Re­né Pfi­ster: Ein Wort zu­viel

René Pfister: Ein falsches Wort

Re­né Pfi­ster: Ein fal­sches Wort

Re­né Pfi­ster ist seit fast zwan­zig Jah­ren in un­ter­schied­li­chen Funk­tio­nen beim Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel tä­tig. 2019 geht er für das Ma­ga­zin in die USA. Do­nald Trump war Prä­si­dent und der Wahl­kampf hat­te be­reits be­gon­nen. Er kam mit sei­ner Fa­mi­lie nach Che­vy Cha­se, ei­nem, wie es heißt, li­be­ra­len Stadt­teil Wa­shing­tons. Hier wird die Re­gen­bo­gen­fah­ne ge­hisst und man ge­niert sich für Trump. Aber rasch be­kommt die­ses pa­ra­die­si­sche Bild Ris­se, et­wa wenn ihm je­mand er­zählt, dass sein Sohn in der Schu­le Pro­ble­me be­kommt, weil er nichts da­bei fin­det, dass Wei­ße Dre­ad­locks tra­gen. Pfi­ster er­kennt, dass die Fas­sa­de von Furcht durch­setzt ist. Es ist die Furcht, et­was Fal­sches zu den­ken und zu sa­gen. Denn so­fort droht die so­zia­le Aus­gren­zung – und even­tu­ell Schlim­me­res.

In den letz­ten Jah­ren häu­fen sich in den so frei­heit­lich ge­ben­den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die »Fäl­le«, in de­nen ver­meint­lich un­be­dach­te Aus­sa­gen zu weit­rei­chen­den Fol­gen füh­ren. Pfi­ster bün­delt ei­ni­ge die­ser Er­eig­nis­se in sei­nem Buch »Ein Wort zu­viel«. Es ist, so der An­spruch, ein »Re­port« »wie ei­ne neue lin­ke Ideo­lo­gie aus Ame­ri­ka un­se­re Mei­nungs­frei­heit be­droht«.

Die Ka­pi­tel des Bu­ches sind Re­por­ta­gen, die mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den. Da wird Ian Bu­ru­ma be­sucht, der we­gen des Pro­te­stes über die Ver­öf­fent­li­chung ei­nes Tex­tes von Ji­an Gho­me­shi, der zu Un­recht se­xu­el­ler Über­grif­fe an­ge­klagt war, sei­nen Chef­re­dak­teurs­po­sten bei der New York Re­view of Books auf­gab. Der Geo­phy­si­ker Do­ri­an Ab­bot schil­dert sei­ne Aus­la­dung als Red­ner beim MIT, weil er in ei­nem Text Qua­li­tät über »Di­ver­si­tät« stellt. Pfi­ster ana­ly­siert die neue »Cam­pus Cul­tu­re«, bei der Red­ner be­schimpft und ge­stört wer­den, wenn man es nicht ge­schafft hat, sie aus­zu­la­den und ih­re Bei­trä­ge da­mit zu ver­un­mög­li­chen.

Aus­gie­big stellt Pfi­ster die »Cri­ti­cal Race Theo­ry« vor, die »in­zwi­schen in vie­le aka­de­mi­sche Dis­zi­pli­nen ein­ge­drun­gen ist«. Sie stellt, wie die bei­den Ju­ri­sten Ri­chard Del­ga­do und Jean Ste­fan­cic 2017 fest­ge­stellt hat­ten, die »li­be­ra­le Ord­nung ganz grund­sätz­lich in­fra­ge – in­klu­si­ve des Gleich­heits­grund­sat­zes, des Ab­wä­gens recht­li­cher Ar­gu­men­te, des Ra­tio­na­lis­mus der Auf­klä­rung und des Prin­zips, wo­nach je­der vor der Ver­fas­sung gleich ist.«

Be­leuch­tet wer­den die Leh­ren der »An­ti­ras­sis­mus-Au­torin Ro­bin DiAn­ge­lo« wo­nach je­der Wei­ße Ras­sist ist und de­ren »prie­ster­li­che Un­er­bitt­lich­keit, die selbst dem reui­gen Sün­der kei­ne Er­lö­sung ver­spricht, son­dern nur den dor­nen­rei­chen Weg der per­ma­nen­ten Selbst­an­kla­ge.« Na­tür­lich darf auch der Hi­sto­ri­ker Ibram X. Ken­di nicht feh­len, der 2020 »ei­ne klei­ne Fi­bel mit dem Ti­tel ‘Be An­ti-Ra­cist’ « her­aus­brach­te, ein, wie Pfi­ster schreibt, »Leit­fa­den zur Ge­wis­sens­er­for­schung, wie man ihn auch in der ka­tho­li­schen Kir­che fin­den könn­te.« Ken­di ver­tritt ei­nen po­si­ti­ven Ras­sis­mus, der na­he­legt »pri­vi­le­gier­te Grup­pen« zu dis­kri­mi­nie­ren, wo­bei na­tür­lich er be­stimmt, wer das ist und wie dies zu ge­sche­hen hat. In der Fül­le wir­ken die­se Prot­ago­ni­sten wie Sek­ten­pre­di­ger.

Ne­ben den Uni­ver­si­tä­ten be­schäf­tigt sich Pfi­ster mit den ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en und zwar be­vor­zugt je­nen, die einst für Mei­nungs­frei­heit und Viel­falt stan­den. Mu­ster­bei­spie­le sind hier die »Sün­den« von Ja­mes Ben­nett 2020 und Do­nald McNeil Jr. 2021, zwei (ehe­ma­li­ge) Edel­fe­dern der New York Times. Ben­nett ließ auf sei­ner Mei­nungs­sei­te ei­nen kon­ser­va­ti­ven Re­pu­bli­ka­ner zu Wort kom­men. McNeil hat­te ei­ne »un­sen­si­ble Äu­ße­rung« in ei­ner Dis­kus­si­on über Ras­sis­mus mit Schü­lern ge­macht und in die­sem Zu­sam­men­hang das »N‑Wort« zi­tiert. Dar­auf­hin wur­de McNeil mit ei­ner Ab­mah­nung be­dacht. Als ein On­line­por­tal zwei Jah­re spä­ter dar­über be­rich­te­te, mel­de­ten sich 150 Re­dak­teu­re aus dem »News­room«, die Kon­se­quen­zen for­der­ten. In bei­den Fäl­len wi­der­stand der da­ma­li­ge Chef­re­dak­teur De­an Ba­quet dem Druck der Min­der­heit der Re­dak­teu­re, die über die so­zia­len Me­di­en Wi­der­stän­de or­che­strier­ten, nicht. Bei­de de­mis­sio­nier­ten (um ei­ner Ent­las­sung zu­vor­zu­kom­men).

Bei der Auf­zäh­lung der di­ver­sen Ein­zel­fäl­le (!) fällt auf, dass im End­sta­di­um des Em­pö­rungs­stro­mes fast im­mer die Selbst­gei­ße­lung des Sün­ders steht, die an die kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Um­trie­be aus dem Chi­na der 1960er und 1970er Jah­re er­in­nert. Ob­wohl das Ur­teil des Mobs längst fest­steht, er­nied­ri­gen sich die Prot­ago­ni­sten und krie­chen in ei­ne per­ver­se Reue­hal­tung. War­um dies ge­schieht, bleibt ein Ge­heim­nis. Noch my­ste­riö­ser ist das feh­len­de Rück­grat von Vor­ge­setz­ten und Un­ter­neh­mens­lei­tern, die sich ei­ner amor­phen Min­der­heit, die Ar­gu­men­te mit Laut­stär­ke ver­wech­selt, wil­lig hin­gibt.

Die mei­sten der ge­schil­der­ten Fäl­le sind dem Le­ser min­de­stens in gro­ben Zü­gen be­kannt. Pfi­ster be­müht sich um ei­ne mög­lichst neu­tra­le Dar­stel­lung und ach­tet spür­bar dar­auf, nicht sei­ner­seits in ei­nen Ex­tre­mis­mus zu ver­fal­len. Er äu­ßert Ver­ständ­nis für das An­lie­gen des links­iden­ti­tä­ren Ak­ti­vis­mus. Man kennt das zur Ge­nü­ge: Selbst aber­wit­zig­ste Ak­tio­nen wie bei­spiels­wei­se das Fest­kle­ben an Ge­mäl­den oder Stra­ßen wird mit ei­ner ge­wis­sen Nach­sicht be­trach­tet. Und so be­eilt sich Pfi­ster, den Schnell­schuss »Can­cel Cul­tu­re« an­zu­wen­den. Die­sen Be­griff leh­ne er ab, schreibt er (al­ler­dings ist die­se Aver­si­on nur vor­läu­fig, wie man spä­ter le­sen kann). Schließ­lich sei den Prot­ago­ni­sten am En­de kaum ein Scha­den ent­stan­den (»und ist der Ruf erst rui­niert…« als Be­lang­lo­sig­keit?).

Ein­deu­tig po­si­tio­niert sich Pfi­ster im­mer­hin ge­gen die von Wes­ley Lo­we­ry ver­foch­te­ne The­se, »jour­na­li­sti­sche Ob­jek­ti­vi­tät sei ein Kon­zept, das nicht mehr in die Zeit pas­se«. Die sich hier­aus er­ge­ben­de »Mo­ral Cla­ri­ty«, die ei­ne »ein­deu­ti­ge Hal­tung« über ob­jek­ti­ve Kri­te­ri­en stellt, lehnt er de­zi­diert ab. Süf­fi­sant wird er­wähnt, dass Lo­we­ry ver­mut­lich nicht be­kannt war, dass » ‘Mo­ral Cla­ri­ty’ über Jahr­zehn­te ein Be­griff der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten« ge­we­sen war.

Pfi­ster fin­det Bei­spie­le auch in Deutsch­land, ins­be­son­de­re was die neue Jour­na­li­sten­ge­nera­ti­on an­geht, die zum Bei­spiel ihr Un­ver­ständ­nis über die äl­te­ren Kol­le­gen äu­ßern, die nicht »gen­der­ge­recht« schrei­ben und/oder den »Gro­tis­schlag« ver­wen­den. So ent­sorg­te bei­spiels­wei­se der Stern sei­ne Ob­jek­ti­vi­tät auf den Müll, als er den Ak­ti­vi­sten der »zwei­fel­haf­ten« »Lob­by­grup­pe« (Pfi­ster) »Fri­days for Fu­ture« das Re­dak­ti­ons­feld über­ließ und sei­ne jour­na­li­sti­sche Neu­tra­li­tät auf­gab. Da­bei, so könn­te man er­gän­zen, ist dies nur die be­son­ders plum­pe Form des Hal­tungs­jour­na­lis­mus, der an­son­sten sehr viel sub­ti­ler vor­geht und bis hin­ein in die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en ein­ge­sickert ist. (Ein­mal kri­ti­siert Pfi­ster auch den Spie­gel.)

Die Ur­sa­chen für das lin­ke Ja­ko­bi­ner­tum wer­den wahl­wei­se bei Her­bert Mar­cu­se, Mi­chel Fou­cault oder den »ängst­li­chen El­tern« ge­fun­den, die die nach 1980 ge­bo­re­nen Kin­der »deut­lich re­gle­men­tier­ter er­zo­gen« hät­ten (Greg Lu­kianoff und Jo­na­than Haidt). Da­bei bleibt eher frag­lich, ob die heu­ti­gen Ak­ti­vi­sten je­mals et­was von den bei­den eu­ro­päi­schen Phi­lo­so­phen ge­hört ha­ben. Könn­te es nicht viel­leicht sein, dass die­se Leu­te schlicht­weg nur angst­be­ses­sen sind und da­her mit dumm­drei­sten In­tri­gen ih­re fra­gi­len Denk­ge­bäu­de auf­recht er­hal­ten kön­nen?

Der Durch­bruch des Tu­gend­ter­rors in den USA wird – wie könn­te es an­ders sein? – bei Do­nald Trump ver­or­tet, der mit »sei­nen Lü­gen und sei­ner Rhe­to­rik die Na­ti­on po­la­ri­siert« ha­be. Der »Dog­ma­tis­mus von links« wird als Ge­gen­maß­nah­me, ei­ne Art »Roll-back« ge­se­hen, der durch die Mee­Too- und BLM-Be­we­gung zu­sätz­li­chen Auf­trieb er­fah­ren ha­be. Pfi­ster weist dar­auf hin, dass die De­mo­kra­ti­sche Par­tei der USA spä­te­stens mit dem Wahl­kampf von Hil­la­ry Clin­ton und ih­rer In­vek­ti­ve von den »De­plor­ables«, den »Ab­ge­häng­ten«, die Bo­den­haf­tung zu ih­ren ur­sprüng­li­chen Wäh­ler-Mi­lieus ver­lo­ren ha­ben. In­zwi­schen ord­net man 100 der 220 Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten dem »pro­gres­si­ven La­ger« zu. Wer wie der Ma­the­ma­ti­ker und Po­li­tik­be­ra­ter Da­vid Shor die­se Wäh­ler­be­we­gun­gen ana­ly­siert wird wie der Über­brin­ger der schlech­ten Nach­richt lie­ber dif­fa­miert. Das Ka­pi­tel über Shor ist das in­ter­es­san­te­ste, weil es be­reits in das Jahr 2024 ver­weist. Die Ana­ly­se des ein­sti­gen Oba­ma-Wahl­hel­fers ist er­schüt­ternd: »Die Re­pu­bli­ka­ner schaf­fen es, ein mul­ti­eth­ni­sches Bünd­nis von Wäh­lern aus der Ar­bei­ter­klas­se zu schmie­den, von dem die Lin­ke im­mer ge­träumt hat«, so zi­tiert Pfi­ster Shor.

Wie die Re­pu­bli­ka­ner sich mit Haut und Haa­ren Do­nald Trump un­ter­wor­fen ha­ben, so kop­peln sich die De­mo­kra­ten mit ih­ren Min­der­hei­ten­the­men von der ar­bei­ten­den Mit­tel­schicht ab. »Lin­ke Iden­ti­täts­po­li­tik«, so bi­lan­ziert Pfi­ster, »scha­det vor al­lem der po­li­ti­schen Mit­te und dem auf­ge­klär­ten La­ger.« Ei­ne ähn­li­che Ent­wick­lung sieht er auch in Deutsch­land vor al­lem im Hin­blick auf die SPD, et­wa wenn sich Olaf Scholz im Wahl­kampf als sich »in­ter­sek­tio­na­ler Fe­mi­nist« be­kennt. Die klas­si­sche Wäh­ler­kli­en­tel kann mit sol­cher Sek­ten­spra­che we­nig an­fan­gen.

Aber die Ge­gen­be­we­gung zur Ge­gen­be­we­gung exi­stiert eben­falls be­reits. Pfi­ster stellt Chri­sto­pher Rufo vor, ei­nen ehe­ma­li­ger Do­ku­men­tar­fil­mer, der die »Cri­ti­cal Race Theo­ry« mit all ih­ren Blü­ten, die sie »in ame­ri­ka­ni­sche Schu­len, Be­hör­den und Un­ter­neh­men« ge­trie­ben hat und wei­ter­hin treibt. Hier­für nutzt Rufo so­wohl Fox-News, stellt sich aber auch pro­gres­si­ven Me­di­en. Rufo or­ga­ni­siert in­tel­lek­tu­ell die po­li­ti­sche Rech­te vor al­lem auch in den »Swing-Sta­tes«. Sei­ne Achil­les­ver­se ist, so Pfi­ster, dass er nicht ganz von der Theo­rie der »ge­stoh­le­nen Wahl« ab­rücken will, ob­wohl er Trump nicht noch ein­mal als Kan­di­dat se­hen will. Sei­ne The­sen wie zum Bei­spiel bei der Gou­ver­neurs­wahl in Vir­gi­na »hät­ten nicht ver­fan­gen, gä­be es nicht rea­len Är­ger über ei­nen dog­ma­ti­schen An­ti­ras­sis­mus, der zu­erst wei­te Tei­le des aka­de­mi­schen Le­bens der USA ge­ka­pert hat und von dort aus den Sie­ges­zug an­trat: in Be­hör­den, in gro­ßen Un­ter­neh­men und nun auch in staat­li­chen Schu­len.« Rufo be­kennt of­fen, dass die Lin­ke mit dem Ver­such, die »Cri­ti­cal Race Theo­ry« zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren, ei­nen Rie­sen­feh­ler ma­che, den er und sei­ne Ge­sin­nungs­freun­de aus­zu­nut­zen ge­den­ken. Da­bei, so Pfi­ster, ha­be Rufo »ei­ne Be­we­gung ge­schaf­fen, die min­de­stens so il­li­be­ral ist wie die Ideo­lo­gie, die er be­kämp­fen will, ih­re Zie­le aber mit den Mit­teln des Staa­tes durch­set­zen kann.«

Der letz­te Punkt wird be­legt mit Hin­wei­sen auf ei­ne »Can­cel Cul­tu­re« in di­ver­sen US-Bun­des­staa­ten, in de­nen fest­ge­legt wird, was »Schü­ler noch le­sen dür­fen«. Der Le­ser ist über­rascht, denn plötz­lich wird das CC-Wort op­por­tun. Das hat al­ler­dings dann al­ler­dings eher da­mit zu tun, dass er die »Can­cel Cul­tu­re«, oder, bes­ser: Lese‑, Re­fe­renz- und Dis­kurs­ver­bo­te an ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten schlicht­weg nicht er­wähnt. Dies ist sym­pto­ma­tisch für ent­spre­chen­de Dis­kus­sio­nen in so­zia­len Netz­wer­ken. Wer über ein links­iden­ti­tä­res Ge­scheh­nis be­rich­tet oder kom­men­tiert muss nicht lan­ge war­ten, bis be­sorg­te User mit ei­nem rechts­iden­ti­tä­ren Bei­spiel kon­tern, so als sei da­mit al­les aus­ge­gli­chen.

»Ein Wort zu­viel« lie­fert ei­ne kur­so­ri­sche Über­sicht über die ame­ri­ka­ni­schen Um­trie­be. In den 203 An­mer­kun­gen fin­den sich ne­ben Links zu ein­zel­nen Tweets vor al­lem 23 Ver­wei­se auf Tex­te der New York Times, 8 auf die Wa­shing­ton Post – und 11 auf den Spie­gel. Drei der elf Ka­pi­tel sind, wie es heißt, re­di­gier­te Spie­gel-Tex­te (in­wie­weit die­se be­ar­bei­tet sind, kann ich als Nicht-Spie­gel-Le­ser nicht be­ur­tei­len). Pfi­sters Ton ist un­auf­ge­regt und er be­müht sich um Nüch­tern­heit und Ob­jek­ti­vi­tät. Am En­de steht ein per­sön­li­ches Plä­doy­er für den po­li­ti­schen Li­be­ra­lis­mus, wel­ches über­ra­schen­der­wei­se selt­sam uto­pisch wirkt. Lei­der streift das Buch die Aus­wir­kun­gen auf Deutsch­land nur. Zwar wird bei­spiels­wei­se auf die po­li­ti­schen Prä­fe­ren­zen jun­ger Jour­na­li­sten in Deutsch­land re­kur­riert, aber dies bleibt nicht mehr als ei­ne Sta­ti­stik. Den Be­reich des Framings in den deut­schen Me­di­en klam­mert er aus. Viel­leicht hät­te er sich auf die USA kon­zen­trie­ren sol­len. Se­riö­se In­for­ma­tio­nen über die links­iden­ti­tä­ren Um­trie­be in Eu­ro­pa muss man sich an­der­wei­tig be­sor­gen. Wer Sah­ra Wa­gen­knecht oder Bernd Ste­ge­mann (aus je nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den) nicht mag, kann bei­spiels­wei­se noch auf Ca­ro­li­ne Fou­rests »Ge­nera­ti­on be­lei­digt« zu­rück­grei­fen oder auf die­sen Text von Leo­pold Fe­der­mair.

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  1. Heu­te gibt es kaum et­was Rüh­ren­de­res als ei­ne Af­fir­ma­ti­on des Li­be­ra­lis­mus. Das wä­re frei­lich schön. In­des scheint die­se »Staats­phi­lo­so­phie« für die po­li­tisch Über­ak­ti­ven un­at­trak­tiv zu sein. Im­mer­hin: auch das Buch von Pfi­ster ist ein Bei­trag zur »Nach­bes­se­rung an der Zu­kunft«, um die (oben sog.) selt­sa­me Uto­pie hin­ter dem Plä­doy­er mal auf den pa­ra­do­xen Punkt zu brin­gen. Mit viel Auf­wand wird es viel­leicht bald schon ein biss­chen bes­ser... Fort­schritt ist ein Kraft­akt, im­mer schon ge­we­sen. Man dach­te wohl lan­ge Zeit, die Ge­gen­wart wä­re schon ein gu­ter An­fang... So op­ti­mi­stisch war ich frei­lich nur ganz frü­her mal. Egal, Pfi­ster hat den Vi­rus (bad ide­as go­ing vi­ral) ganz gut ein­ge­kreist. Der Sprung in der Wer­te­schüs­sel trifft sich mit den al­ten Spann­nungs­li­ni­en wie der Klas­sen­fra­ge und dem Ras­sen­hass, aber es ist ei­ne neue »exi­sten­zi­el­le Rich­tung« da­bei. Ich er­in­ne­re mich gut, wie ich an­fangs Pro­ble­me hat­te, die Din­ge ein­zu­ord­nen. Das gan­ze Ge­summs, der Post­mo­der­nis­mus, die di­gi­ta­len Me­di­en, die se­xu­el­len Iden­ti­tä­ten, Auf­trit­te und Ab­sa­gen, etc. Er­klä­run­gen sind ja in der Re­gel erst mal der Ver­such, ...sich zu be­ru­hi­gen. Die Ra­tio will we­nig­stens recht ha­ben, wenn man schon die all­täg­li­che Stö­rung des himm­li­schen Gleich­ge­wichts hin­neh­men muss. Erst wenn man die Feind­se­lig­keit hin­ter den all­zu gut be­grün­de­ten Po­si­tio­nen ent­deckt, kriegt man deut­lich das Ge­fühl, dass Un­heil im Schwan­ge ist. Und dann will man es erst recht wis­sen, weil die dunk­len Mo­ti­ve ei­gent­lich noch span­nen­der sind als die »all­ge­mei­ne So­zio­lo­gie«. Mar­xis­mus, Mas­sen­psy­cho­lo­gie, To­ta­li­ta­ris­mus­kri­tik, Grup­pen­bin­dung, Er­lö­sungs­phan­ta­sien, Kul­tur­theo­rie, etc. Für die Hart­näckig­keit der schlech­ten Ideen ist ei­ne gu­te tech­ni­sche Ver­net­zung na­tür­lich die Vor­aus­set­zung. Die ha­ben wir »Gott­sei­dank«. Neu ist die Glo­ba­li­tät der Ver­net­zung, d.h. man kann sich er­folg­reich ein­bil­den, dass mit der Wahl der rich­ti­gen po­li­ti­schen Po­si­ti­on die Ent­schei­dung für das ge­lun­ge­ne Le­ben ein­her­geht, UND dass die­se Ent­schei­dung an­thro­po­lo­gisch ei­nen Fall von Erst­ge­lun­gen­heit dar­stellt. Zum er­sten Mal rich­tig ge­lebt! Man wird von uns be­rich­ten! Dass der Nar­ziss­mus den hoch­flie­gen­den ethi­schen Po­si­tio­nen im­mer in die Que­re kommt, ist die­ser Ge­nera­ti­on völ­lig un­ver­ständ­lich. Al­so be­gann ihr Un­ter­gang.

  2. Nun, die For­mu­lie­rung war et­was hoch­tra­bend. Ge­spiel­te Un­be­küm­mert­heit. Spea­king with God’s own voice. Der Li­be­ra­lis­mus kann ja gar nicht un­ter­ge­hen, der ist auf­ge­ho­ben im Reich der Ideen, und für im­mer rich­tig. Das exi­sten­zi­el­le Be­dürf­nis nach ei­ner Po­li­tik des Sinns und des gro­ßen Wir­kens ist na­tür­lich nicht un­mit­tel­bar auf dem Mist von nur ei­ner Ge­nera­ti­on ge­wach­sen, aber ich woll­te ein Le­bens­zeit-Mo­dell in dem Kom­men­tar un­ter­brin­gen. Es wä­re un­fair, die heu­ti­ge Mi­se­re aus­ge­rech­net den nach­ge­rück­ten jun­gen Leu­ten in die Schu­he zu schie­ben. Da schrau­ben ja min­de­stens drei Ge­nera­tio­nen drann. Ich woll­te ei­gent­lich auf ei­nen Bruch des Uto­pie-Kon­zep­tes hin­aus, das mit sei­nem apo­ka­lyp­ti­schen Ge­gen­teil zu­sam­men ge­fal­len ist. Die­se Os­zil­la­tio­nen sind doch zeit­gei­stig prä­gend ge­wor­den. Man weiß gar nicht mehr, ob die Zu­kunft ge­ret­tet oder ver­nich­tet wer­den soll. Die mo­ra­li­sti­sche Er­war­tung geht auf den per­fek­ten Men­schen aus, und der ein­zig glaub­haf­te »Pres­se­spre­cher« für die­ses Pro­jekt ist ein skru­pel­lo­ser Nar­zisst, der sich für Min­der­hei­ten und für’s Welt­kli­ma stark macht. Schwer, den Schur­ken zu ent­lar­ven, wenn al­le in den Ty­pen ver­liebt sind. Pfi­ster nennt ja ein paar Ver­däch­ti­ge aus den U.S.A., aber das Aus­maß der Wel­le scheint ihm nicht so ganz klar zu sein. Das fängt an bei den ver­lo­ge­nen Schau­spie­lern, geht über die Pro­fes­so­ren, die Me­di­en­leu­te, die Think Tanks (dt. Ethik­rä­te), die Po­li­ti­ker, die Bi­schö­fe, und en­det bei den hy­ste­ri­schen Nach­barn. Der Trieb, zu den mo­ra­lisch bes­se­ren Leu­ten zu ge­hö­ren, ist un­heim­lich, aber mäch­tig. Die Po­li­tik scheint da­von in­spi­riert zu sein, aber nur der Po­pu­lis­mus kann da­von be­grenzt pro­fi­tie­ren. Die­se Ab­schöp­fung führt dann zu dem Schluss, dass ir­gend­et­was Schlim­mes be­vor­steht, aber ich bin mir da nicht si­cher. Es ist be­reits al­les sehr schlimm. Ich will nicht an ir­gend­ei­ne dü­ste­re Zu­kunft glau­ben, das wä­re ja die to­ta­le An­bie­de­rung an den Zeit­geist.

  3. Gu­te Poin­te, aber der Zeit­geist ist ja ge­ra­de nicht kul­tur­pes­si­mi­stisch, son­dern uto­pisch. Er glaubt an das Gu­te und an Pro­blem­lö­sun­gen durch * und _ wo­bei er bil­dungs­fern po­stu­liert, da­mit Held der In­klu­si­on zu sein. Um nicht wie 1967f. vom Ka­the­der ent­fernt zu wer­den, bie­dert man dort be­son­ders be­flis­sen an. Die Qua­lif­kat­i­on für die po­li­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Ex­per­ti­se ist Gut­dün­ken und Gut­mei­nen. Ein ehe­ma­li­ger Call­cen­ter-Mit­ar­bei­ter be­stimmt die Li­nie ei­ner deut­schen Par­tei, ei­ne Stu­di­en­ab­bre­che­rin ist Vor­sit­zen­de ei­ner an­de­ren. Sie sind ste­ti­ge Gä­ste in den Me­di­en. Der Bil­dungs­bür­ger gilt als über­holt, weil Bil­dung nichts zählt. Die sich de­mo­kra­tisch zei­gen­den Re­sul­ta­te – ak­tu­ell in Schwe­den – wer­den mit Alar­mis­mus be­ant­wor­tet. Die bun­ten Far­ben blei­chen aus, aber das darf nicht sein.

    Pfi­sters Buch ist ei­ne Be­stands­auf­nah­me. Es war noch nicht ein­mal er­schie­nen, da wur­de es von den üb­li­chen Nicht­le­sern be­reits ab­ge­lehnt. Das Pro­blem ist, dass es den sich suk­zes­si­ve ze­men­tie­ren­den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del gar nicht er­fasst, weil es – ge­zwun­ge­ner­ma­ßen – sich in Ein­zel­fäl­len ver­lie­ren muss, um Ten­den­zen zu zei­gen. Das er­öff­net dann ab­sur­der­wei­se den Grund für die Ver­harm­lo­sung, der am En­de auch Pfi­ster er­liegt, wenn er schreibt, dass die kri­ti­sier­ten Prot­ago­ni­sten schließ­lich kei­ne dau­er­haf­ten öko­no­mi­schen Nach­tei­le er­lit­ten ha­ben. Dass es in Zu­kunft sol­che Stim­men und Ana­ly­sen gar nicht mehr ge­ben wird weil sich der Kon­sens ver­schiebt und die Furcht vor wei­te­ren Eklats an­hält, kommt bei ihm nicht vor. No­el­le-Neu­manns »Schwei­ge­spi­ra­le« schien ein Re­likt aus ei­ner ver­gan­ge­nen Zeit, er­hält der­zeit al­ler­dings neu­en Auf­trieb.

    Der Li­be­ra­lis­mus ist ei­ne schö­ne po­li­ti­sche Rich­tung. Er er­in­nert an die zu­wei­len an Au­to­bahn­ab­fahr­ten ste­hen­den Schil­der »Al­le Rich­tun­gen«. Das ist ähn­lich wie To­le­ranz. Wo fängt sie an? Wo hört sie auf?

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