B. Tra­ven: Das To­ten­schiff

B. Traven: Das Totenschiff

B. Tra­ven: Das To­ten­schiff

Zum er­sten Mal er­schien B. Tra­vens Das To­ten­schiff 1926 im Rah­men der Bü­cher­gil­de Gu­ten­berg, ei­nem »ge­werk­schaft­li­chen Buch­club« (Vol­ker Kut­scher). Es wur­de ein Rie­sen­er­folg für ei­nen Au­tor, des­sen Iden­ti­tät nie­mand kann­te, der je­doch zu­vor be­reits im so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Vor­wärts mit dem Fort­set­zungs­ro­man Der Baum­woll­pflücker für Auf­se­hen ge­sorgt hat­te. Die Fra­ge, wer die­ser B. Tra­ven war, ist bis heu­te nicht ein­deu­tig ge­klärt. Es ist wohl­tu­end, dass Vol­ker Kut­scher in sei­nem Nach­wort zur ak­tu­el­len Neu­auf­la­ge die­ses Ro­mans nicht die un­ter­schied­li­chen Ver­sio­nen der Iden­ti­tät auf­drö­selt. Mehr­heit­lich glaubt man, dass es sich um den An­ar­chi­sten und Schau­spie­ler Ret Ma­rut ge­han­delt ha­be, der in den 1920er Jah­ren nach Me­xi­ko ge­flo­hen oder, freund­li­cher for­mu­liert, emi­griert war. Ma­rut soll wie­der­um ein Pseud­onym für den Ge­werk­schafts­se­kre­tär Ot­to Fei­ge ge­we­sen sein. Der Ein­fach­heit hal­ber wer­den nun mehr­heit­lich die Le­bens­da­ten die­ses Ot­to Fei­ge für B. Tra­ven ver­wen­det.

Tra­vens Ge­dan­ke war, dass der Au­tor nicht zu viel Auf­merk­sam­keit be­kom­men soll­te. Tat­säch­lich trat das Ge­gen­teil ein. Es ist er­staun­lich, wie be­reits in den 1920er Jah­ren die Un­si­cher­heit der Au­toren­iden­ti­tät bzw. die Ab­we­sen­heit des Au­tors die Öf­fent­lich­keit der­art auf­wüh­len konn­te. Dar­an hat sich we­nig ge­än­dert. Vor ei­ni­gen Jah­ren brü­ste­ten sich Pseud­onym-In­spek­teu­re mit per­ver­sem Stolz, Ele­na Ferran­te ent­tarnt zu ha­ben – als wür­de sich da­mit der Blick auf das Werk ent­schei­dend än­dern.

Nicht zu­letzt durch ei­ni­ge Ver­fil­mun­gen sei­ner Bü­cher haf­tet B. Tra­ven das Eti­kett des Aben­teu­er­schrift­stel­lers an. Aber be­reits zu Be­ginn stellt der See­mann Ga­les, der Ich-Er­zäh­ler aus Das To­ten­schiff, klar: »Die Ro­man­tik der See­ge­schich­ten ist längst vor­bei.« Kut­scher führt zu recht aus, dass Das To­ten­schiff kein klas­si­scher Aben­teu­er­ro­man sei und mit ei­ner Idea­li­sie­rung des See­fahr­erle­bens nichts zu tun ha­be. Auf den rund 400 Sei­ten be­tritt Ga­les erst auf Sei­te 142 die »Yo­rik­ke«, je­nes »To­ten­schiff«, das oh­ne Na­tio­na­li­tä­ten­flag­ge un­ter an­de­rem falsch de­kla­rier­te Wa­ren (Waf­fen in Schmug­gel­gut) ver­frach­tet. Dort ar­bei­ten nur See­män­ner, die un­ter ei­nem »Schiffs­not­ge­setz« ste­hen. Sie ha­ben kei­ne oder nur ob­sku­re Pa­pie­re, mit de­nen sie auf kei­nem se­riö­sen Schiff an­heu­ern kön­nen. Zu den Not­män­nern ge­hört jetzt auch der ame­ri­ka­ni­sche »Deck­ar­bei­ter« Ga­les. Als er nach ei­nem Land­gang in Ant­wer­pen zu­rück­kommt, ist sein Schiff oh­ne ihn ab­ge­fah­ren. Un­glück­li­cher­wei­se blie­ben See­manns­kar­te und Pass an Bord. Von nun an ist er ein Nie­mand. »Pa­pie­re ha­ben et­was Un­mensch­li­ches«, kon­sta­tiert Ga­les, der ein ähn­li­ches Schick­sal durch­macht wie Zuck­may­ers Schu­ster Voigt. Oh­ne Pa­pie­re kann er nicht auf den »Ei­mern« an­heu­ern. Und oh­ne Heu­er kann er ei­gent­lich nicht le­ben.

Wei­ter­le­sen

Wel­ten und Zei­ten III

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

← Wel­ten und Zei­ten II

»Die Wahr­heit der Lü­gen«: mit die­sem viel­leicht doch et­was bil­li­gen Pa­ra­dox im Buch­ti­tel faß­te Ma­rio Var­gas Llosa einst sei­ne Es­says zur Li­te­ra­tur zu­sam­men. Fik­ti­on ist et­was Ähn­li­ches wie Lü­gen, aber doch nicht ganz, denn der Lüg­ner gibt vor, die Wahr­heit zu sa­gen, der Ro­man­cier aber nicht, je­den­falls sagt er sie nicht un­mit­tel­bar mit sei­nen Er­fin­dun­gen. Al­len­falls tut er das in ei­nem tie­fe­ren Sinn, wo im­mer der lie­gen mag. So auch Var­gas Llosas in sei­nen ei­ge­nen Ro­ma­nen, die dem Le­ser die Il­lu­si­on »le­bens­na­her« Fi­gu­ren und Hand­lun­gen zu ver­mit­teln su­chen, was ih­nen auch her­vor­ra­gend ge­lingt, zum Bei­spiel in dem groß­an­ge­leg­ten und groß­ar­ti­gen Ge­spräch in der Ka­the­dra­le, wo sehr viel schwa­dro­niert wird.

In ei­nem wört­li­che­ren Sinn ar­bei­te­te der Ar­gen­ti­ni­er Ma­nu­el Pu­ig mit Lü­gen. Aber auch bei ihm wä­re nach­zu­fra­gen: Wel­che Art von Lü­gen sind das? Sehr oft kei­ne Lü­gen im stren­gen Sinn, son­dern Il­lu­sio­nen, Aus­weich­ma­nö­ver ge­gen­über Tat­sa­chen, Angst vor de­ren Fol­gen, wenn man ih­nen ins Au­ge blickt. Es sind Selbst­täu­schun­gen, klei­ne Be­trugs­ma­nö­ver, ein Klam­mern an den ver­meint­li­chen Sinn (des Le­bens usw.). Und oft auch Ideo­lo­ge­me, mehr oder min­der bil­li­ge Über­zeu­gun­gen, ver­mit­telt durch Mas­sen­me­di­en, durch Pop­kul­tur, durch – in Ar­gen­ti­ni­en – schmal­zi­ge Tan­gos und auch durch Li­te­ra­tur, vor al­lem durch tri­via­le, die dem Mas­sen­pu­bli­kum sei­ner­zeit, als es noch kein Fern­se­hen gab, aus dem Ra­dio zu­ström­te.

Aber wie kann sich dann in Li­te­ra­tur Wahr­heit zei­gen? Zum Bei­spiel durch Col­la­ge, durch die Viel­falt der Stim­men, die sich be­geg­nen und über­la­gern, durch die Äqui­di­stanz des Er­zäh­lers oder des Au­tors, der sich nicht ein­mischt, son­dern die Stim­men ne­ben- und ge­gen­ein­an­der­stellt. Ge­nau dar­in be­steht sei­ne Kunst und sein Wahr­heits­an­spruch. Ein sehr spe­zi­fi­scher, künst­le­ri­scher Wahr­heits­an­spruch. Pu­igs Ro­man – La traición de Ri­ta Hay­worth, zu deutsch (wenn ich nicht ir­re): Der schön­ste Tan­go der Welt – ist wahr, weil gut ge­macht.

Wei­ter­le­sen

Wel­ten und Zei­ten II

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

← Wel­ten und Zei­ten I

Die kar­gen Ro­ma­ne Pa­trick Mo­dia­nos, aber auch die opu­len­te­ren von Ka­zuo Ishi­gu­ro, un­ter­schei­den sich we­sent­lich von de­nen der Ge­ne­ra­ti­on Flau­berts, aber auch von Joy­ce oder Dö­b­lin, in­dem sie stets ei­nen Hof des Un­ge­sag­ten um das Er­zähl­te oder An­ge­deu­te­te mit­füh­ren, d. h. »kon­stru­ie­ren« (das aber oft ganz un­merk­lich). »Much is left un­said«. Ich weiß nicht, wo­her mir der der eng­li­sche Satz zu­fliegt, den­ke aber nicht un­be­dingt an He­ming­way und sei­ne Spit­ze-des-Eis­bergs-Theo­rie. Es ist ein star­kes Bild, das der sicht­ba­ren Spit­zen, doch pas­sen­der scheint mir das ei­ner Au­ra, ei­nes »ha­lo« (wie die Fran­zo­sen sa­gen). Cel­ans »Licht­hof Be­deu­tung«, al­so wie in der Ly­rik. Im­mer nur klei­ne Er­hel­lun­gen, da­zwi­schen Dun­kel­heit. Das al­les nicht im altro­man­ti­schen Sinn, son­dern, wenn man so sa­gen kann, in er­zähl­tech­nisch Hin­sicht. Wie funk­tio­niert ein Ro­man? In­dem mit Wor­ten ein Raum oh­ne Wor­te ge­schaf­fen wird, gleich­sam sein Un­be­wuß­tes, das der Au­tor weiß und uns aus stra­te­gi­schen Grün­den nicht ver­rät. Wir, die Le­ser, kön­nen, wenn wir wol­len, sel­ber her­um­rät­seln.

Weiß er es wirk­lich? Sind sol­che Au­toren »all­wis­send«? Ver­schwei­gen sie et­was (vie­les)? Für die Au­toren, die ich hier im Au­ge ha­be, gilt das eher nicht. Sie ar­bei­ten viel­mehr mit ih­rer Un­wis­sen­heit. Sie ge­hen aus vom Nicht­ver­ste­hen, wol­len den Be­reich des Nicht­ver­ste­hens wo­mög­lich re­du­zie­ren, wis­sen aber auch, daß das nie voll­stän­dig ge­lin­gen wird. Sie ar­bei­ten mit Ah­nun­gen. Viel­leicht sind sie nicht ein­mal wis­sen­der als der Le­ser. Viel­leicht ist manch ein Le­ser wis­sen­der als der Au­tor des Buchs, das er liest.

Kaf­ka ist das Non­plus­ul­tra des er­zäh­len­den Schrei­bens im 20., viel­leicht noch im 21. Jahr­hun­dert. An die­se The­se glau­ben vie­le, aber sel­ten wird die Fra­ge ge­stellt, was Kaf­ka denn be­wirkt hat, ob er Bre­schen ge­öff­net hat in der Li­te­ra­tur, oder bes­ser: im Be­reich li­te­ra­ri­scher, poe­ti­scher, ima­gi­na­ti­ver Sen­si­bi­li­tät (an dem ge­nau­so der Le­ser teil­hat). Eher wirkt Kaf­kas Werk mo­no­li­thisch, sei­ne gan­ze Schrift­stel­ler­exi­stenz ist ein be­son­de­res, her­aus­ra­gen­des, aber ab­ge­schlos­se­nes Ka­pi­tel. Bei Joy­ce ist das ganz an­ders, auf ihn kann man sich ein­las­sen, mit sei­nem Werk mit­ge­hen, wach­sen, zum Fan wer­den, zum Spe­zia­li­sten. In der New York Times stand un­längst ein Be­richt über ei­nen Le­se­kreis zum (prin­zi­pi­ell un­ver­ständ­li­chen) Fin­ne­gans Wa­ke, der über Jahr­zehn­te ging und kürz­lich zu ei­nem glück­li­chen (?) En­de kam.

Wei­ter­le­sen

Ka­tha­ri­na Pek­tor (Hrsg.): Re­né Char und Pe­ter Hand­ke – Gu­te Nach­barn

Katharina Pektor: Rene Char und Peter Handke - Gute Nachbarn

Ka­tha­ri­na Pek­tor: Re­ne Char und Pe­ter Hand­ke – Gu­te Nach­barn

Bis­lang hat Pe­ter Hand­ke seit 1980 33 Bü­cher ins Deut­sche über­setzt. Nicht ein­ge­rech­net drei ei­ge­ne Thea­ter­stücke, die er vom Fran­zö­si­schen sel­ber über­tra­gen hat­te. Hand­ke hat im­mer dar­auf hin­ge­wie­sen, den pro­fes­sio­nel­len Über­set­zern nicht die Ar­beit weg­ge­nom­men zu ha­ben. Sei­ne Über­tra­gun­gen dien­ten auch (wenn nicht so­gar vor­dring­lich) da­zu, die Auf­merk­sam­keit auf an­de­re, bis da­hin un­be­kann­te Au­toren zu len­ken. So über­setz­te er aus dem Slo­we­ni­schen fünf Bü­cher mit Ge­dich­ten von Gu­stav Ja­nuš, zu­sam­men mit Hel­ga Mrač­ni­kar Der Zög­ling Tjaž von Flor­jan Li­puš und 2020 Er­ste und letz­te Ge­dich­te von Fab­jan Haf­ner. Vom ame­ri­ka­ni­schen Au­tor Wal­ker Per­cy über­trug er zwei Bü­cher und steu­er­te so­gar ei­ne neue Ver­si­on von Shake­speares Win­ter­mär­chen bei. Hand­ke wag­te sich auch an die grie­chi­schen Klas­si­ker Eu­ri­pi­des und So­pho­kles. Der größ­te Teil – ins­ge­samt 20 Bü­cher – sind Über­tra­gun­gen aus dem Fran­zö­si­schen. Von Mar­gue­ri­te Du­ras nahm er sich der Er­zäh­lung La Mala­die de la Mort im Hin­blick auf ei­ne spä­te­re fil­mi­schen Rea­li­sie­rung an. Hand­ke mach­te deutsch­spra­chi­ge Le­ser mit Em­ma­nu­el Bo­ve, Fran­cis Pon­ge, den spä­te­ren No­bel­preis­trä­ger Pa­trick Mo­dia­no, Ge­or­ges-Ar­thur Gold­schmidt, Bru­no Bay­en und den in (fran­zö­sisch schrei­ben­den) grie­chi­schen Ly­ri­ker Di­mit­ri Ana­lis be­kannt.

Auch vom fran­zö­si­schen Ly­ri­ker Re­né Char (1907–1990) über­setz­te Hand­ke zwei Bü­cher. Char ge­nießt in Frank­reich ei­ne ho­he Re­pu­ta­ti­on. Al­bert Ca­mus cha­rak­te­ri­sier­te ihn 1959 »Dich­ter des Auf­ruhrs und der Frei­heit« und nann­te ihn den »größ­ten le­ben­den Dich­ter«. Dies be­zog sich nicht nur auf sein ly­ri­sches Werk, son­dern auch sei­nen be­waff­ne­ten Kampf in der fran­zö­si­schen Ré­si­stance ab 1941 (»Ca­pi­taine Alex­and­re«). 1983 wur­de sein Werk in die »Bi­blio­t­hè­que de la Plé­ia­de« auf­ge­nom­men.

Hand­ke nahm sich zu­nächst 1984 der Ge­dicht­samm­lung Le Nu per­du et aut­res poè­mes 1964–1975 an. Sie er­schien un­ter dem deut­schen Ti­tel Rück­kehr strom­auf, Ge­dich­te 1964–1975, in der »Edi­ti­on Ak­zen­te« im Han­ser Ver­lag. 1990 dann in ei­ner bi­blio­phi­len Aus­ga­be der »Edi­ti­on Pe­trar­ca« im Münch­ner Klaus G. Ren­ner Ver­lag, Die Nach­bar­schaf­ten Van Goghs (Les voi­si­na­ges de Van Gogh [Erst­aus­ga­be in Frank­reich 1985]).

Im Rah­men der »Edi­ti­on Pe­trar­ca« er­scheint nun bei Wall­stein der Band Re­né Char und Pe­ter Hand­ke – Gu­te Nach­barn, der sich der Ge­ne­se und des Um­felds die­ser bei­den Über­set­zungs­ar­bei­ten wid­met. Ka­tha­ri­na Pek­tor, ak­tu­ell Lei­te­rin der di­gi­ta­len Edi­ti­on »Pe­ter Hand­ke: No­tiz­bü­cher« am Li­te­ra­tur­ar­chiv der Öster­rei­chi­schen Na­tio­nal­bi­blio­thek, ist ei­ne der be­sten Ken­ner des Wer­kes von Pe­ter Hand­ke und fun­giert hier als Her­aus­ge­be­rin.

Den voll­stän­di­gen Text »Wie ab­ge­dun­kel­te Räu­me im Som­mer« bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Wel­ten und Zei­ten I

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

Nichts ge­gen Na­me­drop­ping. Man be­geg­net mal die­sem, mal je­nem, in der Li­te­ra­tur und Gei­stes­welt wie im rich­ti­gen Le­ben, mal flüch­ti­ger, mal ernst­haf­ter, es ent­ste­hen Ver­bin­dun­gen, Ge­mein­sam­kei­ten wer­den ent­deckt, Ver­bin­dun­gen wer­den ge­löst, neu ge­knüpft, oder auch nicht: Un­ter­schie­de fest­ge­stellt, Ab­gren­zun­gen vor­ge­nom­men. Freund­schaf­ten und Be­kannt­schaf­ten. Und eben auch Feind­schaf­ten. Nicht al­les paßt zu­sam­men, nicht im­mer. Na­tür­lich wün­schen wir uns, daß mehr fällt als der Na­me. Viel­leicht der Gro­schen, im­mer wie­der ein­mal.

Al­ter­na­ti­ve Tra­di­ti­ons­li­ni­en auf­zei­gen, nicht im­mer das­sel­be wie­der­käu­en. Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Li­te­ra­tur­ge­schich­te. Wie je­ne, die jetzt über­all Frau­en am Werk se­hen in der Kunst, Mu­sik etc. Frei­lich, das lohnt nicht im­mer, oft ist das ideo­lo­gie­ge­lenkt. Wie bei der »wie­der­ent­deck­ten« Ba­rock­ly­ri­ke­rin Si­byl­la Schwarz, die 17-jäh­rig ver­stor­ben war. Nein, sie war eben kein weib­li­cher Rim­baud des 17. Jahr­hun­derts, son­dern be­sten­falls Main­stream, al­so mit­tel­mä­ßig, hat halt die Re­gel­poe­tik ei­nes Mar­tin Opitz an­ge­wen­det wie so vie­le an­de­re, die man des­we­gen aber nicht »wie­der­ent­decken« muß. Dich­ten war da­mals nichts an­de­res als ei­ne Schul­übung. Nur we­ni­ge ra­gen aus dem Main­stream, Gry­phi­us, Fle­ming, Gün­ther. Das al­les, wirk­lich al­les, zu le­sen, war mei­ne Be­schäf­ti­gung, als ich un­ge­fähr 23, 24 war. So­gar Si­byl­la Schwarz ist mir da­mals un­ter­ge­kom­men, in der Her­zog Au­gust-Bi­blio­thek zu Wol­fen­büt­tel.

Aber hier geht es um den Ro­man und dar­um, was von ihm bleibt. Trans­ver­sa­le Blicke, Sei­ten­blicke auf be­schei­de­ne­re Wer­ke, nicht im­mer nur die groß­spu­ri­gen, groß­mäch­ti­gen. Nicht der Groß­ro­man, eher die klei­ne­ren. Gad­dis, Faul­k­ner, Joy­ce, Proust, Mu­sil, Da­vid Fo­ster Wal­lace… all die Ge­walt­anstren­gun­gen be­ein­drucken mich nicht mehr. Auch nicht die spie­le­ri­sche Ge­walt ei­nes Pe­rec in La vie mo­de d‘emploi. Statt des­sen die zu­gäng­li­che­ren Wer­ke, et­wa Le Grand Me­aul­nes von Alain-Fou­rier. Oder Pa­trick Mo­dia­no (na ja, ein No­bel­preis­trä­ger…).

Sol­che Trans­ver­sa­li­tät be­deu­tet na­tür­lich nicht, sich ein­fach ei­ne Li­te­ra­tur­li­ste zu­sam­men­zu­wür­feln und dann die Bü­cher der Rei­he nach zu le­sen. Es be­deu­tet eher, sie »gleich­zei­tig« zu le­sen, wo­bei gleich­zei­tig nicht im chro­no­me­tri­schen Sinn zu ver­ste­hen ist, son­dern in ei­nem or­ga­ni­schen: Man liest sie al­le in ei­nem Zeit-Raum, der da­mit ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät an­nimmt. Es geht 1. dar­um, Ähn­lich­kei­ten über hi­sto­ri­sche Epo­chen, un­ter­schied­li­che Spra­chen und Kul­tu­ren fest­zu­stel­len, 2. dar­um, im sel­ben Sinn Un­ter­schie­de fest­zu­stel­len, 3. dar­um, sich Über­ra­schun­gen zu öff­nen und un­vor­her­ge­se­he­ne Er­kennt­nis­se zu­zu­las­sen. Es ist al­so nicht das wis­sen­schaft­li­che Prin­zip des Auf­stel­lens ei­ner Hy­po­the­se, die dann be­stä­tigt, er­gänzt oder ver­wor­fen wird, und auch kein sta­ti­stisch-quan­ti­ta­ti­ves Prin­zip, bei dem Kor­re­la­tio­nen, Wie­der­ho­lun­gen, Nach­bar­schaf­ten be­rech­net wer­den, son­dern ein qua­li­täts­ori­en­tier­tes und nur be­dingt steu­er­ba­res Prin­zip, das Krea­ti­vi­tät in der Lek­tü­re, als clo­se re­a­ding und her­me­neu­ti­scher Vor­gang mit star­ker sub­jek­ti­ver Kom­po­nen­te ver­stan­den, er­lau­ben und för­dern soll­te.

Wei­ter­le­sen

An­ne We­ber: Bann­mei­len

Anne Weber: Bannmeilen

An­ne We­ber: Bann­mei­len

Bann­mei­len – Ei­nen Ro­man in Streif­zü­gen nennt die seit vie­len Jah­ren in Pa­ris le­ben­de An­ne We­ber ihr neu­es Buch. Nach dem »rück­blicken­den Vor­spiel« fol­gen 18 Ka­pi­tel, in de­nen (bis auf ei­ne Aus­nah­me) ei­ne na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­le­rin zu­sam­men mit dem be­freun­de­ten Film­re­gis­seur Thier­ry durch die Pa­ri­ser Ban­lieues, die Vor­städ­te, streift. Ge­nau­er: Es ist das Dé­part­ment Sei­ne-Saint-De­nis, we­gen sei­ner mit 93 be­gin­nen­den Post­leit­zahl auch »das Neun-Drei« ge­nannt, den sich die bei­den da vor­neh­men. Thier­ry plant ei­nen Film über die Neu­bau­ten (Sta­di­en, aber auch Woh­nun­gen) in Pa­ris und spe­zi­ell in »Neun Drei« an­läss­lich der Olym­pi­schen Spie­le 2024.

Die Er­zäh­le­rin leb­te, wie sie fast bü­ße­risch be­kennt, bis­her na­he­zu aus­schließ­lich im Zen­trum mit den »Ki­nos, Lä­den, Mu­se­en«, den schö­nen al­ten Häu­sern, dem Ufer der Sei­ne, und so wei­ter. Sie ha­be »jahr­zehn­te­lang in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ei­ner frem­den Welt«, »je­der für sich«, ge­lebt. Und nun al­so ei­ne Art Pro­jekt: »Ge­hen, wo nie­mand geht.« Was gar nicht so ein­fach ist, denn die Er­reich­bar­keit ist um­ständ­li­cher, als die Luft­li­ni­en­ent­fer­nung dies na­he­legt. Mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln muss man lang­wie­ri­ge Um­stei­ge­pro­ze­du­ren in Kauf neh­men und auch mit dem Au­to wä­re man auf­grund des Ver­kehrs­ge­wühls nicht schnel­ler. An­ge­kom­men, stellt man fest, dass es oft ge­nug kei­ne Geh­stei­ge gibt und das man »quer­stra­ßen­ein« Au­to­stra­ßen über­que­ren muss. Um­so über­rasch­ter, dass es tat­säch­lich ei­ne Tou­ris­mus­sei­te im In­ter­net für Sei­ne-Saint-De­nis gibt.

Im Lau­fe der sich über meh­re­re Mo­na­te hin­zie­hen­den Tref­fen nimmt bei der Er­zäh­le­rin das be­reits zu Be­ginn an­klin­gen­de Schuld­be­wusst­sein des bis­he­ri­gen Nicht­be­ach­tens der Ban­lieu-Be­woh­ner (nebst der Bau­sün­den der Stadt der letz­ten Jahr­zehn­te) ste­tig zu. Da­bei wird auch Thier­rys Le­bens- und Her­kunfts­ge­schich­te er­zählt. Er ist Jahr­gang 1963, sein Va­ter wur­de 1941 in Al­ge­ri­en ge­bo­ren. 1969 zog die Fa­mi­lie aus der so­ge­nann­ten »Ci­té des 4000«, ei­ner Art Hoch­haus­get­to, das man in­zwi­schen längst ab­ge­ris­sen hat, aus. Da­mals gab es, so Thier­ry, kei­ne Dro­gen und kei­ne Ka­pu­zen­trä­ger. Der Va­ter schaff­te es mit sei­ner Selbst­stän­dig­keit als Elek­tri­ker zu be­schei­de­nem Mit­tel­schicht-Wohl­stand und ei­nem Haus. Sein sehn­lich­ster Wunsch war, nicht mehr als Ara­ber zu gel­ten – ver­geb­lich. Den (fik­ti­ven) Nach­na­men Thier­rys, Ben­sa­lem, er­fährt der Le­ser auf Sei­te 98. Thier­rys vier Jah­re äl­te­rer Stief­bru­der (der Va­ter war Wei­ßer), heißt Jean-Luc Du­bo­is. Die bei­den wa­ren so­gar auf ei­ner Schu­le; nie­mand be­merk­te ih­re Ver­wandt­schaft. Das Ver­hält­nis ist ge­spannt oder viel­leicht auch: nicht vor­han­den.

Den voll­stän­di­gen Text »›Zwi­schen zwei Wo­an­ders‹« bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

Ju­lia Jost: Wo der spit­zeste Zahn der Ka­ra­wan­ken...

Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht

Ju­lia Jost: Wo der
spit­zeste Zahn der
Ka­ra­wan­ken in den
Him­mel hin­auf fletscht

2019 ge­wann die 1982 ge­bo­re­ne Kärnt­ne­rin Ju­lia Jost im Kla­gen­fur­ter Bach­mann­preis-Wett­be­werb für ih­re Er­zäh­lung Scha­kal­tal den Ke­lag-Preis (das war da­mals ähn­lich ei­ner Bron­ze­me­dail­le). Nor­ma­ler­wei­se wer­den der­art er­folg­rei­che Tex­te rasch in fer­ti­ge Bü­cher über­führt, aber bei Jost muss­ten po­ten­ti­el­le Le­ser fast fünf Jah­re war­ten, bis heu­er der fer­ti­ge Ro­man vor­liegt. Er trägt den zu­nächst schreck­li­chen, nach der Lek­tü­re aber kon­ge­ni­al er­schei­nen­den Ti­tel Wo der spit­zeste Zahn der Ka­ra­wan­ken in den Him­mel hin­auf fletscht.

Scha­kal­tal ist der kom­pri­mier­te Be­ginn des jet­zi­gen Ka­ra­wan­ken-Ro­mans. Die Schluss­sze­ne der elf­sei­ti­gen Er­zäh­lung fin­det sich im Buch auf Sei­te 25. Es ist ein Er­eig­nis, dass die Men­schen um den Gast­hof Gratsch­ba­cher Hof, ir­gend­wie in der Nä­he von Feld­kir­chen, Kärn­ten, »wo der spit­zeste Zahn der Ka­ra­wan­ken in den Him­mel hin­auf fletscht«, noch Jah­re spä­ter be­schäf­tigt und für ei­nen kur­zen Mo­ment kam es da­mals der Er­zäh­le­rin vor, »als wä­re die Welt auf­ge­braucht.«

Zu Be­ginn be­trach­tet die Ich-Er­zäh­le­rin, von der man nur den er­sten Buch­sta­ben des Vor­na­mens – ein J – er­fährt, ein Klas­sen­fo­to aus dem 1989. Sie war da­mals 7 Jah­re alt. Nicht auf dem Fo­to sind ih­re bei­den Brü­der Tho­mas und Jo­han, die neun bzw. vier Jah­re äl­ter sind. Da­bei war al­ler­dings der kurz zu­vor aus Ti­rol »emi­grier­te« Fran­zi Ruck, der da­bei er­wischt wur­de, wie er dem Pfar­rer in den ge­öff­ne­ten Mund hin­ein­pin­kel­te was als Grund für den Um­zug der Fa­mi­lie an­ge­ge­ben wird. Fran­zi hat es schwer in die Klas­sen­ge­mein­schaft auf­ge­nom­men und ak­zep­tiert zu wer­den, nicht zu­letzt bei J.

Ir­gend­wann fin­den die Kin­der ein Mes­ser des Groß­va­ters mit der In­schrift »Mei­ne Eh­re heißt Treue«. Beim Kni­fe-Game packt J die Angst und schleu­dert das Mes­ser in den na­hen Brun­nen. Die Al­ten wer­den to­ben, al­so muss das Mes­ser her­aus­ge­holt wer­den. Fran­zi will sich be­wei­sen und es ho­len. Man seilt ihn in den Brun­nen ab. Aber es kommt zur Ka­ta­stro­phe. Als man nichts mehr von dem Jun­gen hört, ruft man die Feu­er­wehr. Fran­zi ist tot – das Mes­ser steckt in sei­nem Bauch. Die Er­zäh­le­rin lässt im Lau­fe des Ro­mans vom Zu­stand der Lei­che über den Ob­duk­ti­ons­be­richt bis zur Be­er­di­gung im wei­ßen Bir­ken­sarg kein De­tail aus. Ein Bei­spiel für den Er­zähl­duk­tus die­ses Ro­mans: Pen­deln zwi­schen Tra­gik, Ko­mik und poe­ti­schen Mo­men­ten.

Vor­der­grün­dig er­zählt J fünf Jah­re nach dem Fran­zi-Er­leb­nis, aus dem Jahr 1994 her­aus, als Zwölf­jäh­ri­ge, was durch das Er­zäh­len im Prä­sens un­ter­stützt wird. Tat­säch­lich schwingt aber ei­ne wei­te­re Ebe­ne mit, in dem ei­ne er­wach­se­ne Frau ih­re Er­in­ne­run­gen zu wie­der­ho­len scheint. An­ders ist die zu­wei­len an­spruchs­vol­le Wort­wahl nicht zu er­klä­ren.

Suk­zes­si­ve ent­wickeln sich die Ge­schich­ten der ein­zel­nen Prot­ago­ni­sten. Et­wa die El­tern. Der Va­ter, Carl, ist acht Jah­re äl­ter als die Mut­ter Mar­ga­re­the, für die er sich da­mals hat­te schei­den las­sen. Für Mar­ga­re­the war die Hei­rat mit 21 ein Ent­kom­men aus der Do­mi­nanz ih­rer El­tern, die sie schon mit 12 ne­ben der Schu­le in der Gast­wirt­schaft ar­bei­ten lie­ßen. Sie konn­te nach der Hei­rat stu­die­ren, wur­de aber erst mit dem SPÖ-Par­tei­buch als Leh­re­rin ein­ge­stellt. Als es um den Di­rek­tor­po­sten ging, er­klär­te man ihr, dass sie als Frau da­für nicht ge­eig­net sei, was sie in die Onio­ma­nie trieb. Sie kann von nun an nicht an­ders als al­le mög­li­chen an­ti­qua­ri­sche Mö­bel zu er­stei­gern und sich da­bei als Auk­ti­ons­sie­ge­rin zu in­sze­nie­ren.

Der Va­ter ist Au­to­händ­ler; ein Self­ma­de-Un­ter­neh­mer, der es zu Wohl­stand brach­te. Sin­ni­ger­wei­se heißt er Kö­nig mit Nach­na­men. Auf das Geld braucht man nicht zu ach­ten. Zu Be­ginn der 1990er Jah­re steigt er dann in ein Groß­ge­schäft mit 50 LKWs für Ser­bi­en ein, was schließ­lich nur den »Ver­mitt­lern« half, wie ein klei­ner, aber ein­deu­ti­ger Ne­ben­satz ver­rät. Als ein von sei­ner Frau ge­kauf­tes Mö­bel beim Spie­len von den Kin­dern be­schmutzt wur­de, prü­gel­te er mit dem Gür­tel auf die nack­ten Hin­tern sei­ner Söh­ne (dass die Toch­ter, al­so die Er­zäh­le­rin, Ver­ur­sa­che­rin des Flecks sein könn­te, kam ihm nicht in den Sinn). Die­se An­lei­he an Ha­n­ekes Das wei­ße Band wird kon­ter­ka­riert durch die Ver­zweif­lung des Va­ters über den sich durch Kauf­lust ob­ses­siv aus­ge­leb­ten Nar­ziss­mus sei­ner Frau. Jo­han und Tho­mas, die bei­den Brü­der der Ich-Er­zäh­le­rin, wer­den stark idea­li­siert, wa­ren mit ih­ren lan­gen Haa­ren und locke­ren Be­klei­dun­gen ein­fach »schön« und pro­vo­zier­ten so man­chen Dorf­be­woh­ner.

J ver­birgt sich am Er­zähl­tag im Som­mer 1994, wäh­rend die Fa­mi­lie mit ei­nem mon­strö­sen Um­zugs mit fünf oder sechs LKWs vom Gratsch­ba­cher Hof, den man an Ber­li­ner ver­kauft hat­te, nach Klo­ster­berg (die Orts­an­ga­ben im Ro­man sind mal fik­tiv, mal re­al) be­schäf­tigt ist. Der Grund für den Um­zug liegt nicht zu­letzt dar­in, dass al­le Ge­bäu­de von den ge­kauf­ten Mö­beln über­quol­len und ei­nes Ta­ges der Va­ter ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch er­litt und sei­nen Mer­ce­des wol­lü­stig zer­stör­te, weil die­ser über Nacht von ei­nem Mö­bel­hau­fen be­gra­ben wor­den war. Zu­nächst liegt J un­ter ei­nem LKW, spä­ter sitzt sie für al­le un­be­merkt in ei­ner LKW-Fah­rer­ka­bi­ne. Hier hört sie das lang­sa­me Her­un­ter­zäh­len von ein­hun­dert auf null ih­rer be­sten Freun­din Lu­ca, die 1991 mit ih­rer Fa­mi­lie aus Bos­ni­en nach Kärn­ten kam.

Vor­der­grün­dig er­zählt ei­ne toll­küh­ne 12jährige mit be­tont kur­zen Haa­ren und ei­ner All­er­gie auf Kleid­chen über sich und ih­re Freund­schaft mit Lu­ca, dem kecken Emi­gran­ten­kind, dem man »Öster­rei­chisch« bei­gebracht hat­te. Man tauscht Küs­se und über­prüft das, was man in ei­nem »Sex­heft« sah. Die bei­den ha­ben ge­hei­me Rück­zugs­or­te, spie­len mit Holz­ge­weh­ren, in­sze­nie­ren Os­kar-Ver­lei­hun­gen.

Josts Buch er­scheint zu­nächst als Dorf­ro­man, der mit be­kann­ten Mo­ti­ven auf­war­tet. Na­tür­lich bau­melt je­mand am Strick, es gibt ei­nen un­ge­klär­ten Groß­va­ter-To­des­fall (die vier mög­li­chen To­des­va­ri­an­ten wer­den aus­ge­führt), Kat­zen wer­den in ei­nem Fluss er­tränkt, NS-De­vo­tio­na­li­en wie sa­kra­le Ge­gen­stän­de be­han­delt und der träu­me­ri­sche Jo­han wird von der »Land­ju­gend« ein­mal als »Schwuchtl« ver­or­tet, dem man ein­fach mal die Haa­re mit dem Tep­pich­mes­ser ab­schnei­det. Der Un­fall­tod Fran­zis ist ein kur­zer Wink­ler-Mo­ment, aber J ist ro­bust, nicht zu­letzt durch Lu­ca. Zur Ab­wechs­lung kom­men die Groß­el­tern ein­mal nicht so gut weg. Schließ­lich sympathisier(t)en die­se noch Jahr­zehn­te spä­ter mit der Na­zi-Zeit (und ein Opa las im­mer wie­der Sein und Zeit).

Im­mer­hin wer­den im Lau­fe des Ro­mans ei­ni­ge die­ser satt­sam be­kann­ten Bil­der de­mon­tiert und so manch ei­ne Fi­gur ist nicht das, was sie zu­nächst scheint. Da ist zum Bei­spiel Jo­sef Brug­ger, der »Focknhocker«-Bauer, ei­ne ver­wahr­lo­ste, ent­stell­te Ge­stalt, »dau­er­rau­schig«, et­was zwi­schen Dorf­idi­ot und Gru­sel­clown. So ist sein Ge­sicht die »er­ste Er­in­ne­rung über­haupt« der Er­zäh­le­rin. Die Pup­pe, die sie einst von ihm ge­schenkt be­kam, er­tränk­te J im »Katzl­teich«. Aber auf ih­rem er­sten und ein­zi­gen Aus­flug mit ih­rem Bru­der Tho­mas in den Gail­ta­ler Al­pen, zur win­di­schen Ka­pel­le auf dem Do­bratsch, der in ei­ner wun­der­ba­ren, poe­ti­sie­ren­den Stim­mung er­zählt wird, wird die Le­bens­ge­schich­te des Fock­nhockers er­zählt. Wie die­ser vom ver­hass­ten Va­ter, der ihn im­mer wie­der ver­prü­gel­te, aus­riss und halb ver­zwei­felt, halb mu­tig zu den slo­we­ni­schen Par­ti­sa­nen ging. Aus Jo­sef wur­de Lo­j­ze, der für sei­ne Ka­me­ra­den Le­bens­mit­tel stahl und für sie koch­te. Kämp­fen las­sen woll­te man ihn nicht, weil der Va­ter ihm schon ei­nen Fin­ger ab­ge­schnit­ten hat­te. Als er 1943 er­wischt wur­de, kam er ins KZ, grü­ner Win­kel, Zwangs­ar­beit am Ka­ra­wan­ken­tun­nel. Als al­les zu­sam­men­brach, kam er frei, wä­re fast noch von an­de­ren Par­ti­sa­nen er­schos­sen wor­den, ging zu­rück zu sei­nem Va­ter und er­mor­de­te ihn. Ein Le­ben, das man so schnell nicht ver­gisst.

Auch die Lo­kal­po­li­tik der 1990er fin­det Ein­lass, in Per­son ei­nes ge­wis­sen Ger­not Pfandl, einst bei der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr, dann Ge­mein­de­bür­ger­mei­ster und, wenn man es rich­tig ver­stan­den hat, spä­ter Par­tei­chef. Die Par­tei und auch die Fi­gur wei­sen hier und da Zü­ge der FPÖ bzw. von Jörg Hai­der (oder wo­mög­lich ei­nem an­de­ren »blau­en« Po­li­ti­ker) auf. Aber selbst er, der Spezl-Po­li­ti­ker und Strip­pen­zie­her, wird in ei­nem Mo­ment lei­dend ge­zeigt, als er sich an den to­ten Fran­zi schau­dernd er­in­nert, den er Jah­re zu­vor ge­bor­gen hat­te.

Bis­wei­len wird (si­cher­lich ab­sich­tig) die Schwel­le zum Kla­mauk über­schrit­ten, et­wa wenn öf­fent­lich Beich­ten am Stamm­tisch beim Pfar­rer Don Mar­co ge­hal­ten wer­den. Auch die Jagd­ge­sell­schaft, die sich zwei Mal im Jahr in der Gast­wirt­schaft traf, be­kommt ka­ri­ka­tures­ke Zü­ge. Bei der Bür­ger­mei­ster­wahl gibt es ein gro­ßes Rät­sel­ra­ten, wer die ei­ne Stim­me für die Kom­mu­ni­sten ab­ge­ge­ben hat – der Kan­di­dat sel­ber war es, wie man er­fährt, nicht. Bleibt ei­gent­lich nur der Fock­nhocker.

Merk­wür­dig, wie die­se he­te­ro­ge­ne Ge­sell­schaft am Schluss un­ter frei­em Him­mel ein fried­li­ches Fest für die ab­rei­sen­de Fa­mi­lie fei­ert. In den Mo­men­ten des Ab­schieds ge­lingt für kur­ze Zeit so et­was wie ei­ne Ge­mein­schaft jen­seits al­ler Dif­fe­ren­zen. Der Ro­man en­det mit der Ab­fahrt des Kon­vois und John­ny Cashs One Pie­ce At A Time. Der Prot­ago­ni­stin ge­mäß wird die Tren­nung der Freun­din­nen oh­ne Sen­ti­men­ta­li­tät er­zählt.

Viel­leicht ist der Ro­man ei­ne Spur zu süf­fig ge­schrie­ben, im­mer blit­zen sze­nen­wei­se groß­ar­ti­ge, poe­ti­sche Mo­men­te auf. Der Ver­lag wirbt mit dem häss­li­chen Wort vom »Coming-of-age«-Roman. El­frie­de Je­li­nek, bei der sich Ju­lia Jost be­dankt, spricht von »hei­te­rer Bös­ar­tig­keit«, was At­mo­sphä­re und Stil tref­fen­der be­schreibt. Die Au­torin kann dem Zeit­geist nicht wi­der­ste­hen und outet ih­re Prot­ago­ni­stin als »que­er«. Who ca­res? Und ja, ich möch­te so­fort wis­sen, wie es wei­ter­geht.

Die Über­wäl­ti­gung des Er­zäh­lers

Jon Fosse: Ein Leuchten

Jon Fos­se: Ein Leuch­ten

Schon seit vie­len Jah­ren galt bei den bri­ti­schen Buch­ma­chern der nor­we­gi­sche Au­tor Jon Fos­se zum er­wei­ter­ten Kreis der mög­li­chen Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger. Im Herbst 2023 san­ken die Quo­ten im­mer deut­li­cher, so dass sich die Über­ra­schung bei der Ver­kün­dung dann in Gren­zen hielt. Fos­se hat rund 40 Thea­ter­stücke ver­fasst, schreibt Ge­dich­te, Pro­sa, Kin­der­bü­cher und Es­says. Er schreibt in Ny­n­orsk, ei­ner im 19. Jahr­hin­dert aus tra­di­tio­nel­len Dia­lek­ten kon­zi­pier­ten Spra­che, die heut­zu­ta­ge nur von ei­ner Min­der­heit von et­wa 10–15% ver­wen­det wird (die »Buch­spra­che« in Nor­we­gen ist Bok­mål). Sein Werk wur­de be­reits vor dem No­bel­preis in mehr als vier­zig Spra­chen über­setzt. Fos­se sel­ber über­setz­te zahl­rei­che Wer­ke eng­lisch- und deutsch­spra­chi­ger Au­toren, dar­un­ter Franz Kaf­ka, Tho­mas Bern­hard und Pe­ter Hand­ke ins Nor­we­gi­sche. Seit 2022 ist er Mit­glied der Deut­schen Aka­de­mie der Kün­ste in Ber­lin.

Seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten über­setzt Hin­rich Schmidt-Hen­kel Fos­ses Bü­cher, die zu gro­ßen Tei­len im Ro­wohlt-Ver­lag er­schie­nen sind. Dort wur­de im letz­ten Jahr der letz­te Band sei­ner Hepta­lo­gie auf­ge­legt, all­ge­mein als das Opus-Ma­gnum Fos­ses be­zeich­net. Das deut­sche Feuil­le­ton scheint Fos­se al­ler­dings den No­bel­preis nicht zu ver­zei­hen. So konn­te man neu­lich le­sen, Fos­se sei ein »No­bel­preis­trä­ger mit dem Ro­sen­kranz-Tick«. Der Hang des Nor­we­gers, sei­nen ka­tho­li­schen Glau­ben in ein­zel­ne Fi­gu­ren und Hand­lun­gen ein­zu­bau­en, wird pau­schal als In­ter­pre­ta­ti­ons­ge­rüst an­ge­bo­ten. Nun ist es fast un­mög­lich im sich pro­gres­siv ge­ben­den, selbst­ge­fäl­li­gen deut­schen Li­te­ra­tur­be­trieb mit dem Eti­kett des »christ­li­chen« Au­tors auch nur an­näh­rungs­wei­se zu re­üs­sie­ren.

Wei­ter­le­sen