Lea Ypi: Frei

Lea Ypi: Frei

Lea Ypi: Frei

Als ich in den 1970er-Jah­ren die Welt des Kurz­wel­len­emp­fangs ken­nen- und lie­ben lern­te, stieß ich zu­erst auf die zahl­rei­chen aus­län­di­schen Sta­tio­nen, die in deut­scher Spra­che sen­de­ten. Sie reich­ten von (dem da­mals sehr be­lieb­ten) Ra­dio Ca­na­da In­ter­na­tio­nal über ei­ne Mis­si­ons­sta­ti­on in Ecua­dor, den bra­si­lia­ni­schen und ar­gen­ti­ni­schen Staats­sen­dern (letz­te­rer war nie zu emp­fan­gen), na­tür­lich der BBC und dem fran­zö­si­schen ORTF, spä­ter Ra­dio Fran­ce In­ter­na­tio­nal, bis zum ja­pa­ni­schen NHK (auch hier im­mer un­glück­li­che Fre­quenz­wahl) und Ra­dio Pe­king, wo nur ein Emp­fangs­be­richt ge­nüg­te, um für län­ge­re Zeit re­gel­mä­ßig die »Pe­king-Rund­schau« zu er­hal­ten (nicht sel­ten in wie­der­ver­schlos­se­nem Um­schlag). Aber vor al­lem die ost­eu­ro­päi­schen Län­der be­müh­ten sich um deut­sche Zu­hö­rer­schaft; schließ­lich war Kal­ter Krieg, wenn auch Ent­span­nungs­zeit. Das Agi­ta­ti­ons­ni­veau war hier durch­aus un­ter­schied­lich. Wäh­rend Ra­dio Prag und Ra­dio War­schau noch ei­ni­ger­ma­ßen er­träg­lich wa­ren, sah es bei Ra­dio Mos­kau schon ein biss­chen an­ders aus. Gänz­lich un­ge­nieß­bar wa­ren je­doch die deutsch­spra­chi­gen Sen­dun­gen von Ra­dio Ti­ra­na aus Al­ba­ni­en, und zwar nicht, weil die Spre­cher die Spra­che nicht be­herrsch­ten (im Ge­gen­teil), son­dern weil es vor ‑Is­men der­art wim­mel­te, das ei­nem nach kur­zer Zeit der Kopf schwirr­te.

Al­ba­ni­en war un­ge­fähr ab Mit­te der 1970er Jah­re kom­plett iso­liert. En­ver Hoxha, der kom­mu­ni­sti­sche Staats­füh­rer, hat­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg rasch mit Ju­go­sla­wi­en ge­bro­chen und ver­bün­de­te sich da­nach mit der sta­li­ni­sti­schen UdSSR. In den 1960er Jah­ren schwenk­te man um, trat aus dem War­schau­er Pakt aus und von nun an war Chi­na der Ver­bün­de­te. Schließ­lich brach man auch die­se Ko­ope­ra­ti­on ab; über­all wit­ter­te man Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re oder Ver­rä­ter. Im KSZE-Pro­zess, der 1975 in der Schluss­ak­te von Hel­sin­ki mün­de­te, war es ne­ben An­dor­ra das ein­zi­ge Land, wel­ches nicht teil­nahm. Die Iso­la­ti­on war ge­wollt; Al­ba­ni­en soll­te ein aut­ar­kes Land wer­den. Der An­spruch war, den rei­nen Kom­mu­nis­mus zu im­ple­men­tie­ren. Es war da­mals das, was heu­te Nord­ko­rea ist.

Aus die­sem glück­li­cher­wei­se längst ver­gan­ge­nen Al­ba­ni­en er­zählt nun die 1979 ge­bo­re­ne Lea Ypi in ih­rem Buch »Frei« mit dem pa­the­ti­schen, aber zu­tref­fen­den Un­ter­ti­tel »Er­wach­sen­wer­den am En­de der Ge­schich­te«. Es be­ginnt im De­zem­ber 1990, als die da­mals Elf­jäh­ri­ge, voll­kom­men ma­ni­pu­liert und kon­di­tio­niert durch die Schu­le im Sin­ne der Dok­trin des Par­tei­ap­pa­ra­tes, die über­le­bens­gro­ße Sta­lin-Sta­tue im Park ih­rer Hei­mat­stadt Dur­rës be­sucht und sich be­rauscht an der ihr über­mit­tel­ten Bot­schaft des gut­mü­ti­gen Vä­ter­chens Sta­lin. Merk­wür­dig nur, dass die Fi­gur der Kopf fehl­te. Die Ich-Er­zäh­le­rin Lea (Ähn­lich­kei­ten mit der Au­torin sind nicht nur ge­wünscht, son­dern ge­bo­ten) glaub­te, dass man die­sen zur Re­pa­ra­tur nach den Be­schä­di­gun­gen der letz­ten Ta­ge durch die »Hoo­li­gans« ge­bracht ha­be.

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An­dré Dhô­tel: Ber­nard der Faul­pelz

André Dhôtel: Bernard der Faulpelz

An­dré Dhô­tel:
Ber­nard der Faul­pelz

»Ber­nard ar­bei­te­te in ei­nem Bü­ro im er­sten Stock der Fir­ma Bar­rau­dat. Ber­nard Cas­min war der Sohn ei­nes Volks­schul­leh­rers, der im Dé­part­ment Som­me ge­ar­bei­tet hat­te und dort nun im Ru­he­stand leb­te. Er hat­te sie­ben Brü­der, die al­le­samt recht gut da­stan­den.«

So be­ginnt An­dré Dhô­tels 1952 erst­ma­lig in Frank­reich er­schie­ne­ner Ro­man »Ber­nard der Faul­pelz«. Ber­nard galt als höf­lich, hat­te aber nur we­ni­ge Freun­de. Zwei da­von, die Ge­schwi­ster Lan­ce, wa­ren ge­ra­de nach Ma­da­gas­kar aus­ge­wan­dert. In Ma­ri­et­te hat­te er sich ein biss­chen ver­liebt, was spä­ter im Ro­man noch ei­ne Rol­le spielt. Man könn­te Ber­nard auf Anfang/Mitte 20 schät­zen. Die Zeit, in der der Ro­man spielt (es geht über meh­re­re Jah­re), bleibt zwar un­klar, aber es dürf­te sich um die 1920er Jah­re han­deln. Als Ort wird die fik­ti­ve Klein­stadt Bau­theuil und, spä­ter, in des­sen Um­ge­bung ge­nannt. Ob An­dré Dhô­tel (1900–1991) die Land­schaft der Ar­den­nen pa­ra­phra­siert, in der er auf­wuchs und im­mer wie­der zu­rück­kehr­te, ist nicht klar.

Zu sei­nen El­tern und Brü­dern hat­te Ber­nard nur spo­ra­disch brief­li­chen Kon­takt; Be­su­che wer­den nicht er­wähnt. Zu Be­ginn der Er­zäh­lung leb­te er bei den Ga­rois’, sei­nen Cou­sins, die ein bür­ger­li­ches, dörf­li­ches Le­ben führ­ten und de­nen Ber­nard die An­stel­lung beim an­ge­se­he­nen Tuch­händ­ler Bar­rau­dat ver­dank­te. Cou­si­ne Noé­mi schmie­de­te im Stil ari­sto­kra­ti­scher Hei­rats­po­li­tik des 19. Jahr­hun­derts Plä­ne für Ber­nard. So soll­te er sich mit Estel­le Jar­rau­det, ei­ner 18jährigen Toch­ter aus wohl­ha­ben­der Fa­mi­lie, ver­hei­ra­ten. Sie ver­brei­te­te be­reits dem­entspre­chen­de Nach­rich­ten als Ge­wiss­hei­ten.

Den voll­stän­di­gen Text »Das Wun­der­ba­re in der Welt des Klei­nen« bei Glanz und Elend le­sen.

Schwar­ze Blu­men? Wei­ße Blu­men? Blaue Blu­men!

»Das Licht spielt auf je­der Haut an­ders; bei je­dem Men­schen, in je­dem Mo­nat und an je­dem Tag.« (Yo­ko Ta­wa­da)

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Phil­ip Roth hat das al­les kom­men se­hen, als er ge­gen En­de des 20. Jahr­hun­derts Der mensch­li­che Ma­kel schrieb. In die­sem Ro­man, dem drit­ten Teil sei­ner »ame­ri­ka­ni­schen Tri­lo­gie«, gibt sich ein jun­ger, re­la­tiv hell­häu­ti­ger Afro-Ame­ri­ka­ner na­mens Co­le­man Silk 1944 bei der US-Ar­mee als Wei­ßer aus und bleibt bis zum En­de sei­nes Le­bens bei die­ser Lü­ge. Im ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch be­zeich­net man ei­nen sol­chen Schritt, der in der Wirk­lich­keit gar nicht so sel­ten vor­kam, als pas­sing. Nach sei­nem Tod im Jahr 1998 be­merkt Co­lem­ans (dun­kel­häu­ti­ge­re) Schwe­ster im Ge­spräch mit dem Er­zäh­ler, daß En­de des 20. Jahr­hun­derts »kein in­tel­li­gen­ter Ne­ger aus der Mit­tel­schicht« die ras­si­sche Selbst­zu­ord­nung wech­seln wür­de. »Heu­te ist es nicht vor­teil­haft, so et­was zu tun, so wie es da­mals eben sehr wohl vor­teil­haft war.«

Wenn schon pas­sing , dann in die an­de­re Rich­tung. Aus Weiß mach Schwarz oder ei­ne an­de­re Far­be, war­um nicht Rot – das könn­te doch vor­teil­haft sein, wenn es dar­um geht, ein Uni­ver­si­täts­sti­pen­di­um oder Wäh­ler­stim­men zu be­kom­men. So mach­ten es die de­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ke­rin Eliza­beth War­ren, die be­haup­te­te, in­dia­ni­sche Vor­fah­ren zu ha­ben, oder die Hi­sto­ri­ke­rin Jes­si­ca Krug, die sich un­ter an­de­rem als Afro-Pu­er­to­ri­ka­ne­rin aus­gab, oder die Künst­le­rin und Po­li­tak­ti­vi­stin Ra­chel Do­le­zal, die mitt­ler­wei­le als Fri­sö­rin jobbt, nach­dem ihr Be­trug als »schwar­ze« Stu­den­tin an der tra­di­tio­nell afro-ame­ri­ka­ni­schen Howard Uni­ver­si­ty auf­ge­flo­gen war. Wenn man es als Be­trug auf­fas­sen will, denn Do­le­zal selbst meint, ras­si­sche Zu­ge­hö­rig­keit – den Ame­ri­ka­nern geht das Wort »race« leicht über die Lip­pen – sei kei­ne bio­lo­gi­sche Fra­ge, son­dern ei­ne der per­sön­li­chen Ent­schei­dung und der So­zia­li­sie­rung.

Do­le­zal ist üb­ri­gens jü­di­scher Her­kunft. In Eu­ro­pa, be­son­ders in Deutsch­land und Öster­reich, wur­den Ju­den aus ras­si­schen Grün­den ver­folgt und schließ­lich er­mor­det. In den USA gel­ten sie als »weiß«, und sie selbst se­hen sich wohl mei­stens auch so. Co­le­man Silk, der Held in Phil­ip Roths Ro­man, gibt sich nicht als ir­gend­ein Wei­ßer aus, son­dern als Ju­de. Und zu­fäl­lig hat auch er an der Howard Uni­ver­si­ty stu­diert, wenn­gleich nur ei­ne Wo­che lang, vor sei­nem Ein­tritt in die Na­vy. Er hielt den Ras­sis­mus im da­ma­li­gen Wa­shing­ton D. C. nicht aus und ent­zog sich dem bren­nen­den Wunsch sei­nes Va­ters, ei­nes »be­ken­nen­den« Schwar­zen, an die­ser Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wird Co­le­man auf pa­ra­do­xe Wei­se von sei­ner Her­kunft ein­ge­holt. Nach­dem er lan­ge Zeit De­kan ei­ner klei­ne­ren Uni­ver­si­tät ge­we­sen ist, wird ihm der Vor­wurf des Ras­sis­mus ge­macht, und dar­über ver­liert er sei­ne (jü­di­sche) Frau und sei­ne Stel­lung am Col­le­ge. Iro­nie des Schick­sals, Iro­nie der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schich­te. Der sy­ste­mi­sche An­ti­ras­sis­mus ist ras­si­stisch ge­wor­den und bringt ei­nen Mann mit afro-ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln zu Fall.

Who­opi Gold­berg, die dun­kel­häu­ti­ge Schau­spie­le­rin, ist nicht ras­si­stisch, sie ist nur et­was na­iv und viel­leicht, im Un­ter­schied zu Co­le­man Silk, nicht sehr ge­bil­det. Die Ver­fol­gung der Ju­den durch die Na­zis sei ein Pro­blem un­ter Wei­ßen ge­we­sen, sag­te sie An­fang 2022 in ih­rer TV-Show. Nun ja, vie­le Ju­den ha­ben ei­ne eher hel­le Haut­far­be – und für Gold­berg ist »Ras­se« gleich­be­deu­tend mit Haut­far­be. Ihr Fa­mi­li­en­na­me klingt deutsch-jü­disch, doch ih­re Vor­fah­ren, so­weit man et­was über sie weiß, wa­ren Afro-Ame­ri­ka­ner. Fünf Jah­re zu­vor ko­ket­tier­te sie in ei­nem In­ter­view mit ih­rem Jü­disch-Sein; sie spre­che oft zu Gott, sag­te sie, ließ aber of­fen, zu wel­chem.

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Jo­sef Braml: Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

Josef Braml: Die transatlantische Illusion

Jo­sef Braml: Die
trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

»Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on« von Jo­sef Braml war be­reits vor dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in der Ukrai­ne ein Best­sel­ler. Der Ver­lag leg­te An­fang März mit ei­ner zwei­ten, ak­tua­li­sier­ten Auf­la­ge nach, in der das Er­eig­nis vom 24. Fe­bru­ar ein­ge­ar­bei­tet wur­de. Braml wird als Ge­ne­ral­se­kre­tär der »Tri­la­te­ra­len Kom­mis­si­on« vor­ge­stellt, ei­ner so­ge­nann­ten Denk­fa­brik (»Think­tank« – bö­se über­setzt mit »Denk­pan­zer«), der – wie dies mit den mei­sten Or­ga­ni­sa­tio­nen die­ser Art so üb­lich zu sein scheint – ei­ni­ge My­then ob ih­rer Aus­wir­kun­gen und Di­men­sio­nen an­haf­ten.

Ent­ge­gen der Er­war­tung, die man nach dem Vor­wort an den Ti­tel hegt, geht es al­ler­dings nicht nur um Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Der Er­folg des Bu­ches dürf­te sich auch der de­zi­diert kri­ti­schen Sicht auf die USA ver­dan­ken. In fast be­schwö­ren­dem Ton wird aus­ge­führt, dass sich Eu­ro­pa nicht län­ger der »trans­at­lan­ti­schen Il­lu­si­on« hin­ge­ben dür­fe. Die USA, so die The­se, wer­den in na­her Zu­kunft nicht mehr als »Schutz­macht« für »Si­cher­heit und Wohl­stand der Al­ten Welt« zur Ver­fü­gung ste­hen, weil sich der geo­stra­te­gi­sche Fo­kus auf den In­do-pa­zi­fi­schen Raum, ins­be­son­de­re, Chi­na kon­zen­trie­re. Aber eben auch, weil die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sel­ber nicht mehr ei­ne sta­bi­le Macht dar­stel­len.

Als Be­leg hier­für wird der »ame­ri­ka­ni­sche Pa­ti­ent« ei­ner ge­nau­en Un­ter­su­chung un­ter­zo­gen. Nichts wird aus­ge­las­sen. Et­wa die un­zu­läs­si­gen au­ßen­po­li­ti­schen Ein­mi­schun­gen seit den 1950er Jah­ren vor al­lem in Süd­ame­ri­ka (Gua­te­ma­la, Chi­le) und im Na­hen und Mitt­le­ren Osten (von Mossadegh/Iran 1953 bis in die Ge­gen­wart). Als Tief­punkt wird der völ­ker­rechts­wid­ri­ge und mit Lü­gen un­ter­füt­ter­te Irak­krieg 2003 her­aus­ge­stellt. Im­mer­hin wür­den die Af­fä­ren und Miss­grif­fe der Au­ßen­po­li­tik im Nach­hin­ein min­de­stens teil­wei­se öf­fent­lich auf­ge­ar­bei­tet – an­ders als et­wa in Dik­ta­tu­ren.

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Bo­ris Bascha­now: Ich war Sta­lins Se­kre­tär

Boris Baschanow: Ich war Stalins Sekretär

Bo­ris Bascha­now: Ich war Sta­lins Se­kre­tär

Seit Be­ginn der rus­si­schen In­va­si­on in der Ukrai­ne sind die Twit­ter-Threads des Jour­na­li­sten Ka­mil Ga­leev ei­ne viel­fach ge­nutz­te Quel­le. Ga­leev be­treu­te u. a. im Wil­son-Cen­ter ein Pro­jekt über den rus­si­schen Na­tio­na­lis­mus wäh­rend der Pu­tin-Ära. Er ver­fass­te auch Ar­ti­kel für die op­po­si­tio­nel­le Mos­kau­er Zei­tung »No­va­ya Ga­ze­ta«. So­wohl sei­nen Aus­füh­run­gen zur rus­si­schen Ge­schich­te als auch die Ein­las­sun­gen zur ak­tu­el­len po­li­ti­schen, de­mo­gra­phi­schen und öko­no­mi­schen La­ge im Pu­tin-Russ­land sind lu­zi­de. Er zeich­net be­hut­sam hi­sto­ri­sche Ana­lo­gien oh­ne jour­na­li­stisch-ein­fa­che Gleich­heits­zei­chen zu set­zen. Da­bei zeigt er, dass Pu­tins Han­deln in ge­wis­sen Tra­di­tio­nen in der rus­si­schen bzw. so­wje­ti­schen Ge­schich­te steht. Ei­ne all­ge­gen­wär­ti­ge Par­al­le­le scheint Jo­sef Sta­lin zu sein. Sehr früh wies Ga­leev auf das Buch »Ich war Sta­lins Se­kre­tär« von Bo­ris Bascha­now hin und emp­fahl es sei­nen Le­sern als Lek­tü­re; un­ter an­de­rem um die rus­si­sche Bü­ro­kra­tie (und de­ren In­ef­fek­ti­vi­tät) zu ver­ste­hen. Aber es geht auch um die Ver­deut­li­chung von Macht­struk­tu­ren in­ner­halb ei­nes au­to­ri­tä­ren Sy­stems aus er­ster Hand. Ver­bun­den ist dies mit dem Des­in­ter­es­se der po­li­ti­schen Ak­teu­re über die Le­bens­si­tua­ti­on der Be­völ­ke­rung – da­mals wie heu­te.

Bascha­now, 1900 ge­bo­ren, trat vol­ler Über­zeu­gung 1919 in die Par­tei ein. Durch glück­li­che Um­stän­de und weil man sein Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent schät­ze wur­de er 1923 als Se­kre­tär in das Po­lit­bü­ros be­ru­fen. Er war rasch pri­vi­le­giert; von al­len Se­kre­tä­ren war er der ein­zi­ge, der re­gel­mä­ssig bei den Sit­zun­gen der so­ge­nann­ten »Troi­ka« (Sta­lin, Si­no­wjew und Ka­menew) und spä­ter im Po­lit­bü­ro da­bei war.

Ga­leev be­schreibt in sei­nem Twit­ter-Strang vor al­lem Sze­ne, als Bascha­now Sta­lins heim­li­che Ab­hör­an­la­ge ent­deckt. Er konn­te bei Fra­gen oh­ne zu Klop­fen in Sta­lins Bü­ro ein­tre­ten und be­kam mit, dass die­ser wäh­rend er war­te­te, ei­nen Te­le­fon­hö­rer in der Hand hat­te, aber nie sprach. Sta­lin be­merk­te nun, dass Bascha­now dies mit­be­kom­men hat­te. Es wuss­ten nur sehr we­ni­ge Per­so­nen von die­ser Mög­lich­keit, den kremlin­ter­nen Te­le­fon­ver­kehr (der vom nor­ma­len Te­le­fon­netz oh­ne­hin ab­ge­kop­pelt war) mit­zu­hö­ren. Sta­lin hat­te ein wich­ti­ges In­stru­ment, um sei­ne Säu­be­run­gen durch­zu­füh­ren. Die­se ge­scha­hen oft­mals nicht so­fort, aber Sta­lin ver­gaß nie; es konn­te Jah­re dau­ern, bis er sich räch­te. Der tsche­chi­sche Kom­mu­nist, der half, die­se Ab­hör­an­la­ge zu in­stal­lie­ren, wur­de al­ler­dings, wie Bascha­now be­rich­tet, kurz dar­auf um­ge­bracht.

Die Sze­ne macht neu­gie­rig und ich be­sorg­te mir das Buch, wel­ches in deut­scher Über­set­zung im Ull­stein-Ver­lag 1977 er­schie­nen war, an­ti­qua­risch für knapp 20 Eu­ro. In­zwi­schen kur­sie­ren lei­der auf den ent­spre­chen­den Por­ta­len nur noch sehr ho­he Prei­se (jen­seits 50 Eu­ro).

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Szc­ze­pan Twar­doch: De­mut

Szczepan Twardoch: Demut

Szc­ze­pan Twar­doch:
De­mut

Alo­is Po­ko­ra, 1891 in Ober­schle­si­en ge­bo­ren, Leut­nant des Schle­si­schen Pio­nier-Ba­tail­lons Nr. 6, kämpft am 23. Ok­to­ber 1918 um drei Uhr sie­ben­und­zwan­zig ir­gend­wo in Flan­dern für den Deut­schen Kai­ser. Er ist längst des­il­lu­sio­niert, was den Krieg an­geht und schwärmt bis­wei­len von der letz­ten Be­geg­nung mit sei­ner Lie­be Agnes, sechs Mo­na­te zu­vor. Jetzt ist er im Schüt­zen­gra­ben bei sei­nem Feld­we­bel, der, was er noch nicht weiß, we­nig spä­ter bei ei­nem An­griff bei­de Bei­ne ver­lie­ren wird. Ex­pres­siv schil­dert Szc­ze­pan Twar­doch in sei­nem neue­sten Ro­man »De­mut« (wie­der über­setzt von Olaf Kühl) die­ses Sze­na­rio, den Wel­ten­brand, wie schon in »Drach«, dem an­de­ren »schle­si­schen« Ro­man von 2014 (2016 in deutsch), in dem sei­ner­zeit statt Ernst Jün­gers »Wäld­chen 125« ei­ne »Hö­he 165« zum Schick­sal der Haupt­fi­gur Jo­sef Ma­gnor wur­de (Twar­doch kennt Jün­gers Bü­cher sehr gut), wie Po­ko­ra ein Ober­schle­si­er, und bei­de wüh­len im Mo­rast, ver­setzt mit Ex­kre­men­ten und Lei­chen­tei­len, nur das die­ser Ich-Er­zäh­ler Alo­is sei­ne Em­pa­thie, sei­ne Angst und sei­ne Trau­er nicht ver­leug­nen kann (wäh­rend in »Drach« nie­mand ge­rin­ge­rer als die Er­de er­zählt). Schließ­lich wird Alo­is von ei­nem Schrapnell­split­ter am Helm ge­trof­fen, ver­liert das Be­wusst­sein, was da­zu führt, dass nicht nur ihm, son­dern auch uns, dem Le­ser, das Le­ben des Alo­is Po­ko­ra aus der »al­ten Welt« wie ein Mär­chen aus weit ent­rück­ter Zeit er­scheint – da­bei sind es nur we­ni­ge Jah­re.

Alo­is heißt zu­nächst Lo­jz­ik und ist der Sohn ei­nes Berg­manns, aus ar­men Ver­hält­nis­sen in Nie­bo­ro­witz bei Glei­witz (heu­te Nie­bo­ro­wice; im Ro­man ste­hen zu­meist die deut­schen Orts­na­men). Der Va­ter An­ton, 1849 ge­bo­ren, ist der Pa­tri­arch der Fa­mi­lie, der Tatu­lek, ei­ne Art Ur­va­ter, un­nah­bar, schweig­sam, lau­nisch, bis­wei­len dem Al­ko­hol ver­fal­len und wü­tend auf al­les, auf sei­ne Kin­der, die er manch­mal mit Gür­tel­hie­ben schlug, den Kai­ser (ob­wohl er im 1870er-Krieg dien­te und de­ko­riert wur­de), auf die Po­len, die Deut­schen, auf Gott, die Kom­mu­ni­sten. Es war der »Zorn ei­nes Man­nes, der in ei­ner Welt leb­te, die fest ge­fügt war und kei­ne Hoff­nung, kei­ne Aus­sicht auf Ver­än­de­rung bot«. Die »Früch­te die­ses ver­dich­te­ten Zorns« sind mehr als ein Dut­zend Kin­der. Sei­ne Frau, 19 Jah­re jün­ger, war zeit­wei­se dau­er­haft schwan­ger; die Li­ste der Ge­schwi­ster reißt nicht ab und auch als Mamul­ka, sei­ne Mut­ter, bei der Ge­burt von Zwil­lin­gen mit 46 Jah­ren starb, fand er rasch ei­ne neue Frau, die mür­risch sei­nen Haus­halt ver­sorg­te und die die er noch jen­seits sei­nes 70. Le­bens­jah­res schwän­ger­te.

Den voll­stän­di­gen Text »Im Stru­del der Zeit­ge­schich­te« bei Glanz und Elend le­sen.

Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren

Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Für ei­nen kur­zen Mo­ment schien die Welt der deut­schen Li­te­ra­tur in Ord­nung. Es war ein Ok­to­ber­tag im Jahr 2008 und Uwe Tell­kamp war mit dem da­mals noch recht neu kon­zi­pier­ten »Deut­schen Buch­preis« für sei­nen Ro­man »Der Turm« aus­ge­zeich­net wor­den. Die Lo­be über­schlu­gen sich und vie­le Kri­ti­ker wa­ren sich si­cher, end­lich DEN Wen­de­ro­man vor sich zu ha­ben. Auch die eher seich­te Ver­fil­mung vier Jah­re spä­ter, die ei­ni­ge Zeit lang zu den ent­spre­chen­den Ge­denk­da­ten im öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen wie­der­holt wur­de, konn­te den Ruf des Ro­mans nicht we­sent­lich er­schüt­tern.

Am Schluss des Ro­mans war ein Dop­pel­punkt – der Au­gen­blick, als Uh­ren schlu­gen, der 9. No­vem­ber, und Chri­sti­an Hoff­mann, Sohn des Arz­tes Ri­chard Hoff­mann, zur Zeit der Wen­de Wehr­dienst­pflich­ti­ger, nä­her­te sich mit mul­mi­gen Ge­fühl den De­mon­stran­ten. Kommt der Be­fehl, auf sei­ne Lands­leu­te zu schie­ßen? Wie geht es wei­ter? Was ge­schieht mit den Hoff­manns, der Ober­schicht in der DDR?

Die Un­ge­duld wuchs; An­kün­di­gun­gen kün­dig­ten Ver­schie­bun­gen und neue An­kün­di­gun­gen an. 2015 war das Land mit der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se be­schäf­tigt. Uwe Tell­kamp war mit der Po­li­tik der Kanz­le­rin nicht ein­ver­stan­den. Er sag­te dies auch. Im Ge­spräch mit Durs Grün­bein im Jahr 2018. Der Suhr­kamp-Ver­lag di­stan­zier­te sich per Tweet von sei­nem Au­tor, was ein merk­wür­di­ges Ver­ständ­nis zeigt.

Von nun an wur­de die Ver­zö­ge­rung des neu­en Ro­mans von Ge­rüch­ten be­glei­tet. Ge­nießt Tell­kamp noch die Un­ter­stüt­zung des Ver­lags? Es er­schie­nen Aus­schnit­te aus sei­nem Ro­man; Ar­beits­text »La­va«. Tell­kamp galt jetzt als »rechts« – weit­ge­hend be­grün­det auf ei­ner Aus­sa­ge aus der Grün­bein-Dis­kus­si­on und sei­ner Freund­schaft zur Buch­händ­le­rin Su­san­ne Da­gen, die seit ih­rer Pu­bli­ka­ti­ons­rei­he »Exil« und di­ver­sen Ver­an­stal­tun­gen mit dem Ti­tel »Mit Rech­ten le­sen« zur Pa­ria des Dresd­ner Kul­tur­be­triebs – und dar­über hin­aus – wur­de.

2020 riss der Ge­dulds­fa­den des Feuil­le­tons. Man be­frag­te so­ge­nann­te In­tel­lek­tu­el­le, was sie von Tell­kamps neu­em Ro­man hiel­ten. Wohl ge­merkt, der Ro­man exi­stier­te nur in der Werk­statt des Au­tors, viel­leicht teil­wei­se be­reits im Lek­to­rat des Ver­lags. Nie­mand wuss­te Ge­nau­es. Aber das hielt ei­ni­ge nicht da­von ab, fer­ti­ge Ur­tei­le zu prä­sen­tie­ren. Alei­da Ass­mann et­wa, die fest­zu­stel­len glaub­te, dass aus dem einst »Auf­rech­ten« ein »Rech­ter« ge­wor­den sei. Bar je­der Kennt­nis des Ma­nu­skrip­tes gab sie Rat­schlä­ge an den de­si­gnier­ten Ver­lag: »Wenn er [Tell­kamp] tut, was der Ti­tel des neu­en Ro­mans ver­spricht, näm­lich glü­hen­de La­va über das Land zu gie­ßen, dann wird man ihn dar­an nicht hin­dern kön­nen. An­ders als in der DDR herrscht kei­ne Zen­sur mehr, Kunst- und Mei­nungs­frei­heit sind in der De­mo­kra­tie ein Bür­ger­recht. Man muss sich al­ler­dings fra­gen, durch wel­chen Vul­kan, sprich Ver­lag, die­se La­va sich er­gie­ßen soll.« Ihr Fu­ror stei­ger­te sich: »Zu ei­nem Zeit­punkt, wo sich in der Ge­sell­schaft Hass, An­ti­se­mi­tis­mus und Ge­walt mit der Ge­schwin­dig­keit des Co­ro­na­vi­rus aus­brei­ten, muss der Suhr­kamp-Ver­lag kei­nen Brand­be­schleu­ni­ger auf den Markt wer­fen.« Wie kann man sich noch mehr de­mon­tie­ren?

Wei­ter­le­sen

Pe­ter Hand­ke: In­ne­re Dia­lo­ge an den Rän­dern

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021

Pe­ter Hand­ke: In­ne­re
Dia­lo­ge an den Rän­dern 2016–2021

Seit 1977 ver­öf­fent­licht Pe­ter Hand­ke Jour­na­le. Es han­delt sich um ei­ne Aus­wahl aus sei­nen sehr viel um­fang­rei­che­ren No­tiz­bü­chern Die ver­wen­de­ten Ein­trä­ge wer­den für die Pu­bli­ka­ti­on bis­wei­len leicht be­ar­bei­tet. 2016 er­schien mit »Vor der Baum­schat­ten­wand nachts« ei­ne Aus­wahl der No­ti­zen von 2007 bis En­de 2015, die mit Zeich­nun­gen des Au­tors er­gänzt wur­den. Und nun, wie­der­um zeit­nah, liegt das näch­ste Jour­nal mit dem leicht sper­ri­gen, aber, wie sich zei­gen wird, zu­tref­fen­den Ti­tel »In­ne­re Dia­lo­ge an den Rän­dern« vor, in dem man die Auf­zeich­nun­gen vom 6. Ja­nu­ar 2016 bis zum 6. No­vem­ber 2021 fin­det.

In die­sen Zeit­raum fällt die Ver­ga­be des Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses an Pe­ter Hand­ke (nebst der hit­zi­gen Dis­pu­te dar­um) und, kurz dar­auf, die Co­vid-Epi­de­mie, die in Frank­reich min­de­stens zu Be­ginn sehr dra­sti­sche Maß­nah­men zur Fol­ge hat­te. Bei­des stei­gert die Neu­gier auf die­sen neu­en Band, der be­dau­er­li­cher­wei­se kei­ne Zeich­nun­gen ent­hält.

Das Co­ver macht die Aus­nah­me. Es zeigt in ei­ner Art Pik­to­gramm ei­nen stol­pern­den Men­schen und ei­nen Pfeil nach un­ten. Es er­in­nert an das Zei­chen für ei­nen Not­aus­gang. Und tat­säch­lich zeigt sich, dass auch die­ses Jour­nal – viel­leicht mehr als an­de­re von Pe­ter Hand­ke – ein Not­aus­gang ist, ei­nen Ret­tungs­weg bie­tet. Al­so ist es ein Zei­chen für die dem Au­tor im­mer wie­der at­te­stier­te Welt­flucht?

Nichts ist ab­we­gi­ger als das. Da ist, wenn über­haupt, ei­ne Flucht aus ei­ner Welt in ei­ne an­de­re Welt. Es sind Ex­er­zi­ti­en, Ru­fe aus der (selbst­ge­wähl­ten) »Frucht der Ein­sam­keit«.

Den voll­stän­di­gen Text »Ein­drücke aus der ›Werk­statt‹« bei Glanz und Elend le­sen.