Wie wä­re es mit Igno­rie­ren ge­we­sen?

I. Der Apo­ka­lyp­ti­ker

»Sei­ne stän­di­ge Rede…weist ihn als ei­nen Strei­ter aus, der des Geg­ners Sie­ge von da­zu­mal in ge­gen­wär­ti­ges Cha­os um­deu­ten will. Doch so dü­ster er…auftrug, kei­ne der bi­bli­schen Pla­gen hat ihn zum Ret­ter der Kri­sen­not ge­macht.
[…]
Un­ge­ru­fen zwang er sich sei­ner Par­tei auf…Zwei Haupt­rol­len will er ver­kör­pern, will Franz und Karl Moor zu­gleich sein.«

Was wie ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung der po­li­ti­schen Fi­gur Gün­ter Grass klingt, ist aus des­sen Buch aus dem Jahr 1980 mit dem Ti­tel »Kopf­ge­bur­ten oder Die Deut­schen ster­ben aus«. Es ist ein Aus­schnitt aus ei­ner ge­wal­ti­gen Re­de wi­der den da­ma­li­gen Uni­ons-Kanz­ler­­kan­di­da­ten Franz-Jo­sef Strauß. Ein fik­ti­ves Leh­rer­ehe­paar ließ Grass über­le­gen, ob man in An­be­tracht der Tat­sa­che, dass die­ser Strauß bald Bun­des­kanz­ler wer­den könn­te, über­haupt noch gu­ten Ge­wis­sens Kin­der in die Welt set­zen soll­te. Und über­haupt sei es ja, so Grass’ in sei­nen Fi­gu­ren, gar nicht so schlimm, wenn die Deut­schen aus­ster­ben wür­den (der Au­tor sel­ber hat da­für ge­sorgt, dass dies nicht di­rekt der Fall sein wird).

Grass’ en­er­gi­scher An­ti-Strauß-Text wirkt in sei­nem nied­li­chen Re­duk­tio­nis­mus heu­te amü­sant. Aber man täu­sche sich nicht: Die Si­tua­ti­on im links­in­tel­lek­tu­el­len Mi­lieu En­de der 1970er Jah­re war tat­säch­lich fast apo­ka­lyp­tisch ge­prägt: Strauß als Bun­des­kanz­ler galt als Welt­un­ter­gangs­sze­na­rio; die Bun­des­re­pu­blik droh­te min­de­stens in den Mief der Ade­nau­er-Zeit zu ver­sin­ken, wenn nicht Schlim­me­res. Strauß sei »ge­fähr­lich«. Die­ses Sze­na­rio ver­in­ner­li­chend, ak­zep­tier­te man (= Grass) zäh­ne­knir­schend den un­ge­lieb­ten Hel­mut Schmidt. Grass la­viert in die­sem Buch – es ist rück­blickend sein er­stes auto­biographisches Werk (wei­te­re au­to­bio­gra­phi­sche Bü­cher folg­ten erst ab 2006) – zwi­schen den Prot­ago­ni­sten des deut­schen Wahl­kampf hin und her. Er ist nicht für Schmidt (spricht da­für viel über Brandt) aber un­be­dingt ge­gen Strauß. Die da­mals auf­kom­men­den Grü­nen hät­ten zwar Recht, aber ei­ne Stim­me für sie be­deu­te Strauß zu wäh­len.

II. Das Ge­wis­sen der Na­ti­on

Schon da­mals strotz­te Grass vor un­ver­brüch­li­cher Mei­nungs­fe­stig­keit, die durch nichts – vor al­lem nicht durch Ar­gu­men­te – zu er­schüt­tern war. Er galt spä­te­stens nach Hein­rich Bölls Tod 1985 als das Ge­wis­sen der Na­ti­on. Zwar war Grass der wort­mäch­ti­ge­re Schrift­stel­ler (sieht man von Bölls ful­mi­nan­tem »Bil­lard um halb­zehn« ab), aber er reich­te an Bölls un­ideo­lo­gi­schem, po­li­tisch schar­fem Ver­stand nie her­an. Selbst wenn Böll ver­meintlich irr­te (wie in der RAF-Dis­kus­si­on), hat­te dies Grö­ße. Un­denk­bar, dass Grass ei­nem »Re­ak­tio­när« wie Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn Ob­dach an­ge­bo­ten oder die po­li­ti­sche La­ge in der UdSSR kri­ti­siert hät­te. Grass kann­te nur ei­ne Stoß­rich­tung, die er wohl­feil un­ter­stütz­te.

Reich-Ranicki v/zerreißt Günter Grass

Reich-Ra­nicki v/zerreißt Gün­ter Grass

Viel Är­ger be­kam Grass erst­mals auch aus dem links­in­tel­lek­tu­el­len Mi­lieu 1995 für sei­nen Ro­man »Ein wei­tes Feld«, in dem er das die deut­sche Ein­heit skep­tisch sah und das Auf­tau­chen des Bismarck’schen Deut­schen Rei­ches nebst des­sen Bünd­nis­po­li­tik be­fürch­te­te. Das Buch er­zürn­te auch gro­ße Tei­le des Feuil­le­tons; Mar­cel Reich-Ra­nicki er­klär­te, war­um ein gro­ßer Schrift­stel­ler ge­schei­tert sei und ließ es sich nicht neh­men in gro­tes­ker Blöd­heit das Buch (in ei­ner Fo­to­mon­ta­ge) auf dem Titel­bild des »Spie­gel« zu zer­rei­ßen (ein Do­ku­ment der Selbst-Des­avou­ie­rung; spä­te­stens von da an stol­per­te Reich-Ra­nicki ab­ge­se­hen von sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Tex­ten fast nur noch als Kra­wall­schach­tel durch das Feuil­le­ton). Man ver­misch­te die – zu­ge­ge­ben zu­wei­len hane­büchenden – po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen des Ro­mans mit dem li­te­ra­ri­schen Wert. Da­bei über­sah man, dass als li­te­ra­ri­sches und fik­tio­na­les Spiel ei­ne sol­che viel­leicht re­al­po­li­tisch ab­stru­se Welt­sicht durch­aus sei­nen Reiz hat­te. Zu­mal Grass dies for­mal gut lö­ste. Po­li­tisch fand ich das Buch am­bi­va­lent; als li­te­ra­ri­sches Werk ge­lun­gen.

Die Ab­leh­nung sei­nes Ro­mans scha­de­te er­staun­li­cher­wei­se Grass’ Ruf als po­li­ti­sches Ge­wis­sen der Bun­des­re­pu­blik kaum. Dem Dich­ter wur­de die ver­zerr­te Sicht auf das sei­ner Mei­nung nach in über­mä­ßig na­tio­na­lem Rausch tau­meln­de Deutsch­land groß­zü­gig ver­zie­hen. Die Sa­lon­so­zia­li­sten nah­men dem Sa­lon­so­zia­li­sten Grass sei­ne Idio­syn­kra­si­en nicht nur nicht übel, son­dern pro­fi­tier­ten von ihm. Er ent­la­ste­te sie da­mit. Hät­te er den Zeit­geist ge­trof­fen, wä­re zu­ge­stimmt wor­den. So stell­te sich nur her­aus, dass Grass über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen war und man konn­te sich ge­pflegt aus dem Staub ma­chen. Grass dien­te als Kom­pass­na­del für den po­li­ti­schen Main­stream.

III. Der po­li­ti­sche Na­se­weis

Das er­schüt­ternd­ste Do­ku­ment von Gün­ter Grass’ Ver­lust ei­nes sa­tis­fak­ti­ons­fä­hi­gen po­li­ti­schen Ko­or­di­na­ten­sy­stems ist sein Ta­ge­buch von 1990, dass 2009 un­ter dem Ti­tel »Un­ter­wegs von Deutsch­land nach Deutsch­land« er­schien. Grass ver­klärt in die­sem »Ta­ge­buch« die DDR als er­hal­tens­wer­tes Ge­bil­de, kauft dort zum letz­ten Mal bil­lig ku­ba­ni­sche Rauch­wa­ren ein, kon­tak­tiert ge­dan­ken­schwer von sei­nem por­tu­gie­si­schen Fe­ri­en­haus aus SPD-Po­li­ti­ker, die er un­ge­fragt be­rät, er­tappt sich beim po­li­tisch un­kor­rek­ten Mit­fie­bern bei der Fuß­ball-WM und wit­tert über­all »Zen­sur«, was sei­ne Ar­ti­kel­ver­öf­fent­li­chun­gen an­geht. Das Ta­ge­buch von 1990 wim­melt zu­dem von Ausch­witz- und Na­zi-Ver­glei­chen, mit de­nen er hi­sto­ri­sche Pro­zes­se und Per­sön­lich­kei­ten über­zieht.

Grass fik­tio­na­li­siert hier nichts mehr; »ich« ist Grass selbst. Es gibt kei­ne Di­stanz. Er be­merkt bei Brandt »na­tio­na­le An­wand­lun­gen« und will mit ihm re­den, da er sein Idol in fal­sche po­li­ti­sche Fahr­was­ser sieht. Da­mit do­ku­men­tiert er, dass er Brandts und Bahrs Ent­span­nungs­po­li­tik in den 1970er Jah­ren noch zwan­zig Jah­re da­nach nicht ver­stan­den hat­te: Die po­li­ti­schen An­nä­he­run­gen an die DDR und die UdSSR wa­ren eben nicht Fest­schrei­bun­gen, son­dern sie soll­ten die kom­mu­ni­sti­schen Sy­ste­me durch Ver­trä­ge und In­sti­tu­tio­nen, al­so durch Dia­log, me­ta­stasie­ren. Bahrs Dik­tum »Wan­del durch An­näherung« war nicht Selbst­zweck, son­dern nur Mit­tel zum Zweck ge­we­sen. Grass hat­te das Wort »Wan­del« ent­we­der über­le­sen oder als »Wan­del« im Sin­ne der Bun­des­re­pu­blik an die DDR und UdSSR in­ter­pre­tiert. Nichts war fal­scher als das. Hin­ter der Ost­po­li­tik der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on stand sehr wohl der Traum von der Ein­heit der bei­den deut­schen Staa­ten. Da­her wur­de sie von der Kohl-Re­gie­rung ab 1982 na­he­zu bruch­los wei­ter­ge­führt.

Jetzt nun das »Ge­dicht« »Was ge­sagt wer­den muss« – wel­ches ich im wei­te­ren Ver­lauf »Text« nen­nen wer­den, da es tat­säch­lich kein Ge­dicht ist, auch wenn der Au­tor es so nennt. Gün­ter Grass hat­te am 04. April in meh­re­ren Zei­tun­gen die­sen Text ver­öf­fent­licht. Er setz­te sich mit der dro­hen­den Kriegs­ge­fahr im Na­hen Osten aus­ein­an­der. Grass warn­te vor ei­nem is­rae­li­schen Erst­schlag auf die ver­mu­te­ten Atom­an­la­gen des Iran. Par­al­lel da­zu stell­te er die deut­sche Staats­rä­son, der be­din­gungs­lo­sen Un­ter­stüt­zung für Is­ra­el (in­klu­si­ve Waf­fen­lie­fe­run­gen), die, so Grass, aus der Ver­gan­gen­heit Deutsch­lands ab­ge­lei­tet wird, in­fra­ge und at­tackiert die west­li­che Heu­che­lei be­züg­lich der Pro­li­fe­ra­ti­on von Kern­waf­fen an Staa­ten.

Grass nimmt die Kern­re­ak­ti­on auf sei­nen Text in die­sem be­reits vor­weg: Er wur­de fast uni­so­no hef­tig kri­ti­siert. Nicht nur die bei­den Bel­li­zi­sten Hen­ryk M. Bro­der und Jo­sef Jof­fe be­zeich­ne­ten ihn als »An­ti­se­mi­ten«. Aus­ge­rech­net Jof­fe ver­stieg gar zu der Po­si­ti­on, da schrei­be je­mand die NPD-Wahl­pro­pa­gan­da ab und psy­cho­lo­gi­siert Grass mit gro­ßem Ei­fer (ein biss­chen ele­gan­ter ent­schraubt Frank Schirr­ma­cher das Werk­chen). Ein Jour­na­list ver­glich Grass’ Aus­sa­ge, Is­ra­el ge­fähr­de den Welt­frie­den, so­gar mit Hit­lers Pro­pa­gan­da der 1930er Jah­re. Manch­mal fragt man sich als Le­ser, wer die­se selbst­ge­wis­sen Jour­na­lis­mus­dar­stel­ler auch ein­mal auf die vir­tu­el­le Couch bet­tet, um sie ent­spre­chend zu ana­ly­sie­ren.

IV. Die Mu­ster­schü­ler

Aber es wä­re vor­ei­lig die­se über­schäu­men­den Re­ak­tio­nen, die Grass in ei­nem sel­ten dümm­li­chen Akt so­gar das Ein­rei­se­ver­bot nach Is­ra­el »ein­brach­te«, als Aus­weis für ei­ne Qua­li­tät von Grass’ Text zu se­hen. Es ist ja ge­ra­de das Er­schüt­tern­de, dass es sich noch nicht ein­mal um ein an­näh­rungs­wei­se sa­tis­fak­ti­ons­fä­hi­ges li­te­ra­ri­sches Do­ku­ment han­delt. Ge­ra­de das macht es den Kri­ti­kern ja so leicht. Um­so un­ver­ständ­li­cher, dass sie so­fort »An­ti­se­mi­tis­mus« ru­fen müs­sen. Als rei­che es nicht, Grass’ Feh­ler als sol­che her­aus­zu­stel­len.

Die Zu­wei­sung des An­ti­se­mi­tis­mus (bei Bro­der ist ein Her­um­fuch­teln) ist nicht nur ent­la­stend, son­dern er­höht zu­gleich auch die ei­ge­ne Po­si­ti­on. Man rich­tet nicht nur über die Ge­sin­nung der Per­son, son­dern über die­se sel­ber: sie wird als »An­ti­se­mit« ge­brand­markt. Das ist (noch? wie lan­ge noch?) die Höchst­stra­fe im Feuil­le­ton­ring (es gibt fast kei­ne Be­wäh­rung; im­mer wie­der wird sie als Stig­ma her­vor­ge­holt, wie neu­lich bei Mar­tin Walsers Ge­burts­tag). Beim Vor­wurf des »An­ti­se­mi­tis­mus« wird nicht nur die Un­schulds­ver­mu­tung au­ßer Kraft ge­setzt. Wer je­man­den als An­ti­se­mi­ten be­zeich­net, braucht kei­ne Ar­gu­men­te mehr (Jof­fe macht da durch sei­nen De­fi­ni­ti­ons­ver­such ei­ne Aus­nah­me). Be­son­ders fa­tal: Wer die­ser Zu­wei­sung wi­der­spricht, kann sich flugs sel­ber als »An­ti­se­mit« »ent­tarnt« se­hen. Wäh­rend­des­sen wer­den die so An­kla­gen­den so­fort in die woh­li­ge Ge­sin­nungs­ge­mein­schaft in­te­griert. Je mu­ster­schü­ler­haf­ter ein Kom­men­tar ist, de­sto hö­her der Di­stink­ti­ons­ge­winn.

Aber durch die stän­di­ge, in­fla­tio­nä­re (und zu­wei­len gro­tes­ke) Ver­wen­dung des Be­griffs wird die­ser tri­via­li­siert. Ähn­lich wie bei im­mer häu­fi­ger ge­zeig­ten Ge­walt- und Kriegs­bil­der stumpft der Re­zi­pi­ent ab. Die Fol­gen kön­nen fa­tal sein: In­mit­ten all der de­kla­rier­ten »An­ti­se­mi­ten« könn­ten die wirk­li­chen Has­ser un­ent­deckt blei­ben. Kier­ke­gaards Apho­ris­mus wei­ter­ent­wickelt: Wenn je­mand im­mer wie­der in ei­nem Raum »Feu­er« ruft, wird man nicht mehr auf ihn hö­ren, wenn es wirk­lich bren­nen soll­te.

V. Em­pa­thie für den Em­pa­thie­lo­sen

Grass mach­te nach der Re­zep­ti­on ei­nen zwei­ten Feh­ler (ne­ben sei­nem un­zu­läng­li­chen Text): Er gei­ßelt die »gleich­ge­schal­te­ten« Me­di­en – und dies mit In­ter­views für 3sat, die ARD, das ZDF und die Süd­deut­sche Zei­tung (ge­fühlt al­les an ei­nem Tag). Ver­schwö­run­gen kom­men je­doch äu­ßerst schlecht an. Zu­mal man Grass vor­hal­ten mag, dass er den pu­bli­zi­sti­schen Raum ja be­kom­me, al­so ex­akt das Ge­gen­teil von Gleich­schal­tung und Un­ter­drückung er­reicht sei. Grass’ Vor­wurf der »Gleich­schal­tung« be­zieht sich je­doch auf den tat­säch­lich uni­form da­her­kom­men­den Kom­men­tar­strom der Me­di­en, der ei­ne ar­gu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung zu­meist zu Gun­sten de­nun­zia­to­ri­scher Un­ter­stel­lun­gen er­setz­te bzw. mün­den ließ.

Die ak­tu­el­le Dis­kus­si­on ver­kennt: Grass’ di­ver­se, über Jahr­zehn­te fast un­zähl­ba­re po­li­ti­schen Stel­lung­nah­men wa­ren nie aus­ge­wo­gen. Sie zeig­ten im­mer sei­ne Sicht der Din­ge. Grass galt als prä­gend, was den Links­in­tel­lek­tua­lis­mus in Deutsch­land an­ging; er setz­te po­li­ti­sche Trends. Der päd­ago­gi­sche Zei­ge­fin­ger wuchs ihm da­bei mit der Zeit. Man dul­de­te die­sen nicht nur, son­dern be­för­der­te die­sen Zu­stand. Grass wur­de zum Vorzeige­intellektuellen Deutsch­lands; das Rau­nen über sei­ne doch eher ein­fa­che Welt­sicht galt schon fast als re­ak­tio­när. Auf Kri­tik re­gier­te Grass im­mer streng und wort­ge­wal­tig. Auf gro­be Kei­le setz­te er gro­be Klöt­ze (das Bild sel­ber stammt von Hel­mut Schmidt). Er teil­te nach Be­lie­ben aus und wähn­te sich da­bei im­mer auf der rich­ti­gen Sei­te; not­falls sti­li­sier­te er sich als »Op­fer«. Grass wur­de ge­mein­hin mehr als po­li­ti­scher Agi­ta­tor denn als Schrift­stel­ler wahr­ge­nom­men. Das än­der­te sich erst 1999 mit dem No­bel­preis.

2006 ge­stand er gut ver­steckt in »Beim Häu­ten der Zwie­bel«, als 17jähriger Mit­glied ei­ner Waf­fen-SS-Ein­heit ge­we­sen zu sein. Die Li­te­ra­tur­kri­tik hat­te das Buch nicht ge­le­sen, al­so be­durf­te es ei­nem FAZ-In­ter­view, um die ent­spre­chen­den Wo­gen aus­zu­lö­sen. Der ge­mei­ne Pö­bel sug­ge­rier­te, Grass ha­be sich frei­wil­lig zur SS ge­mel­det – so­weit ging das Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen, wel­ches sie vor­her bei – un­ter an­de­rem bei Grass – ge­lernt hat­ten. Bis heu­te küh­len hier­auf vor al­lem die Wohl­stands­kin­der an Grass ihr Müt­chen, de­ren exi­sten­ti­el­le Ent­schei­dun­gen vor al­lem dar­in be­stan­den ob sie nun ei­nen Geha- oder Pe­li­kan-Fül­ler ver­wen­den soll­ten. (Spä­ter wur­de dann noch das Pro­blem ge­löst, ob man lie­ber Pep­si oder Co­ca Co­la zu trin­ken ha­be.) Die Em­pa­thie mit dem jun­gen Grass un­ter­blieb – viel­leicht weil Grass sel­ber in sei­ner Un­er­bitt­lich­keit auch nie Em­pa­thie zu zei­gen be­reit war.

Grass bricht mit sei­nem Text­ge­dicht we­der ein Ta­bu, noch sagt er et­was grund­sätz­lich Neu­es. Der gro­ße Da­vid Gross­man zeig­te neu­lich in der FAZ, wie die Dis­kus­si­on um ei­nen mi­li­tä­ri­schen Erst­schlag ge­gen den Iran in Is­ra­el ge­führt wird. Es be­darf hier­zu kei­nes Gün­ter Grass – vor al­lem nicht in die­ser Form. Aber es wä­re nicht not­wen­dig ge­we­sen, durch die­sen Text die Per­son Grass der­art zu ver­un­glimp­fen. Der (in­kon­se­quen­te) An­ti­mi­li­ta­ris­mus ei­nes Gün­ter Grass (er be­für­wor­te­te den Ko­so­vo/­Ser­bi­en-Krieg im März 1999) mag na­iv sein – aber er ist mir al­le­mal lie­ber als das »Hurra«-Geschrei frü­he­rer deut­scher In­tel­lek­tu­el­ler, die sich (fast) im­mer wil­lig vor den Kar­ren des Krie­ges span­nen lie­ßen (die ja in un­heil­vol­ler Tra­di­ti­on im­mer zu »not­wen­di­gen« Erst­schlags­krie­gen de­kla­riert wur­den).

Was das »Ge­dicht« an­geht: Wie wä­re es mit Igno­rie­ren ge­we­sen?

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31 Kommentare zu »Wie wä­re es mit Igno­rie­ren ge­we­sen?«:

  1. Norbert sagt:

    Die­ser Bei­trag hebt sich sehr wohl­tu­end von den mei­sten Kom­men­ta­ren im Feuil­le­ton ab. Ihm kann man nur zu­stim­men. Viel­leicht zwei klei­ne Er­gän­zun­gen. Grass war schon in den 60 und 70er Jah­ren aus dem Main­stream der Schrift­stel­ler aus­ge­schert, als er ei­nen of­fe­nen Brief zu­sam­men mit Wof­diet­rich Schnur­re an An­na Seg­hers am 14. Au­gust 1961 schrieb und in sei­nem An­griff auf Hei­nar Kipp­hardt an­läß­lich der Auf­füh­rung des Schau­spiels »DraDra« an den Mün­che­ner Kam­mer­spie­len.
    Ei­ne letz­te Klei­nig­keit, Grass war An­ge­hö­ri­ger ei­ner Waf­fen-SS-Ein­heit, kein Mit­glied. Beim Mi­li­tär gibt es kei­ne Mit­glie­der, Mit­glie­der die­nen ja auch nicht.
    Noch­mals be­sten Dank für die her­vor­ra­gen­de Ana­ly­se.

    #1

  2. Peter sagt:

    Ich ha­be nie ver­stan­den, war­um Grass als Mah­ner und Ge­wis­sen der Na­ti­on sti­li­siert wur­de. Wie Hans-Olaf Hen­kel sich der schwarz-gel­ben Ko­ali­ti­on bis zur Pein­lich­keit an­ge­bie­dert hat­te, um dann bei der Wahl­kampf­par­ty an der Tür zu krat­zen und nicht ein­ge­las­sen zu wer­den, ver­such­te sich Grass als »Rat­ge­ber« zu sti­li­sie­ren, um dann bei Nicht­kon­sul­ta­ti­on nur noch als ein­ge­schnapp­ter Hecken­schüt­ze aus den Fen­stern heik­ler The­men Sim­pli­fi­zie­run­gen zu schie­ßen.

    Igno­rie­ren wä­re gut ge­we­sen. Wenn sich der Kreis im Al­ter wie­der schließt, hät­te man, wie man es bei Kin­dern macht, aus hö­he­rer War­te aber mit gu­tem Wil­len re­agie­ren kön­nen. So zei­gen die Re­ak­tio­nen im we­sent­li­chen nur, dass man sich auf glei­chem Ni­veau be­geg­net und trotz al­ler Be­teue­run­gen, dass es heu­te in Deutsch­land noch nicht mög­lich ist, an Is­ra­el Kri­tik zu üben. Und Bro­der plap­pert ge­fühlt zum tau­send­sten Mal sein Die-Deut­schen-wer­den-den-Ju­den-Aus­schwitz-nie-ver­zei­hen.

    Zwei An­mer­kun­gen ha­be ich noch. Dass Sie in dem Fu­ror noch die Ge­nau­ig­keit ha­ben Bölls Bil­lard um halb­zehn aus­zu­neh­men, nö­tig­te mir ein Zun­ge­schnal­zen ab. Und, Strauß war ge­fähr­lich.

    #2

  3. Ei­ne gro­sse Samm­lung [auch von an­de­ren Samm­lun­gen] von Re­ak­tio­nen auf das Grass Ge­dicht ist auf der oben-gen­n­an­tem Blog v0rzufinden.

    Die in­ter­es­san­te­sten Ver­tei­di­gun­gen von Grass sind Tho­mas Ans
    Gün­ter Grass und „Was ge­sagt wer­den muss“
    Klei­ne Ver­tei­di­gung ei­nes hef­tig at­tackier­ten Frie­dens­ge­dich­tes
    Von Tho­mas An­zRSS-News­feed neu­er Ar­ti­kel von Tho­mas Anz

    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

    und Ja­kob Aug­stein im Spie­gel
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

    so wie die Blogs im Der Frei­tag

    Von Ame­ri­ka­ni­scher Sicht aus ge­se­he­hen ist es sehr furcht­err­ge­gend den Druck zu be­ob­ach­ten den die Neo-Kon­ser­va­ti­ven Im­pe­ria­li­sten auf die Ame­ri­ka­ni­sche Re­ge­gie­run ausue­ben bei ei­nem Ue­ber­fall auf Iran Is­ra­el bei­zu­ste­hen oder so­fort mit­zu­ma­chen. Ich selbst wet­te, dass es nach der No­vem­ber Wahl schnell da­zu kommt, ob Obam­bi oder Ro­m­ney. Wenn ein nicht-Ge­dicht von Grass ge­nuegt die Deut­schen aus ih­rem Schlaf auf­zu­wecken, na und was schon dass auch Grass nicht voll­kom­men kon­se­quent ist. Dass Grass bei der SS ein­ge­zo­gen wur­de war im Ber­lin der 60ziger Jah­re be­kannt, schien aber nie­mand den ich kann­te et­was aus­zu­ma­chen. Ob das ei­ne so gro­sse Schan­de ist wie Hand­ke sie be­zeich­ne­te glau­be ich nicht, da Grass ja nicht SS Mo­er­der wur­de. Gro­sser Angst­ha­se schein­bar! Na­tu­er­lich wae­re es mir lie­be wenn der neu­ste Deut­sche Prae­si­dent das sel­be ge­sagt ha­et­te wie der Guen­ter Grass, aber Grass hat ja min­de­stens ein paar ganz schoe­ne Bue­cher und an­de­res schoe­nes ge­schrie­ben.

    #3

  4. blackconti sagt:

    „…Grass’ Vor­wurf der »Gleich­schal­tung« be­zieht sich je­doch auf den tat­säch­lich uni­form da­her­kom­men­den Kom­men­tar­strom der Me­di­en, der ei­ne ar­gu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung zu­meist zu Gun­sten de­nun­zia­to­ri­scher Un­ter­stel­lun­gen er­setz­te bzw. mün­den ließ.“
    Ge­nau die­ses schlag­ar­ti­ge ein­set­zen­de Auf­jau­len der Mei­nungs­ma­cher zeigt, dass Grass ein Ta­bu ge­bro­chen hat. Er hat es be­wusst ge­tan, er schreibt es ja selbst, und er hat den Ruf­mord ein­kal­ku­liert. Völ­lig un­er­heb­lich ist die künst­le­ri­sche Qua­li­tät sei­ner Mei­nungs­äu­ße­rung. Die Fak­ten, die er be­nennt sind rich­tig und des­halb ist sei­nen Kri­ti­kern je­de Ver­dre­hung des Wort­lau­tes und je­de per­sön­li­che Dif­fa­mie­rung recht, um ge­nau über die Fak­ten nicht dis­ku­tie­ren zu müs­sen. Ich bin froh, dass man Grass nicht so ein­fach igno­rie­ren konn­te.

    #4

  5. @Peter
    Ich hal­te tat­säch­lich »Bil­lard um halb­zehn« für ei­nes der be­sten deutsch­spra­chi­gen Ro­ma­ne der 50er/60er Jah­re. Da­nach kam von Böll au­ßer ein paar Er­zäh­lun­gen nicht mehr viel. Und eben mo­ra­lin­saures.

    Zu Strauß könn­te man viel sa­gen. Ich hat­te ihn da­mals auch nicht ge­wünscht und war über­zeug­ter Schmidt-Wäh­ler. Im letz­ten Mo­ment ver­fing dann der Mit­leids­wahl­kampf der FDP – wenn die un­ter 5% ge­blie­ben wä­ren, hät­te Strauß Kanz­ler wer­den kön­nen (ein As­pekt, den Grass nicht ein­mal in den »Kopf­ge­bur­ten« the­ma­ti­siert). Es war die FDP, die dann zwei Jah­re spä­ter zu Kohl wech­sel­te.

    Nach­träg­lich er­scheint Strauß viel­leicht in mil­de­rem Licht. Die Bun­des­re­pu­blik hät­te sich mit Si­cher­heit nicht wie Ber­lus­co­ni-Land ent­wickelt; et­li­ches wä­re aber wohl an­ders ge­lau­fen. Im üb­ri­gen glau­be ich bis heu­te, dass es ei­ne stra­te­gi­sche Mei­ster­lei­stung von Kohl war, sei­nen Wi­der­sa­cher durch An­die­nung der Kanz­ler­kan­di­da­tur auf qua­si ver­lo­re­nem Po­sten als Ri­va­le los­zu­wer­den.

    @blackconti
    Dass Grass ein oder meh­re­re Ta­bus ge­bro­chen hat, hal­te ich für ein Mär­chen. Die La­ge wird seit je­her so­wohl in Deutsch­land wie auch – vor al­lem und mit gro­ßer Ve­he­menz – in Is­ra­el dis­ku­tiert. Die Fak­ten, die Grass nennt, sich auch längst All­ge­mein­plät­ze ge­wor­den (Atom­macht; deut­sche Waf­fen­lie­fe­run­gen in Kri­sen­ge­bie­ten). Da­zwi­schen streut er al­ler­lei Ver­mu­tun­gen (»Aus­lö­schung« des ira­ni­schen Vol­kes) und Halb­wahr­hei­ten ein (als »Ver­ur­sa­cher der er­kenn­ba­ren Ge­fahr« wird Is­ra­el al­lei­ne ge­macht).

    Ich hal­te die Dis­kus­si­on um die künst­le­ri­sche Qua­li­tät die­ses Tex­tes nicht für un­er­heb­lich. Grass sagt bei­spiels­wei­se in ei­nem In­ter­view, er hät­te das Ge­dicht nicht über­frach­ten wol­len (sinn­ge­mäß). Das ist wo­mög­lich in­di­rekt der Grund für die schlam­pi­ge Ar­gu­men­ta­ti­ons­füh­rung. War­um al­so ein Ge­dicht (BTW: wo ist hier ein Rhyth­mus er­kenn­bar?) und kei­nen Es­say, der kla­re­re Wor­te spricht und vor al­lem Er­läu­te­run­gen gibt?

    #5

  6. Peter sagt:

    Das Pro­blem dem Text die Gat­tung Ge­dicht an­zu­la­sten, ha­be ich au­ßer we­gen dem feh­len­den ly­ri­schen Ton­fall, auf Grund der ei­nes jour­na­li­sti­schen Tex­tes glei­chen Wort­wahl. Nur das Schlüs­sel­wort »Maul­held« in Grass’ Text war für mich Ge­gen­in­di­ka­tor. Und tat­säch­lich lebt und stirbt die gan­ze Fra­ge­stel­lung da­mit, wie viel Re­le­vanz die Dro­hun­gen ge­gen Is­ra­el ha­ben. Man braucht nur den ame­ri­ka­ni­sche Wahl­kampf zu be­ob­ach­ten, um po­li­ti­sche Ent­glei­sun­gen al­ler Art zu fin­den, oh­ne das dies in­ter­na­tio­nal groß­ar­tig für ernst ge­nom­men wird. Da die Be­völ­ke­rung des Irans ge­bil­de­ter ist, als in al­len an­de­ren Län­dern der Re­gi­on und die jü­di­sche Tra­di­ti­on alt und fried­lich war/ist, stellt sich tat­säch­lich die Fra­ge, ob »Maul­held« den Mit­tel­punkt zu Un­gun­sten der Po­si­ti­on der is­rae­li­schen Re­gie­rung ver­schiebt.

    P.S. Eben weil Bil­lard um halb­zehn ei­nes mei­ner Er­weckungs­bü­cher war und heu­te noch in ei­nem Schrein ne­ben Halb­zeit, Deutsch­stun­de etc. steht, war ich für die Nen­nung dank­bar.

    #6

  7. @Peter
    Grass über­sieht, dass die Dro­hung der is­rae­li­schen Re­gie­rung ei­nen Erst­schlag durch­zu­füh­ren, Teil des Maul­hel­den­tums auf bei­den Sei­ten ist. Hier der Iran, des­sen Füh­rungs­re­prä­sen­tan­ten die Aus­lö­schung des »zio­ni­sti­schen Staa­tes« an­stre­ben – dort die­je­ni­gen, die ei­ner ato­ma­ren Be­waff­nung des Iran dem­nach vor­beu­gen wol­len. Die Fra­ge ist eben, ob der Klü­ge­re nicht ir­gend­wann vom Nach­ge­ben zum Han­deln ge­zwun­gen wird. Zum Kriegs­ge­klap­per ge­hört es im­mer auch, nichts aus­zu­schlie­ßen. Das Pro­blem kann dann ir­gend­wann sein, dass es ei­nen Au­to­ma­tis­mus gibt.

    Is­ra­el hat so et­was schon ein­mal ge­macht. Man zer­stör­te den ira­ki­schen Atom­re­ak­tor Osi­rak. Die Ak­ti­on fand da­mals – zu­meist hin­ter ver­steck­ter Hand – fast den un­ge­teil­ten Bei­fall auch in der Re­gi­on. Ak­tu­ell liegt der Fall an­ders, wie man im In­ter­view mit Mi­cha­el Lü­ders nach­le­sen kann.

    Die Lo­gik des Kal­ten Krie­ges, die Grass in In­ter­views be­müht, greift hier al­ler­dings m. E. nicht. Da­mals galt ja, dass der­je­ni­ge, der ei­nen ato­ma­ren Erst­schlag vor­nimmt, am En­de mas­si­ve­re Ver­gel­tung zu fürch­ten ha­be. Is­ra­el ist je­doch ein der­art klei­nes und dicht­be­sie­del­tes Land, dass es von ei­nem wie auch im­mer zu er­war­ten­den Atom­schlag groß­flä­chig kon­ta­mi­niert wä­re.

    Ich glau­be, dass je­de is­rae­li­sche Re­gie­rung der­art mar­tia­lisch auf­tre­ten wür­de; viel­leicht so­gar müss­te. Der Schlüs­sel liegt im Iran; die is­rae­li­schen Atom­waf­fen be­kommt man nicht kon­trol­liert. Die Ver­su­chung für den Iran, mit Atom­waf­fen Re­gio­nal­macht und qua­si un­an­greif­bar zu wer­den, ist na­tür­lich hoch – die Bei­spie­le (Nord­ko­rea; Pakistan/Indien) lie­gen auf der Hand.

    (Der Lö­sungs­vor­schlag von Grass ist wie­der ei­ne In­stru­men­ta­li­sie­rung des »Ge­dichts«. So et­was in ei­nem Es­say wür­de je­der völ­ker­recht­lich und geo­po­li­tisch aus­ein­an­der­pflücken.)

    #7

  8. Peter sagt:

    Ich glau­be nicht, dass ein ato­ma­rer Erst­schlag tat­säch­lich für ei­ne Par­tei (au­ßer für Ver­rück­te) zur Dis­po­si­ti­on steht/stünde, da po­li­ti­scher Selbst­mord. Da­her wä­re das Ver­gleichs­sze­na­rio nicht der kal­te Krieg, son­dern das Eu­ro­pa des spä­ten neun­zehn­ten Jahr­hun­derts.

    Von Li­by­en bis zum Iran ist die Si­tua­ti­on so vo­la­til und kom­plex wie lan­ge nicht mehr, so­dass sich we­sent­li­che Kraft­li­ni­en ver­schie­ben könn­ten. Schon der Schat­ten des End­spiels ums Öl wür­de die Si­tua­ti­on zum gor­di­sche Kno­ten ma­chen. Schlim­mer ist die schie­re An­zahl an Spie­lern, de­ren In­ter­es­sen für ei­nen Kom­pro­miss viel zu ver­schlun­gen sind.

    Be­stes Bei­spiel ist die Si­tua­ti­on in Sy­ri­en. Al­lein in die­sem schein­bar be­grenz­ten Kon­flikt spie­gelt sich die ge­sam­te Band­brei­te an In­ter­es­sen wie­der. Selbst der Tür­kei/PKK-Kon­flikt wird wie­der wie mit der Lu­pe ver­grö­ßert.

    Un­ter die­ser Prä­mis­se wä­re ein Erst­schlag Is­ra­els kei­ne prä­ven­ti­ve Ver­tei­di­gung, son­dern rei­ne He­ge­mo­ni­al­po­li­tik und über das Leid der sy­ri­schen Be­völ­ke­rung wei­nen nur Kro­ko­di­le. Schwei­gen hilft da nicht, aber Schrei­ben glau­be ich auch nicht mehr.

    #8

  9. blackconti sagt:

    @Gregor – Kein Ta­bu, ok., aber ei­ne still­schwei­gen­de Über­ein­kunft, qua­si aus Staats­rä­son (Mer­kel), dass is­rae­li­sches Re­gie­rungs­han­deln in Deutsch­land me­di­al im­mer mit wohl­wol­len­dem Ver­ständ­nis be­glei­tet wird. Die Dis­kus­sio­nen, die im Pri­va­ten, d.h. auch bei Dir oder mir im Blog statt­fin­den oder -fan­den, zäh­len da wirk­lich nicht. Grass hat die­se Selbst­be­schrän­kung ge­bro­chen, Gott sei Dank, und ist nun der ge­ball­ten Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gne aus­ge­setzt. Die kläf­fen­de Meu­te ist doch auch Dir auf­ge­fal­len.

    Ach ja, das Aus­lö­schen! Grass be­fürch­tet, dass ein is­rae­li­scher Erst­schlag das ira­ni­sche Volk aus­lö­schen KÖNNTE. Im Fal­le ei­ner krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung ist dies ja nicht gänz­lich von der Hand zu wei­sen. Is­ra­el hat schließ­lich Atom­waf­fen und je nach dem, wie der Krieg so läuft, könn­ten die­se ja auch ein­ge­setzt wer­den. Selbst her­kömm­li­che Bom­ben auf Nu­kle­ar­an­la­gen kön­nen gan­ze Land­stri­che un­be­wohn­bar ma­chen. Grass-Kri­ti­ker las­sen dann die­sen Kon­junk­tiv ein­fach weg und be­haup­ten, Grass wür­de be­haup­ten, die Is­rae­lis woll­ten das ira­ni­sche Volk aus­lö­schen. Das ist na­tür­lich Schwach­sinn, aber zum Be­weis, dass Grass ein al­ter Esel ist, dient so ei­ne drei­ste Ver­dre­hung al­le­mal.

    War­um ein „Ge­dicht“ und kein Es­say? Ich glau­be, dass Grass, ah­nend was er aus­lö­sen wür­de, im Kunst­pro­dukt Ge­dicht ei­nen ge­wis­sen Schutz­schirm sah. Dass dies nicht be­son­ders ge­lun­gen ist und nun je­der bös­wil­li­gen In­ter­pre­ta­ti­on Tür und Tor öff­net, hät­te er be­den­ken müs­sen. Hat er aber nicht.

    #9

  10. Gross­man lie­fer­te ei­ne de­zi­dier­te po­li­ti­sche Ana­ly­se. Grass schreibt ein schwam­mi­ges po­li­ti­sches Ge­dicht. Der Prä­zep­tor Ger­ma­niae nutzt die Ly­rik, um ich­süch­tig und un­dif­fe­ren­ziert sein zu dür­fen.Joa­chim Gün­ter un­auf­ge­regt in der NZZ.

    Die ly­ri­sche Form dürf­te tat­säch­lich ei­ne Art Im­mu­ni­sie­rungs­stra­te­gie sein. Ich emp­fin­de die Spra­che als stark rhyth­mi­siert, selbst wenn man sie oh­ne Um­bruch liest.

    #10

  11. Bernd Boeske sagt:

    Herr Keu­sch­nig, ich bin nicht ein­ver­stan­den mit Ih­rem Ver­riß, der si­cher nur Grass’ Text­ge­dicht tref­fen soll­te, aber tat­säch­lich den gan­zen Schrift­stel­ler in sei­ner po­li­ti­schen wie li­te­ra­ri­schen Be­deu­tung her­un­ter­spielt trotz Ih­rer auch dif­fe­ren­zier­ten Sicht als Li­te­ra­tur­ken­ner. Mein Gott, Deutsch­land, wer ist denn hier noch ein be­deu­ten­der Schrift­stel­ler ?!

    Mei­ne Sa­che ist nicht die Be­ur­tei­lung der li­te­ra­ri­schen Qua­li­tät von Poe­sie oder Pro­sa. Aber ich er­grei­fe aus­drück­lich Par­tei für Grass, wenn es um un­se­re Na­ti­on geht, dar­um, ob wir ei­ner frem­den Atom­macht die mo­bi­len Ab­schuß­ram­pen für Nu­kle­ar­spreng­köp­fe oder auch nur für „kon­ven­tio­nel­le“ Bom­ben lie­fern.

    Selbst­ver­ständ­lich, uns Deut­schen könn­te es gleich­gül­tig blei­ben, was der eher fer­ne sou­ve­rä­ne Staat Is­ra­el tut und wir si­chern im ei­ge­nen Land durch Rü­stungs­ex­por­te Ar­beits­plät­ze … Lei­der gibt es da ein paar Pro­blem­fel­der, in die Deutsch­land sehr schnell auch hin­ein­ge­zo­gen wer­den könn­te, in de­nen es ei­gent­lich schon drin­steckt ... Wer das ira­ni­sche Atom­pro­gramm stop­pen will, irrt sich, wenn er glaubt, dies mit mi­li­tä­ri­scher Ge­walt ver­hin­dern zu kön­nen, wie es Da­vid Gross­man rich­tig sieht. Geht es wirk­lich um den mög­li­chen ira­ni­schen Be­sitz der Atom­bom­be ? Was än­der­te die­ser Be­sitz am Ver­hal­ten der Staa­ten Is­ra­el und Iran ?! Is­ra­el hat die Bom­be, al­so wer­den sei­ne Geg­ner de­ren Be­sitz auch an­stre­ben, wenn dies mög­lich er­scheint. Aber hat der Iran schließ­lich die Bom­be, dann ist kei­ne kon­ven­tio­nel­le Kriegs­hand­lung oder In­ter­ven­ti­on ge­gen die­sen Staat mehr mög­lich.
    Spä­te­stens dann näm­lich, wenn der We­sten das Mul­lah-Re­gime im Iran weg­ha­ben will, weil es tat­säch­lich ums Öl und un­er­meß­li­che son­sti­ge Res­sour­cen geht so­wie um ei­ne mi­li­tä­risch stra­te­gi­sche Dreh­schei­be im Mitt­le­ren Osten, dann soll­ten wir vor­sich­tig sein, denn letzt­end­lich läuft al­les nur auf ei­nen Re­gime­wech­sel hin­aus, nicht aber auf ei­ne Ver­tei­di­gung des Exi­stenz­rechts Is­ra­els oder un­se­rer Frei­heit. Der Staat Is­ra­el mach­te sich schon ein­mal zur Speer­spit­ze Frank­reichs und Groß­bri­tan­ni­ens nach Ver­staat­li­chung des Su­ez­ka­nals durch Ägyp­ten. Auch da­mals sti­li­sier­te die west­li­che und is­rae­li­sche Pro­pa­gan­da Ägyp­tens Staats­chef Nas­ser zu ei­nem neu­en Hit­ler hoch. Der Staat Is­ra­el mach­te sich und sei­nen Bür­gern im­mer wie­der mit der hi­sto­ri­schen Angst selbst et­was vor, oh­ne daß ei­ne rea­le Be­dro­hung be­stand. Kommt es aber zu ei­nem Krieg Is­ra­els, der USA und der NA­TO-Staa­ten ge­gen den Iran, dann dür­fen auch Deut­sche die­ses Mal ganz vorn mit­mar­schie­ren, denn es wird ein gro­ßer Krieg un­ter Be­tei­li­gung al­ler Waf­fen­gat­tun­gen sein ...

    Von den ge­lie­fer­ten deut­schen U-Boo­ten kann ein „Prä­ven­tiv“- wie auch ein Erst­schlag er­fol­gen, oh­ne daß die­se in den Golf ein­fah­ren müß­ten.

    http://www.youtube.com/watch?v=B5VcnCZ6Pv0

    So wür­de ein „kon­ven­tio­nel­ler Prä­ven­tiv“ – aber auch ein ato­ma­rer Erst­schlag funk­tio­nie­ren. Der Marsch­flug­kör­per des Films könn­te auch mit ei­ner nu­klea­ren La­dung flie­gen oder er­setzt wer­den durch Mit­tel-oder Kurz­strecken­ra­ke­ten. Ein Marsch­flug­kör­per kann et­wa 1500 km flie­gen und zen­ti­me­ter­ge­nau ins Ziel ge­steu­ert wer­den wie in ei­nem Com­pu­ter­spiel.

    Wie das deut­sche Volk wirk­lich ent­ge­gen dem Main­stream der Mas­sen­me­di­en denkt, kann man schön in den bei­den ARD-Nach­rich­ten-Blogs nach­le­sen, die ge­schlos­sen wer­den muß­ten, weil un­se­re Jour­nail­le eben für Kon­for­mis­mus und Pro­pa­gan­da be­zahlt wird und kei­ne Ge­gen­dar­stel­lun­gen der Be­völ­ke­rung dul­den darf. Das ZDF traut sich erst gar nicht per Blog zu er­wäh­nen und dis­ku­tie­ren zu las­sen, daß es je­mand wag­te, zu sa­gen, was ge­sagt wer­den muß, we­gen der an­geb­li­chen rechts­ra­di­ka­len Ge­fahr und po­li­ti­schen Un­rei­fe der deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen ...

    #11

  12. blackconti sagt:

    @Bernd Boes­ke – Ich un­ter­schrei­be fast al­les, fast, denn „…und kei­ne Ge­gen­dar­stel­lun­gen der Be­völ­ke­rung dul­den darf.“ stimmt so na­tür­lich nicht, wie man an den vie­len Le­ser­kom­men­ta­ren se­hen kann, die Grass zu­stim­men. In­zwi­schen fra­ge ich mich schon, ob hier nicht über Ban­de ge­spielt wird und man den ge­mei­nen Le­ser da­zu be­nutzt, et­was aus­zu­spre­chen, was man sich of­fi­zi­ell ver­knei­fen muss.

    #12

  13. @Bernd Boes­ke / black­con­ti
    Mei­ne Ab­sicht war es ge­ra­de nicht, Grass als Li­te­rat zu dis­kre­di­tie­ren, son­dern es war ein Ver­such, sei­ne po­li­ti­schen En­ga­ge­ments, die zu­meist wohl­feil und dem lin­ken Estab­lish­ment nach dem Mund ge­re­det wa­ren, her­aus­zu­stel­len. Wenn ich nun sa­ge, dass die­ses Ge­dicht ein schlech­tes Ge­dicht ist, so greift dies – mei­nes Er­ach­tens – noch nicht die Per­son an. Wo kä­men wir da­hin, wenn so et­was nicht ge­stat­tet sein soll? Das Pro­blem ist viel­mehr, dass Grass lan­ge Zeit als gu­ter Schrift­stel­ler galt (bzw. noch gilt), weil er po­li­tisch ei­ne be­stimm­te Mei­nung bzw. be­stimm­te Mei­nun­gen ver­trat. Bei mir ist es eher um­ge­kehrt: Er ist ein gro­ßer Schrift­stel­ler, trotz sei­ner po­li­tisch manch­mal ha­ne­bü­chen­den Ein­las­sun­gen.

    Es ist ei­ner­seits na­tür­lich klar, dass der Kon­flikt um das ira­ni­sche Atom­pro­gramm dau­er­haft nicht mi­li­tä­risch lös­bar ist. Aber als Ul­ti­ma Ra­tio muss in Ver­hand­lun­gen auch ein sol­cher Weg min­de­stens an­ge­droht wer­den könn­te. Dass sich Is­ra­el be­droht fühlt, ist nach­zu­voll­zie­hen. Ob man nun ei­ne der­art bel­li­zi­sti­sche Rhe­to­rik öf­fent­lich ma­chen muss, zweif­le ich al­ler­dings stark an. Es ge­hört aber wohl da­zu, dass sich das klei­ne Land mit gro­ßen Wor­ten dar­zu­stel­len glaubt. In ver­trau­li­chen Ver­hand­lun­gen hät­te man dies ziel­füh­ren­der an­brin­gen kön­nen, zu­mal die Pro­vo­ka­tio­nen den in­ne­ren Zu­sam­men­halt des Mul­lah-Re­gimes im Iran ze­men­tie­ren.

    Grass hät­te in ei­nem Es­say die »Heu­che­lei« des We­stens was die Atom­be­waff­nung an­de­rer Län­der an­geht, durch­aus prä­zi­sie­ren kön­nen. Aber auch das wä­re über­haupt nicht neu und ist seit Jah­ren be­kannt. Der is­rae­lisch-ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­hi­sto­ri­ker Mar­tin van Creveld hat dar­über ein sehr in­struk­ti­ves Buch ge­schrie­ben. Mitt­ler­wei­le lie­gen -zig Ar­ti­kel, Es­says und Kom­men­ta­re hier­zu vor. Tat­sa­che ist: Wer Atom­waf­fen hat, lebt ge­schütz­ter von den In­ter­es­sen der Groß­mäch­te (USA, Russ­land, Chi­na). Wo­hin Ab­rü­stun­gen un­ter in­ter­na­tio­na­ler Kon­trol­le füh­ren, hat man am Bei­spiel des Irak ge­se­hen. Als das Ver­bre­cher­re­gime von Sad­dam Hus­sein ab­ge­rü­stet war, hat man es we­ni­ge Jah­re spä­ter an­ge­grif­fen. Kon­trol­len sind al­so nicht at­trak­tiv – sie wä­ren es im üb­ri­gen auch für Is­ra­el nicht. Grass mag sei­nen Vor­schlag ge­recht fin­den oder gar neu – er ist in sei­ner Nai­vi­tät lä­cher­lich. Ge­ra­de hier­in liegt ei­ner der Schwä­chen von Grass’ Äu­ße­run­gen: Ei­ner­seits will er der schlaue Blitz­mer­ker sein – an­de­rer­seits spielt er den nai­ven po­li­ti­schen Kom­men­ta­tor. Bei­des zu­sam­men funk­tio­niert aber nicht. Grass miss­braucht hier die Form des Ge­dichts.

    Ähn­lich ist die Ar­gu­men­ta­ti­on mit Grass’ Kon­junk­tiv. Das ist un­ge­fähr das zweit­schlech­te­ste Vor­ge­hen: Ei­nen Sach­ver­halt da­hin­ge­hend gleich wie­der zu­rück­neh­men, in dem man ei­nen Kon­junk­tiv ein­schal­tet. Der Text ist voll da­von: die Be­tei­li­gung Deutsch­lands; die »Aus­lö­schung« des ira­ni­schen Vol­kes; das Spie­len mit dem Aus­bruch ei­nes Drit­ten Welt­krie­ges. Die rhe­to­ri­sche Apo­ka­lyp­sen­ma­schi­ne läuft und läuft und läuft. Grass wie im­mer: Strauß ist ge­fähr­lich; Kohl ist Bis­marck; Is­ra­el be­droht den Welt­frie­den.

    Re­al­po­li­tisch be­trach­tet: Was wür­de ge­sche­hen, wenn Is­ra­el die mi­li­tä­ri­sche Dro­hung vom Tisch neh­men wür­de? Wür­de dann der Iran auf den Bau ei­ner Atom­bom­be eben­falls ver­zich­ten?

    #13

  14. Bernd Boeske sagt:

    @blackconti 

    Aber selbst­ver­ständ­lich un­ter­band die ARD die Fort­set­zung der Blogs, um ei­ne Ge­gen­dar­stel­lung zu un­ter­bin­den, die ei­ner sta­ti­sti­schen Wer­tig­keit im Sin­ne von Volks­re­prä­sen­ta­ti­on ent­spro­chen hät­te. Sehr we­nig Sub­stanz zeig­ten die
    Kom­men­ta­to­ren, die den ein­lei­ten­den ARD-Kom­men­tar un­ter­stütz­ten …, aber was tut man , ob­gleich im Be­sitz des Mei­nungs­mo­no­pols, wenn die­ses nun ganz kon­kret in Fra­ge ge­stellt wird ? Ganz ein­fach, man zeigt, wer die Macht hat, aber oh­ne das of­fen aus­zu­spre­chen ... Man muß hier auch se­hen, daß die Kom­men­ta­re auf 1000 Zei­chen be­grenzt sind, und daß die Le­ben­dig­keit der Dis­kus­si­on durch das Feh­len ei­ner di­rek­ten Ant­wort­mög­lich­keit recht ein­ge­schränkt ist.

    #14

  15. Bernd Boeske sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig 

    Nun ja, geht die Fra­ge nach der Qua­li­tät ei­nes Ge­dichts nicht schon an un­se­rer Welt vor­bei, wenn die Re­ak­tio­nen so hef­tig aus­fal­len ? Gün­ter Grass hat ein The­ma auf­ge­grif­fen, das die Fra­ge nach Krieg oder Frie­den auf­wirft – nicht für ei­ne ir­gend­ei­ne Ver­gan­gen­heit, son­dern für uns jetzt und hier Le­ben­de. Was kann noch form­spren­gen­der sein als ein sol­cher In­halt, der die Ge­mü­ter so er­regt, als sei Deutsch­land bald selbst Teil ei­ner gro­ßen ge­walt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung ? Die po­si­ti­ven wie ne­ga­ti­ven Re­ak­tio­nen sind mei­ner Mei­nung nach Be­stä­ti­gung für die Wich­tig­keit des Ge­dichts, denn es er­scheint zu­dem in ei­ner Si­tua­ti­on, da in Is­ra­el und in den USA re­la­tiv of­fen die Kriegs-Sze­na­ri­os durch­ge­spielt wur­den, die ei­nen er­sten Mi­li­tär­schlag – wie im­mer dann ge­nannt – Is­ra­els vor­aus­set­zen für je­des wei­te­re Ge­sche­hen ... Und zu den dann zu ver­kraf­ten­den bit­te­ren Wahr­hei­ten wird wohl die deut­sche Be­tei­li­gung am Krieg ge­gen den Iran ge­hö­ren ... Die Apo­ka­lyp­se hat lei­der mit der Pro­pa­gan­da der Mas­sen­me­di­en ge­gen Gün­ter Grass und sein Ge­dicht längst be­gon­nen ...

    Deutsch­land ist lei­der nicht nur mit sei­nen Rü­stungs­ex­por­ten in­vol­viert. Die ge­sam­te Po­li­tik und Au­ßen­po­li­tik un­se­res Staa­tes und der eta­blier­ten Par­tei­en be­han­delt Is­ra­el als Son­der­fall, d.h. als sei es ei­ne deut­sche Ver­pflich­tung, die­sem Staat im­mer Son­der­kon­di­tio­nen, ob in mo­ra­li­scher, po­li­ti­scher, kom­mer­zi­el­ler oder mi­li­tä­ri­scher Hin­sicht, ein­zu­räu­men. Nur so auch wer­den die ei­gent­lich von der Völ­ker­ge­mein­schaft un­ter­sag­ten Rü­stungs­ex­por­te nach Is­ra­el, das nun mal in ei­ner Kri­sen­re­gi­on liegt, ge­recht­fer­tigt. Als la­ste ewi­ge Schuld auf Deutsch­land, als gä­be es tat­säch­lich ein aus­er­wähl­tes Volk, als gä­be es den ewi­gen Ju­den, der nun nicht mehr vom Tä­ter­stand­ort als ne­ga­ti­ve Ge­stalt dar­ge­stellt wird, da­für aber aus der Er­schrocken­heit der Tä­ter­kin­der ängst­lich be­ur­teilt und im­mer für gut be­fun­den wer­den muß. In zehn Jah­ren wird es kei­ne NS-Tä­ter und kei­ne NS-Op­fer mehr ge­ben und schon wer­den selbst die Tä­ter-und Op­fer­kin­der alt, so daß sie im po­li­ti­schen Ge­sche­hen schon bald kei­ne Rol­le mehr spie­len wer­den. Es exi­stiert kein Op­fer­volk mehr und im­mer noch spricht man von Schuld und Ver­pflich­tung. Mag sein, daß es in Deutsch­land noch ei­ni­ge Men­schen gibt, die nicht ver­stan­den ha­ben, wel­che tat­säch­li­che Schuld sich un­ser Land mit den Na­zis und ih­ren Ver­bre­chen einst auf­lud, und daß es dar­aus für im­mer zu ler­nen gilt. Des­halb darf nichts ver­ges­sen sein. Die Kon­se­quenz darf al­ler­dings nicht dar­in be­stehen, jeg­li­chen Fehl­tritt und jeg­lich ge­plan­ten Fehl­tritt des Staa­tes Is­ra­el vor­aus­ei­lend we­nig­stens als ge­recht­fer­tigt hin­zu­neh­men. Wäh­rend des „Kal­ten Krie­ges“ fühl­te sich je­de Sei­te be­droht von der an­de­ren und wur­de ent­spre­chend hier wie da Pro­pa­gan­da ge­gen das je­weils ei­ge­ne Volk be­trie­ben, daß man nur ab­la­chen kann über all den Un­sinn, der da wie hier ver­brei­tet wur­de; aber nie­mals kam der Ge­dan­ke ei­nes „Prä­ven­tiv“- oder Erst­schla­ges zur Aus­füh­rung. Is­ra­el re­det nicht, es droht, es ver­han­delt nicht, pro­vo­ziert aber die is­la­mi­sche Welt wei­ter mit sei­ner Sied­lungs­po­li­tik.

    Was zum Be­sitz von Atom­waf­fen zu sa­gen war, sag­te ich ge­stern in mei­nem er­sten Bei­trag hier. Je­der will die Bom­be, um sich den Geg­ner vom Leib zu hal­ten. Selbst­ver­ständ­lich wür­de der Iran wei­ter­hin sein Atom­pro­gramm ver­fol­gen, ob dies nun tat­säch­lich den Bau ei­ner Bom­be be­deu­tet oder nicht – . Is­ra­els bis­her nur ver­ba­le Dro­hung ba­siert auf dem rea­len Be­sitz von Atom­waf­fen und so will auch der Iran si­cher­lich die­se Dro­hun­gen neu­tra­li­sie­ren und zu­gleich da­mit ei­ne In­ter­ven­ti­ons­mög­lich­keit ver­hin­dern, wie schon oben be­schrie­ben. Ich se­he Is­ra­el schon auf­grund der wirt­schaft­li­chen und fi­nan­zi­el­len Ver­flech­tun­gen eher als den un­ge­zo­ge­nen Zög­ling und Voll­strecker des Wil­lens der USA und West­eu­ro­pas. Auch muß Is­ra­el we­gen der mi­li­tä­ri­schen Ab­hän­gig­keit von den Ame­ri­ka­nern sehr vor­sich­tig sein. Nach der letz­ten Stabs­übung des US-Mi­li­tärs, die ne­ga­tiv für den We­sten ent­schie­den wur­de, ru­der­te Is­ra­el erst mal zu­rück und war­tet, bis das US-Mi­li­tär und die Ver­bün­de­ten wie­der voll ein­satz­be­reit sind ...

    #15

  16. Doktor D sagt:

    Zum Schlie­ßen der Kom­men­tar­funk­ti­on in den ARD-Blogs: Das pas­siert mit schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit bei The­men, bei de­nen sich das »ge­sun­de Volks­emp­fin­den« aufs wi­der­lich­ste Bahn bricht – und mei­nes Er­ach­tens auch völ­lig zu­recht. Mitt­ler­wei­le weiß man so­gar bei Welt und FAZ, dass Kom­men­ta­re mo­de­riert wer­den müs­sen, wenn man nicht ganz schnell auf dem Ni­veau ei­ner Bur­schen­schafts-Klo­wand an­kom­men will. Wenn dann der Mo­de­ra­ti­ons­auf­wand mit dem in­halt­li­chen Ge­winn in kei­nem Ver­hält­nis mehr steht, macht man am sinn­voll­sten dicht. Wer drin­gend der Welt sei­ne Mei­nung mit­tei­len möch­te, kann heut­zu­ta­ge ja ratz­fatz sein ei­ge­nes Blog auf­ma­chen.

    #16

  17. Bernd Boeske sagt:

    @ Dok­tor D

    Ihr Bei­trag spricht ein Pro­blem an, das ir­gend­wie ge­löst wer­den muß, aber nicht so, wie das ARD und ZDF vor­ma­chen. An­son­sten soll man ru­hig auf die Er­stel­lung von Blogs ver­zich­ten.
    Mei­ner Mei­nung nach soll­te die An­ony­mi­tät fal­len, hin­ter der sich al­le ver­stecken und die da­zu ver­lei­tet, ein we­nig hem­mungs-wie ni­veau­los zu schrei­ben, was ei­nem in den Sinn oder Un­sinn kommt.

    Das grö­ße­re Pro­blem, das es zu lö­sen gilt, ist aber die In­kon­se­quenz mit der ge­bloggt wird. Da­mit mei­ne ich die Gleich­gül­tig­keit und den Ver­such, le­dig­lich die Lan­ge­wei­le zu be­wäl­ti­gen.

    Nicht je­der darf üb­ri­gens in Deutsch­land ei­ne Blog-Sei­te auf­ma­chen, weil z.B. die Te­le­kom die drei nö­ti­gen Schlüs­sel­wör­ter nicht raus­rücken will ...

    #17

  18. @Bernd Boes­ke
    Mei­ne lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung mit Klar­na­men­dis­kus­sio­nen sagt, dass die­se Be­lei­di­gun­gen und per­sön­li­che An­grif­fe nicht ver­hin­dern. Ge­ne­rell ist das aber Sa­che des Be­trei­bers der ent­spre­chen­den Sei­te. An­son­sten spricht m.E. nichts ge­gen ein kon­se­quent ver­wen­de­tes Pseud­onym, das dem Schutz der Per­son dient.

    Blogs die ei­nem nicht ge­fal­len, liest man ein­fach nicht.

    #18

  19. Bernd Boeske sagt:

    @ me­tep­si­lo­n­e­ma

    Mei­ner Mei­nung nach soll es im­mer um die Sa­che bzw. In­hal­te ge­hen, und ich sel­ber glau­be des­halb an die Kunst der Über­zeu­gung durch Ar­gu­men­ta­ti­on, die man frei­lich er­ler­nen muß und zu der man an­de­re – spre­chen wir ru­hig das gro­ße Wort aus – er­zie­hen muß durch ei­ne ei­ser­ne Dis­zi­plin der Zu­rück­hal­tung. Da das nicht pro­blem­los ge­lin­gen kann, be­darf es al­so auch der ei­ge­nen Er­zie­hung wie­der­um durch an­de­re. Im­mer aber soll die Sa­che im Mit­tel­punkt ste­hen und nicht die ver­meint­li­che oder wirk­li­che Un­zu­läng­lich­keit der Dis­kus­si­ons­part­ner. Man kann manch­mal von Men­schen ler­nen, die man zu­vor für däm­lich ge­hal­ten hat, und man kann das, weil man sich zu­rück­hielt mit dem per­sön­li­chen An­griff, zu dem man viel­leicht auch bloß pro­vo­ziert wer­den soll­te … Was zum Wi­der­spruch oder auch nur zur Er­gän­zung reizt, for­dert ei­ne Ant­wort her­aus, de­ren Qua­li­fi­ka­ti­on sich nicht al­lein aus der Ab­leh­nung ab­lei­ten darf, viel­mehr aus dem Wil­len, sich mit der Sa­che auch mal an­ders aus­ein­an­der­zu­set­zen als bis­her prak­ti­ziert. Wä­re ich mit Gre­gor Keu­sch­nigs ein­lei­ten­den Kom­men­tar ein­ver­stan­den ge­we­sen, dann hät­te ich mich hier nicht be­tei­ligt. Man ver­schließt sich neu­en Ein­sich­ten, wenn man ein­fach aus­klam­mert, was ei­nem nicht ge­fällt. An­de­rer­seits gibt es auch Gren­zen der To­le­ranz und so­mit der Ver­stän­di­gung, aber das soll­te, so bleibt zu hof­fen, eher die Aus­nah­me als die Re­gel sein ...

    #19

  20. @Bernd Boes­ke
    Ich se­he das zwar nicht grund­sätz­lich, aber doch ein we­nig an­ders: Es kann durch­aus sinn­voll sein Emo­tio­nen oder As­pek­te ei­ner Per­son zu the­ma­ti­sie­ren und man braucht sie kei­nes­wegs zu un­ter­drücken (es geht da­bei eher um das wie: Zu­rück­hal­tung, ja). Frei­lich soll dem Ar­gu­ment, in ei­nem the­ma­ti­schen Kon­text wie hier, ein kla­rer Vor­rang ein­ge­räumt wer­den. Das al­ler­wich­tig­ste ist m.E. im Au­ge zu be­hal­ten, dass es kei­ne sprach­li­che Ein­deu­tig­keit und vie­le dif­fe­rie­ren­de Ver­ständ­nis­se gibt. Vie­le an­fangs »fried­li­che« Dis­kus­sio­nen fal­len nicht des­halb aus­ein­an­der, weil das mit bö­ser Ab­sicht ver­sucht wur­de.

    Von Über­zeu­gung hal­te ich über­haupt nichts, ge­ra­de in ei­nem schrift­li­chen Me­di­um wie hier. Wir tau­schen un­se­re Ar­gu­men­te aus und je­der kann sich un­ab­hän­gig da­von sei­ne Mei­nung bil­den, kei­ner von – z.B. uns bei­den – muss be­stim­men oder fest­le­gen wer recht hat (aus dem nicht Locker-las­sen-kön­nen ent­ste­hen oft Kon­flik­te).

    Trotz­dem: Es geht im­mer wie­der mal schief.

    #20

  21. Doktor D sagt:

    @Bernd Boes­ke und et­was OT:

    Nicht je­der darf üb­ri­gens in Deutsch­land ei­ne Blog-Sei­te auf­ma­chen, weil z.B. die Te­le­kom die drei nö­ti­gen Schlüs­sel­wör­ter nicht raus­rücken will …

    Uuh, wie kommt das denn? Mit ei­nem Zug­anz zum In­ter­net kann man doch via di­ver­ser Dienst­lei­ster, die auch den Webspace be­reit­stel­len, ein­fach los­le­gen? Oder man mie­tet sich Webspace? So lief’s je­den­falls bei mir. Klar, wenn man rasch sehr be­liebt wird, wird das teu­er oh­ne Wer­bei­nah­men, aber so von jetzt auf gleich toll läuft das ja nicht...

    #21

  22. Bernd Boeske sagt:

    @metepsilonema

    Weil ich das Locker-las­sen kann, möch­te ich be­schwich­ti­gen, aber weil es auch so et­was wie ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis und Wahr­heit gibt, möch­te ich das Über­zeu­gen ver­tei­di­gen.
    Wenn es kei­ne sprach­li­che Ein­deu­tig­keit und vie­le dif­fe­rie­ren­de Ver­ständ­nis­se gibt, wie Sie mei­nen, dann gab es auch kei­nen aus­rei­chen­den Mei­nungs­aus­tausch zu­vor. Sie ha­ben un­be­dingt recht, wenn Sie von der Ober­fläch­lich­keit des all­ge­mei­nen Blog-Be­triebs im In­ter­net aus­ge­hen. Ja, es ist rich­tig, wenn ich mich nicht ein­ge­hend mit ei­ner In­for­ma­ti­on oder Mei­nung aus­ein­an­der­set­ze, dann kann es pas­sie­ren, daß ich am an­de­ren un­be­ab­sich­tigt vor­bei­re­de oder ihn un­ge­recht­fer­tigt an­grei­fe, vom Per­sön­lich­wer­den mal ganz ab­ge­se­hen.
    Die Ober­fläch­lich­keit des all­ge­mei­nen Blog-Be­triebs im In­ter­net er­zeugt oft je­ne Streit­at­mo­sphä­re, un­pro­duk­tiv und un­sach­lich, die zu ei­nem blo­ßen Schlag­ab­tausch führt, um bloß­zu­stel­len, zu bla­mie­ren und lä­cher­lich zu ma­chen, um zu de­mü­ti­gen, um zu ver­höh­nen oder ein­fach nur, um der Recht­ha­be­rei wil­len, je­doch kaum we­gen ir­gend­ei­ner sach­dien­li­chen Ziel­set­zung – so ei­ne „Über­zeu­gungs­ar­beit“ mein­te ich al­ler­dings auch nicht.
    Es ist auch klar, oh­ne ei­ne ge­wis­se Sub­jek­ti­vi­tät, die mit Emo­tio­nen ein­her­geht, läßt sich vie­les gar nicht be­wäl­ti­gen, weil z.B. ein klei­ner Spaß man­ches bes­ser er­klä­ren kann als gro­ße ge­lehr­te Wor­te. Das Freund­lich­sein und -blei­ben ge­hört eben­so da­zu.
    Was hat Sie ei­gent­lich zu Ih­rem Pseud­onym ge­bracht ?

    #22

  23. Bernd Boeske sagt:

    @Doktor D

    Woll­te mit Wor­d­Press so et­was ver­an­stal­ten, das geht völ­lig ko­sten­los, aber da­zu sind drei Schlüs­sel­wör­ter nö­tig, die die Te­le­kom nicht her­ge­ben will, d.h. man schweigt nach mehr­fa­cher An­fra­ge, als wä­re ich Luft, so daß man sonst­was den­ken kann ... Bei Wor­d­Press sind die Blogs üb­ri­gens gra­fisch am be­sten ge­löst.

    #23

  24. @Bernd Boes­ke
    Die Wahr­heit ge­bie­tet nicht, sie macht sich auch nicht be­merk­bar und recht­fer­tigt kei­ne Herr­schaft. Wie viel Leid wur­de be­reits im Na­men ver­meint­li­cher oder tat­säch­li­cher Wahr­heit ver­ur­sacht? Das lässt mich vor­sich­tig wer­den. Letzt­lich ist die Fra­ge nach Wahr­heit ei­ne nach dem »Wie« un­se­rer Ver­su­che zu er­ken­nen. An­de­rer­seits: Wir brau­chen Ver­bind­lich­keit, kei­ne Fra­ge. Ich ha­be das un­längst in ei­nem län­ge­ren Text zu fas­sen ver­sucht, das ist viel­leicht auch der bes­se­re Ort die Dis­kus­si­on fort­zu­set­zen, es geht hier doch um ein ganz an­de­res The­ma (falls In­ter­es­se be­steht).

    Mein Pseud­onym hat fol­gen­den Grund: Es hat für mich kei­ner­lei Vor­tei­le als Pri­vat­per­son mit per­sön­li­chen und po­li­ti­schen Äu­ße­run­gen von je­der­mann mit Leich­tig­keit auf­ge­fun­den zu wer­den (tä­ten das al­le oder ein gro­ße Grup­pe von Dis­ku­tan­ten, hiel­te ich es an­ders). Es hat auch kei­nen mir er­sicht­li­chen Nach­teil. Ob ich Mei­er oder me­tep­si­lo­n­e­ma hei­ße ist be­lang­los, wich­tig sind Per­son, Ar­gu­ment und Text und die schei­nen ja durch.

    #24

  25. Norbert sagt:

    @ Bernd Boes­ke #15 Zi­tat:
    »Als la­ste ewi­ge Schuld auf Deutsch­land, als gä­be es tat­säch­lich ein aus­er­wähl­tes Volk, als gä­be es den ewi­gen Ju­den, der nun nicht mehr vom Tä­ter­stand­ort als ne­ga­ti­ve Ge­stalt dar­ge­stellt wird, da­für aber aus der Er­schrocken­heit der Tä­ter­kin­der ängst­lich be­ur­teilt und im­mer für gut be­fun­den wer­den muß. In zehn Jah­ren wird es kei­ne NS-Tä­ter und kei­ne NS-Op­fer mehr ge­ben und schon wer­den selbst die Tä­ter-und Op­fer­kin­der alt, so daß sie im po­li­ti­schen Ge­sche­hen schon bald kei­ne Rol­le mehr spie­len wer­den. Es exi­stiert kein Op­fer­volk mehr und im­mer noch spricht man von Schuld und Ver­pflich­tung. «

    @ Bernd Boes­ke
    Nie­mand muss in Deutsch­land Hand­lun­gen der is­rae­li­schen Re­gie­rung im­mer gut­hei­ßen. Die­ser gan­ze Satz mit sei­nen Kon­junk­ti­ven als Vor­aus­set­zung und der an­ge­spro­che­nen Fol­ge ist völ­lig ne­ben der Rea­li­tät, be­gibt sich aber mit den ver­wen­de­ten Be­grif­fen und dem Sub­text durch­aus in den rech­ten Dunst­kreis.

    Ge­ra­de­zu als in­fam­für die Über­le­ben­den emp­fin­de ich es aber, wenn Sie po­stu­lie­ren, dass es in 10 Jah­ren kei­ne Op­fer­volk mehr gä­be. Wenn in vie­len Fa­mi­li­en nur noch we­ni­ge exi­stie­ren, weil in ih­nen fast al­le An­ge­hö­ri­gen und Ver­wand­ten um­ge­bracht wur­den und da­mit auch die po­ten­ti­el­len Nach­kom­men die­ser Fa­mi­li­en ver­nich­tet wur­den, spielt das für die we­ni­gen Über­le­ben­den der Fa­mi­li­en im­mer noch ei­ne gro­ße Rol­le.
    Wäh­rend sie viel­leicht ei­ne Viel­zahl Nich­ten und Nef­fen und Groß­nich­ten und Groß­nef­fen ha­ben, ste­hen vie­le Ju­den da vor ab­ge­schnit­ten Ge­nea­lo­gi­en.

    Sie wer­den es nicht so ein­fach ak­zep­tie­ren, dass die­je­ni­gen, die wäh­rend der Zeit des 3. Rei­ches ge­bo­ren sind, jetzt ge­stor­ben sind und da­mit das Ka­pi­tel ab­ge­schlos­sen ist. Das gilt nur höch­stens für die Tä­ter­ge­nera­ti­on, aber nicht für die Op­fer. Ein we­nig mehr Sen­si­bi­li­tät für die Aus­ma­ße des Ho­lo­caust und Ach­tung vor den Op­fern soll­te man doch er­war­ten dür­fen.
    Aber auch das Tä­ter­volk soll­te die­ses Fak­tum nicht ein­fach ver­ges­sen.

    #25

  26. @Norbert
    Ehr­lich ge­sagt hat­te ich über­legt Boes­kes Kom­men­tar #15 zu lö­schen. Schon des Zy­nis­mus we­gen, der da aus­ge­drückt wird: So­bald es kei­ne »über­le­ben­den« des »Op­fer­vol­kes« mehr ge­be, ha­be die ent­spre­chen­de hi­sto­ri­sche Tat qua­si kei­ne Re­le­vanz mehr und kann dann – bei­spiels­wei­se ähn­lich den Er­eig­nis­sen im 30jährigen Krieg – »neu­tral« be­han­delt wer­den. Ich ha­be die­se Frech­heit den­noch ste­hen las­sen, weil es auch ei­ne ve­ri­ta­ble Selbst­ent­blö­ßung dar­stellt.

    Aber wer schon die Er­stel­lung von Blogs mit ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schem Ge­stus ver­sieht...

    #26

  27. Bernd Boeske sagt:

    @Norbert

    Wol­len Sie sich auf mei­ne Ko­sten po­li­tisch und mo­ra­lisch pro­fi­lie­ren ?
    Sie ma­chen das ge­nau­so wie die Main­stream-Pro­pa­gan­da mit der Kri­tik am Staat Is­ra­el: Sie be­mü­hen sich, den rech­ten Dunst­kreis aus­fin­dig zu ma­chen, wo kei­ner ist. Sie schrei­ben eben in der­sel­ben in­zwi­schen et­was zu spät kom­men­den Er­schrocken­heit und Lar­mo­yanz der Kin­der der Tä­ter, wie dies seit En­de der 70er in der Bun­des­re­pu­blik üb­lich ist, um die dicken Rü­stungs­ge­schäf­te mit dem Staat Is­ra­el ma­chen zu dür­fen. Was soll falsch an dem von Ih­nen zi­tier­ten Satz sein ? La­stet ewi­ge Schuld auf Deutsch­land ? Gibt es ein aus­er­wähl­tes Volk und gibt es den ewi­gen Ju­den, ob im po­si­tiv is­rae­li­schem oder ne­ga­tiv ras­si­sti­schem Sin­ne der Be­deu­tung ?
    Soll es nicht wahr sein, daß das Volk der Tä­ter längst ein an­de­res ge­wor­den ist wie das Volk der Op­fer auch (?), al­lein al­ters­be­dingt schon … Hat es nicht hier wie da längst Ver­än­de­run­gen ge­ge­ben, die Deut­sche wie Is­rae­lis zu ei­nem an­de­ren Selbst­ver­ständ­nis ver­hal­fen ? Ge­wiß, ich ha­be hier in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land et­was hin­neh­men müs­sen, was ein biß­chen zwei­feln läßt nicht nur an der De­mo­kra­tiefä­hig­keit der Deut­schen, trotz­dem spre­che ich nicht vom „Tä­ter­volk“. Die Ge­sell­schaft hat sich ge­än­dert ...
    Au­ßer­dem un­ter­stel­len Sie mir, daß ich et­was „po­stu­lie­ren“ wür­de. Ei­ne Vor­her­sa­ge, die nur der all­ge­mei­nen Er­fah­rung wie der sta­ti­sti­schen Wahr­schein­lich­keit folgt, soll ein in­fa­mes Po­stu­lat sein, d.h. al­so das wä­re dann ein Ge­bot oder ei­ne For­de­rung. Wenn Sie das so ge­meint ha­ben, dann ha­ben Sie nicht ge­fun­den, was Sie such­ten, dann kön­nen Sie mir nur leid tun.

    #27

  28. Bernd Boeske sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig

    „Ehr­lich ge­sagt hat­te ich über­legt Boes­kes Kom­men­tar #15 zu lö­schen. Schon des Zy­nis­mus we­gen, der da aus­ge­drückt wird: So­bald es kei­ne »über­le­ben­den« des »Op­fer­vol­kes« mehr ge­be, ha­be die ent­spre­chen­de hi­sto­ri­sche Tat qua­si kei­ne Re­le­vanz mehr und kann dann –„ schrei­ben Sie, Herr Keu­sch­nig, aber ich ha­be das nicht ge­schrie­ben und, wie Sie das aus­zu­drücken be­lie­ben, nicht ge­meint. Sie miß­ach­ten den ge­sam­ten Zu­sam­men­hang. Und wo, bitt­schön, fin­det sich ein ver­schwö­rungs- theo­re­ti­scher Ge­stus in mei­nen Zei­len ? … Sie wol­len nicht et­wa doch noch in die Feuil­le­tons der gro­ßen Blät­ter ?

    #28

  29. #27: Herr Boes­ke, bit­te mä­ßi­gen Sie Ih­ren Ton­fall.

    #29

  30. Joesik sagt:

    Man braucht al­so die Te­le­kom um nicht mehr al­le Tas­sen im Schrank zu ha­ben, äh nein, tschul­di­gung, um ei­nen Blog zu öff­nen. Ich hab min­de­stens sie­ben Stück auf, merk­wür­dig.
    Üb­ri­gens, hoch le­be der Main­stream!

    #30

  31. Üb­ri­gens, hoch le­be der Main­stream!
    Der Be­weis, dass es im­mer noch ei­nen düm­me­ren Spruch ge­ben kann als die, die man schon ge­le­sen hat.

    Aus Grün­den der Ab­küh­lung schlie­ße ich erst mal die Kom­men­ta­re. Bei In­ter­es­se an ei­ner sub­stan­ti­el­len Dis­kus­si­on bit­te Mail.

    #31