Au­to­kra­ti­scher Op­por­tu­nis­mus

»Ich nen­ne das ei­nen An­schlag auf die De­mo­kra­tie (...), wenn das Par­tei­haupt­quar­tier ei­ner Re­gie­rungs­par­tei sy­ste­ma­tisch be­schließt, die De­bat­te um die Zu­kunft des Lan­des zu ver­wei­gern«.

Die­ser Satz von Mar­tin Schulz vom Sonn­tag zog ei­ne brei­te Wel­le der Em­pö­rung nach sich – nicht nur er­war­tungs­ge­mäß bei den Uni­ons-Gran­den, son­dern auch in an­de­ren Par­tei­en. Schulz ver­such­te zu be­schrei­ben, wie die im Spin-Deutsch der Po­lit­pro­fis so­ge­nann­te »asym­me­tri­sche De­mo­bi­li­sie­rung« funk­tio­niert. Die­se Tak­tik steht da­für, ge­sell­schaft­li­che und po­li­tisch kon­tro­ver­se The­men in Wahl­kämp­fen nicht an­zu­spre­chen, um nicht die po­ten­ti­el­len Wäh­ler an­de­rer Par­tei­en zu mo­bi­li­sie­ren. (Der gän­gi­ge Pas­sus lau­tet: »Was­ser auf die Müh­len…«.)

Der Streit ent­zün­de­te sich be­son­ders auf Schulz’ Wort vom »An­schlag auf die De­mo­kra­tie«. In den hy­ste­ri­schen Re­ak­tio­nen dar­auf ging un­ter, dass der Vor­wurf der Aus­klam­me­rung pro­vo­kan­ter The­men in Wahl­kämp­fen kei­nes­falls al­lei­ne dem Uni­ons-La­ger ge­macht wer­den kann. So fehlt von al­len Sei­ten ei­ne grund­le­gen­de De­bat­te über den Fort­gang der In­te­gra­ti­on der seit 2015 in Deutsch­land an­ge­kom­me­nen Flücht­lin­ge. Und au­ßer den lau­war­men Be­kennt­nis­sen zu »Eu­ro­pa« ist weit und weit nicht zu er­ken­nen, mit wel­chen po­li­ti­schen Pro­jek­ten die EU in den näch­sten Jah­ren auf­tre­ten möch­te. Was wür­de »mehr Eu­ro­pa« be­deu­ten? Wie geht es mit der Au­steri­täts­po­li­tik wei­ter? Eben­falls nicht ganz un­in­ter­es­sant wä­re ei­ne De­bat­te dar­um, wie die En­er­gie­ver­sor­gung der Zu­kunft jen­seits wohl­fei­ler For­de­run­gen aus­se­hen könn­te und was sie ko­stet.

Schulz’ At­tacke an die Uni­on ist au­ßer­dem ab­surd. Es wä­re ge­ra­de bei ihm ge­we­sen in den letz­ten Mo­na­ten die »De­bat­te um die Zu­kunft des Lan­des« pro­gram­ma­tisch aus­zu­fül­len. Wenn der Uni­on asym­me­tri­sche De­mo­bi­li­sie­rung vor­wirft, so be­deu­tet dies im Klar­text: Auch wir ha­ben nicht da­zu bei­getra­gen, die Uni­on mit Vor­schlä­gen zu locken. Die Fol­gen sind üb­ri­gens be­kannt: Die SPD ver­lor kra­chend drei Land­tags­wah­len en sui­te.

Statt­des­sen be­kommt man nun wie­der ei­ne Kost­pro­be Merkel’scher Po­li­tik. In ei­ner Frau­en­zeit­schrift ver­kün­det sie gön­ner­haft, den Frak­ti­ons­zwang für ei­ne Ab­stim­mung um die so­ge­nann­te Ehe für al­le auf­zu­he­ben. Vor lau­ter Be­gei­ste­rung merkt kaum je­mand, dass es laut Grund­ge­setz ei­gent­lich gar kei­nen Frak­ti­ons­zwang gibt. Und das die Kanz­le­rin höchst­selbst jah­re­lang al­le ent­spre­chen­den Vor­stö­sse im Bun­des­tag ab­ge­schmet­tert hat fällt auch weit­ge­hend un­ter den Tisch. Es ist halt wie schon wei­land bei der Atom-Wen­de. Der Wind hat sich ge­dreht – und da­mit än­dert sich auch die Rich­tung des Schiffs. Wi­der­stand nicht nur zweck­los, son­dern un­er­wünscht. Er­staun­lich, dass im­mer noch Schrö­der als Ba­sta-Kanz­ler gilt.

Viel ge­fähr­li­cher als die asym­me­tri­sche De­mo­bi­li­sie­rung – zu der im­mer auch die an­de­ren ge­hö­ren – ist Mer­kels au­to­kra­ti­scher Op­por­tu­nis­mus, der mit ei­nem Fe­der­strich lan­ge ge­heg­te Über­zeu­gen dem Zeit­geist per­fekt an­passt. Statt ei­ner Dis­kus­si­on um die Ehe für al­le, in der die Uni­ons­par­tei­en als rück­schritt­lich dar­ge­stellt wor­den wä­ren (al­le an­de­ren be­kann­ten sich in­zwi­schen da­zu), he­belt die Kanz­le­rin die­ses The­ma mit ih­rem Vor­stoß aus. Da­bei spielt die tat­säch­li­che Re­le­vanz der The­ma­tik gar kei­ne Rol­le (für den Groß­teil der Be­völ­ke­rung ist dies schlicht ir­rele­vant).

Jetzt soll noch vor der Som­mer­pau­se die An­ge­le­gen­heit er­le­digt wer­den. Der Zeit­punkt ist per­fekt, denn die Skep­ti­ker ha­ben bis zur Bun­des­tags­wahl die Sa­che längst ver­ges­sen (und ge­nü­gend Re­le­vanz hat es auch für sie nicht mehr). Grund­ge­setz­än­de­rung auf Knopf­druck. Al­le fin­den es toll. Ein stra­te­gi­sches Mei­ster­stück.

Der Som­mer kann kom­men. Und wenn das so wei­ter geht, ver­passt man die Wahl noch.

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8 Kommentare zu »Au­to­kra­ti­scher Op­por­tu­nis­mus«:

  1. Joseph Branco sagt:

    Pas­san­ten wol­len ein schal­len­des Ge­läch­ter aus dem Kanz­ler­amt ge­hört ha­ben. Deutsch­land dis­ku­tiert über ei­nen ei­ne Min­der­heit be­tref­fen­den ju­ri­sti­schen Lücken­schluss. So liebt sie es. Die Che­fin hat wie­der die Ne­bel­ma­schi­ne an­ge­macht und der klei­ne Mar­tin hat vor Freu­de ro­te Backen.

    Ab­schluss­be­richt des NSA-Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses. Ban­ken neh­men den Staat per Cum-Ex und Cum-Cum aus wie ei­ne Weih­nachts­gans. Etc.pp. Al­les ver­schwin­det in den Schwa­den. Und die Schieß­bu­den­fi­gu­ren freu­en sich, wenn sie im Tru­bel An­ge­la mal vors Schien­bein tre­ten kön­nen. Dies­mal traut man sich nicht mal mehr die Ver­mö­gens­steu­er auch nur lei­se an­zu­mah­nen. Tho­mas Pi­ket­ty hat sein Ka­pi­tal dann doch um­sonst ge­schrie­ben

    #1

  2. Er­staun­lich fin­de ich die­se me­dia­le Auf­la­dung des The­mas. Als stra­te­gi­schen Coup ist es ge­ni­al: Die Kanz­le­rin in­iti­iert die­sen Lücken­schluss – und stimmt gleich­zei­tig da­ge­gen. Dass das ei­ne ziem­li­che Per­ver­si­on der Po­si­ti­on ei­nes Bun­des­kanz­lers ist, der ja die Richt­li­ni­en der Po­li­tik be­stim­men soll, merkt nie­mand. Man stel­le sich vor dies wür­de mit ei­nem Kriegs-, par­don: Frie­dens­ein­satz ge­sche­hen.

    #2

  3. Joseph Branco sagt:

    Er­staun­lich fin­de ich die­se me­dia­le Auf­la­dung des The­mas.

    Ich bin mitt­ler­wei­le so pa­ra­no­id, dass ich da nicht mehr an »Ef­fek­te« glau­be. So wie der Um­schwung des Word­ings von Ho­mo-Ehe zu Ehe für Al­le wie bei ei­ner ko­rea­ni­schen Flag­gen­pa­ra­de funk­tio­nier­te, wur­den al­le an­de­re The­men ab­ge­räumt. Man Ver­gleich z.B. die Auf­re­gung TTIP/CETA Eu­ro­pä­isch-Ja­pa­ni­sches-Hand­les­ab­kom­men.

    #3

  4. Jumid sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig & @ Jo­seph Bran­co
    Ja, ei­ner­seits kann das Maß der Auf­re­gung ver­wun­dern, wenn man es auf die Me­di­en be­zieht, ins­be­son­de­re auf ihr Ein­zu­schla­fen und ih­re Art, ein­zu­schlä­fern. Der Hin­weis auf die Han­dels­ab­kom­men trifft es ge­nau. Auch den Är­ger über die Kanz­le­rin tei­le ich.
    Be­zieht man es auf die Sa­che selbst, ver­wun­dert mich wie maß­voll die Re­ak­ti­on ist. Und die­ser Be­schluß des Bun­des­ta­ges ist ein enor­mer Schritt für das, was Brecht be­zeich­ne­te mit dem Wort, die Welt sei ins Funk­tio­na­le ge­rutscht (ein Hin­weis, den ich ei­nem Freund ver­dan­ke). Das trifft es im Kern. Es geht hier im Kern um ei­ne All­ver­füg­bar­keit von Na­tur und Recht, die mit ei­nem fast vor­re­fle­xi­ven Gül­tig­keits­an­spruch von An­er­ken­nungs­ge­füh­len be­grün­det wird. Es geht hier mit­nich­ten im Kern um Gleich­be­rech­ti­gung, die­se war bis auf we­ni­ge, auch an­ders leicht zu re­geln­de Aus­nah­men, doch ge­ge­ben. Ich fin­de, man kann nicht kri­ti­sie­ren, dass es Kon­ser­va­ti­ven (ver­meint­li­chen, aber mei­net­we­gen kön­nen wir es so be­zeich­nen) um ei­nen Sym­bol­ge­halt ging, der ei­ne wich­ti­ge, ei­ne zu­neh­mend wich­ti­ger wer­den­de Sa­che sym­bo­li­siert: näm­lich Dif­fe­ren­zen, die ge­sell­schaft­lich und recht­lich nicht ver­füg­bar sind. Ich hät­te ver­stan­den, Dif­fe­ren­zen gleich zu be­rech­ti­gen, ich ver­ste­he nicht ih­re sym­bo­li­sche Ein­eb­nung. Wäh­rend das ei­ne für mich ein po­li­tisch li­be­ra­ler Akt ist, den ich voll und ganz ver­tre­ten kann, ist das an­de­re ei­ne ver­lo­ge­ne An­ma­ßung, die al­ler­lei Rea­li­täts­ver­zer­run­gen, Um­de­fi­ni­tio­nen ins kaum Leb­ba­re und ein wei­te­res Ge­ran­gel in der An­spruchs­po­li­tik nicht ver­hin­dert, son­dern ge­ra­de­zu her­auf be­schwört. Nur als Bei­spiel­split­ter: dem­nächst steht uns ei­ne Dis­kus­si­on um ei­ne Quo­ten­re­ge­lung von Ad­op­tiv­kin­dern ins Haus, wenn auch nur der Ver­dacht be­steht, es könn­te hier ei­ne quan­ti­ta­ti­ve Be­nach­tei­li­gung be­stehen. Da bin ich ziem­lich si­cher. Wie ge­sagt, das ist nur ein Split­ter, weil es quan­ti­ta­tiv gar nicht um Ad­op­ti­on geht, son­dern um Zu­gang zur Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin. So­weit ich weiß, gibt es sehr viel mehr Paa­re, die ein Klein­kind (um die geht’s vor al­lem) ad­op­tie­ren möch­ten als Klein­kin­der zur Ad­op­ti­on an­ste­hen. Gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re, de­ren Kin­der­wunsch nicht nur als Aus­nah­me, son­dern sy­ste­ma­tisch nur auf dem recht­lich – ge­sell­schaft­li­chen oder auf dem tech­nisch – öko­no­mi­schen Weg zu be­frie­di­gen ist, wer­den durch Ad­op­tio­nen al­lein sich nicht aus­rei­chend ge­wür­digt füh­len.
    Ich hal­te die­se tri­um­pha­le, teils stra­te­gi­sche Nai­vi­tät, die ich in der letz­ten Wo­che be­ob­ach­ten muss­te, wirk­lich für grot­ten­falsch und kurz­sich­tig. Ich glau­be, je­ne, die von der Auf­lö­sung der Ehe spra­chen, ha­ben Recht. Das kann man na­tür­lich al­les pla­nie­ren, mög­lichst mit den üb­li­chen in­halts­lee­ren Ver­ab­schie­dungs- und Ent­wer­tungs- und Be­schimp­fungs­po­sen wie: das ist von Ge­stern, ver­al­tet, dar­über ist die Zeit (wer auch im­mer das ist) hin­weg ge­gan­gen, das ist re­ak­tio­när, ewig gest­rig, de­bil kon­ser­va­tiv, der Re­flex von Früh­ver­grei­sten oder mit wel­chen Be­schimp­fun­gen von Grup­pen, die der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit für nicht wür­dig er­ach­tet wer­den und die man kri­tik­los ver­höh­nen darf, auch im­mer. Ich wün­sche nur (fast zy­nisch) viel Glück mit den Re­sul­ta­ten.
    Von der schmud­de­li­gen po­li­tisch – recht­li­chen Art, in der das auf bei­den Sei­ten ge­schah, ha­be ich da­bei noch kein Wort ge­sagt. Ei­ne sol­ches The­ma ist kei­ne macht­po­li­ti­sche Ver­fü­gungs­mas­se, we­der für CDU noch SPD und Grü­ne, so wird das ge­sell­schaft­lich nicht funk­tio­nie­ren, das ist ein Bu­me­rang, selbst dann, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sich – wie zu­neh­mend ge­übt – so­phi­stisch bis ins nicht mehr Kennt­li­che ver­biegt und Äu­ße­run­gen und An­sprü­che und Maß­stä­be, die es bis in die jüng­ste Zeit ver­trat, da­mit als Ge­la­ber mit kur­zer Halb­werts­zeit of­fen­bart. So kann man aber nur Ge­la­ber mit Groß­be­grif­fen auf Ma­mor­säu­len durch Ge­la­ber mit an­de­ren Groß­be­grif­fen auf neu­en Ma­mor­säu­len sub­sti­tu­ie­ren: sor­ry, wenn Ihr uns ernst ge­nom­men habt, war nicht so ge­meint, wir mein­ten nur op­por­tu­ne Au­gen­blicks­prin­zi­pi­en. Das legt die Axt an die in­tel­lek­tu­el­le und recht­li­che Au­to­ri­tät des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes. Dass das ge­nau­so kommt, be­zwei­fe­le ich al­ler­dings kaum.

    #4

  5. @Jumid
    Die Ent­schei­dung von die­ser Wo­che zeigt wie schnell ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wer­den kön­nen, wenn das, was im Grund­ge­setz ver­an­kert ist, auch tat­säch­lich an­ge­wandt wird. Auf die gön­ner­haft Ge­ste der »Frei­ga­be« des »Frak­ti­ons­zwangs« (ab­ge­mil­dert als »Frak­ti­ons­dis­zi­plin« be­zeich­net) wur­de in den Me­di­en kaum ein­ge­gan­gen. Der Zweck hei­ligt schein­bar die Mit­tel. Nur ein­mal ha­be ich ge­hört, dass da­mit de fac­to die Gro­ße Ko­ali­ti­on be­en­det sei, weil im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ste­hen wür­de, dass es kei­ne wech­seln­den Mehr­hei­ten ge­be. Dem­nach wä­re der Ko­ali­ti­ons­ver­trag nicht grund­ge­setz­kon­form, denn man man schwer­lich Ab­ge­ord­ne­ten, die ih­rem Ge­wis­sen un­ter­wor­fen sein sol­len vor­schrei­ben, wie sie ab­zu­stim­men ha­ben. Ge­stört hat das nie­man­den. Auch die stra­te­gi­sche Kom­po­nen­te von Mer­kel (das »Ab­räu­men« des The­mas im Wahl­kampf) fand in den Me­di­en nicht statt.

    Jetzt gibt es die er­sten Stim­men, die sich für ei­ne Gleich­stel­lung der Le­bens­ge­mein­schaf­ten ein­set­zen und das Ehe-Pri­vi­leg kip­pen wol­len. Auch hier wird mit der Dis­kri­mi­nie­rung ar­gu­men­tiert. Es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, wann die Ehe als In­sti­tu­ti­on fis­ka­lisch und ge­sell­schaft­lich fällt. Die re­li­giö­se Kom­po­nen­te (Sa­kra­ment) ist längst pas­sé.

    #5

  6. Jumid sagt:

    Ich stim­me dem zu, dass es wahr­schein­lich so kom­men wird, wie Sie es be­schrei­ben, dass die Ehe fällt. Nur war das nie­mals Ge­gen­stand der Dis­kus­si­on, in­so­fern ist es so­zu­sa­gen ei­ne Art Aus­ster­ben ei­ner Form in der zwei­ten Na­tur. Mit ei­nem ra­tio­na­len Ent­schluss hat das na­tür­lich nichts zu tun, son­dern mit ei­nem Be­schluss, des­sen Ne­ben­fol­gen die Haupt­fol­gen deut­lich über­wie­gen. Aus die­ser Sicht ver­ste­he ich auch, dass man­che die­se Er­eig­nis­se der letz­ten Wo­che als tak­ti­sches Ma­nö­ver wahr­neh­men. Das ist es ja auch für ei­ne macht­tak­tisch ge­wief­te, in­tel­lek­tu­ell aber im Nir­wa­na irr­lich­tern­de Kanz­le­rin. Dar­in un­ter­schei­det sie sich par­tei­über­grei­fend nicht von ei­ner Mehr­heit der po­li­ti­schen Klas­se und ih­rer Kom­men­ta­to­ren. Da kann man nur sa­gen: Hut ab! Ich se­he es als tak­ti­sche Mei­ster­lei­stung an, wenn je­mand ei­nem Schwim­mer Meer ei­ne Holz­plan­ke hin­wirft und an­schlie­ßend be­ju­belt wird da­für, dass sie so groß­zü­gig ist, ein so stol­zes Schiff in ei­nem Ba­de­see zu Was­sern. Dass sie da­mit durch­kommt, ist wirk­lich Teil des Elends. Zu­gleich fehlt aber, wie so oft, die Dis­kus­si­on der Sa­che und ih­rer Kon­se­quen­zen.
    Dass die­ses Prin­zip der Ehe in ir­gend­ei­ner Hin­sicht pas­sé wä­re, se­he ich aber in gar kei­ner Wei­se. Sie wird in die­ser Ent­schei­dung in der Ten­denz so­gar be­stä­tigt, sie wird als Norm­mo­dell aus­ge­wei­tet und da­mit zu­gleich im Grund­satz ver­än­dert oder so­gar ab­ge­schafft, weil die her­kömm­li­che Ehe zu ei­nem Spe­zi­al­fall ei­nes ir­gend­wie schwam­mig kon­sen­su­el­len Ver­trags­ver­hält­nis­ses ge­macht wird. So pa­ra­dox ist das. In­so­fern trifft der grot­ten­dum­me Be­schwich­ti­gungs­satz, es wer­de nie­man­dem et­was ge­nom­men, in gar kei­ner Wei­se. Der wür­de nur dann stim­men, wenn man ei­ne ei­ge­ne, gleich­be­rech­tig­te Form der Part­ner­schaft hät­te. Die­se kul­tu­rell zu schaf­fen und mit ei­ner ihr ei­ge­nen Wür­de zu ver­se­hen, wä­re die Auf­ga­be ei­ner Min­der­heit, die stolz auf sich hält. Die­se ist aber un­ter mei­nem Ra­dar nir­gends zu se­hen. Ich se­he nur Me-Too-Ka­pe­rer, die es aber als dis­kri­mi­nie­ren­de Un­ver­schämt­heit se­hen, so ge­nannt zu werden.Und hier muss ich noch ein­mal per­sön­lich und viel­leicht auch et­was über­scharf wer­den: Ich ver­ste­he das An­lie­gen, ich ak­zep­tie­re das An­lie­gen, mei­ne Ach­tung gibt’s für sol­che trot­zi­ge In­fan­ti­li­tät al­ler­dings nicht. Aber das ist sehr per­sön­lich, auf mei­ne Ach­tung ist ja auch nie­mand an­ge­wie­sen, dar­auf kann man sich ein Ei pel­len.
    Es ist nicht aus­schließ­lich ein Me – Too – Ge­setz, um die so­zu­sa­gen die als dis­kri­mi­nie­rend emp­fun­de­ne De­fi­ni­ti­ons­macht der her­kömm­li­chen In­sti­tu­ti­on Ehe zu bre­chen und sich auch so nen­nen zu kön­nen. Die sym­bo­li­sche Auf­la­dung dreht sich nicht zu­fäl­lig um den Be­griff „Ehe“ und ins­be­son­de­re die Kin­der­fra­ge. Und da kann man rum­re­geln wie man mag, ei­ne gleich­ge­schlecht­li­che Ehe mit Kin­dern kann oh­ne He­te­ro­se­xua­li­tät nie­mals be­stehen, sie ist nicht ins So­zia­le auf­lös­bar, nicht theo­re­tisch, und prak­tisch auch nicht. Die­se Din­ge spie­len aber ver­meint­lich über­haupt kei­ne Rol­le mehr, so­bald man das aber in der Pra­xis re­geln möch­te, sind die­se so­fort da. Man hat ja ver­sucht, die Fra­ge der Nach­kom­men­schaft zu­min­dest teil­wei­se so­zi­al zu re­geln, z.B. über Sa­men­ban­ken, wo es in­zwi­schen ehe­ma­li­ge Sper­mas­pen­der gibt, die da­mit vie­les ver­bun­den ha­ben mö­gen, nur kei­ne Va­ter­schaft. Die­se schlu­gen nach zwan­zig Jah­ren hart auf wie die Dach­decker, als sie er­fah­ren muss­ten, dass ih­re in­zwi­schen er­wach­sen ge­wor­de­nen und ih­nen völ­lig un­be­kann­ten Kin­der, so un­be­kannt, dass sie de­ren Exi­stenz nicht mal kann­ten, ein Grund­recht!!!! ha­ben, ih­re bio­lo­gi­schen Er­zeu­ger ken­nen zu ler­nen. Die­ses Prin­zip ist kra­chend ge­schei­tert. Und die Kon­se­quen­zen die­ses Schei­terns sind noch gar nicht voll ab­seh­bar, weil an die­sem Prin­zip der Bluts­ver­wandt­schaft po­ten­ti­ell al­les Mög­li­che hängt. So­bald es näm­lich Vor­tei­le bringt, man könn­te das auch nen­nen: so­bald sie sich durch die Nicht­an­wen­dung die­ses Bluts­rechts in ih­ren Grund­rech­ten auf Gleich­stel­lung be­ein­träch­tigt se­hen, ist die an­de­re Na­tur des Ver­trags­rechts völ­lig ir­rele­vant. Es gibt trau­ri­ge Bei­spie­le von Men­schen, die Jah­re ih­res Le­bens dar­auf ver­wen­den, ih­re bio­lo­gi­sche Ab­stam­mung zu klä­ren, ob­wohl es für sie der Ver­trags­theo­rie nach gar nicht exi­stie­ren dürf­te.
    In­so­fern ist die oben be­schrie­be­ne Än­de­rung ei­nes Prin­zips (nicht Er­gän­zung oder Plu­ra­li­sie­rung, aber dar­um han­delt es sich hier m.E. nicht) nicht nur ei­ne Er­wei­te­rung des Per­so­nen­krei­ses oder der „An­spruchs­be­rech­tig­ten“, son­dern die Sicht ei­ner Min­der­heit wird nor­ma­tiv für die Sicht ei­ner Mehr­heit. Im Ge­gen­satz, viel­leicht zu Ih­nen, Herr Keu­sch­nig, si­cher aber zu vie­len an­de­ren, glau­be ich nicht, dass die Ehe in den Au­gen vie­ler ei­ne Idee von ge­stern ist. Das se­he ich an­ders.
    Nichts aber ist für die Mo­der­ne, mehr noch für die Post­mo­der­ne, skan­da­lö­ser als Un­ver­füg­bar­keit, Nicht­mach­bar­keit, die­se ist ein Skan­dal der Welt, der be­lei­di­gend ist und nicht to­le­riert wer­den kann für die We­sten­ta­schen­göt­ter ei­nes ra­di­ka­len so­zia­len Kon­struk­ti­vis­mus.
    Ich se­he hier üb­ri­gens sehr wohl ei­ne Ent­schei­dung, die sehr eng mit Phä­no­me­nen ei­nes dump­fen und in sei­ner Rück­wärts­ge­wandt­heit un­halt­ba­ren Po­pu­lis­mus ver­bun­den ist. Ei­ne sol­che Ent­schei­dung ver­än­dert Le­bens­ver­hält­nis­se, re­al und sym­bo­lisch, auf ei­ne Art, de­ren vol­le Wucht sich erst viel spä­ter ent­fal­tet und das auch nur im Kon­text ähn­li­cher, gleich­ge­rich­te­ter Ent­schei­dun­gen. Das wird in der Dis­kus­si­on in kei­ner Wei­se ge­spie­gelt, was uns ver­kauft wird me­di­al, ist die­se mo­sa­ik­haf­te, klein­ge­hal­te­ne Stück­haf­tig­keit, die sich letzt­lich kom­pen­sa­to­risch in macht­tak­ti­schen Fra­gen ver­liert. Die­se sind wich­tig, aber als fast aus­schließ­lich dis­ku­tier­te un­an­ge­mes­sen.
    Wie rich­tig die­se Ver­mu­tun­gen sind, zeigt der von @Keuschnig ver­link­te Ar­ti­kel in der Prantl­hau­ser Glocke aus Mün­chen. Auch wenn ich dar­in fast je­den Satz falsch fin­de, hat er sym­pto­ma­ti­schen und even­tu­ell auch pro­gno­sti­schen Wert. Die Tin­te der Be­schluss­pro­to­kol­le ist ja noch nicht ein­mal trocken. Und es ist kei­ne Ein­zel­stim­me, ich zi­tie­re die Phi­lo­so­phin Ca­the­ri­ne New­mark aus dem Phi­lo­so­phie­ma­ga­zin „Sein und Streit“ (krieg das lei­der mit den Links hier nicht so hin):
    „Aber wä­re es nicht viel zeit­ge­mä­ßer, als die Ehe für al­le aus­zu­wei­ten, das Pro­blem der Ver­wandt­schaft durch die Eta­blie­rung ganz neu­er zi­vil­recht­li­cher Ver­trags­for­men zu lö­sen? Die es al­len, Frau­en, Män­nern, Queers, er­lau­ben wür­den, ih­re Sor­ge­ver­hält­nis­se staat­lich ab­si­chern zu las­sen?
    Dann lie­ße sich die Ehe ganz vom zi­vil­recht­li­chen Zu­sam­men­hang ab­kop­peln und könn­te den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und ih­ren tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sun­gen über­las­sen wer­den. Auf die­se Wei­se wür­de ihr »ur­sprüng­li­cher christ­li­cher Sinn«, um den sich die CSU ja so­viel Sor­gen macht, er­hal­ten blei­ben, oh­ne Scha­den an­zu­rich­ten.
    Sie hät­te dann kei­ner­lei bür­ger­lich-recht­li­che Kon­se­quen­zen mehr, son­dern nur­mehr sym­bo­li­sche Be­deu­tung. Nicht an­ders als, sa­gen wir, das Seg­nen-Las­sen ei­ner po­ly­amo­ren Ge­mein­schaft durch ei­nen Gu­ru – oder das kon­sen­sua­le Hal­ten ei­nes pri­va­ten Sex­skla­ven zu­hau­se.“

    Kommt schnel­ler als ver­mu­tet ….. Oh­ne Wor­te! Wenn das so toll wä­re, hät­ten wir we­der das Pro­blem noch den Streit, hät­te sich ja gleich als Lö­sung für gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten an­ge­bo­ten. Man wä­re Pio­nier ge­we­sen, Avant­gar­de, und hät­te uns trau­ri­ge Nach­hut un­be­hel­ligt hin­ter­her­trot­ten las­sen kön­nen. Oder ist es doch nicht so toll? Was aus dem Text wohl eher her­vor geht, ist in Per­spek­ti­ve nicht Auf­wer­tung ei­ni­ger, son­dern Ab­wer­tung al­ler. Auch das ist gleich. Is ja pri­ma ge­lau­fen.

    #6

  7. @Jumid
    Im Ge­gen­satz, viel­leicht zu Ih­nen, Herr Keu­sch­nig, si­cher aber zu vie­len an­de­ren, glau­be ich nicht, dass die Ehe in den Au­gen vie­ler ei­ne Idee von ge­stern ist. Das se­he ich an­ders.
    Die­se an­de­re Sicht re­spek­tie­re ich. Aber ich glau­be nicht dar­an, weil ei­ne Säu­le des Ehe­ver­spre­chens prak­tisch in­exi­stent ge­wor­den ist: das re­li­giö­se, sa­kra­le. Wer heu­te kirch­lich hei­ra­tet macht dies fast im­mer nur noch aus in­sze­na­to­ri­schen Grün­den. Zur Tau­fe gibt man die Kin­der um sie spä­ter in den kirch­li­chen Kin­der­gär­ten un­ter­brin­gen zu kön­nen (wo­bei der fi­nan­zi­el­le An­teil der Kir­chen meist nur noch mi­ni­mal ist – da­für be­stim­men sie nach wie vor die Ein­stel­lungs­kri­te­ri­en). Kom­mu­ni­on oder Kon­fir­ma­ti­on sind Fa­mi­li­en­fei­ern. Das Re­li­giö­se ist nur Fas­sa­de. Das be­wer­te ich gar nicht, ich stel­le es nur fest.

    Der »christ­li­che Sinn« der Ehe ist längst ei­ne Schi­mä­re; Fut­ter fürs Poe­sie­al­bum von Po­li­ti­kern, die sel­ber kaum noch ei­nen Be­zug zu dem ha­ben, was sie pre­di­gen. Sie ist ei­gent­lich nur noch ei­ne steu­er­lich be­vor­zug­te Le­bens­ge­mein­schaft zwei­er Men­schen. Be­lie­big auf­lös­bar. Auch das be­wer­te ich nicht. Aber wenn dem so ist, ist das, was man »Ehe für al­le« nennt nur fol­ge­rich­tig. Und das, was im SZ-Ar­ti­kel steht dann auch.

    Aber war­um be­vor­zugt der Staat ei­gent­lich Le­bens­ge­mein­schaf­ten? Frü­her war klar: Hier­aus ge­hen Kin­der her­vor (Ade­nau­er: »Kin­der krie­gen die Leu­te im­mer«). Auch das ist längst nicht mehr in Stein ge­mei­sselt. Man will Freu­de ha­ben, Un­ab­hän­gig­keit, be­ruf­li­chen Er­folg. Kin­der sind Ver­pflich­tung zu­wei­len so­gar Hemm­nis. Man schiebt es hin­aus. (In ein­kom­mens­schwa­chen Fa­mi­li­en sieht das an­ders aus. Hier bil­den Kin­der ei­ne ge­wis­se Ab­si­che­rung, zu­wei­len so­gar Sta­tus.)

    Es gibt kei­nen wirk­li­chen Grund mehr, Le­bens­ge­mein­schaf­ten staat­lich zu sub­ven­tio­nie­ren. Bei Paa­ren mit Kin­dern sieht das an­ders aus; hier­in liegt ja ein ge­wis­ses In­ter­es­se (an­son­sten kann z. B. der Ka­pi­ta­lis­mus bzw. das Wachs­tum nicht funk­tio­nie­ren). Aber war­um kin­der­lo­se Ehen mit Ehe­gat­ten­split­ting da­hin­ge­hend sub­ven­tio­niert wer­den, dass der ge­rin­ge­re Ver­die­ner (meist die Frau) bes­ser zu Hau­se bleibt oder ei­nen 450 Eu­ro-Job an­nimmt, hat mir bis heu­te nie­mand er­klä­ren kön­nen.

    Nichts aber ist für die Mo­der­ne, mehr noch für die Post­mo­der­ne, skan­da­lö­ser als Un­ver­füg­bar­keit, Nicht­mach­bar­keit […]
    Das ist rich­tig. Wo­bei die Gren­zen stän­dig neu de­fi­niert und aus­ge­dehnt wer­den. Als ich Kind war galt Ho­mo­se­xua­li­tät als Straf­tat. Das mach­te man al­len­falls im Ver­bor­ge­nen. Das ist noch nicht ein­mal 50 Jah­re her. Es wird nur ei­ne Fra­ge der Zeit sein, wenn Pä­do­phi­lie als Straf­tat neu de­fi­niert wer­den wird. Zu­wei­len hö­re ich auch, dass das In­zest­ver­bot »über­holt« sei. Nie­mand er­klärt, was »über­holt« ge­nau be­deu­tet; es wird ein­fach be­haup­tet.

    Die Kla­ge über die­se Ent­gren­zung der Sit­ten und Mo­ral ist aber ur­alt. Schon Pla­ton sah die Ju­gend ver­dor­ben und ha­der­te mit dem »Zeit­geist«. Viel­leicht sind dies Ele­men­te ei­ner Evo­lu­ti­on, de­ren Sinn ei­nem nur ver­bor­gen bleibt.

    #7

  8. Ich bin (wie­der ein­mal) et­was spät dran, aber: Man soll­te nicht über­se­hen, dass die Tau­fe, die Fir­mung und die Ehe­schlie­ßung ne­ben oder bes­ser mit ih­rem re­li­giö­sen Cha­rak­ter auch ei­nen ri­tu­el­len ha­ben, der über den bloß re­li­giö­sen hin­aus weist: Sie ste­hen in ei­ner mehr oder we­ni­ger star­ken Ver­bin­dung zu dem in­di­vi­du­el­len Le­bens­weg und des­sen ver­all­ge­mei­ner­ba­ren Ab­schnit­ten: Dem auf die Welt kom­men, dem Er­wach­sen wer­den und der Ent­schei­dung mit je­man­dem an­de­ren Zu­sam­men­zu­le­ben (und neu­es Le­ben zu be­grün­den). Ze­re­mo­ni­en und Ri­tua­le mar­kie­ren die­se Ab­schnit­te sicht­bar und ein­dring­lich, wes­halb sie auch in Zei­ten schwin­den­den Glau­bens, noch im­mer ei­ne Be­deu­tung ha­ben (sie wei­sen auf uns, aber auch über uns hin­aus; sie stif­ten ei­ne ge­wis­se Ver­bin­dung und Ver­bind­lich­keit).

    Um noch mit ei­ner Be­mer­kung an Ju­mid an­zu­schlie­ßen: Es über­aus är­ger­lich, wie da mit ei­nem ei­gent­lich recht klar de­fi­nier­ten Be­griff (dem der Ehe) um­ge­gan­gen wird (näm­lich so, als bräuch­te man sich um ein all­ge­mein ver­brei­te­tes Ver­ständ­nis, nicht zu küm­mern, es le­be die Acht- und Ge­dan­ken­lo­sig­keit!).

    #8