Prä­li­mi­na­ri­en zu ei­nem Li­te­ra­tur­preis

Ei­ne klei­ne Te­tra­lo­gie zum Bach­mann­preis 2015

Ser­vice für Schnellleser:
I. Fla­tu­len­zen
II. Weg mit den Pa­ten­schaf­ten!
III. Die Kri­tik in der Kri­se
IV. Jour­na­li­sti­sche Do­mi­nanz oder: Ver­mut­lich kei­ne »Mup­pet-Show« in die­sem Jahr

Für Al­les­le­ser (ein Pleo­nas­mus):

I. Fla­tu­len­zen

Ei­gent­lich woll­te ich ja ei­nen eher klei­nen Pro­log zum Bach­mann­preis schrei­ben. Aber dann kam ei­ne öf­fent­lich-recht­lich be­zahl­te Re­dak­teu­rin da­her, die glaub­te, et­was ganz und gar Bö­ses ge­fun­den zu ha­ben: Der Ju­ry-Vor­sit­zen­de des Bach­mann­prei­ses hat­te mit Ron­ja von Rön­ne ei­ne Au­torin zur Le­sung ein­ge­la­den, die vor ei­ni­ger Zeit in der »Welt« ei­nen po­le­mi­schen, an­ti­fe­mi­ni­sti­schen Text ge­schrie­ben hat­te und da­für un­ter an­de­rem (aber nicht nur) Bei­fall von rechts­ge­rich­te­ten Krei­sen er­hal­ten hat­te. Die heh­ren Schwü­re und Mär­sche in punk­to Mei­nungs­frei­heit (wer er­in­nert sich nicht an die wun­der­ba­re In­sze­nie­rung?) wur­den nun flugs mit dem »Stillgestanden!«-Diktum ei­ner Hand­voll Kra­wallan­ten be­gra­ben. Mei­nungs­frei­heit ist in die­sen Krei­sen oh­ne­hin nur als Im­pe­ra­tiv zu ver­ste­hen: »Bild Dir mei­ne Mei­nung! Und nur mei­ne!« Ne­ben ei­ner Skan­da­li­sie­rung, die die Skan­da­li­sie­rung des je­weils in­kri­mi­nier­ten Bei­trags noch über­trifft, wird hier­für ei­ne ex­pli­zit mo­ra­li­sche Gram­ma­tik an­ge­setzt. Ein Text ist nicht mehr »schlecht« oder »falsch«, schon gar nicht mehr wird dies be­grün­det. Es wer­den aus­schließ­lich die schwe­ren Ge­schüt­ze auf­ge­fah­ren, wo­bei es min­de­stens »Het­ze« oder/und »menschen­verachtend« sein muss, ger­ne aber auch in Ver­bin­dung mit – je nach the­ma­ti­scher Aus­rich­tung – ei­ner ziel­si­cher dia­gno­sti­zier­ten Pho­bie. Fast scheint es ein Wett­be­werb um vir­tu­el­le Heiligenschein­punkte zu ge­ben: wer zu­erst den Fehl­ge­lei­te­ten be­kehrt oder, bes­ser, auf Dau­er erle(di)gt, hat ge­won­nen. Und so muss­te nun (1.) die Au­torin noch ein­mal kräf­tig dif­fa­miert und (2.) der Bach­mann­preis da­für in­stru­men­ta­li­siert wer­den.

Un­kun­di­ge über die Mo­da­li­tä­ten des Wett­be­werbs frag­ten nach, wo man denn den Wett­be­werbs­text Rön­nes le­sen kön­ne oder mach­ten gar die ge­sam­te Ju­ry für die No­mi­nie­rung ver­ant­wort­lich. Es ist ja wirk­lich zu viel ver­langt, sich vor­her ein we­nig zu in­for­mie­ren. Und wie bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten durch­aus üb­lich wur­de vom In­halt des Auf­sat­zes in der »Welt« auf die Qua­li­tät des na­tur- und sat­zungs­ge­mäß der Öf­fent­lich­keit noch un­be­kann­ten Tex­tes ge­schlos­sen. Na­tür­lich leh­nen die­se Ge­sin­nungs­rich­ter ei­ne Tren­nung zwi­schen Au­tor und Werk, zwi­schen Fik­ti­on und Auf­satz a prio­ri ab. Ih­re Sehn­sucht ist ei­ne asep­ti­sche, aus­schließ­lich auf ih­ren mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen be­grün­de­te Kunst. Auch das kennt man ja.

Un­ab­hän­gig da­von wie die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät des Wett­be­werbs­bei­tra­ges auch sein wird – bei den ar­gus­äu­gi­gen, aber lei­der in punk­to Li­te­ra­tur eher igno­rant-un­kun­di­gen Tu­gend­wäch­tern wird selbst­ver­ständ­lich im­mer der Sound des Fe­mi­nis­mus-Tex­tes mit­schwin­gen, auch wenn Rön­ne längst an­de­re Tex­te ge­schrie­ben hat. Nicht aus­zu­den­ken, wenn es sich am En­de um ei­nen ak­zep­ta­blen li­te­ra­ri­schen Text han­deln soll­te. Ob der ein oder an­de­ren Ju­ror ihn dann auch öf­fent­lich lo­ben wird, droht doch je­der Be­für­wor­ter nach Be­lie­ben in ei­ne po­li­ti­sche Ecke ge­drückt und de­nun­ziert zu wer­den? Denn stän­dig dräut der »Shit­s­torm«, deutsch: Schei­ßesturm. Ein schwa­cher Trost ist da nur, dass je­der Schei­ßesturm ent­spre­chen­de Arsch­lö­cher als Ur­he­ber hat. Au­ßer­halb des hyper­ventilierenden Lynch­mobs in­ter­es­siert so et­was ei­gent­lich kei­nen den­ken­den Men­schen, falls nicht Mas­sen­me­di­en am En­de aus der Fla­tu­lenz der We­ni­gen ei­nen Or­kan in­sze­nie­ren (was sie im­mer häu­fi­ger prak­ti­zie­ren, denn es ist doch wohl all­zu drö­ge im­mer nur Tat­sa­chen zu be­rich­ten).

II. Weg mit den Pa­ten­schaf­ten!

Al­so jetzt zum Bach­mann­preis, ei­nes je­ner Er­eig­nis­se, wel­ches auf ei­ne alt­mo­di­sche Art po­la­ri­siert. Ei­ni­ge hal­ten es für ei­nen schreck­li­chen Even­tis­mus, der Au­toren er­nied­ri­ge.1 Sie möch­ten am lieb­sten in vor­aus­ei­len­dem Pa­ter­na­lis­mus so­wohl die Teil­neh­men­den wie auch die even­tu­ell in Re­si­du­en auf­kom­men­den Li­te­ra­tur vor dem bö­sen Kom­merz be­schüt­zen. An­de­re neh­men es als Un­ter­hal­tungs­show mit Spaß­po­ten­ti­al, in der die Li­te­ra­tur nur noch ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt; in et­wa so et­was wie der ESC nur oh­ne Licht­ef­fek­te.

In­ter­es­sant da­bei ist, dass ich im per­sön­li­chen Ge­spräch mit Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lern, Li­te­ra­ten oder ein­fach nur (nur?) Le­sern kaum je­man­den ge­fun­den ha­be, der die Ver­an­stal­tung über die drei Ta­ge hin­weg an­schaut. Das Ur­teil speist sich zu­meist aus den zu­sam­men­ge­se­he­nen Schnip­seln, die auf »Kul­tur­zeit« oder You­tube ab­ruf­bar sind. Selbst die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen, die im Netz lan­ge Zeit ab­ruf­bar sind, wer­den kaum ge­nutzt.

Ein üb­ri­gens gän­gi­ges Ver­fah­ren, das sich bei­spiels­wei­se auch dann zeigt, wenn es um die an­geb­li­che oder tat­säch­li­che »Ver­dum­mung« durch das Fern­se­hen geht, die am ve­he­men­te­sten von de­nen ver­fech­tet wird, die im Lau­fe der Dis­kus­si­on dann frei­mü­tig und mit Ernst-Jün­ger-haf­ter At­ti­tü­de be­ken­nen, seit so­und­so­viel Jah­ren kei­nen Fern­se­her mehr zu be­sit­zen und auch nicht mehr zu schau­en. Auch sehr ger­ne ge­hört und ge­se­hen bei Kri­ti­kern, die ei­nen Au­tor »nicht mö­gen« und we­nig spä­ter er­zäh­len, dass sie jah­re­lang nichts mehr von die­ser Per­son re­zi­piert ha­ben – au­ßer das, was über des­sen Tex­te ge­schrie­ben wur­de. So kann zu­ver­läs­sig die längst ge­fun­de­ne Mei­nung un­ge­stört von der Rea­li­tät wei­ter exi­stie­ren und ver­brei­tet wer­den.

Ich ste­he auf dem Stand­punkt, dass die Teil­neh­mer des Bach­mann­prei­ses dies frei­wil­lig tun und zwar nicht um li­te­ra­ri­scher Me­ri­ten wil­len (zu­min­dest nicht vor­der­grün­dig), son­dern aus auf­merk­sam­keits­öko­no­mi­schen Grün­den oder so­gar als Sprung­brett.2 Die­ses Ver­hal­ten hal­te ich für le­gi­tim. Ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Be­schä­di­gung der Li­te­ra­tur se­he ich nicht: Zum ei­nen lässt sich gu­te Li­te­ra­tur nicht da­durch be­schä­di­gen, nur weil sie auf ei­nem Rum­mel­platz ge­le­sen wird. Und zum an­de­ren ist nicht über­all wo Li­te­ra­tur drauf­steht auch wel­che drin.

Längst hat der Wett­be­werb mit den ein­sti­gen Werk­statt­ge­sprä­chen der Grup­pe 47 nur noch das Ver­fah­ren ge­mein: Zu­nächst liest Ei­ner und Al­le schwei­gen. Da­nach re­den Al­le und der Le­sen­de schweigt. Im Ta­ge­buch von Hans Wer­ner Rich­ter – und nicht nur dort – kann man nach­le­sen, dass das heh­re Werk­statt­ge­spräch auch nur am An­fang »funk­tionierte«. Sehr bald tra­ten die Kri­ti­ker auf dem Plan und be­stimm­ten von nun an die Dis­kus­sio­nen. Par­al­lel da­zu hat­te die Grup­pe 47 ih­re Un­schuld ver­lo­ren, als Rich­ter für sei­ne Ein­la­dungs­post­kärt­chen auch Emp­feh­lun­gen von Ver­le­gern folg­te (was nicht be­deu­tet, dass die Emp­feh­lun­gen per se falsch wa­ren – aber Rich­ters Au­to­no­mie be­kam da­durch Ris­se).

Es wä­re na­tür­lich na­iv zu glau­ben, dass die Über­tra­gun­gen im Fern­se­hen kei­nen Ein­fluss auf den Ab­lauf und den Wett­be­werb neh­men. Aber die The­se, der Bach­mann­preis wer­de durch das Fern­se­hen »ver­dor­ben«, hal­te ich der­zeit für über­trie­ben. Wo­möglich ist die Über­tra­gung der Ju­ry-Dis­kus­si­on so­gar ein Re­gu­la­tiv. Die Pro­ble­me der Ver­an­stal­tung lie­gen eher we­ni­ger in der me­dia­len Prä­senz, son­dern im star­ren Fest­hal­ten an be­stimm­te Ver­fah­ren. Ne­ben Klei­nig­kei­ten wie z. B. die ner­vi­gen und fast nur noch als Pin­kel­pau­se ver­wend­ba­ren so­ge­nann­ten Au­toren­vi­de­os müss­te man kon­kret min­de­stens ei­ne hei­li­ge Kuh schlach­ten, um ei­ne Be­le­bung des Wett­be­werbs zu er­rei­chen.

Es geht um das Aus­wahl- bzw. Vor­schlag­ver­fah­ren der Bei­trä­ge. Bis­her schlägt je­der Ju­ror zwei Kan­di­da­ten vor. Dies macht er in Un­kennt­nis der an­de­ren Bei­trä­ge der an­de­ren Ju­ro­ren. Die ak­tu­el­le Vor­schlags­re­gel, wo­nach ein Ju­ror so­zu­sa­gen für »sei­ne« Au­toren die Pa­ten­schaft über­nimmt, wi­der­spricht dem Ge­dan­ken, dass ei­ne Ju­ry ei­gent­lich neu­tral zu han­deln ha­be, d. h. nicht par­tei­isch sein soll. Dass die­se Par­tei­lich­keit trans­pa­rent ge­schieht, ver­bes­sert die Si­tua­ti­on nicht.

Da­bei in­ter­pre­tie­ren Ju­ro­ren ih­re Pa­ten­schaft sehr un­ter­schied­lich. Die Be­treu­ung reicht vom rei­nen Vor­schla­gen bis hin zur Lek­to­rie­rung des Wett­be­werbs­tex­tes. In je­dem Fall ist die Kri­tik über ei­nen Text auch im­mer ei­ne Aus­sa­ge über den je­wei­li­gen Ju­ror, ins­besondere wenn in der Ju­ry­dis­kus­si­on ei­ne Teil­nah­me des Ju­rors bei­spiels­wei­se in Form ei­nes Lek­to­rats er­wähnt wird. Im Au­ßen­ver­hält­nis gilt der Ju­ror als be­son­ders an­ge­se­hen, der die mei­sten Preis­trä­ger »her­vor­ge­bracht« hat. Dass dies mit der Lei­stung ei­nes Ju­rors auf äs­the­ti­schem Ge­biet ei­gent­lich nichts zu tun hat, liegt zwar auf der Hand, zählt beim Preis­trä­ger­zäh­len je­doch nicht.

Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn dem Ju­ror vor­ge­wor­fen wird, sich in der Dis­kus­si­on ge­nug nicht für »sei­nen« Kan­di­da­ten ein­ge­setzt zu ha­ben. Da­bei be­gin­nen un­ter Um­stän­den spä­te­stens mit Kennt­nis der an­de­ren Bei­trä­ge die stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen. Be­ginnt et­wa der Ju­ror, der den Au­tor vor­ge­schla­gen hat­te, die Dis­kus­si­on nach des­sen Le­sung wird dies als Schwä­che des Tex­tes in­ter­pre­tiert. Der Ju­ror ge­rät da­bei schnell in die De­fen­si­ve. Ent­we­der er ver­sucht sich an ei­ner In­halts­an­ga­be oder er flüch­tet sich in die Ver­tei­di­gung mit der Phra­se »Ich ha­be X vor­ge­schla­gen, weil…«. Da­mit ent­fällt für die an­de­ren Ju­ro­ren even­tu­ell die Not­wen­dig­keit, den Text po­si­tiv zu wür­di­gen. In ei­ner spä­te­ren zwei­ten Wort­mel­dung kann der Ju­ror un­ter Um­stän­den nur noch sein Ein­gangs­state­ment wie­der­ho­len.

Nach­dem der Ju­ror al­le Tex­te zur Kennt­nis ge­nom­men hat, soll nun ur­plötz­lich nach li­te­ra­ri­schen, »neu­tra­len« Kri­te­ri­en ent­schie­den wer­den. Der Ju­ror ge­rät da­bei in ei­nen Kon­flikt: Zum ei­nen fin­det er ei­nen oder meh­re­re an­de­re Tex­te bes­ser, zum an­de­ren muss er min­de­stens nach au­ßen zu »sei­nen« Kan­di­da­ten ste­hen.

Beim Ab­stim­mungs­ver­hal­ten zum Bach­mann­preis bzw. den an­de­ren Prei­sen tritt die­se Ka­la­mi­tät be­son­ders her­vor: Im Zwei­fel wer­den al­le Ju­ro­ren auf ei­nen ih­rer Au­toren re­kur­rie­ren (so­fern der »Cut« über­stan­den wur­de). Da auf die­se Wei­se kei­ne Gewinner­findung mög­lich ist, wird prak­tisch vor­aus­ge­setzt, dass die Patenschaft(en) am En­de auf­ge­ge­ben wer­den.

Da­bei wird deut­lich: Die Ju­ro­ren wer­den durch die Pa­ten­schaf­ten be­la­stet. Sie wer­den zu tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen her­aus­ge­for­dert, die ei­ne freie und wo­mög­lich fre­che Dis­kus­si­on hem­men. Da­her muss ei­ne an­de­re Ju­ry die Wett­be­werbs­tex­te aus­suchen. Es muss ei­ne nach al­len Sei­ten un­ab­hän­gi­ge Ju­ry sein: Un­ab­hän­gig von den Wün­schen der Ver­la­ge, des ORF, der Geld­ge­ber oder an­de­rer Grup­pen.3

Die­se Neu­ord­nung ist ei­ne Grund­vor­aus­set­zung, der al­le an­de­ren re­for­me­ri­schen Schrit­te un­ter­ge­ord­net sind. Die lei­di­ge Fra­ge nach Ro­man­aus­zug oder ab­ge­schlos­se­ner Text wä­re dann über­flüs­sig, da die­se An­ga­be ein­fach un­ter­bleibt. Und ob die Au­toren ih­re Tex­te noch sel­ber le­sen oder ob dies an­ony­mi­siert von Schau­spie­lern über­nom­men wird, wä­re ein zwei­ter Schritt.

Man soll­te in je­dem Fall zu­rück­keh­ren zu ei­nem Preis; viel­leicht noch ei­nem oder zwei Sti­pen­di­en. Wich­tig wä­re da­bei, dass es die Mög­lich­keit gibt, den Preis auch zu ver­weigern, wenn es kei­nen Text gibt, der als preis­wür­dig er­scheint. Auch dies ist nur dann mög­lich, wenn die un­se­li­gen Pa­ten­schaf­ten auf­ge­ge­ben wer­den.

So­weit die Uto­pie. Denn fest steht, dass mit ei­nem Ju­ry-Vor­sit­zen­den Hu­bert Win­kels das ak­tu­el­le Kon­zept nicht ver­än­dert wird. Win­kels hat sich zu den be­stehen­den Ver­fah­ren be­kannt, sieht sich als Be­wah­rer und ist Tra­di­tio­na­list. Der Be­werb muss al­so erst ein­mal Win­kels als Ju­ry-Vor­sit­zen­den über­ste­hen, um dann re­for­miert zu wer­den.4

III. Die Kri­tik in der Kri­se

Nicht zu­letzt der un­wür­di­ge Preis­trä­ger des letz­ten Jah­res zeigt an, in wel­cher Kri­se sich die Li­te­ra­tur­kri­tik be­fin­det. Die­se Kri­se ist al­ler­dings all­ge­mei­ner Na­tur und nicht auf den Bach­mann­preis be­schränkt und zeigt sich in den Fern­seh­über­tra­gun­gen aus Kla­gen­furt nur deut­li­cher als sonst. Et­li­che Bach­mann­preis-Grou­pies wen­den sich in­zwi­schen lie­ber di­rekt an die »au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik« von Kath­rin Pas­sig. Dort wer­den Tex­te an­hand ei­ner durch­aus va­ria­blen Check­li­ste mit Plus- oder Mi­nus­punk­ten be­wer­tet, so­fern z. B. be­stimm­te For­mu­lie­run­gen vor­kom­men oder ir­gend­wel­che an­de­re Kri­te­ri­en er­fül­len. So gibt es für die Er­wäh­nung in­ne­rer Or­ga­ne »die nicht das Herz sind« oder wenn Prot­ago­ni­sten fern­se­hen Plus­punk­te, wäh­rend »Tan­go­mu­sik « oder »Kon­trast zwi­schen Stadt­le­ben und Land­le­ben« Ab­zü­ge brin­gen. Da­bei wer­den selbst­ver­ständ­lich auch au­ßer­li­te­ra­ri­sche Aspek­te her­an­ge­zo­gen (bspw. »schnör­kel­lo­ser Le­bens­lauf« des Au­tors »oh­ne Prei­se« oder »gu­ter Ty­po«). Wich­tig ist, dass es theo­re­tisch auch ex­akt anders­herum sein könn­te, d. h. die Kri­te­ri­en die Plus­punk­te er­hal­ten, könn­ten auch ne­ga­tiv ge­wich­tet sein und um­ge­kehrt. Mit der­ar­ti­gen Kri­te­ri­en wird die als her­me­tisch emp­fun­de­ne und schein­bar will­kür­lich agie­ren­de Li­te­ra­tur­kri­tik per­si­fliert.

In­zwi­schen kann Pas­sig mit die­ser im Dau­er­i­ro­nie­mo­dus da­her­kom­men­den Verball­hornung auch in halb­wegs se­riö­sen Me­di­en re­üs­sie­ren. Der Trick da­bei ist, die­ses Ver­fah­ren als »[ü]berwiegend ernst ge­meint« zu ka­te­go­ri­sie­ren. In­zwi­schen ist es ja auch Usus, sich das po­li­ti­sche Welt­bild in Sa­ti­re­sen­dun­gen ein­zu­kau­fen, war­um soll da nicht Li­te­ra­tur­kri­tik als em­pi­ri­sche Phra­sen­zäh­lung funk­tio­nie­ren. Ei­ne ge­wis­se Ernst­haf­tig­keit wur­de durch ei­ne Preis­ver­ga­be (500 Eu­ro bzw. durch Crowd­fun­ding auch mehr) un­ter­stri­chen. Da­mit hat sich die Spaß- bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la, die sich be­schei­den »Zen­tra­le In­tel­li­genz Agen­tur« nennt bzw. nann­te und vor al­lem in den 00er Jah­ren ih­re Prot­ago­ni­sten zu den Le­sun­gen schick­te (mit Ge­winn für bei­de Sei­ten), schlei­chend aber nach­hal­tig im Kla­gen­furt-Zir­kus ein­ge­rich­tet. Heu­er soll es die­sen al­ter­na­ti­ven Bach­mann­preis al­ler­dings nicht ge­ben. Viel­leicht ist man des Spiel­zeugs über­drüs­sig – was ver­ständ­lich wä­re.

So ober­fläch­lich Pas­sigs Check­li­ste auch sein mag – sie zeigt auf er­schrecken­de Art und Wei­se die schwin­den­de Be­deu­tung der einst so fun­keln­den Li­te­ra­tur­kri­tik. Beim nä­he­ren Le­sen, Hö­ren und Schau­en ent­pup­pen sich de­ren Prot­ago­ni­sten all­zu oft nur noch als Li­te­ra­tur­jour­na­li­sten5 »Li­te­ra­tur­jour­na­lis­mus« zeigt sich – kurt ge­fasst – in vier Punk­ten:

  • »Flucht« des Kri­ti­kers in ei­ne ex­zes­si­ve In­halts­an­ga­be.
  • Au­ßer­li­te­ra­ri­sche Be­zü­ge wie bspw. die Bio­gra­phie und (po­li­ti­sche) Ge­sin­nung des Au­tors und In­ter­view­äu­ße­run­gen wer­den für die Be­wer­tung ei­nes Tex­tes heran­gezogen.
  • Schrei­ben in schlag­zei­len­taug­li­chen Su­per­la­ti­ven für die schnel­le Be­stückung von grif­fi­gen Schub­la­den.6 Da­mit geht fast im­mer ei­ne Ni­vel­lie­rung der Kom­ple­xi­tät des zu re­zen­sie­ren­den Tex­tes ein­her.
  • Per­sön­li­che Vor­lie­ben wer­den als All­ge­mein­gut aus­ge­ge­ben (mei­stens be­gin­nend mit »Ich hät­te mir ge­wünscht…«).

Die­ser Form der Kri­tik geht es fast nur noch dar­um, »das üb­li­che pro­ble­mer­pich­te Pu­bli­kum« die »Mo­ral von der Ge­schicht« zu er­klä­ren (so Karl Heinz Boh­rer in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang in sei­nem Auf­satz »Ist Kunst Il­lu­si­on?« von 2011). Literatur­journalisten sind Ge­jag­te ei­nes durch­öko­no­mi­sier­ten Be­triebs.7 Sie müs­sen jähr­lich hun­der­te von Bü­chern »le­sen»8 und sich an den Ver­lags­pro­gram­men der gro­ßen Häu­ser ab­ar­bei­ten, um auf dem Lau­fen­den zu sein. Für Ent­deckun­gen bleibt kein Raum. Ei­ne Dis­kus­si­on um äs­the­ti­sche Kri­te­ri­en des Tex­tes, der Form, der Spra­che wird kaum noch ge­führt. Wohl ge­merkt: Da­mit ist nicht ein ger­ma­ni­sti­sches Pro­se­mi­nar ge­meint. Aber et­was mehr als das bra­ve Auf­sa­gen des ge­ra­de Ge­le­se­nen bzw. Ge­hör­ten ver­quirlt mit der ei­ge­nen Emp­fin­dung müss­te es schon sein.

So kön­nen dann tat­säch­lich am En­de auch die Pas­sig-Kri­te­ri­en Re­le­vanz be­an­spru­chen. Den vom Feuil­le­ton­be­trieb er­nüch­ter­ten Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern geht es da­bei ähn­lich wie ei­nem schwer­kran­ken Pa­ti­en­ten, der, von der Schul­me­di­zin ent­täuscht, zur Geist­hei­lung wech­selt. Et­was Schlech­te­res als den Tod kann es ja nicht mehr ge­ben.

IV. Jour­na­li­sti­sche Do­mi­nanz oder: Ver­mut­lich kei­ne »Mup­pet-Show« in die­sem Jahr

Ak­tu­ell dürf­te ei­ne Hin­wen­dung zur äs­the­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik beim Bach­mann­preis noch schwie­ri­ger als in den Jah­ren zu­vor wer­den. Hier­für ge­nügt ein Blick auf die ak­tu­el­le Ju­ry. Drei Ju­ro­ren ha­ben de­mis­sio­niert: Burk­hard Spin­nen, Da­nie­la Stri­gl und – nach nur ei­nem Jahr – Ar­no Du­si­ni. Neu sind Klaus Kast­ber­ger, Ste­fan Gmün­der und San­dra Ke­gel. Die Neu­be­set­zun­gen ge­hor­chen schein­bar ei­nem aus­ge­klü­gel­ten Län­der- aber vor al­lem wohl Gen­der­pro­porz, der me­di­al ge­nau be­ob­ach­tet wird.9 Aber we­sent­lich in­ter­es­san­ter als die­ses klein­li­che Zäh­len nach Län­dern oder Männlein/Weiblein ist es, die fach­li­che Zu­sam­men­set­zung der Ju­ry zu be­fra­gen.

Zum ei­nen ist mit dem Weg­gang von Burk­hard Spin­nen die letz­te Stim­me ei­nes »berufs­mäßigen« Au­tors ver­lo­ren ge­gan­gen. Längst vor­bei die Zei­ten, als 1999 mit Ro­bert Schin­del, Tho­mas Hett­che, Die­ter Bach­mann und Ul­ri­ke Läng­le10 4 von 7 oder 2003 Burk­hard Spin­nen, Jo­sef Has­lin­ger und Frie­de­ri­ke Kret­zen im­mer­hin 3 von 9 Ju­ro­ren sel­ber Schrift­stel­ler wa­ren.11 Schon ein Jahr spä­ter war Spin­nen in die­ser in­of­fi­zi­el­len Ka­te­go­rie al­lei­ne, was bis auf ein In­ter­mez­zo von Alain Clau­de Sul­zer 2008–2011 auch so blieb. Ge­ne­rell war Spin­nen mit sei­nen ins­ge­samt 14 Teil­nah­men (2000–2006, 2008–2014) die Aus­nah­me. Schrift­stel­ler blie­ben häu­fig nur kurz in der Ju­ry12, nach­dem man zu­nächst gänz­lich glaub­te, dar­auf ver­zich­ten zu kön­nen und fast aus­nahms­los Pu­bli­zi­sten und Feuil­le­to­ni­sten in die Ju­ry be­rief.

Zum an­de­ren hat die Ju­ry mit Da­nie­la Stri­gl ei­nen wirk­lich schier un­er­setz­li­chen Ab­gang zu ver­kraf­ten. Stri­gls Rück­tritt er­folg­te im Dis­sens mit dem ORF, der maß­geb­lich an der Aus­rich­tung des Wett­be­werbs be­tei­ligt ist und ent­spre­chen­de Kon­zes­sio­nen ein­for­dert. So woll­te der ORF die Be­set­zung des Ju­ry­vor­sit­zes nach Burk­hard Spin­nens Ab­gang be­stimmen. Zu­sa­gen an Stri­gl wur­den, so das Ge­rücht, zu­rück­ge­nom­men und Hu­bert Win­kels als Ju­ry-Vor­sit­zen­der be­stimmt. Win­kels sel­ber stellt die An­ge­le­gen­heit an­ders dar.

Nicht nur die ein­zi­ge Stim­me des Schrift­stel­lers fehlt. Auch die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ha­ben al­so ei­nen Ver­tre­ter we­ni­ger: Dem Weg­gang von Stri­gl und Du­si­ni folgt der dy­na­mi­sche und elo­quen­te Kast­ber­ger. Mit Gmün­der und Ke­gel (die bis­her eher we­ni­ger mit Li­te­ra­tur­be­spre­chun­gen auf­ge­fal­len war) sind nun 5 der 7 Ju­ro­ren Feuil­le­ton-Jour­na­li­sten. Es bleibt ab­zu­war­ten, ob von die­ser Ju­ry Im­pul­se aus­ge­hen bzw. ob die­se zu­ge­las­sen wer­den oder ob sich die »jour­na­li­sti­sche« Sicht noch wei­ter durch­set­zen wird.

Hel­mut Böt­ti­ger hat neu­lich in »zeit.online« ei­nen Ver­riss für das neue »Li­te­ra­ri­sche Quar­tett« in ZDF un­ter der Lei­tung von Vol­ker Wei­der­mann ver­fasst. Mit Chri­sti­ne We­ster­mann und Ma­xim Bil­ler sieht Böt­ti­ger ei­ne Rol­len­ver­tei­lung in der Sen­dung wie in der »Mup­pet-Show« statt ei­ner se­riö­sen li­te­ra­tur­kri­ti­schen Dis­kus­si­ons­run­de (die es mit Reich-Ra­nicki üb­ri­gens auch fast nie gab, aber das wird nicht the­ma­ti­siert). Wie es in­zwi­schen durch­aus Usus in der Kri­tik ist ver­zich­te­te Böt­ti­ger für sein Ur­teil sou­ve­rän auf die Kennt­nis des Ob­jekts sei­ner Kri­tik: Die er­ste Sen­dung in die­ser Be­set­zung wird erst im Ok­to­ber aus­ge­strahlt wer­den. Aber das stört Böt­ti­ger nicht im Ge­ring­sten. Und auch die Re­dak­ti­on von zeit.online nicht: Sie würz­te den kal­ten Ver­riss mit ei­ner Fo­to­mon­ta­ge der drei Dis­ku­tan­ten.

Ich möch­te nicht den Böt­ti­ger ma­chen, pro­gno­sti­zie­re aber kühn, dass es 2015 kei­ne »Mup­pet-Show« in Kla­gen­furt ge­ben wird. Aber viel­leicht gibt es wie­der ein­mal, nach vie­len Jah­ren, ei­nen Pro­sa­text, der ver­zau­bert, ein »Wun­der«, ein Text, der für die Dau­er sei­ner Le­sung ver­ges­sen lässt, was für ein Spek­ta­kel da statt­fin­det und wel­che Durch­schnittlichkeit sich im­mer wie­der brä­sig ein­ni­stet. Man soll ja die Hoff­nung nicht auf­ge­ben.



Ich wer­de die­ses Jahr – hof­fent­lich ein biss­chen we­ni­ger als 2014 – über den Wett­be­werb twit­tern. Aus si­che­rer Di­stanz, vom Fern­seh­ge­rät aus.



  1. Im nachfolgenden Text ist zwar auch weiterhin von Autoren, Lesern und Juroren die Rede, aber selbstverständlich sind damit auch immer Autorinnen, Leserinnen und Jurorinnen gemeint. 

  2. Letzteres trägt dazu bei, dass halbwegs arrivierte Schriftsteller selten unter den Teilnehmern zu finden sind – ihre Fallhöhe wäre unter Umständen zu hoch. Somit kommt der Bachmannpreis immer wieder in den Geruch eines Nachwuchswett­bewerbs, was er per se nicht ist. Um dem entgegenzuwirken, wurden in den letzten Jahren unterschiedliche Verfahren ausprobiert. Diese waren eher mässig erfolgreich. Aktuell ist es notwendig "von einem Verlag oder einer Literaturzeitschrift schriftlich empfohlen zu werden". Eine Publikation wie in der Vergangenheit gefordert, muss nicht mehr vorliegen. 

  3. Einige Namen fallen mir da schon ein, aber ob diejenigen bereit wären, die Vorauswahl zu übernehmen, bleibt fraglich. 

  4. Allerdings dürfte vorher schon die aktuelle faktische Insolvenz des Landes Kärnten 2016ff die Existenzfrage des Wettbewerbs stellen. Sollte der ORF wider Erwarten auch noch das Preisgeldengagement übernehmen, wird dies mit Maßnahmen eingekauft werden müssen, die den Bewerb telegener machen, aber dadurch nicht unbedingt anspruchsvoller. 

  5. In ihrem verdienstvollen Buch "Literaturkritik – Eine Suche" (2008) tritt Brigitte Schwens-Harrant vehement für ein verständlicheres Schreiben von Literatur­rezensionen ein und nennt dies "journalistisch schreiben". Dies ist mit meiner Rubrizierung ausdrücklich nicht gemeint. 

  6. Brigitte Schwens-Harrant: "Ist die Schublade erst kreiert, schreibt sich's gänzlich ungeniert" Und weiter: "Schubladisierungen sind das Resultat ungenauer Lektüre, aber auch fehlender aufmerksamer Analyse. Wenn Autoren erst einmal in einer Kritikerschublade gelandet sind, schreibt fröhlich eine Rezensentin von der anderen ab, ohne je einmal eine Autorin aus der Schublade zu holen und ihre Texte genauer anzusehen". 

  7. Von Ekkehard Knörer konnte man einiges über Hubert Winkels' Terminkalender erfahren, über den er bei einer Tagung berichtete: " Und so blätterte er sehr detailliert seinen Terminkalender für das Jahr 2015 auf, von Moderationen zu Vorträgen, von den Jurysitzungen für den Preis der Leipziger Buchmesse zum nächsten Literaturfestival: im nächsten halben Jahr keine freie Minute. Zum Lesen und Denken und Schreiben kommt man dabei, wie er offen bekannte, eher nur zwischendurch." Immerhin reicht die Zeit, die Juroren einzustimmen. 

  8. Es mag leicht ermessen, welche Qualität diese Form der "Lektüre" haben dürfte. Sie ist entweder oberflächlich oder findet nur noch partiell statt. 

  9. Hinsichtlich des Länderproporzes gibt es interessante Interpretationsmöglichkeiten, da einige Juroren scheinbar doppelte Staatsbürgerschaften besitzen. 

  10. Man kann jetzt streiten, ob Längle und Bachmann als Literaturwissenschaftler oder als Schriftsteller subsumiert werden können. 

  11. Auch Ilma Rakusa, die von 2003 bis 2007 in der Jury saß, kann sowohl als Autorin als auch als Literaturwissenschaftlerin eingeordnet werden. 

  12. Man denke z. B. an Maxim Biller, Hans Christoph Buch, Barbara Frischmuth (je 1x) oder Birgit Vanderbeke, die 1990 den Bachmannpreis gewonnen hatte und 2001 und 2002 in die Jury kam 

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein in­ter­es­san­ter Ar­ti­kel und ein sehr in­ter­es­san­tes Aus­ein­an­der­set­zen mit dem Bach­mann­preis, den ich, glau­be ich, schon seit sei­nem Ent­ste­hen ver­fol­ge und an­mer­ke, daß man 1977 bei sei­ner Grün­dung sehr da­ge­gen war, die Au­toren öf­fent­lich zur Schau zur Stel­len, die IG-Au­toren in Öster­reich ha­ben da­ge­gen pro­te­stiert, die GAV hat ge­sagt, wir kön­nen nie­man­den, weil es ja um Geld geht an der Teil­nah­me hin­dern, aber...
    Das hat sich jetzt ge­än­dert und die jun­gen Au­toren drän­gen, glau­be ich, sehr en­er­gisch dort­hin, denn dort ist das Geld, die Pres­se die Ver­la­ge...
    2005 ha­be ich zwei Ta­ge vor dem Wett­be­werb in der Pres­se ei­ne mü­de Kri­tik ge­le­sen, daß da nichts los und kein Skan­dal zu er­war­ten sein wird, da ha­be ich ei­nen en­er­gi­schen Le­ser­brief ge­schrie­ben und heu­er, den­ke ich, wird et­was los sein, das ver­spricht die Aus­wahl der Au­torin­nen, die Her­ren ken­ne ich nicht sehr und das ist der neu­en Ju­ry zu ver­dan­ken, wo ich die bei­den Her­ren als sehr qua­li­fi­zier­te star­ke Stim­men ein­schät­zen wür­de, die Da­me ken­ne ich nicht sehr- span­nend al­so und wahr­schein­lich nicht nur we­gen der pro­vo­kan­ten jun­gen Frau in Ber­lin, die wahr­schein­lich kei­ne Ah­nung hat, was sie dem Fe­mi­nis­mus zu ver­dan­ken hat, denn vor hun­dert Jah­ren hät­te man sie wahr­schein­lich nicht zum Le­sen ein­ge­la­den und sie hät­te auch nicht stu­die­ren dür­fen, sie muß aber ei­nen viel­ver­spre­chen­den li­te­ra­ri­schen Text ha­ben, sonst hät­te sie Herr Win­kels, den ich eben­falls für sehr qua­li­fi­ziert hal­te, nicht ein­ge­la­den und sie hat, auch wenn das auf ih­rer Sei­te nicht er­kennt­lich ist, glau­be ich, in Hil­des­heim stu­diert, aber sie ist sehr jung und hat noch drei­zehn an­de­re Kon­kur­ren­ten, von de­nen jetzt of­fen­bar nie­mand spricht, aber min­de­stens drei star­ke Frau­en, wie Va­le­rie Fritsch, eben­falls nicht viel äl­ter, No­ra Gom­rin­ger, Mi­chae­la Falk­ner, um nur die pro­vo­kan­te­sten zu nen­nen, an ih­rer Sei­te.
    Das wird span­nend wer­den, ha­be ich schon ge­dacht, noch ehe ich nach­ge­goog­let ha­be, wen ich mir un­ter Ron­ja von Rön­ne vor­stel­len kann und von die­sem Shit­s­torm et­was mit­be­kom­men ha­be.
    Nein, ich will nicht, daß man sei­ne Haus­tie­re tö­tet und ich mag auch kei­ne Ego­isten, bin aber im­mer noch auf den Bach­mann­preis sehr ge­spannt, ob­wohl ich nicht recht weiß, was Sie un­ter ei­ner Mup­pet Show ver­ste­hen und daß sich der größ­te Teil der Mit­men­schen nicht sehr für Li­te­ra­tur in­ter­es­sie­ren, das ist wahr­schein­lich so, da­her soll­te man sich nicht wun­dern, daß das Aus­wahl­ver­fah­ren nur den In­si­dern be­kannt ist und das sind wahr­schein­lich die Au­toren, die dort sel­ber le­sen wol­len, aber ei­ni­ge, die sich das Wett­le­sen rund um die Uhr an­se­hen, gibt es schon, ich zum Bei­spiel und ich ken­ne auch ei­ni­ge an­de­re Blog­ger, die das tun und bin 2008 auch zu mei­nem Blog ge­kom­men, als ich wäh­rend des Bach­mann­sur­fen in den Pau­sen dar­auf­ge­kom­men bin, daß jetzt die Blogs dar­über dies­ku­tie­ren.
    Al­so neu­gie­rig auf den neu­en Bach­mann­preis sein und nicht im Vorn­her­ein dar­über mot­zen, son­dern zu­schau­en und dann sei­ne Mei­nung bil­den, ge­gen die so­ge­nann­ten Pa­ten ha­be ich nichts und ei­gent­lich auch nichts ge­gen das Aus­wahl­ver­fah­ren, ob­wohl ich auch gern dort ein­mal ge­le­sen hät­te

  2. So wün­schens­wert die Tren­nung von Ju­ror und Pa­ten­schaft wä­re, so we­nig wird sie kom­men. Denn ge­nau die un­lau­te­re Ver­quickung von Rol­len ist für den Li­te­ra­tur­be­trieb ty­pisch. Noch am tref­fend­sten wur­de Kla­gen­furt bis­lang (in ei­ner Stu­die von Do­ris Mo­ser) als »Bör­se« be­schrie­ben, an dem ver­schie­den­ste Din­ge no­tiert wer­den: von der Stu­di­o­de­ko­ra­ti­on bis zur Strin­genz der Ju­ry-Dis­kus­si­on. Und ja, ir­gend­wo dar­un­ter auch li­te­ra­ri­sche Tex­te.

    Die Tat­sa­che, dass je­der Ju­ror im­mer zwei Pferd­chen ins Ren­nen schickt (wo­von ei­nes dann gern als Ka­no­nen­fut­ter dient), macht es bei der An­zahl der Prei­se fast je­dem mög­lich, ei­nen Er­folg ein­zu­fah­ren. Es wä­re ei­ne Auf­ga­be der em­pi­ri­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (hal­lo, di­gi­tal hu­ma­nities!) sol­che Kor­re­la­tio­nen mal aus­zu­zäh­len.

    Man muss die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on über ein Stück Li­te­ra­tur in An­we­sen­heit des Au­tors nicht für den Gip­fel der Li­te­ra­tur­kri­tik hal­ten. Man muss Live-Kri­tik im Fern­se­hen über­haupt nicht gut fin­den. Aber im­mer­hin ist es (ne­ben ei­ni­gen Hör­funk­sen­dun­gen) das ein­zi­ge Mal im Jahr, dass die­se Kul­tur­tech­nik per­for­ma­tiv und öf­fent­lich statt­fin­det. Ver­sa­gen und Fehl­ur­tei­le ste­hen durch die Er­fin­dung des Se­cond Screens (da­mit mei­ne ich die Be­glei­tung und Kom­men­tie­rung des Kla­gen­furt-Events durch Twit­ter und an­de­re For­men des so­cial-me­dia-Grou­pie­tums) längst stär­ker un­ter Be­ob­ach­tung als frü­her.

    Ins­ge­samt scheint mir Kla­gen­furt mehr ein Er­eig­nis der Li­te­ra­tur­kri­tik als der Li­te­ra­tur zu sein. Wie soll­te man es auch an­ders re­zi­pie­ren, wenn – wie im Jahr­gang 2014 – wirk­lich nur lau­ter laue Tex­te am Start sind. Bes­se­res hat die Li­te­ra­tur­sze­ne al­so nicht zu bie­ten, dach­te man sich und muss­te sich mit sei­ner Auf­merk­sam­keit ganz not­ge­drun­gen auf Ne­ben­schau­plät­ze ver­le­gen.

  3. Die lau­en Tex­te des Jah­res 2014 sind na­tür­lich das Pro­dukt der Ju­ry, al­so »der Kri­tik«. Das be­deu­tet, dass nicht nur die Art und Wei­se wie die Ju­ry über die Bei­trä­ge ur­teilt, der Kri­tik der Re­zi­pi­en­ten un­ter­liegt (das »per­for­ma­ti­ve« Ele­ment der Kri­tik), son­dern auch die Aus­wahl der Bei­trä­ge. Letz­te­res wird ja ger­ne über­se­hen.

    Es gab im­mer mal schlech­te Jahr­gän­ge (bei­spiels­wei­se 2006 oder 2010), aber soll­te sich dies als Dau­er­zu­stand fest­set­zen, wird auch die Be­reit­schaft jun­ger Au­toren im­mer mehr ab­neh­men, teil­zu­neh­men. Ins­ge­samt droht dann noch mehr ei­ne Ver­fla­chung. Vie­le halb­wegs ar­ri­vier­te Schrift­stel­ler sa­gen längst, dass sie kein In­ter­es­se an ei­ner Teil­nah­me ha­ben: die Fall­hö­he sei ein­fach zu hoch. Es gibt Ju­ro­ren, von de­nen man ein­fach nicht öf­fent­lich ge­lobt oder gar ver­ris­sen wer­den möch­te. (Ab und an liest man ja noch ein­mal ei­nen be­kann­ten Na­men – mit dem sich so­fort ein neu­es Pro­blem stellt: Lobt man die­sen Bei­trag wit­tern ei­ni­ge ei­nen Pro­mi­nen­ten­bo­nus. Lobt man nicht, in­ter­pre­tiert man es »drau­ßen« als Pro­mi-Ma­lus.)

    Auch ich hal­te die­ses per­for­ma­ti­ve Ele­ment, die­ses Sich-Stel­len der Kri­tik, für ei­ne wich­ti­ge Sa­che. Um­so be­dau­er­li­cher, dass sich die Kri­tik hier meist all­zu wil­lig un­ter Wert »ver­kauft«. Dass sie im Vor­der­grund steht, ist ja al­lei­ne schon durch das Ver­fah­ren ge­ge­ben. Aber dass sie zum ei­gent­lich Er­eig­nis wird, hiel­te ich für be­denk­lich. Aber viel­leicht ist das der Preis, den Li­te­ra­tur im Fern­se­hen zah­len muss (sie­he »Li­te­ra­ri­sches Quar­tett«): Die Haupt­rol­le über­nimmt stets die In­sze­nie­rung.

  4. In­ter­es­sant, dan­ke. Es wä­re äs­the­tisch und in­ter­pre­ta­tiv bzw. re­zep­tiv in­ter­es­sant, die Tex­te nicht von den je­wei­li­gen Au­toren le­sen zu las­sen (je­der Text soll­te von ei­nem oder zwei Schau­spie­lern vor­ge­tra­gen wer­den, even­tu­ell männ­lich und weib­lich, und zu­min­dest als pod­cast im Netz ver­füg­bar sein).

    Viel­leicht muss man ei­nen Ju­rylei­ter in­stal­lie­ren, der nicht an der Au­toren­aus­wahl be­tei­ligt ist und des­sen Haut­auf­ga­be die Si­cher­stel­lung ei­ner text­ge­bun­de­nen, li­te­ra­ri­schen Dis­kus­si­on wä­re (ev. an­hand ei­nes The­men- oder Kri­te­ri­en­ka­ta­logs). Dann könn­te man viel­leicht eher ver­schmer­zen, dass die Tren­nung zwi­schen Ju­ry und Pa­ten­schaft be­stehen bleibt (bes­ser wä­re, wie schon fest­ge­stellt, die­se auf­zu­he­ben; aber wahr­schein­lich ist die­se Nicht­tren­nung ei­ne Mo­ti­va­ti­on mit­zu­ma­chen).

  5. @metepsilonema
    Ein ehe­ma­li­ger Ju­ror (ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num) schrieb mir zwei Grün­de, war­um die »Pa­ten­schaf­ten« blei­ben soll­ten: 1. »Wer möch­te sich von an­de­ren die Lek­tü­re vor­sor­tie­ren las­sen?« und 2. wä­re es nicht schlecht, wenn es we­nig­stens ei­nen »Pflicht­ver­tei­di­ger« ei­nes Teil­neh­mers gä­be. Ich ge­be zu, dass ich die Sa­che mit dem Vor­sor­tie­ren und den ent­spre­chen­den Ei­tel­kei­ten zwei­er Ju­rys über­se­hen ha­be. Das mit dem »Pflicht­ver­tei­di­ger« klingt gut, aber so man­ches Mal hat­te man das Ge­fühl, da wer­de ei­ner als »Ka­no­nen­fut­ter« (Marc Reich­wein) vor­ge­schla­gen.

    Um­so in­ter­es­san­ter er­scheint mir Dein Vor­schlag ei­nes neu­tra­len Ju­ry­vor­sit­zen­den, der dann so­zu­sa­gen zum Mo­de­ra­tor wird. Aber ma­chen wir uns nichts vor: Es wird so blei­ben, wie es ist, weil die Ver­an­stal­tung zu sehr un­ter dem Event-Cha­rak­ter re­zi­piert wer­den soll. Das ist ja durch­aus im Sin­ne des ORF.

  6. Im Sin­ne des ORF, klar (ich fra­ge mich ge­ra­de wie der Bach­mann­preis als rei­ne Ra­dio­sen­dung aus­se­hen wür­de; wä­re ei­gent­lich per­fekt für Ö1, könn­te man da­ge­gen hal­ten, re­du­zier­te al­ler­dings die Ein­schalt­quo­te).

    Ganz über­zeu­gen mich die zwei Punk­te nicht: Ei­nen Pflicht­ver­tei­di­ger braucht es ei­gent­lich nur, wenn die Dis­kus­sio­nen per­sön­lich oder un­fair wer­den (man könn­te so­gar sa­gen, es stützt nur die gän­gi­ge Pra­xis). Und zum Vor­sor­tie­ren: Si­cher­lich, ir­gend­wie muss man aus­wäh­len (ge­schieht das bei an­de­ren Prei­sen ähn­lich?), an­de­rer­seits aber darf man von ei­ner Ju­ry er­war­ten, dass sie sich dem stellt, was kommt, so­lan­ge es Li­te­ra­tur ist.