Der 45-Se­kun­den-Le­ser

Der Bei­trag »Bü­cher­lieb­ha­ber ge­gen ‘Ha­sen-Pups’ der »Ber­li­ner Zei­tung« ist in­zwi­schen mehr­fach auf Face­book ver­linkt und kom­men­tiert wor­den. Be­rich­tet wird von ei­nem so­ge­nann­ten »Top-Re­zen­sen­ten« von Ama­zon, der in­zwi­schen auf­grund von Cy­ber-Mob­bing aus­ge­stie­gen sei. Er ha­be Droh­brie­fe er­hal­ten und sei be­schimpft wor­den. Der Le­ser wird mit der Su­che nach den Grün­den für die­se Kam­pa­gnen al­lei­ne ge­las­sen. Wen hat­te Thor­sten Wie­dau denn der­art an­ge­grif­fen?

Auch die ein­gangs er­wähn­ten Zah­len stim­men nach­denk­lich. In zehn Jah­ren will er 10.000 Bü­cher ge­le­sen ha­ben und hat 3.468 »Re­zen­sio­nen« ge­schrie­ben (al­so fast täg­lich ei­ne). Und dies, wie so oft be­tont wird, als »Hob­by­kri­ti­ker« mit teil­wei­se 80 Stun­den-Wo­che Ar­beits­zeit in sei­nem Be­ruf. Um ei­ne Sei­te zu le­sen brau­che er, so der Be­richt, 45 Se­kun­den. Für ei­ne »Re­zen­si­on« ver­wen­det er 30 Mi­nu­ten. Rich­ti­ge Be­schäf­ti­gung mit Li­te­ra­tur klingt an­ders.

Die 45 Se­kun­den las­sen ah­nen, wie dort je­mand liest – der Au­tor Ru­dolf No­vot­ny hat die An­ga­ben des ehe­ma­li­gen »Top-Re­zen­sen­ten« ver­mut­lich nicht über­prüft: Bei ei­ner 80 Std-Wo­che und ei­nem Mit­tel von 6 Stun­den Schlaf pro Nacht kommt man auf 46 Stun­den Frei­zeit pro Wo­che (oh­ne bei­spiels­wei­se Kör­per­pfle­ge und nor­ma­le so­zia­le Kon­tak­te). 46 Stun­den sind 165.600 Se­kun­den. Be­rück­sich­tigt man jetzt nicht wei­ter das Schrei­ben der so­ge­nann­ten Re­zen­si­on, so kann der Mann in ei­ner Wo­che bei 45 Se­kun­den pro Sei­te 3.680 Sei­ten le­sen. Er will 1.000 Bü­cher pro Jahr ge­le­sen ha­ben. Das wä­ren 19 Bü­cher pro Wo­che. Dem­zu­fol­ge lä­ge die durch­schnitt­li­che Sei­ten­zahl pro ge­le­se­nem Buch bei 193 Sei­ten.

Die­se Wer­te be­zie­hen sich – wie ge­sagt – dar­auf, dass er nichts mehr an­de­res ge­macht hat, als in sei­ner frei­en Zeit zu le­sen. Be­rück­sich­tigt man das Ver­fas­sen der so­ge­nann­ten Re­zen­sio­nen, sieht die Rech­nung leicht an­ders aus. Dann müss­ten 12.600 Se­kun­den von der Le­se­zeit ab­ge­zo­gen wer­den (bei an­ge­nom­men 7 Tex­ten pro Wo­che); es blie­ben jetzt rd. 3.400 Seiten/Woche = 178 Seiten/Buch. Wel­che Bü­cher wur­den denn be­spro­chen? Im Text ist dif­fus von »Ro­ma­nen, Kri­mis, Koch­bü­chern, Rei­se­li­te­ra­tur« die Re­de. »Re­zen­si­on« wird als »klar und knackig« de­fi­niert. 30 Zei­len sol­len die­se wohl im Schnitt be­tra­gen ha­ben (da­mit ist die ge­nann­te Zeit von 30 Mi­nu­ten merk­wür­di­ger­wei­se sehr hoch ge­grif­fen). Be­tont wird, dass sich Wie­dau of­fen­siv ge­gen die eta­blier­te Li­te­ra­tur­kri­tik ge­stellt ha­be. Mit 30 Zei­len?

Schließ­lich sti­li­siert der Bei­trag den Top-Re­zen­sen­ten als »Op­fer« ei­ner »Schlan­gen­gru­be«. Das Ama­zon-Be­wer­tungs­sy­stem wird er­läu­tert und ent­spre­chend kri­ti­siert. Da ist von »Kri­ti­kern« die Re­de, die »mas­sen­haft« Pro­fi­le an­le­gen, um an­de­re Re­zen­sen­ten ab­zu­wer­ten. Be­legt wird dies nicht. Still­schwei­gend wird da­von aus­ge­gan­gen, dass schlech­te Ama­zon-Be­spre­chun­gen den Buch­ver­kauf ein­schrän­ken. Auch hier un­ter­bleibt der Be­leg. Un­ge­klärt auch, war­um der an­geb­lich so an­ge­se­he­ne Top-Re­zen­sent (der an­geb­lich mit Re­zen­si­ons­ex­em­pla­ren nur so über­schüt­tet wird) nicht in ei­nem Blog oder ei­ner an­de­ren Platt­form re­üs­sie­ren woll­te. (Die Ant­wort könn­te sich aus der o. g. Rech­nung und der Qua­li­tät sei­ner Tex­te spei­sen).

»Die Re­zen­sio­nen sind mal gut und mal schlecht ge­schrie­ben«, heißt es im Ar­ti­kel. Am En­de be­kommt Frau Löff­ler noch Ge­le­gen­heit, sich in ih­rer her­ab­las­sen­den Ar­ro­ganz zu zei­gen. Das ret­tet den Text aber auch nicht mehr.

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21 Kommentare zu »Der 45-Se­kun­den-Le­ser«:

  1. Gachmuret sagt:

    Ich las den Ar­ti­kel als durch­aus wohl­wol­len­des Por­trait und moch­te hier ei­ne per­sön­li­che Be­kannt­schaft des Jour­na­li­sten mit Herrn Wie­dau nicht aus­schlie­ßen. Es soll­te hier auf je­den Fall aber wohl nicht um ei­ne jour­na­li­sti­sche Dar­stel­lung ei­nes Phä­no­mens ge­hen, was ich nicht zu­letzt an den an­ge­führ­ten Kri­tik­punk­ten wie bspw. dem Nicht­hin­ter­fra­gen der be­haup­te­ten Fak­ten fest­ma­chen möch­te.
    Al­ler­dings möch­te ich auf et­was an­de­res hin­wei­sen, näm­lich die in mei­nen Au­gen durch­aus ge­ge­be­ne Exi­stenz­be­rech­ti­gung sol­cher Kurz­be­mer­kun­gen, auch zur Li­te­ra­tur. Ins­be­son­de­re, wenn es um Ge­brauchs­li­te­ra­tur wie Rat­ge­ber, Koch­bü­cher, Kri­mis etc. geht, für die ein kur­zer Hin­weis auf die Nütz­lich­keit voll­kom­men aus­reicht. Nicht oh­ne Grund läßt ja das Feuil­le­ton sol­cher­lei Li­te­ra­tur ger­ne links lie­gen – es gibt häu­fig auch gar nicht mehr da­zu zu sa­gen als: »Gut ge­macht, kann man le­sen.« Das ist in mei­nen Au­gen auch völ­lig in Ord­nung, nicht im­mer möch­te man wis­sen, was die Welt im In­ner­sten zu­sam­men­hält und ge­gen ei­nen gut ge­schrie­be­nen Kri­mi für den Ur­laub oder ei­ne hüb­sche Lie­bes­ge­schich­te für die Ba­de­wan­ne ist über­haupt nichts ein­zu­wen­den. Und da tut es denn auch ein klei­ner Mehr­zei­ler zur Be­gut­ach­tung (und mög­li­cher­wei­se läßt sich da­mit auch das be­haup­te­te Le­se­tem­po er­rei­chen ;) ).
    Was aber der Ar­ti­kel, und das ist auf je­den Fall vor­zu­wer­fen, nicht macht, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, daß Frau Löff­ler et­was völ­lig an­de­res macht. Man kann und darf von ihr hal­ten, was man will, aber sie hat voll­kom­men Recht: Ih­re Art der Li­te­ra­tur­be­trach­tung ist ei­ne völ­lig an­de­re. Mit ei­ner Le­se­ma­schi­ne wie Herrn Wie­dau hät­te sie tat­säch­lich gar nichts zu be­spre­chen, da ist ein Tref­fen voll­kom­men un­nö­tig (und da re­de ich noch nicht von der Per­fi­die, mit der ver­sucht wird, sie vor­zu­füh­ren – an wie vie­le Ge­sprächs­in­hal­te er­in­nert sich der Herr No­vot­ny wohl noch nach 6 Jah­ren?) Es wird hier aber so ge­tan, als tä­te Herr Wie­dau das­sel­be, nur halt un­be­zahlt und le­dig­lich die (nicht un­be­dingt ab­zu­strei­ten­de) Ar­ro­ganz des Feuil­le­ton­jour­na­lis­mus un­ter­schei­de ihn von den dort tä­ti­gen Wäch­tern der Hoch­kul­tur. Es han­delt sich um grund­ver­schie­de­ne Her­an­ge­hens­wei­sen und An­sprü­che an Li­te­ra­tur, die ich bei­de für le­gi­tim hal­te, die aber eben nicht das­sel­be sind.

    #1

  2. Vie­len Dank für die­sen Ein­wurf, dem ich voll­kom­men zu­stim­me. Die Dif­fe­renz, die zwi­schen den (mei­sten) Ama­zon-Kri­ti­ken und ei­ner Frau Löff­ler be­steht, liegt ja auf der Hand. Sie wird aber zwei­fach un­ter­lau­fen (so­wohl im Ar­ti­kel als auch durch Ama­zon und ähn­li­che Por­ta­le): Zum ei­nen durch den Be­griff »Re­zen­si­on«. Und zum an­de­ren durch Wiedaus of­fen­si­ver An­griff auf die Li­te­ra­tur­kri­tik des Feuil­le­tons (bspw. in dem er schreibt, er schla­fe bei der Lek­tü­re von Frau Löff­lers Tex­ten ein).

    Es ist kein spe­zi­fi­sches Pro­blem von Ama­zon – auch vie­le an­de­re so­ge­nann­te Li­te­ra­tur­por­ta­le ha­ben es: je­der Zehn­zei­ler wird zur »Re­zen­si­on« er­klärt. Es ist be­zeich­nend, dass der Be­griff Re­zen­si­on bzw. Re­zen­sent der­art in­fla­tio­när ver­ge­ben wird. Er ver­schafft (we­nig­stens bei ei­ni­gen) ei­nen Di­stink­ti­ons­ge­winn. Da­bei wird je­des Stam­meln, das kaum über die Me­mo­rie­rung des Klap­pen­tex­tes hin­aus kommt, als sol­che be­zeich­net. Wie­dau hält sich ja für ei­nen »Re­zen­sen­ten«, der in der Li­ga von Frau Löff­ler mit­spie­len kann. Da­bei ver­wech­selt er Mas­se mit Klas­se und meint, viel le­sen be­deu­te au­to­ma­tisch viel Ah­nung. Dass sich ein Jour­na­list da­mit der­art iden­ti­fi­ziert, hal­te ich für höchst pro­ble­ma­tisch.

    Das Sy­stem krankt an der ihm zu­ge­wie­se­nen und am En­de viel­leicht tat­säch­lich be­stehen­den kom­mer­zi­el­len Re­le­vanz. »Re­zen­sent« soll­te ei­ne Art Mei­ster­grad sein, den man sich er­wer­ben müss­te. Vor­her ist man »Schrei­ber«. Ama­zon ist so et­was voll­kom­men gleich­gül­tig – sie agie­ren nach dem Mas­se-Prin­zip: Haupt­sa­che, man re­det drü­ber.

    #2

  3. In ei­nem all­täg­li­chen Ver­ständ­nis ist je­der ein Kri­ti­ker, der ur­teilt, der, wie im Ar­ti­kel an­ge­führt, Freun­den oder Be­kann­ten ein Buch emp­fiehlt oder da­von ab­rät. Viel­leicht kann man den teil­wei­se ver­wen­de­te Be­griff »Kun­den­re­zen­si­on« eta­blie­ren, dann gä­be es auch ei­ne sprach­li­che Dif­fe­renz zu »Be­spre­chung« oder »Re­zen­si­on«. Ähn­lich vor­ge­hend, könn­te man auch von »Kun­den­kri­tik« und »Kun­den­kri­ti­kern« spre­chen.

    Die­se Art von Kri­tik ist be­rech­tigt, weil sie die Art vie­ler, auch be­gei­ster­ter Le­ser ist, über Bü­cher zu spre­chen, sie ist ei­ne an­de­re Art von Zu­gang, ver­gli­chen mit dem feuil­le­to­ni­sti­schen (wo­bei das nicht ge­ne­rell gilt), man kann und soll hier kei­ne Vor­schrif­ten ma­chen. Al­ler­dings ist die Öf­fent­lich­ma­chung pro­ble­ma­tisch, weil ein un­aus­ge­wo­ge­nes Ur­teil hier mehr Scha­den (ne­ben ei­ner Ver­let­zung des Au­tors; aber auch hier steht die eta­blier­te Kri­tik nicht im­mer gut da) an­rich­ten kann, al­ler­dings nur un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Le­ser, das nicht er­kennt (ich möch­te dem aber ent­ge­gen­hal­ten, dass das Ur­teil über ei­nen ge­schrie­be­nen Text ein­fa­cher zu fäl­len ist, als die­sen selbst zu ver­fas­sen, wie es auch ein­fa­cher ist, die Ar­beit ei­nes In­stal­la­teurs zu be­ur­tei­len, als sie sel­ber durch­zu­füh­ren). Die Richt­schnur ist, wie im­mer, die Art und Wei­se der Ar­gu­men­ta­ti­on.

    Ama­zon hat recht ge­schickt ein Sy­stem eta­bliert, das Ei­tel­kei­ten und Be­dürf­nis­se von Kun­den ko­sten­los (be)nutzt, um den Ver­kauf von Bü­chern zu för­dern — mitt­ler­wei­le sind die Ver­la­ge auf­ge­sprun­gen (hat man ei­gent­lich je­mals von die­ser Sei­te ver­sucht Ama­zon ei­ne Platt­form ent­ge­gen zu hal­ten?).

    Al­ler­dings be­zweif­le ich ob Herr Wie­dau sich tat­säch­lich in der Li­ga von Frau Löff­ler sieht, wenn man de­ren Selbst­ver­ständ­nis­se ver­gleicht: »„Ich ha­be fas­sungs­lo­se Ehr­furcht vor der Ar­beits­lei­stung des Au­tors. Wer bin ich mit mei­nen Re­zen­sio­nen? Ein Nichts! Ein Nie­mand!“«. Sie hin­ge­gen: „Ich ha­be mich mein hal­bes Le­ben lang mit Li­te­ra­tur­kri­tik be­schäf­tigt. Und des­halb re­de ich nur mit Leu­ten, die Ah­nung ha­ben. Nicht mit ei­nem, was ist er, Bo­ta­ni­ker?“

    #3

  4. Ich bin ge­gen die Ver­wen­dung des Be­griffs »Re­zen­si­on«, weil es sich um ei­nen Fach­ter­mi­nus han­delt, der et­was sug­ge­riert, was in den mei­sten Fäl­len nicht ge­lei­stet wird. Und na­tür­lich sieht sich Wie­dau in der Li­ga mit Frau Löff­ler, schon weil er die­se an­greift, wie man hier an­satz­wei­se im Per­len­tau­cher-Duk­tus nach­le­sen kann (den Ori­gi­nal-Ar­ti­kel aus dem Bör­sen­blatt ha­be ich nicht ge­fun­den): »Pro­fes­sio­nell ver­fass­te Kri­ti­ken sei­en ent­we­der für vie­le Zei­tungs­le­ser un­ver­ständ­lich oder sie lö­sten ge­lang­weil­te Re­ak­tio­nen aus, meint der Hob­by­re­zen­sent.«

    Ab­ge­se­hen da­von, dass die Aus­sa­ge über die Lan­ge­wei­le ei­ne Be­haup­tung dar­stellt, ist dem zwei­er­lei ent­ge­gen zu hal­ten: Zu­nächst ein­mal ist der Kri­ti­ker nicht un­be­dingt für die Über­for­de­rung des Le­sers ver­ant­wort­lich (et­was an­de­res ist die Li­te­ra­turwis­sen­schaft, die sich ger­ne in ih­rem Jar­gon se­pa­riert). Und zum zwei­ten ist klar, dass ich mit die­ser Fest­stel­lung in das »Re­vier« der­je­ni­gen ein­tau­che, die ich so kri­ti­sie­re. Dass er sich spä­ter als »Nie­mand« dar­stellt, ist na­tür­lich ei­ne Ko­ket­te­rie. In Wirk­lich­keit ist er ver­mut­lich ein ziem­li­cher Ego­ma­ne (das mei­ne ich noch nicht ein­mal de­spek­tier­lich).

    Wie der Buch­markt die ein­fa­che, leicht­ver­ständ­li­che, nach di­cho­to­mi­schen Welt­bil­dern ver­fass­te Kri­tik her­bei­sehnt kann man am Er­folg der For­ma­te »Das li­te­ra­ri­sche Quar­tett« und vor al­lem von Hei­den­reichs »Le­sen!« fest­stel­len. Reich-Ra­nicki be­han­del­te die zu be­spre­chen­den Bü­cher wie ein Rich­ter An­kla­ge­schrif­ten (»Der näch­ste Fall...«). Das voll­kom­me­ne Ver­schwin­den von Li­te­ra­tur­kri­tik ist dann bei Hei­den­reich zu be­ob­ach­ten. Wenn man po­le­misch sein will ist sie die Mut­ter der Ama­zon-Di­let­tan­ten à la Wie­dau, die glau­ben, nur weil sie ein Buch durch­blät­tern, ha­ben sie es schon ver­stan­den und sei­en be­ru­fen, es zu be­ur­tei­len.

    Den­noch fin­de ich nichts Schlim­mes dar­an, wenn sol­che »Kri­ti­ken« ver­öf­fent­licht wer­den. (Schreck­lich fin­de ich al­ler­dings die­ses Ster­ne-Sy­stem; ei­ne Be­lei­di­gung für je­den krea­tiv ar­bei­ten­den Men­schen.) Ama­zon (und auch an­de­re, wie bei­spiels­wei­se hier) soll­ten die An­ge­le­gen­heit je­doch bes­ser kon­trol­lie­ren, d. h. zur Not Kri­te­ri­en ein­for­dern. Um die Mehr­fach­pro­fi­le ein­zu­däm­men wä­re un­be­dingt ei­ne Le­gi­ti­ma­ti­on (die bei Ama­zon ver­bleibt und nicht ver­öf­fent­licht wer­den muss; das Pseud­onym kann so ge­schützt blei­ben) er­for­der­lich. Än­dert man nichts zeigt man ja nur, wie des­in­ter­es­siert man in Wirk­lich­keit an dem Buch (bzw. Ar­ti­kel) ist.

    Im üb­ri­gen: Wer sich von sol­chen »Kri­ti­ken« be­ein­flus­sen lässt – dem ist eh’ nicht zu hel­fen.

    #4

  5. @Gregor
    Na­tür­lich wä­re ein an­de­rer Be­griff bes­ser, al­ler­dings lässt sich Sprach­ver­hal­ten und -ver­wen­dung nicht steu­ern (was auch gut ist). Wenn man bö­se sein will, dann kann man ver­mu­ten, dass der Re­zen­si­ons­be­griff ab­sicht­lich aus Grün­den von Sug­ge­sti­on ge­wählt wur­de (wo­bei es si­cher­lich auch die ein­fach­ste Lö­sung war).

    Um das be­ur­tei­len zu kön­nen, müss­te ich den Ar­ti­kel aus dem Bör­sen­blatt ken­nen. Herr Wie­dau ver­sucht m.E. eher sei­ne Art der Buch­be­spre­chung zu recht­fer­ti­gen und zu ver­tei­di­gen, im­mer­hin ei­ne An­ge­le­gen­heit, der er sich lei­den­schaft­lich ge­wid­met hat. Er kann doch Frau Löff­ler nicht ein­fach das Feld zur Gän­ze über­las­sen, oh­ne sein Tun preis­zu­ge­ben.

    Mir sind Stern­chen­wer­tun­gen zu grob­schläch­tig und nichts­sa­gend, als dass ich sie be­ach­te. Und klar: Mehr Kon­trol­le und Le­gi­ti­ma­ti­on wä­ren wün­schens­wert, aber das re­du­ziert mög­li­cher Wei­se die Zahl der po­si­ti­ven Wer­tun­gen und wird viel­leicht von Sei­ten des Be­trei­bers nicht ge­wünscht.

    Ja, das hoff­te ich an­ge­deu­tet zu ha­ben: Je­mand der sol­che »Be­spre­chun­gen« mag, hat so­wie­so ein gänz­lich an­de­res In­ter­es­se an Li­te­ra­tur oder an Bü­chern.

    #5

  6. Stern­chen­wer­tun­gen kommt in ei­ner Af­fekt­ge­sell­schaft na­tür­lich gut an. Hät­te man doch we­nig­stens ei­ne ge­ra­de Zahl der Be­wer­tungs­stu­fen ge­wählt. Bei un­ge­ra­den Mög­lich­kei­ten (3, 5 oder 7) wird die Mit­tel­ka­te­go­rie (2, 3, 4) sehr ger­ne ge­wählt – u. U. auch dann, wenn man sich gar nicht so in­ten­siv aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Aber auch das dürf­te ei­ne ge­woll­te und pro­gram­ma­ti­sche Ent­schei­dung sein.

    -

    Wiedaus Text von 2006 ha­be ich nicht ge­fun­den. Auf sei­ner Ama­zon-Sei­te hat er ei­nen »Nach­ruf« ver­fasst, der sei­ne Ver­fas­sung durch­aus gut zei­gen dürf­te. Gip­fel des Schwul­stes ist das hier: Ein Le­ben dem Buch auf die­ser Platt­form ge­wid­met geht nun­mehr zu En­de, doch sei­ne Lie­be zum Buch ist nicht er­lo­schen. Mö­ge der­einst wo­an­ders ein Licht leuch­ten und al­le wah­ren Buch­lieb­ha­ber ver­sam­meln um ei­nem Me­di­um zu die­nen das wie wohl kein zwei­tes al­le Men­schen und gan­ze Ge­sell­schaf­ten welt­weit ver­än­der­te. Ide­en in die Wei­te des Uni­ver­sums hin­aus sen­de­te und es der Mensch­heit er­mög­lich­te die gan­ze Schön­heit der Schöp­fung zu er­ken­nen. – Hier kann man auch sei­ne »Re­zen­sio­nen« le­sen.

    -

    Se­he ge­ra­de, dass auch die Frank­fur­ter Rund­schau den Ar­ti­kel nun »über­nom­men« hat. So­viel dann zur Viel­falt...

    #6

  7. Doktor D sagt:

    Bei DVDs und bei Hör­bü­cher fin­de ich Amazon-»Rezensionen« oft sehr hilf­reich: Man kann recht schnell er­ken­nen, wer wirk­lich in der Ma­te­rie steckt – un­ter an­de­rem weil die­se »Re­zen­sen­ten« sich die Mü­he ma­chen, über Din­ge wie mas­si­ve Kür­zun­gen ge­gen­über dem Ori­gi­nal (sei es Text oder Se­ri­en-Ori­gi­nal), Um­schnit­te, schlech­te Syn­chro­ni­sa­ti­on und an­de­re Din­ge zu in­for­mie­ren – was in der Pro­dukt­in­fo bei Ama­zon selbst meist fehlt. Da sind ex­trem kom­pe­ten­te, ver­sier­te und en­ga­gier­te Men­schen un­ter­wegs, die zum Teil auf dem Ni­veau von Feuil­le­tons agie­ren. Das liegt aber auch si­cher dar­an, dass sich Hör­buch und DVD noch nicht so ganz selbst­ver­ständ­lich als The­ma für das gro­ße Feuil­le­ton eta­bliert ha­ben. Das kommt ja ge­ra­de erst (zu­min­dest bei der FAZ, die das auch ganz or­dent­lich macht).

    #7

  8. @Gregor
    Be­züg­lich des Nach­rufs hast Du völ­lig recht (da möch­te ich die »Re­zen­sio­nen« erst gar nicht le­sen).

    #8

  9. @Doktor D
    Da se­hen Sie mal, wie ein­ge­schränkt mein Blick ist. Aber es ist na­tür­lich klar, dass es auch bei Ama­zon kom­pe­ten­te Ken­ner gibt.

    Im üb­ri­gen glau­be ich ja, dass der Wert der von mir in­kri­mi­nier­ten Buch-Re­zen­sio­nen in drei­fa­cher Hin­sicht über­schätzt wird:
    1. Der Au­tor über­schätzt sie (ins­be­son­de­re, wenn es sich im ne­ga­ti­ve Tex­te han­delt und er/sie glaubt, po­ten­ti­el­le Le­ser wür­den ab­ge­schreckt).
    2. Ama­zon über­schätzt sie als Maß­stab für die Kom­pe­tenz ih­rer Kun­den.
    3. Die so­ge­nann­ten »Re­zen­sen­ten« über­schät­zen ih­re Wir­kung. Die­ser Frust ist aus Wiedaus Aus­sa­gen deut­lich her­aus­zu­hö­ren.

    Wie ge­sagt, da­mit sind nicht die von Ih­nen und Gach­mu­ret an­ge­spro­che­nen Ni­schen­ken­ner ge­meint.

    #9

  10. Doktor D sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig: Mich wür­de in­ter­es­sie­ren, was den Jour­na­li­sten be­wegt hat, Wideau in das Zen­trum ei­nes Ar­ti­kels zum Phä­no­men »Kun­den-/Le­ser-Emp­feh­lun­gen bei Ama­zon« zu ma­chen. Ein mit­tel­al­ter Mann, der sich für ei­nen Feuil­le­to­ni­sten hält, wie Sie zu­recht un­ter­strei­chen, ist über­haupt nicht ty­pisch für Ama­zon-Re­zen­sen­ten. Auch hier do­mi­nie­ren Le­se­rin­nen – und ganz vie­le Tex­te ba­sie­ren auf Fan-Tum (das kann auch ei­ne Form von Kom­pe­tenz sein, führt aber auch ganz ger­ne zu bös­ar­ti­gen Kom­men­ta­ren zu Kri­ti­kern, die es ge­wagt ha­ben, ei­nen ge­lieb­ten Text schlecht zu fin­den.) Und die nun wirk­lich weit be­kann­te Tat­sa­che, dass Au­toren, PR-Men­schen von Ver­la­gen und auch die Freun­de und Ver­wand­ten der Au­toren in den »Re­zen­sio­nen« zu­gan­ge sind, als den Hot-To­pic in der li­te­ra­ri­schen In­ter­net-Welt zu prä­sen­tie­ren, das ist doch wirk­lich lä­cher­lich und un­se­ri­ös. Wä­re No­vot­ny wirk­lich an Auf­klä­rung in­ter­es­siert (oder hät­te sich ein biss­chen mehr in das The­ma ver­tieft), hät­te er bes­ser mit Leu­ten spre­chen sol­len, die ihm was zu den Al­go­rith­men und sta­ti­sti­schen Ver­fah­ren, die hin­ter be­ha­viou­ral tar­ge­ting stecken, er­zäh­len kön­nen. Sub­jek­ti­vi­tät / In­di­vi­dua­li­tät ist da ein sta­ti­sti­sches Phä­no­men, sonst gar­nichts. Of­fen­sicht­lich hat Wideau (und auch No­vot­ny) über­haupt nicht ver­stan­den, wel­che Rol­le die »Re­zen­sio­nen« im Ama­zon-Busi­ness Mo­dell spie­len. Aus­ge­rech­net in ei­nem Sy­stem, das schlicht und er­grei­fend sta­ti­stisch funk­tio­niert (al­so auf vie­len Klicks, vie­len Kun­den, vie­len Emp­feh­lern, vie­len Feed­backs etc.), auf das dort völ­lig ob­so­le­te Mo­dell des Kri­ti­kers im Rah­men ei­ner bür­ger­li­chen Öf­fent­lich­keit zu re­kur­rie­ren – das de­mon­striert ei­ne sol­che Igno­ranz ge­gen­über bei­den Mo­del­len, das ist ei­gent­lich Sa­ti­re.

    #10

  11. @Doktor D
    Es ist ei­gent­lich er­staun­lich, dass, wie Sie schon an­spre­chen, in dem lan­gen Ar­ti­kel von Frau Löff­ler ab­ge­se­hen, nur ei­ne Sicht­wei­se dar­ge­stellt wird (und nicht die von Kun­den, Ent­wick­lern, usw.).

    Aber ist es tat­säch­lich so, dass für den Kun­den, der an ei­nem Buch in­ter­es­siert ist, die blo­ße An­zahl der »Re­zen­sio­nen« ei­ne Rol­le spielt?

    #11

  12. Doktor D sagt:

    @metepsilonema: Nicht für den Kun­den, son­dern für das ‘be­ha­viou­ral tar­ge­ting’ von Ama­zon. Sehr vie­le Re­zen­sio­nen, gleich ob gut oder schlecht, schei­nen et­was am Ama­zon Ran­king des re­zen­sier­ten Wer­kes zu än­dern, was für die Prä­sen­ta­ti­on auf der Start­sei­te oder in den Emp­feh­lun­gen ei­ne Rol­le spie­len kann. Viel wich­ti­ger sind aber die ei­gent­li­chen Ver­kaufs­zah­len und Klick­ra­ten so­wie das Ver­hal­ten des »Tar­gets« al­so von Dok­tor D und Me­tep­si­lo­n­e­ma im Ama­zon-Uni­ver­sum – so zu­min­dest ver­mu­tet ein Freund, der sich mit be­ha­viou­ral tar­ge­ting als sta­ti­sti­schem Pro­blem be­ruf­lich be­fasst (aber nicht bei Ama­zon).

    #12

  13. Doktor D sagt:

    Zwi­schen »Tar­gets« und al­so muss ein Kom­ma: Viel wich­ti­ger sind aber die ei­gent­li­chen Ver­kaufs­zah­len und Klick­ra­ten so­wie das Ver­hal­ten des »Tar­gets«, al­so von Dok­tor D und Me­tep­si­lo­n­e­ma im Ama­zon-Uni­ver­sum ...
    So kann man mich dann viel­leicht auch ver­ste­hen.

    #13

  14. Dan­ke. Wenn ich mich z.B. für Kri­mis in­ter­es­sie­re, schei­nen in den Emp­feh­lun­gen je­ne an vor­der­ster Stel­le auf, die sich gut ver­kau­fen, ho­he Klick­ra­ten oder eben vie­le »Re­zen­sio­nen« auf­wei­sen (et­was ver­ein­facht, si­cher­lich).

    #14

  15. heinzkamke sagt:

    Oh je, da hät­te ich mir den Be­griff »Re­zen­si­on« wohl doch kom­plett ver­knei­fen sol­len ... ;)

    #15

  16. heinzkamke sagt:

    (Ver­zei­hung, völ­lig ir­rele­van­ter Kom­men­tar.)

    #16

  17. Doktor D sagt:

    Ge­nau die Er­fah­rung ma­che ich auch. Das scheint aber nur bei Gen­res zu funk­tio­nie­ren, wo die gro­ße Zahl an sich schon re­giert. Wenn ich Ama­zon vor al­lem nach Li­te­ra­tur­klas­si­kern oder SWR-Be­sten­li­ste-Li­te­ra­tur durch­su­che, kommt die Emp­fehl­funk­ti­on im­mer mal wie­der in in­ter­es­san­te Schleu­der­be­we­gun­gen. Sehr in­ter­es­sant auch was pas­siert, wenn man nach Au­toren wie Tho­mas Pyn­chon oder Da­vid Fo­ster Wal­lace sucht, die auch ein gro­ßes Fol­lo­wing in Gen­re-Li­te­ra­tur wie Sci­ence Fic­tion oder Gra­phic No­vel ha­ben – dann wird’s rich­tig span­nend, weil man da in ei­nen ganz neu­en Kos­mos vor­sto­ßen kann. (So bin ich über­haupt zu Sience Fic­tion Li­te­ra­tur ge­kom­men, die ich vor­her für to­ta­len Mist hielt.)

    #17

  18. @heinzkamke
    So ir­rele­vant ist der Kom­men­tar nicht. Ich wen­de den Be­griff »Re­zen­si­on« auf mein Ge­schrie­be­nes sel­ber nicht (oder nur un­wil­lig) an. (Wie Sie ge­le­gent­lich so schön schrei­ben: »...aus Grün­den«)

    #18

  19. heinzkamke sagt:

    Un­um­gäng­li­che Nach­fra­ge:
    Um nicht mit den Zehn­zei­ler-Re­zen­sio­nen in ei­nem Topf zu lan­den oder man­gels of­fi­zi­el­len Re­zen­si­ons-Mei­ster­gra­des?

    (Ich un­ter­stel­le, Sie mei­nen Letz­te­res, und wer­de mich selbst­ver­ständ­lich hü­ten, so zu tun, als sei ich in ei­ner Po­si­ti­on, um über des­sen Ver­ga­be zu be­fin­den. Und doch: Es fällt mir schwer, Ih­re, was denn nun, Kri­ti­ken?, nicht als Re­zen­sio­nen zu be­trach­ten.)

    #19

  20. @heinzkamke
    Der Be­griff »Re­zen­si­on« ist mir zu apo­dik­tisch; ich kom­me mir da­mit in ein fe­stes Gen­re ein­ge­bun­den vor. Re­zen­sio­nen ha­ben be­stimm­ten for­ma­len Kri­te­ri­en zu ge­hor­chen (von de­nen die­se Ama­zon-Vielleser ent­we­der kei­ne Ah­nung ha­ben oder die sie in ih­rer dum­men Ein­falt ein­fach igno­rie­ren). Das ist mir zu eng, zwängt mich zu sehr in ein vor­ge­ge­be­nes Mu­ster ein (und macht – ne­ben­bei – an­greif­bar). Hin­zu kommt na­tür­lich die Nä­he zum pro­fes­sio­nel­len Kri­ti­ker. In­so­fern wä­re »Re­zen­si­on« ei­ne An­ma­ßung. Wenn Sie – der Le­ser – mei­ne Tex­te (bzw. ei­nen Text) als Re­zen­si­on be­trach­tet, ist das okay. Ich kann aber sel­ber schlecht die­ses Ur­teil fäl­len. (Ähn­lich geht es mir mit dem Be­griff des »Künst­lers«. Leu­te, die sich in je­dem drit­ten Satz sel­ber als »Künst­ler« be­zeich­nen, be­trach­te ich skep­tisch. Zum Künst­ler wird man er­nannt.)

    Der Aus­schlag hat ei­ne klei­ne No­tiz in ei­nes von Pe­ter Hand­kes No­tiz­bü­chern ge­ge­ben. Dort steht: »Statt ‘Kri­tik’ sag ‘Be­gleit­schrei­ben’ «. Ich ha­be kei­ne bes­se­re Be­zeich­nung ge­fun­den (und gleich den Blog da­nach be­nannt...).

    #20

  21. heinzkamke sagt:

    Hät­te ich ja auch mal drauf kom­men kön­nen, dass »Be­gleit­schrei­ben« der pas­sen­de Be­griff sei. Dan­ke schön für die aus­führ­li­che Er­läu­te­rung.

    (Und Ver­zei­hung für den oben ge­setz­ten Smi­ley – ge­schick­ter Schach­zug, die­se Um­wand­lung in gra­fi­sche Smi­leys, die dem je­wei­li­gen Set­zer den Fehl­tritt sehr deut­lich vor Au­gen führt.)

    #21