Nach­le­se 30. In­ge­borg-Bach­mann-Preis: Exo­tis­mus und Au­then­ti­zi­tät

18 Au­toren le­sen ih­re li­te­ra­ri­schen Tex­te vor und an­schlie­ssend dis­ku­tie­ren neun Ju­ro­ren hier­über. Die­ses Set­ting ist die Aus­gangs­po­si­ti­on für den so­ge­nann­ten »In­ge­borg-Bach­mann-Preis«, volks­tüm­lich auch »Wett­le­sen« ge­nannt (als wä­re je­ner der Sie­ger, der zu­erst fer­tig sei). Ana­chro­ni­sti­scher kann Fern­se­hen nicht sein, als dies zu über­tra­gen. Aber es kann auch – wenn die Bei­trä­ge und Dis­kus­sio­nen »stim­men«– kaum span­nen­der sein.

Die­se Ein­schrän­kung ist im­mer schon Teil des Wett­be­werbs ge­we­sen. Mit un­rou­ti­nier­ter Schnodd­rig­keit wird in den Pau­sen die Hi­sto­rie an­hand von her­aus­ra­gen­den Prot­ago­ni­sten (bspw. Her­mann Bur­ger oder Sten Na­dol­ny) auf­ge­fä­chert. Ei­ne Da­me, die über den Bach­mann-Preis pro­mo­viert hat, be­kommt Fra­gen vor­ge­setzt, die von Viert­kläss­lern poin­tier­ter ge­stellt wor­den wä­ren. Im vor­aus­ei­len­den Er­ah­nen wird das La­men­to, das al­les frü­her bes­ser und in­ter­es­san­ter ge­we­sen wä­re, da­mit des­avou­iert, das dies auch schon frü­her, als al­les bes­ser war, ge­sagt wor­den wä­re – und den Wett­be­werb gä­be es im­mer noch. Frei­lich gibt es ihn und es wird ihn auch (ver­mut­lich) im­mer wei­ter ge­ben (so­fern nicht die Spon­so­ren aus­stei­gen oder es kei­ne Ju­ro­ren mehr gibt, die sich Frau Ra­disch oder Herrn Co­ri­no an­tun wol­len). Aber die blo­sse Fort­exi­stenz sagt nichts über die Qua­li­tät aus.

Das gröss­te Är­ger­nis vor­ab: Nicht mehr der um­trie­bi­ge, in sei­ne Me­ta­phern ge­le­gent­lich zu ver­lieb­te Gert Sco­bel mo­de­rier­te die Pau­sen, son­dern ei­ne voll­kom­men über­for­der­te Eva Wan­nen­ma­cher, as­si­stiert von ei­nem lust­lo­sen An­dre­as Isen­schmid, der die schlimm­sten Ah­nungs­lo­sig­kei­ten der Da­me miss­mu­tig aus­bü­gel­te. Der Vor­teil war, dass man auf Toi­let­te ge­hen konn­te, oh­ne das Ge­fühl zu ha­ben, et­was ver­passt zu ha­ben. So­viel zum The­ma Elend der Prä­sen­ta­ti­on von Li­te­ra­tur im Fern­se­hen.

Zu den »Tex­ten« (wie im­mer das am häu­fig­sten ver­wand­te Sub­stan­tiv und für mich im­mer auch ei­ne Spur de­nun­zia­to­risch): Na ja. Glück­li­cher­wei­se gibt es ja den drit­ten Tag. Es dürf­te wohl kaum ei­nen Zwei­fel dar­an be­stehen, dass Kath­rin Pas­sigs »Sie be­fin­den sich hier« den Preis ge­win­nen wird. Ein hu­mor­vol­les, den­noch ernst zu neh­men­des Stück Pro­sa ei­nes Men­schen, der sich im Schnee der tsche­chi­schen Berg­welt ver­irrt hat und sei­nen Er­frie­run­gen mit Hoch­mut be­geg­net. Ein ge­konnt as­so­zia­ti­ves Er­zäh­len, viel­leicht so­gar schon ei­ne Spur zu glatt, aber das kommt viel­leicht da­her, weil man viel zu we­nig da­von ge­hört hat­te.

Ob Tho­mas Mel­les Schwimm­bad-/Stif­tungs­ge­schich­te »Nacht­schwim­men« ei­nen Preis be­kommt, ist lei­der frag­lich. Mä­kel­ten doch zu vie­le Ju­ro­ren an den ih­nen (of­fen­sicht­lich un­heim­li­chen) Me­ta­phern­bö­gen des Au­tors her­um. Da wa­ren ei­ni­ge wohl voll­kom­men über­for­dert. Lei­der hat ih­nen nie­mand die­sen Job dann ab­ge­nom­men.

Es wä­re über­haupt bes­ser ge­we­sen, all die Ju­ro­ren aus­zu­tau­schen, die sich ge­le­gent­lich ih­re Über­for­de­rung ein­ge­stan­den, aber den­noch ihr Ur­teil aus­spra­chen – wel­ches dann meist ne­ga­tiv kon­no­tiert war. Her­aus­ra­gend in die­ser In­kon­se­quenz des Nicht-Se­hens war ein­mal mehr Iris Ra­disch, die (lei­der?) Ju­ry­vor­sit­zen­de, die sich je­doch (lei­der?) zu­rück­hielt. Das Fi­let­tie­ren lag dies­mal bei Karl Co­ri­no, der für den kurz­fri­stig er­krank­ten Nor­bert Mil­ler ein­ge­sprun­gen war. Co­ri­no, vor ei­ni­gen Jah­ren hef­tig um­strit­ten und als (nach­träg­li­cher) De­nun­zi­ant von Ste­phan Hermlin und Her­mann Kant her­vor­ge­tre­ten, guil­lo­ti­nier­te oder lob­te schein­bar be­lie­big das ihm vor­ge­stell­te. Die ar­men bei­den Au­toren, die Nor­bert Mil­ler noch aus­ge­sucht hat­te, ver­tei­dig­te er nur in 3–4 stump­fen Sät­zen.

Co­ri­no ist je­mand, den man sich nicht ein­mal als Men­tor wünscht. Sein zu Hau­se am Com­pu­ter prä­zi­se her­vor­ge­hol­ter Zi­ta­ten­ka­ta­log – hier ein Wort von Lich­ten­berg, da ein Wort von Tho­mas Mann, dann wie­der ein Aper­cu von Hoff­manns­thal – stets un­pas­send pas­send. Dass er aus­ge­rech­net vor ei­nem vor lau­ter Kli­schees trie­fen­den Bo­xer-/K­nast­po­em in die Knie ging (Cle­mens Mey­ers »Die Rei­se zum Fluss«), ei­nem Text (ja: Text!), der je­dem Schreib­schu­len­schü­ler mit dem Ver­merk: ge­klaut bei fast al­len Bo­xer­fil­men Hol­ly­woods der 30er und 40er Jah­re) zeigt den ver­bor­ge­nen He­ming­way. Olé. Bit­te Herr Co­ri­no, ma­chen Sie Herrn Mil­ler wie­der ge­sund, ja? Und: Wenn Sie so er­kenn­bar kei­ne Lust ha­ben, war­um ma­chen Sie’s denn?

Der An­ti­po­de von Co­ri­no war (nicht nur vom Sitz­plan her) Burk­hard Spin­nen. Er hat zwar schon seit ei­ni­gen Jah­ren fast ei­nen Kult­sta­tus in Kla­gen­furt, aber er rag­te dies­mal wirk­lich her­aus. Sei­ne Ein­wer­fun­gen wa­ren, auch wenn er sich ge­gen ei­ne Er­zäh­lung rich­te­te, nie­mals bös­ar­tig, im­mer noch ei­ne an­de­re Mög­lich­keit su­chend, und da­bei auch sich selbst be­fra­gend. Da­bei ging er dem fast schon pein­li­chen Exo­tis­mus der Ju­ry nicht auf dem Leim. Im­mer wenn et­was vor­ge­tra­gen wur­de, was die Ju­ro­ren nicht kann­ten und ihm ge­ra­de des­we­gen ei­nen Bo­nus ga­ben (Nor­bert Scheu­ers Ei­fel­ge­schich­te »Überm Rau­schen« et­wa), steu­er­te Spin­nen da­ge­gen, und zwar nicht um ein­fach nur da­ge­gen zu sein, son­dern auch um vor vor­ei­li­gen Hy­men zu war­nen. Sein Ge­rech­tig­keits­sinn stach weit aus dem oft selbst­ge­recht-pro­fes­so­ra­len Ge­schwa­fel bei­spiels­wei­se ei­ner Iris Ra­disch, ei­nes Hein­rich De­te­ring oder Mar­tin Ebel her­aus.

Ne­ben Klaus Nüch­tern und Il­ma Ra­ku­sa ver­such­te Spin­nen die tex­timma­nen­te Dis­kus­si­on. Zi­ta­te dien­ten nicht als Mög­lich­keit, ei­nen Au­tor vor­zu­füh­ren ob sei­nes »Miss­lin­gens«, son­dern sie lei­ste­ten (im Rah­men der Mög­lich­kei­ten) auch Hil­fe und Bei­stand.

Das half nicht im­mer. Wenn es ein­mal von Ur­su­la März heisst, ein Prot­ago­nist be­ge­be sich in der Er­zäh­lung auf ei­ner »Ex­pe­di­ti­on«, weil ein Ar­beits­lo­ser mit dem Bus ans En­de der Stadt fährt, zeigt dies die Le­bens­wirk­lich­keit de­rer, die von »Arbeitswelt«-Literatur (falsch und un­wis­send) schwär­men oder sie her­bei­phan­ta­sie­ren.

Der blöd­sin­nig­ste Ein­wand war der, der »Au­then­ti­zi­tät«. Au­then­ti­zi­tät im Sin­ne der Über­ein­stim­mung zwi­schen dem Prot­ago­ni­sten, sei­ner Spra­che und sei­nem so­zia­len Um­feld. »Stimmt die Rol­len­pro­sa?« war die Fra­ge. Min­de­stens drei Er­zäh­lun­gen wur­den hart kri­ti­siert, weil bei­spiels­wei­se ein Schlaf­wa­gen­schaff­ner (der in Wahr­heit ein Stu­dent war – Frau Ra­disch muss­te durch das Pu­bli­kum hier­auf auf­merk­sam ge­macht wer­den), ein Schü­ler oder ein Neo-Na­zi nicht »so« spre­che, nicht »so« den­ken kön­ne. Als sei Li­te­ra­tur die Ver­mitt­lung ei­nes Sze­ne-Jar­gons. Als sei es die Auf­ga­be der Li­te­ra­tur, do­ku­men­ta­risch Sach­ver­hal­te oder Fi­gu­ren »spre­chen« zu las­sen. Als sei es nütz­lich nach­zu­kon­trol­lie­ren, ob ein Schü­ler, den von der Schu­le ver­wie­sen wur­de und dies vor sei­nen El­tern ver­heim­licht, dies auch de ju­re tat­säch­lich tun kann (kann er im »rich­ti­gen Le­ben« nicht, wie ‘Sher­lock Co­ri­no’ her­aus­fand).

Bei Nor­bert Scheu­er galt dann die Au­then­ti­zi­tät als po­si­ti­ves Kri­te­ri­um – die Leu­te re­de­ten eben so. Aber: Will ich die Leu­te so re­den hö­ren? Kann ich nicht bes­ser – wenn ich Leu­te so re­den hö­ren will – in die näch­ste Knei­pe ge­hen? Wo­zu brau­che ich dann noch Li­te­ra­tur? Und: Wel­ches Ver­ständ­nis von Li­te­ra­tur ha­ben sol­che Ju­ro­ren ei­gent­lich und wel­ches Text­ver­ständ­nis soll hier prä­miert wer­den? Han­delt es sich bei dem Bach­mann-Preis um ei­nen Sze­ne-Preis?

Was gab es sonst noch? Ein schö­ner Vor­trag ei­nes spie­le­ri­schen Um­gangs mit Spra­che bei Bo­do Hell. Oder Han­no Mil­le­si mit sei­nem Kauz in »Werk­tags­über«. Und Kai Weyands tra­gisch-ko­mi­sche Du­ell­si­tua­ti­on »Pa­so do­ble«. Es steht zu be­fürch­ten, dass kei­ner von ih­nen ei­nen Preis be­kommt.

Hof­fent­lich wird mor­gen vor lau­fen­der Ka­me­ra nicht die Ju­ry-Ent­schei­dung noch zu­rück­ge­nom­men. Der ehe­ma­li­ge Kul­tur­staats­mi­ni­ster Ju­li­an Ni­da-Rü­me­lin schlug ja vor, Ju­rys nur noch »be­ra­ten­de Funk­ti­on« zu ge­ben. Da­mit die Po­li­ti­ker end­gül­tig ent­schei­den kön­nen!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kann ich nur un­ter­schrei­ben.
    Wau, bist Du schnell! :-)
    Ge­nau, das Wort des dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs war »Rol­len­pro­sa«, wohl neun­hun­dert­fünf­und­sechs­zig­mal be­müht. Was soll das denn über­haupt sein?? Wann im­mer man kei­ne Au­to­bio­gra­phie und kei­nen jour­na­li­sti­schen Text ver­fasst, schreibt man Rol­len­pro­sa, oder bin ich ir­gend­wie zu doof, das zu ver­ste­hen?
    (Ein Stilleben viel­leicht gin­ge noch, wo kei­ne Fi­gu­ren drin vor­kom­men)

  2. Rol­len­pro­sa
    Lei­der sind die Zei­ten bei Nensch, wo man fach­ge­recht über sol­che Fra­gen auf­ge­klärt wird, wohl end­gül­tig vor­bei. Al­so mei­ne (di­let­tie­ren­de) Er­klä­rung:

    Rol­len­pro­sa wird in dem Zu­sam­men­hang ver­stan­den, dass der Au­tor durch die Fi­gur spricht, al­so so­zu­sa­gen die Rol­le des Au­tors über­nimmt. Aus dem Schlaf­wa­gen­schaff­ner spricht der Au­tor, nicht der Schlaf­wa­gen­schaff­ner.

    Letzt­lich er­schliesst sich die per se ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­ti­on die­ses Be­grif­fes nicht.

  3. Chro­ni­sten­pflicht
    Die Fa­vo­ri­tin hat ge­won­nen: Kath­rin Pas­sig. Den 2. Platz ge­wann – für mich über­ra­schend – Bo­do Hell (da hat die Per­for­mance wohl mit­ge­hol­fen). Nor­bert Scheu­er wur­de Drit­ter (3sat-Preis) und An­ge­li­ka Over­ath ge­wann den 4., den Ernst-Will­ner-Preis.

    Lei­der schramm­te Tho­mas Mel­le zwei­mal knapp an ei­nen Preis vor­bei und ging leer aus.

    Das Pu­bli­kum ent­schied sich eben­falls für Kath­rin Pas­sig.

    Die Preis­ver­lei­hung läuft; der Lan­des­haupt­mann gra­tu­liert (stell­ver­tre­tend) auch – die Po­li­tik ist al­so ein­ver­stan­den; die Ju­ry war brav, und kann ge­hen. Uff, Glück ge­habt. Aber Kla­gen­furt ist ja auch nicht Düs­sel­dorf.