Der Germanist Alan Keele stellte neulich fest: Walter Kempowski hatte aus persönlichen Gründen in den Jahren 1947/48 Kontakt mit dem amerkanischen Geheimdienst CIC. (s. auch »Enthüllungsgeil«) Keele betonte, dass dies keine sensationelle Enthüllung sei, sondern nichts mehr als eine Fußnote, wenn auch eine interessante. Der F.A.Z.-Redakteur Edo Reents machte daraus eine Sensation mit dem effekthascherischen Titel »Walter Kempowski war doch ein Spion«.
Literaturkritik in der Kritik
Enthüllungsgeil
Edo Reents hat viel Schnaps getrunken und mit einem Professor eine gar tolle Enthüllung präsent: Walter Kempowski war ein Spion! Eine »Bombe« erkennt der offenbar nicht ganz trinkfeste Redakteur da und »spektakulär« schallt es aus den Feuilleton-Stuben (insbesondere der FAZ), die in ausgleichender Gerechtigkeit jetzt endlich auch einmal einen Nicht-Altlinken dekonstruieren möchte. So ganz neu sei das alles nicht sagt dann der Professor im sinnigerweise lange ins Bezahlarchiv gesteckten Beitrag, der sich beim genauen Lesen schon als Rohrkrepierer erweist (Gespräch mit Alan Keele [»Das geht ja aus den Romanen selbst hervor«]).
Der Nachklapp von heute will die taumelnde Mücke noch ein bisschen aufpeppen und behauptet noch einmal trotzig eine Banalität: Walter Kempowski hat in seinen Romanen nicht immer die Wahrheit geschrieben!
Der Sprung ins Dunkle

Als Benjamin Disraeli (getrieben von William Gladstone) im Jahr 1867 im sogenannten »Reform Act« im britischen Unterhaus eine Reform durchsetzte die eine soziale Öffnung des Wahlrechts bis weit in die Arbeiterklasse hinein vorsah (vom freien und allgemeinen Wahlrecht heutiger Zeit allerdings noch weit entfernt), war die Empörung im viktorianischen England insbesondere beim klassenbewussten Adel aber auch in der Publizistik gross. Ein »Sprung ins Dunkle« war noch fast die freundlichste Beschreibung dieses als ungeheuerlich eingestuften Vorgangs. »Arbeiter« wurde übersetzt mit »Masse« – und »Masse« und »Pöbel« galten synonym. Konnte man ernsthaft die Geschicke eines Landes in die Hände der Masse geben?
Das Unbehagen an der Masse hat die westliche Geistesgeschichte bis heute nicht ganz verlassen; es handelt sich um einen uralten Topos. Der Bogen kann von Platon über den Vormärz bis Heidegger und Elias Canetti gespannt werden – unterschiedlicher könnten die allesamt der Massenkultur gegenüber skeptischen bis ablehnenden Denker kaum sein (sieht man von den Denkern ab, die die Masse in ihrem Sinne formen bzw. manipulieren wollten).
»Du hast eine gute Stimme« oder: Versuch wider die Hochmütigen
Plädoyer für den Leserkritiker
1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki (#1):
- Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen: er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischem Gestus). »Ich gestehe«, leitet er dann in der Regel seine Sätze ein. Nachdem er aber seine Verständnislosigkeit eingestanden hat, zieht er über das Nichtverstandene her.
Schliesslich bilanziert er:
Hanns-Josef Ortheil / Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen

Demut und Wut
Preisvergabe. Und einige unwesentliche Bemerkungen.
Hartnäckig weigerte sich der neue Juryvorsitzende Burkhard Spinnen ein Pauschalurteil über den aktuellen »Jahrgang« beim Bachmannpreis 2008 abzugeben. Das könne man nicht, so Spinnen, wenn überhaupt müsse man zehn, fünfzehn Jahre abwarten; es seien ja schliesslich keine Weinjahrgänge.
Spinnen stiehlt sich da aus einem Urteil heraus. Das überrascht nur vordergründig. Würde er zugeben, dass das Niveau schwach war, kritisiert er auch implizit die Juroren und auch sich selber. Die Jury aber – diesen Eindruck bekam man sehr schnell – ist ziemlich kritikresistent.
Hinter der jovialen Fassade des Moderators Dieter Moor (der mit seiner zwanghaften Gesprächsführungsrhetorik nicht nur störte, sondern auch gelegentlich in unzulässiger Weise in den Wettbewerb eingriff) schlummerten die längst ausgetüftelten Bewertungsfallbeile beispielsweise des Wichtigtuers Ijoma Mangold, der teilweise vollkommen verwirrten (und textunsicheren) Ursula März und eines fast zwanghaft den Clown gebenden Klaus Nüchtern.
Klage über den abgeholzten Wald
Kleine Wegzehrung für Klagenfurt. Ein fast mysteriöser Artikel des »Alfred-Kerr-Preisträgers« 2007, dem Literaturkritiker Hubert Winkels im »Tagesspiegel«: Der Kritiker als dritter Gott. In der Beschwörung der guten, alten (Kerr-)Zeit (die es – wie immer bei solchen Rückblenden – nie gegeben hat) und der Auslobung des grössenwahnsinnigen, apodiktischen Kritikers mag ja ein gewisser Phantomschmerz eines 68er-Verfechters ...
Nachlese 30. Ingeborg-Bachmann-Preis: Exotismus und Authentizität
18 Autoren lesen ihre literarischen Texte vor und anschliessend diskutieren neun Juroren hierüber. Dieses Setting ist die Ausgangsposition für den sogenannten »Ingeborg-Bachmann-Preis«, volkstümlich auch »Wettlesen« genannt (als wäre jener der Sieger, der zuerst fertig sei). Anachronistischer kann Fernsehen nicht sein, als dies zu übertragen. Aber es kann auch – wenn die Beiträge und Diskussionen »stimmen«– ...