Kom­ple­xi­tät nur be­dingt er­wünscht

Karin Röhricht: Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis - Korpusanalyse der Anthologie Klagenfurter Texte (1977-2011)

Ka­rin Röh­richt: Wett­le­sen um den In­ge­borg-Bach­mann-Preis – Kor­pus­ana­ly­se der An­tho­lo­gie Kla­gen­fur­ter Tex­te (1977–2011)

Be­mer­kun­gen über Ka­rin Röh­richts Dis­ser­ta­ti­on zum Bach­mann­preis oder Wie kann man in Kla­gen­furt ge­win­nen?

Nach­dem ich von Ka­rin Röh­richts Mo­no­gra­phie um den In­ge­borg-Bach­mann-Preis erst nach der Ver­an­stal­tung von 2016 er­fah­ren hat­te, stand das Buch den gan­zen Win­ter über un­ge­le­sen im Re­gal. Jetzt, nach der un­längst ver­öf­fent­lich­ten Kan­di­da­ten­li­ste für die Ju­bi­lä­ums­ver­an­stal­tung 2017, schien mir die Zeit ge­kom­men, sich dem Buch zu wid­men und viel­leicht die in den letz­ten Jah­ren ste­tig zu­rück­ge­hen­de Kla­gen­furt-Eu­pho­rie wie­der ein biss­chen auf­le­ben zu las­sen. Da­zu war zu­nächst die Hür­de des doch arg pla­ka­ti­ven Ti­tels zu neh­men. »Wett­le­sen um den In­ge­borg-Bach­mann-Preis« ist die »Kor­pus­ana­ly­se der An­tho­lo­gie Klagen­furter Tex­te (1977–2011)« über­schrie­ben. Man darf sich je­doch von der zu­meist pe­jo­ra­ti­ven Ver­wen­dung der »Wettlesen«-Vokabel nicht be­ein­drucken las­sen, denn Röh­richt geht es nicht um ei­ne Wer­tung der Ver­an­stal­tung an sich, son­dern sie möch­te mit wis­sen­schaft­lich-em­pi­ri­schen Me­tho­den un­ter­su­chen, wel­che Tex­te in Kla­gen­furt re­üs­sie­ren und wel­chen Repräsen­tationsgrad für die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur der Be­werb be­sitzt. Da­bei ist je­doch der ge­naue Blick auf den Un­ter­ti­tel mit dem Hin­weis auf die An­tho­lo­gie Kla­gen­fur­ter Tex­te (KT) von gro­ßer Re­le­vanz.

Be­vor sie je­doch mit Ana­ly­se los­legt, gibt es ei­nen gro­ben Über­blick über Ge­schich­te und Be­deu­tung des Wett­be­werbs. Haupt­re­fe­ren­zen sind die Auf­sät­ze und Stu­di­en von Do­ris Mo­ser1, die teil­wei­se mit ak­tu­el­len Ein­drücken er­gänzt wer­den. Hier ist auch die In­for­ma­ti­on zu fin­den, dass zwi­schen 1977 und 1996 »ins­ge­samt 42% der be­frag­ten Au­toren von ei­nem Ju­ry­mit­glied kon­tak­tiert wur­den»2. Ge­ne­rell wird da­von aus­ge­gan­gen, dass die Ju­ro­ren un­ter den ih­nen zu­ge­schick­ten Tex­ten wäh­len; dies scheint je­doch seit Be­ginn des Wett­be­werbs nicht im­mer der Fall ge­we­sen zu sein.3

Ei­ner der in­ter­es­san­te­sten Punk­te ist der heut­zu­ta­ge voll­kom­men ver­ges­se­ne Aspekt, dass die ver­meint­li­che Es­senz des Wett­be­werbs, die Pa­ten­schaft der Ju­ro­ren4 für je­weils zwei Au­toren, nicht im­mer prak­ti­ziert wur­de. Bis ein­schließ­lich 1982 be­stimm­ten mehr oder we­ni­ger die Ver­an­stal­ter die Teil­neh­mer; den Ju­ro­ren wur­de die Li­ste le­dig­lich vor Be­ginn vor­ge­legt. Seit 1983 wer­den die Au­toren von den Ju­ro­ren er­nannt5, wo­bei nicht ge­klärt wird, wie sich bei­spiels­wei­se 28 Teil­neh­mer auf die 11 Ju­ro­ren ver­tei­len. Seit 1987 no­mi­niert ein Ju­ror zwei Au­toren6, was al­ler­dings zu­wei­len nicht ganz funk­tio­niert (1987 ste­hen 11 Ju­ro­ren nur 19 Teil­neh­mern ge­gen­über).

So gibt es in den ein­lei­ten­den Pas­sa­gen ne­ben kaum be­kann­ten Fak­ten lei­der auch ei­ni­ge Un­ge­nau­ig­kei­ten. So apo­stro­phiert Röh­richt Kla­gen­furt mehr­mals als Wett­be­werb, der »für Nach­wuchs­schrift­stel­ler ge­dacht« sei7. Da­mit ver­wech­selt sie je­doch Ur­sa­che und Wir­kung, denn dass es sich bei den Teil­neh­mern zum gro­ßen Teil um Nach­wuchs bzw. auf­stre­ben­de Schrift­stel­ler han­delt hat ein­zig mit dem Mo­dus zu tun. Kaum ein ar­ri­vier­ter Schrift­stel­ler setzt sich frei­wil­lig dem Ver­fah­ren der un­ge­wis­sen, zu­wei­len tribunal­ähnlichen Kri­tik aus, zu der man zu schwei­gen hat. Der Image­ver­lust, der bei ei­nem Durch­fal­len oder gar Ver­riss droht, wä­re ein­fach zu groß. Ei­ni­ge we­ni­ge »pro­mi­nen­te« Au­toren, die den­noch ge­le­sen ha­ben, nennt Röh­richt (an­de­re, wie Ju­li Zeh, nicht), wo­bei die mei­sten oh­ne Preis blie­ben. Das könn­te auch da­mit zu tun ha­ben, dass die Ju­ro­ren aus Furcht vor dem Vor­wurf ei­nes »Pro­mi­nen­ten­bo­nus« hier vor­sich­tig zu­rück­hal­tend re­agie­ren.8

Dass Kla­gen­furt als Kar­rie­re­sprung­brett ge­se­hen wird, hat dem­zu­fol­ge vor al­lem mit dem Mo­dus zu tun. Ob­wohl das Ver­fah­ren kaum fern­seh­taug­lich scheint, ist der Wett­be­werb, der auf 3sat über­tra­gen wird, recht po­pu­lär. Röh­richt ver­or­tet dies vor al­lem in den Ju­ry­dis­kus­sio­nen, in de­nen »Hoch­kul­tur-In­sze­nie­rung« und Un­ter­hal­tung aus­ba­lan­ciert wer­den. Zwar wür­den sich die mei­sten Ju­ro­ren der »Hö­hen­kamm­li­te­ra­tur« ver­schrie­ben ha­ben, müss­ten je­doch (äs­the­ti­sche) Kom­pro­mis­se ma­chen, denn ein Er­folg ei­nes Au­tors wird auch im­mer als Er­folg des Ju­rors ge­setzt.

Ei­nen mei­nes Er­ach­tens ent­schei­den­den Punkt für die Po­pu­la­ri­tät des For­mats, der Röh­richt nicht er­wähnt, dürf­te dar­in lie­gen, dass der Zu­schau­er in Kla­gen­furt den Ge­gen­stand der li­te­ra­ri­schen Kri­tik kennt. In den gän­gi­gen Li­te­ra­tur-Dis­kus­sio­nen im Fern­se­hen (bspw. »Li­te­ra­ri­sches Quar­tett« oder »Li­te­ra­tur­club«) spre­chen die Kri­ti­ker zu­meist über ak­tu­el­le Neu­erschei­nun­gen. In­zwi­schen wird auch schon mal ein Buch be­spro­chen, dass noch gar nicht er­schie­nen ist. Die Dis­kus­si­on hier­über mag in­ter­es­sant sein, ist am En­de je­doch recht un­be­frie­di­gend, da man den Ge­gen­stand der Kri­tik nicht sel­ber be­ur­tei­len kann. In Kla­gen­furt ist das an­ders: Hier wur­de der Text ge­le­sen (und kann so­gar im In­ter­net so­fort nach- oder mit­ge­le­sen wer­den). Der Zu­se­her hat sich nun ein Ur­teil ge­bil­det und dies mit den Ar­gu­men­ten der je­wei­li­gen Ju­ro­ren ver­glei­chen. Das führt im In­ter­net zu­wei­len zu in­ter­es­san­ten Stel­lung­nah­men und Dis­kus­sio­nen, in de­nen plötz­lich die Ju­ro­ren zu Haupt­dar­stel­lern und – je nach Mei­nung – Iden­ti­fi­ka­ti­ons- oder Rei­bungs­fi­gu­ren wer­den.

Röh­richt geht auf die Ent­wick­lung der stei­gen­den Auf­merk­sam­keit des Bach­mann­prei­ses durch das In­ter­net kurz ein; so­gar das Kla­gen­furt-Bin­go die­ser Sei­te hat Auf­nah­me ge­fun­den. Da­bei wird auch die »Au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik« der »Rie­sen­ma­schi­ne« ge­steift, wo­bei sie die al­ler­dings auf die ins­be­son­de­re in den 2000er Jah­ren ver­stärkt auf­tre­ten­den No­mi­nie­run­gen der Au­toren der so­ge­nann­ten »Zen­tra­len In­tel­li­genz Agen­tur«, die zeit­wei­se vom Feuil­le­ton als »Un­ter­wan­de­rung« des Bach­mann­prei­ses ge­se­hen wur­de, nicht the­ma­ti­siert. In­zwi­schen ha­ben de­ren Mit­glie­der den Spaß an der Sa­che ver­lo­ren, nicht zu­letzt weil sie mitt­ler­wei­le in den »re­gu­lä­ren« Li­te­ra­tur­be­trieb ein­ge­glie­dert sind.

Pro­ble­ma­tisch ist Röh­richts pau­scha­le Sub­sum­mie­rung der Ju­ro­ren als »Literatur­kritiker»9, selbst wenn die­se Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und auch, wie es ei­ni­ge Zeit in Kla­gen­furt prak­ti­ziert wur­de, Au­toren dar­un­ter wa­ren. Über­haupt kom­men die Ju­ry­dis­kus­sio­nen in der Stu­die zu kurz, was na­tür­lich dar­an liegt, dass die­se in der KT nicht er­fasst sind (die Aus­nah­me bil­den le­dig­lich die Skan­da­le, wie et­wa Goe­tz’ Auf­tritt 1983 und Urs Al­le­manns »Babyficker«-Text 1991, die ir­gend­wann, wie es klug heisst, vom Skan­dal in den Be­reich der An­ek­do­te über­führt wer­den10. Erst ge­gen En­de des Bu­ches11 un­ter­sucht sie im Ka­pi­tel »Ex­em­pla­ri­sche Be­schrei­bung von Wer­tungs­vor­gän­gen« drei Bei­trä­ge aus dem Jahr 2007 und ana­ly­siert nach Frie­de­ri­ke Worth­manns Mo­no­gra­phie »Li­te­ra­ri­sche Wer­tun­gen. Vor­schlä­ge für ein de­skrip­ti­ves Mo­dell« Grün­de da­für, dass wann Bei­trä­ge be­stimm­te Ju­ry­re­ak­tio­nen her­vor­ru­fen. Es ist ei­nes der in­ter­es­san­te­sten Ka­pi­tel, ob­wohl es mit der ei­gent­li­chen Kor­pus­ana­ly­se nur am Ran­de zu tun hat.

Von Sei­te 75 an geht es end­lich zur so­ge­nann­ten In­halts­ana­ly­se (ei­ne Un­ter­su­chung des je­wei­li­gen Vor­trags wird aus ein­sich­ti­gen Grün­den nicht vor­ge­nom­men). Röh­richt be­tont, dass hier erst­mals li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ein ei­gent­lich pri­mär in den Sozialwissen­schaften prak­ti­zier­tes Ver­fah­ren an­ge­wandt wird. Und gleich zu Be­ginn weist die Au­torin dar­auf hin, dass die von den rund 700 Tex­ten, die in Kla­gen­furt von 1977 bis ein­schließ­lich 2011 vor­ge­le­sen wur­den12 nur je­ne 387 Tex­te (von, wie sie schreibt, ins­ge­samt 348 Au­toren) ana­ly­siert wur­den, die in der nach je­dem Wett­be­werb er­schei­nen­den An­tho­lo­gie der Kla­gen­fur­ter Tex­te auf­ge­nom­men wur­den. Hier wer­den zu­nächst die Preis­trä­ger pu­bli­ziert aber eben auch an­de­re Wett­be­werbs­tex­te. Da­bei blei­ben die Aus­wahl­kri­te­ri­en nach de­nen die nicht prä­mier­ten Tex­te auf­ge­nom­men un­be­kannt. Sie dürf­ten im Er­mes­sen der je­wei­li­gen Her­aus­ge­ber lie­gen (in den letz­ten Jah­ren der Ju­ry­vor­sit­zen­de) bzw. sich wo­mög­lich an die Short­list ori­en­tie­ren.

Am En­de sind es nur 53% der Bei­trä­ge, die Röh­richt ana­ly­siert. Dar­auf weist sie zwar im­mer ein­mal wie­der hin, ver­mit­telt dann je­doch in ih­rem aus­führ­li­chen An­hang mit fast 400 Ab­bil­dun­gen und 160 Ta­bel­len, der nicht auf den 358 Buch­sei­ten ab­ge­druckt ist, son­dern von Sei­te 359 bis 577 als PDF von der Ver­lags­sei­te her­un­ter­ge­la­den wer­den kann) den Ein­druck, die 378 Aus­wahl­tex­te sei­en al­le Wett­be­werbs­bei­trä­ge, weil sie – was nicht an­ders mög­lich ist, aber eben enorm ver­wir­rend und am En­de ein un­schar­fes Bild er­gibt – die An­tho­lo­gie-Tex­te ab­so­lut setzt .13

Ir­ri­tie­rend sind Aus­wer­tun­gen wie bei­spiels­wei­se die auf Sei­te 379 (Ab­bil­dung 6). Röh­richt stellt hier fest, dass zwi­schen 1977 und 2011 ins­ge­samt 35 Bach­mann­prei­se ver­ge­ben wur­den (je­des Jahr ei­ner) so­wie 127 an­de­re Prei­se. So­weit ist das in Ord­nung. Die drit­te Zahl ist die der Tex­te, die kei­nen Preis er­hal­ten ha­ben. Da sie sich an den 378 Bei­trä­gen der KT ori­en­tiert, sind es 216 Tex­te re­spek­ti­ve 57,1%. Das ist in Be­zug auf die Ana­ly­se rich­tig, aber in Be­zug auf den ge­sam­ten Wett­be­werb eben nicht, weil in Wirk­lich­keit ja 553 Tex­te kei­nen Preis be­kom­men ha­ben. Das wä­ren dann 77,3% al­ler Bei­trä­ge. Ei­ne sol­che Ver­gleichs­ta­bel­le wä­re in sol­chen Ka­te­go­rien (auch bei­spiels­wei­se in Be­zug auf die teil­neh­men­den Au­toren) m. E. min­de­stens zwin­gend ge­we­sen, um den Aus­wahl­cha­rak­ter noch ein­mal zu be­to­nen.

Röh­richt be­grün­det die Ein­schrän­kung mit lo­gi­sti­schen und recht­li­chen Pro­ble­men14. Denn die Tex­te aus den Jah­ren 1977 bis 1997 (ab 1998 ste­hen al­le Tex­te im In­ter­net) sei­en zum ei­nen nur noch über Ar­chi­ve zu­gäng­lich. Zum an­de­ren dür­fe aber aus ih­nen nicht oh­ne be­son­de­re Er­laub­nis zi­tiert wur­den. Die­se Aus­sa­ge mag rich­tig sein, aber die Er­fas­sung der Tex­te müss­te auch oh­ne Ge­neh­mi­gung mög­lich sein. Aber dies wür­de dem We­sen von Röh­richts Mo­no­gra­phie wi­der­spre­chen. Denn sie un­ter­zieht die Tex­te (aus der KT) nicht nur ei­ner ein­ge­hen­den Ana­ly­se son­dern stellt et­li­che von ih­nen (ge­schätzt et­wa 200) in In­halts­an­ga­ben und Ein­zel­in­ter­pre­ta­tio­nen vor, um ex­em­pla­risch The­sen zu il­lu­strie­ren.

Röh­richts Ziel ist es ei­ne »struk­tu­rie­ren­de In­halts­ana­ly­se« vor­zu­neh­men und be­stimm­te Aspek­te aus dem je­wei­li­gen Text her­aus­zu­fil­tern. Hier­für gibt sie an, fol­gen­de Kri­te­ri­en ab­ge­fragt zu ha­ben:

  • »(1) Wel­che Wir­kungs­ab­sicht hat der Text?
  • (2) Wie ist der Text ge­macht, eher tra­di­tio­nell, kon­ven­tio­nell oder in­no­va­tiv?
  • (3) Prä­sen­tiert der Text ei­ne ‘mime­ti­sche’ oder ei­ne ‘mög­li­che’ Welt?
  • (4) Wel­che Be­son­der­hei­ten wei­sen Ty­po­gra­phie und Or­tho­gra­phie auf?
  • (5) Zu den Fi­gu­ren: Wel­ches Al­ter und Ge­schlecht ha­ben sie, wel­che Kon­stel­la­ti­on ist dar­ge­stellt, sind sie in­tro­ver­tiert oder of­fen?
  • (6) Wird im Text ei­ne spe­zi­fi­sche To­po­gra­phie ent­fal­tet bzw. sind Hand­lungs­räu­me er­kenn­bar und wenn ja, sind die­se hand­lungs­re­le­vant?
  • (7) Zum The­ma des Tex­tes: Wie wird es per­spek­ti­viert, wel­ches The­men­ge­biet wird dar­ge­stellt? Kommt Kla­gen­furt im Text vor?
  • (8) Wel­che Stil­la­ge ver­wen­det der Text und lässt sich ei­ne be­son­de­re Sprach­ver­wen­dung er­ken­nen? […]
  • (9) Gibt es vie­le Me­di­en im Text wie Bil­der, Brie­fe?
  • (10) Zum Er­zähl­ver­fah­ren: Wel­che Fo­ka­li­sie­rung liegt vor, wel­che Di­stanz hat der Er­zäh­ler zum Ge­sche­hen, nimmt er an der Ge­schich­te teil? Wel­che Er­zähl­ebe­nen gibt es, wie ist die Dar­stel­lung der Zeit ge­glie­dert?
  • (11) Gibt es ein Ver­fah­ren der Mon­ta­ge?«

Prä­zi­siert fin­det man die Ab­fra­gen in ei­nem Code­buch wel­ches im An­hang ein­ge­se­hen wer­den kann15. Da wird un­ter an­de­rem noch die Na­tio­na­li­tät des Au­tors, des­sen Pu­bli­ka­ti­ons­ge­schich­te vor und nach dem Wett­be­werb, die Fra­ge, ob es sich um ei­nen Aus­zug aus ei­nem Ro­man han­delt oder nicht und die Er­wäh­nung des Au­tors in di­ver­sen Li­te­ra­tur­le­xi­ka er­fasst. Bei ei­ni­gen Co­die­run­gen sind (er­wart­bar) Mehr­fach­nen­nun­gen mög­lich, was die Aus­wer­tung nicht im­mer er­leich­tert. Da­bei kann man sich nach­träg­lich si­cher­lich fra­gen, ob be­stimm­te Aspek­te über­haupt re­le­vant wa­ren (die Au­torin deu­tet dies an). So et­wa die Punk­te (4) und (9) oder die Fra­ge ob Kla­gen­furt im Text vor­kommt. Die Re­sul­ta­te in die­sen Punk­ten sind ziem­lich er­wart­bar (kaum Dia­lekt oder So­zio­lekt; sehr sel­ten ex­pe­ri­men­tel­le Pro­sa mit spe­zi­el­ler Ty­po- und/oder Or­tho­gra­phie; Prosa­miniaturen ha­ben wie auch Pop­li­te­ra­tur kei­ne Chan­ce), was man je­doch viel­leicht erst dann quan­ti­fi­zie­ren kann, wenn man es er­ho­ben hat.

Kri­tisch wird es al­ler­dings, wenn, wie in den Punk­ten (1), (2) oder (8), em­pi­risch nicht ge­nau spe­zi­fi­zier­ba­re Ur­tei­le ab­ge­ge­ben wer­den müs­sen. Im Punkt »Wir­kungs­ab­sicht« lau­tet denn auch das Ur­teil bei 252 von 378 Tex­ten »kei­ne be­son­de­re«, was ir­gend­wie selt­sam er­scheint. Auch ist der Er­kennt­nis­wert der Aus­sa­ge, dass auf die Fra­ge »Wel­che Sprach­ver­wen­dung weist der Text auf?« die Ant­wort 221mal »kei­ne be­son­de­re« lau­tet, eher ge­ring. Auf die Fra­ge, wie die Cha­rak­te­re dar­ge­stellt wer­den, er­hält man recht häu­fig die Ein­schät­zung »nicht be­stimm­bar«. Und die Be­wer­tun­gen der »Stil­la­ge« blei­ben eben­falls zwie­späl­tig, weil nicht prä­zi­se de­fi­niert wer­den kann, ab wann et­was »mitt­le­rer«, »nie­de­rer« oder »ho­her Stil« ist. Am En­de sind 339 von 387 Tex­ten »mitt­le­rer Stil«. Aber was ist ein »mitt­le­rer Stil«?

Span­nend wä­re es auch bei der Be­wer­tung ge­we­sen be­stimm­te epi­go­na­le Strö­mun­gen zu un­ter­su­chen. So gab es in den 1990er Jah­ren sehr vie­le Tex­te in Kla­gen­furt, die den Sprach­stil von Tho­mas Bern­hard zum Teil zu­wei­len na­he­zu imi­tier­ten. Zu sol­chen äs­the­ti­schen Mo­den fin­det man bei Röh­richt je­doch we­nig.

In­ter­es­sant wird es im­mer dann, wenn Ten­den­zen auf­schei­nen. So sind in fast drei Vier­tel der un­ter­such­ten Tex­te (wohl­ge­merkt: die in der KT ab­ge­druckt sind) ei­ne in­ter­ne Fo­ka­li­sie­rung fest­zu­stel­len, d. h. der Le­ser er­hält ei­ne In­for­ma­ti­on aus Sicht ei­ner Per­son16. Im über­wie­gen­den Fall han­delt es sich da­bei um ei­nen Ich-Er­zäh­ler. Unent­schieden bleibt das Ver­hält­nis, ob der Er­zäh­ler an der Ge­schich­te teil­nimmt oder nicht. Mit über­wäl­ti­gen­der Ein­deu­tig­keit hin­ge­gen die Prä­fe­renz für nur ei­ne Er­zähl­ebe­ne, was si­cher­lich auch dem For­mat der Bei­trä­ge ge­schul­det ist. Er­zählt wird fast im­mer li­ne­ar, ma­xi­mal mit »Me­talep­sen«, wie im Ger­ma­ni­sten­jar­gon Rück­blen­den ge­nannt wer­den. Röh­richt sub­sum­miert die Er­zähl­ver­fah­ren weit­ge­hend zwi­schen »kon­ven­tio­nell-sche­ma­tisch« und »kon­ven­tio­nell-tra­di­tio­nell«. Mon­ta­ge­ver­fah­ren bil­den die gro­ße Aus­nah­me. Kom­ple­xi­tät sei, so die et­was mo­kan­te Quint­essenz, in Kla­gen­furt »über­schau­bar»17 und auch nur be­dingt er­wünscht18. In­no­va­ti­ve Er­zähl­ver­fah­ren sind al­ler­dings bei der Ver­ga­be des Haupt­prei­ses leicht über­pro­por­tio­nal ver­tre­ten.

Zwei Drit­tel der aus­ge­wähl­ten Tex­te (nicht der Kla­gen­furt-Tex­te ge­ne­rell – hier­zu sie­he oben) krei­sen um ins­ge­samt sechs The­men­be­rei­che, von de­nen fünf »pri­va­ter Na­tur« sind: Fa­mi­li­en, Krankheit/Tod und Schick­sals­schlä­ge, in­ti­me Be­zie­hun­gen, Ar­beit, All­tag. »Le­dig­lich in den Tex­ten zur (Zeit-)Geschichte ist ei­ne the­ma­ti­sche Öff­nung ab­seits des Pri­va­ten er­kenn­bar»19. In den 1990er Jah­ren drän­gen noch The­men um Kör­per und Ver­sehrt­heit, Freund­schaft und, be­son­ders in den letz­ten Jah­ren, in­ter­kul­tu­rel­le Er­fah­run­gen stär­ker her­vor20. Ins­ge­samt liegt der ist der Er­zäh­ler häu­fig ein Au­ßen­sei­ter bzw. Ein­zel­gän­ger. Die über­wie­gen­de Mehr­heit der Tex­te stel­len die Welt »mime­tisch« dar, d. h. sa­lopp for­mu­liert: Die Tex­te kann man un­ter »Rea­lis­mus« sub­sum­mie­ren, was Röh­richt ein­mal ganz nett mit »Neu­er Ob­jek­ti­vi­tät« um­schreibt.

Kla­gen­furt sei, so die Quint­essenz, ein öko­no­misch be­deut­sa­mes Räd­chen im Be­trieb21 und ent­spre­chend – so die Sug­ge­sti­on – sind auch die Tex­te. Die­se Kla­ge ist nicht neu. Schon in den 1960er Jah­re sag­te man ähn­li­ches von der Grup­pe 47, die sich all­zu sehr den kom­mer­zi­el­len Ge­ge­ben­hei­ten und den Kri­ti­kern zu­wen­de statt den Werk­statt­cha­rak­ter wie­der­zu­be­le­ben. Da­bei dürf­te es am En­de die ein­sei­ti­ge Fo­kus­sie­rung auf die Per­son Hans Wer­ner Rich­ter ge­we­sen sein, die die Grup­pe 47 ob­so­let mach­te. Den­noch wa­ren auch nach dem Zu­sam­men­bruch der Grup­pe na­he­zu al­le da­mals pro­mi­nent ver­tre­te­nen Per­sön­lich­kei­ten (Au­toren wie na­tür­lich auch Kri­ti­ker) sehr schnell im Be­trieb in­te­griert.

Röh­richt ar­gu­men­tiert in Hin­sicht auf die Be­trach­tun­gen zum »Bör­sen­platz« Kla­gen­furt prag­ma­tisch und setzt die Ver­an­stal­tung in Be­zug auf Kom­mer­zia­li­sie­rung in ei­ne Rei­he mit dem »Deut­schen Buch­preis«. Li­te­ra­ri­scher An­spruch kol­li­diert mit kom­mer­zi­el­len Er­war­tun­gen; Kom­ple­xi­tät mit Ein­gäng­lich­keit. We­ni­ger ge­lun­gen sind ih­re Ver­su­che die Selbst­in­sze­nie­run­gen der Au­toren zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Die Mo­no­gra­phie sei trotz der be­schrie­be­nen Schwä­chen un­be­dingt je­dem Kla­gen­furt-Adep­ten emp­foh­len. Die zum Teil aus­gie­bi­gen In­halts­an­ga­ben und Be­spre­chun­gen der Tex­te sind in ge­ball­ter Le­sung viel­leicht et­was er­mü­dend, könn­ten an­de­rer­seits je­doch im ein oder an­de­ren Fall noch ein­mal zum Nach­le­sen an­re­gen. Na­tür­lich ist das Buch kei­ne An­wei­sung, wie man ei­nen Sie­ger­text schreibt. Und selbst wenn die Kri­te­ri­en hier­für al­le er­füllt wä­ren – Über­raschungen sind in Kla­gen­furt nie ganz aus­zu­schlie­ßen. Hof­fent­lich bleibt das auch so.


  1. Insbesondere "Der Ingeborg-Bachmann-Preis - Börse, Show, Event" aus dem Jahr 2004 

  2. S. 76, Fußnote 4 

  3. Zu klären wäre freilich, wieviel Autoren "befragt" wurden; dies kann ich nicht leisten, weil ich die Studie von Moser nicht vorliegen habe. 

  4. Ich halte es in diesem Text wie Röhricht und verwende das generische Maskulinum. 

  5. S. 55, Fußnote 98 

  6. S. 17 

  7. Explizit S. 43 

  8. Die Jury hat der Veranstalter vor anderspeinlichen Blamagen 1997 endgültig bewahrt. Da wurde nämlich die Spontankritik abgeschafft. Die Juroren erhalten die Texte nun vorab. Zuweilen kann man erkennen, dass das wenig nutzt. 

  9. S. 56, Fußnote 100 

  10. S. 20 

  11. S. 273-298 

  12. Es sind in Wirklichkeit 715 Texte, wie man beim Nachzählen der Wikipedia-Einträge leicht herausfinden kann 

  13. Wie groß die Differenz ist, zeigt sich, wenn man die Untersuchung der Teilkorpusse (im Anhang ab S. 388) zur Hand nimmt. So wurden von den 75 Texten, die in den 1970er Jahren (1977-1979) gelesen wurden, lediglich 38 in die KT aufgenommen. Das Verhältnis bleibt auch für die weiteren Jahrzehnte ähnlich: 1980er Jahre 131 Texte in der KT bei 248 Lesungen, 1990er 106 von 199, 2000er 86 von 165; 2010er Jahre (nur 2010 und 2011) 17 von 28. 

  14. S. 13 Fußnote 9 

  15. S. 359 bis 376 

  16. Kategorisierung nach Genette 

  17. S. 98 

  18. S. 297 

  19. S. 97 und im Anhang S. 448 

  20. S. 528 

  21. S. 306