Zur Ent­ba­na­li­sie­rung des Bach­mann­prei­ses

Das Jahr 2009 er­in­ner­te stark an 2006, als Kat­rin Pa­s­sig in ei­nem ex­trem schwa­chen Jahr­gang re­üs­sier­te (was in ei­ner be­lei­dig­ten At­ti­tü­de um­ge­hend da­zu führ­te, dass man No­vi­zen nicht mehr zu­ließ, son­dern auf ei­ner Pu­bli­ka­ti­on be­stand). 2007 gab dann ein biss­chen mehr her, aber im ver­gan­ge­nen Jahr rausch­te das Ni­veau aber­mals nach un­ten (zu­mal man wirk­lich gu­te Bei­trä­ge auch noch aus Op­por­tu­ni­täts­grün­den ver­riss).

2009 ist nun mit fast neu­er Ju­ry aber­mals ein Tief­punkt er­reicht. Man fragt sich schon, wer ei­ne Mei­ke Feß­mann als Ju­ro­rin aus­er­ko­ren hat. Na­tür­lich: Die For­mal­qua­li­fi­ka­ti­on stimmt und Frau Feß­mann sag­te ja auch wie ei­ne bra­ve Mu­ster­schü­le­rin ihr an­ge­lern­tes und an­ge­le­se­nes Wis­sen auf. Ir­gend­wann teil­te sie dann nur noch mit, ob ihr et­was ge­fal­len ha­be oder nicht. Das füllt sie auch voll­stän­dig aus.


Paul Jandl hat­te ei­ni­ge net­te Aper­çus zu bie­ten, et­wa »her­me­neu­ti­sches Ge­wicht­he­ben« ge­gen Man­golds Ver­such, an­ge­le­se­nes Wis­sen auf ei­nen Bei­trag zu stül­pen oder sich selbst am näch­sten Tag ob sei­ner Ein­schät­zung des Pro­sa­stückes von Jens Pe­ter­sen zu korrig­ieren und von ei­nem »Frei­spruch in zwei­ter In­stanz« zu spre­chen.

Das wa­ren dann schon fast die Hö­he­punk­te ei­ner an­son­sten blas­sen Ju­ry, in der zu­nächst ein­mal je­der sei­ne vor­be­rei­te­te Re­de ab­son­der­te (au­sser viel­leicht Alain Clau­de Sul­zer, der locker blieb). Nach­her schmiss man sich noch ein paar Zi­ta­te an den Kopf; ein­fa­che Ge­mü­ter mein­ten dar­auf­hin vor­ei­lig, die Ju­ry »re­de« mit­ein­an­der. Es be­durf­te ei­nes Vol­ker Ha­ge im 3sat-Ge­spräch der zu­gab, er hö­re nur drei Ju­ro­ren zu, die an­de­ren schlä­fer­ten ihn ein.

Tat­säch­lich war ja der Pre­di­ger­ton von Hil­de­gard Kel­ler schwer zu er­tra­gen. Ijo­ma Man­gold woll­te mit le­xi­ka­li­schem Wis­sen glän­zen, was pein­lich war und nichts Gu­tes für des­sen ZDF-Sen­dung ah­nen lässt. Frau Fleisch­and­erl pass­te von ih­rem An­spruch über­haupt nicht in die­sen Club hin­ein, aber man frag­te sich wie­so aus­ge­rech­net sie die­se »po­lit-mo­ra­li­sche Er­pres­sung« (Man­gold zu Lin­da Stifts Er­zäh­lung) aus­wäh­len konn­te. Burk­hard Spin­nen spiel­te ein biss­chen den Über­va­ter und ver­tei­dig­te am En­de dann den Wett­be­werb; aber er fand auch im­mer nur das Wort »Text«.

Man weiss als Zu­se­her nicht ge­nau zu sa­gen, was un­er­träg­li­cher war: Cla­ris­sa Stad­ler als Mo­de­ra­to­rin der Dis­kus­si­ons­run­de, die glaub­te, ih­re Kin­der­gar­ten­mei­nung ein­brin­gen zu müs­sen und mun­ter drauf­los plap­per­te und zwang­haf­te Über­lei­tun­gen kon­stru­ier­te (und bei der Preis­ver­ga­be den Mo­dus nicht durch­schau­te und voll­kom­men über­for­dert war) oder Eva Wan­nen­ma­cher, die mit An­dre­as Isen­schmid das Rah­men­pro­gramm bei 3sat mo­de­rier­te. Wie gut, dass letz­te­re zwei Ta­ge über Ur­he­ber­recht und Goog­le schwätz­ten (und na­tür­lich nicht vom Fleck ka­men) statt über den Wett­be­werb oder Jo­sef Wink­lers Re­de.

Der Wett­be­werb ver­küm­mert im­mer mehr zur blo­ßen Pein­lich­keit. Wenn Man­gold am En­de ei­nen Bei­trag als »lie­bens­wür­di­gen Text« be­schreibt, ist dies nur beim er­sten Hin­hö­ren ein Lob; wei­ter ge­dacht wen­det sich die­se (ei­gent­lich fal­sche) For­mu­lie­rung so­wohl ge­gen den Ju­ror als auch ge­gen den Ge­gen­stand der Kri­tik.

Da­bei war fast al­les »hand­werk­lich gut ge­macht«. Aber war­um lobt man ei­gent­lich Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten? Man stel­le sich ei­nen Koch vor, des­sen Kü­che als »hand­werk­lich gut« be­zeich­net wird. Das be­deu­tet ver­mut­lich nur, er hat die Spei­sen nicht ver­kocht oder an­ge­brannt ser­viert.

»Hand­werk­lich gut ge­macht«: Feh­ler­los, gut be­schrei­bend, aber ri­si­ko­los, be­tu­lich, brav, ste­ril – nicht mehr. Schreib­schul­ge­recht. Nicht er­zäh­lend, son­dern »auf­zäh­lend«. Wo ist die Spra­che, die Epik? Zu­viel ver­langt im Meer der Er­eig­nis­lo­sig­keit? Zy­ni­ker schei­nen das er­kannt zu ha­ben – ihr Ka­ta­log folgt an­de­ren Kri­te­ri­en (im letz­ten Jahr ka­men sie auf den glei­chen Preis­trä­ger wie die Ju­ry). In ih­rer »au­to­ma­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik« spie­gelt sich nichts an­de­res als die Sehn­sucht, das Un­er­fass­ba­re nor­ma­tiv zu be­glau­bi­gen. Da ist es dann plötz­lich re­le­vant, ob von Na­ge­tie­ren oder »un­coo­len Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den« die Re­de ist. Wenn es kei­ne Krücken gibt, nimmt man auch ger­ne her­um­lie­gen­des Ge­hölz.

Ei­ne Freun­din, mit der ich seit vie­len Jah­ren den Bach­mann­preis ver­fol­ge, stellt über die Au­toren zu­tref­fend fest:

Das sind fast im­mer Leu­te, de­nen die Bü­cher schon in die Wie­ge ge­schmissen wur­den und schon Aka­de­mi­ker­el­tern ha­ben und es ir­gend­wie exo­tisch fin­den, wenn sie mal ei­ne »rich­ti­ge« Ar­beit ma­chen muss­ten, das steht ja dann im­mer gleich im Le­bens­lauf. Das Aus­wal­zen der Lor­bee­ren etc. (wenn ei­ner nur zwei Bei­trä­ge in Zeit­schrif­ten pu­bli­ziert hat, steht »Pu­bli­ka­tio­nen, Aus­wahl«, wenn ei­ner ei­nen win­zi­gen Preis hat, steht eben­falls »Aus­wahl«). [...] Und war­um ist bei de­nen al­les so eng? Der Arzt schreibt über Me­di­zin, der Phy­si­ker über Phy­sik, die Welt­ver­bes­se­rin über Mi­gran­ten, und am schlimm­sten, die, die gar nichts er­lebt ha­ben, schrei­ben über Schrift­stel­ler.

Ja, tat­säch­lich – wenn die Ent­schei­dung ei­nes Hun­des, ob er nach rechts oder links geht zu ei­nem Span­nungs­mo­ment ei­ner Er­zäh­lung wird, wenn ei­ne Ma­gen­spie­ge­lung ein ein­schneidendes Er­eig­nis im Le­ben dar­stellt, die Schrit­te im Gras zur selbst­re­fle­xi­ven Ge­ste auf­ge­bla­sen wer­den oder die mor­gend­li­che Ra­sur ein Ta­ges­hö­he­punkt in der Kri­sen­be­wäl­ti­gung dar­stellt – kurz: wenn die Er­leb­nis- oder Vor­stel­lungs­welt ei­nes Schrift­stel­lers der­art »eng« da­her­kommt und nicht li­te­ra­risch er­wei­tert wird, muß et­was pas­sie­ren, denn die­se Li­te­ra­tur ist dann trotz tat­säch­lich hand­werk­li­chem Ge­lin­gen nur noch läp­pisch und wenn er­wach­se­ne Men­schen die­se läp­pi­sche Li­te­ra­tur in ir­gend­ei­ner Form noch ver­tei­di­gen oder ihr Gu­tes ab­ge­win­nen wol­len – dann sind auch die Ur­tei­le die­ser Men­schen nur noch läp­pisch.

Die Ju­ry be­steht in­zwi­schen zum Teil nur noch aus dritt­ran­gi­gen Fi­gu­ren – was sich na­tür­lich so­fort auf die Qua­li­tät der ein­ge­reich­ten Bei­trä­ge aus­wirkt. Sie wol­len eben­so we­nig et­was ris­kie­ren wie die Au­toren (teil­wei­se – was man ent­la­stend an­füh­ren muss – weil sie an frü­he­ren Wett­be­wer­ben ge­se­hen ha­ben, was mit Bei­trä­gen ge­schah, die et­was »ris­kier­ten«). Da­her hul­di­gen sie in vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam ei­nem be­que­men Zeit­geist. Statt Ak­zen­te zu set­zen, hö­ren sie auf die Ak­zen­tu­ie­run­gen an­de­rer.

Die­ser Wett­be­werb muß ent­ba­na­li­siert und ent­ri­tua­li­siert wer­den. Hier sie­ben Vor­schlä­ge für ei­nen neu­en Bach­mann­preis:

1. Die Pa­ten­schaft für je zwei Teil­neh­mer pro Ju­ror muß ent­fal­len. Zu­ge­las­sen wer­den nur Bei­trä­ge, die von ei­ner an­de­ren (im Ide­al­fall an­ony­men) Ju­ry vor­ge­schla­gen wer­den. Die ma­xi­ma­le An­zahl von Bei­trä­gen wird auf zehn fest­ge­setzt. Es gibt fünf (ma­xi­mal sie­ben) Ju­ro­ren.
Das Rän­ke­spiel »schlägst Du mei­nen Teil­neh­mer – prü­ge­le ich Dei­nen Teil­neh­mer« (oder, noch schlim­mer, das ge­gen­sei­ti­ge Lo­ben) muss end­lich auf­hö­ren. Fal­sche Rück­sicht­nah­men und tak­ti­sches Vor­ge­hen ent­fal­len mit der neu­en Re­gel so­fort.

2. Es dür­fen nur Pro­sa­stücke ein­ge­reicht wer­den, die in sich ab­ge­schlos­sen sind bzw. ein Hin­weis dar­auf, dass das Stück ein Teil ei­nes Ro­mans ist, darf nicht aus­ge­drückt oder sug­ge­riert wer­den.
Der dum­me Ein­wand, es han­de­le sich ja um ein Teil ei­nes Ro­mans, zählt nicht mehr. Kein Teil­neh­mer und Ju­ror soll sich mehr auf das Zu­künf­ti­ge her­aus­re­den dür­fen.

3. Am wich­tig­sten: Die Wett­be­werbs­bei­trä­ge dür­fen der zu ent­schei­den­den Ju­ry vor­her NICHT zur Kennt­nis ge­bracht wer­den. Es muß wie­der das spon­ta­ne Ur­teil ge­fragt sein, was durch­aus im Lau­fe der Dis­kus­si­on re­vi­diert, ab­ge­mil­dert oder ver­schärft wer­den kann.
Vie­le Ju­ro­ren zeig­ten sich, ob­wohl sie meh­re­re Ta­ge Ge­le­gen­heit hat­ten die Bei­trä­ge zu le­sen und ggf. nach­zu­re­cher­chie­ren, schlecht vor­be­rei­tet und auch text­un­si­cher. Die Re­ge­lung wur­de zum Schutz der Ju­ry vor ei­ner Bla­ma­ge des er­sten Ur­teils ein­ge­führt. Sol­che Rück­sich­ten braucht man nicht mehr zu neh­men. Ent­we­der wis­sen die Ju­ro­ren, wo­von sie spre­chen oder nicht. Auf­ge­sag­te State­ments sind ent­behr­lich. Au­ßer­dem beugt man Ab­spra­chen im Vor­feld vor.

4. Nach Ab­schluß al­ler Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen gibt es am Sams­tag Nach­mit­tag ei­ne zu­sätz­li­che öf­fent­li­che Ju­ry-Dis­kus­si­on.
Die Ju­ro­ren kön­nen hier ihr spon­ta­nes Ur­teil nach al­len Le­sun­gen öf­fent­lich be­kräf­ti­gen oder re­vi­die­ren und dies ggf. be­grün­den.

5. Die Vi­deo­por­traits wer­den ab­ge­schafft.
Die Au­toren er­klä­ren, wie sie schrei­ben, war­um sie schrei­ben, was sie tun, was sie nicht tun – oder ver­al­bern das Me­di­um. Für die Re­zep­ti­on des ein­ge­reich­ten Tex­tes ist das un­er­heb­lich. Vie­le Ju­ro­ren hat dies in der Ver­gan­gen­heit der­art stark ab­ge­lenkt, dass sie aus dem Por­trait Schlüs­se ge­zo­gen ha­ben, die un­mit­tel­bar nichts mit der Pro­sa zu tun hat­ten.

6. Ein/e Moderator/in mischt sich nicht in die Ju­ry­dis­kus­si­on ein son­dern ver­gibt Wort­mel­dun­gen, ko­or­di­niert den Zeit­plan und ach­tet auf die Wort­meldungen.
Moor und Stad­ler ge­hen nicht.

7. Es gibt nur noch ei­nen Preis, der von der Ju­ry ver­ge­ben wird – und ei­nen un­do­tier­ten Pu­bli­kums­preis.
Der drit­te Preis heisst nicht drit­ter Preis son­dern »3sat-Preis«. Der »Ernst-Will­ner-Preis« ist heu­er der vier­te Preis; da­vor war er im­mer der drit­te, usw. Al­les Eti­ket­ten­schwin­del. Es gibt nur ei­nen Preis, der mit min­de­stens € 40.000 do­tiert ist. Der Pu­bli­kums­preis ist ein ideel­ler Preis. Um ihn vor Ma­ni­pu­la­tio­nen zu schüt­zen, soll­te er un­do­tiert sein. Zu­dem ist nicht klar, ob die Ab­stim­mer al­le Tex­te ge­le­sen ha­ben, was zwin­gend not­wen­dig wä­re.

Die vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men wür­den zu ei­ner Be­le­bung des Be­werbs füh­ren. An­son­sten droht tat­säch­lich in den näch­sten Jah­ren der Ab­sturz in die Bedeutungs­losigkeit. Wer das nicht glaubt, le­se sich die Preis­trä­ger­li­ste ein­mal durch und ver­glei­che dann. Wo­mit nichts ge­gen Jens Pe­ter­sen, den Preis­trä­ger von 2009, ge­sagt sei. Er war aber (mit Gre­gor San­der) nur der Ein­äu­gi­ge un­ter den Blin­den.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hab durch Zu­fall ei­nen Bei­trag auf 3Sat ge­se­hen, der mich nicht ge­fes­selt hat, was sonst ge­le­se­nen Tex­ten sehr leicht ge­lingt.
    Ich hab ab­ge­dreht.
    Über die Span­nungs­mo­men­te fällt mir fol­gen­des ein:
    »...die Schrit­te im Gras zur selbst­re­fle­xi­ven Ge­ste auf­ge­bla­sen wer­den...«
    Da gibt es ein ganz be­rühm­tes Ge­dicht von Ro­bert Frost, der dies schon vor lan­ger Zeit be­han­delt hat.
    Wir könn­ten den fri­schen Au­toren na­tür­lich die Emp­feh­lung ge­ben, ein biss­chen in al­ter Li­te­ra­tur zu schmö­kern und sie dann auf­zu­pel­len.
    Form und In­halt ge­hö­ren zum Hand­werks­zeug, Ori­gi­na­li­tät soll­te das künst­le­ri­sche Ge­würz sein.

  2. Das mit dem Gras­ge­hen be­zog sich auf den Bei­trag von An­drea Wink­ler. Ein m. E. schreck­li­ches Bei­spiel für Ger­ma­ni­sten­pro­sa (um­so über­rasch­ter, dass es in der Ju­ry nicht zün­de­te).

    Über­spitzt könn­te ich mal for­mu­lie­ren: Wenn ich Hand­werk be­wun­dern will, be­stell’ ich mir ei­nen Klemp­ner...

  3. Ich ha­be mir die­ses Jahr nur die brauch­ba­re mis­si­on ac­com­plished Re­de von Wink­ler an­ge­hört, den Rest nach Blick auf Ju­ro­ren- und Teil­neh­mer­li­ste ab­ge­hakt. Das mag dumm sein, vor al­lem wenn man auf letz­tes Jahr schaut. Ich kann die Mei­nung, dass letz­tes Jahr das Ni­veau sehr ge­ring war, über­haupt nicht tei­len, da schon der Sie­ger­bei­trag von au­ßer­or­dent­li­cher Qua­li­tät ist. Man mag viel­leicht zu­erst auf den bei­na­he Poet­ry Slam-Stil von Til­man Ramm­stedt her­ein­ge­fal­len sein, aber die Ge­schich­te ist al­les an­de­re als tri­vi­al, mehr­schich­tig in sei­ner schön­sten Form. Kaum ein Buch der letz­ten Jah­re, vor al­lem in der Form als Hör­buch vom Au­tor selbst ge­le­sen, hat so lan­ge in mei­nem Hin­ter­kopf nach­ge­klun­gen. Al­le Ad­jek­ti­ve die mir da­zu ein­fal­len, sind zu ab­ge­dro­schen, um sie hier auch noch zu schrei­ben. Und das soll ein Lob er­ster Klas­se sein.

    Dei­ne Vor­schlä­ge hal­te ich für durch­weg für das Pu­bli­kum ziel­füh­rend, aber wahr­schein­lich für nicht prak­ti­ka­bel. Ich kann mir kaum vor­stel­len, dass sich heu­te noch ei­ner die­ser Kar­rie­re­schmie­de un­vor­be­rei­tet in die Ju­ry setzt. Da­zu müss­te man Klas­se ha­ben.

  4. Mit Ramm­stedt konn­te ich ja auch le­ben (wenn­gleich ist beim zwei­ten Le­sen das nicht mehr so wit­zig fand wie beim er­sten Zu­hö­ren), aber schon Orths fand ich zu be­tu­lich, auch wenn es we­nig­stens halb­wegs ori­gi­nell war. Wirk­lich gu­te Stücke wur­den erst gar nicht prä­miert (von Arndt; Zieg­ler, Mo­ha­fez).

  5. Manch­mal füh­le ich mich als »Kul­tur­ba­nau­se«
    Un­ter an­de­rem dann, wenn ich mit ei­nem so be­deu­ten­dem Li­te­ra­tur­preis wie dem Bach­mann-Preis über­haupt nichts an­fan­gen kann.
    Ob­wohl der Grund, dass ich mit dem Bach­mann-Preis nichts an­fan­gen kann, nicht dar­in be­steht, dass ich mit an­spruchs­vol­ler Pro­sa nichts an­fan­gen könn­te. Eher dar­an, dass ich den Ein­druck (oder das Vor­ur­teil?) ha­be: Will ich mal ei­nen so rich­tig lang­wei­li­gen Text le­sen, lie­ge ich bei Kla­gen­furt-Ge­win­nern mei­stens rich­tig. (Vor­teil des­halb, weil ich »Tor­pe­do auf sechs Uhr« vom dies­jäh­ri­ge Preis­trä­ger Jens Pe­ter­sen für ei­ne ganz flot­te Kurz­ge­schich­te hal­te – über die ich in ei­ner An­tho­lo­gie für Ju­gend­li­che (»Ge­schich­ten­kof­fer für Schatz­su­cher«) stieß, und das auch nur, weil die als Re­mit­tend auf den Grab­bel­tisch lan­de­te, und der »mil­ta­ri­sti­sche« Ti­tel der Sto­ry mich neu­gie­rig mach­te. Wie­der ein Grund mehr, mir selbst Ba­nau­sen­tum zu­zu­schrei­ben ... Sei­nen dies­jäh­ri­gen Sie­ger­bei­trag wür­de ich gut fin­den, wenn es nicht er­kenn­bar ein Ro­man­ka­pi­tel wä­re. Die Schrei­be (et­was an­de­res als »Stil« ist je­den­falls dem har­ten The­ma an­ge­mes­sen.

    Das sind fast im­mer Leu­te, de­nen die Bü­cher schon in die Wie­ge ge­schmis­sen wur­den und schon Aka­de­mi­ker­el­tern ha­ben und es ir­gend­wie exo­tisch fin­den, wenn sie mal ei­ne »rich­ti­ge« Ar­beit ma­chen muss­ten, das steht ja dann im­mer gleich im Le­bens­lauf.

    Das scheint für mich ein über die Kla­gen­fur­ter Mi­se­re her­aus­wei­sen­des Phä­no­men zu sein: Das Le­ben fin­det in den mei­sten Pro­sa­tex­ten ja in dem Mi­lieu statt, in dem auch der Au­tor lebt. Das heißt, im Fal­le der be­sag­ten be­hü­te­ten Bil­dungs­bür­ger­kin­der: Es fin­det rein gar nicht statt. (Es sei denn, sie sind ir­gend­wann mal »ab­ge­stürzt« oder »aus­ge­stie­gen« und ha­ben des­halb wirk­lich et­was er­lebt.)
    Viel­leicht wirk­te Jens Pe­ter­sens Ro­man­ka­pi­tel des­halb so er­fri­schend, weil es von »ab­ge­stürz­ten« Men­schen han­delt. Wenn lei­der auch nicht wirk­lich ori­gi­nell (über Jun­kies, Ob­dach­lo­se, Aus­ge­sto­ße­ne ha­ben schon zu vie­le ähn­lich ge­schrie­ben).

  6. Lan­ze für ei­ni­ge Ge­win­ner
    Na­ja, da muss ich ein biss­chen wi­der­spre­chen. Die tat­säch­lich »lang­wei­li­gen« Pro­sa­stücke, al­so die­se Ger­ma­ni­sten-Li­te­ra­tur, ist auf dem Rück­zug. Okay, Stangl 2007 (2. Platz) oder auch die Sie­ger von 2005 und 2003 wa­ren wohl noch eher in die­se Ka­te­go­rie ein­zu­ord­nen.

    Ge­gen­ty­pen da­zu die Sie­ger von 1996 (Bre­mer), vor al­lem 2001 (Mi­cha­el Lentz) und auch Ramm­stedt im ver­gan­ge­nen Jahr.

    Ent­deckun­gen für mich in Kla­gen­furt wa­ren An­dre­as Mai­er, Tell­kamp, Sta­ni­sic (der nie­der­ge­macht wur­de von Ra­disch; eben­so wie Kern), Le­witschar­off, von Düf­fel...

    Dass das Le­ben nicht statt­fin­det ist an sich nicht schlimm – es wird aber nicht li­te­ra­risch ver­ar­bei­tet, son­dern nur be­schrei­bend. Und das er­zeugt dann die­se Öd­nis.

  7. Da ich we­der die Le­sun­gen noch die Tex­te oder was
    die Ju­ro­ren ge­sagt, kenn­ne, au­sser der gross­ar­tig ge­schrie­be­nen Le­vi­ten­le­se von Jo­sef Wink­ler, kann ich nur sa­gen, dass mich SCHON DIE NAMEN die­ser Ju­ro­ren, an­ge­fan­gen mit Fleisch­pflan­zerl, sehr ge­gen die­se Brut vor­ein­ge­nom­men hat. Da ich ziem­lich mit dem Keuschnig’s sei­ne Ur­tei­le im all­ge­mei­nen ueber­ein­stim­me hat er wohl auch in die­sem trau­ri­gen Fall recht. x m.r.

  8. Zu pro­fan und zu phan­ta­sie­los.

    »Text« ist al­les – ei­ne Be­die­nungs­an­lei­tung ei­ner Wasch­ma­schi­ne zum Bei­spiel. Oder ein Wer­be­text. Ein paar hin­ge­krit­zel­te Zei­len in ei­nem No­tiz­buch. Ein Auf­satz. Al­les »Text«. Der Be­griff engt auch den Ho­ri­zont ein: In dem Mas­se wie die­ses Wort »Text« bei den Ju­ry­be­spre­chun­gen in­fla­tio­när ver­wandt wur­de, ist es Aus­druck ei­ner Art Sprach­lo­sig­keit dem ge­gen­über, was in­ten­diert ist.

    In­ten­diert ist »Li­te­ra­tur«. Wenn ich aber per­ma­nent sa­ge, ich ha­be ei­nen »Text« vor mir, so ist dies auch ein biss­chen de­spek­tier­lich. Für mich ist es fast das letz­te Ur­teil; ei­ne Ver­le­gen­heit, weil man kei­ne an­de­ren Vo­ka­beln fin­det (bzw. fin­den will – es ist ja so ein­fach und ej­der weiß, was ge­meint ist).

    Man be­ach­te die Ver­mensch­li­chung des »Tex­tes«. Die Ju­ro­ren sa­gen, was »der Text will« oder was »er« nicht schafft. Oder ob er »funk­tio­niert«. Da­bei will er nichts, son­dern höch­sten sein Au­tor. Das, was der »Text« an­geb­lich »will«, ist ein Af­fekt, der beim Le­ser ent­steht. Das »Funk­tio­nie­ren« ist ei­ne Emp­fin­dung des Le­sers, der nun hin­ge­hen müss­te, die­ses »Funk­tio­nie­ren« zu de­fi­nie­ren (was mei­stens aus­bleibt).

  9. @MM

    Ich wür­de mich ge­gen die Aus­sa­ge ver­weh­ren, dass Bil­dungs­bür­ger­kin­der nichts er­le­ben. Ich kann mich als sol­ches be­zeich­nen, durch­aus aber den Nach­weis er­brin­gen, dass ich so ei­ni­ges er­lebt ha­be. Mehr, als es sich sonst für drei Le­ben aus­geht. Und mit 60 bin ich ja noch nicht am En­de. Sonst hät­te ich jetzt nicht ei­ne Fir­ma in Bel­grad ge­grün­det.

    @gk
    Die Stad­ler ist auch für mich un­er­träg­lich. Ha­be sel­ten ei­ne so dum­me Frau im Fern­se­hen ge­se­hen.

  10. Die Stad­ler war mir gar nicht so auf­ge­fal­len (muss­te ehr­lich ge­sagt erst nach­schau­en, wer das ist – mag aber dar­an lie­gen, dass ich mir das gan­ze oh­ne­hin nur im In­ter­net an­schau­en konn­te, und da wer­den ih­re Über­lei­tun­gen dann ja ge­kürzt, ver­schnit­ten)..

    - Als Phy­si­ker hab ich mir aber den Bönt an­ge­schaut und den klei­nen »Skan­dal«, dass er sich in die Dis­kus­si­on ein­misch­te, um den Un­ter­schied zwi­schen Pho­non und Pho­ton klar­zu­stel­len. (Na­tür­lich über­haupt nix, ganz am En­de der Dis­kus­si­on wirft er noch zwei Sät­ze ein – das Skan­da­lö­se fand ich ei­gent­lich, dass was er ein­wirft auch noch phy­si­ka­lisch grob ir­re­füh­rend ist – er sag­te et­was von Teil­chen des Schalls. Mit Schall ha­ben Pho­no­nen aber erst­mal nichts zu tun, das sind doch die Quan­ten der Git­ter­schwin­gun­gen in ei­nem Kristall/Festkörper.. und auch er­schloss es sich mir nicht, war­um man aus der Sicht ei­nes Pho­nons er­zäh­len müs­se, das er­gab phy­si­ka­lisch-poe­to­lo­gisch nicht viel Sinn, der ‘Gag’ – er hät­te mal wie Ein­stein ver­su­chen sol­len aus der Sicht ei­nes Pho­tons zu er­zäh­len, das wä­re et­was schwie­rig, weil un­se­re Zeit für das Pho­ton un­end­lich lang­sam ver­gin­ge – na­ja, aber der Text war ja ganz »nett«.. der Ver­gleich mit Kehl­mann viel­leicht nicht all­zu weit her­ge­holt)