelt Spuren eines Sturmes; keine Touristen, der Ort ist wie ausgestorben. Der Mann auf dem Video ist Paolo, ihr Vater.
So beginnt Paternal Leave, der erste Spielfilm der Schauspielerin, Ärztin und Drehbuchautorin Alissa Jung. Ich musste erst einmal nachschlagen, dass der Titel eine englische Bezeichnung für Vaterschaftsurlaub ist. Diese feine Ironie führt ein wenig in die Irre. Mit »Drei Tage Meer« gibt es noch einen deutschen Nachtitel, der zwischen Kurztrip-Angebot und Roadmovie changiert.
Leo erreicht das Quartier ihres Vaters, eine derangierte, chaotische Wohnhütte mit der Bezeichnung »BOSCO«. Wenige Meter entfernt steht ein kleiner Camper-Bus. Sie zögert kurz, dann die Konfrontation. Paolo, ohne Sommerbart, ist verblüfft, vermutet eine Streunerin. Dann konfrontiert Leona Neumann, geboren 2008, den 1987 geborenen Paolo Cubidi mit den Fakten. Sie habe nicht viel Zeit, sagt sie, will ihm ein paar Fragen stellen, holt ein Heft heraus, dann das Smartphone, mit dem sie das Gespräch aufzeichnen möchte. Es ähnelt einem Verhör und Paolo hat keine Lust auf die Fragen, kocht ihr aus Verlegenheit Pasta (die versalzen sind), will ablenken, Leo verunsichern und dann meldet sich aus dem Camper Emilia, Paolos drei- oder vierjährige Tochter und Leo sieht, wie sich Paolo um dieses Kind kümmert, sie in den Schlaf bettet.