Emp­feh­lungs­ma­schi­ne

Vor ei­ni­gen Ta­gen war es wie­der so­weit: Der öster­rei­chi­sche Ger­ma­ni­stik-Pro­fes­sor Klaus Kast­ber­ger stell­te auf Face­book Fo­tos on­line, auf de­nen ein ein Reh zu se­hen ist, wel­ches sich sei­nem Grund­stück schüch­tern nä­hert. Von Fall zu Fall sieht man das Reh recht gern und ich dach­te, dass die­ses Reh von Herrn Kast­ber­ger häu­fi­ger zu se­hen ist als Li­te­ra­tur­kri­tik im deut­schen Fern­se­hen. Was ak­tu­ell ja ein The­ma ist.

Zu­ge­ge­ben, dass neu­lich er­schie­ne­ne Buch über Li­te­ra­tur­kri­tik ha­be ich nicht ge­le­sen und es war wie­der Klaus Kast­ber­ger, der mo­nier­te, dass nicht ein­mal die Ver­an­stal­tung des Bach­mann-Prei­ses vor­kommt und ich dach­te mir, dass bei al­ler Hä­me, die die­ser Wett­be­werb so er­fährt, tat­säch­lich hier noch Mo­men­te von Li­te­ra­tur­kri­tik auf­pop­pen, was na­tür­lich stark an den je­wei­li­gen Ju­ror, die je­wei­li­ge Ju­ro­rin ge­bun­den ist. Aber sonst?

Der An­lass die­ser Ge­dan­ken ist je­ne Cau­sa De­nis Scheck ge­gen El­ke Hei­den­reich bzw. So­phie Pass­mann und Il­di­kó von Kür­thy. Frau Hei­den­reich spiel­te sich wie­der ein­mal als Statt­hal­te­rin der Li­te­ra­tur im Fern­se­hen auf, for­dert die Ab­set­zung von Druck­frisch und führt nicht nur Schecks flot­te Sprü­che zu den Best­sel­lern von Pass­mann und Kür­thy an, son­dern kri­ti­siert auch – und jetzt wird es wirk­lich lu­stig – das Scheck noch »nie ein klu­ges Buch« pu­bli­ziert ha­be und ich dach­te mir (ich dach­te recht viel, scheint mir), dann gibt es ja da durch­aus Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen Euch und das ist ja min­de­stens mal ein An­fang.

Es ist je­ne Hei­den­reich, die sich einst heuch­le­risch für Mar­cel Reich-Ra­nickis Kri­tik am deut­schen Fern­se­hen ein­setz­te, als der sei­nen Fern­seh­preis nicht an­nahm und da­bei über­ra­schen­der­wei­se ih­re Sen­dung Le­sen! (nur echt mit dem Aus­ru­fe­zei­chen) ver­lo­ren hat­te (was nun wirk­lich kein Ver­lust war). Und ein paar Jah­re spä­ter Ste­fan Zwei­fel aus dem Schwei­zer Li­te­ra­tur­club un­ter ei­ni­ger­ma­ßen du­bio­sen Um­stän­den ver­trieb.

Aus­ge­rech­net Hei­den­reich spricht jetzt bei Scheck von »Ver­ächt­lich­ma­chung« von Li­te­ra­tur. Da­bei gibt es nie­man­den, der sich mehr an Schrift­stel­ler her­an­wanzt als De­nis Scheck. Die Bei­spie­le sind Le­gi­on. Mir be­son­ders in Er­in­ne­rung, als er ei­nen Au­tor in Is­land auf­such­te, der in ei­nem Gey­sir (oder ähn­li­ches) ba­de­te und sich Scheck mit sei­nem wie im­mer adret­ten An­zug in das hei­ße Nass da­zu­leg­te. Oder ei­ne Zeit­lang die­se Hin­ter­her­rei­se­rei bei Chri­sti­an Kracht. Von den 30 Mi­nu­ten sei­ner Druck­frisch-Sen­dung sind 26 Mi­nu­ten an­ge­füllt mit Buch­emp­feh­lun­gen oder ‑schmei­che­lei­en. Dann holt er zum Rund­um­schlag aus, will dem Bil­dungs­bür­ger Ge­nug­tu­ung über sei­ne im­mer schon vi­ru­len­te Ver­ach­tung der Kauf­li­te­ra­tur ver­schaf­fen und schmeißt die schlimm­sten Aus­wüch­se – oder das, was er da­für hält – mit drei, vier Spott­sät­zen in die Ton­ne. Das ist zwar we­der Karl Kraus noch Kurt Tu­chol­sky, aber bis­wei­len amü­sant, à la longue al­ler­dings auch vor­her­seh­bar, weil er halt sei­ne »Lieb­lin­ge« hat.

Aber mit Li­te­ra­tur­kri­tik hat das nichts zu tun. Sie kommt im Fern­se­hen kaum vor. Wenn, dann viel­leicht in Dis­kus­si­ons­run­den, dem Li­te­ra­tur­club des Schwei­zer Fern­se­hens (der auch an Qua­li­tät ein­ge­büßt hat) et­wa. Oder dem Le­sens­wert-Quar­tett im SWR, in dem Scheck ne­ben In­sa Wil­ke und Ijo­ma Man­gold zur Stamm­for­ma­ti­on ge­hör­te. Hier gab es durch­aus Clash of Cul­tures, frei­lich in ge­pfleg­ter At­mo­sphä­re. Als vier­ter Gast wur­de nur sel­ten mal ein Schau­spie­ler ein­ge­la­den; im­mer­hin. Um den li­te­ra­tur­in­ter­es­sier­ten Zu­schau­er mit der­ar­ti­gen An­sprü­chen nicht zu über­for­dern, wur­de die Sen­dung letz­tes Jahr ein­ge­stellt. Ver­mut­lich kann man von dem ein­ge­spar­ten Geld jetzt fünf Mi­nu­ten Tat­ort oder die Über­tra­gung ei­nes Dritt­li­ga­spiels mit Wald­hof Mann­heim fi­nan­zie­ren.

Wäh­rend im Ra­dio durch­aus noch Li­te­ra­tur­kri­tik statt­fin­det, mu­tier­te das Fern­se­hen früh zur Emp­feh­lungs­ma­schi­ne. Der Grund ist ein­fach: Nie­mand kä­me auf die Idee, ein Buch vor­zu­stel­len und als Ur­teil dann zu ver­kün­den, es in kei­nem Fall zu kau­fen, da es schlecht sei. Die Aus­nah­men, bei de­nen dies ge­schah, sind längst tot (Grass, Mar­tin Wal­ser). Und so wird heu­te fast nur noch emp­foh­len; Sen­de­zeit ist schließ­lich teu­er. Das Fern­se­hen als »Zir­ku­la­ti­ons­agent« (En­zens­ber­ger) des Be­triebs. Kri­tik un­er­wünscht, ja stö­rend.

Im klas­si­schen Feuil­le­ton hat die de­zi­dier­te Li­te­ra­tur­kri­tik auch ei­nen zu­neh­mend schwe­re­ren Stand. Ent­we­der es wird ge­lobt oder in­ter­viewt oder bei­des. Da­bei kommt mir wie­der die Un­ter­hal­tungs­schrift­stel­le­rin Il­di­kó von Kür­thy in den Sinn. Ich las, als ich beim Zahn­arzt auf mei­ne Frau war­te­te, ein Ka­pi­tel ih­res neu­en Ro­mans als Vor­ab­druck und ein aus­führ­li­ches In­ter­view in der Bri­git­te. Okay, da kommt auch Hei­den­reich her. Feuil­le­ton ist an­ders. Aber dann gab es noch Sto­ries von ihr in der Li­te­ra­ri­schen Welt und der Zeit (kein An­spruch auf Voll­stän­dig­keit). Nichts da­ge­ge­gen, sich mit Il­di­kó von Kür­thys Ro­ma­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen – aber so et­was?

Und dann freut man sich doch wie­der ir­gend­wie auf Kla­gen­furt. Sie­he oben.

1 Kommentar zu „Emp­feh­lungs­ma­schi­ne“

  1. Dan­ke für das Be­gleit­schrei­ben, ha­be den News­let­ter abon­niert. Als Le­se­rin, die seit vier Jah­ren mit der Pfle­ge der An­ge­hö­ri­gen ziem­lich aus­ge­la­stet ist, ist für mich Le­sen we­sent­lich.

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