Rai­nald Goe­tz: Jo­hann Hol­trop

Rainald Goetz: Johann Holtrop

Rai­nald Goe­tz: Jo­hann Hol­trop

»Auf al­len Ka­nä­len volks­psy­cho­lo­gi­sches Ge­fa­sel über die Gier« – so lau­tet ein No­tat von Pe­ter Slo­ter­di­jk am 18. Ok­to­ber 2008, ver­öf­fent­licht in »Zei­len und Ta­ge«. Wei­ter heißt es: »Kein Mensch will be­grei­fen, daß nicht die Gier an der Macht ist, son­dern der Feh­ler…« Auch Rai­nald Goe­tz’ Er­zäh­ler in »Jo­hann Hol­trop« schreibt über die Gier, die die Welt steue­re, ei­ne Gier, sich dau­ernd ir­gend­ei­nen Vor­teil für sich zu ver­schaf­fen, am lieb­sten na­tür­lich in Form von Geld, ge­nau dar­in aber, in ih­rem Kal­kül auf Ei­gen­nutz, um­ge­kehrt sel­ber kal­ku­lier­bar, aus­re­chen­bar und aus­beut­bar zu­letzt, das war die Ba­sis der ab­strak­ten Geld­ma­schi­ne, die hier re­si­dier­te. »Hier« ist der fik­ti­ve Ort Kröl­pa, Sitz der »As­sperg AG«, ei­nes welt­weit agie­ren­den Me­di­en­kon­zer­nes de­ren Vorstands­vorsitzender Dr. Jo­hann Hol­trop ist. Welch ein Wort­spiel zu Be­ginn (ei­nes von vie­len): »As­sperg« er­in­nert an das As­per­ger-Syn­drom, wo­mit das Mi­lieu wohl durch­gän­gig cha­rak­te­ri­siert wer­den soll (ich kom­me spä­ter noch hier­auf zu­rück). Und dann zucken die Par­al­le­len (auch dort, wo es sie ab­sichts­voll nicht gibt): »As­sperg« hat ei­ni­ges von Ber­tels­mann und ei­ni­ges nicht; Hol­trop er­in­nert an Mid­del­hoff und auch wie­der nicht, Ka­te As­sperg und der »Al­te« an Liz und Rein­hard Mohn. Ei­ni­ges stimmt, an­de­res nicht; ir­gend­wann be­ginnt man die Par­al­le­len nicht mehr zu su­chen, weil es egal ist, ob Ga­brie­le Heint­zen nun Ma­de­lei­ne Schicke­danz ist, Hol­trops Ver­mö­gens­be­ra­ter Mack an Jo­sef Esch er­in­nert, die Fi­gur Binz an Leo Kirch und mit dem Gosch-Im­pe­ri­um der Sprin­ger Ver­lag ge­meint ist. Die Fi­gu­ren und Or­ga­ni­sa­tio­nen wer­den ge­konnt bis zur Un­kennt­lich­keit ste­reo­ty­pi­siert. Mit dem Spiel mit der Rea­li­tät, dem Ge­we­se­nen, schafft man im­mer­hin se­mi-ehr­gei­zi­gen Germanist(inn)en ei­ne Spiel­wie­se und da passt es ganz gut, dass es zwei Li­sten gibt, die hier be­hilf­lich sind: ei­ne Fi­gu­ren­li­ste und ei­ne Über­sicht »Schau­platz und Ge­sche­hen»1 (»hol­tropp­lag« zur Be­gut­ach­tung der Dok­tor­ar­beit Hol­trops fehlt viel­leicht noch.)

Die Ge­schich­te der Nuller­jah­re will Rai­nald Goe­tz hier (fort)schreiben; das Über­buch heißt »Schlucht«; der Werk­kon­text ist ganz vor­ne im Buch ab­ge­druckt. »Ab­riss ei­ner Gesell­schaft« lau­tet der mehr­deu­ti­ge Un­ter­ti­tel zum Hol­trop-Buch, ziem­lich frei und doch auch er­in­nernd an »Ver­fall ei­ner Fa­mi­lie«. Am­bi­tio­niert al­so. Fo­kus­siert wer­den be­son­ders die Jah­re 2001 und 2002; die Zeit zwi­schen 2003 und 2010 im letz­ten Teil wird kür­zer und poin­tier­ter ab­ge­han­delt. Goe­tz’ Er­zäh­ler, den man viel­leicht mehr als üb­lich und le­gi­tim mit dem Schrift­stel­ler Rai­nald Goe­tz wenn nicht gleich­set­zen, so doch ei­ne gro­ße Af­fi­ni­tät at­te­stie­ren muss, ist sich im­mer ge­nau si­cher, wen er da be­schreibt, wer da durch die Flu­re tor­kelt, her­um­brüllt, sich in de­vot-be­wun­dern­den Zei­tungs­por­traits sonnt oder ein­fach nur dum­mes Zeug er­zählt: Es ist die Gier, die Macht, das Geld – per­so­ni­fi­ziert in Jo­hann Hol­trop. Fach­li­ches: Eher Ne­ben­sa­che, fast stö­rend. Be­zie­hungs­wei­se: Es kommt nicht vor. Die Nuller­jah­re al­so das Zeit­al­ter der ent­fes­sel­ten Gier- und Macht­men­schen, bar je­der an­de­ren Kom­pe­tenz? Mehr als die an­de­ren Jahr­zehn­te, et­wa die Wirt­schafts­­wun­der-50er oder Gold­grä­ber-90er? Nicht nur die­se Ant­wort bleibt Goe­tz schul­dig.

At­tri­bu­te für Pla­stik­fi­gu­ren

Da­für pol­tern die At­tri­bu­te durch den Ro­man, ei­nes prä­gnan­ter, ver­nich­ten­der und be­droh­li­cher als das an­de­re. Hol­trop ist Hek­ti­ker, ein Freak, ein Ir­rer, ein Psy­cho­path, lebt, wie ver­si­chert wird im Wahn to­ta­ler Ge­gen­wart, mal ma­nisch, mal wirr, dann wie­der eins mit sich selbst und der in­ne­ren Lee­re und kennt nur Ich, ich, ich. Der Le­ser weiß, dass es auch (vor al­lem?) an den »Tradon«-Tabletten liegt, die wie sau­re Drops kon­su­miert wer­den. Nach au­ßen ist er ein Staats­schau­spie­ler und dem­zu­fol­ge gra­nit­haft optimistisch[r] Strah­le­mann, der ei­ne Schwach­sinns­re­de nach der an­de­ren hält. Hol­trop hat ir­repa­ra­be­le per­sön­lich­keits­struk­tu­rel­le De­fek­te, die ihm zum durchgeknallteste[n] Ma­na­ger sei­ner Zunft ma­chen. Ob­wohl er per­ma­nent von der Viel­zahl und Gleichzeitig­keit sei­ner Ak­ti­vi­tä­ten über­for­dert, über­la­stet ist, ver­dient er Zig-Mil­lio­nen (die er zwischen­zeitlich oh­ne es groß zu be­mer­ken zur Hälf­te wie­der ver­lo­ren hat). Nichts lässt Goe­tz aus um zu il­lu­strie­ren: Da schef­felt ei­ner Mil­lio­nen nicht trotz sei­ner De­fek­te, son­dern we­gen die­ser. Da­mit be­wegt sich der Ro­man­cier auf der Hö­he der Zeit, auf der Li­nie des Bou­le­vards und des Feuil­le­tons (gibt es über­haupt noch ei­nen Un­ter­schied?), was na­tur­ge­mäß auf ent­spre­chen­des Wohl­wol­len trifft. Die Kri­ti­ker über­schla­gen sich mit Lob, weil ih­nen je­mand et­was ge­schrie­ben hat, was sie seit je­her glau­ben und sie be­stä­tigt und da­mit für Rea­lis­mus hal­ten. Und die di­stan­zier­ten Stim­men kom­men zu dem Schluss, dass es dann doch nicht ganz zum Balzac rei­che son­dern eher an die »ta­ges­schau« er­in­ne­re (ein Ta­schen­spie­ler­trick von Iris Ra­disch, die erst ei­ne Par­al­le­le zu Balzac ins Feld führt, um sie dann zu de­stru­ie­ren).

Die sicht- wie les­ba­ren De­fi­zi­te die­ses Bu­ches lie­gen, um es sa­lopp zu sa­gen, in den Fi­gu­ren. Die Fi­gu­ren, die Goe­tz auf­mar­schie­ren lässt wie viel­leicht sonst nur ein Uwe Tell­kamp im DDR-Re­fu­gi­en­bür­ger­tum sei­nes Dresd­ner »Turm«-Bezirks, le­ben nicht. Der Ro­man be­steht aus lau­ter Pla­stik­fi­gu­ren, die, »Spiegel«-gemäß, mit dem Al­ter und dann ein paar phy­sio­gno­mi­schen Be­son­der­hei­ten be­schrie­ben wer­den, be­vor sie dann wie wei­land Ha­rald Schmidt sei­ne Play­mo­bil-Püpp­chen ein­fach wie­der ent­fernt wer­den. Sie blei­ben blass und leer weil sie aus­schließ­lich zur Il­lu­stra­ti­on des Sy­stement­wurfs des Dich­ters Rai­nald Goe­tz ge­braucht wer­den. Da passt es, dass es kei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur gibt – das Pup­pen­spiel darf kei­nen Aus­weg auf­zei­gen. Es gibt kei­nen Kas­per, der dem Bö­sen mit dem Knüp­pel auf den Kopf haut. In der Goe­tz-Welt haut je­der je­dem auf den Kopf; die Un­ter­schie­de be­stehen al­len­falls in der Grö­ße des Knüp­pels und der In­ten­si­tät der Schlä­ge.

»Kennt man ei­nen, kennt man al­le«, hät­te mei­ne Mut­ter das ge­nannt. Goe­tz ba­stelt sich un­sym­pa­thi­sche Stereotype(n) und ge­ne­ra­li­siert. Da­mit kor­rum­piert er je­doch das Pro­jekt sei­ner 00er-Jah­re »Er­kun­dung«. Er geht nicht in die Kon­fe­renz­sä­le hin­ein, er be­gnügt sich mit der pri­va­ten At­mo­sphä­re mit dem Chauf­feur im Fir­men­au­to bei 240 km/h oder der Par­ty-Stim­mung. Aber wie ver­han­delt ein Hol­trop? Wel­che Er­fol­ge hat­te er ge­habt bzw. wur­den ihm zu­ge­schrie­ben, dass er Vor­stands­vor­sit­zen­der wur­de und dann auch ei­ni­ge Jah­re blieb? Im­mer wenn es Ernst wird, wenn ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung an­steht, ei­ne Ver­hand­lung vom Small­talk in den Busi­nesstalk wech­selt, blen­det sich der Er­zäh­ler aus. So wirkt Hol­trop zu oft wie Pe­ter Sel­lers als zu­falls­er­folg­rei­cher In­spek­tor Clou­seau. Es gibt nur ei­ne Aus­nah­me, als ge­zeigt wird, wie Hol­trop ei­ne Be­tei­li­gung an ei­ner chi­ne­si­schen Fern­seh­sta­ti­on er­wirbt – und das As­sperg-An­ge­bot von 400 Mil­lio­nen Dol­lar ein­fach um 150 Mil­lio­nen Dol­lar er­höht. Als die Chi­ne­sen an­neh­men (an­neh­men müs­sen), be­kommt Hol­trop kal­te Fü­ße und ko­ket­tiert mit sich sel­ber, den Vor­ver­trag nicht er­fül­len zu müs­sen. Al­les nur Mo­no­po­ly für Er­wach­se­ne.

Hy­ste­rie und Ver­ach­tung

Es bleibt im All­ge­mei­nen, aber Grund­sätz­li­chen: Fah­rig stol­per­te er der je­weils neu­esten, letzt­ge­star­te­ten Ak­ti­vi­tät, den Blick schon auf die über­näch­ste ge­rich­tet, hin­ter­her, und die mei­sten an­ge­fan­ge­nen Din­ge blie­ben ein­fach nicht zu­en­de ge­bracht ir­gend­wo um ihn her­um lie­gen. Ei­ne ge­lun­ge­ne Be­schrei­bung ei­ner hy­ste­ri­schen Ar­beits­wei­se – aber wel­cher Art sind die­se »Din­ge«, die dann fal­len­ge­las­sen wer­den? Goe­tz sug­ge­riert, dass man nur hoch ge­nug auf der Kar­rie­re­lei­ter ste­hen muss, um mit ei­nem sol­chen Ar­beits­stil zu re­üs­sie­ren und be­kräf­tigt dies so­gar: Die­se struk­tu­rel­le Schlampigkeit…hatte sich mit den Jah­ren, und spe­zi­ell mit dem ful­mi­nan­ten Auf­stieg die Kar­rie­re­lei­ter hoch nach oben, im­mer mehr ver­stärkt, ver­schlech­tert und ver­schlim­mert, zu­letzt hat­te Hol­trop als CEO ei­nen Stab von fünf­zehn Leu­ten un­ter sich, die al­le nichts an­de­res mach­ten, als hin­ter ihm her auf­zu­räu­men, die von ihm un­ge­hemmt wirr an­ge­sto­ße­nen In­itia­ti­ven zu ver­fol­gen, zu sor­tie­ren, ab­zu­schlie­ßen und ab­zu­bre­chen… Der CEO als Irr­wisch, chao­tisch, in­ef­fi­zi­ent, leu­te­schin­de­risch, cho­le­risch. So stellt man sich ger­ne sei­nen Geg­ner (Feind?) vor. Der Ka­pi­ta­lis­mus leuch­te­te, hell und wild wie noch nie, er­fährt man in ei­ner Mi­schung aus Fas­zi­na­ti­on und Ekel. Manch­mal stellt sich die Fra­ge wie viel Goe­tz ei­gent­lich im Hy­ste­ri­ker Hol­trop steckt.

Klar, vie­les ist »po­li­tisch« in sol­chen Groß­un­ter­neh­men und die Be­schäf­ti­gung mit sich sel­ber treibt ab­sur­de Blü­ten. Bei Goe­tz ist je­doch we­nig Sub­stan­ti­el­les hier­über zu le­sen; es wird, wenn über­haupt, nur be­haup­tet. Für wei­te­re In­for­ma­tio­nen muss man schon ei­nen Au­tor wie Ernst-Wil­helm Händ­ler be­mü­hen. Zwi­schen­zeit­lich wähnt man sich in die vor­re­vo­lu­tio­nä­re, hö­fi­sche Welt von »Ge­fähr­li­che Lieb­schaf­ten«, aber die psy­cho­lo­gi­sche Tie­fe des Ro­mans aus dem 18. Jahr­hun­dert er­reicht Goe­tz nicht, denn er er­liegt dem Di­lem­ma in sei­ne Fi­gu­ren hin­ein­zu­krie­chen, die­se je­doch gleich­zei­tig der Lächerlich­ preis­ge­ben zu wol­len. Hier zeigt sich, dass sei­ne per­sön­li­che In­vol­viert­heit, die ihn zum lu­zi­den Chro­ni­sten des deut­schen Feuil­le­to­nis­mus ge­macht hat und im­mer noch macht, hier fehlt.

Statt­des­sen hat Hol­trops Men­schen­bild, das zum Füh­rungs­prin­zip aus­ge­wei­tet wur­de, auch Goe­tz in­fi­ziert: Es re­giert (auf ho­hem sprach­li­chen Ni­veau) die Ver­ach­tung. Wo Hol­trop nur Nul­len sieht, sind er und die an­de­ren Prot­ago­ni­sten für den Er­zäh­ler »Doppel-Null«-Darsteller ei­nes Sy­stems (nein, die­ser Ka­lau­er ist un­ter Goe­tz’ Ni­veau; er ist von mir), es sind al­le­samt Spin­ner und/oder gran­dio­se Su­per­trot­tel. Un­nö­tig zu sa­gen, dass kein Un­ter­neh­men (auch in den 00er Jah­ren nicht) ei­ne sol­che Fi­gur auch nur sechs Mo­na­te über­stan­den hät­te. Der Wahn­sinn ist deut­lich sub­ti­ler, ef­fi­zi­en­ter und da­mit ge­fähr­li­cher, als die­se kom­ple­xi­täts­re­du­zie­ren­de Pro­sa dies Glau­ben ma­chen möch­te. Was na­tür­lich kein Plä­doy­er für ei­nen Die­ter-We­del-Rea­lis­mus sein soll (ob­wohl Ul­rich Tu­kur, der »Gier«-Dar­stel­ler, als Hol­trop be­stimmt fa­mos wä­re). Aber man stel­le sich vor, ein Schrift­stel­ler er­zäh­le aus dem baye­ri­schen Wald, der to­po­gra­phisch als ama­zo­ni­scher Re­gen­walddschun­gel da­her­kä­me.

So­zia­li­sie­rungs­ri­tua­le

Aber geht der Ro­man we­nig­stens als Sa­ti­re durch? Glück­li­cher­wei­se nicht, denn da­für ist Goe­tz ein zu ge­nau­er Si­tua­tio­nen­er­fas­ser, ein fast be­gna­de­ter Hin­gucker, Auf­zei­ger, Drauf­hal­ter und Ver­knüp­fer von So­zia­li­sie­rungs­ri­tua­len jen­seits al­ler Ca­mou­fla­ge. Hier, in die­sen Sze­nen, ge­lin­gen ihm Sit­ten­bil­der der Zeit. Und dies mit ei­ner un­wer­fen­den Mi­schung aus La­ko­nie, Iro­nie und Ge­nau­ig­keit. Et­wa wenn die An­ge­stell­ten­welt an der Fir­men-Es­pres­so­ma­schi­ne durch die un­ver­hoff­te Prä­senz ei­nes Di­rek­tors ein biss­chen aus den Fu­gen zu ge­hen droht. Da sie nicht wis­sen, dass Hol­trop den an­we­sen­den Ab­tei­lungs­lei­ter ge­ra­de ent­las­sen hat, ver­su­chen sie mit Über­sprungs­hand­lun­gen die Si­tua­ti­on zu mei­stern und be­gin­nen Ge­sprä­che über Kaf­fee­ma­schi­nen­kaf­fee, Espresso­maschinen, sol­che für zu­hau­se, im Bü­ro, in Ita­li­en in den dor­ti­gen Es­pres­so­bars, über das be­rühm­te Ein­stein in Ber­lin, den Dampf­druck, die Fil­ter, die Rei­ni­gung… Und tat­säch­lich zeigt sich: Nichts am Ge­sag­ten war neu, der Text war bis in die letz­te Formulierungs­einzelheit hin­ein fer­tig durch­stan­dar­di­siert und oh­ne je­de in­halt­li­che In­for­ma­ti­on, wur­de aber so aus­ge­tauscht, als wür­de mit ihm ein hoch­in­ter­es­san­tes Wis­sen, zu­gleich ei­ne hoch­in­di­vi­du­el­le Be­son­der­heit des sich selbst da­mit dar­stel­len­den Spre­chers mit­ge­teilt. Oder, ei­ne an­de­re Si­tua­ti­on, die un­end­li­che Mat­tig­keit, Schläf­rig­keit und Lan­ge­wei­le auf der von al­len Sei­ten für voll­kom­men über­flüs­sig be­trach­te­ten, den­noch zwin­gend not­wen­di­gen Teil­nah­me an ei­ner Kunst-Ma­ti­nee von Ka­te As­sperg. Und bei ei­nem Emp­fang der As­spergs (mit Schrö­derts­u­na­mi) be­merkt Hol­trop am Ab­scheu­gift­pfeil-Blick der Haus­her­rin und ih­rem ver­lo­ge­nen Säu­seln: das wird nichts mehr mit der Ver­trags­ver­län­ge­rung (wird dann doch noch was, aber nur für kur­ze Zeit).

Fa­bu­lier­lust und Na­me­drop­ping

Nach dem Raus­schmiss bei As­sperg kommt der tie­fe Fall, in ei­nem Pa­ri­ser Re­stau­rant dreht Hol­trop durch und wird ge­walt­tä­tig, lan­det dar­auf­hin ei­ni­ge Mo­na­te in der Psych­ia­trie, wird auf Ta­belet­ten­ent­zug ge­setzt und droht vor­über­ge­hend zum Ba­de­man­tel­früh­rent­ner zu wer­den. Schließ­lich wird er von Mack, sei­nem Vermögens­berater wie­der in die ent­spre­chen­den Krei­se ein­ge­führt. Es fol­gen aber­mals ur­ko­mi­sche und prä­zi­se be­ob­ach­te­te Sze­nen wie die schick­sal­haft sich ent­wickeln­de Vor­stel­lung Hol­trops durch Mack bei der Mil­li­ar­dä­rin Frau Heint­zen nebst an­schlie­ßen­dem Auf­sichts­rats­man­dat ih­rer Lanz AG. Schließ­lich wird ihm der Vor­stands­vor­sitz zu ei­nem bei­na­he sit­ten­wid­rig ein­ge­stuf­ten Ver­trag an­ge­tra­gen. Fast al­les bleibt wie es einst war – nur aus »Tra­don« wird »Xa­nax« und die »Arcandor«-Geschichte er­scheint mehr als nur am Ho­ri­zont, aber da der Le­ser schon die Lust am Per­so­nen- und Af­fä­ren-Bin­go ver­lo­ren.

Wä­ren da nicht die Schrul­len des Au­tors – man wür­de die­ser Pro­sa schnell über­drüs­sig wer­den. Ne­ben merk­wür­di­ger Recht­schrei­be­re­geln (rich­tung statt Rich­tung) blit­zen ge­le­gent­lich die neu ge­schaf­fe­nen (oder ge­schickt re­vi­ta­li­sier­ten) Sub­stan­tiv­schöp­fun­gen wie Un­ge­fäh­ris­mus, Topf­fi­gu­ren­trau­rig­keit, Sech­zig­sät­ze­re­per­toire, Weltvernichtungs­weltkrieg oder Bo­den­stän­dig­keitver­blöd­et­heit fa­bu­lier­lu­stig her­vor. Ein Call­cen­ter ist ein Te­le­fo­ni­stin­nen-KZ und wohl dem, der noch mit Redadairbrandeinsätze[n] et­was an­zu­fan­gen ver­mag. Zu­wei­len sind die Wort­spie­le im Na­me­drop­ping eben­falls ori­gi­nell und amü­sant, et­wa wenn der Pa­stor auf der Aug­stein­be­er­di­gung Trau­gott Buh­re oder der Hit­ler­chef­re­dak­teur vom Hit­ler­pe­ri­odi­kum von Gru­ber und Lang, dem »stern«, Fun­zel heißt. Ge­le­gent­lich per­si­fliert Goe­tz auch Kol­le­gen, et­wa wenn ein Ort Gras­sas­sens oder ein an­de­rer Klein­walsers­dorf ge­nannt wird oder aus dem »Pro­fes­sor aus Hei­del­berg« Bo­do Kirch­hoff wird. Da­ge­gen darf man wo­mög­lich die Er­wäh­nung von Leif Randt (Sei­te 55: An­ruf bei Leif Randt; nicht in der Per­so­nen­li­ste) und dem schim­mern­den Dunst (Sei­te 276) über Mal­lor­ca als Hom­mage an den jun­gen Au­tor wer­ten.

Ver­gli­chen mit der zu­wei­len lang­at­mi­gen be­schrie­be­nen »Assperg«-Zeit rau­schen die »Lanz«-Jahre in Zeit­raf­fer vor­über. Man kehrt Sylt (Kloa­ke für die Dep­pen) zu Gun­sten Süd­frank­reichs noch den Rücken. Aus un­be­kannt blei­ben­den Grün­den ist schließ­lich die In­sol­venz nicht mehr auf­zu­hal­ten; Ver­su­che, noch ei­ne hüb­sche Ab­schlags­zah­lung zu ar­ran­gie­ren, schei­tern. Hol­trop kann die Kre­di­te, die er durch Macks steu­er­vor­teil­haf­te Aus­ga­ben­steue­rung auf­ge­häuft hat um bloß nicht zu viel Steu­ern zu be­zah­len, nicht mehr zu­rück­zah­len. Goe­tz in­sze­niert Hol­trops En­de als Merck­le-Dra­ma. Die­ser Zug hat­te ein­deu­tig Ver­spä­tung.

Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.


  1. Bei­de Links zu den Li­sten sind per 06.08.2015 nicht mehr ab­ruf­bar. 

Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit verschlagwortet. Permalink zum Artikel

5 Kommentare zu »Rai­nald Goe­tz: Jo­hann Hol­trop«:

  1. ohneeinander sagt:

    Hol­trop ist nicht al­lei­ne. In je­der Vor­stands­eta­ge agie­ren Ty­pen wie Hol­trop, wel­che Mit­ar­bei­ter auf bru­tal­ste Art und Wei­se be­nut­zen und ma­ni­pu­lie­ren. Schön, wenn Herr Goe­tz das aus­pricht, aber än­dern wird sich dar­an nichts, so­lan­ge sich die Men­schen ma­ni­pu­lie­ren las­sen.
    Vie­len Dank für den Ar­ti­kel Herr Keu­sch­nig. Ich fin­de, der ist Ih­nen gut ge­lun­gen. Wenn mei­ne Wun­den ver­heilt sind, dann wer­de ich das Buch le­sen.

    #1

  2. pathoblogus sagt:

    Ir­gend­wie wi­der­sprüch­lich: wenn Slo­to über Gier­ge­fa­sel wet­tert, wo er doch selbst schon seit 3 bis 4 Bü­chern nur­noch über Neid blub­bert...

    Sonst kommt es mir dann so vor, als wä­ren dem gu­ten Rai­nald bei ir­gend­wel­chen ho­lo­tro­pi­schen At­mungs­übun­gen doch noch die letz­ten Zel­len weg­ge­lau­fen, die er in den 9ties nicht mit sei­nem Mar­schier­pul­ver ver­trei­ben konn­te...

    Zwi­schen Übung und Hy­per­ven­ti­la­ti­on scheint ein flie­ßen­der Über­gang zu be­stehen...

    #2

  3. @pathoblogus
    Jetzt ist aber gut mit Ih­rem »Sloto«-Geblubber. Wo kann man denn was von Ih­nen le­sen?

    PS: Dem­nächst bit­te funk­tio­nie­ren­de Mail-Adres­se, sonst wird ge­löscht. Steht im Klein­ge­druck­ten.

    #3

  4. Jeeves sagt:

    Klei­ner Ver­tip­per: »Pe­ter Sel­lars als zu­falls­er­folg­rei­cher In­spek­tor Clou­seau. «
    Der Thea­ter­mann war’s nicht; Sie mei­nen den gött­li­chen, ein­ma­li­gen Pe­ter Sel­lers mit »e«.

    #4

  5. @Jeeves
    Oje, oje. Sie ha­ben recht. Wie blö­de von mir. Dan­ke.

    #5