Hel­mut Böt­ti­ger: Die Jah­re der wah­ren Emp­fin­dung

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung

Hel­mut Böt­ti­ger: Die Jah­re der wah­ren Emp­fin­dung

Es gibt in­zwi­schen un­zähl­ba­re ana­ly­tisch-hi­sto­ri­sche Be­trach­tun­gen zu der Epo­che, die all­ge­mein ver­kür­zend mit »1968« be­zeich­net wird (und die ei­gent­lich 1966 be­gann). In den letz­ten Jah­ren sind nun ver­mehrt Pu­bli­ka­tio­nen er­schie­nen, die ein­zel­ne Jah­re aus dem 1970er-Jahr­zehnt un­ter­su­chen und hi­sto­ri­sche Zä­su­ren ent­deck­ten, die maß­geb­lich den Vor­gang der Ge­schich­te be­stimm­ten. So ana­ly­sier­te Kar­sten Kram­pitz das Jahr 1976 als An­fang vom En­de der DDR (und so­mit in­di­rekt auch des »re­al exi­stie­ren­den So­zia­lis­mus«) . Der Hi­sto­ri­ker Frank Bösch li­ste­te in Zei­ten­wen­de 1979: Als die Welt von heu­te be­gann wich­ti­ge welt­po­li­ti­sche Er­eig­nis­se des Jah­res 1979 als rich­tungs­wei­send auf. Und der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Phil­ipp Sa­ras­sin un­ter­such­te un­längst mit 1977- Ei­ne kur­ze Ge­schich­te der Ge­gen­wart, die »tie­fen ge­sell­schaft­li­chen, po­li­ti­schen, kul­tu­rel­len, wis­sen­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Ver­schie­bun­gen und Brü­che in West­eu­ro­pa und den USA«, die sich, so die The­se »im Jahr 1977 bün­deln las­sen« (das Er­geb­nis über­zeugt eher we­ni­ger).

Der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Hel­mut Böt­ti­ger nimmt sich nun auf fast 500 Sei­ten (mit 37 Ab­bil­dun­gen) des gan­zen Jahr­zehnts an. In Die Jah­re der wah­ren Emp­fin­dung (an­ge­lehnt an den Ti­tel ei­ner Er­zäh­lung von Pe­ter Hand­ke) re­sü­miert er die 1970er-Jah­re als ei­ne »wil­de Blü­te­zeit der deut­schen Li­te­ra­tur« (so der Un­ter­ti­tel). Im Un­ter­schied zu den oben ge­nann­ten Bü­chern sucht Böt­ti­ger nicht zwang­haft nach hi­sto­ri­schen Wen­de­punk­ten, son­dern ver­sucht zu be­schrei­ben, wie die 68er-»Revolution« und ih­re Aus­wir­kun­gen in die Li­te­ra­tur po­li­tisch und vor al­lem äs­the­tisch über­führt wur­de.

Schis­ma und Ver­klä­rung

Da­bei wird zu Be­ginn Hans Ma­gnus En­zens­ber­gers Auf­satz im Kurs­buch1968, in der vom »Tod der Li­te­ra­tur« die Re­de war, ein­ge­führt. Böt­ti­ger hat­te 2012 ein in­struk­ti­ves und kennt­nis­rei­ches Buch über die Grup­pe 47 ge­schrie­ben. Hier fand er in ei­nem groß­ar­ti­gen Por­trait das Bild vom »Ha­se Igel En­zens­ber­ger«. Er be­schrieb ihn als je­man­dem mit wa­chem Geist und gro­ßem me­dia­len Ta­lent, der Zeit­strö­mun­gen er­schaf­fen konn­te und in ge­schlif­fe­ner Spra­che sei­nem zu­nächst oft ver­blüff­ten Pu­bli­kum vor­setz­te. Als sei­ne The­sen dann auf­ge­nom­men und dis­ku­tiert wur­den, war En­zens­ber­ger schon wie­der weg und mit an­de­ren Din­gen be­schäf­tigt. Im Fall des Kurs­buch-Auf­sat­zes kann man sei­ne Fle­xi­bi­li­tät sehr schön se­hen: Im glei­chen Heft, in dem das En­de der »Li­te­ra­tur als Kunst« pro­kla­miert und be­ju­belt wur­de, er­schie­nen vier neue Ge­dich­te von In­ge­borg Bach­mann.

Wäh­rend sich En­zens­ber­ger al­so in ge­wohn­ter Ma­nier häu­te­te, ver­harr­ten die Ideo­lo­gen auf ih­ren Stand­punk­ten. Sehr schön wird dies in Böt­ti­gers Buch an­hand des Streits zwi­schen Klaus Wa­gen­bach und F. C. De­li­us (in­zwi­schen »Fried­rich Chri­sti­an De­li­us«) auf­ge­fä­chert, der zum »Schis­ma« führ­te. Der Wa­gen­bach-Ver­lag, kol­lek­tiv ge­führt (von ei­ner »Dik­ta­tur der Lek­to­ren« war hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand die Re­de) spal­te­te sich 1973 auf. Die po­li­ti­schen Au­toren blei­ben mehr­heit­lich bei Wa­gen­bach. Die Li­te­ra­ten wech­sel­ten eher zum Rot­buch-Ver­lag.

Klaus Wa­gen­bach un­ter­stütz­te sei­nen »Chef­ideo­lo­gen«, den Lek­tor Wolf­gang Dreß­en. Man ver­öf­fent­lich­te nicht nur Ul­ri­ke Mein­hofs Dreh­buch zu ih­rem Fern­seh­spiel Bam­bu­le (und zwar als die­se mit Baa­der in den Un­ter­grund ge­gan­gen war) son­dern auch die An­lei­tung über das »Kon­zept Stadt­gue­ril­la«, »ge­schrie­ben von Ge­nos­sen der RAF« für den be­waff­ne­ten Kampf ge­gen das Estab­lish­ment. Auch die DDR muss­te sa­kro­sankt be­han­delt wer­den. De­li­us, so legt es die Deu­tung nah, woll­te da nicht mit­ge­hen.

Böt­ti­ger, um neu­tra­le Po­si­tio­nie­rung be­müht, be­rich­tet über ein Ver­söh­nungs­tref­fen der bei­den in den 1990er Jah­ren und hat hier­zu die Prot­ago­ni­sten se­pa­rat be­fragt. Wa­gen­bach gibt sich jo­vi­al, De­li­us sach­lich. Bei­de be­har­ren auf ih­ren Stand­punk­ten; zu ei­ner Ver­söh­nung kam es auch 20 Jah­re spä­ter nicht. Man hat den Ein­druck, sie be­schwö­ren (ver­klä­ren?) ei­ne po­li­ti­sier­te Zeit.

Denn das Ka­pi­tel über die »lin­ken Ver­wer­fun­gen« zeigt, wie we­nig po­li­ti­siert man ei­gent­lich da­mals in Wirk­lich­keit war – ganz im Ge­gen­satz zur ge­bets­müh­len­ar­ti­gen Über­lie­fe­rung. »Po­li­tik« be­stand aus ei­ner Mi­schung aus Ab­leh­nung den po­li­ti­sche In­sti­tu­tio­nen ge­gen­über und müh­sam an­ge­le­se­nen lin­ken So­zia­lis­mus­uto­pien – ideo­lo­gi­schen Kar­ten­häu­sern ähn­lich, die man im­mer wei­ter von den Rea­li­tä­ten ab­kop­peln muss­te, um sie nicht zum Ein­stür­zen zu brin­gen. Mit der Wirk­lich­keit setz­ten sich an­de­re aus­ein­an­der, wie Böt­ti­ger im Ver­weis auf Grass’ (ins­ge­heim be­lä­chel­tes) En­ga­ge­ment für die SPD auf­zeigt (auch an­de­re Na­men fal­len). Die neue so­zi­al-li­be­ra­le Re­gie­rung be­trieb ei­ne Po­li­tik, die den von den lin­ken Ideo­lo­gen ver­hass­ten »Klein­bür­gern« lie­ber bes­se­re Auf­stiegs­chan­cen und Le­bens­be­din­gun­gen ver­schaff­ten statt Wol­ken­kuckucks­hei­me. Re­al­po­li­tik, das zä­he Boh­ren har­ter Bret­ter, galt nie als be­son­ders in­ter­es­sant. Dar­an hat sich nichts ge­än­dert.

Aben­teu­er­spiel­platz Li­te­ra­tur

Na­tür­lich kann Böt­ti­ger die 68er-Be­ge­ben­hei­ten nicht weg­schie­ben – hier­zu sind sie ins­be­son­de­re zu Be­ginn des Jahr­zehnts noch zu prä­sent. Aber sei­ne Be­schrei­bung der deut­schen (deutsch­spra­chi­gen) Li­te­ra­tur der 1970er-Jah­re ist der pu­re Ge­gen­ent­wurf zur Ar­ro­ganz der lin­ken Gate­kee­per von da­mals (und auch heu­te). Er möch­te eben auch das po­si­ti­ve Le­bens­ge­fühl, das »auf die Zu­kunft Ge­rich­te­te«, die »Le­bens­gier« zei­gen, die sich wi­der den oft dü­ste­ren Mo­del­lie­run­gen der Ideo­lo­gen ent­wickel­te. Die Li­te­ra­tur zu Be­ginn der 70er Jah­re wird in An­leh­nung an Bar­ba­ra Ma­ria Kloos, die da­mals wie so vie­le ei­ne Li­te­ra­tur­zeit­schrift aus dem Bo­den stampf­te, als »Aben­teu­er­spiel­platz« er­zählt. Ei­ne Ma­tri­ze nebst Um­drucker ge­nüg­te, um Ge­dich­te und Er­zäh­lun­gen zu ver­öf­fent­li­chen. Ein Pu­bli­kum fand sich fast im­mer. Es herrsch­te Auf­bruch­stim­mung.

Die 27 Ka­pi­tel des Bu­ches fol­gen kei­ner Chro­no­lo­gie, son­dern be­han­deln äs­the­ti­sche Strö­mun­gen und de­ren Prot­ago­ni­sten, wo­bei es zeit­wei­se zu Über­schnei­dun­gen, aber nie zu Red­un­dan­zen kommt. Es gibt auch Aus­flü­ge wie den über die Zeit­schrif­ten­sze­ne und spä­ter be­son­ders mar­kan­te und be­rühmt ge­wor­de­ne Buch­hand­lun­gen. Man merkt im Lau­fe der Lek­tü­re an der In­ten­si­tät der be­spro­che­nen Li­te­ra­tu­ren, wel­che Prio­ri­tä­ten der Au­tor hat.

Nach ei­nem eher ku­rio­sen Vor­spiel (Uwe John­son er­fährt aus der New York Times, dass sei­ne Woh­nung, die er 1966 Ul­rich En­zens­ber­ger zur Ver­fü­gung ge­stellt hat­te, ei­ne Art Haupt­quar­tier von An­ar­chi­sten, der »Kom­mu­ne 1«, wur­de) be­ginnt Böt­ti­ger sei­nen Li­te­ra­tur­bo­gen mit Pe­ter Schnei­ders Lenz, ei­nem »Ma­ni­fest der plötz­li­chen Ver­un­si­che­rung«, wel­ches bin­nen kur­zer Zeit zum »Kult­buch« ge­wor­den war. Es stellt für ihn den Be­ginn der »Neu­en Sub­jek­ti­vi­tät« dar, die die Emp­fin­dun­gen von Prot­ago­ni­sten in den Vor­der­grund des Schrei­bens stel­len. Es ist zu be­grü­ßen, dass die­ser Be­griff (wie auch an­de­re Flos­keln) nicht über­stra­pa­ziert wird. Lenz ist nicht das ein­zi­ge Buch der Zeit, in dem Böt­ti­ger Par­al­le­len zu Ge­org Büch­ners Lenz ent­deckt. Des­sen Haupt­fi­gur, der Schrift­stel­ler Ja­kob Mi­cha­el Rein­hold Lenz, wird von et­li­chen Au­toren der 70er zu ei­nem heim­li­chen Ge­währs­mann. So ganz scheint Böt­ti­ger dem ein­sti­gen Agi­ta­tor Schnei­der den Wan­del in Rich­tung In­ner­lich­keit al­ler­dings nicht ab­zu­neh­men

Er­ster Hö­he­punkt des Bu­ches sind die Ka­pi­tel über die ver­stärkt auf­kom­men­den weib­li­chen li­te­ra­ri­schen Stim­men, wie Ka­rin Struck, Ve­re­na Ste­fan, Bri­git­te Schwai­ger, die er­sten An­fän­ge von El­frie­de Je­li­nek und, sehr wich­tig weil lei­der kaum mehr be­kannt, Ga­brie­le Woh­mann. Sehr aus­führ­lich geht Böt­ti­ger dem »My­thos« In­ge­borg Bach­mann mit Schwer­punkt auf ih­rem Ro­mans Ma­li­na auf die Spur. Ein Bo­gen wird dann ge­spannt zur »ag­gres­si­ven Sen­si­bi­li­tät« der frü­hen Pro­sa von Pe­ter Hand­ke, der mit sei­ner »An­dy-War­hol-Äs­the­tik« den Be­trieb auf­misch­te und zu ei­nem be­deu­ten­den Ver­tre­ter der Zeit wur­de. Hand­kes Pro­sa wird bis zur all­ge­mein als Keh­re an­ge­se­hen Er­zäh­lung Lang­sa­me Heim­kehr hin ana­ly­siert, wo­bei Böt­ti­ger zu Recht kon­sta­tiert, dass be­reits mit Der kur­ze Brief zum lan­gen Ab­schied ei­ne Wen­dung in Hand­kes Schrei­ben ein­trat. »Po­li­tisch« war die Pro­sa Hand­kes ent­ge­gen dem Zeit­geist nie.

Ni­co­las Born leuch­tet – und ei­ni­ge Über­ra­schun­gen

In die Ana­ly­sen zu Hand­kes Tex­ten flech­tet Böt­ti­ger auch Aus­sa­gen Hand­kes, die in ei­nem Ge­spräch ge­fal­len sind, ein. Die­se be­tref­fen im fol­gen­den Ka­pi­tel den früh ver­stor­be­nen Ly­ri­ker und Schrift­stel­ler Ni­co­las Born, der mit Hand­ke be­freun­det war. Auch der Weg­ge­fähr­te Her­mann Pe­ter Pi­witt kommt zu Wort, so dass der häu­fig ver­nach­läs­sig­te Born, sei­ne Ly­rik und ins­be­son­de­re die bei­den Ro­ma­ne in die­sem Buch stel­len­wei­se zu leuch­ten be­gin­nen. Borns Selbst­be­fra­gungs­duk­tus hat­te nichts Aus­ge­stell­tes. Er schwank­te zwi­schen Poe­sie und Po­li­tik, der er auch nicht durch sei­nen Weg­zug aus West­ber­lin ent­kam – un­mit­tel­bar ne­ben sei­nem neu­en Wohn­ort ent­stand ein Atom­müll­end­la­ger. Born en­ga­gier­te sich, aber er bleibt skep­tisch. In Die erd­ge­wand­te Sei­te der Ge­schich­te schil­der­te er ei­nen po­li­tisch il­lu­si­ons­los ge­wor­de­nen Prot­ago­ni­sten, der den Ver­spre­chun­gen und Ge­wiss­hei­ten nicht mehr ver­traut, aber auch nicht in den Zy­nis­mus ab­glei­ten möch­te. Und in sei­nem letz­ten Ro­man1 Die Fäl­schung, laut Böt­ti­ger ein Text auf ei­ner »neu­en äs­the­ti­schen Re­fle­xi­ons­stu­fe«, be­fragt er die Wer­te und den Wahr­heits­ge­halt des po­li­ti­schen Jour­na­lis­mus. Wie Born zählt Böt­ti­ger auch den dau­er­wü­ten­den, jäh­zor­ni­gen Rolf Die­ter Brink­mann ob des frü­hen To­des zu den »gro­ßen Un­er­füll­ten«. Brink­manns »un­ein­ge­lö­ste Sinn­lich­keit«, die von ge­le­gent­li­chen Schimpf­ka­no­na­den be­glei­tet wur­den, wird eben­so aus­ge­führt wie Pi­witts Ab­rech­nung mit dem »D’An­nun­zio aus Vechta/Oldenburg«. Spä­te­stens von hier an dürf­ten so man­che Su­chen in An­ti­qua­ria­ten be­gon­nen wer­den.

In den 70er Jah­ren be­gan­nen die zu schrei­ben, die sich we­der mit der Exil- noch mit der »Kahl­schlag­li­te­ra­tur« der Grup­pe 47 iden­ti­fi­zie­ren konn­ten. Im Ge­gen­teil. Es be­gann die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Na­zi-Vä­tern (üb­ri­gens kaum mit »Na­zi-Müt­tern«), der bis­wei­len in ei­nen »Fa­na­tis­mus« des Va­ter­has­ses (nur ei­ne Spiel­art des Selbst­has­ses?) mün­de­te. Pi­witt, Bern­ward Ves­per und Chri­stoph Meckel hei­ßen bei Böt­ti­ger die Prot­ago­ni­sten. We­nig­stens, so denkt man sich, wuss­ten die Söh­ne der Klein­bür­ger plötz­lich ganz ge­nau, was sie ge­macht hät­ten und wie die Welt ge­ret­tet wer­den kann.

Ernst­haf­ter geht es im Ka­pi­tel zu Pe­ter Weiss’ Äs­the­tik des Wi­der­stands zu. Es sei ein Werk »sper­rig wie ein Klas­si­ker« so Böt­ti­ger, der das Ger­ma­ni­sten­wort vom »hal­lu­zi­na­to­ri­schen Rea­lis­mus« zi­tiert. Kurz wird Weiss’ »po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung« skiz­ziert, die ihn mit Grass und En­zens­ber­ger auf Kon­fron­ta­ti­on brach­te. Ge­ra­de in der Be­schäf­ti­gung mit der Äs­the­tik des Wi­der­stands zei­gen sich die Gren­zen von Böt­ti­gers Buch. Die Kom­ple­xi­tät die­ses Wer­kes kann nicht an­nä­hernd ent­wickelt wer­den; nur Hin­wei­se dar­auf, die viel­leicht ei­ni­ge neue Le­ser fin­det (wie auch ähn­lich am En­de, wenn Zettel’s Traum von Ar­no Schmidt ge­prie­sen wird).

Auch die Er­ör­te­run­gen zu Uwe John­sons Jah­res­ta­ge und über Jörg Fauser sind so an­ge­legt, dass sie den po­ten­ti­el­len Le­ser zur Lek­tü­re ein­la­den. Ne­ben Fauser – der ei­nem als Prot­ago­nist der 70er nicht di­rekt ein­ge­fal­len wä­re – gibt es auch noch an­de­re Über­ra­schun­gen, wie et­wa die Wür­di­gung von Man­fred Es­sers Ost­end-Ro­man. Ob Gun­tram Ves­per und Hu­bert Fich­te ei­nen der­ar­ti­gen Stel­len­wert ha­ben, wie ihn Böt­ti­ger sug­ge­riert, könn­te man an­zwei­feln, auch wenn man sie als Be­le­ge für die The­se vom »Jahr­zehnt der So­zi­al­päd­ago­gik« her­an­zie­hen kann.

Kei­ne Mo­no­gra­phie

Von Tho­mas Bern­hard wer­den vor al­lem die au­to­bio­gra­phi­schen Ro­ma­ne und der Brief­wech­sel mit Sieg­fried Un­seld, der Jahr­zehn­te spä­ter er­schie­nen ist, her­vor­ge­ho­ben. Die be­son­ders zu Be­ginn sei­nes Schaf­fens li­te­ra­ri­sche Sin­gu­la­ri­tät Ber­hards (die bis weit in die 1990er Jah­re et­li­che Epi­go­nen fin­det) wird der Ko­mik sei­ner Rhe­to­rik ge­gen­über sei­nem Ver­le­ger ge­op­fert. Ein se­pa­ra­tes Ka­pi­tel er­hält Mar­cel Reich-Ra­nicki. Böt­tin­ger cha­rak­te­ri­siert ihn als ei­ne Mi­schung aus Char­meur (ge­gen­über Pe­ter Rühm­korf, den er un­be­dingt wie ei­ne Tro­phäe als Mit­ar­bei­ter im FAZ-Feuil­le­ton ge­win­nen möch­te) und Scharf­rich­ter (am Bei­spiel Mar­tin Walsers). Manch­mal wer­den an an­de­ren Stel­len Ver­ris­se Reich-Ra­nickis zu heu­te be­deu­ten­den Au­toren zi­tiert. Si­cher­lich kann ein sol­ches Buch nicht oh­ne Reich-Ra­nicki aus­kom­men. Sein Wir­ken fiel mit der Hoch­zeit des li­te­ra­ri­schen Feuil­le­tons zu­sam­men. Reich-Ra­nicki war hier vor al­lem auf­grund sei­ner Po­si­ti­on wich­tig. Von der Blü­te der Li­te­ra­tur­kri­tik in die­ser Zeit hät­ten es al­ler­dings ein paar an­de­re Kri­ti­ker eben­so ver­dient ge­habt, ge­wür­digt zu wer­den.

Die deut­schen No­bel­preis­trä­ger be­han­delt Böt­ti­ger mit Mil­de. Hein­rich Böll möch­te er von der Ver­ach­tungs­rhe­to­rik des »Gut­men­schen« (Ro­bert Gern­hardt) be­frei­en. So er­kennt er in Grup­pen­bild mit Da­me den viel­leicht letz­ten Aus­lö­ser für den No­bel­preis und ent­deckt in sei­nem hym­ni­schen Text zu Die ver­lo­re­ne Eh­re der Ka­tha­ri­na Blum ei­ne »hell­sich­ti­ge Pro­gno­se« hin­sicht­lich der »ma­ni­pu­lier­ten Mei­nungs­bil­dung« im heu­ti­gen In­ter­net. Hier­zu lie­ße sich vie­les sa­gen. Von Gün­ter Grass hebt er Das Tref­fen in Telg­te als »ei­nes der schön­sten Bü­cher des Jahr­zehnts« her­aus, wäh­rend Der Butt eher pflicht­schul­dig er­wähnt wird.

Ver­mut­lich im sanf­ten Zorn ge­gen En­zens­ber­gers Ver­dikt be­schränkt sich Böt­ti­ger bis auf das be­reits er­wähn­te Ka­pi­tel über Pe­ter Weiss auf die im wei­te­stem Sinn sub­jek­tiv-in­ner­li­che Li­te­ra­tur­strö­mung der Zeit mit ge­le­gent­li­chen Ab­ste­chern aus dem links-so­zia­li­sti­schen Mi­lieu. Im Lau­fe der Lek­tü­re kri­stal­li­siert sich im­mer mehr her­aus, dass Böt­ti­ger kei­ne Mo­no­gra­phie über die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur der 70er Jah­re schrei­ben woll­te. An­son­sten müss­te bei­spiels­wei­se ein li­te­ra­risch be­deu­ten­der Au­tor wie Sieg­fried Lenz ana­ly­siert wer­den. Und nur so er­klärt sich auch die voll­kom­me­ne Ab­we­sen­heit der Avant­gar­de um Her­bert Ach­tern­busch, Ernst Jandl, H. C. Art­mann und Frie­de­ri­ke May­röcker (um nur die­se Na­men zu nen­nen).

Fehl­stel­len

Gra­vie­ren­der ist das Aus­blen­den des »Werk­kreis Li­te­ra­tur der Ar­beits­welt«, her­vor­ge­gan­gen aus der »Grup­pe 61«, mit Au­toren wie (dem von En­zens­ber­ger im Kurs­buch-Es­say er­wähn­ten) Gün­ter Wall­raff, aber vor al­lem auch Eri­ka Run­ge, Max von der Grün, Fritz Hü­ser, Wolf­gang Kör­ner oder Lud­wig Fels. Ne­ben Suhr­kamp, Wa­gen­bach und Rot­buch spiel­te hier einst der Luch­ter­hand-Ver­lag ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Es ent­sprach am ehe­sten dem, was En­zens­ber­ger gel­ten las­sen woll­te (er sel­ber kann­te sich al­ler­dings spür­bar nicht so gut aus). Im­mer­hin fin­den die An­ge­stell­ten­ro­ma­ne von Wil­helm Ge­n­azi­nos Ab­schaf­fel-Tri­lo­gie Auf­nah­me bei Böt­ti­ger; Wal­ter E. Ri­ch­artz’ Bü­ro­ro­man, der ein grö­ße­res sa­ti­ri­sches und äs­the­ti­sches Po­ten­ti­al be­sitzt, al­ler­dings lei­der nicht.

Ein an­de­rer Punkt ist die lücken­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der DDR-Li­te­ra­tur in die­ser Zeit. Die DDR hat­te an­de­re Kenn­da­ten als der We­sten. »68er« gab es in die­ser Form nicht, aber den Pra­ger Früh­ling. Wich­tig war das be­rühmt-be­rüch­tig­te ZK-Ple­num von 1965 nebst der künst­le­ri­schen »Eis­zeit«, die erst mit der Macht­über­nah­me Hon­eckers 1971 ein we­nig ge­mil­dert wur­de. Der Ein­schnitt, die er­neu­te Pres­si­on, war dann die Bier­mann-Aus­bür­ge­rung 1976, die zwar ein ei­ge­nes Ka­pi­tel er­hält, aber in sei­ner Be­deu­tung für die Li­te­ra­ten und Künst­ler in der DDR nicht er­schöp­fend dar­ge­stellt scheint. Da hilft es auch nicht, wenn ein we­nig un­ty­pisch für den Ver­fas­ser die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur über den Zeit­raum hin­aus wei­ter­ver­folgt wird. Die »Au­ra« Bier­mann zer­fiel in West­deutsch­land rasch; er sei vom »Po­lit­idol zum Al­lein­un­ter­hal­ter« ab­ge­stie­gen, so Böt­ti­ger süf­fi­sant.

Von Chri­sta Wolf wird über­ra­schend das Som­mer­stück her­an­ge­zo­gen, ein Ro­man, der zwar in den 70ern größ­ten­teils ent­stan­den ist, aber erst 1989 ver­öf­fent­licht wur­de. Wür­di­gun­gen er­fah­ren Vol­ker Braun, Franz Füh­mann und die »Aus­nah­me­erschei­nung« Fritz Ru­dolf Fries, den Böt­ti­ger vom Sta­si-Image re­ha­bi­li­tie­ren möch­te. Über­ra­schend ist Hei­ner Mül­ler ein ei­ge­nes, lau­ni­ges Ka­pi­tel ge­wid­met. Er sei »durch und durch Thea­ter ge­wor­den«, so kon­sta­tiert der Au­tor, der – zu Recht – auf Mül­lers In­ter­views in den 1990ern Jah­ren hin­weist, die in­zwi­schen Kult­sta­tus ge­nie­ßen. Aber was das dra­ma­ti­sche Ge­wicht in den 70ern-Jah­ren an­geht, kann man doch nicht ei­nen Pe­ter Hacks ver­ges­sen (und in West­deutsch­land Franz Xa­ver Kroetz). Ver­geb­lich war­tet man auch auf Er­läu­te­run­gen zu Gün­ter Ku­n­ert, Ste­fan Heym und Ju­rek Becker. Ins­be­son­de­re die bei­den letzt­ge­nann­ten wa­ren po­li­tisch wie äs­the­tisch be­deu­ten­de Stim­men der DDR-Li­te­ra­tur vor al­lem im We­sten.

Die Schweiz be­han­delt Böt­ti­ger noch stief­müt­ter­li­cher. Dass er Frisch und Dür­ren­matt aus­lässt, weil sie be­reits in den 70ern den Wir­kungs-Ze­nit über­schrit­ten hat­ten, ist ver­tret­bar (Frisch taucht nur kurz mit Mon­tauk im Bach­mann-Ka­pi­tel auf). Aber au­ßer E. Y. Mey­er scheint die Schwei­zer Li­te­ra­tur für Böt­ti­ger nur aus ka­pi­ta­lis­mus­ge­schä­dig­ten »Goldküste«-Bewohnern wie Fritz Zorn oder po­ten­ti­el­len Selbst­mör­dern wie Her­mann Bur­ger zu be­stehen. Bur­gers Ro­man Schil­ten, be­fin­de sich »in ei­nem an­de­ren Uni­ver­sum«. Die Ver­stie­gen­heit der Haupt­fi­gur, des­sen »tie­fe Ver­zweif­lung« müs­se, so Böt­ti­ger et­was pau­schal, »ei­ne spe­zi­fisch schwei­ze­ri­sche« Ver­stie­gen­heit sein. Oha.

Von der »Kri­ti­schen Theo­rie« zur »Sy­stem­theo­rie«

Zu­nächst war Li­te­ra­tur die »wich­tig­ste Aus­drucks­form« der Zeit, wie Böt­ti­ger zu Be­ginn des Bu­ches schreibt. Aber be­reits 1977 sieht er sanf­te Ver­schie­bun­gen. Der »Wohl­stands­schub« der 1980er, die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung von li­te­ra­ri­schem Schrei­ben durch im­mer mehr Sti­pen­di­en, För­der­pro­gram­me und Prei­se ver­än­der­te die Li­te­ra­tur dann rasch. Das äs­the­tisch »Dis­pa­ra­te und Aus­ein­an­der­stre­ben­de« wich ei­ner »Cool­ness« und dem Wunsch »nach Bo­den­haf­tung in ei­ner un­wi­der­leg­bar ka­pi­ta­li­sti­schen Um­ge­bung«. Der po­li­ti­schen Wen­de 1982 ord­net Böt­ti­ger fälsch­li­cher­wei­se den Be­griff »Ten­denz­wen­de« zu – es ist ver­mut­lich die von Kohl an­ge­dach­te »gei­stig mo­ra­li­sche Wen­de« ge­meint (»Ten­denz­wen­de« war En­zens­ber­ger). Das Jahr­zehnt en­det für ihn mit Paa­re, Pas­san­ten von Bo­tho Strauß 1981, ein Buch, das der Ab­schied von der »Kri­ti­schen Theo­rie« hin zur »Sy­stem­theo­rie« be­grün­de­te.

Lei­der gibt es kein wei­ter­füh­ren­des Nach­wort (wann hat man so et­was schon ein­mal ge­sagt?), so dass der Le­ser mit die­sen we­ni­gen Skiz­zen al­lei­ne bleibt. Was ist al­so ge­blie­ben von der Li­te­ra­tur der 1970er? Wie wur­de sie wei­ter­ent­wickelt? Die In­ner­lich­keits­po­sen der »Neu­en Sub­jek­ti­vi­tät« schei­nen ge­ra­de im Kon­text der iden­ti­täts­po­li­ti­schen Erup­tio­nen plötz­lich sehr ak­tu­ell. Gleich­zei­tig wird Li­te­ra­tur, die kei­nem be­stimm­ten ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Zweck dient, in­zwi­schen wahl­wei­se als »eli­tär« oder »nicht zeit­ge­mäß« ab­ge­kan­zelt. Die an­ge­spro­che­ne so­ge­nann­te »Pro­fes­sio­na­li­sie­rung« und ihr So­zi­us, die zu­neh­men­de Kom­mer­zia­li­sie­rung, führ­te suk­zes­si­ve zu ei­ner be­stimm­ten Form der Strom­li­ni­en­för­mig­keit und zur Her­me­tik. Auf­merk­sam­keit und Er­folg sind an die Be­die­nung des po­li­ti­schen Zeit­gei­stes ge­kop­pelt. In­zwi­schen wird die in­ter­es­san­te­ste Pro­sa meist von de­nen ge­schrie­ben, die sich ent­we­der öko­no­mi­schen Zwän­gen weit­ge­hend ver­wei­gern (kön­nen) und/oder (in­zwi­schen) nicht mehr auf Sti­pen­di­en oder Prei­se an­ge­wie­sen sind.

Ob Au­toren wie Rolf Die­ter Brink­mann, Ar­no Schmidt, Her­mann Bur­ger oder Jörg Fauser heu­te noch bei gro­ßen Ver­la­gen ei­ne Chan­ce er­hiel­ten? Sie wür­den ent­we­der mit der Was­ser­waa­ge des pro­gres­si­ven »Sen­si­ti­ve Rea­ding« kon­fron­tiert und äs­the­tisch ka­striert oder mit Wirt­schaft­lich­keits­er­wä­gun­gen in die Selbst­pu­bli­ka­ti­on nebst Feuil­le­ton-Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­bannt wer­den. Da­zu passt, dass so man­cher im Buch ge­nann­te Text nur noch aus Rest­be­stän­den lie­fer­bar ist (und das hat in den sel­ten­sten Fäl­len recht­li­che Grün­de).

In Ka­non-Über­le­gun­gen ein­schlä­gi­ger zeit­ge­nös­si­scher Kri­ti­ker spielt die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur der 1970er Jah­re freund­lich aus­ge­drückt kei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le. Das hängt wo­mög­lich mit der Af­fir­ma­ti­on des ak­tu­el­len Zu­stands zu­sam­men. Man soll­te sol­chen Kri­ti­kern miss­trau­en, wo es nur geht. Hier­für ist Hel­mut Böt­ti­gers Buch – trotz der an­ge­spro­che­nen Fehl­stel­len – ein gu­tes Mit­tel und lie­fert schö­ne An­re­gun­gen.


  1. Hier stand ursprünglich, dass der Roman von Jürgen Theobaldy lektoriert worden sei, was ein Missverständnis meinerseits war, was allerdings scheinbar eminent wichtig zu sein scheint 

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. »Jörg Theo­bal­dy« lek­to­rier­te »Die Fäl­schung«? Das sind lei­der zwei Feh­ler in ei­ner Aus­sa­ge.

  2. Nein, ich ha­be Borns »Fäl­schung« nicht lek­to­riert, und so steht’s auch nicht in Böt­ti­gers Buch, son­dern so: »Born be­stimm­te in sei­nen letz­ten Mo­na­ten, als er am Ro­man »Die Fäl­schung« schrieb und von sei­nem un­heil­ba­ren Lun­gen­krebs wuss­te, Theo­bal­dy zu dem­je­ni­gen, der die end­gül­ti­ge Fas­sung her­stel­len soll­te.« Dass es da­zu nicht kom­men muss­te, er­schließt sich auf der näch­sten Sei­te 134: Der Ro­man »er­schien im Ok­to­ber 1979, Ni­coas Born starb am 7. De­zem­ber. Da wur­de be­reits die fünf­te Auf­la­ge ge­druckt«.

  3. Aha. »End­gül­ti­ge Fas­sung« her­stel­len ist et­was an­de­res als Lek­to­rat. Dann bin ich jetzt klü­ger ge­wor­den.

    PS: Ich ha­be den Pas­sus jetzt ge­stri­chen.

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