Deniz Oh­de: Streu­licht

Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Oh­de: Streu­licht

Ei­ne »fei­ne Säu­re« ist da in der Luft. Und ein »Lei­ses Brum­men«. Un­auf­hör­lich. Es reg­net »In­du­strie­schnee«. Re­gel­mä­ßig gibt es Pro­be­alarm. Nein, nicht ir­gend­wo im Ruhr­ge­biet – es ist Frank­furt, der »In­du­strie­park«; ein Che­mie­park. Dort wohnt ei­ne (na­he­zu) na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­le­rin, von der man nur den er­sten Buch­sta­ben des »K‑Namens« er­fährt (»Frau A—«) und ver­nimmt, dass das »I« in ih­rem Vor­na­men lan­ge ge­spro­chen wird. Ge­bo­ren ist sie nach al­lem, was man sich zu­sam­men­le­sen kann, En­de der 1980er Jah­re. Die Mut­ter ist Tür­kin, die sich ir­gend­wann aus ei­nem »Fünf­hun­dert-See­len-Dorf an der Schwarz­meer­kü­ste« auf­ge­macht hat. Der Va­ter Deut­scher. Er hat 40 Jah­re 40 Stun­den die Wo­che Alu­mi­ni­um­ble­che in Lau­gen ge­taucht. Die Toch­ter kommt zu Be­ginn des Ro­mans zu Be­such, man ist in der un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­wart. Sie wird fast er­schla­gen vom Rauch, der in den Räu­men steht. Ei­ne »ängst­li­che Teil­nahms­lo­sig­keit« macht sich in ihr breit. Die Mut­ter ist »ge­gan­gen«, aber das er­fährt man erst viel spä­ter. So­phia und Pik­ka, die Freun­de seit der Schul­zeit, hei­ra­ten. Das ist der Rah­men für De­nis Oh­des Erst­ling.

»Streu­licht« ist ein Bil­dungs­ro­man in dop­pel­ter Be­deu­tung: Ein Ro­man über das Bil­dungs­we­sen in Deutsch­land (ge­nau­er: in Hes­sen) und da­mit eben auch über Vor­ur­tei­le und Dis­kri­mi­nie­run­gen, die sub­ku­tan prä­sent sind und bis­wei­len mit er­schrecken­der Ehr­lich­keit aus­ge­spro­chen wer­den. Denn die Ich-Er­zäh­le­rin ist zwar for­mal Deut­sche. Für vie­le und eben auch für Leh­rer (und auch Leh­re­rin­nen) ist sie je­doch ei­ne Tür­kin, die es ge­schafft hat (oder, spä­ter dann, eben auch nicht). Und es ist auch ein na­he­zu klas­si­scher Bil­dungs­ro­man über die For­mung ei­nes Men­schen durch und mit Bil­dung und über die Schwie­rig­keit ei­nes Auf­stiegs­ver­spre­chens, aber das ist nicht nur die Schuld der an­de­ren, son­dern auch ein we­nig die der Er­zäh­le­rin.

Es wird rück­blickend weit­ge­hend chro­no­lo­gisch er­zählt; nur manch­mal gibt es Zeit­sprün­ge, die al­ler­dings mü­he­los zu be­wäl­ti­gen sind. Der Ton ist me­lan­cho­lisch, nie sen­ti­men­tal, bis­wei­len an­kla­gend und auch schon ein­mal selbst­an­kla­gend. Die Er­zäh­le­rin be­wegt sich in ei­nem en­gen, fast her­me­ti­schen Kos­mos. Über­mä­ssig vie­le So­zi­al­kon­tak­te hat sie nicht. Bis auf flüch­ti­ge Be­kannt­schaf­ten blei­ben nur So­phia und Pik­ka als Freun­de.

Ei­ne Ab­rech­nungs- oder gar Wut­pro­sa ist »Streu­licht« nicht. Das läuft sub­ti­ler, mit in­ten­si­ven, bis­wei­len sur­rea­len Stim­mungs­bil­dern, die die Tri­stesse (wenn der Ort Prot­ago­nist ist) oder die Ver­zweif­lung (bei Men­schen) nicht ver­ber­gen, son­dern, pa­ra­dox ge­nug, er­strah­len las­sen. Spä­ter, als sie zum Stu­di­um in ei­ner frem­den Stadt wohnt, ver­misst sie all die Un­zu­läng­lich­kei­ten ih­res Hei­mat­or­tes und dann kommt ei­nem die Ge­nüg­sam­keit des Va­ters in den Sinn, dass man »hier« doch »al­les« ha­be. Wei­ter­le­sen

Gräu­el der Ge­gen­wart ‑3/11-

(← 2/11)

Im fol­gen­den wer­de ich ei­ne Rei­he von Punk­ten, von Fest­stel­lun­gen und Er­kennt­nis­sen an­füh­ren, de­nen ich leb­haft zu­stim­men möch­te. Und dies in der Ab­sicht, mei­ner ei­ge­nen ge­sell­schafts­be­zo­ge­nen Wahr­neh­mung Nach­druck zu ver­lei­hen, daß un­ser täg­li­ches Un­be­ha­gen nicht in er­ster Li­nie durch ei­nen un­be­re­chen­ba­ren, ex­tre­mi­sti­schen, oft re­li­gi­ös mo­ti­vier­ten, hi­sto­risch rück­wärts­ge­wand­ten Ter­ror be­dingt ist, son­dern ei­nem Ge­spinst aus selbst­ver­ständ­lich ge­wor­de­nen, sel­ten ins Be­wußt­sein drin­gen­den Gräu­eln gleich­kommt.

For­re­sters Buch ist nicht wis­sen­schaft­lich, es stellt auch nicht die­sen An­spruch. Es ist ein Es­say, der um ei­ne über­schau­ba­re An­zahl von The­men kreist und sich da­bei im­mer wie­der Ab­schwei­fun­gen er­laubt. Für ih­re Be­ob­ach­tun­gen und Er­klä­run­gen bringt For­re­ster we­nig kon­kre­te Be­le­ge, ih­re Ab­lei­tun­gen fol­gen kei­ner stren­gen Lo­gik und kei­nem aka­de­mi­schen Sche­ma. Trotz­dem – oder des­halb? – kann man aus heu­ti­ger Sicht sa­gen, daß sie zu­meist ins Schwar­ze trifft. Man muß kein Wirt­schafts­ex­per­te sein, um fest­zu­stel­len, daß der Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus sich mehr und mehr von der Pro­duk­ti­on rea­ler Gü­ter ab­ge­ho­ben hat und daß dar­aus er­heb­li­che Pro­ble­me ent­ste­hen, die nicht nur die Mas­se der mehr oder we­ni­ger Be­sitz- und oft auch Ar­beits­lo­sen schwä­chen, die Rei­chen un­ver­hält­nis­mä­ßig stär­ken und zu glo­ba­len Kri­sen wie im Jahr 2008 füh­ren kön­nen. Man muß kein Fach­mann sein, um zu be­mer­ken, daß öko­no­mi­sche Pro­zes­se in den post­in­du­stri­el­len Ge­sell­schaf­ten wie Glücks­spie­le ab­lau­fen, bei de­nen ge­setzt, ge­wet­tet, ge­won­nen und ver­lo­ren wird, wo­bei die Spie­ler, die glo­bal play­ers, die Ein­fluß­fak­to­ren und Kon­tex­te selbst zu schaf­fen und zu kon­trol­lie­ren be­strebt sind (was ih­nen auf­grund der Hoch­kom­ple­xi­tät, der Un­über­schau­bar­keit, der Hoch­ge­schwin­dig­keit der Ab­läu­fe und der di­gi­ta­len Selbst­läu­fe nicht im­mer ge­lingt), so­fern sie über ge­nü­gend Macht und Geld­mit­tel ver­fü­gen. Auch auf die Ri­si­ken und un­er­wünsch­ten Ne­ben­wir­kun­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung hat­te For­re­ster be­reits 1996 auf­merk­sam ge­macht, auch sie ha­ben in der Kri­se 2008 Be­stä­ti­gung ge­fun­den. Mas­sen­psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren be­ein­flus­sen fi­nanz­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen auf das stärk­ste. In ge­wis­sem Sinn ist »die Wirt­schaft« hal­lu­zi­na­to­risch ge­wor­den: Wäh­rend von (»wis­sen­schaft­li­chen«) Pro­gno­sen und (»kal­ku­lier­tem«) Ri­si­ko die Re­de ist »ar­bei­tet« sie mit Hoff­nun­gen und Ein­bil­dun­gen, mit Phan­ta­sien und Äng­sten. Me­dia­ti­sier­ter Sport und Pop­kul­tur, die heu­ti­gen Glanz­stücke je­ner Kul­tur­in­du­strie, de­ren An­fän­ge einst Hork­hei­mer und Ador­no be­schrie­ben, ge­hö­ren eben­so zu den be­vor­zug­ten Ein­sät­zen die­ser öko­no­mi­schen Ab­läu­fe wie die di­gi­ta­li­sier­te Por­no­gra­phie, der Han­del mit pri­va­ten Da­ten und na­tür­lich die Wer­bung, die nicht mehr nur da­zu dient, Pro­duk­te an den Mann zu brin­gen, son­dern selbst ein ab­ge­ho­be­ner Wirt­schafts­zweig ge­wor­den ist.

Wahr­schein­lich ist es, um wirt­schaft­li­che Pro­zes­se zu ver­ste­hen, so­gar bes­ser, kein Fach­mann und kei­ne Fach­frau zu sein, weil man als Au­ßen­ste­hen­der Ab­stand hat und sich nicht so leicht in die durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­stärk­te und zum Dau­er­zu­stand ge­wor­de­ne Hy­ste­rie hin­ein­zie­hen läßt. Zu­mal die so­ge­nann­ten Öko­no­men, geht man nach ih­ren Kom­men­ta­ren in Ta­ges­zei­tung, oh­ne­hin nichts wis­sen. Glau­ben heißt nichts wis­sen (pfleg­te mei­ne Groß­mutter zu sa­gen); die so­ge­nann­ten Öko­no­men sind selbst nur Spe­ku­lan­ten, die an die­sem Psy­cho­spiel teil­neh­men, ob be­wußt oder un­be­wußt, vor­sätz­lich oder nicht. Wei­ter­le­sen

Chri­stoph Pe­ters: Dorf­ro­man

Chri­stoph Pe­ters:
Dorf­ro­man

Ei­nen »Dorf­ro­man« über den Nie­der­rhein, be­han­delnd die Jah­re un­ge­fähr zwi­schen 1975 und 1982, teil­wei­se ge­spie­gelt aus der Er­in­ne­rung durch ei­nen Sohn, der in­zwi­schen in Ber­lin wohnt und die be­tag­ten El­tern (um die 83 Jah­re) in ih­rem Haus im Dorf zu Pfing­sten be­sucht. Das al­les auf 400 Sei­ten. Wer Ac­tion oder Skan­dal oder bei­des will, soll­te das Buch zur Sei­te le­gen. Aber wer sich bei­spiels­wei­se für Zeit- und Kul­tur­ge­schich­te der al­ten Bun­des­re­pu­blik in­ter­es­siert, ist hier rich­tig.

Das Dorf ist Hül­ken­donck. Goog­le Maps kennt es nicht, aber man kennt dort auch nicht »Cal­car« und »Cle­ve«, wie die näch­sten Städ­te in al­ter Recht­schrei­bung (war­um auch im­mer) im Ro­man ge­nannt wer­den. Bei Kal­kar horcht man viel­leicht auf – und liegt rich­tig: Es geht um den so­ge­nann­ten »Schnel­len Brü­ter«, ein sei­ner­zeit neu­ar­ti­ger Kern­kraft­werk-Typ, ge­plant, be­wil­ligt und ge­baut in den 1970er Jah­ren und von da an fast im­mer um­strit­ten und um­kämpft. Als er fer­tig war, vie­le Jah­re spä­ter, (na­tür­lich wa­ren die Bau­ko­sten ex­plo­diert) woll­te ihn nie­mand mehr. Er ging nie ans Netz. Mil­li­ar­den für Nichts. Na­ja, heu­te ist dort »Kern­was­ser­wun­der­land«, ein Frei­zeit­park mit Kir­mes und Dis­co.

Chri­stoph Pe­ters, 1966 in Kal­kar ge­bo­ren, ist der Au­tor die­ses Dorfro­mans. In­wie­fern jetzt der Ich-Er­zäh­ler tat­säch­lich Chri­stoph Pe­ters ist, wird nicht auf­ge­löst. Er bleibt im üb­ri­gen na­men­los. Wie merk­wür­di­ger­wei­se auch al­le an­de­ren Prot­ago­ni­sten der en­ge­ren Fa­mi­lie – der Va­ter, die Mut­ter, die Ge­schwi­ster – wäh­rend es an­son­sten vor Na­men oder Spitz­na­men der Nenn- und rich­ti­gen Tan­ten und ‑On­kel, Groß­el­tern, Cou­si­nen und Cou­sins nur so wim­melt (ein Ver­zeich­nis braucht man sich nicht an­zu­le­gen; die mei­sten blei­ben Epi­so­de). Am En­de wird pflicht­schul­dig auf die Fik­ti­on ver­wie­sen; Ähn­lich­kei­ten mit le­ben­den oder ver­stor­be­nen Per­so­nen sei­en nicht be­ab­sich­tigt. Wei­ter­le­sen

Gräu­el der Ge­gen­wart ‑2/11-

(← 1/11)

Keh­re ich zu mei­nem frü­he­ren Re­zen­sen­ten­da­sein zu­rück, wenn ich mir jetzt das Buch von Vi­via­ne For­re­ster vor­neh­me? Ich hat­te, als ich es mir bei Ama­zon – hor­ri­bi­le dic­tu, aber in der ja­pa­ni­schen Pro­vinz gibt es kaum ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, rasch an ein aus­län­di­sches Buch zu kom­men – be­stell­te, ein paar der Le­ser­kom­men­ta­re ge­le­sen, wo­von mir zwei Rich­tun­gen im Ge­dächt­nis blie­ben: Die ei­nen mein­ten, das Buch sei un­wis­sen­schaft­lich, die Ver­fas­se­rin ein Schön­geist oh­ne viel Ah­nung von der Öko­no­mie; die an­de­ren mein­ten, es sei höchst ak­tu­ell, die ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re hät­ten das Ge­schrie­be­ne voll und ganz be­stä­tigt. Nun in­ter­es­sie­re ich mich, wenn ich den Ge­brauchs­wert ei­nes sol­chen Buchs ab­schät­zen soll, nicht so sehr für sei­ne Ak­tua­li­tät, son­dern er­hof­fe mir eher et­was wie Zeit­lo­sig­keit, al­so daß es an Pro­ble­me und Ge­füh­le rührt, für die der land­läu­fi­ge Jour­na­lis­mus kein Sen­so­ri­um hat. Den­noch be­kam ich wäh­rend der Lek­tü­re die­se Fra­ge nicht ganz aus dem Kopf, und an den Stel­len, wo For­re­ster von den Ban­lieues spricht, die frü­her oder spä­ter Auf­ruhr und sinn­lo­se Ge­walt er­le­ben wür­den, oder vom lang­sa­men Ein­sickern des Neo­li­be­ra­lis­mus in die Ge­hir­ne, von der im­mer brei­te­ren Ein­wur­ze­lung ei­ner auf Fi­nanz­spe­ku­la­ti­on aus­ge­rich­te­ten, com­pu­ter­ge­steu­er­ten, welt­weit ver­netz­ten Wirt­schaft, von der Öko­no­mi­sie­rung und Mo­ne­ta­ri­sie­rung noch der in­tim­sten Le­bens­be­rei­che, von der Ver­nich­tung ei­ner gro­ßen Zahl von Ar­beits­plät­zen durch Au­to­ma­ti­sie­rung und Ro­bo­te­ri­sie­rung (wo­bei ei­ne al­les in al­lem ge­rin­ge­re Zahl von meist pre­kä­ren neu­en Ar­beits­plät­zen ge­schaf­fen wird) – an all die­sen und an­de­ren Stel­len konn­te ich nicht um­hin, mit dem Kopf zu nicken: Ja, so ist es, der Lauf der Din­ge hat sich seit­dem nicht ge­än­dert. Viel­leicht rührt das wah­re Ak­tu­ell-Sein ja un­mit­tel­bar an die Zeit­lo­sig­keit; be­schei­de­ner aus­ge­drückt: ac­tua­li­tas hie­ße Weit­blick, Öff­nung der En­ge, Sinn für Zu­sam­men­hän­ge.

Den­noch, es war nicht sei­ne Ak­tua­li­tät, die mich in das Buch hin­ein­zog, son­dern die Tat­sa­che, daß ich mich in sei­ner Haupt­fi­gur wie­der­erkann­te: Der Über­flüs­si­ge, der Pa­ra­sit, das war ich. Ich in den neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, als For­re­ster das Buch schrieb. Na­tür­lich hat­te ich schon da­mals ge­wußt, daß ich nicht der ein­zi­ge in ei­ner sol­chen La­ge war, und doch spür­te ich je­nen be­rühm­ten Schlag auf das Haupt, als ich er­kann­te, daß ich, der Ein­zig­ar­ti­ge, der die­se La­ge ja gleich­falls auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se schrift­lich fest­ge­hal­ten und re­flek­tiert hat­te, nicht der Ein­zi­ge war, son­dern ei­ner von vie­len, ja, sehr vie­len. For­re­ster hat­te schon da­mals den so­zio­lo­gi­schen Hin­ter­grund zu mei­nen Er­zäh­lun­gen ge­lie­fert. Ei­ni­ges da­von war, wenn­gleich auf ganz an­de­re Wei­se, mit an­de­rer Hal­tung und an­de­rer Spra­che, in Houelle­becqs Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne zu le­sen, die ich 1997 über­setz­te (oh­ne mir mehr als ein be­schei­de­nes Zei­len­ho­no­rar zu er­war­ten). Das Ori­gi­nal war in Frank­reich 1994 er­schie­nen. Ich weiß nicht, ob es Frau For­re­ster ge­le­sen hat­te; in Frank­reich war es zu die­sem Zeit­punkt nur in In­si­der­krei­sen be­kannt. In der Bi­blio­gra­phie am En­de von Der Ter­ror der Öko­no­mie scheint der Ti­tel nicht auf. Je­den­falls le­sen sich gan­ze Pas­sa­gen wie theo­re­ti­sche Ver­all­ge­mei­ne­run­gen von Houelle­becqs Ro­man, des­sen Held zu den De­pra­vier­ten und Pa­ra­si­ten zählt (oh­ne ar­beits­los zu sein).

© Leo­pold Fe­der­mair

→ Teil 3/11

Die dop­pel­te An­net­te

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

An­ne We­ber: An­net­te, ein Hel­din­nen­epos

Das Gen­re ist be­reits im Ti­tel ein­ge­ar­bei­tet: »An­net­te, ein Hel­din­nen­epos«. An­net­te ist An­ne Be­au­ma­noir (ganz ge­nau: Ray­mon­de Mar­cel­le An­ne Be­au­ma­noir), die al­le nur An­net­te nen­nen, 1923 ge­bo­ren; sie wird in die­sem Jahr 97 Jah­re alt. 2000 er­schien ihr er­stes Er­in­ne­rungs­buch in Frank­reich (2019 ins Deut­sche über­setzt). Und die deut­sche Schrift­stel­le­rin und Über­set­ze­rin An­ne We­ber, die seit den 1980er-Jah­ren in Pa­ris wohnt, hat aus Be­geg­nun­gen mit ihr, Re­cher­chen und Lek­tü­ren nun ein »Vers­epos« über die­se Hel­din ver­fasst.

In Mo­ni­ka Ma­rons kürz­lich er­schie­ne­nem Ro­man über ei­nen »Ar­tur Lanz« wird Re­de ge­hal­ten über das, was man post­he­roi­sche Zeit nennt, das En­de des (männ­li­chen) Hel­den­tums. As­so­zi­iert wird der Held fast nur noch mit »Na­ti­on« oder »Krieg« und weil bei­des nie­mand mehr möch­te, braucht man ihn nicht mehr. Neu­er­dings stürzt man ja auch Denk­mä­ler. Die Poin­te an ei­ner Stel­le im Ro­man, dass man al­len­falls noch ei­nen Es­sens­be­stell­dienst als »Lie­fer­held« apo­stro­phiert, hat­te sich zwi­schen­zeit­lich schon durch ei­ne Na­mens­än­de­rung er­le­digt. Wie auch im­mer, »Held« ist im­mer ir­gend­wie ver­däch­tig, vor al­lem in Deutsch­land. Viel­leicht weil man ge­ra­de dort so oft die fal­schen Hel­den ge­fei­ert hat.

Und nun ein Vers­epos über ei­ne Hel­din – zeit­geist­wi­der­spen­sti­ger könn­te kaum et­was sein. Ein Wag­nis. Aber es ge­lingt. Und am En­de fragt man sich war­um.

Den gan­zen Bei­trag hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen

Gräu­el der Ge­gen­wart ‑1/11-

Als ich 1993 nach acht Jah­ren, die ich als »Lek­tor« an Uni­ver­si­tä­ten meh­re­rer Län­der ver­bracht hat­te, nach Öster­reich zu­rück­kehr­te, fand ich mich plötz­lich und zu mei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung als Ar­beits­lo­ser wie­der: Ich ge­hör­te zum aka­de­mi­schen Sub­pro­le­ta­ri­at. Der Mann auf der Be­hör­de, die frü­her »Ar­beits­amt« hieß und mitt­ler­wei­le in »Ar­beits­markt­ser­vice« um­be­nannt wor­den war, was dem Geist der Zeit of­fen­bar bes­ser ent­sprach, warf ei­nen flüch­ti­gen Blick auf mei­ne Ak­te, um dann in der Um­gangs­spra­che mei­ner Her­kunfts­ge­gend zu be­mer­ken: »Das haut mich nicht vom Hocker.« Er mein­te da­mit mein mo­nat­li­ches Ein­kom­men, das ei­nem Be­trag von 1000 oder 1200 Eu­ro ent­spro­chen hat­te. Daß ich mich in die­sen drei Jah­ren wei­ter­ge­bil­det, drei Fremd­spra­chen er­lernt und die Grund­la­gen für mein künf­ti­ges li­te­ra­ri­sches Schaf­fen ge­legt hat­te, au­ßer­dem Bü­cher zu über­set­zen be­gon­nen hat­te, spiel­te für den Mann vom Ar­beits­markt­ser­vice kei­ne Rol­le, und auch ich wä­re in mei­ner Zer­knirscht­heit nicht auf die Idee ge­kom­men, sol­che »Lei­stun­gen« ins Tref­fen zu füh­ren. Der Mann wies mich le­dig­lich dar­auf hin, daß ich mich ernst­haft um ei­ne An­stel­lung zu be­mü­hen hät­te, und falls sich nichts er­ge­ben wür­de, was zu mei­nem »Pro­fil« paß­te, hät­te ich je­de mir vor­ge­schla­ge­ne Ar­beit an­zu­neh­men, zum Bei­spiel als Ern­te­hel­fer (25 Jah­re spä­ter wer­den Flücht­lin­ge und an­de­re Mi­gran­ten da­für ein­ge­setzt). Der Be­trag, den ich als »Ar­beits­lo­sen­geld« über­wie­sen be­kam, reich­te kaum für die Mie­te, die ich für mei­ne Frau und mich zu be­zah­len hat­te. Ich sah mich ge­zwun­gen, »Auf­trä­ge« an­zu­neh­men; Auf­trä­ge im ein­zi­gen Be­reich, in dem ich Kom­pe­ten­zen und zu­min­dest ein paar »Kon­tak­te« hat­te: Spra­che und Li­te­ra­tur.

Ich war mit ei­ner eben­falls aka­de­misch ge­bil­de­ten Aus­län­de­rin ver­hei­ra­tet, und die Be­hör­den, mit de­nen wir zu tun hat­ten, um ei­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für sie zu er­hal­ten, wa­ren ähn­lich ab­wei­send wie der Mann beim Ar­beits­markt­ser­vice. Es ging im­mer und aus­schließ­lich um die Hö­he mei­nes Ein­kom­mens (mei­ne Frau, die da­mals kaum Deutsch konn­te, ar­bei­te­te nur spo­ra­disch). Als ich auf die mitt­ler­wei­le an­ge­wach­se­ne Zahl mei­ner Bü­cher und Über­set­zun­gen hin­wies und ein paar da­von auf den be­hörd­li­chen Schreib­tisch leg­te, zeig­te sich ein eher ver­ächt­li­ches als mil­des Lä­cheln auf dem Ge­sicht des Be­am­ten. Wei­ter­le­sen

Frank Wit­zel: In­ni­ger Schiff­bruch

Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

Frank Wit­zel:
In­ni­ger Schiff­bruch

Die Ka­no­ni­sie­rung des li­te­ra­ri­schen Gen­res der »Au­to­fik­ti­on« schrei­tet schein­bar vor­an. Mit »In­ni­ger Schiff­bruch« legt Frank Wit­zel, der 2015 mit sei­nem Buch­preis-Sie­ger­text »Die Er­fin­dung der Ro­ten Ar­mee Frak­ti­on durch ei­nen ma­nisch-de­pres­si­ven Teen­ager im Som­mer 1969« schockier­te, über­for­der­te (zu­min­dest mich) und zu­gleich be­ein­druck­te (eben­so), ei­nen stark au­to­bio­gra­phi­schen Pro­sa­text über das Le­ben sei­ner El­tern und – was noch ent­schei­dend sein wird – sei­nen hier­aus ent­stan­den Le­bens­prä­gun­gen vor. Der Ti­tel er­in­nert ein we­nig an »Wunsch­lo­ses Un­glück«, wie Pe­ter Hand­ke 1972 sei­nen Ver­such über den Frei­tod sei­ner Mut­ter (und da­mit über ihr Le­ben) zu er­zäh­len nann­te. Aber die Auf­lö­sung für Wit­zels Ti­tel wird so­fort in der Wid­mung auf­ge­löst: Es han­delt sich um ei­ne For­mu­lie­rung im Ge­dicht »L’in­fi­ni­to« von Gia­co­mo Leo­par­di, über­setzt von Rai­ner Ma­ria Ril­ke. Spä­ter wird der Le­ser er­fah­ren, dass die El­tern bei ei­ner Ita­li­en­rei­se in den 2000er Jah­ren auf Leo­par­di auf­merk­sam ge­macht wur­den und der Va­ter schließ­lich das Ge­dicht »für Alt, Kla­vier und Or­che­ster« ver­ton­te. Und war­um der Mu­sik­leh­rer, Chor- und Or­che­ster­lei­ter Carl Wit­zel (Jahr­gang 1930) dies ge­tan hat­te, er­fah­ren wir auch: »In die­sem sehn­süch­tig ver­zwei­fel­ten Zei­len des Dich­ters, des­sen ‘phy­si­sches Le­ben ein Mar­ty­ri­um war, nur von we­ni­gen Stun­den re­la­ti­ver Schmerz­frei­heit un­ter­bro­chen’, wie es in ei­nem von mei­ner Mut­ter aus­ge­schnit­te­nen Zei­tungs­ar­ti­kel hieß, schie­nen mei­ne El­tern noch ein­mal un­ab­hän­gig von­ein­an­der auf ei­ne ge­mein­sa­me Sehn­sucht ge­sto­ßen zu sein.«

Wer ge­nau liest stellt sich die Fra­ge: Wor­in liegt denn die »ge­mein­sa­me Sehn­sucht«, die der Er­zäh­ler hier sug­ge­riert? Im Dau­er­schmerz des Dich­ters? In den we­ni­gen Mo­men­ten, in de­nen er schmerz­be­freit war? In ei­ner Art Schmer­zens­ver­wandt­schaft (die Mut­ter wird als Schmer­zens­frau [Rheu­ma] dar­ge­stellt)? Oder geht es um die Sehn­sucht des »Schiff­bruchs«, des Schei­terns? Wei­ter­le­sen

Mo­ni­ka Ma­ron: Ar­tur Lanz

Monika Maron: Artur Lanz

Mo­ni­ka Ma­ron: Ar­tur Lanz

»Er war viel­leicht fünf­zig Jah­re alt, von schma­ler Ge­stalt, mit blon­dem, leicht er­grau­tem Haar, das in kur­zen Locken wirr um sei­nen Kopf stand, als wür­de er es stän­dig mit den Hän­den durch­fah­ren.« So be­schreibt die Ich-Er­zäh­le­rin Char­lot­te Win­ter in Mo­ni­ka Ma­rons neue­stem Ro­man die Ti­tel­fi­gur Ar­tur Lanz. Sie sieht ihn vor dem Su­per­markt, dort, wo auch Ob­dach­lo­se zu­sam­men­kom­men. Win­ter sucht ein Ge­spräch mit ei­nem ver­zag­ten Mann, der die Streu­ner fast be­wun­dert: »Die ha­ben es doch gut, die ha­ben es hin­ter sich…Die stel­len kei­ne Fra­gen mehr, die brau­chen kei­ne Ant­wor­ten mehr. Al­le Fra­gen hei­ßen nur noch Schnaps und Bier und al­le Ant­wor­ten auch, bis es end­gül­tig vor­bei ist.«

Es dau­ert Mo­na­te, bis sie ihn wie­der­trifft und vom »Dra­ma« er­fährt, dass »in der Män­ner­see­le von Ar­tur Lanz tob­te«. Sein Ein­satz zur Ret­tung sei­nes Hun­des aus ei­nem Raps­feld be­glück­te und ver­än­der­te Ar­tur Lanz’ Sicht auf das Da­sein der­art, dass er al­les hin­ter sich ließ, was sein Le­ben bis­her struk­tu­rier­te. »Ein tie­fes Glück« stell­te sich ein, und sein Kör­per emp­fand ei­nen »sü­ßen Schmerz.« Es ist ei­ner der Schwach­punk­te des Ro­mans: Die Eu­pho­rie Ar­turs teilt sich dem Le­ser nicht mit. Man denkt un­will­kür­lich an den groß­ar­ti­gen Dag Sol­stad und ei­ne sei­ner Haupt­fi­gu­ren, die ihr Le­ben än­dert, weil sie ei­nen Re­gen­schirm nicht öff­nen kann.

Hier bleibt das Er­eig­nis Be­haup­tung und die Fol­gen schei­nen eher ab­surd: Ar­tur Lanz ließ sich schei­den, mie­te­te sich ei­ne neue Woh­nung, wur­de herz­krank, und stürz­te sich in ein »wir­res Her­um­den­ken«. Sei­ne Ar­beit als Phy­si­ker ver­rich­tet er oh­ne En­thu­si­as­mus als Brot­er­werb. Und er er­zählt Win­ter von sei­nem Va­ter, den El­tern, der ehr­gei­zi­gen Mut­ter, sei­ner Kind­heit, von der Hy­po­thek, die er durch den Na­men be­kam, den ihm die Mut­ter gab: Ar­tur – der Held der Ar­tus­sa­ge. Wel­che Ver­pflich­tung. Aber, auch hier ernst­haft ge­fragt, sind zum Bei­spiel al­le Fe­li­xe der­art prä­dis­po­niert, wenn sie her­aus­ge­fun­den ha­ben, nicht per­ma­nent glück­lich sein zu kön­nen? Wei­ter­le­sen