»Und immer noch halte ich mit den Verlierern.« (Peter Handke, Immer noch Sturm)

Durch Jugoslawien im roten Peugeot nennt der ehemalige Journalist Thomas Deichmann seine zweibändige Schrift über die Reisen von, mit und zu Peter Handke zwischen 1995 und 2021. Der rote Peugeot gehört Zlatko Bocokić, den Peter Handke in den 1980er Jahren in Salzburg kennenlernte und der als Planer, Übersetzer und Fahrer der Reisen Handkes fungierte. (Kurzzeitig versuchte er sich auch als Maler unter dem Pseudonym Adrian Brauer.) Zentral im ersten Band sind Berichte über 25 Reisen1, von denen 22 ins ehemalige Jugoslawien führten. Thomas Deichmann begleitete Peter Handke insgesamt 18 Mal bei diesen Reisen. Die beiden lernten sich 1996 in Frankfurt kennen; ich war auch anwesend und die Tumulte in beide Richtungen sind mir heute noch im Ohr. Handke las hier aus seiner Winterlichen Reise2 vor, eine Literarisierung der (vermutlich) ersten Reise ins zerfallende Jugoslawien, die vom 30. Oktober bis 8. November 1995 stattfand. Auch diese Reise findet Aufnahme in Deichmanns Buch, freilich nur als kurze Nacherzählung der Fakten.
Neben Bocokić war auch häufiger der in Köln lebende ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Welle Žarko Radaković dabei, der etliche Bücher Handkes ins Serbische übersetzt hat. Der amerikanische Germanist Scott Abbott nahm ein Mal an einer solchen Unternehmung teil. Drei Monate nach dem Kennenlernen war Deichmann das erste Mal dabei. Die einzelnen Touren waren häufig improvisiert und erfolgten spontan. Drei Reisen unternahm Deichmann alleine; einmal nach Chaville zu Handke und zwei Mal besuchte er Bocokić in seinem Heimatdorf Porodin. Ergänzt wird Band 1 durch eine kurze Auflistung der Jugoslawien-Bücher Handkes und einige Exkurse, über die noch zu reden sein wird. Band 2 zeigt auf knapp 250 Seiten Hunderte von Fotos, die während der Reisen entstanden sind; Schnappschüsse, Impressionen und Begegnungen. Jeder Band hat ein Personen‑, Orts- und sogar Kloster- und Flussregister.
Fragen
Parallel zu den Reisedarstellungen gibt es chronologische Einschübe über die wichtigsten Ereignisse im auseinanderbrechenden Jugoslawien sowie den Schriften und Äußerungen Handkes. Deichmann lässt hier nichts aus, erwähnt auch Handkes Wutausbrüche und »Verhaspler«. An besonderen Stellen wird aus seinen Büchern zitiert. Zu Beginn gibt es einen kurzen Abriss der Ereignisse des Zerfalls und der Kriege in Jugoslawien. Deichmann bemüht sich um neutrale Darstellungen, lässt im ein oder anderen Fall allerdings abweichenden Hypothesen großen Raum. Dabei wird – parallel zu den kritisierten Medien – ebenfalls bisweilen die Vokabel »umstritten« angewendet.
Deichmann rekurriert mit dieser Veröffentlichung auf einen Wunsch Handkes, die Notizen und Eindrücke dieser Reisen zu veröffentlichen. Der Leser fragt sich sofort: Sind die Notizen mit dem heutigen Wissen bearbeitet oder weitgehend authentisch? Sind sie vollständig? Was wurde hinzugefügt, was weggelassen? Deichmann klärt das nicht. Immerhin spannt er gelegentlich den Bogen über den eigentlichen Berichtszeitraum hinaus. Bisweilen wird einfach nur aufgezählt und erklärt, wann und wo wer eingetroffen war, wann man wem begegnete, wo man übernachtet und was man gegessen hatte. Deichmann zitiert (warum auch immer) die Widmungen, die er von Handke in den Büchern, die in dem Zeitraum erschienen waren, erhalten hatte.
Die Reisebeschreibungen künden von zahlreichen Begegnungen, aber zumeist bleibt es bei dem bloßen Geschehen. Was die Menschen gesagt haben, erfährt man selten. Bisweilen genügt die Zuordnung als »Partisan«, was dann auf das Alter schließen lässt. Immerhin findet sich der ein oder andere Bezug auf Personen, die Handke später in seine Texte leicht verfremdet eingebaut hat, besonders, was das Theaterstück Zurüstungen für die Unsterblichkeit angeht. Insbesondere bei den ersten Büchern Handkes verweist Deichmann häufig auf den in der Plattform Handkeonline zusammengetragenen Entstehungskontext. Tatsächlich geraten die eigentlichen Reiseberichte erstaunlich kurz. Etwa von jener Reise im Mai 1996, die als »Aufbruch…für den sommerlichen Nachtrag« überschrieben wird und unter anderem Srebrenica und Višegrad als Ziel hatte. Nimmt man den Sommerlichen Nachtrag, der im September 1996 erschienen ist, zur Hand, ist dort von deutlich mehr Begegnungen die Rede, die Deichmann vermutlich deshalb nicht aufführt, weil er sich nach drei Tagen von der Reisegruppe entfernt hat. Eine Erzählung der nicht erlebten Ereignisse unterbleibt diesmal.

»Medienkampagne« eines Reporters?
Ausgangspunkt der Reisen ist häufig die serbische Hauptstadt Belgrad, die von den Teilnehmern im Laufe der Jahre zunehmend als deprimierend empfunden wird. Man besuchte Srebrenica, Višegrad, das Umland von Sarajevo oder machte Gebirgswanderungen. Zwei Mal fuhr man während der Bombenangriffe der NATO 1999 nach Serbien, besuchte über Belgrad Zerstörungen in Kragujevac und die von deutschen Fliegern in Trümmern gelegte Brücke von Varvarin, sprach mit Angehörigen der Opfer. Besondere Zuwendung (vier Reisen sind überliefert) erfuhr der in München 1997 zu fünf Jahren Haft verurteilte Novislav Djajić, der nach knapp drei Jahren aus dem Münchner Gefängnis abgeschoben wurde, in seine Heimatstadt zurückging und dort seine Freundin heiratete. Dessen Fall, der in Deutschland verhandelt wurde, weil Djajić zu seiner Familie nach Augsburg geflohen war, wird ausgiebig geschildert. Handke war sowohl Trauzeuge als auch Taufpate der ersten Tochter. 2017 verstarb Djajić, den Deichmann als »Kriegsverbrecher« bezeichnet, mit 52 Jahren an einem Herzinfarkt. Im Fotoband schaut er sogar bei seiner Hochzeit traurig.
Handke fuhr auch nach Serbien, weil ihm dort Literaturpreise zugetragen wurden oder vermehrt Übersetzungen seiner Bücher erschienen waren. 2003 überkommt die Reisenden allerdings ein Blues; man beobachtete, »diesmal eher ziellos und wortkarg durch die Landschaft gefahren« zu sein. Drei Jahre später besucht Handke zum ersten Mal die serbische Enklave Velika Hoča im Kosovo; ein Ziel, das er mehrfach aufsuchen und auch finanziell mit Spenden unterstützen wird. Deichmann listet in der Chronik noch weitere Reisen Handkes in Kurzfassungen auf, an denen er nicht beteiligt war. Einige, besonders nach 2008, dürften fehlen. Gewiss ist die Auslassung der Reise von Ende Dezember 1996, in der Handke in Begleitung unter anderem seines damaligen Lektors Raimund Fellinger am 20.12. mit dem Führer der bosnischen Serben Radovan Karadžić zusammengekommen war. Erst auf Seite 182, als die Rede auf Malte Herwigs Biografie Meister der Dämmerung von 2010 kommt, ist davon die Rede. Deichmann echauffiert sich über die »reißerische Marketingkampagne des ehemaligen Reporters«, als in der FAZ der Vorabdruck ausgerechnet des Kapitels über den Besuch bei Karadžić publiziert wurde. Nicht nur, dass Deichmann diese Reise nicht in die Chronik aufgenommen hatte, sondern auch, dass der Kontext des Besuchs (Handke wollte sich auf Wunsch einiger Angehöriger, die in Österreich lebten, nach vermissten bosnischen Muslimen erkundigen) nicht erwähnt wird, überrascht dann doch. Immerhin, sein eigenes Interview mit Karadžić, knapp ein halbes Jahr später, schildert Deichmann ausführlich (ohne allerdings Inhalte davon wiederzugeben). Zu erwähnen ist, dass Karadžić seit Juni 1996 bereits mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde, aber bis Sommer 1997 Interviews gegeben hatte.
Die Exkurse
Deichmann zeigt sich in den Exkursen als Journalist. Beleuchtet wird zunächst die einseitige Berichterstattung in den Medien, die sich anscheinend irgendwann darauf verständigt hatten, dass die Serben für alle Entwicklungen in diesem furchtbar und brutal geführten Bürgerkrieg verantwortlich seien. Der Eindruck ist durchaus zutreffend. Aber einer der Ursachen dafür, die Arbeitsweise von Journalisten, wird nur skizziert. Kaum Erwähnung finden auch die Engagements der Kriegsparteien, PR-Agenturen zu beauftragen, die ihre Sicht der Dinge den Medien nahebringen. Insbesondere aus Kroatien und dem Kosovo gab es hier zahlreiche, dokumentierbare, hochbezahlte Aufträge, die vor allem in der internationalen Presse Erfolg hatten.
Kritisch setzt sich Deichmann auch mit dem ICTY, dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien, auseinander. Auch hier macht er Einseitigkeiten aus, die sich darin zeigten, dass hauptsächlich serbische bzw. bosnisch-serbische Kriegsverbrechen verhandelt worden seien. Damit sei die Intention, zu einer Versöhnung durch Aufarbeitung beizutragen, konterkariert worden. Auch dieser Einwand ist nicht ganz falsch, was sich exemplarisch an Naser Orić zeigt, einem bosnisch-muslimischen Kommandeur, der zahlreiche Anschläge und Massaker in der Region um Srebrenica verübt haben soll. Orić wurde allerdings nur zu zwei Jahren Haft verurteilt; eine Berufung der Chefanklägerin hatte keinen Erfolg3.
Am kniffligsten ist Deichmanns Aufsatz über die »Metapher des Bösen«, das Wort »Genozid« bzw. »Völkermord«, welches er auch im Hinblick auf die Ereignisse in Srebrenica im Juli 1995 als nicht passend sieht. Er warnt dabei vor der »inflationären Nutzung« des Gebrauchs dieser Begriffe, die, so die Befürchtung, die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlosen würden. Deichmann beruft sich auf einen Bericht aus dem Jahr 2002 des niederländischen »NIOD-Institute for War, Holocaust, and Genocide Studies«. Aber er irrt, wenn er suggeriert, die Verfasser des NIOD-Berichts hätte sich »gegen eine Genozid-Interpretation« gewandt. Der Bericht erörtert diese Frage gar nicht. Verwendet werden die Begriffe »mass murder(s)«, »mass executions« und »mass slaughter«. Es handelt sich um kein juristisches Gutachten, sondern unternimmt eine Rekonstruktion des Ablaufs und befragt die Verantwortung der internationalen und, vor allem, der niederländischen Akteure.4
Streng genommen geht Deichmann noch hinter Handkes Äußerung zurück, es handele sich »bei Srebrenica um das schlimmste ›Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde«. Deichmann besteht darauf, den Kontext, die vorher verübten Massaker der bosnischen Muslime an Serben, mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Aber es war Handke, der im Sommerlichen Nachtrag geschrieben hatte: »Für die Rache gilt kein Minderungsgrund.« Die Vermutung Deichmanns, dass die von Mladić befohlenen Morde »militärstrategische Gründe« gehabt haben könnte, ist schon alleine deshalb nicht haltbar, weil Gefangene nicht exekutiert werden dürfen.
Muss diese juristische Thematik im Rahmen eines solchen Vorhabens überhaupt erörtert werden? Statt die Frage nach den Kriterien für einen Genozid als dogmatisches Problem des Völkerstrafrechts zu diskutieren (was den Rahmen dieses Buches gesprengt hätte), argumentiert Deichmann moralisch-normativ, ähnlich denjenigen, denen er widersprechen will. Diese subjektiven Ausführungen abseits des eigentlichen Zwecks dieser Publikation lässt mich fragen, ob damit dem Ansinnen Peter Handkes gedient ist. Die Unterstellungen gegen ihn haben ja nicht aufgehört, wie der kürzliche Versuch eines Autors in der FAZ (wo sonst?) zeigte, der aus Handke einen der Urheber von »Fake News« machen wollte. Dabei waren es gerade Handke-Kritiker, die mit Falschzitaten und Dekontextualisierungen ihr Empörungssüppchen kochten – und weiter kochen.
Woher diese Passion?
Was trieb Handke zu diesen Reisen? Deichmann schreibt dazu: »Das gemeinsame Reisen verlief mit derselben Grundhaltung, mit der sich Peter Handke in seinen Jugoslawientexten immer wieder literarisch mit Land und Leuten auseinandersetzte: unvoreingenommen fragend, Erklärungen und Antworten suchend, Eindrücke sammelnd, den Menschen zuhörend, sie verstehen und mitfühlen wollend, Widersprüche und Nichtverstehen zu überwinden suchend.« Gedacht als Gegengewicht zu der vorherrschenden Berichterstattung, in der fast nur die Nöte und Leiden der Kroaten, Bosniaken und Kosovaren thematisiert wurden. Aber erklärt dies die Passion? Was machte die »Jugoslawien«-Sache zu seinem Lebensthema?
Zwar werden die Wurzeln der Mutter als Kärtner Slowenin erwähnt, aber die Prägungen Handkes durch den sich als Jugoslawe fühlenden Großvater, seine (von ihm selbst bisweilen selbstironisch als »Ahnenkult bezeichnete) Hingabe an die beiden im Krieg »gefallenen« Onkel, lässt Deichmann aus. Warum hierzu keinen »Exkurs«? Auch fehlt ein Hinweis auf den sprachkritischen Impetus in Handkes Frühwerk, der von ihm Mitte der 1990er als Medienkritik wiederbelebt wurde. Diese Metamorphose kann man in der Niemandsbucht-Erzählung im Dialog zwischen Keuschnig und Kobal – beides Alter Ego-Figuren Handkes – nachlesen. Während Filip Kobal, der Erzähler aus Die Wiederholung, den Zerfall des Vielvölkerstaates als gegeben und unumkehrbar hält und sich damit abfindet, will Gregor Keuschnig, der einstige Sekretär der österreichischen Botschaft in Paris, der die Medien auf falsche Aussagen zu seinem Heimatland aufmerksam machte, widersprechen. Es wäre interessant gewesen, Handkes Ideal (einer Illusion?) eines im Frieden lebenden Vielvölkerstaats, den er in einem Jugoslawien sah, dass sich selbständig von den Nazis befreit hatte, aufzufächern.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass er in seiner Zusammenstellung der Jugoslawien-Texte Handkes den vom Wieser-Verlag 1993 aufgelegten Band Noch einmal vom Neunten Land ausgelassen hat? Das Buch bestand aus drei Gespräche Handkes mit dem slowenischen Kulturjournalisten Jože Horvat zwischen 1987 und 1993. Sicherlich, das Buch ist kein originär von Handke verfasstes, aber es gibt einigen Aufschluss den Prozess der Vorstellungen Handkes zu Jugoslawien. Keinen Eingang in diese Liste findet auch das als Slowenien-Erzählung apostrophierte Buch Die Wiederholung von 1986 (diese Auslassung deckt sich mit der gängigen Handke-Forschung, die diesen Schritt auch nicht macht).
Deichmann deutet die 1991 entstandene sezessionskritische Streitschrift Abschied des Träumers vom Neunten Land als Abkehr des »positiven Slowenienbilds« Handkes, das sich in Die Wiederholung gezeigt habe. Die genaue Lektüre dieser Erzählung zeigt indes, dass Handke Slowenien zwingend als essentiellen Bestandteil Jugoslawiens sah und nur in diesem Kontext »akzeptierte«. »Gerade weil er auch als Slowene empfand, war ihm die Verselbständigung Sloweniens ein Greuel«, so Fabjan Hafner 2008 in Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land, der den »Irrtum« der slowenischen literarischen Öffentlichkeit, Die Wiederholung »vorschnell zum Nationalbuch« hochzustilisieren als eine der Ursachen für die späteren bitteren und hämischen Kommentare sah5.
»Für den ›Nachtrag...‹ kriege ich nur Haß«, schreibt Peter Handke an Zlatko Bocokić im Oktober 1996. Die Vorstellung Handkes, dass seine Bedenklichkeiten zu einem umfassenderen Meinungsbild beitragen würden, dürfte schon auf der Lesereise einer gewissen Ernüchterung gewichen sein. Die Erzählung der »humanitären Intervention«, mit der die NATO Serbien 1999 zum Einlenken in der Kosovo-Frage zwingen wollte, glaubte er nicht. Nachträglich muss man konstatieren, dass diese Formulierung von den Führern der (westlichen) Welt immer wieder für ihren Interventionismus herangezogen, ja: missbraucht wurde. Stattdessen ging/geht es um Geopolitik, die so ein Mäntelchen bekommt, damit die umstehenden nicht ins Frösteln kommen.
Handkes Wut und Trotz schlug bisweilen in Sarkasmus um. Ende Dezember 1999 traf man Belgrad den bosnischen Theaterregisseur Mladen Materić6. Gemeinsam bildeten sie eine »Jury«, in der sie die Schriftsteller quantifizierten, die die NATO-Intervention gerechtfertigt hatten. Im Bildband findet sich ein Foto des (natürlich nicht ernst gemeinten) »Urteils«.
Zwar gibt es im Bildband durchaus Schnappschüsse, die Handke nicht nur entschlossen, sondern auch entspannt und fast heiter zeigen. Aber man bekommt den Eindruck, dass mit den Jahren der Furor Handkes sich mit die brüsken Ablehnungen, die ihm entgegengeschleudert wurden, noch potenzierte. Je mehr die »Forderungen« nach diesem oder jenen Bekenntnis aufkamen, um so stärker seine Abwehrhaltung. Irgendwann hätte nicht einmal mehr ein Bereuen geholfen. Zu starr das Korsett derer, die in ihren moralischen Gewissheiten baden. Heute noch eher als vor zwanzig, dreißig Jahren zeitigen auch nur kleinste Abweichungen große Folgen. Handke hat diese Folgen nicht gescheut. Sicher, man findet sie, die Stellen, in denen Handke irrte. Wer genau liest, mag auch Zweifel erkennen. Exemplarisch sein dem Notizbuch anvertrautes ungute Gefühl auf der Beerdigung von Milošević, unter all den »Popanzreden von Kostümgenerälen»7 sitzend, aber er konnte nicht anders; es gab kein Zurück mehr. Er wollte sich auf diese Art von »seinem« Jugoslawien verabschieden8.
Gerade in den nüchternen, bisweilen protokollhaft daherkommenden Berichten Deichmanns erfasst man die Erschütterungen, die Handke insbesondere zwischen 1995 und 2011 erlitten haben muss, kaum. Aber vielleicht hätte man eine emotionalere Darstellung als übertrieben gesehen und die Distanz wäre größer geworden. So mag man sich sein eigenes Urteil bilden. Und die Literaturwissenschaftler können eine Fülle neuer Erkenntnisse verarbeiten.
Der Text über die Ausführungen zum Literaturnobelpreis an Handke ist kein Reisebericht. ↩
Der Buchtitel lautet vollständig: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. ↩
Es ist ein Fauxpas, dass Deichmann das sogenannte »Weihnachtsmassaker«, an dem Orić beteiligt gewesen sein soll, ausgerechnet in der Chronik auf das falsche Jahr datiert. Im Text selber ist es richtig vermerkt. ↩
Die Vermeidung des Begriffs des Völkermords in diesem Bericht dürfte neben den juristischen auch nicht zuletzt politische Gründe haben. In Srebrenica war eine niederländische UN-Einheit (»Dutchbat«) stationiert, die sich ihrer Verantwortung für das Nichteingreifen stellen musste. Die Einschätzung als »Völkermord« hätte die politische Verantwortung der Niederlande dramatisch verschärft. ↩
S. 263ff. ↩
Handke verfasste mit ihm ein kleines Theaterstück: La Cuisine (deutsch: Warum eine Küche?), das 2001 in Toulouse uraufgeführt wurde. ↩
Meister der Dämmerung, S. 248. ↩
So im Gespräch 2007 mit André Müller: »›Sie wollten sich von dem Land, dessen letzter Präsident er war, verabschieden.‹ Handke antwortet darauf knapp und klar: ›So ist es‹« – Die Weltwoche v. 20.08.2007. ↩