Da ist es also wieder: ein neuer Literaturkanon. Diesmal geht es um »Europas Weltliteratur«. Von Zeit zu Zeit liest der Literaturkritiker die Alten so gern, dass man dies unbedingt allen anderen mitteilen möchte. »Rp.« lautet die Abkürzung auf den ärztlichen Rezepten und »recipe« rufen die Feuilletonisten in die sich längst verzweigende Leserschaft hinein und stellen Ärzten gleich Rezepte gegen Lesefrust und ‑überdruß aber vor allem ‑überfluss aus. Aber wie schon dieses Ärztelatein nur noch Residuen eines einst stolzen Standes dokumentiert, so verpuffen am Ende die Imperative, Empfehlungen oder einfach nur gut gemeinten Ratschläge im »anything goes« der angeblich nach Orientierung ächzenden Leserschaft. Und das ist eigentlich gut so.
Literaturkritik in der Kritik
Der 45-Sekunden-Leser
Der Beitrag »Bücherliebhaber gegen ‘Hasen-Pups’ der »Berliner Zeitung« ist inzwischen mehrfach auf Facebook verlinkt und kommentiert worden. Berichtet wird von einem sogenannten »Top-Rezensenten« von Amazon, der inzwischen aufgrund von Cyber-Mobbing ausgestiegen sei. Er habe Drohbriefe erhalten und sei beschimpft worden. Der Leser wird mit der Suche nach den Gründen für diese Kampagnen alleine gelassen. Wen hatte Thorsten Wiedau denn derart angegriffen?
Auch die eingangs erwähnten Zahlen stimmen nachdenklich. In zehn Jahren will er 10.000 Bücher gelesen haben und hat 3.468 »Rezensionen« geschrieben (also fast täglich eine). Und dies, wie so oft betont wird, als »Hobbykritiker« mit teilweise 80 Stunden-Woche Arbeitszeit in seinem Beruf. Um eine Seite zu lesen brauche er, so der Bericht, 45 Sekunden. Für eine »Rezension« verwendet er 30 Minuten. Richtige Beschäftigung mit Literatur klingt anders.
Die 45 Sekunden lassen ahnen, wie dort jemand liest – der Autor Rudolf Novotny hat die Angaben des ehemaligen »Top-Rezensenten« vermutlich nicht überprüft: Bei einer 80 Std-Woche und einem Mittel von 6 Stunden Schlaf pro Nacht kommt man auf 46 Stunden Freizeit pro Woche (ohne beispielsweise Körperpflege und normale soziale Kontakte). 46 Stunden sind 165.600 Sekunden. Berücksichtigt man jetzt nicht weiter das Schreiben der sogenannten Rezension, so kann der Mann in einer Woche bei 45 Sekunden pro Seite 3.680 Seiten lesen. Er will 1.000 Bücher pro Jahr gelesen haben. Das wären 19 Bücher pro Woche. Demzufolge läge die durchschnittliche Seitenzahl pro gelesenem Buch bei 193 Seiten.
Kein Störer, nirgends oder: Das Elend der Ereignislosigkeit
Christian Kracht hatte in Zürich aus seinem neuen Buch »Imperium« gelesen. Und alle gingen hin. Aber sie gingen nicht nur hin. Sie berichteten auch. Alle warteten auf den Skandal, den Eklat. Leider blieb er aus. Der Autor hatte sich schon vorher Fragen nach der Lesung verbeten. Schade für die angereiste Journalistik von Spiegel, FAZ, Süddeutsche Zeitung und dpa. Was nun, da doch nichts passiert war?
Egal sagt sich das Feuilleton. Wenn man schon mal da ist, muss man auch darüber schreiben. Wobei es eigentlich nichts Unergiebigeres gibt als über eine Lesung zu berichten. Der Spiegel macht aus der Not eine Tugend: »Jetzt sprach er«, heißt es ebenso großkotzig wie ungenau. Stefan Kuzmany erzählt zunächst von seinem Abendessen und gibt sich als nicht besonders gut informiert, was er durch ständiges »oder so ähnlich« unterstreichen möchte. Dabei hat er das inkriminierte Buch wenigstens angelesen, was man daran merkt, dass er den Duktus Krachts zu imitieren sucht, wenn auch unbeholfen. »Keine Klärung« vermeldet der Reporter dann am Ende. Der Trost für den Leser: Links daneben kann man »Imperium« direkt im Spiegel-Shop bestellen.
Die Krawallschachteln
Wenn man erst einmal weiß, dass einige (Polit-)Talkshows im (deutschen) Fernsehen nach gewissen dramaturgischen Inszenierungen besetzt werden – beispielsweise um während der Sendung ordentlich Krawall zu erzeugen – kann man diese pervertierte Form des Diskurses nur noch als lächerliches Schmierentheater ertragen. Sein eigenes Urteil wird man hier kaum schärfen können, zu bescheiden sind die intellektuellen Herausforderungen. Es spricht leider einiges dafür, dass das Feuilleton in ähnliches Fahrwasser abdriftet. Und nein: Damit sind nicht die (teilweise zu Recht diskreditierten) Twitterlümmel und Blogdamen und ‑herren gemeint, die ihre gesinnungstriefende Meinungs-Halbbildung in die Welt hinausposaunen und jedes noch so kleine Phänomen skandalisieren. Längst hat das organisierte Denunzieren auch die sich selbst immer noch als Qualitätsmedien bezeichnenden Institutionen ergriffen.
Zumutungen auf NDR2
Manchmal steht man fassungslos vor dem, was sich inzwischen in Deutschland Literaturkritik nennt. Und fragt sich, es möglich ist, dass so etwas im Radio eine Stimme bekommt.
Gabriela Jaskulla hat für NDR2 Sabine Grubers Roman »Stillbach oder Die Sehnsucht« gelesen. Schon dieser Satz enthält jedoch einen Fehler, denn Jaskulla kann das Buch gar nicht gelesen haben. Sie hat nur ungefähr eine Ahnung von dem, was sie da gelesen hat. Sie verortet den Sehnsuchtsort Stillbach nämlich in Kärnten (in der Eingangsmoderation zum Podcast wird dies mit Maja Haderlaps Roman »Engel des Vergessens« verknüpft). Sabine Gruber habe, so Jaskulla, einen Roman über die »jüngere Geschichte Kärntens« geschrieben. Mehrfach betont die (sogenannte) Rezensentin die Verortung mit Kärnten und Österreich. Das ist natürlich ein hanebüchender Unfug, denn jeder, der das Buch wirklich gelesen hat, weiss, dass es um Südtirol und die jüngere italienische Geschichte geht, die hier erzählt wird.
Bullshit occupied
Einen »plakativen Text« kündigt das »Titel Magazin« an, der den »resignierten« Leser aufrütteln will. Ein alter Topos des Feuilletons wird da bedient: Man nimmt den Leser, der sich nicht wehren kann, in den Arm und spricht – natürlich ungefragt – für ihn. Nicht der einzige Trick. Denn was dann von Thor Kunkel folgt, ist ein hastig zusammengestoppeltes, larmoyantes Geplapper mit reichlich sachlichen Fehlern garniert. Das Protokoll eines Wutliteraten, der um Aufmerksamkeit winselt, in dem er möglichst drastisch diejenigen anschreit, deren Zuneigung er doch so ersehnt.
Früh wird klar: Es geht Kunkel überhaupt nicht um Literaturkritik. In seinem Text ist nicht ein Wort darüber zu finden. Es geht um das »Betriebssystem«, dieses ominöse Hin- und Hergeschacher, was sich zur Verblüffung vieler Jungliteraten jenseits sozialer Netzwerke abspielt. In Köln hat man dafür den Diminutiv »Klüngel« erfunden. Kunkel entdeckt den Klüngel immer wieder neu. So weit, so schlecht. Und so bekannt. Aber selektive Wahrnehmung ist immer der Freund des Verschwörungstheoretikers. Wo bleibt die fachliche Auseinandersetzung? Wo bleiben Hinweise auf eine alternative Literaturkritik jenseits der Lovenbergs, Radischs, Weidermanns und Schecks? Stattdessen greift er lieber in die Klischeekiste und suhlt sich in seinen Originalität simulierenden Invektiven. Man sieht ihn förmlich jauchzen, wie er eine schiefe Metapher an die andere klebt. Der Leser, zum Aufrütteln bestellt, gähnt und spendet sanftes Mitleid.
Kurzzeitgedächtnis auf zwei Beinen
Ein Erlebnistagebuch von den 32. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt
Donnerstag, der 26. Juni 2008: Von der Wiege bis zur Urne
Wo blieben sie denn, die leisen Töne, die man eigentlich von Schriftstellern erwarten müßte, erwarten dürfte, gerade von ihnen, nur von ihnen, von wem denn sonst, wozu seien sie denn da? D., Übersetzer aus dem Französischen, schwadroniert mit verdrießlicher, mit verdrossener Miene und verteilt dabei Brötchenkrümel auf der Tischdecke. Klagenfurt sei Deutschland-sucht-den-Super-Dichter, die Medien suchten kulturelles Billigfutter, die Kulturindustrie wolle mit ungesättigten Fettsäuren abgefüttert werden, und schließlich sei er ja auch ein Kurzzeitgedächtnis auf zwei Beinen, der Leser von heute. Mir egal, denke ich, mir egal, denn ich habe gerade Salz in meinen Verlängerten (deutschländisch: Kaffee) geschüttet und es zu spät gemerkt.
Wir sitzen in der Häschenschule bei der Lesung des Klagenfurter Literaturkurses, gleichsam der Wiege des Bachmann-Wettbewerbs. Wir sitzen im Robert-Musil-Museum, im Raum, in dem Klein-Robert das Gehen gelernt hat oder das Lallen, und wir sind selbst schuld. Außer mir liegen alle Autoren am Wörthersee, bei 36 Grad im Schatten. Nur ich sitze in der Hitze. Die steht mitten im Raum wie ein Gast, den man nicht losgeworden ist. Trotz heruntergelassener Jalousien und dem allgemeinen Gefächel mit Programmheften spüre ich, wie ich schon nach weniger als zehn Minuten gar bin. Einem, dem man anmerkt, daß er heute zum ersten Mal in seinem Leben vor Publikum liest, fallen die Schweißtropfen aufs Papier. Seine dreißigminütige Erzählung ist ein Wegwollen auf Abruf, seinen Schlußsatz spricht er schon im Aufstehen.
Liebe Frau Heidenreich,
ist Ihnen langweilig? Wie sonst sollte man Ihre dem »Focus« gegenüber gemachten Äußerungen interpretieren? Sie finden den Buchmarkt grausig, nur noch »Vampire, Trolle, Elfen, Morde«. Vielleicht hätten Sie noch »Katzen« ergänzen können? Das ist für Sie »der Buchmarkt«? Verwechseln Sie das nicht mit den sogenannten Bestsellerlisten? Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal eine Buchhandlung betreten? Nein, keine dieser Ketten mit T oder H. Mit Buchhandlung meine ich sowas hier. Diese Buchhandlung ist mein »Buchmarkt«. Nicht die Bestsellerlisten, die Sie mit dem »Buchmarkt« gleichsetzen. Aber es ist immer gut, ein kulturpessimistisches Lamento zu pflegen.