Pro­vo­ka­ti­on oder An­pas­sung?

Be­richt von ei­ner Schrift­stel­ler­ver­samm­lung

Es war vor vier­zig Jah­ren, als ich das er­ste Mal ei­ne Ge­ne­ral­ver­samm­lung der GAV, der wich­tig­sten öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler­ver­ei­ni­gung, be­such­te. Be­son­ders an­zie­hend wa­ren die­se Ver­samm­lun­gen für mich of­fen­bar nicht, denn ich kann mich nicht er­in­nern, ei­ne wei­te­re be­sucht zu ha­ben. Da­bei hat­te ich da­mals, oder tags zu­vor, ich weiß es nicht mehr ge­nau, er­in­ne­re mich aber an die Re­ak­tio­nen von Ernst Jandl, Franz Schuh und Ma­rie-Thé­rè­se Ker­sch­bau­mer – ich hat­te ei­nen klei­nen Vor­trag mit dem Ti­tel »Rea­lis­mus? Avant­gar­de?« (zwei Fra­ge­zei­chen!) ge­hal­ten. Na­tür­lich hat­te mei­ne Ab­we­sen­heit von der GAV auch mit mei­nen lan­gen Aus­lands­auf­ent­hal­ten zu tun.

Vier­zig Jah­re spä­ter, nach mei­ner (pro­vi­so­ri­schen) Rück­kehr, war ich auf al­les neu­gie­rig, so­gar auf die GAV. Wie al­le her­kömm­li­chen kul­tu­rel­len Mi­lieus ist auch das Mi­lieu der GAV über­al­tert. Doch im­mer­hin sah ich ei­ne An­zahl von jün­ge­ren, mir un­be­kann­ten Ge­sich­tern im Kel­ler­raum der Al­ten Schmie­de zu Wien. Ge­ne­ral­ver­samm­lun­gen be­stehen auch un­ter Schrift­stel­lern aus Re­chen­schafts­be­rich­ten und Dis­kus­sio­nen über ir­gend­ein Pro­ce­de­re; hin und wie­der scheint es aber doch zu Ge­sprä­chen zu kom­men, die In­halt­li­ches, d. h. Li­te­ra­ri­sches, be­tref­fen. Dies­mal be­durf­te es da­zu ei­nes Streits. Ei­nes Rich­tungs­streits, so wür­de ich es nen­nen, hin­ter dem sich ein Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt ver­birgt. Nicht mehr »Rea­lis­mus? Avant­gar­de?« ist die Fra­ge, son­dern »Kor­rekt? In­kor­rekt?« oder »To­le­ranz vs. Re­gu­lie­rung«, »Pro­vo­ka­ti­on vs. An­pas­sung« – ich könn­te hier wei­te­re Ge­gen­satz­paa­re an­füh­ren.

Es ging um die Auf­nah­me ei­nes Au­tors, des­sen Na­me mir nichts sag­te, in die GAV. Wie bei al­len Ver­ei­nen muß der Au­tor, will er auf­ge­nom­men wer­den, da­zu ei­nen An­trag stel­len. Ei­ne Ju­ry wer­tet den An­trag aus und gibt ei­ne Emp­feh­lung; die Ge­ne­ral­ver­samm­lung ent­schei­det. In die­sem Fall war die Ju­ry ge­spal­ten, ei­ne Stim­me pro, zwei con­tra. Der An­trag war nicht sehr ge­schickt ge­stellt, der Au­tor hat­te zwan­zig Sei­ten ei­nes zehn Jah­re al­ten, in Buch­form er­schie­ne­nen Ro­mans ein­ge­schickt, aber kei­nen neue­ren Text. Aber dar­um ging es nicht und soll es auch hier nicht ge­hen. Die Be­grün­dung für das ne­ga­ti­ve Ur­teil war: Ras­sis­mus. Nicht, daß man in dem be­tref­fen­den Au­tor ei­nen Ras­si­sten ge­se­hen hät­te; viel­mehr wur­de von der Ju­ry mehr­heit­lich die An­sicht ver­tre­ten, heut­zu­ta­ge kön­ne man ras­si­sti­sche Äu­ße­run­gen, sei es auch in merk­lich kri­ti­scher Ab­sicht, nicht un­kom­men­tiert in ei­nen Ro­man ein­fü­gen. Als Bei­spiel wur­de un­ter an­de­rem, wenn ich mich recht ent­sin­ne, der im Text vor­kom­men­de, tra­di­ti­ons­rei­che Ga­stro-Be­griff »Mohr im Hemd« ge­bracht. Heut­zu­ta­ge – in der Dis­kus­si­on wur­de da­für­ge­hal­ten, vor zehn Jah­ren sei dies viel­leicht noch ak­zep­ta­bel ge­we­sen; heu­te nicht mehr. Man müs­se sich dem Zeit­geist an­pas­sen: Das wur­de nicht wört­lich ge­sagt, aber dar­auf lief es hin­aus.

Die Ab­stim­mung ging un­ent­schie­den aus, und da sich kei­ne Mehr­heit für den Au­tor er­ge­ben hat­te, wur­de sein An­su­chen ab­ge­lehnt. Wäh­rend der dis­kur­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung fand ei­ne äl­te­re Au­torin (mei­ne Ge­ne­ra­ti­on!) die Ar­gu­men­te der an­ti­ras­si­sti­schen Frak­ti­on »un­glaub­lich«, sprang auf und ver­ließ den Raum. Fünf Mi­nu­ten spä­ter kam sie zu­rück, sie hat­te sich be­ru­higt; da­nach äu­ßer­te sie sich recht be­son­nen zum The­ma. Ich selbst, eher ein Zaun­gast, sag­te nichts, aber wäh­rend der Dis­kus­si­on er­in­ner­te ich mich dar­an, daß ich we­ni­ge Ta­ge zu­vor in ei­nem Re­clam-Heft­chen, Text von In­ge­borg Bach­mann, das Wort »Ne­ger« ge­le­sen hat­te. Und daß man heut­zu­ta­ge El­frie­de Je­li­nek nicht in die GAV auf­neh­men wür­de, weil ih­re Bü­cher voll von ras­si­sti­schen und an­de­ren Kli­schees sind, wenn auch in kri­ti­scher Ab­sicht. (Die Wie­der­ga­be von Kli­schees wur­de von der Ju­ry eben­falls am Text des an­trag­stel­len­den Au­tors be­an­stan­det.) Auch dach­te ich dar­an, daß der Schwar­ze Jim in Mark Twa­ins Huck­le­ber­ry Finn zig­mal das Wort »Nig­ger« ver­wen­det, um sich selbst zu be­zeich­nen. Aber gut, die­ser Ro­man wur­de vor 133 Jah­ren ver­öf­fent­licht, und die Zei­ten än­dern sich…

Bei der Ab­stim­mung hob ich brav mei­ne Hand. Am un­ent­schie­de­nen Aus­gang, al­so an der Ab­leh­nung, än­der­te das nichts. In ei­nem Salz­bur­ger Ca­fé, fiel mir noch ein, hat­te ich un­längst ei­nen »Mohr im Hemd« auf der Spei­se­kar­te ge­se­hen. Aber den soll­te man viel­leicht can­celn.

Wei­ter­le­sen

Letz­te Aus­fahrt 2023

Lutz Ra­the­now: Trot­zig lä­cheln und das Welt­all strei­cheln

Per Leo: Noch nicht mehr

Wolf­gang Her­mann: Der Gar­ten der Zeit

Pe­ter Hand­ke: Die Bal­la­de des letz­ten Ga­stes

En dé­tail:

Lutz Ra­the­now: Trot­zig lä­cheln und das Welt­all strei­cheln

Lutz Rathenow: Trotzig lächeln und das Weltall streicheln

Lutz Ra­the­now: Trot­zig
lä­cheln und das Welt­all strei­cheln

Im letz­ten Jahr wur­de der in Je­na ge­bo­re­ne und in­zwi­schen in Ber­lin le­ben­de Lutz Ra­the­now 70 Jah­re alt. Da­zu er­schien im Ka­non-Ver­lag ein von Mar­ko Mar­tin her­aus­ge­ge­be­nes Kom­pen­di­um mit dem für den Dich­ter ty­pi­schen Ti­tel Trot­zig lä­cheln und das Welt­all strei­cheln nebst pro­gram­ma­ti­schen Un­ter­ti­tel Mein Le­ben in Ge­schich­ten. Ne­ben Ly­rik schrieb Ra­the­now zum Brot­er­werb in der DDR Kin­der­bü­cher. Bei­de Gen­res kom­men im Buch kaum vor, weil »vor al­lem ein deutsch-deut­scher Au­tor im Span­nungs­feld zwi­schen (au­to­bio­gra­fisch grun­dier­ter) Fik­ti­on und es­say­istisch-pu­bli­zi­sti­scher Re­fle­xi­on vor­ge­stellt« wer­den soll. Das ge­lingt. Auf den knapp 300 Sei­ten die­ses Ban­des fin­den sich Er­zäh­lun­gen, Glos­sen, Pa­ra­beln und Sa­ti­ren und manch­mal al­les zu­sam­men aus mehr als vier­zig Jah­ren; ei­ni­ges da­von bis­her un­ver­öf­fent­licht.

Er sei ja ein »nör­geln­der Cha­rak­ter«, so Ra­the­now 1996 zu Car­sten Gan­sel und Mar­tin stellt in sei­nem Nach­wort her­aus, wie Ra­the­now mit Ein­ga­ben an Be­hör­den, An- und Rück­fra­gen und sei­nen gleich­nis­haf­ten Tex­ten der DDR-No­men­kla­tu­ra auf die Ner­ven ging, so viel »Scha­den wie mög­lich an­rich­ten« wol­lend. Ei­ne Aus­rei­se kam für ihn nicht in­fra­ge, ver­mut­lich auch, weil man dies ir­gend­wie er­war­te­te. Da­bei fin­det man po­li­tisch mar­kant vor­ge­brach­te Über­zeu­gun­gen bei Ra­the­now eben­so ver­geb­lich wie den Drang, sich nach der Wen­de als Bes­ser­wis­ser zu in­sze­nie­ren. Sein »Wil­le zur Di­stanz, sich nicht zu sehr be­ein­drucken zu las­sen« (ei­ne Er­zähl­fi­gur wird so be­schrie­ben) hielt auch nach dem Mau­er­fall an. Be­klag­te er 1986 im Wie­ner die ge­gen­sei­ti­ge »über­trie­be­ne To­le­ranz« der In­tel­lek­tu­el­len »für die Schwä­chen des an­de­ren Staa­tes«, so ent­deck­te er zehn Jah­re spä­ter den Ka­pi­ta­lis­mus mit Tü­bin­ger Ant­litz. Die Ju­gend traf sich »zu Müll­tren­nungs­fe­sten«. Al­les war »vor­schrifts­mä­ßig und »die Zu­kunft wird gut«.

Der Band be­sticht durch ei­ne gro­ße Band­brei­te der Gen­res. Der Le­ser ver­gnügt sich über das Schalk­haf­te sei­ner Pa­ra­beln und be­wun­dert die­se skur­ri­len, an Mär­chen oder Fa­beln an­knüp­fen­de Ge­schich­ten ge­nau wie die Gro­tes­ken, wenn et­wa ein Spit­zel be­schrie­ben wird, der sich Ge­gen­stän­den an­ver­wan­delt, um nicht ge­se­hen zu wer­den oder Fritz, den Dieb, der zum En­gel wird, als er bei ei­nem Ein­bruch ein klei­nes Mäd­chen vor­fin­det und ihm Ge­schich­ten er­zählt, um nicht ent­deckt zu wer­den.

Zwi­schen­zeit­lich muss man sich dar­an er­in­nern, dass Ra­the­now un­ter stän­di­ger Be­ob­ach­tung der Sta­si stand (15.000 Sei­ten Ma­te­ri­al fan­den sich spä­ter über ihn) und Ba­lan­ce­ak­te voll­füh­ren muss­te. Es ver­wun­dert fast, dass er 1980 nur neun Ta­ge in Haft ge­kom­men war (frei­lich wuss­te er nicht, dass es da­bei blei­ben soll­te). Über sei­ne Ein­drücke die­ser Haft fin­den sich nach­träg­lich ver­fass­ten No­ti­zen im Band. Was bleibt von der DDR? Ei­ne »Brief­mar­ken­hin­ter­las­sen­schaft«? Trau­er oder Glück? We­der noch. Ein­mal heißt es: »Er be­fahl sich, ein­fach glück­lich zu sein.« Wenn das so ein­fach wä­re. 2011 über­nahm Ra­the­now ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung, war zehn Jah­re Säch­si­scher Lan­des­be­auf­trag­ter für die Sta­si-Un­ter­la­gen.

Ab der 1990er Jah­ren schreibt er auch Re­por­ta­gen, war bei DDR-Ver­eh­rern in Uru­gu­ay zu Gast, fuhr 2003 im Bus nach Ka­li­nin­grad, war in Alex­an­dria wäh­rend des Ara­bi­schen Früh­lings oder ent­deck­te Men­schen am Alex­an­der­platz. Der letz­te Text in die­sem rund­um ge­lun­ge­nen Buch han­delt von ei­nem Prot­ago­ni­sten, der fas­zi­niert von den Han­dy­te­le­fo­na­ten sei­ner Mit­men­schen ist und am lieb­sten den Leu­ten fol­gen möch­te, um zu er­fah­ren, wie es wei­ter­geht.

Per Leo: Noch nicht mehr

Per Leo: Noch nicht mehr

Per Leo: Noch nicht mehr

Schon beim Ti­tel Noch nicht mehr kann man er­ah­nen, dass Per Le­os Es­say­band über Die Zeit des Ruhr­ge­biets weit ent­fernt ist von den gän­gi­gen Scha­blo­nen über den »Pott«. Als ab­schrecken­des Bei­spiel hier­zu wird ei­ne Re­por­ta­ge von Hein­rich Böll aus dem Jahr 1958 re­fe­riert, die in ei­nem schö­nen Ver­fah­ren ei­nem kur­zen Feuil­le­tons von Jo­seph Roth von 1926 ge­gen­über­ge­stellt wird. Deut­lich da­bei: Jo­seph Roth hat­te mehr vom Ruhr­ge­biet ver­stan­den als Böll, was viel­leicht da­mit zu er­klä­ren war, dass sich in den 1920er Jah­ren noch letz­te Spu­ren ei­ner Agrar­welt fan­den, die der Mon­tan­in­du­strie um die Jahr­hun­dert­wen­de ein­setz­te und in den 1950er Jah­ren gänz­lich ver­schwun­den war.

Bölls Text ent­stand »ziem­lich ge­nau in der Mit­te zwi­schen der For­mie­rungs­pha­se je­ner mäch­ti­gen Wirk­lich­keit, für die in den 1920er-Jah­ren der Na­me ‘Ruhr­ge­biet’ auf­kam, und un­se­rer Ge­gen­wart.« Kurz zu­vor wur­den so­wohl die Sub­ven­tio­nen wie auch »die Ein­fuhr­zöl­le für aus­län­di­sche Koh­le auf­ge­ho­ben und da­mit die west­deut­sche Mon­tan­wirt­schaft der Dy­na­mik des Welt­markts aus­ge­setzt«. Das Ze­chen­ster­ben be­gann, schlei­chend, aber un­auf­halt­sam. Als die Un­aus­weich­lich­keit deut­lich wur­de, ver­fiel man »zwi­schen Grö­ßen­wahn und Pa­nik«, ent­warf Uto­pien für die Zu­kunft, wie »schwarz-grü­nen Sym­bio­sen aus För­der­an­la­gen, Ver­ede­lungs­fa­bri­ken, hoch­mo­der­ner In­fra­struk­tur und wald­um­kränz­ten Mu­ster­sied­lun­gen« oder groß­flä­chi­gen Park- und Denk­mal­an­la­gen, al­les mit »ei­nem Prag­ma­tis­mus, der schon ei­ne simp­le Stra­ße zwi­schen Duis­burg und Dort­mund, den so­ge­nann­ten Ruhr­schnell­weg, als Tri­umph der Re­gio­nal­pla­nung über den Wild­wuchs der Bahn­tras­sen und Feld­we­ge fei­er­te.« In Wahr­heit herrsch­te (herrscht?) im Ruhr­ge­biet Kirch­turm­po­li­tik und Pro­vin­zia­lis­mus. Leo ge­lingt es, die Zer­ris­sen­heit zwi­schen Er­in­ne­rung und Zu­kunft, Nost­al­gie und Uto­pie als Be­son­der­heit der Re­gi­on her­aus­zu­ar­bei­ten: Die­se »lag nicht im Tem­po der Ver­än­de­rung, son­dern zum ei­nen in der Ra­di­ka­li­tät, zum an­de­ren in der Se­ria­li­tät des Ver­schwin­dens.«

Im zwei­ten Teil wid­met er sich ein­zel­nen her­aus­ra­gen­den Prot­ago­ni­sten der Re­gi­on, wie dem »Klartext«-Verleger Lutz Claßen so­wie der so­ge­nann­ten »Es­se­ner Schul«, ei­nem lo­sen Zu­sam­men­schluss et­was an­de­rer Hi­sto­ri­ker (Lutz Niet­ham­mer Det­lev Peu­kert, Mi­cha­el Zim­mer­mann, Erich Schmidt), die nach In­ter­views mit Ze­chen­ar­bei­tern über ih­re Zeit im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu der Er­kennt­nis ka­men, »dass das Volk sich nicht um die Zä­su­ren scher­te, die den Ideo­lo­gen, den Po­li­ti­kern, den Jour­na­li­sten und den Hi­sto­ri­kern so un­hin­ter­geh­bar er­schie­nen.« Schließ­lich wird die Be­deu­tung des Münch­ner Olym­pia­parks für die di­ver­sen Pro­jek­te der Post-Koh­le-Ära the­ma­ti­siert. Man wird in die­sem Buch über den Un­ter­schied zwi­schen Text- und Fo­to­bän­den ge­schult, er­fährt die Dif­fe­renz zwi­schen Raum und Land, be­kommt De­tails zur Em­scher-Re­na­tu­rie­rung und er­lebt ge­gen En­de das (vi­sio­när er­schei­nen­de) Ide­al­bild für das Ruhr­ge­biet als ei­ner »Land­schaft, ein Stück Land, des­sen Wer­den man be­woh­nen und des­sen Ver­ge­hen man be­rei­sen kann.« Dies ver­ge­gen­wär­tigt, ver­steht man den Ti­tel des Bu­ches.

Wolf­gang Her­mann: Der Gar­ten der Zeit

Wolfgang Hermann: Der Garten der Zeit

Wolf­gang Her­mann: Der Gar­ten der Zeit

Der Gar­ten der Zeit heißt das klei­ne Büch­lein von Wolf­gang Her­mann mit noch nicht ein­mal 130 Sei­ten. Ich ha­be 87 Tex­te ge­zählt, man­che be­stehen nur aus ei­nem oder zwei Sät­zen, kei­ner ist län­ger als zwei Sei­ten. Wo­bei »Tex­te« ei­ne un­zu­läng­li­che Be­zeich­nung ist. Es sind eher Er­zähl­kap­seln; Re­fle­xio­nen, Me­di­ta­tio­nen, Zeit­be­schwö­run­gen, ge­speist von fast kind­li­cher Neu­gier und glü­hen­dem En­thu­si­as­mus den Din­gen und Er­schei­nun­gen ge­gen­über.

Da­bei sucht hier je­mand »auf der Schwel­le sei­ner mitt­le­ren Jah­re« nach der ver­bor­ge­nen, ver­steck­ten Zeit, ob im Gar­ten, im Wald, in ei­nem Stein, in der Amei­sen­welt, im Spiel vom Kin­dern oder als Bot­schaft ei­ner ein­ge­bil­de­ten Ru­nen­schrift flie­hen­der Krä­hen. Es sind Übun­gen des Schau­ens und Hö­rens, et­wa wie man an den Wind­ge­räu­schen der Blät­ter die Baum­art und Ta­ges­zeit zu er­ken­nen ver­mag. Oder man gibt sich dem Far­ben­spiel von Baum­rin­den hin. Der Le­ser wird mit die­sem »An­blick­samm­ler« (ein Be­griff von Pe­ter Hand­ke) auch zum Ent­decker, et­wa bei der Bö­schung ei­nes Gar­tens, die über­wach­sen von Kräu­tern und Bee­ren, »die Zeit im Ver­bor­ge­nen« hor­tet, »in de­ren Schat­ten die Jah­res­zei­ten at­men«. Von nun an wird man nie mehr die­se Art der Ve­ge­ta­ti­on »Un­kraut« nen­nen.

Am Schluss ein »Nach­spiel«. Der Er­zäh­ler re­ka­pi­tu­liert sei­ne Rei­se­ein­drücke und je nach Land wer­den die ver­schie­de­nen »Spiel­ar­ten des Re­gens mit un­end­lich vie­len Spiel­ar­ten des Lichts« we­ni­ger er­zählt als her­bei­ge­zau­bert. So schön kann Re­gen sein. Wo man wohl den waa­ge­rech­ten Schnee­re­gen fin­den kann? Und wie fühlt sich der Re­gen der ost­asia­ti­schen Re­gen­zeit im Ju­ni an?

Wer kann, soll­te aus der Lek­tü­re ein klei­nes Ri­tu­al ma­chen: Je­den Tag ei­nen Ein­trag le­sen (und sich prak­tisch als Zu­ga­be an der ein oder an­de­ren Zeich­nung von Tim­na Brau­er er­freu­en). Die Welt ist da­nach rei­cher.

Pe­ter Hand­ke: Die Bal­la­de des letz­ten Ga­stes

Peter Handke: Die Ballade des letzten Gastes

Pe­ter Hand­ke: Die Bal­la­de des letz­ten Ga­stes

Und nun al­so wie­der ein Gre­gor, Gre­gor Wer­fer, von Be­ruf Chro­nist, der »Ein­äu­gi­ge«. Er be­en­det das letz­te Stück sei­ner Rei­se (11 Stun­den 33 Mi­nu­ten dau­er­te der Flug), der »Heim­kehr zu den Sei­nen«, im Au­to­bus, mä­an­dert durch die »men­schen­lee­re Na­tur« und muss die un­auf­fäl­lig ge­wor­de­nen, »zwi­schen den Hoch­bau­ten« ge­schrumpf­ten Kirch­tür­me su­chen. Ei­ne Wo­che ist ein­ge­plant bei den El­tern, der Schwe­ster So­phie und de­ren (for­mal va­ter­lo­sen) Ba­by, das ge­tauft wer­den soll mit ihm als Pa­ten. Kurz zu­vor hat er auf dem »Ta­schen­te­le­fon­schirm« die Bil­der des Gra­bes sei­nes jün­ge­ren Bru­ders Hans ge­se­hen, des Lieb­lings der Fa­mi­lie, der bei der Frem­den­le­gi­on war und dort ums Le­ben kam. So be­ginnt die­se Bal­la­de des letz­tes Ga­stes, ei­ne Trans­for­ma­ti­on der Er­eig­nis­se von 1943 in Pe­ter Hand­kes Fa­mi­lie. Gre­gor Si­utz, der Tauf­pa­te Hand­kes, zwangs­wei­se ein­ge­zo­gen (auch er auf ei­nem Au­ge er­blin­det), kehr­te da­mals kurz von der Front zu­rück, mit dem Wis­sen, dass der Bru­der kurz zu­vor ge­fal­len war und ver­schwieg dies vor der Fa­mi­lie. We­ni­ge Mo­na­te spä­ter kam auch er auf der Krim ums Le­ben. »Stel­len Sie sich das vor: er sag­te nichts«, so Hand­ke mit fast zit­tern­der Stim­me zu mir. Das sei »kein Rea­lis­mus, son­dern die Rea­li­tät« ge­we­sen.

Fast im­mer wird per­so­nal aus Gre­gors Sicht er­zählt, nur manch­mal, un­ver­hofft, ins »Ich« ge­wech­selt. Es ist ein Spiel mit sich selbst, was der Dich­ter treibt. In Im­mer noch Sturm kehr­te der Pa­ten­on­kel als Wi­der­stands­kämp­fer ins freie Kärn­ten zu­rück. Und jetzt, in der Bal­la­de, acht­zig Jah­re nach sei­nem Tod, als Wie­der­gän­ger und Hand­ke sel­ber wird zum Täuf­ling, um den es vor­der­grün­dig bei die­sem Be­such geht (und des­sen Zu­kunft spä­ter ge­prie­sen wird) und dies so­gar in­klu­si­ve der »Va­ter­lo­sig­keit« (in Wahr­heit hat­te er ja zwei Vä­ter).

Den Gre­gor Wer­fer der 2020er Jah­re hält es nicht lan­ge im El­tern­haus, bricht auf, zu ei­ner die­ser Handke’schen Ein-Mann-Ex­pe­di­tio­nen, die man glaubt zu ken­nen, aber im­mer an­ders ver­lau­fen. Heu­er geht es in den ver­wil­der­ten Gar­ten, dort wird der Wild­wuchs mit der Mo­tor­sä­ge be­sei­tigt und plötz­lich zeigt sich ein Wild­ap­fel­baum mit vol­len, bit­te­ren Früch­ten, »daß es dir das Arsch­loch zu­sam­men­zieht bis Al­ler­see­len.« Wei­ter im Wald; Über­nach­tung in ei­nem ein­sti­gen Bom­ben­trich­ter. Kurz wird er zum Wald- und Welt­erklä­rer ei­ner »Wald­for­schungs­ka­ra­wa­ne«, er­zählt von ge­heim­nis­vol­len Flech­ten (das Co­ver!) und ih­ren Wir­kun­gen, fühlt sich auf­ge­ho­ben und hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen Ein­sam­keit und Men­schen­sehn­sucht. Er trifft den »ab­ge­dank­ten Pfar­rer« die­ser »ver­stumm­ten und ver­weh­ten Dorf­kir­chen­ge­mein­de« und wird schließ­lich zum »Gast­haus­sit­zer«. Auch hier er­fährt er Ge­sell­schaft, Zu­sam­men­halt, aber bleibt in ste­ti­ger Un­rast, vor al­lem mit sich selbst.

Am Ab­fahrts­bahn­hof er­zählt er schließ­lich der Schwe­ster vom Tod des Bru­ders. Nach der »lang­sa­men Heim­kehr« zu­rück, wird noch ein­mal die Wo­che evo­ziert und mit dem Le­ben ab­ge­gli­chen. Da war die­ses fuß­ball­spie­len­de Mäd­chen: »Et­was Der­ar­ti­ges hat­te die Welt, zu­min­dest in sei­ner, mei­ner Per­son noch nicht ge­se­hen.« Die im Wind schwan­ken­den Spin­nen­net­ze. Un­sicht­ba­re Spat­zen in den Bü­schen ra­schelnd. »Ein Igel als Blin­den­hund.« Das Se­hen woll­te nicht mehr auf­hö­ren.

»Ja, das wa­ren noch Zei­ten,« so heißt es am En­de, we­ni­ger me­lan­cho­lisch oder be­schwö­rend, son­dern fast hei­ter, eben bal­la­desk. Ein Ab­schied? Man kann es so le­sen. Oder nicht doch eher Kon­den­sat ei­nes Le­bens? Ob ich er­grif­fen war, frag­te Hand­ke. Ja, sag­te ich, ge­gen En­de, als Gre­gor wie­der zu Hau­se war und, so ver­mu­te ich, die Sehn­sucht über­kam. Und erst dann, im Be­ant­wor­ten der Fra­ge, be­gann ich, zu be­grei­fen.

Flo­ri­an Il­lies: Zau­ber der Stil­le

Florian Illies: Zauber der Stille

Flo­ri­an Il­lies:
Zau­ber der Stil­le

Der 250. Ge­burts­tag von Cas­par Da­vid Fried­rich, dem Ma­ler der Ro­man­tik schlecht­hin, wirft sei­ne Schat­ten vor­aus. Für 2024 sind gro­ße Aus­stel­lun­gen in Ber­lin, Dres­den, Ham­burg und Fried­richs Ge­burts­stadt Greifs­wald ge­plant. Man ahnt schon die Ber­ge von Po­stern, Kaf­fee­tas­sen, Kühl­schran­kauf­kle­bern und Post­kar­ten in den Mu­se­ums­shops. Da will auch Flo­ri­an Il­lies nicht feh­len, der mit Zau­ber der Stil­le ei­nen im ty­pi­schen Il­lies-Duk­tus ver­fass­ten Band vor­legt, an­ge­kün­digt als »Rei­se durch die Zei­ten«. Um es nicht zu ein­fach zu ma­chen, hat Il­lies kei­ne Chro­no­lo­gie ver­fasst, son­dern sor­tiert sei­ne Hi­stör­chen nach den vier Ele­men­ten Feu­er, Was­ser, Er­de und Luft. Je­dem Ele­ment wird ein (je­weils satt­sam be­kann­tes) Ge­mäl­de vor­an­ge­stellt; mehr als die­se vier Bil­der wer­den nicht ge­zeigt, was zu ei­nem ver­mehr­ten Such­ma­schi­nen­kon­sum beim Le­ser führt.

In Feu­er, dem um­fang­reich­sten Ka­pi­tel, er­fährt man, wie Fried­richs Ge­burts­haus ab­brann­te und lernt ei­ni­ges dar­über, wie häu­fig sei­ne Bil­der Op­fer von Flam­men oder Zer­stö­rung wur­den. Es gibt viel Ku­rio­ses (et­wa als je­mand 1943 sei­ne Fried­rich-Bil­der aus Schutz vor Bom­bar­die­rung in ei­nen Mu­se­ums­kel­ler ver­bringt – und die­se dort we­ni­ge Stun­den spä­ter ver­nich­tet wur­den) und der Au­tor kann es auch in die­sem Buch nicht las­sen, die ge­schil­der­ten Er­eig­nis­se mit an­de­ren, in­kom­pa­ti­blen Vor­fäl­len zu kom­bi­nie­ren. Als et­wa 1931 der Münch­ner Glas­pa­last ab­brennt – dar­un­ter auch Fried­rich-Bil­der – rat­tert die Mög­lich­keits­ma­schi­ne auf Hoch­tou­ren. Denn schließ­lich wohn­te da­mals nicht weit ent­fernt Ge­li Rau­bal, Adolf Hit­lers Nich­te, die, wie der Au­tor flei­ßig nach­ge­schla­gen hat, »drei Mo­na­te nach dem schockie­ren­den Brand….im Al­ter von 23 Jah­ren ein töd­li­ches Feu­er auf sich selbst er­öff­nen« wird. Und wie Tho­mas Mann, der auch zu die­ser Zeit in Mün­chen leb­te, die­ses In­fer­no mit­be­kom­men hat – auch das wis­sen wir nicht. Aber schön, dass wir mal über die­ses Nicht­wis­sen ein biss­chen ge­schrie­ben ha­ben.

Es sind die­se Pas­sa­gen ver­bla­se­ner Pseu­do-Ge­lehr­sam­keit, die ei­nem die­ses Buch ver­lei­den. Si­cher, Fried­rich und Ri­chard Wag­ner hät­ten sich tref­fen kön­nen, weil sie ein­mal im glei­chen Gast­hof lo­gier­ten. Ha­ben sie aber nicht – und selbst wenn: was könn­te man dar­aus ab­lei­ten? Als Fried­rich 1813 vor den fran­zö­si­schen Trup­pen von Dres­den in das klei­ne Städt­chen Krip­pen (heu­te Bad Schand­au) flieht, geht aus­ge­rech­net dort der ver­hass­te Na­po­le­on an Land. Il­lies ist be­gei­stert: Er »muss ihn ge­se­hen ha­ben, aus dem Fen­ster sei­ner Woh­nung oder aus den wal­di­gen Hü­geln.« Ein an­der­mal muss der klei­ne Ort Wiek auf der Halb­in­sel Rü­gen für ei­ne irr­wit­zi­ge Ana­lo­gie her­hal­ten. In Wiek ent­stand, so weiß der Au­tor, in Fried­richs Kopf das Bild Auf dem Seg­ler. Ein Mann und ei­ne Frau – wie ge­wohnt in Rücken­an­sicht – se­geln händ­chen­hal­tend auf ei­nem Schiff. Und knapp 200 Jah­re spä­ter star­tet in Wiek die An­dro­me­da, »ei­ne klei­ne Se­gel­yacht«, aufs »of­fe­ne Meer« und »in der Nä­he von Born­holm« zie­hen dann die Be­sat­zungs­mit­glie­der ih­re Tau­cher­an­zü­ge an und kurz dar­auf sind gro­ße Tei­le der Nord Stream-Pipe­lines zer­stört.

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Tom Kri­sten­sen: Ab­sturz

Tom Kristensen: Absturz

Tom Kri­sten­sen: Ab­sturz

Ole Ja­strau ist 34 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet mit Jo­han­ne, hat ei­nen drei­jäh­ri­gen Sohn Oluf, lebt in Ko­pen­ha­gen und re­zen­siert dä­nisch­spra­chi­ge Bü­cher beim »Dag­bla­det«. Es ist Früh­jahr 1929, ein Tag vor ei­ner Wahl zum dä­ni­schen Fol­ke­ting. Die Re­zen­si­ons­exem­pla­re sta­peln sich bei ihm in der Woh­nung; er muss le­sen und vor al­lem schrei­ben, kann sich aber nur schwer kon­zen­trie­ren. Plötz­lich klin­gelt es an der Tür. Zu­nächst er­kennt er den »Kom­mu­ni­sten­ben­gel« Bern­hard San­ders nicht, ver­mut­lich, weil er ihn an sei­ne ei­ge­ne po­li­ti­sche Ver­gan­gen­heit er­in­nert. Er ist in Be­glei­tung ei­nes ge­wis­sen Ste­fan Stef­fen­sen, der ei­gent­lich Ste­fa­ni heißt, und der Sohn ei­ner an­ge­se­he­nen Ko­pen­ha­ge­ner Per­sön­lich­keit ist, des Dich­ters und Apo­the­kers H. C. Ste­fa­ni. Auch Stef­fen­sen scheibt Ge­dich­te.

Die bei­den bit­ten um Asyl für ei­ne Nacht, um ei­ne dro­hen­de Haft­stra­fe we­gen Ver­brei­tung ih­rer kom­mu­ni­sti­schen Zeit­schrift nicht ab­sit­zen zu müs­sen. Ih­re Spe­ku­la­ti­on geht da­hin, dass bei ei­nem Wahl­sieg der So­zi­al­de­mo­kra­ten ei­ne all­ge­mei­ne Am­ne­stie für sol­che Fäl­le aus­ge­spro­chen wer­den dürf­te. Die Gä­ste be­die­nen sich ger­ne und las­sen sich noch lie­ber aus­hal­ten. Ja­strau gilt beim blitz­ge­schei­ten San­ders als Re­ne­gat, der sei­ne ein­sti­gen Idea­le ver­ra­ten ha­be und er läßt kei­ne Ge­le­gen­heit aus, ihm dies mit­zu­tei­len. Ne­ben­bei wird das »Dag­bla­det« als »Lü­gen­blatt« be­zeich­net. Jo­han­ne zeigt sich von dem Be­such nicht be­gei­stert. Sie kocht zwar für die bei­den mit, reist dann je­doch mit Oluf zu den El­tern. Ja­strau geht in die Re­dak­ti­on.

Das ist die Aus­gangs­si­tua­ti­on für Ab­sturz, des 1930 erst­mals ver­öf­fent­lich­ten Ro­mans des dä­ni­schen Schrift­stel­lers Tom Kri­sten­sen (1893–1974), den der Gug­golz-Ver­lag in ei­ner neu­en Über­set­zung von Ul­rich Son­nen­berg her­aus­ge­bracht hat. Kri­sten­sen nahm sich auf den 620 Sei­ten Zeit, viel Zeit. Mit gro­ßer Be­hut­sam­keit wird der Le­ser in die Cha­rak­ter­rol­len, Freund- wie Feind­schaf­ten, Rän­ke­spie­le und Ge­heim­nis­se von Jour­na­li­sten und Ko­pen­ha­ge­ner Kul­tur­schicke­ria her­an­ge­führt. Da ist die »Rat­ten­wa­che« zum Bei­spiel, in der nach Fei­er­abend Re­dak­teu­re die Pa­pier­kör­be ih­rer Kol­le­gen aus­lee­ren, zer­ris­se­ne Zet­tel zu­sam­men­set­zen und auf die­se Art zu­erst an In­for­ma­tio­nen über bri­san­te Re­cher­chen kom­men oder Pri­va­tes von ih­ren Kol­le­gen er­fah­ren. Die äl­te­ren Re­dak­teu­re le­ben häu­fig in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen, sind des­il­lu­sio­niert, dem Al­ko­hol ver­fal­len. Ihr Stamm­lo­kal ist die »Bar des Ar­ti­stes« nebst an­lie­gen­dem Ho­tel, ein Kos­mos, der hin­ter ei­ner schwe­ren, dunk­len Por­tie­re ei­ne an­de­re Welt of­fen­bart, in der die gül­ti­gen Hier­ar­chien und Wert­vor­stel­lun­gen au­ßer Kraft ge­setzt sind. Hier sit­zen nur Män­ner, ei­ni­ge von ih­nen tag­aus, nacht­ein.

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Jo­seph Roth: Ra­detz­ky­marsch

Ich weiß nicht, wann ich Ra­detz­ky­marsch von Jo­seph Roth das er­ste Mal ge­le­sen ha­be. Es war si­cher­lich ein Bi­blio­theks­exem­plar. Nun al­so, nach vie­len Jah­ren, wie­der (nach die­ser Ver­si­on). Wie so oft er­kann­te man Pas­sa­gen, an­de­re wie­der­um wa­ren ei­nem gänz­lich ent­fal­len. Wie wür­de man die Ge­ne­ra­tio­nen­ge­schich­te der Trot­tas heu­te le­sen und be­ur­tei­len, wenn nicht Jo­seph Roth der Au­tor wä­re? Hat die­ses Buch, um ei­ne (lei­der schein­bar) un­um­gäng­li­che Vo­ka­bel zu ver­wen­den, heu­te noch »Be­stand«? Im­mer wie­der wird es re­fe­ren­ziert. In­zwi­schen gilt fast als ein Do­ku­ment für die Un­aus­weich­lich­keit des Un­ter­gangs der Habs­bur­ger Mon­ar­chie.

Ra­detz­ky­marsch um­fasst drei Ge­ne­ra­tio­nen. Es be­ginnt 1849, als Leut­nant Jo­seph Trot­ta in ei­ner gei­stes­ge­gen­wär­ti­gen Ak­ti­on dem Kai­ser Franz Jo­seph I nach der Schlacht von Sol­fe­ri­no das Le­ben ret­tet, in­dem er im letz­ten Mo­ment den Mon­ar­chen aus der Schuss­bahn ei­nes Sni­pers wirft und da­bei sel­ber an der Schul­ter ver­wun­det wird. Der Kai­ser lässt sich nicht lum­pen, er­hebt sei­nen Le­bens­ret­ter in den Adels­stand (»Frei­herr von Si­pol­je«), be­för­dert ihn zum Haupt­mann und wird spä­ter mit ei­nem üp­pi­gen Bei­trag die Aus­bil­dung von Jo­sephs Sohn fi­nan­zie­ren (was der Ret­ter, wie es heißt, »miß­mu­tig ent­ge­gen« nahm).

Der Grund für den Miss­mut: Er fin­det ei­nes Ta­ges im Schul­buch sei­nes fünf­jäh­ri­gen Soh­nes Franz ei­ne Dar­stel­lung des Ge­sche­hens der Ret­tungs­ak­ti­on, die nicht den Tat­sa­chen ent­spricht. Zwar wird er dort na­ment­lich als Ret­ter er­wähnt, aber den Kai­ser stellt man als he­roi­schen Teil­neh­mer ei­nes Ge­fechts dar. Jo­seph von Trot­ta ist ent­setzt, be­schwert sich bei sei­nem Vor­ge­setz­ten, schreibt ei­nen Brief an das Un­ter­richts­mi­ni­ste­ri­um und als bei­des ver­pufft so­gar an den Kai­ser. Die Ant­wort ist im­mer die glei­che: Man soll doch bit­te die Sa­che nicht so ernst neh­men. In Kin­der­bü­chern wür­de nun mal ver­ein­facht; spä­ter er­folg­ten schon noch Kor­rek­tu­ren. Was na­tür­lich – das wuss­te Jo­seph – nie pas­siert.

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Na­tal­ja Kljut­schar­jo­wa: Ta­ge­buch vom En­de der Welt

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt

Na­tal­ja Kljut­schar­jo­wa:
Ta­ge­buch vom En­de der Welt

Na­tal­ja Kljut­schar­jo­wa ist 41 Jah­re alt, schreibt Ge­dich­te, Thea­ter­stücke, or­ga­ni­siert Per­for­man­ces und gibt Li­te­ra­tur­work­shops. Sie hat zwei Kin­der und lebt in Ja­ros­lawl, ei­ner mehr als tau­send Jah­re al­ten Stadt, 300 km von Mos­kau ent­fernt. Auf dem Bild im so­eben von ihr er­schie­ne­nen Ta­ge­buch vom En­de der Welt sieht man ei­ne nach­denk­lich schau­en­de Frau mit Hoo­die und Le­der­jacke. Nach der Lek­tü­re die­ses von Gan­na-Ma­ria Braun­gardt über­setz­ten Bu­ches von noch nicht ein­mal zwei­hun­dert Sei­ten schwankt man zwi­schen Be­wun­de­rung vor und Angst um die­se Au­torin.

Denn die­se nimmt in ih­rem im Fe­bru­ar 2022 be­gon­ne­nen und ein Jahr spä­ter ab­ge­schlos­se­nen ta­ge­buch­ähn­li­chen No­ti­zen, Be­ob­ach­tun­gen, Er­zäh­lun­gen und selbst­ver­fass­ten Ge­dich­ten kei­ne Rück­sich­ten, am we­nig­sten, wie es scheint, auf sich sel­ber. Die er­ste, die ihr vom Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne Mit­tei­lung macht ist Li­sa, die Deutsch­leh­re­rin. Kljut­schar­jo­wa kann das zu­nächst nicht glau­ben, ist schockiert. Und so­fort sieht sie sich in ei­ne Recht­fer­ti­gungs­si­tua­ti­on ge­drängt: »Ich bin nicht schuld an dem, was ge­schieht. Ich ha­be die­sen Prä­si­den­ten nicht ge­wählt. […] Ich bin nicht schuld dar­an, dass ich nicht im Ge­fäng­nis sit­ze. Ich bin nicht schuld dar­an, dass ich nicht ins Ge­fäng­nis will. Ich bin nicht schuld dran, dass ich zwei Kin­der ha­be, die al­lein wä­ren, soll­te ich bei ei­ner nicht ge­neh­mig­ten Kund­ge­bung ver­haf­tet wer­den…«

Die­ses von Scham und Dul­dungs­schuld ge­tra­ge­ne Be­kennt­nis wird sie über den ge­sam­ten Zeit­raum im­mer wie­der neu de­fi­nie­ren. Aber sie will auch nicht schwei­gen, will vor sich sel­ber be­stehen, nicht Teil die­ser rus­si­schen Po­li­tik und die­ser le­thar­gi­schen Ge­sell­schaft sein. Mo­na­te spä­ter – man hat sich not­dürf­tig ein­ge­rich­tet mit der Si­tua­ti­on – fragt sie, ob man mit spo­ra­disch or­ga­ni­sier­ten Auf­trit­ten oder Le­sun­gen nicht in Wirk­lich­keit das Sy­stem, »das Bö­se«, stüt­ze, die Il­lu­si­on der Nor­ma­li­tät auf­recht er­hal­te. »Oder wi­der­set­zen wir uns im Ge­gen­teil dem Bö­sen. Zum Bei­spiel, in­dem wir Men­schen ei­ne Atem­pau­se ge­wäh­ren, sie für an­dert­halb Stun­den aus der De­pres­si­on ho­len […], sie dar­an er­in­nern, dass es im Le­ben noch et­was an­de­res gibt als die­se schreck­li­chen Nach­rich­ten, dass es grö­ßer und wei­ter ist als die­ser end­lo­se Alb­traum, und dass es dar­um Hoff­nung gibt, dass er doch nicht end­los wä­ren wird?«

Die Über­le­gung ist nicht neu; sie er­gab sich bei­spiels­wei­se auch in Deutsch­land nach dem Krieg, als Schau­spie­ler und Fil­me­ma­cher der UFA-Zeit (zu­meist vor­sich­tig) be­fragt wur­den, wie sie gu­ten Ge­wis­sens im »Drit­ten Reich« all die­se Fil­me, dar­un­ter wenn nicht Pro­pa­gan­da- so doch Durch­hal­te­fil­me dre­hen konn­ten. Auch sie spra­chen vom Ab­len­ken, von Atem­pau­sen, von »Un­ter­hal­tung«. Aber der Ver­gleich hinkt, hier ist es an­ders, denn Kljut­schar­jo­wa und ih­re Freun­de wol­len nicht ei­ne Mas­se nar­ko­ti­sie­ren – die er­rei­chen sie gar nicht und wenn dies so wä­re, dann wür­den sie vor­her ver­haf­tet -, sie wol­len der Bar­ba­rei die Kunst ge­gen­über­stel­len.

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»Neh­men und Le­sen«

Ludwig Hohl: Die seltsame Wendung

Lud­wig Hohl: Die selt­sa­me Wen­dung

Aus An­lass des 120. Ge­burts­tags von Lud­wig Hohl im näch­sten Jahr ver­öf­fent­licht der Suhr­kamp-Ver­lag un­ter Ku­ra­tie­rung der Lud­wig-Hohl-Stif­tung im Rah­men der Bi­blio­thek Suhr­kamp-Rei­he gleich fünf Tex­te in vier Bü­chern des 1980 ver­stor­be­nen Schwei­zer So­li­tärs. Vier da­von sind bis­her un­ver­öf­fent­lich­te Wer­ke; ei­ner er­schien 1949 vom Dich­ter im Selbst­ver­lag. Wäh­rend Die selt­sa­me Wen­dung als No­vel­le be­zeich­net wur­de, nann­te Hohl die an­de­ren vier »Be­richt«. Die For­schung ru­bri­ziert die fünf Tex­te, ent­stan­den zwi­schen 1929 und 1949, als »ge­schlos­se­ne Grup­pe«.

Lud­wig Hohl, 1904 ge­bo­ren, war, wie Pe­ter Bich­sel ein­mal sag­te, ein Schrift­stel­ler, der das Pech hat­te, zeit sei­nes Le­bens »Ge­heim­tip« zu sein. Der Va­ter war Pfar­rer, die Mut­ter ei­ne Toch­ter ei­nes Pa­pier­fa­bri­kan­ten. Im Ok­to­ber 1924 ver­ließ Hohl mit sei­ner da­ma­li­gen Freun­din fast flucht­ar­tig die als eng emp­fun­de­ne Welt des groß­bür­ger­li­chen El­tern­hau­ses und zog nach Pa­ris. Er leg­te den Vor­na­men Ar­nold – es war der sei­nes Va­ters ab – und nann­te sich fort­an »Lud­wig«. Der jun­ge Hohl ver­stand sich als Künst­ler. Kurz zu­vor wa­ren ei­ni­ge Ge­dich­te von ihm pu­bli­ziert wor­den. Nun al­so in der Me­tro­po­le der Kunst, in Pa­ris, in der Nä­he des Mont­par­nas­se. Aber Hohl fass­te schwer Fuß. Von den El­tern gab es nur un­re­gel­mä­ßig Zu­wen­dun­gen; den Le­bens­un­ter­halt ver­dien­te an­fangs die Freun­din. Er streif­te mit sei­nem No­tiz­buch durch die Bars und Ca­fés und rasch krei­ste auch die Fla­sche.

Er­folg­lo­sig­keit, Al­ko­hol, die Tren­nung von der Freun­din – in die­sem Kli­ma ent­stand Die selt­sa­me Wen­dung im Jahr 1929. Der bio­gra­phi­sche Kon­text ist deut­lich, auch wenn hier, an­ders als in den Be­rich­ten nicht in der Ich-Form, son­dern per­so­nal er­zählt wird. Haupt­fi­gur ist ein na­men­los blei­ben­den Ma­ler, der sich »im Mont­par­nas­se« nie­der­lässt. Zu­nächst wohnt er in ei­nem Ho­tel, be­kommt von ei­nem Ver­wal­ter re­gel­mä­ßig Geld zu­ge­schickt, wel­ches für ei­ne be­stimm­te Zeit rei­chen soll. Spä­ter passt er den Geld­fluss sei­nen bis­wei­len ex­zes­siv aus­ge­leb­ten Be­dürf­nis­sen an, bis schließ­lich nichts mehr vor­han­den ist.

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Pe­ter Slo­ter­di­jk: Zei­len und Ta­ge III

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage III

Pe­ter Slo­ter­di­jk: Zei­len und Ta­ge III

Seit je­her haf­tet Ta­ge- bzw. No­tiz­buch­schrei­bern ein ge­wis­ser Stoi­zis­mus an: Un­ab­hän­gig von al­len Welt­läu­fen und pri­va­ten Um­ge­bungs­ge­räu­schen set­zen sie sich re­gel­mä­ßig an ei­nen Tisch, um zu schrei­ben, zu re­flek­tie­ren, zu kom­men­tie­ren. Frü­her wur­den Ta­ge- bzw. No­tiz­bü­cher pro­mi­nen­ter Au­toren zu­meist erst nach de­ren Ab­le­ben pu­bli­ziert. So ver­mied man vor al­lem un­an­ge­neh­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Zeit­ge­nos­sen. Ein Man­ko war, dass Nach­lass­ver­wal­ter je nach Gu­sto Än­de­run­gen oder Aus­las­sun­gen vor­neh­men konn­ten, die nur sel­ten öf­fent­lich wur­den. In der letz­ten Zeit hat sich die­se Zu­rück­hal­tung er­freu­li­cher­wei­se ge­än­dert. Zum ei­nen, weil durch ei­ne Ver­öf­fent­li­chung zu Leb­zei­ten der Ver­fas­ser die Kon­trol­le über das Ver­öf­fent­lich­te (und da­mit auch das Ver­schwie­ge­ne) be­hält; in­ti­me oder pi­kan­te Stel­len kön­nen non­cha­lant aus­ge­blen­det wer­den. Dass ein For­scher spä­ter hier­nach sucht, kann für sehr lan­ge Zeit aus­ge­schlos­sen wer­den. Der an­de­re Grund liegt dar­in, dass man los­ge­löst von al­len (vor al­lem li­te­ra­ri­schen) Kon­ven­tio­nen schrei­ben kann. In­wie­fern dann spä­ter, vor ei­ner Ver­öf­fent­li­chung, wie­der ein Kor­sett aus Rück­sich­ten und stra­te­gi­schen Be­rech­nun­gen an­ge­legt wer­den muss, steht auf ei­nem an­de­ren Blatt.

»Pol­len­flug der The­men«

Viel­leicht be­ginnt Pe­ter Slo­ter­di­jk aus die­sem Grund Zei­len und Ta­ge III, sei­nen drit­ten Band mit No­tiz­buch­ein­tra­gun­gen von 2013 bis 2016, mit ei­nem klei­nen Vor­wort. Da­bei wischt er über­zeu­gend even­tu­ell im Vor­feld auf­kom­men­de Ein­wän­de weg. Man er­fährt von der »Tu­gend des Weg­las­sens« und das da­mit rund zwei Drit­tel des ver­füg­ba­ren Ma­te­ri­als ge­meint ist. Nach­träg­li­che Ein­fü­gun­gen sei­en »ge­le­gent­lich« er­folgt, aber nur »um dem da­mals knapp No­tier­ten durch zu­sätz­li­ches Vo­lu­men bes­ser ge­recht zu wer­den.« Auch die Ge­fahr des Po­sie­rens wird kurz ge­streift, um dann ab­schlä­gig be­schie­den zu wer­den. Per­sön­lich wird Slo­ter­di­jk, wenn er auf den Tod des gu­ten Freun­des Re­né Gu­de vom 13.3.2015 hin­weist. Man kann in den ent­spre­chen­den Stel­len die­ses Ban­des die be­son­de­re An­teil­nah­me und Be­wun­de­rung Slo­ter­di­jks für sei­nen Freund le­sen.

Nach Zei­len und Ta­ge (er­schie­nen 2012 mit No­ti­zen der Jah­re 2008 bis 2011) und Neue Zei­len und Ta­ge (2018; 2011 bis 2013) nun al­so die »Fort­set­zung«. Zu Be­ginn der Auf­zeich­nun­gen ist Slo­ter­di­jk 66 Jah­re alt. Es ist auch ei­ne Zeit des ab­seh­ba­ren be­ruf­li­chen Ab­schieds. Man be­merkt da­von zu­nächst re­la­tiv we­nig, denn das Vo­lu­men sei­ner (welt­weit nach­ge­frag­ten) Vor­trä­ge, Kon­fe­ren­zen, Sym­po­si­en und Gast­do­zen­tu­ren äh­nelt de­nen der bei­den vor­an­ge­gan­gen Bän­de. Erst im Lau­fe der Zeit wird der Ab­schied als Rek­tor der Hoch­schu­le für Ge­stal­tung greif­ba­rer.

Der drit­te Band bie­tet, so Slo­ter­di­jk, ein »Pol­len­flug der The­men«. Es gibt nicht nur Ein­blick in Slo­ter­di­jks Wir­ken, sei­ne mit­un­ter pri­va­ten, fast in­ti­men Ge­ständ­nis­se, son­dern ver­schafft lau­ter klei­ne Dé­jà-vus wie die der Staats­fi­nanz­kri­se von Grie­chen­land, der Be­set­zung der Krim nebst De­sta­bi­li­sie­rung der Ost­ukrai­ne durch Russ­land, der Flücht­lings­kri­se, dem Auf­kom­men des »Is­la­mi­schen Staa­tes«, Ter­ror­an­schlä­gen in Frank­reich, Brexit und Trump. Es be­ginnt wie der zwei­te en­de­te und man wird wie in ei­nem Ka­ta­pult in ei­ne ge­fühlt lan­ge ver­gan­ge­ne Zeit zu­rück­ge­schos­sen. So­eben hat­te Peer Stein­brück die Bun­des­tags­wahl 2013 ge­gen An­ge­la Mer­kel ver­lo­ren. Die »Le­thar­go­kra­tie« (P. S.) der Ära Mer­kel fin­det ih­re Fort­set­zung. Der Au­tor bleibt freund­lich re­ser­viert ob die­ser Kon­stel­la­ti­on.

Den voll­stän­di­gen Text »Ein ›Pol­len­flug der The­men‹« bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.