Bri­git­te Schwens-Har­rant: Li­te­ra­tur­kri­tik – Ei­ne Su­che

Brigitte Schwens-Harrant: Literaturkritik - Eine Suche
Bri­git­te Schwens-Har­rant: Li­te­ra­tur­kri­tik – Ei­ne Su­che

»Li­te­ra­tur­kri­tik – Ei­ne Su­che« ist mehr als nur ei­ne Mo­ment­auf­nah­me aus dem »Be­trieb«, der sich zu­meist in Jam­me­rei und mehr oder min­der of­fe­ner Pu­bli­kums­be­schimp­fung übt, wenn es um ihr Me­tier geht. Bri­git­te Schwens-Har­rant, selbst Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin, lie­fert nicht nur ei­ne pro­fun­de, wun­der­bar un­auf­ge­reg­te Be­schrei­bung des Ist-Zu­stan­des, son­dern ent­wickelt im wei­te­ren Ver­lauf nichts Ge­rin­ge­res als ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve für ih­re Zunft. Dies al­les in la­ko­ni­scher und prä­zi­ser Spra­che, oh­ne in das ab­schrecken­de, letzt­lich nur selbst­be­weih­räu­chern­de Ger­ma­ni­sten­sprech zu ver­fal­len, wel­ches sie be­rech­tig­ter­wei­se bei an­de­ren mo­niert.

Es gibt schö­ne Ge­las­sen­heits­mo­men­te der Au­torin, et­wa wenn sie die all­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung in der Bran­che mit dem Satz Ach­sel­zucken macht mun­ter kom­men­tiert. Schwens-Har­rant zeigt zwar Ver­ständ­nis für die schwie­ri­ge Si­tua­ti­on der Kri­ti­ker (nied­ri­ge Ho­no­ra­re, Spar­zwän­ge in den Zei­tun­gen, »Ge­set­ze« des Be­triebs) sieht aber kei­nen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Ge­gen­teil: Wäh­rend die Mit­glie­der des Li­te­ra­tur­be­trie­bes da­mit be­schäf­tigt sind, zu strei­ten, zu jam­mern oder ein­an­der an die Be­deu­tung oder Be­deu­tungs­lo­sig­keit ih­res Tuns zu er­in­nern, sind die Le­ser da­bei, sich via In­ter­net Öf­fent­lich­keit zu schaf­fen und auf ei­ge­ne Faust Li­te­ra­tur­ver­mitt­lung zu be­trei­ben. Die Fra­ge, was der Li­te­ra­tur ei­gent­lich bes­se­res pas­sie­ren kann, als auf die­se Wei­se Auf­merk­sam­keit zu be­kom­men, ist eben nicht iro­nisch ge­meint.

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Bern­hard Ju­dex: Tho­mas Bern­hard. Epo­che – Werk – Wir­kung

Bernhard Judex: Thomas Bernhard. Epoche – Werk - Wirkung
Bern­hard Ju­dex: Tho­mas Bern­hard. Epo­che – Werk – Wir­kung
2011 ist Tho­mas-Bern­hard-Ju­bi­lä­ums­jahr. Ei­ne Flut von Auf­sät­zen und Bü­chern dürf­te zum 80. Ge­burts­tag ins Haus ste­hen. Da ist es gut, im Vor­feld Bern­hard Ju­dex’ Buch über Werk und Wir­kung des öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers ge­le­sen zu ha­ben. Das Buch ist in fünf Ka­pi­tel un­ter­teilt, die Schwer­punk­te set­zen und ex­em­pla­risch für Bern­hards Le­ben (Ka­pi­tel 1) und Werk (Ka­pi­tel 2–5) ste­hen sol­len. In der Werk­be­trach­tung bleibt Ju­dex chro­no­lo­gisch, was sich bei Bern­hard, der ge­wis­sen Ent­wick­lun­gen un­ter­wor­fen ist, durch­aus an­bie­tet. Zu­nächst wird die (sehr frü­he) Ly­rik , dann die Ro­ma­ne »Frost« und »Kor­rek­tur« so­wie die Er­zäh­lun­gen »Die Müt­ze« und »Der Kul­te­rer« re­prä­sen­ta­tiv für die Schaf­fens­pe­ri­ode bis 1975 be­han­delt. Von den Thea­ter­stücken wid­met sich Ju­dex dem Erst­ling »Der Igno­rant und der Wahn­sin­ni­ge« und dem nach »Hel­den­platz« wohl be­kann­te­sten Stück »Der Thea­ter­ma­cher« ein­ge­hend. Voll­kom­men zu recht räumt er dann im vier­ten Ka­pi­tel den au­to­bio­gra­fi­schen Er­zäh­lun­gen »Die Ur­sa­che«, »Der Kel­ler«, »Der Atem«, »Die Käl­te« und »Das Kind« (er­schie­nen von 1975–82) den ent­spre­chen­den Raum ein. Für das Spät­werk wer­den dann »Die Aus­lö­schung« und das Skan­da­lon »Hel­den­platz« un­ter­sucht.

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Wie­der­be­le­bungs­ver­such an ei­ner Lei­che

Wie führt man sich als neu­er Feuil­le­ton-Chef ei­gent­lich in ei­ne Re­dak­ti­on ein? Wel­che Ak­zen­te setzt man? Was ist pro­gram­ma­tisch zu er­war­ten? Schwie­rig. Ri­chard Käm­mer­lings, von der F.A.Z. kom­mend seit 1. Ok­to­ber Chef des Feuil­le­tons lei­ten­der Kul­tur­re­dak­teur bei der »Welt«, ver­sucht es erst gar nicht mit Ori­gi­na­li­tät. Er be­lebt ei­ne Lei­che, die man ei­gent­lich vor ei­ni­gen Jah­re recht ger­ne zu Gra­be ge­tra­gen glaub­te. Käm­mer­lings darf jetzt end­lich dar­über schrei­ben. Er will den »gro­ßen deut­schen Ro­man«. Wo­bei dies nicht ganz stimmt. Da­mit je­der so­fort weiß, wo die Vor­bil­der zu su­chen sind, wird das Ver­miss­te so­fort an­gli­fi­ziert: »Wo bleibt die Gre­at Ger­man No­vel?« Wow. Was für ein Mut!

Na­tür­lich ist Jo­na­than Fran­zen das ak­tu­el­les Vor­bild. Käm­mer­lings sucht nach ei­nem Äqui­va­lent, wel­ches ei­nem Ame­ri­ka­ner den Deut­schen er­klärt. Da­bei geht er still­schwei­gend von zwei Prä­mis­sen aus: Zu­nächst glaubt er, Fran­zens Buch »er­klä­re« dem tum­ben Deut­schen die ame­ri­ka­ni­sche See­le. Und zum an­de­ren glaubt er, Li­te­ra­tur als Re­fe­renz für ei­ne En­ti­tät oder Na­ti­on her­an­zie­hen zu kön­nen.

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Be­trof­fen­heits­gym­na­stik

Da ist es al­so wie­der: Die­ses Ent­set­zen der li­te­ra­ri­schen Welt, dass sich ih­nen et­was an­de­res zeigt, als sie es in ih­rer Vil­la Kun­ter­bunt für mög­lich ge­hal­ten hät­te. Der Schrift­stel­ler Os­kar Pa­sti­or war von 1961 bis 1968 Mit­ar­bei­ter des ru­mä­ni­schen Ge­heim­dien­stes Se­cu­ri­ta­te. Noch weiss nie­mand ge­nau, was er dort ge­tan hat. Es steht aber zu be­fürch­ten, dass die­se so­ge­nann­te Auf­ar­bei­tung noch hun­der­ten von Bäu­men das Le­ben ko­sten wird. Kei­ne Nu­an­ce wird nicht aus­ge­brei­tet wer­den. Schon jetzt be­kun­den al­le ih­re »Be­trof­fen­heit«. Wer das nicht bei Drei pflicht­schul­digst ab­ge­lie­fert hat, droht Ame­lie-Fried-mä­ssig boy­kot­tiert zu wer­den (wo­bei das ja eher Eh­re als Pein ist). Be­son­ders »be­trof­fen« ist na­tür­lich Her­ta No­bel­preis­trä­ge­rin Mül­ler, die mit Pa­sti­or an ih­rem Buch »Atem­schau­kel« bis zu des­sen Tod ge­ar­bei­tet hat­te. Da war der Se­cu­ri­ta­te-Dienst schon mehr als 40 Jah­re vor­bei.

Pa­sti­or war 1968 im We­sten ge­blie­ben. Als rei­che dies nicht. Als ge­nü­ge die­ses selbst­ge­wähl­te Exil nicht als Be­leg für die Ver­zweif­lung. Als wür­de die­se von Pa­sti­or ver­mut­lich aus Scham ver­schwie­ge­ne Mit­ar­beit ir­gend­et­was fun­da­men­tal än­dern.

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»Ein reg­sam lau­es Trei­ben«

Zu­ge­ge­ben, die­ser Satz ist arg pro­vo­ka­tiv:

Der Li­te­ra­tur­be­trieb hat das li­te­ra­ri­sche Le­ben ge­ra­de­zu ver­nich­tet.

Und Heinz Plesch­in­ski re­la­ti­viert ihn auch so­fort wie­der: Schul­di­ge sind schwer­lich zu be­nen­nen. Doch selbst der Li­te­ra­tur­be­trieb ist nur ein win­zi­ges Seg­ment im all­ge­mei­nen Trend zur Ver­fla­chung. Wer Buch­in­hal­te re­fe­riert, ern­tet ein Gäh­nen – nie­mand will mehr ru­hig zu­hö­ren – al­lein die Ver­kaufs­zah­len hal­ten in Atem und fun­gie­ren als Qua­li­täts­sie­gel. Der Kampf um den Ab­satz be­stimmt al­les. Lek­to­ren und Ver­le­ger win­ken ab und das Ver­triebs­per­so­nal senkt den Dau­men, wenn ih­nen ein sper­ri­ges Ma­nu­skript un­ter die Au­gen ge­rät.

So weit, so be­kannt, möch­te man mei­nen. Aber die wei­te­re Lek­tü­re des Ar­ti­kels in der »Welt« (un­ter dem mar­tia­lisch-trot­zi­gen Ti­tel »Wir müs­sen wei­ter ins Ge­fecht«) ist den­noch emp­feh­lens­wert und hebt sich von der all­ge­mei­nen Li­te­ra­tur­kri­tik-Me­lan­cho­lie, wel­ches im Mo­ment die Feuil­le­tons durch­zieht (kein Wun­der: die al­ten Män­ner tre­ten ab und die Neu­en se­hen ih­re Erb­hö­fe vor sich hin mo­dernd), wohl­tu­end ab.

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Die Un­fä­hig­keit, zu goog­len

Der Vor­wurf des Pla­gi­ats ist der schlimm­ste, den man ei­nem Schrift­stel­ler ma­chen kann. Da­her soll­te man mit sol­chen Be­schul­di­gun­gen vor­sich­tig um­ge­hen. Pla­gi­ats­ge­schich­ten ha­ben meist nicht nur Ent­hül­lungs­cha­rak­ter. Die schlech­ten Ent­hül­lun­gen de­nun­zie­ren auch im­mer gleich mit. Es gibt zahl­rei­che Bei­spie­le für Kam­pa­gnen, die ge­le­gent­lich durch­aus die In­ten­ti­on hat­ten, Schrift­stel­ler auch öko­no­misch zu ver­nich­ten.

Die De­fi­ni­ti­on von dem, was man »Pla­gi­at« nennt, ist recht klar. Ne­ben der recht­li­chen Er­klä­rung, gibt es auch ei­ne ethi­sche. Bei­de In­ter­pre­ta­tio­nen ma­chen es so schwie­rig fest­zu­stel­len, ob et­was Pla­gi­at ist, ein Mo­tiv ver­wandt wur­de oder ob es ei­ne Ver­än­de­rung oder Wei­ter­ent­wick­lung ei­nes Mo­ti­ves ist.

Deef Pir­ma­sens hat in sei­nem Web­log »die ge­fühls­kon­ser­ve« He­le­ne He­ge­manns Best­sel­ler »Axolotl Road­kill« mit dem Buch »Stro­bo« des Blog­gers »Ai­ren« ver­gli­chen und ver­blüf­fen­de Par­al­le­len fest­ge­stellt, die er aus­führ­lich do­ku­men­tiert.

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Pro­vinz­kri­ti­ker

Ver­spä­te­te Be­mer­kun­gen zu ei­ner Pseu­do­kri­tik über Ste­phan Tho­mes Buch »Grenz­gang«

Ste­phan Thome hat ei­nen Feh­ler ge­macht. Er hat­te sich in der Ku­lis­se sei­nes Hei­mat­or­tes Bie­den­kopf für die Li­te­ra­tur­bei­la­ge der »Zeit« (Ok­to­ber 2009) fo­to­gra­fie­ren las­sen (die Bil­der sind nicht on­line). Ei­ne Bild­un­ter­schrift lau­tet: »Ste­phan Thome lebt zwar ge­ra­de in Tai­wan, geht hier aber im hei­mat­li­chen Bie­den­kopf für uns in die Hocke.« Je­der, der auch nur ei­nen Fun­ken Ge­fühl für Spra­che hat, er­kennt die ver­bor­ge­nen In­vek­ti­ven. Zu­sammen mit der Re­zen­si­on von Iris Ra­disch er­gibt dies ei­ne schwung­vol­le De­nun­zia­ti­on des Ro­mans »Grenz­gang«.

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Zur Ent­ba­na­li­sie­rung des Bach­mann­prei­ses

Das Jahr 2009 er­in­ner­te stark an 2006, als Kat­rin Pa­s­sig in ei­nem ex­trem schwa­chen Jahr­gang re­üs­sier­te (was in ei­ner be­lei­dig­ten At­ti­tü­de um­ge­hend da­zu führ­te, dass man No­vi­zen nicht mehr zu­ließ, son­dern auf ei­ner Pu­bli­ka­ti­on be­stand). 2007 gab dann ein biss­chen mehr her, aber im ver­gan­ge­nen Jahr rausch­te das Ni­veau aber­mals nach un­ten (zu­mal man wirk­lich gu­te Bei­trä­ge auch noch aus Op­por­tu­ni­täts­grün­den ver­riss).

2009 ist nun mit fast neu­er Ju­ry aber­mals ein Tief­punkt er­reicht. Man fragt sich schon, wer ei­ne Mei­ke Feß­mann als Ju­ro­rin aus­er­ko­ren hat. Na­tür­lich: Die For­mal­qua­li­fi­ka­ti­on stimmt und Frau Feß­mann sag­te ja auch wie ei­ne bra­ve Mu­ster­schü­le­rin ihr an­ge­lern­tes und an­ge­le­se­nes Wis­sen auf. Ir­gend­wann teil­te sie dann nur noch mit, ob ihr et­was ge­fal­len ha­be oder nicht. Das füllt sie auch voll­stän­dig aus.

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