Wel­ten und Zei­ten VI

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

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In der poe­to­lo­gi­schen Kor­re­spon­denz Aus der Zu­kunft des Ro­mans zwi­schen Ol­ga Mar­ty­n­o­va und mir, zu der sich dann an­de­re Au­toren ge­sell­ten und die sich über fast zwei Jah­re er­streck­te, fragt Kurt Neu­mann, das gan­ze Kon­vo­lut über­blickend, ob die Zu­kunft des Ro­mans nicht ei­ne mi­ni­ma­li­sti­sche sei. In der Tat neig­te vor al­lem Ol­ga im­mer wie­der zur Kür­ze; auch An­na Wei­den­hol­zer teil­te am En­de mit, sie wol­le künf­tig Er­zäh­lun­gen in der Art von Ray­mond Car­ver schrei­ben, und zi­tier­te He­ming­ways be­rühm­te Eis­berg-Theo­rie: »Al­les, was man eli­mi­niert, macht den Eis­berg nur noch stär­ker. Es liegt al­les an dem Teil, der un­sicht­bar bleibt.« Sich aufs We­sent­li­che kon­zen­trie­ren – so­fern man weiß, was das We­sent­li­che ist. Bei mir selbst ent­spricht die­se Ten­denz mei­ner spä­ten Ent­deckung der klei­nen Ro­ma­ne à la Mo­dia­no. Ich den­ke mir auch, daß wir auf schwe­res Ge­päck künf­tig ver­zich­ten soll­ten, und in der Wirk­lich­keit rei­se ich ge­nau so, nicht mal ei­nen Rei­se­füh­rer brau­che ich, kei­nen Com­pu­ter, nur ein Han­dy, für Ho­tel­re­ser­vie­run­gen. Und dann soll­ten wir viel­leicht aufs Rei­sen über­haupt ver­zich­ten… Zu an­stren­gend, bringt die na­tür­li­chen Le­bens­ab­läu­fe durch­ein­an­der.

An­de­rer­seits schrei­ben bei wei­tem nicht al­le Ro­man­au­to­ren mi­ni­ma­li­stisch. Hin und wie­der gibt es ge­gen­ge­rich­te­te Strö­mun­gen, oder soll man sa­gen: Mo­den? »Ach­tung, die dicken Ro­ma­ne kom­men!«, kün­de­te – oder warn­te? – Paul Jandl im Som­mer 2018 in der neu­en Zür­cher Zei­tung. Of­fen­sicht­lich ein Ar­ti­kel auf der Grund­la­ge von Ver­lags­ka­ta­lo­gen, die in vie­len Fäl­len wohl die Lek­tü­re der Bü­cher er­set­zen. Am Wel­ten­rand sit­zen die Men­schen und la­chen, von Phil­ip Weiss, ist da­bei, gut 1000 Sei­ten, ei­gent­lich aber fünf Ro­ma­ne, und auch Schat­ten­froh, von Mi­cha­el Lentz, ein Buch, das ich in­zwi­schen – Som­mer 2021 – ge­le­sen ha­be, quer­ge­le­sen, um ehr­lich zu sein, der Ro­man spielt kei­nes­wegs, wie der ir­re­ge­lei­te­te Jandl meint, in Chi­na, son­dern im Kopf des Au­tors, und der ist ziem­lich weit­läu­fig, weit­läu­fi­ger als Chi­na.

Hin­zu kommt, und das ist jetzt wirk­lich pein­lich, daß ich als Au­tor trotz neu­er Vor­lie­ben als Le­ser im­mer noch so schrei­be, wie ich es vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert zu recht­fer­ti­gen such­te, in­dem ich ei­nen ma­ni­fest­ar­ti­gen Text ver­faß­te: Für ei­ne ba­rocke Li­te­ra­tur! Un­ter »ba­rock« faß­te ich Ei­gen­schaf­ten wie aus­ufernd, schwei­fend, wu­chernd, ver­schnör­kelt, viel­di­men­sio­nal, lang-wei­lig (im Adal­bert Stif­ter­schen Sinn) zu­sam­men – al­les, was die stram­me deut­sche Li­te­ra­tur­kri­tik seit dem En­de des letz­ten Welt­kriegs ver­pönt. So schrei­be ich ver­al­tet in die Zu­kunft hin­ein… Pe­ter Hand­ke hat ja auch sol­che Bü­cher ge­macht, nur hat­te er nichts mit dem Ba­rock am Hut, hat viel­mehr sei­ne Epen an fast schon prä­hi­sto­ri­sche Zei­ten an­schlie­ßen wol­len: Gott­fried von Straß­burg wur­de zum Schutz­hei­li­gen er­nannt. Bei man­chen Au­toren ist das Neo­ba­rock ei­ne Al­ters­er­schei­nung, die Kon­zen­tra­ti­ons­kraft scheint ih­nen ab­han­den­ge­kom­men, ein bio­lo­gi­scher Vor­gang. Jun­ger Au­tor = Ge­dich­te, ra­san­te Er­zäh­lun­gen; al­ter Au­tor = be­hä­big aus­ufern­de Ro­ma­ne.

Aber wie ge­sagt, ich ha­be ver­sucht, das Gen­re so zu de­fi­nie­ren, als ba­rockes. Und wie ge­sagt, der Ro­man­cier frißt al­les und ver­wur­stet al­les. Schreibt der Au­tor ei­nen Ro­man, darf er sich ge­hen las­sen, al­ler­dings auf die Ge­fahr hin, sich im Wör­ter­wald zu ver­ir­ren, auf un­weg­sa­mes Ge­län­de zu ge­ra­ten, die Ari­ad­ne­fä­den zu ver­lie­ren und nie ein En­de zu er­rei­chen, wie es Mu­sil mit dem Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten pas­siert ist, bis ihn der Tod in der Ba­de­wan­ne er­lö­ste. Schreibt der Au­tor ei­ne Er­zäh­lung, sind Öko­no­mie und Fo­kus­sie­rung ge­fragt (Mu­sil im prä­ka­ka­ni­schen Er­zähl­band Drei Frau­en). Spar­sam­keit. Éco­no­mi­ser heißt spa­ren. Nicht zu viel sa­gen. Man­che Au­toren schaf­fen den Wech­sel zwi­schen bei­den Sei­ten, ein hei­te­res Hin-und-Her. Ju­lio Cor­tá­zar zum Bei­spiel, vom Ver­fol­ger zu Rayue­la zu Das Feu­er al­ler Feu­er zu 62/Modellbaukausten. Oder Kaf­ka, we­ni­ger hei­ter, weil von ei­ner un­greif­ba­ren In­spi­ra­ti­on schmerz­lich ab­hän­gig. Wenn’s läuft, dann läuft’s, und es kommt ein Ro­man in die Gän­ge, der ein Ziel ha­ben mag, aber kei­nen Weg: Was der Au­tor »Weg« nennt, ist nichts als sein end­lo­ses Zö­gern. Schrei­bend zö­gern, zö­gernd schrei­ben. Auf der an­de­ren Sei­te: die ex­trem fo­kus­sier­ten Tex­te, die wahr­haft mi­ni­ma­li­sti­schen, die mit we­ni­gen Sät­zen aus­kom­men und über­haupt nicht Ge­fahr lau­fen, sich noch ei­nen Mil­li­me­ter wei­ter­zu­be­we­gen. Gib’s auf! Ich ge­he jetzt und schlie­ße. Das ist die Li­te­ra­tur, die als Axt wirkt und ir­gend­ein Eis­meer zer­trüm­mern soll oder kann. Mit ei­nem Schlag? Mit ei­nem Schlag, dem Schlag ans Hof­tor. Auch wenn er rea­li­ter gar nicht statt­ge­fun­den ha­ben soll­te.

Bei In­ge­borg Bach­mann zei­gen sich die­se Ver­hält­nis­se in bio­gra­phi­scher Ab­fol­ge. Dem be­rühm­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Mar­cel Reich-Ra­nicki zu­fol­ge be­saß sie ein ly­ri­sches Ta­lent und hielt da­mit auch nicht hin­ter dem Berg. Dann ver­leg­te sie sich auf Er­zäh­lun­gen, mit de­nen sie eben­falls Er­folg hat­te. Sie bil­de­te sich ein, kei­ne Ge­dich­te mehr schrei­ben zu wol­len oder zu kön­nen. Und dann, als sie das drei­ßig­ste Le­bens­jahr schon deut­lich über­schrit­ten hat­te und sich alt zu füh­len be­gann, be­gann sie auch noch mit dem Ro­man­schrei­ben. Ab­ge­se­hen von Ma­li­na, wo sie sich in Traum­auf­zeich­nun­gen ver­irrt und ver­liert, hat sie kei­nes der nicht we­ni­gen, aus­ufern­den, un­ab­ge­schlos­se­nen Ro­man­ma­nu­skrip­te zeit­le­bens ver­öf­fent­licht. Ei­ne tra­gi­sche Ent­wick­lung, aber nicht un­ty­pisch. Ma­le os­cu­ro. Dunk­les Übel. Mel­en­co­lia. Sie starb mit 46, und viel­leicht war sie selbst es, die nichts mehr von sich er­war­te­te.

Die­se vor­sätz­lich in die Brei­te ge­hen­den, »epi­schen« Ro­ma­ne kom­men oft­mals da­durch zu­stan­de, daß die ei­gent­li­che Er­zäh­lung, al­so die Ge­schich­te, um die es ge­hen könn­te, ein ums an­de­re Mal auf­ge­scho­ben wird. Ei­ne Art Feig­heit vor der Ge­schich­te. Jean Paul er­zielt den­sel­ben Ef­fekt durch Un­men­gen von Vor­re­den.

Hin­ge­gen je­ne Au­toren, die gern in me­di­as res ge­hen. Da bricht ur­plötz­lich ei­ne an­de­re Welt her­ein. »Je­mand muß­te Jo­sef K. ver­leum­det ha­ben, denn oh­ne daß er et­was Bö­ses ge­tan hät­te, wur­de er ei­nes Mor­gens ver­haf­tet.« Oder auch bei Kleist, ei­nem Lieb­lings­au­tor Kaf­kas: »In St. Ja­go, der Haupt­stadt des Kö­nig­reichs Chi­li, stand ge­ra­de in dem Au­gen­blicke der gro­ßen Erd­er­schüt­te­rung vom Jah­re 1647, bei wel­cher vie­le tau­send Men­schen ih­ren Un­ter­gang fan­den, ein jun­ger, auf ein Ver­bre­chen an­ge­klag­ter Spa­ni­er, na­mens Je­ro­ni­mo Ru­ge­ra, an ei­nem Pfei­ler des Ge­fäng­nis­ses, in wel­ches man ihn ein­ge­sperrt hat­te, und woll­te sich er­hen­ken.« Oh­ne die klein­ste Ver­zö­ge­rung geht es los mit der Ge­schich­te. Kleists Schach­tel­sät­ze än­dern dar­an nichts.

Ein paar Wor­te zu je­nem an­de­ren Ba­rock-Ro­man­cier, der in un­ba­rocken Ge­wäs­sern se­gel­te. »Und ich has­se doch al­les Er­zäh­len so sehr«, schreibt Jean Paul ir­gend­wo im Quin­tus Fix­lein, die­sem un­les­ba­ren Buch – aber es soll Leu­te ge­ben, die sich dar­an de­lek­tie­ren. Na­tür­lich haßt er oder der Er­zäh­ler oder wer auch im­mer nur ein ganz be­stimm­tes, wohl­ge­ord­ne­tes, ge­rad­li­ni­ges Er­zäh­len. Lie­ber macht er Sprün­ge, schweift ab, ver­liert sich, gibt Spä­ße zum Be­sten, hakt sich ir­gend­wo fest. Aber zu die­sem Ver­gnü­gen ver­hilft ihm eben doch das Er­zäh­len, sei­ne Art des Er­zäh­lens!

Ei­ne Me­tho­de, den Er­zähl­fluß zu hin­ter­trei­ben, sind – ne­ben Vor­re­den – Fuß­no­ten. Dank der vie­len Fuß­no­ten er­kennt man schon am äu­ße­ren Schrift­bild die Ba­rocki­zi­tät ei­nes Da­vid Fo­ster Wal­lace. Und na­tür­lich dar­an, daß die sprach­li­chen Blu­men, al­so Me­ta­phern, die ei­gent­li­che Er­zäh­lung groß­flä­chig über­wu­chern. Blu­mi­ge Spra­che, ja, ge­paart mit stel­len­wei­se har­ter Di­rekt­heit, wie wenn sich ein Ka­me­ra­au­ge ei­nen Se­kun­den­bruch­teil eben doch auf ro­he Wirk­lich­keit öff­net. Kein ro­man­ti­scher Ba­rock, eher: Punk­ba­rock. Punkt.

Ich weiß nicht, war­um ich mich in un­se­rer Kor­re­spon­denz über die Zu­kunft des Ro­mans so ge­gen Ar­no Schmidt sperr­te. Ge­gen Schmidt, und ins­ge­heim auch ge­gen Joy­ce, den er als jun­ger Au­tor an­geb­lich über­haupt nicht ge­le­sen hat­te, ob­wohl man ihn (Schmidt) nach we­ni­gen Sät­zen, egal wo auf­ge­schla­gen, für ei­nen Joy­ce-Epi­go­nen hält. Was mich an bei­den – je­den­falls heu­te, jetzt – stört, ist nicht ih­re Ver­spielt­heit, son­dern ihr Hy­per­rea­lis­mus. Sie müs­sen al­les und je­des bis ins klein­ste De­tail an­füh­ren, gar se­zie­ren. Un­ter dem »to­ta­len Ro­man« tun es sol­che Au­toren nicht. Da lob ich mir dann doch, bei al­ler Lie­be zum Ba­rock, die alt­ja­pa­ni­sche Ma­le­rei, wo ein Kirsch­zweig mit zwei, drei Blü­ten ganz locker den gan­zen Baum und am En­de ei­nen Hain re­prä­sen­tie­ren kann. Wo­zu die Un­zahl von »klei­nen Ein­för­mig­kei­ten« dar­stel­len? Ge­nau die­ses Al­les­pro­to­kol­lie­ren­wol­len ist der Fik­ti­on eben nicht an­ge­mes­sen. Und muß zwangs­läu­fig ein Aus­ufern zur Fol­ge ha­ben. Da­bei be­ruft sich Ar­no Schmidt auch noch auf »Wahr­heit« (je­den­falls nach Ro­bert Stri­pli­ngs Bei­trag in der Kor­re­spon­denz, der fol­gen­des zi­tiert). Es ge­hö­re zu den »vor­nehm­sten Kenn­zei­chen je­ner (›un­se­rer‹) Grup­pe ex­trem­ster Rea­li­sten, dass man sich um der Wahr­heit wil­len der Fik­ti­on pausenlos=aufgeregter Er­eig­nis­se ver­wei­gert«. Auch ei­ne Form, »Hand­lungs­lee­re« zu recht­fer­ti­gen! Zu den klei­nen Ein­för­mig­kei­ten kommt dann noch die stän­di­ge Re­fle­xi­on über die­se, der gan­ze Be­wußt­seins­strom ei­nes be­lie­bi­gen Sub­jekts. Klar fin­den Bü­cher, die das be­wäl­ti­gen wol­len, kein En­de. Aber soll­te Li­te­ra­tur nicht ge­nau das sein: kom­pakt und über­ra­schend, im Ge­gen­satz zum voll­ge­stopf­ten, zäh flie­ßen­den, sich im­mer und im­mer­zu wie­der­ho­len­den, zu­neh­mend mo­no­to­nen, am En­de er­starr­ten Le­ben?

Jetzt re­dest du schon so wie die Er­zähl­öko­no­men. Strei­chen-Kür­zen-Strei­chen als Kar­di­nal­tu­gend des Schrei­ben­den.

Aber letz­ten En­des ist es doch so: ALLES läßt sich nicht ab­bil­den. To­ta­li­tät ist schlicht un­mög­lich. Wie was in den Ge­hirn­ka­sten und al­so in den Buch­zie­gel kommt, be­stimmt der Wahr­neh­mungs­ka­nal (und Denk­ka­nal), mit dem je­der ein­zel­ne aus­ge­zeich­net und ge­knech­tet ist. Und Wahr­neh­mung ist stets se­lek­tiv. Auch schrei­ben­de Dar­stel­lung ist dann wie­der se­lek­tiv. Sie mag ein AL­LES-Pro­jekt ent­wickeln, nur kommt sie dann nicht mehr vom Fleck, was ent­steht, ist kei­ne Er­zäh­lung, son­dern ei­ne Müll­sam­mel­stel­le, ei­ne welt­um­span­nen­wol­len­de Col­la­ge. Nein, die Welt kann man nicht wie­der­ho­len. Wir ori­en­tie­ren uns in Sinn­fel­dern, nicht in »der« Wirk­lich­keit. Hat mal je­mand ge­sagt.

Jean Paul-Lek­tü­re soll Spaß ma­chen, macht aber nur Mü­he. Zum Bei­spiel mit der »fort­ge­setz­ten Vor­re­de zur zwei­ten Auf­la­ge«, wo sich die Fuß­no­te fin­det: »Man schla­ge al­le­mal zur frü­hern Fort­set­zung zu­rück, um den Zu­sam­men­hang zu fin­den.« (Quin­tus F.) Hier ist wirk­lich ein­mal der ak­ti­ve Le­ser ge­for­dert!

J. P. spielt un­ab­läs­sig mit der Fik­tio­na­li­sie­rung, springt spie­le­risch-hu­mo­ri­stisch zwi­schen den Ebe­nen hin und her. Wirk­li­che Fi­gu­ren sind fik­tio­na­le, und um­ge­kehrt. Im Le­se­vor­gang neh­men wir nun mal fik­tio­na­le Fi­gu­ren als (wie) wirk­li­che. Wir se­hen sie, füh­len, lei­den, freu­en uns mit ih­nen. Auch der wirk­li­che Au­tor wird auf die Ebe­ne der Fik­ti­on ge­wor­fen. Spä­ter, An­fang des 20. Jahr­hun­derts, noch rück­halt­lo­ser: Sechs Per­so­nen su­chen ei­nen Au­tor. Oder Ma­ce­do­nio Fernán­dez, Mu­seo de la no­ve­la de la Eter­na, das üb­ri­gens mehr als fünf­zig Vor­re­den ent­hält, da­mit die ei­gent­li­che Ge­schich­te, falls es sie gibt, nicht be­gin­nen muß.

Müh­sam heißt for­dernd; aber nicht al­les For­dern­de ist auch gut; und nicht je­de Mü­he lohnt. Ver­mei­dung von Mü­he führt aber auch nicht au­to­ma­tisch zum Spaß.

Bei J. P. le­se ich zum Bei­spiel ei­nen Satz über »die gro­ßen Ge­rü­ste der Na­tur, wel­che die See­le wie Re­ben sten­geln« (Quin­tus Fix­lein), und ver­ste­he ihn zu­nächst ein­mal gar nicht. Ge­rü­ste der Na­tur, ich weiß nicht, was das sein soll, ein rech­tes Bild da­von will sich nicht ein­stel­len. Ge­rü­ste der Na­tur… Bäu­me, oder was? Die in den Him­mel wach­sen? Und dann noch Re­ben, die sten­geln. Ich schla­ge in Grimms Wör­ter­buch nach, fin­de: »mit pfäh­len, mit stan­gen stüt­zen, mit stöcken ver­schlies­zen«. Beim Wein­bau stützt man die Re­ben durch Stan­gen, das ist es wohl? Und die Na­tur stützt auf die­se Art die See­le? Die Na­tur ins­ge­samt, oder ein be­stimm­tes Ge­stän­ge? Ich kom­me nicht wei­ter, die Be­deu­tung bleibt ab­strus. Viel­leicht meint Jean Paul ja bloß, daß schö­ne Na­tur­er­leb­nis­se die mensch­li­che See­le stär­ken. Tri­via­le Aus­sa­ge… Aber wenn das Wort »Re­ben« in dem zi­tier­ten Satz nicht Ob­jekt ist, son­dern Sub­jekt, was ei­gent­lich eher zu­tref­fen soll­te? Dann ver­ste­he ich wie­der­um gar nichts. Ist auch nicht wei­ter schlimm, in ei­nem um­fang­rei­chen Ro­man über­springt man sol­che Sät­ze. Oder man greift zu wei­te­ren Wör­ter­bü­chern, ver­liert sich in ih­nen. Bei J. P. müß­te ich frei­lich je­den zwei­ten Satz über­sprin­gen. Min­de­stens.

Sei­ne Ro­ma­ne ent­hal­ten un­zäh­li­ge Sät­ze und gan­ze Pas­sa­gen wie die­sen. Wenn auch ich mir ei­nen Ver­gleich er­lau­ben darf: Sei­ne Sät­ze sind wie die Er­ker an ei­nem Haus, das nur aus Er­ker­zim­mern be­steht. Die Ver­zie­run­gen über­wie­gen die Sub­stanz, das Werk be­steht über­haupt nur aus Schnör­keln. Wie Wind­ge­bäck, noch ein Ver­gleich. Da­zu das Ver­schach­te­lungs­prin­zip, je­de Mo­na­de steckt in ei­ner an­de­ren, man wird mit dem Aus­packen nicht fer­tig. Wie bei ei­ner gi­gan­ti­schen rus­si­schen Pup­pe. Je­der Satz ist letzt­lich ein Ex­kurs zu ei­nem Text, den der Au­tor – und da­mit der Le­ser – über­haupt nie in An­griff nimmt. Und die Ex­kur­se, wie die Vor­re­den, be­trei­ben nichts als Flucht vor dem ver­haß­ten Er­zäh­len. »Nur ein Ex­tra­wort über die Vo­ka­tio­nen-Agio­teurs über­haupt«, lau­tet ei­ne Zwi­schen­über­schrift im Ro­man. »Agio­teur« ist ein al­tes Wort für Bör­sen­spe­ku­lant. Was Vo­ka­tio­nen sind, konn­te ich nicht her­aus­fin­den. Auch aus Man­gel an Ge­duld: Mir ver­geht die Lust, zu er­fah­ren, wor­um es sich bei dem Ex­kurs han­delt.

Viel­leicht kann mir je­mand sa­gen, wor­in sol­cher­lei Lust be­steht? Ich hat­te ei­nen Freund, der be­zeich­ne­te sich als Jean Paul-Fan. Er war selbst ei­ne Zeit­lang Schrift­stel­ler, ver­öf­fent­lich­te da­mals zwei Ro­ma­ne, be­vor er sich ei­nem an­de­ren Be­ruf zu­wand­te. Den er­sten Ro­man, der wohl in sei­ner Bio­gra­phie ver­an­kert war, fand ich gut und wit­zig, wit­zi­ger je­den­falls als Jean Paul; den zwei­ten heil­los über­la­den mit wit­zi­gen oder wit­zig sein wol­len­den Epi­so­den, so daß ein nur mit­tel­mä­ßig be­gab­ter Le­ser die vie­len Fi­gu­ren nicht aus­ein­an­der­hal­ten konn­te. Un­frei­wil­li­ges Ba­rock.

Al­so doch, am En­de der dis­kur­si­ven Schlei­fe: ein Plä­doy­er für den Mi­ni­ma­lis­mus!

Nun ja, zwei See­len woh­nen (min­de­stens) in mei­ner Brust. Zwi­schen zwei Buch­sei­ten fin­de ich ei­nen No­tiz­zet­tel aus je­ner Zeit, auf dem steht Wort für Wort: »Da dach­te ich, ich hät­te mich zum Mi­ni­ma­lis­mus be­kehrt, und jetzt be­gei­stert mich Jean Pauls ba­rockes Er­zäh­len! Die­ses aus­ge­las­se­ne, un­ge­brem­ste Er­zäh­len! Und das rund­um Po­si­ti­ve in der Fi­gur des Quin­tus Fix­lein! Ein­schließ­lich sei­ner Rühr­se­lig­keit, sei­ner Emp­find­sam­keit. Der schrul­li­ge Mann ist mir auf un­ge­ahn­te Wei­se na­he.«

Ein­zel­ne Me­ta­phern wer­den flugs zur Al­le­go­rie, die je­de Men­ge Selbst­re­fle­xi­on ent­hält: Der Au­tor ist »ei­ne Art Bie­nen­wirt für den Le­ser-Schwarm, dem zu Ge­fal­len er die Flo­ra, die er für ihn hält, in ver­schie­de­ne Zei­ten ver­teilt und die Auf­blü­te man­cher Blu­men hier be­schleu­nigt, dort ver­schiebt, da­mit es in al­len Ka­pi­teln blü­he. (…) Die Göt­tin der Lie­be und der En­gel des Frie­dens führ­ten das Ehe­paar auf Stei­gen, die über vol­le Au­en lie­fen, durch den Früh­ling und auf Fuß­pfa­den, die in ho­hen Korn­fel­dern ver­bor­gen wa­ren, durch den Som­mer – und der Herbst streue­te ih­nen, als sie auf den Win­ter los­gin­gen, sei­ne mar­mo­rier­ten Blät­ter un­ter. Und so ka­men sie an vor der nied­ri­gen dun­keln Pfor­te des Win­ters, voll Le­ben, voll Lie­be, zu­ver­sicht­lich, zu­frie­den, ge­sund und rot.«

Schön, oder? Und im­mer ein biß­chen (selbst-)ironisch. Ge­sund und rot. Wie bei Ei­chen­dorff: »Und es war al­les, al­les gut.« Wie sehnt sich der leid­ge­prüf­te, schwie­ri­ge Li­te­ra­tur durch­ackern­de Le­ser nach so ei­nem glat­ten Hap­py End. Im Ernst! (Fast) oh­ne Iro­nie!

Aber jetzt fällt mir noch ein an­de­rer Schluß­satz ein, der ist hin­ter­grün­di­ger, weil von Ödön von Hor­vath: »Es geht im­mer bes­ser, bes­ser – im­mer bes­ser.« Wir sind ins 20. Jahr­hun­dert ge­sprun­gen, ge­nau­er: in sei­ne er­ste Hälf­te. Noch ge­nau­er: ins Jahr 1929.

Der Er­zäh­ler schwebt hier durch die Er­zäh­lung wie ein Geist, ein un­sicht­ba­rer En­gel wie in Tho­mas Stangls Ro­man Was kommt oder wie die En­gel in Wen­ders‘ Film Der Him­mel über Ber­lin. Er schaut den Fi­gu­ren de­zent über den Rücken, greift aber nicht ein, ob­wohl er das viel­leicht manch­mal woll­te (wir wis­sen es nicht). »Ich zog nach mei­ner Art wie ein Ge­ruch im gan­zen Hau­se her­um…«

...wird fort­ge­setzt...

© Leo­pold Fe­der­mair

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