Schwar­ze Blu­men? Wei­ße Blu­men? Blaue Blu­men!

»Das Licht spielt auf je­der Haut an­ders; bei je­dem Men­schen, in je­dem Mo­nat und an je­dem Tag.« (Yo­ko Ta­wa­da)

1

Phil­ip Roth hat das al­les kom­men se­hen, als er ge­gen En­de des 20. Jahr­hun­derts Der mensch­li­che Ma­kel schrieb. In die­sem Ro­man, dem drit­ten Teil sei­ner »ame­ri­ka­ni­schen Tri­lo­gie«, gibt sich ein jun­ger, re­la­tiv hell­häu­ti­ger Afro-Ame­ri­ka­ner na­mens Co­le­man Silk 1944 bei der US-Ar­mee als Wei­ßer aus und bleibt bis zum En­de sei­nes Le­bens bei die­ser Lü­ge. Im ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch be­zeich­net man ei­nen sol­chen Schritt, der in der Wirk­lich­keit gar nicht so sel­ten vor­kam, als pas­sing. Nach sei­nem Tod im Jahr 1998 be­merkt Co­lem­ans (dun­kel­häu­ti­ge­re) Schwe­ster im Ge­spräch mit dem Er­zäh­ler, daß En­de des 20. Jahr­hun­derts »kein in­tel­li­gen­ter Ne­ger aus der Mit­tel­schicht« die ras­si­sche Selbst­zu­ord­nung wech­seln wür­de. »Heu­te ist es nicht vor­teil­haft, so et­was zu tun, so wie es da­mals eben sehr wohl vor­teil­haft war.«

Wenn schon pas­sing , dann in die an­de­re Rich­tung. Aus Weiß mach Schwarz oder ei­ne an­de­re Far­be, war­um nicht Rot – das könn­te doch vor­teil­haft sein, wenn es dar­um geht, ein Uni­ver­si­täts­sti­pen­di­um oder Wäh­ler­stim­men zu be­kom­men. So mach­ten es die de­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ke­rin Eliza­beth War­ren, die be­haup­te­te, in­dia­ni­sche Vor­fah­ren zu ha­ben, oder die Hi­sto­ri­ke­rin Jes­si­ca Krug, die sich un­ter an­de­rem als Afro-Pu­er­to­ri­ka­ne­rin aus­gab, oder die Künst­le­rin und Po­li­tak­ti­vi­stin Ra­chel Do­le­zal, die mitt­ler­wei­le als Fri­sö­rin jobbt, nach­dem ihr Be­trug als »schwar­ze« Stu­den­tin an der tra­di­tio­nell afro-ame­ri­ka­ni­schen Howard Uni­ver­si­ty auf­ge­flo­gen war. Wenn man es als Be­trug auf­fas­sen will, denn Do­le­zal selbst meint, ras­si­sche Zu­ge­hö­rig­keit – den Ame­ri­ka­nern geht das Wort »race« leicht über die Lip­pen – sei kei­ne bio­lo­gi­sche Fra­ge, son­dern ei­ne der per­sön­li­chen Ent­schei­dung und der So­zia­li­sie­rung.

Do­le­zal ist üb­ri­gens jü­di­scher Her­kunft. In Eu­ro­pa, be­son­ders in Deutsch­land und Öster­reich, wur­den Ju­den aus ras­si­schen Grün­den ver­folgt und schließ­lich er­mor­det. In den USA gel­ten sie als »weiß«, und sie selbst se­hen sich wohl mei­stens auch so. Co­le­man Silk, der Held in Phil­ip Roths Ro­man, gibt sich nicht als ir­gend­ein Wei­ßer aus, son­dern als Ju­de. Und zu­fäl­lig hat auch er an der Howard Uni­ver­si­ty stu­diert, wenn­gleich nur ei­ne Wo­che lang, vor sei­nem Ein­tritt in die Na­vy. Er hielt den Ras­sis­mus im da­ma­li­gen Wa­shing­ton D. C. nicht aus und ent­zog sich dem bren­nen­den Wunsch sei­nes Va­ters, ei­nes »be­ken­nen­den« Schwar­zen, an die­ser Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wird Co­le­man auf pa­ra­do­xe Wei­se von sei­ner Her­kunft ein­ge­holt. Nach­dem er lan­ge Zeit De­kan ei­ner klei­ne­ren Uni­ver­si­tät ge­we­sen ist, wird ihm der Vor­wurf des Ras­sis­mus ge­macht, und dar­über ver­liert er sei­ne (jü­di­sche) Frau und sei­ne Stel­lung am Col­le­ge. Iro­nie des Schick­sals, Iro­nie der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schich­te. Der sy­ste­mi­sche An­ti­ras­sis­mus ist ras­si­stisch ge­wor­den und bringt ei­nen Mann mit afro-ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln zu Fall.

Who­opi Gold­berg, die dun­kel­häu­ti­ge Schau­spie­le­rin, ist nicht ras­si­stisch, sie ist nur et­was na­iv und viel­leicht, im Un­ter­schied zu Co­le­man Silk, nicht sehr ge­bil­det. Die Ver­fol­gung der Ju­den durch die Na­zis sei ein Pro­blem un­ter Wei­ßen ge­we­sen, sag­te sie An­fang 2022 in ih­rer TV-Show. Nun ja, vie­le Ju­den ha­ben ei­ne eher hel­le Haut­far­be – und für Gold­berg ist »Ras­se« gleich­be­deu­tend mit Haut­far­be. Ihr Fa­mi­li­en­na­me klingt deutsch-jü­disch, doch ih­re Vor­fah­ren, so­weit man et­was über sie weiß, wa­ren Afro-Ame­ri­ka­ner. Fünf Jah­re zu­vor ko­ket­tier­te sie in ei­nem In­ter­view mit ih­rem Jü­disch-Sein; sie spre­che oft zu Gott, sag­te sie, ließ aber of­fen, zu wel­chem.

2

Co­lem­ans Schwe­ster, die hier als Sprach­rohr des Au­tors fun­giert, ist Leh­re­rin, im Ge­spräch äu­ßert sie ne­ben­bei Zwei­fel am Sinn des Black Hi­sto­ry Mon­th . Die­se auf das Jahr 1926 zu­rück­ge­hen­de Ein­rich­tung, ur­sprüng­lich Black Ne­gro (!) Week , ist vor al­lem für die Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten von Be­deu­tung. Die Leh­re­rin hört von Schü­lern, sie wür­den in die­sem Mo­nat grund­sätz­lich nur ei­ne von Schwar­zen ver­faß­te Bio­gra­phie ei­nes Schwar­zen le­sen. Sie fragt dar­auf­hin, »wel­che Rol­le es spielt, ob der Ver­fas­ser schwarz oder weiß ist.« Of­fen­bar hält es die­se Frau mit dem Prin­zip der co­lor-blind­ness , das mehr und mehr in die De­fen­si­ve ge­rät. Im Um­gang mit an­de­ren soll­te man am be­sten gar nicht auf sei­ne Haut­far­be ach­ten: so hieß es frü­her im Sinn ei­nes mensch­heit­li­chen, hu­ma­ni­sti­schen Uni­ver­sa­lis­mus. Im On­line-Zeit­al­ter stellt die Uni­ver­si­ty of North Ca­ro­li­na ih­ren Stu­den­ten in ei­nem all­ge­mein ver­füg­ba­ren Un­ter­richts­mo­dul die Auf­ga­be, ei­ne po­si­ti­ve (!) Ant­wort auf die fol­gen­de Fra­ge zu for­mu­lie­ren: »Er­klä­ren Sie, war­um die Kon­zep­te von ‘co­lor-blind­ness’ und ‘Neu­tra­li­tät’ schäd­lich für an­ti­ras­si­sti­sche Ar­beit ein­schließ­lich der an­ti­ras­si­sti­schen Ar­beit in Buch­hand­lun­gen sind.« Die ent­spre­chen­de Ein­stel­lung scheint im aka­de­mi­schen Be­trieb der USA heu­te vor­herr­schend zu sein; ei­ne ge­gen­tei­li­ge Mei­nung ist nicht vor­ge­se­hen. Die se­pa­ra­ten Ab­schluß­fei­ern für un­ter­schied­li­che eth­ni­sche Grup­pen eben­so wie für ho­mo­se­xu­el­le Stu­den­ten und – wohl nur als Ali­bi – für sol­che aus ein­kom­mens­schwa­chen Grup­pen be­stä­ti­gen die­se Be­ob­ach­tung eben­so wie die Um­keh­rung des tra­di­tio­nel­len Ab­sence Day der Schwar­zen an ei­nem Col­le­ge: Wei­ße Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren sol­len an die­sem Tag dem Cam­pus fern­blei­ben. Als ein wei­ßer Bio­lo­gie-Pro­fes­sor na­mens Bret Wein­stein, der sich selbst als deeply pro­gres­si­ve, al­so po­li­tisch links, be­zeich­net, trotz­dem Un­ter­richt hal­ten woll­te, wur­de er von ei­ner et­wa fünf­zig­köp­fi­gen Grup­pe von Stu­den­ten um­zin­gelt und als Ras­sist be­schimpft. Der nun schon ei­ni­ge Jah­re zu­rück­lie­gen­de Vor­fall wur­de ge­filmt und war auf You­Tube zu se­hen. Will man sich selbst ein Bild ma­chen, stößt man auf ei­ne schwar­ze Flä­che mit der wei­ßen In­schrift, das Vi­deo ver­sto­ße ge­gen die You­Tube-Richt­li­ni­en zu Be­lä­sti­gung und Mob­bing. Als wür­de Zen­sur ir­gend­et­was bes­ser ma­chen… Der Pro­fes­sor ist üb­ri­gens jü­di­scher Ab­stam­mung.

John Mc­W­hor­ter, ein in Phil­adel­phia ge­bo­re­ner Lin­gu­ist dunk­ler Haut­far­be, wie man beim Goo­geln fest­stel­len kann, wies eben­falls schon an der Schwel­le zum 21. Jahr­hun­dert auf die Ten­denz vie­ler schwar­zer Grup­pen – »Com­mu­ni­tys« – und Per­sön­lich­kei­ten hin, ih­ren Op­fer­sta­tus her­vor­zu­keh­ren und zu ze­men­tie­ren, an­statt selbst an po­si­ti­ven Ver­än­de­run­gen zu ar­bei­ten, al­so qua­si vor der ei­ge­nen Haus­tür zu keh­ren. Ein Jahr­zehnt spä­ter zwei­fel­te auch er den Sinn des Black Hi­sto­ry Mon­th an. Die Lehr­bü­cher für Ge­schich­te wür­den die Skla­ve­rei in den USA mitt­ler­wei­le in sol­chem Um­fang be­han­deln, daß zu we­nig Platz blei­be für an­de­re Aspek­te der Ge­schich­te. Die Leh­rer wür­den sich so aus­führ­lich mit dem »in­sti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus« be­schäf­ti­gen, daß die Stu­den­ten kei­nen Schim­mer mehr be­kä­men von an­de­ren Din­gen wie et­wa dem Münch­ner Ab­kom­men. Mc­W­hor­ter ge­braucht in die­sem 2011 ver­öf­fent­lich­ten Ar­ti­kel das Wort wake­ful in po­si­ti­vem Sinn, lan­ge be­vor wo­ke zum Schlag­wort für ei­ne po­li­ti­sche Hal­tung wur­de, die al­lent­hal­ben in den Mi­kro­struk­tu­ren des All­tags rea­le oder ver­meint­li­che Un­ge­rech­tig­kei­ten auf­stö­bert und ei­ne po­li­tisch-mo­ra­lisch kor­rek­te Kul­tur samt zu­ge­hö­ri­gem Sprach­ge­brauch durch­zu­set­zen ver­sucht. Das letz­te, 2021 er­schie­ne­ne Buch Mc­W­horters trägt nun den Ti­tel Wo­ke Ra­cism: How a New Re­li­gi­on Has Be­tray­ed Black Ame­ri­ca , und es han­delt ge­nau da­von.

3

Eu­ro­pa ist nicht Ame­ri­ka, die eth­ni­sche Zu­sam­men­set­zung der Be­völ­ke­run­gen ist an­ders, die Ge­schich­te ist an­ders, die zeit­ge­nös­si­schen mi­gran­ti­schen Be­we­gun­gen sind an­de­re. Auch des­halb scheint es mir ver­fehlt, wenn Sharon Do­dua Otoo in ih­rer Re­de 2020 beim Bach­mann­preis-Wett­be­werb der­art auf Com­mu­ni­tys – laut Du­den gilt für das Fremd­wort der deut­sche Plu­ral – in­si­stiert und for­dert, sie durch den Groß­buch­sta­ben im Ad­jek­tiv »schwarz« kennt­lich zu ma­chen, um de­ren Be­deu­tung zu be­to­nen (was in ih­rem ei­ge­nen Text nicht gut funk­tio­niert, weil man das Ad­jek­tiv zu­nächst als No­men liest). Co­le­man Silk hat eben mit die­sen Com­mu­ni­tys sei­ne Pro­ble­me und be­tont sei­ne ei­ge­ne, in­di­vi­du­el­le Iden­ti­tät, er setzt sich vom Kol­lek­tiv ab, um sich als der ei­ne und ein­zi­ge zu ver­wirk­li­chen, der er ist und wer­den will. Rich­ten wir den Blick auf un­se­re täg­li­che Wirk­lich­keit im Jahr 2022: Wel­che Com­mu­ni­tys sol­len das sein, in Fest­lan­d­eu­ro­pa? Schwar­ze? Oder Tür­ki­sche? Kur­di­sche? Wol­len wir wirk­lich un­se­re Ge­sell­schaf­ten eth­ni­sie­ren? Wol­len wir Ras­sen­tren­nun­gen für Schul­ab­schluß­fei­ern ein­füh­ren? Wie im­mer man »Ras­se« de­fi­nie­ren will, ich ver­wen­de das Wort wi­der­wil­lig. In Frank­reich spre­chen an­ti­ras­si­sti­sche Ak­ti­vi­sten gern von ra­cis­és , von Leu­ten, die durch die bö­se Mehr­heits­ge­sell­schaft, al­so die sy­ste­misch »wei­ße« Ge­sell­schaft, erst in ei­ne ras­si­sche Schub­la­de ge­steckt wer­den, na­tür­lich zu ih­rem Nach­teil, da­mit sie bes­ser aus­ge­beu­tet wer­den kön­nen. Doch in­dem die­se Ak­ti­vi­sten stän­dig auf ihr »ras­si­sier­tes« Da­sein hin­wei­sen, be­stä­ti­gen sie die­ses nicht nur, sie be­stär­ken es auch. Mö­gen die Lip­pen­be­kennt­nis­se auch an­ders lau­ten, die Op­fer sol­len ih­ren Sta­tus be­hal­ten, denn sonst er­üb­rigt sich der an­ti­ras­si­sti­sche Ak­ti­vis­mus.

Im Sep­tem­ber 2021 be­kämpf­ten ein­an­der in ei­ner fran­zö­si­schen Klein­stadt Mit­glie­der der afri­ka­ni­schen und der kur­di­schen com­mu­n­au­té – auf deutsch: Com­mu­ni­ty – auf of­fe­ner Stra­ße, es gab Schwer­ver­letz­te. Aus­lö­ser war ein all­täg­li­cher Streit zwi­schen Klein­kin­dern auf ei­nem Spiel­platz ge­we­sen. Afri­ka­ni­sche Com­mu­ni­ty? Nord­afri­ka­ner, Ara­ber, Ka­by­len wa­ren an­schei­nend nicht da­bei. »Die Re­pu­blik an­er­kennt kei­ne Com­mu­ni­tys«, sag­te da­mals der Bür­ger­mei­ster. »Die Stadt kennt nur Stadt­bür­ger, die al­le gleich sind und al­le ver­ant­wort­lich für das, was sie tun. Ge­walt wird hier nicht to­le­riert.« Dem kann ein ver­nünf­tig den­ken­der Mensch nur zu­stim­men.

Frank­reich ist nicht Deutsch­land (oder Öster­reich oder die Schweiz). Frank­reich hat­te bis vor nicht gar so lan­ger Zeit afri­ka­ni­sche Ko­lo­nien, und die Nach­wir­kun­gen die­ser Ge­schich­te sind bis heu­te spür­bar, sie ha­ben Ein­fluß auf die Zu­sam­men­set­zung der Be­völ­ke­rung. Hier liegt ei­ner der Grün­de für die im Auf­schwung be­find­li­che, von Rechts­ex­tre­men ge­pfleg­te Theo­rie des grand rem­pla­ce­ment , die der in Öster­reich ei­ne Zeit­lang ver­brei­te­ten Theo­rie der Um­vol­kung ent­spricht, aber we­gen der fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­ge­schich­te an­de­re Ak­zen­te setzt. 2019 in­sze­nier­te der Hel­le­nist und Thea­ter­re­gis­seur Phil­ip­pe Bru­net im wun­der­schö­nen Am­phi­thea­ter der Sor­bon­ne Die Schutz­fle­hen­den von Aischy­los. Ei­ne Auf­füh­rung wur­de von selbst­er­nann­ten an­ti­ras­si­sti­schen Ak­ti­vi­sten ge­walt­sam ver­hin­dert, weil Schau­spie­le­rin­nen – die aus Ägyp­ten ge­flo­he­nen Da­na­iden – dunk­le Mas­ken tru­gen und ei­ni­ge Ge­sich­ter dun­kel be­malt wa­ren. »Black­face!«, schrien die wach­sa­men An­ti­ras­si­sten, nach­dem sie ir­gend­wo in den So­zia­len Me­di­en auf Fo­tos von den Auf­füh­run­gen ge­sto­ßen wa­ren. Ein Spre­cher des Dach­ver­bands schwar­zer Grup­pie­run­gen (»as­so­cia­ti­ons noi­res«) be­zich­tig­te die In­sze­nie­rung der afro­pho­ben, ko­lo­nia­li­sti­schen Pro­pa­gan­da.

We­nig­stens ein Teil der fran­zö­si­schen In­tel­lek­tu­el­len, dar­un­ter die Thea­ter­ma­che­rin Aria­ne Mnouch­ki­ne und die Schrift­stel­le­rin Hé­lè­ne Ci­xous, war dar­über er­schrocken und re­agier­te mit ei­ner öf­fent­li­chen Stel­lung­nah­me zu die­sem Vor­fall, in der die Blocka­de als iden­ti­tä­re Zen­sur be­zeich­net wird. Das Thea­ter, hieß es dar­in, sei seit sei­nen grie­chi­schen Ur­sprün­gen der Ort der Ver­wand­lung, der Me­ta­mor­pho­se – aber kein Rück­zugs­ort für Iden­ti­tä­ten. Wird es dem­nächst Au­to­da­fés ge­ben, fra­gen die Un­ter­zeich­ner, Ver­an­stal­tun­gen wie die Bü­cher­ver­bren­nun­gen der Na­zis? Muß man Shake­speares Othel­lo ver­ban­nen, die Ver­fil­mung (von 1951) ver­bren­nen, weil Or­son Wel­les dar­in als Othel­lo schwarz ge­schminkt war?

Phil­ip­pe Bru­net wies un­ter­des­sen auf die fun­da­men­ta­le Tat­sa­che hin, daß es die Auf­ga­be der Schau­spie­ler ist, ei­nen an­de­ren dar­zu­stel­len – mit oder oh­ne Mas­ke, mit oder oh­ne Schmin­ke. »Der Schau­spie­ler auf der Büh­ne spielt ei­ne an­de­re Per­son, und er tut es vor ei­ner Ver­samm­lung von Leu­ten, die das Spiel mit­spie­len und ihn für ei­nen an­de­ren hal­ten.« Ein Schwar­zer kön­ne von ei­nem Wei­ßen ge­spielt wer­den, und um­ge­kehrt, ein Wei­ßer von ei­nem Schwar­zen. Die­sel­ben Dis­kus­sio­nen sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf volks­kul­tu­rel­ler Ebe­ne in Bay­ern und Öster­reich auf­ge­taucht. Der Bi­schof von Bam­berg fühl­te sich un­längst be­mü­ßigt, das Schmin­ken von Mel­chi­or (oder war es Bal­tha­sar?), dem ei­nen der hei­li­gen drei Kö­ni­ge, fürs Stern­sin­gen zu ver­tei­di­gen – auf Face­book, wo sonst. Ver­tre­ter schwar­zer »Com­mu­ni­tys« hat­ten die­sen Brauch kri­ti­siert, und man­che ka­tho­li­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen ra­ten mitt­ler­wei­le da­von ab. Da­bei wird das beim Stern­sin­gen ge­sam­mel­te Geld oft für not­lei­den­de Kin­der in Afri­ka ge­spen­det. Aber das ist wohl die al­te christ­li­che Heu­che­lei...

Stö­run­gen, Blocka­den, Ab­set­zun­gen von kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen aus ideo­lo­gi­schen Grün­den sind mitt­ler­wei­le welt­weit zu be­ob­ach­ten. Das Ber­li­ner Staats­bal­lett setz­te vor Weih­nach­ten die tra­di­tio­nel­le Auf­füh­rung von Tschai­kow­skys Nuß­knacker nach ei­ner Cho­reo­gra­phie des 1910 ver­stor­be­nen Ma­ri­us Pe­ti­pa ab. Be­grün­dung: Der in dem Stück ent­hal­te­ne »chi­ne­si­sche Tanz« ent­hal­te Be­we­gun­gen, die al­ten Ste­reo­ty­pen über Chi­na ent­hiel­ten. Un­ter an­de­rem wur­den die Trip­pel­schrit­te von Tän­zern mo­niert. Nun spricht nichts da­ge­gen und vie­les da­für, al­te In­sze­nie­run­gen zu über­den­ken und sie wo­mög­lich durch neue zu er­set­zen. Be­denk­lich ist al­ler­dings die Be­flis­sen­heit, mit der über­all nach even­tu­el­lem, sei es auch »un­be­wuß­tem« Ras­sis­mus ge­stö­bert wird. Ganz oh­ne Ste­reo­ty­pe wer­den wir auch in ei­ner mo­ra­lisch pro­pe­ren Zu­kunft nicht le­ben kön­nen. Ei­ni­ges da­von ent­spricht nun mal rea­len Ge­ge­ben­hei­ten, und ganz oh­ne Ver­all­ge­mei­ne­rung gibt es über­haupt kein Den­ken, kein mensch­li­ches Emp­fin­den. Trip­pel­schrit­te se­he ich in mei­nem All­tag häu­fig, bei Ja­pa­nern und, in ge­rin­ge­rem Maß, Ja­pa­nern. Häu­fig drücken sie Dienst­fer­tig­keit aus, und die­ses Ver­hal­ten ist längst nicht Ge­schich­te, es ge­hört im­mer noch zur Se­mio­tik der Kör­per. Ein hi­sto­ri­scher Grund da­für sind die tra­di­tio­nel­len Klei­dungs­for­men: Der Ki­mo­no er­laubt kei­ne Spreiz­schrit­te.

Bei ei­ner Mo­de­schau der Fir­ma Chri­sti­an Di­or im No­vem­ber 2021 in Shang­hai wur­de ein chi­ne­si­sches Mo­del von ei­nem chi­ne­si­schen Mo­de­pho­to­gra­phen pho­to­gra­phiert. Ein da­bei ent­stan­de­nes Fo­to er­reg­te den Zorn ei­ni­ger an­ony­mer So­cial Me­dia-Teil­neh­mer und in der Fol­ge der Jour­na­li­sten vom Nach­rich­ten­dienst der staat­lich kon­trol­lier­ten Me­di­en­grup­pe Yi­cai. Man er­ei­fer­te sich, weil das Mo­del so ge­schminkt sei, daß das es mit sehr klei­nen Au­gen er­schei­ne und da­mit die al­ten eu­ro­päi­schen Ste­reo­ty­pe von der chi­ne­si­schen Frau wie­der­ho­le. »Jah­re­lang wur­den asia­ti­sche Frau­en aus west­li­cher Per­spek­ti­ve stets mit klei­nen Au­gen und Som­mer­spros­sen dar­ge­stellt, doch die chi­ne­si­sche Art, Kunst und Schön­heit zu schät­zen, kann da­durch nicht ver­zerrt wer­den«, hieß es in dem Ar­ti­kel. Was an der ziem­lich un­ge­wöhn­li­chen, in­di­vi­dua­li­sti­schen Er­schei­nung die­ses wohl von ei­nem Mas­ken­bild­ner be­ar­bei­te­ten Ge­sichts west­li­chen Ste­reo­ty­pen ent­spre­chen soll, ist für mich über­haupt nicht nach­voll­zieh­bar. An­de­rer­seits wirkt es auch nicht, nach ört­li­chen Stan­dards, »ty­pisch chi­ne­sisch«. Der chi­ne­si­sche Pho­to­graph ent­schul­dig­te sich um­ge­hend für das Fo­to; of­fen­sicht­lich möch­te Di­or kei­ne po­ten­ti­el­len Kun­den ver­grä­men und sich den chi­ne­si­schen Markt nicht ver­sper­ren. Was aber Ste­reo­ty­pe an­be­langt, so glau­be ich eher, daß die staats­treu­en Jour­na­li­sten pi­kiert wa­ren, weil die Dar­stel­lung je­nes Mo­dels nicht den Ste­reo­ty­pen ei­ner na­tio­na­len Weib­lich­keit ent­sprach. Die Yi­ca-Rü­ge ver­strömt den ideo­lo­gi­schen Ge­ruch, der einst die Re­den über die hel­den­haf­ten Re­prä­sen­tan­ten der Ar­bei­ter­klas­se kenn­zeich­ne­te. Der mitt­ler­wei­le ins bloß Na­tio­na­li­sti­sche um­pol­ten Ge­sin­nung un­ter­wer­fen sich west­li­che An­ti­ras­si­sten be­den­ken­los.

Bü­cher­ver­bren­nun­gen sind üb­ri­gens kei­ne blo­ßen Kas­san­dra-Phan­ta­sien, in Ka­na­da wur­de 2019 be­reits ei­ne durch­ge­führt – na­tür­lich gut ge­meint und öko­lo­gisch kor­rekt. Die Bü­cher aus ei­ner Bi­blio­thek für Schü­ler, von Bü­chern, die an­geb­lich ne­ga­tiv ty­pi­sie­ren­de Dar­stel­lun­gen von au­to­chtho­nen Men­schen ent­hiel­ten, soll­ten »Mut­ter Er­de zu­rück­ge­ge­ben wer­den«, mit ih­rer Asche ein neu ge­pflanz­tes Bäum­chen ge­düngt wer­den. Man brach­te es da­mals, 2019, nur auf drei­ßig Ex­em­pla­re, doch ei­ni­ge Tau­send wa­ren schon aus­ge­son­dert und zur Ent­sor­gung vor­ge­se­hen. Haupt­ver­ant­wort­lich für die Ak­ti­on war ei­ne Frau na­mens Su­zy Kies, Mit­glied der Li­be­ra­len Par­tei und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de, bis letz­tes Jahr auf­flog, daß die in­di­ge­nen Vor­fah­ren, von de­nen sie an­geb­lich ab­stamm­te, er­fun­den wa­ren. Kon­ver­ti­ten sind oft be­son­ders eif­rig, wenn es um Säu­be­run­gen geht.

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Nach ei­nem Sieg sei­ner Mann­schaft Man­che­ster United ge­gen den FC Sout­hamp­ton dank­te der uru­gu­ay­ische Fuß­ball­spie­ler Edin­son Ca­va­ni auf In­sta­gram ei­nem Freund mit den Wor­ten gra­ci­as ne­gri­to! So­gleich wur­den wach­sa­me An­ti­ras­si­sten auf das auf­merk­sam, was sie für ein Äqui­va­lent eng­li­schen N‑Worts hiel­ten. Mit dem Smart­pho­ne in der Hand ist doch je­der­mann po­ly­glott!? Dar­auf re­agier­te un­ter an­de­rem die ar­gen­ti­ni­sche Aca­de­mia de Le­tras , die über den ört­li­chen Sprach­ge­brauch wacht, mit dem Hin­weis, im Spa­ni­schen, wie es zu bei­den Sei­ten des Río de la Pla­ta, al­so auch in Uru­gu­ay, ge­spro­chen wird, ha­be das Wort »ne­gri­to« zärt­li­che Be­deu­tung. Die Klar­stel­lung wur­de zu­min­dest in der his­pa­ni­schen Welt mit ei­nem dan­ken­den Kopf­nicken ver­nom­men. Trotz­dem könn­te man wei­ter dis­ku­tie­ren: Ver­steckt sich in sol­chem Sprach­ge­brauch nicht doch ein un­be­wuß­ter volks­tüm­li­cher Ras­sis­mus? Schließ­lich be­deu­tet ne­gro (Par­don!) »Ne­ger« (noch­mals Par­don!). Aber eben auch »schwarz«, er­wi­de­re ich dar­auf, und eben­so »Schwar­zer«, weil fast al­le Haupt­wör­ter im Spa­ni­schen klein­ge­schrie­ben wer­den. Ne­gri­to –Ne­ger­lein? (Fra­ge­zei­chen.) Nein, na­tür­lich nicht! Ich weiß, und ei­gent­lich soll­ten es auch die An­ti­ras­si­sten be­den­ken, daß es auf den Kon­text, den Sprach­ge­brauch, die In­ten­ti­on an­kommt. Je­der auch nur ein we­nig Dunk­le, ob durch Haut- oder Haar­far­be, wird am Río de la Pla­ta häu­fig als ne­gro be­zeich­net, und manch­mal auch, aus rei­ner Freund­schaft, die Hel­le­ren.

In Der mensch­li­che Ma­kel über­setzt Dirk van Gun­ste­ren das ame­ri­ka­nisch-eng­li­sche Wort spook mit die­sem Aus­druck ins Deut­sche: »dunk­le Ge­stal­ten«. Er er­läu­tert sei­ne Ent­schei­dung in ei­ner eben­so in­ter­es­san­ten wie über­zeu­gen­denn Vor­be­mer­kung. Co­le­man Silk hat­te zwei dau­ernd ab­we­sen­de Stu­den­ten als spooks be­zeich­net; er­ste Wort­be­deu­tung von spook : »Ge­spenst«, zwei­te Be­deu­tung: »Spi­on«. Frü­her hat­te man das Wort auch zur ab­wer­ten­den Be­zeich­nung von Schwar­zen ge­braucht. Co­le­man wird von Stu­den­ten und Leh­rern un­ter­stellt, er ha­be die bei­den afro-ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten da­mit ras­si­stisch be­lei­di­gen wol­len. Da sie im­mer ab­we­send wa­ren, wuß­te er al­ler­dings nicht, wel­che Haupt­far­be sie hat­ten. (Über­dies war er sei­ner Her­kunft nach selbst ein Afro-Ame­ri­ka­ner.) Der Vor­wurf an – oder bes­ser ge­sagt: die Ver­leum­dung Co­lem­ans, die über sein rest­li­ches Le­ben und über den gan­zen Ro­man, ge­wis­ser­ma­ßen ins 21. Jahr­hun­dert hin­ein, sei­nen Schat­ten wirft, be­dient sich ei­ner bös­wil­li­gen Ver­dre­hung des Wort­sinns.

Bei der ver­such­ten An­schwärzung Ca­va­nis han­delt es sich nicht um Durch­trie­ben­heit, son­dern um Dumm­heit. Oder, so mein Ver­dacht, es ste­hen Fans ei­nes ri­va­li­sie­ren­den Klubs, et­wa Man­che­ster Ci­ty, da­hin­ter. Ca­va­ni ent­schul­dig­te sich un­ver­züg­lich: »Soll­te ich da­mit je­man­den be­lei­digt ha­ben…« So­gar Phil­ip­pe Bru­net, ein­deu­tig das Op­fer von Ge­walt und Dro­hun­gen, hielt es für an­ge­bracht, sich im Po­ten­tia­lis zu ent­schul­di­gen. Al­le tun das mitt­ler­wei­le, man darf und will bloß nir­gend­wo an­ecken, nie­man­den ver­stö­ren. In ei­ner schwe­di­schen Stadt hör­ten Kin­der­gar­ten­kin­der in ei­ner öf­fent­li­chen Bi­blio­thek ei­ne al­te Hör­spiel­fas­sung von Pip­pi Lang­strumpf . Je­mand alar­mier­te die Po­li­zei, weil das Wort »Ne­ger­kö­nig« vor­kam, und die Po­li­zei zö­ger­te nicht, nach dem Rech­ten zu se­hen. Wenn zu­fäl­lig ein Schwar­zer das Wort hört, könn­te er sich doch be­lei­digt füh­len. Sy­ste­mi­scher Ras­sis­mus? Ich wür­de eher sa­gen: sy­ste­mi­scher An­ti­ras­sis­mus, prak­ti­ziert von der Po­li­zei. Prin­zi­pi­ell ei­ne gu­te Sa­che, aber man kann auch da über die Schnur hau­en. In der deut­schen Aus­ga­be von Pip­pi Lang­strumpf , die ich mei­ner Toch­ter oft vor­las, als sie klein war – wie ha­ben wir Pip­pi ge­liebt, und lie­ben sie im­mer noch! –, wur­de der frü­he­re »Ne­ger­kö­nig« durch ei­nen »Süd­see­kö­nig« er­setzt. Nun gut, Süd­see, weit weg, aben­teu­er­lich, kommt aufs sel­be hin­aus, wird man sich ge­dacht ha­ben. Der deut­sche Ver­lag ist brav vor­an­ge­gan­gen, der schwe­di­sche hat nach­ge­zo­gen und den ne­ger­kung im Ori­gi­nal aus­ge­merzt. Was wür­de Astrid Lind­gren zu die­ser Rück­über­set­zung, die­ser »Kor­rek­tur« ih­res Werks sa­gen?

Die­sel­be Be­hand­lung hat man Mark Twains Huck­le­ber­ry Finn an­ge­dei­hen las­sen. Dort be­zeich­net sich Hucks Freund Jim selbst als old nig­ger . Bei un­se­ren Kin­der­buch­lek­tü­ren stand auch in der Über­set­zung noch »Nig­ger« da. Vor gut zehn Jah­ren mo­kier­te sich der eng­li­sche Li­te­ra­tur­pro­fes­sor Pe­ter Mes­sent im Guar­di­an über die Säu­be­rung des Ro­mans vom N‑Wort, das 219 Mal dar­in vor­kommt, in ei­ner Neu­auf­la­ge. Ich fürch­te, heu­te wür­de der Guar­di­an ei­nen sol­chen Kom­men­tar nicht mehr ver­öf­fent­li­chen. Auch Mes­sent fühl­te sich be­mü­ßigt, die (po­ten­ti­el­len) Ge­füh­le der Schwar­zen zu be­den­ken: »One can ful­ly un­der­stand the fee­lings of an­ger and hu­mi­lia­ti­on that ma­ny Af­ri­can Ame­ri­can child­ren and par­ents feel at ha­ving such a word re­peated­ly spo­ken in the class­room.« Aber statt zu säu­bern, wä­re es nicht sinn­vol­ler, an­stel­le solch zwei­fel­haf­ter Em­pa­thie ein­fach die Ge­schich­te des Ras­sis­mus und des da­mit ver­bun­de­nen Sprach­ge­brauchs zu be­spre­chen? In der Sa­che selbst, der Sprach-Sa­che, hat­te der Pro­fes­sor kei­ne Zwei­fel: »To tam­per with the author’s words be­cau­se of the sen­si­bi­li­ties of pre­sent-day rea­ders is un­ac­cep­ta­ble.«

Der jüng­ste Fall von Zen­sur, der mir un­ter­ge­kom­men ist, be­trifft Nor­man Mai­ler. An­schei­nend hat man im Ver­lag Ran­dom Hou­se sei­nen Es­say The White Ne­gro aus ei­ner An­tho­lo­gie, in die er auf­ge­nom­men wer­den soll­te, wie­der ge­stri­chen, weil im Ti­tel das Wort ne­gro vor­kommt. In die­sem Text aus den fünf­zi­ger Jah­ren ver­sucht Mai­ler zu zei­gen, daß Schwar­ze aus der Un­ter­schicht nach ei­ner Mit­tel­klas­se-Exi­stenz stre­ben, die ge­wöhn­lich den Wei­ßen vor­be­hal­ten ist, wäh­rend wei­ße Beat­niks, Au­ßen­sei­ter, ame­ri­ka­ni­sche Exi­sten­tia­li­sten sich gleich­falls von ih­rer Her­kunft lö­sen und wie de­klas­sier­te Schwar­ze le­ben wol­len. Die­ses Kon­zept wur­de da­mals von schwar­zen Au­toren wie Ja­mes Bald­win kri­ti­siert, des Ras­sis­mus wur­de Mai­ler al­ler­dings nicht be­zich­tigt. Für den ge­dank­li­chen Ge­halt und ei­ne schlich­te Aus­ein­an­der­set­zung da­mit scheint sich im di­gi­ta­len Zeit­al­ter nie­mand mehr zu in­ter­es­sie­ren. Die Auf­merk­sam­keit bleibt bei Ti­teln und Schlag­zei­len hän­gen.

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Bei ei­ner An­hö­rung im US-Kon­greß sprach Ibram Ken­di über die un­glei­chen Aus­wir­kun­gen der Co­ro­na-Pan­de­mie bei den ver­schie­de­nen eth­ni­schen Grup­pen des Lan­des. Er stell­te sich mit fol­gen­den Wor­ten vor: »Mein Na­me ist Dr. Ibram X. Ken­di. Ich bin ein Hi­sto­ri­ker mit dem For­schungs­schwer­punkt auf Ras­sis­mus und An­ti­ras­sis­mus, Au­tor von vier Best­sel­lern und Ge­win­ner des Na­tio­nal Book Award.« Ich weiß nicht, ob es in den USA üb­lich ist, zu­erst ein­mal sei­ne groß­ar­ti­gen Lei­stun­gen zur Schau zu stel­len, möch­te aber nicht ver­schwei­gen, daß ich über ei­ne sol­che Ein­lei­tung zur Re­de über ein ern­stes The­ma er­staunt war. Ken­di wies dar­auf hin, daß Schwar­ze, Asia­ten und La­ti­nos häu­fi­ger an Co­vid-19 er­krank­ten als Wei­ße und daß be­son­ders die Zahl der nach ei­ner In­fek­ti­on Ver­stor­be­nen viel hö­her sei. Man müs­se da­nach fra­gen, war­um die­se Grup­pen weit­aus we­ni­ger als an­de­re Te­le­ar­beit mach­ten, war­um mehr von ih­nen kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung hät­ten, war­um we­ni­ger von ih­nen in un­ver­schmutz­ten (»un­pol­luted«) Wohn­ge­gen­den leb­ten. Ken­dis Ant­wort war kurz und bün­dig: Schuld ist ras­si­sti­sche Po­li­tik (»ra­cist po­li­cy«). Ei­ne rhe­to­ri­sche Ant­wort auf rhe­to­ri­sche Fra­gen.

Daß ins­be­son­de­re die Schwar­zen öf­ter als die Wei­ßen un­ter schlech­ten so­zia­len Be­din­gun­gen le­ben, ist be­kannt. Die Grün­de sind kom­plex, die Vor­ge­schich­te die­ser Si­tua­ti­on ist lang. Wer kei­nen Zu­gang zu me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung hat, wird eher an Co­vid-19 er­kran­ken als je­mand, der sich das be­ste Spi­tal lei­sten kann; wer in be­eng­ten Wohn­ver­hält­nis­sen lebt, wird leich­ter an­ge­steckt. Im Hand­um­dre­hen wird sich da kei­ne Ab­hil­fe schaf­fen las­sen. Ich ha­be mir die von Ken­di ge­nann­ten Sta­ti­sti­ken an­ge­se­hen. Im März 2021 war die To­des­ra­te bei Schwar­zen bzw. Afro-Ame­ri­ka­nern am höch­sten, ge­folgt von den In­dia­nern (»Ame­ri­can In­dia­ns«), den La­ti­nos, den au­to­chtho­nen Ha­wai­i­ern. Die Asia­ten sind deut­lich we­ni­ger stark be­trof­fen als die Wei­ßen. War­um? Ich weiß es nicht; da ich aber in ei­nem ost­asia­ti­schen Land le­be, weiß ich wohl, daß der Um­gang der Be­völ­ke­rung mit der Co­vid-Ge­fahr ein an­de­rer ist als et­wa in Eu­ro­pa und ge­wiß auch bei den mei­sten eth­ni­schen Grup­pen in den USA. So­zia­le Di­stanz muß man in Ja­pan (und Süd­ko­rea, Chi­na) nicht erst ein­üben, und den Na­sen-Mund-Schutz tra­gen fast al­le un­auf­ge­for­dert und vie­le durch­aus gern.

John Mc­W­hor­ter schrieb schon im Jahr 2000, ge­wis­se Com­mu­ni­tys wür­den aus ih­rem Op­fer­da­sein ei­ne Iden­ti­tät ma­chen, an­statt sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, es als ein Pro­blem zu se­hen, das nach Über­win­dung ver­langt. In Phil­ip Roths Ro­man tut Co­le­man dies auf sei­ne in­di­vi­dua­li­sti­sche Wei­se, er ent­zieht sich der Ver­dam­mung zu ei­ner be­nach­tei­lig­ten Ras­se. Sein Bru­der Wal­ter da­ge­gen steht zu sei­ner Her­kunft und en­ga­giert sich po­li­tisch, Co­le­man kann er sei­ne Flucht nicht ver­zei­hen, und ra­tio­nal be­trach­tet hat er si­cher recht, denn schließ­lich steht den mei­sten Schwar­zen die­se Mög­lich­keit gar nicht of­fen. Auch Wal­ter hat sei­nen Weg ge­macht. Wahr­schein­lich wür­de er Mc­W­hor­ter zu­stim­men: Es ge­nügt nicht, sich als Op­fer zu ge­rie­ren, viel­mehr geht es dar­um, aus dem Ge­ge­be­nen et­was Bes­se­res zu ma­chen und sich nicht un­ter­krie­gen zu las­sen. Nicht durch po­si­ti­ve Dis­kri­mi­nie­rung, son­dern zum Bei­spiel durch Bil­dung. Tat­säch­lich hat sich die La­ge der Schwar­zen in den USA seit Co­lem­ans Ju­gend in den vier­zi­ger Jah­ren oder auch im Ver­gleich zu den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren, in de­nen der Film Green Book spielt, deut­lich ge­bes­sert, wie sich auch die La­ge der Frau­en ge­bes­sert hat. Bei al­ler be­rech­tig­ten Kri­tik an fort­be­stehen­dem Ras­sis­mus und Se­xis­mus soll­te das nicht ver­ges­sen wer­den.

Manch­mal hat man den Ein­druck, der heu­ti­ge An­ti­ras­sis­mus wür­de den Op­fer­sta­tus die­ser Grup­pen für im­mer fest­schrei­ben wol­len, wäh­rend die Wei­ßen ih­rem Ras­sis­mus nie­mals wer­den ent­kom­men könn­ten. Was für die an­ti­ras­si­sti­sche Com­mu­ni­ty in den USA oder in Frank­reich gilt, gilt mu­ta­tis mu­tan­dis auch für afri­ka­ni­sche Län­der (bzw. de­ren Re­prä­sen­tan­ten), et­wa Al­ge­ri­en, die ih­re haus­ge­mach­ten Pro­ble­me dem nun schon mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert zu­rück­lie­gen­den Ko­lo­nia­lis­mus der Ver­gan­gen­heit auf­hal­sen. Sie len­ken von ih­ren ei­ge­nen Ver­feh­lun­gen und Wi­der­sprü­chen ab. Bei den Theo­re­ti­kern und An­hän­ger des so­ge­nann­ten Post­ko­lo­nia­lis­mus hat man oft den Ein­druck, sie wür­den die Mög­lich­keit ei­ner tat­säch­li­chen Über­win­dung des Ko­lo­nia­lis­mus gar nicht ernst­haft in Be­tracht zie­hen.

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Wer ist ei­gent­lich schwarz? Und wer ist weiß? In den USA war lan­ge Zeit die Trop­fen-Re­gel gang und gä­be. Klingt lä­cher­lich, ins Deut­sche trans­po­niert, ist aber ernst ge­meint. Ein ein­zi­ger Trop­fen Blut ei­nes Schwar­zen macht ei­nen Wei­ßen – oder Gel­ben usw. – zu ei­nem Schwar­zen. War­um ei­gent­lich nicht um­ge­kehrt? Und was heißt das, ein Trop­fen? Wenn die Ein­mi­schung »frem­den« Bluts Jahr­hun­der­te zu­rück­liegt, wie soll man sie be­wei­sen? Am En­de kann dann doch je­der be­haup­ten, was er will, Eliza­beth War­ren, Jes­si­ca Krug, Co­le­man Silk, sie sind, was sie ent­schie­den ha­ben, zu sein. Es gibt dann auch kei­ne Lü­gen mehr, und viel­leicht ist das bes­ser so. Al­ler­dings wer­den da­mit auch all die Pro­gram­me po­si­ti­ver Dis­kri­mi­nie­rung, der Be­vor­zu­gung von Schwar­zen, In­dia­nern, Frau­en, frag­wür­dig. Der Dich­ter Langston Hug­hes, der das Wort Ne­gro ganz selbst­ver­ständ­lich und mit gro­ßem An­fangs­buch­sta­ben ge­brauch­te (black mit klei­nem B), schrieb 1940 in sei­ner Au­to­bio­gra­phie: »You see, un­for­tu­n­a­te­ly, I am not black. The­re are lots of dif­fe­rent kinds of blood in our fa­mi­ly. But he­re in the United Sta­tes, the word ‘Ne­gro’ is used to me­an an­yo­ne who has any Ne­gro blood at all in his veins. In Af­ri­ca, the word is mo­re pu­re. It me­ans all Ne­gro, the­re­fo­re black. I am brown.«

Al­so braun. Wie spä­ter Mu­ham­mad Ali ali­as Cas­si­us Clay, der ein paar iri­sche und eng­li­sche Vor­fah­ren hat­te, ei­ni­ge wei­ße Trop­fen im schwar­zen Blut. Braun, wie vie­le an­de­re US-Bür­ger, und noch mehr Men­schen in Bra­si­li­en. 1925 er­schien in Me­xi­ko ei­ne Schrift mit dem Ti­tel La ra­za cós­mi­ca . Ihr Ver­fas­ser, der Schrift­stel­ler und Päd­ago­ge Jo­sé Vascon­ce­los, träum­te von ei­ner Mensch­heit, in der es nur noch Mi­schun­gen gä­be und kei­ne ein­zel­ne Ras­se be­vor­zugt wer­den könn­te. Me­xi­ko, das vor Ko­lum­bus und Cor­tés viel zahl­rei­cher be­völ­kert war als der Bo­den der heu­ti­gen USA, kommt die­ser Vi­si­on recht na­he. Vascon­ce­los woll­te Mi­schun­gen nicht ver­hin­dern, son­dern för­dern. Die Iden­ti­täts­po­li­tik der wach­sa­men An­ti­ras­si­sten müß­te kon­se­quen­ter­wei­se in die an­de­re Rich­tung wir­ken: Bloß kein frem­des Blut in un­se­rer Com­mu­ni­ty, sonst könn­te die Iden­ti­tät noch in Fra­ge ge­stellt wer­den.

Auf ei­ner Rei­se in den Nor­den Bra­si­li­ens fiel mir bei Streif­zü­gen durch die Stadt Sal­va­dor auf, daß zwar das Gros der Ein­woh­ner dun­kel­häu­tig war, vie­le auch schwarz, in den Ban­ken hin­ter den Schal­tern aber nur wei­ße Ge­sich­ter. Sy­ste­mi­scher Ras­sis­mus? Schon mög­lich. Das war um 1990, viel­leicht hat es sich in­zwi­schen ge­än­dert. Wenn die Ver­mi­schung wei­ter vor­an­schrei­tet, und es spricht vie­les da­für, daß dies der Fall ist, wird sich die Iden­ti­täts­po­li­tik ei­nes Ta­ges er­üb­ri­gen. In ih­rer heu­ti­gen Aus­prä­gung ist sie durch die Er­fah­run­gen, die de­mo­gra­phi­sche Struk­tur und die Ge­schich­te der USA ge­prägt. In an­de­ren Län­dern sieht das al­les ganz an­ders aus. Ei­ni­ge sind auf dem Weg zur kos­mi­schen Ras­se, an­de­re im­mer noch ziem­lich »rein­ras­sig«. Zum Bei­spiel Ja­pan: Zwar gibt es weit zu­rück­rei­chen­de kul­tu­rel­le, in ge­rin­ge­rem Maß auch eth­ni­sche Ein­flüs­se, aber die­se las­sen sich leich­ter ver­leug­nen, weil sie aus dem ost­asia­ti­schen Raum kom­men und die Nei­gung zur Ver­mi­schung in der Be­völ­ke­rung ge­ring ist. Doch so­gar in die­sem kon­ser­va­ti­ven, durch­aus »iden­ti­tä­ren«, sich seit je­her ab­schlie­ßen­den Land ge­hen Än­de­run­gen vor sich.

Ein Bei­spiel: Nao­mi Osa­ka, die Ten­nis­spie­le­rin. Ihr Va­ter stammt aus Hai­ti, al­so aus der Ka­ri­bik, und Nao­mi wuchs in den USA auf, doch ih­re Fa­mi­lie be­kennt sich zur hai­tia­nisch-ja­pa­ni­schen Mi­schung und zum Ge­burts­ort der Kin­der. An­de­res Bei­spiel: Die bei­den Mäd­chen, die mir oft auf dem Weg zur Ar­beit ent­ge­gen­kom­men. Sie fah­ren ge­mein­sam auf dem Fahr­rad zur Schu­le, die ei­ne ja­pa­nisch-weiß (oder muß ich sa­gen »gelb«?), die an­de­re tief­schwarz, ver­mut­lich aus Afri­ka stam­mend. Ein trau­tes Paar, bei­de un­ver­mischt, aber ne­ben­ein­an­der. Lang­sam wird so­gar Ja­pan der kos­mi­schen Vi­si­on Vascon­ce­los’ ent­ge­gen­ge­hen.

Noch ein Bei­spiel: Mei­ne Toch­ter, fast hät­te ich sie ver­ges­sen. Von Far­ben möch­te ich da lie­ber nicht re­den, auch nicht von »Ras­se«. In­zwi­schen ein Teen­ager, be­kennt sie sich zu bei­den Erb­tei­len, dem ja­pa­ni­schen und dem öster­rei­chi­schen. Sie be­sitzt bei­de Staats­bür­ger­schaf­ten, ei­nes Ta­ges muß sie sich ent­schei­den, für den ei­nen oder den an­de­ren Paß. Aber ein Rei­se­paß ist letzt­lich nur Pa­pier – mit schwar­zem Fin­ger­ab­druck, da­mit der Ein­zel­ne wirk­lich un­ver­wech­sel­bar ist.

Seit ich in Ja­pan le­be, fällt mir im­mer wie­der ein Ty­pus mit dunk­ler Haut auf, manch­mal so bron­ze­far­ben oder gar dun­kel­braun, daß man sie mit Afro-Ame­ri­ka­nern, Bra­si­lia­nern oder auch Me­xi­ka­nern ver­wech­seln könn­te. Ich ha­be ei­ni­ges zu die­sem The­ma ge­le­sen und zu­wei­len im spon­ta­nen Ge­spräch Ein­hei­mi­sche da­nach ge­fragt. Ei­ne be­frie­di­gen­de Ant­wort auf die Fra­ge, war­um ein Volk, das sich – vor al­lem die Frau­en – so viel auf sei­ne hel­le Haut zu­gu­te­tut, ein ge­wis­ser Pro­zent­satz »schwarz« ist, ha­be ich nie ge­hört. In der ja­pa­ni­schen Prä­hi­sto­rie, als es wahr­schein­lich ei­ne Land­ver­bin­dung zu Fest­land­a­si­en gab, sind Be­völ­ke­run­gen aus ver­schie­de­nen Welt­ge­gen­den zu­ge­wan­dert, auch aus Nord- und so­gar Süd­ame­ri­ka. Die ja­pa­ni­sche »Ras­se« ist al­so in hi­sto­ri­scher Zeit nie­mals rein ge­we­sen.

Was das Weiß­heits­ide­al be­trifft, so gab es in un­se­ren Ta­gen nur ei­ne sehr mar­gi­na­le Ge­gen­be­we­gung wäh­rend der ver­rück­ten neun­zi­ger Jah­re, als sich ge­wis­se Mäd­chen in So­la­ri­en bräu­nen lie­ßen (heu­te wird man in ganz Ja­pan kein So­la­ri­um fin­den). Die ein­zi­ge mir sy­ste­ma­ti­sche Stu­die über die so­zia­le Wahr­neh­mung der Haut­far­be ver­öf­fent­lich­te ein ja­pa­ni­scher Psy­cho­lo­ge Mit­te der sech­zi­ger Jah­re. Der gu­te Mann sprach von der »kau­ka­si­schen Ras­se« – der Be­griff ist heu­te nur noch auf Por­no­sei­ten an­zu­tref­fen –, gab ei­nen hi­sto­ri­schen Über­blick bis zu­rück in die Na­ra-Zeit (8. Jahr­hun­dert) und be­frag­te vie­le Lands­leu­te, dar­un­ter sol­che, die lan­ge Zeit in den USA leb­ten, zum The­ma. Die Tat­sa­che, daß nicht we­ni­ge Ja­pa­ner dun­kel­häu­tig sind, er­wähn­te er mit kei­nem Wort; wenn, dann wa­ren sie von der Feld­ar­beit son­nen­ge­bräunt und nied­ri­ger so­zia­ler Her­kunft. Of­fen­bar ist das »den Ja­pa­nern« pein­lich.

Die mei­sten der vom Pro­fes­sor Be­frag­ten be­kann­ten sich zur Hell­häu­tig­keit, we­ni­ge be­zeich­ne­ten sich als »gelb« (was sich nicht mit mei­nen Lek­tü­ren und Er­fah­run­gen deckt). Ei­ner der be­frag­ten US-Ja­pa­ner mein­te: »Als ich nach Me­xi­ko rei­ste, wa­ren die mei­sten Frau­en nicht weiß­häu­tig wie die Ame­ri­ka­ne­rin­nen. Bei ih­rem An­blick fühl­te ich mich schon eher zu Hau­se.« Der Schrift­stel­ler Shu­s­a­ku En­do, der spä­ter mit ei­nem Ro­man über die ja­pa­ni­schen Chri­sten­ver­fol­gun­gen im 17. Jahr­hun­dert be­rühmt wur­de, leb­te als jun­ger Mann wäh­rend der Blü­te­zeit des Exi­sten­zia­lis­mus in Pa­ris und ver­lieb­te sich in ei­ne hell­häu­ti­ge Fran­zö­sin. Als bei­de die Hül­len fal­len lie­ßen, war er schockiert. Sei­ne Schluß­fol­ge­rung: »Klas­sen­kon­flik­te kön­nen be­sei­tigt wer­den, doch die Haut­far­be wird ewig blei­ben. Ich wer­de ewig ein Gel­ber sein und sie ei­ne Wei­ße.« Ge­nau so re­den heu­te die po­li­tisch kor­rek­ten An­ti­ras­si­sten.

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Bei der Amts­ein­füh­rung des US-Prä­si­den­ten Joe Bi­den re­zi­tier­te ei­ne Ly­ri­ke­rin ein Ge­dicht, de­ren Na­men bis da­hin nur In­si­der kann­ten: Aman­da Gor­man. Ih­re ins Au­ge ste­chen­den Ei­gen­schaf­ten: jung, schwarz, weib­lich, hübsch, Turm­fri­sur, knall­gel­bes, ele­gan­tes Ko­stüm, gelb-grün fun­keln­der, wirk­lich sehr schö­ner Fin­ger­ring (mit Blu­men und zwit­schern­dem Vög­lein), den ihr die be­rühm­te Fern­seh­mo­de­ra­to­rin Oprah Win­frey zu die­sem An­laß ge­schenkt hat­te. Paßt per­fekt! Wi­ki­pe­dia be­zeich­net Gor­man als po­et and ac­ti­vist , wo­bei für die Ein­la­dung zur Amts­ein­füh­rung die zwei­te Ei­gen­schaft aus­schlag­ge­bend ge­we­sen sein dürf­te. Das Lang­ge­dicht ist ge­stelzt, pro­gres­siv und bie­der, es sieht sich in der Tra­di­ti­on von Walt Whit­man, schwa­dro­niert und reimt in der Art von Rap­pern, par­don, Rap­pe­rin­nen.

In Eu­ro­pa ent­brann­te ei­ne Dis­kus­si­on dar­über, wer so ein Po­em über­set­zen dür­fe – und wer nicht. In den Nie­der­lan­den war ei­ne ver­dien­te, aber weiß­häu­ti­ge Frau da­für aus­er­ko­ren wor­den, und prompt weck­te die Ent­schei­dung Kri­tik, zu­nächst in den em­pö­rungs­freu­di­gen So­zia­len Me­di­en, dann von Jour­na­li­sten, dann auch von der afro-deut­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin (und Ak­ti­vi­stin) Ma­ri­on Kraft, die in ih­rer lan­gen Kar­rie­re auch ein we­nig über­setzt hat. In ei­ner wei­ßen Mehr­heits­ge­sell­schaft kön­ne sich ei­ne wei­ße Über­set­ze­rin – von Über­set­zern, männ­lich, war so­wie­so nicht die Re­de – nicht wirk­lich in die Er­fah­rungs­welt ei­ner schwar­zen Au­torin ein­füh­len. Und na­tür­lich wur­de wie­der ein­mal die Ge­fahr, »an ei­ni­gen Punk­ten für ei­nen Teil der Le­ser­schaft ver­let­zend zu sein«, her­auf­be­schwo­ren, gro­tesk vor­sich­tig for­mu­liert, man will ja den Über­set­zern, sei­en sie auch weiß, nicht zu na­he tre­ten.

Nun gut, viel­leicht soll­te man wirk­lich ei­ne schwar­ze Über­set­ze­rin her­an­zie­hen – wenn es ei­ne gibt, die da­für qua­li­fi­ziert ist. Es zeig­te sich, daß es im deut­schen Sprach­raum nicht vie­le gibt. Und wenn man sich vor­stellt, das­sel­be Ge­dicht ins Is­län­di­sche, Mon­go­li­sche oder Ja­pa­ni­sche über­setzt – wo soll man da die eth­nisch pas­sen­de Per­son her­neh­men? Stel­len wir uns um­ge­kehrt vor, ei­ne schwar­ze Über­set­ze­rin über­setzt ei­nen wei­ßen Au­tor, sa­gen wir: aus dem Eng­li­schen ins Deut­sche, und wei­ße Kri­ti­ker wen­den ein, sie kön­ne sich nie­mals in die Haut ei­nes männ­li­chen Wei­ßen ver­set­zen – wür­de dann nicht so­fort »Ras­sis­mus!« ge­schrien wer­den? Sol­che Ein­wän­de, ganz gleich, von wel­cher Sei­te sie kom­men, sind ideo­lo­gisch mo­ti­vier­ter Un­sinn, denn es geht beim Über­set­zen wie bei der Li­te­ra­tur selbst eben ge­nau dar­um: Ein­füh­lung zu prak­ti­zie­ren, Em­pa­thie, ein an­de­rer zu wer­den, wenn auch nur für ei­nen be­grenz­ten Zeit­raum, mit dem kon­kre­ten Ziel, ein Äqui­va­lent in der ei­ge­nen Spra­che her­zu­stel­len. Män­ner kön­nen Frau­en über­set­zen und um­ge­kehrt, Al­te kön­nen Jun­ge über­set­zen und um­ge­kehrt, und na­tür­lich auch Wei­ße Schwar­ze, Gel­be Wei­ße und so wei­ter. Wenn man an die­ser Mög­lich­keit zwei­felt, zwei­felt man an der Mög­lich­keit des Über­set­zens an sich. Jor­ge Lu­is Bor­ges, ein wei­ßer Ar­gen­ti­ni­er, der auf die Trop­fen eng­li­schen Bluts, die in sei­nen Adern flos­sen, stolz war, spiel­te die­se Un­mög­lich­keit in sei­ner Er­zäh­lung Pierre Men­ard, Au­tor des Don Qui­jo­te durch. Die Er­zäh­lung ist ei­ne Gro­tes­ke, Bor­ges macht sich letz­ten En­des über die Skru­pel des Über­set­zers lu­stig. Wenn er sich nicht in die Haut des an­de­ren ver­set­zen kann, dann soll er es lie­ber blei­ben las­sen! Wenn ich mich nicht in das, was mir ei­ne Schwar­ze zu sa­gen hat, ein­füh­len kann, dann bin ich zum Über­set­zen nicht ge­eig­net. Im Fall des Pierre Men­ard kommt zum kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Ab­stand noch der zeit­li­che hin­zu: vom 16., 17. Jahr­hun­dert ins zwan­zig­ste! Wie kön­nen wir über­haupt et­was ver­ste­hen, was nicht wir selbst sind? Doch, wir kön­nen! Wir müs­sen den Ab­stand über­win­den, müs­sen Brücken schla­gen. Ge­nau dar­in be­steht die Tä­tig­keit des Au­tors, der Fi­gu­ren schafft (und nicht nur von sich selbst re­det), des Le­sers, der mit ih­nen mit­geht, und dar­in be­steht auch die Auf­ga­be des Über­set­zers, der letzt­lich ein ge­nau­er, kom­pe­ten­ter, krea­ti­ver Le­ser des Ori­gi­nals ist.

Ich bin mir nicht ein­mal so si­cher, daß Aman­da Gor­man in ih­rem Amts­ein­füh­rungs­ge­dicht von ei­ge­nen Er­fah­run­gen spricht. Eher scheint mir, daß sie auf Über­zeu­gun­gen, Ideo­lo­ge­me, hi­sto­ri­sche Ver­satz­stücke zu­rück­greift. The Hill We Climb ist ein ideo­lo­gi­sches Ge­dicht von mä­ßi­ger li­te­ra­ri­scher Kühn­heit. Für die­se paar Sei­ten hät­te der nord­deut­sche Ver­lag nicht un­be­dingt drei Über­set­ze­rin­nen – kei­ne Schwar­zen, aber mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund – ge­braucht. Eher wird hier ei­ne ganz an­de­re Faust­re­gel gel­ten: Vie­le Kö­chin­nen ver­der­ben den Brei. Je­den­falls dann, wenn man an­nimmt, daß es sich um Ly­rik mit per­sön­li­chem Ton­fall han­delt, für die man ein eben­so per­sön­li­ches Äqui­va­lent in deut­scher Spra­che zu fin­den hat. Aber viel­leicht trifft die­se An­nah­me gar nicht zu.

Die Dich­te­rin selbst wur­de durch ih­ren Auf­tritt schlag­ar­tig welt­be­rühmt. Sie un­ter­schrieb kurz da­nach ei­nen Ver­trag bei ei­ner be­rühm­ten Mo­del-Agen­tur und war auf dem Ti­tel­bild der Mo­de­zeit­schrift Vogue zu se­hen. Al­le die­se An­ga­ben ent­neh­me ich dem ihr ge­wid­me­ten Ar­ti­kel in Wi­ki­pe­dia, wo mehr von den Be­gleit­um­stän­den als von ih­rer Dich­tung die Re­de ist – was dem The­ma ver­mut­lich ge­recht wird.

Zum er­sten Jah­res­tag der Amts­ein­füh­rung und ih­res ei­ge­nen Auf­tritts ver­öf­fent­lich­te Gor­man ei­ne poe­ti­sche Re­de in der New York Times. Sie knüpft naht­los an je­nes Ge­dicht an, schreibt es wei­ter. Gor­man prüft dar­in auf recht ab­strak­te Wei­se, ob in die­sem Jahr et­was wei­ter­ge­gan­gen ist oder nicht. Viel­leicht nicht so viel wie er­hofft, aber ein biß­chen doch, das ist der Ton­fall. Wir kön­nen Joe Bi­den wei­ter­hin ver­trau­en, läßt sie das Pu­bli­kum wis­sen. Stab­rei­me in der Re­de, das swingt. Even as we’ve grie­ved, we‘ve grown . Darf ich als Wei­ßer mir er­lau­ben, das Sätz­chen zu über­set­zen? »Ob­wohl wir uns gräm­ten, sind wir doch ge­wach­sen.« Voi­là .

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Kön­nen Schwar­ze Blu­men ma­len?, hat­te Sharon Otoo in ih­rer Re­de ge­fragt. Nimmt man die Fra­ge ernst, kann die Ant­wort nur lau­ten: Na­tür­lich kön­nen sie das! Ge­nau­so wie sie Blu­men be­schrei­ben kön­nen, oder phan­ta­sti­sche Blu­men er­fin­den. Blu­men des Traums, Blu­men der Phan­ta­sie. Blaue Blu­men wie die des Hein­rich von Of­ter­din­gen. Oder grü­ne, gel­be.

Rei­ne Far­ben? Ja, und noch lie­ber ge­misch­te.

Aber schwar­ze Blu­men, die kön­nen nicht ma­len. Nicht ein­mal blaue kön­nen das. Es sei denn im Traum, wie bei No­va­lis. Da be­ginnt dann erst die Ver­wand­lung, die blaue Blu­me be­wegt sich, die Blät­ter schmie­gen sich an den Stän­gel, die Blü­ten­blät­ter wer­den zum Kra­gen, dar­in schwebt ein zar­tes Ge­sicht…

Die Li­te­ra­tur ist nicht schwarz oder weiß, son­dern ro­man­tisch.

Ein Aus­zug die­ses Tex­tes er­schien am 04. Ju­ni in der »Wie­ner Zei­tung« un­ter dem Ti­tel »Farb­wech­sel, um­ge­kehrt«.

© Leo­pold Fe­der­mair

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Satz: »Der sy­ste­mi­sche An­ti­ras­sis­mus ist ras­si­stisch ge­wor­den...« er­in­ner­te mich an fol­gen­den Witz, den wir uns schon vor vier­zig Jah­ren in der DDR er­zähl­ten:

    In ei­nem (Schul-)Bus in [Land*] herrscht ein Rie­sen­ge­drän­ge. Schwar­ze und Wei­ße strei­ten sich um die letz­ten Sitz­plät­ze. Die Wei­ßen be­har­ren dar­auf, sich set­zen zu dür­fen. Da es im­mer lau­ter wird, platzt dem Bus­fah­rer der Kra­gen und er schreit: »Al­le aus­stei­gen, aber so­fort!«
    Als al­le aus­ge­stie­gen sind, sagt er: »Ich hab die Na­se voll von schwarz und weiß!
    Von nun an seid ihr al­le grün! So, und jetzt al­le wie­der ein­stei­gen – die Hell­grü­nen nach vor­ne und die Dun­kel­grü­nen nach hin­ten!«

    [* Ich weiß nicht mehr, ob der Witz in Süd­afri­ka oder USA »spielt«.]

    *****************************************************************
    Und noch ei­ne klei­ne Eng­füh­rung:
    »Mei­ne Toch­ter ... [i]nzwischen ein Teen­ager, be­kennt sie sich zu bei­den Erb­tei­len, dem ja­pa­ni­schen und dem öster­rei­chi­schen. Sie be­sitzt bei­de Staats­bür­ger­schaf­ten, ei­nes Ta­ges muß sie sich ent­schei­den, für den ei­nen oder den an­de­ren Paß.«
    Kurz vor dem Le­sen Ih­res Tex­tes hör­te ich ei­ne Be­spre­chung auf DLF (Bü­cher­markt) zum Buch von Pi­co Iy­er „Ja­pan für An­fän­ger“, in der der Au­tor (ein Aus­lands­re­por­ter!) im zwei­ten Teil be­haup­ten soll: »Ei­ne dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft exi­stie­re eben­so we­nig wie ei­ne of­fe­ne De­bat­te über Se­xua­li­tät.« https://www.deutschlandfunk.de/pico-iyer-japan-fuer-anfaenger-dlf-748e777d-100.html (ab Mi­nu­te 5:00)

    M. Für­bö­ter

  2. Ei­ne dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft gibt es in Ja­pan für Er­wach­se­ne nicht. Kin­der von El­tern ver­schie­de­ner Staats­bür­ger­schaft ha­ben aber die Mög­lich­keit, zwei Päs­se zu ha­ben, bis zum 21. Le­bens­jahr, dann müs­sen sie sich für ei­nen der bei­den ent­schei­den, den an­de­ren zu­rück­ge­ben. (In Ja­pan wird man mit 20 voll­jäh­rig.)

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