Hen­ry Kis­sin­ger: Welt­ord­nung / Staats­kunst

Hen­ry Kis­sin­ger:
Welt­ord­nung

Be­reits in Hen­ry Kis­sin­gers 2014 auf deutsch er­schie­ne­nem Buch »Welt­ord­nung« tauch­te der Be­griff der »Staats­kunst« als ein At­tri­but für po­li­tisch ver­ant­wor­tungs­vol­les und weit­sich­ti­ges Agie­ren auf. Die er­sten Prot­ago­ni­sten, die sich laut Kis­sin­ger die­sen Ti­tel ver­die­nen, wa­ren die Me­dia­to­ren des West­fä­li­schen Frie­dens, mit dem 1648 der mör­de­ri­sche und blu­ti­ge Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg in Eu­ro­pa be­en­det wur­de. In den in jah­re­lan­gem, zä­hen Rin­gen in Mün­ster und Os­na­brück aus­ge­han­del­ten Über­ein­künf­ten (es gab nicht »ein« Frie­dens­do­ku­ment) wur­den die gro­ßen Ri­va­li­tä­ten der be­tei­lig­ten Groß­mäch­te sorg­fäl­tig aus­ta­riert. Die »in­hä­ren­te Gleich­heit zwi­schen sou­ve­rä­nen Staa­ten [wur­de] an­er­kannt, un­be­scha­det ih­rer Macht oder ih­rer in­ne­ren Ord­nung. Neu auf­ge­tre­te­nen Mäch­ten, wie Schwe­den oder den Nie­der­lan­den, wur­de die­sel­be pro­to­kol­la­ri­sche Be­hand­lung zu­ge­si­chert wie eta­blier­ten Groß­mäch­ten wie Frank­reich oder Öster­reich.« Der Na­tio­nal­staat galt jetzt »als Grund­bau­stein der eu­ro­päi­schen Ord­nung«. Und das »Kon­zept der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät wur­de eta­bliert.« Kis­sin­ger stell­te her­aus, wor­in die »Ge­nia­li­tät« der aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­run­gen lag: Die »Be­stim­mun­gen [wa­ren] auf Ver­fah­rens­wei­sen und nicht auf in­halt­li­che Fra­gen ge­rich­tet.« Es gab kei­ne fest­ge­schrie­be­nen Al­li­an­zen oder Bünd­nis­se. »Im West­fä­li­schen Frie­den spie­gel­te sich ei­ne prag­ma­ti­sche An­pas­sung an die Rea­li­tät und kei­nes­wegs ei­ne ein­zig­ar­ti­ge mo­ra­li­sche Ein­sicht. Er be­ruh­te auf ei­nem Sy­stem un­ab­hän­gi­ger Staa­ten, die da­von Ab­stand nah­men, sich in die in­ne­ren An­ge­le­gen­hei­ten der an­de­ren ein­zu­mi­schen.« So wur­de »das Gleich­ge­wicht der Mäch­te zum Ord­nungs­kon­zept Eu­ro­pas«.

Kis­sin­gers Eu­pho­rie für die Ba­lan­ce, die ge­gen­sei­ti­ge Ak­zep­tanz von Gren­zen und Staats­ge­bie­ten nebst der häu­fig zi­tier­ten Nicht­ein­mi­schung in an­de­re An­ge­le­gen­hei­ten, be­zieht sich vor al­lem auf das Gleich­ge­wicht der Groß­mäch­te un­ter­ein­an­der. Aus­führ­lich ging er auf die Stö­run­gen die­ses Sy­stems ein – Na­po­le­on et­wa, des­sen Am­bi­tio­nen nach jah­re­lan­gen Krie­gen im Wie­ner Kon­gress kor­ri­giert wur­den, aber auch die Bil­dung des Deut­schen Rei­ches 1871. Hier lob­te er Bis­marck, der mit sei­ner Bünd­nis­po­li­tik Deutsch­land als neue Groß­macht eta­blier­te und zu­gleich die Ba­lan­cen neu ju­stier­te. Sei­ne Nach­fol­ger konn­ten die­ses fra­gi­le Gleich­ge­wicht nicht mehr auf­recht er­hal­ten und stol­per­ten 1914 von ei­nem Re­gio­nal­krieg um Ser­bi­en in den Er­sten Welt­krieg. Die Groß­mäch­te hat­ten die »west­fä­li­schen« Prin­zi­pi­en ver­las­sen. Nach vier Jah­ren und Mil­lio­nen von Op­fern ver­sag­te dann noch ein­mal die Di­plo­ma­tie, in dem die Im­ple­men­tie­rung ei­ner neu­en Nach­kriegs­ord­nung schei­ter­te, nicht zu­letzt des­we­gen, weil die neue Groß­macht USA, die der En­tente von Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich zum Sieg über die Mit­tel­mäch­te ver­half, sich wie­der zu­rück­zog. Die neu ge­schaf­fe­nen in­ter­na­tio­na­len In­sti­tu­tio­nen wa­ren zu schwach, um den fa­schi­sti­schen Strö­mun­gen zu wi­der­ste­hen. Eu­ro­pa ver­sank aber­mals im Cha­os; ein neu­er Krieg war die Fol­ge. Kis­sin­ger nennt die Zeit von 1914 bis 1945 den zwei­ten Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg.

Hen­ry Kis­sin­ger: Staats­kunst

Sechs Por­traits = »sechs Lek­tio­nen«

Auf die »Staats­kunst« der han­deln­den Po­li­ti­ker nach 1945 geht der in­zwi­schen 99jährige ehe­ma­li­ge US-Au­ßen­mi­ni­ster Kis­sin­ger nun de­tail­lier­ter im neu­en, gleich­na­mi­gen Buch ein (Über­set­zung von Hen­ning De­de­kind, Hel­mut Dier­lamm, Karl­heinz Dürr, An­ja Lerz, Kar­sten Pe­ter­sen, Sa­bi­ne Rein­har­dus, Ka­rin Schuler und Tho­mas Stau­der).. Hier­für zeich­net er die hi­sto­ri­schen Ver­dien­ste von sechs Staa­ten­len­kern nach: Kon­rad Ade­nau­er, Charles de Gaul­le, Ri­chard Ni­xon, An­war el-Sa­dat, Lee Ku­an Yew und Mar­ga­ret That­cher, die er als »Lek­tio­nen« ver­stan­den se­hen möch­te. Be­reits in »Welt­ord­nung« hat­te Kis­sin­ger auf die Ver­dien­ste von Ade­nau­er und Lee hin­ge­wie­sen – von Ni­xon, dem er im­mer noch Lor­beer­krän­ze flech­tet, ganz ab­ge­se­hen. That­cher und de Gaul­le ka­men da­mals kaum vor; fast im Ge­gen­teil, denn Kis­sin­ger nann­te die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung in »Welt­ord­nung« eher als Werk von Ade­nau­er, dem Ita­lie­ner de Gas­pe­ri und, auf fran­zö­si­scher Sei­te, Ro­bert Schu­man. Auch Sa­dat wur­de nur am Ran­de er­wähnt.

Den voll­stän­di­gen Text »Kis­sin­gers Din­ner for One« bei Glanz und Elend le­sen.

Stef­fen Men­sching: Hau­sers Aus­flug

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Stef­fen Men­sching:
Hau­sers Aus­flug

Nach dem mo­nu­men­ta­len, do­ku-dra­ma­ti­schen Ro­man »Men­schings Au­gen« aus dem Jahr 2018 über den Ge­dächt­nis­künst­ler, Hell­se­her und Psy­cho-Gra­pho­lo­gen Ra­fa­el Scher­mann, der in den 1940er Jah­ren in ei­nem so­wje­ti­schen Gu­lag ge­lan­det war und sein Le­ben ei­nem Ber­li­ner Kom­mu­ni­sten er­zähl­te und, drei Jah­re spä­ter, den leich­ten, welt­zu­ge­wand­ten Ge­dich­ten »In der Bran­dung des Traums«, legt Stef­fen Men­sching mit »Hau­sers Aus­flug« nun ei­ne an­spruchs­vol­le Me­lan­ge aus Sci­ence-Fic­tion-Ro­man und Thril­ler vor.

»Als Da­vid Hau­ser ei­nes Ta­ges er­wach­te, fand er sich in sei­ner AIR­DROP-Kap­sel zum sy­ri­schen Staats­bür­ger Wa­lid Said ver­wan­delt.« So könn­te man – ei­nen be­rühm­ten An­fang Be­ginn die­ses Ro­mans er­zäh­len – was der Au­tor na­tür­lich nicht macht. Die Haupt­fi­gur, Da­vid Hau­ser, 52, seit dem 7. Le­bens­jahr mut­ter­los, lebt nach an­fäng­li­chem Schei­tern als er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer in Ber­lin. Man schreibt das Jahr 2029 und Hau­sers Fir­ma hat ei­ne ef­fek­ti­ve und si­che­re Kap­sel ent­wickelt, die ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber wie­der in ih­re Hei­mat­län­der ver­bringt – per Ab­wurf aus ei­nem Flug­zeug aus 2000 m Hö­he. 10.000 Eu­ro pro Per­son ko­stet dem Auf­trag­ge­ber (es sind in der Re­gel Staa­ten) die­ser »Trans­port«, in­klu­si­ve Kap­sel. Hau­ser ge­hö­ren auch die Flug­zeu­ge, die er in der letz­ten gro­ßen Pan­de­mie (2024/25) von fi­nan­zi­ell not­lei­den­den Flug­ge­sell­schaf­ten auf­ge­kauft hat­te. Sei­ne Flot­te be­steht in­zwi­schen aus über 40 Ma­schi­nen; min­de­stens zwei Ma­schi­nen pro Tag star­ten von Par­chim bei Mün­chen mit »Re­pa­tri­ie­run­gen«. Es gab na­tür­lich »nicht we­ni­ge Men­schen, die ihn ver­ach­te­ten«, aber Hau­ser stört dies we­nig, zu­mal er sich zu­recht­leg­te, dass vie­le Flücht­lin­ge man­gels Per­spek­ti­ve in Eu­ro­pa wie­der zu­rück woll­ten, die Hei­mat­län­der je­doch ei­ne Ein­rei­se ver­wei­ger­ten.

Plötz­lich sitzt er al­so sel­ber in ei­ner sol­chen Kap­sel; er­in­ne­rungs­los, wie dies pas­sie­ren konn­te. Nicht nur sei­ne Pa­tek-Phil­ip­pe-Uhr war ver­schwun­den. Er steck­te zu­dem in an­de­rer, ihm un­be­kann­ter, »säu­er­lich« rie­chen­der, Klei­dung; le­dig­lich der schwar­ze Slip von Cal­vin Klein war ihm ge­blie­ben. Das Lu­xus-Smart­pho­ne war zu Gun­sten ei­nes äl­te­ren Ge­rä­tes aus­ge­tauscht wor­den (Sta­tus: »Low bat­te­ry«). Der sy­ri­sche Pass, den man ihm mit­ge­ge­ben hat­te, trug sein Fo­to und sein Ge­burts­da­tum; aus­ge­stellt auf den Na­men Waid Said. Hau­ser be­kam den Auf­prall mit und fin­det sich in ei­ner »Mond­land­schaft oh­ne mensch­li­che Spu­ren« wie­der. Im­mer­hin, das »Not­fall­pa­ket«, wel­ches je­der Kap­sel mit­ge­ge­ben wird, ist vor­han­den: 10 Mul­ti­vit­amin­rie­gel, zwei Was­ser­fla­schen, Schmerz­ta­blet­ten, Son­nen­bril­le, Hand­schu­he. In der Klei­dung ei­ne Schach­tel Zi­ga­ret­ten (Hau­ser war Nicht­rau­cher ge­wor­den), ein Feu­er­zeug, Zahn­sei­de und zwei S‑­Bahn-Fahr­kar­ten aus Ber­lin.

Wei­ter­le­sen

Sehn­sucht nach Nor­ma­li­tät

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Saya­ka Mu­ra­ta:
Die La­den­hü­te­rin

Über den Ro­man »Die La­den­hü­te­rin« von Saya­ka Mu­ra­ta

Mit ei­ni­ger Ver­spä­tung – aber wenn es um Li­te­ra­tur geht, ist es be­kannt­lich nie zu spät – ha­be ich Die La­den­hü­te­rin von Saya­ka Mu­ra­ta ge­le­sen. Das Buch ist in Ja­pan 2016 er­schie­nen, Ur­su­la Grä­fes deut­sche Über­set­zung 2018; ich ha­be den klei­nen Ro­man in der 5. Auf­la­ge der Ta­schen­buch­aus­ga­be von 2021 ge­le­sen. Der zeit­li­che Ab­stand zur Erst­pu­bli­ka­ti­on und den Re­ak­tio­nen dar­auf gibt dem Ver­lag die Mög­lich­keit, über den Er­folg zu ju­beln und da­mit Wer­bung zu trei­ben (was ihm durch­aus nicht zu ver­den­ken ist): »Be­ein­druckend leicht und ele­gant«, das Buch ha­be die deut­schen Le­se­rin­nen und Le­ser »im Sturm er­obert« – ob­wohl es gar nicht stür­misch, son­dern so sym­pa­thisch zu­rück­hal­tend wie die Ich-Er­zäh­le­rin und Haupt­fi­gur ist. Aber sei’s drum, wenn Li­te­ra­tur die Men­schen er­obert, soll’s mir recht sein.

Der Ti­tel des Ori­gi­nals ist üb­ri­gens, wört­lich über­setzt, »Kon­bi­ni-Men­schen«, wo­bei im Ja­pa­ni­schen oh­ne Kon­text zu­nächst nicht zu ent­schei­den ist, ob Sin­gu­lar oder Plu­ral, es könn­ten auch Kon­bi­ni-Men­schen sein, ein gan­zer Men­schen­schlag, zu dem ich mich dann auch zäh­len wür­de, weil ich wie fast al­le in Ja­pan Le­ben­den häu­fig ei­nes der zahl­lo­sen Kon­bi­nis – con­ve­ni­ence stores – auf­su­che. Ur­su­la Grä­fe hat den Ti­tel nicht kon­ge­ni­al, son­dern in­ge­ni­ös über­setzt: Die La­den­hü­te­rin, und sie hat das Wort so­gar ein- oder zwei­mal in sei­ner zwei­ten Be­deu­tung in den Text ein­ge­streut: Die Ver­käu­fe­rin im Kon­bi­ni ist ei­ne un­ver­hei­ra­te­te Mitt-Drei­ßi­ge­rin, die an­schei­nend nie­mand hei­ra­ten will und die selbst auch nie auf die Idee ge­kom­men ist, sich dem an­de­ren Ge­schlecht se­xu­ell an­zu­nä­hern. Die Ich-Er­zäh­le­rin, Kei­ko Fu­ru­ku­ra, be­müht sich nach Kräf­ten, nor­mal zu sein, das heißt so wie al­le an­de­ren zu sein, aber sie schafft es nicht, schafft es al­len­falls am Rand der Nor­ma­li­tät als un­ver­hei­ra­te­ter free­ter, der schlecht be­zahl­te Teil­zeit­ar­beit ver­rich­tet und in ei­ner win­zi­gen Woh­nung haust. Zieht man da­zu auch die kurz re­ka­pi­tu­lier­te Vor­ge­schich­te die­ser Frau in Be­tracht, Au­ßen­sei­te­rin seit der Grund­schu­le, fällt die Nä­he zu ei­ner an­de­ren Sym­bol­fi­gur der heu­ti­gen ja­pa­ni­schen Ge­sell­schaft auf, dem hi­ki­ko­m­ori, der sich in sei­nem Zim­mer ver­bar­ri­ka­diert und zur Welt kaum noch Be­zie­hun­gen un­ter­hält.1

Wei­ter­le­sen


  1. Die österreichisch-tschechisch-japanische Autorin Milena Michiko Flašar hat dieses Thema in ihrem Roman Ich nannte ihn Krawatte aufgegriffen. 

Ma­rit Heuß: Pe­ter Hand­kes Bild­poe­tik

Marit Heuß: Peter Handkes Bildpoetik

Ma­rit Heuß: Pe­ter Hand­kes Bild­poe­tik

Zu­nächst ein­mal über­rascht das Vo­lu­men der Ar­beit von Ma­rit Heuß’ Werk über die Bild­poe­tik Pe­ter Hand­kes. Es sind – ex­klu­si­ve Li­te­ra­tur- und Ab­bil­dungs­ver­zeich­nung 460 Sei­ten. Von den 61 durch­gän­gig schwarz-wei­ßen Ab­bil­dun­gen sind 50 aus den No­tiz­bü­chern Hand­kes. Zehn zei­gen für Hand­ke es­sen­ti­el­le Kunst­wer­ke, un­ter an­de­rem von Paul Cé­zan­ne, Ni­co­las Pous­sin und Fran­cis­co de Zur­barán.

Heuß hat in akri­bi­scher Re­cher­che Hand­kes No­tiz­bü­cher von En­de 1975 bis Ju­li 1990 im Hin­blick auf Hand­kes Be­schäf­ti­gung mit bil­den­der, ge­nau­er: bild­ne­ri­scher Kunst un­ter­sucht und de­ren Ver­ar­bei­tung schwer­punkt­mä­ßig in sechs Bü­chern un­ter­sucht: Die links­hän­di­ge Frau, Lang­sa­me Heim­kehr, Die Leh­re der Sain­te-Vic­toire, Die Wie­der­ho­lung und Hand­kes Bild­ver­lust-»Pro­jekt (Hand­ke hasst die­ses Wort), wel­ches in zwei Bü­chern mün­de­te: Mein Jahr in der Nie­mands­bucht und Der Bild­ver­lust. Die Si­gna­tur der No­tiz­bü­cher über­nimmt Heuß vom Deut­schen Li­te­ra­tur­ar­chiv in Mar­bach; frü­her da­tier­te Klad­den wer­den so­mit nicht be­rück­sich­tigt.

Die Haupt­the­se des Bu­ches lau­tet, dass »Zeich­nen und Kunst­werk-Re­zep­ti­on« bei Hand­ke in »zwin­gen­der Ab­hän­gig­keit von Schreib­pro­jek­ten« ste­hen und des­sen »Sprach­kunst« be­ein­flus­sen. Die­se auf »die Werk­ge­stalt aus­strah­len­de li­te­ra­ri­sche Ver­fah­rens­wei­se« wird Bild­poe­tik ge­nannt.

Bis da­hin ist es noch ein Weg. Heuß be­ginnt mit der Prä­fi­gu­ra­ti­on, den Zeit­raum vom Be­ginn sei­nes Schrei­bens 1966 bis 1973. An­hand von Hand­kes Erst­ling Die Hor­nis­sen, der Er­zäh­lung Das Um­fal­len der Ke­gel auf ei­ner bäu­er­li­chen Ke­gel­bahn, die als Pro­dukt von Hand­kes de­kon­struk­ti­vi­sti­scher Äs­the­tik ge­se­hen wer­den müs­sen, wird mit dem auf­kei­men­den Er­zäh­len der Rei­se­ge­schich­te Der kur­ze Brief zum lan­gen Ab­schied von 1972 ver­knüpft. Bei al­ler Un­ter­schied­lich­keit ver­ber­ge sich, so Heuß, in al­len drei Tex­ten »ein Glau­be an die Wir­kungs­kraft poe­ti­scher Bild­spra­che«, wo­bei die Au­torin sich vor al­lem – und dies mit Ge­winn – »mit den gei­sti­gen Bil­der der Ima­gi­na­ti­on, die der blin­de Se­her Gre­gor Be­ne­dikt in Hand­kes De­büt­ro­man Die Hor­nis­sen ent­wirft« be­schäf­tigt. Da­bei zeigt Hand­ke in sei­nem Erst­ling den Ver­lust »des ört­li­chen und iden­ti­täts­stif­ten­den Zu­stands durch Aus­fall der Ein­bil­dungs­bild« (wo­bei »Ein­bil­dungs­kraft« nicht mit »Phan­ta­sie« ver­wech­selt wer­den darf) – ein Zu­stand, der mehr als drei­ßig Jah­re spä­ter im Bild­ver­lust wie­der auf­ge­nom­men wer­den soll­te.

Den voll­stän­di­gen Text »Schau­en und Schrei­ben« bei Glanz und Elend le­sen.

Karl Ove Knaus­gård: Der Mor­gen­stern

Karl Ove Knausgård: Der Morgenstern

Karl Ove Knaus­gård:
Der Mor­gen­stern

Es sind zwei Ta­ge En­de Au­gust 2023, in Ber­gen, Nor­we­gen. Neun Per­so­nen stellt Karl Ove Knaus­gård in sei­nem 2020 in Nor­we­gen er­schie­ne­nen Ro­man »Der Mor­gen­stern« vor (deutsch – wie fast im­mer – von Paul Berf). Da ist Ar­ne, der Li­te­ra­tur­pro­fes­sor aus Os­lo mit sei­ner psy­chisch la­bi­len Frau To­ve und den ge­mein­sa­men drei Kin­dern; Ar­nes Freund Egil, ein ge­schei­ter­ter Künst­ler und Do­ku­men­tar­fil­mer, ali­men­tiert von sei­nem rei­chen Va­ter, das be­rühm­te schwar­ze Schaf in der Fa­mi­lie; die Pfar­re­rin Kath­ri­ne, die aus ih­rem ei­gent­lich glück­li­chen Fa­mi­li­en­le­ben war­u­mau­chim­mer aus­bre­chen möch­te; Jo­stein, der ins Kul­tur­res­sort ver­bann­te not­gei­le Kri­mi­nal­jour­na­list und sei­ne Frau Tu­rid, die Nacht­schich­ten in ei­ner psych­ia­tri­schen An­stalt schiebt und Solveig, ei­ne Sta­ti­ons­schwe­ster, die mit ih­ren Pa­ti­en­ten mit­lei­det. Bei al­len un­ter­schied­li­chen Tem­pe­ra­men­ten ge­hö­ren sie der Ge­nera­ti­on En­de 30/Anfang 40 an. Ih­nen wer­den mit Emil, der in ei­nem Kin­der­gar­ten ar­bei­tet und ein Miss­ge­schick ver­schweigt, die mit gro­ßem Ge­sangs­ta­lent aus­ge­stat­te­te Su­per­markt­kas­sie­re­rin Ise­lin und Vi­be­ke, die mit ei­nem 27 Jah­re äl­te­ren Ar­chi­tek­ten ver­hei­ra­tet ist und vom na­he­zu gleich­alt­ri­gen Stief­sohn se­xu­ell be­lä­stigt wird, drei jün­ge­re Fi­gu­ren zur Sei­te ge­stellt. Al­le Fi­gu­ren sind in ih­ren je­wei­li­gen Ka­pi­teln Ich-Er­zäh­ler. Ei­ni­ge er­zäh­len mehr­mals – drei Mal: Ar­ne, Kath­ri­ne, Jo­stein und Tu­rid; Ise­lin und Solveig zwei Mal.

Al­le ver­su­chen im Rah­men ih­rer Mög­lich­kei­ten zu­recht zu kom­men, ha­ben, wie man ins­be­son­de­re von Jo­stein und Egil aber auch der jun­gen Ise­lin er­fährt, auch ei­ni­ge Rück­schlä­ge zu ver­kraf­ten. Aber die bei­den Ta­ge än­dern ih­rer al­ler Le­ben und das hat auch (oder vor al­lem?) mit der neu­en Su­per­no­va zu tun, die sich am Him­mel zeigt, ein glei­ßen­der, wun­der­schö­ner Stern, den man »Mor­gen­stern« nennt, der aber, trotz sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit und Wucht zu­nächst den All­tag nicht be­son­ders be­rührt.

Gra­vie­ren­der sind da die sich häu­fen­den merk­wür­di­gen Er­eig­nis­se, die über die Prot­ago­ni­sten zei­chen- und bis­wei­len fluch­haft ein­bre­chen. Ar­ne er­lebt plötz­lich ei­ne Au­to­stra­ße über­sät mit le­ben­di­gen Kreb­sen. Kath­ri­ne muss nach ei­ner Rück­kehr von ei­nem Kon­gress ei­nen Mann be­er­di­gen, mit dem sie am Tag zu­vor noch im Flug­zeug ge­spro­chen hat­te – und der ihr spä­ter, nach der Be­er­di­gung, wie­der be­geg­net. Vö­gel neh­men Men­schen­ge­sich­ter an, Hir­sche neh­men Dis­ney-Po­sen an, Ma­ri­en­kä­fer über­schwem­men ei­nen Gar­ten, Vö­gel sam­meln sich à la Hitch­cock (aber sie grei­fen nicht an) und von ei­ner vier­köp­fi­gen Ju­gend­band, die mit Na­zi-Sym­bo­len agiert, wer­den drei Mit­glie­der schreck­lich er­mor­det auf­ge­fun­den. Ar­nes Frau köpft ei­ne Kat­ze, um die­sen be­son­ders ge­nau zeich­nen zu kön­nen. Es gibt Er­schei­nun­gen von rie­sen­haf­ten nicht-mensch­li­chen aber auch nicht-tie­ri­schen Ge­stal­ten und Men­schen, die im­mer ver­stimmt wa­ren, sind plötz­lich fröh­lich, an­de­re tau­chen voll­stän­dig in psy­chi­sche De­for­ma­tio­nen ab, wie­der an­de­re ver­schwin­den phy­sisch. Und es gibt den Fall ei­nes kli­nisch to­ten Pa­ti­en­ten, der ur­plötz­lich wie­der zum Le­ben er­wacht, als man schon da­bei ist, ihn auf­zu­sä­gen und sei­ne Or­ga­ne zu ent­neh­men.

Ei­ner­seits schil­dert Knaus­gård die all­täg­li­chen Ver­rich­tun­gen sei­ner Fi­gu­ren mit der ihm ei­ge­nen Hin­ga­be und De­tail­freu­de, an­de­rer­seits rat­tert ein Sus­pen­se-Mo­tor ir­gend­wo zwi­schen Sci­ence Fic­tion, Um­ber­to Eco und Da­vid Lynch. Wo­bei der Le­ser zu­nächst ge­neigt ist, die Ur­tei­le der Prot­ago­ni­sten mit de­nen sie die Merk­wür­dig­kei­ten kom­men­tie­ren, zu über­neh­men: Ent­we­der es sind Halb­schlaf­bil­der, Hal­lu­zi­na­tio­nen oder Aus- bzw. Nach­wir­kun­gen des von ei­ni­gen ex­zes­siv be­trie­be­nen Al­ko­hol­kon­sums. Ein­zig der Mor­gen­stern, des­sen Er­schei­nen al­len zu­gän­gig ist und der dann auch in den Nach­rich­ten the­ma­ti­siert wird, scheint ei­ne fest­ste­hen­de Rea­li­tät zu sein.

Wei­ter­le­sen

Lea Ypi: Frei

Lea Ypi: Frei

Lea Ypi: Frei

Als ich in den 1970er-Jah­ren die Welt des Kurz­wel­len­emp­fangs ken­nen- und lie­ben lern­te, stieß ich zu­erst auf die zahl­rei­chen aus­län­di­schen Sta­tio­nen, die in deut­scher Spra­che sen­de­ten. Sie reich­ten von (dem da­mals sehr be­lieb­ten) Ra­dio Ca­na­da In­ter­na­tio­nal über ei­ne Mis­si­ons­sta­ti­on in Ecua­dor, den bra­si­lia­ni­schen und ar­gen­ti­ni­schen Staats­sen­dern (letz­te­rer war nie zu emp­fan­gen), na­tür­lich der BBC und dem fran­zö­si­schen ORTF, spä­ter Ra­dio Fran­ce In­ter­na­tio­nal, bis zum ja­pa­ni­schen NHK (auch hier im­mer un­glück­li­che Fre­quenz­wahl) und Ra­dio Pe­king, wo nur ein Emp­fangs­be­richt ge­nüg­te, um für län­ge­re Zeit re­gel­mä­ßig die »Pe­king-Rund­schau« zu er­hal­ten (nicht sel­ten in wie­der­ver­schlos­se­nem Um­schlag). Aber vor al­lem die ost­eu­ro­päi­schen Län­der be­müh­ten sich um deut­sche Zu­hö­rer­schaft; schließ­lich war Kal­ter Krieg, wenn auch Ent­span­nungs­zeit. Das Agi­ta­ti­ons­ni­veau war hier durch­aus un­ter­schied­lich. Wäh­rend Ra­dio Prag und Ra­dio War­schau noch ei­ni­ger­ma­ßen er­träg­lich wa­ren, sah es bei Ra­dio Mos­kau schon ein biss­chen an­ders aus. Gänz­lich un­ge­nieß­bar wa­ren je­doch die deutsch­spra­chi­gen Sen­dun­gen von Ra­dio Ti­ra­na aus Al­ba­ni­en, und zwar nicht, weil die Spre­cher die Spra­che nicht be­herrsch­ten (im Ge­gen­teil), son­dern weil es vor ‑Is­men der­art wim­mel­te, das ei­nem nach kur­zer Zeit der Kopf schwirr­te.

Al­ba­ni­en war un­ge­fähr ab Mit­te der 1970er Jah­re kom­plett iso­liert. En­ver Hoxha, der kom­mu­ni­sti­sche Staats­füh­rer, hat­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg rasch mit Ju­go­sla­wi­en ge­bro­chen und ver­bün­de­te sich da­nach mit der sta­li­ni­sti­schen UdSSR. In den 1960er Jah­ren schwenk­te man um, trat aus dem War­schau­er Pakt aus und von nun an war Chi­na der Ver­bün­de­te. Schließ­lich brach man auch die­se Ko­ope­ra­ti­on ab; über­all wit­ter­te man Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re oder Ver­rä­ter. Im KSZE-Pro­zess, der 1975 in der Schluss­ak­te von Hel­sin­ki mün­de­te, war es ne­ben An­dor­ra das ein­zi­ge Land, wel­ches nicht teil­nahm. Die Iso­la­ti­on war ge­wollt; Al­ba­ni­en soll­te ein aut­ar­kes Land wer­den. Der An­spruch war, den rei­nen Kom­mu­nis­mus zu im­ple­men­tie­ren. Es war da­mals das, was heu­te Nord­ko­rea ist.

Aus die­sem glück­li­cher­wei­se längst ver­gan­ge­nen Al­ba­ni­en er­zählt nun die 1979 ge­bo­re­ne Lea Ypi in ih­rem Buch »Frei« mit dem pa­the­ti­schen, aber zu­tref­fen­den Un­ter­ti­tel »Er­wach­sen­wer­den am En­de der Ge­schich­te«. Es be­ginnt im De­zem­ber 1990, als die da­mals Elf­jäh­ri­ge, voll­kom­men ma­ni­pu­liert und kon­di­tio­niert durch die Schu­le im Sin­ne der Dok­trin des Par­tei­ap­pa­ra­tes, die über­le­bens­gro­ße Sta­lin-Sta­tue im Park ih­rer Hei­mat­stadt Dur­rës be­sucht und sich be­rauscht an der ihr über­mit­tel­ten Bot­schaft des gut­mü­ti­gen Vä­ter­chens Sta­lin. Merk­wür­dig nur, dass die Fi­gur der Kopf fehl­te. Die Ich-Er­zäh­le­rin Lea (Ähn­lich­kei­ten mit der Au­torin sind nicht nur ge­wünscht, son­dern ge­bo­ten) glaub­te, dass man die­sen zur Re­pa­ra­tur nach den Be­schä­di­gun­gen der letz­ten Ta­ge durch die »Hoo­li­gans« ge­bracht ha­be.

Wei­ter­le­sen

An­dré Dhô­tel: Ber­nard der Faul­pelz

André Dhôtel: Bernard der Faulpelz

An­dré Dhô­tel:
Ber­nard der Faul­pelz

»Ber­nard ar­bei­te­te in ei­nem Bü­ro im er­sten Stock der Fir­ma Bar­rau­dat. Ber­nard Cas­min war der Sohn ei­nes Volks­schul­leh­rers, der im Dé­part­ment Som­me ge­ar­bei­tet hat­te und dort nun im Ru­he­stand leb­te. Er hat­te sie­ben Brü­der, die al­le­samt recht gut da­stan­den.«

So be­ginnt An­dré Dhô­tels 1952 erst­ma­lig in Frank­reich er­schie­ne­ner Ro­man »Ber­nard der Faul­pelz«. Ber­nard galt als höf­lich, hat­te aber nur we­ni­ge Freun­de. Zwei da­von, die Ge­schwi­ster Lan­ce, wa­ren ge­ra­de nach Ma­da­gas­kar aus­ge­wan­dert. In Ma­ri­et­te hat­te er sich ein biss­chen ver­liebt, was spä­ter im Ro­man noch ei­ne Rol­le spielt. Man könn­te Ber­nard auf Anfang/Mitte 20 schät­zen. Die Zeit, in der der Ro­man spielt (es geht über meh­re­re Jah­re), bleibt zwar un­klar, aber es dürf­te sich um die 1920er Jah­re han­deln. Als Ort wird die fik­ti­ve Klein­stadt Bau­theuil und, spä­ter, in des­sen Um­ge­bung ge­nannt. Ob An­dré Dhô­tel (1900–1991) die Land­schaft der Ar­den­nen pa­ra­phra­siert, in der er auf­wuchs und im­mer wie­der zu­rück­kehr­te, ist nicht klar.

Zu sei­nen El­tern und Brü­dern hat­te Ber­nard nur spo­ra­disch brief­li­chen Kon­takt; Be­su­che wer­den nicht er­wähnt. Zu Be­ginn der Er­zäh­lung leb­te er bei den Ga­rois’, sei­nen Cou­sins, die ein bür­ger­li­ches, dörf­li­ches Le­ben führ­ten und de­nen Ber­nard die An­stel­lung beim an­ge­se­he­nen Tuch­händ­ler Bar­rau­dat ver­dank­te. Cou­si­ne Noé­mi schmie­de­te im Stil ari­sto­kra­ti­scher Hei­rats­po­li­tik des 19. Jahr­hun­derts Plä­ne für Ber­nard. So soll­te er sich mit Estel­le Jar­rau­det, ei­ner 18jährigen Toch­ter aus wohl­ha­ben­der Fa­mi­lie, ver­hei­ra­ten. Sie ver­brei­te­te be­reits dem­entspre­chen­de Nach­rich­ten als Ge­wiss­hei­ten.

Den voll­stän­di­gen Text »Das Wun­der­ba­re in der Welt des Klei­nen« bei Glanz und Elend le­sen.

Schwar­ze Blu­men? Wei­ße Blu­men? Blaue Blu­men!

»Das Licht spielt auf je­der Haut an­ders; bei je­dem Men­schen, in je­dem Mo­nat und an je­dem Tag.« (Yo­ko Ta­wa­da)

1

Phil­ip Roth hat das al­les kom­men se­hen, als er ge­gen En­de des 20. Jahr­hun­derts Der mensch­li­che Ma­kel schrieb. In die­sem Ro­man, dem drit­ten Teil sei­ner »ame­ri­ka­ni­schen Tri­lo­gie«, gibt sich ein jun­ger, re­la­tiv hell­häu­ti­ger Afro-Ame­ri­ka­ner na­mens Co­le­man Silk 1944 bei der US-Ar­mee als Wei­ßer aus und bleibt bis zum En­de sei­nes Le­bens bei die­ser Lü­ge. Im ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch be­zeich­net man ei­nen sol­chen Schritt, der in der Wirk­lich­keit gar nicht so sel­ten vor­kam, als pas­sing. Nach sei­nem Tod im Jahr 1998 be­merkt Co­lem­ans (dun­kel­häu­ti­ge­re) Schwe­ster im Ge­spräch mit dem Er­zäh­ler, daß En­de des 20. Jahr­hun­derts »kein in­tel­li­gen­ter Ne­ger aus der Mit­tel­schicht« die ras­si­sche Selbst­zu­ord­nung wech­seln wür­de. »Heu­te ist es nicht vor­teil­haft, so et­was zu tun, so wie es da­mals eben sehr wohl vor­teil­haft war.«

Wenn schon pas­sing , dann in die an­de­re Rich­tung. Aus Weiß mach Schwarz oder ei­ne an­de­re Far­be, war­um nicht Rot – das könn­te doch vor­teil­haft sein, wenn es dar­um geht, ein Uni­ver­si­täts­sti­pen­di­um oder Wäh­ler­stim­men zu be­kom­men. So mach­ten es die de­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ke­rin Eliza­beth War­ren, die be­haup­te­te, in­dia­ni­sche Vor­fah­ren zu ha­ben, oder die Hi­sto­ri­ke­rin Jes­si­ca Krug, die sich un­ter an­de­rem als Afro-Pu­er­to­ri­ka­ne­rin aus­gab, oder die Künst­le­rin und Po­li­tak­ti­vi­stin Ra­chel Do­le­zal, die mitt­ler­wei­le als Fri­sö­rin jobbt, nach­dem ihr Be­trug als »schwar­ze« Stu­den­tin an der tra­di­tio­nell afro-ame­ri­ka­ni­schen Howard Uni­ver­si­ty auf­ge­flo­gen war. Wenn man es als Be­trug auf­fas­sen will, denn Do­le­zal selbst meint, ras­si­sche Zu­ge­hö­rig­keit – den Ame­ri­ka­nern geht das Wort »race« leicht über die Lip­pen – sei kei­ne bio­lo­gi­sche Fra­ge, son­dern ei­ne der per­sön­li­chen Ent­schei­dung und der So­zia­li­sie­rung.

Do­le­zal ist üb­ri­gens jü­di­scher Her­kunft. In Eu­ro­pa, be­son­ders in Deutsch­land und Öster­reich, wur­den Ju­den aus ras­si­schen Grün­den ver­folgt und schließ­lich er­mor­det. In den USA gel­ten sie als »weiß«, und sie selbst se­hen sich wohl mei­stens auch so. Co­le­man Silk, der Held in Phil­ip Roths Ro­man, gibt sich nicht als ir­gend­ein Wei­ßer aus, son­dern als Ju­de. Und zu­fäl­lig hat auch er an der Howard Uni­ver­si­ty stu­diert, wenn­gleich nur ei­ne Wo­che lang, vor sei­nem Ein­tritt in die Na­vy. Er hielt den Ras­sis­mus im da­ma­li­gen Wa­shing­ton D. C. nicht aus und ent­zog sich dem bren­nen­den Wunsch sei­nes Va­ters, ei­nes »be­ken­nen­den« Schwar­zen, an die­ser Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wird Co­le­man auf pa­ra­do­xe Wei­se von sei­ner Her­kunft ein­ge­holt. Nach­dem er lan­ge Zeit De­kan ei­ner klei­ne­ren Uni­ver­si­tät ge­we­sen ist, wird ihm der Vor­wurf des Ras­sis­mus ge­macht, und dar­über ver­liert er sei­ne (jü­di­sche) Frau und sei­ne Stel­lung am Col­le­ge. Iro­nie des Schick­sals, Iro­nie der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schich­te. Der sy­ste­mi­sche An­ti­ras­sis­mus ist ras­si­stisch ge­wor­den und bringt ei­nen Mann mit afro-ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln zu Fall.

Who­opi Gold­berg, die dun­kel­häu­ti­ge Schau­spie­le­rin, ist nicht ras­si­stisch, sie ist nur et­was na­iv und viel­leicht, im Un­ter­schied zu Co­le­man Silk, nicht sehr ge­bil­det. Die Ver­fol­gung der Ju­den durch die Na­zis sei ein Pro­blem un­ter Wei­ßen ge­we­sen, sag­te sie An­fang 2022 in ih­rer TV-Show. Nun ja, vie­le Ju­den ha­ben ei­ne eher hel­le Haut­far­be – und für Gold­berg ist »Ras­se« gleich­be­deu­tend mit Haut­far­be. Ihr Fa­mi­li­en­na­me klingt deutsch-jü­disch, doch ih­re Vor­fah­ren, so­weit man et­was über sie weiß, wa­ren Afro-Ame­ri­ka­ner. Fünf Jah­re zu­vor ko­ket­tier­te sie in ei­nem In­ter­view mit ih­rem Jü­disch-Sein; sie spre­che oft zu Gott, sag­te sie, ließ aber of­fen, zu wel­chem.

Wei­ter­le­sen