Ed­win Frank: Stran­ger than Fic­tion

Edwin Frank: Stranger than Fiction
Ed­win Frank: Stran­ger than Fic­tion

»Das 20. Jahr­hun­dert in 30 Ro­ma­nen« ver­spricht der ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ed­win Frank in sei­nem 2024 pu­bli­zier­ten Buch Stran­ger than Fic­tion, das nun von Mat­thi­as Wir­then­sohn ins Deut­sche über­setzt vor­liegt. Der Ver­lag hat den eng­li­schen Ti­tel bei­be­hal­ten. Das mag dar­an lie­gen, weil er mehr­deu­tig und da­mit schwer poin­tiert über­setz­bar ist. Wört­li­che Über­tra­gun­gen wie »Selt­sa­mer als Fik­ti­on« oder idio­ma­ti­sche In­ter­pre­ta­tio­nen à la »Un­glaub­wür­di­ger als ei­ne er­fun­de­ne Ge­schich­te« sind sper­rig und un­pas­send. Die Sub­stan­ti­vie­rung des »Stran­ger« als »Frem­der als Fik­ti­on« klingt in­ter­es­sant, macht aber we­nig Sinn. Schaut man den Un­ter­ti­tel im Ori­gi­nal an – »Li­ves of the Twen­tieth-Cen­tu­ry No­vel« – wird man auch nicht klü­ger.

Wor­um geht es? Frank er­klärt zu­nächst, wor­um es ihm nicht geht. Er will mit sei­ner Über­sicht kei­nen neu­en Ka­non schaf­fen. Er be­haup­tet auch nicht, dass er die be­sten Bü­cher des 20. Jahr­hun­derts ge­fun­den hat. Es dient nicht da­zu, un­be­kann­te oder ver­ges­se­ne Au­toren wie­der­zu­ent­decken. Es geht nicht um künst­le­ri­sche, ak­ti­vi­sti­sche oder phi­lo­so­phi­sche Ro­ma­ne. Sprach­li­che oder li­te­ra­ri­sche In­no­va­tio­nen spie­len eben­falls kei­ne Rol­le. Gen­re-Bü­cher wur­den ge­nau so we­nig wie Ro­ma­ne der Avant­gar­de auf­ge­nom­men. Kein ein­zi­ger Groß­stadt-Ro­man fin­det Ein­lass (was am mei­sten ver­wun­dert). Frank lehnt aus­drück­lich den Be­griff der »Mo­der­ne« ab. Er sei als »Kof­fer durch­aus nütz­lich, aber in­zwi­schen hoff­nungs­los über­stra­pa­ziert« (auf den fast 600 Sei­ten fällt tat­säch­lich das Wort »Mo­der­ne« kaum).

Der Ro­man als »Über­set­zung ge­leb­ter Wirk­lich­keit«

War­um über­haupt der Ro­man? Galt er doch lan­ge als zweit­klas­si­ge Text­gat­tung, in dem vor al­lem seich­te Lie­bes- oder Hor­ror­ge­schich­ten er­zählt wur­den. Das än­der­te sich im 19. Jahr­hun­dert. Franks Hy­po­the­se: Der an­spruchs­vol­le li­te­ra­ri­sche Ro­man des 20. Jahr­hun­derts knüpf­te dar­an an und bil­de­te das »ro­bu­ste Ge­bil­de mit ei­ner hart­näcki­gen Neu­gier auf die Welt«, wel­ches in der La­ge ist (bzw. war), »dra­sti­sche Rea­li­tä­ten« des Zeit­ge­sche­hens »in Wor­te zu fas­sen und zu be­zeu­gen«. Es geht um »Über­set­zung ge­leb­ter Wirk­lich­keit in ei­ne schrift­li­che Form« – und dies jen­seits von stren­ger Ge­schichts­schrei­bung. Am En­de die­ses Bu­ches zeigt sich, dass al­le vor­ge­stell­ten Ro­ma­ne Spiel­ar­ten des Rea­lis­mus sind. Ob bio­gra­phisch, ma­gisch, na­tu­ra­li­stisch, ge­sell­schaft­lich oder uto­pisch. Gut ver­steckt ru­bri­ziert Frank ein­mal zwei Rea­lis­mus-Spiel­ar­ten: Wäh­rend die Ro­ma­ne des 19. Jahr­hun­dert von ei­nem »um­sich­ti­gen Rea­lis­mus« ge­prägt ge­we­sen sei­en, än­der­te sich dies 20. Jahr­hun­dert zu ei­nem »Not­fall­rea­lis­mus«. Ge­mein­sam­keit sei die »Form der Re­fle­xi­on«, und zwar »un­ab­hän­gig da­von, ob er [der je­wei­li­ge Ro­man] ei­ne Ge­schich­te er­zählt oder nicht«.

Der Le­ser wird im Lau­fe des Buchs im­mer wie­der auf Spu­ren von mög­li­chen Kri­te­ri­en sto­ßen, die den li­te­ra­ri­schen Ro­man im Sin­ne von Ed­win Frank als Seis­mo­graph der Zeit­läuf­te er­fas­sen sol­len. Zu­gleich wird mit der Vag­heit aber auch die Neu­gier grö­ßer. Zu­nächst ist man je­doch über die zeit­li­che Ord­nung, die Frank ge­wählt hat, er­staunt. Die je­wei­li­gen Schaf­fens- bzw. Pu­bli­ka­ti­ons­zei­ten wer­den in drei Tei­le ge­ord­net. Teil I ist mit Die Ge­fä­ße zer­bre­chen über­schrie­ben und um­fasst die Jah­re et­wa ab 1880 bis 1918. Teil II (Ein Fun­ken­sprü­hen) nimmt den sehr he­te­ro­ge­nen Zeit­raum bis 1945 ein, wäh­rend im letz­ten Ab­schnitt (Der Rück­zug) ei­ne selt­sa­me ele­gi­sche Stim­mung auf­kommt. Ins­ge­samt wer­den die drei­ßig Ro­ma­ne in 21 Ka­pi­teln be­han­delt. Hin­zu kommt ein Pro­log, der Do­sto­jew­skis Aus dem Kel­ler­loch von 1864 als Aus­weis ei­ner »be­deut­sa­men Zei­ten­wen­de« zum Pro­to­ty­pen des Ro­mans des 20. Jahr­hun­derts de­kla­riert. Und dann gibt es noch ei­nen Epi­log, der W. G. Se­balds Au­ster­litz (2001) als »Bi­lanz­ro­man« de­kla­riert (was aber rasch wie­der zu­rück­ge­nom­men wird).

Hier wei­ter zum voll­stän­di­gen Text bei Glanz & Elend: »Dün­ger für den Land­wirt«.

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