Xa­ver Bay­er: Hauch

Xaver Bayer: Hauch
Xa­ver Bay­er: Hauch

Viel ist es nicht, was der Le­ser aus Xa­ver Bay­ers neu­em Ro­man Hauch über die Prot­ago­ni­sten Veit und Do­ra er­fährt. Er ist ein mit dem Li­te­ra­tur­be­trieb ha­dern­der, der­zeit ver­stumm­ter Schrift­stel­ler. Sie über­setzt (so­wohl Si­mul­tan als auch Tex­te) und schreibt Ge­dich­te. Bei­de dürf­ten le­bens­er­fah­ren sein. Sind sie ver­hei­ra­tet oder nur li­iert? Egal. Es gibt ei­ne Ver­ein­ba­rung: Man trennt sich für ein Jahr. Veit geht aufs Land, zieht in den klei­nen, längst still­ge­leg­ten Land­wirt­schafts­be­trieb sei­nes Groß­va­ters, ein al­tes Haus, von dem die Dorf­kin­der im Vor­über­ge­hen er­zäh­len, es woh­ne dort nie­mand mehr. Do­ra bleibt in der Stadt, geht ih­rem Be­ruf nach. Ih­ren ge­gen­sei­ti­gen Kon­takt hal­ten sie aus­schließ­lich durch Brie­fe (oder Kar­ten) auf­recht. Die rund 140 Nach­rich­ten sind un­da­tiert; aus der Schil­de­rung des Wet­ters oder ty­pi­scher Jah­res­er­eig­nis­se ent­steht beim Le­ser lang­sam ei­ne zeit­li­che Über­sicht. Es be­ginnt stets mit »Lie­ber« oder »Lie­be« und en­det mit »Dei­ne« oder »Dein«. Sel­ten gibt es ei­nen Gruß. For­ma­li­en braucht es nicht. Bis auf drei Aus­nah­men er­fol­gen die Brie­fe im re­gel­mä­ßi­gen Wech­sel.

Hauch ist trotz die­ses Set­tings kein Schrift­stel­ler- oder In­tel­lek­tu­el­len­ro­man. War­um es zu die­sem Tren­nungs­jahr kommt, bleibt eben­so un­er­ör­tert wie die Re­fe­renz auf die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se ins­be­son­de­re von Veit, der kei­ne Ein­nah­men zu ha­ben scheint, wäh­rend Do­ra Auf­trä­ge er­hält und auch zu Ver­an­stal­tun­gen fährt. Das Brie­fe­schrei­ben wird zum Selbst­ver­ständ­lich­sten und, mit der Zeit, wo­mög­lich so­gar Wich­tig­sten auf der Welt. Veit schreibt sei­ne Na­tur­be­trach­tun­gen mit der Hand auf und über­trägt sie da­nach in den Lap­top, der zu­nächst auch als Nach­rich­ten­me­di­um dient. Im Lauf der Zeit ver­wen­det er ihn wie auch sei­nen Welt­emp­fän­ger im­mer sel­te­ner. Nach­rich­ten­ak­tua­li­tä­ten will er aus­blen­den; der Ta­ges­lauf bei sich ge­nügt ihm.

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Mar­kus Sch­lein­zer: Ro­se

Markus Schleinzer: Rose - © Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
Mar­kus Sch­lein­zer: Ro­se
© Schu­bert, ROW Pic­tures, Walker+Worm Film,
Ge­rald Ker­kletz

Ex­akt 250 Jah­re vor sei­ner Ge­burt, so be­rich­tet der Re­gis­seur Mar­kus Sch­lein­zer zur Ent­ste­hung des Films Ro­se (oder, wie er bis­wei­len ge­schrie­ben wird, ROSE) sei in Hal­ber­stadt ei­ne Frau hin­ge­rich­tet wor­den, die sich als Mann aus­ge­ge­ben hat­te und der »So­do­mie« (gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be) schul­dig ge­spro­chen wur­de. Es war nicht ganz so sel­ten, dass sich durch die Jahr­hun­der­te hin­weg Frau­en min­de­stens zwi­schen­zeit­lich als Män­ner ver­klei­de­ten, gab es doch durch­aus so­zia­le und ge­sell­schaft­li­che Vor­tei­le. Auch konn­te man da­mit der Ge­fahr ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung ent­kom­men.

Sch­lein­zer ver­la­gert die ihm zu­ge­tra­ge­ne Ge­schich­te von 1721 in die un­mit­tel­ba­re Nach­kriegs­zeit des »30-jäh­ri­gen Krie­ges« (sic!). Ro­se be­schloss, so die Er­zäh­le­rin zu Be­ginn, »dem Sol­da­ten­da­sein den Rücken zu keh­ren«, kommt als »Herr« kommt in ein Dorf und legt Pa­pie­re vor, die be­le­gen, dass »er« der recht­mä­ßi­ge Er­be des Ho­fes ist, auf dem er sei­ne Kind­heit ver­bracht hat­te. Die Pa­pie­re sind echt, aber Skep­sis ist groß, man will ihn aus­zah­len, aber er will blei­ben, er­zählt, er sei lan­ge im Krieg ge­we­sen und möch­te sich jetzt in die­ser »herr­li­chen Ge­mein­de« nie­der­las­sen.

Der Hof ist in ei­nem schlech­ten Zu­stand, muss her­ge­rich­tet wer­den. Man hilft dem »Son­der­ling«, das »Geld nahm man ger­ne«, wie die Er­zäh­le­rin kon­sta­tiert. Sie sagt nicht, wo das Geld her­kommt. Ro­ses Ge­sicht ist ent­stellt und sie po­siert da­mit, dass man ihr »durchs Maul« ge­schos­sen ha­be und zeigt die Ge­schoss­hül­se, die sie um den Hals trägt.

Mit zwei Er­eig­nis­sen ge­lingt es, die Ak­zep­tanz im Dorf zu fe­sti­gen. Zum ei­nen stellt Ro­se bei ei­nem Un­wet­ter groß­zü­gig den Hof als Un­ter­stell­platz für die flüch­ten­den Scha­fe zur Ver­fü­gung. Und schließ­lich er­schießt sie/er ei­ne Bä­rin, die ei­ne Dorf­be­woh­ne­rin an­ge­grif­fen hat­te. Aus dem Fell fer­tigt man »dem Her­ren« Um­hang, Kra­gen und Kap­pe.

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Rei­se­pro­to­kol­le

»Und im­mer noch hal­te ich mit den Ver­lie­rern.« (Pe­ter Hand­ke, Im­mer noch Sturm)

Thomas Deichmann: Durch Jugoslawien im roten Peugeot - Band 1
Tho­mas Deich­mann: Durch Ju­go­sla­wi­en im ro­ten Peu­geot – Band 1

Durch Ju­go­sla­wi­en im ro­ten Peu­geot nennt der ehe­ma­li­ge Jour­na­list Tho­mas Deich­mann sei­ne zwei­bän­di­ge Schrift über die Rei­sen von, mit und zu Pe­ter Hand­ke zwi­schen 1995 und 2021. Der ro­te Peu­geot ge­hört Zlat­ko Bo­co­kić, den Pe­ter Hand­ke in den 1980er Jah­ren in Salz­burg ken­nen­lern­te und der als Pla­ner, Über­set­zer und Fah­rer der Rei­sen Hand­kes fun­gier­te. (Kurz­zei­tig ver­such­te er sich auch als Ma­ler un­ter dem Pseud­onym Adri­an Brau­er.) Zen­tral im er­sten Band sind Be­rich­te über 25 Rei­sen1, von de­nen 22 ins ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en führ­ten. Tho­mas Deich­mann be­glei­te­te Pe­ter Hand­ke ins­ge­samt 18 Mal bei die­sen Rei­sen. Die bei­den lern­ten sich 1996 in Frank­furt ken­nen; ich war auch an­we­send und die Tu­mul­te in bei­de Rich­tun­gen sind mir heu­te noch im Ohr. Hand­ke las hier aus sei­ner Win­ter­li­chen Rei­se2 vor, ei­ne Li­te­r­a­ri­sie­rung der (ver­mut­lich) er­sten Rei­se ins zer­fal­len­de Ju­go­sla­wi­en, die vom 30. Ok­to­ber bis 8. No­vem­ber 1995 statt­fand. Auch die­se Rei­se fin­det Auf­nah­me in Deich­manns Buch, frei­lich nur als kur­ze Nach­er­zäh­lung der Fak­ten.

Ne­ben Bo­co­kić war auch häu­fi­ger der in Köln le­ben­de ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Wel­le Žar­ko Rad­ako­vić da­bei, der et­li­che Bü­cher Hand­kes ins Ser­bi­sche über­setzt hat. Der ame­ri­ka­ni­sche Ger­ma­nist Scott Ab­bott nahm ein Mal an ei­ner sol­chen Un­ter­neh­mung teil. Drei Mo­na­te nach dem Ken­nen­ler­nen war Deich­mann das er­ste Mal da­bei. Die ein­zel­nen Tou­ren wa­ren häu­fig im­pro­vi­siert und er­folg­ten spon­tan. Drei Rei­sen un­ter­nahm Deich­mann al­lei­ne; ein­mal nach Cha­ville zu Hand­ke und zwei Mal be­such­te er Bo­co­kić in sei­nem Hei­mat­dorf Po­ro­din. Er­gänzt wird Band 1 durch ei­ne kur­ze Auf­li­stung der Ju­go­sla­wi­en-Bü­cher Hand­kes und ei­ni­ge Ex­kur­se, über die noch zu re­den sein wird. Band 2 zeigt auf knapp 250 Sei­ten Hun­der­te von Fo­tos, die wäh­rend der Rei­sen ent­stan­den sind; Schnapp­schüs­se, Im­pres­sio­nen und Be­geg­nun­gen. Je­der Band hat ein Personen‑, Orts- und so­gar Klo­ster- und Fluss­re­gi­ster.

Fra­gen

Par­al­lel zu den Rei­se­dar­stel­lun­gen gibt es chro­no­lo­gi­sche Ein­schü­be über die wich­tig­sten Er­eig­nis­se im aus­ein­an­der­bre­chen­den Ju­go­sla­wi­en so­wie den Schrif­ten und Äu­ße­run­gen Hand­kes. Deich­mann lässt hier nichts aus, er­wähnt auch Hand­kes Wut­aus­brü­che und »Ver­haspler«. An be­son­de­ren Stel­len wird aus sei­nen Bü­chern zi­tiert. Zu Be­ginn gibt es ei­nen kur­zen Ab­riss der Er­eig­nis­se des Zer­falls und der Krie­ge in Ju­go­sla­wi­en. Deich­mann be­müht sich um neu­tra­le Dar­stel­lun­gen, lässt im ein oder an­de­ren Fall al­ler­dings ab­wei­chen­den Hy­po­the­sen gro­ßen Raum. Da­bei wird – par­al­lel zu den kri­ti­sier­ten Me­di­en – eben­falls bis­wei­len die Vo­ka­bel »um­strit­ten« an­ge­wen­det.

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  1. Der Text über die Ausführungen zum Literaturnobelpreis an Handke ist kein Reisebericht. 

  2. Der Buchtitel lautet vollständig: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien

Emp­feh­lungs­ma­schi­ne

Vor ei­ni­gen Ta­gen war es wie­der so­weit: Der öster­rei­chi­sche Ger­ma­ni­stik-Pro­fes­sor Klaus Kast­ber­ger stell­te auf Face­book Fo­tos on­line, auf de­nen ein ein Reh zu se­hen ist, wel­ches sich sei­nem Grund­stück schüch­tern nä­hert. Von Fall zu Fall sieht man das Reh recht gern und ich dach­te, dass die­ses Reh von Herrn Kast­ber­ger häu­fi­ger zu se­hen ist als Li­te­ra­tur­kri­tik im deut­schen Fern­se­hen. Was ak­tu­ell ja ein The­ma ist.

Zu­ge­ge­ben, dass neu­lich er­schie­ne­ne Buch über Li­te­ra­tur­kri­tik ha­be ich nicht ge­le­sen und es war wie­der Klaus Kast­ber­ger, der mo­nier­te, dass nicht ein­mal die Ver­an­stal­tung des Bach­mann-Prei­ses vor­kommt und ich dach­te mir, dass bei al­ler Hä­me, die die­ser Wett­be­werb so er­fährt, tat­säch­lich hier noch Mo­men­te von Li­te­ra­tur­kri­tik auf­pop­pen, was na­tür­lich stark an den je­wei­li­gen Ju­ror, die je­wei­li­ge Ju­ro­rin ge­bun­den ist. Aber sonst?

Der An­lass die­ser Ge­dan­ken ist je­ne Cau­sa De­nis Scheck ge­gen El­ke Hei­den­reich bzw. So­phie Pass­mann und Il­di­kó von Kür­thy. Frau Hei­den­reich spiel­te sich wie­der ein­mal als Statt­hal­te­rin der Li­te­ra­tur im Fern­se­hen auf, for­dert die Ab­set­zung von Druck­frisch und führt nicht nur Schecks flot­te Sprü­che zu den Best­sel­lern von Pass­mann und Kür­thy an, son­dern kri­ti­siert auch – und jetzt wird es wirk­lich lu­stig – das Scheck noch »nie ein klu­ges Buch« pu­bli­ziert ha­be und ich dach­te mir (ich dach­te recht viel, scheint mir), dann gibt es ja da durch­aus Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen Euch und das ist ja min­de­stens mal ein An­fang.

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Ed­win Frank: Stran­ger than Fic­tion

»Das 20. Jahr­hun­dert in 30 Ro­ma­nen« ver­spricht der ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ed­win Frank in sei­nem 2024 pu­bli­zier­ten Buch Stran­ger than Fic­tion, das nun von Mat­thi­as Wir­then­sohn ins Deut­sche über­setzt vor­liegt. Der Ver­lag hat den eng­li­schen Ti­tel bei­be­hal­ten. Das mag dar­an lie­gen, weil er mehr­deu­tig und da­mit schwer poin­tiert über­setz­bar ist. Wört­li­che Über­tra­gun­gen wie »Selt­sa­mer als Fik­ti­on« ...

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Pas­cal Mer­cier: Der Fluss der Zeit

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit
Pas­cal Mer­cier: Der Fluss der Zeit

Vom 2023 ver­stor­be­nen Pas­cal Mer­cier kennt man vor al­lem den Nacht­zug nach Lis­sa­bon, sein größ­ter Er­folg; ver­filmt mit Je­re­my Irons und Bru­no Ganz, wo­bei der Au­tor mit der Um­set­zung sei­nes Ro­mans ins­be­son­de­re was die Dia­lo­ge an­ging, ha­der­te, um es freund­lich aus­zu­drücken. Mer­ciers Werk blieb mit ins­ge­samt vier Ro­ma­nen und ei­ner No­vel­le über­schau­bar. Nun wer­den erst­mals fünf klei­ne Er­zäh­lun­gen aus dem Nach­lass un­ter dem Ti­tel Der Fluss der Zeit pu­bli­ziert.

In Die Über­ga­be gibt es ei­nen Mann, der in ein Pfle­ge­heim über­sie­deln muss und sein seit 99 Jah­ren in der Fa­mi­lie be­find­li­ches Haus an die neu­en Käu­fer über­ge­ben möch­te. Es ent­wickelt sich ei­ne von ihm in­sze­nier­te, stun­den­lan­ge, selt­sa­me Füh­rung durch die Räum­lich­kei­ten. Kurz nach der Ver­ab­schie­dung klin­gelt der Mann noch mehr­mals, um das ein oder an­de­re noch zu kor­ri­gie­ren oder Ver­ges­se­nes mit­zu­neh­men, um dann, als letz­te Ge­ste, et­was Merk­wür­di­ges zu tun.

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Pe­ter Slo­ter­di­jk: Der Fürst und sei­ne Er­ben

Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben
Pe­ter Slo­ter­di­jk: Der Fürst und sei­ne Er­ben

Kei­ne Fra­ge, das Co­ver ist ein Hin­gucker. Do­nald Trump als Re­nais­sance-Fürst, der Ge­sichts­aus­druck ru­hig, ein Fin­ger zeigt zu­rück. Ein Fürst und sei­ne Er­ben lau­tet der Ti­tel des Es­says von Pe­ter Slo­ter­di­jk und un­ter­sucht wer­den sol­len die »gro­ßen Män­ner im Zeit­al­ter der ge­wöhn­li­chen Leu­te«. Bei Slo­ter­di­jk pas­siert dies na­tür­lich in Sprün­gen und Rucken, die bis­wei­len Ver­wir­rung stif­ten und den­noch auch Er­kennt­nis­se bie­ten.

Ei­ne die­ser Er­kennt­nis­se lau­tet, dass die Für­sten »wie­der da« sind. Und das wird ei­nem ge­gen En­de ei­nen dicken Kloß im Hals zu­rück­las­sen. Bis da­hin wird hef­tig hin- und her­ge­schal­tet; man fühlt sich an Sport­kon­fe­ren­zen er­in­nert, nur sind es hier Zeit­ebe­nen. Vom Ein­tau­chen in Ma­chia­vel­lis Schrift Der Fürst geht es über die Um­trie­be von Papst Alex­an­der VI. zur fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on und Rous­se­au, macht ei­ne kur­ze Vi­si­te bei Carl Schmitt, ra­stet kurz im gol­de­nen Zeit­al­ter der Ver­fas­sungs­recht­ler und dann geht’s wie­der zu­rück ins 19. Jahr­hun­dert und der Po­li­tik des Ab­sur­den be­vor sor­gen­voll auf die Ge­gen­wart ge­schaut wird.

Slo­ter­di­jk re­fe­riert, dass die Ver­trei­bung aus dem Pa­ra­dies nur der er­ste von drei Sün­den­fäl­len der Mensch­heit war. Als zwei­ter Sün­den­fall wird »die frei­wil­li­ge Un­ter­ord­nung un­ter die je­wei­li­ge Ob­rig­keit«, der »Sturz in den hier­ar­chi­sier­ten Staat«, aus­ge­macht. Ver­mut­lich ei­ne zwangs­läu­fi­ge Maß­nah­me, ein Kol­la­te­ral­scha­den der Sess­haf­tig­keit des Men­schen. Es be­gann nun der Auf­stieg de­rer, die sich Für­sten nann­ten, Dy­na­stien grün­de­ten, Kö­ni­ge und Kai­ser her­vor­brach­ten. Die fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on mach­te dann aus dem Un­ter­ta­nen den Bür­ger. Der drit­te Sün­den­fall wur­de von Rous­se­au und sei­ner Er­fin­dung des »Volks« ein­ge­läu­tet. So wur­de statt des Für­sten der Bür­ger zum Sou­ve­rän er­klärt. Es bil­det sich das, was Slo­ter­di­jk »Ver­ti­ka­li­tät« nennt. Sie wird (in den Staa­ten, die wir »We­sten« nen­nen) in­zwi­schen als De­mo­kra­tie or­ga­ni­siert, d. h. die »Ka­ko­pho­nie zer­split­ter­ter Wil­lens­stim­men« wird in ein ge­mein­schafts­tra­gen­des Kon­zept ein­ge­bun­den. Die wohl zu tra­gen­de Fol­ge ist die per­ma­nen­te Dro­hung der »Ver­kle­bung der Ein­zel­nen in ihr Kol­lek­tiv«.

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Brief­wech­sel Pe­ter Hand­ke / Man­fred Osten

Man­fred Osten war seit 1970 im Aus­wär­ti­gen Amt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land tä­tig (am En­de Le­ga­ti­ons­rat I. Klas­se) und von 1995–2004 Ge­ne­ral­se­kre­tär der Alex­an­­der-von-Hum­­boldt-Stif­tung. Ab Mit­te der 1990er Jah­re er­schie­nen bei dctp ei­ni­ge Ge­sprä­che Ostens mit Alex­an­der Klu­ge vor al­lem über Jo­hann Wolf­gang Goe­the, aber auch über die ja­pa­ni­sche Kul­tur. Osten gilt als au­to­di­dak­tisch ge­schul­ter Goe­the ...

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