Wang Xiaoshuai: Bis dann, mein Sohn

Filmplakat "Bis dann, mein Sohn" - © Piffl Medien

Film­pla­kat »Bis dann, mein Sohn« – © Piffl Me­di­en

Zwei Jun­gen in Chi­na, in den 1990er Jah­ren, Hao­hao und Xin­gxing, 11 oder 12 Jah­re alt. Sie sind Freun­de wie ih­re El­tern. Xin­gxing ist das Pa­ten­kind von Hao­ha­os El­tern. Xin­gxing ist et­was ängst­lich. Sein Freund geht schließ­lich ins Was­ser, in den Stau­see, zu den an­de­ren spie­len. Dann ein Un­fall. Xin­gxing stirbt. Das Idyll zer­bricht. Für im­mer.

Rück­blen­de zum Chi­na der 1980er Jah­re, das Land mit der ver­ord­ne­ten Ein-Kind-Po­li­tik. Als Xin­gxings Mut­ter Li­yun er­neut schwan­ger wur­de, zwang die Fir­men­lei­tung, un­ter an­de­ren auch Hao­ha­os Mut­ter, zur Ab­trei­bung. Seit­dem ist sie un­frucht­bar. Jetzt ist das ein­zi­ge Kind tot. Li­yun und ihr Mann Yao­jun, bei­de Ar­bei­ter, ver­lie­ren auch noch ih­re Ar­beits­plät­ze in den 1990er Jah­ren in­fol­ge von Um­struk­tu­rie­rungs­maß­nah­men. Sie zie­hen weg von der Groß­stadt in die Pro­vinz. Die Spra­che, die man dort spricht, ver­ste­hen sie nicht. Sie ad­op­tie­ren Li­uxing, ein Wai­sen­kind, zie­hen ihn als »Er­satz­sohn« auf, nen­nen ihn Xin­gxing. Aber sie wer­den nicht mehr glück­lich. Als der Jun­ge in die Pu­ber­tät kommt, ver­schwin­det er und wird in der Zei­tung als ver­mißt ge­sucht. Als er ge­fun­den wird, ver­steht Yao­jun. Er lässt ihn ge­hen. Er be­kommt ei­nen Aus­weis und et­was Geld. Der re­bel­li­sche Li­uxing be­dankt sich bei sei­nem Zieh­va­ter für die Frei­heit, die er ihm ge­währt. Es ist ei­ner der stärk­sten Mo­men­te in Wang Xiaoshuais Film »Bis dann, mein Sohn«.

Der Film spannt ei­nen Bo­gen vom Chi­na im Um­bruch zwi­schen 1986 und den spä­ten 2000er Jah­ren. Hier das lang­sa­me Ein­sickern des We­stens – er­kenn­bar am Micky-Mou­se-Ruck­sack des Jun­gen zu Be­ginn. Dort der heuch­le­ri­sche so­ge­nann­te So­zia­lis­mus. Als es in der Fa­brik Ent­las­sun­gen gibt, re­bel­liert die Be­leg­schaft. Es ist zweck­los, der Ka­pi­ta­lis­mus hält Ein­zug. In Rück­blen­den er­fährt man von »Dun­kel­par­tys« mit ex­zes­si­ven Tän­zern nach »Bo­ney M«-Musik und dar­auf dann ei­ne chi­ne­si­sche Ver­si­on von »Auld Lang Sy­ne«. Ver­gnü­gun­gen, die mit Re­pres­si­on und Ver­haf­tun­gen en­den kön­nen.

Wei­ter­le­sen

Hi­ro­shi­ma 2019

Erst wenn du et­was zu ver­lie­ren be­ginnst, ent­steht ei­ne Ge­schich­te. Je mehr Ver­lu­ste, de­sto mehr Er­in­ne­rung, de­sto mehr Er­zäh­lung. Was na­tür­lich be­drückend, le­bens­hem­mend wir­ken kann.

An kei­nem Ort ha­be ich so lan­ge ge­lebt wie in Hi­ro­shi­ma. Drei­zehn Jah­re, kein Ju­bi­lä­um, kei­ne »run­de« Zahl – ich hät­te mit die­ser Er­zäh­lung war­ten kön­nen, bis es fünf­zehn oder zwan­zig Jah­re sind. Aber ob ich dann noch hier bin? Ob ich noch le­be? Der Lauf der Ge­schich­te oder des Zu­falls will es, daß die­ses Da­tum, das »Ge­ge­be­ne«, mit ei­nem an­de­ren Da­tum zu­sam­men­fällt, ei­nem En­de und Neu­be­ginn. Nach drei­ßig Jah­ren geht die Amts­zeit des al­ten Kai­sers zu En­de, ein neu­er tritt an. Es war die ver­spro­che­ne Frie­dens­zeit (»Heisei«), aber auch ei­ne de­pri­mie­ren­de Zeit, ei­ne ver­ewig­te Kri­se oh­ne gro­ße Hoff­nung auf ei­ne Lö­sung; die jun­gen Leu­te ha­ben mehr Angst vor der Zu­kunft als Ver­trau­en in sie. Vor kur­zem wur­de Sho­ko Asa­ha­ra ge­hängt, der Gu­ru ei­ner re­li­giö­sen Sek­te, ver­ant­wort­lich für das Gift­gas­at­ten­tat 1995 in der U‑Bahn von To­kyo, bei dem zwölf Men­schen star­ben und hun­der­te ver­letzt wur­den. Nach dem Erd­be­ben und Tsu­na­mi in To­ho­ku, mit der dro­hen­den Atom­ka­ta­stro­phe, hat­ten wir Angst, das Land könn­te zer­bre­chen. Letz­tes Jahr ging in un­se­rer Ge­gend ein schwe­rer, schier end­lo­ser Re­gen nie­der, ne­ben un­se­rem Haus rutsch­te, vom Gip­fel weg, ein gan­zer Berg­hang her­un­ter, die Spu­ren sind un­über­seh­bar, ich muß mich nur um­wen­den: Blick durch das Bal­kon­fen­ster, wie da­mals, als ich, schlaf­los im Mor­gen­grau­en, das gro­ße Grol­len ge­hört hat­te und so­fort auf­ge­sprun­gen war.

Heisei. Rei­wa. Geht mich das et­was an? Schwer zu sa­gen, was die neue Ma­xi­me – wenn es ei­ne ist und sein soll – ei­gent­lich be­deu­tet. Zwei Schrift­zei­chen aus ei­nem al­ten ja­pa­ni­schen Ge­dicht, dem Lied von der Pflau­men­blü­te, die man in Kyo­to oder Hi­ro­shi­ma schon kurz nach Neu­jahr se­hen kann, die er­ste Baum­blü­te und des­halb be­son­ders herz­er­freu­end, hoff­nungs­voll. Frü­her stamm­ten die kai­ser­li­chen Ma­xi­men aus al­ten chi­ne­si­schen Tex­ten, die die Früh­zeit der ja­pa­ni­schen Kul­tur präg­ten. Gut so; ei­ne na­tio­na­li­sti­sche Ge­ste, wie sie das miß­traui­sche Kom­men­ta­to­ren­volk zu er­ken­nen glaub­te (»Ja­pan snubs Chi­na at dawn of new im­pe­ri­al era« lau­te­te die Schlag­zei­le in The Times), kann ich dar­in nicht se­hen. Auch die ja­pa­ni­sche Hym­ne ist ja ein recht fried­li­ches Ge­dicht aus dem zehn­ten Jahr­hun­dert, oh­ne Kriegs­ge­trom­mel (aux ar­mes ci­toy­ens, the bombs bur­st­ing in the air…), oh­ne Prah­le­rei (das be­gna­de­te Volk gro­ßer Söh­ne und, neu­er­dings, Töch­ter).

Wir woh­nen fern von der Stadt, mehr oder we­ni­ger auf dem Land, in ei­ner ad­mi­ni­stra­ti­ven Zo­ne, die sich Hi­ga­shi-Hi­ro­shi­ma nennt, frü­her ei­ne Hand­voll ver­streu­ter Or­te von Reis­bau­ern, Sake­pro­du­zen­ten und Fi­schern, heu­te von Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­zen­tren und Zu­lie­fer­fir­men für Mat­su­da durch­setzt. Im­mer noch vie­le Reis­fel­der, auch Sa­ke­braue­rei­en, be­wal­de­te Ber­ge, wei­ter un­ten, in west­li­cher Rich­tung, dann Ku­re mit sei­ner Werft und den Kriegs­schif­fen, die die US-Streit­kräf­te da­mals nicht bom­bar­dier­ten, sie zo­gen es vor, ih­ren »Litt­le Boy« über dicht­be­sie­del­tem Ge­biet ab­zu­wer­fen. Dort­hin, in die Stadt­mit­te von Hi­ro­shi­ma, kom­me ich sel­ten, ge­bil­det wird sie vom Frie­dens­park, über dem am Mor­gen des 6. Au­gust 1945 der gro­ße Wol­ken­pilz auf­stieg und der schwar­ze Re­gen fiel, und der vom Park ab­ge­hen­den Ein­kaufs­stra­ße, die am Par­co-Ge­bäu­de en­det, ei­nem ju­gend­li­chen Pa­last für mehr oder min­der schicke Klei­der – da­hin­ter be­ginnt das eher schmud­de­li­ge Ver­gnü­gungs­vier­tel.

Ich kom­me sel­ten hin, aber das hat Vor­tei­le, zu­min­dest den, daß ich die Stadt im­mer wie­der wie zum er­sten Mal se­he, mit dem auf­merk­sa­men, stau­nen­den Blick. Neu­lich, am er­sten Tag des er­sten Jah­res der Rei­wa-Ära, zu Be­ginn des Won­ne­mo­nats Mai, das Stau­nen über die Bäu­me, die Leucht­kraft des hell­grü­nen Blatt­werks der kusuno­ki, der Kamp­fer­bäu­me (häß­li­cher Na­me, der so gar nicht der Sa­che gleicht), und den Kon­trast der dunk­len, fast schwar­zen Äste, die es tra­gen. Ein Ge­spräch über Bäu­me ist fast ein Ver­bre­chen – an die­se Ge­dicht­zei­le Ber­tolt Brechts muß­te ich den­ken, als ich das er­ste Mal hier­her­kam, und spä­ter im­mer wie­der der Ge­dan­ke: Aber es ist kein Ver­bre­chen und schließt auch kein Schwei­gen ein. Die­se Bäu­me wur­den kurz nach der Ka­ta­stro­phe ge­pflanzt, da­mit neu­es Le­ben ent­ste­he trotz all des Grau­ens, und die sie ge­pflanzt ha­ben, sind mit ih­nen äl­ter ge­wor­den, ei­ni­ge von ih­nen, schon ge­bückt, pfle­gen sie noch heu­te, und wenn ich die­se al­ten Männ­lein und Weib­lein se­he, drei­zehn Jah­re nach mei­nem er­sten Spa­zier­gang hier, kann ich nicht um­hin, mich zu fra­gen, ob in zehn, zwan­zig Jah­ren noch je­mand kom­men wird, um den Bo­den um die Stäm­me zu har­ken. Die Frau, die ich ein­mal hier in der Nä­he, in ei­nem St-Marc-Ca­fé, ge­trof­fen und be­fragt ha­be, 1945 war sie ei­ne Schü­le­rin, die zwi­schen Trüm­mern nach ih­ren El­tern und Ge­schwi­stern such­te und ver­strahlt wur­de, die­se Frau wird bald neun­zig sein. Nein, ein Ge­spräch über Bäu­me ist kein Ver­bre­chen, wie nach Ausch­witz wei­ter­hin Ge­dich­te ge­schrie­ben wur­den, und nicht von Bar­ba­ren, und es im­mer noch ein rich­ti­ges Le­ben im fal­schen gibt. Ge­dich­te, Ge­sprä­che: kei­ne Un‑, son­dern Wohl­tat. Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hand­ke und der No­bel­preis

Nur ein Link für Le­ser: Mein Text für die öster­rei­chi­sche Wo­chen­zei­tung »DIE FURCHE«:

»Kein Be­woh­ner des El­fen­bein­tums«

Gro­ßer Dank an Bri­git­te Schwens-Har­rant, die die­sen um­fäng­li­chen Text mög­lich ge­macht hat. Das ist heut­zu­ta­ge sel­ten.

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Ei­ne groß­ar­ti­ge Po­le­mik über die wohl­fei­len bis ag­gres­si­ven Hand­ke-Kri­ti­ker fin­det sich bei Ber­s­a­rin: Pe­ter Hand­ke und die kar­gen Le­mu­ren.

Auf Spie­gel-On­line hat Hen­rik Pe­ter­sen, Mit­glied des No­bel­preis­ko­mi­tees (al­so ei­ne Art »ex­ter­ner Be­ra­ter«) die Ent­schei­dung be­grün­det und Ein­wän­de ein­ge­ord­net. Er be­zieht sich da­bei u. a. auf mein Buch » ‘Der mit sei­nem Ju­go­sla­wi­en’ – Pe­ter Hand­ke im Span­nungs­feld zwi­schen Li­te­ra­tur, Me­di­en und Po­li­tik«. Das Buch gibt es der­zeit lei­der nur noch als E‑Book.

Lothar Struck: "'Der mit seinem Jugoslawien' - Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik"

Lo­thar Struck: » ‘Der mit sei­nem Ju­go­sla­wi­en’ – Pe­ter Hand­ke im Span­nungs­feld zwi­schen Li­te­ra­tur, Me­di­en und Po­li­tik«

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Frank Jakubzik: Gefühlte Zuversicht

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Vor drei Jah­ren er­schie­nen mit »In der mitt­le­ren Ebe­ne« 17 Er­zäh­lun­gen von Frank Ja­kub­zik. Sie sei­en, so der Un­ter­ti­tel, »aus den ka­pi­ta­li­sti­schen Jah­ren« und han­del­ten von »Sa­les­lem­min­gen« und »klinkenputzende(n) No­ma­den«, evo­zier­ten mit gro­ßer Ge­nau­ig- und Be­hut­sam­keit die Me­lan­cho­lie der zu Ver­kaufs­au­to­ma­ten de­gra­dier­ten An­ge­stell­ten, die auf der Au­to­bahn, in muf­fi­gen Ho­tel­zim­mern oder ste­ri­len Kon­fe­renz­räu­men agie­ren müs­sen und den Noch-En­thu­si­as­mus ih­rer Chefs, oft ge­nug Mitt­drei­ssi­ger, die, sich selbst be­rau­schend an ih­rem ei­ge­nen Busi­ness­sprech, aus­hal­ten müs­sen.

Mit »Ge­fühl­te Zu­ver­sicht« ist jetzt ein neu­er Er­zäh­lungs­band von Ja­kub­zik mit 15 Ge­schich­ten er­schie­nen (zwei da­von wa­ren in frü­he­ren Fas­sun­gen in Zeit­schrif­ten pu­bli­ziert wor­den). Das The­men­feld ist er­wei­tert, der Ka­pi­ta­lis­mus und des­sen De­for­ma­tio­nen spie­len nur noch teil­wei­se ei­ne Rol­le. Auch die Schau­plät­ze sind un­ter­schied­lich. Mal wird von ei­nem »Mar­tin der Küh­ne« er­zählt, ei­nem Bü­cher­samm­ler aus Mainz, der gro­ße Sta­pel von Bü­chern, al­le­samt von der Stadt­bi­blio­thek aus­ran­gier­te Lei­he­x­em­pla­re, in her­ku­li­scher An­stren­gung un­ter sei­nen Ach­seln durch den be­gin­nen­den Re­gen nach Hau­se trägt (und da­bei fast ei­ne Ver­ab­re­dung ver­passt). In ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung er­kennt man Kas­sel. Es gibt Ju­gend­er­in­ne­run­gen aus der deut­schen Pro­vinz. Oder Men­schen sit­zen im Zug nach Frank­furt oder Portland/USA. Nils Rem­ming, ein pen­sio­nier­ter An­ge­stell­ter, fliegt in ein klei­nes Land, in dem selbst die Na­tur­ka­ta­stro­phen »zu be­schei­den« sind, um in den Welt­nach­rich­ten vor­zu­kom­men, mit 837.000 Eu­ro im Hand­ge­päck (»Die Frei­heit«) – und er­lebt ei­ne Über­ra­schung. Die letz­te Er­zäh­lung – »Zwei ja­pa­ni­sche Fa­beln« ge­nannt – spielt in To­kio, der Le­ser lernt Herrn und Frau Ko­shi­mo­ri ken­nen, de­nen all­nächt­lich et­was fa­bel- und wun­der­haf­tes wi­der­fährt (das En­de ist wahr­lich rüh­rend).

Der gan­ze Bei­trag »Va­ria­tio­nen von Zu­ver­sicht« hier bei Glanz und Elend le­sen

Ko­stüm- und Ku­lis­sen­brei

Filmplakat Deutschstunde - © Artwork Darius Ghanai, Fotografie Sammy Hart

Film­pla­kat Deutsch­stun­de – © Art­work Da­ri­us Gha­nai, Fo­to­gra­fie Sam­my Hart

Chri­sti­an Schwo­chow ver­filmt Sieg­fried Lenz’ Deutsch­stun­de. Aber war­um nur?

Die »Deutsch­stun­de« ist neu ver­filmt wor­den (Ki­no­start: 3. Ok­to­ber). Die »Deutsch­stun­de« von Sieg­fried Lenz? Ge­nau die. War­um? Und, vor al­lem, wie? Da war doch der zwei­tei­li­ge Film von Pe­ter Be­au­vais von 1971. 600 Sei­ten auf drei­ein­halb Stun­den kom­pri­miert; ad­ap­tiert. »Von den Freu­den der Pflicht« schreibt Sig­gi Jep­sen im Buch als ei­ne Art Straf­ar­beit, aber auch zur Selbst­auf­ar­bei­tung in ei­ner Zel­le. Ei­ner Ge­fäng­nis­zel­le. Weil er vor­her, in an­dert­halb Stun­den, nichts hat­te schrei­ben kön­nen, weil die Mas­se der Bil­der und Ein­drücke zu vie­le wa­ren.

1968 er­schien das Buch »Deutsch­stun­de«. Mit­ten in den APO-Zei­ten. Nun war Sieg­fried Lenz kein Ak­ti­vist; sei­ne po­li­ti­schen Auf­trit­te be­schränk­ten sich in den 1970er Jah­ren dar­auf, Wil­ly Brandt im Wahl­kampf zu un­ter­stüt­zen. Mit den Re­vo­luz­zern der 67er oder 68er konn­te er nichts an­fan­gen. Den­noch ging das Buch nicht un­ter – im Ge­gen­teil. Es wur­de ein Best­sel­ler, viel­leicht weil es, wie bei mei­nen El­tern, als »Bücherbund«-Exemplar ver­schickt wur­de, wenn man im Halb­jahr nichts an­de­res aus­ge­wählt hat­te (so ist mei­ne Er­in­ne­rung). Die Kri­tik war da­mals eher ver­hal­ten, aber das Buch trotz­te eben dem re­vo­lu­tio­nä­ren Zeit­geist.

Sig­gi Jep­sen, der, als er die­sen Mam­mut­auf­satz in ‑zig Schul­hef­ten nie­der­schreibt, ge­ra­de »er­wach­sen« ge­wor­den ist (al­so 21 Jah­re), er­zählt von sei­nem Va­ter, dem Po­li­zi­sten von Rug­büll. Und vom Ma­ler Nan­sen. Die Män­ner wa­ren Freun­de; Nan­sen ret­te­te Jep­sen einst ein­mal das Le­ben. Aber es ist 1943. Und die Bil­der Nan­sens ge­fal­len den Macht­ha­bern nicht. Da­mit ge­fal­len sie auch sei­nem Freund nicht. Aber der ist nicht nur als Po­li­zist der Über­brin­ger der schlech­ten Nach­richt. Er ist be­seelt da­von, dass es sei­ne Pflicht ist, das Mal­ver­bot der Na­zis um­zu­set­zen. Wei­ter­le­sen

Der Som­mer mit Ge­or­ges Si­me­non

[...]
Den Le­sern die­ser Zei­len muss klar sein, dass ich in den letz­ten sechs Wo­chen nur ei­nen klei­nen Teil des Wer­kes von Ge­or­ges Si­me­non ge­le­sen ha­be. Da die Neu­aus­ga­ben von Die Ver­lo­bung des Mon­sieur Hi­re und Die Fan­to­me des Hut­ma­chers noch et­was auf sich war­ten las­sen, wur­den die Dio­ge­nes-Bü­cher von En­de der 1990er Jah­re her­an­ge­zo­gen. Das Si­me­non-Le­se­buch wur­de schon er­wähnt. Es ent­hält ne­ben zwei Mai­gret-Er­zäh­lun­gen ei­ni­ge frü­he Re­por­ta­gen Si­me­nons (u.a. über ein Ge­spräch mit Leo Trotz­ki, und, sehr in­ter­es­sant, ein Rei­se­be­richt aus dem Jahr 1932 in den da­ma­li­gen Bel­gisch-Kon­go, der sich spöt­tisch über den Ko­lo­ni­al­ap­pa­rat der Bel­gi­er äu­ßert), klei­ne­re, auf­sat­zähn­li­che Tex­te, den Brief­wech­sel mit An­dré Gi­de und die au­to­bio­gra­phi­sche Er­zäh­lung Brief an mei­ne Mut­ter. An­son­sten wur­den die Neu­erschei­nun­gen ge­le­sen: Sie­ben Mai­grets und zwölf ro­mans durs. Bei den »gro­ßen« Ro­ma­nen und auch den Mai­grets, die zu­erst bei Kam­pa er­schei­nen, gibt es ein Nach­wort ei­nes ir­gend­wie pro­mi­nen­ten Le­sers (und/oder Au­tors). So er­fährt man, wie bei­spiels­wei­se John Ban­vil­le, Da­ni­el Kehl­mann, Ju­li­an Bar­nes, Ul­rich Wickert (na­ja) oder Mi­cha­el Klee­berg Si­me­non be­wer­ten. Da­bei fällt auf, dass die Kom­men­ta­to­ren zu­wei­len den von ih­nen »be­treu­ten« Ro­man nicht un­be­dingt für den be­sten hal­ten. Scha­de, dass sie nicht kon­kre­ter wur­den.

Cover von Simenon Romanen

Co­ver von Si­me­non Ro­ma­nen

Ob die ge­le­se­nen Bü­cher re­prä­sen­ta­tiv sind? Ich weiß es nicht. Die Lek­tü­re wur­de mehr oder we­ni­ger durch die Ver­öf­fent­li­chun­gen der Ver­la­ge vor­ge­ge­ben. Und noch ein Hin­weis: Bei al­lem Be­mü­hen, die Auf­lö­sun­gen, Wen­dun­gen und En­dun­gen nicht zu ver­ra­ten ist es den­noch zu­wei­len un­er­läss­lich zu »spoi­lern«. Der ge­neig­te Le­ser soll­te, wenn er sich die voll­stän­di­ge Span­nung er­hal­ten möch­te, lie­ber nicht wei­ter­le­sen.
[...]

Der gan­ze Bei­trag »Men­schen, ‘die­se ko­mi­schen Tie­re’...« hier bei Glanz und Elend le­sen

Hu­go von Kupf­fer: Re­por­ter­streif­zü­ge

Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge

Hu­go von Kupf­fer: Re­por­ter­streif­zü­ge

Hu­go von Kupf­fer (1853–1928) ent­stamm­te ei­ner bal­tisch-deut­schen Adels­fa­mi­lie. Der Va­ter war Phy­si­ker und Me­teo­ro­lo­ge. 1858 zog die Fa­mi­lie dau­er­haft von St. Pe­ters­burg nach Dres­den um. Nach dem Ab­itur stu­dier­te von Kupf­fer zu­nächst Me­di­zin, dann »Schö­ne Wis­sen­schaf­ten«, al­so Li­te­ra­tur. Bei­de Stu­di­en­gän­ge brach er ab. In ihm reif­te für kur­ze Zeit der Wunsch, Schrift­stel­ler zu wer­den. Fa­mi­liä­re An­ge­le­gen­hei­ten führ­ten ihn zwi­schen 1875 bis 1879 in die USA. Er ar­bei­te­te beim »New York He­rald« und lern­te das ame­ri­ka­ni­sche Pres­se­we­sen ken­nen. Hier zähl­te der Tat­sa­chen­be­richt, die Un­mit­tel­bar­keit des Er­leb­nis­ses mehr als ein kri­ti­scher oder phi­lo­so­phisch an­ge­hauch­ter Kom­men­tar. Nach sei­ner Rück­kehr ging er nach Ber­lin und traf dort Al­fred Scherl, der ei­ne neue Zei­tung grün­den woll­te. Schnell wur­de man sich han­dels­ei­nig: Von Kupf­fer wird – mit 30 Jah­ren – Chef­re­dak­teur vom »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger«. Die er­ste Aus­ga­be er­scheint am 4. No­vem­ber 1883. Die Po­si­ti­on wird von Kupf­fer un­ge­ach­tet des spä­te­ren Ver­le­ger­wech­sels (1914 über­nimmt das Im­pe­ri­um von Al­fred Hu­gen­berg den »Lo­kal-An­zei­ger«) bis zu sei­nem Tod ins­ge­samt 45 Jah­ren aus­üben.

Der »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger« ver­stand sich als un­po­li­tisch und »über­par­tei­lich« und rich­te­te sich an »al­le Schich­ten der Ge­sell­schaft«. Der Le­ser soll­te »von den wich­tig­sten Vor­komm­nis­sen im Staat und in der Stadt in Kennt­nis« ge­setzt wer­den. Schnell ent­wickel­te er sich zu ei­ner »der meist­ge­le­se­nen Ta­ges­zei­tun­gen Ber­lins und da­mit zu ei­ner fe­sten In­sti­tu­ti­on« des boo­men­den Ber­lin. 1911 be­trug die Auf­la­ge 300.000 Ex­em­pla­re (bei rd. 2 Mil­lio­nen Ein­woh­nern).

All die­se In­for­ma­tio­nen ent­nimmt man dem in­struk­ti­ven Nach­wort von Fa­bi­an Mauch zum Sam­mel­band von Hu­go von Kupf­fers »Re­por­ter­streif­zü­ge« (ei­gent­lich »Re­por­ter-Streif­zü­ge«). Mauch ist auch Her­aus­ge­ber. Wir ler­nen, dass die mei­sten Tex­te im »Lo­kal-An­zei­ger« oh­ne Nen­nung des Ver­fas­sers pu­bli­ziert wur­den. Für sei­ne Re­por­ta­gen ver­wen­de­te von Kupf­fer das Pseud­onym des »Ber­li­ner Be­ob­ach­ters«. Er woll­te, wie es im Un­ter­ti­tel heisst, »un­ge­schmink­te Bil­der aus der Reichs­haupt­stadt« lie­fern. Im von Mauch her­aus­ge­ge­be­nen, im Düs­sel­dor­fer Li­li­en­feld-Ver­lag auf­ge­leg­ten Buch, sind ins­ge­samt 25 Re­por­ta­gen ab­ge­druckt. Die­se wa­ren zwi­schen 1886 und 1888 und dann noch­mals, in ei­ner Art zwei­ter Staf­fel, zwi­schen 1890 und 1892, ver­fasst wor­den. Än­de­run­gen zum Ori­gi­nal er­folg­ten nur sehr spar­sam und in ein­deu­ti­gen Fäl­len. Es wur­de auch die Or­tho­gra­phie der da­ma­li­gen Zeit bei­be­hal­ten, was zu­nächst manch­mal stut­zen lässt. Man ge­wöhnt sich dann je­doch ver­blüf­fend schnell. Wei­ter­le­sen

Freund­li­che Waf­fen

Peter Handke: Zeichnungen

Pe­ter Hand­ke: Zeich­nun­gen

Schon in Pe­ter Hand­kes No­tiz­bü­cher der 1970er Jah­re fin­den sich ver­ein­zelt Zeich­nun­gen des Schrift­stel­lers, wie man auf der Sei­te Handke­on­line bei­spiel­haft se­hen kann. Fast le­gen­där sei­ne Skizze(n) des ge­ra­de ver­stor­be­nen Freun­des Ni­co­las Born. Nur sel­ten fin­det man Hand­kes Zeich­nun­gen in sei­nen Bü­chern, wie in »Ab­schied des Träu­mers vom Neun­ten Land« oder dem hei­te­ren Mär­chen »Lu­cie im Wald mit den Dings­da«. Im 2016 er­schie­ne­nen Jour­nal­band »Vor der Baum­schat­ten­wand nachts«, der den Ex­trakt der No­tiz­bü­cher zwi­schen 2007 bis 2015 bil­det, wa­ren rund 80 Zeich­nun­gen ein­ge­streut. Vor zwei Jah­ren wur­den für we­ni­ge Wo­chen in der Ber­li­ner Ga­le­rie von Klaus Ger­rit Frie­se erst­mals mehr als 100 Zeich­nun­gen von Pe­ter Hand­ke aus­ge­stellt. Die zum Teil win­zi­gen Ex­po­na­te (das klein­ste maß 20 x 65 mm) wur­den auf Trä­ger­pa­pier im ein­heit­li­chen For­mat von 209 x 296 mm mon­tiert. Sie stamm­ten aus No­tiz­bü­chern zwi­schen 2009 und 2017 (ei­ni­ge wa­ren schon im Jour­nal­band in kom­pri­mier­ter Form zu se­hen). Mit ei­ner klei­nen Ver­zö­ge­rung liegt nun bei Schirmer/Mosel ein Pracht­band vor, der 103 Ex­po­na­te der Aus­stel­lung zeigt. Zu­sätz­lich sind im Vor­wort von Gior­gio Agam­ben wie auch auf den Vor­satz­pa­pie­ren wei­te­re Zeich­nun­gen aus Pe­ter Hand­kes Ex­em­plar des No­vum Te­sta­men­tum Grae­ce ab­ge­druckt.

Die Aus­stel­lungs­stücke von 2017 sind in­zwi­schen in Fa­mi­li­en­be­sitz. Um­so ver­dienst­vol­ler, dass Klaus Ger­rit Frie­se durch das Pho­to­gra­phie­ren die Vor­aus­set­zun­gen für die aus­ge­zeich­ne­te Re­pro­duk­ti­ons­qua­li­tät ge­schaf­fen hat­te. Die Ob­jek­te wur­den aus den je­wei­li­gen No­tiz­bü­chern – zum Schrecken der Ger­ma­ni­sten – her­aus­ge­trennt. Aus dem DIN-A-4-For­mat des Trä­ger­pa­piers wird im Buch ca. 155 x 219 mm. Ent­spre­chend ver­klei­nert zei­gen sich die Ob­jek­te. Durch die sehr gu­te Auf­lö­sung lohnt sich die Be­trach­tung mit ei­ner Lu­pe. Da den mei­sten Zeich­nun­gen zum Teil sehr ge­naue Da­tie­run­gen zu­ge­wie­sen sind, kann man fest­stel­len, dass die Rei­hen­fol­ge im Buch nicht chro­no­lo­gisch er­folgt ist. Den­noch scheint es da­bei ei­nen Sinn zu ge­ben, was sich auch dar­an zeigt, dass es zu­wei­len lee­re Sei­ten als Ab­schnitts­mar­kie­run­gen gibt.

Der gan­ze Bei­trag hier bei »Glanz und Elend«