Prä­li­mi­na­ri­en zu ei­nem Li­te­ra­tur­preis

Ei­ne klei­ne Te­tra­lo­gie zum Bach­mann­preis 2015

Ser­vice für Schnellleser:
I. Fla­tu­len­zen
II. Weg mit den Pa­ten­schaf­ten!
III. Die Kri­tik in der Kri­se
IV. Jour­na­li­sti­sche Do­mi­nanz oder: Ver­mut­lich kei­ne »Mup­pet-Show« in die­sem Jahr

Für Al­les­le­ser (ein Pleo­nas­mus):

I. Fla­tu­len­zen

Ei­gent­lich woll­te ich ja ei­nen eher klei­nen Pro­log zum Bach­mann­preis schrei­ben. Aber dann kam ei­ne öf­fent­lich-recht­lich be­zahl­te Re­dak­teu­rin da­her, die glaub­te, et­was ganz und gar Bö­ses ge­fun­den zu ha­ben: Der Ju­ry-Vor­sit­zen­de des Bach­mann­prei­ses hat­te mit Ron­ja von Rön­ne ei­ne Au­torin zur Le­sung ein­ge­la­den, die vor ei­ni­ger Zeit in der »Welt« ei­nen po­le­mi­schen, an­ti­fe­mi­ni­sti­schen Text ge­schrie­ben hat­te und da­für un­ter an­de­rem (aber nicht nur) Bei­fall von rechts­ge­rich­te­ten Krei­sen er­hal­ten hat­te. Die heh­ren Schwü­re und Mär­sche in punk­to Mei­nungs­frei­heit (wer er­in­nert sich nicht an die wun­der­ba­re In­sze­nie­rung?) wur­den nun flugs mit dem »Stillgestanden!«-Diktum ei­ner Hand­voll Kra­wallan­ten be­gra­ben. Mei­nungs­frei­heit ist in die­sen Krei­sen oh­ne­hin nur als Im­pe­ra­tiv zu ver­ste­hen: »Bild Dir mei­ne Mei­nung! Und nur mei­ne!« Ne­ben ei­ner Skan­da­li­sie­rung, die die Skan­da­li­sie­rung des je­weils in­kri­mi­nier­ten Bei­trags noch über­trifft, wird hier­für ei­ne ex­pli­zit mo­ra­li­sche Gram­ma­tik an­ge­setzt. Ein Text ist nicht mehr »schlecht« oder »falsch«, schon gar nicht mehr wird dies be­grün­det. Es wer­den aus­schließ­lich die schwe­ren Ge­schüt­ze auf­ge­fah­ren, wo­bei es min­de­stens »Het­ze« oder/und »menschen­verachtend« sein muss, ger­ne aber auch in Ver­bin­dung mit – je nach the­ma­ti­scher Aus­rich­tung – ei­ner ziel­si­cher dia­gno­sti­zier­ten Pho­bie. Fast scheint es ein Wett­be­werb um vir­tu­el­le Heiligenschein­punkte zu ge­ben: wer zu­erst den Fehl­ge­lei­te­ten be­kehrt oder, bes­ser, auf Dau­er erle(di)gt, hat ge­won­nen. Und so muss­te nun (1.) die Au­torin noch ein­mal kräf­tig dif­fa­miert und (2.) der Bach­mann­preis da­für in­stru­men­ta­li­siert wer­den.

Un­kun­di­ge über die Mo­da­li­tä­ten des Wett­be­werbs frag­ten nach, wo man denn den Wett­be­werbs­text Rön­nes le­sen kön­ne oder mach­ten gar die ge­sam­te Ju­ry für die No­mi­nie­rung ver­ant­wort­lich. Es ist ja wirk­lich zu viel ver­langt, sich vor­her ein we­nig zu in­for­mie­ren. Und wie bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten durch­aus üb­lich wur­de vom In­halt des Auf­sat­zes in der »Welt« auf die Qua­li­tät des na­tur- und sat­zungs­ge­mäß der Öf­fent­lich­keit noch un­be­kann­ten Tex­tes ge­schlos­sen. Na­tür­lich leh­nen die­se Ge­sin­nungs­rich­ter ei­ne Tren­nung zwi­schen Au­tor und Werk, zwi­schen Fik­ti­on und Auf­satz a prio­ri ab. Ih­re Sehn­sucht ist ei­ne asep­ti­sche, aus­schließ­lich auf ih­ren mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen be­grün­de­te Kunst. Auch das kennt man ja.

Un­ab­hän­gig da­von wie die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät des Wett­be­werbs­bei­tra­ges auch sein wird – bei den ar­gus­äu­gi­gen, aber lei­der in punk­to Li­te­ra­tur eher igno­rant-un­kun­di­gen Tu­gend­wäch­tern wird selbst­ver­ständ­lich im­mer der Sound des Fe­mi­nis­mus-Tex­tes mit­schwin­gen, auch wenn Rön­ne längst an­de­re Tex­te ge­schrie­ben hat. Nicht aus­zu­den­ken, wenn es sich am En­de um ei­nen ak­zep­ta­blen li­te­ra­ri­schen Text han­deln soll­te. Ob der ein oder an­de­ren Ju­ror ihn dann auch öf­fent­lich lo­ben wird, droht doch je­der Be­für­wor­ter nach Be­lie­ben in ei­ne po­li­ti­sche Ecke ge­drückt und de­nun­ziert zu wer­den? Denn stän­dig dräut der »Shitstorm«, deutsch: Schei­ßesturm. Ein schwa­cher Trost ist da nur, dass je­der Schei­ßesturm ent­spre­chen­de Arsch­lö­cher als Ur­he­ber hat. Au­ßer­halb des hyper­ventilierenden Lynch­mobs in­ter­es­siert so et­was ei­gent­lich kei­nen den­ken­den Men­schen, falls nicht Mas­sen­me­di­en am En­de aus der Fla­tu­lenz der We­ni­gen ei­nen Or­kan in­sze­nie­ren (was sie im­mer häu­fi­ger prak­ti­zie­ren, denn es ist doch wohl all­zu drö­ge im­mer nur Tat­sa­chen zu be­rich­ten).

II. Weg mit den Pa­ten­schaf­ten!

Al­so jetzt zum Bach­mann­preis, ei­nes je­ner Er­eig­nis­se, wel­ches auf ei­ne alt­mo­di­sche Art po­la­ri­siert. Ei­ni­ge hal­ten es für ei­nen schreck­li­chen Even­tis­mus, der Au­toren er­nied­ri­ge.1 Sie möch­ten am lieb­sten in vor­aus­ei­len­dem Pa­ter­na­lis­mus so­wohl die Teil­neh­men­den wie auch die even­tu­ell in Re­si­du­en auf­kom­men­den Li­te­ra­tur vor dem bö­sen Kom­merz be­schüt­zen. An­de­re neh­men es als Un­ter­hal­tungs­show mit Spaß­po­ten­ti­al, in der die Li­te­ra­tur nur noch ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt; in et­wa so et­was wie der ESC nur oh­ne Licht­ef­fek­te.

In­ter­es­sant da­bei ist, dass ich im per­sön­li­chen Ge­spräch mit Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lern, Li­te­ra­ten oder ein­fach nur (nur?) Le­sern kaum je­man­den ge­fun­den ha­be, der die Ver­an­stal­tung über die drei Ta­ge hin­weg an­schaut. Das Ur­teil speist sich zu­meist aus den zu­sam­men­ge­se­he­nen Schnip­seln, die auf »Kul­tur­zeit« oder You­tube ab­ruf­bar sind. Selbst die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen, die im Netz lan­ge Zeit ab­ruf­bar sind, wer­den kaum ge­nutzt.

Ein üb­ri­gens gän­gi­ges Ver­fah­ren, das sich bei­spiels­wei­se auch dann zeigt, wenn es um die an­geb­li­che oder tat­säch­li­che »Ver­dum­mung« durch das Fern­se­hen geht, die am ve­he­men­te­sten von de­nen ver­fech­tet wird, die im Lau­fe der Dis­kus­si­on dann frei­mü­tig und mit Ernst-Jün­ger-haf­ter At­ti­tü­de be­ken­nen, seit so­und­so­viel Jah­ren kei­nen Fern­se­her mehr zu be­sit­zen und auch nicht mehr zu schau­en. Auch sehr ger­ne ge­hört und ge­se­hen bei Kri­ti­kern, die ei­nen Au­tor »nicht mö­gen« und we­nig spä­ter er­zäh­len, dass sie jah­re­lang nichts mehr von die­ser Per­son re­zi­piert ha­ben – au­ßer das, was über des­sen Tex­te ge­schrie­ben wur­de. So kann zu­ver­läs­sig die längst ge­fun­de­ne Mei­nung un­ge­stört von der Rea­li­tät wei­ter exi­stie­ren und ver­brei­tet wer­den.

Ich ste­he auf dem Stand­punkt, dass die Teil­neh­mer des Bach­mann­prei­ses dies frei­wil­lig tun und zwar nicht um li­te­ra­ri­scher Me­ri­ten wil­len (zu­min­dest nicht vor­der­grün­dig), son­dern aus auf­merk­sam­keits­öko­no­mi­schen Grün­den oder so­gar als Sprung­brett.2 Die­ses Ver­hal­ten hal­te ich für le­gi­tim. Ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Be­schä­di­gung der Li­te­ra­tur se­he ich nicht: Zum ei­nen lässt sich gu­te Li­te­ra­tur nicht da­durch be­schä­di­gen, nur weil sie auf ei­nem Rum­mel­platz ge­le­sen wird. Und zum an­de­ren ist nicht über­all wo Li­te­ra­tur drauf­steht auch wel­che drin.

Längst hat der Wett­be­werb mit den ein­sti­gen Werk­statt­ge­sprä­chen der Grup­pe 47 nur noch das Ver­fah­ren ge­mein: Zu­nächst liest Ei­ner und Al­le schwei­gen. Da­nach re­den Al­le und der Le­sen­de schweigt. Im Ta­ge­buch von Hans Wer­ner Rich­ter – und nicht nur dort – kann man nach­le­sen, dass das heh­re Werk­statt­ge­spräch auch nur am An­fang »funk­tionierte«. Sehr bald tra­ten die Kri­ti­ker auf dem Plan und be­stimm­ten von nun an die Dis­kus­sio­nen. Par­al­lel da­zu hat­te die Grup­pe 47 ih­re Un­schuld ver­lo­ren, als Rich­ter für sei­ne Ein­la­dungs­post­kärt­chen auch Emp­feh­lun­gen von Ver­le­gern folg­te (was nicht be­deu­tet, dass die Emp­feh­lun­gen per se falsch wa­ren – aber Rich­ters Au­to­no­mie be­kam da­durch Ris­se).

Es wä­re na­tür­lich na­iv zu glau­ben, dass die Über­tra­gun­gen im Fern­se­hen kei­nen Ein­fluss auf den Ab­lauf und den Wett­be­werb neh­men. Aber die The­se, der Bach­mann­preis wer­de durch das Fern­se­hen »ver­dor­ben«, hal­te ich der­zeit für über­trie­ben. Wo­möglich ist die Über­tra­gung der Ju­ry-Dis­kus­si­on so­gar ein Re­gu­la­tiv. Die Pro­ble­me der Ver­an­stal­tung lie­gen eher we­ni­ger in der me­dia­len Prä­senz, son­dern im star­ren Fest­hal­ten an be­stimm­te Ver­fah­ren. Ne­ben Klei­nig­kei­ten wie z. B. die ner­vi­gen und fast nur noch als Pin­kel­pau­se ver­wend­ba­ren so­ge­nann­ten Au­toren­vi­de­os müss­te man kon­kret min­de­stens ei­ne hei­li­ge Kuh schlach­ten, um ei­ne Be­le­bung des Wett­be­werbs zu er­rei­chen.

Es geht um das Aus­wahl- bzw. Vor­schlag­ver­fah­ren der Bei­trä­ge. Bis­her schlägt je­der Ju­ror zwei Kan­di­da­ten vor. Dies macht er in Un­kennt­nis der an­de­ren Bei­trä­ge der an­de­ren Ju­ro­ren. Die ak­tu­el­le Vor­schlags­re­gel, wo­nach ein Ju­ror so­zu­sa­gen für »sei­ne« Au­toren die Pa­ten­schaft über­nimmt, wi­der­spricht dem Ge­dan­ken, dass ei­ne Ju­ry ei­gent­lich neu­tral zu han­deln ha­be, d. h. nicht par­tei­isch sein soll. Dass die­se Par­tei­lich­keit trans­pa­rent ge­schieht, ver­bes­sert die Si­tua­ti­on nicht.

Da­bei in­ter­pre­tie­ren Ju­ro­ren ih­re Pa­ten­schaft sehr un­ter­schied­lich. Die Be­treu­ung reicht vom rei­nen Vor­schla­gen bis hin zur Lek­to­rie­rung des Wett­be­werbs­tex­tes. In je­dem Fall ist die Kri­tik über ei­nen Text auch im­mer ei­ne Aus­sa­ge über den je­wei­li­gen Ju­ror, ins­besondere wenn in der Ju­ry­dis­kus­si­on ei­ne Teil­nah­me des Ju­rors bei­spiels­wei­se in Form ei­nes Lek­to­rats er­wähnt wird. Im Au­ßen­ver­hält­nis gilt der Ju­ror als be­son­ders an­ge­se­hen, der die mei­sten Preis­trä­ger »her­vor­ge­bracht« hat. Dass dies mit der Lei­stung ei­nes Ju­rors auf äs­the­ti­schem Ge­biet ei­gent­lich nichts zu tun hat, liegt zwar auf der Hand, zählt beim Preis­trä­ger­zäh­len je­doch nicht.

Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn dem Ju­ror vor­ge­wor­fen wird, sich in der Dis­kus­si­on ge­nug nicht für »sei­nen« Kan­di­da­ten ein­ge­setzt zu ha­ben. Da­bei be­gin­nen un­ter Um­stän­den spä­te­stens mit Kennt­nis der an­de­ren Bei­trä­ge die stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen. Be­ginnt et­wa der Ju­ror, der den Au­tor vor­ge­schla­gen hat­te, die Dis­kus­si­on nach des­sen Le­sung wird dies als Schwä­che des Tex­tes in­ter­pre­tiert. Der Ju­ror ge­rät da­bei schnell in die De­fen­si­ve. Ent­we­der er ver­sucht sich an ei­ner In­halts­an­ga­be oder er flüch­tet sich in die Ver­tei­di­gung mit der Phra­se »Ich ha­be X vor­ge­schla­gen, weil…«. Da­mit ent­fällt für die an­de­ren Ju­ro­ren even­tu­ell die Not­wen­dig­keit, den Text po­si­tiv zu wür­di­gen. In ei­ner spä­te­ren zwei­ten Wort­mel­dung kann der Ju­ror un­ter Um­stän­den nur noch sein Ein­gangs­state­ment wie­der­ho­len.

Nach­dem der Ju­ror al­le Tex­te zur Kennt­nis ge­nom­men hat, soll nun ur­plötz­lich nach li­te­ra­ri­schen, »neu­tra­len« Kri­te­ri­en ent­schie­den wer­den. Der Ju­ror ge­rät da­bei in ei­nen Kon­flikt: Zum ei­nen fin­det er ei­nen oder meh­re­re an­de­re Tex­te bes­ser, zum an­de­ren muss er min­de­stens nach au­ßen zu »sei­nen« Kan­di­da­ten ste­hen.

Beim Ab­stim­mungs­ver­hal­ten zum Bach­mann­preis bzw. den an­de­ren Prei­sen tritt die­se Ka­la­mi­tät be­son­ders her­vor: Im Zwei­fel wer­den al­le Ju­ro­ren auf ei­nen ih­rer Au­toren re­kur­rie­ren (so­fern der »Cut« über­stan­den wur­de). Da auf die­se Wei­se kei­ne Gewinner­findung mög­lich ist, wird prak­tisch vor­aus­ge­setzt, dass die Patenschaft(en) am En­de auf­ge­ge­ben wer­den.

Da­bei wird deut­lich: Die Ju­ro­ren wer­den durch die Pa­ten­schaf­ten be­la­stet. Sie wer­den zu tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen her­aus­ge­for­dert, die ei­ne freie und wo­mög­lich fre­che Dis­kus­si­on hem­men. Da­her muss ei­ne an­de­re Ju­ry die Wett­be­werbs­tex­te aus­suchen. Es muss ei­ne nach al­len Sei­ten un­ab­hän­gi­ge Ju­ry sein: Un­ab­hän­gig von den Wün­schen der Ver­la­ge, des ORF, der Geld­ge­ber oder an­de­rer Grup­pen.3

Die­se Neu­ord­nung ist ei­ne Grund­vor­aus­set­zung, der al­le an­de­ren re­for­me­ri­schen Schrit­te un­ter­ge­ord­net sind. Die lei­di­ge Fra­ge nach Ro­man­aus­zug oder ab­ge­schlos­se­ner Text wä­re dann über­flüs­sig, da die­se An­ga­be ein­fach un­ter­bleibt. Und ob die Au­toren ih­re Tex­te noch sel­ber le­sen oder ob dies an­ony­mi­siert von Schau­spie­lern über­nom­men wird, wä­re ein zwei­ter Schritt.

Man soll­te in je­dem Fall zu­rück­keh­ren zu ei­nem Preis; viel­leicht noch ei­nem oder zwei Sti­pen­di­en. Wich­tig wä­re da­bei, dass es die Mög­lich­keit gibt, den Preis auch zu ver­weigern, wenn es kei­nen Text gibt, der als preis­wür­dig er­scheint. Auch dies ist nur dann mög­lich, wenn die un­se­li­gen Pa­ten­schaf­ten auf­ge­ge­ben wer­den.

So­weit die Uto­pie. Denn fest steht, dass mit ei­nem Ju­ry-Vor­sit­zen­den Hu­bert Win­kels das ak­tu­el­le Kon­zept nicht ver­än­dert wird. Win­kels hat sich zu den be­stehen­den Ver­fah­ren be­kannt, sieht sich als Be­wah­rer und ist Tra­di­tio­na­list. Der Be­werb muss al­so erst ein­mal Win­kels als Ju­ry-Vor­sit­zen­den über­ste­hen, um dann re­for­miert zu wer­den.4

III. Die Kri­tik in der Kri­se

Nicht zu­letzt der un­wür­di­ge Preis­trä­ger des letz­ten Jah­res zeigt an, in wel­cher Kri­se sich die Li­te­ra­tur­kri­tik be­fin­det. Die­se Kri­se ist al­ler­dings all­ge­mei­ner Na­tur und nicht auf den Bach­mann­preis be­schränkt und zeigt sich in den Fern­seh­über­tra­gun­gen aus Kla­gen­furt nur deut­li­cher als sonst. Et­li­che Bach­mann­preis-Grou­pies wen­den sich in­zwi­schen lie­ber di­rekt an die »au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik« von Kath­rin Pas­sig. Dort wer­den Tex­te an­hand ei­ner durch­aus va­ria­blen Check­li­ste mit Plus- oder Mi­nus­punk­ten be­wer­tet, so­fern z. B. be­stimm­te For­mu­lie­run­gen vor­kom­men oder ir­gend­wel­che an­de­re Kri­te­ri­en er­fül­len. So gibt es für die Er­wäh­nung in­ne­rer Or­ga­ne »die nicht das Herz sind« oder wenn Prot­ago­ni­sten fern­se­hen Plus­punk­te, wäh­rend »Tan­go­mu­sik « oder »Kon­trast zwi­schen Stadt­le­ben und Land­le­ben« Ab­zü­ge brin­gen. Da­bei wer­den selbst­ver­ständ­lich auch au­ßer­li­te­ra­ri­sche As­pek­te her­an­ge­zo­gen (bspw. »schnör­kel­lo­ser Le­bens­lauf« des Au­tors »oh­ne Prei­se« oder »gu­ter Ty­po«). Wich­tig ist, dass es theo­re­tisch auch ex­akt anders­herum sein könn­te, d. h. die Kri­te­ri­en die Plus­punk­te er­hal­ten, könn­ten auch ne­ga­tiv ge­wich­tet sein und um­ge­kehrt. Mit der­ar­ti­gen Kri­te­ri­en wird die als her­me­tisch emp­fun­de­ne und schein­bar will­kür­lich agie­ren­de Li­te­ra­tur­kri­tik per­si­fliert.

In­zwi­schen kann Pas­sig mit die­ser im Dau­er­i­ro­nie­mo­dus da­her­kom­men­den Verball­hornung auch in halb­wegs se­riö­sen Me­di­en re­üs­sie­ren. Der Trick da­bei ist, die­ses Ver­fah­ren als »[ü]berwiegend ernst ge­meint« zu ka­te­go­ri­sie­ren. In­zwi­schen ist es ja auch Usus, sich das po­li­ti­sche Welt­bild in Sa­ti­re­sen­dun­gen ein­zu­kau­fen, war­um soll da nicht Li­te­ra­tur­kri­tik als em­pi­ri­sche Phra­sen­zäh­lung funk­tio­nie­ren. Ei­ne ge­wis­se Ernst­haf­tig­keit wur­de durch ei­ne Preis­ver­ga­be (500 Eu­ro bzw. durch Crowd­fun­ding auch mehr) un­ter­stri­chen. Da­mit hat sich die Spaß- bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la, die sich be­schei­den »Zen­tra­le In­tel­li­genz Agen­tur« nennt bzw. nann­te und vor al­lem in den 00er Jah­ren ih­re Prot­ago­ni­sten zu den Le­sun­gen schick­te (mit Ge­winn für bei­de Sei­ten), schlei­chend aber nach­hal­tig im Kla­gen­furt-Zir­kus ein­ge­rich­tet. Heu­er soll es die­sen al­ter­na­ti­ven Bach­mann­preis al­ler­dings nicht ge­ben. Viel­leicht ist man des Spiel­zeugs über­drüs­sig – was ver­ständ­lich wä­re.

So ober­fläch­lich Pas­sigs Check­li­ste auch sein mag – sie zeigt auf er­schrecken­de Art und Wei­se die schwin­den­de Be­deu­tung der einst so fun­keln­den Li­te­ra­tur­kri­tik. Beim nä­he­ren Le­sen, Hö­ren und Schau­en ent­pup­pen sich de­ren Prot­ago­ni­sten all­zu oft nur noch als Li­te­ra­tur­jour­na­li­sten5 »Li­te­ra­tur­jour­na­lis­mus« zeigt sich – kurt ge­fasst – in vier Punk­ten:

  • »Flucht« des Kri­ti­kers in ei­ne ex­zes­si­ve In­halts­an­ga­be.
  • Au­ßer­li­te­ra­ri­sche Be­zü­ge wie bspw. die Bio­gra­phie und (po­li­ti­sche) Ge­sin­nung des Au­tors und In­ter­view­äu­ße­run­gen wer­den für die Be­wer­tung ei­nes Tex­tes heran­gezogen.
  • Schrei­ben in schlag­zei­len­taug­li­chen Su­per­la­ti­ven für die schnel­le Be­stückung von grif­fi­gen Schub­la­den.6 Da­mit geht fast im­mer ei­ne Ni­vel­lie­rung der Kom­ple­xi­tät des zu re­zen­sie­ren­den Tex­tes ein­her.
  • Per­sön­li­che Vor­lie­ben wer­den als All­ge­mein­gut aus­ge­ge­ben (mei­stens be­gin­nend mit »Ich hät­te mir ge­wünscht…«).

Die­ser Form der Kri­tik geht es fast nur noch dar­um, »das üb­li­che pro­ble­mer­pich­te Pu­bli­kum« die »Mo­ral von der Ge­schicht« zu er­klä­ren (so Karl Heinz Boh­rer in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang in sei­nem Auf­satz »Ist Kunst Il­lu­si­on?« von 2011). Literatur­journalisten sind Ge­jag­te ei­nes durch­öko­no­mi­sier­ten Be­triebs.7 Sie müs­sen jähr­lich hun­der­te von Bü­chern »le­sen»8 und sich an den Ver­lags­pro­gram­men der gro­ßen Häu­ser ab­ar­bei­ten, um auf dem Lau­fen­den zu sein. Für Ent­deckun­gen bleibt kein Raum. Ei­ne Dis­kus­si­on um äs­the­ti­sche Kri­te­ri­en des Tex­tes, der Form, der Spra­che wird kaum noch ge­führt. Wohl ge­merkt: Da­mit ist nicht ein ger­ma­ni­sti­sches Pro­se­mi­nar ge­meint. Aber et­was mehr als das bra­ve Auf­sa­gen des ge­ra­de Ge­le­se­nen bzw. Ge­hör­ten ver­quirlt mit der ei­ge­nen Emp­fin­dung müss­te es schon sein.

So kön­nen dann tat­säch­lich am En­de auch die Pas­sig-Kri­te­ri­en Re­le­vanz be­an­spru­chen. Den vom Feuil­le­ton­be­trieb er­nüch­ter­ten Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern geht es da­bei ähn­lich wie ei­nem schwer­kran­ken Pa­ti­en­ten, der, von der Schul­me­di­zin ent­täuscht, zur Geist­hei­lung wech­selt. Et­was Schlech­te­res als den Tod kann es ja nicht mehr ge­ben.

IV. Jour­na­li­sti­sche Do­mi­nanz oder: Ver­mut­lich kei­ne »Mup­pet-Show« in die­sem Jahr

Ak­tu­ell dürf­te ei­ne Hin­wen­dung zur äs­the­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik beim Bach­mann­preis noch schwie­ri­ger als in den Jah­ren zu­vor wer­den. Hier­für ge­nügt ein Blick auf die ak­tu­el­le Ju­ry. Drei Ju­ro­ren ha­ben de­mis­sio­niert: Burk­hard Spin­nen, Da­nie­la Strigl und – nach nur ei­nem Jahr – Ar­no Du­si­ni. Neu sind Klaus Kast­ber­ger, Ste­fan Gmün­der und San­dra Ke­gel. Die Neu­be­set­zun­gen ge­hor­chen schein­bar ei­nem aus­ge­klü­gel­ten Län­der- aber vor al­lem wohl Gen­der­pro­porz, der me­di­al ge­nau be­ob­ach­tet wird.9 Aber we­sent­lich in­ter­es­san­ter als die­ses klein­li­che Zäh­len nach Län­dern oder Männlein/Weiblein ist es, die fach­li­che Zu­sam­men­set­zung der Ju­ry zu be­fra­gen.

Zum ei­nen ist mit dem Weg­gang von Burk­hard Spin­nen die letz­te Stim­me ei­nes »berufs­mäßigen« Au­tors ver­lo­ren ge­gan­gen. Längst vor­bei die Zei­ten, als 1999 mit Ro­bert Schin­del, Tho­mas Hett­che, Die­ter Bach­mann und Ul­ri­ke Läng­le10 4 von 7 oder 2003 Burk­hard Spin­nen, Jo­sef Has­lin­ger und Frie­de­ri­ke Kret­zen im­mer­hin 3 von 9 Ju­ro­ren sel­ber Schrift­stel­ler wa­ren.11 Schon ein Jahr spä­ter war Spin­nen in die­ser in­of­fi­zi­el­len Ka­te­go­rie al­lei­ne, was bis auf ein In­ter­mez­zo von Alain Clau­de Sul­zer 2008–2011 auch so blieb. Ge­ne­rell war Spin­nen mit sei­nen ins­ge­samt 14 Teil­nah­men (2000–2006, 2008–2014) die Aus­nah­me. Schrift­stel­ler blie­ben häu­fig nur kurz in der Ju­ry12, nach­dem man zu­nächst gänz­lich glaub­te, dar­auf ver­zich­ten zu kön­nen und fast aus­nahms­los Pu­bli­zi­sten und Feuil­le­to­ni­sten in die Ju­ry be­rief.

Zum an­de­ren hat die Ju­ry mit Da­nie­la Strigl ei­nen wirk­lich schier un­er­setz­li­chen Ab­gang zu ver­kraf­ten. Stri­gls Rück­tritt er­folg­te im Dis­sens mit dem ORF, der maß­geb­lich an der Aus­rich­tung des Wett­be­werbs be­tei­ligt ist und ent­spre­chen­de Kon­zes­sio­nen ein­for­dert. So woll­te der ORF die Be­set­zung des Ju­ry­vor­sit­zes nach Burk­hard Spin­nens Ab­gang be­stimmen. Zu­sa­gen an Strigl wur­den, so das Ge­rücht, zu­rück­ge­nom­men und Hu­bert Win­kels als Ju­ry-Vor­sit­zen­der be­stimmt. Win­kels sel­ber stellt die An­ge­le­gen­heit an­ders dar.

Nicht nur die ein­zi­ge Stim­me des Schrift­stel­lers fehlt. Auch die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ha­ben al­so ei­nen Ver­tre­ter we­ni­ger: Dem Weg­gang von Strigl und Du­si­ni folgt der dy­na­mi­sche und elo­quen­te Kast­ber­ger. Mit Gmün­der und Ke­gel (die bis­her eher we­ni­ger mit Li­te­ra­tur­be­spre­chun­gen auf­ge­fal­len war) sind nun 5 der 7 Ju­ro­ren Feuil­le­ton-Jour­na­li­sten. Es bleibt ab­zu­war­ten, ob von die­ser Ju­ry Im­pul­se aus­ge­hen bzw. ob die­se zu­ge­las­sen wer­den oder ob sich die »jour­na­li­sti­sche« Sicht noch wei­ter durch­set­zen wird.

Hel­mut Böt­ti­ger hat neu­lich in »zeit.online« ei­nen Ver­riss für das neue »Li­te­ra­ri­sche Quar­tett« in ZDF un­ter der Lei­tung von Vol­ker Wei­der­mann ver­fasst. Mit Chri­sti­ne We­ster­mann und Ma­xim Bil­ler sieht Böt­ti­ger ei­ne Rol­len­ver­tei­lung in der Sen­dung wie in der »Mup­pet-Show« statt ei­ner se­riö­sen li­te­ra­tur­kri­ti­schen Dis­kus­si­ons­run­de (die es mit Reich-Ra­nicki üb­ri­gens auch fast nie gab, aber das wird nicht the­ma­ti­siert). Wie es in­zwi­schen durch­aus Usus in der Kri­tik ist ver­zich­te­te Böt­ti­ger für sein Ur­teil sou­ve­rän auf die Kennt­nis des Ob­jekts sei­ner Kri­tik: Die er­ste Sen­dung in die­ser Be­set­zung wird erst im Ok­to­ber aus­ge­strahlt wer­den. Aber das stört Böt­ti­ger nicht im Ge­ring­sten. Und auch die Re­dak­ti­on von zeit.online nicht: Sie würz­te den kal­ten Ver­riss mit ei­ner Fo­to­mon­ta­ge der drei Dis­ku­tan­ten.

Ich möch­te nicht den Böt­ti­ger ma­chen, pro­gno­sti­zie­re aber kühn, dass es 2015 kei­ne »Mup­pet-Show« in Kla­gen­furt ge­ben wird. Aber viel­leicht gibt es wie­der ein­mal, nach vie­len Jah­ren, ei­nen Pro­sa­text, der ver­zau­bert, ein »Wun­der«, ein Text, der für die Dau­er sei­ner Le­sung ver­ges­sen lässt, was für ein Spek­ta­kel da statt­fin­det und wel­che Durch­schnittlichkeit sich im­mer wie­der brä­sig ein­ni­stet. Man soll ja die Hoff­nung nicht auf­ge­ben.



Ich wer­de die­ses Jahr – hof­fent­lich ein biss­chen we­ni­ger als 2014 – über den Wett­be­werb twit­tern. Aus si­che­rer Di­stanz, vom Fern­seh­ge­rät aus.



  1. Im nach­fol­gen­den Text ist zwar auch wei­ter­hin von Au­toren, Le­sern und Ju­ro­ren die Re­de, aber selbst­ver­ständ­lich sind da­mit auch im­mer Au­torin­nen, Le­serin­nen und Ju­rorin­nen ge­meint. 

  2. Letz­te­res trägt da­zu bei, dass halb­wegs ar­ri­vier­te Schrift­stel­ler sel­ten un­ter den Teil­neh­mern zu fin­den sind – ih­re Fall­hö­he wä­re un­ter Um­stän­den zu hoch. So­mit kommt der Bach­mann­preis im­mer wie­der in den Ge­ruch ei­nes Nachwuchswett­bewerbs, was er per se nicht ist. Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken, wur­den in den letz­ten Jah­ren un­ter­schied­li­che Ver­fah­ren aus­pro­biert. Die­se wa­ren eher mä­ssig er­folg­reich. Ak­tu­ell ist es not­wen­dig »von ei­nem Ver­lag oder ei­ner Li­te­ra­tur­zeit­schrift schrift­lich emp­foh­len zu wer­den«. Ei­ne Pu­bli­ka­ti­on wie in der Ver­gan­gen­heit ge­for­dert, muss nicht mehr vor­lie­gen. 

  3. Ei­ni­ge Na­men fal­len mir da schon ein, aber ob die­je­ni­gen be­reit wä­ren, die Vor­auswahl zu über­neh­men, bleibt frag­lich. 

  4. Al­ler­dings dürf­te vor­her schon die ak­tu­el­le fak­ti­sche In­sol­venz des Lan­des Kärn­ten 2016ff die Exi­stenz­fra­ge des Wett­be­werbs stel­len. Soll­te der ORF wi­der Er­war­ten auch noch das Preis­geld­en­ga­ge­ment über­neh­men, wird dies mit Maß­nah­men ein­ge­kauft wer­den müs­sen, die den Be­werb te­le­ge­ner ma­chen, aber da­durch nicht un­be­dingt an­spruchs­vol­ler. 

  5. In ih­rem ver­dienst­vol­len Buch »Li­te­ra­tur­kri­tik – Ei­ne Su­che« (2008) tritt Bri­git­te Schwens-Har­rant ve­he­ment für ein ver­ständ­li­che­res Schrei­ben von Literatur­rezensionen ein und nennt dies »jour­na­li­stisch schrei­ben«. Dies ist mit mei­ner Ru­bri­zie­rung aus­drück­lich nicht ge­meint. 

  6. Bri­git­te Schwens-Har­rant: »Ist die Schub­la­de erst kre­iert, schreibt sich’s gänz­lich un­ge­niert« Und wei­ter: »Schub­la­di­sie­run­gen sind das Re­sul­tat un­ge­nau­er Lek­tü­re, aber auch feh­len­der auf­merk­sa­mer Ana­ly­se. Wenn Au­toren erst ein­mal in ei­ner Kri­ti­ker­schub­la­de ge­lan­det sind, schreibt fröh­lich ei­ne Re­zen­sen­tin von der an­de­ren ab, oh­ne je ein­mal ei­ne Au­torin aus der Schub­la­de zu ho­len und ih­re Tex­te ge­nau­er an­zu­se­hen«. 

  7. Von Ek­ke­hard Knö­rer konn­te man ei­ni­ges über Hu­bert Win­kels’ Ter­min­ka­len­der er­fah­ren, über den er bei ei­ner Ta­gung be­rich­te­te: « Und so blät­ter­te er sehr de­tail­liert sei­nen Ter­min­ka­len­der für das Jahr 2015 auf, von Mo­de­ra­tio­nen zu Vor­trä­gen, von den Ju­ry­sit­zun­gen für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se zum näch­sten Li­te­ra­tur­fe­sti­val: im näch­sten hal­ben Jahr kei­ne freie Mi­nu­te. Zum Le­sen und Den­ken und Schrei­ben kommt man da­bei, wie er of­fen be­kann­te, eher nur zwi­schen­durch.« Im­mer­hin reicht die Zeit, die Ju­ro­ren ein­zu­stim­men. 

  8. Es mag leicht er­mes­sen, wel­che Qua­li­tät die­se Form der »Lek­tü­re« ha­ben dürf­te. Sie ist ent­we­der ober­fläch­lich oder fin­det nur noch par­ti­ell statt. 

  9. Hin­sicht­lich des Län­der­pro­por­zes gibt es in­ter­es­san­te In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten, da ei­ni­ge Ju­ro­ren schein­bar dop­pel­te Staats­bür­ger­schaf­ten be­sit­zen. 

  10. Man kann jetzt strei­ten, ob Läng­le und Bach­mann als Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler oder als Schrift­stel­ler sub­su­miert wer­den kön­nen. 

  11. Auch Il­ma Ra­ku­sa, die von 2003 bis 2007 in der Ju­ry saß, kann so­wohl als Au­torin als auch als Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin ein­ge­ord­net wer­den. 

  12. Man den­ke z. B. an Ma­xim Bil­ler, Hans Chri­stoph Buch, Bar­ba­ra Frischmuth (je 1x) oder Bir­git Van­der­be­ke, die 1990 den Bach­mann­preis ge­won­nen hat­te und 2001 und 2002 in die Ju­ry kam 

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9 Kommentare zu »Prä­li­mi­na­ri­en zu ei­nem Li­te­ra­tur­preis«:

  1. Eva Jancak sagt:

    Ein in­ter­es­san­ter Ar­ti­kel und ein sehr in­ter­es­san­tes Aus­ein­an­der­set­zen mit dem Bach­mann­preis, den ich, glau­be ich, schon seit sei­nem Ent­ste­hen ver­fol­ge und an­mer­ke, daß man 1977 bei sei­ner Grün­dung sehr da­ge­gen war, die Au­toren öf­fent­lich zur Schau zur Stel­len, die IG-Au­toren in Öster­reich ha­ben da­ge­gen pro­te­stiert, die GAV hat ge­sagt, wir kön­nen nie­man­den, weil es ja um Geld geht an der Teil­nah­me hin­dern, aber...
    Das hat sich jetzt ge­än­dert und die jun­gen Au­toren drän­gen, glau­be ich, sehr en­er­gisch dort­hin, denn dort ist das Geld, die Pres­se die Ver­la­ge...
    2005 ha­be ich zwei Ta­ge vor dem Wett­be­werb in der Pres­se ei­ne mü­de Kri­tik ge­le­sen, daß da nichts los und kein Skan­dal zu er­war­ten sein wird, da ha­be ich ei­nen en­er­gi­schen Le­ser­brief ge­schrie­ben und heu­er, den­ke ich, wird et­was los sein, das ver­spricht die Aus­wahl der Au­torin­nen, die Her­ren ken­ne ich nicht sehr und das ist der neu­en Ju­ry zu ver­dan­ken, wo ich die bei­den Her­ren als sehr qua­li­fi­zier­te star­ke Stim­men ein­schät­zen wür­de, die Da­me ken­ne ich nicht sehr- span­nend al­so und wahr­schein­lich nicht nur we­gen der pro­vo­kan­ten jun­gen Frau in Ber­lin, die wahr­schein­lich kei­ne Ah­nung hat, was sie dem Fe­mi­nis­mus zu ver­dan­ken hat, denn vor hun­dert Jah­ren hät­te man sie wahr­schein­lich nicht zum Le­sen ein­ge­la­den und sie hät­te auch nicht stu­die­ren dür­fen, sie muß aber ei­nen viel­ver­spre­chen­den li­te­ra­ri­schen Text ha­ben, sonst hät­te sie Herr Win­kels, den ich eben­falls für sehr qua­li­fi­ziert hal­te, nicht ein­ge­la­den und sie hat, auch wenn das auf ih­rer Sei­te nicht er­kennt­lich ist, glau­be ich, in Hil­des­heim stu­diert, aber sie ist sehr jung und hat noch drei­zehn an­de­re Kon­kur­ren­ten, von de­nen jetzt of­fen­bar nie­mand spricht, aber min­de­stens drei star­ke Frau­en, wie Va­le­rie Fritsch, eben­falls nicht viel äl­ter, No­ra Gom­rin­ger, Mi­chae­la Falk­ner, um nur die pro­vo­kan­te­sten zu nen­nen, an ih­rer Sei­te.
    Das wird span­nend wer­den, ha­be ich schon ge­dacht, noch ehe ich nach­ge­goog­let ha­be, wen ich mir un­ter Ron­ja von Rön­ne vor­stel­len kann und von die­sem Shitstorm et­was mit­be­kom­men ha­be.
    Nein, ich will nicht, daß man sei­ne Haus­tie­re tö­tet und ich mag auch kei­ne Ego­isten, bin aber im­mer noch auf den Bach­mann­preis sehr ge­spannt, ob­wohl ich nicht recht weiß, was Sie un­ter ei­ner Mup­pet Show ver­ste­hen und daß sich der größ­te Teil der Mit­men­schen nicht sehr für Li­te­ra­tur in­ter­es­sie­ren, das ist wahr­schein­lich so, da­her soll­te man sich nicht wun­dern, daß das Aus­wahl­ver­fah­ren nur den In­si­dern be­kannt ist und das sind wahr­schein­lich die Au­toren, die dort sel­ber le­sen wol­len, aber ei­ni­ge, die sich das Wett­le­sen rund um die Uhr an­se­hen, gibt es schon, ich zum Bei­spiel und ich ken­ne auch ei­ni­ge an­de­re Blog­ger, die das tun und bin 2008 auch zu mei­nem Blog ge­kom­men, als ich wäh­rend des Bach­mann­sur­fen in den Pau­sen dar­auf­ge­kom­men bin, daß jetzt die Blogs dar­über dies­ku­tie­ren.
    Al­so neu­gie­rig auf den neu­en Bach­mann­preis sein und nicht im Vorn­her­ein dar­über mot­zen, son­dern zu­schau­en und dann sei­ne Mei­nung bil­den, ge­gen die so­ge­nann­ten Pa­ten ha­be ich nichts und ei­gent­lich auch nichts ge­gen das Aus­wahl­ver­fah­ren, ob­wohl ich auch gern dort ein­mal ge­le­sen hät­te

    #1

  2. So wün­schens­wert die Tren­nung von Ju­ror und Pa­ten­schaft wä­re, so we­nig wird sie kom­men. Denn ge­nau die un­lau­te­re Ver­quickung von Rol­len ist für den Li­te­ra­tur­be­trieb ty­pisch. Noch am tref­fend­sten wur­de Kla­gen­furt bis­lang (in ei­ner Stu­die von Do­ris Mo­ser) als »Bör­se« be­schrie­ben, an dem ver­schie­den­ste Din­ge no­tiert wer­den: von der Stu­di­ode­ko­ra­ti­on bis zur Strin­genz der Ju­ry-Dis­kus­si­on. Und ja, ir­gend­wo dar­un­ter auch li­te­ra­ri­sche Tex­te.

    Die Tat­sa­che, dass je­der Ju­ror im­mer zwei Pferd­chen ins Ren­nen schickt (wo­von ei­nes dann gern als Ka­no­nen­fut­ter dient), macht es bei der An­zahl der Prei­se fast je­dem mög­lich, ei­nen Er­folg ein­zu­fah­ren. Es wä­re ei­ne Auf­ga­be der em­pi­ri­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (hal­lo, di­gi­tal hu­ma­nities!) sol­che Kor­re­la­tio­nen mal aus­zu­zäh­len.

    Man muss die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on über ein Stück Li­te­ra­tur in An­we­sen­heit des Au­tors nicht für den Gip­fel der Li­te­ra­tur­kri­tik hal­ten. Man muss Live-Kri­tik im Fern­se­hen über­haupt nicht gut fin­den. Aber im­mer­hin ist es (ne­ben ei­ni­gen Hör­funk­sen­dun­gen) das ein­zi­ge Mal im Jahr, dass die­se Kul­tur­tech­nik per­for­ma­tiv und öf­fent­lich statt­fin­det. Ver­sa­gen und Fehl­ur­tei­le ste­hen durch die Er­fin­dung des Se­cond Screens (da­mit mei­ne ich die Be­glei­tung und Kom­men­tie­rung des Kla­gen­furt-Events durch Twit­ter und an­de­re For­men des so­ci­al-me­dia-Grou­pie­tums) längst stär­ker un­ter Be­ob­ach­tung als frü­her.

    Ins­ge­samt scheint mir Kla­gen­furt mehr ein Er­eig­nis der Li­te­ra­tur­kri­tik als der Li­te­ra­tur zu sein. Wie soll­te man es auch an­ders re­zi­pie­ren, wenn – wie im Jahr­gang 2014 – wirk­lich nur lau­ter laue Tex­te am Start sind. Bes­se­res hat die Li­te­ra­tur­sze­ne al­so nicht zu bie­ten, dach­te man sich und muss­te sich mit sei­ner Auf­merk­sam­keit ganz not­ge­drun­gen auf Ne­ben­schau­plät­ze ver­le­gen.

    #2

  3. Die lau­en Tex­te des Jah­res 2014 sind na­tür­lich das Pro­dukt der Ju­ry, al­so »der Kri­tik«. Das be­deu­tet, dass nicht nur die Art und Wei­se wie die Ju­ry über die Bei­trä­ge ur­teilt, der Kri­tik der Re­zi­pi­en­ten un­ter­liegt (das »per­for­ma­ti­ve« Ele­ment der Kri­tik), son­dern auch die Aus­wahl der Bei­trä­ge. Letz­te­res wird ja ger­ne über­se­hen.

    Es gab im­mer mal schlech­te Jahr­gän­ge (bei­spiels­wei­se 2006 oder 2010), aber soll­te sich dies als Dau­er­zu­stand fest­set­zen, wird auch die Be­reit­schaft jun­ger Au­toren im­mer mehr ab­neh­men, teil­zu­neh­men. Ins­ge­samt droht dann noch mehr ei­ne Ver­fla­chung. Vie­le halb­wegs ar­ri­vier­te Schrift­stel­ler sa­gen längst, dass sie kein In­ter­es­se an ei­ner Teil­nah­me ha­ben: die Fall­hö­he sei ein­fach zu hoch. Es gibt Ju­ro­ren, von de­nen man ein­fach nicht öf­fent­lich ge­lobt oder gar ver­ris­sen wer­den möch­te. (Ab und an liest man ja noch ein­mal ei­nen be­kann­ten Na­men – mit dem sich so­fort ein neu­es Pro­blem stellt: Lobt man die­sen Bei­trag wit­tern ei­ni­ge ei­nen Pro­mi­nen­ten­bo­nus. Lobt man nicht, in­ter­pre­tiert man es »drau­ßen« als Pro­mi-Ma­lus.)

    Auch ich hal­te die­ses per­for­ma­ti­ve Ele­ment, die­ses Sich-Stel­len der Kri­tik, für ei­ne wich­ti­ge Sa­che. Um­so be­dau­er­li­cher, dass sich die Kri­tik hier meist all­zu wil­lig un­ter Wert »ver­kauft«. Dass sie im Vor­der­grund steht, ist ja al­lei­ne schon durch das Ver­fah­ren ge­ge­ben. Aber dass sie zum ei­gent­lich Er­eig­nis wird, hiel­te ich für be­denk­lich. Aber viel­leicht ist das der Preis, den Li­te­ra­tur im Fern­se­hen zah­len muss (sie­he »Li­te­ra­ri­sches Quar­tett«): Die Haupt­rol­le über­nimmt stets die In­sze­nie­rung.

    #3

  4. PS: So et­was wie ei­ne »Rang­li­ste« der Ju­ry wur­de hier vor­ge­nom­men.

    #4

  5. In­ter­es­sant, dan­ke. Es wä­re äs­the­tisch und in­ter­pre­ta­tiv bzw. re­zep­tiv in­ter­es­sant, die Tex­te nicht von den je­wei­li­gen Au­toren le­sen zu las­sen (je­der Text soll­te von ei­nem oder zwei Schau­spie­lern vor­ge­tra­gen wer­den, even­tu­ell männ­lich und weib­lich, und zu­min­dest als pod­cast im Netz ver­füg­bar sein).

    Viel­leicht muss man ei­nen Ju­rylei­ter in­stal­lie­ren, der nicht an der Au­toren­aus­wahl be­tei­ligt ist und des­sen Haut­auf­ga­be die Si­cher­stel­lung ei­ner text­ge­bun­de­nen, li­te­ra­ri­schen Dis­kus­si­on wä­re (ev. an­hand ei­nes The­men- oder Kri­te­ri­en­ka­ta­logs). Dann könn­te man viel­leicht eher ver­schmer­zen, dass die Tren­nung zwi­schen Ju­ry und Pa­ten­schaft be­stehen bleibt (bes­ser wä­re, wie schon fest­ge­stellt, die­se auf­zu­he­ben; aber wahr­schein­lich ist die­se Nicht­tren­nung ei­ne Mo­ti­va­ti­on mit­zu­ma­chen).

    #5

  6. @metepsilonema
    Ein ehe­ma­li­ger Ju­ror (ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num) schrieb mir zwei Grün­de, war­um die »Pa­ten­schaf­ten« blei­ben soll­ten: 1. »Wer möch­te sich von an­de­ren die Lek­tü­re vor­sor­tie­ren las­sen?« und 2. wä­re es nicht schlecht, wenn es we­nig­stens ei­nen »Pflicht­ver­tei­di­ger« ei­nes Teil­neh­mers gä­be. Ich ge­be zu, dass ich die Sa­che mit dem Vor­sor­tie­ren und den ent­spre­chen­den Ei­tel­kei­ten zwei­er Ju­rys über­se­hen ha­be. Das mit dem »Pflicht­ver­tei­di­ger« klingt gut, aber so man­ches Mal hat­te man das Ge­fühl, da wer­de ei­ner als »Ka­no­nen­fut­ter« (Marc Reich­wein) vor­ge­schla­gen.

    Um­so in­ter­es­san­ter er­scheint mir Dein Vor­schlag ei­nes neu­tra­len Ju­ry­vor­sit­zen­den, der dann so­zu­sa­gen zum Mo­de­ra­tor wird. Aber ma­chen wir uns nichts vor: Es wird so blei­ben, wie es ist, weil die Ver­an­stal­tung zu sehr un­ter dem Event-Cha­rak­ter re­zi­piert wer­den soll. Das ist ja durch­aus im Sin­ne des ORF.

    #6

  7. Im Sin­ne des ORF, klar (ich fra­ge mich ge­ra­de wie der Bach­mann­preis als rei­ne Ra­dio­sen­dung aus­se­hen wür­de; wä­re ei­gent­lich per­fekt für Ö1, könn­te man da­ge­gen hal­ten, re­du­zier­te al­ler­dings die Ein­schalt­quo­te).

    Ganz über­zeu­gen mich die zwei Punk­te nicht: Ei­nen Pflicht­ver­tei­di­ger braucht es ei­gent­lich nur, wenn die Dis­kus­sio­nen per­sön­lich oder un­fair wer­den (man könn­te so­gar sa­gen, es stützt nur die gän­gi­ge Pra­xis). Und zum Vor­sor­tie­ren: Si­cher­lich, ir­gend­wie muss man aus­wäh­len (ge­schieht das bei an­de­ren Prei­sen ähn­lich?), an­de­rer­seits aber darf man von ei­ner Ju­ry er­war­ten, dass sie sich dem stellt, was kommt, so­lan­ge es Li­te­ra­tur ist.

    #7

  8. kdm sagt:

    »...ei­ner Hand­voll Kra­wallan­ten...«
    Fehlt da nicht ein »t« vor den »an­ten«?

    #8