Ge­or­ges Si­me­non: Aus den Ak­ten der Agence O

Georges Simenon: Aus den Akten der Agence O

Ge­or­ges Si­me­non: Aus den Ak­ten der Agence O

Jo­seph Tor­rence, Ex-In­spek­tor der Pa­ri­ser Kri­mi­nal­po­li­zei und ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter von Kom­mis­sar Mai­gret, Mit­te 40, »ein un­be­küm­mer­ter Riese…sehr ge­pflegt und gut ge­nährt« ist jetzt der Chef ei­ner der »be­rühm­te­sten Pri­vat­de­tek­tei­en der Welt«, der »Agence O«. Ihm zur Sei­te steht der jun­ge, som­mer­spros­si­ge Rot­schopf Émi­le, der als Fo­to­graf fun­giert, der Bü­ro­die­ner und ehe­ma­li­ge Ta­schen­dieb Bar­bet so­wie die Se­kre­tä­rin Ma­de­moi­sel­le Ber­t­he. Das Bü­ro liegt fast ein biss­chen kon­spi­ra­tiv ge­gen­über von ei­nem Mu­si­cal-Thea­ter, über dem Fri­seur­sa­lon »Chez Adol­phe« in der Ci­té Ber­gè­re in Pa­ris.

Ge­or­ges Si­me­non hat bin­nen sehr kur­zer Zeit vier­zehn Er­zäh­lun­gen über die »Agence O« ver­fasst, die 1943 bei Gal­li­mard ver­öf­fent­licht wur­den. 1968 wur­den für das fran­zö­si­sche Fern­se­hen zwölf Epi­so­den der »Agence O« ver­filmt (Re­gie führ­te Si­me­nons Sohn Marc), die 1971 in der ARD un­ter dem Na­men »Agen­tur Null« aus­ge­strahlt wur­den.

Sechs Er­zäh­lun­gen sind jetzt un­ter dem Ti­tel »Aus den Ak­ten der Agence O« im Kam­pa-Ver­lag auf­ge­legt wor­den, wo­bei nur »Der Mann hin­ter dem Spie­gel« von Sa­bi­ne Schmidt über­setzt in ei­ner in­zwi­schen ver­grif­fe­nen An­tho­lo­gie be­reits er­schie­nen war. Die an­de­ren fünf Er­zäh­lun­gen, von Su­san­ne Röckel über­tra­gen, gibt es zum er­sten Mal in deut­scher Spra­che. Die wei­te­ren acht Er­zäh­lun­gen mit Aben­teu­ern der »Agence O« sol­len zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt er­schei­nen. Wei­ter­le­sen

Die Kunst des Auf­ge­bens I

Auf der Land­kar­te war mir ein Shin­to-Schrein auf­ge­fal­len, er soll­te sich am En­de ei­ner lan­gen, schnur­ge­ra­de west­wärts füh­ren­den Stra­ße be­fin­den, das letz­te Stück auf der Kar­te nur noch strich­liert, was im­mer das hei­ßen moch­te. Ein Fuß­weg, ein Pfad? Ein We­gerl?

In alt­ver­trau­ter Ar­ro­ganz ver­gaß ich, die Kar­te mit­zu­neh­men, und freu­te mich auch noch dar­über. Er­stens glaub­te ich mir den Weg ge­nau ein­ge­prägt zu ha­ben, zwei­tens will ich mich schon ein Le­ben lang in der Kunst des Ver­ir­rens üben. Nach mei­ner Ein­schät­zung und Er­in­ne­rung muß­te der Fahr­weg von der Ufer­stra­ße ei­nes mir gut be­kann­ten Stau­sees ab­ge­hen, un­weit von dem Spiel­platz, den ich mit mei­ner Toch­ter manch­mal auf­such­te, als sie noch klein war und wei­ter drü­ben am Turn­un­ter­richt ei­ner be­tag­ten ehe­ma­li­gen Spit­zen­sport­le­rin teil­nahm. Vor ei­nem Kul­tur­zen­trum war ei­ne In­for­ma­ti­ons­ta­fel, die Wan­der­we­ge vor­schlug: 1,2 Ki­lo­me­ter lang der ei­ne, 2,2 der an­de­re, lä­cher­li­che Strecken für ei­nen er­fah­re­nen Pil­ger wie mich, au­ßer­dem kann­te ich die Ge­gend jen­seits von den Se­en wie mei­ne We­sten­ta­sche. Die an­de­re Sei­te, wo die Berg­hän­ge steil an­stie­gen, kann­te ich kaum.

Bild 1 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Auf der ab­zwei­gen­den Stra­ße stieß ich nach kur­zem auf ei­ne Ab­sper­rung, dort ließ ich mein Fahr­rad ste­hen. Gel­bes, manns­ho­hes Schilfgras er­ober­te von den Rän­dern her die Fahr­bahn; Fahr­zeu­ge ka­men hier sehr sel­ten durch. Nach ei­ner Wei­le fiel mir ein Schild in die Au­gen, das die Strecke als Par­cours für Wald­läu­fer aus­wies. We­nig spä­ter kam mir ein Mann ent­ge­gen, oh­ne Sport­klei­dung, auch kein Wan­de­rer, kei­ner wie ich. Wahr­schein­lich hat­te er bei den Was­ser­re­ser­voirs zu tun ge­habt, die wei­ter oben im Wald ver­bor­gen wa­ren; gro­ße, zy­lin­der­för­mi­ge Be­häl­ter die der Ver­sor­gung der gan­zen Ort­schaft hier dien­ten. In der Kur­ve, die an dem Are­al vor­bei­führ­te, spür­te ich es schon: Hier war et­was pas­siert, der Berg – nicht zer­bro­chen, aber si­cher be­schä­digt. Baum­stäm­me la­gen her­um, sie wa­ren zu­sam­men mit Fels­brocken das Tal her­un­ter­ge­kom­men, wo nur noch ein schma­ler, stei­ler Weg berg­an führ­te, wenn es denn ein Weg war; wahr­schein­lich nicht, nur ein Ab­weg; nach ei­ner Wei­le dreh­te ich um. Als die Was­ser­zy­lin­der un­ter mir auf­tauch­ten, be­merk­te ich, daß die Stra­ße in die an­de­re Rich­tung zeig­te. Ich stieg über Baum­stäm­me, trat nä­her und sah jetzt auch schon die Schlucht, die die Was­ser­mas­sen ge­ris­sen hat­ten, sah die dün­ne schwärz­li­che Asphalt­decke, dar­un­ter hell­brau­ne Er­de. Die La­wi­ne war in der weit­ge­zo­ge­nen Kur­ve ab­ge­gan­gen, die die Stra­ße einst hier be­schrie­ben hat­te, in­dem sie sich an das Ge­län­de an­ge­schmiegt hat­te; jetzt war sie un­pas­sier­bar, die an­de­re Sei­te drei­ßig, vier­zig Me­ter ent­fernt. Wei­ter­le­sen

Ja­kob Nol­te: Kur­zes Buch über To­bi­as

Jakob Nolte: Kurzes Buch über Tobias

Ja­kob Nol­te: Kur­zes Buch über To­bi­as

So kurz ist das »Kur­ze Buch über To­bi­as« gar nicht. Es sind mehr als 230 Sei­ten, die Ja­kob Nol­te da aus per­so­na­ler Per­spek­ti­ve über ei­nen To­bi­as Becker aus Nie­der­sach­sen er­zählt. Man er­in­nert sich noch an die De­ka­log-Se­rie des pol­ni­schen Re­gis­seurs Krzy­sz­tof Kieś­low­ski aus den 1980er Jah­ren, de­ren ein­zel­ne Epi­so­den eben­falls als »Kur­zer Film…« be­ti­telt wur­den. Und tat­säch­lich fin­den sich in die­sem To­bi­as-Buch nicht nur un­ter­schwel­lig re­li­giö­se Be­zü­ge.

Aber die­se gibt es erst nach und nach. To­bi­as lebt jetzt in Ber­lin, macht ein Frei­wil­li­ges So­zia­les Jahr in Pots­dam, spielt ger­ne Tisch­ten­nis, hat zu Be­ginn 48 Fen­ster auf sei­nem Han­dy of­fen (für je­des Ka­pi­tel die­ses Bu­ches ei­nes!) und will Schrift­stel­ler wer­den. Er be­legt ei­nen Li­te­ra­tur­stu­di­en­gang in Hil­des­heim was ihm nicht leicht fällt, da er sei­nen Freun­des­kreis auf­ge­ben muss und vor al­lem sei­ne Freun­din Ali­da Shah, die ir­gend­wann ver­misst wird. Kurz wähnt man sich in ei­ner Kri­mi­nal­ge­schich­te, aber es geht hei­ter wei­ter mit To­bi­as’ Stu­den­ten­zeit als an­ge­hen­der Li­te­rat nebst den üb­li­chen stu­den­ti­schen Ver­wick­lun­gen, den Po­si­tio­nie­run­gen ir­gend­wo zwi­schen But­ler, Bour­dieu und Pros­ami­nia­tu­ren »ir­gend­ei­nes Uwe, Jens oder Hol­ger«.

Den gan­zen Bei­trag »Amü­san­te Pi­rou­et­ten« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Karl Ove Knaus­gård: Aus der Welt

Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

Karl Ove Knaus­gård:
Aus der Welt

Hen­rik Van­kel ist 1970 ge­bo­ren und 26 Jah­re alt, als er ei­ne Stel­le als Aus­hilfs­leh­rer, be­fri­stet auf ein Jahr, in ei­nem als Dorf be­schrie­be­nen Ort in Nord­nor­we­gen an­tritt. Es ist kalt und es schneit. Mit dem Win­ter be­ginnt die Zeit, in der es auf dem Hö­he­punkt nur rund ei­ne Stun­de am Tag hell ist, der Son­nen­auf­gang naht­los in den ‑un­ter­gang über­geht. Hen­rik ist un­ge­bun­den, lebt al­lein, in ei­nem Miets­haus. Über ihn wohnt Lin­da, acht Jah­re äl­ter, eben­falls Leh­re­rin, mit ih­rem Ehe­mann Ri­chard.

Oh­ne gro­ße Um­stän­de kommt Karl Ove Knaus­gård in sei­nem 1998 er­schie­ne­nen Erst­lings­ro­man »Aus der Welt« (nor­we­gisch: »Ute av ver­den«, laut Über­set­zungs­pro­gramm eher: »Nicht von die­ser Welt«) auf das be­stim­men­de The­ma die­ses Hen­rik zu spre­chen: Er ist an­ge­zo­gen von ei­ner Cli­que 13jähriger Mäd­chen der Schu­le, von Han­na, Ka­ta­ri­na, An­net­te und Mi­ri­am, die er »mei­ne Mäd­chen« nennt. Ich-Er­zäh­ler Hen­rik re­gi­striert »ihr ver­le­ge­nes Lä­cheln und ih­re er­rö­ten­den Ge­sich­ter« und kon­sta­tiert: »ir­gend­et­was an ih­nen brach­te mich aus dem Kon­zept«. »Was hat­ten sie an sich, das mich so aus der Fas­sung brach­te, was war es?«, so fragt Hen­rik am An­fang. Be­son­ders hin­ge­zo­gen fühlt er sich zu Mi­ri­am. Es be­ginnt als Schwär­me­rei, fast wie ein Teen­ager, was sich auch dar­in zeigt, dass der Ich-Er­zäh­ler ei­ni­ge Im­pres­sio­nen laut­ma­le­risch, in Co­mic­spra­che, un­ter­stüt­zend schil­dert.

Al­les an und von Mi­ri­am wird be­ob­ach­tet und ge­deu­tet: »Als wä­ren nur wir zwei im Raum, zieht sie vor­sich­tig das wei­te T‑Shirt straff, lä­chelt kurz und dreht sich dann um.« Im Un­ter­richt stei­gert sich das Ver­lan­gen bis­wei­len noch: »Ich hät­te zu ihr ge­hen kön­nen, nur um sie zu rie­chen, dach­te ich, den Ge­ruch ih­res war­men, feuch­ten Woll­pull­overs auf­zu­neh­men. Die Sü­ße des Atems.« Aber es muss un­ter­drückt, darf nicht of­fen­sicht­lich und von an­de­ren be­merkt wer­den. Denn es sind doch »Kin­der­stim­men, Kin­der­au­gen, Kin­der­ge­dan­ken, Kin­der­schuld, Kin­der­scham«, so be­schwört er sich sel­ber. Wei­ter­le­sen

Flo­ri­an L. Ar­nold: Die Zeit so still

Florian L. Arnold: Die Zeit so still

Flo­ri­an L. Ar­nold:
Die Zeit so still

Al­le sind ein­ge­schlos­sen. Die Tü­ren be­kommt man nicht mehr auf. Al­le zwei Ta­ge gibt es Le­bens­mit­tel­ra­tio­nen bzw. das, was man als Le­bens­mit­tel de­kla­riert. Der Grund ist ein ma­ro­die­ren­des To­des­vi­rus. Die zwei­te, drit­te, wer­weiß­wie­viel­te Wel­le. Da ist von der »gro­ßen In­ter­nie­rung« die Re­de, dem Kon­trol­lie­ren, den Vi­deo­ka­me­ras. Durch­sa­gen pras­seln in den öf­fent­li­chen Raum, »Er­mah­nung und Er­mun­te­rung«, »Schlag­wor­tha­gel, Phra­sen­don­ner«, »re­den, re­den, re­den, bis das Un­faß­li­che zer­lö­chert wird von der Ba­na­li­tät«. Men­schen in ih­ren Woh­nun­gen, »lie­gend, ste­hend, war­tend«, »mit nie­mand mehr ver­bun­den«. Wie auch die­ser zu­nächst na­men­lo­se Mann, einst pri­vi­le­giert, da er in die Er­for­schung der Ein­däm­mung des Vi­rus ein­ge­bun­den war. Aber er konn­te die Zahl der To­ten nicht be­gren­zen, konn­te sich im »Ba­by­lon der Sprach­ver­wir­rung« nicht durch­set­zen, ge­noss kurz den Hass des Pri­vi­le­gier­ten bis er dann »ver­schwand oder ver­losch oder man ver­gaß ihn«. Er wuss­te früh, »dass es kei­nen Schutz gab«.

Das ist das Set­ting in Flo­ri­an L. Ar­nolds No­vel­le »Die Zeit so still«, die En­de No­vem­ber letz­ten Jah­res im Mi­ra­bi­lis-Ver­lag er­schien. Na­tür­lich er­in­nert das al­les an die Ge­gen­wart bzw. an das, was viel­leicht noch kom­men könn­te: aus­ge­stor­be­ne Städ­te, Men­schen, die nur noch exi­stie­ren, aber nicht mehr le­ben, je­der für sich ein­zeln, denn Kon­tak­te sind ver­bo­ten, ge­nau so wie das Ver­las­sen des Hau­ses, was streng über­wacht und hart sank­tio­niert wird. Die Er­zäh­lung ins­be­son­de­re zu Be­ginn schockiert, weil sie die Ge­gen­wart in ei­ne weit zu­rück­lie­gen­de Ver­gan­gen­heit legt. Wer ge­nau liest und es sich er­rech­net, kommt auf un­ge­fähr drei­ßig Jah­re. Es könn­te al­so ei­ne Pro­jek­ti­on aus dem Jahr 2050 sein. Die Zei­ten, dass Sci­ence-Fic­tion uto­pisch war, sind längst vor­bei. Es gibt fast nur noch Dys­to­pien. Und die­se hier geht zu­nächst an die Nie­ren. Aber das bleibt das Pro­blem des Le­sers; der Au­tor flüch­tet sich nicht in die na­he­lie­gen­den Alar­mis­men.

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Pe­ter Fab­jan: Ein Le­ben an der Sei­te von Tho­mas Bern­hard

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard

Pe­ter Fab­jan: Ein Le­ben an der Sei­te von Tho­mas Bern­hard

Auf Twit­ter gibt es ei­nen Teil­neh­mer, der sich »Tho­mas Bern­hard« nennt und ein Fo­to des 1989 ver­stor­be­nen Schrift­stel­lers im Pro­fil trägt. Er folgt nur drei an­de­ren Teil­neh­mern (ei­nem Twit­ter-Nach­rich­ten­por­tal zu Tho­mas Bern­hard so­wie dem Re­si­denz- und dem Suhr­kamp-Ver­lag; merk­wür­di­ger­wei­se nicht Jung und Jung) aber ihm fol­gen über 6.700 User. Der Na­me ist »dai­l­y­bern­hard« und so gibt es seit Mai 2015 auch mehr oder we­ni­ger re­gel­mä­ßig ei­nen Spruch von T.B. aus ir­gend­ei­nem sei­ner Bü­cher oder den zahl­rei­chen In­ter­views. Die An­ga­be der je­wei­li­gen Quel­le un­ter­bleibt; ei­nen Kon­text gibt es da­mit na­tur­ge­mäß nicht. Von der recht­li­chen Kom­po­nen­te ein­mal ab­ge­se­hen, stellt sich vor al­lem die Fra­ge, wem da­mit ge­dient ist. Ver­mut­lich steckt da­hin­ter ein Tho­mas-Bern­hard-Schwär­mer, je­mand, der si­cher­lich zu je­der (welt-)politischen La­ge (wo­her auch im­mer) ein tref­fen­des Zi­tat sei­nes Mei­sters an­brin­gen kann. Das ist un­ter­halt­sam, kei­ne Fra­ge. Aber es re­du­ziert das Werk ei­nes Dich­ters auf das Ni­veau ei­nes Apho­ris­mus­schrei­bers, der zum Bei­spiel bis­wei­len ge­lun­gen den öster­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler zu ka­ri­kie­ren scheint, ob­wohl der in Wirk­lich­keit noch nicht ein­mal drei Jah­re alt war, als Tho­mas Bern­hard starb.

Egal, wer­den die Bern­hard-En­thu­sia­sten sa­gen, Haupt­sa­che, der Dich­ter bleibt prä­sent. Denn in­zwi­schen hat so ziem­lich je­der, der in sei­nem Le­ben mit Tho­mas Bern­hard (1931–1989) et­was zu tun hat­te, über ihn be­rich­tet und ent­hüllt. Da ist es nur lo­gisch, dass Bern­hards Halb­bru­der, der ehe­ma­li­ge In­ter­nist und Nach­lass­ver­wal­ter Pe­ter Fab­jan (*1938), jetzt end­lich auch sei­nen »Rap­port« ab­gibt. »Ein Le­ben an der Sei­te von Tho­mas Bern­hard« ist der Ti­tel die­ses Büch­leins, das mit zahl­rei­chen Fo­tos aus­ge­stat­tet, vor ei­ni­gen Ta­gen im Suhr­kamp-Ver­lag er­schie­nen ist.

Fab­jans Buch ist al­ler­dings we­ni­ger ein Rap­port als ei­ne Text­samm­lung. Aus­führ­lich wer­den die Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se un­ter de­nen Bern­hard auf­wuchs ge­schil­dert. Die Mut­ter starb früh und war psy­chisch la­bil; der leib­li­che Va­ter, der die Va­ter­schaft nie an­er­kannt und eben­falls früh starb, ein Trun­ken­bold. Fab­jan wid­met je­der Per­son bis hin­ein in die Tan­ten und On­kel ei­ne skiz­zen­haf­te Le­bens­be­schrei­bung. Er kon­sta­tiert tra­gö­di­en­haf­te Zü­ge in der Fa­mi­li­en­ge­schich­te.

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Mo­ni­ka Ma­ron: Bon­nie Pro­pel­ler

Monika Maron: Bonnie Propeller

Mo­ni­ka Ma­ron:
Bon­nie Pro­pel­ler

Der Hund »Mo­mo« der 79jährigen, al­lein­le­ben­den Ich-Er­zäh­le­rin in Mo­ni­ka Ma­rons neue­ster Er­zäh­lung »Bon­nie Pro­pel­ler« ist ver­stor­ben (be­zie­hungs­wei­se: er wur­de ein­ge­schlä­fert). Da ein Le­ben oh­ne Hund für sie viel­leicht mög­lich, aber nicht er­stre­bens­wert ist, zu­mal wenn ein Hund den Tag der schrift­stel­le­risch tä­ti­gen Er­zäh­le­rin bes­ser struk­tu­riert, sucht sie ei­nen neu­en Ge­fähr­ten. Fün­dig wird sie bei ei­nem Ver­ein, der Hun­de aus Ost­eu­ro­pa her­an­holt. War­um die­se Pro­ve­ni­enz bleibt im Dun­keln. Im­mer­hin sieht der Hund auf dem Vi­deo pas­sa­bel aus. Dies­mal soll es kein Rü­de sein, son­dern ei­ne Hün­din. Ganz ein­fach ist der Kauf al­ler­dings nicht. Man muss ei­nen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len, ob man über­haupt in der La­ge ist, ei­nen Hund art­ge­recht zu hal­ten und am En­de gibt es noch ein Ge­spräch. Ei­nen klei­nen Feh­ler macht die Er­zäh­le­rin, als sie ihr Ge­burts­jahr irr­tüm­lich, wie sie be­tont, zehn Jah­re jün­ger macht. Wer weiß, ob sie sonst den Hund be­kom­men hät­te.

Die »Lie­fe­rung« er­folgt un­ter kon­spi­ra­ti­ven und kom­pli­zier­ten Um­stän­den. Zu­nächst muss sie, in Ber­lin le­bend, früh mor­gens auf ei­nem Park­platz in Mün­chen sein. Als sie an­kommt, stellt sich her­aus, dass der Wa­gen ei­ne Pan­ne hat­te. Ein paar Wo­chen spä­ter klappt dann die Über­ga­be; dies­mal in Ber­lin, um 5 Uhr mor­gens.

Die Ent­täu­schung ist groß: »Pro­pel­ler«, so heißt sie, ist häss­lich, hat »zwei ka­mel­höcker­ähn­li­che Hüft­pol­ster, al­les über­wu­chert von ei­nem grau­schwar­zen, stump­fen Fell« und ist ver­narbt von ei­ner Ope­ra­ti­on. Ein un­för­mi­ges, dackel­ähn­li­ches Fell­ge­bil­de. Das Vi­deo war ge­schönt. Sie wägt ab, will den Hund zu­rück­ge­ben, be­hält ihn dann doch, gibt ihm den Na­men »Bon­nie« und be­ginnt sanft mit der Ab­rich­tung, wo­bei er sich als über­ra­schend ge­leh­rig zeigt. Der Na­me »Pro­pel­ler« fin­det auch ei­ne Auf­klä­rung in des­sen Freu­den­tau­mel-Vol­ten. Nach Di­ät und dem Ge­lin­gen ein­fa­cher Er­zie­hungs­maß­nah­men möch­te sie ihn nicht mehr mis­sen. »Bon­nie war nied­lich. Nied­lich, rüh­rend und ängst­lich.«

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Ba­rack Oba­ma: Ein ver­hei­sse­nes Land

Barack Obama: Ein verheißenes Land

Ba­rack Oba­ma: Ein
ver­hei­ße­nes Land

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Der Ti­tel könn­te pa­trio­ti­scher nicht sein: »Ein ver­hei­ße­nes Land«. Im (kur­zen) Vor­wort er­klärt Oba­ma, war­um für ihn die USA im­mer noch die­se Zu­wei­sung ver­dient. Die Vo­ka­bel des »ame­ri­ka­ni­schen Traums« ver­wen­det er zwar nicht di­rekt, aber sie wird fei­er­lich um­schrie­ben. Und Oba­ma kann auch Pa­thos, wenn er da­von spricht, »die Mög­lich­keit von Ame­ri­ka« nicht auf­zu­ge­ben, und zwar »um der ge­sam­ten Mensch­heit wil­len«. Denn die ame­ri­ka­ni­sche De­mo­kra­tie tau­me­le, so der Be­fund der Ge­gen­wart (Au­gust 2020; 178.000 Pan­de­mie-To­te in den USA) »am Rand ei­ner Kri­se«. Die jüng­sten Bil­der ver­stär­ken die­se Dia­gno­se.

Das Land stand je­doch, als er die Prä­si­dent­schaft an sei­nen Nach­fol­ger, »der in al­lem das ex­ak­te Ge­gen­teil von dem ver­kör­per­te, wo­für wir stan­den«, bes­ser da als vor sei­ner Prä­si­dent­schaft, so die The­se. Der Na­me von Do­nald Trump fällt lan­ge nicht, erst auf Sei­te 933 zum er­sten Mal. Die An­spie­lun­gen sind al­ler­dings deut­lich, die Be­sorg­nis auch. Aber sind es mehr als flos­kel­haf­te Kas­san­dra-Ru­fe? War­um hat er nicht das Er­geb­nis der Wahl ab­ge­war­tet?

Oba­ma ent­schul­digt sich gleich zu Be­ginn für die Fül­le des Ma­te­ri­als. Und da­für, dass es noch ein zwei­tes Buch ge­ben wird. »Ein ver­hei­ße­nes Land« en­det im Mai 2011, un­mit­tel­bar nach der Tö­tung von Osa­ma bin La­den. Das Buch ist in sie­ben Tei­le ge­glie­dert, ins­ge­samt 27 Ka­pi­tel. Die Zeit­ach­se ist weit­ge­hend chro­no­lo­gisch, wo­bei Kind­heit und Ju­gend bis­wei­len Ge­gen­stand für kur­ze Rück­blen­den und Re­fle­xio­nen wer­den. Ge­le­gent­lich greift er Ent­wick­lun­gen auch vor­aus, in dem er die Ent­schei­dun­gen, die ge­trof­fen wur­den, und de­ren Fol­gen nach­träg­lich be­wer­tet. Da er Fuß- und End­no­ten nicht mag, gibt es auch in die­sem Buch kei­ne.

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