Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Heike Geißler: Die Woche

Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Der Ro­man »Die Wo­che« von Hei­ke Geiß­ler ist die Lang­form ei­nes im Som­mer 2021 beim In­ge­borg-Bach­mann-Preis ge­le­se­nen Tex­tes mit dem glei­chen Na­men. Die Ich-Er­zäh­le­rin (ein­mal nur »H.« ge­nannt) und ih­re Freun­din, Con­stan­ze, han­geln sich durch ein Leip­zig, wel­ches sie be­stimmt se­hen durch die mon­täg­li­chen »Pegida«-Demonstrationen. Ir­gend­wann scheint im­mer Mon­tag zu sein; die an­de­ren Wo­chen­ta­ge ver­schwin­den. Die bei­den, um die 40 und noch in der DDR so­zia­li­siert, sind bei den Ge­gen­de­mon­stran­ten und be­zeich­nen sich im Über­schwang auch schon ein­mal als »pro­le­ta­ri­sche Prin­zes­sin­nen«. Wäh­rend Con­stan­ze dem Be­ruf der »Pro­duk­ti­ons­as­si­sten­tin« nach­zu­ge­hen scheint (oder schien), ist H. Mut­ter von zwei Kin­dern. Ne­ben den De­mos be­sucht man Fit­ness­stu­di­os (da­bei wird ge­ach­tet, dass man bei ei­ner Übung nicht den rech­ten Arm he­ben muss – es könn­te ja ein Hit­ler­gruß sein) und un­ter­nimmt Rei­sen – nach Frei­berg, Pa­ris, Rom oder Zü­rich.

Ge­fühlt be­ginnt je­der zwei­te Satz in dem Buch mit ei­nem agi­ta­to­ri­schen »wir«, was na­tür­lich Dy­na­mik, Kampf­geist und die rich­ti­ge Hal­tung aus­drücken soll. Tat­säch­lich wird ei­nem die­ser zwi­schen Po­lit­sprech der 1980er Jah­re und Pseu­doi­ro­nie chan­gie­ren­de Duk­tus schnell ran­zig. Man­ches ist noch sorg­sam ge­drech­selt wie »Wir wol­len kei­ne Waf­fen ha­ben, aber Waf­fen sein.« Oder »Wir ste­hen am Rand ei­nes Krie­ges« (was in An­be­tracht der ak­tu­el­len La­ge deut­lich macht, welch’ ein Un­sinn das ist). Und ir­gend­wann, wenn man längst auf­ge­ge­ben hat, je­den Schmar­ren in die­sem Buch an­zu­strei­chen, soll man auch noch das ka­putt ma­chen, was ei­nem ka­putt macht und ja, das ist lu­stig ge­meint, aber vor lau­ter Gäh­nen blieb mir das La­chen im Hals stecken. Si­cher, es geht auch ori­gi­nell (»Wir ha­ben die Welt auf­ge­ge­ben, aber das wis­sen wir noch nicht.«) und bis­wei­len auch selbst­kri­tisch zu (»Wir neh­men uns selbst zur Brust«). Da ist Pa­thos (»Wir hal­ten der Welt­po­li­tik und der Lo­kal­po­li­tik un­se­re Träu­me ent­ge­gen.«), Trotz (»Wir hö­ren der Welt nicht mehr zu.«), Ver­zweif­lung (»Wir sind re­kon­va­les­zent.«), Wut (»Wir zie­hen wei­ter. Wir räu­men jetzt auf.«) und deut­sche Frie­dens­be­we­gungs­tra­di­ti­on (»Wir schrei­ben jetzt auf Bett­la­ken«).

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»Be­dürf­nis nach Ver­ständ­nis«

Be­mer­kun­gen über zwei Ro­ma­ne des No­bel­preis­trä­gers Ab­dul­ra­zak Gur­nah

Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade

Ab­dul­ra­zak Gur­nah: Fer­ne Ge­sta­de

Es war schon ei­ne klei­ne Über­ra­schung, als die Schwe­di­sche Aka­de­mie Ab­dul­ra­zak Gur­nah den Li­te­ra­tur­no­bel­preis 2021 zu­sprach. Bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten wa­ren die On­line-An­ti­qua­ria­te mit ih­ren Rest­be­stän­den aus­ver­kauft oder ver­lang­ten Mond­prei­se. Der Preis­trä­ger war kei­ner der üb­li­chen »Ver­däch­ti­gen« und in Deutsch­land weit­ge­hend un­be­kannt.

Ge­bo­ren wur­de Gur­nah 1948 in San­si­bar, heu­te Tan­sa­nia. 1968 Stu­di­um in Can­ter­bu­ry und Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 1980 lehr­te er zwei Jah­re an der Uni­ver­si­tät in Ka­no, Ni­ge­ria und ging dann an die Uni­ver­si­ty of Kent, wo er bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 2017 als Pro­fes­sor für Eng­lisch und post­ko­lo­nia­le Li­te­ra­tu­ren tä­tig war. Zu­nächst er­schie­nen ver­streut ei­ni­ge Er­zäh­lun­gen von ihm; zwi­schen 1987 und 2020 dann zehn Ro­ma­ne in eng­li­scher. Bis­her wur­den fünf Ro­ma­ne ins Deut­sche über­setzt, Sie er­schie­nen in vier ver­schie­de­nen Ver­la­gen.

Kurz vor Weih­nach­ten 2021 wur­de im Pen­gu­in-Ver­lag »Das ver­lo­re­ne Pa­ra­dies« (Ori­gi­nal-Ti­tel: »Pa­ra­di­se«) neu auf­ge­legt. Der Ro­man ist von 1994 und war sei­ner­zeit auf der Short­list zum »Boo­ker-Pri­ze«. Er wur­de erst­mals in ei­ner deut­schen Über­set­zung von In­ge Lei­pold 1996 im Krü­ger-Ver­lag her­aus­ge­bracht.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

Ab­dul­ra­zak Gur­nah: Das ver­lo­re­ne Pa­ra­dies

Zeit­lich um­fasst der Ro­man un­ge­fähr die Jah­re zwi­schen 1909 bis 1914. Er­zählt wird aus per­so­na­ler Sicht des zu Be­ginn 12jährigen Yus­uf, der in der klei­nen Stadt Ka­wa mit sei­nen El­tern lebt. Sie gel­ten in Ost­afri­ka als »Ms­wa­hi­li«; es liegt na­he, dass die Ah­nen aus San­si­bar kom­men. Sie prak­ti­zie­ren ei­nen (mo­de­ra­ten) Is­lam, der sich vom Ani­mis­mus und Aber­glau­ben der an­de­ren Be­woh­ner un­ter­schied. Der Va­ter be­treibt ein Ho­tel, ist aber in sei­nen Un­ter­neh­mun­gen eher glück­los. Bis­wei­len er­hält die Fa­mi­lie ei­nes »On­kel Aziz«, ein »rei­cher und be­rühm­ter Kauf­mann«, der, wie sich spä­ter her­aus­stellt, kein bio­lo­gi­scher On­kel ist. Aziz wird bei sei­nen Be­su­chen von der ei­gent­lich eher ar­men Fa­mi­lie fürst­lich be­wir­tet und am En­de er­hält Yus­uf im­mer ei­ne Sil­ber­mün­ze zum Ab­schied. Die­ses Mal ist al­les an­ders. Der Va­ter er­klärt ihm, dass er mit dem »On­kel« mit­ge­hen muss.

Den voll­stän­di­gen Text bei Glanz und Elend le­sen.

»Der Frie­den nach dem Kal­ten Krieg ist vor­bei«

Allen/Hodges/Lindley-French: Future War

Al­len/Hod­ge­s/­Lind­ley-French: Fu­ture War

»Fu­ture War«, das Buch drei­er Mi­li­tär­stra­te­gen, erst­mals 2021 pu­bli­ziert und jetzt in deut­scher Über­set­zung vor­lie­gend, be­kommt durch die rus­si­sche In­va­si­on in die Ukrai­ne zu­sätz­li­che Re­le­vanz. Die Lek­tü­re ist be­un­ru­hi­gend, er­nüch­ternd und an­stren­gend, aber auch loh­nend.

Zwei Ta­ge vor der In­va­si­on rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne er­schien das Buch »Fu­ture War – Be­dro­hung und Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas« in deut­scher Spra­che. Ge­schrie­ben wur­de es von den bei­den ehe­ma­li­gen US-Ge­ne­rä­len John R. Al­len und Fre­de­rick Ben Hod­ges so­wie dem bri­ti­schen Mi­li­tär­hi­sto­ri­ker Ju­li­an Lind­ley-French. Die deut­sche Über­set­zung stammt von Bet­ti­na Ve­string (der man aus vie­len Grün­den ein gro­ßes Lob zol­len muss). Der Ver­lag weist zu Recht auf die trau­ri­ge Ak­tua­li­tät des Bu­ches hin, wel­ches, so Klaus Nau­mann, ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral und Ge­ne­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, in glück­li­che­ren Zei­ten ge­schrie­ben wor­den sei. Tat­säch­lich er­schien »Fu­ture War« 2021 in der »Ox­ford Uni­ver­si­ty Press«. Die Lek­tü­re zer­streut den Ein­druck rasch, da­mals sei­en we­sent­lich glück­li­che­re Zei­ten ge­we­sen.

Die Kern­the­sen des Bu­ches sind schnell um­ris­sen: Er­stens er­for­dert die Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas im zu­künf­ti­gen Krieg ein neu­es, um­fas­sen­des Si­cher­heits­kon­zept, in dem in­di­vi­du­el­le Si­cher­heit und na­tio­na­le Ver­tei­di­gung mit­ein­an­der har­mo­nie­ren. Bei­de sind un­ver­zicht­bar für ei­ne neue Art von Ab­schreckung, die sich im kom­ple­xen Mo­sa­ik der Hybrid‑, Cy­ber- und Hy­per-Kriegs­füh­rung be­wäh­ren muss. Zwei­tens ha­ben die neu­en Tech­no­lo­gien zur Fol­ge, dass sich die Füh­rung mo­der­ner Krie­ge – und folg­lich auch die eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gung – von Grund auf ver­än­dert.

Lei­der sind, so die im­mer wie­der­hol­te Prä­mis­se, die­se Ent­wick­lun­gen durch die Co­vid-19-Pan­de­mie ins­be­son­de­re in Eu­ro­pa, aber auch in den USA, aus dem Fo­kus ge­ra­ten. Die Staa­ten hät­ten, wie es leicht vor­wurfs­voll – vor al­lem in Rich­tung Deutsch­land – heißt, in der Pan­de­mie lie­ber in in­di­vi­du­el­le mensch­li­che Si­cher­heit als in na­tio­na­le Ver­tei­di­gung in­ve­stiert. Da­bei ist die Pan­de­mie nur ein Be­schleu­ni­ger ei­ner eu­ro­päi­schen Brä­sig­keit hin­sicht­lich der Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft zu ver­ste­hen. Die Au­toren spre­chen von ei­nem schwin­del­erre­gen­den Nie­der­gang Eu­ro­pas seit 2010. Es wer­den vier glo­ba­le Me­ga­trends ge­nannt, die Eu­ro­pas Nie­der­gang noch be­schleu­ni­gen könn­ten: Der Kli­ma­wan­del (und die hier­aus ent­ste­hen­de Mas­sen-Mi­gra­ti­on), der de­mo­gra­fi­sche Wan­del (aus­ster­ben­de Ge­sell­schaf­ten), Was­ser- und Res­sour­cen­knapp­heit (bzw. stra­te­gi­sche Ab­hän­gig­kei­ten zu Staa­ten wie Russ­land und Chi­na) und die Ver­schie­bung wirt­schaft­li­cher und mi­li­tä­ri­scher Macht in Rich­tung Asi­en.

Über­be­an­spru­chung der USA

Wäh­rend die USA sich vor al­lem von Chi­nas zu­neh­men­den Ag­gres­sio­nen im süd­pa­zi­fi­schen Meer (ins­be­son­de­re um Tai­wan her­um) zu kon­zen­trie­ren hat und den Blick auf die Kri­sen­si­tua­tio­nen im Mitt­le­ren Osten legt, glau­ben die Eu­ro­pä­er im­mer noch, sich im Zwei­fel auf den, wie es bis­wei­len po­le­misch heißt, ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­zah­ler ver­las­sen zu kön­nen. Da­bei dürf­te bei ei­ner Gleich­zei­tig­keit meh­re­rer Kon­flik­te den USA rasch die Res­sour­cen aus­ge­hen und ih­re Prio­ri­tä­ten nicht mehr in Eu­ro­pa zu fin­den sein.

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Pe­ter Hand­ke: Zwie­ge­spräch

Peter Handke: Zwiegespräch

Pe­ter Hand­ke:
Zwie­ge­spräch

Da ist die­se Wid­mung zu Be­ginn von »Zwie­ge­spräch«, dem neue­sten Buch von Pe­ter Hand­ke: »für Ot­to San­der und Bru­no Ganz«. So­fort er­in­nert man sich an Cas­siel und Da­miel, die bei­den »En­gel« aus dem »Him­mel über Ber­lin«, dar­ge­stellt und ver­kör­pert von eben­je­nen Schau­spie­lern. Stellt man sich nun die bei­den bei der Lek­tü­re vor? Ima­gi­niert de­ren Duk­tus auf die Fi­gu­ren? »Zwie­ge­spräch« ist ein Dia­log zwi­schen zwei na­men­los blei­ben­den, äl­te­ren Män­nern. Die bei­den ken­nen sich und er­zäh­len ih­nen je­weils leid­lich be­kann­te Re­mi­nis­zen­zen. Sie nen­nen sich zu Be­ginn »Nar­ren«, was dem Text Schwe­re nimmt.

Aber die­ser Dia­log dient an­ders als in so man­chem Hand­ke-Stück nicht als Bin­nen­text, um ei­nen dra­ma­ti­schen Kon­flikt zu ver­an­schau­li­chen, wie et­wa bei Quitt/Paula in »Die Un­ver­nünf­ti­gen ster­ben aus«, oder, noch deut­li­cher, zwi­schen Pa­blo und Fe­li­pe in »Zu­rü­stun­gen für die Un­sterb­lich­keit«. »Zwie­ge­spräch« ist ein aut­ar­kes Kam­mer­spiel; von Fer­ne eher ei­ne Va­ria­ti­on von »Die schö­nen Ta­ge von Aran­ju­ez«, den »Som­mer­dia­log« zwi­schen Mann und Frau.

Den voll­stän­di­gen Text »Zwei be­son­de­re Nar­ren« bei Glanz und Elend le­sen.

Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Marc Degens: Selfie ohne Selbst

Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Er wol­le mich auf sein neu­es Buch auf­merk­sam ma­chen, so Marc De­gens in ei­ner Mail. Das The­ma könn­te mich in­ter­es­sie­ren und auch Wolf­gang Welt kom­me vor. Und da mich (fast) al­les zu Wolf­gang Welt in­ter­es­siert und man ir­gend­wie wei­ter­ma­chen muss (oder es zu­min­dest glaubt), gab ich ihm mei­ne neue Adres­se (die er auch hät­te im Im­pres­sum nach­schau­en kön­nen, aber egal). Zwei Ta­ge spä­ter war »Sel­fie oh­ne Selbst« da. Aus dem Wasch­zet­tel ent­nahm ich dann, es um die »in­tel­lek­tu­el­le Ge­gen­wart Ber­lins« und die Ta­ge­bü­cher von Mi­cha­el Rutsch­ky geht. Zu bei­dem ha­be ich nun lei­der über­haupt kei­ne Be­zie­hung. We­der in­ter­es­siert mich die Ber­li­ner Sze­ne noch ha­be ich die Ta­ge­bü­cher von Rutsch­ky ge­le­sen. Die Aus­sicht auf Klatsch stimm­te mich al­ler­dings hoff­nungs­froh und man wird tat­säch­lich nicht ent­täuscht.

Zu­nächst er­zählt der Ich-Er­zäh­ler, der Marc De­gens heißt, ehr­furchts­voll von ei­ner Be­geg­nung mit Mi­cha­el Rutsch­ky in Ber­lin, wel­ches wohl das letz­te Tref­fen der bei­den war, denn Rutsch­ky starb 2018. Dann der Sprung zum Dreh- und An­gel­punkt, zu »Ge­gen En­de«, dem drit­ten Band der Ta­ge­bü­cher. Das Buch er­schien 2019 so­zu­sa­gen dop­pelt post­hum, weil auch der Her­aus­ge­ber Kurt Scheel kurz vor Ver­öf­fent­li­chung starb (durch Frei­tod). Marc De­gens ge­hör­te trotz sei­ner ge­le­gent­li­chen Tref­fen nur am Ran­de dem »Rutsch­ky-Kreis« an (An­lei­hen an ei­nen an­de­ren Kreis nicht ganz un­ge­wollt). Aber er ver­ehr­te den Au­tor, vor al­lem als Sti­list.

De­gens er­hält für ei­ne Prä­sen­ta­ti­ons­ver­an­stal­tung in Ber­lin die Fah­nen des Bu­ches vor­ab per pdf, Meh­re­re Au­toren sol­len aus dem Buch et­was vor­tra­gen. Rasch sucht De­gens nach Ein­tra­gun­gen zu sei­ner Per­son. Die Fun­de des­il­lu­sio­nie­ren ihn; Rutsch­kys Aus­füh­run­gen sind un­ge­nau, falsch und ver­let­zend. Er fühlt sich als »dümm­li­chen Dampf­plau­de­rer« dar­ge­stellt. Auch sei­ne »Freun­din­nen und Freun­de« (die­sen Gen­der­quatsch macht De­gens durch­gän­gig mit) wer­den »bloß­ge­stellt«. Soll er über­haupt teil­neh­men (es gibt auch we­der Ho­no­rar noch Spe­sen­er­satz)? Wie re­agiert man auf die­se Grenz­über­schrei­tun­gen Rutsch­kys? (Wie ha­ben die Men­schen ei­gent­lich auf Knaus­gård re­agiert?)

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An­na Baar: Di­vân mit Schon­be­zug

Anna Baar: Divân mit Schonbezug

An­na Baar: Di­vân mit Schon­be­zug

Knapp ein Jahr nach ih­rem spie­le­risch-ex­pres­sio­ni­sti­schen Ro­man »Nil«, der ins­be­son­de­re in den deut­schen Feuil­le­tons ver­mut­lich auf­grund sei­ner Kom­ple­xi­tät eher ge­mie­den wur­de, legt An­na Baar mit »Di­vân mit Schon­be­zug« nun (vor­der­grün­dig) ei­nen Er­zähl­band vor. Dass das In­halts­ver­zeich­nis am En­de des Bu­ches steht, ist kein Lap­sus. Denn tat­säch­lich sind die 30 Er­zäh­lun­gen (mit sehr un­ter­schied­li­chen Län­gen – von ei­ner bis drei­zehn Sei­ten) mit­ein­an­der ver­wo­ben und selbst die schein­bar ab­sei­ti­gen, meist kur­zen, an­ek­do­tisch ge­hal­te­nen Split­ter fü­gen sich in den Kor­pus ein.

Da­bei ist er­staun­lich, mit wel­cher Bril­lanz An­na Baar zwi­schen Em­pö­rung und Fu­ror über die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se (vor al­lem in Kärn­ten und im De­tail an der »Land­rand­haupt­stadt K.«) und Fa­mi­li­en­ge­schich­ten, Kind­heits­er­in­ne­run­gen und Rei­se­er­leb­nis­sen pen­delt und zu ei­nem ein­drucks­vol­len Er­zähl­kunst­werk ver­knüpft.

Im­mer wie­der wird zwi­schen Per­sön­li­chem und Öf­fent­li­chem chan­giert. Da wird ei­ne rhe­to­ri­sche Glut ent­facht, die bei der Ge­schich­te Kärn­tens und dem Ver­hal­ten der Deutsch-Öster­rei­cher den Kärt­ner Slo­we­nen ge­gen­über in ein ve­ri­ta­bles Feu­er über­geht. »End­lich wa­ren die Bö­sen be­nannt«, so re­ka­pi­tu­liert die Er­zäh­le­rin: »Es wa­ren die Kärnt­ner Slo­we­nen, und, schlim­mer noch: Ju­go­sla­wen, denn die wa­ren drauf aus, sich Kärn­ten an­zu­eig­nen. Die Gu­ten aber wa­ren die Män­ner vom Hei­mat­dienst, Lan­des­ver­tei­di­gungs­mei­ster in statt­li­chen Uni­for­men, die man auf den Fo­tos aus­gie­big be­wun­dern konn­te.« Und sie er­in­nert sich als Kind auf dem Stifts­gym­na­si­um zu­sam­men mit vier an­de­ren nicht auf­ge­zeigt zu ha­ben, als es dar­um ging, sich zur Zwei­spra­chig­keit zu be­ken­nen.

Die Flam­men die­ses rhe­to­ri­schen Feu­ers schla­gen kas­ka­den­haft bei der Ge­gen­wart in die Hö­he, ei­ne Ge­gen­wart, die sich auf die Ver­gan­gen­heit be­zieht, ein Kon­ti­nu­um bil­det, ein un­heil­vol­les. Wer kennt ihn nicht, den ehe­ma­li­gen Lan­des­haupt­mann, der mit 142 km/h töd­lich ver­un­glück­te aber im­mer­hin ei­ne Gas­se im Zen­trum von Kla­gen­furt er­hal­ten hat, ge­nau wie je­ner Arzt, der wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus Men­schen ka­strier­te. Wäh­rend man Gerd Jon­ke und Chri­sti­ne La­vant als Stra­ßen­pa­ten an die Rän­der schiebt. Denn »Stra­ßen sind ge­dul­dig. Sie kön­nen nichts für die Na­men, die sie un­ge­ach­tet der red­li­chen Ein­woh­ner tra­gen.«

Es wech­selt zwi­schen Auf­ruhr und Re­si­gna­ti­on. Mit »Die Wahr­heit bleibt un­zu­mut­bar« wird die be­rühm­te In­ge­borg Bach­mann kon­tra­stiert, um we­nig spä­ter das Un­zu­mut­ba­re aus­zu­spre­chen. Die Er­zäh­le­rin, der man auf­grund von ei­ni­gen In­di­zi­en ei­ne gro­ße Nä­he zur Au­torin at­te­stie­ren darf, kam ir­gend­wann aus ei­nem in­zwi­schen nicht mehr exi­stie­ren­den Land mit ei­ni­gen an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­dern nach Öster­reich, nach Kärn­ten. Im Ge­burts­land wie im neu­en Land die ähn­li­che Er­fah­rung: Die Her­kunft wird be­stim­mend, gar ent­schei­dend. Sie tarnt sich mit »Hel­den­ge­schich­ten«, »war die ruhm­rei­che Toch­ter mei­ner rö­mi­schen Mut­ter«. Wunsch ei­nes an­de­res An­ders­sein als das ih­rer Her­kunft. Schließ­lich schloss sie sich de­nen an, »die eben­so fremd wa­ren« wie sie sel­ber, »je­den­falls ähn­lich be­frem­det.« In die­sem Kos­mos »gab es nur eng­li­sche Lie­der«.

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Tim Finch: Frie­dens­ge­sprä­che

Tim Finch: Friedensgespräche

Tim Finch:
Frie­dens­ge­sprä­che

Ed­vard Beh­rends ist ein nor­we­gi­scher Di­plo­mat, 59 Jah­re alt und lei­tet ei­ne Ver­mitt­lung zwi­schen zwei Bür­ger­kriegs­par­tei­en aus dem Na­hen oder Mitt­le­ren Osten (ge­naue­re An­ga­ben gibt es nicht). Als Kon­fe­renz­ort wur­de ein Berg­dorf ir­gend­wo im öster­rei­chi­schem Ti­rol ge­wählt. Nicht nur er, son­dern auch ei­ner der Teil­neh­mer kommt da so­fort auf die »Zauberberg«-Assoziation. Dies ist das Set­ting, mit dem der Ver­lag Tim Finchs »Frie­dens­ge­sprä­che« (über­setzt von Jo­hann Chri­stoph Maass) be­wirbt. Kurz er­in­nert man sich an »Der Wald­spa­zier­gang«, ein Thea­ter­stück von Lee Bles­sing aus den 1980er Jah­ren, in dem die Ge­sprä­che zwi­schen Paul Nit­ze und Ju­lij Kwi­zinski über die Mit­tel­strecken­ra­ke­ten der USA und der UdSSR als dra­ma­ti­sches Kam­mer­spiel ge­spie­gelt wur­den.

Zu­nächst be­ginnt der Ro­man auch mit dem Ver­mitt­lungs­ge­sche­hen. Es gibt ei­ne de­le­ga­ti­ons­über­grei­fen­de Wan­der­grup­pe, in der die stei­fe At­mo­sphä­re der ver­fein­de­ten Par­tei­en et­was auf­ge­lockert wer­den soll. Beh­rends kommt ei­nem und sich sel­ber vor wie ein Rich­ter – er hat zwar ei­nen Ham­mer, ist aber mehr ein Ko­or­di­na­tor von Dis­kus­si­ons­ab­läu­fen, der pein­lich ge­nau dar­auf be­dacht sein muss, nichts zu tun, was ei­ne Sei­te als Be­vor­zu­gung oder Be­nach­tei­li­gung auf­fas­sen könn­te. Die­se Dif­fi­zi­li­tät zeigt sich an ei­ner Sze­ne. Bei­de Par­tei­en zei­gen sich ab­wech­selnd Fo­tos und Vi­de­os der von der je­weils an­de­ren Sei­te ver­üb­ten Gräu­el­ta­ten. Sie wer­den kurz an­ge­deu­tet und sind scheuß­lich. Plötz­lich re­kla­miert ei­ne Par­tei, die Son­nen­blen­de im Raum leicht zu ver­schie­ben. Dies wie­der­um ge­fällt der an­de­ren Par­tei nicht, weil da­durch Ein­zel­hei­ten der ge­ra­de ge­zeig­ten Sze­ne deut­li­cher sicht­bar wer­den könn­ten. Es gibt ein all­ge­mei­nes Hin und Her, schließ­lich der Ab­bruch der Sit­zung. Meh­re­re Ta­ge schmol­len nun die De­le­ga­tio­nen in ih­ren Zim­mern. Beh­rends kommt zu­fäl­lig bei ei­nem Spa­zier­gang mit ei­nem Dr. Noor ins Ge­spräch, der ihm so­gar fast ver­stoh­len ei­nen Ko­ran vor die Tü­re legt. Ei­ne zar­te An­nä­he­rung, die rasch en­det – Noor, der ei­gent­lich kei­ne be­son­ders ex­po­nier­te Po­si­ti­on in sei­ner De­le­ga­ti­on hat­te, wird plötz­lich ab­ge­zo­gen.

Wei­ter­le­sen

Rein­hard Kai­ser-Mühlecker: Wil­de­rer

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer

Rein­hard Kai­ser-Mühlecker: Wil­de­rer

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Der neue Ro­man von Kai­ser-Mühlecker, »Wil­de­rer«, führt den Le­ser er­neut in die länd­li­che Welt. Haupt­fi­gur ist Ja­kob Fi­scher, den der Le­ser be­reits aus dem 2016 er­schie­ne­nem Ro­man »Frem­de See­le, dunk­ler Wald« kennt. Kai­ser-Mühlecker schreibt die Sa­ga um Ja­kob Fi­scher wei­ter. Man er­in­nert sich an den Bru­der Alex­an­der in Wien, in ir­gend­ei­ner ge­ho­be­nen Be­am­ten­po­si­ti­on, ver­hei­ra­tet mit Li­lo, der Ex-Frau ei­nes sei­ner Vor­ge­setz­ten. Da ist die Schwe­ster Lui­sa, in Ham­burg le­bend, nach­dem ih­re Ehe in Schwe­den schei­ter­te; ih­re An­we­sen­heit auf dem Hof ist für Ja­kob ei­ne Tor­tur. Ja­kobs Va­ter, der Um­trie­bi­ge, ei­ne Art Hans-im-Glück, frei­lich eher ei­ner im Un­glück. Und die Groß­mutter, die nach dem Tod ih­res Man­nes auf dem Ver­mö­gen sitzt, nichts in den Hof in­ve­stiert, son­dern dar­auf war­tet, das Geld der »rech­ten Par­tei« zu ver­er­ben.

Ja­kob ist wort­karg, zu­rück­hal­tend, men­schen­scheu. Er hält prak­tisch al­lei­ne den Hof halb­wegs am Lau­fen, be­schäf­tigt sich mit Hüh­nern, ver­sucht, Tei­che und Fisch­zucht an­zu­le­gen, was miss­lingt (spä­ter ver­pach­tet er die Tei­che an Städ­ter). Er be­tä­tigt sich noch eh­ren­amt­lich als »Schul­wart«, streicht Ge­bäu­de neu, rich­tet sie wie­der her. Und wenn es sein muss, hilft Ja­kob noch bei an­de­ren Bau­ern aus. »Er schuf­te­te wie kei­ner sonst, zu­gleich nicht an­ders als zu Hau­se, mach­te kür­ze­re Pau­sen als die an­de­ren und re­de­te nur das Al­ler­nö­tig­ste, und als Max nach der Fer­tig­stel­lung zu ei­nem klei­nen Fest lud, ging Ja­kob nicht hin, er ha­be kei­ne Zeit, sag­te er, und auch das an­ge­bo­te­ne Geld lehn­te er ab – em­pört.« Er will kein Geld, son­dern An­er­ken­nung. Die gibt es je­doch kaum; im­mer häu­fi­ger fühlt er sich aus­ge­beu­tet. Aber sein Pflicht­ge­fühl ist grö­sser als sei­ne Ver­zweif­lung.

Den voll­stän­di­gen Text »Un­ver­söhn­lich­keits­ro­ma­ne« bei Glanz und Elend le­sen.