Pe­ter Slo­ter­di­jk: Theo­rie der Nach­kriegs­zei­ten

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten

Pe­ter Slo­ter­di­jk: Theo­rie der Nach­kriegs­zei­ten

Es ist ja nicht so, dass sich Pe­ter Slo­ter­di­jk dar­über be­klagt, dass das deutsch-fran­zö­si­sche Ver­hält­nis vom He­ro­is­mus zum Kon­su­mis­mus mu­tiert scheint und in­zwi­schen mit wohlwollende[r], gegenseitige[r] Nicht-Be­ach­tung ver­mut­lich zu­tref­fend cha­rak­te­ri­siert ist. Am En­de emp­fiehlt er ja so­gar den gro­ssen Kon­flikt­her­den der Welt, sich nicht zu sehr für­ein­an­der zu in­ter­es­sie­ren. Denn erst ge­gen­sei­ti­ge Des­in­ter­es­sie­rung und De­fas­zi­na­ti­on las­sen Ko­ope­ra­ti­on und Ver­net­zung zu.

Die The­sen ba­sie­ren auf ei­ner Re­de, die 2007 ge­hal­ten wur­de. Ei­ner­seits wird das deutsch-fran­zö­si­sche Ver­hält­nis skiz­ziert (zu­nächst weit aus­ho­lend und dann doch auf die Zeit nach 1945 kon­zen­triert) und zum an­de­ren die Rol­le Deutsch­lands in Eu­ro­pa be­fragt. Ein Eu­ro­pa, für das die Be­zeich­nung »Nach­kriegs­eu­ro­pa« 64 Jah­re nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs lang­sam ob­so­let sein dürf­te.

»Me­t­a­noia« und »Af­fir­ma­ti­on«

Das 50jährige Ju­bi­lä­um des ge­mein­sa­men Got­tes­dien­stes zwi­schen Ade­nau­er und de Gaul­le im Jah­re 1962 in Reims an­ti­zi­pie­rend (Slo­ter­di­jk greift hier spitz­bü­bisch dem »Ju­bi­lä­ums­jahr« 2012 vor [nur die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land ist da ge­schäf­ti­ger: sie be­ginnt im Jahr 2008 die Fei­er­lich­kei­ten, die so­ge­nann­te »Lu­ther­de­ka­de«, die 2017 ih­ren Hö­he­punkt ha­ben soll]), stellt er trocken, aber wahr­schein­lich zu­tref­fend fest: Es ge­hört fast kei­ne Phan­ta­sie da­zu, um sich die Re­den vor­zu­stel­len, die man…hören wird.

Fast stän­dig wa­ren Deut­sche und Fran­zo­sen im Wech­sel­spiel zwi­schen Krieg und Frie­den auf­ein­an­der fi­xiert und mit­ein­an­der (teil­wei­se fa­tal) »ver­bun­den«. Slo­ter­di­jk be­schreibt die psychosoziale[n] Ver­wick­lun­gen als pa­tho­ge­ne ge­gen­sei­ti­ge Fas­zi­na­ti­on und kre­iert da­für die Be­grif­fe Me­t­a­noia und Af­fir­ma­ti­on. Da­bei ist Me­t­a­noia we­ni­ger als christ­li­che Bu­ße, son­dern als das welt­li­che Um­ler­nen im Dien­ste er­höh­ter Zi­vi­li­sa­ti­onstaug­lich­keit zu ver­ste­hen. Das blo­ße »Wun­den lecken« ei­nes ver­lo­re­nen Krie­ges ge­nügt bei die­ser Art sä­ku­la­rer Rei­ni­gung nicht. Ge­nau wie die Slo­ter­di­jk­sche Af­fir­ma­ti­on mit dem Tri­umph des (Kriegs-)Gewinners nur un­zu­rei­chend be­schrie­ben scheint.

Den­noch ist es ge­ra­de das Af­fir­ma­ti­ve, wel­ches in der In­ter­de­pen­denz zwi­schen den bei­den Po­len (sprich: Wel­ten oder [plat­ter aus­ge­drückt] Na­tio­nen) be­stim­mend (kon­sti­tu­ie­rend?) ist. Slo­ter­di­jks Bei­spiel ist das des im Prin­zip kriegs­ver­lo­re­nen Ita­li­en des Jah­res 1918, wel­ches sich nur durch das Bünd­nis der Al­li­ier­ten in ei­nem ver­stüm­mel­ten Sieg als Mit­ge­win­ner des Er­sten Welt­kriegs hin­über­ret­ten konn­te. Die­se in Sieg um­ge­fälsch­te Nie­der­la­ge führ­te nicht zur me­t­a­noe­ti­schen Rei­ni­gung. Statt­des­sen schwang sich ei­ne ul­tra­na­tio­na­li­sti­sche Par­tei zu ei­ner he­roi­schen Hy­per-Af­fir­ma­ti­on auf: die Fa­schi­sten. Mus­so­li­ni er­rang bei Wah­len 1924 nicht we­ni­ger als 66% der Stim­men. Und statt klu­ger stra­te­gi­scher Af­fir­ma­ti­on der Sie­ger­mäch­te mit den Kriegs­ver­lie­rern gab es den Ver­sailler Frie­den, so wird in­si­nu­iert (oh­ne es di­rekt an­zu­spre­chen).

De Gaul­le statt Mus­so­li­ni

Die Par­al­le­le zum sieg­rei­chen Ver­lie­rer Ita­li­en 1918 sieht Slo­ter­di­jk am En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges in Frank­reich: Denn so wie die Al­li­ier­ten vom No­vem­ber 1917 an für die Ita­lie­ner ei­ne letz­te Front er­rich­tet hat­ten, da­mit sie bis zum Tag der deut­schen Ka­pi­tu­la­ti­on durch­hiel­ten, tru­gen die Al­li­ier­ten die rea­len Kriegs­la­sten für die Fran­zo­sen – bis zu je­ner un­ver­gess­li­chen »Li­bé­ra­ti­on« am 25. Au­gust 1944, als de Gaul­le an der Spit­ze im­pro­vi­sier­ter ei­ge­ner Trup­pen ei­nen tri­um­pha­len Ein­zug in Pa­ris hält. Und eben weil die fran­zö­si­sche Nie­der­la­ge von 1940 um vie­les ein­deu­ti­ger aus­ge­fal­len war als die ita­lie­ni­sche von 1917, ge­riet die Ein­rei­hung der Fran­zo­sen (die nur in Jal­ta fehl­ten) un­ter die Sie­ger­mäch­te um vie­les auf­fäl­li­ger als die der Ita­lie­ner nach dem En­de des Er­sten Welt­krie­ges. Aber im­mer­hin, so wird er­leich­tert ver­merkt, ha­be es in Frank­reich de Gaul­le und nicht ei­ne Fi­gur wie Mus­so­li­ni ge­ge­ben.

Slo­ter­di­jk at­te­stiert sehr wohl An­sät­ze ei­ner au­then­ti­schen fran­zö­si­schen Me­t­a­noia die aber we­gen der er­neu­ten De­mü­ti­gun­gen durch die Ent­ko­lo­nia­li­sie­rungs­kon­flik­te in In­do­chi­na und Nord­afri­ka schei­ter­ten bzw. ru­di­men­tär blie­ben. 1958 dik­tier­te de Gaul­le dann die star­ke prä­si­dia­le Fi­xie­rung für »la gran­de na­ti­on«, über­höh­te das Prä­si­den­ten­amt mit dem Ely­sée [als] … eu­ro­päi­sches Wei­ßes Haus. Hin­zu kam dann An­fang der 60er Jah­re die zu­ge­spitz­te­ste Form ei­ner post-stres­so­ri­schen Affi­ma­ti­ons­stra­te­gie: die fran­zö­si­schen Nu­kle­ar­waf­fen.

De Gaulle und Adenauer in Reims 1962

De Gaul­le und Ade­nau­er in Reims 1962

Au­ssen­po­li­tisch ver­bucht er de Gaulles Ver­söh­nung mit Ade­nau­er durch­aus als Akt metanoetische[r] Qua­li­tät, wäh­rend an den lin­ken Krie­g­er­geb­nis­fäl­schun­gen, die min­de­stens teil­wei­se in die Flucht in die so­zia­li­sti­sche Über­grö­ße führ­te (Sta­lin wur­de da kaum als stö­rend emp­fun­den) kein gu­tes Haar läßt. Den Sieg der Ro­ten Ar­mee ha­be die fran­zö­si­sche Lin­ke auf das Kon­to des lin­ken Wi­der­stands um­ge­bucht, in dem man ei­ne kämp­fen­de Kir­che des nach­träg­li­chen Wi­der­stands im­ple­men­tiert ha­be, die sich als ge­ne­rel­le Kri­tik der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft und des spät­ka­pi­ta­li­sti­schen Zeit­al­ters ge­rier­te, in­dem sie den Mar­xis­mus, die Se­mio­lo­gie und die Psy­cho­ana­ly­se zu ei­nem sug­ge­sti­ven Amal­gam ver­misch­te. Na­tür­lich be­schreibt Slo­ter­di­jk hier auch die fran­zö­si­schen Links­in­tel­lek­tu­el­len, die sich so ger­ne mit dem Wort »en­ga­giert« um­ge­ben und heu­te nur noch ih­ren po­le­mi­schen Ge­brauchs­wert kul­ti­vie­ren.

Ca­mus vs. Sart­re

So er­scheint der Pro­zess der Im­plo­si­on des lin­ken Fel­des in Frank­reich (schon seit 1989) fast un­aus­weich­lich. Es han­delt es sich, so Slo­ter­di­jk, um den fi­na­len Zu­sam­men­bruch des pseu­do-me­t­a­noe­ti­schen Sy­stems, mit dem sich die fran­zö­si­sche Lin­ke fal­sche Sie­ge und phan­to­mi­sche Sou­ve­rä­ni­tä­ten auf dem Feld der auf­ge­wühl­ten Nach­kriegs­af­fek­te und Nach­kriegs­dis­kur­se zu ver­schaf­fen ge­wusst hat­te. Das war ein­mal. Von den Ver­hält­nis­sen ein­ge­holt, ist nicht nur ei­ne Ato­mi­sie­rung der fran­zö­si­schen So­zia­li­sten zu be­ob­ach­ten, son­dern die fran­zö­si­sche Lin­ke ins­ge­samt, re­du­ziert auf ei­nen hilf­lo­sen und hy­ste­ri­schen Pro­gres­sis­mus ste­he längst in der Käl­te und wär­me sich nur noch an Stroh­feu­ern die Hän­de wäh­rend die post-gaul­li­sti­sche ge­mä­ßig­te Rech­te in meh­re­ren Me­ta­mor­pho­sen in­zwi­schen das Ex­pe­ri­ment Sar­ko­zy her­vor­ge­bracht hat.

Fast als ein­zi­ger ragt Al­bert Ca­mus be­züg­lich der authentische[n] metanoetische[n] Lei­stun­gen her­aus. Ca­mus ha­be schon in den spä­ten vier­zi­ger Jah­ren auf die rich­ti­gen Fra­gen die rich­ti­gen Ant­wor­ten ge­ge­ben. Er ha­be Recht be­hal­ten mit der For­mu­lie­rung »Das Un­glück ist heu­te das ge­mein­sa­me Va­ter­land«, die­sem gro­ßen eu­ro­päi­schen Ver­söh­nung­wort. Denn Sar­te spiel­te nach 1945, durch­wegs aus si­che­rer Di­stanz, mit dem Feu­er der be­waff­ne­ten Re­vol­te – von sei­nem fa­ta­len Vor­wort zu Frantz Fa­cons »Die Ver­damm­ten die­ser Er­de« von 1961 bis hin zu sei­nem trot­zi­gen Be­such in Stamm­heim, wo er zu sei­ner Ent­täu­schung ei­nen Schwach­kopf na­mens Baa­der vor­fand, der den Be­such des Den­kers nicht wert war.

Wäh­rend Slo­ter­di­jk Sart­re als Ga­li­ons­fi­gur der fran­zö­si­schen Pseu­do-Me­t­a­noia und ex­em­pla­risch für die fran­zö­si­sche Lin­ke mit ih­rem neu­ro­ti­schen Ex­zep­tio­na­lis­mus und ei­nem mes­sia­ni­schen Ag­gres­si­ons­ex­port sieht, ist Ca­mus der Pro­to­typ (bzw. wohl eher Licht­ge­stalt) ei­nes selbst­kri­tisch be­son­ne­nen Frank­reichs in der Mit­te Eu­ro­pas nach des­sen post­im­pe­ra­ler und post­ideo­lo­gi­scher Be­ru­hi­gung. (Bei bei­den – Sart­re und Ca­mus – be­tont Slo­ter­di­jk auch aus Er­ge­ben­heit Sart­re ge­gen­über, dass wir auf Hö­hen blicken, zu de­nen heu­te kaum noch ein Au­tor auf­steigt).

Im Ge­gen­satz da­zu sieht Slo­ter­di­jk für die Bun­des­re­pu­blik ei­nen neu­en Ag­gre­gat­zu­stand. Die Nach­kriegs­zeit, zahl­rei­chen Be­wäh­rungs­pro­ben aus­ge­setzt und die­se meist ge­mei­stert, nä­he­re sich ih­rem En­de, und zwar aus psy­cho­po­li­ti­schen und…kulturbiologischen Grün­den. Deutsch­land ha­be vor­zeig­ba­re Re­sul­ta­te ge­lie­fert, die Grund­rich­tung ha­be ge­stimmt und das über­kom­me­ne deut­sche De­co­rum mit samt sei­nen dun­kel-ro­man­ti­schen he­roisti­schen und res­sen­ti­men­ta­len Erb­la­sten im Licht der Kriegs­er­geb­nis­se, mehr noch im Licht der mit­ver­schul­de­ten Zi­vi­li­sa­ti­ons­ka­ta­stro­phe sei reeva­lu­iert und re­vi­diert wor­den.

Nur Nor­ma­li­sie­rungs­ver­wei­ge­rer und de­ren Fu­ror des ne­ga­ti­ven Na­tio­na­lis­mus be­zwei­fel­ten hart­näckig die Über­gangs­pha­se der suk­zes­si­ven Auf­lö­sung des per­ma­nen­ten me­t­a­noe­ti­schen Aus­nah­me­zu­stands in das ma­ni­fe­ste Sta­di­um sei­ner Nor­ma­li­sie­rung, die Über­füh­rung in ge­wöhn­li­che all­tags­pa­trio­ti­sche Ver­hält­nis­se.

Die üb­li­chen Auf­ge­regt­hei­ten

Und flugs sind sie da. Die­je­ni­gen, die ih­re zu­neh­men­de Welt­fremd­heit nur durch er­höh­te mo­ra­li­sche Auf­ge­regt­heit kom­pen­sie­ren (kön­nen?) und in schein­mo­ra­li­schen Schau­pro­zes­sen auf ver­meint­li­che Kon­ver­ti­ten oder Ver­rä­ter der fort­schritt­li­chen Sa­che ein­dre­schen (hü­ben wie drü­ben üb­ri­gens) – ge­nau wie von Slo­ter­di­jk in an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen be­schrie­ben. Sie ru­fen »Ge­rau­ne« (Ru­dolf Walt­her im Deutsch­land­funk) oder di­stan­zie­ren sich vor­sorg­lich von den (dem?) »Phi­lo­so­phen« oder in­sze­nie­ren aus der war­men Stu­be ih­re me­dia­le Treib­jagd wie der se­nes­zen­te Mo­ri­ta­tensän­ger Klaus Harpprecht in der »Zeit«, der in mu­ster­gül­ti­ger Be­schränkt­heit vom »Schwa­dro­neur in Schwarz-Weiß-Rot« da­her schnat­tert und sich wünscht, man küm­me­re sich »ei­nen Dreck« um Slo­ter­di­jks »aben­teu­er­li­che The­se«. Harpprechts Bei­trag (lei­der von der »Zeit« nicht on­line ge­stellt) ist ein Mu­ster­bei­spiel für das alar­mi­stisch-tri­bu­na­le Feuil­le­ton alt­lin­ken (und so­mit alt­backe­nen) Stils.

Viel­leicht ha­ben sie aber auch in der heu­te not­wen­di­gen Ei­le die­ses klei­ne Büch­lein nicht ge­nau ge­nug ge­le­sen oder sind schlicht­weg ein biss­chen über­for­dert (man braucht tat­säch­lich ein ge­wis­ses [hi­sto­ri­sches] Ba­sis­wis­sen, wie Dor­le Gelb­haar rich­ti­ger­wei­se fest­stellt). Oder man wit­tert die Mög­lich­keit der Re­vi­ta­li­sie­rung, Slo­ter­di­jk end­lich in die »rech­te« Ecke stel­len zu kön­nen, nach­dem der er­ste De­nun­zia­ti­ons­ver­such 1999 an­läss­lich sei­nes Es­says »Re­geln für den Men­schen­park« kläg­lich schei­ter­te (wohl auch des­we­gen, weil die af­fekt­ge­steu­er­ten Ge­sin­nungs-Gou­ver­nan­ten Slo­ter­di­jks in­tel­lek­tu­el­len Vol­ten nicht ge­wach­sen wa­ren). An­hand des ak­tu­el­len Bu­ches den Wunsch ei­ner Art Wie­der­be­le­bung des Wil­hel­mis­mus zu un­ter­stel­len, ist aben­teu­er­lich und zeugt ge­nau­so von ten­den­ziö­ser Lek­tü­re wie der schein­bar bei vie­len schon ein­ge­bau­te Beiss­re­flex, der bei den Wor­ten Nor­ma­li­sie­rung bzw. Nor­ma­li­tät her­vor­schnellt. Der ein­schrän­ken­de Satz Slo­ter­di­jks (Man mö­ge in die Aus­drücke »Nor­ma­li­tät« und »Nor­ma­li­sie­rung« nicht zu­viel hin­ein­le­sen.) wird mit Be­dacht und so­mit kei­nes­falls ab­sichts­los über­le­sen, weil er das mor­sche Schmä­hungs­türm­chen an­son­sten na­tür­lich so­fort zum Ein­sturz bräch­te.

Wal­ser und Be­ne­dikt XVI.

Viel­leicht al­so ein biss­chen vor­ei­lig sieht Slo­ter­di­jk die lan­ge Se­rie der lan­des­üb­li­chen Skan­da­le (Bo­tho Strauß’ »An­schwel­len­der Bocks­ge­sang«, En­zens­ber­gers »Aus­sich­ten auf den Bür­ger­krieg«, Wal­ser) er­schöpft (er fügt al­ler­dings die klei­ne Ein­schrän­kung zu­nächst hin­zu). Ex­em­pla­risch wer­den die Auf­re­gun­gen am Bei­spiel von Mar­tin Walsers Pauls­kir­chen­re­de im Herbst 1998 auf­ge­zeigt. Slo­ter­di­jk sieht hier Walsers Pro­test ge­gen die me­cha­ni­sier­te Form pseu­do-me­t­a­noe­ti­scher deut­scher Schuld­lu­st­rhe­to­rik. Statt­des­sen plä­die­re die­ser für ei­ne Form der Me­t­a­noia, die sich dem Ge­sche­he­nen au­then­ti­scher zu­wen­det, als je­de noch so gut ge­mein­te Denk­mal­pfle­ge es ver­möch­te. Denn oh­ne in­ne­re Ver­ge­gen­wär­ti­gung, so Slo­ter­di­jks In­ter­pre­ta­ti­on des Schrift­stel­lers, kön­ne es kei­ne ernst­haf­te, durchs Ge­wis­sen ge­hen­de Be­fas­sung mit den Schrecken deut­scher Ver­bre­chen ge­ben. Die­ser Vor­gang bil­de ein not­wen­di­ges Kor­rek­tiv ge­gen die Selbst­läu­fig­kei­ten der ver­an­stal­te­ten Er­in­ne­rung.

Mit dem brau­sen­den Ap­plaus »in si­tu« am En­de von Walsers Re­de (auch von de­nen, die spä­ter ve­he­ment kri­ti­sier­ten) war man sich sel­ber ein paar Mi­nu­ten lang zehn Jah­re vor­aus. In­wie­fern Wal­ser mit der Re­de auf die Re­zep­ti­on sei­nes au­to­bio­gra­fi­schen Ro­mans »Ein sprin­gen­der Brun­nen« Be­zug nahm, bleibt hier un­be­rück­sich­tigt, ob­wohl es in­di­rekt als Be­leg für Slo­ter­di­jks Feuil­le­ton­kri­tik her­hal­ten könn­te. Et­li­che Re­zen­sen­ten hat­ten in der Kind­heits­ge­schich­te der 30er und 40er Jah­re der Fi­gur Jo­hann (die 1945 acht­zehn Jah­re alt ist und in vie­len Punk­ten grob ver­ein­fa­chend als das Al­ter Ego Walsers be­zeich­net wer­den kann) den Be­zug auf die Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­li­sten »ver­misst« (vie­le er­klä­ren das Wort von der »Auschwitz­keu­le« in der Re­de aus die­sem Zu­sam­men­hang). Den Keim für die­sen Kon­flikt mit den se­mito­ta­li­tär wirksame[n] Me­di­en sieht Slo­ter­di­jk al­ler­dings in Walsers schöne[r] Un­klug­keit in den 70er/80er Jah­ren öf­fent­lich den Glau­ben an die Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht dem Main­stream ge­op­fert, son­dern dar­auf als po­li­ti­schen Ziel be­stan­den zu ha­ben. Und das am Hy­per­mo­ral-Stand­ort Deutsch­land!

So war dann die Re­ak­ti­on der deut­schen Sei­te des Tu­mults ent­spre­chend – ei­ne Re­van­che (Bu­bis’ Rol­le als not­wen­di­ger »Über­hell­hö­ri­ger« nimmt er hier aus­drück­lich aus). Bril­lant wie Slo­ter­di­jk die Skan­da­li­sie­rungs­me­cha­nis­men in ei­nem Satz zu­sam­men­fasst (Her­vor­he­bung vom ent­zück­ten Re­zen­sen­ten): Das Prin­zip des Skan­dals ist stets die Ent­eig­nung der Wahr­neh­mung durch die Pa­ra­phra­se, und sei­ne Voll­zugs­form ist die Ver­nich­tung des Wort­lauts durch das Ge­rücht.

Und das an Mar­tin Wal­ser, ei­nem der flei­ßig­sten Ar­bei­ter im Wein­berg der deut­schen Me­t­a­noia (Grass sieht Slo­ter­di­jk vor al­lem von den Über­spit­zun­gen sei­nes ei­ge­nen Mo­ra­lis­mus ein­ge­holt; ver­ges­send, dass es sich um ein min­de­stens platz­ver­weis­ver­däch­ti­ges Re­van­che­foul alt­lin­ker Re­vo­lu­ti­ons­ver­klä­rer han­delt). Un­ge­ach­tet des Fron­ten­wech­sels von Frank Schirr­ma­cher an­läss­lich des Streits um das Wal­ser-Buch »Tod ei­nes Kri­ti­kers« (wird nur in ei­ner Fuß­no­te er­wähnt; die De­ser­ti­on Schirr­ma­chers gar nicht) geht Slo­ter­di­jk so­gar so weit, dem deut­schen Feuil­le­ton zu emp­feh­len, in der jet­zi­gen Ent­span­nungs­pha­se ei­nen zwei­ten Blick auf die Af­fai­re zu wer­fen – schon weil zwi­schen den Na­men Mar­tin Wal­ser und Be­ne­dikts XVI. ein Zu­sam­men­hang be­stehe.

Slo­ter­di­jk er­kennt in der Wahl Jo­seph Ratz­in­gers zum Papst im Jahr 2005 ei­ne Ma­ni­fe­stie­rung für die Ti­ef­en­er­ho­lung der deut­schen Nach­kriegs­zi­vi­li­sa­ti­on. Und so sieht er Be­ne­dikt XVI. (und Wal­ser) in ei­ner Rei­he mit Heuss, Niem­öl­ler, Ador­no, Dah­ren­dorf, Wil­ly Brandt, Weiz­säcker, Grass, Klu­ge und En­zens­ber­ger. Al­lei­ne die­se »Short­list« der deut­schen Me­t­a­noia gä­be reich­lich Stoff zur Ana­ly­se. Wie­so fehlt dort Ade­nau­er? Oder Kohl? Und ist nicht der Frie­dens­no­bel­preis 1971 an Wil­ly Brandt schon ei­ne kop­per­ni­ka­ni­sche Wen­de in der Wahr­neh­mung der An­de­ren auf Deutsch­land (und der so­ge­nann­te Ei­ni­gungs­pro­zess Kohls und Gen­schers 1989/90 erst recht)?

Vom Idio­ten zum ge­wöhn­li­chen po­li­ti­schen Ego­isten

Aber was be­deu­tet das für Deutsch­land im All­ge­mei­nen und das deutsch-fran­zö­si­sche Ver­hält­nis im spe­zi­el­len? Mit der sich voll­enden­den Wand­lung Deutsch­lands zu ei­ner me­t­a­noe­tisch stark durch­ge­ar­bei­te­ten und zi­vi­li­sa­to­risch ei­ni­ger­ma­ßen re­ge­ne­rier­ten Na­ti­on sind die Zei­ten zu En­de, in de­nen schon die Wen­dung »deut­sche In­ter­es­sen« als ein Rück­fall in Denk­for­men der NS-Zeit galt. Wenn es ein hal­bes Jahr­hun­dert lang im deut­schen In­ter­es­se lag, so we­nig wie mög­lich In­ter­es­sen zu zei­gen – ver­ges­sen wird hier die Ent­span­nungs­po­li­tik der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on – so kann die Zu­kunft des Lan­des nur in ei­ner Rück­kehr zu ei­ner ge­mä­ßig­ten Af­fir­ma­ti­vi­tät lie­gen. Dies wer­de im üb­ri­gen von den aus­län­di­schen Part­nern der Deut­schen er­war­tet.

Slo­ter­di­jk kon­sta­tiert, Deutsch­land sei schon seit ei­ner Wei­le da­bei, sei­ne Über­gangs­rol­le als Idi­ot der eu­ro­päi­schen Fa­mi­lie ab­zu­le­gen und sich zu ei­nem ge­wöhn­li­chen po­li­ti­schen Ego­isten zu ent­wickeln. Und hier kön­ne es sich, wie iro­nisch be­merkt wird, von Frank­reich ei­ne Men­ge ab­schau­en. In ei­ner klei­nen Er­gän­zung wird ver­sucht, die Dis­pa­ri­tät sei­ner Äu­sse­run­gen zu Un­gun­sten Frank­reichs noch zu kom­pen­sie­ren: Deutsch­land ha­be, so die The­se, aus der Wahr­haf­tig­keit sei­ner Me­t­a­noia ei­ne Lü­ge ge­macht, da es sei­ne to­ta­le Ab­hän­gig­keit von der mi­li­tä­ri­schen Schutz­funk­ti­on an­de­rer wie ei­ne mo­ra­li­sche Lei­stung vor sich her tra­ge. Die Deut­schen nei­gen zu der Über­zeu­gung, sie hät­ten auf­grund ih­rer ver­gan­ge­nen Ver­bre­chen ei­nen hö­he­ren An­spruch dar­auf er­wor­ben, in ei­ner Welt zu le­ben, in der es kei­ne Krie­ge gibt. War­um Frank­reich im Ge­gen­satz da­zu durch sei­ne (re­la­tiv aut­ar­ke) Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft aus der Le­bens­lü­ge ei­ne Wahr­heit ge­macht hat, bleibt ein biss­chen dif­fus.

Be­zie­hungs­lo­sig­keit als Frie­dens­pro­gramm

Am En­de un­ter­brei­tet Slo­ter­di­jk dann sei­ne The­se von der wohltuende[n] Ent­flech­tung der bei­den Na­tio­nen, der Auf­lö­sung der fa­ta­len Über­be­zie­hung, die min­de­stens seit Na­po­le­on das Ver­hält­nis be­stimm­te. Die heil­sa­me Freund­schaft, be­grün­det 1962, ru­he auf der so­li­den Ba­sis der er­rich­te­ten Be­zie­hungs­lo­sig­keit, die man di­plo­ma­tisch als Freund­schaft zwi­schen den Völ­kern be­schreibt.

Fast hei­ter spielt Slo­ter­di­jk mit den of­fi­zi­el­len Ver­satz­stücken deutsch-fran­zö­si­scher Be­zie­hungs­rhe­to­rik und de­ren ver­strö­men­de Fest­re­den-Lan­ge­wei­le. Nicht die ex­zes­si­ve Be­schäf­ti­gung mit­ein­an­der ist für ihn Ga­rant für »gut­nach­bar­li­che Be­zie­hun­gen«, son­dern das eher das ge­las­se­ne, von de­tail­lier­ten Kennt­nis­sen zu­meist we­nig ge­trüb­te Ne­ben­ein­an­der. Merk­wür­dig nur, dass die­ses Buch ei­ne Art post-pan­eu­ro­päi­scher Zeit vor­weg zu neh­men scheint: die Eu­ro­päi­sche Uni­on als Klam­mer der »Be­zie­hung« (und als ein un­aus­weich­li­cher Fak­tor, was das »Ne­ben­ein­an­der« an­geht) kommt al­len­falls als Rand­phä­no­men vor. Sieht Slo­ter­di­jk in Kon­se­quenz der The­sen in sei­nem Buch »Falls Eu­ro­pa er­wacht« von 1994 die EU be­reits als un­ter­ge­hen­des Kon­strukt? Da­mals kon­sta­tier­te er, dass ei­ne EU, die sich als neu­es Im­pe­ri­um de­fi­nie­re »die Re­ste sei­ner See­le« ver­lö­re und sah für die­sen Fall den »Un­ter­gang durch Ver­wahr­lo­sung in den näch­sten drei Ge­nera­tio­nen« vor­aus. Sein da­ma­li­ges Cre­do, man mö­ge sich auf ein »Nicht-Reich, ei­ne neue Uni­on po­li­ti­scher Ein­hei­ten« ei­ni­gen, um der »im­pe­ria­len Al­li­anz von Am­bi­ti­on und Zy­nis­mus« aus­zu­wei­chen, wird nicht an­satz­wei­se auf­ge­nom­men.

Sieht Slo­ter­di­jk die EU im Jahr 2012 be­reits auf dem Rück­zug? Oder war­um glaubt man ei­ne Re­ani­ma­ti­on des Pri­mats der Na­tio­nal­staa­ten her­aus­zu­le­sen? Hat für ihn die pan­eu­ro­päi­sche Idee, die »Hy­per­po­li­tik« der »Wettgemeinschaft…auf Welt­ver­bes­se­rung«, die aber das Ge­gen­teil ei­ner Welt- oder Kon­ti­nen­talin­nen­po­li­tik dar­stellt (»Im sel­ben Boot«, 1995), be­reits aus­ge­dient zu Gun­sten ei­ner be­nig­nen Ent­frem­dung? Was, wenn die »Nach­kriegs­ge­sell­schaft« nur ei­ne trü­be Sonn­tags­ge­sell­schaft von sie­ben­und­zwan­zig (und bald viel­leicht noch mehr) So­li­sten dar­stellt, die als ge­mein­sa­me Me­lo­die höch­stens die er­sten Tak­te von »Häns­chen Klein« in­to­nie­ren kön­nen, zu ei­ner Sym­pho­nie je­doch in ka­ko­pho­nes Ge­tö­se ab­stür­zen? Wä­re dann nicht die De­fas­zi­na­ti­on der glück­lich Ge­trenn­ten ei­ne lo­bens­wer­te Al­ter­na­ti­ve zur Wie­der­be­le­bung ei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten (ge­fähr­li­chen) bi- oder mul­ti­la­te­ra­len Bünd­nis­po­li­tik? Ist so der nach-ge­schicht­li­che ‘mo­dus vi­ven­di’ ei­ner Frie­dens­ord­nung hö­he­rer Stu­fe zu ver­ste­hen?

Vie­les bleibt kur­so­risch, man­ches wird an­ge­dacht, ei­ni­ges mit dicken Stri­chen nur grob skiz­ziert (bei­spiels­wei­se ei­ne im­mer wie­der her­vor­bre­chen­de Me­di­en­kri­tik), aber bei al­len Un­ge­nau­ig­kei­ten, die ei­ner sol­chen Vor­übung nun ein­mal ei­gen sind – das Buch ist an­re­gend (Slo­ter­di­jks apho­ri­sti­sches Schrei­ben ist fast im­mer ein Ge­winn), ei­ni­ge The­sen ver­blüf­fend und lu­zi­de. Auch und ge­ra­de dort, wo man dem Au­tor nicht mehr un­be­dingt fol­gen mag.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

Le­se­pro­be – Suhr­kamp-Ver­lag, pdf

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bin eben­falls jetzt schon »ent­zückt« – Dan­ke!
    Und will man nach sol­cher­art Tie­fen­aus­lo­tun­gen und An­ein­an­der­rei­hun­gen von Hell­sich­ten ei­gent­lich nach »drun­ter« über Po­li­tik hö­ren? Wel­cher mit der Sa­che Be­fass­te könn­te sol­che Ana­ly­sen lei­sten? Sie bis ins De­tail über­zue­gend ge­wich­ten? Über Zeit­span­nen in ei­nem gül­ti­gen Ver­hält­nis se­hen? Selbst wenn man hier und da an den Ein­schät­zun­gen an­de­re Nu­an­cen be­to­nen wür­de, bil­den sie ins­ge­samt ei­nen Zu­sam­men­hang, ei­ne Durch­drin­gung, die ich nie­man­dem sonst zu­traue. In­tel­lek­tu­el­ler Zu­griffs­mut und da­zu die­ser Slo­ter­di­jk-Sound – geil!

    Klar, das ist von Po­li­ti­kern nicht zu lei­sten und nicht er­war­ten. (Oder doch, wo sie ge­ra­de mal wie­der die Mil­li­ar­den ver­tei­len und mit Ge­nera­tio­nen­fol­gen spo­ie­len, die Zau­ber­lehr­ling?)

    Je­den­falls weiß ich jetzt we­nig­stens, war­um mich fast al­le Po­li­tik nur mehr lang­weilt – sie ist (et­wa wie auch vie­le haar­spal­te­ri­sche Phi­lo­so­phie in dann doch nur den ewig sel­ben krei­sen­den ka­te­go­ria­len Zwangs­ver­hält­nis­sen) ein­fach we­der in­spi­riert noch in­spi­rie­rend! Soll­te man aber nicht ein Mi­ni­mum da­von ver­lan­gen dür­fen? – Ich wür­de ganz ego­istisch be­ant­wor­ten: Ja!

    (Ich hat­te ein paar der frü­he­ren Slo­ter­di­jk-Sa­chen ge­le­sen, z.B. »Im sel­ben Boot«, aber die­ses Buch, schon we­gen der Ca­mus-Ge­wich­tung, aber auch we­gen mei­ner mir sel­ber nicht ganz ge­klär­ten schwär­me­ri­schen Frank­reich-Lie­be, wer­de ich mir die­ses ganz be­stimmt dem­nächst auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen!)

    Mer­ci be­au­caup pour vot­re mé­dia­ti­on!

  2. »Im sel­ben Boot« ha­be ich höch­stens zum Teil ver­stan­den; die Al­le­go­ri­en Slo­ter­di­jks, die Sie ja auch so schät­zen, ka­men mir da ein we­nig zu sehr kon­stru­iert vor.

    Den­noch: Nach so ei­ner Lek­tü­re wie­der mit dem »All­täg­li­chen« des po­li­ti­schen Dis­kur­ses (= der Sal­ba­de­rei) kon­fron­tiert zu wer­den, ist schon kurz Kul­tur­schock-ver­dä­chig.

    [EDIT: 2009-01-06 12:41]

  3. No mail to K.G.
    M.E. kann ein po­li­ti­sches Gleich­ge­wicht und ein aus­ge­wo­ge­nes Macht­ver­hält­nis zwi­schen Staa­ten ein ge­gen­sei­ti­ges Des­in­ter­es­se so­wie ei­ne De­fas­zi­na­ti­on zu­las­sen und er­lau­ben. Ist da­mit nicht Frie­den ge­si­chert? Ob­wohl, aus­ru­hen darf man sich dar­auf auch nicht.
    Und geht der Ver­such, ei­ne po­li­ti­sche Ba­lan­ce zu hal­ten, nicht auf den Frie­den von Ut­recht zu­rück ( Slo­teri­jk zieht ja ei­nen ge­schicht­li­chen Bo­gen von Karl dem Gro­ßen bis in die post­hi­sto­ri­sche Zeit, be­schreibt er auch die spa­ni­schen Erb­fol­ge­krie­ge und des­sen Kon­se­quen­zen? Ich ha­be im­mer ge­dacht, seit die­ser Zeit än­der­te sich das po­li­ti­sche Gleich­ge­wicht, es ent­stand ei­ne Pentar­chie).

    Ich ha­be von Pe­ter Slo­teri­jk bis heu­te nichts ge­le­sen, wer­de dies aber nach­ho­len. Und – trotz der „ er­rich­te­ten Be­zie­hungs­lo­sig­keit“ zum Nach­bar­staat Frank­reich, er ge­hört zu mei­nen Fa­vou­ri­ten und nicht nur, um dort Ur­laub zu ma­chen.
    Wie­der ei­ne in­ter­es­san­te Buch­vor­stel­lung von Ih­nen, Herr K., dan­ke.

  4. Thanks
    Slo­ter­di­jks Bo­gen geht zwar zu­rück bis Karl dem Gro­ßen – all­zu sehr ins De­tail geht er dann aber nicht, was man ihm si­cher vor­wer­fen kann, denn die­se ver­kür­zen­de Häpp­chen­ge­schich­te ist tat­säch­lich ge­fähr­lich. Da­nach kommt schon Na­po­lé­on und dann die bei­den Welt­krie­ge.

    Die Un­ge­heu­er­lich­keit sei­ner The­se liegt dar­in, daß die gän­gi­gen Ver­söh­nungs­mu­ster, die uns seit je­her vor­ge­be­tet und mit des­sen Re­den wir zu­ge­schüt­tet wer­den, mit ei­nem Hand­streich vom Tich ge­wischt wer­den. In­dem Slo­ter­di­jk die öko­no­mi­schen Ver­knüp­fun­gen so stark be­tont, geht er da­von aus, daß es kei­ne Am­bi­tio­nen mehr gibt, Krie­ge zu füh­ren (Krie­ge stö­ren lang­fri­stig ei­ne Öko­no­mie). Dem­nach wä­re der pro­fa­ne »Bin­nen­markt« plus das ge­gen­sei­ti­ge Des­in­ter­es­se Ge­währ für ei­ne Art »ewi­gen Frie­den«.

    Ich bin nicht si­cher, ob die­ser Schluß rich­tig ist. Nimmt man pro­fa­ne Strei­tig­kei­ten (bspw. Nach­bar­schafts- oder Fa­mi­li­en­streit), so ist die De­fas­zi­na­ti­ons­the­se si­cher­lich nicht ganz falsch. Sie kann aber im­mer nur nach ei­nem ir­gend­wie ge­ar­te­ten Frie­dens­kon­strukt grei­fen. Die­se Si­tua­ti­on sieht Slo­ter­di­jk im deutsch-fran­zö­si­schen Ver­hält­nis jetzt er­reicht.

    [EDIT: 08:16]

  5. Al­so wenn ich das jetzt rich­tig ver­stan­den ha­be, sieht Slo­ter­di­jk ei­nen Krieg in Eu­ro­pa durch­aus als ver­nünf­ti­ges und not­wen­di­ges Mit­tel, um zu ei­ner hö­he­ren Form des Frie­dens zu kom­men?
    Gleich­zei­tig ler­ne ich aus der ver­link­ten Li­te­ra­tur, dass der Welt­krieg bis 1962 ge­dau­ert hat, weil die Fran­zo­sen ja da­mals noch wei­ter mit In­do­chi­na etc. Krieg ge­führt ha­ben.
    Dass Ade­nau­er, Kohl oder Brandt feh­len wür­de mich auch stut­zig ma­chen. Aber die Dar­stel­lung treibt mich eher in die Re­si­gna­ti­on des Bie­der­mei­er­schen Bür­gers. Lasst die an­de­ren Po­li­tik ma­chen. Die ist in Wirk­lich­keit nicht zu ver­ste­hen.
    Mei­ner be­schei­de­nen Mei­nung nach ist je­de Er­klä­rung für die an­ge­spro­che­ne Art von Ge­scheh­nis­sen aus­schließ­lich kom­mer­zi­ell be­dingt. Da gibt es kei­ne Af­fir­ma­ti­on und kei­ne Me­t­a­noia (ha­be ich jetzt als neu­es Wort da­zu ge­lernt), son­dern schlicht Hab­sucht und Raff­gier.
    Und Neid, wenn ich über die Gren­ze schaue und es den an­de­ren bes­ser geht. Da be­nö­ti­ge ich we­der Sart­re noch Ca­mus und auch kei­nen der deut­schen Phi­lo­so­phen. Wir als Men­schen sind un­fä­hig, da­zu zu ler­nen. Nicht als Ein­zel­ner, aber als Mensch­heit von Ge­nera­ti­on zu Ge­nera­ti­on. Er­fah­rung lässt sich nicht wei­ter­ge­ben. Des­we­gen wer­den sich klei­ne Kin­der im­mer wie­der ein­mal ver­bren­nen und gro­ße Kin­der wer­den an­de­re ver­bren­nen.
    Aber die Buch­be­spre­chung ist toll!

  6. Dass Slo­ter­di­jk den Krieg be­für­wor­ten soll, ist ei­ne un­zu­läs­si­ge In­ter­pre­ta­ti­on ei­ni­ger Re­zen­sen­ten, die sich aus dem Buch nicht er­gibt. Da­von steht dort kein Wort. Dto, dass der Krieg für Frank­reich bis 1962 ge­dau­ert hat (die ent­spre­chen­de Pas­sa­ge im Ori­gi­nal ha­be ich zi­tiert).

    Brandt fehlt ja in Slo­ter­di­jks Li­ste nicht. Er ist so­gar der ein­zi­ge, der mit Vor­na­men er­wähnt wird. Dass Kohl fehlt, ist ei­ner­seits ver­wun­der­lich, an­de­rer­seits je­doch strin­gent zur The­se. Man den­ke an die Ver­söh­nungs­in­sze­nie­run­gen, die Kohl mit Mit­ter­rand ver­an­stal­te­te.

    Hin­sicht­lich der Kom­mer­zia­li­sie­run­gen von Kriegs­er­leb­nis­sen ver­mag ich Dir nicht zu fol­gen. Wo soll das bspw. in der nach-na­po­leo­ni­schen Zeit in Deutsch­land oder Frank­reich statt­ge­fun­den ha­ben? Oder 1918? Oder meinst Du ei­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung in Be­zug auf po­li­ti­sche Rän­ke­spie­le?

    Wenn Er­fah­rung sich tat­säch­lich nicht wei­ter­ge­ben lässt (wo­für ei­ni­ges spricht) – wel­che Fol­gen hät­te das für die »Nach­kriegs­zeit«? Wä­re dann die Slo­ter­di­jk un­ter­ge­scho­be­ne The­se (ei­ne Pa­ra­phra­sie­rung von Jün­ger) fast un­ab­wend­bar? Will sa­gen: Ist dann ir­gend­wann ein Krieg nicht nur wie­der mög­lich son­dern auf ei­ne per­ver­se Art und Wei­se wie­der nö­tig? Das kann es ei­gent­lich nicht sein (da­her »Me­t­a­noia« – wo­bei die­ser Be­griff zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen sehr aka­de­misch ist, aber Slo­ter­di­jk bringt aus sei­nem El­fen­bein­turm nur ge­le­gent­lich den Müll run­ter, sonst ver­läßt er ihn eher nicht.)

  7. Krieg und Frie­den
    War denn nicht auch die EWG der ei­gent­li­che An­trieb (her­vor ge­gan­gen aus der Mon­tan-Uni­on, ei­ne Art Kar­tell) – um so bes­ser ein­zu­füh­ren mit all der Ver­söh­nungs­rhe­to­rik, dem Er­neue­rungs­he­ro­is­mus? Si­cher mein­te kei­ner der ur­sprüng­lich Be­tei­lig­ten (die die Un­sin­nig­keit der Krie­ge ja auch er­lebt hat­ten) es falsch. Aber star­ke Im­pul­se gin­gen aus von dem bei­der­seits des Rheins ja neu zu or­ga­ni­sie­ren­den und d.h. wirt­schaft­lich zu sta­bi­li­sie­ren­den Staats­we­sen.

    Die Sa­ga vom Krieg als Re­gu­la­tor der grö­ße­ren Ein­hei­ten (Völ­ker) und Über­le­bens­not­wen­dig­keit im Sin­ne zu ta­rie­ren­der Ge­samt­kräf­te­ver­hält­nis­se und her­aus im­pli­zi­ten Er­neue­rungs­zwän­gen, ist ja ei­ne der Mäch­ti­gen über­haupt, et­was, was die un­ter sich aus­ma­chen – da­für ha­ben sie ja dann ein Volk mit sei­nen Res­sour­cen. Ma­chia­vel­li, sein Geist west heu­te noch durch die Ver­mitt­lung der po­li­ti­schen Theo­ri­en, so­weit ich weiß – und geht dann glatt bis Carl Schmitt. Und taucht in den ame­ri­ka­ni­schen Think-Tanks wie­der auf. (Et­wa Karl Ro­ve.) Al­les na­tür­lich in neu­en Theo­rie- und Rhe­to­rik-Ver­klei­dun­gen.

    Slo­ter­di­jk – und muss das nicht auch je­mand ma­chen? (hat er auch beim „Men­schen­park“ ver­sucht) – un­ter­nimmt es aber, so weit ich es se­he, die­se Per­spek­ti­ve aus grö­ße­rer Fer­ne zum all­täg­li­chen Nach­rich­ten-Hick­Hack an­zu­neh­men oh­ne in Hoch­mut und den Zy­nis­mus der Stär­ke­ren zu ver­fal­len. Der Zy­nis­mus er­gibt sich eher aus den Sach­la­gen als vom Re­fe­ren­ten her, der ver­sucht „kalt“ zu blei­ben, um sich nicht em­pha­tisch ver­füh­ren zu las­sen.

    Das mit dem Des­in­ter­es­se, der eben auch ei­nen ge­wis­sen Frie­den be­wahrt, kann man in je­dem Bü­ro be­ob­ach­ten. Aber als Phi­lo­soph muss er es na­tür­lich in ein schil­lern­de­res, „nach­hal­ti­ges“ Kleid von Ar­gu­men­ten packen.

    Ich freu mich im­mer noch auf das Buch!

  8. Die Ver­söh­nungs­rhe­to­rik war zu Zei­ten Ade­nau­ers not­wen­dig und wich­tig; die »Wirt­schafts­ge­mein­schaft« soll­te die äu­sse­re Klam­mer bie­ten. In dem Slo­ter­di­jk die­se Rhe­to­rik heu­te als ob­so­let be­trach­tet (er sagt da so ex­pli­zit na­tür­lich nicht) und die öko­no­mi­schen Ver­flech­tun­gen als sol­che nur noch als Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en wahr­ge­nom­men wer­den, muß ent­we­der ei­ne neue Form des Um­gangs mit­ein­an­der ge­fun­den wer­den oder – und das ist die The­se – ge­nügt ein freund­li­ches, aber un­be­stimm­tes Ne­ben­ein­an­der.

    In­so­weit fol­ge ich Slo­ter­di­jk durch­aus. Ich glau­be so­gar, dass die der­zei­ti­ge »EU-Rhe­to­rik« (im­mer bei be­stimm­ten Ju­bi­lä­en oder den Eu­ro­pa­wah­len zu be­ob­ach­ten) kon­tra­pro­duk­tiv ist. Dass so et­was wie Rei­se­frei­heit als Er­run­gen­schaft der EU be­trach­tet wer­den soll, ist nicht mehr ver­mit­tel­bar. Und was nutzt das Fei­ern der weg­fal­len­der Gren­zen, wenn über die Hin­ter­tür Frei­heits­rech­te ei­ner hy­ste­ri­schen Ter­ro­ris­mus­angst ge­op­fert wer­den?

    Ge­nau so un­sin­nig wä­re es, wenn je­mand heu­te wie­der von der »Erb­feind­schaft« zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich fa­seln wür­de. Auch das zeigt die­ses Buch mei­ner An­sicht nach: Die EU als su­pra­na­tio­na­ler Schmelz­tie­gel taugt nicht. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Na­tio­nal­staa­ten wird nicht durch die­se in­zwi­schen als bü­ro­kra­ti­scher Mo­loch wahr­ge­nom­me­ne (und sich so ge­rie­ren­de) Or­ga­ni­sa­ti­on de­fi­niert. Die Na­tio­nal­staa­ten wer­den blei­ben (mei­ner Mei­nung nach wer­den sie sich sel­ber viel stär­ker re­gio­na­li­sie­ren), weil die EU zu kurz springt. Man er­in­ne­re sich dar­an: die EWG woll­te als Ziel mehr als nur ein Wirt­schafts­raum sein, son­dern po­li­ti­sche Kraft bün­deln und lang­fri­stig ei­ne Art Ver­ei­nig­tes Eu­ro­pa (das wur­de ganz schnell fal­len­ge­las­sen).

    Da­her mein Ge­dan­ke, Slo­ter­di­jk schrei­be das Ju­bi­lä­um 2012 an­ti­zi­pie­rend ei­ne Art Sci­ence-Fic­tion-Es­say aus der Zu­kunft. Und da spielt über­ra­schen­der­wei­se die EU kaum noch ei­ne Rol­le.

  9. Nach­ge­dan­ken
    Pe­ter Slo­ter­di­jk – In­ter­view über Zu­kunft

    Ich ha­be Slo­ter­di­jk bis­her nur vom Na­men ge­kannt. Und dann le­se ich hier et­was über die Theo­rie der Nach­kriegs­zei­ten und heu­te ent­decke ich in mei­nem Sta­pel Zei­tun­gen die­ses In­ter­view aus der Süd­deut­schen Zei­tung mit ihm:

    https://web.archive.org/web/20100301092257/http://www.sueddeutsche.de:80/kultur/332/453028/text/

    Und wie war das mit dem El­fen­bein­turm? Nicht nur die Wort­neu­schöp­fun­gen von P. Slo­ter­di­jk, son­dern u.a. auch sein Ar­beits­be­reich ( sie­he in der Ein­lei­tung zum In­ter­view von Eva Kar­cher) schei­nen ei­nem Turm­ni­veau zu ent­spre­chen.

    Sei­ne Sicht­wei­sen zum The­ma Zu­kunft sind span­nend, locken As­so­zia­tio­nen und Neu­gier her­vor. War­um spricht die Po­li­tik tat­säch­lich nicht von In­fla­ti­on? Das fra­ge ich mich seit Be­ginn der Be­richt­erstat­tung über die Wirt­schafts­kri­se. Ei­ne Wirt­schafts­kri­se oh­ne In­fla­ti­on? Gibt es nicht.

    Mit sei­nem Satz „ Nun zeigt sich, dass die Na­tur ein Ge­dächt­nis hat, sie sam­melt Ein­drücke, sie er­in­nert sich an uns. ...“ fiel mir so­fort Frank Schät­zing und sein „Schwarm“ ein. ( Schät­zing und das da­zu­ge­hö­ren­de Mar­ke­ting hin oder her, es ist ihm ge­lun­gen, ei­nen span­nen­den Sci­ence fic­tion- und Um­welt- Thril­ler zu schrei­ben). Ich den­ke da so­fort ans ver­dreck­te Mit­tel­meer und die Nord­see, in de­nen seit Jahr­zehn­ten un­ser Zi­vi­li­sa­ti­ons­dreck ver­kappt wird.
    Oder an die Aus­beu­tung der Mee­re. Und das nicht nur für den Fisch­markt.
    Ja­pan ist z.B. sehr an den Ab­bau von Me­than­hy­drat in­ter­es­siert, da ihr En­er­gie­ver­brauch enorm hoch ist. Vor ein paar Jah­ren ha­be ich ge­le­sen, das sie kei­ne Mü­hen und kein Geld scheu­en, so schnell wie mög­lich an die­sen Roh­stoff her­an­zu­kom­men. ( Lei­der fällt mir die Li­te­ra­tur­quel­le da­zu nicht mehr ein, ha­be je­doch die­se zwei Links ge­fun­den. Ich hof­fe, es reicht für mei­ne o.g. Aus­sa­ge).

    http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/bstuecke/02728/index.html

    Ich ver­ste­he Pe­ter Slo­ter­di­jk so, das er u.a. kei­ne Zu­kunft für ei­ne Nor­ma­li­sie­rung der Öko­lo­gie sieht. Die Welt im pal­lia­ti­vem Zu­stand. Das ist deut­lich und kon­se­quent mit­ge­teilt. Aber wird es die er­rei­chen, die es hö­ren und ver­ste­hen soll­ten?

  10. Dan­ke für das In­ter­view
    Wirt­schafts­kri­sen oh­ne »In­fla­ti­on« gibt es schon – man neh­me die De­fla­ti­on in Ja­pan in den 90er Jah­ren. In­fla­ti­on ist hier auch we­ni­ger als Preis­teue­rung ge­braucht, son­dern als ei­ne Art Über­hit­zung.

    Der Ka­pi­ta­lis­mus hat im­ma­nent nur zwei Re­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten: Ent­we­der er füllt die Bla­se, die lau­fend Faul­ga­se pro­du­ziert mit wei­te­ren Ga­sen (das macht man im Mo­ment, in dem man aber­mals Geld ver­gibt, was man ei­gent­lich nicht hat) oder man ver­knappt das Ab­strak­tum Geld (das hat man in den 30er Jah­ren ge­macht). Vom Zwei­ten kennt man die Fol­gen, da­her macht man das Er­ste – was aber wie­der zum Kreis­lauf­kol­laps (vul­go Kri­se) füh­ren wird.

    Ei­ne schö­ne Zu­sam­men­fas­sung lie­fert Slo­ter­di­jk hier:

    Die Fra­ge ist al­so, ob ei­ne phil­an­thro-ka­pi­ta­li­sti­sche Ma­kro­po­li­tik im Zu­sam­men­spiel mit ei­nem spen­da­blen Welt-Steu­er­staat glo­bal leb­ba­re Ver­hält­nis­se her­bei­füh­ren kann.

    Wei­ter oben sagt er (rich­ti­ger­wei­se), dass der Ka­pi­ta­lis­mus im­mer zy­klisch ist und die Kri­se nur ein­ge­dämmt wer­den kann. Grob for­mu­liert die Fuß­ball­plat­ti­tü­de pa­ra­phra­siert: Nach der Kri­se ist im­mer vor der Kri­se.

    Auch die Be­trach­tun­gen über das Ver­hält­nis zur Na­tur fin­de ich sehr er­hel­lend:

    Der Mensch der prä­hi­sto­ri­schen und hi­sto­ri­schen Zei­ten konn­te sei­ne Dra­men vor dem Hin­ter­grund ei­ner Na­tur auf­füh­ren, von der man dach­te, sie wer­de nie re­agie­ren. Man ließ sei­ne Ab­fäl­le prak­tisch fol­gen­los ir­gend­wo lie­gen, die Huf­ei­sen der rö­mi­schen Ka­val­le­rie stecken ja heu­te noch im deut­schen Schlamm. Doch wir ha­ben die glück­li­chen Jahr­tau­sen­de hu­ma­ner Ex­pan­si­on hin­ter uns. Na­tur war das Au­ßen, in dem un­ser Han­deln schein­bar spur­los ver­schwand. Die­se Auf­fas­sung ist für im­mer da­hin. Mit ei­nem Mal funk­tio­nie­ren un­se­re Ex­ter­na­li­sie­run­gen nicht mehr, die Ab­fäl­le keh­ren zu­rück, der Wahn­sinn ver­pufft nicht mehr in der Wei­te der Ozea­ne. Nun zeigt sich, dass die Na­tur ein Ge­dächt­nis hat, sie sam­melt Ein­drücke, sie er­in­nert sich an uns. Jetzt müs­sen wir uns mit ei­ner be­droh­lich er­in­ne­rungs­fä­hi­gen, schein­bar im­mer ra­che­lü­ster­ne­ren Na­tur zu­sam­men­rau­fen.

    Der Re­kurs in ethi­sche Ge­fil­de be­stä­tigt den Kom­men­ta­tor en-pas­sant: Slo­ter­di­jk ist eben ge­nau nicht zy­nisch. Das ist heut­zu­ta­ge sel­ten. Man soll­te ihm min­de­stens zu­hö­ren.

  11. Zu Slo­ter­di­jk fa­ellt mir zu­na­echst fol­gen­des ein: in sei­nem so gross-spu­ri­gen Ab­hand­lung ue­ber Deutsch/Frankreichische Verha­elt­nis­se
    bringt er denn ue­ber­haupt die nach­kriegs Macht-Verha­elt­nis­se, hier USA dort USSR, mit ins Spiel,
    wel­che sol­che klein­li­chen Ka­emp­fe doch ei­gent­lich aus-schloss. An­son­sten, war das ur­alte Ge­ka­emp­fe
    der ab Car­lus Ma­gnus’ ge­teil­ten Kai­ser­reich Ha­elf­ten ei­gent­lich doch nur ei­ne Wei­ter­fueh­rung blo­eder Ka­emp­fe
    zwi­schen den Ger­ma­ni­schen Sta­em­men; wie so bei al­len, ob Sla­visch oder Afri oder Ame­ri­k­an­schen. Dumpf drueckt sich
    das wohl noch im­mer in Vor­ur­tei­len der Preu­ssen ue­ber die Bai­ern und vice ver­sa; was Freud
    die Ver­wun­dung des Nar­ziss durch den klei­nen Un­ter­schied be­zeich­ne­te, auch von Dorf auf Dorf.

    Was er in »Re­geln für den Men­schen­park« sagt fin­de ich in­ter­res­san­ter. Aber ei­gent­lich soll­te man
    wenn man von Zu­ech­ti­gung, auch wie­der gross spu­rig spricht, und sich auf
    Plato’s Po­li­ti­kon be­ruft, die Er­kennt­nis­se der Psy­cho-Ana­ly­se nicht au­sser acht las­sen.
    Zu sehr, zu we­nig ge­hemmt. Wir ko­enn­ten ja auch Gott bit­ten es mal mit nem an­de­ren
    Af­fen neu zu ver­su­chen. S. be­schreibt was Hei­deg­ger un­ter Hu­ma­nis­mus und Sein ver­steht,
    in­so­fern ich das selbst ver­ste­he, schon sehr schoen, lei­der ekelt mich so­was von Hei­deg­ger
    kom­mend eher an.