An­fangs­sym­pa­thie

Über zwei Bü­cher von mir nicht ganz Un­be­kann­ten.

An­dre­as H. Dre­scher und Marc De­gens ken­ne ich ei­gent­lich nicht. Wenn man »ken­nen« in den Kri­te­ri­en des »re­al li­fe« de­fi­niert. Wir ha­ben uns noch nie ge­se­hen. Wir korrespon­dieren zu­wei­len bzw. ha­ben kor­re­spon­diert. Die Be­kannt­schaft ist vi­ral und sehr spo­ra­disch. An­dre­as H. Dre­scher schick­te mir vor vie­len Jah­ren ein Ma­nu­skript, dass ich ziem­lich gut fand. Sei­ne zwei­te Ver­si­on hat­te ich dann ir­gend­wie nicht mehr ge­le­sen, da ich sel­ber an ei­nem Buch­pro­jekt ar­bei­te­te. Da war die Mög­lich­keit mein Hand­ke-Ju­go­sla­wi­en-Buch im SuKuL­TuR-Ver­lag von Marc De­gens zu pu­bli­zie­ren, schon ver­wirkt (mei­ne Schuld).

An­dre­as H. Dre­scher hat ak­tu­ell »Koh­len­hund« pu­bli­ziert; in ei­nem Ver­lag, der sein ei­ge­ner ist (wenn ich das rich­tig ver­ste­he; bei Ama­zon ist er zur Zeit nicht lie­fer­bar). Und von Marc De­gens er­fährt man in »Eri­wan« end­lich, was er zwi­schen 2008 und 2010 in Ar­me­ni­en ge­macht und er­lebt hat. »Eri­wan« er­scheint bei »Il­le & Rie­mer««, je­nem Ver­lag, der mein Hand­ke-Ju­go­sla­wi­en-Buch 2012 ver­legt hat­te.

Die bei­den Bü­cher ha­be ich al­so mit ei­ner ge­wis­sen An­fangs­sym­pa­thie ge­le­sen. Das soll­te man wis­sen, wenn man mei­ne Be­mer­kun­gen liest. Wei­ter­le­sen

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H. M. van den Brink: Ein Le­ben nach Maß

Hans Maarten van den Brink: Ein Leben nach Maß

H. M. van den Brink:
Ein Le­ben nach Maß

Seit ei­ni­gen Wo­chen er­scheint er re­gel­mä­ßig im Traum und plötz­lich steht er dann schwei­gend in der Woh­nung: Karl Di­jk. Je­ner ehe­ma­li­ge Ar­beits­kol­le­ge des na­men­lo­sen Ich-Er­zäh­lers in Hans Maar­ten van den Brinks »Ein Le­ben nach Maß«. Es ist ir­gend­wann um 2009, der Er­zäh­ler ist Mit­te 60. Er ist pen­sio­niert, ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter der Eich­be­hör­de. Na­tür­lich ist das ei­ne Hal­lu­zi­na­ti­on, ein Fie­ber­traum, der im­mer wie­der Frag­men­te des Le­bens her­vor­spült. Und be­son­ders eben je­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Karl Di­jk, der Ei­gen­bröt­ler, der hart­näckig Ab­we­sen­de, der selbst sei­ner Ab­schieds­fei­er fern­blieb, was die um­trie­bi­ge Di­rek­to­rin nicht da­von ab­hielt, die vom Er­zäh­ler ver­fass­te Re­de vor­zu­tra­gen.

Es be­ginnt am 2. Ja­nu­ar 1961 als der Er­zäh­ler 18jährig sei­nen Dienst beim Eich­amt be­ginnt und dort den we­nig äl­te­ren Karl Di­jk trifft. Es ist der Tag des er­sten und letz­ten Hän­de­drucks; so eng die Zu­sam­men­ar­beit auch teil­wei­se war, es wird nie der­art in­tim. Noch exi­stent sind Tra­di­ti­on und Ethos ei­ner Be­hör­de, die die Waa­gen der Le­bens­mit­tel­händ­ler, Markt­leu­te, Flei­scher, Dro­gi­sten und Apo­the­ker kon­trol­liert – sei es, dass man ih­nen die­se bringt oder sie im Au­ßen­dienst be­sucht. Sie sind we­nig be­liebt, zu­wei­len wer­den sie so­gar be­droht. Der Prü­fer als Feind und man be­ginnt an Jo­sef Roths »Das fal­sche Ge­wicht« zu den­ken. Und es ist die Zeit, in der die »per­ma­nen­te Ver­änderung…noch nicht er­fun­den« war.

Aber nach­träg­lich sieht man sie na­tür­lich. Aus den Dör­fern wur­den Vor­or­te, aus Wie­sen Ge­wer­be­ge­bie­te und aus der Be­hör­de ein pri­va­tes Dienst­lei­stungs­un­ter­neh­men. Die Stra­ßen sind vol­ler Au­tos, aber längst oh­ne die Fahr­zeu­ge der mo­bi­len Bäcker, Flei­scher und Le­bens­mit­tel­händ­ler. Das al­les wird leicht, la­ko­nisch, aber nie­mals ver­klä­rend er­zählt. Kein »Frü­her war al­les bes­ser«, denn schließ­lich stan­ken die Grach­ten er­bärm­lich nach Müll, Un­rat und »En­ten­grüt­ze«. Und die Kun­den wur­den be­schum­melt. Wei­ter­le­sen

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Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (6/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

6 – Der schma­le Grat zwi­schen Ge­fähr­dung und Idio­tie

Mu­sil, Hork­hei­mer und Ador­no brin­gen kei­ne kon­kre­ten Bei­spie­le für ih­re The­sen, we­der po­li­ti­scher noch le­bens­welt­li­cher, we­der in­di­vi­du­el­ler noch kol­lek­ti­ver Art. Was er bringt, sind Re­de­ge­wohn­hei­ten und ei­ni­ge all­ge­mein­mensch­li­che, ide­al­ty­pi­sche Fäl­le. Wel­che For­men, wel­chen Sinn und Un­sinn kann Dumm­heit an­neh­men, wel­che Funk­ti­on er­fül­len? Je­der kennt Bei­spie­le, nicht zu­letzt von sich selbst.

Ich zum Bei­spiel ha­be mei­ne letz­te Dumm­heit vor we­ni­gen Mi­nu­ten be­gan­gen, kei­ne ver­ba­le, son­dern ei­ne Dumm­heit der Tat. Ich fuhr auf ei­nem viel­be­fah­re­nen, re­la­tiv brei­ten Weg hin­ter zwei Fahr­rad­fah­rern, jun­gen Män­nern, die bei eher lang­sa­mer Ge­schwin­dig­keit ne­ben­ein­an­der­fah­rend plau­der­ten und län­ge­re Zeit die Bahn ver­sperr­ten, die sie nur für Ent­ge­gen­kom­men­de kurz frei­ga­ben. Ich woll­te nicht klin­geln, woll­te nicht auf­dring­lich sein, fuhr ein, zwei Ki­lo­me­ter na­he an den bei­den Hin­ter­rä­dern und über­holte, als sich ei­ne Chan­ce da­zu bot. Ab­sicht­lich schnitt ich den ei­nen Fah­rer, woll­te ihn da­bei nicht wirk­lich be­rüh­ren, be­rühr­te ihn dann aber doch mit dem Ell­bo­gen, den ich viel­leicht ein paar Zen­ti­me­ter zur Sei­te ge­streckt hat­te. Der jun­ge Mann kam ins Schleu­dern und stürz­te schließ­lich. Sein Freund schnauz­te mich an, ich schnauz­te zu­rück, ging dann aber doch be­sorgt, et­was klein­laut ge­wor­den, zu dem Ge­stürz­ten. Er hat­te sich an ei­ner Hand leich­te Ab­schür­fun­gen zu­ge­zo­gen – ei­ne ge­ring­fü­gi­ge Ver­let­zung, aber eben doch ei­ne sicht­ba­re Fol­ge mei­ner Hand­lung, ich war dar­an schuld. Ich ent­schul­dig­te mich. Der Ge­stürz­te, wie­der auf den Bei­nen, schau­te mich ver­dat­tert an.

Ei­ne Dumm­heit; wenn mir wirk­lich so viel an ei­nem ge­ord­ne­ten Fahr­rad­ver­kehr ge­le­gen ist, soll­te ich ver­su­chen, Ver­kehrs­sün­der zur Re­de zu stel­len, an mei­ner Uni­ver­si­tät auf­klä­rend zu wir­ken, in der Schu­le mei­ner Toch­ter ei­ne ver­nünf­ti­ge Ver­kehrs­er­zie­hung for­dern. Das wä­ren, viel­leicht, klu­ge Hand­lun­gen. Aber ei­nen un­schul­di­gen, bloß ein we­nig leicht­sin­ni­gen Jun­gen in Ge­fahr zu brin­gen...

Wor­in be­stand mei­ne Dumm­heit? In der fal­schen, nicht zweck­füh­ren­den – aber wer weiß? – Wahl der Mit­tel? Oder wur­zel­te sie nicht doch eher im emo­tio­na­len Be­reich, in man­geln­der Ein­füh­lungs­be­reit­schaft und, ja, Ag­gres­si­vi­tät, al­so un­zu­rei­chen­der Af­fekt­kon­trol­le? In der Nicht­be­rück­sich­ti­gung der mög­li­chen Fol­gen mei­nes Han­delns? Schließ­lich hät­te die Sa­che schlim­mer en­den kön­nen. Ge­fühl und Ver­stand ver­mi­schen sich, ge­nau wie Mu­sil es in sei­ner Re­de be­schrieb. Wei­ter­le­sen

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Bo­tho Strauß: Der Fort­füh­rer

Botho Strauss: Der Fortführer

Bo­tho Strauss: Der Fort­füh­rer

Vom Idio­ten (idio­tes) über den Höh­len­be­woh­ner zum »Fort­füh­rer« – der Rei­gen der re­fle­xiv-apho­ri­sti­schen, bis­wei­len zeit- und kul­tur­kri­ti­schen No­ta­te von Bo­tho Strauß, die fast ein ei­ge­nes Gen­re kre­ieren, geht wei­ter. Be­zeich­nen­der­wei­se sind die­se drei Bü­cher in drei ver­schie­de­nen Ver­la­gen pu­bli­ziert wor­den; ein­zig »Oni­rit­ti«, das kryp­tisch­ste der drei, ist in Strauß’ Haus­ver­lag Han­ser er­schie­nen.

Schon das Co­ver vom »Fort­füh­rer« ver­wei­gert sich in sei­ner Na­tur­lei­nen-Op­tik jeg­li­chen De­si­gnat­ti­tü­den. Wüss­te man es nicht bes­ser, könn­te es sich auch um ein Buch aus den 1950er Jah­ren han­deln. Nicht nur an die­ser Klei­nig­keit ist spür­bar, wie der Au­tor mit den fast schon re­flex­haft da­her­kom­men­den Zu­schrei­bun­gen des Li­te­ra­tur­be­triebs spielt. Da­bei wird die selbst­re­fle­xi­ve Nach­denk­lich­keit, die hin­ter den zu­wei­len trot­zi­gen Ein­las­sun­gen steckt, ge­flis­sent­lich über­se­hen. »Ich ha­be nie mit­ten im Le­ben ge­stan­den«, stellt Strauß an ei­ner Stel­le fest. Er le­be »als Trouvaille…von Trou­vail­len« heißt es an­de­ren­orts. Sich selbst ver­or­tet der Dich­ter al­so weit drau­ßen, jen­seits von Kum­pel­haf­tig­keit und Trend­set­ting.

Ei­gent­lich han­delt es sich bei Strauß’ neu­estem Buch um zwei Bü­cher. In »Zwi­schen Jetzt und Nu« wer­den in vier­zehn Ka­pi­teln in der Form von Pro­sa­ge­dich­ten »bit­ter­ste Fünk­chen« (Strauß) ge­zün­det, die zum Teil ähn­lich my­stisch-sur­re­al klin­gen wie in »Oni­rit­ti«. Strauß zeigt sich dies­mal vor al­lem als ein »Ge­fan­ge­ner sei­nes Zun­gen­schlags«, plä­diert vol­ler Lei­den­schaft für ei­ne Spra­che, die »glüht wie feu­ri­ges Ei­sen kurz vor der Schmel­ze«, macht es sich ab­sichts­voll un­ge­müt­lich in ei­ner »Hüt­te aus Alt­spra­che« und er­zählt ei­ne Men­ge skur­ri­ler Din­ge, wie et­wa ei­ne Per­son, die ihr Le­ben lang die Ker­ne der Kir­schen auf­ge­ho­ben hat, die sie ge­ges­sen hat­te. Er se­ziert ei­nen Blu­men­strauß, ent­deckt an ei­nem Sand­strand ein­hun­dert Jah­re al­te Mul­den von Frau­en, fei­ert das »Wun­der der Er­schöp­fung«, dif­fe­ren­ziert zwi­schen Nichs­tu­er und Fau­len­zer, ent­deckt die »Gottver­lassenheit des Dis­ku­tie­rens«, macht Kin­der zu »Er­fah­rungs­ur­al­ten«, die »erst zu klei­nen Er­wach­se­nen [wer­den], wenn sie an der Er­fah­rungs­ar­mut der Er­wach­se­nen teil­neh­men und teil­neh­men müs­sen« und ent­wickelt ei­ne Dys­to­pie über ei­ne Han­dy-App, die bei Per­so­nen auf Wunsch »aus­ge­such­te Er­in­ne­rungs­zo­nen mit Dun­kel­stof­fen ‘be­schießt’, al­so schwärzt«. Wei­ter­le­sen

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Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (5/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

5 – Dumm­heit ist ein Wund­mal.

Ge­gen En­de des zwei­ten Welt­kriegs und der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Herr­schaft in Deutsch­land und Öster­reich ver­öf­fent­lich­ten Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no ein Buch mit dem Ti­tel Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, das bis heu­te viel zi­tiert, aber we­nig ge­le­sen wird (was nicht nur an der Schwie­rig­keit der Ge­dan­ken, son­dern auch am ma­nie­rier­ten, über­la­de­nen Satz­bau liegt). So gut wie gar nicht ge­le­sen wird der Schluß­teil, ei­ne Art An­hang von Frag­men­ten und Skiz­zen, der mit die­sem Satz be­ginnt: »Zu den Leh­ren der Hit­ler­zeit ge­hört die von der Dumm­heit des Ge­scheitseins.« Dar­an ist zu­nächst ein­mal er­staun­lich, daß die Schrei­ber von ei­ner zu En­de ge­gan­ge­nen Epo­che zu spre­chen schei­nen. Das Buch ist aber 1944 er­schie­nen, im Vor­wort aus die­sem Jahr wei­sen die Au­toren auf den An­hang hin, er dürf­te al­so schon in der Erst­aus­ga­be ent­hal­ten ge­we­sen sein. Wa­ren sich die bei­den gar so si­cher, daß die Hit­ler­zeit dem­nächst der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren wür­de? We­nig spä­ter noch noch deut­li­cher, im Im­per­fekt: »Die in Deutsch­land zur Macht ka­men, wa­ren ge­schei­ter als die Li­be­ra­len und düm­mer.«

Ador­no lieb­te pa­ra­do­xe For­mu­lie­run­gen, sei­ne ne­ga­ti­ve Dia­lek­tik sta­chel­te ihn im­mer wie­der da­zu an. Die rhe­to­ri­sche Ma­schi­ne­rie hat je­doch die pro­ble­ma­ti­sche Ten­denz, die Re­de zu­neh­mend von der Er­fah­rungs­wirk­lich­keit zu ent­fer­nen, über sie hinwegzu­schweben oder sie ganz aus dem Blick zu ver­lie­ren. Das Bei­spiel, das Hork­hei­mer und Ador­no mehr an­deu­ten als be­spre­chen, ist die – nicht beim Na­men ge­nann­te – Be­schwich­ti­gungs­po­li­tik des sei­ner­zei­ti­gen bri­ti­schen Pre­mier­mi­ni­sters Cham­ber­lain ge­gen­über dem sich im­mer ag­gres­si­ver ver­hal­ten­den NS-Re­gime. Im nach­hin­ein ist man na­tür­lich ge­schei­ter, aber das Zö­gern nicht nur Cham­ber­lains, son­dern zahl­rei­cher Ver­ant­wort­li­cher in ver­schie­de­nen Län­dern wä­re doch zu­nächst nicht als Zei­chen von man­geln­der In­tel­li­genz, son­dern ei­ner Zu­rück­hal­tung zu wer­ten, die in vie­len Si­tua­tio­nen klug sein mag, im ge­ge­be­nen Fall je­doch falsch war. Zu vie­les, vor al­lem aber: zu lan­ges Nach­zu­den­ken kann die not­wen­di­ge Hand­lungs­be­reit­schaft hem­men – das zeigt uns schon das Bei­spiel Ham­lets, des Prin­zen von Dä­ne­mark. Soll man in die­sen Fäl­len aber ge­nau­so von Dumm­heit spre­chen, wie man es bei Ge­dan­ken­lo­sig­keit oder man­geln­der In­tel­li­genz tut? Ich fürch­te, die dia­lek­ti­sche bzw. pa­ra­do­xa­le Fi­gur, zu der die bei­den Den­ker ge­lan­gen, rührt da­her, daß sie das Wort »Dumm­heit« mit zwei­er­lei Be­deu­tung ge­brau­chen. Sie be­ruht auf se­man­ti­scher In­kon­gru­enz. Wei­ter­le­sen

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Ju­lia Encke: Wer ist Mi­chel Hou­ellebecq

Julia Encke: Wer ist Michel Houllebecq?

Ju­lia Encke:
Wer ist Mi­chel Houllebecq?

»Por­trät ei­nes Pro­vo­ka­teurs« nennt der Ver­lag (?) Ju­lia Enckes Buch »Wer ist Mi­chel Hou­ellebecq«. Und fast hät­te es da­zu ge­führt, dass ich es nicht ge­le­sen hät­te, denn »Pro­vo­ka­teur« oder dann die im In­halts­ver­zeich­nis ka­pi­tel­mä­ssi­gen Über­schrif­ten wie »Der Schrift­stel­ler«, »Der Ro­man­ti­ker« oder gar »Der Vi­sio­när« las­sen das Schlimm­ste be­fürch­ten. Der­art kon­di­tio­niert bin ich dann doch ans Le­se­werk ge­gan­gen. Und am En­de auf­at­mend: Nein, die­ses Buch ist kein feuil­le­to­ni­sti­scher Schmock, kei­ne mit Auf­decker­po­se ver­fass­te, sen­sa­ti­ons­hei­schen­de Pseu­do­deu­tungs­ma­schi­ne­rie. Ju­lia Encke ge­lingt – so viel sei vor­weg ge­nom­men – ein de­zi­dier­tes Bild über Le­ben und Werk ei­nes der am mei­sten zi­tier­ten zeit­ge­nös­si­schen eu­ro­päi­schen Schrift­stel­lers.

Schon im Vor­wort zeigt die Ver­fas­se­rin wie Hou­ellebecq in der Öf­fent­lich­keit »plan­mä­ssig die Gren­zen von Fi­gu­ren- und Au­toren­re­de« ver­wischt und vor­gibt »die dar­aus re­sul­tie­ren­de all­ge­mei­ne Auf­re­gung nicht zu ver­ste­hen«. Da­bei wer­den die me­dia­len Auf­ge­regt­hei­ten, die meist auf­grund von Äu­ße­run­gen in In­ter­views und Ge­sprä­chen hoch­ko­chen, von ihm nicht nur in kauf ge­nom­men, son­dern re­gel­recht ge­pflegt. »Was er [Hou­ellebecq] in Ab­re­de stellt, ist ei­ne Über­ein­kunft: näm­lich die, dass Li­te­ra­tur und öf­fent­li­che Re­de zwei un­ter­schied­li­che Or­te des Spre­chens sind, mit de­nen sich auch un­ter­schied­li­che Re­geln des Spre­chens ver­binden«. Der Nach­teil die­ses Ver­fah­rens ist die Ver­schmel­zung von Werk bzw. den Haupt­prot­ago­ni­sten in sei­nen Wer­ken (die sehr häu­fig den Vor­na­men »Mi­chel« tra­gen) mit der rea­len Per­son Houllebecq. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ist dies min­de­stens in Deutsch­land fast ein Sa­kri­leg, aber Hou­ellebecq schert sich, wie Encke deut­lich macht, um sol­che Be­find­lich­kei­ten nicht. Der Preis da­für ist ge­wollt: Miss­ver­ständ­nis­se, Verein­nahmungen, vor­ei­li­ge Rück­schlüs­se von rea­ler Per­son auf Prot­ago­ni­sten und vice ver­sa. Aber eben auch Auf­merk­sam­keit.

Deut­lich wird Encke wenn es um die all­zu ein­fa­che Ver­knüp­fung zwi­schen Fik­ti­on und Au­to­bio­gra­phi­schem geht: »Die Be­zü­ge sind da, und na­tür­lich schöpft er schrei­bend aus dem Vol­len. Bloß prä­sen­tiert er…dabei zum ei­nen im­mer nur ei­ne Wahr­heit, näm­lich sei­ne ei­ge­ne. Zum an­de­ren wählt er aus, ver­frem­det, über­treibt. Er fik­tio­na­li­siert; und er­zeugt da­mit je­nen Be­deu­tungs­spiel­raum, mit dem er Ge­wiss­hei­ten – und das heißt auch: bio­gra­phi­sche Ge­wiss­hei­ten – er­schüt­tern will und den Zwei­fel nährt. Das Spiel mit wie­der­erkenn­ba­ren De­tails, die auf das Le­ben oder die Per­son des Au­tors ver­wei­sen, ge­hört so­mit zu sei­nen li­te­ra­ri­schen Ver­fah­ren.« Wei­ter­le­sen

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Obst­dieb

Denk ich in Deutsch­land an die Nacht,
hör ich ein He­cheln,
lau­ter ra­sche Schrit­te,
und bin —er­staunt, was da ge­sche­hen—
um mehr als nur den Schlaf ge­bracht.

Für ein Tisch­ge­spräch am Abend,
das mit dun­kel wird,
fand sich nie­mand.— Im­mer­hin, die Quit­te,
von ih­ren Flau­sen un­ter­wegs be­freit,

erst bei ra­schem, dann be­dach­tem Ge­hen.
Mir Ge­sell­schaft lei­stend spä­ter
eher un­gern, schien mir:

ge­gen mich wohl man­ches ha­bend;
auf dem Wirts­haus­tisch
buck­li­ges Schwei­gen.

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Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (4/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

4 – Wer über Dumm­heit spricht, setzt vor­aus, daß er sich für klug hal­te, ob­wohl es als Zei­chen der Dumm­heit gilt, das zu tun.

In sei­ner am 11. März 1937, ex­akt ein Jahr vor dem An­schluss Öster­reichs an Deutsch­land, in Wien ge­hal­te­nen Re­de Über die Dumm­heit hielt Ro­bert Mu­sil ein­gangs die Schwierig­keit fest, »daß je­der, der über Dumm­heit spre­chen oder sol­chem Ge­spräch mit Nut­zen bei­woh­nen will, von sich vor­aus­set­zen muß, daß er nicht dumm sei; und al­so zur Schau trägt, daß er sich für klug hal­te, ob­wohl es all­ge­mein für ein Zei­chen von Dumm­heit gilt, das zu tun!« Franz Schuh adel­te die­sen Satz in ei­ner Re­zen­si­on – ein Gen­re, das auch Mu­sil pfleg­te – zum »Mu­sil­schen Pa­ra­dox«, und tat­säch­lich er­in­nert er ein we­nig an das so­kra­ti­sche. Schuh kommt al­ler­dings zu dem Schluß, daß man Dumm­hei­ten mit »re­la­ti­ver In­tel­li­genz« be­nen­nen kön­ne, oh­ne dem Pa­ra­dox der Dumm­heit zu ver­fal­len. Wich­tig scheint mir hier das Epi­the­ton »re­la­tiv«: Der Klu­ge bleibt sich des­sen be­wußt, daß sei­ne Aus­füh­run­gen un­zu­treff­fend sein oder so­gar der Dumm­heit an­heim fal­len könn­ten. Ich glau­be, man kann wei­ter ge­hen und die Mu­sil­schen Skru­pel – zwar nicht be­sei­ti­gen, aber auf ein ge­lin­de­res Maß zu­rück­stut­zen. Ei­ne Aus­sa­ge über Dumm­heit kann sinn­voll oder un­sin­nig, rich­tig oder falsch, ethisch ak­zep­ta­bel oder in­ak­zep­ta­bel sein. Selbst ein Dum­mer kann der ei­ge­nen Dumm­heit ge­wahr wer­den und die­se per­sön­li­che Ei­gen­schaft über­win­den. Es ist nicht not­wen­dig, stän­dig auf Dumm­hei­ten hin­zu­wei­sen – wer wä­re vor ih­nen ge­feit? –, aber manch­mal eben doch, und wer soll­te dies auf sich neh­men, wenn nicht die Klu­gen, un­ab­hän­gig da­von, ob sie ein Da­mo­kles­schwert der Pa­ra­do­xie über ih­ren Häup­tern spü­ren oder nicht. Ist nicht auch die Angst, sich in zwei­ter In­stanz lä­cher­lich zu ma­chen, ei­ne Spiel­art der Ei­tel­keit, der Mu­sil zu Recht die in­tel­lek­tu­el­le Be­schei­den­heit ent­ge­gen­setzt? Wei­ter­le­sen

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