De­mut und Wut

Preis­ver­ga­be. Und ei­ni­ge un­we­sent­li­che Be­mer­kun­gen.

Hart­näckig wei­ger­te sich der neue Ju­ry­vor­sit­zen­de Burk­hard Spin­nen ein Pau­schal­ur­teil über den ak­tu­el­len »Jahr­gang« beim Bach­mann­preis 2008 ab­zu­ge­ben. Das kön­ne man nicht, so Spin­nen, wenn über­haupt müs­se man zehn, fünf­zehn Jah­re ab­war­ten; es sei­en ja schliess­lich kei­ne Wein­jahr­gän­ge.

Spin­nen stiehlt sich da aus ei­nem Ur­teil her­aus. Das über­rascht nur vor­der­grün­dig. Wür­de er zu­ge­ben, dass das Ni­veau schwach war, kri­ti­siert er auch im­pli­zit die Ju­ro­ren und auch sich sel­ber. Die Ju­ry aber – die­sen Ein­druck be­kam man sehr schnell – ist ziem­lich kri­tik­re­si­stent.

Hin­ter der jo­via­len Fas­sa­de des Mo­de­ra­tors Die­ter Moor (der mit sei­ner zwang­haf­ten Ge­sprächs­füh­rungs­rhe­to­rik nicht nur stör­te, son­dern auch ge­le­gent­lich in un­zu­läs­si­ger Wei­se in den Wett­be­werb ein­griff) schlum­mer­ten die längst aus­ge­tüf­tel­ten Be­wer­tungs­fall­bei­le bei­spiels­wei­se des Wich­tig­tu­ers Ijo­ma Man­gold, der teil­wei­se voll­kom­men ver­wirr­ten (und text­un­si­che­ren) Ur­su­la März und ei­nes fast zwang­haft den Clown ge­ben­den Klaus Nüch­tern.

Ili­ja Tro­ja­now mein­te an­fangs, die Ju­ry sei wohl von der Kon­flikt- zur Kon­sens­dis­kus­si­on über­ge­gan­gen. Das mag im­ma­nent für gro­sse Tei­le des Wett­be­werbs ge­stimmt ha­ben. Den Au­toren ge­gen­über je­doch gab es mehr­fach teil­wei­se un­ge­bühr­li­che Miss­grif­fe. So nann­te Ijo­ma Man­gold Lenz’ Bei­trag »un­sym­pa­thisch« und »un­be­deu­tend«, hat­te bei an­de­ren Er­zäh­lun­gen be­stimm­te Su­jets »dicke« oder zeig­te sich »ge­nervt«. Beim Bei­trag von Mo­ha­fez as­so­zi­ier­te er ‘Feu­er­wehr­mann -> Schlauch -> Phal­lus’. Selbst Tro­ja­now be­merk­te am En­de (oh­ne Man­gold zu nen­nen), den Schlag un­ter »der Gür­tel­li­nie« der Ju­ry – ins­be­son­de­re bei der Be­spre­chung zum Bei­trag von Pe­dro Lenz.

Auch Burk­hard Spin­nen, der sich vor Jah­ren mit sei­ner Kau­zig­keit ei­nen ge­wis­sen Kult­sta­tus er­ar­bei­tet hat­te, mach­te als Ju­ry­vor­sit­zen­der ei­ne un­glück­li­che Fi­gur, schien mit der Bür­de über­for­dert und mein­te den pro­fes­so­ra­len Skep­ti­ker ab­ge­ben zu müs­sen. Als in ei­ner ih­ren we­ni­gen lich­ten Mo­men­te Ur­su­la März das Her­um­krit­teln bei Ramm­stedt kri­ti­sier­te (‘das ver­steht au­ßer­halb die­ses Rau­mes nie­mand mehr’) sprach er dünn­häu­tig von ei­nem gelb­träch­ti­gen »Foul«. Und bei Mo­ha­fez’ Bei­trag mein­te er, die Feu­er­wehr wür­de durch ei­nen Brand ob­dach­los ge­wor­de­ne Men­schen nicht in Ob­dach­lo­sen­as­lye, son­dern in Ho­tels un­ter­brin­gen. Er, Spin­nen, ha­be das vor­her in An­ru­fen bei der Feu­er­wehr re­cher­chiert. Lei­der hat­te Spin­nen ver­schwie­gen, wo er ei­ne hal­be Stun­de vor­her bei der Er­zäh­lung von Hei­ke Geiß­ler nach der Exi­stenz von En­geln re­cher­chiert hat­te.

Voll­stän­dig dis­qua­li­fi­ziert hat sich auch min­de­stens ein­mal An­dré Vla­di­mir Heiz, der 2007 noch mit ei­ni­gen Sot­ti­sen auf­war­ten konn­te. Beim Bei­trag von Mar­tin von Arndt, des­sen Er­zäh­lung un­ter an­de­rem ei­ne Be­zie­hungs- bzw. Ehe­kri­se the­ma­ti­sier­te, be­merk­te er in pu­ber­tä­rer Dik­ti­on: »… wer sich ver­hei­ra­ten will, soll das tun, aber bit­te be­lä­sti­gen Sie uns nicht auch noch mit Tex­ten dar­über«. Die­sen Satz kann man – eben weil er so un­glaub­lich blö­de ist – al­len li­te­ra­ri­schen The­men, die ei­nem un­an­ge­nehm sind, auf­kle­ben: »Wer will, soll das tun, aber bit­te be­lä­sti­gen Sie uns nicht auch noch mit Tex­ten dar­über«.

Es mag wohl­feil sein, die Ju­ry für die ins­ge­samt me­dio­kre Qua­li­tät des dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Fakt ist: Sie be­stimmt die Teil­neh­mer (je­der zwei). De ju­re kann sich je­der (der den Teil­nah­me­be­din­gun­gen ent­spricht) be­wer­ben – de fac­to su­chen die Ju­ro­ren die Au­toren und bit­ten um ei­nen »Text«. Hier­in liegt ein Teil des Pro­blems: Neue Ju­ro­ren un­ter­ste­hen ei­ner Hack­ord­nung – die »al­ten Ha­sen« be­stim­men den Weg. Die Ju­ro­ren ken­nen die Bei­trä­ge schon Wo­chen vor­her – Ab­spra­chen und Dis­kus­sio­nen im Vor­feld sind an der Ta­ges­ord­nung. Zu­rück zum al­ten Ver­fah­ren be­kä­me man kei­ne Ju­ro­ren mehr – die Angst, sich in der Spon­ta­nei­tät zu bla­mie­ren, wä­re zu gross. Bei der Qua­li­tät der ak­tu­el­len Ju­ro­ren ist die­se Angst mehr als be­grün­det.

Al­so gin­ge nur noch ein neu­tra­les Aus­wahl­ver­fah­ren, wo­nach die an­ge­nom­me­nen, von ei­ner an­de­ren Ju­ry no­mi­nier­ten Bei­trä­ge an­ony­mi­siert an die Ju­ro­ren ver­schickt wer­den. Es gä­be we­ni­ger Mög­lich­kei­ten zum ve­ri­ta­blen Kuh­han­del und sie könn­ten kei­ne Pro­mi­nen­ten­bo­ni oder –mal­use aus­spre­chen. Erst am Ort sel­ber stellt sich her­aus, wes­sen Er­zäh­lung da vor­ge­stellt wird. So ver­fährt ei­gent­lich fast je­der Pro­vinz­wett­be­werb – mit ei­ner grösst­mög­li­chen An­ony­mi­sie­rung. End­lich wä­re der pri­va­te Le­ser und Zu­schau­er dem Ju­ror (fast) wie­der gleich­ge­stellt. Raum für Dis­kus­sio­nen wä­re wie­der da – Raum für frucht­ba­res Ver­ir­ren. Die­ses Ver­fah­ren wür­de auch die Qua­li­tät der Ju­ro­ren stär­ker her­aus­stel­len hel­fen.

Dass Til­man Ramm­stedt ge­won­nen hat, ist kein Miss­griff. End­lich wur­de ein­mal ein ko­mi­scher Bei­trag aus­ge­zeich­net, der im üb­ri­gen nicht nur ko­misch war, son­dern auch Pro­to­koll ei­ner Hass­lie­be. Mit Mar­kus Orths zeich­ne­te man ei­ne Er­zäh­lung aus, die ziem­lich schlicht war und mit dem ab­ge­grif­fe­nen To­pos des Mu­schel­rau­schens, wel­ches als Mee­res­rau­schen ver­klärt wird, en­det. So schlicht kann es zu­ge­hen. Pa­trick Find­eis’ bäu­er­li­ches Set­ting war auch ju­ry­taug­lich (Bau­ern­tex­te ge­hen al­so im­mer mal wie­der). Und Scha­de und sehr über­ra­schend, dass Mo­ha­fez kei­nen Preis be­kom­men hat. (Das sagt ja auch was).

Über an­de­res schwei­ge ich.



Preis­pro­gno­se
Schwer vor­her­zu­sa­gen, wer den Haupt­preis ge­winnt. Ei­nen Preis be­kommt in je­dem Fall Mo­ha­fez. Si­cher­lich Ramm­stedt. Ver­mut­lich auch Orths. Viel­leicht auch Erd­mann Zieg­ler oder auch Find­eis.

Le­sun­gen 28.06.08 – Kurz­ein­drücke
Anet­te Selg: Harm­los, be­däch­tig-gra­vi­tä­ti­sche Ur­laubs­pro­sa. Fast ge­lang­weilt ge­le­sen. Ein­schlä­fernd.

Til­man Ramm­stedt: Ko­mi­sche Sua­da über ei­nen all­mäch­ti­gen, ge­ra­de ge­stor­be­nen Groß­va­ter; ge­konnt, aber auch dop­pel­bö­dig. Den Groß­va­ter nicht dä­mo­ni­sie­rend.

Ulf Erd­mann Zieg­ler: 60er-Jah­re Er­in­ne­rungs­ge­schich­te; flott, iro­nisch, as­so­zia­tiv; frech. Macht Lust auf mehr.

Pe­dro Lenz: Mo­no­log; el­lip­ti­sche Sua­da, da­bei aber nicht ge­schwät­zig. Stim­mi­ge Rol­len­pro­sa. Ge­fällt mir sehr gut; wun­der­bar kon­ge­ni­al ge­le­sen. / Man­gold fand ihn be­lang­los (er ver­wech­sel­te das mit Bron­sky); März (wie­der ein­mal) voll­kom­men über­for­dert mit der Er­zäh­lung – muss von den Kol­le­gen kor­ri­giert wer­den. Spin­nen ver­weist zu recht auf Lentz (»Mut­ter­spra­che«); ver­ga­lop­piert sich aber mit ei­ner Par­al­le­le zu Tho­mas Bern­hard.

Da­grun Hint­ze: Re­fle­xio­nen ei­ner fru­strier­ten Jour­na­li­stin; feuil­le­to­ni­stisch und kul­tur­kri­tisch. Manch­mal et­was lar­moy­an­ter Ton. Den­noch über­durch­schnitt­lich (im Ver­hält­nis zu vie­len an­de­ren Ge­schich­ten heu­er).

Sub­adeh Mo­ha­fez: Er­zäh­lung ei­nes und über ei­nen Woh­nungs­brand; spä­ter klei­ne Lie­bes­ge­schich­te. Leicht nai­ve Ich-Er­zäh­ler-Per­spek­ti­ve. Ge­lun­gen – auch in den Bil­dern.

Hei­ke Geiß­ler: Drö­ge Er­zäh­lung über ei­nen Dorf-Don Ju­an, der mit sei­nem En­gel spricht und ein Dop­pel­zim­mer für sich und ihn nimmt. Kitsch as Kitsch can! – Da­ne­ben die von Arndt-Er­zäh­lung ge­hal­ten: Was müss­te die Ju­ry da bei ihm Ab­bit­te lei­sten! / Man­gold fin­det es »her­vor­ra­gend«. Nun, bei ihm er­staunt mich in­zwi­schen nichts mehr.


Le­sun­gen 27.06.08 – Kurz­ein­drücke

Mar­cus Orths: Ein putz­neu­ro­ti­sches Zim­mer­mäd­chen, kriecht un­ter das Bett und wird zum »Ecou­teur« (Sul­zer); er­lebt die Welt des je­wei­li­gen Ga­stes. Ori­gi­nel­le Idee, aber un­spek­ta­ku­lär er­zählt. Am Schluss das tau­send­fach schon ver­wen­de­te Bild des Mu­schel/-Mee­res­rau­schens. – Die Ju­ry stört’s nicht. Sie hat sich ent­schlos­sen, zu lo­ben.

Pa­trick Find­eis: Bau­ern­pro­sa, ge­le­gent­lich Bau­ern­folk­lo­re. Be­tu­lich er­zählt; fast neo-rea­li­stisch. – Die Ju­ro­ren lo­ben über den grü­nen Klee; März schwa­dro­niert vom Prot­ago­ni­sten als »gro­sser tra­gi­scher Fi­gur« in der Li­te­ra­tur.

Hier be­kam man schön de­mon­striert, wie die Ju­ro­ren »ar­gu­men­tie­ren«. Man­gold mein­te, die bäu­er­li­che Welt sei uns ja kaum noch be­kannt. Den­noch ha­be man ge­wis­se Vor­stel­lun­gen da­von. Als ein­zi­ger mo­nier­te er nun, dass die­se Vor­stel­lun­gen in der Er­zäh­lung er­füllt wür­den. D. h. Man­gold är­gert sich dar­über, dass von ei­ner Welt, von der er kei­ne Ah­nung hat, das be­schrie­ben wird, was er schon an­ders­wo ge­le­sen hat. So weit, so gut. Aber was hat das mit dem Vor­trag zu tun? – Spä­ter, bei Orths, wird der Exo­tis­mus als Vor­teil ge­bucht – weil er neu ist (im Ge­gen­satz zum Bau­ern­ro­man). So be­treibt die Ju­ry letzt­lich – Wunsch­kon­zert.

Mar­tin von Arndt: Be­zie­hungs­ge­schich­te mit ei­nem gen­a­zi­no­haf­ten Prot­ago­ni­sten. Schö­ne Bil­der, manch­mal fast ele­gisch. Und iro­nisch. Wun­der­bar vor­ge­le­sen. – Lei­der in der Dis­kus­si­on durch­ge­fal­len. Die Ju­ry müh­te sich nicht ein­mal an­satz­wei­se um die Spra­che, er­kann­te die Iro­nie nicht, son­dern ar­bei­te­te sich an dem Prot­ago­ni­sten ab; teil­wei­se ver­wech­seln sie Au­tor mit Haupt­fi­gur. Heiz emp­fahl Oli­ver Sacks. Oh ja. Der zeigt da­mit, wie­viel er ver­stan­den hat.

An­ge­li­ka Reit­zer: Be­zie­hungs­ge­schich­te – kühl und ste­ril er­zählt. Al­le­go­risch; aber ir­gend­wie auch blut­leer. (Bril­lan­tes Plä­doy­er von Heiz!)

Cle­mens J. Setz: Klei­nes – am En­de sich be­droh­lich zu­spit­zen­des – So­zio­gramm ei­nes Miets­hau­ses mit ei­ner kau­zi­gen Fi­gur ver­knüpft. Die Haus­ge­mein­schaft ent­deckt ei­ne al­te Waa­ge als Ge­gen­stand des Ver­gnü­gens; An­thro­po­mor­phi­sie­rung. In­ter­es­san­te Me­ta­phern – teil­wei­se zün­dend.

Ali­na Bron­sky: Af­fek­tier­tes Jung­mäd­chen­ge­schwa­fel aus ei­ner Spät­aus­sied­ler­fa­mi­lie; voll mit Plat­ti­tü­den; die Ich-Er­zäh­le­rin ist 17 Jah­re und an­schei­nend hoch­be­gabt. Lei­der merkt man das in der Pro­sa nicht an. Im Sen­dung-mit-der-Maus-Stil nicht nur ge­schrie­ben son­dern auch noch vor­ge­le­sen. Was hat Man­gold nur ge­rit­ten, ei­nen solch läp­pi­schen »Text« vor­zu­schla­gen? (Wie zu er­war­ten war, fin­den Leu­te wie Stri­gl oder Nüch­tern so­was »er­fri­schend« – was ei­ni­ges über de­ren Welt aus­sagt.)

Thor­sten Palz­hoff: Ru­mä­ni­en 1990 – Mi­schung aus No­vel­le und Re­por­ta­ge. Sehn­sucht nach Ri­chard Swartz be­kom­men, der so­was kann – Palz­hoff kann’s nicht. Mär­chen­on­kel­haf­te Folk­lo­re; spä­ter un­er­gie­bi­ge Film­be­schrei­bung. Oh­ne Em­pa­thie – oh­ne das, was man dop­pel­ten Bo­den nennt.



Bach­mann­preis 2008 – Rück- und Aus­blick

Vie­les spricht da­für, dass die IT-Kom­mu­nar­den der »Zen­tra­len In­tel­li­genz Agen­tur« nicht pla­nen, den In­ge­borg-Bach­mann-Preis 2008 zu »un­ter­wan­dern«. Dies ge­lang nach ei­ni­gen An­läu­fen im Jahr 2006 per­fekt, als Kath­rin Pa­s­sig, we­der vor­her noch nach­her als er­zäh­len­de Schrift­stel­le­rin in Ak­ti­on ge­tre­ten, die ge­sam­te Kon­kur­renz mit ih­rer Ge­schich­te dü­pier­te und nicht nur den an­ge­peil­ten Pu­bli­kums­preis (mit ge­hö­ri­ger Un­ter­stüt­zung ih­rer Freun­de) ge­wann, son­dern auch von der Ju­ry den Haupt­preis zu­ge­spro­chen be­kam.

Wie­der ein­mal war der Bach­mann-Preis in der Kri­se. Der Skan­dal, der so oft in Kla­gen­furt zu­schlug (und Künst­ler in­iti­ier­te – zum Bei­spiel Rai­nald Goetz – oder rui­nier­te – wie Urs Al­le­mann), ging dies­mal nicht von den Bei­trä­gen oder der Per­for­mance aus, son­dern von der of­fen­sicht­li­chen Ma­ni­pu­lier­bar­keit die­ser Ver­an­stal­tung, die da­mit vor­ge­führt be­kam, dass da nicht die gro­sse, wei­te Welt war, son­dern eben nur ein ganz ge­wöhn­li­cher Wett­be­werb, in dem 1000 Stim­men 10000 Eu­ro ein­brin­gen kön­nen. (Das mach­te sich Pe­ter Licht dann 2007 noch ein­mal zu Nut­ze, als er mit sei­ner läp­pi­schen Dar­bie­tung re­üs­sier­te.)

Kla­gen­furt war tat­säch­lich auf ein schwa­ches Ni­veau ab­ge­fal­len, was sich je­doch in den Jah­ren zu­vor schon an­kün­dig­te. Das hat­te zum ei­nen den Grund dar­in, dass selbst nur halb­wegs be­kann­te Au­toren die Ge­fahr, leer aus­zu­ge­hen als zu stark emp­fan­den. Zum an­de­ren be­merk­te man oft ge­nug die la­ten­te Über­for­de­rung der Ju­ro­ren, die ent­we­der aus ei­nem häss­li­chen Ent­lein noch ei­nen ed­len Schwan kon­stru­ie­ren woll­ten oder ein­fach den Wald vor lau­ter Bäu­men nicht sa­hen. Nach »ich« dürf­te das meist­ge­brauch­te Wort in den Dis­kus­sio­nen um die Le­sun­gen »Text« sein. Für die­je­ni­gen, die sich dort als Ju­ry ver­su­chen, ist eben al­les »Text«; für die Me­di­en so­wie­so. Das ist aber ein Teil des Pro­blems von Re­zep­ti­on von Li­te­ra­tur. »Text« ist ja auch die Ge­brauchs­an­lei­tung ei­ner Wasch­ma­schi­ne.

Die Fre­quenz der teil­wei­se frap­pie­ren­den Fehl­be­ur­tei­lun­gen durch die Ju­ro­ren ist be­acht­lich. Mir un­ver­gess­lich, als Tho­mas Hett­che als Ju­ror ein­mal sei­ne Kol­le­gen fast ver­zwei­felt bat, den Zau­ber des ge­ra­de Ge­hör­ten doch nicht zu zer­re­den. Sehr gu­te Tex­te bei­spiels­wei­se von Al­ban Ni­ko­lai Herbst, Ka­tha­ri­na Hacker, Jo­sef Wink­ler (1996; 1979 Ju­ry­preis), Pe­ter Stamm, Ar­no Gei­ger, Wolf­gang Herrn­dorf oder Sa­sa Sta­ni­sic er­hiel­ten von der Ju­ry nicht nur kei­nen Preis, son­dern wur­den mit teils in­qui­si­to­ri­scher Ek­sta­se fru­strier­ter Ger­ma­ni­sten aus­ein­an­der­ge­nom­men (Herrn­dorf [IM der ZIA?] und Sta­ni­sic be­ka­men im­mer­hin den Zu­schau­er­preis). Und die kläg­li­che De­mon­ta­ge von Iris Ra­disch dem Bei­trag von Björn Kern im ver­gan­ge­nen Jahr ge­gen­über dürf­te noch prä­sent sein.

Schreib­schul­ge­stählt und fad

Den­noch: Der Ge­halt der prä­sen­tier­ten, häu­fig schreib­schul­ge­stähl­ten Pro­sa os­zil­lier­te in den letz­ten Jah­ren oft ge­nug zwi­schen plü­schi­gem Wohl­stands­kin­der­kitsch, ober­fläch­lich-be­lang­lo­sem Be­haup­tungs­pro­sa­ge­plät­scher und der idio­syn­kra­ti­schen Hy­po­chon­drie ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die schein­bar ver­such­te ei­ne Art »neue In­ner­lich­keit« zu si­mu­lie­ren, wo doch nur Lee­re und Em­pa­thie­lo­sig­keit vor­herrsch­te. Statt die­se je­doch zu er­zäh­len, glaub­ten sie, die blo­sse Schil­de­rung rei­che aus, um Li­te­ra­tur zu er­zeu­gen. Die Ju­ro­ren, die ja die­se Aus­wahl ge­trof­fen hat­ten, ret­te­ten sich ei­ni­ge Zeit dar­in, dies mit dem Ge­re­de von »Au­then­ti­zi­tät« und Rea­lis­mus zu be­weih­räu­chern. Na­tür­lich ist es für je­man­den, der tag­aus, tag­ein mit der Lek­tü­re von Bü­chern ver­bringt, manch­mal si­cher­lich ganz in­ter­es­sant, bei­spiels­wei­se ei­ne (scha­blo­nen­haft er­zähl­te) Bü­ro­welt vor­ge­setzt zu be­kom­men. Die Fra­ge, war­um Li­te­ra­tur aber Wirk­lich­keit ab­bil­den soll, war­um Au­then­ti­zi­tät be­reits als Lei­stung gilt und wor­in sich dann die­se Art von Ge­schrei­be von ei­ner Re­por­ta­ge un­ter­schei­det – all dies blieb un­be­ant­wor­tet. Ju­ro­ren­ent­schei­dun­gen sind – ähn­lich wie Schieds­rich­ter­ent­schei­dun­gen im Fuss­ball – un­be­frag­bar. (In den Feuil­le­tons be­merk­te der auf­merk­sa­me Le­ser häu­fig ge­nug Mo­na­te spä­ter, dass das Buch des Au­tors, des­sen »Text« so hoch ge­lobt wur­de oft nur noch sehr re­ser­vier­te Ur­tei­le be­kam – und um­ge­kehrt: Au­toren, de­ren Bei­trä­ge arg zer­rupft wur­den, er­schie­nen plötz­lich im mil­de­ren Licht – merk­wür­di­ge Keh­re; spä­te Ein­sicht?)

Kri­ti­ker vs. Au­toren

Nach und nach ver­ab­schie­de­ten sich auch die so­ge­nann­ten Gross­kri­ti­ker aus der Ju­ry. Von Matt und Ka­ra­sek schon früh, dann De­metz, Isen­schmid, Ruoss, Scheck (war nur sehr kurz da­bei), Co­ri­no (im­mer mal wie­der) und jetzt Ra­disch – um nur ei­ne Aus­wahl aus den jün­ge­ren Jah­ren zu nen­nen (frei­lich gab es vor­her mit den Gran­den Reich-Ra­nicki & Co. den Ver­such, die Grup­pe 47 in Kla­gen­furt zu re­vi­ta­li­sie­ren, was nur mo­ment­wei­se ge­lang). An­de­re, wie Hu­bert Win­kels, wi­der­ste­hen der Ver­su­chung. Mit März, Man­gold und Nüch­tern sind nur drei (von heu­er sie­ben Ju­ro­ren) ak­ti­ve »Feuil­le­to­ni­sten« in der ak­tu­el­len Ju­ry. Drei Ju­ro­ren sind das, was man ge­mein­hin als »Au­toren« be­zeich­net. Da­nie­la Stri­gl als sieb­te ist die ein­zig noch ver­blie­be­ne Wis­sen­schaft­le­rin. Die Ver­gan­gen­heit hat ge­zeigt, dass Au­toren als Ju­ro­ren oft ei­ne ge­naue­re Re­plik for­mu­lie­ren kön­nen, oh­ne sich in ad-ho­mi­nem-Dis­kus­sio­nen zu ver­lie­ren. Viel­leicht pro­fi­tiert der Dis­kurs da­von (oh­ne dass jetzt ein Wer­fen mit Wat­te­bäu­schen ein­set­zen muss). Burk­hard Spin­nen als Ju­ry­vor­sit­zen­der ge­niesst bei vie­len schon ei­nen Kult­sta­tus. Und die zu­wei­len rät­sel­haf­ten Ge­dan­ken­split­ter von An­dré Vla­di­mir Heiz aus dem ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren zwei­fel­los ei­ne Be­rei­che­rung.

Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te man be­schlos­sen, dass den Ju­ro­ren al­le »Tex­te« ei­ni­ge Ta­ge vor dem Wett­be­werb zu­ge­hen. Da­mit be­raub­te man der Dis­kus­si­on die Spon­ta­nei­tät – bei­spiels­wei­se sich auch ein­mal emo­tio­nal zu ei­nem Ur­teil hin­rei­ssen zu las­sen, was ein biss­chen jen­seits ad­ap­tier­ter Be­wer­tungs­scha­blo­nen lag. Ei­ni­ge Ju­ro­ren nutz­ten das für Goog­le-Re­cher­chen, die sich klein­lich an fal­schen Be­zü­gen zur Rea­li­tät ab­ar­bei­te­ten (der 18. Ju­li war kein Diens­tag!). Man­che wa­ren selbst hier­zu zu faul, wie bei­spiels­wei­se an­läss­lich der Er­zäh­lung von Gre­gor Hens, die von der Gleich­zei­tig­keit ei­nes Erd­be­bens in Co­sta Ri­ca und dem Staats­be­such John F. Ken­ne­dys dort han­del­te. In dem die­se Ko­in­zi­denz als schlicht­weg als un­rea­li­stisch ab­ge­tan wur­de, ob­wohl sie tat­säch­lich der Wahr­heit ent­sprach, brauch­te man sich nicht mehr wei­ter mit der Er­zäh­lung aus­ein­an­der­set­zen. Der ein­zi­ge Vor­teil die­ses Mo­dus, dass die Ju­ry von An­fang an die je­wei­li­gen Bei­trä­ge im Kon­text des Wett­be­werbs be­wer­ten kann und ab­we­gi­ge Par­al­le­len ver­mei­det, wur­de kaum be­merkt.

Wo­bei ei­nes na­tür­lich klar sein müss­te: Die Il­lu­si­on, »der Be­ste« ge­win­ne bei ei­nem sol­chen Wett­be­werb, ist na­tür­lich na­iv. Die Kla­gen­furt-Ver­äch­ter spei­sen ih­re Geg­ner­schaft aus dem ge­ne­rell un­ter In­tel­lek­tu­el­len vor­herr­schen­den Skep­sis, ih­re Lei­stung ei­ner be­wer­ten­den Kri­tik zu un­ter­zie­hen – ein Wett­be­werb er­in­nert sie zu sehr an Sport. Ih­re Ver­ach­tung zei­gen sie al­ler­dings nicht im Igno­rie­ren der Ver­an­stal­tung, son­dern in ih­rer Ver­spot­tung.

An­de­re sub­su­mie­ren Kla­gen­furt ger­ne pe­jo­ra­tiv als »Wett­le­sen«. Das sind meist die­je­ni­gen, die »Le­ser« mit »Bü­cher­wurm« über­set­zen und statt »Le­sen« »Ver­schlin­gen« sa­gen. Ih­re in­tel­lek­tu­el­le Be­schränkt­heit gip­felt im Gou­tie­ren der Le­se­tips von El­ke Hei­den­reich, de­ren Sen­dung »Le­sen!« sie in ih­rer kru­den Ein­fäl­tig­keit mit ei­ner Li­te­ra­tur­sen­dung ver­wech­seln.

Klei­ner Rück­blick – und nun?

Bei al­lem Un­bill der letz­ten Jah­re: Ich ver­dan­ke Kla­gen­furt ei­ne Men­ge Ent­deckun­gen. Der wort­ge­wal­ti­ge An­dre­as Mai­er, der stil­le Jan Lur­vink (noch nicht ein­mal auf die »short-list« ge­kom­men), die schö­ne und klu­ge Ag­la­ja Ve­te­ranyi, de­ren un­ter­schwel­li­ge Schwer­mut in ih­rem Ro­man­aus­zug die Ju­ro­ren nicht er­kannt hat­ten, Gre­gor Hens und John von Düf­fel so­wie­so. Aber auch die von mir gou­tier­ten Preis­trä­ger Mi­cha­el Lentz (für sein fa­mo­ses Le­sen von »Mut­ter­ster­ben«) und Jan Pe­ter Bre­mer (das dü­ster-me­lan­cho­li­sche Bild ei­nes Dik­ta­tors in »Der Fürst spricht«).

Und wie sieht es 2008 aus? Der ge­neig­te Le­ser hat im Mo­ment nur die Mög­lich­keit, sich die Vi­deo­fil­me der Au­toren an­zu­se­hen. Ei­gent­lich auch ein über­flüs­si­ges Ri­tu­al: Au­toren in zwei­ein­halb Mi­nu­ten Stel­lung­nah­men zur Welt, zur Li­te­ra­tur, zum ei­ge­nen Schrei­ben, usw. ab­zu­for­dern. Zwei sind mir be­kannt – Mar­tin von Arndt (des­sen ful­mi­nan­ter Ro­man »ego shoo­ter« im­mer noch prä­sent ist) und Ulf Erd­mann Zieg­ler, von dem ich ir­gend­wann ir­gend­wo ein­mal et­was ge­le­sen ha­be. Es spricht un­be­dingt ge­gen mich, von den an­de­ren nichts ge­hört zu ha­ben. Zu­mal ja – seit Pa­s­sigs Sieg – un­be­schrie­be­ne Blät­ter nicht mehr er­wünscht sind.

Es mag sein, dass die Fil­me et­was über die Teil­neh­mer aus­sa­gen. Mir ist das ehr­lich ge­sagt su­spekt. Es lenkt mich vom Ei­gent­li­chen zu sehr ab. Die ehe­ma­li­ge Ju­ro­rin Il­ma Ra­ku­sa mein­te ein­mal, sie ha­be ger­ne In­for­ma­tio­nen über den Au­tor. Ich fin­de, die­se In­for­ma­tio­nen häu­fig stö­rend. Spä­ter ja – jetzt eher nein.

Den­noch ha­be ich nicht wi­der­stan­den: Ali­na Bron­sky ka­ri­kiert den »Be­trieb«; Hei­ke Geiß­ler be­fin­det, dass die Ein­zi­ge, die sie beim Schrei­ben stört, sie sel­ber ist; Pe­dro Lenz ist ein laut­ma­le­ri­scher Schrift­stel­ler und Dich­ter; Da­grun Hint­ze hat den Ju­ry-Jar­gon be­reits sehr ver­in­ner­licht und ver­mut­lich 2011 Ju­ry­or­sit­zen­de; An­ge­li­ka Reit­ze ko­piert ir­gend­wie Je­li­nek und Stre­eru­witz; Till­mann Ram­stedt schreibt zwi­schen 5 und 9 Uhr. Neu­gie­rig macht mich dann Mar­kus Orths, der kei­nen Film hat ma­chen las­sen (wie wei­land An­dre­as Mai­er [aber es gab spä­ter noch den ein oder an­de­ren »Ver­wei­ge­rer«]). Und Thor­sten Palz­hoff, des­sen Film in der Be­fra­gung an­de­rer und de­ren Wi­der­sprü­che die­se Art Fil­me schön ka­ri­kiert. Am En­de hat Mar­tin von Arndt für mich den Na­gel auf den Kopf ge­trof­fen, wenn er von dem Glück in der Kunst und der De­mut und – gleich­zei­tig – sei­ner Wut spricht.

De­mut und Wut – das cha­rak­te­ri­siert schön auch mei­ne Re­gun­gen der letz­ten Jah­re bei der Be­trach­tung der Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen. Und des­halb schaut man wie­der. (Und bit­te, Herr Moor, ich schät­ze sie ja als sprach­ge­wand­ten Mo­de­ra­tor, aber nicht hier – dan­ke.)

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In­tel­li­genz­maß­nah­men
    Ja, die gu­te Kath­rin und ih­re ZIA. Ich fin­de es bis heu­te herr­lich, daß der Auf­schrei ge­gen die­se »Maß­nah­me« v.a. von de­nen kam, die selbst herr­lich und selbst­herr­lich mau­scheln und nun ei­ne Seil­schafts­kon­kur­renz spür­ten. Da­mals ist nichts an­de­res ge­sche­hen, als was im­mer und über­all in die­sem Kul­tursumpf ge­schieht: die so­ge­nann­ten Groß­ver­la­ge drücken mit Fi­nanz­kraft – schließ­lich ge­hö­ren sie auch zu den Haupt­spon­so­ren in Kla­gen­furt, da­von möch­te man ja auch et­was ha­ben (des­halb ken­nen sie im Vor­feld, ent­ge­gen der Wett­be­werbs­re­geln, be­reits die Tex­te al­ler Au­toren, nicht nur ih­rer ei­ge­nen Ver­la­ge) – und Me­di­en­macht »ih­re« Leu­te durch. Und na­tür­lich mö­gen sie es nicht, wenn man ih­nen da­bei in die Kar­ten schaut oder in die Sup­pe spuckt. Wirk­lich übel­ge­nom­men ha­ben sie der Pa­s­sig wohl auch nur, daß sie für ih­re schon Aus­er­wähl­ten dann noch ein­mal ein Jahr zu­war­ten muß­ten. Das ist är­ger­lich, weil schlecht für den Ver­kauf. Der Le­ser ist ein Kurz­zeit­ge­dächt­nis auf zwei Bei­nen.

  2. Hin­zu kam ja, dass der Passig-»Text« 2006 auch wirk­lich das be­ste war. Aber in der Pra­xis ist es ja meist so, dass es die Leh­rer nicht mö­gen, wenn die »Schü­ler« es ih­nen gleich tun. Sie wirk­te al­ler­dings ziem­lich amü­siert, da Tei­le der Ju­ry sie so­fort ver­ein­nah­men woll­ten und als gro­sse Dich­te­rin fei­er­ten.

  3. Nur kurz zu den Au­toren...
    wie je­des Jahr aus­führ­li­che­re, da­zu mit Text­pro­ben ver­se­he­ne Vor­stel­lung in VOLLTEXT.

    Al­ler­dings weiß auch ich am lieb­sten erst mal eher we­ni­ger über die Au­toren – wenn sie mich dann über­zeu­gen, ger­ne mehr. (Neu­gie­irg ge­macht mit sei­nem Text [ei­nem Ro­man­aus­zug, glau­be ich] hat mich erst mal Mar­kus Orths.)

    ***

    Ei­gent­lich woll­te ich auch mal was Aus­führ­li­che­res über Kla­gen­furt schrei­ben, fand es dann aber mü­ßig im Ge­dan­ken an den eh all­jähr­lich ein­set­zen­den, un­ver­meid­li­chen Chor von Stim­men. Für mein Ge­fühl hat es sei­nen Aus­nah­me­cha­rak­ter ver­lo­ren – und wird al­so jetzt auch tat­säch­lich (mit den Kür­zun­gen) kon­su­mier­ba­rer.

    Ich mei­ne, man soll­te eher den po­ten­zi­el­len Irr­tü­mern mehr Raum ge­ben, dem Au­ßen­sei­ter-Wahn­sinn, dem »In­kom­men­sur­a­blen« der Schrift. Ob­wohl es im­mer wie­der schö­ne Ent­deckun­gen gibt (Xa­ver Bay­er!!!), steht für mich der Grund­ton der al­ler­mei­sten neue­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen auf »mau«.

  4. Ich muss ge­ste­hen, dass mir die letz­ten Jah­re der Wett­be­werb zu lang war. Je­der Ju­ror muss­te fast auch et­was zum »Text« sa­gen, kaum ei­ner ver­zich­te­te; es war arg red­un­dant. Und das was ge­sagt wur­de, war oft ge­nug ent­we­der ba­nal oder schlicht­weg am The­ma vor­bei (Ra­disch; Ebel).

  5. Ich kann in­halt­lich zu die­sem in die Jah­re ge­kom­me­nen Spek­ta­kel lei­der gar­nichts sa­gen, nur so­viel aber,
    dass ich Ih­ren Ti­tel »De­mut & Wut sehr in­spi­rie­rend fin­de!

  6. Zu Ih­ren kri­ti­schen An­mer­kun­gen kann ich mich nicht äu­ßern, da ich nur heu­te Nach­mit­tag die letz­ten drei Le­sun­gen ge­se­hen bzw. an­ge­hört ha­be. Dass Frau Black­con­ti und ich da­bei aus­ge­rech­net den Sie­ger­bei­trag von Till­mann Ramm­stedt er­wisch­ten, war rei­ner Zu­fall. Je­den­falls ha­ben wir mit of­fe­nem Mund und zu­neh­mend amü­siert-in­ter­es­siert dem Stak­ka­to­vor­trag von der am­bi­va­len­ten En­kel-Groß­va­ter-Be­zie­hung ge­lauscht und fan­den das rich­tig gut. Blöd fan­den wir da­ge­gen die so auf­ge­setzt kon­stru­ier­te Kri­tik Burk­hard Spin­nens, die Ge­schich­te be­stän­de aus ge­ni­al kom­bi­nier­ten Ver­satz­stücken, die er, Spin­nen, al­le­samt schon mal ir­gend­wo ge­le­sen oder sonst­wie mit­be­kom­men ha­be. Ja und? Le­ben geht so und al­les ist ir­gend­wie schon mal be­schrie­ben wor­den, nur von ei­nem bes­ser, oder aus un­ge­wöhn­li­cher Per­spek­ti­ve, und vom an­de­ren halt ba­nal , kurz: schlech­ter. Das macht ja wohl den Un­ter­schied aus bei Li­te­ra­tur. Auf Den „Kai­ser von Chi­na“ je­den­falls sind wir jetzt neu­gie­rig ge­wor­den.

  7. Vor­satz zu mei­nen zu­künf­ti­gen Nach­tra­gun­gen
    Ver­schlan­kun­gen? Tja, jetzt ha­be ich noch kei­nen Text ge­hört – aber füh­le mich schon ge­nervt. Vom Moor (und sei­ner an­schei­nend nicht zu ent­kom­men­den Schul­dig­keit und über­haupt der un­ver­meid­li­chen Ei­tel­keit die­ser über­flüs­si­gen Ne­ben­fi­gu­ren...) und den Ri­tua­li­en, die al­le AUCH noch be­dient wer­den müs­sen, weil es eben der Ap­pa­rat und das For­mat so ver­langt – am be­sten al­les ein­mal Hin­aus­fe­gen und von vorn be­gon­nen.

    Aber das wür­den an­de­re dann wohl wie­der gleich nut­zen, die Ge­ne­rals­fra­ge zu stel­len und wä­re al­so für die­se klei­ne Ni­sche un­ge­re­gel­ten Texts wo­mög­lich der To­des­stoß.

    IST es aber noch ei­ne Ni­sche? Wo­mög­lich fürch­te ich nur selbst die im­mer wei­te­re Ent­zau­be­rung von et­was, das mir mal wich­tig war, auf das ich mich mal ge­freut ha­be.

    Wenn man schon ent­schlackt, könn­te man doch ver­suchs­wei­se mal all die­se Ne­ben­fi­gu­ren weg­las­sen (wie et­wa in Kul­tur­zeit end­lich auch mal die al­les nur ver­stel­len­den »Mo­de­ra­to­ren« mit ih­ren ewi­gen Er­wart­bar­kei­ten): All die Er­klär- und Kom­men­tier­tö­ne der über­flüs­sig­sten Kol­por­ta­gen sind letzt­lich nur be­wusst­seins-me­dia­le Um­welt­ver­schmut­zung, und man muss sich doch mal fra­gen, ob es so­vie­le Neu­lin­ge die sol­cher me­dia­len Ver­mitt­lung be­dür­fen, noch ge­ben kann!

    Bit­te nur noch den ei­gent­li­chen Bei­trag!
    Bit­te nur noch den Text!

    Frü­her, wenn mich der Text lang­weil­te, ha­be ich mir öf­ter die Kri­ti­ker­run­de an­ge­hört um zu se­hen, ob mei­ne Be­den­ken oder mei­ne Be­gei­ste­rung mit-for­mu­iert wur­den, oder ob je­man­den ei­nen neu­en Ge­dan­ken da­zu bei­tra­gen konn­te. Aber ich stim­me vor­ab zu (schon die gan­ze Vor­be­richt­erstat­tung, brav wie zu je­dem Event hat et­was Ner­ven­des): Nicht mal Bur­kard Spin­nen ist noch, was er mal war!

    Ich glau­be, dies­mal wer­de ich eher nur die Tex­te hö­ren. Und die viel­leicht nicht mal zu En­de. Ich muss nicht mehr al­les wis­sen, was ir­gend je­man­dem be­rich­tens­er­wert er­scheint (nicht mal die Pein­lich­kei­ten der Vor­film­chen – ich ha­be ger­mekt, sie neh­men mich oft un­gut ge­gen den Au­toren und sei­nen noch un­be­kann­ten Text ein, so blö­de sind sie).

    An­ge­sichts über­vol­ler Su­per­markt­re­ga­le muss ich auch mei­ne Aus­wahl tref­fen und ler­nen das Zu­viel ef­fi­zi­en­ter zu ver­mei­den. Ich soll­te es end­lich ge­lernt ha­ben.

  8. »im­mer wei­te­re Ent­zau­be­rung«
    Ja, das trifft es. Ich fra­ge mich: Ist es nun ei­ne Ent­zau­be­rung bei mir? Ist das all­zu rou­ti­niert ge­wor­den? Fehlt der, al­so mein nai­ver, kind­li­cher Blick?

    Was ich nicht ge­dacht hät­te ist die Her­me­tik, die da of­fen­sicht­lich ent­stan­den ist. Sie­ben statt neun und we­ni­ger Zeit vor Ort: Da muss vor­her schon kon­tak­tet wer­den. Teil­wei­se ka­men mir die Ju­ry­dis­kus­sio­nen wie schlecht in­sze­nier­te Schau­pro­zes­se vor. Teil­wei­se wie über­eif­ri­ge Ord­nungs­amt­skon­trol­leu­re, die, wenn sie nichts fin­den, noch wü­te­ner wer­den. Und die­ser Moor! Und die­ses Ge­tue, man müs­se sich hier auf die »Tex­te« ein­las­sen – als wür­den sie nicht al­le schon die Bei­trä­ge wochen‑, mo­na­te­lang vor­her ken­nen.

    Ich ha­be noch Sen­dun­gen ge­se­hen, als die Bei­trä­ge al­len neu wa­ren (frei­lich, auch da hat es si­cher Ma­ni­pu­la­tio­nen ge­ge­ben). Aber die Dis­kus­sio­nen wa­ren fri­scher, be­le­ben­der. Auch da Feh­len den »Gross­kri­ti­ker« war nicht so vor­teil­haft, wie ich mir das dach­te.

    Ein Wett­be­werb, der in die Jah­re ge­kom­men ist – schreibt ein Kom­men­ta­tor hier. Ich glau­be, er hat recht. Aber viel­leicht bin auch ich in die Jah­re ge­kom­men?

  9. Es wur­de al­les ge­sagt,
    et­was Neu­es kann ich ei­gent­lich gar nicht hin­zu­fü­gen. Es war ein ein­zi­ges Är­ger­nis von A bis Z, mit Aus­nah­me der ge­recht­fer­tig­ten Wahl des Sie­ger­tex­tes. Und noch­mals sei ge­sagt: be­son­ders die »Kri­tik« (wenn man das über­haupt noch so nen­nen darf) ge­gen­über Mar­tin von Arndt und Pe­dro Lenz wa­ren schlicht­weg un­ter je­dem Hund und ab­so­lut re­spekt­los – zu­dem nicht ge­recht­fer­tigt, selbst wenn sie sach­lich und mit An­stand vor­ge­bracht wor­den wä­re.
    Zwei Din­ge noch, die mich au­sser­dem auf die Pal­me brach­ten: er­stens Burk­hard Spin­nens mehr­ma­li­ges Be­teu­ern, dass Kla­gen­furt nichts mit Markt­taug­lich­keit der Li­te­ra­tur zu tun hät­te, wo es prak­tisch aus­schliess­lich dar­um geht; zwei­tens das ewi­ge Ge­döns der Ju­ry, dass Li­te­ra­tur »rea­li­stisch« zu sein ha­be – wer will »Rea­lis­mus« le­sen?!? Ich je­den­falls nicht. Da könn­te ich ge­ra­de­so­gut Sims am Com­pu­ter spie­len an­statt ein Buch zu le­sen.
    Das High­light (ne­ben den we­ni­gen wirk­lich gro­ssen Tex­ten) wa­ren Ili­ja Tro­ja­nows lu­zi­de Kom­men­ta­re.

    Und an Gre­gor Keu­sch­nig ein gro­sses Lob und Dan­ke­schön für die­se eben­so lu­zi­de Be­richt­erstat­tung. Das ist je­den­falls ein Zücker­chen, al­le Jah­re wie­der die ei­ge­ne Le­bens­er­war­tung durch er­höh­ten Blut­druck zu ver­kür­zen. (Aber wir wer­den al­le län­ger le­ben als die­ser Wett­be­werb!)

  10. Noch ein kur­zer Nach­klapp
    Ich stel­le mir manch­mal den jun­gen Franz Kaf­ka da vor. Oder – war­um nicht? – Kleist. Wür­de man bei Kaf­kas Ver­wand­lung auch das Re­cher­che­er­geb­nis prä­sen­tie­ren, dass noch nie ei­ne Mensch als In­sekt auf­ge­wacht ist? Wür­de man beim Erd­be­ben von Chi­li nach­ge­goo­gelt ha­ben, dass es zum Zeit­punkt der Ge­schich­te dort viel­leicht gar kein Erd­be­ben ge­ge­ben hat? Und Frau Stri­gl (je­mand, der Li­te­ra­tur in zwei Ta­gen rund drei­hun­dert­mal als »Text« be­zeich­net, weil ihr vor lau­ter Phan­ta­sie­lo­sig­keit nicht an­de­res mehr ein­fällt) fin­det noch ei­nen fal­schen Kon­junk­tiv? Oder – man stel­le sich das mal vor – bei Goe­the mo­nie­ren, dass sich doch nie­mand in ei­nen Hund ver­wan­deln kann – Herr Spin­nen hat hier­für doch ex­tra beim Ber­li­ner Zoo re­cher­chiert.

    Mar­tin Wal­ser zi­tiert in sei­ner in­ter­es­san­ten Re­de zum 60jährigen Be­stehen der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Kün­ste ei­ne Be­spre­chung von Al­fred Kerr aus dem Jahr 1913 über ei­nen sehr be­kann­ten Ro­man ei­nes sehr be­rühm­ten Dich­ters. Kerr schrieb (nach Walsers Zi­tat): »...ich fin­de hier ei­nen ver­hüll­ten Kitschling...Wenig Blut und viel Hal­tung. Schwa­ches Deutsch...alles im Grun­de musiklos...schleichend geschoben...alles zusammengedrockst...Bemerkenswert, daß er so oft An­ga­ben über ei­nen Dich­ter macht, oh­ne just ein sol­cher zu sein.«

    Die Lö­sung steht hier: Tho­mas Mann: Tod in Ve­ne­dig

  11. Hat­te mir ge­stern Abend die er­ste Le­sung an­ge­se­hen, die­se ins Medial-»urbahn legend«-überhöhte Po­lit- & Re­por­ta­ge-Ding – ge­fiel mir von der Idee ei­gent­lich gut, da­zu die­ser star­ke Bach­mann-Be­zug (zu Ce­lan), und ge­nug exo­tisch-hi­sto­ri­sches Ma­te­ri­al lag auch da drin...

    Aber die Aus­füh­rung fand ich dann auch be­tu­lich bis zur Put­zig­keit, viel Red­un­danz, sprach­lich un­in­spi­riert etc.

    Mein Ge­dan­ke will aber auch an Ih­ren an­schlie­ßen: Könn­te man sich das Ex­tra­va­gan­te ent­le­ge­nen Gei­stes heu­te denn noch lei­sten – ja, könn­te man es an-er­ken­nen? (Der Ein­zel­ne si­cher, aber könn­te es sich in­ner­halb des der­art Vor-Ge­re­gel­ten Set­tings durch­set­zen? Gä­be es ge­nug un­ver­stell­ten Geist, es sich er­eig­nen zu las­sen?)

    Vor Mo­na­ten hat­te »edit« (Lit-Mag aus Leip­zig) mal das Ex­pe­ri­ment ge­star­tet, Kaf­kas »Bro­skwa-Skiz­ze« ver­schie­de­nen Lek­to­ren vor­zu­le­gen – von Kaf­ka blieb da nicht mehr viel. Kann sein, man muss »das Fal­sche« erst mal aus­mer­zen, be­vor man es dann wie­der zu­las­sen kann. Aber die Strom­li­ni­en­för­mig­keit als Form bringt es nun auch nicht. Der Main­stream – müss­te ihn nicht mit Mahl­strom über­set­zen?

    All die gu­ten Zu­re­der und Aus­ken­ner, die an­geb­lich mit dem Rich­ti­gen ver­trau­ten usw., die lek­to­ren und Ver­öf­fent­li­cher, da­zu die­ser Me­di­en­ab­rieb... der »Be­trieb« frisst sich ir­gend­wie selbst. Oder?

    Scha­de.

    (Üb­ri­gens wohl­tu­end noch mal als ent­schei­den­der Vor­teil bei Auf­zeich­nun­gen ist eben, dass man On­kel Moor et. al. und das gan­ze Drum­her­um fast über­sprin­gen kann... )

  12. Das er­in­nert mich
    an ei­nen zwar tri­via­len, aber ir­gend­wie tref­fen­den Film: Zu­rück an den Ab­sen­der. Wie im Link er­läu­tert, han­delt es sich um ei­nen Pfört­ner in ei­nem Ver­lag (Ru­dolf Plat­te), der die ab­ge­lehn­ten Ro­man­ma­nu­skrip­te wie­der zu­rück­schicken muss. Durch Zu­fall fällt ihm ein Skript in die Hän­de, er liest es und fin­det es toll. Ir­gend­wie ge­lingt es ihm, sei­nen Chef zu über­zeu­gen. Das Buch wird ein Sen­sa­ti­ons­er­folg. Der Ver­le­ger meint nun, den Pfört­ner so­zu­sa­gen als Lek­tor an­stel­len zu müs­sen, was na­tür­lich Arg­wohn bei den bis­he­ri­gen Lek­to­ren her­vor­ruft. Die le­gen ihm ein »Kuckucks­ei« ins Nest – He­ming­way – und er­göt­zen sich an des Pfört­ners Ab­leh­nung.

    Die­ser Film ist von 1981 (ich er­in­ne­re mich merk­wür­di­ger­wei­se heu­te ir­gend­wie al­ter Fil­me) und ich glau­be, dass er auch heu­te noch viel aus­sagt (üb­ri­gens auch über die Kraft und Kraft­lo­sig­keit von so et­was wie Blogs). Ei­ner­seits ist dem Di­let­tan­ten (ich bn ja sel­ber auch ei­ner) ei­ne ge­wis­se Nai­vi­tät ei­gen, die den »Ein­ge­weih­ten« ir­gend­wann ab­han­den ge­kom­men ist. An­de­rer­seits sug­ge­riert der Film, dass die­ser »Zau­ber« des »Idio­ten« nicht von Dau­er ist – beim näch­sten »Fall« ver­sagt er.

    Ich glau­be zwar nicht, dass die­ser Zau­ber sich so schnell ver­flüch­tigt (das muss­te wohl aus dra­ma­tur­gi­schen Grün­den sein), aber das ei­ne In­te­gra­ti­on in so et­was wie »Be­trieb« Blicke trü­ben und Ur­tei­le ver­än­dern kann – des­sen bin ich mir ziem­lich si­cher. Und das dies nicht un­be­dingt von Vor­teil ist, auch. Ich hal­te al­ler­dings da­ge­gen, dass es sich nicht um ei­nen Au­to­ma­tis­mus han­deln muss (Par­al­le­len gibt es in der Po­li­tik – wenn ei­ne Op­po­si­ti­ons­par­tei ir­gend­wann in die Re­gie­rung kommt und in den In­sti­tu­tio­na­li­sie­run­gen un­ter Um­stän­den ver­sinkt). Und viel­leicht des­halb so vie­le Käu­ze im »Be­trieb«, die aber – ob sie wol­len oder nicht – ir­gend­wann im­mer ver­ein­nahmt wer­den.

    Ich will nicht ver­heh­len, dass mich die­ser Film – trotz sei­ner äs­the­tisch eher be­schei­de­nen Aus­füh­rung – im­mer wie­der be­schäf­tigt hat. Denn es ist ja theo­re­tisch nicht si­cher, dass je­mand, der He­ming­way ab­ge­lehnt hat, für im­mer und ewig ein Ver­sa­ger ist. Und ir­ren müss­te je­der dür­fen. Und ir­gend­wie glau­be ich, dass der Pfört­ner zu schlecht weg­ge­kom­men ist. Ei­nem Ge­richt ge­hö­ren doch auch Lai­en­rich­ter an, oder?


    Schau­en Sie ei­gent­lich auch die Dis­kus­sio­nen? Ma­chen Sie sich auf et­was ge­fasst. Ijo­ma Man­gold mu­tiert im Lau­fe des Be­werbs zum Die­ter Boh­len von Kla­gen­furt.

  13. Lai­en­rich­ter
    Letz­lich le­ben al­le „Ur­tei­le“ ja auch durch ih­re Um­strit­ten­heit bzw. den Weg, sie zu ge­win­nen. Ich fin­de Ih­ren Ein­fall in dem Zu­sam­men­hang sehr schlüs­sig.

    (Üb­ri­gens, apro­pos „al­te Fil­me“: mir kom­men über­ra­schend ge­nug oft auch wel­che... Und bei He­ming­way, nie ein Fa­vo­rit von mir, muss ich im­mer an Ar­no Schmidt den­ken, der ihn da­mals auf sei­ne kau­zi­ge Art ab­lehn­te: „...stinkt mich an“. Und wer wä­re heu­te mehr prä­sent? Der welt­läu­fi­ge, aber schon hi­sto­ri­sche H. oder der klein­tei­lig-solp­si­sti­sche, zu­min­dest aber doch oft ori­gi­nel­le Klein­bür­ger S.? )

    Soll sa­gen, dass al­le Ur­tei­le ja auch ih­re Be­dingt­heit in sich tra­gen, dass ei­nem das aber als so­gar even­tu­ell be­wuss­tes Wis­sen dar­um nicht wei­ter­hilft. Au­ßer­dem ge­hört ei­ne ge­wis­se Por­ti­on Blind­heit da­zu, um so mehr zum äs­th­te­ti­schen Ur­teil, da man un­mög­lich al­les Re­le­van­te je­der­zeit mit-be­rech­nen kann. (Heim­lich be­wun­de­re ich im­mer die Un­um­stöß­lich­keit von Leu­ten wie Bo­ris Groys oder Ba­zon Brock, aber zwei­feln will ich doch!)

    Ich hat­te, glau­be ich, auch ver­ges­sen dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Lek­to­ren den Ver­fas­ser­na­men zu „Bro­skwa“ na­tür­lich nicht kann­ten. Aber das ver­schärft die Fra­ge: Kann man dem Text-Gott Kaf­ka, dem Sou­ve­rän von zu­gleich weit­ge­hend­ster Text­ver­schlan­kung und Ex­trem­aus­deut­bar­keit klein­mäk­le­risch in die Gram­ma­tik fah­ren, die Satz-Mu­sik (die ich im­mer­hin bei ihm hö­re)? Oder wie könn­te man er­ken­nen, dass hier erst ein­mal ein an­de­rer Geist am Wer­ke ist, dem man per se Groß­mü­tig­keit schul­dig wä­re? Und dass man dar­an die ei­ge­ne Weit­sicht wach­sen sä­he?

    Das ver­weist noch mal auf den „Kauz“, für des­sen Mo­ment an An­ders­ar­tig­keit ich erst mal ei­nen Vor­schuss an To­le­ranz zah­le... wäh­rend das gleich auf gut tem­pe­rier­ter Ton­la­ge Ge­lun­ge­ne mich un­froh stimmt.

    Ich wür­de al­so sa­gen – so lau­tet aber auch eh die gut mit­tel­mä­ßi­ge (al­so mei­ne) Er­kennt­nis schon lang -, je­der Be­rufs­rich­ter wä­re auch ein Lai­en­rich­ter und weiß um sei­ne blin­den Flecken.

    (Man­gold war mir bis­her gar nicht so un­an­ge­nehm auf­ge­fal­len. Er hat halt eben auch sein Be­steck und putzt viel an des­sen rhe­to­ri­schem Sil­ber; dass er sich dann auch mal platt zu wer­den er­laubt – nun ja. So­gar der dröh­nend-lu­sti­ge Nüch­tern ist manch­mal wirk­lich ori­gi­nell. Nur das Prof. Spin­nen neu­er­dings soooo un­in­spi­riert wirkt... )

  14. Text­göt­ter
    Muss denn Li­te­ra­tur ei­ner rich­ti­gen Gram­ma­tik ge­hor­chen? Müs­sen im­mer al­le Bil­der »sit­zen«? Kann es nicht viel­mehr sein, dass ein fal­scher Aus­druck, ein feh­ler­haf­tes Bild, ei­ne viel­leicht oder nur schein­bar ver­un­glück­te Me­ta­pher ge­ra­de aus ei­nem Text Li­te­ra­tur erst ma­chen? Kann es nicht sein, dass Li­te­r­a­ri­zi­tät erst durch das Opa­ke, Un­wäg­ba­re, viel­leicht Dra­sti­sche erst er­zeugt wird? (Mir ist das neu­lich bei Ber­ké­wicz so ge­gan­gen – es er­schien mir viel zu leicht, die­ses Buch ein­fach nie­der­zu­ma­chen. Und dann ha­be ich es ge­le­sen als Li­te­ra­tur, nicht als Text.)

    Das wä­re doch die Auf­ga­be ei­ner Ju­ry: so et­was her­aus­zu­ar­bei­ten, über­haupt erst ein­mal zu su­chen. Statt­des­sen su­chen sie wie fett­haa­ri­ge Deutsch­leh­rer in fal­schen Kon­junk­ti­ven her­um oder »re­cher­chie­ren« tum­ben »Tatort«-Kommissaren gleich, die sich in ih­ren Er­mitt­lun­gen mit ei­nem Mi­lieu kon­fron­tiert se­hen, wel­ches sie nur mit ste­reo­ty­pi­schen Kli­schees be­den­ken kön­nen.