Köl­ner Straße/Markenstraße

All die von der Kreu­zung ab­ge­hen­den Stra­ßen und die vie­len
Mög­lich­kei­ten des Ab­bie­gens, über­all Pfei­le, Schil­der, Men­schen und
Au­tos.

Der in ei­nem T‑Shirt auf ei­nem Pla­stik­stuhl sit­zen­de Mann, sei­ne
Lip­pen schnell und stumm be­we­gend, viel­leicht ein Ge­bet,
viel­leicht ei­nen Gruß spre­chend.

Die Schul­kin­der und ih­re zent­ner­schwe­ren Ruck­säcke; krum­me, nach
hin­ten ge­bo­ge­ne Rücken, Kau­gum­mi­schmatz­ge­räu­sche; aus Mün­dern
her­vor­tre­ten­de Bla­sen, ro­sa.

Ein auf dem Geh­weg par­ken­der E‑Scooter, ei­ne Mut­ter und ihr Sohn.
Das sich zum Len­ker strecken­de Kind und das lau­te Er­tö­nen der Rol­ler-Hu­pe;
zu­sam­men­zucken­de Kör­per, »Schluss jetzt!«

Die Un­ge­duld der Au­to­fah­rer und ih­re Äu­ße­run­gen dar­über in Form
von Hu­pen und Flu­chen. Her­un­ter­ge­kur­bel­te Fen­ster, Trans­por­ter und
Fahr­rä­der mit An­hän­gern; Kin­der­bring­zeit, über­all Ge­schrei.

Die hin- und her­zucken­den Bil­der des groß­for­ma­tig als Wer­be­flä­che
ge­nutz­ten LED-Bild­schirms, Times Squa­re Ober­bilk, New York
Düs­sel­dorf; kauft, kauft, sonst sind wir ver­lo­ren.

Die sich sta­peln­den Ki­sten der To­ma­ten, Gur­ken und Boh­nen beim
ge­gen­über­lie­gen­den Ge­mü­se­händ­ler und der Va­ter mit sei­nem
La­sten­rad und der ATOM­KRAFT-NEIN-DAN­KE-Flag­ge auf dem
Ge­päck­trä­ger.

STADTENTWÄSSERUNG, PIRATENUMZÜGE, YOUNG POET
SOCIETY; die Wer­bung und ih­re Täu­schung, ihr Ein­tausch der
Wahr­heit in ein Bild.

Die Kreu­zung als Ort, von dem sich stän­dig et­was ab­trennt, ewig sich
tei­len­de Men­schen­flu­ten, Dau­er­rau­schen.

Die To­ma­ten im An­ge­bot, so auch die Gur­ken; ein Mäd­chen in blau,
ein Jun­ge in ro­sa, we don´t need no edu­ca­ti­on.

Die ro­te Me­tall­um­klei­dung der Uhr und der un­ter­halb der Zeit­an­zei­ge
an­ge­brach­te Auf­ruf zur tem­po­rä­ren Leih­mög­lich­keit der Wer­be­flä­che;
die Zeit, ZU VERMIETEN.

»Gu­ten Mor­gen«, »Sa­baho alk­heir«, صباح الخير und ein plötz­lich vom
Kaf­fee­tisch auf­sprin­gen­der Mann, der ein auf der Kreu­zung
ste­hen­ge­blie­be­nes Au­to weg­schiebt.

SCHEIBENREPARATUR, SCHEIBENAUSTAUSCH, INKL.
SCHEIBENREINIGUNG, das Spiel der Wer­bung mit den
Wie­der­ho­lun­gen, Schei­be, Schei­be, Schei­be.

Die sich stän­dig in das Ge­sche­hen ein­schal­ten­de LED-Wer­be­ta­fel, der
vor­bei­ra­deln­de Mann mit gel­bem Schuh und das im­mer­glei­che
Stillle­ben auf den Ca­fé­ti­schen: Kaf­fee, Zucker, Zi­ga­ret­ten, Han­dy.

KATASTROPHEN VORBEUGEN, »so Gott will«, »Ins­hal­la«,
إن شاء الله, »mein Lie­ber«, »Ha­bi­bi, حبيبي, WEIL UNSERE KINDER
EINEN FAIREN PLANETEN VERDIENEN.

Ein plötz­lich laut auf­brau­sen­des Au­to, FAIRVENTURES.ORG,
WIND & VIBES, sich auf der Wer­be­ta­fel ab­wech­seln­de Bot­schaf­ten:
Ret­tung der Welt vs. Kon­sum; du ent­schei­dest, was du tust, nur du.

Die Män­ner und ih­re Out­door-Te­le­fo­na­te und ih­re lau­ten Stim­men,
im­mer wie­der durch­mischt von Ge­läch­ter, Tisch­klop­fen und
Kaf­fee­tas­sen­ge­klim­per.

Ei­ne Shis­ha­bar und ei­ne da­vor ste­hen­de Dö­ner es­sen­de Frau;
wei­ße, auf den Geh­weg trop­fen­de So­ße,
Stra­ßen­platsch­ge­räu­sche.

In grü­ne Ge­mü­se­ki­sten grei­fen­de Hän­de und der kri­ti­sche Blick ei­ner
po­ten­ti­el­len Was­ser­me­lo­nen-Käu­fe­rin, lang­sam mit ih­rer Hand
über die glat­ten Scha­len der gro­ßen run­den Früch­te fah­rend.

Ein vor­bei­brau­sen­des Au­to mit aus dem Fen­ster flat­tern­den
Herz­chen­luft­bal­lons und ei­nem Klap­per-Blech­do­sen­quar­tett im
Schlepp­tau, just mar­ried, just noi­sy.

Ein Mann und ein ro­ter Kin­der­wa­gen. Der Blick des Va­ters starr nach
vor­ne ge­rich­tet, das noch schla­fen­de Kind schnel­len Schrit­tes vor sich
her­schie­bend.

»Wenn du willst, dass die Fa­mi­lie gut lebt, dann musst du ar­bei­ten.«
Hin und her flie­gen­de Wort­fet­zen, Welt­fet­zen, »was macht ei­gent­lich
dein Bru­der?«

VEGAS. OBERBILK. VENUS. Die Spiel­hal­le vis à vis und ih­re
Ver­spre­chun­gen von Glück und Lie­be; spielt, spielt, sonst sind wir
ver­lo­ren!

Die Mut­ter mit Son­nen­bril­le und Soh­ne­mann an der Hand und die
An­ein­an­der­rei­hung von Mas­ken, die um ihr Hand­ge­lenk bau­meln,
Ab­schieds­fähn­chen der an­de­ren Art.

Der noch schnell über die halb­ro­te Am­pel ren­nen­de Mann und das
Geld­ge­klim­per in sei­ner Ta­sche; zeig mir, wie hart du auf­trittst und ich
sag dir, wer du bist.

Der sich durchs dicht-dunk­le Haar fah­ren­de Mann und das da­hin­ter
nun zu ei­ner Frau ge­wech­sel­te Be­wegt­bild auf dem LED-Bild­schirm,
ALWAYS IN STYLE. WIND & VIBES.

YOUNG POET SOCIETY und der Ver­rat der Wer­bung an der Poe­sie.

Der an der Am­pel war­ten­de Mann und sein plötz­li­cher Sprung aus
dem Stand in die Luft; über­ra­schend hoch, und der kaum hör­ba­re
Auf­prall sei­ner wei­ßen Gum­mi­soh­len auf dem Asphalt.

Rot-grün-rot, die Far­ben der Ge­mü­se-Par­tei von ge­gen­über: To­ma­te-
Zuc­ci­ni-Pa­pri­ka; wählt, wählt mich!

Über den Geh­weg rat­tern­de Ki­sten; Ge­mü­se, das ein­ge­räumt wird;
Obst, das nach Far­ben sor­tiert wird; ei­ne ei­gen­wil­li­ge Oran­ge rollt
über die Stra­ße, ih­re Flucht bleibt ein Ver­such; schon wan­dert sie
zu­rück in die Ver­kaufs­ki­ste.

Vor VEGAS, VENUS, OBERBILK nur Lee­re und ein blau­er, vor dem
Ein­gang par­ken­der Rol­ler. Am Ca­fé-Ne­ben­tisch geht es um das ge­ra­de
ver­kauf­te Au­to, »wie­viel?« Fünf?«, Stöhn­ge­räu­sche.

Ein über Rot fah­ren­der Ret­tungs­wa­gen und der beim Schrei­ben
zit­tern­de Kaf­fee in der Tas­se; Wel­len oh­ne Meer; ei­ne brau­ne,
un­durch­schau­ba­re Flüs­sig­keit mit Gischt und Schaum­bläs­chen.

SMOKE NATION und das im Schau­fen­ster aus­ge­stell­te An­ge­bot von
Was­ser­pfei­fen; sich um die Glas­be­häl­ter wie Schlan­gen win­den­de
Schläu­che, kunst­voll ver­ziert, war­tend auf neue Be­sit­zen­de.

Die Do­mi­nanz der Far­be Weiß bei den Lie­fer­wa­gen,
her­un­ter­ge­kur­bel­te Schei­ben, Ober­ar­me, blit­zen­de Arm­band­uh­ren.

Ein Mann, ein Werk­zeug und ei­ne Ho­se mit vie­len Ta­schen,
auf­ein­an­der klat­schen­de Hän­de vor Am­peln, »hey, al­les klar bei dir?«

Die Ein­la­dung auf der LED-Wer­be­ta­fel zur Teil­nah­me an dem
an­ge­prie­se­nen Bil­dungs­an­ge­bot; ein Auf­ruf, ein An­ruf, ein Ap­pell an
die Welt, KOMM, WIE DU BIST. HOCHSCHULE FRESENIUS.

Er­neut ein Ret­tungs­wa­gen, dies­mal von rechts, dicht ge­folgt von
ei­nem NOTARZT; die Stadt und ih­re Men­schen und ih­re
Ver­letz­lich­keit.

Der Blin­ker-Blitz-Wink ei­ner Frau mit rot-lackier­ten Fin­ger­nä­geln
und ei­nem scheu­en Mann als Adres­sat. Das zag­haf­te Dre­hen sei­nes
Kop­fes und sein jetzt auf der Frau­en-Er­schei­nung ru­hen­der Blick.

Der sich im­mer hö­her in die Luft mit Papp­kar­tons sta­peln­de
Roll­wa­gen des Ge­mü­se­händ­lers; Pa­pri­ka, Lauch und Boh­nen im
Son­der­an­ge­bot und die von al­len Sei­ten des La­dens her­aus­strö­men­den
Käu­fe­rin­nen.

Die an der Am­pel war­ten­de Frau mit Glit­zer­gür­tel, Sil­ber­schu­hen und
grau­er Me­tal­lic-Ta­sche und ih­re da­mit viel­fäl­tig, in al­le Rich­tun­gen
aus­sen­den­den Strah­len; wie ma­gne­tisch, al­le mit ih­ren Blicken
an­zie­hend.

Die Schil­der und ih­re Pfei­le und ih­re Auf­for­de­run­gen, in
un­ter­schied­li­che Stra­ßen zu ge­hen, zum HOLZGROSSHANDEL
100M RECHTS, zur UMLEITUNG GERADEAUS, zum
FAHRRADWEG LINKS.

MIROSLAV KLOSE ÜBERSTEHT
THROMBOSENERKRANKUNG und die der Nach­rich­ten­an­zei­ge
auf dem LED-Bild­schirm in­ne­woh­nen­de Er­leich­te­rung.

Die jetzt vor der VENUS war­ten­de Män­ner­trau­be und das Aus­sen­den
von Hin-und-Wie­der-Grü­ßen an aus­ge­wähl­te Pas­sie­ren­de auf der
ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te.

Ein vor­bei­zi­schen­des Fahr­rad mit Rei­fen, die die Dicke ei­nes
Mo­tor­ra­des ha­ben, FRÜHER ODER SPÄTER KRIEGEN WIR
DICH, PIZZALORD.DE.

Der Ge­mü­se­händ­ler und sei­ne blau­en Pla­stik­hand­schu­he, mit ge­üb­ten
Grif­fen die nicht mehr be­nö­tig­ten Papp­kar­tons zer­fal­tend.

Der freund­li­che Skot­ti, im­mer fröh­lich-strah­lend und das Ser­vie­ren
sei­nes köst­li­chen Kaf­fees.

Das be­hut­sa­me Be­ta­sten ei­ner je­den ro­ten Pa­pri­ka sei­tens ei­nes
Ge­mü­se­han­del-Kun­den und sein lang­sa­mes Hin- und Her­wen­den der
Früch­te; Se­kun­den, die wie Mi­nu­ten ver­ge­hen, end­lich hat er die ihm
pas­sen­de Pa­pri­ka ge­fun­den.

Ein Mann, ei­ne Frau und ein Roll­stuhl und das be­hut­sa­me He­ben und
wie­der Sin­ken-Las­sen des Ge­fähr­tes sei­tens des Man­nes.

Das an der Am­pel war­ten­de Kind und sein sich un­ter dem knapp-
wei­ßen T‑Shirt her­vor­wöl­ben­der Bauch, BOSTON UNIVERSITY.

Ei­ne Mut­ter mit zwei Kin­dern und zwei Pla­stik­tü­ten und die T‑Shirt-
Auf­drucke ih­rer Zög­lin­ge: BATMAN. PARADISE.

Ein Mann, ein Quad und die ihn be­wun­dern­den Blicke sei­tens der
BAT­MAN-PA­RA­DI­SE-Kin­der.

Ein lee­rer Ki­osk, ein lee­res Ca­fé und da­ne­ben der gut be­such­te
KOVAN FRISEURSALON. Vor dem Ge­schäft ste­hen­de Män­ner,
ge­dul­dig war­tend auf den Be­schnitt ih­res Haars.

GOLD MEMBERSHIP, AB 25 EURO; die sich im­mer wie­der
ein­schal­ten­de Wer­bung und ih­re Lock­ru­fe, GOLD, GOLD!

Der Ab­schlepp­wa­gen und der Fah­rer mit Zi­ga­ret­te im Mund; ein
wei­ßer, her­aus­ra­gen­der Stän­gel und der auf dem An­hän­ger­wa­gen
zit­tern­de Sil­ber­mer­ce­des, lo­se be­fe­stigt, mit nur ei­nem, um das Dach
ge­wor­fe­nen Gurt.

Der auf ei­nem li­la Renn­rad sit­zen­de Mann, forsch al­le Au­tos auf der
Kreu­zung von rechts über­ho­lend, sich vor der ro­ten Am­pel in der
al­ler­er­sten War­te­rei­he ei­nen Platz er­kämp­fend.

Die POLIZEI und ihr Im­mer-Wie­der-Auf­tau­chen auf der Kreu­zung,
Kon­troll­fahr­ten ma­chend, zu al­len Sei­ten aus­spä­hend.

Ein Au­to, ein MEISTERBETRIEB DER INNUNG, SANITÄR- UND
HEIZUNGSTECHNIK, und der jetzt vor der VENUS Spiel­hal­le
ste­hen­de tür­kis­ge­pol­ster­te Stuhl, leer, auf Sich-Nie­der­las­sen­de
war­tend.

»Ich kauf das, ich gib dir das, ich ruf dich an«, ein wild-
ge­sti­ku­lie­ren­der, te­le­fo­nie­ren­der Mann, ner­vös den Geh­weg hoch- und
run­ter­lau­fend, sein T‑Shirt in ei­nem grel­len Oran­ge­ton.

Die um­sich­ti­ge, den Aschen­be­cher im Müll­ei­mer aus­lee­ren­de
Kell­ne­rin und das matt-schwar­ze, plötz­lich laut-auf­brau­sen­de Au­to,
die Stra­ße als Renn­bahn nut­zend, zu­sam­men­zucken­de Glied­ma­ßen,
»muss das sein«.

»In­ter­es­siert mich nicht, wenn ich ster­be«, apo­ka­lyp­ti­sche
Wort­ma­le­rei­en, ein La­chen, ein Stöh­nen, kurz dar­auf: das
Auf­ein­an­der­klat­schen von Hän­den, für ei­nen Mo­ment ist Ru­he.

Die Klap­per­geld­ge­räu­sche des den Zi­ga­ret­ten­au­to­ma­ten auf­fül­len­den
Manns und die Ver­ge­wis­se­rung über die Lieb­lings­far­be von Skot­ti,
tür­kis.

Die nie schla­fen­de Stadt; die Stra­ßen auch am Abend tag­hell, über­all
Lich­ter.

Der ei­nen Laut­spre­cher in die Bar schlep­pen­de Mann und ein ihm
dicht fol­gen­der Ju­gend­li­cher mit schwar­zem Ka­pu­zen­pul­li, LIVE
FAST.

Ei­ne mit dem Han­dy vor dem Ge­sicht ge­hen­de, die Stra­ße
über­que­ren­de Frau. Ih­re Ka­me­ra­lin­se, ei­ne Ta­schen­lam­pe und das
grell­wei­ße, al­len Sit­zen­den ent­ge­gen­leuch­ten­de Licht, ein Stadt-
Glüh­würm­chen.

Die sich jetzt laut auf­dre­hen­de Mu­sik in der Bar und die al­les und al­le
durch­wum­mern­den Bäs­se, Schwer­punkt: Rap.

Die Drei-Ta­ges-Wet­ter­vor­her­sa­ge, MORGEN 20°, FREITAG 21°,
SAMSTAG 21° und das Ver­spre­chen von Son­ne, kein Re­gen.

»Ich hab dich ge­se­hen, von da, ich be­ob­ach­te dich« und ein jetzt auf
den Män­ner­tisch Zu­steu­ern­der in Schwarz ge­klei­det, seuf­zend
nie­der­sin­kend auf ei­nem lee­ren Stuhl, heim­lich ei­nen Blick auf das
blon­de, Cock­tails trin­ken­de Frau­en­duo am Ne­ben­tisch wer­fend.

Ein Mann, ein Blick und ein sehr laut quiet­schen­der Au­to­rei­fen; ein
Ver­such, die Bäs­se für ei­ne Se­kun­de durch ein an­de­res hö­he­res
Ge­räusch zu über­tö­nen, kein Schritt zu­rück.

Der or­dent­li­che und al­le Ti­sche auf­räu­men­de Skot­ti und der sich
ne­ben ihm im Hüft­schwung üben­de Gast, »wir ha­ben hier ei­nen
Mi­cha­el Jack­son«.

Der so be­ti­tel­te Tän­zer, nun als King of Pop, stolz den Geh­weg auf-
und ab­schrei­tend; I am the king of pop, look at me.

Zwei auf ei­nem E‑Roller ste­hen­de Män­ner, laut la­chend, die Hän­de
des Ei­nen auf den Schul­tern des An­de­ren ru­hend, fast zärt­lich, im
Schwe­be­flug vor­bei­brau­send.

Er­leuch­te­te Fen­ster und die sich in den Qua­dra­ten be­we­gen­den
Men­schen; das Le­ben der An­de­ren hin­ter dün­nen, durch­schei­nen­den
Gar­di­nen­stof­fen, all the­se open win­dows.

Der mit ei­nem Ta­blett um die Ecke bie­gen­de Skot­ti und das Klir­ren
der Eis­wür­fel in den Cock­tail­glä­sern, fri­sche Oran­gen­schei­ben und
Minz­blät­ter, der be­ste Mix al­ler Zei­ten.

Die her­un­ter­ge­zo­ge­nen Rolladen des Ge­mü­se­händ­lers und die auf
dem Rolladen­grau an­ge­brach­ten Schrift­zü­ge ei­nes schwar­zen
Graf­fi­tis.

Ein Fahr­rad, ein Mann, ei­ne über­gro­ße Ein­kaufs­tü­te und ein zu stark
am Rei­fen rat­schen­der Dy­na­mo, prü­fen­de Kon­troll­blicke gen
Spei­chen.

Das Bar-Blink­s­child im Fen­ster, im­mer wie­der auf­leuch­tend und den
Na­men des Bar-Be­sit­zers her­vor­tre­ten las­send, SKOTTIS, SKOTTIS.

Der jetzt ab­ge­schal­te­te Wer­be­bild­schirm, schwarz, und die
mehr­heit­lich Jog­ging­ho­sen tra­gen­den Män­ner. Über­all Zi­ga­ret­ten,
Han­dies und fei­ne, sich auf dem Asphalt nie­der­las­sen­de Asche, nie
en­den­der Rauch.

Das grü­ne, von den par­ken­den E‑Rollern aus­ge­sen­de­te Licht;
Blink­zei­chen ei­nes fer­nen Pla­ne­ten, nimm mich mit, nimm mich mit.

Der Blick ei­nes Man­nes aus dem her­un­ter­ge­kur­bel­ten Fen­ster sei­nes
Au­tos, ein Ewig­keits­blick, sich erst durch das Am­pel­wech­sel­spiel von
Rot zu Grün lö­send.

Der wie­der­ge­kehr­te LIVE FAST-Ka­pu­zen­pul­li-Ju­gend­li­che und der
auf­for­dern­de Blick Rich­tung Freund, »willst du auch ei­ne?«

Der ein­ge­klapp­te, im Stra­ßen­nacht­wind zit­tern­de Son­nen­schirm, blau-
weiß, wie der Him­mel, wie die Wol­ken; er­neut auf­stei­gen­der
Zi­ga­ret­ten­rauch.

Die am Tisch Sit­zen­den und ih­re Su­per­la­ti­ve; als gel­te es, ihn
aus­zu­sto­ßen, den al­ler­grell­sten Schrei, den al­ler­tief­sten Blick, die
al­ler­auf­for­dern­ste Ge­ste, »nein, dan­ke«.

721, D‑TANNENHOF GOTHAER WEG und der hel­ler­leuch­te­te Bus,
in dem nur ei­ne ein­zi­ge Per­son sitzt, FÜR WENIGER STOP UND
MEHR GO.

Ei­ne pas­sie­ren­de Frau im eng­an­lie­gen­den Ober­teil und die sie
be­gut­ach­ten­den Blicke der Sit­zen­den. Sich an­schlie­ßen­de,
sil­hou­et­ten­prü­fen­de Fach­sim­pe­lei­en, »die ist heiß«.

Der al­le und je­den ken­nen­de Skot­ti und das He­ben sei­nes Arms beim
Jetzt-Pas­sie­ren ei­nes wei­ßen Lie­fer­wa­gens, »hey, was geht?«

Ein Mann, ein spa­ni­sches Lied und ein Bar­hocker und sei­ne auf die
Sitz­leh­ne im Takt der Mu­sik trom­meln­den Fin­ger. Der plötz­lich laut
er­tö­nen­de, sich in den Trom­mel­takt mi­schen­de Ge­sang, den Text des
Lie­des auf ei­ge­ne Wei­se in­ter­pre­tie­rend, tanz, tanz! ¡bai­la, bai­la!

Der LIVE FAST-Ju­gend­li­che und sein in die Fer­ne schwei­fen­der Blick
und die sich wie von Zau­ber­hand, al­le zur glei­chen Zeit ent­zün­den­den
Zi­ga­ret­ten; die Nacht für ei­nen Mo­ment in Hit­ze, in Glut
ver­wan­delnd.

Ein ge­ra­de der Klet­ter­hal­le ent­stie­ge­ner Le­bens­künst­ler und ei­ne
Nach­ba­rin, die aus al­ten Zei­ten er­zählt, »da gab es ei­ne Frau bei mir
im Haus, die hat­te fünf Kin­der«.

Dar­auf fol­gen­de Ge­sprä­che über die eman­zi­pier­te Frau und das
Er­zie­hen von Kin­dern; nüch­ter­ne Fest­stel­lun­gen ne­ben im­mer tie­fer
wer­den­den Stirn­fal­ten, »sie klet­tern ja gar nicht mehr auf Bäu­me«.

Die Be­wun­de­rung für den Kell­ner und das Ver­rich­ten sei­ner
Nacht­schich­ten von zwölf Uhr Mit­ter­nacht bis acht Uhr mor­gens, »ich
bin zum Vam­pir ge­wor­den«.

Ein Mann, ein Blick, »ich ha­be über sie ge­le­sen« und der Hin­weis zu
ei­ner an­de­ren Künst­le­rin, die eben­falls mit Schrift ar­bei­tet, »pro­tect
me from what I want«.

Ei­ne pas­sie­ren­de Ju­gend­li­chen-Gang, ei­ne sich öff­nen­de Bier­do­se mit
da­bei ent­wei­chen­den Zisch­ge­räu­schen und ein Ver­schluss, der beim
Öff­nen ganz leicht am In­nen­raum der Do­se ent­lang schrammt.

Ein Mann in rot­glän­zen­der Dau­nen­jacke und ei­ne Er­kennt­nis: »Wir
ma­chen ei­nen Rund­gang; wir ge­hen da rein und kom­men an der
sel­ben Stel­le wie­der raus.«

Ein vor­fah­ren­des wei­ßes Au­to mit mat­tem Lack, oran­ge auf­zucken­des
Warn­blink­licht und der jetzt aus­stei­gen­de Bei­fah­rer mit mü­dem Blick,
ei­nen Sta­pel Pa­ke­te in die Bar tra­gend.

Ein vor­bei­sch­lur­fen­der Mann mit schwar­zer Le­der­jacke und tief ins
Ge­sicht ge­zo­ge­nem Ka­pu­zen­pul­li; ein Kopf, der un­ter sei­ner
Be­deckung ver­schwin­den will.

Der Bus und sei­ne auf­ta­pe­zier­ten Fra­gen und Ant­wor­ten,
TAPETENWECHSEL? DANN STARTE JETZT DURCH. NRW-
UPGRADE.

Die um den El­len­bo­gen des Kell­ners ge­klemm­te Mas­ke und das
An­zün­den sei­ner Zi­ga­ret­te; der jetzt aus der Bar tre­ten­de Mann,
eben­falls mit Zi­ga­ret­te und CO­CA-CO­LA-Fla­sche.

Die POLIZEI und ihr Blau­licht und das sich zur glei­chen Zeit im
drit­ten Stock des Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses ent­zün­den­de Licht über dem
Ge­mü­se­han­del.

Das in die hin­te­re Ho­sen­ta­sche wan­dern­de Mo­bil­te­le­fon ei­nes an der
Am­pel war­ten­den Fuß­gän­gers und sei­ne letz­ten, in den Ap­pa­rat
ge­spro­che­nen Wor­te, »ich ha­be Feu­er, ich bin jetzt zu Hau­se«.

Ein Trans­por­ter und die al­le Groß­wa­gen-Ober­flä­chen do­mi­nie­ren­de
Wer­bung und ih­re Auf­ru­fe, die nie schla­fen­de Stadt; EINE BESSERE
WELT FÄNGT ZU HAUSE AN.

Ein Ta­xi, das über Rot fährt und ein ab­rupt brem­sen­der UPS-
Lie­fer­wa­gen, da­zwi­schen ein auf dem Skate­board vor­bei­rol­len­der
Jüng­ling mit locker zu bei­den Sei­ten her­un­ter­hän­gen­den Ar­men, trotz
gro­ßem Ruck­sack nicht das Gleich­ge­wicht ver­lie­rend.

Ein Fahr­rad, das ir­gend­wo in den Spei­chen hakt, dar­auf ein Mann mit
Käp­pi, über­holt jetzt von ei­nem Ta­xi mit VIRENSCHUTZFILTER
AN BORD und ge­nau­er Fre­quen­z­an­ga­be des lo­ka­len Ra­dio­sen­ders
auf der creme­wei­ßen Lackie­rung, UKW 104,2.

Die mur­meln­den Stim­men der drau­ßen sit­zen­den Gä­ste und der er­ste,
die Kreu­zung pas­sie­ren­de Bus oh­ne Wer­be­auf­schrift; ein grau­er
Bus­kör­per mit rot ein­ge­rahm­ten Fen­stern, 721-D-ELLER
RICHARDSTRASSE.

Das vorm Ge­mü­se­han­del par­ken­de E‑Rol­ler-Trio und die
Ab­we­sen­heit der Frau in der Nacht, an die­sem Ort.

Ei­ne aus­ge­dien­te Dis­ko­ku­gel und das nicht mehr leuch­ten­de Bar-
Schild; die Nacht und ih­re in ihr auf­ge­so­ge­nen Men­schen, kon­tu­ren­los
und grau und der von über­all auf­stei­gen­de Zi­ga­ret­ten­qualm; al­les
vol­ler Ne­bel, Rauch.

Ein Mann mit Re­flek­tor­ho­se und Jacke, der be­hä­big zur Bar tau­melt,
»zwei Dop­pel­te, bit­te«! und ein vor­bei­fah­ren­des Par­t­yau­to mit lau­ter
Rap-Mu­sik, vol­ler la­chen­der Men­schen; wei­ße, aus dem
Au­to­in­nen­raum auf­blit­zen­de Zäh­ne, krei­schend-ki­chern­de Stim­men,
Zi­ga­ret­ten­qualm.

Ein Ju­gend­li­cher mit wei­ßem Käp­pi und un­ter dem Arm ge­klemm­tem
Stra­ßen­schild, stumm und scheu zu al­len Sei­ten blickend, die
Kreu­zung schnel­len Schrit­tes über­que­rend, sein lin­kes Bein leicht
hin­ter­her­zie­hend.

Zwei auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te strei­ten­de Män­ner in rot und
schwarz; Fin­ger und Hän­de, die in die Nä­he von Ge­sich­tern wan­dern,
um je­den Hals hängt ei­ne Gold­ket­te; al­les glänzt.

Auf­ein­an­der­tref­fen­de Hän­de, »hal­lo Pa­pa«, und ein sehn­süch­ti­ger
Blick auf die Stra­ße, ein Hu­pen, ein Aus­ruf, »da bist du«.
(ENDE DER AUFGETRAGENEN ARBEIT)

Der wie­der auf­ge­tauch­te Le­bens­künst­ler und das Ge­klim­per sei­ner
Fla­schen im wei­ßen, um die Schul­ter ge­häng­tem Ju­te­beu­tel.

Ein Dreh­buch­au­tor, ein Film­pro­du­zent und die Ein­la­dung ins Stu­dio;
»hier gleich um die Ecke, ge­nau«.

Das Ther­mo-Glas und die An­kunft in ei­ner Zwi­schen­welt, ei­nem
an­de­ren Hier; »Stell´ dir vor, das al­les, was du siehst, wür­de gar nicht
exi­stie­ren und wir wä­ren nur Licht, nur En­er­gie«.

Die An­häu­fung der Ahorn­blät­ter un­ter dem Tisch und das da­zu im
Wind we­hen­de Haar, tan­zend zwi­schen al­len Stim­men und dem
Rau­schen der Au­tos.

REDEN IST SILBER, EIN SETZLING IST MORGEN SCHON EIN
BAUM, FAIRVENTURES.ORG und die sich im Herbst­laub
ver­fan­ge­ne Ver­packung un­ter dem Ca­fé-Tisch; fein-kni­stern­des
Pla­stik, durch­sich­tig im Wind zit­ternd.

Die ra­di­ka­le Of­fen­heit der Ab­fall­ei­mer und ih­re auf ih­nen
ab­ge­druck­ten De­si­de­ra­te: WIR BLEIBEN SAUBER.

Die Tri­ni­tät der er­leuch­te­ten Fen­ster, eins über dem an­de­ren und
dar­un­ter die Shi­sha-Bar, ver­füh­re­risch-locken­de Licht­spie­le in die
Nacht sen­dend.

Der vor der Shi­sha-Bar wach­sen­de Baum und die vie­len ihn
um­ge­ben­den Ro­sen­sträu­cher; zar­te, fein­ro­sa Blü­ten­blät­ter und ih­re
klei­nen hin- und her­schwin­gen­den Köp­fe.

Ein um die Ecke bie­gen­der Bus, EINE DIENSTFAHRT, BLEIBT
GESUND!

Die Ca­fé­ti­sche und ih­re sie Be­völ­kern­den; Stillle­ben, die kei­ne
Va­ria­tio­nen zu­las­sen: Tas­se, Zucker­streu­er, Zi­ga­ret­te, Aschen­be­cher.

Ein Mann mit zwi­schen Schul­ter und Wan­ge ein­ge­klemm­tem
Mo­bil­te­le­fon und sei­ne da­bei im­mer wie­der in die Luft schnel­len­de
Hand, »Hör mir doch zu, was ich sa­ge, hör zu«.

Ein Mann, ein Bö­rek-An­ge­bot und die aus sei­ner Ein­kaufs­tü­te ra­gen­de
SCHWEPPES BITTER LE­MON-Fla­sche, »Iss doch mein Kind, es­sen
musst du«.

Ein te­le­fo­nie­ren­der Fuß­gän­ger und der RETTUNGSDIENST und das
die Nacht durch­zucken­de Grell­blau-Dun­kel, Grell­blau-Dun­kel, »ich
geh spä­ter nach Hau­se, ich kom­me noch vor­bei«.

Der fahl­brau­ne, auf­ger­au­te Bo­den des Aschen­be­chers, Zeug­nis über
ver­gan­ge­ne Fül­lun­gen ab­le­gend.

Ein gro­ßer schwar­zer pas­sie­ren­der Lie­fer­wa­gen und die sich im sel­ben
Mo­ment da­zu fär­ben­de LED-Bild­schirm­wand in ein grell-tro­pi­sches
Grün.

Der vor der Am­pel war­ten­de Fahr­rad­fah­rer mit Groß­raum­kopf­hö­rer
und sein ei­ner wip­pen­der Fuß, da­ne­ben ein rau­chen­der Mann, die
Blue­tooth-Box wie ein Ba­by im Arm hal­tend; lau­te, der Box
ent­d­röh­nen­de Tö­ne; die Stra­ße für ei­nen Mo­ment in ei­ne Dis­ko­thek
ver­wan­delnd.

Ein Mann, ein Bal­kon und die sich leicht im Au­to­wind be­we­gen­de
Gar­di­ne; die Stadt und ih­re Be­we­gun­gen und ihr Nie-Still­stand und
ein von ir­gend­wo er­tö­nen­der Schrei.

Ein Mann mit lan­gem sil­ber­grau­em Haar und das lang­sa­me Wan­dern
sei­nes Blicks hin zum LED-Bild­schirm, hin zu den feil­ge­bo­te­nen
hoch­prei­si­gen Uh­ren.

Die un­be­schrie­be­ne Ta­fel vor der Bar, dar­auf das Lö­wen­bräu­wap­pen,
tür­kis, gold, blau.

Das durch die Wer­bung ver­spro­che­ne Zu­sam­men­rücken von Wel­ten;
das Biest mit den her­vor­ste­hen­den Zäh­nen und der dem Un­ge­heu­er
im­mer nä­her kom­men­de zar­te, klei­ne Jun­ge, DRINK COCA-COLA.

Ein Hu­pen, ein Auf­brau­sen, auf­stei­gen­der Ben­zin­ge­ruch und das
durch die Be­we­gung des Schrei­bens aus­ge­lö­ste Wackeln der
dun­kel­brau­nen Ober­flä­che des Kaf­fees; die Kur­ve ei­nes je­den
Buch­sta­bens in ei­nen Stru­del ver­wan­delnd.

Die dem LIVE FAST-Ju­gend­li­chen hin­ter­her­schwe­ben­de Kell­ne­rin,
el­fen­gleich mit lan­gem, im Wind schwe­ben­dem Haar und der jetzt
ge­mein­sam ge­rich­te­te Blick zur ge­gen­über­lie­gen­den Shi­sha-Bar, hin
zur Ver­hei­ßung, zur Glut.

Die platt­ge­tre­te­nen Kau­gum­mis und ih­re dun­kel­grau­en
In­sel­bil­dun­gen, klei­ne Asphalt­bla­sen ne­ben gelb-brau­nen
Ahorn­blät­tern, ei­ne an­de­re Ge­schich­te vom Wi­der­stand er­zäh­lend.

Die blond­haa­ri­ge, auf dem Fahr­rad vor­bei­fah­ren­de Frau und der
Ver­rat ih­res Ziels durch die aus der Fahr­rad­ta­sche ra­gen­de
dun­kel­vio­let­te Yo­ga­mat­te.

Das rot-leuch­ten­de her­vor­quel­len­de Licht aus der mit Lö­chern
durch­setz­ten Rollade im drit­ten Stock und der die Kreu­zung
über­que­ren­de Mann mit Dau­nen­jacke und in die Ta­schen ge­steck­ten
Hän­den, kein Blick zu­rück.

Der jetzt um die Ecke bie­gen­de Mer­ce­des, schwarz, und der mit ei­ner
Lack­we­ste aus­ge­stat­te­te Ju­gend­li­che, kurz auf­blit­zend im Licht der
Stra­ßen­la­ter­ne, »ich ha­be hier ent­lang ge­sagt«.

Die Wer­bung und ihr Ver­steck- und Weck­spiel mit der Phan­ta­sie, ihr
Wunsch, im­mer wie­der ge­fun­den wer­den zu wol­len, in den ei­ge­nen
Bil­dern.

DIE STÄRKSTE BATTERIE AUS EUROPA und das Ver­spre­chen
von sich ste­tig po­ten­zie­ren­der Kraft, MORE POWER. VARTA.
IMAGINE MORE.

Das auf­fal­lend leuch­ten­de Rot des jetzt pas­sie­ren­den Au­tos und das
Hin­ter­las­sen ei­nes in­ne­ren Blit­zes, ei­ner War­nung.

Die Frau mit schwar­zer Lack­ta­sche und ro­tem Lip­pen­stift und starr
nach ge­ra­de­aus ge­rich­te­tem Blick; den Geh­steig als Mo­de­steig, als
Cat­walk nut­zend, kühl-schö­ne Blicke zackig in al­le Rich­tun­gen
aus­sen­dend.

Der ADAC und der IM AUFTRAG DES ADACS ab­schlep­pen­de
Dienst, für ei­nen Mo­ment ist al­les Gelb.

Die zwei am Tisch platz­neh­men­den Män­ner mit Dau­nen­jacken und
war­ten­dem Blick und die zwei zeit­gleich aus den Ho­sen­ta­schen
ge­zo­ge­nen Han­dies; hell­auf­leuch­ten­de Ge­sich­ter.

Zwei Män­ner, vier Hän­de, zwei auf­ein­an­der tref­fen­de Fäu­ste; aus
Mün­dern her­vor­quel­len­der Rauch oh­ne Zi­ga­ret­te, Win­ter.

FORTUNE FAVOURS THE BRAVE und der klein­ge­druck­te Hin­weis
des Wer­be­pla­ka­tes zur in­di­vi­du­el­len Über­prü­fung der
Ri­si­ko­be­reit­schaft beim Spiel mit der Kryp­to­wäh­rung.

Die ge­mein­sam am Tisch sit­zen­den, aber nicht mit­ein­an­der
spre­chen­den Män­ner, der ei­ne sich im­mer wie­der durchs Haar
fah­rend, der an­de­re im­mer wie­der auf sein Han­dy schau­end.

»Kopf leer, Herz schwer … ich schwö­re nie wie­der, ich hör’ da­mit
auf« und der Ver­rat des Mix­tape 1 des Bar­kee­pers mit den
im­mer­glei­chen Song­text-The­men, »Gen­d­ame­rie, ihr kriegt uns nie«.

Der zu dem Män­ner­duo hin­zu­sto­ßen­de Drit­te und das Jetzt-
Auf­fä­chern der Spiel­kar­ten am Nach­bar­tisch; Kar­ten, die auf Kar­ten
tref­fen.

Der sich als Wit­wer vor­stel­len­de Mann und sein Blick auf das
Ge­schrie­be­ne, »wenn ein Vo­gel in die Hand kommt, dann muss man
ihn fest­hal­ten«.

Der drei­glied­ri­ge UPS-Lie­fer­wa­gen und das hel­ler­leuch­te­te SMOKE
NA­TI­ON-Schild des Was­ser­pfei­fen-Ge­schäf­tes und der jetzt mit
Han­dy und Müt­ze die Bar be­tre­ten­de Mann, sein Han­dy auf
Laut­spre­cher ge­stellt; »nein, ha­be ich ge­sagt, nein«.

Die ins­ge­samt fünf er­leuch­te­ten Fen­ster im Mehr­fa­mi­li­en­haus auf der
ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te. Eins in oran­ge-war­mem Licht, drei
in kalt-blau­em und eins mit ei­ner rot-li­la Tö­nung, ein bun­tes Mu­ster in
die Nacht zau­bernd.

Der das Vo­gel-Sprich­wort er­klä­ren­de Wit­wer, freu­dig auf­blit­zen­de
Kri­stallau­gen, »wenn man die Chan­cen nicht nutzt, dann ge­hen sie
weg«.

Auf Glas tref­fen­de Fin­ger­nä­gel, am Ne­ben­tisch geht es um die
Qua­li­tät des Drinks und um die Ehe­frau, ein Mann am Spiel­au­to­mat
lacht laut auf.

Der die schlech­ten Ge­wohn­hei­ten der Men­schen the­ma­ti­sie­ren­de
Song, »bad ha­bits« und der jetzt die Bar be­tre­ten­de Fa­la­fel­ver­käu­fer,
»Gu­ten Abend«, »As­sa­la­mu Alei­kum«, اَلسَّلامُ عَلَيْكُم.

Die re­gen­nass-glän­zen­de Stra­ße und der Fahr­rad­fah­rer im
durch­sich­ti­gen Cape, trotz der Näs­se sich nicht von der ge­ra­den Bahn
ab­brin­gen las­send.

Der Spie­ler am Au­to­mat und sein star­rer auf den grell bun­ten
Bild­schirm ge­rich­te­ter Blick; Pflau­men ne­ben Äp­feln, ne­ben Bir­nen,
kei­ne Kir­schen in Sicht.

Die mit Ge­sell­schafts­spie­len ge­füll­te Box, Schach, Back­gam­mon und
die ein­sam auf dem Tisch trip­peln­den Fin­ger des Wit­wers, »Al­lein-
Sein ist wie ei­nen Schnee­ball in dein T‑Shirt stecken, al­les In­ne­re ist
so kalt«.

Die Mur­mel­ge­räu­sche der tee­trin­ken­den Kar­ten­spie­ler, die Rap-Mu­sik
und die aus­schließ­lich über die Laut­spre­cher­funk­ti­on durch­ge­führ­ten
Te­le­fo­na­te, »Gen­d­ame­rie, ihr kriegt uns nie«.

Die sich jetzt von den zwei Spiel­au­to­ma­ten er­he­ben­den Spie­ler und
die ge­gen­sei­ti­ge emo­tio­na­le Be­richt­erstat­tung ih­rer dra­ma­ti­schen
Spiel­ver­läu­fe, Ver­lo­re­ne sind sie, ver­lo­ren ha­ben sie.

Die Ver­wandt­schaft des frisch ab­ge­wa­sche­nen Tischs mit dem
Nass­glanz der Stra­ße, nie en­den­der Re­gen.

Das Aus­pro­bie­ren ver­schie­den­ster Han­dy-Klin­gel­tö­ne der Nach­barn
und ih­re im­mer wie­der auf den Bild­schir­men auf­pop­pen­den
You­Tube-Vi­de­os, über­all tan­zen­de Frau­en, al­les glit­zert.

Das Klap­pern der run­den Pla­stik-Back­gam­mon-Plätt­chen und ihr
lei­ser Auf­prall auf dem fil­zi­gen Un­ter­grund des Spiel­bretts, »los
gehts«, »ha­ya bi­na«, هيا بنا.

Die an der Bar vor­bei­schlen­dern­den Stu­die­ren­den mit ih­ren
Fa­la­fel­ta­schen und ih­ren run­den Edel­stahl­bril­len, dün­ne Ge­stel­le;
auf­stei­gen­der Rauch aus al­len Mün­dern, nach je­dem Biss.

Der über den Co­la­glas­rand tan­zen­de Dau­men ei­nes mit Dau­nen­jacke
und Müt­ze be­klei­de­ten Man­nes und sein ans Ohr ge­hal­te­nes Han­dy
mit Groß­bild­schirm; auf sei­nem Mund ein stil­les Lä­cheln.

© Text + Bil­der: Ve­ra Vor­ne­weg

Der Text ist ein Ver­such, ei­nen be­stimm­ten Punkt in der Stadt durch die An­ein­an­der­rei­hung von Mo­ment­auf­nah­men zu por­trä­tie­ren. Al­les Be­schrie­be­ne hat sich an ei­nem Ort er­eig­net und ist im Zeit­raum von sechs Wo­chen ent­stan­den (Juni/Juli 2021). Der Text wur­de ge­nau an dem Ort, den er be­schreibt, ver­öf­fent­licht und auf den Rolladen­ka­sten ei­ner still­ge­leg­ten Knei­pe auf­ge­tra­gen. Die Au­torin dankt dem Mi­ni­ste­ri­um für Kul­tur und Wis­sen­schaft des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len für die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung ih­rer Ar­beit so­wie Sli­man Ab­bou­chi für die Hil­fe­stel­lung bei der Über­set­zung vom Ara­bi­schen ins Deut­sche und Dr. Jo­chen Lech­ner für das ge­wis­sen­haf­te Lek­to­rat. – V. V.

Kommentar abgeben:

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Angaben sind mit * markiert.