Vom 2023 verstorbenen Pascal Mercier kennt man vor allem den Nachtzug nach Lissabon, sein größter Erfolg; verfilmt mit Jeremy Irons und Bruno Ganz, wobei der Autor mit der Umsetzung seines Romans insbesondere was die Dialoge anging, haderte, um es freundlich auszudrücken. Merciers Werk blieb mit insgesamt vier Romanen und einer Novelle überschaubar. Nun werden erstmals fünf kleine Erzählungen aus dem Nachlass unter dem Titel Der Fluss der Zeit publiziert.
In Die Übergabe gibt es einen Mann, der in ein Pflegeheim übersiedeln muss und sein seit 99 Jahren in der Familie befindliches Haus an die neuen Käufer übergeben möchte. Es entwickelt sich eine von ihm inszenierte, stundenlange, seltsame Führung durch die Räumlichkeiten. Kurz nach der Verabschiedung klingelt der Mann noch mehrmals, um das ein oder andere noch zu korrigieren oder Vergessenes mitzunehmen, um dann, als letzte Geste, etwas Merkwürdiges zu tun.
Keine Frage, das Cover ist ein Hingucker. Donald Trump als Renaissance-Fürst, der Gesichtsausdruck ruhig, ein Finger zeigt zurück. Ein Fürst und seine Erben lautet der Titel des Essays von Peter Sloterdijk und untersucht werden sollen die »großen Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute«. Bei Sloterdijk passiert dies natürlich in Sprüngen und Rucken, die bisweilen Verwirrung stiften und dennoch auch Erkenntnisse bieten.
Eine dieser Erkenntnisse lautet, dass die Fürsten »wieder da« sind. Und das wird einem gegen Ende einen dicken Kloß im Hals zurücklassen. Bis dahin wird heftig hin- und hergeschaltet; man fühlt sich an Sportkonferenzen erinnert, nur sind es hier Zeitebenen. Vom Eintauchen in Machiavellis Schrift Der Fürst geht es über die Umtriebe von Papst Alexander VI. zur französische Revolution und Rousseau, macht eine kurze Visite bei Carl Schmitt, rastet kurz im goldenen Zeitalter der Verfassungsrechtler und dann geht’s wieder zurück ins 19. Jahrhundert und der Politik des Absurden bevor sorgenvoll auf die Gegenwart geschaut wird.
Sloterdijk referiert, dass die Vertreibung aus dem Paradies nur der erste von drei Sündenfällen der Menschheit war. Als zweiter Sündenfall wird »die freiwillige Unterordnung unter die jeweilige Obrigkeit«, der »Sturz in den hierarchisierten Staat«, ausgemacht. Vermutlich eine zwangsläufige Maßnahme, ein Kollateralschaden der Sesshaftigkeit des Menschen. Es begann nun der Aufstieg derer, die sich Fürsten nannten, Dynastien gründeten, Könige und Kaiser hervorbrachten. Die französische Revolution machte dann aus dem Untertanen den Bürger. Der dritte Sündenfall wurde von Rousseau und seiner Erfindung des »Volks« eingeläutet. So wurde statt des Fürsten der Bürger zum Souverän erklärt. Es bildet sich das, was Sloterdijk »Vertikalität« nennt. Sie wird (in den Staaten, die wir »Westen« nennen) inzwischen als Demokratie organisiert, d. h. die »Kakophonie zersplitterter Willensstimmen« wird in ein gemeinschaftstragendes Konzept eingebunden. Die wohl zu tragende Folge ist die permanente Drohung der »Verklebung der Einzelnen in ihr Kollektiv«.
Manfred Osten war seit 1970 im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland tätig (am Ende Legationsrat I. Klasse) und von 1995–2004 Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Ab Mitte der 1990er Jahre erschienen bei dctp einige Gespräche Ostens mit Alexander Kluge vor allem über Johann Wolfgang Goethe, aber auch über die japanische Kultur. Osten gilt als autodidaktisch geschulter Goethe ...
Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit
Wir Kinder der Leichtigkeit lautet der Titel des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Dirk von Petersdorff. Auffällig ist der ebenfalls im Pluralis Majestatis ambitionierte Untertitel: »Unsere Geschichte seit den Siebzigern«. Überraschend dabei, dass auf der hinteren Einschlagklappe in der Kurzbiographie des Autors das Geburtsjahr 1966 nicht genannt wird. Dabei ist das nicht unwichtig, weil von Petersdorff historische Ereignisse mit eigenen, persönlichen Erfahrungen verbindet. Obwohl autobiographisches einfließt, ist der Anspruch des Buches der einer Kulturgeschichte, die die Veränderungen der letzten rund fünf Jahrzehnte erklären soll.
Von Petersdorff spricht von drei »großen Erzählungen,« die Ende der 1970er Jahre an ihr Ende gekommen bzw. zerfallen seien und macht Lyotard zu seinem Kronzeugen. Zum einen die Erzählung des Sozialismus/Kommunismus, die 1989/90 kollabierte. Parallel begann man sich sukzessive von der Idee des grenzenlosen Fortschritts durch zerstörerische »Naturbeherrschung« zu verabschieden. Besonders interessant ist die Veränderung, die von Petersdorff in der Kunst (im weitesten Sinn in der Kultur) diagnostiziert. Die »modernistische Erzählung«, so die These, sei irgendwann »selbst zur Tradition erstarrt« und wurde nur noch von »ästhetischen Autoritäten« wie Adorno verteidigt. In Wirklichkeit hielt die einst verpönte Massenkultur Einlass in die hehren Kulturtempel und von Petersdorffs Referenz ist in diesem Fall Leslie Fiedler, der das bereits 1969 kommen sah und in Bob Dylan denjenigen entdeckte, der die Grenzen überwinden würde – und der schließlich 2016 den Literaturnobelpreis erhielt.
Längst ist der Kabarettist und Buchautor Frank Goosen so etwas wie der Ethnologe des Ruhrgebiets oder, genauer: Bochums. Seine Programme, Kolumnen, Romane und Erzählungen sprudeln geradezu vor »Atmosphäre«. Sogar der wirklich große und so ganz andere Autor, der früh verstorbene Wolfgang Welt, ist vor Goosens Vereinnahmung als »Pottkind« und Bochum-Maskottchen nicht sicher. Mit Lovely Rita legt Goosen einen neuen Roman vor, eine äußerlich wilde Elegie auf die (fiktive) Bochumer Kneipe Haus Himmelreich, die, als der Roman beginnt, in zwei Tagen schließen soll. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, der einige Merkmale von Goosen trägt, will ursprünglich einen Artikel für ein Magazin schreiben, aber er merkt rasch, dass hier Stoff für ein Buch ist, denn er sieht »überall Romane«. Obwohl: das Magazin würde ganz gut zahlen.
Und dann also geht’s los mit Glückseligkeit, WDR5 und dem Lob auf die Pilsblumen. Starring: ein »zerstörter« Mensch, der Käpt’n genannt wird und dessen Frau einst Schlammcatcherin auf St. Pauli war, das Faktotum Willi Trommer und Dieter, der Automatenaufsteller und Jukebox-Experte (später, wenn es ans erinnern geht, kommt noch »Elvis« dazu, der allerdings in den 80ern an AIDS starb). Am Stammtisch wird geknobelt oder Skat gespielt, am Zapfhahn ist Gisela, in weißer Bluse, daher der Kosename »White Blues Lady« (man muss kalauerresilient sein bei der Lektüre), seit mehr als dreißig Jahren angestellt und immer da, auch und vor allem wenn Rita Urbaniak, die eigentliche Wirtin, eine ihrer geheimnisumwitterten Auszeiten nimmt. Der als Dichter apostrophierte Frischling wird erst einmal in die allgemeinen Regeln des Himmelreichs eingeführt, lernt, wie man »erdet« und wann man was auszugeben hat. Kneipenfolklore, die Authentizität suggeriert.
Wer verteidigt Europa? beginnt mit einem Szenario. Es ist 2029, in Deutschland ist eine schwarz-rote Regierung nur noch geschäftsführend im Amt. Die AfD hatte 29,6% Stimmenanteil bei der letzten Wahl; es gibt, wie es scheint, keine Mehrheit mehr ohne sie. Die Ukraine musste größere Gebiete an Russland abtreten, in Frankreich sitzt ein Präsident des RN und die USA hatte unter Präsident Vance ihre Truppen in Osteuropa reduziert. In Berlin ist man überrascht und hilflos: Russland greift über den Suwalki-Korridor das Baltikum an. Und nun?
Ohne solche Szenarien geht es nicht mehr. Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council of Foreign Relations, eines Thinktank, will verdeutlichen, was geschehen könnte, wenn jetzt nichts geschieht. Ihre Kronzeugen sind die Entwicklungen der Vergangenheit, die Beschwichtigungen der Europäer 2014 und noch 2021, als Russland die Truppen vor der Ukraine massierte und alle an ein Manöver glaubten. Besonders Deutschland verweigerte lange, sich den Realitäten zu stellen. Zu wichtig war das russische Gas. Und dann die naiven Beurteilungen 2024, als Donald Trump abermals zum Präsidenten der USA gewählt wurde und alle glaubten, ihn irgendwie einhegen zu können und nicht wahrhaben wollten, dass Trump sich Putin annähern könnte. Schmeicheleien, Verbiegungen, Schönreden – das macht Puglierin mehr als deutlich – helfen höchstens kurzfristig.
Ganz ohne diese Ausflüge in die Vergangenheit kommt das Buch nicht aus. Interessant wird es, wenn es in die Zukunft weist. Dabei wird die zweite Präsidentschaft Trumps als Beginn einer Epoche gesehen, nicht als Ausreißer. Nach Trump dürfte mit J. D Vance jemand bereitstehen, der noch weniger Interesse an der NATO und der Sicherheit und Verteidigung Europas zeigt. Herfried Münkler meinte neulich, Vance sei noch gefährlicher als Trump, weil intelligenter. Mit Vance übernehme, so Puglierin, eine Generation die politischen Geschicke, die gesehen habe, wie Interventionen beispielsweise in Afghanistan oder dem Irak gescheitert waren. Biden sei der letzte Transatlantiker als Präsident gewesen. Und schon Bidens Amtszeit hätte sich anders entwickelt, wenn nicht der russische Überfall auf die Ukraine passiert wäre.
Seit die Witwe Maleen Brinkmann den Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann freigegeben und 2023 nach Marbach gegeben hatte, wird jetzt das Gebirge seiner bisher unveröffentlichten Texte bestiegen. Im Frühjahr beginnt eine Briefedition (Briefe von 1956–1958) bei Wallstein, herausgegeben von Markus Fauser und Annkathrin Sonder. Und im neuen Schreibheft von Norbert Wehr kann man eine erste Auswahl finden, getroffen und sparsam kommentiert von Michael Töteberg.
Es beginnt mit einem Text aus 1971, überschrieben als Frage im Brinkmann-Stil Worüber kann man noch schreiben, was? und es scheint so, als erinnere er sich, wenn es um die »abtraumhaft leer[en] Augenblicke am Sonntag nach dem Mittagessen« geht, die er fast herbeibeschwor, womöglich eine Reminiszenz an eine Erzählung von 1963 mit dem Titel Ein langer Sonntag, die sich ebenfalls im Schreibheft findet. Töteberg skizziert die Geschichte dieser Erzählung, die Brinkmann mehrmals umgeschrieben hatte, zeitweise weiter ausführte und als einen Romananfang dachte. Sein damaliger Lektor Dieter Wellershoff schickte sie, als »Werkstück« deklariert, an Walter Höllerer, der damals zusammen mit Hans Bender die Literaturzeitschrift Akzente herausgab. »HB dagegen« findet sich schließlich auf dem Brief und die Erzählung wurde nicht abgedruckt, wanderte ins Akzente-Archiv und wurde von Autor und Lektor vergessen.
Nach der Weltuntergangsdystopie Arson legt Laura Freudenthaler mit Iris nun einen Fast-Gegenwartsroman vor. Er ist bis auf seltene Ich-Passagen aus der Perspektive der in Wien lebenden Schriftstellerin Iris erzählt, die wie alle Protagonisten nachnamenlos bleibt. Die dreizehn Kapitel des Kurzromans sind, wie man dies inzwischen von Mathias Enard, Lászlo Krasznahorkai und András Visky kennt, als Langsatzprosa verfasst (nur einmal gibt es einen Doppelpunkt).
Der Roman beginn etwa 2019, es kommt die Covid-Pandemie vor, die Invasion Russlands der Ukraine im Februar 2022 und endet irgendwann danach. Iris ist in dieser Zeit sehr häufig auf Reisen; folgt Einladungen von Universitäten und Kulturinstituten von Chicago, New York, Rom, Neapel, Tirana, Breslau, Belgrad, Paris bis nach Bangalore und Goa. Wer mag, kann Parallelen zu Freudenthalers Engagements nachlesen; einige ihrer früheren Bücher wurden unter anderem ins albanische und serbische übersetzt. (Iris nahm allerdings nicht in Klagenfurt teil.)
Mit dem Fotografen Anton, ihrem Lebenspartner, unternimmt Iris Urlaubsreisen, ist in Venedig und auf Sizilien. Die beiden leben in einer offenen Beziehung. Sex mit Anton ist zumeist Maledom. Iris lässt sich dann beispielsweise die Augen verbinden und an eine Eisenstange fesseln. Oder mit einem Seil fesseln. Es gibt zwei, drei solcher Ereignisse, die erzählt werden. Iris hat auch bisweilen (sexuelle) Treffen mit anderen Männern. Antons Reisen und Affären kommen nicht vor. Am Ende will er für längere Zeit »fortgehen«.