ist Ihnen langweilig? Wie sonst sollte man Ihre dem »Focus« gegenüber gemachten Äußerungen interpretieren? Sie finden den Buchmarkt grausig, nur noch »Vampire, Trolle, Elfen, Morde«. Vielleicht hätten Sie noch »Katzen« ergänzen können? Das ist für Sie »der Buchmarkt«? Verwechseln Sie das nicht mit den sogenannten Bestsellerlisten? Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal eine Buchhandlung betreten? Nein, keine dieser Ketten mit T oder H. Mit Buchhandlung meine ich sowas hier. Diese Buchhandlung ist mein »Buchmarkt«. Nicht die Bestsellerlisten, die Sie mit dem »Buchmarkt« gleichsetzen. Aber es ist immer gut, ein kulturpessimistisches Lamento zu pflegen.
Literaturkritik in der Kritik
Brigitte Schwens-Harrant: Literaturkritik – Eine Suche

»Literaturkritik – Eine Suche« ist mehr als nur eine Momentaufnahme aus dem »Betrieb«, der sich zumeist in Jammerei und mehr oder minder offener Publikumsbeschimpfung übt, wenn es um ihr Metier geht. Brigitte Schwens-Harrant, selbst Literaturkritikerin, liefert nicht nur eine profunde, wunderbar unaufgeregte Beschreibung des Ist-Zustandes, sondern entwickelt im weiteren Verlauf nichts Geringeres als eine Zukunftsperspektive für ihre Zunft. Dies alles in lakonischer und präziser Sprache, ohne in das abschreckende, letztlich nur selbstbeweihräuchernde Germanistensprech zu verfallen, welches sie berechtigterweise bei anderen moniert.
Es gibt schöne Gelassenheitsmomente der Autorin, etwa wenn sie die allgemeine Verunsicherung in der Branche mit dem Satz Achselzucken macht munter kommentiert. Schwens-Harrant zeigt zwar Verständnis für die schwierige Situation der Kritiker (niedrige Honorare, Sparzwänge in den Zeitungen, »Gesetze« des Betriebs) sieht aber keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Während die Mitglieder des Literaturbetriebes damit beschäftigt sind, zu streiten, zu jammern oder einander an die Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit ihres Tuns zu erinnern, sind die Leser dabei, sich via Internet Öffentlichkeit zu schaffen und auf eigene Faust Literaturvermittlung zu betreiben. Die Frage, was der Literatur eigentlich besseres passieren kann, als auf diese Weise Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eben nicht ironisch gemeint.
Bernhard Judex: Thomas Bernhard. Epoche – Werk – Wirkung

Wiederbelebungsversuch an einer Leiche
Wie führt man sich als neuer Feuilleton-Chef eigentlich in eine Redaktion ein? Welche Akzente setzt man? Was ist programmatisch zu erwarten? Schwierig. Richard Kämmerlings, von der F.A.Z. kommend seit 1. Oktober Chef des Feuilletons leitender Kulturredakteur bei der »Welt«, versucht es erst gar nicht mit Originalität. Er belebt eine Leiche, die man eigentlich vor einigen Jahre recht gerne zu Grabe getragen glaubte. Kämmerlings darf jetzt endlich darüber schreiben. Er will den »großen deutschen Roman«. Wobei dies nicht ganz stimmt. Damit jeder sofort weiß, wo die Vorbilder zu suchen sind, wird das Vermisste sofort anglifiziert: »Wo bleibt die Great German Novel?« Wow. Was für ein Mut!
Natürlich ist Jonathan Franzen das aktuelles Vorbild. Kämmerlings sucht nach einem Äquivalent, welches einem Amerikaner den Deutschen erklärt. Dabei geht er stillschweigend von zwei Prämissen aus: Zunächst glaubt er, Franzens Buch »erkläre« dem tumben Deutschen die amerikanische Seele. Und zum anderen glaubt er, Literatur als Referenz für eine Entität oder Nation heranziehen zu können.
Betroffenheitsgymnastik
Da ist es also wieder: Dieses Entsetzen der literarischen Welt, dass sich ihnen etwas anderes zeigt, als sie es in ihrer Villa Kunterbunt für möglich gehalten hätte. Der Schriftsteller Oskar Pastior war von 1961 bis 1968 Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Noch weiss niemand genau, was er dort getan hat. Es steht aber zu befürchten, dass diese sogenannte Aufarbeitung noch hunderten von Bäumen das Leben kosten wird. Keine Nuance wird nicht ausgebreitet werden. Schon jetzt bekunden alle ihre »Betroffenheit«. Wer das nicht bei Drei pflichtschuldigst abgeliefert hat, droht Amelie-Fried-mässig boykottiert zu werden (wobei das ja eher Ehre als Pein ist). Besonders »betroffen« ist natürlich Herta Nobelpreisträgerin Müller, die mit Pastior an ihrem Buch »Atemschaukel« bis zu dessen Tod gearbeitet hatte. Da war der Securitate-Dienst schon mehr als 40 Jahre vorbei.
Pastior war 1968 im Westen geblieben. Als reiche dies nicht. Als genüge dieses selbstgewählte Exil nicht als Beleg für die Verzweiflung. Als würde diese von Pastior vermutlich aus Scham verschwiegene Mitarbeit irgendetwas fundamental ändern.
»Ein regsam laues Treiben«
Zugegeben, dieser Satz ist arg provokativ:
Der Literaturbetrieb hat das literarische Leben geradezu vernichtet.
Und Heinz Pleschinski relativiert ihn auch sofort wieder: Schuldige sind schwerlich zu benennen. Doch selbst der Literaturbetrieb ist nur ein winziges Segment im allgemeinen Trend zur Verflachung. Wer Buchinhalte referiert, erntet ein Gähnen – niemand will mehr ruhig zuhören – allein die Verkaufszahlen halten in Atem und fungieren als Qualitätssiegel. Der Kampf um den Absatz bestimmt alles. Lektoren und Verleger winken ab und das Vertriebspersonal senkt den Daumen, wenn ihnen ein sperriges Manuskript unter die Augen gerät.
So weit, so bekannt, möchte man meinen. Aber die weitere Lektüre des Artikels in der »Welt« (unter dem martialisch-trotzigen Titel »Wir müssen weiter ins Gefecht«) ist dennoch empfehlenswert und hebt sich von der allgemeinen Literaturkritik-Melancholie, welches im Moment die Feuilletons durchzieht (kein Wunder: die alten Männer treten ab und die Neuen sehen ihre Erbhöfe vor sich hin modernd), wohltuend ab.
Die Unfähigkeit, zu googlen
Der Vorwurf des Plagiats ist der schlimmste, den man einem Schriftsteller machen kann. Daher sollte man mit solchen Beschuldigungen vorsichtig umgehen. Plagiatsgeschichten haben meist nicht nur Enthüllungscharakter. Die schlechten Enthüllungen denunzieren auch immer gleich mit. Es gibt zahlreiche Beispiele für Kampagnen, die gelegentlich durchaus die Intention hatten, Schriftsteller auch ökonomisch zu vernichten.
Die Definition von dem, was man »Plagiat« nennt, ist recht klar. Neben der rechtlichen Erklärung, gibt es auch eine ethische. Beide Interpretationen machen es so schwierig festzustellen, ob etwas Plagiat ist, ein Motiv verwandt wurde oder ob es eine Veränderung oder Weiterentwicklung eines Motives ist.
Deef Pirmasens hat in seinem Weblog »die gefühlskonserve« Helene Hegemanns Bestseller »Axolotl Roadkill« mit dem Buch »Strobo« des Bloggers »Airen« verglichen und verblüffende Parallelen festgestellt, die er ausführlich dokumentiert.
Provinzkritiker
Verspätete Bemerkungen zu einer Pseudokritik über Stephan Thomes Buch »Grenzgang«
Stephan Thome hat einen Fehler gemacht. Er hatte sich in der Kulisse seines Heimatortes Biedenkopf für die Literaturbeilage der »Zeit« (Oktober 2009) fotografieren lassen (die Bilder sind nicht online). Eine Bildunterschrift lautet: »Stephan Thome lebt zwar gerade in Taiwan, geht hier aber im heimatlichen Biedenkopf für uns in die Hocke.« Jeder, der auch nur einen Funken Gefühl für Sprache hat, erkennt die verborgenen Invektiven. Zusammen mit der Rezension von Iris Radisch ergibt dies eine schwungvolle Denunziation des Romans »Grenzgang«.