Sa­lo­mo­ni­sche Ent­schei­dung

Falsche Bewegung - Screenshot vom Film von Wim Wenders - © Wim Wenders
Fal­sche Be­we­gung – Screen­shot vom Film von Wim Wen­ders – © Wim Wen­ders (nach Wi­ki­pe­dia)

Nun al­so doch et­was »zur Sa­che«? Im­mer­hin: Der Streit (?) um Fal­sche Be­we­gung von Wim Wen­ders hat da­zu ge­führt, dass ich mir nach mehr als zehn Jah­ren den Film noch ein­mal an­ge­se­hen ha­be. Ich schrieb da­mals an mei­nem Buch Der Ge­ruch der Fil­me über das Ki­no von Pe­ter Hand­ke und ha­be dort ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on zu Dreh­buch und Film ab­ge­ge­ben. Fal­sche Be­we­gung war die Vor­la­ge zum Film, in dem Wim Wen­ders Re­gie führ­te. Am En­de des Bu­ches (Suhr­kamp Ta­schen­buch 258, 1. Auf­la­ge 1975) hat­te Hand­ke Ent­ste­hungs­ort und ‑zeit­raum fest­ge­hal­ten: »Ve­ne­dig, Juli/August 1973«. Auf dem Co­ver ein Bild mit Rü­di­ger Vog­ler, Nastass­ja Kin­ski (im Ab­spann des Films wird sie »Nastass­ja Naks­zyn­ski« ge­nannt) und Hans-Chri­sti­an Blech. Laut Hand­keon­line ist der 25.06.1975 das Erst­erschei­nungs­da­tum. Der Film wur­de, so steht es im Buch, im Herbst 1974 ge­dreht und hat­te am 14. März 1975 Pre­mie­re. Der Film ge­wann den Deut­schen Film­preis und er­hielt das Film­band in Gold in sechs Ka­te­go­rien (u. a. für die Dar­stel­ler). Im Ju­ni 1976 er­folg­te ei­ne Aus­strah­lung in der ARD.

Buch und Film sind eng mit­ein­an­der ver­zahnt. Den­noch gibt es Un­ter­schie­de. Of­fen­sicht­lich wa­ren die an­de­ren Or­te. Hand­ke lässt sei­ne Fi­gur Wil­helm, den an­ge­hen­den Schrift­stel­ler, in Hei­de le­ben, Wen­ders nimmt Glück­stadt. Bei Hand­ke fährt er nach Soest, bei Wen­ders nach Bonn. Schwal­bach und der letz­te Ort Wil­helms, die Zug­spit­ze, sind hin­ge­gen iden­tisch. Die Fi­gur des Bernd Land­au kam im Buch aus der Schweiz, bei Wen­ders aus Wien. Zu Be­ginn fährt kein TEE-Zug, wie Hand­ke es woll­te. Klei­nig­kei­ten; den Um­stän­den ge­schul­det.

Auch der Schluss dif­fe­riert leicht. Die Sze­ne, in der Wil­helm den Al­ten für die Ver­bre­chen, die er an den Ju­den ver­übt hat­te, um­brin­gen will, spielt auf ei­ner Fäh­re, nicht in ei­nem Ru­der­boot. Na­tür­lich gibt es auch sze­ni­sche Um­bau­ten, man­che fal­len weg, an­de­re wer­den an­ders ge­wich­tet. Dar­un­ter auch je­ne, die jetzt, nach über fünf­zig Jah­ren für Auf­merk­sam­keit führt.

Der Film ist Ad­ap­ti­on und Pro­jek­ti­on Hand­kes auf Goe­thes Wil­helm Mei­ster. Wil­helm, der un­be­dingt Schrift­stel­ler wer­den will, bricht auf in die Welt. Es ent­steht im Lau­fe der Hand­lung ei­ne klei­ne Grup­pe; ähn­lich Ver­spreng­te wie er, die ei­ne kur­ze Zeit zu­sam­men­le­ben und sich ge­gen­sei­tig ih­re Ge­schich­ten er­zäh­len (spä­ter wird Hand­ke mit Die Ab­we­sen­heit ei­nen ähn­li­chen Film ei­ner Grup­pe dre­hen). Ne­ben Wil­helm ist da die Schau­spie­le­rin The­re­se, ein al­ter Mann, der im Film (und nur dort) La­er­tes heißt, die mit ihm um­her­zie­hen­de jun­ge, stum­me Ar­ti­stin, die er Mi­gnon nennt (er macht Mu­sik, sie Kunst­stücke) und ein ge­wis­ser Bernd Land­au. Es geht um die Qual des Schrei­bens, des Pro­ble­me des mensch­li­chen Zu­sam­men­seins, Ein­sam­keit, aber auch um Po­li­tik und Li­te­ra­tur. Der Al­te hat ein Ge­heim­nis: Er hat­te wäh­rend der Na­zi-Zeit Ju­den um­ge­bracht (aber, wie er sagt, auch Ju­den ge­ret­tet). Wil­helm er­füllt dies mit Wut. Film und Buch sind nicht zu­letzt ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Deutsch­land und dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

Die fünf über­nach­ten in ei­nem Haus ei­nes In­du­stri­el­len, den sie durch ih­re An­kunft vor dem Selbst­mord ge­ret­tet hat­ten. In Hand­kes Dreh­buch tritt Wil­helm in der Nacht in das Zim­mer von Mi­gnon, »zieht sich aus und geht zum Bett«. Dann: »Ei­ne Ah­nung von Ar­men, die ihn her­un­ter­zie­hen, von Bei­nen, die sich so­fort um ihn schlin­gen. // Der un­be­weg­te Vor­hang vor dem Fen­ster.« Bei Wen­ders liegt Mi­gnon bar­bu­sig auf der Ma­trat­ze und scheint Wil­helm zu er­war­ten. Er legt sich auf sie. We­ni­ge Se­kun­den spä­ter er­hebt er sich und ohr­feigt sie leicht. Die Sze­ne dau­ert nicht ein­mal an­dert­halb Mi­nu­ten.

Auf Ais­the­sis fin­det sich ei­ne kon­ge­nia­le Zu­sam­men­fas­sung und Kri­tik zu dem Film. Die in­kri­mi­nier­te Sze­ne sei, so steht es dort, »zen­tral« für den Film, und das ist durch­aus rich­tig. Es geht tat­säch­lich dar­um, dass in die­ser Nacht The­re­se auf Wil­helm war­tet. Bei­de hat­ten sich auf my­ste­riö­se Wei­se ken­nen­ge­lernt (im Film ist es die Te­le­fon­num­mer, die Wil­helm vom Schaff­ner über­ge­ben wird). Die In­itia­ti­ve ging von The­re­se aus. Aber Wil­helm zieht in die­ser Nacht Mi­gnon vor, was The­re­se am näch­sten Mor­gen kränkt.

Es gibt so­wohl im Buch wie im Film ei­ne Sze­ne, die sich mit Mi­gnon be­schäf­tigt und die nach­träg­lich fast pro­phe­tisch wirkt. In The­re­ses Woh­nung schla­fen auch der Al­te und Mi­gnon. Wil­helm und The­re­se un­ter­hal­ten sich. The­re­se: »›Der Al­te stöhnt im Schlaf«. Wil­helm, off: ›Viel­leicht aus Sehn­sucht nach der un­ver­fälsch­ten Na­tur.‹ The­re­se: ›Wenn er nur das Kind nicht stört.‹ Wil­helm: ›Es ist kein Kind mehr.‹ The­re­se: ›Ich weiß‹«1 Im Film deckt Wil­helm zu­nächst Mi­gnon noch zu, schal­tet Fern­se­hen und Licht aus und geht zu The­re­se. Die bei­den sit­zen im Bett, sie an der Wand, er an der Kopf­sei­te, bei­de be­klei­det (das Ver­hält­nis der bei­den ist eher pla­to­nisch; es gibt nur ein­mal ei­ne An­deu­tung ei­nes Kus­ses). Der Al­te stöhnt. Der Dia­log be­ginnt: Wil­helm: »Es ist kein Kind mehr.« The­re­se: »Ich weiß.« Wil­helm: »Was weißt du?« The­re­se: »Al­les, ich hab’s dir näm­lich gleich an­ge­se­hen.« Und nach ei­ner klei­nen Pau­se: »Schon gut.«

Noch zwei Mal dreh­te Nastass­ja Kin­ski un­ter der Re­gie von Wim Wen­ders: 1983 In wei­ter Fer­ne, so nah und 1984 Paris,Texas.

Wie um­ge­hen mit sol­chen, Jahr­zehn­te spä­ter ar­ti­ku­lier­ten Be­denk­lich­kei­ten, die rechts­an­walt­lich un­ter­stützt an da­mals Be­tei­lig­te her­an­tre­ten? Wen­ders zeig­te sich neu­lich ver­stört und un­schlüs­sig. Für das Em­pö­rungs­kom­men­ta­ri­at, von de­nen die über­wäl­ti­gen­de An­zahl we­der den Film je­mals ge­se­hen hat noch ir­gend­wel­che Ah­nun­gen von Äs­the­tik und Kunst­ver­ständ­nis zu er­war­ten sind, ist es ein­fach: Man ent­fernt die­se Stel­le – und fer­tig. Aber ab­ge­se­hen da­von reißt man aus ei­nem Buch auch nicht ein­fach zwei Sei­ten her­aus oder re­tu­schiert auf ei­nem Ge­mäl­de oder Fo­to Jahr­zehn­te spä­ter ei­ne Fi­gur oder ein Ge­bäu­de. Wen­ders’ Ent­schei­dung, die Sze­ne nicht zu ent­fer­nen son­dern den gan­zen Film zu in­di­zie­ren klingt zu­nächst merk­wür­dig, ist je­doch bei ge­nau­er Be­trach­tung die ein­zig mög­li­che.

In­zwi­schen hat der NDR be­kannt­ge­ge­ben, dass auch der 1977 ent­stan­de­ne Tat­ort mit dem Ti­tel Rei­fe­zeug­nis, in der es um das Ver­hält­nis ei­ner min­der­jäh­ri­gen Schü­le­rin zu ih­rem Leh­rer geht, nicht mehr ge­zeigt wird.2

Und es geht wei­ter: In der Welt wird jetzt die Vor­la­ge, al­so Goe­the und des­sen Mi­gnon-Fi­gur, ins Vi­sier ge­nom­men. Man soll­te sich viel­leicht recht­zei­tig die noch un­ge­kürz­ten Ver­sio­nen der Wil­helm-Mei­ster-Ro­ma­ne si­chern.


  1. Seite 65 

  2. Vom »Erotikfilm«" (Wikipedia) Leidenschaftliche Blümchen (1977 gedreht) und den Playboy-Aufnahmen 1978 habe ich noch nichts gehört. 

3 Kommentare zu „Sa­lo­mo­ni­sche Ent­schei­dung“

  1. So ist es. Der An­fang ist im­mer ge­ring, das ist sei­ne Na­tur. Dann geht es wei­ter, zu­rück zu Goe­the, noch wei­ter, Shake­speare etc. Die Film- und Li­te­ra­tur­ge­schich­te wird ge­can­celt. Vor­geb­lich we­gen der Ge­füh­le ei­ner – wie wir al­le – alt ge­wor­de­nen Schau­spie­le­rin. Nicht ver­ein­bar mit heu­ti­gen Welt­bil­dern und Welt­ge­füh­len. Das wie­der­um ist die Na­tur von Ge­schich­te.

  2. „Skan­dal im Sperr­be­zirk“

    Auf­fäl­lig we­ni­ge Ge­gen­stim­men in die­ser „De­bat­te“: Fast nur von al­ten wei­ßen Män­nern (= na­tür­lich gleich sel­ber ir­gend­wie ver­däch­tig). (Loh­nens­wert et­wa die­se von Suchs­land.

    Aber eben­so ver­däch­tig scheint mir die­ses In-eins-fal­len von re­pres­si­vem Kon­for­mis­mus und ir­gend­wie ge­nie­ße­ri­scher Hy­ste­rie (nach Freud oft ‚Mas­ke‘ bzw. Aus­druck für an­de­re, schwer er­träg­li­che in­ne­re Kon­flik­te) über et­was ver­gleichs­wei­se Läp­pi­sches (wenn man die Un­ge­heu­er­lich­kei­ten im täg­li­chen Nach­rich­ten­strom be­denkt).

    Oder ist das al­les sei­ner­seits nur „Un­ter­hal­tung“ (= „Re­af­fir­mie­rung der Teil­ha­be am Kol­lek­ti­ven“ [Luh­mann]) ?

  3. @herr.jedermann

    Je­der, der es in die­sem Kul­tur­be­trieb noch zu et­was brin­gen will, hüllt sich na­tür­lich in Schwei­gen. Der Main­stream ist un­er­bitt­lich. Auf dem In­sta­gram-Ka­nal von Kin­ski gibt es durch­aus Wi­der­spruch zu ihr, aber der wird weg­ge­bis­sen. Die Fron­ten sind klar. Wen­ders wird als »Tä­ter« be­schimpft, N. K. gilt als »miß­braucht«. Hin­wei­se auf ih­re Bra­vo- und Play­boy-Bil­der, bei de­nen sie auch noch min­der­jäh­rig war und das Image der »Lo­li­ta« wei­ter­trieb, igno­riert.

    Ich se­he das, wie @Leopold Fe­der­mair, als An­fang ei­nes Pro­zes­ses. Aus Vor­sicht wird man im­mer mehr Wer­ke in­di­zie­ren oder vom »Markt« neh­men. Suchs­land hat recht, wenn er fragt, wo­hin das führt, aber das ist egal, seit­dem Mi­no­ri­tä­ten­schutz zum Gol­den Kalb wur­de. Ir­gend­et­was wird ei­nem schon ein­fal­len, um ei­nen Op­fer­sta­tus in Di­stink­ti­ons­ge­winn zu ver­wan­deln. Ein so­zia­les Ge­schäfts­mo­dell.

    »So wer­den im Feuil­le­ton mo­ra­li­sche Kam­pa­gnen statt äs­the­ti­scher De­bat­ten ge­führt« ist na­tür­lich iro­nisch ge­meint. Äs­the­ti­sche De­bat­ten gibt es dort kaum noch. Die­je­ni­gen, die noch in der La­ge wä­ren, sie zu füh­ren, ha­ben kei­ne Dis­kurs- und Me­di­en­macht mehr. Und das Pu­bli­kum für sol­che De­bat­ten stirbt aus.

    Un­ter­hal­tung? Viel­leicht. Bei mir er­zeugt das Em­pö­rungs­pre­ka­ri­at ei­ne Mi­schung aus Ver­ach­tung und Mit­leid.

Schreibe einen Kommentar