Deutsch-deut­sche Pflicht­lek­tü­re

Ein Streif­zug durch die Ste­fan-Heym-Werk­aus­ga­be

Stefan Heym: Der Winter unsres Missvergnügens

Ste­fan Heym: Der Win­ter uns­res Miss­ver­gnü­gens

Stefan Heym: Die Architekten

Ste­fan Heym:
Die Ar­chi­tek­ten

Wer kennt ihn noch, Ste­fan Heym? Ein Mann mit ei­nem gro­ßen Kopf, bu­schi­gen wei­ßen Haa­ren an den Sei­ten, tie­fer Stim­me, fast ein Bass, bis­wei­len mit Bas­ken­müt­ze oder in ei­nem opu­len­ten Ses­sel sit­zend und ziem­lich lang­sam, fast su­chend, spre­chend. Da­mals, in den 1970er Jah­ren, kam er häu­fig in den Kul­tur­sen­dun­gen im deut­schen (West-)Fernsehen vor, sei­ne neu­en Bü­cher, die nicht in der DDR er­schei­nen durf­ten, wur­den re­gel­mä­ßig vor­ge­stellt. Heym hat­te nie ei­nen Hehl dar­aus ge­macht, dass er Kom­mu­nist war. Aber er war kein Par­tei­gän­ger. Sei­ne Kri­tik hat­te für mich da­mals im­mer et­was Dop­pel­deu­ti­ges. Galt doch im Zeit­geist der »Dis­si­dent« fast au­to­ma­tisch als »kal­ter Krie­ger«. Wer die sich so­zia­li­stisch nen­nen­den Re­gime kri­ti­sier­te, wur­de schnell als Re­vi­sio­nist ab­ge­stem­pelt, der der »Ent­span­nung«, al­so dem Fort­schritt, im Weg stand. Da­bei ver­stör­te dann, dass ein Kri­ti­ker der DDR-Ver­hält­nis­se nicht auch gleich An­ti­kom­mu­nist war. Die Schub­la­den klemm­ten.

Stefan Heym: Collin

Ste­fan Heym: Col­lin

Stefan Heym: Schwarzenberg

Ste­fan Heym:
Schwar­zen­berg

In­zwi­schen ist die DDR Ge­schich­te. Und Ste­fan Heym zwan­zig Jah­re tot. Aus die­sem An­lass gibt der Ber­tels­mann Ver­lag in ei­ner 28 bän­di­gen Aus­ga­be das Ge­samt­werk des Schrift­stel­lers neu her­aus. Und zwar, das ist ziem­lich ein­zig­ar­tig, fast aus­schließ­lich als di­gi­ta­le Werk­aus­ga­be, per E‑Book (nur »As­ha­ver« und »Nach­ruf« er­schei­nen als Neu­auf­la­ge in ge­druck­ter Form). Im No­vem­ber ist »Flam­men­der Frie­den« der von Heym 1944 ver­fass­te Ro­man »Of Smi­ling Peace« erst­mals auf deutsch er­schie­nen. Hier folgt man der Buch­han­dels­lo­gik und pu­bli­ziert zu­erst das Pa­pier­buch (nebst un­ge­kürz­ter Hör­buch-Aus­ga­be). Von ei­nem E‑Book ist hier nichts ver­merkt. So wird die di­gi­ta­le Ge­samt­aus­ga­be so­fort wie­der ein biss­chen un­voll­stän­dig, was scha­de ist. Denn die zum Teil ver­streut er­schie­ne­nen Bü­cher un­ter ei­nem Dach zu bün­deln und dann noch in di­gi­ta­ler Form ist ei­ne klu­ge und nach­hal­ti­ge Ent­schei­dung, um das Werk dau­er­haft ver­füg­bar zu hal­ten.

Ge­bo­ren wur­de Ste­fan Heym 1913 als Hel­mut Flieg in Chem­nitz. Er war der Sohn ei­ner jü­di­schen Kauf­manns­fa­mi­lie. Schon als Schü­ler fiel er mit sei­nen Ge­dich­ten auf. Ab­itur in Ber­lin, dann Stu­di­um der Jour­na­li­stik, wel­ches er 1933 ab­brach. Nach dem Reichs­tags­brand Flucht nach Prag, dort tä­tig mit klei­nen Ar­ti­keln als »Ste­fan Heym«. Durch gu­te Ver­bin­dun­gen be­kam er ein Sti­pen­di­um in die USA und setz­te sein Stu­di­um in Chi­ca­go fort. Er wur­de jour­na­li­stisch tä­tig, u.a. für ei­ne kom­mu­ni­sti­sche Zei­tung deut­scher Emi­gran­ten. Heym hat­te aber auch be­gon­nen, Ro­ma­ne zu schrei­ben, in eng­li­scher Spra­che (dies wird er für im­mer bei­be­hal­ten; auch zu DDR-Zei­ten schrieb er sei­ne Ma­nu­skrip­te auf eng­lisch). Sein er­ster Ro­man »Hosta­ges« er­schien 1942.

Den voll­stän­di­gen Es­say über Ste­fan Heym hier bei Glanz und Elend le­sen.

Mar­tin von Arndt: Wie wir tö­ten, wie wir ster­ben

Martin von Arndt: Wie wir töten, wie wir sterben

Mar­tin von Arndt: Wie wir
tö­ten, wie wir ster­ben

Spät­herbst 1961. Der ita­lie­nisch­stäm­mi­ge 54jährige US-Ame­ri­ka­ner Dan Va­nuz­zi, mit ganz vie­len »Ex«-Titeln (Ex-US-Ar­my, Ex-CIC, Ex-Mos­sad), schlägt sich wört­li­chen Sinn als Bo­xer Ted Jack­son seit mehr als drei Jah­ren durch das Le­ben, und zwar in Es­sen, im Ruhr­ge­biet. Va­nuz­zi sieht jün­ger aus als er ist und er ist fit. Aber es ist kein Traum­job. Ei­gent­lich war er so et­was wie ein »un­ab­hän­gi­ger In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fer«, der ab und an von west­li­chen Ge­heim­dien­sten Auf­trä­ge be­kam, mit de­nen man sich nicht sel­ber ab­ge­ben woll­te. Mit ihm der jun­ge, rot­haa­ri­ge Un­garn-Flücht­ling Ödön, der ihn wäh­rend der Kämp­fe coacht. Der Kampf ist zu­meist Show. Buch­ma­cher be­stim­men, wer wann wie ge­winnt und ver­liert. We­he, man rich­tet sich nicht da­nach. Das ist der Ein­stieg in Mar­tin von Arndts neue­stem Po­lit-Spio­na­ge­ro­man mit dem bi­blisch an­mu­ten­den Ti­tel »Wie wir tö­ten, wie wir ster­ben«.

In die­se leicht aus­sichts­lo­se Sze­ne­rie hin­ein wird er von zwei (zu­ge­ge­ben du­bio­sen) Fran­zo­sen an­ge­spro­chen, die zwei Al­ge­ri­er, die sich in Deutsch­land im Exil auf­hal­ten, su­chen und Va­nuz­zi be­auf­tra­gen, die­se zu fas­sen und ih­nen zu über­ge­ben. Es sind Kämp­fer der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung FLN, die den Fran­zo­sen in Al­ge­ri­en zu schaf­fen ma­chen und wahl­wei­se als Kom­mu­ni­sten oder Ter­ro­ri­sten dar­ge­stellt wer­den. Ih­nen wer­den Mas­sa­ker ge­gen Fran­zo­sen und al­ge­ri­sche Zi­vi­li­sten nach­ge­sagt. Vie­les bleibt un­klar, aber da die bei­den die Ge­heim­dienst­re­geln be­herr­schen und Va­nuz­zi und Ödön Geld brau­chen, nimmt er an.

Wei­ter­le­sen

Co­rin­na Belz und En­ri­que Sán­chez Lansch: In den Uf­fi­zi­en

Corinna Belz / Enrique Sánchez Lansch: In den Uffizien

Co­rin­na Belz / En­ri­que Sán­chez Lansch: In den Uf­fi­zi­en

Fast 500 Jah­re exi­stie­ren die Uf­fi­zi­en, die um­fang­reich­ste Kunst­samm­lung der Re­nais­sance, in Flo­renz. Sie ha­ben Re­vo­lu­tio­nen, Krie­ge, An­schlä­ge und Seu­chen über­stan­den. Co­rin­na Belz, die ins­be­son­de­re mit ih­ren ein­fühl­sa­men Film­por­traits über Ger­hard Rich­ter und Pe­ter Hand­ke ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit be­kannt wur­de und En­ri­que Sán­chez Lansch, in des­sen fil­mi­sches Œu­vre vie­le Mu­sik­do­ku­men­ta­tio­nen zu fin­den sind, ha­ben bin­nen 13 Mo­na­ten in 11 Dreh­blöcken ei­nen Film zu dem zweit­äl­te­sten Mu­se­um der Welt ge­dreht. Ein Glück war, dass die Dreh­ar­bei­ten 2019 vor der Pan­de­mie en­de­ten.

Es gibt min­de­stens drei Haupt­dar­stel­ler in die­sem Film, der am 25. No­vem­ber in die Ki­nos kommt. Zum ei­nen die Mit­ar­bei­ter des Mu­se­ums, al­len vor­an der (deut­sche) Di­rek­tor Ei­ke Schmidt, der die Uf­fi­zi­en seit 2015 lei­tet. Man sieht ihn, wie er ei­nen Hin­ter­grund für ei­ne Neu­ge­stal­tung von Sä­len aus­sucht, mit Mit­ar­bei­tern Vi­si­ten­kar­ten kon­zi­piert, Blick­ach­sen über­prüft, der Rei­ni­gung ei­nes Ge­mäl­des bei­wohnt, zah­lungs­kräf­ti­ge Spen­der der »Friends of the Uf­fi­zi Gal­le­ry« (Post­adres­se Flo­ri­da, USA) durch neu zu re­stau­rie­ren­de Sä­le führt und ei­ne Fi­gur des zeit­ge­nös­si­schen Künst­lers Ant­o­ny Gorm­ley aus­rich­tet, die in ei­ner stän­di­gen Aus­stel­lung in­te­griert wer­den soll. Letz­te­res ge­stal­tet sich schwie­rig, weil die Vor­stel­lun­gen des Künst­lers und den Ge­ge­ben­hei­ten des Ge­bäu­des (die Fi­gur wiegt 500 kg!) nicht so­fort in Über­ein­stim­mung zu brin­gen sind. Schmidt wirkt wie ein Fels und zu­gleich er­fri­schend un­spek­ta­ku­lär. Flie­ßend sein ita­lie­nisch, wel­ches, wenn es sein muss, in ein ame­ri­ka­nisch ge­tauch­tes eng­lisch über­geht. Er küm­mert sich dar­um, wenn es kein Licht gibt, der Auf­zug wie­der ein­mal stecken­bleibt und or­ga­ni­siert die Hän­gung in ei­nem neu­en Saal. Und er hat das Mu­se­um ins In­ter­net und die Men­schen ins Mu­se­um ge­bracht (von 2,2 Mil­lio­nen für die Uf­fi­zi­en ist die Re­de – na­tür­lich vor der Pan­de­mie).

Aber auch an­de­re Per­so­nen kom­men zu Wort, wie der Lei­ter der Bi­blio­thek, Clau­dio di Be­ne­det­to, der Depot-»Chef« De­me­trio Sor­ace oder der lei­ten­de Ar­chi­tekt, An­to­nio Go­do­li. Man be­kommt ei­nen kur­zen Ein­blick in die Re­stau­rie­rungs­werk­statt von Da­nie­la Lip­pi, die ein Ge­mäl­de Stück für Stück wie­der zu­sam­men­setzt, wel­ches bei ei­nem An­schlag der Ma­fia 1993 prak­tisch zer­stört wur­de (nicht nur Ta­li­ban und IS zer­stö­ren Kunst­wer­ke). Bei dem An­schlag gab es fünf To­te. Der Saal­auf­se­her Giu­sep­pe Riz­zo er­zählt vom Glück, in mit­ten die­ser Kunst­wer­ke Dienst zu tun. Im Ge­gen­satz zu deut­schen Mu­se­en ist in den Uf­fi­zi­en das fo­to­gra­fie­ren ge­stat­tet (al­ler­dings ist der Sel­fie­stick ver­bo­ten). Fa­bio So­steg­ni, der Haus­mei­ster, ist da­von ein biss­chen be­trübt. Er se­he so vie­le Be­su­cher die ha­stig ein Fo­to von ei­nem Kunst­werk ma­chen wür­den und wenn sie dann ei­nes ge­macht hät­ten, wei­ter­gin­gen für die näch­ste Fo­to­gra­fie. Sie hät­ten dann am En­de zwar vie­le Fo­tos ge­macht, aber die Kunst­wer­ke ei­gent­lich nicht ge­se­hen.

Wei­ter­le­sen

Mi­cha­el Hel­ming: Bye Bye Ba­bel

Michael Helming: Bye Bye Babel

Mi­cha­el Hel­ming:
Bye Bye Ba­bel

Wie leicht über­sieht man in der Mas­se ein Buch wie »Bye Bye Ba­bel«. Noch da­zu, wenn es in ei­nem klei­nen Ver­lag er­schie­nen ist (»catware.net Ver­lag«). Aber spä­te­stens beim Un­ter­ti­tel wird man neu­gie­rig: »Rei­se zu fünf ver­ges­se­nen Au­toren Ost­eu­ro­pas«.

Das Au­toren­bild zeigt ei­nen träu­me­risch da­her­schau­ern­den Mann mit sanft ge­neig­tem Kopf, der ei­nen Spie­gel vor sei­nem Ohr hält auf dem et­was un­de­fi­nier­ba­res zu se­hen ist. Der Mann heißt Mi­cha­el Hel­ming und wenn man ein biss­chen nach­schaut, ist er viel­sei­tig tä­tig, als Dra­ma­turg, Schrift­stel­ler, Es­say­ist, Mit­her­aus­ge­ber (z. B. von »Licht­wolf«, der »Zeit­schrift trotz Phi­lo­so­phie«). Kurz be­schleicht ei­nem der Ge­dan­ke, die fünf ver­ges­se­nen Au­toren sei­en hübsch ge­ba­stel­te Fakes, um den Li­te­ra­tur­be­trieb ein we­nig zu ver­al­bern. Aber ein paar Klicks ge­nü­gen, um fest­zu­stel­len, dass es die­se Schrift­stel­ler tat­säch­lich ge­ge­ben hat und Hel­ming schon in der Ver­gan­gen­heit Bü­cher über ver­ges­se­ne Au­toren ge­schrie­ben hat.

Die fünf Es­says im ak­tu­el­len Buch sind zwar al­le schon ein­mal ir­gend­wo er­schie­nen, aber es ist zu lo­ben, dass sie nun in die­ser Form ge­bün­delt ver­öf­fent­licht wer­den. Der Ti­tel des Bu­ches be­zieht auf Isaak Ba­bel, bei dem ex­em­pla­risch der »Zy­klus von Er­folg, Ver­ges­sen­wer­den und Wie­der­ent­deckung« er­läu­tert wird und der als Aus­gangs­punkt für die an­de­ren Ent­deckun­gen fun­giert. Ba­bel, der 1940 von Sta­lins Scher­gen er­mor­det wur­de und da­mit auch für fast zwan­zig Jah­re sei­ne Bü­cher in der Ver­sen­kung ver­schwan­den, wird heu­te min­de­stens in sei­ner Hei­mat­stadt Odes­sa ge­fei­ert wie der Na­tio­nal­dich­ter der Ukrai­ne, wie Hel­ming an­hand der Denk­mä­ler in sei­nem Vor­wort (wel­ches kei­nes sein möch­te) be­schreibt. Es gibt al­so, so die Bot­schaft, im­mer noch Hoff­nung.

Den voll­stän­di­gen Bei­trag »Wie­der­auf­er­ste­hun­gen« hier bei Glanz und Elend le­sen.

Hen­ri-Pierre Ro­ché: Don Ju­an und…

Henri-Pierre Roché: Don Juan und ...

Hen­ri-Pierre Ro­ché:
Don Ju­an und ...

Beim Er­schei­nen sei­nes er­sten Ro­mans »Ju­les und Jim« 1953 war Hen­ri-Pierre Ro­ché 74 Jah­re alt. Ir­gend­wann kam Fran­çois Truf­faut, zeig­te gro­ßes In­ter­es­se dar­an, das Buch zu ver­fil­men und kon­tak­tier­te den Au­tor. Ro­ché starb al­ler­dings 1959 und be­kam nur er­ste Ideen Truf­fauts mit. 1962 war der Film fer­tig; es wur­de ein gran­dio­ser Er­folg. Truf­faut ver­film­te ei­ni­ge Jah­re spä­ter auch Ro­chés zwei­ten Ro­man von 1956 »Die bei­den Eng­län­de­rinn­nen und der Kon­ti­nent« und setz­te sich für die Ver­öf­fent­li­chung der Ta­ge­bü­cher Ro­chés ein.

Die­se bar­gen durch­aus Skan­da­li­sie­rungs­po­ten­ti­al. Nach au­ßen war Ro­ché vor al­lem Kunst­samm­ler und ‑händ­ler, be­kannt mit al­len gän­gi­gen Künst­lern der Zeit; ein Kos­mo­po­lit, der meh­re­re Fremd­spra­chen be­herrsch­te, dar­un­ter auch deutsch. Er war wäh­rend des Er­sten Welt­krie­ges so­gar den fran­zö­si­schen Be­hör­den zu deutsch­freund­lich und galt kur­ze Zeit als Spi­on. Aber er war auch das, was man ei­nen Frau­en­held nennt. Die Drei­ecks­be­zie­hung aus »Ju­les und Jim« war ei­ne au­to­bio­gra­phisch grun­dier­te Ver­frem­dung sei­nes Ar­ran­ge­ments mit He­len Hes­sel und ih­rem Mann, dem (in Frank­reich sehr ge­schätz­ten) Schrift­stel­ler Franz Hes­sel. Par­al­lel hat­te Ro­ché zeit­wei­se meh­re­re »Dau­er­be­zie­hun­gen« und Af­fä­ren gleich­zei­tig.

In den 1920er Jah­ren nä­her­te sich Ro­ché der Don Ju­an-Fi­gur li­te­ra­risch. Das Buch – si­cher­heits­hal­ber un­ter Pseud­onym ver­öf­fent­licht – ging da­mals im­mer­hin in sechs Auf­la­gen und wur­de 1993 in Frank­reich neu auf­ge­legt. Nun hat der öster­rei­chi­sche Kle­ver-Ver­lag un­ter dem Ti­tel »Don Ju­an und…« ei­ne deut­sche Fas­sung her­aus­ge­bracht – über­setzt und mit ei­nem er­gie­bi­gen, kennt­nis­rei­chen Nach­wort von Dör­te Lyssew­ski (dem die hier zu­sam­men­ge­stell­ten bio­gra­phi­schen Fak­ten ent­nom­men sind).

Wei­ter­le­sen

Der Weg vom Ir­gend­wer zum Ge­walt­tä­ter

1

Als im Mai 2018 die­se un­gu­stiö­se Ge­schich­te mit der Öko­po­li­ti­ke­rin und dem Bier­wirt in der Wie­ner Jo­sef­stadt be­kannt wur­de, schie­nen mir der Fall und die Per­son nur ein wei­te­rer Be­leg für die Pro­ble­ma­tik der Iden­ti­täts­ver­wi­schun­gen im In­ter­net und die da­durch be­gün­stig­te mo­ra­li­sche Ver­ro­hung. Je­mand hat­te der Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten der öster­rei­chi­schen Grü­nen Si­gi Mau­rer ob­szö­ne, be­lei­di­gen­de, mit se­xu­el­ler Ge­walt dro­hen­de Nach­rich­ten ge­schickt. Die jun­ge Frau ging da­mals oft in der Stroz­zi­ga­s­se im 8. Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk an ei­nem Bier­lo­kal vor­bei, und vom Face­book-Ac­count die­ses Lo­kals stamm­ten die un­er­wünsch­ten Emails. Mau­rer mach­te sie öf­fent­lich, weil sie auf die­se Art von Ge­walt im In­ter­net auf­merk­sam ma­chen woll­te. Sie nann­te da­bei auch das Lo­kal und sei­nen Be­trei­ber. Der Mann be­haup­te­te, die ob­szö­nen Nach­rich­ten nicht ge­schrie­ben und ab­ge­schickt zu ha­ben; sein Com­pu­ter und der Ac­count sei­en sei­nen Kun­den zu­gäng­lich, die Emails kön­ne »ir­gend­wer« ge­schrie­ben ha­ben. Er ver­klag­te die Ab­ge­ord­ne­te we­gen Eh­ren­be­lei­di­gung, in der Fol­ge kam es zu Ge­richts­ver­hand­lun­gen, bei de­nen nun Mau­rer als Tä­te­rin da­stand. Als dem Bier­wirt die ju­ri­sti­schen Fel­le da­von­zu­schwim­men be­gan­nen, zog er sei­ne Kla­ge zu­rück. Knapp drei Jah­re spä­ter wur­de be­kannt, daß eben­die­ser Mann sei­ne Freun­din und Mut­ter sei­ner zwei min­der­jäh­ri­gen Kin­der in de­ren Woh­nung im 20. Be­zirk er­schoß. Er be­fin­det sich der­zeit (2021) in der Jo­sef­stadt in Un­ter­su­chungs­haft, nicht weit von sei­nem ehe­ma­li­gen Lo­kal.

Den Streit um die se­xi­sti­schen Emails führ­te ich 2018 in ei­nem Es­say an, der die­ser Pro­ble­ma­tik nach­spür­te und ver­such­te, ihr et­was ent­ge­gen­zu­set­zen, frei­lich im Be­wußt­sein, daß ich mit der Ein­mah­nung über­lie­fer­ter hu­ma­ni­sti­scher Wer­te auf ver­lo­re­nem Po­sten stand; ab­ge­se­hen da­von, daß ich da­mit oh­ne­hin nur ein ex­qui­si­tes Pu­bli­kum er­rei­chen konn­te, ge­nau­er, die Le­ser­schaft der Ti­ro­ler Kul­tur­zeit­schrift Quart. Der Mann oder die Frau, nicht ein­mal die ge­schlecht­li­che Iden­ti­tät schien ge­si­chert, wel­che oder wel­cher der Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten Si­gi Mau­rer auf Face­book mit se­xu­el­ler Ge­walt droh­te und sie übel be­schimpf­te, er­schien mir als ar­mes Schwein, das sei­ne Ag­gres­sio­nen vir­tu­ell aus­le­ben muß, weil er sich im wirk­li­chen Le­ben nicht traut.

Die Re­dak­teu­rin der Zeit­schrift äu­ßer­te vor der Pu­bli­ka­ti­on Be­den­ken, weil sie ver­ständ­li­cher­wei­se kei­ne ge­richt­li­che Kla­ge ris­kie­ren woll­te, wie sie Mau­rer in­zwi­schen er­eilt hat­te, nach­dem sie den Ab­sen­der je­ner Ver­bal­ag­gres­sio­nen iden­ti­fi­ziert zu ha­ben glaub­te und öf­fent­lich be­nann­te. Der Bier­wirt, von des­sen Ac­count die Emails aus­ge­gan­gen wa­ren, be­haup­te­te da­ge­gen, sie we­der ge­schrie­ben noch ab­ge­schickt zu ha­ben, und warf Mau­rer Ver­leum­dung vor. Jetzt war er das Op­fer und ver­lang­te vor Ge­richt ei­ne Ent­schä­di­gung von 50.000 Eu­ro. Ne­ben­bei nütz­te er die Ge­schich­te als Wer­bung für sein Ge­schäft, in­dem er für den Ku­rier da­vor po­stier­te und sich ab­lich­ten ließ. Ich wun­der­te mich, war­um im Ver­lauf des Pro­zes­ses kein Lin­gu­ist zu­ra­te ge­zo­gen wur­de, denn ich war mir si­cher, daß ein Fach­mann durch ei­nen Ver­gleich der in­kri­mi­nier­ten Emails mit an­de­ren Tex­ten des Bier­wirts, die eben­falls öf­fent­lich wa­ren, auf die Iden­ti­tät des Ag­gres­sors schlie­ßen konn­te. Be­stimm­te sti­li­sti­sche und or­tho­gra­phi­sche Merk­ma­le schie­nen mir ganz klar auf sei­ne Iden­ti­tät hin­zu­wei­sen.

Wei­ter­le­sen

Li­te­ra­tur fur­niert

Über­le­gun­gen zu Ten­den­zen ge­gen­wär­ti­ger Li­te­ra­tur

Nach der Lek­tü­re von Hel­mut Böt­ti­gers »Die Jah­re der wah­ren Emp­fin­dung« möch­te man Hans Ma­gnus En­zens­ber­gers Text über den »Tod der Li­te­ra­tur« vom Kurs­buch 1968 in Gän­ze le­sen. Mög­lich ist es u. a. im Sam­mel­band »Pa­la­ver – Po­li­ti­sche Über­le­gun­gen 1967–1973«, der 1974 er­schie­nen war. Der Text trägt den et­was kryp­ti­schen Ti­tel »Ge­mein­plät­ze, die Neue­ste Li­te­ra­tur be­tref­fend«.

[...]

En­zens­ber­gers Vor­be­hal­te ge­gen die Nach­kriegs­li­te­ra­tur spei­sen sich aus der An­nah­me, Li­te­ra­tur die­ne als Me­di­um der Kom­pen­sa­ti­on für die »to­ta­le Plei­te des Deut­schen Rei­ches«. Deutsch­land – das Land des un­ge­heu­ren Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruchs – woll­te sich, so die The­se, über die Li­te­ra­tur, wie man heu­te sagt, als Kul­tur­na­ti­on neu er­fin­den. Der An­ti­fa­schis­mus, so En­zens­ber­ger 1968 mo­kant, be­gnüg­te sich da­mit, »ei­nen bes­se­ren Ge­schmack als die Na­zis zu ha­ben«. Man »kauf­te« schlicht­weg al­les auf: »Bil­der, auf de­nen nichts zu er­ken­nen war, und Ge­dich­te, in de­nen nichts stand«. Mit der »Blech­trom­mel« ha­be man dann wie­der »Welt­ni­veau« er­reicht.

Den voll­stän­di­gen Bei­trag hier bei Glanz und Elend le­sen.

László Kra­s­zn­ahor­kai: Herscht 07769

László Krasznahorkai: Herscht 07769

László Kra­s­zn­ahor­kai: Herscht 07769

Rasch kom­men sie, die Ana­lo­gien. Da ist der fu­rio­se Ro­man »Zo­ne« von Mat­thi­as Énard, der 2010 ins Deut­sche über­setzt wur­de. Der Text ent­steht im Kopf ei­nes ehe­ma­li­gen Söld­ners wäh­rend ei­ner Zug­fahrt von Mai­land nach Rom; ein ein­zi­ger in­ne­rer Mo­no­log ei­ner zwie­lich­ti­gen Fi­gur (viel­leicht ein Kriegs­ver­bre­cher?) mit wil­den As­so­zia­tio­nen, hi­sto­rio­gra­phi­schen Ein­schü­ben, Ge­dan­ken­ket­ten, (Liebes-)Beichten, Göt­ter­be­schwö­run­gen, Schimpf‑, Hass‑, Ekel- und Schmäh­ti­ra­den, ei­ne Blei­wü­ste auf 600 Sei­ten aus nur we­ni­gen Sät­zen, viel­leicht drei oder vier, ei­ner Re­vue der Bar­ba­ren, die am und um das Mit­tel­meer in den letz­ten tau­send Jah­ren ge­haust, ge­herrscht, ge­vö­gelt und vor al­lem ge­mor­det ha­ben, ei­ne un­end­li­che Ge­schichts­stun­de, die man so schnell nicht ver­ges­sen wird und die man nicht auf­hö­ren kann zu le­sen.

Dar­an denkt man so­fort wenn man »Herscht 07769« zu le­sen be­ginnt, die­sen Mo­nu­men­tal­ro­man des 1954 ge­bo­re­nen László Kra­s­zn­ahor­kai. Lei­der wur­de man in­zwi­schen vor­ge­warnt, dass die­se rund 400 Sei­ten tat­säch­lich nur aus ei­nem Satz be­stehen. Ein Apo­ka­lyp­ti­ker sei der Au­tor, so le­se ich, der noch nie et­was von ihm ge­le­sen hat­te, so als sei dies in die­sen hy­ste­ri­schen Zei­ten, die in­zwi­schen in na­he­zu je­der Nach­rich­ten­sen­dung klei­ne­re und gro­ße Apo­ka­lyp­sen in Aus­sicht stellt, noch et­was Be­son­de­res. Aber dies hier sei ein deut­scher Ro­man sagt ei­ner der­je­ni­gen, des­sen li­te­ra­ri­sche Ur­tei­le ich schät­ze, und es geht tat­säch­lich um Deutsch­land, ge­nau­er um Thü­rin­gen, den Ort Ka­na mit der Post­leit­zahl 07769, den es na­tür­lich nicht gibt, es ist ein fik­ti­ver, ein ver­wun­sche­ner Ort im Osten, den ir­gend­wie al­le ken­nen, ob­wohl kaum je­mand dort war, ein Syn­onym für Ost­deutsch­land, wie man es sich vor­stellt, denn »Ka­na mach­te nachts nicht den Ein­druck ei­nes Or­tes, an dem die Men­schen schön ru­hig schlie­fen, son­dern den ei­nes, aus dem man schon weg­ge­zo­gen war«. Spä­ter wird man mer­ken, dass der Na­me nicht nur ein Wort­spiel zum re­al exi­stie­ren­den Ort Kah­la ist (Post­leit­zahl 07766), son­dern na­tür­lich auch an das Land Ka­na­an er­in­nert, in dem wahl­wei­se Milch und Ho­nig flie­ßen oder (und) Je­sus Was­ser in Wein ver­wan­del­te. Die­se As­so­zia­ti­on wird ein biss­chen ein­ge­hegt, denn die gan­ze To­po­gra­phie Thü­rin­gens in die­sem Buch kommt mit »Klar­na­men« vor, al­so ist das Drum­her­um erst ein­mal au­then­tisch (wie es die Kri­tik liebt).

Wei­ter­le­sen