Schmerz­haft gleich­gül­tig

Wenn man er­klärt, dass man sich die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zum Bach­mann­preis an­schaut, kommt im­mer mehr die mit­lei­di­ge Fra­ge: »War­um?« Sie im­pli­ziert zwei­er­lei: Zum ei­nen glaubt man nicht mehr an die Kraft der Li­te­ra­tur im Zei­chen des Fern­se­hens. Und zum an­de­ren wird da­mit auch gleich in ei­ner Mi­schung aus Mit­leid und Em­pö­rung die je­wei­li­ge Aus­wahl der Le­sen­den er­le­digt. Nein, die Le­sen­den im Bach­mann­preis re­prä­sen­tie­ren na­tür­lich nicht »die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur« wie es dann mal apo­dik­tisch, mal vor­wurfs­voll heißt. Nach­träg­lich muss man die­ses De­men­ti ge­ra­de für den »Jahr­gang 2016« zur Hand ha­ben: Nein, das, was heu­er in Kla­gen­furt ge­le­sen wur­de ist kein re­prä­sen­ta­ti­ver Quer­schnitt der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur. Da mag der Mo­de­ra­tor noch so Ani­ma­teurs­qua­li­tä­ten of­fen­bart ha­ben (was zu­wei­len pein­lich war). (Über das pein­li­che Sand­ka­sten­ar­ran­ge­ment »drau­ßen«, bei Zi­ta Be­reu­ter, schweigt man bes­ser.)

Aber es ist wo­mög­lich ein Quer­schnitt der in­zwi­schen in­fla­tio­nä­ren Stadt­schrei­ber- und Schreib­schul­pro­sa­isten, die sich von ih­ren Note­books er­he­ben und das re­pli­zie­ren, was sie ge­lernt ha­ben, wo­für sie aus­ge­zeich­net wur­den und was sie nun mit ei­nem selt­sam stoi­schen Selbst­be­wusst­sein als preis­wür­dig re­kla­mie­ren.

Schon se­he ich das Au­gen­rol­len. Wer nur ei­nen Halb­satz et­was Ne­ga­ti­ves zu Schreib­schulen oder Li­te­ra­tur­in­sti­tu­ten sagt, be­treibt »Bas­hing«, wie es dann in di­ver­sen Tweets heißt. Kri­tik­fä­hig­keit ist kei­ne Stär­ke die­ser Ge­ne­ra­ti­on, die sich ih­re Er­eig­nis­se beim Es­sen in Mö­bel­häu­sern, in Schwimm­bä­dern oder in Se­mi­nar­räu­men her­bei­schrei­ben muss. Ste­fa­nie Sarg­na­gels Tweet »Al­le die was ne­ga­ti­ves über mich schrei­ben sind blöd« fin­den 91 Men­schen toll. So kommt man in die Me­di­en; da ist der Text fast zweit­ran­gig.

Frü­her nann­te man sol­che selbst­sti­li­sie­ren­den Pseu­do-Er­leb­nis­tex­te, die von nichts an­de­rem han­deln als von sich sel­ber »Be­find­lich­keits­pro­sa« und es ist ein Pa­ra­dox, dass ein­mal in ei­ner Ju­ry­dis­kus­si­on die­ser Be­griff tat­säch­lich fiel, al­ler­dings beim Text von Isa­bel­le Lehn, der das ge­naue Ge­gen­teil da­von war.

Über­haupt die Ju­ry. Be­reits beim Text von Ste­fa­nie Sarg­na­gel griff man so­fort in die gro­ße Ki­ste. Hu­bert Win­kels sprach vom Gral, den die Au­torin ge­sucht und ge­fun­den ha­be und Faust kön­ne ein­packen, po­stu­lier­te San­dra Ke­gel. Spä­ter wur­de Goe­the dann noch ein­mal be­müht; beim miss­lun­ge­nen Be­dui­nen-Text von Jan Sne­la, den Mei­ke Feß­mann al­len Ern­stes mit dem »West-Öst­li­chen Di­van« ver­glich. Kaf­ka gab es wie im­mer dop­pelt und drei­fach (wenn man nichts mehr ver­steht, ist’s Kaf­ka, so Kast­ber­ger sinn­ge­mäss). Je­der Schwei­zer der liest, wird min­de­stens für ei­nen klei­nen Au­gen­blick trans­for­miert zu Ro­bert Wal­ser (Die­ter Zwicky). Hil­de­gard E. Kel­ler be­fand, dass Sa­scha Machts saft- wie kraft­lo­se Pro­sa ei­ner Welt­un­ter­gangs-Dys­to­pie an den »Ma­gi­schen Rea­lis­mus« er­in­ne­re. Da ist man schockiert und fragt sich, ob Frau Kel­ler je­mals ei­ne Zei­le Bor­ges oder min­de­stens Gar­cia Már­quez ge­le­sen hat.

Am Abend vor den Le­sun­gen er­klär­te Burk­hard Spin­nen, in­zwi­schen so et­was wie ein Mas­kott­chen des Bach­mann­prei­ses, wie er sich die­sen Wett­be­werb vor­stellt und wie er ihn vie­le Jah­re lang ge­hand­habt hat. Über 200 Tex­te ha­be er ge­le­sen und ge­lit­ten da­bei, weil er ja nur zwei Start­plät­ze ha­be ver­ge­ben kön­nen. Man glaubt es Spin­nen so­fort, was er sagt, aber zur Wahr­heit ge­hört auch, dass ei­ni­ge Ju­ro­ren sich die­ser Qual kaum mehr un­ter­zie­hen. Sie be­auf­tra­gen ih­nen be­kann­te Au­torIn­nen, ei­nen Text zu schrei­ben. Man wird al­so im­mer mehr er­nannt, ei­nen Bach­mann­preis-Text zu schrei­ben. Schließ­lich sit­zen vie­le der Ju­ro­ren auch noch in Buch­preis- und an­de­ren Ju­rys (ne­ben ih­rem Re­zen­sen­ten- oder Wis­sen­schafts-Da­sein). Sie ha­ben schlicht kei­ne Zeit, 200 oder mehr Tex­te auch nur an­zu­le­sen. Das war bei Spin­nen et­was an­de­res – er war (und ist) Au­tor und konn­te sich in die La­ge der Ein­sen­den­den hin­ein­ver­set­zen. Spin­nen war der letz­te sei­ner Zunft. Si­cher, sei­ne An­ek­do­ten nerv­ten ge­le­gent­lich. Aber seit 2014 20151 gibt es kei­nen Au­tor mehr in der Ju­ry.

Da­bei sind die mat­ten Tex­te na­he­zu al­le »gut ge­macht«, »fein ge­ar­bei­tet« und/oder »in­ter­es­sant«. Eu­phe­mis­men für auf Kon­su­mier­bar­keit dres­sier­te Text­kon­struk­tio­nen. »Ha­be ich gern ge­le­sen« sagt Frau We­ster­mann im »Li­te­ra­ri­schen Quar­tett« des ZDF. So tief ge­sun­ken ist man in Kla­gen­furt (noch) nicht. Wenn in Kla­gen­furt der Plot in ei­ner Ge­schich­te knir­schen soll­te, schreibt man »Ro­man­aus­zug« drü­ber und ver­spricht, dass sich al­le Fra­gen im Nir­wa­na der ak­tu­ell un­er­reich­ba­ren Fort­set­zung klä­ren. Ju­ri Stei­ner, der den un­se­li­gen Text von Astrid So­zio vor­ge­stellt hat­te, sprach am Sams­tag auch von 200 Ein­sen­dun­gen, die er ab­ge­ar­bei­tet hat­te. Wenn dann solch ein Text ei­ner der bes­se­ren war, be­fürch­tet man das Schlimm­ste für die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur. Und ir­gend­wann be­ginnt man den Er­folg von Er­wach­se­nen-Mal­bü­chern zu be­grei­fen.

Die größ­te Pro­vo­ka­ti­on für die Ba­stel­schrei­ber war dann auch der Vor­trag des is­rae­li­schen Au­tors To­mer Gar­di, der mit ei­nem Text in Oral-hi­sto­ry-Deutsch mit fal­scher Gram­ma­tik die Ju­ry vor Pro­ble­me stell­te. Ei­ner­seits woll­te man na­tür­lich ganz kor­rekt kei­nes­falls auf den er­sten Blick zum Teil die­se amü­san­ten Wort­kon­struk­tio­nen über Ge­bühr kri­ti­sie­ren, an­de­rer­seits deu­te­te man schon an, hier ei­nem Ma­nie­ris­mus ein we­nig auf den Leim zu ge­hen. Li­stig sti­chel­te Klaus Kast­ber­ger, der Gar­di vor­ge­schla­gen hat­te, ge­gen die Ju­ry, die sich nicht trau­te, die Di­men­sio­nen die­ses Tex­tes zu er­ör­tern, weil sie sich un­si­cher über die Kri­te­ri­en wa­ren, die man hier­zu hät­te an­le­gen müs­sen. Die Rat­lo­sig­keit über­rasch­te da­hin­ge­hend, dass den Ju­ro­ren die Tex­te Wo­chen im Vor­aus vor­lie­gen; ei­ne ge­wis­se Vor­be­rei­tung wä­re mög­lich ge­we­sen. Hu­bert Win­kels ge­stand al­ler­dings, dass er den Text erst ein Mal ge­le­sen hat­te und nicht wei­ter­ge­kom­men sei – um dann prak­tisch aus dem Stand (und mit dem aku­sti­schen Ein­druck des Vor­trags) ei­ne In­ter­pre­ta­ti­ons­vor­la­ge zu lie­fern. Lei­der führ­te die Ju­ry dies nicht wei­ter, weil man zu sehr be­müht war, Par­al­le­len zu Gar­di zu fin­den, statt sich mit ihm und sei­nem Text zu be­schäf­ti­gen.

Und sonst? Es ist ja wirk­lich hübsch, wenn je­mand ei­nen Ha­sen ne­ben sich ima­gi­niert (Se­lim Öz­do­gan). Das gab es al­ler­dings schon in den 1940er Jah­ren und wur­de mehr­mals ver­filmt. Neu ist es, kurz die Per­spek­ti­ve ei­nes re­bel­li­schen Früh­stücks­eis ein­zu­neh­men (Sharon Do­dua Otoo). Da dach­te je­der so­fort an Lo­ri­ot; der ge­woll­te Af­fekt funk­tio­niert. Ich moch­te auch den Mann in Ada Do­ri­ans Pro­sa, der ei­nen Wald in sei­ner Woh­nung hegt und hät­te so ger­ne ge­habt, dass sie da­bei ge­blie­ben wä­re. Und Syl­vie Schenks autobio­grafische Er­zäh­lung könn­te wirk­lich packend sein. Aber man fragt sich, war­um ausge­rechnet sie, die al­les Recht hät­te in ih­rem Text »Ich« zu sa­gen die Er­zähl­po­si­ti­on des »Du« wählt. Und war­um man ihr die ein oder an­de­re Be­tu­lich­keit nicht her­aus­ge­stri­chen wur­den? Schenk ist 72, hat ein Le­ben vor­zu­wei­sen das sich jen­seits ge­lang­weil­ter Ko­lu­men­schrei­be­rei­en be­wegt – und ver­schenkt (kein Wort­spiel) die­ses Re­ser­voir.

An­de­res ver­puff­te recht schnell, wie et­wa die In­nen­an­sich­ten ei­nes frem­den­feind­li­chen Ex-Zim­mer­mäd­chens, die dann doch noch ir­gend­wie ge­läu­tert da­her­kom­men soll­te. Wo­bei man sich frag­te, ob der Ju­ror nicht auch ei­ne Für­sor­ge­pflicht der Au­torin ge­gen­über ge­habt hät­te. Mar­ko Di­nićs Kind­heits- und Ado­les­zenz-Ge­schich­te aus Ser­bi­en wie auch Ba­sti­an Schnei­ders Mi­nia­tu­ren, die ein­fach nicht in den Kla­gen­furt-Kon­text pass­ten. (Di­nić und Schnei­der sind die ein­zi­gen vom 2016-Jahr­gang, de­ren »Ak­ti­en« [Kast­ber­ger] ich kau­fen wür­de.)

Am Pu­bli­kums­preis brau­che ich mich nicht zu be­tei­li­gen, da ei­ni­ge »Teams« die Sa­che un­ter sich aus­ma­chen wer­den. Und auch der Aus­gang des Wett­be­werbs 2016, al­so die Preis­ver­ga­be, ist mir nach mehr als zwan­zig Jah­ren zum er­sten Mal auf ei­ne schmerz­haf­te Art gleich­gül­tig. Kei­ne Ah­nung, wor­an das liegt.


  1. Dank an einen Leser, der diesen, meinen Fehler fand 

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  1. Ich ha­be nicht al­les ge­le­sen, nicht al­le Ju­ry-Ge­sprä­che ver­folgt. »Über­haupt die Ju­ry« trifft je­doch für mein Ge­fühl den Punkt, wo ich Weh ver­spü­re und das Grü­beln be­ginnt. Die De­bat­tie­rer ka­men mir von Text zu Text mehr vor wie Bür­ger vor mo­der­nen Bil­dern: »Was ist denn da auf den Bil­dern zu se­hen? Was be­deu­tet da der ro­te Strich?« Sie quäl­ten sich so mit dem Er­ken­nen. Mit dem Hin­ein- und Her­aus­le­sen, was wohl ge­meint sein könn­te. Oh­ne sich zu be­schäf­ti­gen mit dem, wo­durch die Tex­te erst preis­wür­dig wer­den könn­ten, näm­lich Spra­che, Kon­struk­ti­on, De­tail. Auf die­se Wei­se ten­diert der Preis bei al­len »Stake­hol­dern« (Au­toren, Pu­bli­kum, Ju­ry, Ver­la­ge) im­mer mehr zum li­te­ra­ri­schen Preis­ver­ga­be­ver­fah­ren, das nicht un­be­dingt Li­te­ra­tur be­nö­tigt. In ei­ni­gen Fäl­len schien es eher um ein Life­style-An­ge­bot zu ge­hen. War­um Spra­che und Li­te­ra­tur re­flek­tie­ren, wenn »mo­dern« sein ge­nügt? Ich weiß gar nicht, ob ir­gend­ei­ner in der Ju­ry noch wirk­lich ein Ohr für Li­te­ra­tur hat? Zu­min­dest ei­ner der Jung­pflan­zen war ein deut­lich un­be­gab­ter Di­let­tant (ich nen­ne hier mal kei­ne Na­men), der noch kaum den Grif­fel hal­ten kann und gar nichts übers Schrei­ben weiß. An­de­re schrie­ben nicht schlecht, aber auch längst nicht gut und kaum je schön, fes­selnd, be­gei­sternd, hin­rei­ßend. Ei­ni­ge wa­ren für mei­nen Ge­schmack sprach­lich rich­tig gut, da schien mir aber teil­wei­se die Kon­struk­ti­on wie­der so ama­teur­haft. Das al­les blieb aber völ­lig un­be­spro­chen. Ich wür­de ver­mu­ten, dass in den näch­sten Jah­ren die Ly­fe­style-Pro­sa wei­ter zu­le­gen wird und dass die­je­ni­gen Ge­win­ne­rIn­nen sein wer­den, die der Ju­ry zwar nicht un­be­dingt was Schö­nes und Gut­ge­schrie­be­nes vor­le­gen, aber die be­sten Vor­la­gen für das zeit­ge­nös­si­sche In­ter­pre­ta­ti­ons­hand­werk lie­fern. Nach dem Mot­to: Das Buch ist gut, denn es han­delt von ... ;))

  2. Na­tür­lich muss ei­ne Ju­ry ver­su­chen, ei­nen Text zu öff­nen, ihm ei­ne ge­wis­se In­ter­pre­ta­ti­on an­ge­dei­hen las­sen. Da­für ist sie da. Da­zu ge­hört dann auch das ge­le­gent­li­che Kom­ma­zäh­len; war­um nicht. Den­noch hal­te ich Ih­ren Be­fund für in wei­ten Tei­len rich­tig. Das Li­te­ra­ri­sche wird ent­we­der in Su­per­la­ti­ven ver­packt (Kaf­ka! Goe­the! Gral!) oder über­haupt nicht hin­rei­chend ana­ly­siert. Wer das manch­mal ge­tan hat, ist Win­kels. Und wer dann ein biss­chen auf die Su­per­la­tiv-Brem­se ge­drückt hat, war Kast­ber­ger.

    Die Su­per­la­ti­ve er­klä­re mich da­hin­ge­hend, dass man in der Ju­ry ver­sucht ein nicht so li­te­ra­risch be­wan­der­tes Pu­bli­kum an­zu­spre­chen. Da­her ver­gleicht man mit den ganz Gro­ßen, die je­der min­de­stens schon mal na­ment­lich ge­hört hat. Wer mit nicht so be­kann­ten Schrift­stel­ler-Re­fe­ren­zen auf­war­tet läuft Ge­fahr, nicht ver­stan­den zu wer­den. Da­mit ist auch zu er­klä­ren, war­um man so we­nig in me­di­as res geht: Man muss ei­ne Form fin­den, die TV-kom­pa­ti­bel ist aber eben nicht zu tri­vi­al. Das ist nicht so ein­fach.

  3. »(...) al­so die Preis­ver­ga­be, ist mir nach mehr als zwan­zig Jah­ren zum er­sten Mal auf ei­ne schmerz­haf­te Art gleich­gül­tig. Kei­ne Ah­nung, wor­an das liegt.«

    ‑na­ja, wie wird man ab­ge­klärt? – U. a. in­dem man äl­ter wird?

    An­son­sten: In­for­ma­tiv, Ihr Be­richt – vie­len Dank!

    Ich hat­te an­de­res zu tun und konn­te nicht ein­mal hin­ein­schau­en in die Le­sun­gen.
    Ge­stern hab’ ich ein nicht sehr li­te­ra­turaf­fi­nes Pu­bli­kum u. a. mit dem Nach­som­mer trak­tiert – gab wun­der­ba­re Rek­tio­nen. Der Mer­kur woll­te der­lei (Stif­ter, Raa­be usw.) ja un­längst ent­sor­gen – - – wg. struk­tu­rel­ler Über­le­gen­heit von Hen­ry Ja­mes osä. – sen­sa­tio­nell.
    Bzw. heu­te mor­gen hät­te ich die Le­sun­gen im TV an­schau­en kön­nen, hab’ dann aber et­was über – öh – : Po­pu­lis­mus und Eu­ro­pa ver­fasst – da war die Zeit um, und je­de Zeit gibt es ja nur 1 X (be­son­ders, wenn man lang­sam äl­ter wird, wie ich fin­de).

  4. Ja, ist es wirk­lich das Al­ter? Ich ha­be ein Büch­lein, in dem ich nur No­ti­zen zu den Le­sun­gen schrei­be. Das ist mehr als 20 Jah­re alt. Da sind et­li­che Schrift­stel­ler da­bei, die in­zwi­schen längst so et­was wie ka­no­ni­siert sind. Aber seit ein paar Jah­ren wird das we­ni­ger. Ist es al­so nicht nur das Al­ter son­dern viel­leicht auch ein we­nig die Fre­quenz, in der hier die »Jung­ta­len­te« durch das Dorf ge­trie­ben wer­den?

  5. Ich mei­ne, es hän­ge tat­säch­lich mit dem Al­ter zu­sam­men, ob­wohl ich lei­der auf so im­po­san­te Din­ge wie ihr No­tiz­büch­lein nicht zu­rück­grei­fen kann. Man hat ein­fach schon viel ken­nen­ge­lernt.
    Ich wa­ge fol­gen­de Aus­sa­ge: Es ist gut, dass man mit zu­neh­men­den Al­ter we­ni­ger of­fen ist. Um nicht zu sa­gen: Es ist ein Zei­chen von gei­sti­ger Ge­sund­heit.

    Ein Fo­to­gra­fen­kol­le­ge glau­bich hat vor kur­zem das da Ein­schlä­gi­ge be­merkt: Er wis­se zu­neh­mend bes­ser, was nicht funk­tio­niert.
    Das kann man noch aus­ma­len: Das schließt mit ein, dass die Hoff­nung an­ge­sichts ei­nes neu­en Ta­lents gleich­sam in­for­mier­ter ist: Die gan­ze An­ge­le­gen­heit ge­rät ge­er­de­ter – und des­we­gen auch ten­den­ti­ell we­ni­ger span­nend.
    Al­ler­dings fü­ge ich hin­zu: Mehr wür­de ich nicht sa­gen wol­len.

    Soll­te ich nechst­jahh noch hier rum­hüp­fen und Zeit fin­den, kuck ich wie­der Bach­mann. Ich kucke auch gern mit an­de­ren zu­sam­men.
    Auch die Spin­nen-Be­mer­kun­gen sind al­le­samt ein­leuch­tend. Ir­ri­tie­rend: Dass Win­kels gel­tend macht, er kön­ne die Tex­te zu­vor nicht le­sen? Nicht wahr, oder? Muss er so­fort zu­rück­tre­ten, wg. Über­la­stung: Das ist ober­ein­fach.

    Die­se Ka­la­mi­tät stän­dig mit Goe­the usw. zu han­tie­ren – das ist denk ich ei­ne ein­wand­freie Ein­sicht Ih­rer­seits.

    Die Al­ter­na­ti­ve, der ich ei­ni­ges ab­ge­win­nen kann, ist le­bens­welt­lich zu ar­gu­men­tie­ren: Al­so die so­zia­len Or­te und Si­tua­tio­nen be­leuch­ten, die von ei­ner be­stimm­ten li­te­ra­ri­schen Lei­stung gleich­sam er­schlos­sen wer­den.
    Das bringt aber die Ver­le­gen­heit mit sich, dass die An­for­de­run­gen an die Li­te­ra­tur­ki­ti­ke­rIn­nen da­durch nicht sin­ken. Aber egal. Au­ßer­dem ma­chen sie sich an­greif­ba­rer, weil die­se le­bens­welt­li­chen Be­zü­ge dis­kur­siv ge­mein­frei sind – es winkt we­der der Schutz durch den Sta­tus der Fach­per­son, noch kann man auf die­se Art leicht An­se­hen ge­win­nen. Aber noch­mal: Leicht braucht die Sa­che der Li­te­ra­tur­kri­tik nicht zu sein.

    Li­te­ra­ri­sches Quar­tett: Hab­bich letz­te Wo­che zehn Mi­nu­ten rein­ge­schaut, und dann tags dar­auf tat­säch­lich zwei drei Men­schen ge­trof­fen, die das ge­se­hen hat­ten – schnell Ei­nig­keit er­zielt: Un­glaub­li­ches Ir­re­reden. Frau We­ster­mann geht Ih­nen of­fen­bar am mei­sten auf die Ner­ven. Egal. Mir Bil­ler.
    Noch ei­nen Tag spä­ter hab­bich dann mit ei­ni­gem Be­ha­gen die Quo­ten in­spi­ziert: Die Sa­che drif­tet in die Ziel­kur­ve, wenn das so wei­ter­geht. Bis­her ver­spü­re ich 0 (in Wor­ten : null) Be­dau­ern des­we­gen. – Woll­te die­ser Spie­gel-Mann Vol­ker Wei­der­mann nicht ein­mal die New York Re­view of Books auf deutsch ma­chen – ich mei­ne, er hät­te zum Ein­stieg in HH sich so ver­neh­men las­sen. Und jetzt die­se Heft­chen, die aus dem Spie­gel glei­ten.

  6. Win­kels sag­te beim Gar­di-Text er ha­be beim er­sten Le­sen »kei­nen Kopp« ge­habt (ein rhei­ni­scher Aus­ruck, den er auch er­klär­te) und es da­nach nicht mehr ver­sucht. Das fin­de ich schon recht merk­wür­dig. An­son­sten ha­ben ei­ni­ge Ju­ro­ren mit ih­ren Goog­le-Re­sul­ta­ten ge­glänzt (war­um auch nicht).

    Wenn beim Le­sen so et­was wie Rou­ti­ne auf­kommt, muss man (= ich) vor­sich­tig sein. Es darf nicht rou­ti­niert wer­den, weil man sonst so et­was wie Of­fen­heit ver­liert und hoch­nä­sig wird. Gleich­zei­tig ist es wich­tig, dass man die In­sze­nie­run­gen auch sieht und die stö­ren mich nun ein­mal sehr. Aber dann ist man in die­sem Wett­be­werb si­cher­lich falsch, denn hier wer­den in­zwi­schen nach al­len Re­geln der Kunst die Me­di­en ein­ge­setzt. Und die sind ja dank­bar, wenn sie das sper­ri­ge, was die Li­te­ra­tur an sich und in sich hat, her­un­ter­bre­chen kann auf Per­so­nen und Schlag­wör­tern.

  7. Die Qua­li­tät der Li­te­ra­tur, die Fa­cet­ten und all Ih­re Be­son­der­hei­ten sind auf­grund der feh­len­den Text­nä­he mei­stens zu un­at­trak­tiv er­läu­tert wor­den – vie­le Tex­te ha­ben für mich mehr ge­bo­ten, als die Ju­ry be­schrie­ben hat. Über die Ein­schät­zung der Qua­li­tät der Text­aus­wah­len möch­te ich kei­ne Be­wer­tung ab­ge­ben, da­zu ist der Re­spekt zu groß, vor dem was es gibt und au­ßen vor­steht. In­so­fern kann ich Ih­re Mei­nung her­vor­ra­gend tei­len, wür­de mir aber die­ses For­mat in ei­ner re­gio­nal Deut­schen Form durch­aus wün­schen. Ger­ne auch mit hö­he­rem Preis­feld, jähr­lich über den Bund fi­nan­ziert. Li­te­ra­tur kann .. aber schafft zu sel­ten! Da muss es nicht ver­wun­dern, dass die Mehr­zahl an Tex­ten qua­li­ta­ti­ve Ent­täu­schun­gen mit sich bringt. Und bei al­ler ego­ma­nen Ab­sti­nenz bzw. Be­fan­gen­heit der Ju­ry, ich ha­be ihr trotz­dem ger­ne zu­ge­hört – meist na­tür­lich eher amü­siert. Setzt man ein an­de­res Text-Aus­wahl­sy­stem vor­aus (war­um nicht mit Hil­fe ei­nes In­sti­tuts oder ei­ner Stif­tung?), muss die­ses For­mat an Grö­ße ge­win­nen, su­per su­per ger­ne in Deutsch­land und mal rich­ti­gem Preis­geld – al­les vom Bund jähr­lich ge­stemmt.

    So et­was fehlt uns ein­fach in Deutsch­land.

  8. Bei mir war es häu­fig um­ge­kehrt: Der Text wur­de von der Ju­ry mit ei­ner Be­deu­tung auf­ge­la­den, die bei nä­he­rer Sicht nicht ge­ge­ben war. Aber ich ha­be Ver­ständ­nis für so et­was; man muss et­was ein­mal aus­ge­spro­chen ha­ben, um es dann doch ver­wer­fen zu kön­nen.

    Der Bach­mann­preis ist ja nicht zu­letzt auf In­itia­ti­ve von Reich-Ra­nicki ent­stan­den. Da­mit soll­te die »Grup­pe 47« so­zu­sa­gen re­ani­miert wer­den. Ver­ges­sen wur­de nicht zu­letzt von Reich-Ra­nicki da­bei, dass die ur­sprüng­li­che In­ten­ti­on der »Grup­pe 47« ein Werk­statt­ge­spräch ge­we­sen war. Au­toren tra­gen ih­re neue­sten Schöp­fun­gen vor und dis­ku­tie­ren dann mit an­de­ren Au­toren über Stil und Form. Der omi­nö­se Preis der Grup­pe 47 wur­de üb­ri­gens nicht im­mer ver­ge­ben; es war ein spon­ta­ner Akt. Die Kri­tik hat­te sich erst spä­ter hin­ein­ge­schli­chen und do­mi­nier­te schließ­lich von An­fang der 1960er Jah­re an. Aus dem Werk­statt­ge­spräch wur­de ei­ne Kri­ti­ker­dis­kus­si­on; man kann nach­le­sen, wie sich die Au­toren nach und nach aus den Dis­kus­sio­nen ver­ab­schie­de­ten. Reich-Ra­nicki ze­men­tier­te mit der An­ord­nung zum Bach­mann­preis die­ses fast tri­bu­nal­haf­te. Grass hat­te üb­ri­gen mit dem Dö­b­lin-Preis die »Werk­statt« wie­der zu­rück­ho­len wol­len. Aber auch hier gab es ei­nen Preis – von sei­nen Gna­den ver­ge­ben.

    War­um so et­was in ei­ner »re­gio­nal Deut­schen Form« nach­ge­macht wer­den soll, ent­zieht sich mei­nem Ver­ständ­nis. Al­les wä­re nur ko­piert; ein Ab­klatsch. Auch die­se Form des Spon­so­ring fin­de ich lä­cher­lich. Statt­des­sen soll­te man sol­che Gel­der lie­ber für Bi­blio­the­ken und de­ren Aus­stat­tung neh­men.

  9. Ach ja, Sie ha­ben recht. Öf­fent­li­cher (!) Ju­ror zu sein, ist ei­ne Pein. Das geht nur mit Zu­ge­ständ­nis­sen an die Päd­ago­gik. Ein an­de­res Di­lem­ma: Die Sehn­sucht von Ju­ry und Pu­bli­kum, hof­fe ich, geht ja gar nicht nach dem mess­bar »Gu­ten«, son­dern eher nach dem In­kom­men­sur­a­blen, dem Ei­gen­stän­di­gen, Son­der­ba­ren, dem Nicht-Ge­hab­tem. Ge­nau zwi­schen die­sen Po­len, dem Her­kömm­li­chen, das ver­gleich­bar ist, und dem Neu­en, das mit kei­nem Ver­gleich zu fas­sen ist, lau­ern die Ab­grün­de, in die ein Ju­ror fal­len kann. Bei Gar­di war das zu er­le­ben. Die Ju­ry be­kam of­fen­bar kei­nen Zu­gang, weil sie nicht wuss­te, ob das jetzt ei­ne Art Kroetz-Text ist (das heißt ge­schrie­ben in ei­nem au­then­ti­schen »Un­ter­schicht-Deutsch«, neu­er­dings als »Ein­wan­der-Deutsch« der mo­di­sche Sai­son­ar­ti­kel). Oder ob es mo­der­ne Li­te­ra­tur ist, wo das Ent­schei­den­ste in der Ar­beit an der Form liegt.
    Ich wun­de­re mich über die Ir­ri­ta­ti­on, die der Text aus­ge­löst hat, trotz­dem sehr. Der Text ent­hält so vie­le Si­gna­le für ei­ne be­wuss­te Form­ent­schei­dung (schon die plum­pen Recht­schreib­feh­ler sind das Ge­gen­teil von au­then­tisch im Zeit­al­ter der au­to­ma­ti­schen Recht­schreib­kon­trol­le), dass der Text kaum an­ders als ein ge­stal­te­tes Re­fle­xi­ons­an­ge­bot zu ver­ste­hen ist, das in my hum­ble opi­ni­on nicht bei den vor­der­grün­di­gen The­men »Sprach­ein­wan­de­rung« oder »Kul­tur­ver­schmel­zung« ste­hen bleibt. Da lau­ern vie­le Fra­gen zu Spra­che, Spre­chen, Ver­stän­di­gung und Ver­ste­hen. Of­fen­bar wur­de der Text aber im ge­wohn­ten In­halts­ra­ster un­ter »Flücht­lings­pro­ble­ma­tik« ab­ge­hef­tet.

  10. Ja, das ist es: Plötz­lich gibt es kei­ne Ver­glei­che mehr, es ist nichts zum An­docken da; Za­i­mo­g­lu muss­te her­hal­ten. Wä­re der Text nie­man­dem be­kannt ge­we­sen. hät­te ich das ver­ste­hen kön­nen. Aber die Ju­ro­ren ha­ben Wo­chen vor­her das Ma­nu­skript er­hal­ten. Wie hät­te man sich dar­auf vor­be­rei­ten kön­nen? Goog­len ging nicht (wie bei an­de­ren Tex­ten – im­mer­hin: man hat’s ge­macht). Es blieb ein Un­be­ha­gen (ver­mut­lich vor Nach­ah­mern). Da­mit hat man aber den Text ein­deu­tig un­ter­kom­plex be­han­delt.

  11. Wenn man mit zu­neh­men­dem Al­ter we­ni­ger of­fen wird, was mir (zu­nächst) ein­leuch­tet, dann müss­te man es auch ge­gen­über dem schon Be­kann­ten wer­den (ich den­ke da an Rad­datz).

    —–

    »Das Li­te­ra­ri­sche wird ent­we­der in Su­per­la­ti­ven ver­packt (Kaf­ka! Goe­the! Gral!) oder über­haupt nicht hin­rei­chend ana­ly­siert.« Wo­bei das Er­ste ei­gent­lich gleich­be­deu­tend mit dem Zwei­ten ist (die Su­per­la­ti­ve ka­schie­ren doch zu­al­ler­meist).

  12. Ah, Rad­datz! Der hat­te ja mehr oder we­ni­ger aus Ver­zweif­lung der zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur ge­gen­über ir­gend­wann be­gon­nen die Klas­si­ker noch ein­mal zu le­sen – und dann fie­len so vie­le durch, was ihn ziem­lich be­trüb­te. Zum Schluss er­klär­te er es dann da­mit, dass sei­ne »äs­the­ti­schen Kriterien...veraltet« sei­en. »Das Be­steck des Dia­gno­sti­kers ro­stet«, schrieb er. Hat­te er nicht da­mit die (ka­no­ni­sche) Li­te­ra­tur wie­der »ge­ret­tet« und die »Schuld« auf sich ge­scho­ben? Was be­deu­tet es, wenn man glaubt, dass das Kri­te­ri­en­be­steck ob­so­let ge­wor­den sein soll? Stimmt dann nichts mehr?

    Die Fra­gen sind nicht nur für Kri­ti­ker es­sen­ti­ell. Auch sie ken­nen Schreib­blocka­den wie Au­toren. Nur: Sie sind fast noch mehr als Schrift­stel­ler dar­auf an­ge­wie­sen, wei­ter­zu­ma­chen (ar­bei­ten in ei­ner Re­dak­ti­on, o.ä.). Manch­mal glau­be ich, dass die Hek­tik des Be­triebs, das un­ab­än­der­li­che Wei­ter­zie­hen der Ka­ra­wa­ne auch vor sol­chen Kri­sen schützt. Dass da­durch die Kri­ti­ken sel­ber be­lie­bi­ger wer­den, merkt man viel­leicht sel­ber kaum...

  13. @ me­tep­si­lo­n­e­ma

    Die Sa­che ist wahr­schein­lich noch ver­track­ter wie sie hier er­scheint, weil die ju­gend­li­che Of­fen­heit struk­tu­rell mit ge­rin­ge­rer Welt­kennt­nis ein­her­geht.
    Das ist das gro­ße Ge­fü­ge, dann gibt es noch so ver­track­te Din­ge wie das da: Ju­gend­li­che Be­gei­ste­rung, die nicht ein Jo­ta lang hält. Und es gibt die­je­ni­gen Jun­gen, die so­fort al­les rich­tig ma­chen. Für mich an er­ster Stel­le un­ter den Le­ben­den Don­na Tartt, aber auch Ju­dith Her­mann. Oder kürz­lich Hi­la­ry T. Smith.
    Bei den Al­ten: Phil­ipp Me­lan­chthon, Jo­han­nes Brenz, spä­ter No­va­lis usw.

    @ Gre­gor Keu­sch­nig

    Der Aspekt des in­sti­tu­tio­nel­len Schut­zes und An­trie­bes ist nicht zu ver­ach­ten. Ich war ein paar Jahr­zehn­te frei tä­tig – und ha­be auch Kri­ti­ken ge­schrie­ben, oft für ziem­lich he­te­ro­ge­ne Auf­trag­ge­ber. Am blö­de­sten war die He­te­ro­ge­ni­tät. Der be­rühm­te Draht hat am be­sten ge­hol­fen – aber auch simp­le pro­fes­sio­na­li­tät, wie man sie häu­fig in schwei­ze­ris­hen zei­tun­gen fand. Au­sser­dem ha­be ich ei­ne Li­te­ra­tur­zeit­schrift im süd­deut­schen Win­kel mit­ge­grün­det und zehn Jah­re mit be­atmet. Da war wie­der die Nä­he ein gu­ter Wirk­stoff – auf für ge­mein­sa­me De­bat­ten.
    Man schreibt an­ders, wenn man an­ge­bun­den ist.
    Ich den­ke da auch an Or­den – al­so die Klö­ster hier. Z. B. an die Hoch­blü­te im Mit­tel­al­ter, als im ale­man­ni­schen Raum Seu­se, Her­mann der Lah­me und in Straß­burg, dann Köln Tau­ler und Eck­art tä­tig wa­ren – und die Tau­sen­den, die da drum her­um mit größ­ter Auf­merk­sam­keit und Span­nung z. T. An­teil nah­men. Mit un­glaub­li­chen War­te­zei­ten nach heu­ti­gen Maß­stä­ben... Seu­se wur­de schon als Kind be­äugt, und wahr­schein­lich auf sei­ne Taug­lich­keit für ei­ne Ver­sen­dung nach Straß­burg und Köln hin durch­ge­mu­stert....
    Je­den­falls i s t die in­sti­tu­tio­nel­le An­bin­dung ein gro­ßer Fak­tor. Ich den­ke das ist mit ein Grund, war­um die gro­ßen Zei­tungs-Re­dak­tio­nen so wich­tig – und so pro­duk­tiv sind. Und war­um z. B. aus den Funk­häu­sern ver­gleichs­wei­se we­nig Halt­ba­res kommt. Aber das ist wie­der ein et­was an­de­rer Punkt, der so kurz viel­leicht gar nicht sinn­voll be­ar­bei­tet wer­den kann.

  14. @Dieter Kief
    An­de­rer­seits gibt es ge­nug Men­schen, die ge­ra­de die­se Dy­na­mik der In­sti­tu­tio­nen, die­ses Dre­hen im Stru­del der Ak­tua­li­tä­ten, über­drüs­sig ge­wor­den sind. Da­zu zählt nicht nur Leo­pold Fe­der­mair. Ich bin durch­aus auf Per­so­nen ge­trof­fen, die mir das »ge­stan­den« ha­ben. Sie ma­chen wei­ter, weil sie müs­sen – aus fi­nan­zi­el­len Er­wä­gun­gen. Ein »Sab­ba­ti­cal« ist schwer mög­lich, weil das Feh­len­de nicht so leicht auf­zu­ho­len ist.

    Selbst ein Idi­ot (im Handke’schen Sinn) wie ich hat oft ge­nug kei­ne Lust mehr, den Neu­erschei­nun­gen hin­ter­her­zu­he­cheln. Aber noch ob­siegt die Neu­gier.

  15. Man soll den Idio­ten näh­ren, wo im­mer man kann.

    PS – Ich wä­re – ehr­lich – auf gar kei­nen an­de­ren Idio­ten ge­kom­men.

    PPS – ei­ne der hap­pi­ge­ren Sa­chen war, dass in Deutsch­land die Men­schen in den Re­dak­tio­nen ca. vier­mal mehr ver­dien­ten pro Stun­de als ich, der ich auf ei­ge­ne Rech­nung fa­bri­zier­te. Es gibt glaub ich im­mer noch schlap­pe 14 Ta­rif-Mo­nats­ge­häl­ter, dar­an durf­te ich buch­stäb­lich nicht den­ken. Den­noch mei­ne ich: Geld wird gern über­schätzt.

  16. Ich kann das Me­tier des Li­te­ra­tur­kri­ti­kers nur von wei­tem be­ob­ach­ten, aber mir leuch­tet ein, was Die­ter in #13 sagt. Die Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie scheint in­zwi­schen zu ei­ner Art Schick­sal der Li­te­ra­tur und ih­rer Kri­tik zu wer­den. Es gibt ei­ne kom­ple­xe »ju­gend­li­che« Ent­fal­tung, ei­nen mitt­le­ren Strom der Ver­zwei­gung viel­leicht der Über­an­pas­sung, und ein Al­ter der Ir­ri­ta­ti­on und des Zwei­fels. Die Blocka­den, die Gre­gor an­spricht, sind viel­leicht nur die Vor­bo­ten des Al­ters. Ich kann Rad­datz je­den­falls gut ver­ste­hen, wenn er fest­stellt, dass das mei­ste ir­gend­wann ver­lo­ren ist. Die Äs­the­tik ist ver­mut­lich kein »Ha­fen«, in den man ir­gend­wann ein­läuft und si­che­res Quar­tier be­zieht. Ich er­in­ne­re mich an ei­ne Zei­le von De­leu­ze in die­sem Zu­sam­men­hang: »...doch ich sah mich er­neut auf das stür­mi­sche Meer hin­aus ge­wor­fen!«.

  17. @Dieter Kief
    Geld liest nicht, könn­te man in Pa­ra­phra­sie­rung der Flos­kel »Geld schießt kei­ne To­re« (ja­ja, schon wie­der Fuß­ball) sa­gen. Tat­säch­lich merk­te neu­lich je­mand an, dass die Jour­na­li­sten aus öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en, die fest an­ge­stellt sind die Pro­ble­me der Kol­le­gen über­haupt nicht wahr­neh­men. Da­für ma­chen die ei­gent­lich sehr we­nig aus ih­rer Un­ab­hän­gig­keit.

    (Die An­ek­do­te vom Un­ter­schied zwi­schen »ver­die­nen« und »be­zahlt wer­den« er­spa­re ich uns.)

    @die_kalte_Sophie
    Sehr schö­ne Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie. Aber sie er­klärt nicht, dass sich das Nicht-mehr-be­stehen-kön­nen auf die in ju­gend­li­cher Em­pha­se re­zi­pier­ten Lek­tü­ren er­streckt. Frü­her war al­so nicht al­les bes­ser – das ist okay, aber war­um war es so we­nig?

  18. Viel­leicht ein Streich der Er­in­ne­rung? Das ist nur Spe­ku­la­ti­on, aber ich las ir­gend­wo, dass wir da­zu nei­gen Er­in­ne­run­gen qua­si au­to­ma­tisch schön­zu­fär­ben, man schafft sich dem­nach be­son­ders mit dem Äl­ter­wer­den im­mer mehr ei­ne Fik­ti­on oder Teil­fik­ti­on, statt sich ei­ne Kor­re­spon­denz zur Rea­li­tät zu er­hal­ten. Die er­neu­te Lek­tü­re muss dann ent­täu­schen, weil sie der Er­in­ne­rung nicht stand­hal­ten kann. Und ge­nau­so ver­hiel­te es sich mit ei­nem Ver­gleich mit dem Neu­en, das man man der Er­in­ne­rung ge­gen­über stellt.

  19. @ me­tep­si­lo­n­e­ma

    Was aber ist mit je­nen Al­ten, die be­haup­ten, ih­re Lie­be zu ih­ren frü­he­ren Bü­cher-Lie­ben wächst – man könn­te be­haup­ten, die ver­hiel­ten sich un­wis­sen­schaft­lich.
    Wahr­schein­lich die be­ste Lö­sung, he­he.

    An­son­sten: Ih­re Skiz­ze wä­re die schwar­ze Les­art der ko­ven­tio­nel­len The­se des Er­fah­rungs­ge­winns.

    Das sa­ge ich aber un­ab­hän­gig von Rad­datz, dem ja laut Schirr­ma­cher nichts an­de­res ge­lun­gen ist mit sei­nem Ta­ge­buch­band, als d e r Ro­man der Nach­kriegs­zeit schlecht­hin.
    In­ter­es­sant in dem Zu­sam­men­hang: an­de­re Ro­ma­ne als ge­ra­de die­sen da ha­ben Schirr­ma­cher da­mals nicht mehr in­ter­es­siert. Und schon gar nicht deut­sche. Er schau­te – und schwärm­te – nun von Fern­seh­se­ri­en (= ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­se­ri­en).
    Sch. – a lea­ding schörmn in­tellec­tu­al, wie er ger­ne apo­stro­phiert wur­de, hat­te es sich al­so vor der Glot­ze be­quem ge­macht und über­ließ die schö­ne Li­te­ra­tur sei­nen da­für be­zahl­ten Haus­meie­rIn­nen zur Re­ste­ver­wer­tung. Ich er­schrak jetzt doch ein biß­chen als ich dar­an dach­te, dass er be­reits mit mit­te Fünf­zig starb.

  20. Rad­datz be­schreibt ja, wie Schirr­ma­cher ei­nen Teil der Ta­ge­bü­cher zu le­sen be­kam und die­se über den grü­nen Klee lob­te. Und dann für im­mer schwieg. Jah­re spä­ter erst brach­te sie Alex­an­der Fest bei Ro­wohlt.

    Die­ser Se­ri­en­fe­ti­schis­mus ist ja was für Nicht-Le­ser. End­lich wur­de Glot­ze-Gucken feuil­le­to­ni­stisch.

  21. @Dieter Kief
    Ich weiß nicht, was mit die­sen Al­ten ist, der Ein­wurf stammt doch von Ih­nen (viel­leicht war die Er­in­ne­rung ja ver­blasst, aber wie ge­sagt, ich kann das jetzt kaum nä­her aus­füh­ren).

    Ist aber ei­gent­lich nicht das Auf­fin­den von »neu­en Wer­ken« die den Na­men Li­te­ra­tur ver­die­nen, nicht eben­so wich­tig?

  22. Huch – hal­ten sie Don­na Tartt, Ju­dith Her­mann und Hi­la­ry T. Smith be­reits für alt?

    Be­son­ders im Fall von Smith, der jüng­sten der drei, ist die Sa­che sehr in­ter­es­sant: Weil sie, so­weit ich bis­her se­he, nur ein klei­nes Sach­buch über Per­sön­lich­keits­tö­run­gen und emt die­sen klei­nen Ro­man mit dem Ti­tel »Hell­wach« hier ver­öf­fent­licht hat, der aber in D‑Land un­ter dem La­bel Jun­ge Er­wach­se­ne lief, was für die Kri­tik ei­ne Hür­de war, die sie bis­her nicht gut ge­nom­men hat.

    Fällt mir noch ein: Die Ka­na­die­rin Smith wur­de be­kannt als die blog­ge­rin The In­tern, als wel­che sie über ih­re Prak­ti­ka, Hos­pi­tan­zen usw. im Ver­lags­we­sen usw. Buch führ­te – mit ins­ge­samt nie­der­schmet­tern­dem Er­geb­nis.
    Wie ich sen­ti­men­ta­ler Knilch zu­ge­ben muss: Zu mei­ner gro­ßen Freu­de hat Smith aus die­sem Ham­ster­rad wie­der her­aus­ge­fun­den – und leb­te dann bald ein­mal im Cam­per, war aber im rei­nen mit sich (= nähr­te ih­ren Idio­ten).

  23. Wer weiß denn, ob die heu­te ge­hyp­ten Au­toren noch in 20, 30 oder 50 Jah­ren be­kannt sein wer­den? Es gibt vie­le Bei­spie­le wie sich Zeit­ge­nos­sen ge­irrt ha­ben; nicht nur da­hin­ge­hend, dass sie heu­ti­ge Klas­si­ker gar nicht kann­ten, son­dern dass heu­te fast gänz­lich un­be­kann­te da­mals Er­folgs­au­toren wa­ren.

    In­so­fern ist das Her­um­sto­chern des Feuil­le­tons heut­zu­ta­ge nur ei­ne Stich­pro­be. Wer bleibt? Und dann na­tür­lich: War­um? Wer be­treibt das be­ste »Mar­ke­ting« (nicht ein­mal ab­fäl­lig ge­meint).

    Und auf heu­te be­zo­gen: War­um ste­hen be­stimm­te Bü­cher auf Ka­non-Li­sten, an­de­re aber nicht?

  24. @Dieter Kief
    Viel­leicht miss­ver­ste­he ich Sie, aber wir dis­ku­tier­ten doch über Le­se­ein­drücke, Er­in­ne­run­gen und Neu­be­wer­tun­gen, oder?