Ali­s­sa Jung: Pa­ter­nal Lea­ve – Drei Ta­ge Meer

Alissa Jung: Paternal Leave - Drei Tage Meer
Ali­s­sa Jung: Pa­ter­nal Lea­ve – Drei Ta­ge Meer

Leo ist 15, igno­riert die Ent­schul­di­gun­gen der über­ar­bei­te­ten Mut­ter auf dem An­ruf­be­ant­wor­ter, packt ha­stig ih­ren Ruck­sack und bricht auf. Auf ih­rem Smart­phone hat sie ein Vi­deo von ei­nem Mann, der als Sur­f­leh­rer ar­bei­tet und et­was über Kin­der und Fa­mi­lie er­zählt. Sie fährt zu die­sem Mann, nach Ma­ri­na Ro­mea, an die ita­lie­ni­schen Kü­ste. Man hört Salt Co­ast von Kae Tem­pest. Es ist Ja­nu­ar, man sieht ver­ein­zelt Spu­ren ei­nes Stur­mes; kei­ne Tou­ri­sten, der Ort ist wie aus­ge­stor­ben. Der Mann auf dem Vi­deo ist Pao­lo, ihr Va­ter.

So be­ginnt Pa­ter­nal Lea­ve, der er­ste Spiel­film der Schau­spie­le­rin, Ärz­tin und Dreh­buch­au­to­rin Ali­s­sa Jung. Ich muss­te erst ein­mal nach­schla­gen, dass der Ti­tel ei­ne eng­li­sche Be­zeich­nung für Va­ter­schafts­ur­laub ist. Die­se fei­ne Iro­nie führt ein we­nig in die Ir­re. Mit »Drei Ta­ge Meer« gibt es noch ei­nen deut­schen Nach­ti­tel, der zwi­schen Kurz­trip-An­ge­bot und Road­mo­vie chan­giert.

Leo er­reicht das Quar­tier ih­res Va­ters, ei­ne de­ran­gier­te, chao­ti­sche Wohn­hüt­te mit der Be­zeich­nung »BOSCO«. We­ni­ge Me­ter ent­fernt steht ein klei­ner Cam­per-Bus. Sie zö­gert kurz, dann die Kon­fron­ta­ti­on. Pao­lo, oh­ne Som­mer­bart, ist ver­blüfft, ver­mu­tet ei­ne Streu­ne­rin. Dann kon­fron­tiert Leo­na Neu­mann, ge­bo­ren 2008, den 1987 ge­bo­re­nen Pao­lo Cu­bi­di mit den Fak­ten. Sie ha­be nicht viel Zeit, sagt sie, will ihm ein paar Fra­gen stel­len, holt ein Heft her­aus, dann das Smart­phone, mit dem sie das Ge­spräch auf­zeich­nen möch­te. Es äh­nelt ei­nem Ver­hör und Pao­lo hat kei­ne Lust auf die Fra­gen, kocht ihr aus Ver­le­gen­heit Pa­sta (die ver­sal­zen sind), will ab­len­ken, Leo ver­un­si­chern und dann mel­det sich aus dem Cam­per Emi­lia, Pao­los drei- oder vier­jäh­ri­ge Toch­ter und Leo sieht, wie sich Pao­lo um die­ses Kind küm­mert, sie in den Schlaf bet­tet.

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Bio­gra­phien der Bun­des­re­pu­blik

Harald Jähner: Wolfszeit
Ha­rald Jäh­ner: Wolfs­zeit

Nach­dem er mit Hö­hen­rausch die kur­ze Zeit im Deut­schen Reich zwi­schen den Krie­gen skiz­ziert hat­te, leg­te Ha­rald Jäh­ner 2019 Wolfs­zeit vor, ein, wie es im Un­ter­ti­tel heißt, »Jahr­zehnt in Bil­dern»1. Ge­meint sind die Jah­re im Nach­kriegs­deutsch­land von 1945 bis 1955. Es geht um Flucht, Ver­trei­bung, Hei­mat­lo­sig­keit, »Stun­de Null«, Trüm­mer, Schwarz­markt und Wirt­schafts­wun­der aber auch um Schuld und Ver­drän­gung. Jäh­ner lie­fert so­wohl Fak­ten und Zah­len, die das Aus­maß der von Deutsch­land und den Na­zis ver­ur­sach­ten Ka­ta­stro­phen und Ver­bre­chen deut­lich ma­chen, streut je­doch im­mer wie­der Er­zäh­len­des ein, in­dem er spot­wei­se Schick­sa­le und Er­eig­nis­se per­so­na­li­siert und aus Ta­ge­bü­chern und ein­sti­gen Zei­tungs­ar­ti­keln zi­tiert. Die be­kann­ten My­then wer­den nicht zwin­gend zer­stört, aber mit der zeit­hi­sto­ri­schen Rea­li­tät kon­fron­tiert und ge­er­det.

So wird zum Bei­spiel deut­lich, war­um die Lä­den nach der Wäh­rungs­re­form 1948 plötz­lich wie­der vol­ler Le­bens­mit­tel wa­ren, nach­dem zu­vor Man­gel­wirt­schaft den Ton an­gab. Es war halt kein »Wun­der«. Auch was den Mar­shall­plan an­geht, rückt Jäh­ner ei­ni­ges zu­recht, denn Deutsch­land er­hielt nur ei­nen Teil der Wie­der­auf­bau­gel­der aus den USA. Groß­ar­tig das Ka­pi­tel über die sich aus­brei­ten­de Trüm­me­ri­ko­no­gra­fie, die bis­wei­len selt­sa­me Blü­ten trieb, et­wa in der Selbst- oder Fremd­in­sze­nie­rung in­mit­ten von Rui­nen. Auch die Aus­füh­run­gen über den Se­gen des »La­sten­aus­gleichs­ge­set­zes« sind ei­ner­seits über­zeu­gend, an­de­rer­seits nicht je­dem be­kannt.

Jäh­ner be­schreibt ein­dring­lich die »Wolfs­zeit«, je­ner von ge­gen­sei­ti­ger Skep­sis und Rück­sichts­lo­sig­keit ge­präg­ten Epo­che des Han­dels auf den so­ge­nann­ten Schwarz­märk­ten und er­klärt, war­um die Zi­ga­ret­te zur wah­ren Wäh­rung bis 1948 wur­de. Er fragt, war­um die Deut­schen Skru­pel beim Koh­len­klau­en oder Schwarz­markt­han­del hat­ten, aber kei­nen Ge­dan­ken dar­an ver­schwen­de­ten, als fünf Jah­re zu­vor ein Nach­bar von der Ge­sta­po ab­ge­holt wur­de. Na­tür­lich geht Jäh­ner auch auf die »Trüm­mer­frau­en« ein, je­ne my­sti­schen Ei­mer­ket­ten­bil­der, die zeig­ten, wie Frau­en den Schutt weg­räum­ten (500 Mil­lio­nen Ton­nen sol­len ge­we­sen sein). Er zeich­net das Schick­sal der »Dis­pla­ced Per­sons« nach, je­nen Men­schen, die von den Na­zis als Zwangs­ar­bei­ter miss­braucht wur­den und nun zu­rück­führt, »re­pa­tri­iert« wer­den soll­ten, be­rich­tet von der lo­gi­sti­schen wie in­sti­tu­tio­nel­len Über­for­de­rung der Al­li­ier­ten zu Be­ginn, vom Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­bot der Ame­ri­ka­ner (die sich häu­fig nicht dar­an hiel­ten) und den Ver­ge­wal­ti­gun­gen der Ro­ten Ar­mee in den ein­ge­nom­me­nen Ge­bie­ten. Letz­te­res wird ver­sucht, zu er­klä­ren, oh­ne es zu recht­fer­ti­gen.

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  1. Ein aufmerksamer Leser korrigierte mich. Tatsächlich wurde Höhenrausch NACH Wolfszeit herausgebracht, nämlich 2022. 

Li­te­ra­tur als Zweck

Kürz­lich er­hielt ich ei­ne Mail von ei­nem leid­lich be­kann­ten öster­rei­chi­schen Pu­bli­zi­sten und Kri­ti­ker, der mich für ei­nen Wett­be­werb des öster­rei­chi­schen Au­ßen­mi­ni­ste­ri­ums als »Wi­der­part« ge­win­nen woll­te. Die Aus­schrei­bung steht un­ter dem Mot­to: »War­um braucht De­mo­kra­tie Li­te­ra­tur? Die Rol­le der Kunst in Kri­sen­zei­ten.« Je­der teil­neh­men­de Öster­rei­cher soll im Team mit ei­nem Aus­län­der ih­re je­wei­li­gen »Pro­jek­te« über den Zu­sam­men­hang von De­mo­kra­tie und Li­te­ra­tur vor­stel­len. Ver­mut­lich sind Prä­sen­ta­tio­nen, Work­shops oder Se­mi­na­re ge­meint, die der Ten­denz der (sug­ge­sti­ven) Fra­ge des Wett­be­werbs ent­spre­chen.

Aus mehr­fa­chen Grün­den bin ich na­tür­lich da­für der fal­sche. Zum ei­nen ha­be ich über­haupt kein »Pro­jekt«, Ich möch­te kein Ziel er­rei­chen, möch­te nie­man­den über­zeu­gen bei­spiels­wei­se mehr zu le­sen, oder, ver­mut­lich wä­re das noch bes­ser, »das Rich­ti­ge« zu le­sen oder »das Fal­sche« zu mei­den. Ich ha­be al­so kei­ne Mis­si­on, bin, im wört­li­chen Sinn, ein Idi­ot, ein Pri­vat­mann. Das ist der tech­ni­sche Ein­wand, der ei­gent­lich je­de wei­te­re Dis­kus­si­on be­en­det.

Ein zwei­te Ein­wand wä­re grund­sätz­li­cher Na­tur. Die Fra­ge lau­tet nicht et­wa »War­um braucht die Li­te­ra­tur De­mo­kra­tie?« Das wä­re auch tö­richt (sie­he un­ten). Es geht um an­de­res. Ge­nau­er hin­ge­se­hen ist »War­um braucht die De­mo­kra­tie Li­te­ra­tur?« kei­ne Fra­ge, son­dern im­pli­ziert be­reits die Ant­wort. Es ist ei­ne dog­ma­ti­sche Prä­mis­se. Ein Zwei­fel ist nicht vor­ge­se­hen. Das löst bei mir Un­be­ha­gen aus.

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Cle­mens J. Setz: Das Buch zum Film

Clemens J. Setz: Das Buch zum Film
Cle­mens J. Setz:
Das Buch zum Film

Ein Bild des fran­zö­si­schen Ma­lers Hen­ri Rous­se­au an der Schwel­le vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert; Fuß­ball­spie­ler sol­len es sein, mit künst­lich an­mu­ten­den Hand­ge­sten. Das ist das Co­ver von Cle­mens J. Setz’ neu­em Buch Das Buch zum Film. »Auf­zeich­nun­gen 2000–2010« lau­tet der Un­ter­ti­tel und man staunt ein we­nig, denn 2000 war Setz erst 18 Jah­re alt. Nor­ma­ler­wei­se be­gin­nen Schrift­stel­ler mit der Ver­öf­fent­li­chung ih­rer No­ti­zen spä­ter. Am En­de, als die Auf­zeich­nun­gen im Ja­nu­ar 2011 en­den, stan­den zwei Ro­ma­ne, ein paar Short­list-No­mi­nie­run­gen und schon Prei­se in sei­ner Vi­ta. Ei­ne stei­le Kar­rie­re.

Setz woll­te schon im­mer »un­be­dingt ge­le­sen wer­den«, schreibt er im kur­zen Vor­wort. In Ab­wand­lung des jü­di­schen Glau­bens, das ein Mensch erst tot sei, wenn nie­mand mehr an ihn den­ke wird der Im­pe­ra­tiv for­mu­liert, dass er nur exi­stie­re, wenn er ge­le­sen wer­de. Wer jetzt Schrift­stel­ler­be­schwö­rungs­pro­sa be­fürch­tet, wird glück­li­cher­wei­se ent­täuscht. Viel­leicht hat Setz die­se Stel­len al­le­samt ge­stri­chen. Recht so. Her­aus­ge­kom­men ist ein über­ra­schend schma­ler, chro­no­lo­gisch ge­führ­ter Band von noch nicht ein­mal 170 Sei­ten, in dem mit ei­nem träu­me­ri­schen Rea­lis­mus ver­sucht wird, sich und die Welt wahr­zu­neh­men und ei­nen Platz dar­in zu fin­den, oh­ne in sie zu ver­sin­ken.

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Das ewi­ge Lä­cheln

Ka­mel Daouds preis­ge­krön­ter und um­strit­te­ner Ro­man Hu­ris

Die Haupt­fi­gur die­ses Ro­mans ist weib­lich, 26 Jah­re alt, sie lebt in Oran (Al­ge­ri­en) und trägt ein ewi­ges »Lä­cheln« un­ter dem Kinn. Lä­cheln zwi­schen An­füh­rungs­stri­chen. Die deut­schen Über­set­zer Hol­ger Fock und Sa­bi­ne Mül­ler ha­ben es vor­ge­zo­gen, die An­füh­rungs­zei­chen weg­zu­las­sen und durch­ge­hend »Grin­sen« zu schrei­ben. Durch­ge­hend, in­so­fern die­ses Schlüs­sel­wort vom An­fang bis zum Schluss sehr oft vor­kommt. Es han­delt sich um ei­ne Nar­be, die der jun­gen Frau nach ei­nem Mord­an­schlag auf ih­re Fa­mi­lie und ihr gan­zes Dorf ge­blie­ben ist. Sie war da­mals fünf Jah­re alt.

Kamel Daoud: Huris
Ka­mel Daoud: Hu­ris

Im Al­ge­ri­en der neun­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts kam es häu­fig zu sol­chen Grau­sam­kei­ten, das Durch­schnei­den von mensch­li­chen Keh­len war bei den selbst­er­nann­ten is­la­mi­sti­schen Got­tes­krie­gern be­son­ders be­liebt. De­ren po­li­ti­sche Par­tei hat­te An­fang 1992 die Par­la­ments­wah­len ge­won­nen, die­se wur­den un­ver­züg­lich – un­ter dem Bei­fall der eu­ro­päi­schen Öf­fent­lich­keit – an­nul­liert. Die Herr­schaft der FLN, die drei Jahr­zehn­te zu­vor die Un­ab­hän­gig­keit von Frank­reich er­kämpft hat­te, wur­de durch den is­la­mi­sti­schen Ter­ror (200.000 To­des­op­fer) nicht ge­bro­chen, sie dau­ert bis heu­te an. 2019 ent­stand in Al­ge­ri­en ei­ne jun­ge, mas­sen­haf­te, nicht re­li­gi­ös aus­ge­rich­te­te Pro­test­be­we­gung (»Hi­rak«), die letzt­lich der Co­ro­na-Pan­de­mie zum Op­fer fiel. Ka­mel Daoud, der Ver­fas­ser von Hu­ris, sym­pa­thi­sier­te an­fangs mit dem Hi­rak, di­stan­zier­te sich je­doch bald da­von.

Daoud sieht die we­sent­li­che Auf­ga­be sei­nes Ro­mans dar­in, das Er­in­nern an die schwar­ze De­ka­de zu si­chern. Im Vor­spann zi­tiert er ei­ne Pas­sa­ge aus der »Char­ta zur na­tio­na­len Ver­söh­nung«, de­ren Be­stim­mun­gen Ge­set­zes­kraft ha­ben und 2005 in Kraft ge­tre­ten sind. Die bei­den Haupt­fi­gu­ren, hin­ter de­nen ganz of­fen­sicht­lich der Au­tor steht, spre­chen bzw. schrei­ben ein ums an­de­re Mal ge­gen die Vor­schrift des Ver­ges­sens an. Nimmt man als Le­ser die At­mo­sphä­re auf, die Daoud im Ro­man in­sze­niert, so kommt man zum Schluss, dass im ge­gen­wär­ti­gen Al­ge­ri­en ein stil­les Ein­ver­ständ­nis zwi­schen Is­la­mi­sten, is­la­mi­schem Main­stream und dem Mi­li­tär­re­gime herrscht. Der die bür­ger­li­chen Frei­hei­ten be­schrän­ken­de, po­li­tisch ein­fluss­rei­che Is­lam hät­te trotz der mi­li­tä­ri­schen Nie­der­la­ge nach dem schwar­zen Jahr­zehnt die Ober­hand ge­won­nen.

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Flo­ri­an Il­lies: Wenn die Son­ne un­ter­geht

Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht
Flo­ri­an Il­lies: Wenn die Son­ne un­ter­geht

Er ist wie im­mer: Künst­ler- und vor al­lem Schrift­stel­ler­ju­bi­lä­en ver­drän­gen fast im­mer die pri­mä­re Be­schäf­ti­gung mit dem zu wür­di­gen­den Werk zu Gun­sten meist lau­nig, eher sel­ten er­hel­len­der Ter­ti­är­lek­tü­re. Wer die Best­sel­ler­li­sten 2025 zur Kennt­nis nimmt, fin­det dort ei­ne Men­ge Bü­cher über Tho­mas Mann, aber kei­nes von ihm.

Wor­an liegt es? Zum ei­nen locken hemds­är­me­lig vor­ge­brach­te In­ter­pre­ta­ti­ons­hil­fen mit de­nen man sich viel­leicht die Lek­tü­re der in­zwi­schen eher sper­rig emp­fun­de­nen Wer­ke er­spa­ren könn­te. Und zum an­de­ren wird der Dich­ter – zeit­ge­mäß halt – mal mehr, mal we­ni­ger sanft vom Thron ge­sto­ßen. Da­bei schreckt man, wie un­längst ge­sche­hen, auch nicht vor der Aus­brei­tung in­tim­ster De­tails zu­rück. Das dient längst nicht mehr der Er­schlie­ßung des Œu­vres, son­dern er­in­nert eher an ir­gend­wel­che bun­ten Blät­ter, die mit Pseu­do­skan­da­len an nied­ri­ge In­stink­te ap­pel­lie­ren.

Im letz­ten Jahr re­üs­sier­te Flo­ri­an Il­lies, der Da­ni­el Kehl­mann des Feuil­le­tons, mit ei­nem Buch über Cas­par Da­vid Fried­rich, in dem er aus al­len mög­li­chen Quel­len längst Über­lie­fer­tes in schmis­sig-rüh­ri­gen Pro­sa­kitsch über­führ­te. Es war wohl un­ver­meid­bar, dass sich Il­lies nun auch noch des Tho­mas-Mann-Ju­bi­lä­ums an­nimmt. Schließ­lich ist nie­mand mehr da, der sich weh­ren kann.

Il­lies un­ter­sucht in sei­nem neue­sten Buch mit dem süß­li­chen Jo­han­nes-Ma­rio-Sim­mel-Ti­tel Wenn die Son­ne un­ter­geht die Ir­run­gen und Wir­run­gen der Fa­mi­lie um Tho­mas Mann im Jahr 1933, dem Jahr, in dem Hit­ler Reichs­kanz­ler wur­de. Schon in Uwe Witt­stocks Fe­bru­ar 33 wur­de auf be­klem­men­de Wei­se deut­lich, wie rasch das de­mo­kra­ti­sche Ge­rüst der Wei­ma­rer Re­pu­blik un­ter der auf­brau­sen­den Na­zi-Herr­schaft zu­sam­men­brach und wel­che gra­vie­ren­den Ver­än­de­run­gen bin­nen kur­zer Zeit ein­tra­ten. Il­lies be­ginnt am 11. Fe­bru­ar 1933, dem Tag, an dem Tho­mas Mann mit ei­ner Frau Ka­tia den Zug nach Am­ster­dam be­tritt. Es ist der Be­ginn ei­ner Vor­trags­rei­se über Ri­chard Wag­ner, der das Paar noch nach Brüs­sel und Pa­ris führt, be­vor es dann für drei Wo­chen nach Aro­sa in ei­nen Win­ter­ur­laub ge­hen soll. Was die bei­den nicht wis­sen kön­nen: Sie wer­den ihr Haus in der Po­schin­ger­stra­ße 1 in Mün­chen, in dem sie mehr als 18 Jah­re ge­lebt ha­ben, nie mehr wie­der­se­hen. Tho­mas und Ka­tia ah­nen die Ent­wick­lun­gen der näch­sten Wo­chen nicht an­näh­rend vor­aus und wie­gen sich noch lan­ge in trü­ge­ri­scher Si­cher­heit. Der Bru­der Hein­rich Mann hin­ge­gen ist hell­sich­ti­ger. Er wur­de vom Vor­sitz der »Spar­te Dicht­kunst der Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Kün­ste« sus­pen­diert und tritt we­ni­ge Ta­ge spä­ter, am 21. Fe­bru­ar, den Zug in die Mi­gra­ti­on mit Ziel Frank­reich an. Sei­ne le­bens­lu­sti­ge Freun­din Nel­ly Krö­ger lässt er zu­rück. Es ist der glei­che Tag, an dem Klaus und Eri­ka Mann, die äl­te­sten Kin­der von Tho­mas, ih­ren Pfef­fer­müh­le-Ball in der Po­schin­ger­stra­ße fei­ern.

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Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Martin Prinz: Die letzten Tage
Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Seit ei­ni­gen Jah­ren fei­ert das do­ku­fik­tio­na­le Schrei­ben ei­ne Re­nais­sance. Schrie­ben einst Wil­liam Shake­speare oder Fried­rich Schil­ler ih­re Dra­men an­ge­lehnt an hi­sto­ri­sche Er­eig­nis­se, die meist zeit­lich weit zu­rück la­gen, so konn­te man in der letz­ten Zeit ver­mehrt bio­gra­fisch an­ge­leg­te Ro­ma­ne et­wa über die Na­tur­wis­sen­schaft­ler Karl-Fried­rich Gauß und Alex­an­der Hum­boldt, den Sin­ti-Bo­xer Jo­hann Ru­ke­lie Troll­mann, den Hell­se­her Ra­fa­el Scher­mann, die RAF-Ter­ro­ri­stin Gud­run Ens­slin, den Aus­stei­ger Au­gust Karl En­gel­hardt, den Film­re­gis­seur Ge­org Wil­helm Pa­bst oder den Re­li­gi­ons­pre­di­ger Pe­ter Ben­der le­sen (um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Hier wer­den die Le­bens­ge­schich­ten mehr oder we­ni­ger be­kann­ter, hi­sto­ri­scher Per­so­nen (nach)erzählt. Dich­te­ri­sche Frei­hei­ten sind da­bei vor­pro­gram­miert, wie man bei­spiels­wei­se an Da­ni­el Kehl­manns Ver­mes­sung der Welt und Licht­spiel se­hen kann. Hier wird of­fen­siv mit fik­ti­ven Ele­men­ten ge­spielt, wo­bei das Bio­gra­fi­sche sei­ner Prot­ago­ni­sten nur als Ge­rüst dient. Meist wird je­doch in Do­ku­fik­tio­nen sug­ge­riert, dass das sich Ge­schil­der­te so (oder so ähn­lich) er­eig­net hat. Um sich nicht in die dro­hen­de Au­then­ti­zi­täts­fal­le zu be­ge­ben, gibt es Bü­cher, in de­nen die Na­men der rea­len Per­so­nen ver­frem­det wur­den, was nar­ra­ti­ve Spiel­räu­me für den Au­tor er­öff­net.

Do­ku­fik­tio­na­le Tex­te sind in mehr­fa­cher Hin­sicht de­li­kat, wie man bei­spiels­wei­se an Stel­la von Ta­kis Wür­ger zei­gen kann. Wür­ger schreibt im jour­na­li­sti­schen Kol­por­ta­ge­stil die Ge­schich­te der Jü­din Stel­la Gold­schlag, die im Zwei­ten Welt­krieg an­de­re Ju­den an die Na­zis ver­riet. Wäh­rend die Li­te­ra­tur­kri­tik das Buch über­wie­gend äs­the­tisch miss­lun­gen fand, avan­cier­te es zum Best­sel­ler, was ein­zel­ne Buch­händ­ler ver­an­lass­te, die Kri­ti­ker zu kri­ti­sie­ren. Die größ­te Pro­ble­ma­tik des Au­tors, der Au­torin, be­steht dar­in, nicht über­lie­fer­te Ein­zel­hei­ten, bei­spiels­wei­se Dia­lo­ge oder die Schil­de­rung von (wo­mög­lich rich­tungs­wei­sen­den) si­tua­ti­ven Be­find­lich­kei­ten, er­fin­den zu müs­sen, um die Ge­schich­te fort­zu­schrei­ben. Hier flie­ßen häu­fig Wer­tun­gen un­mit­tel­bar ein. Der Le­ser kann am En­de nur schwer un­ter­schei­den, wel­che Stel­len des Tex­tes re­al und wel­che fik­tio­na­li­siert sind. Bis­wei­len wird ver­sucht, Über­lie­fe­rung und Fik­ti­on durch die Än­de­rung des Schrift­bilds zu kenn­zeich­nen. Ge­ne­rell be­steht die Ge­fahr, dass das Bild ei­ner hi­sto­ri­schen Fi­gur durch ei­nen do­ku­fik­tio­na­len Text rich­tungs­wei­send ka­no­ni­siert wird.

* * *

Mit die­sen Vor­be­hal­ten mach­te ich mich an die Lek­tü­re von Die letz­ten Ta­ge von Mar­tin Prinz. Der Au­tor ließ mir Mit­te Fe­bru­ar das Buch über den Ver­lag zu­kom­men. Un­mit­tel­bar dar­auf be­gan­nen vor al­lem in den öster­rei­chi­schen Me­di­en die hym­ni­schen Be­spre­chun­gen, die ich nur ge­teasert zur Kennt­nis ge­nom­men hat­te. End­lich fand ich jetzt Mu­ße, den (ver­meint­li­chen) Ro­man zu le­sen.

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