Das Re­gime Pu­tin

Be­mer­kun­gen zu sechs Bü­chern

John Sweeney: Der Killer im Kreml

John Sween­ey: Der Kil­ler im Kreml

Der Bri­te John Sween­ey, jah­re­lan­ger BBC-Re­por­ter und ein er­fah­re­ner Kriegs­be­richt­erstat­ter, ist 64 Jah­re alt. Er hat mehr als 240.000 Fol­lower auf Twit­ter und trägt zu­meist ei­ne oran­ge Müt­ze. Er war im Fe­bru­ar 2022 in der Ukrai­ne, in Kiew (ich blei­be bei die­ser Schreib­wei­se) und er­leb­te den Kriegs­be­ginn haut­nah mit. Sei­ne jah­re­lan­ge Be­schäf­ti­gung mit Wla­di­mir Pu­tin und die Er­fah­run­gen auch in die­sem neu­en Krieg (er fuhr un­ter an­de­rem nach But­cha) hat er nun zu ei­nem mehr als 300seitigen Buch mit dem rei­ße­ri­schen Ti­tel »Der Kil­ler im Kreml« zu­sam­men­ge­fasst. Es wird, so der Un­ter­ti­tel, »Wla­di­mir Pu­tins skru­pel­lo­ser Auf­stieg und sei­ne Vi­si­on vom groß­rus­si­schen Reich«, be­han­delt.

Sween­ey kennt Pu­tins Kriegs­füh­rung, war in den 2000er Jah­ren mehr­mals in Tsche­tsche­ni­en, be­rich­te­te von Zi­vi­li­sten, die un­ter Ar­til­le­rie­feu­er flie­hen muss­ten, ob­wohl ih­re Eva­ku­ie­rung an­ge­mel­det war und sich mit wei­ßen Fah­nen be­weg­ten. Er war bei der Ab­schuss­stel­le der MH17 und sah Grau­si­ges. Für ihn ist Pu­tin nie­mand, der sich ver­än­dert hat – sei­ne Bru­ta­li­tät war schon im­mer da. Die Bom­ben­an­schlä­ge auf Wohn­häu­ser in Mos­kau 1999, die Gei­sel­nah­men im Du­brow­ka-Thea­ter 2002 und Bes­lan 2004 – al­les Ter­ror­an­schlä­ge, die nach of­fi­zi­el­ler Les­art von tsche­tsche­ni­schen Ter­ro­ri­sten ver­übt wor­den wa­ren, aber, so ei­ni­ge In­di­zi­en Sween­eys, in Wirk­lich­keit »schwar­ze Ope­ra­tio­nen« des rus­si­schen In­lands­ge­heim­dien­stes wa­ren, um die Bru­ta­li­tät im Krieg in Tsche­tsche­ni­en zu recht­fer­ti­gen und Pu­tin als »star­ken Mann« zu zei­gen.

Die The­se, dass die Mos­kau­er An­schlä­ge auf Wohn­häu­ser vom FSB in­sze­niert wor­den sind, wird von der Ge­schich­te um den »ge­schei­ter­ten« An­schlag von Ra­jsan, als Zeu­gen ein­deu­tig rus­sisch-aus­se­hen­de Bom­ben­le­ger iden­ti­fi­zier­ten, ge­nährt. Auch zur Gei­sel­nah­me von 2002 gibt es zahl­rei­che Un­ge­reimt­hei­ten und un­ge­klär­te Fra­gen (die ver­mut­lich der Jour­na­li­stin An­na Po­lit­kow­ska­ya das Le­ben ge­ko­stet ha­ben könn­ten). Sween­eys Ein­las­sun­gen zu Bes­lan sind hin­ge­gen eher spe­ku­la­tiv.

Da­mit wird – lei­der – das We­sen die­ses Bu­ches deut­lich. Die­se Bou­le­var­di­sie­rung ist um­so be­dau­er­li­cher, als Sween­ey wirk­lich um­fang­rei­che und fak­ten­ba­sier­te In­for­ma­tio­nen über die (Un-)Taten Pu­tins und sei­ner Re­gie­rung chro­no­lo­gisch, al­ler­dings in po­pu­lä­rem Duk­tus vor­legt. Die Li­ste ist lang: An­schlä­ge, merk­wür­di­ge »Selbst­mor­de« von Op­po­si­tio­nel­len, Ver­haf­tun­gen, Mor­de, Ver­gif­tun­gen und Ver­let­zung völ­ker­recht­lich ver­bind­li­cher Gren­zen, völ­ker­mord­ähn­li­ches Vor­ge­hen in Krie­gen und die Ein­lul­lung west­li­cher Staats- und Re­gie­rungs­chefs bis hin zur Un­ter­stüt­zung rechts­na­tio­na­li­sti­scher und lin­ker Par­tei­en in der EU und der Trump-Par­tei­nah­me im US-Wahl­kampf. Das ist al­les nicht neu, aber in der Auf­zäh­lung be­ein­druckend, weil man deut­lich ge­macht be­kommt, wie die­se Vor­ge­hens­wei­sen prak­tisch schon zur Nach­rich­ten­rou­ti­ne ge­wor­den wa­ren, wo­bei die ein­zel­nen Ta­ten kurz­fri­stig für Ent­set­zen sorg­ten, am En­de je­doch wie­der rasch zum All­tag zu­rück­ge­kehrt wur­de. Manch­mal ver­blüfft Sween­ey den Le­ser, in dem er schein­bar Un­wich­ti­ges be­rich­tet, wie et­wa die Li­ste der Ver­spä­tun­gen, die aus­län­di­sche Staats- und Re­gie­rungs­chefs auf Pu­tin war­ten muss­ten (man ist über­rascht, wer am läng­sten war­ten muss­te).

»Hass ist der Erz­feind gu­ter Auf­klä­rungs­ar­beit«, schreibt Sween­ey ein­mal. Bis­wei­len ver­lässt er den Bo­den die­ser Er­kennt­nis. Denn wenn zum Bei­spiel die se­xu­el­le Ori­en­tie­rung Pu­tins ins Spiel ge­bracht wird. Hier wird ge­schwankt zwi­schen Pä­do­phi­lie, Bi- und Ho­mo­se­xua­li­tät bis hin zur Pro­mis­kui­tät. Er be­rich­tet von di­ver­sen Ge­lieb­ten und spe­ku­liert über die der Zahl der Kin­der. Ge­gen En­de wer­den die fünf an­ge­dich­te­ten Krebs­er­kran­kun­gen des Kreml-Bos­ses re­fe­riert. Si­cher, Sween­ey nennt sei­ne Quel­len (meist Jour­na­li­sten, al­so zwei­te oder drit­te Hand) und weist je­des Mal auf den Ge­rüch­te­sta­tus die­ser »In­for­ma­tio­nen« hin. Da hat je­mand hat von ei­nem ge­hört, der et­was ge­hört hat und man fragt sich, wem auf Dau­er mit ei­nem sol­chen bis­wei­len über­bor­den­den Kon­vo­lut aus Schi­mä­ren, Klatsch und Wunsch­den­ken ge­hol­fen ist. So wird aus die­sem Buch nicht nur ein Blitz­ab­lei­ter der Wut, son­dern ein Ko­den­sat des Po­lit-Gos­sip, des­sen ein­zi­ges Ziel wohl in der Ka­thar­sis des Le­sers liegt, Pu­tin auf die Schli­che ge­kom­men zu sein.

Mit Ver­ve wid­met sich Sween­ey den so­ge­nann­ten »nütz­li­chen Idio­ten« Pu­tins, wo­mit vor al­lem eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker wie Le Pen und Sal­vi­ni ge­meint sind, aber auch Do­nald Trump und, klar, die Bre­x­i­ter wie Farra­ge oder ein ge­wis­ser Ger­hard Schrö­der. Sie al­le hän­gen oder hin­gen ir­gend­wie fi­nan­zi­ell am Tropf des Kreml; die ita­lie­ni­schen Par­tei­en so­gar il­le­gal, wenn Sween­ey recht hat. Als Bri­te geht er be­son­ders hart mit den Kon­ser­va­ti­ven ins Ge­richt, und hier – wie könn­te es an­ders sein – mit Bo­ris John­son und des­sen Ver­bin­dung zu Ev­ge­ny Le­be­dev, dem Sohn des ehe­ma­li­gen KGB-Of­fi­ziers und jet­zi­gen Olig­ar­chen Alex­an­der Le­be­dew (sic!). Ev­ge­ny hat in­zwi­schen ei­nen Ba­ron-Ti­tel und sitzt im Ober­haus; ihm ge­hö­ren zwei Zei­tun­gen und ein Fern­seh­sen­der. Die Nä­he zu John­son ist of­fen­sicht­lich und na­tür­lich durch­aus de­gou­tant, zu­mal Ev­ge­nys Va­ter seit Fe­bru­ar die­sen Jah­res auf der Sank­ti­ons­li­ste der EU steht. Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen bri­ti­schen In­sti­tu­tio­nen und rus­si­schen Olig­ar­chen sind ziem­lich of­fen­sicht­lich und wä­ren nä­he­rer Er­ör­te­rung wert.

Aber Sween­ey in­ter­es­siert es mehr, ob Bo­ris John­son tat­säch­lich an den »Bunga-Bunga«-Partys in Le­be­devs »Pa­laz­zo Ter­ra­no­va« bei Pe­rugia wo­mög­lich so­gar im Bonda­ge-Ko­stüm mit oder oh­ne Analplug teil­nahm und so­mit kom­pro­mit­tier­bar ist. Dies sei, so liest man, »nicht völ­lig ab­we­gig«. Aha. Wie er­klärt er dann John­sons Kurs – an­ders bei­spiels­wei­se als der von Scholz – ge­gen­über der Ukrai­ne seit dem 24. Fe­bru­ar? Soll­te er ei­nen Spa­zier­gang mit Se­len­skyj durch Kiew ge­macht ha­ben, und gleich­zei­tig vom Kreml er­press­bar sein? (Na­tür­lich, so kann man ein­wen­den, ist wo­mög­lich ge­ra­de das die Tar­nung.)

Hart geht Sween­ey mit der BBC ins Ge­richt, für die er bis 2019 ge­ar­bei­tet hat; im­mer an der Schwel­le zur Ent­las­sung bzw. Ein­spa­rung. An ei­ni­gen wich­ti­gen Nach­rich­ten­po­si­tio­nen ha­be man all­zu leicht Kreml-Po­si­tio­nen über­nom­men bzw. ge­gen­tei­li­ge Be­rich­te nicht oder nur ge­schnit­ten ver­öf­fent­licht. Hier wä­ren wei­te­re De­tails si­cher­lich in­ter­es­sant ge­we­sen, aber sei­ne Loya­li­tät der BBC als In­sti­tu­ti­on ge­gen­über ist wohl noch groß.

Der Charles Bu­kow­ski des Jour­na­lis­mus

Das Buch ist epi­so­den­reich. So fliegt er 2015 am Tag nach der Hoch­zeit sei­ner Nich­te nach Ja­kut­sk, wo Pu­tin ein Mu­se­um er­öff­net. Er ver­spricht sich da­von die Mög­lich­keit, di­rekt, oh­ne den Mos­kau­er Po­li­zei- und Si­cher­heits­ap­pa­rat, mit ihm ins Ge­spräch zu kom­men. Im Flug­zeug aß er sich auf sei­nen Ka­ter ei­nen Dö­ner. Da stand er nun und stell­te Pu­tin völ­lig über­ra­schend Fra­gen nach dem Ab­schuss der MH17-Ma­schi­ne und den To­ten im Ukrai­ne­krieg, der dort ein Jahr zu­vor be­gon­nen hat­te. Pu­tin stellt sich die­sen An­schul­di­gen in ei­nem lan­gen Mo­no­log in rus­si­scher Spra­che – sehr zum Ent­set­zen sei­ner En­tou­ra­ge. Der Re­por­ter steht dem Kreml-Chef Au­ge in Au­ge ge­gen­über. Sween­ey ist schlecht; der Dö­ner ist ihm nicht be­kom­men. Er fürch­tet, sich vor den Au­gen Pu­tins über­ge­ben zu müs­sen. Aber er be­herrscht sich – was er heu­te be­dau­ert.

In die­sem Stil ist die­ses Buch ge­schrie­ben. Da wird nicht nüch­tern mit hi­sto­ri­schen Ana­lo­gien ge­ar­bei­tet. Hier ist ein Re­por­ter-Ber­ser­ker am Werk, en­ga­giert, par­tei­isch bis auf die Kno­chen (so wür­de er es aus­drücken); sei­ne Ver­glei­che sind aus po­pu­lä­ren Me­di­en. Der Ton ist ru­sti­kal, was man mö­gen kann oder nicht. Da ist schon mal von »Zecken« die Re­de oder »Ab­schaum«; Na­wal­ny ist ei­ne »coo­le Socke« und ein rus­si­scher Agent ein »duss­li­ger FSB-Schafs­kopf«. Sween­ey, der Charles Bu­kow­ski des Jour­na­lis­mus.

Die an­ge­deu­te­ten Über­le­gun­gen über Pu­tins groß­rus­si­sche Am­bi­tio­nen bleibt der Au­tor hin­ge­gen schul­dig. Sein Ge­spräch mit Alex­an­der Dugin, dem Chef­ideo­lo­gen des Kreml, bleibt frucht­los. Deu­tun­gen von Pu­tins Cha­rak­ter wer­den ad­di­tiv von ver­schie­de­nen Ex­per­ten auf­ge­bracht und ge­hen manch­mal wie­der ins Spe­ku­la­ti­ve (et­wa, ob er als Kind miss­braucht wur­de) oder ob er nicht doch ein un­ehe­li­cher Sproß ist.

Sween­eys Buch ist sehr ak­tu­ell; er schloß erst im Mai oder Ju­ni. Im­mer wie­der flech­tet er re­por­ter­ähn­lich sei­ne Ein­drücke ein, be­rich­tet von Ein­zel­schick­sa­len. Viel­leicht hät­te er da­bei blei­ben sol­len.

Catherine Belton: Putins Netz

Ca­the­ri­ne Bel­ton: Pu­tins Netz

Der Kon­trast

Der Kon­trast zu Sween­ey ist das Buch der bri­ti­schen Jour­na­li­stin Ca­the­ri­ne Bel­ton mit dem Ti­tel »Pu­tins Netz« (im Ori­gi­nal un­spek­ta­ku­lä­rer: »Putin’s Peop­le«). Es er­schien be­reits 2020 in Groß­bri­tan­ni­en und in deut­scher Über­set­zung im Fe­bru­ar, un­mit­tel­bar vor Aus­bruch des Krie­ges. Bel­ton, ein­sti­ge Re­por­te­rin u. a. für die Fi­nan­cial Times, hat jah­re­lang für die­ses Buch re­cher­chiert, zahl­rei­che Per­sön­lich­kei­ten aus dem en­ge­ren und er­wei­ter­ten Um­kreis von Wla­di­mir Pu­tin in­ter­viewt, Ab­trün­ni­ge wie Treue. Be­ru­hi­gend: Über Pu­tins se­xu­el­le Ori­en­tie­run­gen er­fährt man nichts.

Ins­ge­samt ent­hält das mehr als 700 Sei­ten dicke Buch 1728 End­no­ten; da­von zei­gen 252 Nach­wei­se aus an­ony­men Quel­len, d. h. Per­so­nen, die nicht ge­nannt wer­den woll­ten. Und den­noch gibt es zwei Per­so­nen, die im­mer wie­der zi­tiert wer­den und so et­was wie das Ge­rüst der Re­cher­chen bil­den. Da ist zum ei­nen Ser­gej Pu­gat­schow, »Mei­ster der ver­schlun­ge­nen Fi­nanz­ge­flech­te«, Pu­tins Ban­ker und »Graue Emi­nenz«, der plötz­lich stürz­te, nach Groß­bri­tan­ni­en ging, dort von den rus­si­schen Be­hör­den ge­richt­lich drang­sa­liert wur­de und jetzt in Frank­reich lebt. Und Wa­len­tin Ju­ma­schew, Jel­zins frü­he­rer Lei­ter der Prä­si­di­al­ver­wal­tung und seit 2007 Ehe­mann von Jel­zins Toch­ter Tat­ja­na. Bei­de hat­ten Pu­tin aus un­ter­schied­li­chen Grün­den zur Macht ver­hol­fen und, wie sie glaub­ten, be­ra­ten. Sie sind über­wäl­tigt und er­schrocken zu­gleich von der Ent­wick­lung ih­res Pro­te­gés. Pu­gat­schow wird von Bel­ton mehr als 400 Mal er­wähnt; nicht im­mer stim­men sei­ne Ein­schät­zun­gen mit de­nen an­de­rer Prot­ago­ni­sten über­ein, was auch her­aus­ge­ar­bei­tet wird.

Bel­ton li­stet zu­nächst Pu­tins Wer­de­gang auf. Die er­ste grö­ße­re Be­schäf­ti­gung er­folg­te als Ver­bin­dungs­of­fi­zier zwi­schen dem KGB und der Sta­si in Dres­den. Es war 1985, Pu­tin war 32, sprach blen­dend deutsch (was er vor­her ge­lernt hat­te). Er hat­te sich nach sei­nem Ju­ra-Stu­di­um beim KGB be­wor­ben und wur­de an­ge­nom­men und aus­ge­bil­det. Bel­ton wi­der­spricht der all­ge­mei­nen The­se, dass die fünf Jah­re, die Pu­tin in Dres­den ver­brach­te mit Aus­nah­me der DDR-Re­vo­lu­ti­on 1989 eher be­schau­lich wa­ren und ver­steift sie sich zu der The­se, das er un­ter an­de­rem an der Pla­nung und Or­ga­ni­sa­ti­on von Ter­ror-An­schlä­gen der deut­schen RAF be­tei­ligt war. Quel­le ist ein nicht ge­nann­ter Ex-Ter­ro­rist (und ir­gend­wie hofft man, dass die Quel­le nicht Pe­ter-Jür­gen Boock ist).

Al­li­an­zen mit der Ma­fia

Im Fe­bru­ar 1990 kehr­te Pu­tin nach Russ­land zu­rück. Er kam nach Le­nin­grad, der Stadt, die spä­ter wie­der St. Pe­ters­burg hieß, be­kam An­schluss an sei­nen ehe­ma­li­gen Ju­ra-Pro­fes­sor Ana­to­li Sobt­schak, der Ober­bür­ger­mei­ster der Stadt wer­den soll­te. Pu­tin wird ei­ner sei­ner As­si­sten­ten. Von nun an ent­wickelt Bel­ton ih­re Ver­ve, schleu­dert dem Le­ser Na­men, Ver­bin­dun­gen, Geld­sum­men, Or­ga­ni­sa­tio­nen um die Oh­ren, zeigt (und be­legt) die Ma­chen­schaf­ten nicht nur in Pe­ters­burg, son­dern auch par­al­lel in Mos­kau. Die Kämp­fe zwi­schen Pe­ters­bur­ger und Mos­kau­er KGB- bzw. FSB-Leu­te, die fa­ta­le Wirt­schafts­po­li­tik Jel­zins, der kurz zu­vor die So­wjet­uni­on mit ei­nem Fe­der­strich ent­sorgt hat­te. Wie­der war Pu­tin Zeu­ge, wie ein Sy­stem zu­sam­men­brach; sein Wort, dass das En­de der So­wjet­uni­on die größ­te geo­po­li­ti­sche Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts sei, wird im­mer wie­der zi­tiert.

Die Men­schen wur­den ar­beits­los, lit­ten Hun­ger, der Ru­bel ver­fiel, aber die Hilfs­gel­der ver­sicker­ten zwi­schen or­ga­ni­sier­tem Ver­bre­chen und kor­rup­ten Be­am­ten und Po­li­ti­kern. »Das war der Auf­takt zur Plün­de­rung des so­wje­ti­schen Staa­tes und auch der Auf­takt ei­nes Bünd­nis­ses zwi­schen dem KGB und der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, das sich für bei­de Sei­ten als vor­teil­haft er­wei­sen soll­te.« Par­al­lel ent­wickel­ten sich aus der kom­mu­ni­sti­schen Ju­gend­be­we­gung, dem Kom­somol, neue, jun­ge Un­ter­neh­mer; der be­rühm­te­ste ist wohl Mi­cha­el Cho­dor­kow­ski. Sie stürz­ten sich auf dem Roh­stoff­han­del – Öl, Gas, sel­te­ne Er­den, Dün­ge­mit­tel, Che­mie. Man grün­de­te ei­ge­ne Ban­ken, gab sich sel­ber Kre­di­te, ver­dien­te Un­sum­men im De­vi­sen­han­del, nutz­te Schlupf­lö­cher, ver­brach­te Ge­win­ne ins Aus­land.

Der Staat war der­art klamm, dass man von den neu­en Ty­coons Kre­di­te nahm und ih­nen zur Si­cher­heit An­tei­le an Öl- und Gas­un­ter­neh­men über­eig­ne­te. Als man nicht zah­len konn­te, gin­gen sie in den Be­sitz der Kre­dit­neh­mer für den Bruch­teil des rea­len Wer­tes über. »Das Land ge­hör­te den Olig­ar­chen. Der KGB schien sich in den Hin­ter­grund zu­rück­ge­zo­gen zu ha­ben.«

Ko­me­ten­haf­te Kar­rie­re in Mos­kau

Pu­tin agier­te zu­nächst in St. Pe­ters­burg, schmie­de­te Al­li­an­zen mit der Ma­fia, der »Tambow«-Gruppe und leg­te den Grund­stein für das, was man spä­ter »Si­lo­wi­ki« nann­te – Ex-KGBler und Ma­fio­si, die Dro­gen­schmug­gel be­trie­ben, den Ha­fen un­ter sich auf­teil­ten und Hilfs­gel­der ver­un­treu­ten (»Öl ge­gen Le­bens­mit­tel«). Als Sobt­schak 1996 hauch­dünn die Wie­der­wahl ver­pass­te, trat Pu­tin so­fort zu­rück und mach­te sich auf den Weg nach Mos­kau. Es be­gann ein ko­me­ten­haf­ter Auf­stieg. Zu­nächst als stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Lie­gen­schafts­ver­wal­tung stieg er nach noch nicht ein­mal zwei Jah­ren zum Chef des FSB auf. »Die Tat­sa­che, dass Pu­tin nur Oberst­leut­nant war und kein Ge­ne­ral, wur­de weg­ge­wischt – man be­zeich­ne­te ihn ein­fach als den er­sten zi­vi­len Chef des FSB.« Der Macht­kampf be­gann: Pu­tin mit sei­nen Pe­ters­bur­ger Clans, die Mos­kau­er Olig­ar­chen und die Jel­zin-Fa­mi­lie. 1998 droh­te Russ­land der Staats­bank­rott. Hin­zu kam, dass Jel­zins Al­ko­hol­pro­ble­me und Krank­hei­ten nicht mehr zu leug­nen wa­ren. Wer soll­te die Nach­fol­ge über­neh­men? Bel­ton schil­dert die In­tri­gen und Macht­kämp­fe im Hin­ter­grund wie ein Shake­speare-Dra­ma. Jel­zin wehr­te sich lan­ge ge­gen die­sen blas­sen Wla­di­mir Pu­tin, wur­de aber der­art be­ar­bei­tet, dass er ihn im Au­gust 1999 zum Mi­ni­ster­prä­si­den­ten er­nann­te und schließ­lich am 31.12. im Fern­se­hen zum Nach­fol­ger er­klär­te. Als er­ste Amts­hand­lung si­cher­te er Jel­zin und sei­ner Fa­mi­lie für die dro­hen­den Straf­ver­fah­ren ei­ne Am­ne­stie zu.

Auch Bel­ton un­ter­sucht die Ter­ror­an­grif­fe von 1999, 2002 und 2004, die Sween­ey als »schwar­ze Ope­ra­tio­nen« apo­stro­phiert, kommt je­doch zu kei­nem ein­deu­ti­gen Er­geb­nis. Die Be­weis­la­ge, dass der FSB der Ur­he­ber bei den Hoch­haus­an­schlä­gen war, hält sie für »dünn« – trotz Rja­san und der In­sze­nie­rung Pu­tins als »Ret­ter der Na­ti­on« und »rus­si­scher Ja­mes Bond« in den Me­di­en. Be­züg­lich des An­schlags auf das Thea­ter 2002 zi­tiert sie aus ei­nem Be­richt, nach­dem es sich um »das tra­gi­sche Schei­tern ei­ner Ver­schwö­rung« ge­han­delt ha­be, »die nicht nach Plan ge­lau­fen war«. Dem­nach »wur­de der An­griff auf das Thea­ter von Ni­ko­lai Pa­tru­schew, dem mür­ri­schen FSB-Chef, ge­plant, um Pu­tins Prä­si­dent­schaft wei­ter zu fe­sti­gen.« Die Gei­sel­nah­me von Bes­lan 2004 hat­te zur Fol­ge, dass Pu­tin we­ni­ge Ta­ge da­nach die Re­gio­nal­gou­ver­neurs­wah­len in Russ­land ab­schaff­te; das Land wur­de nun zen­tra­li­sti­scher.

Der Schwer­punkt des Bu­ches liegt je­doch auf die ver­wir­ren­den fi­nan­zi­el­len Trans­ak­tio­nen und Ver­flech­tun­gen der Olig­ar­chen und de­ren Wi­der­sa­cher, Pu­tins »Silowiki«-Clique. Nach au­ßen geht es zu­nächst öko­no­misch auf­wärts. Der ho­he Öl­preis hilft da­bei. Die Ein­nah­men spru­deln und trotz der Kor­rup­ti­on ent­steht so et­was wie ei­ne Mit­tel­schicht. Die Ren­ten­zah­lun­gen sind pünkt­lich. Pu­tin in­sze­niert sich als Ma­cher, wirbt um In­ve­sti­tio­nen aus dem Aus­land und ge­riert Russ­land als Frie­dens­na­ti­on mit west­li­cher Aus­rich­tung.

Die Jel­zin-Olig­ar­chen wer­den er­setzt

Im Hin­ter­grund fin­det je­doch tief­grei­fen­de Trans­for­ma­ti­on statt. Pu­tin be­ginnt suk­zes­si­ve Me­di­en und das ge­sam­te Ju­stiz­sy­stem un­ter der Kon­trol­le sei­ner Si­lo­wi­ki zu brin­gen. Und es geht um die Wirt­schaft, um Ga­z­prom, Ros­neft, Sib­neft, Jugansk oder Lu­koil, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Ir­gend­wann über­neh­men die »Si­lo­wi­ki« das Ru­der, scha­chern sich die Ver­mö­gen der Olig­ar­chen der Jel­zin-Jah­re zu, die über win­di­ge Steu­er­vor­wür­fe und kon­stru­ier­te Ver­ge­hen prak­tisch ent­eig­net wer­den – wenn sie Glück ha­ben. Aus ei­ner un­be­deu­ten­den Bank mit dem Na­men »Ros­si­ja« wur­de in kur­zer Zeit ein Mil­li­ar­den­in­sti­tut. Zur Not wer­den Ge­set­ze noch nach­träg­lich ver­än­dert – und die Ak­tio­nen der Olig­ar­chen (die sei­ner­zeit le­gal, wenn auch mo­ra­lisch ver­werf­lich wa­ren) plötz­lich zu kri­mi­nel­len Ak­ten. Mil­li­ar­den US-Dol­lar wan­dern in die Ta­schen von Pu­tins en­ge­rem Kreis. Cho­dor­kow­ski, dem auch po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen un­ter­stellt wur­den, wird so­gar ins Ar­beits­la­ger ge­schickt, sein Un­ter­neh­men Jukos zer­schla­gen und un­ter Pu­tins Leu­ten ver­teilt. Nach au­ßen stellt Pu­tin die Jukos-Sa­che als Aus­nah­me dar, um aus­län­di­sche In­ve­sto­ren nicht zu sehr ab­zu­schrecken.

Aber ei­ner nach dem an­de­ren wird ge­zwun­gen, sich den neu­en Macht­struk­tu­ren an­zu­pas­sen. Schließ­lich trifft es so­gar Ro­man Abra­mo­witch, der lan­ge noch hof­fen durf­te, ei­nen ei­ni­ger­ma­ßen an­ge­mes­se­nen Preis für sei­ne Un­ter­neh­men zu er­hal­ten. Die neu­en Olig­ar­chen wur­den auf un­be­ding­ten po­li­ti­schen Ge­hor­sam ver­gat­tert – das war die ein­zi­ge Be­din­gung. Das Pro­blem: Die Will­kür des Re­gimes – oh­ne Vor­war­nung und oh­ne Rechts­si­cher­heit kann der lu­xu­riö­se Sta­tus un­ter fa­den­schei­ni­gen Be­grün­dun­gen ab­erkannt wer­den. Nach au­ßen pro­pa­gier­te Pu­tin im­mer noch die markt­wirt­schaft­li­che Aus­rich­tung sei­nes Lan­des. Und, was schlimm ge­nug war, der We­sten war lan­ge be­reit, dies zu glau­ben.

2008 wa­ren die wich­tig­sten Wei­chen ge­stellt; Pu­tin und sei­ne Leu­te hat­ten nun frei­es Spiel. Ver­fas­sungs­ge­mäß war je­doch ei­ne wei­te­re Prä­si­dent­schaft nicht mehr mög­lich. Der eher schüch­ter­ne und bis­her kaum in Er­schei­nung ge­tre­te­ne Dmi­ti Med­we­dew wur­de nun zum Prä­si­den­ten ge­kürt – mit Pu­tin als Mi­ni­ster­prä­si­dent (der im rus­si­schen Sy­stem ei­gent­lich nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt). Kurz schien ei­ne kur­ze Tau­wet­ter­pe­ri­ode ein­zu­tre­ten; ins­be­son­de­re die Be­zie­hun­gen zu den USA soll­ten neu be­gin­nen. Als Med­we­dew 2011 er­klär­te, dass Pu­tin wie­der zu­rück auf den Prä­si­den­ten­po­sten kom­men soll, bre­chen ver­ein­zelt Un­ru­hen aus. Pu­tin, der den Zu­sam­men­bruch der DDR, die Re­vol­ten um den »Ara­bi­schen Früh­ling« und die so­ge­nann­ten »Far­ben­re­vo­lu­tio­nen« in der Ukrai­ne und Ge­or­gi­en vor Au­gen hat, ist alar­miert. Als er 2012 ge­wählt wird (mit ei­nem eher mä­ßi­gen Er­geb­nis von 64 Pro­zent), geht er här­ter ge­gen Kri­ti­ker vor und ver­schärft den Ton in der Au­ßen­po­li­tik, ins­be­son­de­re im Ver­hält­nis zur USA.

Ein­drucks­voll sind die Aus­füh­run­gen über Pu­tins Ein­fluß auf die Ukrai­ne und das Schei­tern der »Oran­ge­nen Re­vo­lu­ti­on« und von Juscht­schen­ko, der mit gro­ßen Hoff­nun­gen ins Prä­si­den­ten­amt ge­wählt wur­de (nach­dem er fast ver­gif­tet wor­den war). Mit ei­nem Gas­preis-Coup, den Juscht­schen­ko ak­zep­tie­ren muss­te (die Ukrai­ne stand vor dem Staats­bank­rott) kauf­te man sich in das po­li­ti­sche Sy­stem der Ukrai­ne ein. Bel­ton setzt die­ses Mo­sa­ik Stein­chen für Stein­chen zu­sam­men. Nach der Flucht des pro-rus­si­schen Prä­si­den­ten Ja­nu­ko­witsch durch die Pro­te­ste der Mai­dan-Be­we­gung 2014 griff Pu­tin mit der An­ne­xi­on der Krim und den »Volks­re­pu­bli­ken« im Don­bass das Ter­ri­to­ri­um der Ukrai­ne di­rekt an. Bel­ton lässt zwi­schen den Zei­len kei­nen Zwei­fel dar­an, dass dies erst der An­fang war.

Ein­fluss­nah­me in West­eu­ro­pa

Über Schwarz­geld­kas­sen wer­den un­ter an­de­rem po­li­ti­sche Par­tei­en und Grup­pie­run­gen im Aus­land un­ter­stützt, die sich als Ziel die Desta­b­li­sie­rung der EU vor­ge­nom­men ha­ben. Bel­ton ver­schweigt die­se wich­ti­ge Kom­po­nen­te rus­si­scher, pu­ti­nes­ker Po­li­tik nicht – im Ge­gen­teil: In Ita­li­en, Deutsch­land (AfD und Die Lin­ke wer­den ge­nannt), Öster­reich (FPÖ), Bul­ga­ri­en, Un­garn, Grie­chen­land und auch Groß­bri­tan­ni­en (Bre­x­it-Be­we­gung) wer­den und wur­den ex­tre­mi­sti­sche, EU-ab­leh­nen­de Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­stützt. Die In­fil­tra­ti­on des Kon­do­ner Fi­nanz­plat­zes durch Russ­land ist be­mer­kens­wert. Im Ge­gen­satz zu Sween­ey ver­zich­tet Bel­ton je­doch auf die po­li­ti­schen Ran­kü­ne in Groß­bri­tan­ni­en.

Ins­ge­samt folgt Russ­land da­mit ei­nem Mu­ster aus der So­wjet­uni­on, die, wie Bel­ton zeigt, fast bis zum Schluss kom­mu­ni­sti­sche Par­tei­en im Aus­land fi­nan­zi­ell un­ter­stütz­ten – selbst, als man sel­ber kaum noch Mit­tel hat­te. Das Ka­pi­tel über Trump und des­sen Kon­tak­te mit der rus­si­schen Un­ter­welt seit den 1900er Jah­ren ist in­for­ma­tiv, wirkt aber, als es um die Clin­ton-E-Mails und de­ren Ver­brei­tung geht, eher ein­sil­big. Man ist bis da­hin schlicht­weg von Bel­ton de­tail­rei­che­res ge­wöhnt.

Ein wei­te­rer Schwach­punkt des Bu­ches ist, dass vie­le zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Er­eig­nis­se in Pu­tins Russ­land über­gan­gen wer­den. We­der die Er­mor­dung von An­na Po­lit­kow­ska­ya noch der drei­ste Mord an Bo­ris Nem­zow – we­ni­ge Me­ter vom Kreml ent­fernt – fin­den Er­wäh­nung. Auch das Russ­land bei der Zahl der er­mor­de­ten Jour­na­li­sten ei­nen un­rühm­li­chen Platz ein­nimmt, er­fährt der Le­ser nicht. Bel­ton kon­sta­tiert, dass das rus­si­sche Volk mit sei­nem Prä­si­den­ten ir­gend­wann so et­was wie ei­nen »un­ge­schrie­be­nen Pakt« ein­ge­gan­gen sei. »Es ent­schied sich, die zu­neh­men­de staat­li­che Kor­rup­ti­on, die wach­sen­de will­kür­li­che Macht des FSB und al­ler Zwei­ge der Straf­ver­fol­gung über gro­ße wie klei­ne Un­ter­neh­men zu igno­rie­ren. Dass die Frei­heit der Me­di­en be­schnit­ten wur­de, küm­mer­te die Men­schen nicht, so­lan­ge ihr Ein­kom­men stieg, so­lan­ge fi­nan­zi­el­le Sta­bi­li­tät herrsch­te. Die Leu­te be­gan­nen zu le­ben wie ih­re eu­ro­päi­schen Nach­barn. Pu­tin und sei­ne KGB-Män­ner konn­ten an­schei­nend ins Ge­fäng­nis brin­gen, wen sie woll­ten, so­lan­ge die auf­stre­ben­de Mit­tel­schicht sich ei­nen jähr­li­chen Ur­laub in Län­dern wie der Tür­kei lei­sten konn­te.«

Katja Gloger: Putins Welt

Kat­ja Glo­ger: Pu­tins Welt

Die Fa­ma der NA­TO-Ost­erwei­te­rung

Geo­po­li­tisch misst Bel­ton der (fal­schen) The­se, dass die NA­TO-Ost­erwei­te­rung als Ver­spre­chen bei den Ver­hand­lun­gen zur deut­schen Ein­heit 1990 ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben könn­te, durch­aus Be­deu­tung bei – oh­ne dies de­zi­diert aus­zu­füh­ren. Ei­ne The­se, die be­son­ders in Deutsch­land noch po­pu­lär ist. So schlägt auch die Jour­na­li­stin und Aus­lands­kor­re­spon­den­tin Kat­ja Glo­ger in ih­rem 2017 er­schie­ne­nen Buch über »Pu­tins Welt« in die­se Ker­be. Zwar hät­te es kei­ne schrift­li­che Zu­sa­ge ge­ge­ben, aber die Äu­ße­run­gen des da­ma­li­gen ame­ri­ka­ni­schen Au­ßen­mi­ni­sters Ja­mes Baker, dass es kei­ne Er­wei­te­rung der NATO auch nur um« ei­nen Zoll« nach Osten ge­be, wird vor­ge­bracht. Lei­der zeigt sich die Au­torin in ih­rem strecken­wei­se gut les­ba­ren Buch hier nicht aus­rei­chend in­for­miert. In »Pu­tins rus­si­sche Welt« von Man­fred Qui­ring wird die­ser Aus­spruch Bakers rich­tig ein­ge­ord­net: Mit »Osten« war das Ge­biet der da­ma­li­gen DDR ge­meint, auf dem 1990 rund 400.000 so­wje­ti­sche Sol­da­ten sta­tio­niert wa­ren. Da­mit wur­de le­dig­lich zu­ge­sagt, dass kei­ne aus­län­di­schen Trup­pen vor ei­nem Ab­zug der So­wjets ein­rück­ten und po­ten­ti­el­le Kon­flik­te ver­mie­den wer­den. Qui­ring weist zu recht dar­auf hin, dass 1990 – al­so zum Zeit­punkt der Ver­hand­lun­gen über die deut­sche Ein­heit – kei­ne Er­wei­te­rung der NATO um ost­eu­ro­päi­sche Län­der hät­te vor­ge­nom­men oder aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, weil zum ei­nen die UdSSR und, vor al­lem, zum an­de­ren der War­schau­er Pakt be­stand und nie­mand zu die­sem Zeit­punkt auf den Ge­dan­ken kam, das sich dies in ab­seh­ba­rer Zeit än­dern soll­te. Dem­zu­fol­ge stand ei­ne Mit­glied­schaft Po­lens oder an­de­rer ost­eu­ro­päi­scher Län­der in die NATO gar nicht zur Dis­kus­si­on. Hin­zu kommt dann noch, dass Russ­land un­ter Pu­tin lan­ge Jah­re die­se The­ma­tik nie als pro­ble­ma­tisch an­ge­spro­chen hat­te. Schließ­lich han­delt es sich um sou­ve­rä­ne Na­tio­nen, die ih­re Bünd­nis­se selbst­be­stimmt aus­wäh­len.

Glo­ger sug­ge­riert, dass man Gor­bat­schow die Mög­lich­kei­ten, ein ge­mein­sa­mes »Haus Eu­ro­pa« zu er­schaf­fen, ver­wei­gert und ihm nicht »die Hand« ge­reicht ha­be. Sie be­zieht sich auf so­wje­ti­sche Vor­schlä­ge, die ein neu­tra­les, wie­der­ver­ei­nig­tes Deutsch­land ins Au­ge ge­fasst hat­ten. Für Kohl kam dies aus hi­sto­ri­schen Grün­den nie in­fra­ge; die Ge­fahr deut­scher »Son­der­we­ge« wä­re zu groß ge­we­sen. Die Ein­heit ha­be man sich am En­de er­kauft; Gor­bat­schow ha­be bet­teln müs­sen, um Geld zu er­hal­ten und die Staats­plei­te zu ver­mei­den. Sei­ne vi­sio­nä­ren Plä­ne hat­te man, so die The­se, der Macht­po­li­tik ge­op­fert.

Manfred Quiring: Putins russische Welt

Man­fred Qui­ring: Pu­tins rus­si­sche Welt

2001 im Reichs­tag: »Hö­he­punkt der Täu­schung und Selbst­täu­schung«

Ja, die­se Vor­gän­ge wie auch der Ab­zug der Sol­da­ten aus der DDR mag für die ehe­ma­li­ge »Sie­ger­macht« »de­mü­ti­gend und un­ge­recht« zu­ge­gan­gen sein (so Lew Ko­pe­lew) und Qui­ring kon­sta­tiert, die Ein­heit sei aus heu­ti­ger Sicht ein »Schnäpp­chen« ge­we­sen (Deutsch­land be­zahl­te ins­ge­samt rund 20 Mil­li­ar­den DM). Dies sei je­doch nicht der deut­schen Po­li­tik an­zu­la­sten, son­dern dem jahr­zehn­te­lan­gen Miss­ma­nage­ment der So­wjet­uni­on. Wie fra­gil die La­ge war, zeig­te sich 1991 im Putsch ge­gen Gor­bat­schow. Man kann ver­mu­ten, dass un­ter Jel­zin die Ver­hand­lun­gen an­ders ge­lau­fen wä­re, ob­wohl der Nie­der­gang der rus­si­schen Wirt­schaft im­mer wie­der droh­te. En­de der 1990er Jah­re, so schreibt Qui­ring, hat­ten die USA noch 3 Mil­li­ar­den US-Dol­lar be­reit­ge­stellt, da­mit die in der Ukrai­ne sta­tio­nier­ten so­wje­ti­schen Atom­waf­fen si­cher in rus­si­sche Hand ka­men.

Pro­ble­ma­tisch bei Glo­ger sind die na­he­zu ha­gio­gra­phi­schen Ka­pi­tel über An­ge­la Mer­kel, die als »Welt­kanz­le­rin« vor­ge­stellt wird und, heißt es, Pu­tin als Ein­zi­ge ein­he­gen kön­ne, was nicht zu­letzt an ih­ren Rus­sisch-Kennt­nis­sen lie­ge. Der Schwar­ze Pe­ter be­kommt von ihr der SPD-Ko­ali­ti­ons­part­ner, die Be­schwich­ti­ger Stein­mei­er und Platz­eck. Die Gas­ab­hän­gig­keit ha­be in den 2000er Jah­ren mit Schrö­der grö­ße­re Aus­ma­ße an­ge­nom­men, so Glo­ger, die im Buch in ei­ner End­no­te ei­ne dies­be­züg­li­che Äu­ße­rung von An­ge­la Mer­kel in der FAZ wie­der­gibt. Da­bei hät­te ei­ne ein­fa­che Re­cher­che­lei­stung ge­nügt um fest­zu­stel­len, dass die Men­ge der Gas­lie­fe­run­gen aus Russ­land un­ter der Kanz­ler­schaft Mer­kels noch ein­mal deut­lich zu­ge­nom­men ha­ben und, wä­re Nord Stream 2 ans Netz ge­gan­gen, noch grö­ßer ge­wor­den wä­re.

Qui­ring räumt mit der The­se der suk­zes­si­ven Ra­di­ka­li­sie­rung Pu­tins seit den 2000er Jah­ren auf. So sei sei­ne da­mals viel­be­ach­te­te, in deutsch vor­ge­tra­ge­ne Re­de vor dem Deut­schen Bun­des­tag, in der er Russ­land als Hort von Frie­den und Sta­bi­li­tät vor­stell­te und der na­he­zu al­le Ab­ge­ord­ne­ten elek­tri­siert ha­be, der »Hö­he­punkt der Täu­schung und Selbst­täu­schung« ge­we­sen, ei­ne Mei­ster­lei­stung der Ab­len­kung. Pu­tin zog als ehe­ma­li­ger KGB-Agent al­le Re­gi­ster. Die groß­rus­si­schen Plä­ne hät­te er, so die The­se, auch da­mals schon ge­habt – nur die Ge­le­gen­hei­ten noch nicht.

Oliver Stone: Die Putin-Interviews

Oli­ver Stone: Die Pu­tin-
In­ter­views

Si­de­kick Oli­ver Stone

Wäh­rend in Ber­li­ner Re­gie­rungs­stu­ben noch vom Tech­no­lo­gie­trans­fer mit Mos­kau ge­träumt wur­de, skiz­ziert Qui­ring 2017 die rus­si­sche hy­bri­de Kriegs­füh­rung ge­gen den We­sten – Des­in­for­ma­tio­nen, nütz­li­che Idio­ten, Trol­le in so­zia­len Netz­wer­ken und Kreml-Ver­ste­her. Zu letz­te­ren ge­hört auch der streit­ba­re ame­ri­ka­ni­sche Re­gis­seur Oli­ver Stone, der zwi­schen Ju­li 2015 und Fe­bru­ar 2017 an ins­ge­samt neun Ta­gen den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin in­ter­view­te. Dar­aus ent­stand ein vier­stün­di­ger Film und ein 350 Sei­ten star­kes Buch mit den »voll­stän­di­gen Ab­schrif­ten«.

Stone über­zieht Pu­tin mit Schmei­che­lei­en, sieht in na­he­zu al­len Hand­lun­gen ame­ri­ka­ni­scher Po­li­ti­ker von Roo­se­velt bis Oba­ma (Trump war im Fe­bru­ar 2017 noch zu frisch im Amt), Schul­di­ge und stei­gert sich bis­wei­len der­art in Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, dass Pu­tin sich ein­mal ge­zwun­gen sieht, ihn zu bit­ten, ihn »nicht in ei­nen An­ti­ame­ri­ka­nis­mus hin­ein­zu­zie­hen«. Ins­be­son­de­re zu Be­ginn wirkt Pu­tin ge­mä­ßig­ter als der Pol­ter­geist Stone, der im­mer und über­all ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­dien­ste als Un­heil­brin­ger wit­tert. Durch­gän­gig spricht Pu­tin in Be­zug auf die USA von »Part­nern« oder »Freun­den«. Im Lau­fe der Zeit holt er al­ler­dings durch­aus zu Vol­ten aus, ent­deckt in ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en »Ge­hirn­wä­sche«, un­ter­stellt den USA ei­ne »im­pe­ria­li­sti­sche Lo­gik« (im Ge­gen­satz zu Russ­land) und ver­steift sich auf die Aus­sa­ge, dass man Russ­land de­sta­bi­li­sie­ren wol­le. Na­tür­lich wa­ren die USA auch die Ur­he­ber der »Ukrai­ne-Kri­se«. Die NATO ist für Pu­tin ein »Rest­or­ga­nis­mus« aus dem Kal­ten Krieg. Na­tür­lich wird auch das Mär­chen des Wort­bruchs der NA­TO-Ost­erwei­te­rung ge­pflegt. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Na­tio­nen, die der NATO neu bei­getre­ten sind, wird als »My­thos« ab­qua­li­fi­ziert. Die USA ha­be, so Pu­tin, kei­ne Ver­bün­de­ten auf glei­cher Au­gen­hö­re, son­dern »Va­sal­len« (Stone stimmt na­tür­lich zu).

An­ge­spro­chen auf die Be­ein­flus­sung des US-Wahl­kampfs 2016 weist Pu­tin je­de Schuld von sich, wo­bei Si­de­kick Stone ihn fast be­schwört, auf die Vor­wür­fe im De­tail ein­zu­ge­hen, um sie schließ­lich da­mit zu ent­kräf­ten.

Stones Be­flis­sen­heit ist bis­wei­len pein­lich, ins­be­son­de­re bei sei­nen zahl­rei­chen Feh­lern. Et­wa, et­wa wenn er Pu­tin dar­auf an­spricht, dass er ex­tra für ei­nen Be­such in Gua­te­ma­la fran­zö­sisch ge­lernt ha­be (kein Wi­der­spruch). Re­le­van­ter ist Stones Hom­mage an Pu­tins Re­gent­schaft von 2000–2008. Er, Pu­tin, ha­be un­ter an­de­rem be­wäl­ti­gen müs­sen, dass »die Ukrai­ne sich von Russ­land los­lö­sen« und aus der »Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on« aus­tre­ten woll­te. Pu­tin kor­ri­giert auch die­sen Un­sinn nicht – das macht er nur, wenn Stone die In­fla­ti­ons­ra­te um 0,1% zu schlecht dar­stellt.

Man­che von Pu­tins em­pi­ri­schen Feh­ler wer­den in den End­no­ten kor­ri­giert (et­li­che Aus­sa­gen von ihm er­fah­ren auch »Be­kräf­ti­gung« – häu­fig mit Be­le­gen von zwei­fel­haf­ten Me­di­en und prä­gnan­ten The­sen wie die Be­zeich­nung für Gad­da­fi als »stand­haf­ter Ver­tei­di­ger sei­nes Lan­des«), an­de­re – et­wa Pro­pa­gan­da­aus­sa­gen – blei­ben un­wi­der­spro­chen. Et­wa wenn der Gift­an­griff auf den ukrai­ni­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Jutscht­schen­ko als Be­haup­tung ab­ge­wie­gelt wird, so ha­be sich der Mann sel­ber mit Di­oxin ver­gif­tet. Oder wenn Pu­tin meint, die USA hät­ten – im Ge­gen­satz zu Russ­land in Sy­ri­en – da­mals in Viet­nam »ge­gen die Re­gie­rung« ge­kämpft. Ab und zu wi­der­spricht sich Pu­tin sel­ber, bei­spiels­wei­se wenn er die Zahl der rus­si­schen Streit­kräf­te mit 1,2 Mil­lio­nen Sol­da­ten an­gibt und da­von spricht, dass man noch 1 Mil­li­on »neu­er Sol­da­ten« brau­che aber spä­ter dann an­gibt, die Streit­kräf­te re­du­zie­ren zu wol­len.

Die Schuld des Lamms

Zwar spricht Stone vie­le heik­len The­men an (Ukrai­ne, Sy­ri­en, Ver­hält­nis zur USA). An­de­re kom­men nicht vor – die Drang­sa­lie­rung der Op­po­si­ti­on, die Jour­na­li­sten­mor­de, der Tod Nem­zows. Pu­tin be­kommt Ge­le­gen­heit sei­ne Agen­da ab­zu­spu­len; Stone hat dem we­nig ent­ge­gen­zu­set­zen. Er lässt sich ab­spei­sen, als es zum Bei­spiel um die An­ne­xi­on der Krim geht (Pu­tin be­zieht sich hier auf das Re­fe­ren­dum, ver­schweigt je­doch die Vor­ge­schich­te) oder um den Sturz von Ja­nu­ko­witsch 2014, den er schlicht­weg als Staats­streich be­zeich­net. Die Droh­ge­bär­den Russ­lands ge­gen die Ukrai­ne im Vor­feld wer­den igno­riert. Ent­we­der weiß Stone da­von nichts, oder er will es nicht wis­sen, weil er so­wie­so über­all die USA bzw. den CIA als Ur­he­ber aus­macht. Von Kriegs­ver­bre­chen in Tsche­tsche­ni­en und spä­ter Sy­ri­en scheint er auch nichts mit­be­kom­men zu ha­ben; Pu­tins Lei­er­ka­sten­re­de, dass man mit As­sad den »le­gi­ti­men Ver­tre­ter« Sy­ri­ens auf des­sen Wunsch hin un­ter­stütz­te, wird un­wi­der­spro­chen ak­zep­tiert. Er schmei­chelt Pu­tin so­gar noch, in dem er be­haup­tet, dass die­ser Oba­ma in Sy­ri­en »die Haut« ge­ret­tet ha­be und preist die »Rück­erobe­rung von Alep­po« durch das rus­si­sche Mi­li­tär, was zu ei­ner schwer aus­zu­hal­ten­den Sua­da Pu­tins über sei­ne Frie­dens­mis­si­on in Sy­ri­en führt. Zwar be­fragt Stone Pu­tin hin­sicht­lich des Staats­mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus – aber der Be­frag­te weiß ge­schickt, die Mär von der »Markt­wirt­schaft« Russ­lands aus­zu­brei­ten.

Nur sel­ten bröckelt kurz die Fas­sa­de. Als Stone mehr­fach in­si­stie­rend fragt, ob Russ­land hin­ter den Hacker­an­grif­fen stecke und nach Be­wei­sen fragt, »die Russ­land zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­brin­gen könn­te«, kon­tert Pu­tin viel­sa­gend: »Es gibt zu­min­dest kei­ne Be­wei­se da­für, dass wir die Schul­di­gen sind.« Die Ge­ras­si­mow-Dok­trin sind Stone ver­mut­lich nicht be­kannt – sonst hät­te er dies in sei­ne Fra­gen zum Cy­ber­kom­plex ein­flech­ten kön­nen. Pu­tins Ge­sprächs­füh­rung ist von ho­her Pro­fes­sio­na­li­tät: er wech­selt zwi­schen be­schei­den (was der Sta­tus als »Su­per­macht« an­geht), jo­vi­al, selbst­be­wusst (»Russ­land ist ein aut­ar­kes Land«) und rup­pig (Russ­land müs­se sich »vor niemandem…rechtfertigen«). Manch­mal wird er fast weh­lei­dig, et­wa wenn er jam­mert, dass die »Part­ner« ihm In­for­ma­tio­nen vor­ent­hal­ten oder ein­fach nicht ihm re­den wol­len.

Ein hu­mo­ri­sti­scher Ein­schub Pu­tins be­kommt nach­träg­lich noch ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung. Er zi­tiert ei­ne Fa­bel des rus­si­schen Dich­ters Iwan Kry­low. Es geht um ei­nen Dia­log zwi­schen ei­nem Wolf und ei­nem Lamm. »Das Lamm wehrt sich ge­gen al­le Vor­wür­fe des Wolfs und weist er­folg­reich die Schuld von sich. Als dem Wolf dann die Ar­gu­men­te aus­ge­hen, be­en­det er die Dis­kus­si­on, in dem er sagt: ‘Lie­bes Lamm, dei­ne ein­zi­ge Schuld ist, dass ich dich ver­zeh­ren will.’ « Die Re­plik Pu­tins wird der in ecki­gen Klam­mern ge­setz­ten Be­mer­kung »Ge­läch­ter« be­en­det.

Stone ist hi­sto­risch und in­tel­lek­tu­ell Pu­tin nicht ge­wach­sen. Er fei­ert sei­nen Scoop. Sei­ne Schmei­che­lei­en die­nen nicht da­zu, Pu­tin aus der Re­ser­ve zu locken. Der zeit­hi­sto­ri­sche Wert der In­ter­views ist be­grenzt, da Pu­tin sei­ne all­seits be­kann­ten Pro­pa­gan­da-Li­ni­en nur sehr sel­ten ver­lässt.

Heinemann-Grüder/Crawford/Peters: Lehren aus dem Ukrainekonflikt

Hei­ne­mann-Grü­der/­Craw­for­d/­Pe­ters: Leh­ren aus dem
Ukrai­ne­kon­flikt

Raum für die Wis­sen­schaft

Da­nach ist es drin­gend not­wen­dig, sich den Pro­ble­men wie­der sy­ste­ma­tisch zu nä­hern. Da­bei hilft ein Band, der kurz vor dem rus­si­schen Ukrai­ne-Feld­zug er­schie­nen ist. Er trägt den sper­ri­gen wie miss­ver­ständ­li­chen Ti­tel »Leh­ren aus dem Ukrai­ne­kon­flikt«, er­schien im klei­nen Ver­lag Bar­ba­ra Bud­rich und ist her­aus­ge­ge­ben von An­dre­as Hei­ne­mann-Grü­der, Clau­dia Craw­ford und Tim B. Pe­ters. Tat­säch­lich wird sug­ge­riert, dass der »Ukrai­ne­kon­flikt« zum Zeit­punkt der Nie­der­schrift der Tex­te (ver­mut­lich En­de 2020; in ei­ni­gen wird der letz­te Berg­ka­ra­bach-Krieg noch ein­ge­ar­bei­tet) ir­gend­wie ab­ge­schlos­sen war, was na­tür­lich nicht stimm­te.

Glück­li­cher­wei­se spre­chen die zwölf Auf­sät­ze ei­ne an­de­re Spra­che. Zu­nächst un­ter­sucht An­dre­as Hei­ne­mann-Grü­der die un­ter­schied­li­chen Er­klä­rungs­mu­ster für die rus­si­sche An­ne­xi­ons- und Desta­b­li­sie­rungs­po­li­tik 2014 – Krim und Don­bass nebst Eta­blie­rung der bei­den »Volks­re­pu­bli­ken«. Die vier auf­ge­führ­ten Ma­kro­er­klä­run­gen er­kennt man leicht wie­der, wenn es um die Er­eig­nis­se seit dem 24.02.2022 geht. Of­fen­si­ve wie de­fen­si­ve so­ge­nann­te Rea­li­sten, die im we­sent­li­chen Russ­land als po­ten­ti­el­le Groß­macht se­hen und ent­schul­di­gen (»ku­mu­la­ti­ve Ent­täu­schung« über den We­sten; Über­nah­me des rus­si­schen Be­dro­hungs­nar­ra­tivs), tref­fen auf si­tua­ti­ve Deu­ter, die in den aus­blei­ben­den Re­ak­tio­nen des We­stens auf die Ag­gres­si­on in Ge­or­gi­en ei­ni­ge Jah­re zu­vor ei­ne Er­mu­ti­gung Pu­tins sa­hen. Die Un­ru­hen in der Ukrai­ne spiel­ten Russ­land in die Hän­de. Zu­dem gibt es Kreml-Deu­ter, die glau­ben, dass Pu­tin aus in­nen­po­li­ti­schen »Le­gi­ti­ma­ti­ons­zwän­gen« ge­han­delt ha­be. Meist wird ei­ne »Ra­di­ka­li­sie­rungs­dy­na­mik« des rus­si­schen Re­gimes kon­sta­tiert.

Die Re­ak­tio­nen des We­stens (hier stets als nor­ma­ti­ver Be­griff ver­stan­den, nicht als geo­gra­phi­scher Zu­ord­nung) auf die völ­ker­recht­li­chen Ver­let­zun­gen der Ukrai­ne sind sehr un­ter­schied­lich. Deutsch­land setzt auf die ent­span­nungs­po­li­ti­sche Kar­te, be­müht »Wan­del durch An­nä­he­rung« bzw. »Wan­del durch Han­del«. Vie­le ost­eu­ro­päi­sche Län­dern in­des be­vor­zu­gen Ein­däm­mungs- und Ab­schreckungs­me­cha­nis­men bis hin zum Re­gime­wech­sel in Russ­land. Letz­te­res ist, dar­in be­steht kein Zwei­fel, kaum im In­ter­es­se in der USA, weil da­mit die Ge­fahr droht, dass in ei­nem zer­fal­len­den Russ­land die Kon­trol­le über die Nu­kle­ar­waf­fen ver­lo­ren ge­hen könn­te. Pu­tins Re­den über die Ab­sicht der USA in die­ser Hin­sicht (sie­he auch bei Stone) sind schlicht­weg falsch.

Stra­te­gisch un­ter­ent­wickel­te Ak­teu­re

Ste­fan Mei­ster un­ter­sucht die deutsch-rus­si­schen Be­zie­hun­gen. Ber­lin tre­te da­bei als »An­walt Mos­kaus in der EU« auf, des­sen ko­ope­ra­ti­ver An­satz im Gro­ßen und Gan­zen ins Lee­re ver­lau­fe. Nach 2014 ha­be man als »in­kon­se­quen­ter Ak­teur« agiert – Sank­tio­nen ei­ner­seits, Nord Stream 2 an­de­rer­seits. Im Kreml hin­ge­gen sei Deutsch­land nur als Wirt­schafts­sub­jekt von In­ter­es­se. In zwei wei­te­ren Auf­sät­zen von Wolf­ram Hilz und An­dré Här­tel wer­den die au­ßen- und geo­po­li­ti­schen Mög­lich­kei­ten und Hand­lun­gen der EU ein­ge­hend be­leuch­tet. Die Re­sul­ta­te fal­len nicht sehr schmei­chel­haft aus. Er­geb­nis­se ste­hen in star­kem Kon­trast zur voll­mun­di­gen Rhe­to­rik aus Brüs­sel. 2014 wa­ren die In­sti­tu­tio­nen der EU nicht hand­lungs­fä­hig; es gab statt­des­sen tri­la­te­ra­le Tref­fen (Frank­reich, Deutsch­land, Po­len) und spä­ter das so­ge­nann­te »Nor­man­die-For­mat« (Deutsch­land und Frank­reich mit Ukrai­ne und Russ­land). Die EU sei, so Här­tel, ein »stra­te­gisch un­ter­ent­wickel­ter Ak­teur«, der al­len­falls mit fi­nan­zi­el­len Zu­wen­dun­gen zu zi­vi­len Pro­jek­ten in in­ner­staat­li­che Ent­wick­lun­gen (hier: in der Ukrai­ne) ein­grei­fen kann.

Für Igor Grets­ky ist Russ­land ei­ne »Pe­tro­kra­tie«, weil man sehr stark am Öl­preis, dem wich­tig­sten Ex­port­gut, ab­hän­ge. Pu­tins »gu­te Jah­re« hän­gen mit den Ver­viel­fa­chung des Welt­markt­prei­ses zu­sam­men; als die­ser zu­rück­ging, sta­gnier­te die durch Kor­rup­ti­on un­ter­wan­der­te Wirt­schaft. So­zio­lo­gisch stellt er fest, dass die Mehr­heit der ab 55jährigen die im­pe­ria­li­sti­sche Po­li­tik Pu­tins un­ter­stüt­zen – sie stel­len auch das Haupt­kon­tin­gent der Fern­seh­kon­su­men­ten und ha­ben noch Er­in­ne­run­gen an die So­wjet­zeit, die bis­wei­len ver­klärt wird. Die seit 2020 ver­stärkt auf­kom­men­den Dro­hun­gen Pu­tins und sei­ner Re­gie­rung, Russ­land not­falls mit Atom­waf­fen zu ver­tei­di­gen, be­wer­tet die­se Be­völ­ke­rungs­grup­pe als be­son­de­re Stär­ke. Ge­ra­de­zu pro­phe­tisch die Aus­sa­ge, dass die Re­pres­si­on im In­ne­ren Russ­lands noch zu­neh­men wird.

In­ter­es­sant der Auf­satz von Hei­ne­mann-Grü­der und Ole­na Shev­chyk über die sechs so­ge­nann­ten »De-fac­to-Re­gime« auf dem Ge­biet der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on: Ab­cha­si­en, Süd-Os­se­ti­en (»Ala­nia«), Trans­ni­stri­en, Na­gor­nyj Ka­ra­bach (Arzach) so­wie die bei­den Don­bass-Volks­re­pu­bli­ken, die, al­le­samt als Pro­vi­so­ri­en er­schei­nend, er­staun­lich lan­ge hal­ten (die mei­sten wer­den di­rekt oder in­di­rekt von Mos­kau ali­men­tiert). Not­wen­dig ins­be­son­de­re für Kreml-Adep­ten der prä­zi­se Auf­satz von Ma­ria­na Bud­je­r­yan und An­dre­as Um­land über Russ­lands Bruch des Bu­da­pe­ster Me­mo­ran­dums.

Wäh­rend Hein­rich Brauß und Er­hard Büh­ler die neu­en Her­aus­for­de­run­gen und Hand­lun­gen der NATO seit 2015 do­ku­men­tie­ren, lie­fert Alex­an­der Hug ei­nen Ein­blick in die OSZE-Mis­si­on im Don­bass (ge­nau: OSZE SMM). Die Klein­tei­lig­keit und Ge­duld, die hier er­for­der­lich ist, er­zeugt beim Le­ser Be­wun­de­rung für die­je­ni­gen, die sich dem aus­set­zen. Hug spart nicht mit Kri­tik und kri­ti­siert die feh­len­de »po­li­ti­sche Rücken­deckung« der Teil­neh­mer­staa­ten für die Mis­si­on, die bis zum Des­in­ter­es­se geht. Zur Er­in­ne­rung: Die OSZE ist bzw. war der ein­zi­ge mul­ti­la­te­ra­le Be­ob­ach­ter, nach­dem die EU sich hier ver­ab­schie­det hat­te. Aus pol­ni­scher Sicht kom­men­tiert Lu­ka­sz Adam­ski den Ukrai­ne­kon­flikt, wo­bei er das Wort in An­füh­rungs­zei­chen setzt. Mit rund 13.000 To­ten sei hier ein Krieg im Gan­ge; »Kon­flikt« hält er für ei­nen Eu­phe­mis­mus. Des Wei­te­ren ver­wen­det er die Be­zeich­nung »rus­sisch-ukrai­ni­scher Krieg« statt auf die Ukrai­ne al­lei­ne zu fo­kus­sie­ren.

Rai­ner Schwalb kom­men­tiert in sei­nem Auf­satz über das mi­li­tä­ri­sche Kon­flikt­ma­nage­ment Ver­säum­nis­se. So weist er auf die doch ins­ge­samt eher mil­den Sank­tio­nen der EU hin (die sich, wie man vor­her lern­te, von de­nen der USA un­ter­schei­den). Sank­tio­nen soll­ten, so Schwalb, »ziel­ori­en­tiert, po­li­tisch wirk­sam und an­ge­mes­sen sein und sie müs­sen in ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Ge­samt­stra­te­gie ein­ge­bet­tet sein, an­dern­falls blei­ben sie wir­kungs­los und wer­den le­dig­lich als Be­stra­fung an­ge­se­hen«. Es soll­te auch ab­ge­stuf­te »Be­loh­nun­gen« ge­ben. Die OSZE-Mis­si­on be­wer­tet Schwalb ab Früh­jahr 2015 als sinn­los; zu ein­ge­schränkt und un­ter­be­setzt sei­en die Kon­trol­leu­re ge­we­sen. Fer­ner wird die ra­sche Be­en­di­gung der Mi­li­tär­kon­tak­te zwi­schen der NATO und Russ­land als fun­da­men­ta­ler Feh­ler be­zeich­net. Auch dass man von Sei­ten der NATO früh­zei­tig mi­li­tä­ri­sches Ein­grei­fen aus­ge­schlos­sen ha­be, sei un­ge­schickt ge­we­sen. Schwalb hat, was die stra­te­gi­sche Aus­rich­tung des We­stens an­geht, hier zwei­fel­los ei­nen Punkt. Aber ein di­rekt mi­li­tä­ri­sches Ein­grei­fen der NATO war und ist aus­ge­schlos­sen, weil da­mit das Bünd­nis so­fort Kriegs­par­tei wä­re.

Ex­port­gut Angst

Die Auf­sät­ze der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler und Mi­li­tärs im Band sind durch­weg gut les­bar und von frei von sprach­li­chem Kau­der­welsch. Am En­de fasst Hei­ne­mann-Grü­der noch ein­mal die Si­tua­ti­on zu­sam­men – die sich ku­rio­ser­wei­se nicht ver­än­dert, son­dern nur ver­schärft hat: Russ­land ha­be sich be­reits un­ter Jel­zin in den 1990er-Jah­ren wie­der als Reich, als Im­pe­ri­um, und nicht als Na­tio­nal­staat de­fi­niert. Pu­tin ha­be das »rus­si­sche Ver­sailles-Syn­drom« in die Ge­sell­schaft im­plan­tiert und grün­det dar­auf sei­ne An­sprü­che. Kei­nen Zwei­fel gibt es, dass auch die Ukrai­ne Feh­ler be­gan­gen ha­be; es wird aus­drück­lich auf den schlech­ten öko­no­mi­schen Sta­tus hin­ge­wie­sen und die gras­sie­ren­de Kor­rup­ti­on. Na­tür­lich recht­fer­tigt dies in kei­ner Wei­se die rus­si­sche Kriegs­po­li­tik.

Man­fred Qui­ring schreibt an ei­ner Stel­le, das wich­tig­ste Ex­port­gut Russ­lands sei nicht Öl oder Gas, son­dern »Angst« – die Angst des We­stens, ge­nau­er: der Be­völ­ke­rung des We­stens vor ei­nen ato­mar be­waff­ne­ten Russ­land, vor ei­nem »Welt­krieg«. Die rhe­to­ri­schen Wort­ge­wit­ter aus Mos­kau ha­ben nach dem Ukrai­ne-Feld­zug noch zu­ge­nom­men; im Staats­fern­se­hen er­götzt man sich an Droh­ge­bär­den ge­gen­über dem We­sten und äugt auf die Re­ak­tio­nen.

Was man nicht un­be­dingt er­war­ten konn­te: Russ­lands Schul­ter­schluss mit dem au­to­ri­tä­ren, in Be­zug auf Tai­wan eben­falls im­pe­ria­li­sti­schen Chi­na. Jetzt ver­dingt sich das roh­stoff­rei­che aber an­son­sten öko­no­misch eher zu­rück­ge­blie­be­ne Russ­land als En­er­gie­lie­fe­rant Chi­nas. Auch In­di­en, die größ­te De­mo­kra­tie der Welt, ori­en­tiert sich nicht nur im Rah­men des BRICS-Ver­bunds mehr Rich­tung Russ­land und Chi­na. Rea­li­sten se­hen dies mit Be­sorg­nis, zu­mal die Eu­ro­päi­sche Uni­on als geo­po­li­ti­scher Ak­teur wei­ter aus­fal­len wird. Ins­ge­samt hat sich der We­sten zu lan­ge im Spie­gel sel­ber be­wun­dert; der Sün­den­fall der USA 2004, die mit Lü­gen be­grün­de­te In­va­si­on des Irak durch die USA, sitzt tief.

Wie die Po­li­ti­ker wa­ren auch die mei­sten Pu­bli­zi­sten, ins­be­son­de­re in Deutsch­land, na­iv und blau­äu­gig. Selbst nach der Krim-An­ne­xi­on und dem Don­bass-Krieg ab 2014 glaub­ten sie, Pu­tin ein­he­gen zu kön­nen – noch bei Glo­ger klingt dies an. Fast al­le un­ter­schätz­ten die groß­rus­si­sche Stra­te­gie der »Fö­de­ra­li­sie­rung der Ukrai­ne mit Mos­kau­er Ve­to­recht« (Ste­fan Mei­ster). Rück­wir­kend kommt es ei­nem vor wie ei­nen lan­gen Weg, den Pu­tin ziel­ge­rich­tet vor mehr als zwan­zig Jah­ren auf­ge­nom­men hat.

Da­her ist die Lek­tü­re der zeit­lich zu­rück­lie­gen­den Bü­cher durch­aus loh­nend. Man lernt, wie Pu­tins Russ­land so­wohl in­nen- wie au­ßen­po­li­tisch im­mer wei­ter an der Es­ka­la­ti­ons­spi­ra­le ge­dreht hat. Der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt ist der 24. Fe­bru­ar 2022. Ei­ne nach­hal­ti­ge Stra­te­gie des We­stens exi­stiert nicht; er kann nur auf den Ag­gres­sor re­agie­ren. Die Ukrai­ne wird mi­li­tä­risch un­ter­stützt, aber es wird un­ter­schie­den zwi­schen De­fen­siv- und Of­fen­siv­waf­fen – was in der Pra­xis kaum mög­lich ist. Frei­lich ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass die Ukrai­ne kein NA­TO-Mit­glied ist und in­so­fern auf das Good­will der füh­ren­den NA­TO-Län­der – ins­be­son­de­re na­tür­lich der USA – an­ge­wie­sen bleibt. Im Ge­gen­satz zu den west­li­chen Re­gie­rungs­chefs, die sich Wah­len zu stel­len ha­ben, braucht Pu­tin kei­ner­lei dies­be­züg­li­che Rück­sich­ten neh­men. So­lan­ge das Ge­schäft der Olig­ar­chen läuft (der Öl­preis hoch bleibt), kann er wei­ter Krieg füh­ren. Ei­ne zi­vi­le Op­po­si­ti­on exi­stiert in Russ­land nicht mehr; ih­re Prot­ago­ni­sten sind ent­we­der tot, im Exil oder im Ge­fäng­nis. Trü­be Aus­sich­ten.

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