Pe­ter Hand­kes An­ti­fa­schis­mus

Im Ju­li 1989 schrieb Pe­ter Hand­ke ei­ne »Epopöe«, ei­ne ganz kur­ze Er­zäh­lung, die am Bahn­hof Per­rache in Ly­on spielt. So wie Hand­ke es ge­braucht, be­deu­tet das ur­sprüng­lich grie­chi­sche Wort »klei­nes Epos« (ob­wohl dies nicht den Aus­künf­ten der Wör­ter­bü­cher ent­spricht). Wir be­geg­nen hier dem Er­zäh­ler in ei­nem Ho­tel­zim­mer und er­fah­ren, was er beim Blick aus dem Fen­ster sieht: ein gro­ßes Gleis­feld, die blas­se Mond­schei­be, Schwal­ben, ei­nen Wohn­block, zu­letzt ei­nen blau­en Fal­ter. We­ni­ge Men­schen, al­le­samt Ei­sen­bah­ner mit Ak­ten­ta­sche auf dem Heim­weg. Nach ei­ner Wei­le fällt dem Er­zäh­ler ein, daß es das Ho­tel Ter­mi­nus ist, in dem er sich ein­ge­mie­tet hat, und er er­in­nert sich, daß Klaus Bar­bie sei­ner­zeit hier sein Un­we­sen ge­trie­ben hat­te. Es war noch nicht so lan­ge her, daß in Ly­on ein Pro­zeß ge­gen den deut­schen Folter­herrn statt­ge­fun­den hat­te, bei dem er we­gen Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit an­ge­klagt war. Hand­ke hat­te die Un­ta­ten, über die 1987 viel be­rich­tet wor­den war, zwei­fel­los noch frisch im Sinn.

Pe­ter Hand­ke, in Grif­fen ge­bo­ren, Sohn ei­nes deut­schen Wehr­machts­sol­da­ten, ver­brach­te als Klein­kind ei­ni­ge Zeit in Ber­lin und er­leb­te Bom­ben­an­grif­fe auf die Stadt so­wie die Trüm­mer­land­schaft nach dem Krieg. Ei­gent­lich hat­te er so­gar zwei deut­sche Vä­ter; über den Zieh­va­ter, mit dem er in Kärn­ten auf­wuchs, kann man in Wunsch­lo­ses Un­glück ei­ni­ges nach­le­sen (das nicht voll­stän­dig der bio­gra­phi­schen Wirk­lich­keit ent­spricht, wie Mal­te Her­wig in sei­ner Hand­ke-Bio­gra­phie zei­gen konn­te). In sei­ner Ju­gend stell­te sich Hand­ke ge­gen die­sen Va­ter, er war ihm schon früh gei­stig über­le­gen und ver­ach­te­te ihn. Die spä­te­re Be­geg­nung mit dem er­sten, dem leib­li­chen Va­ter, im Ver­such über die Juke­box ge­schil­dert, ver­lief an­ge­spannt, die bei­den konn­ten nichts mit­ein­an­der an­fan­gen. Als Pe­ter dann be­rühmt wur­de – »weltbe­rühmt«, wie er es vor­hat­te, wur­de er et­was spä­ter –, ging er aus Öster­reich nach Deutsch­land, doch schon da­mals lieb­äu­gel­te er mit Pa­ris als Wohn­ort. Erst nach sei­ner sprach­ex­pe­ri­men­tel­len und pop­li­te­ra­ri­schen Pha­se be­gann Hand­ke, sich mit sei­ner slo­we­ni­schen Fa­mi­li­en­ge­schich­te aus­ein­an­der­set­zen. Die­se Wen­dung oder Rück­wen­dung zum Slo­we­ni­schen ist nicht zu­letzt be­dingt durch sein schwie­ri­ges und küh­les Ver­hält­nis, das er zu Deutsch­land hat­te, auch und be­son­ders zur na­hen deut­schen Ver­gan­gen­heit, zum so­ge­nann­ten Drit­ten Reich. Die pro­non­cier­te Ab­leh­nung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und die ih­rer­seits iden­ti­täts­bil­den­de Fra­ge nach der Ver­ant­wor­tung der Vä­ter für die Ver­bre­chen teil­te Hand­ke frei­lich mit den mei­sten jun­gen Leu­ten sei­ner Ge­nera­ti­on, sie spielt bei vie­len deut­schen und öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lern ei­ne wich­ti­ge Rol­le; bei Hand­ke je­doch auf ei­ne ei­gen­tüm­li­che Wei­se, we­ni­ger in po­li­ti­schen State­ments als in ei­ner tief­grei­fen­den li­te­ra­ri­schen Re­ak­ti­on auf die krie­ge­ri­sche Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts.

Als Hand­ke im Zug sei­ner Wen­de zum Klas­si­schen, zu Goe­the, Cé­zan­ne und Stif­ter, zur ge­las­se­nen Er­for­schung der For­men und schließ­lich zu dem fand, was Scho­pen­hau­er als »rei­ne An­schau­ung« be­zeich­ne­te, stell­te das »Neun­te Land« aus dem slo­we­ni­schen Mär­chen für ihn ei­ne kon­kre­te Uto­pie dar, und es zog ihn wie selbst­ver­ständ­lich nach Sü­den, über die Gren­ze, nach Slo­we­ni­en, das zu Ju­go­sla­wi­en ge­hör­te, ein po­li­ti­sches Ge­bil­de, für das Hand­kes Groß­va­ter bei der Kärnt­ner Ab­stim­mung 1920 op­tiert hat­te. Noch in dem In­ter­view, das Ul­rich Grei­ner un­längst für die ZEIT ge­führt hat, be­tont Hand­ke die­se slo­we­ni­sche Her­kunft: »Ich bin Ju­go­sla­we von mei­ner Mut­ter her und vom Bru­der mei­ner Mut­ter, der in Ma­ri­bor stu­diert hat­te«, und er er­in­nert an die Hal­tung des Groß­va­ters nach dem er­sten Welt­krieg, als das Kö­nig­reich Ju­go­sla­wi­en ge­grün­det wor­den war. Der Weg des jun­gen Fi­lip Ko­bal im Ro­man Die Wie­der­ho­lung (1986), der ihn auf den Spu­ren sei­nes äl­te­ren Bru­ders (der On­kel in Hand­kes Bio­gra­phie) in den slo­we­ni­schen Karst und nach Ma­ri­bor führt, hat in­so­fern sinn­bild­li­che, sinn­stif­ten­de Be­deu­tung. Die ju­go­sla­wi­sche Tra­di­ti­on in der Fa­mi­lie Hand­ke bzw. Si­utz bzw. Si­vec reicht al­so weit zu­rück, bis zu den An­fän­gen des in­zwi­schen ver­flos­se­nen Staa­ten­bun­des. Beim jun­gen Schrift­stel­ler Hand­ke ver­bin­det sie sich dann mit ei­ner en­er­gi­schen Kri­tik am Deutsch­tum der er­sten Jahr­hun­dert­hälf­te. Die Deut­schen hat­ten Ju­go­sla­wi­en er­obert, aus Sa­lo­ni­ki hat­ten sie quer durch den Bal­kan Ju­den nach Ausch­witz trans­por­tiert; Hand­kes Be­kennt­nis zu Ju­go­sla­wi­en, das in spä­te­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Tei­len des deut­schen und fran­zö­si­schen Jour­na­lis­mus in ei­nem Kampf wie von Da­vid ge­gen Go­li­ath auf ei­ne kaum zu mei­stern­de Pro­be ge­stellt wur­de, die­ses Be­kennt­nis ist zu­gleich Aus­druck sei­nes An­ti­fa­schis­mus. Als er 2006 zum Be­gräb­nis von Slo­bo­dan Mi­lo­se­vic ging und dort ei­ne kur­ze, zu­rück­hal­ten­de, de­zi­diert »schwa­che« Re­de hielt, war das für ihn we­ni­ger das Be­gräb­nis ei­ner Per­son als das ei­ner Ära, ei­ner Idee, ei­nes nun­mehr ver­flos­se­nen Ide­als. Aus­ge­hend von der Kriegs­er­fah­rung, die die Ab­leh­nung je­des Mi­li­ta­ris­mus und be­son­ders der Deut­schen Wehr­macht be­wirkt hat­te, die sei­nen idea­li­sier­ten, im Feld ge­fal­le­nen On­kel Gre­gor in den Krieg ge­wun­gen hat­te, ent­wickel­te er im Zug sei­ner klas­si­schen Wen­de das Kon­zept ei­ner Frie­dens­epik, die, auch wenn sich die Fi­gu­ren, oft­mals Rei­sen­de, weit von der deut­schen Ge­schich­te ent­fer­nen, an­ti­fa­schi­stisch grun­diert bleibt und so et­was wie ei­nen äs­the­ti­schen »Bal­kan« – mit al­len Am­bi­va­len­zen, die die­sem Wort durch die Ge­schich­te sei­nes Ge­brauchs an­haf­ten – zu er­rich­ten trach­te­te.

Die klei­ne Epopöe vom Ho­tel Ter­mi­nus ver­fährt im Prin­zip ge­nau so wie die gro­ßen Epen, je­ne »Mär­chen aus den neu­en Zei­ten« (Hand­ke ver­mei­det das Wort »Ro­man«) vom Jahr in der Nie­mands­bucht über die Mo­ra­wi­sche Nacht bis zur Obst­die­bin. Im hier an­ge­spro­che­nen Text wird das Ver­fah­ren im Ti­tel be­nannt: Ver­such des Ex­or­zis­mus der ei­nen Ge­schich­te durch ei­ne an­de­re. Die ei­ne Ge­schich­te, das ist die Hi­sto­rie, »l’Hi­stoire avec un grand h(ache)«, wie die Fran­zo­sen gern sa­gen. Die li­te­ra­ri­sche An­stren­gung setzt der ge­walt­tä­ti­gen Ge­schich­te ih­re äs­the­ti­sche Er­kennt­nis ent­ge­gen, die sich in der klei­nen, der all­täg­li­chen Ge­schich­te ab­spielt. Sie wen­det sich ge­gen die Hi­sto­rie und wen­det de­ren Ge­walt ab – so zu­min­dest die Hoff­nung des Au­tors und sei­ner ge­neig­ten Le­ser. In der Ho­tel-Ter­mi­nus-Epopöe schaut der Er­zäh­ler den We­gen der Ei­sen­bah­ner nach, er be­trach­tet »les che­mins des che­mi­nots«, und die­ses Schau­en wirkt be­sänf­ti­gend, sen­si­bi­li­sie­rend, wäh­rend es zu­gleich die Hi­sto­rie wach­hält. In ge­wis­ser Wei­se ist es ein Weg­schau­en, ein Ab­wen­den des Blicks von den Fol­te­run­gen und De­por­ta­tio­nen und vom gro­ßen Mor­den, aber kein Ver­ges­sen, wie die Epopöe mit ih­rem letz­ten Satz be­tont: »Die Kin­der von Izieu schrien zum Him­mel, fast ein hal­bes Jahr­hun­dert nach ih­rem Ab­trans­port, jetzt erst recht.« Im Ge­schau­ten und Ge­schrie­be­nen – in der sonn­täg­li­chen Stil­le von Ly­on – blei­ben die Schreie der Op­fer hör­bar.

Hand­kes Lob der »an­ders­gel­ben Nu­del­ne­ster«, das 1996 ei­ni­ge Kul­tur­jour­na­li­sten aus­ge­forscht und ins Lä­cher­li­che ge­zo­gen ha­ben, als Hand­kes ju­go­sla­wi­sche Rei­se­be­rich­te er­schie­nen, wird in die­sem Licht nach­voll­zieh­bar, so­gar zwin­gend. Das ver­dop­pel­te und ver­stärk­te Ei­gen­schafts­wort ver­weist auf das, wor­um es dem Au­tor seit lan­gem geht: den Blick vom Kriegs­ge­sche­hen bzw. dem spät­ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­tö­se ab­zu­wen­den und ihn dem fried­li­chen Trei­ben zu schen­ken. Die­ses Kunst­stück mag nicht im­mer ge­glückt sein, aber auch von li­te­ra­risch un­be­darf­ten Per­so­nen, zu de­nen die an­läß­lich der Li­te­ra­tur­no­bel­preis­ver­lei­hung sich em­pö­ren­den Po­li­tik­jour­na­li­sten ge­hö­ren, kann man ver­lan­gen, li­te­ra­tur­spe­zi­fi­sche Merk­ma­le die­ser Art we­nig­stens zur Kennt­nis zu neh­men. Ge­wiß, die Frie­dens­epik idea­li­siert; in­so­fern lä­ge sie in der von Al­fred No­bel in sei­nem Te­sta­ment ge­mein­ten »idea­len Rich­tung«, und Hand­ke wä­re ein »wür­di­ger« Preis­trä­ger. Die­se Epik ist aber nur das, was sie ist, und funk­tio­niert auch nur dann, wenn sie die Kriegs- und Ge­walt­er­fah­run­gen nicht ein­fach aus­blen­det, son­dern, sei es auch un­ter­grün­dig, prä­sent hält. Die­se Funk­ti­on er­fül­len zum Bei­spiel die Bom­ben­trich­ter, die Hand­ke über sein Ge­samt­werk ver­streut hat, von den Hor­nis­sen bis zur Obst­die­bin.

Die Epopöe von den Ei­sen­bah­nern en­det mit ei­ner bild­kräf­ti­gen Er­wäh­nung der Kin­der von Izieu. Die Re­de ist von je­nen 44 jü­di­schen Kin­dern, die Klaus Bar­bie 1944 aus ei­ner Fe­ri­en­ko­lo­nie nach Ausch­witz hat de­por­tie­ren las­sen; ei­ne Be­ge­ben­heit, die beim Lyo­ner Pro­zeß 1987 ei­ne zen­tra­le Rol­le spiel­te. »Die Kin­der von Izieu schrien zum Him­mel, fast ein hal­bes Jahr­hun­dert nach ih­rem Ab­trans­port, jetzt erst recht.« Hand­kes Frie­dens­epik ver­sucht an di­ver­sen Stel­len – im­mer wie­der und jetzt erst recht – im Auf­spü­ren von Schön­heit die Schrecken zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Ei­nen Satz wie den Schluß­satz der klei­nen Epopöe wird man in Hand­kes Schrif­ten und Rei­se­be­rich­ten aus der Zeit der Ju­go­sla­wi­en­krie­ge nicht fin­den, da­für aber vor­sich­ti­ge An­nä­he­run­gen, Zwei­fel und Selbst­zwei­fel, Hin­ter­fra­gun­gen der oft ideo­lo­gisch be­ding­ten und in pa­ro­len­haf­te Spra­che ge­gos­se­nen Ge­wiß­hei­ten, wie sie ein Groß­teil der Mas­sen­me­di­en und heu­te vor al­lem die »so­zia­len Me­di­en« ver­brei­ten. Mög­lich, daß er Sprach­kämp­fe und me­di­en­kri­ti­sche Im­pul­se nicht im­mer im ge­bo­te­nen Maß von sei­ner sich ab­wen­den­den, nach ge­schütz­ten Räu­men su­chen­den und dort viel­leicht die Ver­hält­nis­se um­wen­den­den Frie­dens­epik fern­zu­hal­ten wuß­te. Es be­steht aber auch, will man die bei­den Er­eig­nis­se bzw. Epo­chen ver­glei­chen, ein Un­ter­schied der zeit­li­chen Be­zug­nah­me, denn die Ju­go­sla­wi­en­krie­ge wa­ren, als Hand­ke schrieb, vor­gän­gig oder kaum erst be­en­det, wäh­rend das Halb­jahr­hun­dert, das seit dem Na­zi­ter­ror ver­gan­gen war, ei­nen aus­rei­chen­den Zwi­schen­raum bot, um sich ein Bild von der Hi­sto­rie zu ma­chen, das den ge­si­cher­ten Tat­sa­chen nicht wi­der­sprach.

Bei al­ler Be­wußt­heit der in der Ge­schich­te fort­wäh­ren­den Ge­walt faßt die äs­the­ti­sche Wen­de des Blicks aber vor al­lem die all­täg­li­chen Din­ge ins Au­ge, die oft­mals klei­nen Din­ge und Ver­hält­nis­se, im länd­li­chen eben­so wie im ur­ba­nen Raum, vor al­lem aber in den Zwi­schen- und Rand­ge­bie­ten der Nie­mands­bucht, der mo­ra­wi­schen En­kla­ve, wie auch im­mer die phan­ta­sier­ten Na­men lau­ten mö­gen. Die klei­nen Din­ge und Le­be­we­sen, aber auch die klei­nen Leu­te, zu de­nen Hand­ke selbst ge­hört: sei­ne Vor­fah­ren wa­ren Zim­me­rer und Bau­ern, so­ge­nann­te Klein­häus­ler. Daß sich Hand­ke aus die­sen fer­nen Ver­hält­nis­sen in ei­ner ent­le­ge­nen, teil­wei­se slo­we­nisch­spra­chi­gen Pro­vinz Öster­reichs mit sol­cher Ra­sanz ins Estab­lish­ment von Ver­la­gen wie Suhr­kamp und be­deu­ten­den Thea­tern auf­schwin­gen konn­te, muß im Rück­blick er­stau­nen, und daß ei­ner wie er, die­ser selbst­be­wuß­te, aber im­mer noch »klei­ne« Sprach­ge­ber ei­ner stum­men Welt, den No­bel­preis er­hält (was im­mer man von sol­chen Prei­sen hal­ten mag), ist nur ge­recht: ein wohl­tu­en­der An­blick, der Epopöi­ker in der Rie­ge von Groß­schrift­stel­lern wie Grass oder Var­gas Llosa oder wei­land Tho­mas Mann. Wahr­schein­lich steht er im zeit­lo­sen Grup­pen­bild auf dem schwe­disch-uni­ver­sa­len Par­naß ne­ben sei­nem Freund Pa­trick Mo­dia­no, von dem er Ei­ne Ju­gend über­setzt hat. Bei­de stot­tern als Red­ner oft her­um, ehe sie das pas­sen­de Wort fin­den, und manch­mal fin­den sie es gar nicht. In ih­rer Li­te­ra­tur­spra­che ma­chen sie die Un­zu­läng­lich­kei­ten, die sie seit je­her ver­kör­pern, mehr als wett.

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Leo­pold Fe­der­mair, öster­rei­chi­scher Schrift­stel­ler in Hi­ro­shi­ma, zahl­rei­che Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, dar­un­ter »Die Ap­fel­bäu­me von Cha­vil­le. An­nä­he­run­gen an Pe­ter Hand­ke« (Ver­lag Jung und Jung, 2012) und zu­letzt »To­kyo Frag­men­te« (Ot­to Mül­ler, 2018) so­wie die Di­ver­ti­men­ti »Schön­heit und Schmerz« (Palm­Art­Press, 2019).

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© Leo­pold Fe­der­mair – Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors. Der Es­say er­scheint in der ak­tu­el­len Aus­ga­be des Nach­rich­ten­ma­ga­zins »pro­fil«.

Neu­es aus der Lam­by-Welt

Ge­stern gab es auf der ARD zur be­sten Sen­de­zeit wie­der ein­mal ei­ne Po­lit-Do­ku­men­ta­ti­on von Ste­phan Lam­by. Der Ti­tel »Die Not­re­gie­rung- Un­ge­lieb­te Ko­ali­ti­on« er­in­nert in Tei­len (un­frei­wil­lig?) an »Not­stands­re­gie­rung«, aber das hat wohl nur da­mit zu tun, dass ei­ni­ge Ta­ge zu­vor das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment den »Kli­ma­not­stand« aus­ge­ru­fen hat­te.

Lam­bys Do­ku­men­ta­tio­nen gel­ten längst als Mei­len­stei­ne, wur­den mit Prei­sen de­ko­riert. Sie knüp­fen ger­ne ei­nen Bo­gen bis in die Ta­ges­ak­tua­li­tät hin­ein. So wur­de dies­mal auch noch das Er­geb­nis des Mit­glie­der­ent­scheids der SPD auf­ge­nom­men. Der Nach­teil die­ser Ak­tua­li­tät liegt dar­in, dass der zeit­li­che Ab­stand, der ei­ner­seits Re­fle­xio­nen er­mög­licht, an­de­rer­seits die Fol­gen der do­ku­men­tier­ten Er­eig­nis­se auf­zei­gen könn­te, kaum oder gar nicht mög­lich ist. Aber im­mer­hin wird so der Keim für den näch­sten Film der Lam­by-Welt ge­legt. Da­mit ent­steht ei­ne Rei­he, die die Erup­tio­nen und Pro­ble­me des po­li­ti­schen Deutsch­land der jüng­sten Ver­gan­gen­heit auf­zei­gen wer­den. Dem­nächst al­so viel­leicht in der DVD-Box: Deutsch­land in den 2010er Jah­ren.

Lam­by ge­lingt es, ei­ni­ge in­ter­es­san­te Prot­ago­ni­sten vor die Ka­me­ra zu be­kom­men. Aber mehr als zu den üb­li­chen Er­klä­run­gen langt es sel­ten. Horst See­ho­fer kri­ti­siert den Um­gang der Uni­on mit dem Re­zo-Vi­deo, wird aber nicht we­gen sei­ner Be­för­de­rungs­plä­ne des ehe­ma­li­gen Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­den­ten Maaßen be­fragt. Maaßen wie­der­um re­zi­tiert aus sei­nem Bild-In­ter­view, die ihm zum Ver­häng­nis ge­wor­de­nen, in­kri­mi­nie­ren­den Stel­len und spricht von »po­li­ti­schen Fein­den«. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ge­steht, was sie al­les un­ter­schätzt ha­be. Lars Kling­beil und Ke­vin Küh­nert er­läu­tern die SPD-Müh­sal. Ar­min La­schet über­legt, ob es noch ein­mal ei­ne Gro­Ko ge­ben könn­te (man hät­te ihm ei­gent­lich ei­nen Ta­schen­rech­ner ge­ben müs­sen). Zur De­ko­ra­ti­on gab es noch Stim­men von Ali­ce Wei­del, Ro­bert Ha­beck (sehr prä­si­di­al!), Re­zo und An­na Moors, ei­ner 17jährigen FFF-Ak­ti­vi­stin, die als »Schü­le­rin« vor­ge­stellt wur­de.

Den ver­bor­ge­nen Kern in Lam­bys Film bil­den al­ler­dings die Ein­schät­zun­gen von Jour­na­li­sten. Dies­mal wa­ren es Me­la­nie Amann (Spie­gel) und Kri­sti­na Dunz (Rhei­ni­sche Post). Sie ga­ben In­ter­pre­ta­tio­nen ab, wo­bei un­klar ist, ob sie die Stel­lung­nah­men de­rer kann­ten, hin­ter bzw. vor de­nen ih­re Aus­sa­gen ge­schnit­ten wur­den. Ih­re fast im­mer po­lit-stra­te­gisch for­mu­lier­ten Ein­schät­zun­gen zei­gen, wie weit der Po­li­tik­be­trieb – und mit ihm die Jour­na­li­sten – von der Rea­li­tät au­ßer­halb des Raum­schiffs Ber­lin ab­ge­kop­pelt ist. Die Fra­ge, die fast zum Zer­fall der Frak­ti­ons­ge­mein­schaft der Uni­on ge­führt hät­te, wur­de eben auch durch die me­dia­le In­sze­nie­rung in un­zäh­li­gen Talk­shows in die Fast-Es­ka­la­ti­on be­trie­ben. Ähn­li­ches gilt für die Maaßen-Af­fä­re. Und es dürf­te auch für das so viel be­ach­te­te Re­zo-Vi­deo gel­ten, wel­ches im Mai das po­li­ti­sche Ber­lin ins Be­ben brach­te. Ge­gen En­de gab es noch die Ge­gen­über­stel­lung von Kramp-Kar­ren­bau­ers Vor­schlag für ei­ne Schutz­zo­ne in Sy­ri­en und dem Ge­gen­wort des Au­ßen­mi­ni­sters. Die The­se: Über­all Streit. Wei­ter­le­sen

Die Mo­na Li­sa von Tai­pei

Ei­ne Rei­se­ge­schich­te

Von Hi­ro­shi­ma über Tai­pei nach Wien zu flie­gen, lag ei­gent­lich na­he; ich weiß nicht, war­um ich nicht frü­her auf die­se Idee ge­kom­men war. Viel­leicht we­gen der Ani­mo­si­tä­ten ge­gen Chi­na – nur die Chi­na Air­lines bie­ten die­se Flug­ver­bin­dung an –, die in der ja­pa­ni­schen Be­völ­ke­rung im­mer noch ver­wur­zelt sind, so auch bei mei­ner Frau, und die von ent­spre­chen­den Ani­mo­si­tä­ten auf der chi­ne­si­schen Sei­te ge­nährt wer­den (und um­ge­kehrt). Ge­sprä­che mit ei­ner aus Tai­wan stam­men­den Stu­den­tin, die mei­nen Un­ter­richt an der Uni­ver­si­tät Hi­ro­shi­ma be­such­te, weck­ten mein bis da­hin al­len­falls la­ten­tes In­ter­es­se an dem Land.

Das Lächeln des Maskottchens

Das Lä­cheln des Mas­kott­chens (© Leo­pold Fe­der­mair)

Wir fuh­ren al­so, mei­ne elf­jäh­ri­ge Toch­ter und ich, ei­nes Mor­gens zum Flug­ha­fen, mit dem Ta­xi, da schwe­re Un­wet­ter und Erd­rut­sche die Bahn­ge­lei­se weg­ge­schwemmt hat­ten, und stie­gen ins Flug­zeug der Chi­na Air­lines, wo­bei ich vor der Tür noch ein­mal zwei Schrit­te zu­rück mach­te, um mir ei­ne der auf dem Ser­vier­tisch­chen lie­gen­de eng­lisch­spra­chi­ge Zei­tung zu neh­men: die Tai­pei Times. Das Flug­zeug war spär­lich be­setzt, die Flug­zeit be­trug zwei­ein­halb Stun­den, ich hat­te al­le Ru­he und Zeit der Welt, um das nicht son­der­lich um­fang­rei­che Druck­werk durch­zu­le­sen. Auf Sei­te 3, tai­wa­ne­si­sche In­nen­po­li­tik, stieß ich auf ei­nen Ar­ti­kel mit der Über­schrift ‘Oce­an’ Bra­vo the Be­ar mas­cot draws cri­ti­cism. In­nen­po­li­tik?, dach­te ich. Das Fo­to da­ne­ben zeig­te ei­nen weiß­bär­ti­gen kahl­häup­ti­gen Mann, der ne­ben zwei an­de­ren Per­so­nen mehr oder we­ni­ger fort­ge­schrit­te­nen Al­ters an ei­nem lan­gen Tisch mit wei­ßem Tisch­tuch saß und in ein ro­tes Mi­kro­phon hin­ein­sprach. Auf dem Tisch, am lin­ken Fo­to­rand, wa­ren vier bläu­lich-schwar­ze Plüsch­bä­ren auf­ge­häuft, sie tru­gen ei­nen gel­ben Knopf an ei­nem wei­ßen Strei­fen, Hals­band oder Fell, das war nicht aus­zu­ma­chen. Ich be­gann zu le­sen, und es stell­te sich her­aus, daß es ein höchst ernst­haf­ter Ar­ti­kel war. Das Pro­blem, von dem er han­del­te (Zei­tungs­ar­ti­kel han­deln na­tur­ge­mäß von Pro­ble­men), be­stand dar­in, daß die Kul­tur­ab­tei­lung der Stadt­re­gie­rung von Tai­pei be­schlos­sen hat­te, das De­sign des Mas­kott­chens »Bra­vo the Be­ar« zu än­dern. Die­ses Mas­kott­chen – das vom Fo­to, der Knopf an sei­nem Bauch stell­te ei­ne Gold­me­dail­le dar – war bei der Be­völ­ke­rung von Tai­pei sehr be­liebt, wie Shih Ying, der Prä­si­dent der Hu­ma­ni­stic Edu­ca­ti­on Foun­da­ti­on, be­ton­te. Stif­tung für hu­ma­ni­sti­sche Er­zie­hung, dach­te ich, was für ein ehr­wür­di­ger Na­me! Sol­che Än­de­run­gen, sag­te Shih Ying der Zei­tung zu­fol­ge, wür­den nicht hin­ge­nom­men wer­den, wür­de man sie an der Mo­na Li­sa vor­neh­men. Er mein­te die ech­te Mo­na Li­sa, die im Pa­ri­ser Lou­vre aus­ge­stellt ist. Der­sel­be Na­me, Mo­na Li­sa, wur­de vom tai­wa­ne­si­schen Volks­mund Bra­vo the Be­ar ver­lie­hen, weil er ein so schö­nes Lä­cheln zei­ge; Mo­na Li­sa war ge­wis­ser­ma­ßen zum Spitz­na­men – oder Künst­ler­na­men – des Bä­ren ge­wor­den. Aber war­um hat­te die Stadt­re­gie­rung das Aus­se­hen der Mo­na Li­sa von Tai­pei ver­än­dert? Der Prä­si­dent der Hu­ma­ni­sti­schen Ge­sell­schaft sprach von Ver­blen­dung und Ar­ro­ganz der Mäch­ti­gen. Ei­ne wei­te­re Er­klä­rung, so­zu­sa­gen der Hin­ter­grund der Ge­schich­te, den die Ar­ti­kel­schrei­ber bei­steu­er­ten, lag dar­in, daß es Pro­ble­me mit den Mar­ken­rech­ten gab, die die Kul­tur­ab­tei­lung durch klei­ne Än­de­run­gen – ein oze­an­blau­es Näs­chen an­stel­le des schwar­zen – ele­gant zu um­ge­hen ver­such­te. Ei­nen sol­chen An­griff auf ihr gei­stig-künst­le­ri­sches Ei­gen­tum, dach­te ich den Ge­dan­ken Shihs fort­spin­nend, ei­nen sol­chen An­griff wür­de sich die ech­te Mo­na Li­sa nie­mals ge­fal­len las­sen. Die Ge­sell­schaft zur Ret­tung der Uni­ver­sia­de-Ver­si­on von Bra­vo the Be­ar hat­te ei­ne Pe­ti­ti­on ver­faßt, die nicht nur von zahl­lo­sen Bür­gern der Stadt, son­dern auch von be­kann­ten tai­wa­ne­si­schen Spit­zen­sport­lern un­ter­schrie­ben wor­den war (von Künst­lern war in die­sem Zu­sam­men­hang lei­der nicht die Re­de). Das Mas­kott­chen war ur­sprüng­lich für die Som­mer­uni­ver­sia­de ent­wor­fen wor­den, die 2017 in Tai­pei statt­ge­fun­den hat­te.

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Wie ein Kom­men­tar im Per­len­tau­cher »ver­schwin­det«

Am 15.11.2019 ver­link­te der Per­len­tau­cher (»efeu«) ei­nen Text von Pe­ter Maass, in dem u. a. auf mein Buch über Pe­ter Hand­ke und Ju­go­sla­wi­en Be­zug ge­nom­men wur­de. Der Per­len­tau­cher zi­tier­te Maass’ Text, der be­haup­tet, ich (und Kurt Gritsch) hät­ten die »Ju­ro­ren« be­ein­flusst, Pe­ter Hand­ke den No­bel­preis zu­zu­spre­chen. Das En­ga­ge­ment von PR-Agen­tu­ren wie Ru­der Finn für Kroa­ti­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und den Ko­so­vo wur­de von Maass als Ver­schwö­rungs­theo­rie dar­ge­stellt.

Dar­auf­hin schrieb ich so­fort ei­nen Kom­men­tar un­ter der Pres­se­schau, der auch zu le­sen war. So­eben frag­te mich ein Freund, wo denn mein Kom­men­tar im Per­len­tau­cher ste­hen wür­de. Über­rascht muss­te ich fest­stel­len, dass er dort zwar in der Kom­men­tar­box ge­teasert ist, aber nicht er­reich­bar. Dar­auf­hin schrieb ich ihn noch ein­mal. Dies­mal er­scheint er, wenn auch nicht so­fort.

Of­fen­sicht­lich ist der Per­len­tau­cher bzw. sei­ne Re­dak­ti­on nicht an Rich­tig­stel­lun­gen und Wahr­hei­ten in­ter­es­siert. Da­mit wer­den ele­men­ta­re Re­geln des Pres­se­ko­dex ver­letzt. Die Per­len, die da ge­fischt wer­den, sind lei­der Tal­mi.

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Wang Xiaoshuai: Bis dann, mein Sohn

Filmplakat "Bis dann, mein Sohn" - © Piffl Medien

Film­pla­kat »Bis dann, mein Sohn« – © Piffl Me­di­en

Zwei Jun­gen in Chi­na, in den 1990er Jah­ren, Hao­hao und Xin­gxing, 11 oder 12 Jah­re alt. Sie sind Freun­de wie ih­re El­tern. Xin­gxing ist das Pa­ten­kind von Hao­ha­os El­tern. Xin­gxing ist et­was ängst­lich. Sein Freund geht schließ­lich ins Was­ser, in den Stau­see, zu den an­de­ren spie­len. Dann ein Un­fall. Xin­gxing stirbt. Das Idyll zer­bricht. Für im­mer.

Rück­blen­de zum Chi­na der 1980er Jah­re, das Land mit der ver­ord­ne­ten Ein-Kind-Po­li­tik. Als Xin­gxings Mut­ter Li­yun er­neut schwan­ger wur­de, zwang die Fir­men­lei­tung, un­ter an­de­ren auch Hao­ha­os Mut­ter, zur Ab­trei­bung. Seit­dem ist sie un­frucht­bar. Jetzt ist das ein­zi­ge Kind tot. Li­yun und ihr Mann Yao­jun, bei­de Ar­bei­ter, ver­lie­ren auch noch ih­re Ar­beits­plät­ze in den 1990er Jah­ren in­fol­ge von Um­struk­tu­rie­rungs­maß­nah­men. Sie zie­hen weg von der Groß­stadt in die Pro­vinz. Die Spra­che, die man dort spricht, ver­ste­hen sie nicht. Sie ad­op­tie­ren Li­uxing, ein Wai­sen­kind, zie­hen ihn als »Er­satz­sohn« auf, nen­nen ihn Xin­gxing. Aber sie wer­den nicht mehr glück­lich. Als der Jun­ge in die Pu­ber­tät kommt, ver­schwin­det er und wird in der Zei­tung als ver­mißt ge­sucht. Als er ge­fun­den wird, ver­steht Yao­jun. Er lässt ihn ge­hen. Er be­kommt ei­nen Aus­weis und et­was Geld. Der re­bel­li­sche Li­uxing be­dankt sich bei sei­nem Zieh­va­ter für die Frei­heit, die er ihm ge­währt. Es ist ei­ner der stärk­sten Mo­men­te in Wang Xiaoshuais Film »Bis dann, mein Sohn«.

Der Film spannt ei­nen Bo­gen vom Chi­na im Um­bruch zwi­schen 1986 und den spä­ten 2000er Jah­ren. Hier das lang­sa­me Ein­sickern des We­stens – er­kenn­bar am Micky-Mou­se-Ruck­sack des Jun­gen zu Be­ginn. Dort der heuch­le­ri­sche so­ge­nann­te So­zia­lis­mus. Als es in der Fa­brik Ent­las­sun­gen gibt, re­bel­liert die Be­leg­schaft. Es ist zweck­los, der Ka­pi­ta­lis­mus hält Ein­zug. In Rück­blen­den er­fährt man von »Dun­kel­par­tys« mit ex­zes­si­ven Tän­zern nach »Bo­ney M«-Musik und dar­auf dann ei­ne chi­ne­si­sche Ver­si­on von »Auld Lang Sy­ne«. Ver­gnü­gun­gen, die mit Re­pres­si­on und Ver­haf­tun­gen en­den kön­nen.

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Hi­ro­shi­ma 2019

Erst wenn du et­was zu ver­lie­ren be­ginnst, ent­steht ei­ne Ge­schich­te. Je mehr Ver­lu­ste, de­sto mehr Er­in­ne­rung, de­sto mehr Er­zäh­lung. Was na­tür­lich be­drückend, le­bens­hem­mend wir­ken kann.

An kei­nem Ort ha­be ich so lan­ge ge­lebt wie in Hi­ro­shi­ma. Drei­zehn Jah­re, kein Ju­bi­lä­um, kei­ne »run­de« Zahl – ich hät­te mit die­ser Er­zäh­lung war­ten kön­nen, bis es fünf­zehn oder zwan­zig Jah­re sind. Aber ob ich dann noch hier bin? Ob ich noch le­be? Der Lauf der Ge­schich­te oder des Zu­falls will es, daß die­ses Da­tum, das »Ge­ge­be­ne«, mit ei­nem an­de­ren Da­tum zu­sam­men­fällt, ei­nem En­de und Neu­be­ginn. Nach drei­ßig Jah­ren geht die Amts­zeit des al­ten Kai­sers zu En­de, ein neu­er tritt an. Es war die ver­spro­che­ne Frie­dens­zeit (»Heisei«), aber auch ei­ne de­pri­mie­ren­de Zeit, ei­ne ver­ewig­te Kri­se oh­ne gro­ße Hoff­nung auf ei­ne Lö­sung; die jun­gen Leu­te ha­ben mehr Angst vor der Zu­kunft als Ver­trau­en in sie. Vor kur­zem wur­de Sho­ko Asa­ha­ra ge­hängt, der Gu­ru ei­ner re­li­giö­sen Sek­te, ver­ant­wort­lich für das Gift­gas­at­ten­tat 1995 in der U‑Bahn von To­kyo, bei dem zwölf Men­schen star­ben und hun­der­te ver­letzt wur­den. Nach dem Erd­be­ben und Tsu­na­mi in To­ho­ku, mit der dro­hen­den Atom­ka­ta­stro­phe, hat­ten wir Angst, das Land könn­te zer­bre­chen. Letz­tes Jahr ging in un­se­rer Ge­gend ein schwe­rer, schier end­lo­ser Re­gen nie­der, ne­ben un­se­rem Haus rutsch­te, vom Gip­fel weg, ein gan­zer Berg­hang her­un­ter, die Spu­ren sind un­über­seh­bar, ich muß mich nur um­wen­den: Blick durch das Bal­kon­fen­ster, wie da­mals, als ich, schlaf­los im Mor­gen­grau­en, das gro­ße Grol­len ge­hört hat­te und so­fort auf­ge­sprun­gen war.

Heisei. Rei­wa. Geht mich das et­was an? Schwer zu sa­gen, was die neue Ma­xi­me – wenn es ei­ne ist und sein soll – ei­gent­lich be­deu­tet. Zwei Schrift­zei­chen aus ei­nem al­ten ja­pa­ni­schen Ge­dicht, dem Lied von der Pflau­men­blü­te, die man in Kyo­to oder Hi­ro­shi­ma schon kurz nach Neu­jahr se­hen kann, die er­ste Baum­blü­te und des­halb be­son­ders herz­er­freu­end, hoff­nungs­voll. Frü­her stamm­ten die kai­ser­li­chen Ma­xi­men aus al­ten chi­ne­si­schen Tex­ten, die die Früh­zeit der ja­pa­ni­schen Kul­tur präg­ten. Gut so; ei­ne na­tio­na­li­sti­sche Ge­ste, wie sie das miß­traui­sche Kom­men­ta­to­ren­volk zu er­ken­nen glaub­te (»Ja­pan snubs Chi­na at dawn of new im­pe­ri­al era« lau­te­te die Schlag­zei­le in The Times), kann ich dar­in nicht se­hen. Auch die ja­pa­ni­sche Hym­ne ist ja ein recht fried­li­ches Ge­dicht aus dem zehn­ten Jahr­hun­dert, oh­ne Kriegs­ge­trom­mel (aux ar­mes ci­toy­ens, the bombs bur­st­ing in the air…), oh­ne Prah­le­rei (das be­gna­de­te Volk gro­ßer Söh­ne und, neu­er­dings, Töch­ter).

Wir woh­nen fern von der Stadt, mehr oder we­ni­ger auf dem Land, in ei­ner ad­mi­ni­stra­ti­ven Zo­ne, die sich Hi­ga­shi-Hi­ro­shi­ma nennt, frü­her ei­ne Hand­voll ver­streu­ter Or­te von Reis­bau­ern, Sake­pro­du­zen­ten und Fi­schern, heu­te von Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­zen­tren und Zu­lie­fer­fir­men für Mat­su­da durch­setzt. Im­mer noch vie­le Reis­fel­der, auch Sa­ke­braue­rei­en, be­wal­de­te Ber­ge, wei­ter un­ten, in west­li­cher Rich­tung, dann Ku­re mit sei­ner Werft und den Kriegs­schif­fen, die die US-Streit­kräf­te da­mals nicht bom­bar­dier­ten, sie zo­gen es vor, ih­ren »Litt­le Boy« über dicht­be­sie­del­tem Ge­biet ab­zu­wer­fen. Dort­hin, in die Stadt­mit­te von Hi­ro­shi­ma, kom­me ich sel­ten, ge­bil­det wird sie vom Frie­dens­park, über dem am Mor­gen des 6. Au­gust 1945 der gro­ße Wol­ken­pilz auf­stieg und der schwar­ze Re­gen fiel, und der vom Park ab­ge­hen­den Ein­kaufs­stra­ße, die am Par­co-Ge­bäu­de en­det, ei­nem ju­gend­li­chen Pa­last für mehr oder min­der schicke Klei­der – da­hin­ter be­ginnt das eher schmud­de­li­ge Ver­gnü­gungs­vier­tel.

Ich kom­me sel­ten hin, aber das hat Vor­tei­le, zu­min­dest den, daß ich die Stadt im­mer wie­der wie zum er­sten Mal se­he, mit dem auf­merk­sa­men, stau­nen­den Blick. Neu­lich, am er­sten Tag des er­sten Jah­res der Rei­wa-Ära, zu Be­ginn des Won­ne­mo­nats Mai, das Stau­nen über die Bäu­me, die Leucht­kraft des hell­grü­nen Blatt­werks der kusuno­ki, der Kamp­fer­bäu­me (häß­li­cher Na­me, der so gar nicht der Sa­che gleicht), und den Kon­trast der dunk­len, fast schwar­zen Äste, die es tra­gen. Ein Ge­spräch über Bäu­me ist fast ein Ver­bre­chen – an die­se Ge­dicht­zei­le Ber­tolt Brechts muß­te ich den­ken, als ich das er­ste Mal hier­her­kam, und spä­ter im­mer wie­der der Ge­dan­ke: Aber es ist kein Ver­bre­chen und schließt auch kein Schwei­gen ein. Die­se Bäu­me wur­den kurz nach der Ka­ta­stro­phe ge­pflanzt, da­mit neu­es Le­ben ent­ste­he trotz all des Grau­ens, und die sie ge­pflanzt ha­ben, sind mit ih­nen äl­ter ge­wor­den, ei­ni­ge von ih­nen, schon ge­bückt, pfle­gen sie noch heu­te, und wenn ich die­se al­ten Männ­lein und Weib­lein se­he, drei­zehn Jah­re nach mei­nem er­sten Spa­zier­gang hier, kann ich nicht um­hin, mich zu fra­gen, ob in zehn, zwan­zig Jah­ren noch je­mand kom­men wird, um den Bo­den um die Stäm­me zu har­ken. Die Frau, die ich ein­mal hier in der Nä­he, in ei­nem St-Marc-Ca­fé, ge­trof­fen und be­fragt ha­be, 1945 war sie ei­ne Schü­le­rin, die zwi­schen Trüm­mern nach ih­ren El­tern und Ge­schwi­stern such­te und ver­strahlt wur­de, die­se Frau wird bald neun­zig sein. Nein, ein Ge­spräch über Bäu­me ist kein Ver­bre­chen, wie nach Ausch­witz wei­ter­hin Ge­dich­te ge­schrie­ben wur­den, und nicht von Bar­ba­ren, und es im­mer noch ein rich­ti­ges Le­ben im fal­schen gibt. Ge­dich­te, Ge­sprä­che: kei­ne Un‑, son­dern Wohl­tat. Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hand­ke und der No­bel­preis

Nur ein Link für Le­ser: Mein Text für die öster­rei­chi­sche Wo­chen­zei­tung »DIE FURCHE«:

»Kein Be­woh­ner des El­fen­bein­tums«

Gro­ßer Dank an Bri­git­te Schwens-Har­rant, die die­sen um­fäng­li­chen Text mög­lich ge­macht hat. Das ist heut­zu­ta­ge sel­ten.

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Ei­ne groß­ar­ti­ge Po­le­mik über die wohl­fei­len bis ag­gres­si­ven Hand­ke-Kri­ti­ker fin­det sich bei Ber­s­a­rin: Pe­ter Hand­ke und die kar­gen Le­mu­ren.

Auf Spie­gel-On­line hat Hen­rik Pe­ter­sen, Mit­glied des No­bel­preis­ko­mi­tees (al­so ei­ne Art »ex­ter­ner Be­ra­ter«) die Ent­schei­dung be­grün­det und Ein­wän­de ein­ge­ord­net. Er be­zieht sich da­bei u. a. auf mein Buch » ‘Der mit sei­nem Ju­go­sla­wi­en’ – Pe­ter Hand­ke im Span­nungs­feld zwi­schen Li­te­ra­tur, Me­di­en und Po­li­tik«. Das Buch gibt es der­zeit lei­der nur noch als E‑Book.

Lothar Struck: "'Der mit seinem Jugoslawien' - Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik"

Lo­thar Struck: » ‘Der mit sei­nem Ju­go­sla­wi­en’ – Pe­ter Hand­ke im Span­nungs­feld zwi­schen Li­te­ra­tur, Me­di­en und Po­li­tik«

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Frank Jakubzik: Gefühlte Zuversicht

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Vor drei Jah­ren er­schie­nen mit »In der mitt­le­ren Ebe­ne« 17 Er­zäh­lun­gen von Frank Ja­kub­zik. Sie sei­en, so der Un­ter­ti­tel, »aus den ka­pi­ta­li­sti­schen Jah­ren« und han­del­ten von »Sa­les­lem­min­gen« und »klinkenputzende(n) No­ma­den«, evo­zier­ten mit gro­ßer Ge­nau­ig- und Be­hut­sam­keit die Me­lan­cho­lie der zu Ver­kaufs­au­to­ma­ten de­gra­dier­ten An­ge­stell­ten, die auf der Au­to­bahn, in muf­fi­gen Ho­tel­zim­mern oder ste­ri­len Kon­fe­renz­räu­men agie­ren müs­sen und den Noch-En­thu­si­as­mus ih­rer Chefs, oft ge­nug Mitt­drei­ssi­ger, die, sich selbst be­rau­schend an ih­rem ei­ge­nen Busi­ness­sprech, aus­hal­ten müs­sen.

Mit »Ge­fühl­te Zu­ver­sicht« ist jetzt ein neu­er Er­zäh­lungs­band von Ja­kub­zik mit 15 Ge­schich­ten er­schie­nen (zwei da­von wa­ren in frü­he­ren Fas­sun­gen in Zeit­schrif­ten pu­bli­ziert wor­den). Das The­men­feld ist er­wei­tert, der Ka­pi­ta­lis­mus und des­sen De­for­ma­tio­nen spie­len nur noch teil­wei­se ei­ne Rol­le. Auch die Schau­plät­ze sind un­ter­schied­lich. Mal wird von ei­nem »Mar­tin der Küh­ne« er­zählt, ei­nem Bü­cher­samm­ler aus Mainz, der gro­ße Sta­pel von Bü­chern, al­le­samt von der Stadt­bi­blio­thek aus­ran­gier­te Lei­he­x­em­pla­re, in her­ku­li­scher An­stren­gung un­ter sei­nen Ach­seln durch den be­gin­nen­den Re­gen nach Hau­se trägt (und da­bei fast ei­ne Ver­ab­re­dung ver­passt). In ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung er­kennt man Kas­sel. Es gibt Ju­gend­er­in­ne­run­gen aus der deut­schen Pro­vinz. Oder Men­schen sit­zen im Zug nach Frank­furt oder Portland/USA. Nils Rem­ming, ein pen­sio­nier­ter An­ge­stell­ter, fliegt in ein klei­nes Land, in dem selbst die Na­tur­ka­ta­stro­phen »zu be­schei­den« sind, um in den Welt­nach­rich­ten vor­zu­kom­men, mit 837.000 Eu­ro im Hand­ge­päck (»Die Frei­heit«) – und er­lebt ei­ne Über­ra­schung. Die letz­te Er­zäh­lung – »Zwei ja­pa­ni­sche Fa­beln« ge­nannt – spielt in To­kio, der Le­ser lernt Herrn und Frau Ko­shi­mo­ri ken­nen, de­nen all­nächt­lich et­was fa­bel- und wun­der­haf­tes wi­der­fährt (das En­de ist wahr­lich rüh­rend).

Der gan­ze Bei­trag »Va­ria­tio­nen von Zu­ver­sicht« hier bei Glanz und Elend le­sen