An­na Baar: Nil

Anna Baar: Nil

An­na Baar: Nil

Ein Mensch sitzt in ei­nem Raum, ver­däch­tig ei­nes nicht nä­her de­fi­nier­ten De­likts. Ei­ne Ver­hör­si­tua­ti­on; ein Wär­ter, ei­ne Ka­me­ra­frau. Ein Fet­zen Pa­pier als In­diz (für was?), ein Über­bleib­sel ei­nes Au­to­da­fés? Die Uhr tickt zwar, aber im Leer­lauf; die Zeit ist nicht ab­les­bar. Was ist ge­sche­hen?

Nicht ein­mal das Ge­schlecht des Ich-Er­zäh­lers ist klar. Als Be­ruf wird »Er­fin­der« an­ge­ge­ben, ein Er­fin­der von Fort­set­zungs­ge­schich­ten, die in Frau­en­ma­ga­zi­nen er­schei­nen. Der Chef­re­dak­teur be­steht nun auf ein En­de. Egal, wel­ches. Die Frist läuft (im Ge­gen­satz zur Uhr). Die Auf­ga­be stürzt die Er­zäh­le­rin (ich neh­me die weib­li­che Form) in ei­ne exi­sten­ti­el­le Schaf­fens­kri­se. Da­bei ver­selb­stän­di­gen sich die Fi­gu­ren und be­gin­nen ein na­he­zu phy­sisch emp­fun­de­nes Ei­gen­le­ben zu füh­ren. Die ei­ge­ne Exi­stenz ver­schwimmt, die Ge­gen­wart ver­schwin­det in der Kind­heit. Der Va­ter ein Tier­pfle­ger (oder gar Zoo­be­sit­zer?), die Mut­ter streng und do­mi­nant; die Rol­len sind klar ver­teilt. Ein ver­lo­re­ner, ums Le­ben ge­kom­me­ner Bru­der? Gar ein Mord? Wer weiß. Es gibt Su­per-8-Fil­me von der Fa­mi­lie, ton­los, aber trotz­dem im Nach­hin­ein er­schreckend. Ein Rück­blen­de auf ein Weih­nach­ten, ein Ge­schenk, der Wunsch, es mö­ge kein Buch sein und es war doch ei­nes und die Re­ak­ti­on des »ver­schro­be­nen« Kin­des. Da­bei ist es ein Buch mit lee­ren Blät­tern, aber selbst hier be­stimmt die Mut­ter, was von wem hin­ein­ge­schrie­ben wird.

Den gan­zen Bei­trag »Er­zäh­len ist ein ge­fähr­li­ches Spiel« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Kom­po­nie­ren­de Com­pu­ter

Kön­nen wir in Zu­kunft auf künst­le­ri­sche Krea­ti­vi­tät ver­zich­ten?

1

Der 1979 in Pa­ris ge­bo­re­ne Brat­schist An­toi­ne Ta­me­stit, der ein wei­tes Re­per­toire von Bach und Mo­zart bis Schnitt­ke und Neu­wirth be­herrscht, hat­te sei­ne er­sten grö­ße­ren Auf­trit­te im Al­ter von zwan­zig Jah­ren. Seit­dem hat sich vie­les ver­än­dert, der Stel­len­wert von Vi­de­os und so­zia­len Netz­wer­ken prä­ge längst auch die Klas­si­sche Mu­sik. »Je­der möch­te be­rühmt sein, schnell be­rühmt vor al­lem. Ich den­ke, es ist wich­tig, zu der klas­si­schen Mu­sik an sich zu­rück­zu­kom­men«, sag­te er un­längst im In­ter­view mit der Pots­da­mer Zei­tung. Da­für müs­se man sich ih­re Ge­schich­te an­schau­en, als es kei­ne Vi­de­os und kei­ne Elek­tri­zi­tät gab. Wich­tig sei, sich Zeit zu neh­men. »Ich ver­su­che das, in­dem ich Bü­cher le­se oder manch­mal ei­nen ge­sam­ten Tag da­mit ver­brin­ge, ei­ne ein­zi­ge Par­ti­tur zu stu­die­ren. Ich ge­he in dem Punkt ei­nen ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg, was nicht be­deu­tet, dass ich nicht auch Teil mei­ner Zeit sein muss. Aber um Kunst zu pro­du­zie­ren, mußt du ir­gend­wie ein biß­chen lang­sa­mer sein und ein Ge­hirn ha­ben, das nicht über­schwemmt von ir­rele­van­ten In­for­ma­tio­nen ist.«

2

Hier ei­ne ganz an­de­re Stim­me, sie ge­hört dem 1976 in Is­ra­el ge­bo­re­nen Hi­sto­ri­ker und Best­sel­ler­au­tor Yu­val No­ah Ha­ra­ri. In sei­nem Buch Ho­mo De­us stellt er dem Le­ser Da­vid Co­pe vor, ei­nen – in­zwi­schen eme­ri­tier­ten – Mu­si­ko­lo­gie­pro­fes­sor von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia. Co­pe hat Com­pu­ter­pro­gram­me zur Er­stel­lung von Kla­vier­kon­zer­ten und Cho­rä­len, Sym­pho­nien und Opern ge­schrie­ben. Sein er­stes Werk zur Er­zeu­gung sol­cher Wer­ke war der EMI (Ex­pe­ri­ments in Mu­si­cal In­tel­li­gence), der auf Mu­sik in der Ma­nier von Jo­hann Se­ba­sti­an Bach spe­zia­li­siert war. »Es dau­er­te sie­ben Jah­re«, schreibt der en­thu­si­as­mier­te Ha­ra­ri, »doch als Co­pe da­mit fer­tig war, kom­po­nier­te EMI 5.000 Cho­rä­le à la Bach in ei­nem ein­zi­gen Tag. En­thu­sia­sti­sche Zu­hö­rer prie­sen die mit­rei­ßen­de Vor­füh­rung und er­klär­ten er­regt, wie sehr die Mu­sik ihr in­ner­stes We­sen be­rührt hät­te. Sie wuß­ten nicht, daß sie mehr von EMI als von Bach ge­schaf­fen wor­den war, und als man ih­nen die Wahr­heit ent­hüll­te, re­agier­ten die ei­nen mit ver­drieß­li­chem Schwei­gen, wäh­rend die an­de­ren sich laut­stark er­ei­fer­ten.«

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Pe­ter Hand­ke: Mein Tag im an­de­ren Land

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land

Pe­ter Hand­ke: Mein Tag im an­de­ren Land

Im letz­ten Ka­pi­tel sei­ner im Som­mer 2020 neu über­ar­bei­te­ten Hand­ke-Bio­gra­phie »Mei­ster der Däm­me­rung« hat­te Mal­te Her­wig viel­leicht et­was in­dis­kret aus dem Werk­statt­käst­chen des Schrift­stel­lers ge­plau­dert. Pe­ter Hand­ke wol­le »noch« ei­ne »Dä­mo­nen­ge­schich­te« schrei­ben, so schreibt Her­wig. Wo­mög­lich in An­leh­nung an Ge­schich­te des Be­ses­se­nen von Ge­ra­sa aus dem Mar­kus-Evan­ge­li­um (5,1–20), der von Je­sus von sei­nen Dä­mo­nen be­freit wur­de. Da war von Plä­nen die Re­de, nach Is­ra­el zu fah­ren, sich auf die »Spu­ren des ge­heil­ten Be­ses­se­nen« zu be­ge­ben. Ei­ne Pil­ger- oder Buß­fahrt, die ei­ne »Er­lö­sung« des Dich­ters von sei­nen bö­sen Gei­stern brin­gen soll?

Mit »Mein Tag im an­de­ren Land« liegt nun die­se »Dä­mo­nen­ge­schich­te« (so der Un­ter­ti­tel) vor. Er­zählt wird sie von ei­nem na­men­los blei­ben­den Ich-Er­zäh­ler, ei­nem Obst­gärt­ner, der einst ein Buch über den Obst­bau ver­fasst hat­te und jetzt am Schreib­tisch sit­zend, von sei­ner Be­ses­sen­heit nebst »Hei­lung« nach­sinnt. Viel­leicht ist es je­ner Gärt­ner, der in Wim Wen­ders’ Film »Die schö­nen Ta­ge von Aran­ju­ez« im Hin­ter­grund ein, zwei­mal er­scheint?

Zwar ha­be er, so der Er­zäh­ler, die Zeit sei­ner Be­ses­sen­heit er­lebt, aber den­noch kei­ne oder nur un­zu­rei­chen­de Er­in­ne­rung dar­an. Er ist auf das »Hö­ren­sa­gen« an­de­rer an­ge­wie­sen, ins­be­son­de­re sei­ner Schwe­ster, die sich um ihn fast müt­ter­lich küm­mert (die El­tern blei­ben selt­sam Ver­schol­le­ne). Ei­ne »Schlaf­wand­ler­exi­stenz« ha­be er ge­führt, in ei­nem Zelt auf ei­nem al­ten Fried­hof le­bend, »Be­schimp­fun­gen und Schmäh­re­den« auf sei­ner »Orts­durch­que­rungs­sua­da« aus­sto­ßend, dann »kreuz und quer durch das Land« zie­hend. Zu­nächst eher harm­los, et­wa »Le­be­we­sen, Tie­re, ein­zeln, zu Paa­ren, zu meh­re­ren« an­re­dend oder ein­fach nur ei­ne sin­gen­de Am­sel mit »Maul hal­ten!« an­herr­schend.

Den gan­zen Bei­trag »Ei­ne Art Ver­mächt­nis« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Kom­mu­ni­ka­ti­on: ge­stört

Der Dra­ma­turg und Au­tor Bernd Ste­ge­mann wid­met sich in sei­nem neue­sten Buch »Die Öf­fent­lich­keit und ih­re Fein­de« mit al­ler ge­bo­te­nen Aus­führ­lich­keit dem ak­tu­el­len Sta­tus quo des­sen, was man Kom­mu­ni­ka­ti­ons- oder auch Dis­kurs­ge­sell­schaft nennt und be­schreibt, wie Ent­wick­lun­gen aus den USA auch in Deutsch­land im­mer mehr Fuß fas­sen. Die glei­che The­ma­tik be­han­delt »Ge­nera­ti­on be­lei­digt«, ein viel be­ach­te­tes Buch der fran­zö­si­schen Jour­na­li­stin Ca­ro­li­ne Fou­rest, die sich ein­deu­tig als Ak­ti­vi­stin u. a. für LGBTQ-Rech­te stark macht und aus ei­ner fe­mi­ni­sti­schen Po­si­ti­on her­aus ar­gu­men­tiert. Ste­ge­mann be­gnügt sich nicht mit ei­ner Zu­stands­be­schrei­bung, son­dern führt aus, wie dies den Um­gang mit den tat­säch­li­chen, exi­sten­ti­el­len Pro­ble­men des An­thro­po­zäns (Kli­ma­wan­del, Um­welt­ver­schmut­zung, so­zia­le Un­gleich­heit, Mi­gra­ti­ons­strö­me) nicht nur hemmt, son­dern ver­un­mög­licht. Sein Buch steht im Zen­trum die­ser Be­spre­chung.

Bernd Stegemann: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde

Bernd Ste­ge­mann: Die Öf­fent­lich­keit und ih­re Fein­de

Zu­nächst un­ter­schei­det er zwi­schen den gän­gi­gen Kon­zep­ten der spät­mo­der­nen Ge­sell­schafts­be­schrei­bung: »Auf der ei­nen Sei­te gibt es die Sy­stem­theo­rie, die er­klärt, dass je­des Sy­stem ei­nen blin­den Fleck braucht, um funk­tio­nie­ren zu kön­nen, und die zu­gleich re­flek­tiert, dass Fort­schritt nur da­durch mög­lich ist, dass al­le Sy­ste­me wech­sel­wei­se ih­re blin­den Flecken kri­ti­sie­ren. Auf der an­de­ren Sei­te ste­hen die My­then­er­fin­der und Fun­da­men­ta­li­sten, die ih­ren ei­ge­nen blin­den Fleck ver­leug­nen und je­den Hin­weis dar­auf als An­griff auf ih­re Iden­ti­tät zu­rück­wei­sen.«

Neo­li­be­ra­lis­mus und In­di­vi­dua­lis­mus

Wie konn­te es so­weit kom­men? Ste­ge­mann cha­rak­te­ri­siert die Post­mo­der­ne als »Er­zäh­lung ei­nes ra­di­ka­len In­di­vi­dua­lis­mus«. Da­mit war, spä­te­stens nach dem Zu­sam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus 1989/90, der Weg frei für das, was er »Neo­li­be­ra­lis­mus« nennt. Er ver­wen­det den Be­griff nicht in sei­ner ur­sprüng­li­chen Be­deu­tung, dem ordo-li­be­ra­len Wirt­schafts­sy­stem à la Wal­ter Eu­cken. Neo­li­be­ra­lis­mus ist für ihn Syn­onym für den ent­fes­sel­ten, gren­zen­lo­sen, glo­ba­li­sier­ten Ka­pi­ta­lis­mus, der un­ter­schwel­lig die Prio­ri­tä­ten in Ge­sell­schaft und Po­li­tik be­stimmt. Er wird zur Ur­quel­le ei­ner sich im­mer wei­ter spal­ten­den Ge­sell­schaft, de­ren Fol­gen bis hin­ein in die öf­fent­li­che Dis­kur­se spür­bar sind.

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Die Kunst des Auf­ge­bens V

(← IV)

Noch ein Nach­spiel

Es war im­mer noch früh, und so be­schloß ich, in Mita­ki aus­zu­stei­gen. Seit lan­gem will ich mir die­sen, wie ich oft sa­gen hör­te, spi­ri­tu­el­len Ort an­se­hen. Ich war schon ein­mal hier ge­we­sen, oder doch in der Nä­he, mit mei­ner Toch­ter, als sie klein war. Der Na­me Mita­ki be­deu­tet »drei Was­ser­fäl­le«. Schon da­mals hat­te ich mir ge­sagt, ich möch­te doch zu gern wis­sen, ob es sich um ei­nen drei­tei­li­gen Was­ser­fall han­delt oder wirk­lich um drei von­ein­an­der ge­trenn­te, ver­schie­de­ne. Der Auf­stieg bis zur hei­li­gen Zo­ne ist et­was müh­sam, nicht so sehr we­gen der Steil­heit des Ge­län­des als we­gen des Asphalts und den sich gar so hin­zie­hen­den Kur­ven. Die Be­su­cher kom­men im Au­to hier­her, ei­ni­ge we­ni­ge auch im Li­ni­en­bus. Es gibt da wie­der ein­mal ei­ne Ga­be­lung, links geht es zum Wald­spiel­platz und zum Na­tur­mu­se­um für Kin­der, rechts zum Tem­pe lare­al. Yo­ko­hat­te sich na­tur­ge­mäß für das Spiel ent­schie­den, ge­gen bud­dhi­sti­sche Be­schau­lich­keit, und sie war so oft die lan­ge, dem Ge­län­de sich an­schmie­gen­de blaue Rut­sche hin­un­ter­ge­glit­ten und hat­te sämt­li­che Ge­schick­lich­keits­par­cours, Klet­ter­wän­de und Hän­ge­brücken aus­pro­biert, bis sie völ­lig er­schöpft und es Zeit zur Heim­rei­se war.

Bild 1 – Kunst des Aufgebens V – © Leopold Federmair

Bild 1 – Kunst des Auf­ge­bens V – © Leo­pold Fe­der­mair

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Pa­trick Mo­dia­no: Un­sicht­ba­re Tin­te

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte

Pa­trick Mo­dia­no:
Un­sicht­ba­re Tin­te

Be­reits 1978, im Prix-Gon­court-prä­mier­ten Ro­man »Rue des Bou­ti­ques Ob­scu­res« (1979 Deutsch von Ger­hard Hel­ler: »Die Gas­se der dunk­len Lä­den«), kommt bei Pa­trick Mo­dia­no die De­tek­tei Hutte vor. Und nun, im neue­stem auf deutsch er­schie­ne­nen Buch »Un­sicht­ba­re Tin­te« (Über­set­zung Eli­sa­beth Edl), er­in­nert sich ein Ich-Er­zäh­ler mit dem Na­men Jean Ey­ben an sei­ne kur­ze Tä­tig­keit bei die­ser Agen­tur, vor fast ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert, als er »nicht äl­ter als zwan­zig« war. Sein Auf­trag be­stand dar­in, et­was über den Auf­ent­halt ei­ner plötz­lich ver­schwun­de­nen Frau mit dem Na­men No­ël­le Lef­eb­v­re her­aus­zu­be­kom­men. Er be­kam sei­ner­zeit ei­ne sehr dün­ne, mit va­gen und un­voll­stän­di­gen An­ga­ben aus­ge­stat­te­te Ak­te, die er da­mals, als er die Agen­tur ver­ließ, mit­ge­hen ließ, weil sich ir­gend­wann nie­mand mehr für den Fall in­ter­es­sier­te. No­ël­le blieb spur­los ver­schwun­den; die Agen­tur konn­te nicht hel­fen.

Ey­ben, der ei­nen bel­gi­schen Pass hat (Re­mi­nis­zenz an Si­me­non?), sitzt nun am Schreib­tisch und er­in­nert sich, be­gibt sich an die Ber­gung des Ver­schüt­te­ten, dem Zu­sam­men­set­zen von Bruch­stücken und manch­mal »riss ein Schlei­er, noch viel äl­te­re Er­in­ne­run­gen stie­gen lang­sam an die Ober­flä­che«. Es ist müh­sam, er zwingt sich zur Re­kon­struk­ti­on, zu ei­ner Chro­no­lo­gie sei­ner Nach­for­schun­gen, die im­mer wie­der ein­mal neu an­setz­ten, auch als er längst schon an­de­res mach­te (was ge­nau, bleibt un­klar). »No­ël­le Lef­eb­v­res Ver­schwin­den rief in mir viel tie­fe­re Er­in­ne­run­gen wach, so tief, dass es mir schwer­ge­fal­len wä­re, sie zu er­hel­len.« Hil­fen gibt es kei­ne, auch das In­ter­net nicht. Als der Zwang nicht ge­hol­fen hat, schließ­lich der Ver­such, die Er­in­ne­run­gen frei zu er­zeu­gen, »mit dem Krit­zeln der Fe­der«, »ein­fach schrei­ben und da­bei so we­nig wie mög­lich strei­chen.«

Den gan­zen Bei­trag »Ein me­lan­cho­li­scher Re­frain« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Die Kunst des Auf­ge­bens IV

(← III)

Nach­spiel

Da ich mit Dai­ko­ku nun ein­mal ver­traut, wenn nicht so­gar ver­trau­lich ge­wor­den war, konn­te ich nicht um­hin, den Schrein auf­zu­su­chen, der sei­nen Na­men trug. Er war mir auf der Land­kar­te auf­ge­fal­len, lag noch in un­se­rer Re­gi­on, aber ziem­lich weit weg von mei­ner nä­he­ren Um­ge­bung. Ich konn­te ihn nur mit der Ei­sen­bahn er­rei­chen, stieg am Haupt­bahn­hof von Hi­ro­shi­ma in ei­nen Wag­gon der mir recht ver­trau­ten Ka­be-Li­nie um.

Bild 1 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 1 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Der Ort selbst hieß Bai­rin, al­so Pflau­men­hain; noch ein Grund für mich, hin­zu­fah­ren. Ich stieg an ei­nem wah­ren Pro­vinz­bahn­hof aus, kaum mehr als ei­ne Hal­te­stel­le, mit We­gerl ne­ben dem ein­zi­gen Ge­leis, das der Bahn­steig für ein paar Me­ter in zwei ga­bel­te. Da­bei wur­de der Raum jen­seits des Ge­lei­ses, stadt­sei­tig, von ei­nem weit­läu­fi­gen Ein­kaufs­zen­trum mit den üb­li­chen fen­ster­lo­sen Kä­sten und Ku­ben ein­ge­nom­men, wäh­rend ge­gen­über die be­wal­de­ten Ber­ge als­bald steil an­stie­gen. Auf der Kar­te hat­te ich er­kannt, daß ich ein Stück­weit ge­gen die Fahrt­rich­tung zu ge­hen hat­te, und war über­rascht, als der Schrein, bes­ser: das Schrein­chen schon nach we­ni­gen Schrit­ten vor mir auf­tauch­te. Be­drängt von ei­nem Ein­fa­mi­li­en­haus, zwei da­vor ge­park­ten Au­tos und lau­ter Ra­dio­mu­sik, schien es sich dünn zu ma­chen wie je­mand, der den Bauch ein­zieht – ein Ein­druck, den die vie­len klei­nen, an Obe­lis­ken er­in­nern­den Schriftsäul­chen, die ihn um­frie­de­ten, noch ver­stärk­te. Ich ging ein‑, zwei­mal um ihn her­um. Von Dai­ko­ku kei­ne Spur, über­haupt kei­ne ein­zi­ge Sta­tue, nur die üb­li­che Lee­re im Ta­ber­na­kel. Der Kra­nich im Gie­bel­feld, die Flü­gel über Wel­len oder Wol­ken aus­ge­brei­tet, war die ein­zi­ge Ver­bin­dung zu mei­ner Be­geg­nung mit der lu­sti­gen Gott­heit in Ogu­ra. Im­mer­hin!

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Chri­sti­an Kracht: Eu­ro­trash

Christian Kracht: Eurotrash

Chri­sti­an Kracht:
Eu­ro­trash

Ich ge­ste­he, dass ich nach der Pres­se­mit­tei­lung des Ver­lags vom De­zem­ber letz­ten Jah­res, in der an­ge­kün­digt wur­de, dass Chri­sti­an Kracht mit »Eu­ro­trash« ei­ne Fort­set­zung von »Fa­ser­land« ge­schrie­ben ha­be und die ei­ni­ge Feuil­le­ton-Re­dak­teu­re prak­tisch eins-zu-eins über­nom­men hat­ten, »Fa­ser­land« noch ein­mal le­sen muss­te. Ich hat­te von der Lek­tü­re nichts mehr be­hal­ten, was, wie vie­le glau­ben, an mir lie­gen dürf­te.

In »Fa­ser­land« er­zähl­te 1995 end­lich ein­mal kein Zu­kurz­ge­kom­me­ner, hier gab es vor­der­grün­dig kei­ne ge­sell­schaft­li­chen Pro­ble­me. Der na­men­lo­se Ich-Er­zäh­ler, Mitte/Ende Zwan­zig, war oh­ne Geld­sor­gen, stamm­te aus wohl­ha­ben­dem Haus und de­fi­nier­te sich über ei­nen ve­ri­ta­blen Mar­ken­fe­ti­schis­mus, der zur Re­fe­renz­grö­ße für sei­nen Zu­gang zur Welt und zur Ka­te­go­ri­sie­rung der Mit­men­schen wur­de und im Buch in­fla­tio­när aus­ge­drückt wur­de. Olaf Grabi­en­ski hat­te über 70 Mar­ken- und Pro­dukt­be­zeich­nun­gen ge­fun­den. Man nahm Dro­gen, fei­er­te Par­tys und blieb streng un­ter Sei­nes­glei­chen. Al­les nur, um die Welt her­um ab­zu­weh­ren. Da­bei wur­de un­un­ter­bro­chen ge­kotzt, was nicht an den Pro­le­ten oder Rent­nern lag, die man so hass­te. »Fa­ser­land« war an­ge­legt als Road­no­vel, be­gin­nend auf Sylt und en­dend in Zü­rich. Von na­he­zu je­der Sta­ti­on nahm der Er­zäh­ler ei­ne Art Sou­ve­nir mit: Mal ein Man­tel von ei­nem Freund, ein an­der­mal gleich das Au­to.

»Fa­ser­land« gilt in­zwi­schen längst als Kult­buch, weil es die Er­in­ne­rung der Ba­by­boo­mer an die Zei­ten, als es »Prinz«, »Wie­ner« und »Tem­po« gab, man im In­ter­re­gio durch Deutsch­land fah­ren konn­te und das Au­to­te­le­fon ein Sta­tus­sym­bol dar­stell­te, be­för­dert. Li­te­ra­risch ent­deck­te man ver­blüf­fen­de An­lei­hen bei Bret Eas­ton El­lis’ »Un­ter Null«, wo­bei El­lis al­ler­dings die Fei­er­bie­ster der Jeu­nesse do­rée noch ei­ne Stu­fe aso­zia­ler schil­der­te als Kracht. An­de­re frag­ten, ob es nicht eher ei­ne Tra­di­ti­on der Ro­man­ti­ker war, die da be­schwo­ren wur­de, vom Tau­ge­nichts à la Ei­chen­dorff? Oder ist der Er­zäh­ler gar ein Wie­der­gän­ger von Hans Ca­s­torp? Wem das zu weit ging, fand den »wohl­stands­ver­wahr­lo­ster« Au­ti­sten oder Nar­ziss­ten. Im neu­en Ro­man »Eu­ro­trash« macht sich der Ich-Er­zäh­ler Chri­sti­an Kracht über die­se Form der Re­zep­ti­on lu­stig und weist de­zent dar­auf hin, dass er zwar der Au­tor von »Fa­ser­land« war, aber nicht so ein­fach iden­tisch mit dem Ich-Er­zäh­ler ist. Ei­gent­lich ei­ne Ba­na­li­tät, aber was tut man nicht al­les.

Den gan­zen Bei­trag »Das Buch der Stun­de?« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.