Rei­se­pro­to­kol­le

»Und im­mer noch hal­te ich mit den Ver­lie­rern.« (Pe­ter Hand­ke, Im­mer noch Sturm)

Thomas Deichmann: Durch Jugoslawien im roten Peugeot - Band 1
Tho­mas Deich­mann: Durch Ju­go­sla­wi­en im ro­ten Peu­geot – Band 1

Durch Ju­go­sla­wi­en im ro­ten Peu­geot nennt der ehe­ma­li­ge Jour­na­list Tho­mas Deich­mann sei­ne zwei­bän­di­ge Schrift über die Rei­sen von, mit und zu Pe­ter Hand­ke zwi­schen 1995 und 2021. Der ro­te Peu­geot ge­hört Zlat­ko Bo­co­kić, den Pe­ter Hand­ke in den 1980er Jah­ren in Salz­burg ken­nen­lern­te und der als Pla­ner, Über­set­zer und Fah­rer der Rei­sen Hand­kes fun­gier­te. (Kurz­zei­tig ver­such­te er sich auch als Ma­ler un­ter dem Pseud­onym Adri­an Brau­er.) Zen­tral im er­sten Band sind Be­rich­te über 25 Rei­sen1, von de­nen 22 ins ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en führ­ten. Tho­mas Deich­mann be­glei­te­te Pe­ter Hand­ke ins­ge­samt 18 Mal bei die­sen Rei­sen. Die bei­den lern­ten sich 1996 in Frank­furt ken­nen; ich war auch an­we­send und die Tu­mul­te in bei­de Rich­tun­gen sind mir heu­te noch im Ohr. Hand­ke las hier aus sei­ner Win­ter­li­chen Rei­se2 vor, ei­ne Li­te­r­a­ri­sie­rung der (ver­mut­lich) er­sten Rei­se ins zer­fal­len­de Ju­go­sla­wi­en, die vom 30. Ok­to­ber bis 8. No­vem­ber 1995 statt­fand. Auch die­se Rei­se fin­det Auf­nah­me in Deich­manns Buch, frei­lich nur als kur­ze Nach­er­zäh­lung der Fak­ten.

Ne­ben Bo­co­kić war auch häu­fi­ger der in Köln le­ben­de ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Wel­le Žar­ko Rad­ako­vić da­bei, der et­li­che Bü­cher Hand­kes ins Ser­bi­sche über­setzt hat. Der ame­ri­ka­ni­sche Ger­ma­nist Scott Ab­bott nahm ein Mal an ei­ner sol­chen Un­ter­neh­mung teil. Drei Mo­na­te nach dem Ken­nen­ler­nen war Deich­mann das er­ste Mal da­bei. Die ein­zel­nen Tou­ren wa­ren häu­fig im­pro­vi­siert und er­folg­ten spon­tan. Drei Rei­sen un­ter­nahm Deich­mann al­lei­ne; ein­mal nach Cha­ville zu Hand­ke und zwei Mal be­such­te er Bo­co­kić in sei­nem Hei­mat­dorf Po­ro­din. Er­gänzt wird Band 1 durch ei­ne kur­ze Auf­li­stung der Ju­go­sla­wi­en-Bü­cher Hand­kes und ei­ni­ge Ex­kur­se, über die noch zu re­den sein wird. Band 2 zeigt auf knapp 250 Sei­ten Hun­der­te von Fo­tos, die wäh­rend der Rei­sen ent­stan­den sind; Schnapp­schüs­se, Im­pres­sio­nen und Be­geg­nun­gen. Je­der Band hat ein Personen‑, Orts- und so­gar Klo­ster- und Fluss­re­gi­ster.

Fra­gen

Par­al­lel zu den Rei­se­dar­stel­lun­gen gibt es chro­no­lo­gi­sche Ein­schü­be über die wich­tig­sten Er­eig­nis­se im aus­ein­an­der­bre­chen­den Ju­go­sla­wi­en so­wie den Schrif­ten und Äu­ße­run­gen Hand­kes. Deich­mann lässt hier nichts aus, er­wähnt auch Hand­kes Wut­aus­brü­che und »Ver­haspler«. An be­son­de­ren Stel­len wird aus sei­nen Bü­chern zi­tiert. Zu Be­ginn gibt es ei­nen kur­zen Ab­riss der Er­eig­nis­se des Zer­falls und der Krie­ge in Ju­go­sla­wi­en. Deich­mann be­müht sich um neu­tra­le Dar­stel­lun­gen, lässt im ein oder an­de­ren Fall al­ler­dings ab­wei­chen­den Hy­po­the­sen gro­ßen Raum. Da­bei wird – par­al­lel zu den kri­ti­sier­ten Me­di­en – eben­falls bis­wei­len die Vo­ka­bel »um­strit­ten« an­ge­wen­det.

Deich­mann re­kur­riert mit die­ser Ver­öf­fent­li­chung auf ei­nen Wunsch Hand­kes, die No­ti­zen und Ein­drücke die­ser Rei­sen zu ver­öf­fent­li­chen. Der Le­ser fragt sich so­fort: Sind die No­ti­zen mit dem heu­ti­gen Wis­sen be­ar­bei­tet oder weit­ge­hend au­then­tisch? Sind sie voll­stän­dig? Was wur­de hin­zu­ge­fügt, was weg­ge­las­sen? Deich­mann klärt das nicht. Im­mer­hin spannt er ge­le­gent­lich den Bo­gen über den ei­gent­li­chen Be­richts­zeit­raum hin­aus. Bis­wei­len wird ein­fach nur auf­ge­zählt und er­klärt, wann und wo wer ein­ge­trof­fen war, wann man wem be­geg­ne­te, wo man über­nach­tet und was man ge­ges­sen hat­te. Deich­mann zi­tiert (war­um auch im­mer) die Wid­mun­gen, die er von Hand­ke in den Bü­chern, die in dem Zeit­raum er­schie­nen wa­ren, er­hal­ten hat­te.

Die Rei­se­be­schrei­bun­gen kün­den von zahl­rei­chen Be­geg­nun­gen, aber zu­meist bleibt es bei dem blo­ßen Ge­sche­hen. Was die Men­schen ge­sagt ha­ben, er­fährt man sel­ten. Bis­wei­len ge­nügt die Zu­ord­nung als »Par­ti­san«, was dann auf das Al­ter schlie­ßen lässt. Im­mer­hin fin­det sich der ein oder an­de­re Be­zug auf Per­so­nen, die Hand­ke spä­ter in sei­ne Tex­te leicht ver­frem­det ein­ge­baut hat, be­son­ders, was das Thea­ter­stück Zu­rü­stun­gen für die Un­sterb­lich­keit an­geht. Ins­be­son­de­re bei den er­sten Bü­chern Hand­kes ver­weist Deich­mann häu­fig auf den in der Platt­form Hand­keon­line zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Ent­ste­hungs­kon­text. Tat­säch­lich ge­ra­ten die ei­gent­li­chen Rei­se­be­rich­te er­staun­lich kurz. Et­wa von je­ner Rei­se im Mai 1996, die als »Aufbruch…für den som­mer­li­chen Nach­trag« über­schrie­ben wird und un­ter an­de­rem Sre­bre­ni­ca und Više­grad als Ziel hat­te. Nimmt man den Som­mer­li­chen Nach­trag, der im Sep­tem­ber 1996 er­schie­nen ist, zur Hand, ist dort von deut­lich mehr Be­geg­nun­gen die Re­de, die Deich­mann ver­mut­lich des­halb nicht auf­führt, weil er sich nach drei Ta­gen von der Rei­se­grup­pe ent­fernt hat. Ei­ne Er­zäh­lung der nicht er­leb­ten Er­eig­nis­se un­ter­bleibt dies­mal.

Thomas Deichmann: Durch Jugoslawien im roten Peugeot - Band 2
Tho­mas Deich­mann: Durch Ju­go­sla­wi­en im ro­ten Peu­geot – Band 2

»Me­di­en­kam­pa­gne« ei­nes Re­por­ters?

Aus­gangs­punkt der Rei­sen ist häu­fig die ser­bi­sche Haupt­stadt Bel­grad, die von den Teil­neh­mern im Lau­fe der Jah­re zu­neh­mend als de­pri­mie­rend emp­fun­den wird. Man be­such­te Sre­bre­ni­ca, Više­grad, das Um­land von Sa­ra­je­vo oder mach­te Ge­birgs­wan­de­run­gen. Zwei Mal fuhr man wäh­rend der Bom­ben­an­grif­fe der NATO 1999 nach Ser­bi­en, be­such­te über Bel­grad Zer­stö­run­gen in Kra­gu­je­vac und die von deut­schen Flie­gern in Trüm­mern ge­leg­te Brücke von Var­va­rin, sprach mit An­ge­hö­ri­gen der Op­fer. Be­son­de­re Zu­wen­dung (vier Rei­sen sind über­lie­fert) er­fuhr der in Mün­chen 1997 zu fünf Jah­ren Haft ver­ur­teil­te No­vis­lav Dja­jić, der nach knapp drei Jah­ren aus dem Münch­ner Ge­fäng­nis ab­ge­scho­ben wur­de, in sei­ne Hei­mat­stadt zu­rück­ging und dort sei­ne Freun­din hei­ra­te­te. Des­sen Fall, der in Deutsch­land ver­han­delt wur­de, weil Dja­jić zu sei­ner Fa­mi­lie nach Augs­burg ge­flo­hen war, wird aus­gie­big ge­schil­dert. Hand­ke war so­wohl Trau­zeu­ge als auch Tauf­pa­te der er­sten Toch­ter. 2017 ver­starb Dja­jić, den Deich­mann als »Kriegs­ver­bre­cher« be­zeich­net, mit 52 Jah­ren an ei­nem Herz­in­farkt. Im Fo­to­band schaut er so­gar bei sei­ner Hoch­zeit trau­rig.

Hand­ke fuhr auch nach Ser­bi­en, weil ihm dort Li­te­ra­tur­prei­se zu­ge­tra­gen wur­den oder ver­mehrt Über­set­zun­gen sei­ner Bü­cher er­schie­nen wa­ren. 2003 über­kommt die Rei­sen­den al­ler­dings ein Blues; man be­ob­ach­te­te, »dies­mal eher ziel­los und wort­karg durch die Land­schaft ge­fah­ren« zu sein. Drei Jah­re spä­ter be­sucht Hand­ke zum er­sten Mal die ser­bi­sche En­kla­ve Ve­li­ka Hoča im Ko­so­vo; ein Ziel, das er mehr­fach auf­su­chen und auch fi­nan­zi­ell mit Spen­den un­ter­stüt­zen wird. Deich­mann li­stet in der Chro­nik noch wei­te­re Rei­sen Hand­kes in Kurz­fas­sun­gen auf, an de­nen er nicht be­tei­ligt war. Ei­ni­ge, be­son­ders nach 2008, dürf­ten feh­len. Ge­wiss ist die Aus­las­sung der Rei­se von En­de De­zem­ber 1996, in der Hand­ke in Be­glei­tung un­ter an­de­rem sei­nes da­ma­li­gen Lek­tors Rai­mund Fellin­ger am 20.12. mit dem Füh­rer der bos­ni­schen Ser­ben Ra­do­van Ka­ra­džić zu­sam­men­ge­kom­men war. Erst auf Sei­te 182, als die Re­de auf Mal­te Her­wigs Bio­gra­fie Mei­ster der Däm­me­rung von 2010 kommt, ist da­von die Re­de. Deich­mann echauf­fiert sich über die »rei­ße­ri­sche Mar­ke­ting­kam­pa­gne des ehe­ma­li­gen Re­por­ters«, als in der FAZ der Vor­ab­druck aus­ge­rech­net des Ka­pi­tels über den Be­such bei Ka­ra­džić pu­bli­ziert wur­de. Nicht nur, dass Deich­mann die­se Rei­se nicht in die Chro­nik auf­ge­nom­men hat­te, son­dern auch, dass der Kon­text des Be­suchs (Hand­ke woll­te sich auf Wunsch ei­ni­ger An­ge­hö­ri­ger, die in Öster­reich leb­ten, nach ver­miss­ten bos­ni­schen Mus­li­men er­kun­di­gen) nicht er­wähnt wird, über­rascht dann doch. Im­mer­hin, sein ei­ge­nes In­ter­view mit Ka­ra­džić, knapp ein hal­bes Jahr spä­ter, schil­dert Deich­mann aus­führ­lich (oh­ne al­ler­dings In­hal­te da­von wie­der­zu­ge­ben). Zu er­wäh­nen ist, dass Ka­ra­džić seit Ju­ni 1996 be­reits mit in­ter­na­tio­na­lem Haft­be­fehl ge­sucht wur­de, aber bis Som­mer 1997 In­ter­views ge­ge­ben hat­te.

Die Ex­kur­se

Deich­mann zeigt sich in den Ex­kur­sen als Jour­na­list. Be­leuch­tet wird zu­nächst die ein­sei­ti­ge Be­richt­erstat­tung in den Me­di­en, die sich an­schei­nend ir­gend­wann dar­auf ver­stän­digt hat­ten, dass die Ser­ben für al­le Ent­wick­lun­gen in die­sem furcht­bar und bru­tal ge­führ­ten Bür­ger­krieg ver­ant­wort­lich sei­en. Der Ein­druck ist durch­aus zu­tref­fend. Aber ei­ner der Ur­sa­chen da­für, die Ar­beits­wei­se von Jour­na­li­sten, wird nur skiz­ziert. Kaum Er­wäh­nung fin­den auch die En­ga­ge­ments der Kriegs­par­tei­en, PR-Agen­tu­ren zu be­auf­tra­gen, die ih­re Sicht der Din­ge den Me­di­en na­he­brin­gen. Ins­be­son­de­re aus Kroa­ti­en und dem Ko­so­vo gab es hier zahl­rei­che, do­ku­men­tier­ba­re, hoch­be­zahl­te Auf­trä­ge, die vor al­lem in der in­ter­na­tio­na­len Pres­se Er­folg hat­ten.

Kri­tisch setzt sich Deich­mann auch mit dem ICTY, dem UN-Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en, aus­ein­an­der. Auch hier macht er Ein­sei­tig­kei­ten aus, die sich dar­in zeig­ten, dass haupt­säch­lich ser­bi­sche bzw. bos­nisch-ser­bi­sche Kriegs­ver­bre­chen ver­han­delt wor­den sei­en. Da­mit sei die In­ten­ti­on, zu ei­ner Ver­söh­nung durch Auf­ar­bei­tung bei­zu­tra­gen, kon­ter­ka­riert wor­den. Auch die­ser Ein­wand ist nicht ganz falsch, was sich ex­em­pla­risch an Na­ser Orić zeigt, ei­nem bos­nisch-mus­li­mi­schen Kom­man­deur, der zahl­rei­che An­schlä­ge und Mas­sa­ker in der Re­gi­on um Sre­bre­ni­ca ver­übt ha­ben soll. Orić wur­de al­ler­dings nur zu zwei Jah­ren Haft ver­ur­teilt; ei­ne Be­ru­fung der Chef­an­klä­ge­rin hat­te kei­nen Er­folg3.

Am kniff­lig­sten ist Deich­manns Auf­satz über die »Me­ta­pher des Bö­sen«, das Wort »Ge­no­zid« bzw. »Völ­ker­mord«, wel­ches er auch im Hin­blick auf die Er­eig­nis­se in Sre­bre­ni­ca im Ju­li 1995 als nicht pas­send sieht. Er warnt da­bei vor der »in­fla­tio­nä­ren Nut­zung« des Ge­brauchs die­ser Be­grif­fe, die, so die Be­fürch­tung, die Ver­bre­chen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­harm­lo­sen wür­den. Deich­mann be­ruft sich auf ei­nen Be­richt aus dem Jahr 2002 des nie­der­län­di­schen »NI­OD-In­sti­tu­te for War, Ho­lo­caust, and Geno­ci­de Stu­dies«. Aber er irrt, wenn er sug­ge­riert, die Ver­fas­ser des NI­OD-Be­richts hät­te sich »ge­gen ei­ne Ge­no­zid-In­ter­pre­ta­ti­on« ge­wandt. Der Be­richt er­ör­tert die­se Fra­ge gar nicht. Ver­wen­det wer­den die Be­grif­fe »mass murder(s)«, »mass exe­cu­ti­ons« und »mass slaugh­ter«. Es han­delt sich um kein ju­ri­sti­sches Gut­ach­ten, son­dern un­ter­nimmt ei­ne Re­kon­struk­ti­on des Ab­laufs und be­fragt die Ver­ant­wor­tung der in­ter­na­tio­na­len und, vor al­lem, der nie­der­län­di­schen Ak­teu­re.4

Streng ge­nom­men geht Deich­mann noch hin­ter Hand­kes Äu­ße­rung zu­rück, es han­de­le sich »bei Sre­bre­ni­ca um das schlimm­ste ›Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit‹, das in Eu­ro­pa nach dem Krieg be­gan­gen wur­de«. Deich­mann be­steht dar­auf, den Kon­text, die vor­her ver­üb­ten Mas­sa­ker der bos­ni­schen Mus­li­me an Ser­ben, mit in die Be­wer­tung ein­flie­ßen zu las­sen. Aber es war Hand­ke, der im Som­mer­li­chen Nach­trag ge­schrie­ben hat­te: »Für die Ra­che gilt kein Min­de­rungs­grund.« Die Ver­mu­tung Deich­manns, dass die von Mla­dić be­foh­le­nen Mor­de »mi­li­tär­stra­te­gi­sche Grün­de« ge­habt ha­ben könn­te, ist schon al­lei­ne des­halb nicht halt­bar, weil Ge­fan­ge­ne nicht exe­ku­tiert wer­den dür­fen.

Muss die­se ju­ri­sti­sche The­ma­tik im Rah­men ei­nes sol­chen Vor­ha­bens über­haupt er­ör­tert wer­den? Statt die Fra­ge nach den Kri­te­ri­en für ei­nen Ge­no­zid als dog­ma­ti­sches Pro­blem des Völ­ker­straf­rechts zu dis­ku­tie­ren (was den Rah­men die­ses Bu­ches ge­sprengt hät­te), ar­gu­men­tiert Deich­mann mo­ra­lisch-nor­ma­tiv, ähn­lich den­je­ni­gen, de­nen er wi­der­spre­chen will. Die­se sub­jek­ti­ven Aus­füh­run­gen ab­seits des ei­gent­li­chen Zwecks die­ser Pu­bli­ka­ti­on lässt mich fra­gen, ob da­mit dem An­sin­nen Pe­ter Hand­kes ge­dient ist. Die Un­ter­stel­lun­gen ge­gen ihn ha­ben ja nicht auf­ge­hört, wie der kürz­li­che Ver­such ei­nes Au­tors in der FAZ (wo sonst?) zeig­te, der aus Hand­ke ei­nen der Ur­he­ber von »Fake News« ma­chen woll­te. Da­bei wa­ren es ge­ra­de Hand­ke-Kri­ti­ker, die mit Falsch­zi­ta­ten und De­kon­tex­tua­li­sie­run­gen ihr Em­pö­rungs­süpp­chen koch­ten – und wei­ter ko­chen.

Wo­her die­se Pas­si­on?

Was trieb Hand­ke zu die­sen Rei­sen? Deich­mann schreibt da­zu: »Das ge­mein­sa­me Rei­sen ver­lief mit der­sel­ben Grund­hal­tung, mit der sich Pe­ter Hand­ke in sei­nen Ju­go­sla­wi­en­tex­ten im­mer wie­der li­te­ra­risch mit Land und Leu­ten aus­ein­an­der­setz­te: un­vor­ein­ge­nom­men fra­gend, Er­klä­run­gen und Ant­wor­ten su­chend, Ein­drücke sam­melnd, den Men­schen zu­hö­rend, sie ver­ste­hen und mit­füh­len wol­lend, Wi­der­sprü­che und Nicht­ver­ste­hen zu über­win­den su­chend.« Ge­dacht als Ge­gen­ge­wicht zu der vor­herr­schen­den Be­richt­erstat­tung, in der fast nur die Nö­te und Lei­den der Kroa­ten, Bos­nia­ken und Ko­so­va­ren the­ma­ti­siert wur­den. Aber er­klärt dies die Pas­si­on? Was mach­te die »Jugoslawien«-Sache zu sei­nem Le­bens­the­ma?

Zwar wer­den die Wur­zeln der Mut­ter als Kärt­ner Slo­we­nin er­wähnt, aber die Prä­gun­gen Hand­kes durch den sich als Ju­go­sla­we füh­len­den Groß­va­ter, sei­ne (von ihm selbst bis­wei­len selbst­iro­nisch als »Ah­nen­kult be­zeich­ne­te) Hin­ga­be an die bei­den im Krieg »ge­fal­le­nen« On­kel, lässt Deich­mann aus. War­um hier­zu kei­nen »Ex­kurs«? Auch fehlt ein Hin­weis auf den sprach­kri­ti­schen Im­pe­tus in Hand­kes Früh­werk, der von ihm Mit­te der 1990er als Me­di­en­kri­tik wie­der­be­lebt wur­de. Die­se Me­ta­mor­pho­se kann man in der Nie­mands­bucht-Er­zäh­lung im Dia­log zwi­schen Keu­sch­nig und Ko­bal – bei­des Al­ter Ego-Fi­gu­ren Hand­kes – nach­le­sen. Wäh­rend Filip Ko­bal, der Er­zäh­ler aus Die Wie­der­ho­lung, den Zer­fall des Viel­völ­ker­staa­tes als ge­ge­ben und un­um­kehr­bar hält und sich da­mit ab­fin­det, will Gre­gor Keu­sch­nig, der ein­sti­ge Se­kre­tär der öster­rei­chi­schen Bot­schaft in Pa­ris, der die Me­di­en auf fal­sche Aus­sa­gen zu sei­nem Hei­mat­land auf­merk­sam mach­te, wi­der­spre­chen. Es wä­re in­ter­es­sant ge­we­sen, Hand­kes Ide­al (ei­ner Il­lu­si­on?) ei­nes im Frie­den le­ben­den Viel­völ­ker­staats, den er in ei­nem Ju­go­sla­wi­en sah, dass sich selb­stän­dig von den Na­zis be­freit hat­te, auf­zu­fä­chern.

Viel­leicht hat es da­mit zu tun, dass er in sei­ner Zu­sam­men­stel­lung der Ju­go­sla­wi­en-Tex­te Hand­kes den vom Wie­ser-Ver­lag 1993 auf­ge­leg­ten Band Noch ein­mal vom Neun­ten Land aus­ge­las­sen hat? Das Buch be­stand aus drei Ge­sprä­che Hand­kes mit dem slo­we­ni­schen Kul­tur­jour­na­li­sten Jože Hor­vat zwi­schen 1987 und 1993. Si­cher­lich, das Buch ist kein ori­gi­när von Hand­ke ver­fass­tes, aber es gibt ei­ni­gen Auf­schluss den Pro­zess der Vor­stel­lun­gen Hand­kes zu Ju­go­sla­wi­en. Kei­nen Ein­gang in die­se Li­ste fin­det auch das als Slo­we­ni­en-Er­zäh­lung apo­stro­phier­te Buch Die Wie­der­ho­lung von 1986 (die­se Aus­las­sung deckt sich mit der gän­gi­gen Hand­ke-For­schung, die die­sen Schritt auch nicht macht).

Deich­mann deu­tet die 1991 ent­stan­de­ne se­zes­si­ons­kri­ti­sche Streit­schrift Ab­schied des Träu­mers vom Neun­ten Land als Ab­kehr des »po­si­ti­ven Slo­we­ni­en­bilds« Hand­kes, das sich in Die Wie­der­ho­lung ge­zeigt ha­be. Die ge­naue Lek­tü­re die­ser Er­zäh­lung zeigt in­des, dass Hand­ke Slo­we­ni­en zwin­gend als es­sen­ti­el­len Be­stand­teil Ju­go­sla­wi­ens sah und nur in die­sem Kon­text »ak­zep­tier­te«. »Ge­ra­de weil er auch als Slo­we­ne emp­fand, war ihm die Ver­selb­stän­di­gung Slo­we­ni­ens ein Greu­el«, so Fab­jan Haf­ner 2008 in Pe­ter Hand­ke – Un­ter­wegs ins Neun­te Land, der den »Irr­tum« der slo­we­ni­schen li­te­ra­ri­schen Öf­fent­lich­keit, Die Wie­der­ho­lung »vor­schnell zum Na­tio­nal­buch« hoch­zu­sti­li­sie­ren als ei­ne der Ur­sa­chen für die spä­te­ren bit­te­ren und hä­mi­schen Kom­men­ta­re sah5.

* * *

»Für den ›Nach­trag...‹ krie­ge ich nur Haß«, schreibt Pe­ter Hand­ke an Zlat­ko Bo­co­kić im Ok­to­ber 1996. Die Vor­stel­lung Hand­kes, dass sei­ne Be­denk­lich­kei­ten zu ei­nem um­fas­sen­de­ren Mei­nungs­bild bei­tra­gen wür­den, dürf­te schon auf der Le­se­rei­se ei­ner ge­wis­sen Er­nüch­te­rung ge­wi­chen sein. Die Er­zäh­lung der »hu­ma­ni­tä­ren In­ter­ven­ti­on«, mit der die NATO Ser­bi­en 1999 zum Ein­len­ken in der Ko­so­vo-Fra­ge zwin­gen woll­te, glaub­te er nicht. Nach­träg­lich muss man kon­sta­tie­ren, dass die­se For­mu­lie­rung von den Füh­rern der (west­li­chen) Welt im­mer wie­der für ih­ren In­ter­ven­tio­nis­mus her­an­ge­zo­gen, ja: miss­braucht wur­de. Statt­des­sen ging/geht es um Geo­po­li­tik, die so ein Män­tel­chen be­kommt, da­mit die um­ste­hen­den nicht ins Frö­steln kom­men.

Hand­kes Wut und Trotz schlug bis­wei­len in Sar­kas­mus um. En­de De­zem­ber 1999 traf man Bel­grad den bos­ni­schen Thea­ter­re­gis­seur Mla­den Ma­te­rić6. Ge­mein­sam bil­de­ten sie ei­ne »Ju­ry«, in der sie die Schrift­stel­ler quan­ti­fi­zier­ten, die die NA­TO-In­ter­ven­ti­on ge­recht­fer­tigt hat­ten. Im Bild­band fin­det sich ein Fo­to des (na­tür­lich nicht ernst ge­mein­ten) »Ur­teils«.

Zwar gibt es im Bild­band durch­aus Schnapp­schüs­se, die Hand­ke nicht nur ent­schlos­sen, son­dern auch ent­spannt und fast hei­ter zei­gen. Aber man be­kommt den Ein­druck, dass mit den Jah­ren der Fu­ror Hand­kes sich mit die brüs­ken Ab­leh­nun­gen, die ihm ent­ge­gen­ge­schleu­dert wur­den, noch po­ten­zier­te. Je mehr die »For­de­run­gen« nach die­sem oder je­nen Be­kennt­nis auf­ka­men, um so stär­ker sei­ne Ab­wehr­hal­tung. Ir­gend­wann hät­te nicht ein­mal mehr ein Be­reu­en ge­hol­fen. Zu starr das Kor­sett de­rer, die in ih­ren mo­ra­li­schen Ge­wiss­hei­ten ba­den. Heu­te noch eher als vor zwan­zig, drei­ßig Jah­ren zei­ti­gen auch nur klein­ste Ab­wei­chun­gen gro­ße Fol­gen. Hand­ke hat die­se Fol­gen nicht ge­scheut. Si­cher, man fin­det sie, die Stel­len, in de­nen Hand­ke irr­te. Wer ge­nau liest, mag auch Zwei­fel er­ken­nen. Ex­em­pla­risch sein dem No­tiz­buch an­ver­trau­tes un­gu­te Ge­fühl auf der Be­er­di­gung von Mi­loše­vić, un­ter all den »Po­panz­re­den von Ko­stüm­ge­ne­rä­len»7 sit­zend, aber er konn­te nicht an­ders; es gab kein Zu­rück mehr. Er woll­te sich auf die­se Art von »sei­nem« Ju­go­sla­wi­en ver­ab­schie­den8.

Ge­ra­de in den nüch­ter­nen, bis­wei­len pro­to­koll­haft da­her­kom­men­den Be­rich­ten Deich­manns er­fasst man die Er­schüt­te­run­gen, die Hand­ke ins­be­son­de­re zwi­schen 1995 und 2011 er­lit­ten ha­ben muss, kaum. Aber viel­leicht hät­te man ei­ne emo­tio­na­le­re Dar­stel­lung als über­trie­ben ge­se­hen und die Di­stanz wä­re grö­ßer ge­wor­den. So mag man sich sein ei­ge­nes Ur­teil bil­den. Und die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler kön­nen ei­ne Fül­le neu­er Er­kennt­nis­se ver­ar­bei­ten.


  1. Der Text über die Ausführungen zum Literaturnobelpreis an Handke ist kein Reisebericht. 

  2. Der Buchtitel lautet vollständig: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien

  3. Es ist ein Fauxpas, dass Deichmann das sogenannte »Weihnachtsmassaker«, an dem Orić beteiligt gewesen sein soll, ausgerechnet in der Chronik auf das falsche Jahr datiert. Im Text selber ist es richtig vermerkt. 

  4. Die Vermeidung des Begriffs des Völkermords in diesem Bericht dürfte neben den juristischen auch nicht zuletzt politische Gründe haben. In Srebrenica war eine niederländische UN-Einheit (»Dutchbat«) stationiert, die sich ihrer Verantwortung für das Nichteingreifen stellen musste. Die Einschätzung als »Völkermord« hätte die politische Verantwortung der Niederlande dramatisch verschärft. 

  5. S. 263ff. 

  6. Handke verfasste mit ihm ein kleines Theaterstück: La Cuisine (deutsch: Warum eine Küche?), das 2001 in Toulouse uraufgeführt wurde. 

  7. Meister der Dämmerung, S. 248. 

  8. So im Gespräch 2007 mit André Müller: »›Sie wollten sich von dem Land, dessen letzter Präsident er war, verabschieden.‹ Handke antwortet darauf knapp und klar: ›So ist es‹« – Die Weltwoche v. 20.08.2007. 

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