Be­trof­fen­heits­gym­na­stik

Da ist es al­so wie­der: Die­ses Ent­set­zen der li­te­ra­ri­schen Welt, dass sich ih­nen et­was an­de­res zeigt, als sie es in ih­rer Vil­la Kun­ter­bunt für mög­lich ge­hal­ten hät­te. Der Schrift­stel­ler Os­kar Pa­sti­or war von 1961 bis 1968 Mit­ar­bei­ter des ru­mä­ni­schen Ge­heim­dien­stes Se­cu­ri­ta­te. Noch weiss nie­mand ge­nau, was er dort ge­tan hat. Es steht aber zu be­fürch­ten, dass die­se so­ge­nann­te Auf­ar­bei­tung noch hun­der­ten von Bäu­men das Le­ben ko­sten wird. Kei­ne Nu­an­ce wird nicht aus­ge­brei­tet wer­den. Schon jetzt be­kun­den al­le ih­re »Be­trof­fen­heit«. Wer das nicht bei Drei pflicht­schul­digst ab­ge­lie­fert hat, droht Ame­lie-Fried-mä­ssig boy­kot­tiert zu wer­den (wo­bei das ja eher Eh­re als Pein ist). Be­son­ders »be­trof­fen« ist na­tür­lich Her­ta No­bel­preis­trä­ge­rin Mül­ler, die mit Pa­sti­or an ih­rem Buch »Atemschau­kel« bis zu des­sen Tod ge­ar­bei­tet hat­te. Da war der Se­cu­ri­ta­te-Dienst schon mehr als 40 Jah­re vor­bei.

Pa­sti­or war 1968 im We­sten ge­blie­ben. Als rei­che dies nicht. Als ge­nü­ge die­ses selbst­ge­wähl­te Exil nicht als Be­leg für die Ver­zweif­lung. Als wür­de die­se von Pa­sti­or ver­mut­lich aus Scham ver­schwie­ge­ne Mit­ar­beit ir­gend­et­was fun­da­men­tal än­dern.

Än­dern wird sich nur bei den­je­ni­gen et­was, die In­tel­lek­tu­el­le im all­ge­mei­nen und Schrift­stel­ler im be­son­de­ren für per se be­son­ders heh­re Men­schen hal­ten. Oft ist das Ge­gen­teil der Fall und hier­aus erst ent­steht so et­was wie Li­te­ra­tur. Für je­mand der Au­tor und Werk nicht tren­nen kann bzw. den Le­bens­lauf des Au­tors erst be­nö­tigt um des­sen Werk le­sen (und ein­ord­nen) zu kön­nen, be­deu­tet ei­ne sol­che Ver­schwie­gen­heit na­tür­lich ein Sa­kri­leg. Im »Fall« Pa­sti­or fra­gen sie sich, was ih­re Elo­gen jetzt wert sind. (Ver­mut­lich nichts, aber das hat nichts mit der neu­en Er­kennt­nis zu tun.) Sie füh­len sich be­tro­gen. Ih­re ekel­haf­te Be­trof­fen­heits­gym­na­stik ist in Wirk­lich­keit nur ge­kränk­te Ei­tel­keit. Es geht ih­nen zu­meist nicht um die Sa­che, son­dern nur um ih­re ei­ge­ne Wahr­neh­mung. Statt Pa­sti­ors Werk hier­aus bes­ser oder ein­fach nur an­ders ver­ste­hen zu wol­len, schau­en sie nur auf sich und die Er­geb­nis­se des Ak­ten­stu­di­ums. Statt ih­re li­te­ra­tur­kri­ti­schen Kri­te­ri­en zu über­prü­fen, las­sen sie lie­ber ih­re Wut und ih­ren Zorn am Ob­jekt ih­res Schei­terns aus.

Hin­zu kommt, dass der Dis­kurs weit­ge­hend von Leu­ten ge­führt wer­den wird, die Pa­sti­ors Si­tua­ti­on nie auch nur an­nä­he­rungs­wei­se am ei­ge­nen Leib ha­ben mit­er­le­ben müs­sen. Er wird ge­führt von Wohl­stands­kin­dern, die nie mit exi­sten­ti­el­len Fra­gen ih­res Le­bens kon­fron­tiert wur­den. Statt­des­sen be­stimm­te die Fra­ge »Beat­les oder Stones?« mehr oder we­ni­ger ih­re Ju­gend. Sie sind die heu­ti­gen »Rich­ter« und ma­ßen sich ein Ur­teil über Vor­gän­ge an, die ih­ren Er­leb­nis­ho­ri­zont über­for­dern. Sie, die ei­ne 17jährige mit ih­ren Häpp­chen aus Ab­ge­schrie­be­nem und Auf­ge­schnapp­tem als li­te­ra­ri­sche Sen­sa­ti­on fei­ern. Sie, die den ste­ri­len und sau­be­ren Au­tor ha­ben wol­len und da­mit das Ri­si­ko po­ten­zie­ren, ei­ne eben­so ste­ri­le Li­te­ra­tur zu er­hal­ten.

Der Gip­fel der Heu­che­lei ist der Satz: »Gut, dass er tot ist und sei­ne Ent­tar­nung nicht mehr er­le­ben muss­te«. Er ist in sei­ner Er­bärm­lich­keit Bei­spiel für ei­nen von Hy­bris zer­fres­se­nen Be­trieb. Al­lei­ne schon für das Wort »Ent­tar­nung« müss­ten ih­re Ur­he­ber mit le­bens­läng­li­cher Igno­ranz be­straft wer­den.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja.
    Der »freie« We­sten hat kei­ne bes­se­ren Jour­na­li­sten aus sei­nen Wohl­stands­kin­dern ge­macht, son­dern heuch­le­ri­sche, käuf­li­che, ar­ro­gan­te Wie­der­käu­er der im­mer­glei­chen Kotz­brocken­sup­pe.

  2. Der Un­ter­schied
    Es bleibt trotz­dem ein Un­ter­schied. Es bleibt die Fall­hö­he zum „we­sent­li­chen“ Ver­rat (um Mau­rice Blan­chot zu pa­ra­phra­sie­ren, der wohl sel­ber seit sei­ner „dunk­len“ Ver­gan­gen­heit viel dar­über wuss­te).

    Und es bleibt der Un­ter­schied zu den­je­ni­gen, die sich ge­gen al­le Angst und fäl­li­gen Schmerz nicht zur Un­ter­schrift ha­ben pres­sen las­sen. (Ja, et­wa Her­ta Mül­ler, aus de­ren Tex­ten sich das Er­lit­te­ne un­ent­wegt ar­ti­ku­lie­ren muss und doch nicht weg­geht, und der man das un­ent­wegt zu ver­ar­bei­ten wohl auch ge­stat­ten muss, ob­wohl wenn Un­wil­li­ge das eben schon als zu­viel Un­ent­wegt­heit emp­fin­den.)

    Der nicht auf­zu­ge­ben­de Un­ter­schied bleibt in die­sem Ver­schwie­gen selbst, er steckt (er bleibt stecken) in den mei­sten an­de­ren, die es eben nicht über sich brin­gen, sich da­mit hin­zu­stel­len. (Aber war­um auch vor zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen 95% Igno­ran­ten, de­nen man sämt­li­che Grif­fel aus der Hand schla­gen müss­te, da­mit sie bes­ser schwie­gen – es muss, es wird ja doch wei­ter­ge­re­det wer­den.)

    Tat­säch­lich än­dert sich mit und auch ge­gen­über Pa­sti­or (und sei­nem Werk) wohl gar nichts. Aber mit die­ser Fall­hö­he – und eben auch her­aus dem lan­gen Re­spekt ge­gen­über ei­nem wie Pa­sti­or – wird viel­leicht ein paar an­de­ren mehr trotz­dem kla­rer, wie er­press­bar sie sel­ber ge­we­sen wä­ren. (Und wie sie es an­ders­wie heu­te, in dem ernst­haft trotz­dem nicht ver­gleich­ba­ren „Be­trieb“, eben ei­gent­lich sind. Ein biss­chen so sah es et­wa Hei­ner Mül­ler.)

    Dass die ei­ge­ne Recht­schaf­fen­heit un­ge­prüft we­nig taugt, müss­te ei­gent­lich je­der wohl schon mal be­grif­fen ha­ben. Aber auch das ein­zu­ge­ste­hen – wür­de es was nüt­zen?

     

  3. Fall­hö­he
    Ja und nein. Ich ha­be Ih­ren Un­ter­schied be­merkt. Und auch das Pro­blem der Fall­hö­he. Aber was hat das mit Li­te­ra­tur zu tun? Her­ta Mül­ler konn­te mit Pa­sti­or nur zu­sam­men­ar­bei­ten, weil sie in ihm ei­nen Lei­dens­ge­nos­sen sah, der – wie sie [wirk­lich? wer weiß das?] – die Un­ter­schrift ver­wei­gert hat­te? Ich fin­de das merk­wür­dig, zu­mal dies in ei­ner an­de­ren Zeit und vor an­de­rem bio­gra­fi­schen Hin­ter­grund ge­schah. Und ich fän­de es schwach, ei­ne »Schick­sals­ge­mein­schaft« der­art zu be­grün­den.

    An­ders ge­sagt: Wo­zu brau­che ich die­se »Fall­hö­he«? Um ein bes­se­rer Mensch zu sein? Um als bes­se­rer Mensch zu gel­ten? Mir kam der Fall Ro­bert Ha­ve­mann in den Sinn, der ja auch Sta­si-Mann ge­we­sen sein soll – und Ver­folg­ter. Wel­che Ka­te­go­ri­en wer­den hier auf­ge­baut?

    Re­spekt vor Pa­sti­or kann ich doch jetzt auch noch ha­ben. Und trau­ern oder wü­tend sein kann Her­ta Mül­ler doch auch. Aber wie­so öf­fent­lich? Um sich wie­der ein­mal zu er­hö­hen? ich fra­ge mich, ob die Frau es nö­tig hat, ihr »Hel­den­tum« in je­der Sil­be so wie ei­ne Mon­stranz vor sich hin­zu­tra­gen. Da­her kann ich ihr fast nicht mehr zu­hö­ren. (Das ist mein Pro­blem, zu­ge­ge­ben.)

  4. Al­so bei Mül­lers (Her­ta + Hei­ner!) ge­hör­te das ja wohl doch zu de­ren Li­te­ra­tur da­zu (bei Ha­ve­mann aber wohl auch). Mit den je­wei­li­gen Be­weg­grün­den ist auch die Öf­fent­lich­keit ge­recht­fer­tigt.

    Au­ßer­dem geht es eben das vie­le an, nicht nur die, die Ähn­li­ches er­leb­ten – es ist bei­spiel­haft, bzw. ein Weg zu Ver­ar­bei­tung, zu Auf­klä­rung, und noch viel mehr – es sind ja „mo­der­ne“ Schick­sa­le.

    (Und die Öf­fent­lich­keit den an­de­ren über­las­sen kann man ja auch nicht; Her­ta Mül­ler zeigt ja kon­kret, wie weit­ge­hend un­ge­straft ge­blie­be­ne Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on heu­te noch Po­li­tik ma­chen – das ge­hört auch „auf­ge­klärt“: Die sind jetzt al­le in der EU und zah­len ih­re ge­pan­zer­ten Li­mou­si­nen von „un­se­ren“ Steu­er­gel­dern. Usw. )

    Ich tei­le mehr oder min­der den Ekel – aber ihn sich er­spa­ren kann man auf die Dau­er auch nicht.

    (Dar­über, was ei­ne Schick­sals­ge­mein­schaft äs­the­tisch her­vor bringt, kann man wohl un­ter­schied­li­cher Mei­nung sein – aber un­we­sent­lich zu er­wäh­nen in ei­ner Zeit der Künst­ler als sym­pto­ma­tisch neo­li­be­ra­le Ein­zel­kämp­fer ist so was auch nicht!)

    Und ja, zu­hö­ren fällt auch mir heu­te zu­neh­mend schwer.

     

  5. Ab und an gibt es im­mer wie­der Pu­bli­ka­tio­nen, die auf die wich­ti­ge Funk­ti­on des Ver­ges­sens hin­wei­sen. So wie un­längst der Hi­sto­ri­ker Chirsti­an Mei­er, der die­ses The­ma sehr sub­til an­geht (Dis­kus­si­on da­zu mit ihm hier). Der Drang, al­les »auf­zu­ar­bei­ten« ist erst nach 1945 in Be­zug auf die Sho­ah auf­ge­kom­men. Die Grün­de hier­für sind nach­voll­zieh­bar. Aber ich stim­me Mei­er im Te­nor zu, dass es nicht im­mer sinn­voll ist je­de Dik­ta­tur, je­den Krieg in die­ser Form auf­zu­ar­bei­ten. Na­tür­lich hat das heut­zu­ta­ge et­was fast Rüh­ren­des zu glau­ben, dass man aus Grün­den des bes­se­ren Mit­ein­an­der­le­bens be­stimm­te Er­eig­nis­se wenn nicht ver­ges­sen, so doch ver­drän­gen soll­te.

    Die Er­in­ne­rungs­kul­tur des Zwei­ten Welt­kriegs ist in­zwi­schen m. E. er­starrt in kru­de, po­li­tisch-kor­rek­te Selbst­be­zich­ti­gun­gen, ri­tua­li­sier­te Flos­keln und lä­cher­li­che Ge­gen­rech­nungs­ver­su­che. Der letz­te we­sent­li­che Bei­trag war die Re­de Ri­chard von Weiz­säckers zum 8. Mai. Al­les was da­nach kam war über­flüs­sig und un­sin­nig. Die »Auf­ar­bei­tung« fin­det in Form von Gui­do Knopp statt und er­zeugt (zu recht) ent­we­der Über­druss oder wird bloss kon­su­miert wie die Do­ku­men­ta­ti­on über den Py­ra­mi­den­bau. Die Dis­kus­si­on um die­se Ver­trei­bungs-Stif­tung ist ab­so­lut lä­cher­lich. Nie­mand braucht so et­was 65 Jah­re nach Be­en­di­gung des Krie­ges. Ich muss auch nicht wis­sen, ob Die­ter Wel­lers­hoff viel­leicht doch als 17jähriger Mit­glied der NSDAP war. Und ob Chri­sta Wolf vor 50 Jah­ren kur­ze Zeit IM der Sta­si war, ist we­ni­ger auf­re­gend als ih­re im­mer noch an­hal­ten­de DDR-Nost­al­gie.

    Und ehr­lich: Ich weiss nicht, ob ich Her­ta Mül­ler brau­che um fest­zu­stel­len, dass in Ru­mä­ni­en die al­te No­men­kla­tu­ra im­mer noch ganz gut »im Ge­schäft« ist. Und was die EU an­geht: Nun, die nimmt ver­mut­lich bald ei­nen vom or­ga­ni­stier­ten Ver­bre­chen durch­setz­ten Staat wie Kroa­ti­en auf.

  6. Of­fen ge­stan­den, bin ich auch für’s Ver­ges­sen – und so­wie­so ge­gen all das schon lan­ge ent­leer­te Ge­feie­re der Jah­res­ta­ge, die­sen viel­leicht mitt­ler­wei­le mehr und mehr nur um­ge­kehr­ten „Stolz ein Deut­scher zu sein“.

    Al­ler­dings hal­te ich die mei­sten Sa­chen von Her­ta Mül­ler auch für Li­te­ra­tur. Dass aus­ge­rech­net Sie die im­mer­hin bei ihr er­reich­te Ge­nau­ig­keit und die Un­ent­wegt­heit da­bei ge­ring­schät­zen, ver­wun­dert ein biss­chen – ich se­he H.M. durch­aus in ei­ner Be­we­gung, poe­tisch wie po­li­tisch wie in­si­stie­rend ge­gen die fau­len Über­ein­künf­te, wie Pe­ter Hand­ke.

    Und dann wä­re da noch die (un­se­re) spe­zi­fi­sche Ge­schichts­lo­sig­keit bzw. der (kom­plex ent­la­sten­de) Wunsch da­hin, ent­spre­chend der Be­schleu­ni­gung und der Ver­flüch­ti­gung heut­zu­ta­ge von al­lem und je­dem, die längst ih­rer­seits Ein­flü­ste­run­gen sind. Nicht nur zu un­se­rem „Un­ter­hal­tungs­le­ben“ (N. Post­man).

    Na­tür­lich ist auch das vor al­lem ei­ne Ein­flü­ste­rung, aber ir­gend­wo ver­ste­he ich auch, dass „die Be­fra­gung der letz­ten Au­gen­zeu­gen“ viel­leicht et­was We­sent­li­che­res her­vor­bringt, et­was „Nach­hal­ti­ge­res“, als die im­mer kurz­fri­sti­ge­ren Ein­fäl­le der Zeit­ge­nos­sen. Es geht da viel­leicht we­ni­ger um ei­ne Ba­lan­ce an Be­deut­sam­kei­ten sel­ber (die kann man bei al­ler In­for­miert­heit letzt­lich nicht über­blicken, au­ßer­dem spie­len da die per­sön­li­chen Be­zü­ge ei­ne wich­ti­ge Rol­le) bzw. al­so der Un­ter­schei­dun­gen, die man ih­nen gibt. Das re­la­ti­viert zu­min­dest die Ur­tei­le dar­über. (Und auch die Ve­he­menz von „end­lich mal sagt’s ei­ner“ Po­le­mi­ken.)

    (Und, per­sön­lich ge­wen­det, sind es viel­leicht bei Ih­nen wie bei mir wie bei al­len an­de­ren im­mer mehr ja doch nur idio­syn­kra­tisch ge­wor­de­ne Ele­men­te, die dann zu ar­gu­men­ta­tiv leicht so oder so ab­han­del­ba­ren Ur­tei­len füh­ren und da­mit sel­ber zu Tei­len der Ni­vel­lie­rung und In­dif­fe­renz wer­den, un­ter der wir gleich­zei­tig lei­den.)

  7. Na­tür­lich er­schafft Her­ta Mül­ler Li­te­ra­tur. Dies in Ab­re­de zu stel­len wä­re ge­nau so ab­surd wie das, was ich an ih­ren öf­fent­li­chen Äu­ße­run­gen kri­ti­sie­re. Ich schät­ze sie auch nicht ge­ring. Wie kä­me ich da­zu? Ich be­mer­ke nur – und bin da­bei viel­leicht wirk­lich zu emp­find­lich? – wie sie ih­re »Po­si­ti­on« als »No­bel­preis­trä­ge­rin« in­stru­men­ta­li­siert, nein, bes­ser: wie sie sich in­stru­men­ta­li­sie­ren lässt zu ei­ner Be­kennt­nis-Fi­gur und da­bei die Dich­te­rin nur als Hül­le noch spür­bar ist. Längst ist sie in die Feuil­le­ton-Ma­schi­ne ein­ge­bun­den und re­det von »Be­trof­fen­heit« oder »Trau­er«. Lau­ter Al­ler­welts­wor­te, die nichts be­deu­ten au­ßer dem Bou­le­vard Fut­ter zu ge­ben.

    Das ist auch das, was mich ge­le­gent­lich bei Hand­ke zor­nig mach­te – die­ses be­wuss­te Füt­tern in In­ter­views; die­se un­mo­ti­vier­ten Schimpf­kas­ka­den oh­ne Not. Nicht die in den Bü­chern, son­dern die im me­dia­len Zir­kus. (Mein Ein­druck ist, dass das seit 2008 glück­li­cher­wei­se auf dem Rück­zug ist.)

  8. Aber: Ei­ner­seits ist das ja nun mal ihr The­ma – und an­de­rer­seits, wenn man’s er­lit­ten hat und man sieht, wie es ei­gent­lich wei­ter­be­steht und nicht aus der Welt geht, drängt es ei­nen dann wohl auch stark ge­nug, es wei­ter zu »be­ar­bei­ten«. Für ei­ne an­ders fo­kus­sier­te oder längst an ih­rer zu­neh­mend ein­ge­schränk­ten Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät lei­den­de Öf­fent­lich­keit kann sie nichts.

    Und da­zu kommt, dass sie eben mit dem Preis und der (si­cher auch von ihr längst oft mal so emp­fun­den­den) un­se­li­gen Zu­stän­dig­keit Teil die­ser Öf­fent­lich­keit ist und al­so be­fragt wird; dass sie sich da­mit auf­dräng­te (oder et­was ei­tel zu al­lem und je­dem was zu sa­gen hät­te wie Grass) kann man, glau­be ich, ihr nicht vor­wer­fen.

    Aber noch mal zu mei­nem Post von ge­stern: Viel­leicht ver­wech­seln wir un­ter der »Öf­fent­lich­keit« Lei­den­den (de­ren Ab­seh­bar­kei­ten und Zwän­gen und Idio­tis­men etc.) manch­mal un­se­re »Kri­tik« mit un­se­rer ei­ge­nen Un­leid­lich­keit oder un­se­rem Wi­der­wil­len, für den die sich Äu­ßern­den nichts kön­nen?

    Bei mir ist das je­den­falls oft so. Ja, ich mag ge­wis­se Din­ge ein­fach nicht mehr hö­ren. Aber die Sa­che oder »das An­lie­gen« geht da­mit nicht aus der Welt. In­so­fern wä­ren sie ei­ne Zu­mu­tung und hiel­ten sich ih­rer­seits da­mit le­ben­dig und re­le­vant. Und ich glau­be, so funk­tio­niert Öf­fent­lich­keit auch (zu­min­dest zum Teil).

     

  9. Ja, es ist »ihr« The­ma, »ih­re« Zu­stän­dig­keit. Es ist »Ihr« Le­ben. Das se­he ich ein. Und mei­ne Un­leid­lich­keit mag da­mit kor­re­spon­die­ren, das im­mer­glei­che bis zum Über­druss zu hö­ren und mir nicht recht­zei­tig die Oh­ren mit Wachs zu­zu­stop­fen. Und klar, ich muss ein­fach die Ar­ti­kel weg­klicken und be­schwei­gen.

    An­de­rer­seits: War­um muss das al­les her­un­ter­ge­bro­chen wer­den auf das ge­ring­ste, klein­ste, bil­lig­ste Ni­veau? Es ist doch nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit, wann der Face­book »Ge­fällt mir«-Daumen in die Feuil­le­ton-Ar­ti­kel als »Betroffen«-Zeichen hin­ein­ge­setzt wer­den. Funk­tio­niert so in­zwi­schen Öf­fent­lich­keit? Und: Wä­re es da nicht lo­gisch, dass sich die­je­ni­gen, die et­was zu sa­gen ha­ben, im­mer mehr hier­aus ver­ab­schie­den und der »Dis­kurs« dann nur noch zum Ge­sin­nungs­thea­ter wird?

    Wenn Sie auch kon­ze­die­ren, dass Pa­sti­ors Werk mit die­ser »Ent­tar­nung« (welch ver­rä­te­ri­sches Wort der Zunft!) nicht Scha­den nimmt: War­um er­folgt dann die­ser Hype (der oh­ne Sar­ra­zin, zu Gut­ten­berg und Schwar­zer noch grö­sser wä­re) zu die­ser Zeit? Ich se­he ein: Wenn Mül­ler nur drei Sät­ze zu Pa­sti­or schrei­ben oder sa­gen wür­de, kä­me von dort die La­wi­ne der Fra­gen – war­um sagt sie so we­nig? Und die Un­ter­stel­lun­gen könn­ten dann auch ge­mut­maßt wer­den – wie stark ist H. M. in­vol­viert?

    Un­se­re Hei­li­gen bröckeln doch längst wie Sand­bur­gen. Und die Ent­rü­stung hier­über ist doch nur Schmie­ren­thea­ter. DAS brauch ich doch nicht.

    (So­lan­ge man sich auf­regt, lebt man noch.)

  10. Ni­veau? Da wirds noch kom­pli­zier­ter...
    Aber die Fra­ge nach dem Ni­veau kann ich auch in der Kür­ze nicht be­ant­wor­ten. Das Ni­veau wird im­mer auch be­stimmt von den Fra­gen von au­ßen, dem Ver­mö­gen des Fra­gen­den, das liegt an den Kon­ven­tio­nen zu dem The­ma über­haupt, das liegt an dem „For­mat“ wie so et­was dann me­di­en­mä­ßig auf­be­rei­tet wer­den kann.

    Was aber si­cher mit dar­ein spielt, ist das The­ma des Ver­rats – und das ist ei­nes, das im­mer in­ter­es­siert und mit dem auch Auf­la­ge ge­macht wird. Das war es auch sei­ner­zeit, als die IMs auf­flo­gen, die Ent­tar­nung der Le­bens­lü­ge – die viel­leicht im­mer va­ge mit der der sorg­fäl­tig ver­deck­ten ei­ge­nen kor­re­spon­diert. Je­den­falls ist das si­cher ein Thrill für das Pu­bli­kum.

    (Über das Per­sön­li­che zwi­schen Pa­sti­or und H.M. mag ich nicht spe­ku­lie­ren.)

     

  11. Und da­mit ist al­les er­le­digt:
    Tat­säch­lich än­dert sich mit und auch ge­gen­über Pa­sti­or (und sei­nem Werk) wohl gar nichts.

    Nach zwei Wo­chen auf ei­nem klei­nen si­bi­ri­schen Bau­ern­hof freu­te ich mich mal wie­der ei­ne Ta­ges­zei­tung zu kau­fen. Und was war da im Feuil­le­ton der Sams­tags-FAZ? Thi­lo Sar­ra­zin (ich hat­te doch ge­hofft, das sei end­lich vor­bei, wenn ich wie­der­ka­eme) und Os­kar Pa­sti­ors Ent­tar­nung gross als Auf­ma­cher. Im gan­zen so­gar drei Ar­ti­kel da­zu. Ein­fach wi­der­lich.

    (Zum Glueck ha­be ich mir spon­tan »Die Lein­wand« ge­kauft und es hat­te so ei­nen Sog, dass ich es bei­na­he in zwei Ta­gen aus­ge­le­sen ha­be.. und mich auch schon dar­auf freue nach der Lek­tue­re Ih­re Re­zen­si­on end­lich ge­nau­er zu le­sen.. – Im Ro­man wird ja auch das gan­ze wi­der­lich-mo­ra­lin­saure Ge­tue um die »Minsky«-Enthuellung kurz be­schrie­ben.. – zwar hab ich kei­nen der Ar­ti­kel ge­le­sen, aber die Ue­ber­schrif­ten ha­ben mir schon ge­reicht und der Platz, dem man dem gan­zen ein­rae­umt. Al­so, ich ver­steh’ ja das Er­re­gungs­po­ten­ti­al, nach »Atemschau­kel« usw., aber.. ist mir doch egal, ge­nau­so wie wenn man jetzt ei­nen un­ehe­li­chen Sohn von Dia­na ent­decken wu­er­de.. – ach, die­se gan­zen »un­wu­er­di­gen The­men«, bei de­nen man sich schon daru­e­ber ae­r­gert, dass man selbst noch Wor­te da­zu ver­liert; da­bei reicht doch obi­ger Satz.)

  12. Mensch und Werk
    Man muss Mensch und Werk tren­nen, das ist schon rich­tig.
    Goe­the war of­fen­bar ein ziem­lich un­an­ge­neh­mer Zeit­ge­nos­se, Tho­mas Mann hat sei­ne Va­ter­rol­le zwei­fel­los in nicht be­son­ders nach­ah­mens­wer­ter Wei­se aus­ge­füllt, Witt­gen­stein hat als Leh­rer Kin­der ge­schla­gen, Ham­sun war von Hit­ler be­gei­stert – aber das Werk die­ser Män­ner ver­dient Hoch­ach­tung.
    Auf ei­ner vom Schaf­fen (zu­min­dest vor­der­grün­dig) un­ab­hän­gi­gen, al­so bio­gra­phisch-mensch­li­chen Ebe­ne ist – wie be­reits rich­tig an­ge­spro­chen – die Fall­hö­he von ent­schei­den­der Be­deu­tung: Wer sich so wie et­wa Grass als un­fehl­ba­re mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät in­sze­niert, braucht sich über die Hä­me und den Spott ob sei­ner lan­ge ver­schwie­ge­nen Waf­fen-SS-Ver­gan­gen­heit nicht zu wun­dern. (Ab­ge­se­hen da­von hal­te ich Grass’ Werk für maß­los über­schätzt.)
    Der Feh­ler liegt dar­in, dass man Künst­lern auch dann zu­hört, wenn sie von Din­gen spre­chen, von de­nen sie nichts ver­ste­hen (wie z.B. Po­li­tik), und ih­nen da­bei ei­ne grö­ße­re Ein­sicht zu­traut als dem ge­mei­nen Ah­nungs­lo­sen. Und – ja: War­um müs­sen Schrift­stel­ler ethi­sche Vor­bil­der sein, wäh­rend man von (Rock-)Musikern und Schau­spie­lern durch­aus ei­ne ge­wis­se – wie soll ich es for­mu­lie­ren – Trans­gres­si­vi­tät er­war­tet?

    [EDIT: 2010-09-18]

  13. Und – ja: War­um müs­sen Schrift­stel­ler ethi­sche Vor­bil­der sein, wäh­rend man von (Rock-)Musikern und Schau­spie­lern durch­aus ei­ne ge­wis­se – wie soll ich es for­mu­lie­ren – Trans­gres­si­vi­tät er­war­tet?

    Idea­li­sie­run­gen gibt es bei an­de­ren Künst­lern auch – Beet­ho­ven und Schu­bert wä­ren zwei Bei­spie­le aus der Mu­sik.
    Vie­le Künst­ler ver­stan­den es, sich zu po­si­tio­nie­ren, zu sti­li­sie­ren, zu ver­kau­fen oder ha­ben be­stimm­te At­ti­tü­den ge­lebt. Hin­zu kommt die Ver­mitt­lung durch Bio­gra­phen, die nicht sel­ten für be­stimm­te Künst­ler­bil­der ver­ant­wort­lich sind. Und das wahr­schein­lich Wich­tig­ste, et­was pa­the­tisch zu­ge­spitzt: Wenn uns ein Kunst­werk (oder ein Künst­ler) über vie­le Jah­re, ja viel­leicht ein Le­ben lang, be­glei­tet, oder ei­nen Wen­de­punkt mar­kiert, dann kann es schon pas­sie­ren, dass man das Ide­al des Wer­kes und sei­ner Wir­kung auf den Schöp­fer aus­wei­tet (wer das ge­schaf­fen hat, muss ein be­son­de­rer, ein aus­ge­zeich­ne­ter Mensch sein). Das ist – ir­gend­wie – auch mensch­lich.

    [EDIT: 2010-09-19 00:18]

  14. Die Seu­che be­ginn sich ja auch in der ta­ges­po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung fort­zu­set­zen: In­zwi­schen über­neh­men auch hier im­mer mehr Schau­spie­ler, Mu­si­ker, Schrift­stel­ler, Sport­ler die Rol­le von Mit­dis­ku­tan­ten, als sei ih­re Mei­nung re­le­van­ter als die von Be­trof­fe­nen oder de­nen, die viel­leicht tat­säch­lich Ah­nung von der The­ma­tik ha­ben.

    Das hat na­tür­lich mit der ih­nen von wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung zu­ge­stan­de­nen Kom­pe­tenz zu tun. Pro­ble­ma­tisch wird es, wo das Künst­ler­sein als al­lei­ni­ge Recht­fer­ti­gung dient. Man sieht das in den Po­lit-Talk­shows, wenn dort »Pro­mis« sit­zen, die dann nach zwei, drei Wort­mel­dun­gen ihr Pul­ver ver­schos­sen ha­ben und nur noch wie Sta­ti­sten her­um­sit­zen.

    Ich glau­be auch nicht, dass man Künst­ler und Werk voll­kom­men tren­nen muss. Ich ver­tre­te nur die Po­si­ti­on, dass zu­nächst das Werk in den Mit­tel­punkt ge­rückt wer­den soll­te – und dann ir­gend­wann die Bio­gra­fie. Das hat sich ge­wan­delt: Zu­erst schaut man auf die (sau­be­re) Bio­gra­fie – dann lei­tet man hier­aus das äs­the­ti­sche Ur­teil des Wer­kes ab.

    [EDIT: 2010-09-19 10:23]

  15. Des Men­schen Los
    Ge­dicht

    Fräu­lein Falf aber mein­te man sol­le
    ein­fach drauf los man kön­ne ganz
    ein­fach das ma­chen was los geht man
    wä­re gut be­ra­ten al­les ein­fach zu
    tun das heißt ein­fach al­les zu tun
    was drauf ist und los geht sie mein-
    te auch das gin­ge ganz gut man müs­se
    nur ein­fach freund­lich den fin­ger
    he­ben und es an­stän­dig ma­chen und
    vor al­lem nie­man­dem weh tun mein­te
    sie los ma­chen los ma­chen los ma­chen

    (Co­py­right: Os­kar Pa­sti­or, »…sa­ge, du ha­best es rau­schen ge­hört« Werk­ausg. Bd 1;
    hrsg. von Er­nest Wich­ner; © C. Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2006)

    Ich bin bin so­was von d’accord mit dem Te­nor Ih­res Bei­trags, wer­ter Greg!