Xa­ver Bay­er: Hauch

Xaver Bayer: Hauch
Xa­ver Bay­er: Hauch

Viel ist es nicht, was der Le­ser aus Xa­ver Bay­ers neu­em Ro­man Hauch über die Prot­ago­ni­sten Veit und Do­ra er­fährt. Er ist ein mit dem Li­te­ra­tur­be­trieb ha­dern­der, der­zeit ver­stumm­ter Schrift­stel­ler. Sie über­setzt (so­wohl Si­mul­tan als auch Tex­te) und schreibt Ge­dich­te. Bei­de dürf­ten le­bens­er­fah­ren sein. Sind sie ver­hei­ra­tet oder nur li­iert? Egal. Es gibt ei­ne Ver­ein­ba­rung: Man trennt sich für ein Jahr. Veit geht aufs Land, zieht in den klei­nen, längst still­ge­leg­ten Land­wirt­schafts­be­trieb sei­nes Groß­va­ters, ein al­tes Haus, von dem die Dorf­kin­der im Vor­über­ge­hen er­zäh­len, es woh­ne dort nie­mand mehr. Do­ra bleibt in der Stadt, geht ih­rem Be­ruf nach. Ih­ren ge­gen­sei­ti­gen Kon­takt hal­ten sie aus­schließ­lich durch Brie­fe (oder Kar­ten) auf­recht. Die rund 140 Nach­rich­ten sind un­da­tiert; aus der Schil­de­rung des Wet­ters oder ty­pi­scher Jah­res­er­eig­nis­se ent­steht beim Le­ser lang­sam ei­ne zeit­li­che Über­sicht. Es be­ginnt stets mit »Lie­ber« oder »Lie­be« und en­det mit »Dei­ne« oder »Dein«. Sel­ten gibt es ei­nen Gruß. For­ma­li­en braucht es nicht. Bis auf drei Aus­nah­men er­fol­gen die Brie­fe im re­gel­mä­ßi­gen Wech­sel.

Hauch ist trotz die­ses Set­tings kein Schrift­stel­ler- oder In­tel­lek­tu­el­len­ro­man. War­um es zu die­sem Tren­nungs­jahr kommt, bleibt eben­so un­er­ör­tert wie die Re­fe­renz auf die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se ins­be­son­de­re von Veit, der kei­ne Ein­nah­men zu ha­ben scheint, wäh­rend Do­ra Auf­trä­ge er­hält und auch zu Ver­an­stal­tun­gen fährt. Das Brie­fe­schrei­ben wird zum Selbst­ver­ständ­lich­sten und, mit der Zeit, wo­mög­lich so­gar Wich­tig­sten auf der Welt. Veit schreibt sei­ne Na­tur­be­trach­tun­gen mit der Hand auf und über­trägt sie da­nach in den Lap­top, der zu­nächst auch als Nach­rich­ten­me­di­um dient. Im Lauf der Zeit ver­wen­det er ihn wie auch sei­nen Welt­emp­fän­ger im­mer sel­te­ner. Nach­rich­ten­ak­tua­li­tä­ten will er aus­blen­den; der Ta­ges­lauf bei sich ge­nügt ihm.

Ent­ge­gen der Er­war­tun­gen, die man bei Schrift­stel­lern hegt, liest er au­ßer in ei­ner al­ten Ver­si­on von Brehms Tier­le­ben, das er zu­fäl­lig fand, nichts. Veit schaut dem Tanz der Wind­ro­sen zu, lei­det un­ter dem »gna­den­lo­sen Re­gime der Son­ne« und Trocken­heit, zählt nach ei­nem Spa­zier­gang sei­ne Zecken, lauscht dem bis­wei­len auf­kom­men­den Flug­zeug­lärm oder be­sucht ei­ne al­te ver­las­se­ne Kir­che auf ei­ner An­hö­he und fin­det dort Sand im Weih­was­ser­becken. Der Som­mer ist heiß und trocken, im Gar­ten ge­deiht nichts, aber ir­gend­wann naht die Er­lö­sung von der Hit­ze, ein »Stark­wind« kün­digt sich an: »Das Licht des Him­mels un­ter­was­ser­höh­len­grün, Blau und Grün ver­schmel­zen zu ei­nem Dun­kel, das vio­lett­fahl auf­hellt, wenn es in der Fer­ne blitzt. […] In die auf­dring­lich war­men Bö­en mi­schen sich küh­le Strän­ge. Vor­laut ist die­ser Wind, im­mer wie­der fährt er ei­nem über den Mund wie ein Un­zu­rech­nungs­fä­hi­ger, der ei­nen grund­los am Schopf packt, ei­nem aus dem Nichts die Fri­sur zer­strub­belt. Im Gar­ten win­den sich wie un­ter Qua­len und doch ge­nüss­lich die Wip­fel der Bäu­me.« Un­wei­ger­lich fällt der Blick des Le­sers auf das schö­ne Buch­co­ver, von Fer­ne er­in­nernd an ei­ne Goe­the-Zeich­nung, aber die Ab­bil­dung wird als »pri­vat« mar­kiert.

Im­mer wie­der gibt sich Veit der »ei­gen­ar­ti­gen Stim­mung« sei­nes Schau­ens hin, setzt sich vor dem Fen­ster wie an­de­re vor dem Fern­se­hen, be­merkt im Däm­me­rungs­licht die »Stau­b­uni­ver­sen« in der Luft, be­wun­dert die »Schat­ten­tep­pi­che auf den Feld­we­gen«, sucht bis­wei­len die al­te, mit Spinn­we­ben durch­zo­ge­ne Scheu­ne auf, staunt über Licht­spie­le durch »die brei­ten Rit­zen der Scheu­nen­wand« oder schaut den Re­gen­trop­fen auf den Fen­ster­schei­ben zu. Da er­schei­nen im Früh­ling die »gelb­graue Pol­len­staub­wol­ken« der Ei­be und im Herbst ent­wickeln sich in den vom Tau be­netz­ten Spin­nen­net­zen »Mi­nia­tur­mo­del­le von Ga­la­xien.« Wie ein Kind freut sich Veit, wenn er ei­ne Wie­se mit ei­nem vier­blätt­ri­gen Klee­blatt ent­deckt. Da es aber dort sehr vie­le der Klee­blät­ter gibt, wird er rasch »ver­dros­sen ob die­ser Über­fül­le an Glück.« Als die Er­de ein­mal bebt, be­merkt er knapp, dass »auf der Küchenkredenz…eine Fi­gur um­ge­fal­len« sei.

Un­nach­ahm­lich die­ses Er­zäh­len, ja Be­schwö­ren des frei­en, un­schul­di­gen Schau­ens, be­son­ders aus­ge­prägt bei den jah­res­zeit­lich un­ter­schied­li­chen Win­den und Stür­men. Dies mün­det ge­gen En­de des Auf­ent­halts in ei­ner vier­sei­ti­gen, mei­ster­haf­ten klei­nen Epo­pöe: »Es gibt Ein­zel­gän­ger­win­de und klei­ne Grup­pen von Auf­rüh­rern. Kurz an­hal­ten­de Win­de – Stoß­trupps, Frei­schär­ler­korps, die ei­nen Aus­fall wa­gen, ei­ne jä­he At­tacke rei­ten, An­griff, Kampf, Rück­zug, so un­ver­se­hens, wie sie ein­ge­fal­len sind, ver­schwin­den sie auch wie­der.« Die mi­li­tä­ri­schen Me­ta­phern kön­nen als Er­wi­de­run­gen zu Do­ras Ein­las­sun­gen über die von ihr be­ob­ach­te­ten zu­neh­men­den Kriegs­vor­zei­chen in­ter­pre­tiert wer­den. Er spannt den Bo­gen von den Stür­men, über die Win­de bis zum mensch­li­chen Hauch, den »sanf­ten Windstöße[n] un­se­res Atems, auch sie sind Teil des Win­des«.

Veit scherzt über sei­nen »So­lip­sis­mus«, geht voll auf in sei­ner Rol­le als be­richt­erstat­ten­der Zu­schau­er, was die mehr im be­ruf­li­chen All­tag ver­wo­be­ne Do­ra manch­mal stört, weil ih­re Fra­gen, Sor­gen und Fest­stel­lun­gen kaum Re­ak­tio­nen bei ihm her­vor­ru­fen. Bei­de eint die Furcht, das, was sie »Welt­ge­fühl« nen­nen, zu ver­lie­ren. Ver­ant­wort­lich da­für schei­nen vor al­lem an­de­re Men­schen zu sein und bei ihr die Angst, dass der Über­set­zer­be­ruf mit­tel­fri­stig durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ob­so­let wer­den könn­te.

Do­ra schläft schlecht, schreibt ih­re in­ten­si­ven, bis­wei­len lu­zi­den Träu­me auf, als wä­re es ei­ne Beich­te; wirft sie förm­lich Veit hin. Die Welt nimmt sie zu­se­hends als Si­mu­la­crum wahr. Fo­to­gra­fien und vor al­lem Ka­me­ras ge­gen­über ent­wickelt Do­ra ei­ne Pa­ra­noia, fühlt sich über­all be­ob­ach­tet, ver­mu­tet so­gar im Aus­guss ei­ner Tee­kan­ne ei­ne Ka­me­ra, durch­sucht ih­re Woh­nung nach Be­ob­ach­tungs­ob­jek­ten. Ein­mal fragt sie Veit kon­spi­ra­tiv, ob er noch die Plät­ze ih­rer »Nach­rich­ten­de­pots« kennt, die bei­de ver­ein­bart hat­ten. Auch von ei­nem Code zur Ge­heim­schrift und ei­nem Klopf­sy­stem ist die Re­de; letz­te­res, wenn sie sich über ei­ne Mau­er hin­weg ver­stän­di­gen müss­ten. Veit be­ant­wor­tet die­sen Brief nicht, weil er im Spi­tal mit ei­nem Han­ta­vi­rus ge­le­gen hat­te.

Die­ser Kran­ken­haus­auf­ent­halt ist Veits größ­te Zä­sur wäh­rend die­ses Jah­res. Er ver­lässt sein An­we­sen sonst nur zu Spa­zier­gän­gen, nimmt am Dorf­le­ben, falls es ein sol­ches ge­ben soll­te, kaum teil. Wenn er ei­nem Hand­wer­ker be­geg­net, ana­ly­siert er nach­her des­sen Hän­de­druck. Meist sieht er die Dorf­be­woh­ner in Au­tos sit­zen. Ein paar Mal fährt er mit der Bahn oder dem Bus in die näch­ste Klein­stadt. Am En­de nur ge­zwun­ge­ner­ma­ßen, weil der Dorf-Su­per­markt ge­schlos­sen wur­de und bald durch ei­nen Selbst­be­die­nungs­la­den er­setzt wer­den soll. Ein­mal te­le­fo­niert er mit sei­nem Bru­der in »Über­see« und bei­de lau­schen den Am­seln und dem Glocken­ge­läut.

Do­ra kann sich in der Stadt und in ih­rem Be­ruf nicht der­art zu­rück­zie­hen. Sie schwankt zwi­schen Be­wun­de­rung und Skep­sis für Veits Ab­ge­schie­den­heit. Ei­ner­seits be­klagt sie die zu­neh­men­de so­zia­le Käl­te, an­de­rer­seits schot­tet sie sich eben­falls so gut wie mög­lich ab. Ein­mal schreibt sie von ih­rer Sehn­sucht »nach men­schen­lee­ren Wäl­dern und ih­rer ka­the­dra­len­haf­ten Stil­le.« Aber Veit ist hier Spiel­ver­der­ber, er­zählt von den fast im­mer hör­ba­ren Mo­tor­ge­räu­schen, der an­schei­nend in grö­ße­rem Stil be­trie­be­nen Wald­ab­hol­zung und be­rich­tet ein­mal von ei­nem Dut­zend Bäu­me, die er in an­dert­halb Stun­den fal­len ge­hört hat­te.

Bay­er schafft es, mit die­sem harm­los er­schei­nen­den Brief-Hin-und-Her ei­nen Sog zu er­zeu­gen. Man be­rauscht sich an Veits Schau­en, Füh­len, Rie­chen, Hö­ren, be­wun­dert Do­ras de­tail­lier­te Traum­re­kon­struk­tio­nen, nimmt teil an ih­rer bis­wei­len nör­geln­den Welt­ver­zweif­lung, die sie auf Veit über­tra­gen möch­te. Der je­doch er­gibt sich nicht, saugt das Ge­sche­hen in sei­nem klei­nen Kos­mos auf, ist be­ein­druckt von den dem Wet­ter aus­ge­lie­fer­ten Krä­hen und me­mo­riert die ver­schie­de­nen For­men der Win­de und Stür­me oh­ne in trü­ge­ri­sche Idyl­lik oder gar Pa­thos zu ver­fal­len. Schließ­lich gibt es die­se Wald­ab­hol­zun­gen und Veit spricht von der Na­tur als »Schlacht­feld«. Er sieht die Welt als »Kipp­bild zwi­schen fried­lich und be­droh­lich« und »manch­mal springt es un­ver­mit­telt von dem ei­nen ins an­de­re, so­dass man letzt­lich nicht mehr weiß, wor­an man ist.« Es be­merkt sie, die klei­nen Ver­lu­ste. Am Rau­schen des Welt­emp­fän­gers zeigt sich bei­spiels­wei­se, dass die Kurz­wel­le durch das Di­gi­ta­le über­flüs­sig wer­den wird. Brief­kä­sten wer­den ab­ge­baut; auch das Brie­fe­schrei­ben ist ei­ne Kul­tur­tech­nik, die dem En­de ge­weiht ist. Schon das Schrei­ben in der Öf­fent­lich­keit in ein No­tiz­buch ruft er­staun­te Blicke her­vor. Bei­de neh­men in ih­rer Um­ge­bung un­gu­te Ver­än­de­run­gen wahr, de­nen sie sich aus­ge­lie­fert füh­len.

Veit will die­sen Kipp­bil­dern nicht ent­flie­hen, son­dern be­gibt sich, Pe­ter Hand­ke fol­gend, »in die Natur…mit dem Pro­blem«, was das »Ge­gen­teil von Flucht« ist. So ent­steht ein ka­thar­ti­scher Ef­fekt und Veit ent­deckt in die­sem Jahr sein In-der-Welt-Sein. Wie geht es jetzt bloß wei­ter?

Schreibe einen Kommentar