Valentin Hauser: Ein Stück des Weges mit meinem Freund Peter Handke
Ein Stück des Weges mit meinem Freund Peter Handke ist der Titel des neuesten Buches des ehemaligen Griffner Gemeindebeamten Valentin Hauser, auch bekannt als einstiger Volksmusikant (»Griffner-Buam« – zwischen 1968 und 1982 2000 Auftritte), Komponist, Kochchampion, Heimatforscher und Buchautor. Der Weg ist, wie der Untertitel »Erlebnisse und Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten« zeigt, ein langer.
Die erste Begegnung der beiden verortet Hauser auf das Jahr 1972. Er spielte in einem Landgasthof in der Marktgemeinde Griffen mit seinen Musikern. Der damals 30jährige Peter Handke sah dem Treiben zu und wünschte sich einen Wiener Walzer. 1984 benötigte Handke für die Verlängerung seines Reisepasses die Geburtsurkunde und wandte sich direkt an Hauser. Der reagierte schnell und Handke zeigte seine Dankbarkeit mit einer kleinen Spende für die Restauration eines Wegkreuzes. Der Wunsch nach Anonymität ließ sich nicht lange halten. Ein Jahr später kam es zu der nächsten Begegnung; seitdem duzt man sich.
Samuel Beckett besuchte vom 28. September 1936 bis 1. April 1937 Deutschland. Weniger als erstrebtes Ziel, eher als ein Wegkommen aus Irland. Zudem wollte er seine Deutschkenntnisse verbessern. Er ist 30 Jahre alt und versucht über einen Agenten einen Verleger für seinen Roman Murphy zu finden. Der Verlag, der zugesagt hat, gefällt ihm nicht. Nun also Deutschland, Nazi-Deutschland, kurz nach den Olympischen Spielen. Er beginnt in Hamburg, dann Berlin, Leipzig (»Dickicht«), Dresden (»zauberhaft«), Nürnberg (»grauenhafter Schneematsch«), München. Beckett arbeitet sich wie ein besessener Kunsthistoriker durch Museen, Galerien lernt Sammler kennen, fällt Urteile, oft mit verblüffender Scharfsichtigkeit. In den Museen gibt es inzwischen Schreckens- oder Folterkammern mit expressionistischen Bildern, die für Deutsche nicht mehr zugängig sind; als Ausländer oder mit Empfehlungen geht es noch. Gerade diese verbotenen Dinge interessieren Beckett. Er liest deutsche Zeitungen, ist angeekelt von dem Nazi-Kult, hält mit nichts in diesen Tage- oder besser, Erinnerungsbüchern, hinter dem Berg. Fast überall ist das Essen schlecht oder miserabel (»Deutsches Essen ist wirklich furchtbar«). Der Antisemitismus zeigt sich in Kleinigkeiten, die Beckett genau registriert.
Über die kolossale Edition des Suhrkamp-Verlags, der die Tagebücher in einer zweisprachigen Ausgabe herausbringt1, hat Jürgen Nielsen-Sikora einiges Gute geschrieben. Ich gestehe, dass ich den mehr als 1000 seitigen Korpus nicht vollständig gelesen habe. Aber nach dem Anhören des vierteiligen, von Gaby Hartel und zeitblom inszenierten und Sabin Tambrea gesprochenen Hörspiels, nimmt der Appetit stark zu. Auch wenn man sich an die Hintergrundakustik, die häufig leicht bedrohliches suggeriert, erst einmal gewöhnen muss, besticht der Duktus der Lesung, weil die Stimmungslagen Becketts kongenial gespiegelt werden.
Susanne Falk: Feindbegegnung – Eine Hans Habe-Biografie
1911 in Budapest als János Békessy geboren, 1977 in Locarno als Hans Habe verstorben. Wer kennt ihn noch, den Reporter, Journalisten, Herausgeber und Romanautor? Seine Bücher erreichten vor allem (aber nicht nur) in der Nachkriegsbundesrepublik teilweise Millionenauflagen, einige wurden verfilmt. Ende der 1960er Jahre war er eine Feindfigur der aufkommenden Linken. Bis dahin war er nur der Feind der restaurativen Rechten gewesen, die dem Juden Habe nicht verziehen hatten, zwei Mal gegen Nazi-Deutschland gekämpft zu haben. Habe war konservativ bis reaktionär, eitel, amerikanophil, hasste den Kommunismus genauso wie die Nazis. Sein Lebensstil war exaltiert, er liebte den Luxus und hatte neben sechs Ehen anscheinend zahllose Affären.
Längst sind seine Romane nur noch antiquarisch zu kaufen. Eine Gesamtausgabe gibt es nicht. Einige letzte Neuausgaben wurden in den 1980er Jahren gedruckt. Und ausgerechnet über eine solche Persönlichkeit und deren Werke, die in der Öffentlichkeit nahezu vergessen sind, publiziert die deutsche Germanistin und Schriftstellerin Susanne Falk nun eine Biografie in einem österreichischen Verlag.
Der Titel der Biografie, Feindbegegnung, ist bewusst doppelbödig gewählt. Zum einen hatte Habe mehr als genügend Feinde im Leben, die ihn sowohl physisch wie auch intellektuell bekämpften. Zum anderen ist da dieses Zitat aus Habes Autobiografie, welches Falk als Motto dem Buch voranstellt, indem er sich selber als den »einzigen wahren Feind« bezeichnete. Falk hatte einst sowohl ihre Diplomarbeit als auch eine Dissertation über Hans Habe verfasst und danach erst einmal anderen Feldern gewidmet, unter anderem der Schriftstellerei. Die distanzierte Faszination blieb, führte nach einigen Jahren zu neuen Recherchen und schließlich zu dieser Biografie, die für den Leser zu einer Zeitreise von der Donaumonarchie bis in die 68er-Jahre wird.
»Im Zweifel für den Schreibenden«
Der Verlag wirbt schon auf dem Cover mit »multimedialem Bonus-Content«. Über QR-Codes im Text werden Verweise zu Dokumenten, Audios und Videos angeboten, die die jeweils angesprochenen Ereignisse illustrieren und vertiefen. So finden sich Ausschnitte aus Filmen über und mit Hans Habe aber auch beispielsweise Trailer zu US-amerikanischen Filmen, in denen eine seiner Ehefrauen mitgespielt hatte. Man findet Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Vater herausgebrachten Publikationen. Etwa in der Mitte des Buches sind auf diese Weise Inhaltsangaben von 27 ausgewählten Romanen Habes hinterlegt und als Boomer beginnt man, sich an das ein oder andere Cover zu erinnern. Neben zahlreichen Fotos gibt es also mehr als 50 nützliche Zusatzinformationen. Etwas störend sind die groß aufgemachten Zwischenüberschriften, die zentrale Thesen und Aussagen noch einmal rekapitulieren.
Eigentlich sollte Peter Handkes 2009 erschienene epische Erzählung Die morawische Nacht Samara heißen. Samara bedeutet, so kann man lesen, »die Nacht im Gespräch verbringen.« Es scheint allerdings eher unwahrscheinlich, dass Caroline Wahl mit der Wahl des Namens ihrer Protagonistin in 1999 Meter über dem Meer hierauf Bezug nimmt. Ihre Hauptfigur Samara ist Ende 20, Anfang 30, Einzelkind, intaktes Elternhaus, solide Mittelschicht (der »Baba« hat eine Kfz-Werkstatt). Sie hat ihren Master in Literatur und Geschichte gemacht und zieht demnächst nach Berlin, um als »Junior-PR-Beraterin« in einer Agentur für 2700 Euro brutto anzufangen. Bis dahin wird, nicht zuletzt um den Eltern ihre Lebenstüchtigkeit zu beweisen, eine Reise nach Bali gemacht. Alles selbst herausgesucht, inklusive Flug mit Transit-Aufenthalt in Doha. Aber auf Bali ist es heiß, es gibt weder RTL+ noch bezahlbares kohlensäurehaltiges Wasser, von den obsessiv-geliebten Müllermilch-Drinks erst gar nicht zu reden. In den Acht- oder Sechsbettschlafräumen lauter geschwätzige Touristinnen (besonders schlimm sind die Amerikanerinnen). Die Ausflüge mit dem E‑Scooter enden stets in einem Fiasko – entweder Sturz oder Unwetter oder beides. Immerhin gelingen ihr mit der Leica einige Schnappschüsse. Für 390 Euro extra bucht sie nach dem Fast-Badeunfall im Meer einen früheren Rückflug. Wieder Transitraum in Doha und diesmal schlafende Menschen auf den angelegten Kunstrasen.
Kurz zu den Eltern. Und vor dem Umzug nach Berlin schenkt ihr der Vater einen »Mercedes SL R 129, 1999 Erstzulassung. Dritte Hand, und nur 80000 Kilometer.« Erst schockiert (sie ist seit dem Führerschein nicht mehr gefahren), wird ihr das Fahrzeug rasch ans Herz wachsen.
Es beginnt kurios mit einem »Vorwort des Herausgebers«. Nanu? Hat man nicht einen Roman in der Hand? Der Herausgeber dankt der Autorin Anna Baar sogar noch für Anonymisierungen und erklärt die Methode, mit der er das ihm auf mysteriöse Weise zugegangene Konvolut an Aufzeichnungen einer gewissen Elda Vera ordnet und schließlich publiziert. Da sind zum einen 31 Briefe dieser Elda an einen gewissen »Lev«, erstellt zwischen dem 1. November 2022 und 24. Dezember 2023 und zum anderen »undatierte Notizen, Aufzeichnungen und Vermerke«, die der Herausgeber, wie er schreibt, nach »persönlichem Gutbefinden« eingestreut »und fortlaufend nummeriert« hat. Diese Elda (der Name ist, wie betont wird, ebenfalls anonymisiert) machte, so erfährt man, 2020 Schlagzeilen als sie, eine ausgebildete Ärztin, beschuldigt wurde, einen Patienten vergewaltigt zu haben. Sie verlor ihre Anstellung und verschwand. Als die Briefe begannen war sie 58 Jahre alt.
Als Leser ist man abseits der Konstruktion gut beraten, sich in Eldas Mikrokosmos zu begeben. Die lebt in ihrer Wohnung, was zunächst in Anbetracht der Pandemie-Nachwehen noch normal erscheint. Schließlich ist von einer Fußverletzung die Rede, die sie veranlasst, »die Tage ausschließlich zu Hause, hauptsächlich im Liegen« zu verbringen. Was sie braucht, bestellt sie online. Die Welt sieht sie, »nur von fern, aber umso schärfer« und betätigt sich nebenbei mit einem Fernrohr als Voyeuristin. Sie korrigiert Rechtschreibefehler in Büchern und Zeitungen und beobachtet das Verhalten der Amseln auf einem Baum vor ihrem Fenster, woran sich ihr die Jahreszeiten zeigen. Währenddessen läuft der Fernseher »auf lautlos«. Sie hat »genug von den immergleichen fernen Katastrophen, bewaffneten Kriegen, Skandalen, belanglosen Staatsaffären, genug auch vom Geschrei der Zukurzgekommenen und den Empörungsriten verwirrter Berufsaltruisten.«
Ich hätte die German Diaries von Samuel Beckett lesen können. Ich hätte mich in einen Kriminalroman versenken können. Ich hätte ein Kreuzworträtsel lösen können. Ich hätte die erste Staffel Stromberg schauen können. Ich hätte ein Fußballspiel einschalten können. Ich hätte der Expertin bei Bares für Rares sagen können, dass es sich nicht um einen Bernsteineinschluss handelt, sondern um eine in Epoxidharz eingeschlossene Trauermücke, die in einer schwierigen Prozedur von einem Fliegenfänger entfernt wurde. Ich hätte den Schmuckhersteller Masahlena in Nature, von dem Thomas Kunst in Masleboi erzählt, entlarven können.
Ich könnte Red River schauen, ich könnte Ian Hawgood hören, ich könnte mich bei Jackson C. Frank entspannen, ich könnte was von Ulrich Zieger lesen, ich könnte Brandig von Gerd Peter Eigner lesen, nein: ich hatte Brandig von Gerd Peter Eigner schon gelesen. Ich könnte den ganzen Film‑, Musik- und Literaturkosmos, den Thomas Kunst in Masleboi nennt, konsumieren.
Ich müsste aufhören, Thomas Kunst nachzumachen, sagt meine Frau. Ich müsste beginnen, eine seriöse Kritik zu Masleboi zu schreiben. Ich müsste beginnen, meine Notizen noch einmal zu lesen. Ich müsste aufhören, das Darts-Turnier anzuschauen. Ich müsste noch einmal Rom, Blicke lesen. Ich müsste noch einmal den Film über Max Ernst anschauen. Ich müsste noch einmal Ezra Pound ignorieren. Ich müsste endlich einmal Peter Kurzeck weiterlesen. Ich müsste endlich einmal Zandschower Klinken sagen statt Zandschower Kliniken.
Es ist ein berühmtes Zitat von Walther Rathenau, dem erfolgreichen Unternehmer und späteren Außenminister, geschrieben 1909 in seiner Schrift »Geschäftlicher Nachwuchs«, in dem er sich mit dem Unternehmertum des Kaiserreichs und dessen Verflechtungen untereinander beschäftigte: »Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents.« Konstantin Richter bedient sich in seinem inzwischen ausgezeichneten und zum Bestseller avancierten Buch über »Aufstieg und Fall der Deutschland AG« dieser Metapher und nannte sein Buch entsprechend: Dreihundert Männer.
Der Satz wird später von Antisemiten gegen Rathenau verwendet werden, wenn sie von dreihundert »Juden« sprechen. Rathenau übernahm das Bild aus der Geschichte über jene 300 Spartaner, »die in der Schlacht bei den Thermopylen die viel größere persische Armee in Schach hielten«, so folgert Richter. Vergessen wird, dass diese dreihundert Spartaner zwar der Übermacht trotzen konnten, allerdings nur für kurze Zeit. Sie wurden dann, wie es so schön heißt, »aufgerieben«, d. h. vernichtet. Insofern hätte Rathenau eine dem Untergang geweihte Klientel beschrieben. Und tatsächlich, nach der Lektüre des Buches mehr als einhundert Jahre später ist klar, dass die Deutschland AG, die Rathenau charakterisiert hatte, nicht mehr existent.
Fürs Erste hätte geholfen, wenn Richter den Satz vollständig zitiert hätte: »Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung.« Die Hermetik dieses elitären Kreises wird so noch deutlicher. Gleichzeitig begannen die Probleme für die in der Gründerzeit aus kleinen Anfängen entstandenen Unternehmen, die um die Jahrhundertwende zu weltwirtschaftlich relevanter Größe gewachsen waren. Sie sahen sich nach und nach mit der Nachfolger-Frage konfrontiert. Die meisten Firmenpatriarchen versuchten, es in der Familie zu belassen. Das beste Beispiel hierfür ist Siemens. Der Tüftler und Erfinder brachte sechs von neun Brüdern in Positionen in seinem Unternehmen. Andere begannen, einen oder mehrere leitende Angestellte, sogenannte Manager, zu implementieren und zogen sich aus dem Tagesgeschäft weitgehend zurück. Emil Rathenau, der Vater von Walther Rathenau, war einer der ersten »Manager«. Er war es, der für AEG das Patent auf Edisons Glühlampe erwarb während Siemens & Halske auf die »Jablotschkowschen Kerzen« setzte.
Neues über den »freundlichen« Rolf Dieter Brinkmann
1968 gelang es Günter Rohrbach, damals gerade »Leiter Fernsehspiel« im WDR geworden, die »Herrn« Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla für ein Fernsehspiel »zu gewinnen«, das unter »jungen Menschen« spielen soll. Rohrbach war ambitioniert, wollte dem eher drögen Fernsehspiel einen Fernsehfilm entgegensetzen, suchte neue Autoren und war bereit für Experimente. Rohrbach war für einige Jahrzehnte ein großer Ermöglicher, holte nicht zuletzt das Fernsehen aus seiner Betulichkeitsecke. (Leider war dies nur ein Aufflackern; inzwischen sind die öffentlich-rechtlichen Medien verseucht mit Banalitäten und Trivialitäten.)
In Norbert Wehrs neuem Schreibheft 107 kann man ergänzend zum Brinkmann-Dossier Zersplitterte Gegenwart der letzten Nummer erstmals sowohl das Exposé als auch das ein Jahr später entstandene Drehbuch zum geplanten Film nachlesen. Eingerahmt wird dies von Michael Tötebergs instruktiven Bemerkungen über das Filmschaffen Brinkmanns und einem Gespräch von Michael Rüger mit Ralf-Rainer Rygulla.
Norbert Wehr (Hrsg.): Schreibheft 107
Nachdem der WDR auf das Exposé vertragsgemäß einen Vorschuss bezahlt hatte, fuhren die beiden erst einmal nach London und kauften Bücher. Der Titel des geplanten Films lautete Der Abstieg und Brinkmann entwickelte fast so etwas wie eine Sozialstudie eines 21jährigen, der zu Beginn in einer Schülerband singt und zunächst Erfolg hat. Irgendwann muss er sich dann jedoch sein fehlendes musikalisches Empfinden eingestehen. Er ist »einfach schlecht«, heißt es, aber kann noch einmal in eine andere Band wechseln, allerdings erfolglos. Es folgt der Auszug bei den Eltern; chronische Geldnot. Der Kontakt mit der zwei Jahre älteren Schwester bleibt. Sie engagiert sich im SDS, während er kein Interesse an politischer Aktion verspürt. Stattdessen verdingt er sich als Discjockey, rutscht sukzessive in ein halbkriminelles Milieu ab, wird schließlich Kurierfahrer. Der Schluss ist, wie es im Exposé heißt, eine »Krimi-Aktion«: »Schüsse, Schreie, Lichter«, schließlich Kripo und Handschellen.