Wal­ter Grond: Som­mer oh­ne Ab­schied

Walter Grond: Sommer ohne Abschied

Wal­ter Grond:
Som­mer oh­ne Ab­schied

Ei­ne klei­ne Er­ho­lung vom ur­plötz­lich ent­fach­ten Si­me­non-Fie­ber? »Som­mer oh­ne Ab­schied« steht auf dem Co­ver, ein Son­nen­blu­men­feld mit Ge­wit­ter­wol­ken. Wal­ter Grond hat die­sen Ro­man ge­schrie­ben, kaum 120 Sei­ten. Vor­an­ge­stellt ein Mot­to von Hein­rich von Kleist, aus ei­nem sei­ner Brie­fe an sei­ne Schwe­ster: »Und doch, wer wen­det sein Herz nicht gern der Zu­kunft zu, wie die Blu­men ih­re Kel­che der Son­ne?« Die Er­war­tung ist ge­weckt.

Alex, der sich selbst als »un­be­stech­li­cher Jour­na­list« be­zeich­net, ist mit sei­ner Frau und den bei­den Kin­dern von Wien aufs Land ge­zo­gen. Der Grund bleibt un­klar, weil er schon bald al­les ver­misst, was ihm ge­fällt: Der Ca­fé­haus­klatsch, das Wim­mel­we­sen, die An­ony­mi­tät, die fe­sten Ab­läu­fe. Auf dem Land küm­mert man sich vor al­lem um die Kin­der und sitzt al­lei­ne vor sei­nem Lap­top oh­ne Aus­tausch mit Kol­le­gen. Sei­ne Frau geht ei­ner Tä­tig­keit als Über­set­ze­rin nach; spä­ter wird sie sich in der Flücht­lings­hil­fe en­ga­gie­ren.

Vor al­lem je­doch stört die über­all spür­ba­re feind­se­li­ge Auf­nah­me im Dorf, die Res­sen­ti­ments der Be­woh­ner ge­gen­über den Städ­tern, die all­ge­gen­wär­ti­ge so­zia­le Kon­trol­le, die Männ­lich­keit der Dörf­ler, die er als Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le ein­ord­net, die­se Ge­set­ze ei­ner »ge­schlos­se­nen Welt«. Und Res­sen­ti­ments ha­ben ja im­mer nur die an­de­ren. Al­le Kli­schees wer­den aus­ge­brei­tet und er­lit­ten. Zwi­schen­zeit­lich hat man das Ge­fühl, die Dorf­be­woh­ner be­fin­den sich für Alex auf der Stu­fe ei­nes in­di­ge­nen Volks­stamms aus Neu­gui­nea oder West­in­do­ne­si­en, der mit der Mo­der­ne schock­ar­tig kon­fron­tiert wird. Wei­ter­le­sen

No Time to Kill

Die Kla­ge über die Mit­tel­mä­ssig­keit der Tex­te zum Bach­mann­preis-Be­werb ist fast schon Ri­tu­al. Sie ist zu­wei­len ge­prägt von Ent­täu­schun­gen, wird ge­nährt von ver­klä­ren­den Rück­blicken auf die Ver­gan­gen­heit und ist im­mer na­tür­lich sub­jek­tiv. Aber dass Tan­ja Mal­jart­schuk im letz­ten Jahr den Bach­mann­preis ge­won­nen hat­te, war mir wirk­lich ent­fal­len wie mir auch gänz­lich je­de Er­in­ne­rung an ihr Pro­sa­stück fehlt. Und dass ei­nem beim Le­sen ei­nes Tex­tes das Herz auf­ging, das ist nach Ma­ja Ha­der­lap ei­gent­lich nicht mehr bei mir pas­siert. Die in der Ver­gan­gen­heit durch­aus kind­li­che Vor­freu­de auf das Er­eig­nis weicht ei­nem bei­läu­fig rou­ti­nier­ten An­strei­chen im Ka­len­der.

Es liegt seit lan­gem in der Na­tur der Sa­che, dass sich dem Ur­teil der Ju­ro­ren1 be­reits ar­ri­vier­te Au­toren kaum mehr stel­len. Das hat mit so et­was wie Fall­hö­he zu tun. Vor al­lem Ver­la­ge mö­gen so et­was nicht.

Da ist ein Er­eig­nis wenn ein Au­tor, der, wie es in der Be­schrei­bung heisst »kei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen, Sti­pen­di­en oder Prei­se« vor­zu­wei­sen hat, teil­nimmt. Me­di­en jaz­zen die­sen Tat­be­stand hoch: »Noch nichts ver­öf­fent­licht: 22-Jäh­ri­ger für Bach­mann-Preis no­mi­niert« schreibt ei­ner (der dann das Vi­deo des Au­tors brav nach­er­zählt). Ich ha­be dann noch über Twit­ter ver­zwei­felt ver­sucht, dem Ver­fas­ser die­ses Ela­bo­rats den Un­ter­schied zwi­schen »No­mi­nie­rung« und »Teil­nah­me« zu er­klä­ren. Ich schei­ter­te. Es soll­te nicht das letz­te Schei­tern sein, wenn es dar­um ging, of­fen­sicht­li­che Feh­ler von Li­te­ra­tur­jour­na­li­sten wir­kungs­voll zu kor­ri­gie­ren. Aber egal.

Kaum je­mand be­merkt, dass die Kri­tik an den Tex­ten auf die Ju­ro­ren ver­weist, die die­se Tex­te aus­wäh­len oder, wie man es auch schon ein­mal hör­te, in Auf­trag ge­ben. Die gu­ten al­ten Zei­ten der Hil­fe­stel­lung durch den Pa­ten­ju­ror, der Lek­to­rie­rung schei­nen vor­bei zu sein. Al­les ist mög­lich: Über­bor­den­de Ad­jek­ti­ve, ei­gen­sin­ni­ge In­ter­punk­ti­on, Fi­gu­ren­na­men, die in un­ter­schied­li­chen Schreib­wei­sen im Text kur­sie­ren. Stoff für In­ter­pre­ta­tio­nen. Aber auch mehr? Wei­ter­le­sen


  1. hier gilt das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num – sor­ry 

Mein Häm­mer­chen

Seit sieb­zehn Jah­ren, fast so lan­ge, wie ich in Ja­pan le­be, be­sit­ze ich die­ses Sak­ko. Ich tra­ge es gern, es ist be­quem, et­was weit, schwarz oder von ei­nem sehr dunk­len Blau, bei Son­nen­licht glit­zert die Ober­flä­che manch­mal ganz leicht (kommt mir vor). Im Win­ter ist es recht warm, im Früh­ling und Herbst nicht zu warm, in Wahr­heit aber von be­schei­de­ner Qua­li­tät, fil­zig, ein we­nig aus­ge­beult, Staub und Här­chen und Fus­sel blei­ben am Stoff haf­ten, so daß ich oft dar­an her­um­zup­fe und ‑wi­sche. Ge­kauft ha­be ich es mit­ten in ei­nem der en­gen Gäß­chen ei­nes Markts ne­ben dem gro­ßen Ats­u­ta-Schrein in Na­go­ya, von ei­nem chi­ne­si­schen Händ­ler, der die Stücke in klei­ne­ren Men­gen vom Fest­land auf die In­sel brach­te. Bei Le­sun­gen und ähn­li­chen Ge­le­gen­hei­ten tra­ge ich das Sak­ko gern, weil ein Schrift­stel­ler nicht gar zu ele­gant wir­ken soll­te, ich an­de­rer­seits aber doch et­was dar­stel­len möch­te, ei­nen Ver­fas­ser von Bü­chern, ei­nen ma­ker, ei­nen poe­ta fa­ber; ei­nen, der et­was von sei­nem Hand­werk, den Wör­tern und Sät­zen, ver­steht.

Da traf es sich gut, als mir in der Al­ten Schmie­de, dem Ort in der Wie­ner In­nen­stadt, wo sich die Dich­ter und im­mer auch ein paar Hö­rer tref­fen, ei­ner der Ma­cher dort, ein Fä­den­zie­her im Hin­ter­grund, glau­be ich – so je­den­falls sieht er sich selbst –, ein klei­nes ro­tes Ding in die per­ple­xe Hand drück­te: ei­nen Ham­mer. Den konn­te, den soll­te ich an­stecken, und das tat ich, ans Re­vers mei­nes dunk­len Fa­ber-Sak­kos, das traf sich gut, da paß­te es hin, Rot auf Schwarz, rouge et noir, win­zig klein vor dem ozea­ni­schen Hin­ter­grund, dem um­hül­len­den Schwarz, ein Bluts­trop­fen, aus der Fer­ne ge­se­hen. En rouge et noir, mes lut­tes, mes fai­bles­ses…

Die Kämp­fe; Schwä­chen und Stär­ken. Der Ma­cher hat­te mit dem Au­ge ge­zwin­kert, oder zu­min­dest ver­schmitzt drein­ge­schaut. Der klei­ne Ham­mer war doch ein Sym­bol, er ver­wies auf et­was; et­was an­de­res, das er nicht selbst war, mit dem er viel­leicht in Zu­sam­men­hang stand, das er aber nicht war. Rich­tig – mir ist es erst viel spä­ter auf­ge­fal­len, beim näch­sten oder über­näch­sten Mal in der Schön­la­tern­gas­se, in der ich noch nie ei­ne schö­ne La­ter­ne ge­se­hen ha­be – rich­tig, da hing es, das Sym­bol, über den Köp­fen der Pas­san­ten, der Dich­ter und Hö­rer und Nacht­schwär­mer, da hing es, elek­trorot, um ein Viel­fa­ches grö­ßer als das Sym­bol­chen an mei­nem Re­vers, aber un­auf­fäl­lig im Ver­gleich zum Schlüs­sel, dem schmie­de­ei­ser­nen, ewi­gen, der da eben­falls hing, et­was prot­zig, nicht wahr? Al­so Schmie­de, Ham­mer, Werk­zeug, Mit­tel zu… Ei­ne Me­to­ny­mie, kei­ne Me­ta­pher.

Ab und zu wer­de ich ge­fragt, was der klei­ne Ham­mer zu be­deu­ten ha­be und war­um ich ihn tra­ge; an­de­re Ma­le se­he ich am Ge­sichts­aus­druck mei­nes Ge­gen­übers, daß es ir­ri­tiert ist, sich viel­leicht so­gar be­droht fühlt, wie ich mich vom schmie­de­ei­ser­nen Schlüs­sel be­droht fühl­te. Was hät­te ich de­nen, die sich zu fra­gen ge­trau­en, ant­wor­ten sol­len, was soll ich ih­nen sa­gen? Si­cher, das Sym­bol des Kom­mu­nis­mus, Ham­mer und Si­chel, bei­de Werk­zeu­ge zu­sam­men, ge­kreuzt, Ar­bei­ter und Bau­ern, Hu­fe für Pfer­de und Gras für Kü­he, vor­in­du­stri­el­le Sym­bo­le, wenn man’s recht be­denkt, al­so ro­man­tisch, kei­ne Angst, oder doch, Angst vor dem Un­heim­li­chen, nicht zu Durch­schau­en­den. Ei­ne Zeit­lang in mei­ner Ju­gend dach­te ich, der Kom­mu­nis­mus könn­te wirk­lich schö­ne Ver­hält­nis­se für uns al­le brin­gen, Zucker­erb­sen für je­der­mann, Bü­cher für al­le Schul­kin­der, al­so je­dem nach sei­nen Be­dürf­nis­sen, je­der nach sei­nen Fä­hig­kei­ten. Schö­ne Idea­le! Wenn man je­den tun läßt, wie er will, wird die­ser Je­der­mann, Mi­ster Ni­ne­ty-Ni­ne Per­cent, auf der fau­len Haut lie­gen blei­ben, kei­nen Ham­mer und kei­ne Si­chel an­rüh­ren, son­dern sich ei­ne Fla­sche Bier grap­schen und Fuß­ball­spie­le oder Por­nos oder Shop­ping­teaser in sein Hirn rein­zie­hen, und wer sorgt dann für die Be­dürf­nis­se bzw. die Gü­ter, die sie be­frie­di­gen. Un­mög­lich – das ha­be ich ir­gend­wann ein­ge­se­hen (nach­dem ich mich so­gar ein biß­chen »en­ga­giert« hat­te). Trotz­dem fin­de ich die Idee ei­nes sol­chen Blu­men­wie­sen­kom­mu­nis­mus im­mer noch schön und will nicht ganz von ihr las­sen. Flower Power! Viel­leicht ist das ja ein Grund, ei­ner der Grün­de, war­um ich das klei­ne ro­te Häm­mer­chen am Re­vers tra­ge: ei­ne hal­be Hoff­nung. Und der Grund, war­um der Ma­cher von der Al­ten Schmie­de die Din­ger in der Rock­ta­sche bei sich trägt, um ge­ge­be­nen­falls eins in ei­ne war­me Hand­flä­che glei­ten zu las­sen. Aber der meint das doch an­ders, kon­kre­ter, das Ro­te ist für ihn eher et­was wie der Fa­den auf dem un­end­li­chen Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen, die­ses La­by­rinth, in dem man sich schon mal ver­ir­ren kann oder, um die Wahr­heit zu sa­gen, sich dau­ernd und dau­er­haft ver­irrt. Wei­ter­le­sen

Voi­là un hom­me.

FAZ: Die Buch­sta­ben er­schie­nen mir auf ein­mal als der An­fang von »Fa­zi­es« (oder der des gleich­aus­ge­spro­che­nen Faci­es), als ich auf dem schräg ge­stell­ten Bild­schirm das Fo­to von Ha­med Ab­del-Sa­mad sah. Die Hand, die er nach­denk­lich ans Kinn ge­nom­men hat, kann ihm kei­ne Stüt­ze ge­ben, so schräg ist er vom Be­ar­bei­ter ins Bild ge­setzt wor­den.

So er­scheint das Ge­sicht wie zu­rücksin­kend. Und doch glänzt in den Au­gen die nach­denk­li­che Tap­fer­keit. End­lich ein­mal ein Ant­litz! Die be­ste Il­lu­stra­ti­on zur De­vi­se die­ses Blogs: Den­ken ist vor al­lem Mut..

Fra­ge an mei­ne öster­rei­chi­schen Freun­de

Na­he­zu al­le mei­ne Facebook-»Freunde« aus Öster­reich, die sich dort po­li­tisch äu­ßern, wa­ren und sind fast na­tur­ge­mäß ge­gen die Re­gie­rung Kurz ge­we­sen. Die Freu­de war ent­spre­chend groß als es nun hieß, es gibt Neu­wah­len. Man be­zieht na­tür­lich Po­si­ti­on: Ge­gen Kurz, noch mehr ge­gen die FPÖ, eher neu­tral zur SPÖ. So weit, so be­kannt.

Ich ha­be kei­ne Lust, die Face­book-Threads zu spren­gen. Da­her fra­ge ich hier im Blog: Wie stellt Ihr Euch ei­gent­lich ei­ne neue Re­gie­rung nach den Neu­wah­len vor? Vor­sicht, denn die Fra­ge ist ehr­lich ge­meint! Wei­ter­le­sen

Süd­see­mär­chen in Wurst­pa­pier

Am 9.8.[1991], Frei­tag, be­su­che ich am Nach­mit­tag Gün­ther An­ders, der im »Evan­ge­li­schen Spi­tal«, ei­nem sehr vor­neh­men, teu­er aus­ge­stat­te­ten Kran­ken­haus liegt, na­he dem AKH1, in der Hans-Sachs-Stra­ße. Er liegt schon seit meh­re­ren Wo­chen da, seit er in sei­ner Woh­nung of­fen­bar um­ge­kippt war und nicht wie­der auf­ste­hen konn­te: Ober­schen­kel­hals­bruch. Er­war­te ei­nen vom Un­fall und dem Viel­lie­gen ge­mar­ter­ten Greis, er wird näch­stes Jahr im­mer­hin 90, und fin­de aber ei­nen äu­ßerst wa­chen, gleich­sam quick­le­ben­di­gen und fröh­li­chen Mann vor, der zwar im Bett liegt, na­he­zu be­we­gungs­un­fä­hig, des­sen Kopf aber so un­ge­mein LEBENDIG ist, daß man das Lei­den und die Be­we­gungs­un­fä­hig­keit voll­kom­men ver­gißt. Er sprüht vor lau­ter Le­bens- und Denk­lust, hört zwar ein biß­chen schlecht, aber so­bald er weiß, wo­von ge­spro­chen wird, ist er ab­so­lut prä­sent, und das, was er spricht, ist we­der wirr, noch je oh­ne In­ter­es­se.

Ich hat­te beim Stö­bern im Kel­ler ei­nen Text von ihm ge­fun­den, in Ma­nu­skript­form, den er Va­ter2 ge­schenkt hat­te, brin­ge ihm das mit, er will un­be­dingt wis­sen, was das sei, wirkt über­aus er­staunt, daß ich’s nicht längst ge­le­sen ha­be. Ich weiß nur: Es geht um Hi­ro­shi­ma. »Ja, da hab ich wohl mehr als ei­nen Text ge­schrie­ben, über die­ses The­ma, mein Lie­ber, al­so was ist das für ein Hi­ro­shi­ma-Text?« Sei­ne und mei­ne Hoff­nung, der Text sei even­tu­ell un­ver­öf­fent­licht, er­füllt sich nicht, wir kom­men im Ver­lauf der ein­ein­halb Stun­den, die ich bei ihm blei­be, dar­auf, um wel­chen Text es sich han­delt. (Die To­ten von Hi­ro­shi­ma flie­gen über den Oze­an, als Ra­ben oder Gei­ster, su­chen Tru­man3 heim, in Wa­shing­ton, äng­sti­gen ihn, rau­ben ihm den Schlaf.) Den Text hat­te G.A. vor ca. 33 Jah­ren Bob ge­schenkt und ge­wid­met – er hat­te ihn wohl apro­pos »Hel­ler als 1000 Son­nen»4 ver­faßt. Va­ter scheint für ihn so et­was wie ein Feind­freund zu sein, an dem er sich kon­stant mißt; sei­ne Haupt­sor­ge, so er­schien es mir, ist die: Wer wird, im Rück­blick, als der Be­rühm­te­re da­ste­hen, er oder Bob. Er lobt im­mer­zu Bobs Ver­dien­ste, be­tont aber gleich­zei­tig, daß Bob eben Jour­na­list sei – »ein zwei­ter Kisch5, ein Kisch des Atom­zeit­al­ters« – er, G.A. aber, sei ein Phi­lo­soph, der dem The­ma An­ti-Atom den phi­lo­so­phi­schen Un­ter­bau ge­schaf­fen ha­be, wie kei­ner sonst. »Wir wa­ren die Er­sten, dein Va­ter und ich, die dar­über ge­schrie­ben ha­ben – die vor den Ge­fah­ren warnten...man wird uns wohl, in Zu­kunft, zu­sam­men nen­nen.« Als ich be­mer­ke, man wer­de viel­leicht G.A. als den »Be­deu­ten­de­ren« an­se­hen, leuch­ten sei­ne Au­gen und er ruft: »Ja! Weil ich der Phi­lo­soph, dein Va­ter aber der Jour­na­list ist!« Er be­tont auch, daß Bob ja »nie von der Mu­se ge­küßt« wor­den sei, über­dies we­der zur Mu­sik, noch zur Ma­le­rei den ge­ring­sten Be­zug ha­be, Tat­sa­chen, un­ter de­nen »auch dei­ne lie­be Mut­ter im­mer sehr litt.« Un­er­hört, die­ser sprü­hen­de KOPF in­mit­ten der Lein­tü­cher! Und sein (und mein!) Glück, daß nie­mand hier liegt, im Zim­mer, au­ßer ihm, so­daß wir schrei­en und la­chen kön­nen, nach Her­zens­lust. (Er hat die bei­den Mit­lie­ger of­fen­bar ver­grault, oder ver­jagt, falls ich ihn nicht falsch ver­stan­den ha­be.) Wei­ter­le­sen


  1. Ge­meint ist das Wie­ner All­ge­mei­ne Kran­ken­haus 

  2. Der Schrift­stel­ler und Zu­kunfts­for­scher Ro­bert Jungk, 1913 – 1994, der Va­ter des Au­tors. 

  3. 33. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Har­ry S. Tru­man, 1884 – 1972. 

  4. Ro­bert Jungks wohl be­kann­te­stes Buch er­schien 1956. 

  5. Der als “ra­sen­der Re­por­ter” be­rühmt ge­wor­de­ne Jour­na­list Egon Er­win Kisch, 1885 – 1948, den Ro­bert Jungk per­sön­lich kann­te. 

Jan Drees: Sand­bergs Lie­be

Jan Drees: Sandbergs Liebe

Jan Drees: Sand­bergs Lie­be

Kri­sti­an Sand­berg ist Anfang/Mitte 30, schreibt als frei­er Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, gibt Vor­trä­ge und hat ge­ra­de sei­ne Dis­ser­ta­ti­on be­en­det. Es nimmt zu­wei­len Psy­cho­phar­ma­ka, ist Rau­cher und zu Be­ginn des Ro­mans »Sand­bergs Lie­be« wird sein Auf­ent­halt in ei­nem 5‑­Ster­ne-Ho­tel im Ja­nu­ar auf Te­ne­rif­fa ge­schil­dert. Es ist ein biss­chen trost­los und man fragt sich, wie je­mand mit eher pre­kä­ren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen (er wohnt in Bre­men eher stu­den­tisch) ein sol­ches Ho­tel be­zah­len kann (ein Bier ko­stet 10 Eu­ro).

Nach rund 15 Sei­ten ein neu­es Ka­pi­tel mit dem Ti­tel »On­ce«; es wird fast 150 Sei­ten be­an­spru­chen. Er be­kommt end­lich ei­ne er­sehn­te Fest­an­stel­lung – als Li­te­ra­tur­agent. Es gibt ein gu­tes Ge­halt und freie Le­se­zei­ten; die Zu­kunft wird aus Ver­lags­par­tys, be­zahl­ten Li­te­ra­tur­rei­sen und tol­len Abend­essen be­stehen. Es ist Som­mer 2016, fast zu schön, um wahr zu sein. Kri­sti­an ent­deckt auf sei­nem neu­en I‑Phone »On­ce«, ei­ne an­geb­lich be­son­de­re Sei­te, weil kein Al­go­rith­mus die Aus­wahl trifft son­dern ein Mensch, und zwar nur ein­mal am Tag. So lernt er Ka­li­na ken­nen, 35; die Mut­ter ist Dä­nin, der Va­ter Po­le. Sie ist Zahn­ärz­tin und rich­tet sich ge­ra­de ih­re Ei­gen­tums­woh­nung im vor­neh­men Ham­bur­ger Stadt­teil Ep­pen­dorf ein. Ka­li­na spricht fünf Spra­chen, ist selbst­be­wusst, elo­quent und wohl ziem­lich hübsch. Sie hat ein Fai­ble für Lu­xus, was sich un­ter an­de­rem an ih­rer Klei­dung, der Aus­wahl der Re­stau­rants und den Ein­rich­tungs­plä­nen für ih­re Woh­nung zeigt. Kri­sti­an ist be­ein­druckt und ver­zau­bert. Sie fin­den schnell zu­ein­an­der. Die räum­li­chen Tren­nun­gen – Kri­sti­an lebt noch in Bre­men, be­zieht be­rufs­be­dingt bald ein Apart­ment in Ham­burg-Win­ter­hu­de, Ka­li­na pen­delt zwi­schen Ep­pen­dorf und ih­rer Zahn­arzt­pra­xis im dä­ni­schen Pad­borg – wer­den durch Whats­App-Nach­rich­ten über­brückt.

Der Him­mel hängt zu­nächst vol­ler Gei­gen. Schnell wird Kri­sti­an für sie »un­ver­zicht­bar«. Sie geht auf sei­ne Avan­cen ein. Man plant schon, den ge­mein­sa­men Ein­zug in Ka­li­nas Lu­xus­woh­nung, die al­ler­dings bau­lich noch her­ge­rich­tet wer­den muss. Zu­wei­len gibt es kurz klei­ne Miss­ver­ständ­nis­se. Sa­lop­pe Be­mer­kun­gen Kri­sti­ans deu­tet Ka­li­na zu­wei­len in ve­ri­ta­ble Vor­wür­fe um. Man liest es zu­nächst als Ei­fer­sucht. Oder als ei­ne sub­ti­le Form der Do­me­sti­zie­rung. Kri­sti­an gibt stets nach, ver­spricht mehr Sen­si­bi­li­tät, ge­lobt Bes­se­rung. Er lernt Ka­li­nas (zu­meist ho­mo­se­xu­el­le, männ­li­che) Freun­de ken­nen. Er emp­fin­det ein Un­be­ha­gen über die Ober­fläch­lich­kei­ten des Mi­lieus, in dem es sich um die ver­gan­ge­nen »Ape­röl­chen« in Ve­ne­dig oder Can­nes dreht. Ka­li­nas Freun­de wie auch ih­re Schwe­ster und die Mut­ter äu­ßern sich of­fen in sei­ner Ge­gen­wart ab­wer­tend über ihn. Die Ver­su­che, sei­ne Freun­din für Li­te­ra­tur und phi­lo­so­phi­sche The­men zu be­gei­stern, über­for­dern sie. Er trö­stet sich da­mit, dass bei­de mit »Ge­fähr­li­che Ge­lieb­te« von Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi den glei­chen Lieb­lings­ro­man ha­ben. Wei­ter­le­sen

Vom rich­ti­gen Über­le­ben im fal­schen

Bruno E. Werner: Die Galeere

Bru­no E. Wer­ner: Die Ga­lee­re

Man­che Ver­lags­an­kün­di­gun­gen ha­ben eher ab­schrecken­de Wir­kung. So be­wirbt der Suhr­kamp-Ver­lag die Neu­auf­la­ge des 1949 bzw. 1950 er­schie­ne­nen Ro­mans »Die Ga­lee­re« von Bru­no E. Wer­ner da­mit, dass 70 Jah­re nach des­sen Er­schei­nen der heu­ti­ge Le­ser be­reit sei, die­ses Buch wie sei­nen »ei­ge­nen Ro­man« zu le­sen. Oh­ne Ant­wort bleibt die Fra­ge nach dem Ur­he­ber des Zi­tats. Die An­kün­di­gung be­zieht sich näm­lich eher auf die im Ro­man an­ge­spro­che­nen Ge­nera­tio­nen, d. h. die Jahr­gän­ge der zwi­schen 1880 und 1920 ge­bo­re­nen. Ba­by­boo­mer und Spät­ge­bo­re­ne dürf­ten mit ge­wis­ser Di­stanz auf die Schil­de­run­gen im Buch blicken. Und sind nicht bei­spiels­wei­se die Ge­schich­ten von den Bom­ben­näch­ten aus­führ­lich von den El­tern oder Groß­el­tern re­ka­pi­tu­liert wor­den? Woll­te man das ei­gent­lich hö­ren? Führ­te dies nicht sub­ku­tan zu ei­ner Tä­ter-/Op­fer­um­kehr?

1997 ent­fach­te W. G. Se­bald ei­ne De­bat­te über »Luft­krieg und Li­te­ra­tur«. Se­bald kon­sta­tier­te ei­ne Leer­stel­le in der hi­sto­ri­schen wie li­te­ra­ri­schen Auf­ar­bei­tung des Luft­kriegs ge­gen das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deut­sche Reich: »Die in der Ge­schich­te bis da­hin ein­zig­ar­ti­ge Ver­nich­tungs­ak­ti­on ist in die An­na­len der sich neu kon­sti­tu­ie­ren­de Na­ti­on nur in der Form va­ger Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ein­ge­gan­gen, scheint kaum ei­ne Schmer­zens­spur hin­ter­las­sen zu ha­ben im kol­lek­ti­ven Be­wußt­sein, ist aber aus der re­tro­spek­ti­ven Selbst­er­fah­rung der Be­trof­fe­nen weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen ge­blie­ben, hat in den sich ent­wickeln­den Dis­kus­sio­nen um die in­ne­re Ver­fas­sung un­se­res Lan­des nie ei­ne nen­nens­wer­te Rol­le ge­spielt […]«.

Bei ge­naue­rer Lek­tü­re zeig­te sich, dass Se­bald die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät der Ro­ma­ne, die sich dem The­ma dann doch wid­me­ten, nicht auf ei­nem ent­spre­chend ho­hen Ni­veau ver­or­te­te. Hier wer­den zu­meist die Schrift­stel­ler Hans-Erich Noss­ack (»Der Un­ter­gang«) und Gert Le­dig (ins­be­son­de­re »Sta­lin­or­gel« und »Ver­gel­tung«) ge­nannt (und et­li­che an­de­re Au­toren, die sich der The­ma­tik wid­me­ten, sind tat­säch­lich in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten).

Es bleibt un­klar, ob Se­bald tat­säch­lich an der li­te­ra­ri­schen Qua­li­tät ei­nes Gert Le­dig zwei­fel­te. Dies wä­re in höch­stem Ma­ße tö­richt ge­we­sen. Es ging ihm viel­leicht um ei­ne po­pu­lär-li­te­ra­ri­sche, pu­bli­kums­wirk­sam-ein­gän­gi­ge Auf­ar­bei­tung des The­mas. Le­digs ex­pres­sio­ni­sti­sches Mei­ster­werk ist kei­ne Ka­min­pro­sa, die man nach dem Abend­essen beim Di­ge­stif ein­fach kon­su­mie­ren kann. Hin­zu kommt, dass der Ti­tel »Ver­gel­tung« ei­ne halb­wegs le­gi­ti­mier­te Ra­che­ak­ti­on der Kriegs­füh­rung der Al­li­ier­ten ge­gen die Deut­schen sug­ge­riert. Die ex­pres­si­ve, teil­wei­se splat­ter­haf­te Bild­spra­che und die min­de­stens un­ter­schwel­lig ein­ge­bun­de­ne po­li­ti­sche Kom­po­nen­te schreck­ten ab. Man las lie­ber Li­te­ra­tur, in der der Op­ferd­uk­tus mit­schwang: Ent­we­der der Wehr­machts­sol­dat als bra­ver, aber von den bö­sen Na­zis miss­brauch­ter Land­ser und/oder die hilf­lo­sen Aus­ge­bomb­ten in der »Hei­mat«. Dass es ge­ra­de das Ver­dienst Noss­acks und vor al­lem Le­digs war, die­se Op­fer­hal­tung min­de­stens zu be­fra­gen, ging in der De­bat­te weit­ge­hend un­ter. Und das man beim ge­nau­en Le­sen auch bei an­de­ren Au­toren wie bei­spiels­wei­se Her­mann Lenz und vor al­lem Wal­ter Kem­pow­ski (»Deut­sche Chro­nik«) auf ent­spre­chend nüch­ter­ne Auf­ar­bei­tun­gen der Luft­kriegs­the­ma­tik tref­fen kann, auch.

Das Ta­bu der in­tel­lek­tu­el­len Krei­se

Se­balds Ein­wand be­traf vor al­lem die ton­an­ge­ben­de li­te­ra­ri­sche Eli­te der Grup­pe 47 mit ih­rem (Nach)Kriegs-Neorealismus. Dort wä­ren Tex­te über deut­sche Luft­kriegs­op­fer so­fort als re­van­chi­stisch ein­ge­stuft wor­den. Es war ja auch nicht so, dass in den Fa­mi­li­en nicht über die Bom­bar­de­ments in den 1940er Jah­ren ge­spro­chen wur­de. Die »Ta­bui­sie­rung« galt im We­sent­li­chen nur in den in­tel­lek­tu­el­len Krei­sen, in der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung. Selbst En­de der 1990er Jah­re, mit Er­schei­nen von Se­balds Auf­satz, wa­ren es nicht zu­letzt Be­fürch­tun­gen von Pu­bli­zi­sten und Hi­sto­ri­kern, (neu)rechten po­li­ti­schen Strö­mun­gen mit die­ser Dis­kus­si­on Auf­trieb zu ge­ben, die zu ei­ner ra­schen Be­en­di­gung des Dis­kur­ses rie­ten. (Ei­ne ähn­li­che Be­schwei­gung er­fuhr jahr­zehn­te­lang das The­ma der Flucht und Ver­trei­bung Deut­scher aus Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa. Wie so oft, führ­te das frei­wil­lig prak­ti­zier­te Sprech­ver­bot ge­nau zu dem, was man ei­gent­lich ver­hin­dern woll­te.)

Der Ex­kurs muss­te sein, da manch­mal auch Bru­no E. Wer­ners Buch »Die Ga­lee­re« ge­nannt wird, wenn es dar­um geht, der Luft­kriegthe­se Se­balds zu wi­der­spre­chen, denn auch hier gibt es aus­gie­bi­ge Schil­de­run­gen der Bom­bar­de­ments Al­li­ier­ter – zu­nächst auf Ber­lin und dann, kaum noch für mög­lich ge­hal­ten, Dres­den. Wer­ner ver­wen­det al­ler­dings bis auf we­ni­ge Aus­nah­men die eher be­schrei­ben­de, ja fast jour­na­li­sti­sche Form. Ex­pres­sio­nis­mus ist ihm ge­nau so fremd wie Pa­thos. Nur ein­mal wird es sur­re­al – bei ei­ner skur­ri­len Sil­ve­ster­fei­er 1944, die der Le­ser nicht so schnell ver­ges­sen wird.

Der gan­ze Bei­trag hier bei »Glanz und Elend«