Helmut Böttiger hebt zur Verteidigung der Literaturkritik an. Er hat soeben den Johann-Heinrich-Merck-Preis für Literaturkritik der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten. Man stellt sich das Auditorium vor, während er seine Tour d’horizon durch die Geschichte der deutschen Literaturkritik anstimmt. Es dürfte dort niemanden geben, der die von Böttiger genannten historischen Entwicklungen nicht kennt, aber man hört es bei solchen Gelegenheiten halt gerne. Damit alle etwas davon haben, werden solche Reden meist in Zeitungen abgedruckt. Hier war es die taz. Nun kann jeder lesen, wie die deutsche Literaturkritik entstand, sich entwickelte, durch den Zivilisationsbruch der Nazis wieder neu aufgebaut werden musste (die DDR kommt nicht vor) und wie der Preisträger die heutige Literaturkritik – an der er nach wie vor, man ist geneigt zu sagen: glücklicherweise!, mitwirkt – einschätzt.
Vieles davon ist längst kanonisch geworden. Die Klage, dass die Literaturkritik zunehmend den Kriterien unmittelbarer Konsumierbarkeit folgt, ist nicht neu. Böttiger selbst verweist auf Enzensberger, der die Kritiker schon vor mehr als fünfzig Jahren polemisch zu »Zirkulationsagenten« degradierte. Über jene Zeit, die Enzensberger damals derart kritisierte, gerät das Feuilleton heute bisweilen in verklärendes Schwärmen.

