Jo­sef Braml: Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

Josef Braml: Die transatlantische Illusion

Jo­sef Braml: Die
trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

»Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on« von Jo­sef Braml war be­reits vor dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in der Ukrai­ne ein Best­sel­ler. Der Ver­lag leg­te An­fang März mit ei­ner zwei­ten, ak­tua­li­sier­ten Auf­la­ge nach, in der das Er­eig­nis vom 24. Fe­bru­ar ein­ge­ar­bei­tet wur­de. Braml wird als Ge­ne­ral­se­kre­tär der »Tri­la­te­ra­len Kom­mis­si­on« vor­ge­stellt, ei­ner so­ge­nann­ten Denk­fa­brik (»Think­tank« – bö­se über­setzt mit »Denk­pan­zer«), der – wie dies mit den mei­sten Or­ga­ni­sa­tio­nen die­ser Art so üb­lich zu sein scheint – ei­ni­ge My­then ob ih­rer Aus­wir­kun­gen und Di­men­sio­nen an­haf­ten.

Ent­ge­gen der Er­war­tung, die man nach dem Vor­wort an den Ti­tel hegt, geht es al­ler­dings nicht nur um Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Der Er­folg des Bu­ches dürf­te sich auch der de­zi­diert kri­ti­schen Sicht auf die USA ver­dan­ken. In fast be­schwö­ren­dem Ton wird aus­ge­führt, dass sich Eu­ro­pa nicht län­ger der »trans­at­lan­ti­schen Il­lu­si­on« hin­ge­ben dür­fe. Die USA, so die The­se, wer­den in na­her Zu­kunft nicht mehr als »Schutz­macht« für »Si­cher­heit und Wohl­stand der Al­ten Welt« zur Ver­fü­gung ste­hen, weil sich der geo­stra­te­gi­sche Fo­kus auf den In­do-pa­zi­fi­schen Raum, ins­be­son­de­re, Chi­na kon­zen­trie­re. Aber eben auch, weil die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sel­ber nicht mehr ei­ne sta­bi­le Macht dar­stel­len.

Als Be­leg hier­für wird der »ame­ri­ka­ni­sche Pa­ti­ent« ei­ner ge­nau­en Un­ter­su­chung un­ter­zo­gen. Nichts wird aus­ge­las­sen. Et­wa die un­zu­läs­si­gen au­ßen­po­li­ti­schen Ein­mi­schun­gen seit den 1950er Jah­ren vor al­lem in Süd­ame­ri­ka (Gua­te­ma­la, Chi­le) und im Na­hen und Mitt­le­ren Osten (von Mossadegh/Iran 1953 bis in die Ge­gen­wart). Als Tief­punkt wird der völ­ker­rechts­wid­ri­ge und mit Lü­gen un­ter­füt­ter­te Irak­krieg 2003 her­aus­ge­stellt. Im­mer­hin wür­den die Af­fä­ren und Miss­grif­fe der Au­ßen­po­li­tik im Nach­hin­ein min­de­stens teil­wei­se öf­fent­lich auf­ge­ar­bei­tet – an­ders als et­wa in Dik­ta­tu­ren.

Braml spricht von ei­ner »Macht oh­ne Mo­ral«, die aus­schließ­lich öko­no­mi­schen und im­pe­ria­li­sti­schen Zie­len ori­en­tiert und über­all das »Recht des Stär­ke­ren« – al­so das der USA – durch­ge­setzt ha­be bzw. durch­set­zen will. Die Li­ste ist lang. Am In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof bei­spiels­wei­se be­tei­li­ge sich die USA nicht. Über die Ma­ni­fe­stie­rung des US-Dol­lar als welt­wei­te Leit­wäh­rung hät­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten jahr­zehn­te­lang die ei­ge­ne Öko­no­mie am Lau­fen ge­hal­ten und auf Ko­sten an­de­rer ge­lebt. Die Nied­rig­zins­po­li­tik der Fed hält, so die The­se, den Sta­tus quo noch ei­ne Zeit lang of­fen, aber der näch­ste Crash dürf­te nur ei­ne Fra­ge der Zeit sein. Die Ver­bün­de­ten be­han­de­le die USA oft ge­nug nur als Va­sal­len (wo­bei die­se Be­zeich­nung in An­füh­rungs­zei­chen ge­setzt wird). Man zwin­ge sie über die NATO da­zu, mi­li­tä­ri­sche Gü­ter aus dem USA ab­zu­neh­men und hält da­mit die ein­hei­mi­sche Rü­stungs­in­du­strie am Lau­fen. Die Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben der USA wer­den von Braml als ver­deck­te In­du­strie­po­li­tik aus­ge­wie­sen.

Auch im Au­ßen­han­del set­ze sich die USA über in­ter­na­tio­na­le Re­geln hin­weg, sa­bo­tie­re die Schieds­stel­len der WTO und set­ze so­gar Ver­bün­de­te bei der Ab­fas­sung von Han­dels­ab­kom­men un­ter Druck. Sel­ber ist man dar­auf be­dacht, sich ein­sei­tig Vor­tei­le zu ver­schaf­fen. Der Han­dels­pro­tek­tio­nis­mus Trumps wie auch die har­te Po­li­tik ge­gen­über Chi­na wür­de von Bi­den wei­ter­ge­führt. Den Pro­tek­tio­nis­mus der EU blen­det Braml si­cher­heits­hal­ber aus. Ver­nich­tend die Pro­gno­se, dass die USA ih­re Schul­den ver­mut­lich nie mehr zu­rück­zah­len kön­ne. Mit­tels ame­ri­ka­ni­scher High­tech-Un­ter­neh­men spio­nier­ten die USA Po­li­tik und Wirt­schaft an­de­rer Staa­ten in­klu­si­ve der Ver­bün­de­ten für ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen aus. Die Wert­maß­stä­be, die man an an­de­re Na­tio­nen an­legt, er­füllt man sel­ber nur dann, wenn es in das po­li­ti­sche Kon­zept passt. Das be­gann nicht erst bei Do­nald Trump, der mit »Ame­ri­ca first« die ei­ge­nen In­ter­es­sen ab­so­lut setz­te. Al­ler­dings, so könn­te man ein­wen­den, wird ein ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­dent ja auch da­für ge­wählt.

Braml be­strei­tet, dass die USA und Eu­ro­pa (er meint da­mit meist die Eu­ro­päi­sche Uni­on) noch ge­nü­gend ge­mein­sa­me In­ter­es­sen ha­ben. Er be­zieht sich hier­bei nicht nur auf Trumps de­sa­strö­se Äu­ße­run­gen über das wei­te­re Schick­sal der NATO, son­dern auch auf die das Dik­tum, die EU als öko­no­mi­schen Kon­kur­ren­ten auf­zu­fas­sen. Au­ßen­po­li­tisch hät­te Trump die eu­ro­päi­schen Ver­su­che, den Iran von der Ent­wick­lung zu Atom­waf­fen ab­zu­hal­ten, durch die Kün­di­gung des Ab­kom­mens sa­bo­tiert, was nicht im In­ter­es­se Eu­ro­pas ge­we­sen war. Die Sa­bo­ta­ge sei er­folgt, um die sich zwi­schen Eu­ro­pa und dem Iran an­bah­nen­den Ge­schäfts­ver­bin­dun­gen aus­zu­he­beln. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg, so die Bi­lanz Bramls, ha­be die USA ins­ge­samt ei­ne »Ent­mün­di­gung Eu­ro­pas« be­trie­ben. Das ist star­ker To­bak.

Die ame­ri­ka­ni­sche De­mo­kra­tie sei »im In­nern exi­sten­zi­ell be­droht« und ten­die­re zur »Ano­kra­tie«. Seit dem Ter­ror­an­schlag vom 11. Sep­tem­ber 2001 wä­ren aus Si­cher­heits­er­wä­gun­gen her­aus suk­zes­si­ve Bür­ger­rech­te ein­ge­schränkt wor­den; hier ha­be Oba­ma we­nig ab­ge­mil­dert. Mehr­fach weist Braml auf die Ge­fahr ei­ner er­neu­ten Prä­si­dent­schaft Do­nald Trumps hin. Bis­wei­len wird er ten­den­zi­ös. Im Epi­log re­fe­riert er aus ei­nem Buch der Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Bar­ba­ra F. Wal­ter. Vom Ti­tel er­wähnt er nur das, was in sein Sze­na­rio ei­nes bal­di­gen Bür­ger­kriegs in­ner­halb der USA passt: »How Ci­vil Wars Starts«. Tat­säch­lich geht es aber noch wei­ter; der voll­stän­di­ge Ti­tel lau­tet: »How Ci­vil Wars Starts: And How To Stop Them«.

Der Au­tor zeich­net ein Be­sorg­nis er­re­gen­des Bild der Su­per­macht USA. Es dient da­zu, um die Not­wen­dig­keit auf die Au­to­no­mie eu­ro­päi­scher In­ter­es­sen hin­sicht­lich der Verteidigungs‑, Si­cher­heits- und Au­ßen­po­li­tik zu be­le­gen. Die USA, so die Ar­beits­hy­po­the­se, sei­en zu­künf­tig we­der in der La­ge noch wil­lens den mi­li­tä­ri­schen Schutz in­ner­halb der NATO zu schul­tern. Braml stellt so­gar den Zweit­schlag-Wil­len der USA in­fra­ge, eu­ro­päi­sche Ver­bün­de­te im Ver­tei­di­gungs­fall mit nu­klea­ren Mit­teln zu ver­tei­di­gen.

Die USA ha­be, so die The­se, nach der So­wjet­uni­on im Kal­ten Krieg mit Chi­na ei­nen neu­en Lieb­lings­feind ge­fun­den. Die­se Sicht ist al­ler­dings in höch­stem Ma­ße ver­harm­lo­send. Die mi­li­tä­ri­schen Am­bi­tio­nen Chi­nas im süd­chi­ne­si­schen Meer und die hier­aus für die USA ent­ste­hen­den mög­li­chen Kon­se­quen­zen sind ma­ni­fest. Ein po­ten­ti­el­ler chi­ne­si­scher An­griff auf Tai­wan – von Xi Jing­ping nicht ex­pli­zit aus­ge­schlos­sen – kommt in den Aus­füh­run­gen des Au­tors merk­wür­di­ger­wei­se nicht vor. Über die An­sprü­che meh­re­rer Staa­ten, vor al­lem je­doch Chi­nas auf die Sprat­ly-In­seln, die ei­nen stra­te­gi­schen Mehr­wert in der Kon­trol­le wich­ti­ger Schiff­fahrts­rou­ten be­deu­ten, er­fährt der Le­ser eben­falls nichts. Hier gibt es fast täg­lich Zu­sam­men­stö­ße auch in in­ter­na­tio­na­len Ge­wäs­sern, die Chi­na ein­fach für sich be­an­sprucht. Im­mer­hin be­kommt man zu wis­sen, dass na­tür­lich auch Chi­na die Re­geln der WTO nicht ein­hält und mit ih­ren Sub­ven­tio­nen den so­ge­nann­ten frei­en Welt­markt ver­zerrt. Ame­ri­kas Furcht vor der Aus­spio­nie­rung west­li­cher Per­so­nen und Un­ter­neh­men durch ei­ne Be­tei­li­gung von Hua­wei am eu­ro­päi­schen 5G-Netz kon­tert Braml mit der NSA-Ab­hör­af­fä­re der USA. Als wür­de das ei­ne durch das an­de­re auf­ge­ho­ben.

Im­mer­hin er­fährt der Le­ser über die Be­mü­hun­gen Chi­nas, der »Dol­lar­fal­le« zu ent­kom­men, den Yu­an als ei­ne neue Leit­wäh­rung und ge­gen »SWIFT« ein neu­es Zah­lungs­sy­stem »CIPS« zu im­ple­men­tie­ren. Dass all die­se Maß­nah­men nicht im In­ter­es­se der USA und auch des We­stens sein kön­nen, dürf­te ein­deu­tig sein. Sie je­doch als rein öko­no­mi­sche Pro­jek­te ein­zu­ord­nen, ver­kennt die stra­te­gi­schen Ab­sich­ten Chi­nas.

Zwar kommt die In­va­si­on Russ­lands in die Ukrai­ne in der neu­en Auf­la­ge vor, aber die In­ten­tio­nen Pu­tins für die­se Ag­gres­si­on hat Braml ent­we­der nicht mit­be­kom­men oder er igno­riert sie. Da­bei lie­gen sie spä­te­stens seit dem 21.02.2022 ziem­lich of­fen auf dem Tisch. Statt­des­sen wird die lau­war­me Ar­gu­men­ta­ti­on der po­ten­ti­el­len NA­TO-Mit­glied­schaft der Ukrai­ne (und Ge­or­gi­ens) ge­mäß ei­nem Be­schluss des G7-Tref­fens von 2008 auf­ge­tischt. Da­bei wa­ren bei­de Län­der noch nicht ein­mal in die er­ste Stu­fe, den »Mem­bership Ac­tion Plan« (MAP), auf­ge­nom­men wor­den; ih­nen war le­dig­lich zu­ge­si­chert wor­den, dass dies ir­gend­wann der Fall sein wer­de. (Im MAP der NATO fin­det sich ak­tu­ell nur Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na.)

Dass, wie Braml er­läu­tert, das Schwar­ze Meer durch ei­nen Bei­tritt der Ukrai­ne zum »NA­TO-Meer« wür­de und dies für Russ­land in­ak­zep­ta­bel sein muss, ist zwar rich­tig, aber es ist ja nicht so, dass die Rus­si­sche Fö­de­ra­ti­on in den ver­gan­ge­nen vier­zehn Jah­ren nicht aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten ge­habt hät­te, dies in ge­ord­ne­ten di­plo­ma­ti­schen Ver­hand­lun­gen aus­zu­drücken. Statt­des­sen be­gann 2014, sechs Jah­re spä­ter, mit der An­ne­xi­on der Krim und der Im­ple­men­tie­rung so­ge­nann­ter »Volks­re­pu­bli­ken« im Don­bass die De­sta­bi­li­sie­rung der Ukrai­ne. Wo­mög­lich könn­te man am En­de eher im Zö­gern der Auf­nah­me in den MAP die Ur­sa­che für den Krieg se­hen. Ei­ne Ukrai­ne in der NATO hät­te Pu­tin kaum an­ge­grif­fen.

Braml schlägt als er­sten Schritt zur Lö­sung des ak­tu­el­len Kon­flikts vor, die­se sehr va­gen und seit 2008 nicht mehr wei­ter­ver­folg­ten Bei­tritts­mög­lich­kei­ten der bei­den Län­der »als Er­geb­nis ei­nes Pro­zes­ses, an des­sen En­de ei­ne neue Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur steht« auf­zu­ge­ben (wie Ge­or­gi­en da­zu steht, scheint ihn gar nicht zu in­ter­es­sie­ren). Für den wei­te­ren Um­gang mit Russ­land fin­det er die satt­sam be­kann­te Phra­se: »Wan­del durch di­plo­ma­ti­sche An­nä­he­rung und glaub­wür­di­ge mi­li­tä­ri­sche Ab­schreckung«. Es ist kaum et­was an­de­res von je­man­dem zu er­war­ten, der An­ge­la Mer­kel ei­ne »rea­li­sti­sche Au­ßen­po­li­tik« be­schei­nigt. Man kann dem Au­tor höch­stens zu Gu­te hal­ten, dass er dies wohl vor But­cha und Ma­riu­pol ge­schrie­ben hat.

Die größ­te Ge­fahr sieht Braml dar­in, dass sich Russ­land zu sehr Chi­na zu­wen­det. Dass dies be­reits durch ge­mein­sa­me Mi­li­tär­ma­nö­ver (u. a. Wo­stok-2018) und ei­nem un­längst erst ab­ge­schlos­se­nen Freund­schafts­ver­trag gän­gi­ge Pra­xis ist, wird nicht er­wähnt. Tat­säch­lich er­hält Chi­na durch die Sank­tio­nen des We­stens die Mög­lich­keit, Russ­land als bil­li­gen Roh­stoff­lie­fe­ran­ten vor­über­ge­hend als ei­ne Art »Tank­stel­le« zu be­nut­zen (da­bei dürf­ten weit nied­ri­ge­re Prei­se als die auf dem Welt­markt er­ziel­ba­ren ge­zahlt wer­den). Dies wird lang­fri­stig für Russ­land nicht un­pro­ble­ma­tisch sein. In­ter­es­sant ist al­ler­dings, dass am En­de des Bu­ches noch als Mög­lich­keit er­wo­gen wird, dass Wa­shing­ton ir­gend­wann ei­ne geo­stra­te­gi­sche Al­li­anz mit Mos­kau ein­ge­hen könn­te, um den chi­ne­si­schen Ein­fluss zu re­du­zie­ren. Die­se Vol­te, die ak­tu­ell in et­wa so wahr­schein­lich ist wie ein Me­teo­ri­ten­ein­schlag auf der Er­de, wird oh­ne wei­te­re Er­läu­te­rung ver­se­hen.

Trotz oder ge­ra­de we­gen ih­rer Vor­macht­stel­lung in der NATO er­scheint die USA al­so mit­tel­fri­stig als un­zu­ver­läs­si­ger Bünd­nis­part­ner. Um sei­nen mi­li­tä­ri­schen Schutz nicht von Wahl­er­geb­nis­sen aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ab­hän­gig zu ma­chen, plä­diert Braml für ei­ne ei­gen­stän­di­ge Eu­ro­päi­sche Si­cher­heits­po­li­tik. So weit, so gut. Hier­zu re­kur­riert er auf ei­ne Re­de des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Ma­cron vom 7. Fe­bru­ar 2020, in dem er sich un­ter an­de­rem of­fen zeigt, an­de­re EU-Staa­ten un­ter dem nu­klea­ren Schutz­schild der »For­ce de frap­pe«, der fran­zö­si­schen Atom­streit­macht, auf­zu­neh­men. Braml emp­fiehlt dies für Deutsch­land. Der an­ge­neh­me Ne­ben­ef­fekt wä­re, dass deut­sche »Son­der­we­ge« aus­ge­schlos­sen wä­ren. Auch ein ty­pisch deut­scher Ein­wand; au­ßer­halb Deutsch­lands be­fürch­tet dies kaum noch je­mand se­ri­ös. Die deutsch-fran­zö­si­sche Ach­se in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on könn­te, so die An­nah­me, in die­sem Be­reich vor­an­schrei­ten und mit der Zeit wür­den sich an­de­re Län­der an­schlie­ßen.

Im Ge­gen­satz zu John R. Al­len, Fre­de­rick Ben Hod­ges und Ju­li­an Lind­ley-French, den Au­toren von »Fu­ture War«, die die Eu­ro­pä­er in der Ver­pflich­tung se­hen, ei­ne star­ke kon­ven­tio­nel­le Streit­macht auf­zu­bau­en, möch­te Braml dies auf die nu­klea­re Be­waff­nung aus­deh­nen. Da­mit wä­ren die Eu­ro­pä­er von der Ver­pflich­tung »be­freit«, ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­gü­ter ein­zu­kau­fen, um im Ver­tei­di­gungs­fall die »nu­klea­re Teil­ha­be« durch die USA zu er­hal­ten (d. h. kon­ven­tio­nel­le Waf­fen mit ame­ri­ka­ni­schen Nu­kle­ar­waf­fen zu be­stücken, bspw. Flug­zeu­ge). Aus­drück­lich spricht Braml hier vom F‑35-Bom­ber, der den Eu­ro­pä­ern, so der Te­nor, prak­tisch auf­ge­drängt wür­de.

Die Ab­kehr Eu­ro­pas von der nu­klea­ren Teil­ha­be wä­re zwei­fel­los mehr als nur ein Af­front ge­gen­über den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. In der NATO wür­den Par­al­lel­struk­tu­ren ge­schaf­fen. Ei­ne Fol­ge könn­te sein, dass sie eu­ro­päi­schen Waf­fen­sy­ste­me un­ter Um­stän­den nicht mehr mit den ame­ri­ka­ni­schen kom­pa­ti­bel wä­ren. Über­ra­schend die Aus­sa­ge im Buch, dass das von der NATO aus­ge­ge­be­ne 2%-Ziel nicht mehr für not­wen­dig er­ach­tet wird, weil es am En­de nur die ame­ri­ka­ni­sche Rü­stungs­in­du­strie be­gün­sti­ge. Wie die ei­ge­nen eu­ro­päi­schen Am­bi­tio­nen be­zahlt wer­den sol­len, sagt Braml nicht.

Zwar wä­re man un­ab­hän­gi­ger von den Pro­duk­ten der ame­ri­ka­ni­schen Rü­stungs­in­du­strie, aber es stellt sich so­fort die Fra­ge, wer in Eu­ro­pa die neu­en Flug­zeu­ge und Waf­fen­sy­ste­me pro­du­zie­ren soll. Bis­her war bei­spiels­wei­se für den Flug­zeug­bau in Frank­reich die »Das­s­ault Avia­ti­on« fe­der­füh­rend. Wie wür­de hier das Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men »Air­bus« ein­ge­bun­den wer­den kön­nen? Schon jetzt wer­den die EU-wei­ten Aus­schrei­bungs­ver­fah­ren kri­tisch be­trach­tet.

Der in­ner­eu­ro­päi­sche Streit wä­re vor­pro­gram­miert. Es gibt schlicht­weg nicht »die« eu­ro­päi­schen In­ter­es­sen; die ein­zel­nen Staa­ten ha­ben di­ver­gie­ren­de Si­cher­heits-Prio­ri­tä­ten. So sieht man die rus­si­sche Be­dro­hung in Est­land oder Po­len stär­ker als viel­leicht in Por­tu­gal. Und wie wä­re ein grie­chisch-tür­ki­scher Kon­flikt in der Ägä­is in ei­nem EU-Ver­tei­di­gungs­bünd­nis zu hän­deln? Selbst zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich könn­te es zu Di­ver­gen­zen in La­ge­be­ur­tei­lun­gen und po­li­ti­schen Maß­nah­men (wie bspw. Sank­tio­nen) kom­men. Wie sol­len sich die he­te­ro­ge­nen Län­der der EU auf ei­ne lang­fri­stig ein­heit­li­che Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­li­nie ei­ni­gen, wenn sie noch nicht ein­mal in der La­ge sind, ei­nen ein­heit­li­chen Sitz für ihr Par­la­ment fest­zu­le­gen?

Viel­leicht wä­re es mög­lich, in Eu­ro­pa ei­ne Art »ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Schen­gen­raum« zu eta­blie­ren. Aber was ge­schieht, wenn in Frank­reich dem­nächst rechts- oder links­ex­tre­me Kräf­te in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung ge­wählt wür­den? Die Ab­hän­gig­keit von Wahl­ent­schei­dun­gen wä­re nur ver­scho­ben. Ein zu­sätz­li­cher Feh­ler in die­sen Über­le­gun­gen ist, dass Groß­bri­tan­ni­en in Bramls Sze­na­rio kei­ne Rol­le spielt; er be­zieht sich aus­drück­lich auf die EU-Staa­ten. Lie­ße man die Bri­ten au­ßen vor, wür­de dies zu ei­ner en­ge­ren po­li­ti­schen und mi­li­tä­ri­schen Ver­bin­dung zwi­schen den USA und Groß­bri­tan­ni­en füh­ren (man den­ke an die selt­sa­me Al­li­anz beim Irak­krieg 2003).

Ein wei­te­rer Punkt, der ei­ne sol­che deutsch-fran­zö­si­sche Mi­li­tär­ach­se auf we­nig Ge­gen­lie­be sto­ßen lässt, zeigt sich im Ver­lauf des Russ­land-Ukrai­ne-Krie­ges. Die zö­ger­li­che Hal­tung Frank­reichs und ins­be­son­de­re Deutsch­lands bei den Lie­fe­run­gen schwe­rer Waf­fen für die Ukrai­ne und die Dis­kus­si­on um die De­fi­ni­ti­on der Kriegs­zie­le in­ner­halb des »We­stens« ste­hen im Kon­trast zu den Un­ter­stüt­zun­gen durch Po­len, den bal­ti­schen Län­dern, Tsche­chi­ens und der Slo­wa­kei (von Groß­bri­tan­ni­en nicht zu re­den). Ei­ne deutsch-fran­zö­si­sche Füh­rungs­rol­le in der Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik Eu­ro­pas wä­re für die ost- und mit­tel­eu­ro­päi­schen Staa­ten nach die­sen Er­fah­run­gen kei­ne Al­ter­na­ti­ve zum US-do­mi­nier­ten NA­TO-Bünd­nis.

Am En­de des Bu­ches fasst Braml noch­mal die bis­wei­len sehr am­bi­tio­nier­ten Schrit­te zu­sam­men, die sei­ner Mei­nung nach er­for­der­lich sind. Vie­le da­von sind durch­aus ver­nünf­tig. Et­wa die Mög­lich­keit, Eu­ro-An­lei­hen aus­zu­ge­ben, um den Eu­ro als ei­ne der Leit­wäh­run­gen zu eta­blie­ren. Oder die Schaf­fung von den USA un­ab­hän­gi­ger Tech-Kon­zer­ne. Die­se soll­ten dann al­ler­dings tun­lichst nicht als su­pra­na­tio­na­le Un­ter­neh­men, die von Brüs­sel ge­lenkt wer­den oder auf Hil­fen an­ge­wie­sen sind, fun­gie­ren. Eu­ro­pa soll­te bi­la­te­ra­le Han­dels­ab­kom­men ab­schlie­ßen, zum Bei­spiel mit den MERCOSUR- oder ASE­AN-Staa­ten, wo­bei dies an­de­re Fra­gen auf­wer­fen wür­de (et­wa in­wie­fern Chi­na über das RCEP-Ab­kom­men Teil ei­nes ASE­AN-Kon­trak­tes wer­den wür­de).

Zur Ver­harm­lo­sung der chi­ne­si­schen Am­bi­tio­nen des Au­tors passt im üb­ri­gen auch sei­ne Hal­tung zu CAI, dem In­ve­sti­ti­ons­ab­kom­men zwi­schen der EU und Chi­na, des­sen Ra­ti­fi­zie­rung nicht zu­letzt auch auf­grund von Be­den­ken des EU-Par­la­ments stockt. Braml fürch­tet sich ge­ra­de­zu vor ei­ne Art Rück­ab­wick­lung der Glo­ba­li­sie­rung. Hier­bei wird nicht be­rück­sich­tigt, dass sich Un­ter­neh­men und gan­ze Staa­ten nicht nur hin­sicht­lich von Lie­fer­ket­ten son­dern auch im Know-How von Chi­na fast ab­hän­gig ge­macht ha­ben. Statt von der Ge­fahr ei­ner De-Glo­ba­li­sie­rung im Sin­ne Trumps zu re­den, soll­te man bes­ser die Vo­ka­bel der »Chi­nai­sie­rung« (»Fu­ture War«) ver­wen­den, die in den letz­ten Jah­ren zu ge­fähr­li­chen Ab­hän­gig­kei­ten in vie­len Be­rei­chen (Me­di­zin­pro­duk­te; Roh­stof­fe; kri­ti­sche In­fra­struk­tur) ge­führt hat.

Man­ches ist eher Wunsch­den­ken, Et­wa wie man die USA ge­win­nen könn­te, ih­re Po­li­tik des so­ge­nann­ten »schwa­chen Dol­lar« auf­zu­ge­ben. Da­bei ist al­ler­dings schon die The­se frag­lich, da der US-Dol­lar zwi­schen 2007 und 2015 – aus un­ter­schied­li­chen Grün­den – ge­gen­über dem Eu­ro weit­aus schwä­cher war als heu­te. Hin­zu kommt, dass ein schwa­cher Dol­lar Im­por­te ver­bil­ligt.

Trotz der vor­ge­brach­ten Ein­wän­de lie­fert »Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on« ei­nen er­sten Ein­stieg in die Pro­ble­ma­tik ei­ner drin­gend not­wen­di­gen eu­ro­päi­schen Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Manch­mal wer­den Lö­sungs­we­ge recht un­aus­ge­go­ren und hand­streich­ar­tig prä­sen­tiert. So wenn man En­de mit ei­nem Ne­ben­satz die ope­ra­ti­ven Be­den­ken für ei­ne zur Sei­te ge­wischt wer­den, in dem man ein­fach er­klärt, das Ein­stim­mig­keits­prin­zip in­ner­halb der EU ab­zu­schaf­fen. Ver­mut­lich geht das. Al­ler­dings nur – ein­stim­mig. Da scheint die näch­ste, die eu­ro­päi­sche Il­lu­si­on, vor­pro­gram­miert.

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  1. Nur mit ei­nem Fern­rohr vom Mond aus (low re­so­lu­ti­on) kann ich Braml zu­stim­men. Ja, die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on gibt es wirk­lich, sie ist Teil un­se­rer Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik seit vie­len Jahr­zehn­ten. Die U.S.A. und die Eu­ro­pä­er ver­fol­gen zwei kom­ple­men­tä­re Zie­le; die Eu­ro­pä­er prio­ri­sie­ren die Ver­tei­di­gung, und die U.S.A ver­fol­gen die Er­rich­tung ei­ner glo­ba­len Ein­fluss­sphä­re. Bei­des rich­tet sich ge­gen Russ­land und Chi­na, aber dann schei­den sich auch schon die Gei­ster. Die Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik fin­det kei­nen Ein­gang in die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on, – man ver­kauft nur die je­wei­li­ge ak­tu­el­le Ver­stän­di­gung als den im­mer neu­en Be­ginn von et­was Gro­ßem. Das ist Rhe­to­rik, mehr nicht. Wir be­ob­ach­ten schon lan­ge drei Ebe­nen: die NATO als Gan­zes, et­wa im Ver­tei­di­gungs­fall 2001; dann die NATO als eu­ro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Ant­ago­nis­mus (die Er­wei­te­rungs­fra­ge 2008, und die un­ver­blüm­te Auf­schie­bung); und die sin­gu­lä­re Ver­ab­re­dung auf re­gio­na­le Ein­sät­ze (Ma­li, oder das Horn von Afri­ka), die Al­li­anz der Frei­wil­li­gen. Ich wür­de je­de Wet­te ein­ge­hen, dass das so bleibt. War­um?! Weil die La­ge der Din­ge kom­pli­ziert ist, und die Rea­li­tät nicht auf un­ser Be­dürf­nis nach Ver­ein­fa­chung re­agiert. Al­len­falls wird un­se­re Ge­duld am En­de sein, aber die Wirk­lich­keit macht so schnell nicht schlapp.
    Die Glo­ba­li­sie­rung ist am En­de, so­viel steht fest. Je­den­falls ge­nau das­je­ni­ge Kon­zept der Glo­ba­li­sie­rung, das auf ei­nen fai­ren Aus­gleich al­ler fried­li­chen In­ter­es­sen hin­aus­lief, oh­ne kul­tu­rel­le und stra­te­gi­sche Aspek­te zu wür­di­gen. Im­pe­ra­ti­ve des ein­zig ef­fi­zi­en­ten Wirt­schafts­sy­stems... Wan­del durch Han­del, war kei­ne grund­fal­sche Lo­gik, weil al­le wirt­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen auch Ein­stiegs­punk­te für sub­al­ter­ne In­ter­es­sen sind. [Und wenn Frau­en je­mals ab­hän­gig von Män­nern wa­ren, ver­ga­sen sie doch nie­mals, ih­ren Er­näh­rern die Höl­le heiß zu ma­chen, wenn es sein muss­te.] In Deutsch­land ent­deckt man ge­ra­de die »Ab­hän­gig­keit« als das weg­wei­sen­de Axi­om aus der Kri­se. Nie wie­der Ab­hän­gig­keit, lehrt die Gen­der-Er­fah­rung, und von den Ge­set­zen der Phy­sik wird man sich auch noch frei ma­chen. Ich weiß nicht, ob die Nai­vi­tät nicht schon im­mer der ein­fluss­reich­ste Be­ra­ter im We­sten war. Nach der Glo­ba­li­sie­rung kommt nach Ni­all Fer­gu­son der neue Kal­te Krieg, und die Ukrai­ne ist sein er­stes Op­fer. Zwi­schen die Fron­ten ge­ra­ten, oder stolz, ge­nau im rich­ti­gen Mo­ment der Welt­ge­schich­te die Sei­ten zu wech­seln?! So ganz und gar vor­be­halt­los möch­te ich mich der Wer­te-Rhe­to­rik von Se­lenskji nicht an­schlie­ßen, aber was ich den­ke, ist letzt­lich schnup­pe, denn auf die schreck­li­che La­ge der Din­ge müs­sen sich vor­al­lem die Ukrai­ner selbst ei­nen Reim ma­chen. Das wird schwer ge­nug. Der Frie­den wird die eu­ro­päi­sche Ord­nung neu de­fi­nie­ren, oder wie man in der Haupt­stadt-Pres­se sa­gen wür­de, – der Sieg. Die­se Ka­te­go­rien fal­len ja im Mo­ment in eins, und Nu­an­cen sind an der Hei­mat­front nicht ger­ne ge­lit­ten.
    Das Buch von Braml kommt zu spät. Eu­ro­pa kann Ver­tei­di­gung, aber die Ord­nung von Räu­men ist nicht un­ser Ding. Die deutsch-fran­zö­si­sche Ach­se ist m.M.n. ei­ne Er­fin­dung, so wie wenn man auf Ver­wand­ten­ge­burts­ta­ge fährt, und sich vor­her ein­re­det, dass man die Leu­te gern hat. Ich war­te im­mer noch auf ei­ne gu­te Er­klä­rung, war­um das nicht funk­tio­niert. Ich mei­ne, die Deut­schen sind po­li­tisch ge­se­hen na­tür­lich ab­so­lut un­ta­len­tiert, und be­dür­fen ei­ner in­tel­li­gen­ten Be­vor­mun­dung, da­mit sie nicht auf »Son­der­we­ge« ge­ra­ten. Aber war­um ma­chen das die Fran­zo­sen nicht?! Ich glau­be, sie mö­gen uns nicht.

  2. Na­ja, die »Glo­ba­li­sie­rung« ist na­tür­lich nicht »am En­de«. Es gibt sie üb­ri­gens seit ver­mut­lich mehr als tau­send Jah­ren – Han­del fin­det schon sehr lan­ge statt. Die Idee, dass Han­del bzw. das glo­ba­le Wirt­schaf­ten Krie­ge ver­hin­dert, wur­de spä­te­stens mit Aus­bruch des Er­sten Welt­kriegs ad ab­sur­dum ge­führt. 1914 war die Welt (bes­ser: In­ner-Eu­ro­pa und auch USA) ver­netz­ter denn je. Auf die Ver­wandt­schafts­gra­de in­ner­halb der je­wei­li­gen Re­gen­ten ist ja auch im­mer wie­der ver­wie­sen wor­den. Den Krieg hat es nicht auf­ge­hal­ten. Fast könn­te man sa­gen: ge­ra­de des­we­gen nicht – weil man an ei­ne eher be­grenz­te, ra­sche »Rei­ni­gung« der Luft dach­te. Der in­ter­na­tio­na­le Han­del wird wei­ter­ge­hen. Aber die Idee, dass hier­aus ei­ne po­li­ti­sche Zäh­mung ent­steht – sie war schon seit hun­dert Jah­ren ver­al­tert.

    Die deutsch-fran­zö­si­sche Ach­se ist in der Tat so et­was wie ein My­thos. Sie be­stand nur kurz; viel­leicht zwi­schen Ade­nau­er und de Gaul­le und dann spä­ter noch ein­mal zwi­schen Hel­mut Schmidt und Gis­card d’E­staing. An­son­sten war die­se Be­zie­hung im­mer von di­plo­ma­ti­schen, ge­gen­sei­ti­gen Re­spekt ge­prägt. Mehr aber nicht. Die Fran­zo­sen las­sen sich un­gern in ih­re Po­li­tik hin­ein­re­den – die Deut­schen ha­ben schlicht­weg an­de­re, rein öko­no­mi­sche In­ter­es­sen. Je mehr man die­se Be­zie­hung als »Mo­tor« der EG bzw. EU her­auf­be­schwo­ren hat, de­sto ge­quäl­ter war die Pra­xis.

    Na­tür­lich sind die Deut­schen, was stra­te­gi­sche Po­li­tik jen­seits rei­ner Ex­port­öko­no­mie an­geht, Wai­sen­kna­ben (nur ein­mal, das war die Ent­span­nungs­po­li­tik von Brandt/Bahr, be­trieb man Geo­po­li­tik). Sie ha­ben schlicht­weg kei­ne Ah­nung da­von, über­las­sen ger­ne an­de­re die »Füh­rung«, die sie bei Be­darf dann mit dem Scheck­buch ho­no­rie­ren. Das wird sich nicht mehr än­dern. Scholz’ Angst ge­gen­über Russ­land ist mit Hän­den zu grei­fen: Er fürch­tet, dass Russ­land den Gas­hahn ab­dreht. Die SPD-Frak­ti­on hängt dem Traum­bild der 1980er Jah­re an, als der Dop­pel­be­schluss ver­hin­dert wer­den soll­te. Sie ha­ben es nicht ver­stan­den; wer­den es nie ver­ste­hen. Die Leh­ren aus der Ver­gan­gen­heit, die sie zie­hen, sind da­hin­ge­hend, dass man sich bes­ser sei­nem Schick­sal fügt. Das ist zwar ein Aber­witz, aber sehr be­quem.

    So ist denn die Ukrai­ne weit weg. Das fa­ta­le Si­gnal, wel­ches die­ser Kriegs­aus­gang zei­tigt, wird die Ge­nera­ti­on, die dies jetzt ent­schei­det, ver­mut­lich nicht mehr be­rüh­ren. Die Ukrai­ne dient noch ein biss­chen als Ab­nut­zungs­ap­pa­rat der kon­ven­tio­nel­len Land­streit­kräf­te Russ­lands, da­mit ein An­griff auf an­de­re Staa­ten (Mol­da­wi­en et­wa) erst ein­mal nicht mehr mög­lich er­scheint. Das wird in ein paar Jah­ren der Fall sein – üb­ri­gens egal, wer dann in Russ­land im Kreml die Be­feh­le gibt. Die eu­ro­päi­sche Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur ist am Bo­den. Bi­den ist der letz­te ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent, der sich noch ein biss­chen für Eu­ro­pa in­ter­es­siert. Egal, wer nach­kommt: die USA wer­den sich zu­rück­zie­hen; die NATO zum Pa­pier­ti­ger mit Ab­schreckungs­plä­nen, die nie­mand mehr ernst nimmt.

  3. Nur ein be­stimm­tes Kon­zept von Glo­ba­li­sie­rung, wel­ches das uni­po­la­re Mo­ment der U.S.A. nach dem En­de des Kal­ten Krie­ges mit­denkt, wird mo­men­tan »ge­löscht«. Die Ab­hän­gig­kei­ten ver­schwin­den na­tür­lich nicht.
    Ich stau­ne im­mer noch über die Gro­ße Il­lu­si­on, die aus der Eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung her­vor­ging, eben die­se küh­ne Ver­nach­läs­si­gung der Si­cher­heits­po­li­tik aus der po­si­ti­ven Er­fah­rung der wirt­schaft­li­chen In­te­gra­ti­on her­aus. Man durf­te an­neh­men, dass et­was Gro­ßes ent­steht, das nach au­ßen wir­ken wür­de. Die NATO als Bünd­nis soll­te ir­gend­wann ein­mal über­schrie­ben wer­den, aber kaum je wur­de ver­tieft nach­ge­dacht. Braml ver­sucht ja, die gan­ze Strecke noch­mal ab­zu­lau­fen, und fin­det nur In­kom­men­sura­bi­li­tä­ten. Lei­der kann man dar­aus kei­ne di­rek­ten Schlüs­se zie­hen.
    De­mo­kra­tien sind geo­po­li­tisch kon­ser­va­tiv, das wur­de über­se­hen. Das Nar­ra­tiv, das die­se klei­ne­re Tat­sa­che ver­deckt, war die Mög­lich­keit, das rund um den Glo­bus De­mo­kra­tien auf­wach­sen könn­ten, die sich ge­gen­sei­tig stüt­zen. Aber die­ses Nar­ra­tiv igno­riert die al­ler­mei­sten hi­sto­risch-kul­tu­rel­len Lo­ka­li­tä­ten.
    Ich se­he in­zwi­schen ein kla­res Be­stim­mungs­drei­eck zwi­schen dem Wohl­stand, der de­mo­kra­ti­schen For­ma­ti­on und dem Be­dürf­nis nach Si­cher­heit, das ei­ner ex­pan­si­ven »Welt­po­li­tik« das Was­ser ab­gräbt. Nie­mand hat vor, sein Le­ben aufs Spiel zu set­zen, und die Gas­im­por­te stellt man in der Kri­se auch nicht gleich ab. Das ist ra­tio­nal, aber es de­fi­niert auch die Gren­zen von Po­li­tik. Die De­mo­kra­tien kon­ver­gie­ren zum Schwä­che-Pol, trotz Bünd­nis, und die Dik­ta­tu­ren kon­ver­gie­ren zum Stär­ke-Pol, weil aut­ark. Idea­ler­wei­se wer­den al­so die De­mo­kra­tien di­rekt und un­miss­ver­ständ­lich von Dik­ta­tu­ren be­droht, so wie Is­ra­el. Dann wis­sen al­le im­mer, was auf dem Spiel steht. Viel­leicht liegt dar­in auch der Grund, war­um Län­der wie die Tür­kei bei­zei­ten wie­der mehr »Dik­ta­tur wa­gen«: der Wohl­stand war nicht aus­rei­chend, um die Leu­te da­von zu über­zeu­gen, dass man ins­ge­samt auf dem rich­ti­gen Weg war...

  4. De­mo­kra­tien sind vor al­lem trä­ge und je grö­sser der Wohl­stand, de­sto trä­ger die Be­völ­ke­rung und lei­der auch die Po­li­tik. Die Ost-Er­wei­te­rung der EU nebst Ein­füh­rung des Eu­ro wa­ren po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. In bei­den Fäl­len hat­te man die Wir­kung auf an­de­re Po­li­tik­fel­der un­ter­schätzt. Zu­erst flog uns der Eu­ro um die Oh­ren (weil ele­men­ta­re wort­schafts­po­li­ti­sche Da­ten nicht be­rück­sich­tigt wor­den). Und jetzt wer­den die Ris­se in­ner­halb der Ge­mein­schaft und auch der NATO deut­lich. Zu he­te­ro­gen die In­ter­es­sen­la­ge.

    Na­he­zu je­der geo­po­li­ti­sche Be­ob­ach­ter er­kennt, dass die USA mit­tel­fri­stig nicht mehr in der La­ge ist, in Eu­ro­pa sta­bi­le si­cher­heits­po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se glaub­haft auf­recht zu er­hal­ten. Hin­zu kommt noch die in­nen­po­li­ti­sche La­ge in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten: Es dürf­te nach Bi­den ein Hang zum Iso­la­tio­nis­mus in Rich­tung Eu­ro­pa spür­bar wer­den, weil Chi­na die grö­sse­re Ge­fahr dar­stellt. Kis­sin­gers State­ment in Da­vos zielt dar­auf hin – aber da steht er nicht al­lei­ne. Eu­ro­pa soll­te sich, so die Idee, mit Russ­land ins Ver­neh­men set­zen und Ein­fluss­sphä­ren ak­zep­tie­ren. Auch Deutsch: Die Ukrai­ne stört! Das sagt noch nie­mand, aber spä­te­stens im Herbst, wenn in den USA Zwi­schen­wah­len an­ste­hen, will Bi­den et­was vor­zei­gen...

    Die eu­ro­päi­sche und vor al­lem die deut­sche Po­li­tik hat­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten mehr­fach zum »Tech­no­lo­gie­trans­fer« – zu­erst mit Russ­land, dann mit Chi­na fast auf­ge­for­dert. Die Un­ter­neh­men sind ge­folgt; und nun hän­gen wir in Lie­fer­ket­ten. Nie­mand be­dach­te dies; es lief zu gut. Ich glau­be nicht dar­an, dass man dies si­gni­fi­kant ver­än­dern wird. Auch hier: Träg­heit. Bis es wie­der knallt.

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