Pe­ter Ste­phan Jungk: Markt­ge­flü­ster

Peter Stephan Jungk: Marktgeflüster

Pe­ter Ste­phan Jungk: Markt­ge­flü­ster

»Ei­ne ver­bor­ge­ne Hei­mat in Pa­ris« – so lau­tet der Un­ter­ti­tel von Pe­ter Ste­phan Jungks neue­stem Buch »Markt­ge­flü­ster«. Es sind 27 Ka­pi­tel, ver­wo­ben zu ei­nem au­to­fik­tio­na­len Text (die Be­zeich­nung »Ro­man« fehlt), denn der Ich-Er­zäh­ler ist deut­lich er­kenn­bar als der Au­tor (auch, wenn man si­cher künst­le­ri­sche Frei­hei­ten at­te­stie­ren muss). Zoe, die Frau sei­nes Le­bens, nach der er nach ei­ner kur­zen, in­ten­si­ven Zeit jah­re­lang quer über den Glo­bus rei­send sucht, dürf­te Zü­ge von Lil­li­an Birn­baum tra­gen, Jungks Ehe­frau.

Des Er­zäh­lers Sehn­suchts- und Hei­mat­ort ist der »Mar­ché d’A­lig­re«, ein Le­bens­mit­tel­markt im 12. Ar­ron­dis­se­ment von Pa­ris oder, wie es mehr­fach heißt, im »Dorf« Alig­re. Hier ist er Mensch, hier darf er’s sein, hier kennt er (fast) je­den Händ­ler, wie Ham­za, der die sü­ße­sten, saf­tig­sten und teu­er­sten Man­gos ver­kauft und der den Er­zäh­ler für ei­nen Moss­a­da­gen­ten hält, was bei­de nicht da­von ab­hält, sich zu ver­ste­hen. Da gibt es Grape­fruits bei Bo­hu­mil, »An­ge­stell­ter sei­ner un­char­man­ten is­rae­li­schen Ehe­frau«, Sa­men für Gar­ten- oder Bal­kon­ge­mü­se von Alex (ei­nem Schür­zen­jä­ger) und sei­ner chi­ne­si­schen Frau Min. Man lernt Ma­de­lai­ne, die Kaf­fee­frau mit ih­ren zahl­rei­chen Ver­eh­rern ken­nen und Ab­del, den Ge­mü­se­händ­ler, der ein recht simp­les Bild von Frau­en hat, Ro­main, der Metz­ger, Se­ñor Pe­dro aus Se­vil­la, ei­ne Art »Tor­wäch­ter«, die 90jährige Syl­vie, ei­ne Seis­mo­gra­phin un­ge­lieb­ter Ver­än­de­run­gen, Tha­lia, ei­ne nim­mer­mü­de Er­fin­de­rin, Al­bert, Flug­zeug­mo­dell­bau­er und Frei­mau­rer, der im­mer­fröh­li­che 82jährige Mahmoud, der acht­und­drei­ßi­ge­inhalb Jah­re nicht mehr in sei­ner Hei­mat Tu­ne­si­en war, Jack, der Nach­rich­ten­jun­kie und vie­le an­de­re mehr.

Den gan­zen Bei­trag »Ma­gi­scher Mi­kro­kos­mos« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Sah­ra Wa­gen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten

Sah­ra Wa­gen­knecht:
Die Selbst­ge­rech­ten

Sah­ra Wa­gen­knecht ge­hört in Deutsch­land zwar zu den be­kann­te­sten Po­li­ti­kern der Par­tei Die Lin­ke (hier im wei­te­ren »Links­par­tei« ge­nannt, um die­se von der all­ge­mein­po­li­ti­schen Rich­tung »Lin­ke« ab­zu­gren­zen), aber ist auch ein Bei­spiel da­für, dass Be­kannt­heit, über­par­tei­li­che Be­liebt­heit und Re­spekt nicht au­to­ma­tisch mit Ein­fluss in der je­wei­li­gen Par­tei ver­bun­den ist. Man spricht dann schnell von je­man­den, der »in der fal­schen Par­tei« sei.

Man kann Wa­gen­knecht vie­les vor­wer­fen, aber Angst vor Kon­flik­ten ge­hört nicht da­zu. Trotz ih­rer Ent­mach­tung nebst Ab­lö­sung als Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Links­par­tei im Bun­des­tag 2019 und dem mehr oder we­ni­ger sicht­ba­ren Schei­tern ei­ner au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen, lin­ken Samm­lungs­be­we­gung »auf­ste­hen« wagt sie sich im­mer wie­der ins Ge­tüm­mel. So wur­de sie un­längst zur Spit­zen­kan­di­da­tin der Links­par­tei in NRW ge­wählt, was da­hin­ge­hend in­ter­es­sant ist, weil Wa­gen­knecht ei­gent­lich nichts mit die­sem Bun­des­land zu tun hat. Was sie nicht da­von ab­hält, im Wahl­kreis Düs­sel­dorf II an­zu­tre­ten.

Zum in­ner­par­tei­li­chen Streit­fall wur­de die Kan­di­da­tur un­ter an­de­rem durch die Pu­bli­ka­ti­on ih­res neue­sten Bu­ches »Die Selbst­ge­rech­ten«, in dem Wa­gen­knecht fu­ri­os mit dem so­ge­nann­ten »Links­li­be­ra­lis­mus« ins Ge­richt geht, für den sie bis­wei­len den leicht de­spek­tier­li­chen, aber grif­fi­gen Be­griff »Life­style-Lin­ke« ver­wen­det.

Al­len Be­kennt­nis­sen zum Trotz ist »Die Selbst­ge­rech­ten« bis­wei­len durch­aus auch ei­ne Ab­rech­nung. Da­bei ist es kein Zu­fall, dass es star­ke Über­ein­stim­mun­gen mit Bernd Ste­ge­manns »Die Öf­fent­lich­keit und ih­re Fein­de« gibt – war doch Ste­ge­mann Mit­grün­der und im Vor­stand von »auf­ste­hen«. Wa­gen­knechts Vor­ha­ben geht aber wei­ter. Zwar kri­ti­siert sie zu­nächst auf rund 200 Sei­ten die so­ge­nann­te »lin­ke« Iden­ti­täts­po­li­tik, aber an­schlie­ßend fol­gen auf rund 140 Sei­ten Po­si­tio­nie­run­gen für ei­ne neue, zeit­ge­mä­sse »lin­ke« Po­li­tik, die die­sen Na­men ver­die­nen soll.

Ent­frem­de­te Life­style-Lin­ke

Im Fo­kus von Wa­gen­knechts Kri­tik steht der »Links­li­be­ra­lis­mus«. Da­mit meint sie aus­drück­lich nicht die so­zi­al­li­be­ra­le Po­li­tik­rich­tung der Re­gie­run­gen zwi­schen 1969 und 1982: »Wenn in die­sem Buch von Links­li­be­ra­lis­mus die Re­de ist, ist der Be­griff im­mer im mo­der­nen Ver­ständ­nis als Be­zeich­nung für die Welt­sicht der Life­style-Lin­ken ge­meint und nie in dem frü­he­ren Wort­sinn.« Die­se Un­ter­schei­dung sei wich­tig weil bei­de Denk­rich­tun­gen nichts mit­ein­an­der zu tun hät­ten. Den Be­griff ver­wen­de sie trotz­dem, weil er sich eta­bliert ha­be. Da­mit ver­fährt sie ähn­lich wie in ih­rem Buch »Frei­heit statt Ka­pi­ta­lis­mus« von 2011, in dem »Neo­li­be­ra­lis­mus« eben­falls in der zeit­ge­nös­si­schen Kon­no­ta­ti­on (vul­go: de­re­gu­lier­tes Wirt­schafts­sy­stem) ver­wen­det wird und nicht im Sin­ne der ordo-li­be­ra­len Ent­wür­fe von Eu­cken und Mül­ler-Arm­ack (ob­wohl sie die­se er­wähnt).

Die vor­ge­brach­te Dia­gno­se ist bei­lei­be nicht neu: Sich links wäh­nen­de Ak­ti­vi­sten, mehr­heit­lich aka­de­misch aus­ge­bil­det, so­li­de Mit­tel- bis Ober­schicht, groß­städ­tisch, »welt­of­fen und selbst­ver­ständ­lich für Eu­ro­pa, auch wenn je­der un­ter die­sen Schlag­wor­ten et­was an­de­res ver­ste­hen mag«, be­sorgt ums Kli­ma, setzt sich für »Eman­zi­pa­ti­on, Zu­wan­de­rung und se­xu­el­le Min­der­hei­ten ein«. Sie usur­pie­ren den Dis­kurs in­ner­halb der po­li­ti­schen Lin­ken. Der Na­tio­nal­staat ist die­sen »Life­style-Lin­ken« ein Aus­lauf­mo­dell: Man schätzt »Au­to­no­mie und Selbst­ver­wirk­li­chung mehr als Tra­di­ti­on und Ge­mein­schaft. Über­kom­me­ne Wer­te wie Lei­stung, Fleiß und An­stren­gung fin­det [man] un­cool.«

Wa­gen­knecht kon­sta­tiert ei­ne Ent­frem­dung der Lin­ken mit ih­ren po­ten­ti­el­len Wäh­lern: »Frü­her ge­hör­te es zum lin­ken Selbst­ver­ständ­nis, sich in er­ster Li­nie für die we­ni­ger Be­gün­stig­ten ein­zu­set­zen, für Men­schen oh­ne ho­he Bil­dungs­ab­schlüs­se und oh­ne res­sour­cen­star­kes fa­mi­liä­res Hin­ter­land. Heu­te steht das La­bel links meist für ei­ne Po­li­tik, die sich für die Be­lan­ge der aka­de­mi­schen Mit­tel­schicht en­ga­giert und die von die­ser Schicht ge­stal­tet und ge­tra­gen wird.«

Ge­meint ist der bis­wei­len ver­bit­ter­te, in Uni­ver­si­tä­ten aber auch so­zia­len Netz­wer­ken bis hin­ein in die Pu­bli­zi­stik ge­führ­te Kampf für Sprach- und Sprech­ge- bzw. ver­bo­te, vor al­lem je­doch ge­gen ver­meint­li­chen Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­run­gen von Min­der­hei­ten. Er will al­ler­dings, so Wa­gen­knecht, kei­ne recht­li­che Gleich­heit, son­dern ufert aus in »Quo­ten und Di­ver­si­ty, al­so für die un­glei­che Be­hand­lung un­ter­schied­li­cher Grup­pen.« Die Fol­ge: »Der iden­ti­täts­po­li­ti­sche Links­li­be­ra­lis­mus, der die Men­schen da­zu an­hält, ih­re Iden­ti­tät an­hand von Ab­stam­mung, Haut­far­be, Ge­schlecht oder se­xu­el­len Nei­gun­gen zu de­fi­nie­ren, […] spal­tet […] da, wo Zu­sam­men­halt drin­gend not­wen­dig wä­re. Er tut das, in­dem er an­geb­li­che Min­der­hei­ten­in­ter­es­sen fort­lau­fend in Ge­gen­satz zu de­nen der Mehr­heit bringt und An­ge­hö­ri­ge von Min­der­hei­ten da­zu an­hält, sich von der Mehr­heit zu se­pa­rie­ren und un­ter sich zu blei­ben. Nach­voll­zieh­ba­rer­wei­se führt das bei der Mehr­heit ir­gend­wann zu dem Ge­fühl, die ei­ge­nen In­ter­es­sen ih­rer­seits ge­gen die der Min­der­hei­ten be­haup­ten zu müs­sen.« (Her­vor­he­bun­gen S. W.)

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Bea­trix Lang­ner: Der Vor­hang

Beatrix Langner: Der Vorhang

Bea­trix Lang­ner: Der Vor­hang

Ei­gent­lich sind es vier Er­zäh­lun­gen, die die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Bea­trix Lang­ner in ih­rem 190 Sei­ten-Ro­man »Der Vor­hang« in­ein­an­der ver­wo­ben hat. Zum ei­nen, je­weils in Kur­siv­schrift, zu Be­ginn ei­nes je­den der 27 Ka­pi­tel, ein wild-par­odi­sti­scher Zei­ten­ritt der er­sten Men­schin (wahl­wei­se auch Be­he­mots Toch­ter oder »ein Am­phib«) durch die Erd­ge­schich­te, über »kä­no­zoi­sche Ufer« mit »ju­ras­si­schem Sand« in »vor­ter­tiä­rem Un­ter­grund«, ei­nem »wie ei­ne Glocke« schwin­gen­den Erd­man­tel und dann fest­stel­len, dass es am »di­lu­via­ni­schen Ho­ri­zont« hell wird. Da jet­tet je­mand 2496 Mil­li­ar­den Jah­re (un­ter Be­rück­sich­ti­gung ei­ner von der Er­zäh­le­rin eher lang­wei­lig emp­fun­de­nen Epi­so­de von ei­ner Mil­li­ar­de Jah­ren) mit ei­nem – wie soll­te es an­ders sein – apo­ka­lyp­ti­schen Fi­na­le mit »rol­len­den Feu­er­ne­stern«. In­spi­riert wer­den die­se Phan­tas­ma­go­rien durch die Rie­sen­bag­ger, die seit Jahr­zehn­ten in der Köl­ner Bucht die Land­schaft um­frä­sen und von der Er­zäh­le­rin in ei­ner Mi­schung aus Ab­scheu und Fas­zi­na­ti­on be­trach­tet wer­den. Dör­fer wer­den um­ge­sie­delt, Men­schen ih­rer Hei­mat be­raubt (bis­wei­len so­gar ent­eig­net), nur (nur?) um Braun­koh­le zu för­dern, die, wie sich jetzt ei­ni­ger­ma­ßen über­ra­schend her­aus­stellt, für den dro­hen­den Kli­ma­wan­del nicht so gün­stig zu sein scheint.

Und dann gibt es noch die Ich-Er­zäh­le­rin, die aus ih­rer Kind­heit er­zählt, aus ei­ner Stadt, die, war­um auch im­mer, mit »E.« ab­ge­kürzt wird, ob­wohl man nach Se­kun­den er­ken­nen kann, dass es wohl doch Er­kel­enz ist. Die­se Kind­heits­er­in­ne­run­gen wie­der­um wer­den aus­ge­löst durch die Be­treu­ung, spä­ter Pfle­ge der durch ei­nen Schlag­an­fall und/oder De­menz ge­zeich­ne­ten Mut­ter, Jahr­gang 1924, de­ren jah­re­lan­ger Ver­fall bis hin zu Win­del­ho­sen und Bett­un­ter­la­gen in mit­leid­lo­sem Zorn er­zählt wird. Da die Mut­ter auf die zahl­rei­chen Fra­gen nicht mehr ant­wor­ten kann (oder will), über­nimmt die Toch­ter die Re­kon­struk­ti­on ih­res Le­bens gleich selbst, lässt, wie es ein­mal heißt, die Zeit rück­wärts lau­fen, füllt Leer­stel­len aus, ima­gi­niert Er­eig­nis­se, die sie nicht er­lebt hat, nicht er­lebt ha­ben kann und setzt dem (ge­woll­ten?) Ver­ges­sen das Fa­bu­lie­ren ent­ge­gen. Wei­ter­le­sen

Ul­rich Pelt­zer: Das bist du

Ulrich Peltzer: Das bist du

Ul­rich Pelt­zer: Das bist du

Der na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­ler in Ul­rich Pelt­zers neu­em Ro­man »Das bist du« er­in­nert sich schrei­bend an sei­ne Zeit als Stu­dent An­fang der 1980er Jah­re in West-Ber­lin. Vie­les spricht da­für, dass der An­lass ein Stadt­be­such ist. Was hat sich ver­än­dert? Was ist aus den Freun­den, Be­kann­ten ge­wor­den? Wo hat er frü­her ge­wohnt? Gibt es noch das Wohn­heim mit Por­tier für sat­te 250 Mark (im­mer­hin al­le zwei Wo­che fri­sche Bett­wä­sche und Hand­tü­cher)? Was ist mit der Bu­de da­nach, in Wil­mers­dorf, »In­nen­klo, Ofen­hei­zung, Hinterhaus«,108 Mark. Nichts mehr auf­find­bar.

Die Prot­ago­ni­sten des Ro­mans hei­ßen un­ter an­de­rem Hart­wig, Paul, Gun­ther, An­ke, Nils, Bert­hold, Ed­die oder Va­lé­rie. Stu­den­ten, Stu­di­en­ab­bre­cher, Per­so­nen, die in ei­ner Stadt le­ben woll­ten, »die noch nicht leer ge­träumt war« (und, was nicht er­wähnt wird, die ei­nem den Wehr­dienst er­spar­te). Sie sind in den 1950er Jah­re ge­bo­ren (der Er­zäh­ler 1957). Wäh­rend die 68er be­gon­nen hat­ten, ih­ren Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen an­zu­tre­ten, bil­de­ten sie die Nach­hut. Man wuss­te: »Der Mensch ist das En­sem­ble der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se«, nann­te sich »Ge­nos­se«. Es gab ei­nen »De­le­gier­ten­rat«. Ar­beit am »Um­sturz der Ver­hält­nis­se«. Er­staun­lich da­bei, wie un­po­li­tisch man der Ta­ges­po­li­tik ge­gen­über stand.

Es kam dar­auf an, das Rich­ti­ge zu le­sen. Hier lag schon früh der Zwie­spalt des Er­zäh­lers. »Dass ein neu­es Wort ei­ne neue Welt be­deu­ten kann, und nicht nur be­deu­ten, dar­an glaub­ten wir fest.« Er mein­te es eher li­te­ra­risch, sei­ne Freun­de ge­sell­schafts­po­li­tisch. Sei­ne Ido­le hie­ßen Rolf-Die­ter Brink­mann, Pe­ter Hand­ke oder Cesa­re Pave­se. Es war die Zeit, als das Le­sen noch ge­hol­fen hat­te.

Den gan­zen Bei­trag »Die pro­gram­ma­ti­sche Es­senz ei­nes Le­bens« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Wenn Wi­der­stand Pflicht wür­de

Mei­ne letz­te Äu­ße­run­gen auf die­ser Sei­te zur Ta­ges­ak­tua­li­tät der Pan­de­mie liegt jetzt mehr als ein Jahr zu­rück. Da­mals ver­fiel ich kurz der Ge­fahr, mich in täg­li­chen Be­find­lich­kei­ten aus­zu­las­sen, die am En­de noch we­ni­ger als mei­ne Buch­be­spre­chun­gen von In­ter­es­se ge­we­sen wä­ren. Die­se schrei­be ich ja ei­gent­lich nur, um mich sel­ber mei­ner Lek­tü­re zu ver­ge­wis­sern; die Pu­bli­ka­ti­on hat eher dis­zi­pli­na­ri­sche Funk­ti­on.

Seit Ja­nu­ar 2020 le­be ich nun in Augs­burg und rück­blickend be­trach­tet, war es – streng ge­nom­men – nur rund ei­ne Wo­che »Nor­ma­li­tät«. Denn nach ei­ner Wo­che tauch­te der er­ste Fall der neu­en Vi­rus-Er­kran­kung »Co­ro­na« in Deutsch­land auf. Und zwar in Augs­burg. Da­mals lach­ten wir noch.

Sechs, sie­ben Wo­chen spä­ter dann der »Lock­down«. Ich ge­be zu, dass ich es zu­nächst ei­ne span­nen­de Zeit fand. Na­tür­lich bin ich pri­vi­le­giert: ich ha­be kei­ne Kin­der, die ich be­schäf­ti­gen muss, kei­nen Ar­beits­platz, den ich er­rei­chen soll­te und auch sonst kei­ner­lei Ver­pflich­tun­gen. Ein biss­chen war es ein Aus­flug in ei­ne fast un­be­schwer­te Kind­heit. Man blieb zu Hau­se (was ich im­mer am lieb­sten tat). Vor­über­ge­hend stell­te man per­sön­li­che Kon­tak­te ein bzw. re­du­zier­te sie auf ein Min­dest­maß. Ostern 2020 hieß es plötz­lich, dass man Mas­ken tra­gen soll­te, was mir von Be­ginn an schon merk­wür­dig vor­kam, es nicht ein­mal er­wo­gen, son­dern so­gar, ta­ges­schau in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ge­sund­heits­mi­ni­ste­ri­um, als mehr oder we­ni­ger nutz­los dar­ge­stellt wur­de.

Wie auch im­mer, man kram­te sei­ne al­te Näh­ma­schi­ne her­vor und ba­stel­te Mas­ken (An­lei­tun­gen gab es im In­ter­net). Än­de­rungs­schnei­de­rei­en häng­ten ih­re Pro­duk­te ins Fen­ster. Bald gab es auch No­bel­mar­ken, die ih­re Krea­tio­nen im In­ter­net an­bo­ten. Ich er­griff die Ge­le­gen­heit, ein biss­chen ehe­ma­li­ge Hei­mat her­auf­zu­be­schwö­ren, und be­stell­te ei­ni­ge Mas­ken bei Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach. War­um nicht.

Die Bil­der, die ei­nem aus Ita­li­en, Spa­ni­en und ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter aus den USA er­reich­ten, er­zeug­ten Angst. Sze­na­ri­en vom Bun­des­in­nen­mi­ni­ste­ri­um, die, nach au­ßen dran­gen (si­cher­lich ei­ne kon­trol­lier­te Ak­ti­on), ver­stärk­ten die­se noch. Spä­ter wur­de be­kannt, dass es ge­ra­de­zu ein Auf­trag ge­we­sen war, die Be­dro­hun­gen mög­lichst dra­stisch dar­zu­stel­len.

Über­ra­schen­der­wei­se senk­ten sich die Zah­len rasch. Die mei­sten Ein­schrän­kun­gen des Lock­downs wur­den auf­ge­ho­ben. Der Fuß­ball roll­te wie­der – mit aus­ge­feil­ten »Hy­gie­nekon­zep­ten«, ob­wohl PCR-Tests knapp wa­ren. Ge­schäf­te und die Ga­stro­no­mie konn­ten wie­der öff­nen. Auch Gren­zen zu Nach­bar­län­dern, die man über­ra­schen­der­wei­se auch schlie­ßen konn­te, öff­ne­ten wie­der. Der Som­mer konn­te be­gin­nen. Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­ni­ster ver­sprach, dass es nie mehr zu ei­nem Lock­down kom­men müss­te. Gleich­zei­tig kam je­doch be­reits re­la­tiv früh die Mel­dung auf, dass der Kar­ne­val 2021 prak­tisch aus­zu­fal­len ha­be. Das pass­te nicht.

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Mal­te Her­wig: Der gro­sse Kalanag

Malte Herwig: Der grosse Kalanag

Mal­te Her­wig: Der gro­sse Kalanag

2013 leg­te der Au­tor Mal­te Her­wig ei­ne ein­drucks­voll re­cher­chier­te Stu­die zur so­ge­nann­ten »Flak­hel­fer«- Ge­nera­ti­on vor, aus der her­vor­ging, dass et­li­che der­je­ni­gen, die man (voll­kom­men zu Recht) als die Säu­len der neu­en, de­mo­kra­ti­schen und plu­ra­li­sti­schen Bun­des­re­pu­blik be­zeich­ne­te, mit 17 oder 18 Jah­ren, al­so 1944 und auch noch 1945, Mit­glied in der NSDAP ge­wor­den wa­ren. Und dies, so das Er­geb­nis der Nach­for­schun­gen, mit ih­rem je­weils aus­drück­li­chem Wis­sen, da es kei­ne »au­to­ma­ti­schen« Par­tei­mit­glied­schaf­ten gab. Her­wig ging es da­bei nicht um die Dif­fa­mie­rung der Le­bens­lei­stung von Men­schen wie Hans-Diet­rich Gen­scher, Die­ter Hil­de­brandt, Wal­ter Jens oder Die­ter Wel­lers­hoff (um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Was ihn um­trieb war das be­haup­te­te oder wo­mög­lich im Lau­fe der Zeit tat­säch­lich ein­ge­tre­te­ne Ver­ges­sen. Selbst ein­deu­ti­ge Be­le­ge ver­moch­ten bei den mei­sten kein Ein­se­hen zu er­zeu­gen. Die Em­pö­rung der Be­wun­de­rer der Prot­ago­ni­sten ließ er nicht gel­ten. Bio­gra­fien dürf­ten nicht ge­glät­tet wer­den, sie soll­ten ge­ra­de in ih­rer Wi­der­sprüch­lich­keit ge­zeigt wer­den, um die Lei­stun­gen da­nach rich­tig be­ur­tei­len zu kön­nen.

Hat­ten sie nach 1945 über­haupt ei­ne an­de­re Wahl als das Schwei­gen? Was wä­re aus ei­nem Gün­ter Grass ge­wor­den, wenn er bei­spiels­wei­se in­ner­halb der Grup­pe 47 sei­ne Dienst­zeit in ei­ner SS-Pan­zer­di­vi­si­on frei­mü­tig zu­ge­ge­ben hät­te? Hät­te Hans-Diet­rich Gen­scher In­nen- und spä­ter Au­ßen­mi­ni­ster wer­den kön­nen, wenn sei­ne NSDAP-Mit­glied­schaft be­kannt ge­wor­den wä­re? War das En­ga­ge­ment für die neue deut­sche De­mo­kra­tie ei­ne Form der Süh­ne, ei­ne Form der Bu­ße im An­ge­sicht ei­ner le­bens­lang emp­fun­de­nen und/oder spä­ter ver­dräng­ten Scham?

Her­wig scheint fas­zi­niert zu sein von die­ser Form der Ver­wand­lungs­fä­hig­keit von Men­schen. Ei­ni­ge Jah­re spä­ter ver­ant­wor­te­te er ei­nen wun­der­ba­ren Pod­cast über die so­ge­nann­ten Hit­ler-Ta­ge­bü­cher. Der Ver­wand­lungs­künst­ler hieß dies­mal Kon­rad Ku­jau, der sich als ima­gi­nä­rer Adolf Hit­ler in ei­ne Art Rausch ge­schrie­ben hat­te. Auf­klä­re­risch woll­te die­ser Fäl­scher nicht wir­ken, son­dern nur sein Ver­mö­gen auf­bes­sern. Da­her be­trog er. Die Op­fer wa­ren zu­nächst ein gut­gläu­bi­ger Jour­na­list, der die Sto­ry sei­nes Le­bens wit­ter­te und ein paar Blatt­ma­cher. Spä­ter dann Mil­lio­nen Le­ser.

Und nun legt der Tho­mas-Mann-Ken­ner und Pe­ter-Hand­ke-Bio­graph Mal­te Her­wig ei­ne Le­bens­be­schrei­bung über ei­nen ge­wis­sen Hel­mut Schrei­ber vor, der sich einst »Ka­la Nag« und dann, in den 1950er Jah­ren, »Der gro­ße Kalanag« nann­te. Wei­ter­le­sen

An­na Baar: Nil

Anna Baar: Nil

An­na Baar: Nil

Ein Mensch sitzt in ei­nem Raum, ver­däch­tig ei­nes nicht nä­her de­fi­nier­ten De­likts. Ei­ne Ver­hör­si­tua­ti­on; ein Wär­ter, ei­ne Ka­me­ra­frau. Ein Fet­zen Pa­pier als In­diz (für was?), ein Über­bleib­sel ei­nes Au­to­da­fés? Die Uhr tickt zwar, aber im Leer­lauf; die Zeit ist nicht ab­les­bar. Was ist ge­sche­hen?

Nicht ein­mal das Ge­schlecht des Ich-Er­zäh­lers ist klar. Als Be­ruf wird »Er­fin­der« an­ge­ge­ben, ein Er­fin­der von Fort­set­zungs­ge­schich­ten, die in Frau­en­ma­ga­zi­nen er­schei­nen. Der Chef­re­dak­teur be­steht nun auf ein En­de. Egal, wel­ches. Die Frist läuft (im Ge­gen­satz zur Uhr). Die Auf­ga­be stürzt die Er­zäh­le­rin (ich neh­me die weib­li­che Form) in ei­ne exi­sten­ti­el­le Schaf­fens­kri­se. Da­bei ver­selb­stän­di­gen sich die Fi­gu­ren und be­gin­nen ein na­he­zu phy­sisch emp­fun­de­nes Ei­gen­le­ben zu füh­ren. Die ei­ge­ne Exi­stenz ver­schwimmt, die Ge­gen­wart ver­schwin­det in der Kind­heit. Der Va­ter ein Tier­pfle­ger (oder gar Zoo­be­sit­zer?), die Mut­ter streng und do­mi­nant; die Rol­len sind klar ver­teilt. Ein ver­lo­re­ner, ums Le­ben ge­kom­me­ner Bru­der? Gar ein Mord? Wer weiß. Es gibt Su­per-8-Fil­me von der Fa­mi­lie, ton­los, aber trotz­dem im Nach­hin­ein er­schreckend. Ein Rück­blen­de auf ein Weih­nach­ten, ein Ge­schenk, der Wunsch, es mö­ge kein Buch sein und es war doch ei­nes und die Re­ak­ti­on des »ver­schro­be­nen« Kin­des. Da­bei ist es ein Buch mit lee­ren Blät­tern, aber selbst hier be­stimmt die Mut­ter, was von wem hin­ein­ge­schrie­ben wird.

Den gan­zen Bei­trag »Er­zäh­len ist ein ge­fähr­li­ches Spiel« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Kom­po­nie­ren­de Com­pu­ter

Kön­nen wir in Zu­kunft auf künst­le­ri­sche Krea­ti­vi­tät ver­zich­ten?

1

Der 1979 in Pa­ris ge­bo­re­ne Brat­schist An­toi­ne Ta­me­stit, der ein wei­tes Re­per­toire von Bach und Mo­zart bis Schnitt­ke und Neu­wirth be­herrscht, hat­te sei­ne er­sten grö­ße­ren Auf­trit­te im Al­ter von zwan­zig Jah­ren. Seit­dem hat sich vie­les ver­än­dert, der Stel­len­wert von Vi­de­os und so­zia­len Netz­wer­ken prä­ge längst auch die Klas­si­sche Mu­sik. »Je­der möch­te be­rühmt sein, schnell be­rühmt vor al­lem. Ich den­ke, es ist wich­tig, zu der klas­si­schen Mu­sik an sich zu­rück­zu­kom­men«, sag­te er un­längst im In­ter­view mit der Pots­da­mer Zei­tung. Da­für müs­se man sich ih­re Ge­schich­te an­schau­en, als es kei­ne Vi­de­os und kei­ne Elek­tri­zi­tät gab. Wich­tig sei, sich Zeit zu neh­men. »Ich ver­su­che das, in­dem ich Bü­cher le­se oder manch­mal ei­nen ge­sam­ten Tag da­mit ver­brin­ge, ei­ne ein­zi­ge Par­ti­tur zu stu­die­ren. Ich ge­he in dem Punkt ei­nen ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg, was nicht be­deu­tet, dass ich nicht auch Teil mei­ner Zeit sein muss. Aber um Kunst zu pro­du­zie­ren, mußt du ir­gend­wie ein biß­chen lang­sa­mer sein und ein Ge­hirn ha­ben, das nicht über­schwemmt von ir­rele­van­ten In­for­ma­tio­nen ist.«

2

Hier ei­ne ganz an­de­re Stim­me, sie ge­hört dem 1976 in Is­ra­el ge­bo­re­nen Hi­sto­ri­ker und Best­sel­ler­au­tor Yu­val No­ah Ha­ra­ri. In sei­nem Buch Ho­mo De­us stellt er dem Le­ser Da­vid Co­pe vor, ei­nen – in­zwi­schen eme­ri­tier­ten – Mu­si­ko­lo­gie­pro­fes­sor von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia. Co­pe hat Com­pu­ter­pro­gram­me zur Er­stel­lung von Kla­vier­kon­zer­ten und Cho­rä­len, Sym­pho­nien und Opern ge­schrie­ben. Sein er­stes Werk zur Er­zeu­gung sol­cher Wer­ke war der EMI (Ex­pe­ri­ments in Mu­si­cal In­tel­li­gence), der auf Mu­sik in der Ma­nier von Jo­hann Se­ba­sti­an Bach spe­zia­li­siert war. »Es dau­er­te sie­ben Jah­re«, schreibt der en­thu­si­as­mier­te Ha­ra­ri, »doch als Co­pe da­mit fer­tig war, kom­po­nier­te EMI 5.000 Cho­rä­le à la Bach in ei­nem ein­zi­gen Tag. En­thu­sia­sti­sche Zu­hö­rer prie­sen die mit­rei­ßen­de Vor­füh­rung und er­klär­ten er­regt, wie sehr die Mu­sik ihr in­ner­stes We­sen be­rührt hät­te. Sie wuß­ten nicht, daß sie mehr von EMI als von Bach ge­schaf­fen wor­den war, und als man ih­nen die Wahr­heit ent­hüll­te, re­agier­ten die ei­nen mit ver­drieß­li­chem Schwei­gen, wäh­rend die an­de­ren sich laut­stark er­ei­fer­ten.«

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