Au­gen auf...

Au­gen auf, du bist al­lein: im Bahn­hof von Brigh­ton die saal­ar­ti­ge un­ter­ir­di­sche Toi­let­te, traum­groß, traum­leer, da­zu der Mo­sa­ik­bo­den, und drau­ßen der Voll­mond; Au­gen auf: die vie­len Rot­haa­ri­gen im letz­ten Zug zu­rück nach Lon­don, und zu­vor, Au­gen auf: die, wir, paar Al­lei­ni­gen in der letz­ten Ki­no­vor­stel­lung, am Nach­mit­tag des Weih­nachts­abends in B., Frau­en fast nur, und nach dem Film die Kas­sen des Ki­nos schon mit Hül­len drü­ber

Pe­ter Hand­ke: »Ge­stern un­ter­wegs«; un­da­tiert, aber Weih­nach­ten 1988 zu­zu­schrei­ben

Heu­te war der er­ste Mor­gen, an dem ich auf­wach­te und bis zum Auf­ste­hen ei­ni­ge Mi­nu­ten zu­brach­te, oh­ne di­rekt dar­an zu den­ken, daß ich wür­de ster­ben müs­sen.

Alek­san­dar Tiš­ma, Ta­ge­bü­cher, aus: Schreib­heft Nr. 71; un­ter dem Da­tum des 25.12.1994

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  1. Ihr Bei­trag kommt mei­nem An­sin­nen, ei­ne Art Weih­nachts­ta­ge­buch zu be­gin­nen, ent­ge­gen. Ich fin­de es span­nend, über Jah­re hin­weg schrei­bend zu be­ob­ach­ten, was ich an Weih­nach­ten je­weils wahr­neh­me.
    Tis­mas Ta­ge­buch­ein­trag, stammt er aus den auf deutsch er­schie­nen Ta­ge­buch 1942 – 1951, in dem er sich sei­ner jü­di­schen Ab­stam­mung be­wußt ge­wor­den ist?

  2. der Bei­trag stammt aus ei­nem Ta­ge­buch­ein­trag vom 25.12.1994. Ich hab’s ge­le­sen im Schreib­heft Nr. 71. Ich weiß im Mo­ment nicht, ob die­se Ta­ge­bü­cher schon als Buch ver­öf­fent­licht sind.

  3. 25. De­zem­ber
    Ich er­lau­be mir freund­lich, dem »Au­gen auf ...« – Bei­trag noch drei Ta­ge­buch­tex­te zur Weih­nacht hin­zu­zu­fü­gen:

    Jo­ao kam nach Hau­se und sag­te, er ha­be Leib­schmer­zen. Ich stell­te fest, dass es dar­an lag, dass er ei­ne ver­dor­be­ne Was­ser­me­lo­ne ge­ges­sen hat­te. Heu­te ha­ben sie ei­nen Last­wa­gen Was­ser­me­lo­nen in der Nä­he des Flus­ses aus­ge­kippt. Ich weiß nicht, war­um die­se un­ver­nünf­ti­gen Kauf­leu­te ih­re ver­dor­be­nen Sa­chen hier in der Nä­he der Fa­ve­la aus­kip­pen; die Kin­der se­hen es und es­sen es.
    Mei­ner An­sicht nach trei­ben die Groß­händ­ler in Sao Pau­lo die dem Volk eben­so Spass, wie Cä­sar, wenn er die Chri­sten quäl­te. Nur, dass der heu­ti­ge Cä­sar dem Cä­sar der Ver­gan­gen­heit über­le­gen ist. Die an­de­ren wur­den aus Glau­bens­grün­den ver­folgt. Und wir wer­den vom Hun­ger ver­folgt! Da­mals lie­ßen die­je­ni­gen, die nicht ster­ben woll­ten, da­von ab, Chri­stus zu lie­ben.

    Aber wir kön­nen nicht da­von ab­las­sen zu es­sen.

    Ca­ro­li­na Ma­ria de Je­sus, Sao Pau­lo, Fa­ve­la do Can­in­dé, 25. De­zem­ber 1958, aus »Ta­ge­buch der Ar­mut. Auf­zeich­nun­gen ei­ner bra­si­lia­ni­schen Ne­ge­rin«

    Wenn man aber die Sol­da­ten in Reih’ und Glied vor ih­ren Weih­nachts­ti­schen an­sieht, wo – auch in Reih’ und Glied – für je­den das Mes­ser, das Stück Sei­fe, Strümp­fe, die Zi­gar­ren oder Zi­ga­ret­ten auf­ge­baut sind, so weiß man schlech­ter­dings nicht das min­de­ste da­von wie sie nun das auf­neh­men. Man weiß nicht, ob sie sich freu­en, ob sie die­se Ge­schen­ke wür­di­gen oder nicht wür­di­gen, ob sie dank­bar sind oder un­dank­bar, ob sie ir­gend­wo in ih­rem In­ne­ren et­was Fest­li­ches emp­fin­den.
    Die Weih­nachts­be­sche­run­gen, wie sie im Frie­den und dort aus Wohl­tä­tig­keit ein­ge­rich­tet sind, kran­ken schon an der Mas­se der Teil­neh­men­den. Aber So­ladt­en­weih­nachts­be­sche­run­gen sind wirk­lich ein Mord an der gan­zen schö­nen Idee.

    Ru­dolf G. Bin­ding (dt. Schrift­stel­ler), West­flan­dern, 25. De­zem­ber 1915.

    Der Win­ter liegt schwer auf mit. Al­les rings­um ist so trau­rig und schwei­gend. Der Schnee fällt in dich­ten Flocken„ und nicht un­ter lie­ben­den Freun­den ver­brin­ge ich den lan­gen Abend. O wie sehn’ ich mich nach ei­ner See­le, die mich liebt! Die Men­schen um mich her sind oh­ne Teil­nah­me, und kalt und flüch­tig ih­re Wor­te.

    Au­gust Graf von Pla­ten (dt. Dich­ter), Mün­chen, 25. De­zem­ber 1815

  4. Der Feld­we­bel Ar­thur Binz, Albat/Krim
    Die gest­ri­ge Kom­pa­nie­weih­nachts­fei­er war zu tu­mul­t­ös und äu­ßer­lich. Die gleich zu An­fang ge­hal­te­ne Re­de des Kom­pa­nie­chefs war zwar schön und ge­dan­ken­reich, aber die völ­li­ge Über­ge­hung des christ­li­chen Ge­dan­kens auch beim heu­ti­gen Fest woll­te mir wie­der gar nicht ge­fal­len...

    [...]

    Der Ma­ler Iwan Ko­rot­kow, Le­nin­grad
    Ich stand vor ei­ner Bäcke­rei Schlan­ge, um Brot zu be­kom­men. Drin­nen leuch­te­te schwach ei­ne Lam­pe und man gab uns ge­gen die Brot­kar­te ei­ne Kru­me. Ich spür­te et­was un­ter mei­nen Fü­ßen und ich trat dar­auf. In je­nem Au­gen­blick dach­te ich über­haupt nicht dar­an, daß es ein Mensch sein könn­te. Ich dach­te, je­mand hat dort ei­nen Sack ab­ge­stellt. Ich konn­te nicht fas­sen, was da los war. Ich stieg dar­über, die an­de­ren folg­ten mir. Erst als ich drau­ßen war, merk­te ich, daß wir ei­nen Men­schen mit Fü­ßen ge­tre­ten hat­ten. Al­le sind auf ihm rum­ge­tram­pelt und nie­mand war sich be­wußt, was er tat.

    Wal­ter Kem­pow­ski, »Das Echo­lot – Bar­ba­ros­sa 1941«

    Schö­ne Idee. Lei­der ist der Blog ja so­zu­sa­gen kli­nisch tot, sonst könn­te man so et­was grö­sser »auf­zie­hen«...

  5. Kein kli­nisch to­ter Blog zählt 8 Kom­men­ta­re al­lein am 24. und 25.12. Und dass zu den Weih­nachts­fei­er­ta­gen we­ni­ger los ist, kann man auch po­si­tiv se­hen.

  6. @Metepsilonema
    Die Hälf­te der Kom­men­ta­re ist ja von mir sel­ber... Und ich re­de nicht von den Weih­nachts­fei­er­ta­gen. Aber ich lass’ das La­men­tie­ren jetzt, weil nichts zu än­dern ist. Bald ist Schluss, weil ich In Bäl­de ein­fach nichts mehr zu sa­gen ha­be.

  7. In der Tat
    Der Satz in un­sin­nig; ent­schul­di­ge.

    Ich mein­te: Bald ist Schluss, weil ich ein­fach nichts mehr zu sa­gen ha­be. Aber ich wer­de das zu ge­ge­be­ner Zeit noch kom­mu­ni­zie­ren.

    Erst­mal gu­ten Rutsch!

  8. @G.K.
    Al­so, dass ei­nen dau­er­haft sämt­li­che Mit­tei­lungs-Am­bi­tio­nen ver­las­sen er­scheint mir doch et­was zwei­fel­haft. Vor al­lem, wenn man wie Sie ja doch ganz of­fen­sicht­lich et­was zu sa­gen hat und das auch kann.

    Es sei denn, Sie sind es tat­säch­lich auf ei­ne grund­le­gen­de­re Wei­se mü­de. Aber da hilft ja ei­ne Aus­zeit.

    Oder aber (Sie hat­ten mich ja auch sei­ner­zeit auch »Echo­lot« ge­bracht«, in dem ich auch im­mer wie­der mal le­se) es hel­fen viel­leicht Über­le­gun­gen zu (Blog-)Aktivitäten in an­de­rer Form, et­wa sol­chen Sam­mel-Da­ten- oder an­ders­wie »wei­ter tra­gen­den«, über­grei­fen­den Pro­jek­ten? Das könn­ten doch ge­ra­de Sie mit Ih­ren vie­len Le­sern ei­ner­seits, ei­nem et­was we­ni­ger in­di­vi­dua­li­sti­schen An­satz des Schrei­bens und Nach­den­kens an­de­rer­seits noch am ehe­sten?

    (Das ist na­tür­lich jetzt nur so ei­ne spon­ta­ne Idee. Ich woll­te aber zu der Ta­ge­buch­samm­lung auch was bei­tra­gen, hat­te dann aber nicht ge­nug Zeit, mei­ne Ein­fäl­le bzw. ih­re Quel­len zu sich­ten. Ich den­ke, das lohn­te si­cher mal über­legt zu wer­den, dass Me­di­um nach an­de­re Rich­tun­gen hin zu nut­zen?)

    ***

    (Das von mir – weil ich mal wie­der nicht ein­ge­loggt bin – ein­zu­ge­ben­de ver­zerr­te Wort lau­tet üb­ri­gens ge­ra­de »lobts«.)

  9. Wenn ich mü­de bin, dann Pro­jek­ten ge­gen­über. Selbst­ho­sten des Blogs? Eben weil das mit den »vie­len Le­sern« ei­ne Mär ist, lohnt es schlicht­weg nicht. E‑Mailrunde? Ver­mut­lich zu pri­va­ti­stisch. Ein Fo­rum, wel­ches kol­la­bo­ra­tiv ist und ein ge­wis­ses Ni­veau hat? Gibt es nicht (mehr).

    ich glau­be, daß mit den »Mit­tei­lungs-Am­bi­tio­nen« wird über­schätzt. Ähn­lich wie ich vor dem Blog »exi­tiert« ha­be (als re­zi­pie­ren­des und auch – durch­aus – kre­ieren­des We­sen), wer­de ich da­nach exi­stie­ren. Ver­mut­lich ist es nur ei­ne Fra­ge der Do­sis. Von jetzt auf gleich auf­zu­hö­ren, geht eher nicht. In ab­ge­schwäch­ter Form es »aus­lau­fen« zu las­sen, schon eher. Ich hat­te ja vor, die Pro­gno­se-Ge­schich­te aus dem ver­gan­ge­nen Jahr zu wie­der­ho­len – aber auch da­mals war die Re­so­nanz so ge­ring, dass es schlicht­weg kei­nen Spaß macht. Die Leu­te ha­ben wich­ti­ge­res vor (was an sich nicht falsch ist).

  10. Al­lein, al­lein...

    Wir sind al­lein!





    Oder eben auch nicht!

    Das fin­de ich ir­gend­wie pas­send. (Mail folgt.)


  11. Wie­so glau­ben ei­gent­lich so vie­le, dass man Mails auf Blog­bei­trä­ge schicken soll? Ja, bei Schreib­feh­lern oder Irr­tü­mern – okay. Aber sonst?

    (Wie wär’s »zur Sa­che«?)

  12. Nach­ge­reicht
    Be­den­kens­wert wä­ren solch übergreifende[n] Projekte[n] schon, al­lein wenn ich dar­an den­ke, dass man – ganz all­ge­mein ge­se­hen – et­was von der »auf­ge­zwun­ge­nen« quan­ti­ta­ti­ven Text­pro­duk­ti­on weg­kommt, und die Zer­split­te­rung re­du­ziert wird. Viel­leicht nicht ganz aus Kopf und Aug’ ver­lie­ren?

  13. Be­stimmt be­den­kens­wert...
    sol­che Pro­jek­te. Aber wie soll das rea­li­siert wer­den? Ich den­ke da zu­nächst an so et­was wie ein Fo­rum (Vor­bild und ab­schrecken­des Bei­spiel wä­re da nensch). Und das hat­ten wir ja schon mal (die Ma­cher von nensch lie­ssen das Fo­rum lie­ber ver­kom­men, statt es ab­zu­ge­ben bzw. ga­ben es an je­man­den ab, der auch kei­ne Lust mehr hat­te und ein hal­bes Jahr auf VF sei­nen ei­ge­nen Blog be­trieb).

    Für ein Fo­rum scheint mir der Zug al­ler­dings ab­ge­fah­ren: Die »Frei­hei­ten«, die man auf sei­nem »ei­ge­nen« Blog ge­niesst, wird man un­gern zu Gun­sten nicht be­kann­ter und un­kal­ku­lier­ter Ri­si­ken auf­ge­ben wol­len. Und wei­ter: Auch bei ei­nem sol­chen Fo­rum wird es schwer sein, Leu­te für die pro­duk­ti­ve Ar­beit (sprich: Bei­trä­ge) zu ge­win­nen. Vie­le (das ent­neh­me ich auch spo­ra­disch bei mir ein­ge­hen­den Mails) möch­ten gar nicht an ei­nem Blog (oder Fo­rum) mitar­bei­ten; sie möch­ten lie­ber kon­su­mie­ren und se­hen das dar­ge­bo­te­ne als me­dia­le Er­gän­zung. Bei Leu­ten, die ‑zig Jah­re mit Fron­tal­un­ter­richt kon­fron­tiert wor­den sind, ist das auch ver­ständ­lich.

  14. Ein Fo­rum wä­re – mit ent­spre­chen­der Soft­ware – si­cher ein idea­ler Ort, aber ich fürch­te: Vor­bei ist vor­bei.

    Ich dach­te an ei­nen Ge­mein­schafts­blog (o.ä.), und da­für bräuch­te man nicht über­mä­ßig vie­le Leu­te (die müs­sen ja auch mit ein­an­der kön­nen bzw. ko­or­di­niert wer­den). Es stimmt na­tür­lich, dass die per­sön­lich-in­di­vi­du­el­le Ge­wich­tung (in Tei­len) zu­rück­ge­nom­men wer­den muss (oder auf ein Ta­ge­buch re­du­ziert wird), an­de­rer­seits könn­te man mehr Le­ser durch ein brei­te­res An­ge­bot an­locken, und man hat Zeit sich län­ger mit ei­ner Sa­che zu be­schäf­ti­gen, da auch an­de­re Schrei­ber Ar­ti­kel lie­fern. Ad­mi­ni­stra­ti­ve Ar­bei­ten muss dann nicht je­der für sei­nen Blog er­le­di­gen, son­dern wer­den ein­mal er­le­digt; das hilft Zeit zu spa­ren und zu fo­kus­sie­ren.

    Das ist na­tür­lich re­la­tiv un­kon­kret, aber prin­zi­pi­ell reiz­te es mich schon.

  15. @Metepsilonema
    In­ter­es­san­ter Ge­dan­ke. So­was wie der Der Um­blät­te­rer viel­leicht, eben bloß nicht fo­kus­siert auf das Feuil­le­ton. Was dann nur noch als Pro­blem bleibt: Wer soll das le­sen? Und: Wel­chen Er­kennt­nis­ge­winn zie­hen wir dar­aus (statt wei­ter je­der in sei­nem Blog wei­ter­zu­ma­chen)?

  16. Ja, so et­was
    Wer soll das le­sen? Ich fra­ge mich das bei mei­nem Blog ja auch, in­so­fern ... aber Du hast na­tür­lich recht, man könn­te sich den Auf­wand spa­ren, und wie bis­her wei­ter ma­chen. An­de­rer­seits bleibt die­ses Ri­si­ko im­mer.

    Er­kennt­nis­ge­winn könn­ten z.B. ge­mein­sam ver­fass­te Tex­te sein, oder ge­mein­sa­me Text­ar­beit (Kor­rek­tur­vor­schlä­ge u.a.), oder man be­leuch­tet ein The­ma von ver­schie­de­nen Sei­ten, durch meh­re­re Tex­te...

  17. Ge­mein­sam.
    Ge­nau das wä­re doch der Ge­winn: man be­leuch­tet ein The­ma von ver­schie­de­nen Sei­ten, durch meh­re­re Tex­te... »Auf­merk­sam­keits­kon­zen­tra­ti­on« ist da viel­leicht der fal­sche Be­griff, ob­wohl sich in den Köp­fen der Be­trei­ben­den (als auch in de­nen der Le­sen­den) si­cher­lich et­was ver­schiebt. Ich hat­te das auch schon mal mit Herrn Gum­bricht an­zu­den­ken ver­sucht ... Der Grund ist für mich schlicht­weg der, dass man nach wie vor und al­ler Ver­netz­heit zum Trotz schwer auf­zu­fin­den sein kann.

  18. Er­kennt­nis­ge­winn
    In der »Zeit« gibt es ge­le­gent­lich Ar­ti­kel über kon­fron­ta­ti­ve The­men, in de­nen es dann di­rekt ne­ben­ein­an­der ei­ne »pro« und ei­ne »contra«-Stimme gibt. Man könn­te na­tür­lich un­ab­hän­gig da­von auch ver­su­chen, Au­toren zu ge­win­nen, die an­de­re The­men­schwer­punk­te set­zen als man sel­ber. Den­noch muß es ei­nen »Mehr­wert« ge­ben, au­ßer, dass al­les »ge­bün­delt« auf ei­ner Sei­te steht statt ver­streut in meh­re­ren Blogs/Foren.

    War­um Blogs/Foren m. E. schon wie­der auf dem Rück­zug sind, er­klärt sich dar­aus, dass es in Deutsch­land (im deutsch­spra­chi­gen Raum?) im­mer noch re­la­tiv un­üb­lich ist, ei­ge­ne Ge­dan­ken, Kom­men­ta­re, Fra­gen, Po­si­tio­nie­run­gen di­rekt zu kom­mu­ni­zie­ren. Will sa­gen: Ein Blog wird als zu­sätz­li­che In­for­ma­ti­ons­quel­le be­trach­tet, die kon­su­miert wird (oder eben nicht). Hin­zu kommt, dass die Zeit vie­ler Le­ser be­grenzt ist, das An­ge­bot an Tex­ten aber ste­tig wächst; er/sie sind ge­zwun­gen, Prio­ri­tä­ten zu set­zen und die pen­deln sich mei­stens auf das alt­be­kann­te ein. Des­wei­te­ren sind die­je­ni­gen, die in den Fo­ren her­um­gei­stern sehr oft die­je­ni­gen, die man nicht will, weil sie nichts zur Sa­che zu sa­gen ha­ben und/oder nur Pro­pa­gan­da be­trei­ben.

    Das gröss­te Pro­blem sind aber die Mul­ti­pli­ka­to­ren (das mein­te ich mit dem arg ver­kür­zen­den »Wer soll das le­sen?«). Wenn man nicht im ei­ge­nen Saft schmo­ren will (was wir ge­nug tun), braucht man Leu­te, die auf das Ge­schrei­be ver­wei­sen, ver­lin­ken, usw. Ich hat­te im ver­gan­ge­nen Jahr ein paar Mal das Glück von Ste­fan Nig­ge­mei­er ver­linkt zu wer­den. Das ver­schafft für 2, 3 Ta­ge ei­nen enor­men Klick­zu­wachs – aber we­sent­lich mehr »Stamm­le­ser« hat mir das nicht ge­bracht. Das muss aber nicht an den »bö­sen« Igno­ran­ten drau­ssen lie­gen – das kann auch ein­fach sein, dass mein Zeugs tat­säch­lich schwach ist. (Im Grun­de ge­nom­men glau­be ich näm­lich an so et­was wie ei­nen »Markt«, auf dem sich – auf Dau­er – auch das Gu­te bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de durch­setzt.)

  19. @Gregor
    Den­noch muß es ei­nen »Mehr­wert« ge­ben, au­ßer, dass al­les »ge­bün­delt« auf ei­ner Sei­te steht statt ver­streut in meh­re­ren Blogs/Foren.

    Das stimmt na­tür­lich. Ei­ne blo­ße Bün­de­lung ist zu­we­nig. Ich glau­be, dass Mehr­wert und hö­he­re Le­ser­zahl durch­aus Hand in Hand ge­hen (kön­nen). Man braucht ei­ne Idee, oder ei­nen Rah­men, dem al­le Au­toren zu­ar­bei­ten, auch wenn sie – in ge­wis­sem Sin­ne – über das schrei­ben, was sie in­ter­es­siert (und was die ge­mein­sa­me Klam­mer wie­der­um be­grenzt). Das bräch­te mit Si­cher­heit »Syn­er­gie­ef­fek­te«, ähn­lich wie – ge­wag­ter Ver­gleich – ei­ne Zei­tungs­re­dak­ti­on.

    Die zu­grun­de lie­gen­de Idee muss selbst­ver­ständ­lich auch für die Le­ser in­ter­es­sant sein – man könn­te das Re­sul­tat ein Pro­dukt nen­nen, stim­mig und ab­ge­run­det. Hier kä­me dann der Markt ins Spiel, an den ich auch »glau­be« (in dem von Dir be­schrie­be­nen Sinn). Al­so: Rah­men, Idee, Mehr­wert und Le­ser hän­gen zu­sam­men.

    Weil Du von Nig­ge­mei­er sprichst: Er ist doch durch­aus ein gu­tes Bei­spiel wie so et­was funk­tio­nie­ren kann (vor al­lem hin­sicht­lich der Le­ser); ich glau­be er hat das vor al­lem er­reicht, weil er glaub­wür­dig (ich lass Dei­ne Kri­tik von neu­lich mal bei­sei­te) für et­was steht (man kann das na­tür­lich auch bloß als Mar­ke be­zeich­nen)

    Ob Blogs tat­säch­lich auf dem Rück­zug sind ver­mag ich nicht zu sa­gen, ich weiß nur aus mei­nem Bekannten/Freundeskreis, dass es kaum je­man­den gibt der tat­säch­lich viel schrei­ben wür­de (zu all­ge­mei­nen The­men, und im Netz – egal ob Kom­men­ta­re, oder Tex­te). Was aber nach wie vor gut funk­tio­niert sind Com­mu­nities (al­so Fo­ren die stark auf be­stimm­te The­men – von Mi­kro­sko­pie über Kat­zen bis Berg­stei­gen – fo­kus­siert sind). Ge­fühls­mä­ßig wür­de ich das Fra­ge­zei­chen hin­ter dem deutsch­spra­chi­gen Raum strei­chen.

    Kon­kret kann ich zu den Mul­ti­pli­ka­to­ren we­nig sa­gen, da müss­te ich län­ger nach­den­ken; Man müss­te an gut be­such­te »Or­te« kom­men, wo po­ten­zi­el­le Le­ser zu fin­den sind (z.B. Nach­rich­ten­sei­ten).

  20. „Die Welt ist ei­ne Goog­le“
    konn­te ich im No­vem­ber ’08 le­sen ( Ost­alb-Kul­tur vom 18.11.2008, S. 27).
    Lie­ber Herr K., die ei­ge­nen Kin­der ma­chen es uns täg­lich vor: ein gro­ßer Teil der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­kunft ist das In­ter­net.
    Die „äl­te­re“ Ge­nera­ti­on, die sog. „Fron­tal­un­ter­rich­te­ten“ hat es da schon schwe­rer. Sich zu outen, sich öf­fent­lich zu prä­sen­tie­ren be­deu­tet ei­ne ge­wis­se Schwel­len­angst zu über­schrei­ten.
    Nut­zer äl­te­ren Jahr­gangs, die kon­su­mie­ren und sich nicht outen wol­len, sog. „Schlüs­sel­loch­gucker“, wer­den in ei­ni­gen Jah­ren viel da­zu­ge­lernt ha­ben und die Form von On­line-Kom­mu­ni­ka­ti­on ganz für sich ent­decken. Sie ist doch wie ei­ne Wel­le. Fragt sich dann nur noch, auf wel­cher möch­te ich mit­schwim­men?

    Das man i.d.R. kein Ein­zel­gän­ger als Blog­ger sein will, er­scheint mir lo­gisch, da man/frau sich ja aus­tau­schen möch­te ( emp­fin­de ich als to­ta­le Be­rei­che­rung in un­se­rer Welt der So­aps und „Zau­be­rer“). Und der Be­trei­ber ei­nes Blogs wünscht sich Mul­ti­pli­ka­to­ren, sonst ist man ja doch wie­der al­lei­ne, da stim­me ich Ih­nen ganz zu. Aber ob da ein Zu­sam­men­schluß, ei­ne Auf­lö­sung der sog. „Viel­staa­te­rei“ die Lö­sung ist, weiß ich nicht zu be­ant­wor­ten und kann kei­nen Vor­schlag ma­chen (scha­de).
    Auf je­den Fall, bei den Mil­lio­nen Nut­zern braucht man si­cher ei­ne star­ke Platt­form ( sprich: star­ke Lob­by), um, wie Sie es schrei­ben, oft ge­nug ver­linkt zu wer­den, um da­mit an ei­ne grö­ße­re Le­ser­schaft zu kom­men.
    Es wird wie beim Fern­se­hen sein, die Mas­se »liest« ihr „Un­ter­schich­ten­pro­gramm“, die sehr viel klei­ne­re Men­ge bleibt bei „ARTE“ oder „3Sat“.

    Noch zum The­ma „Rück­zug der Blogs“: ich las in den letz­ten Ta­gen et­was von sog. „Slow-Blog­gen“. Kommt an­schein­dend, wie soll es an­ders sein, aus Ame­ri­ka. Ist da et­was dran?

    Und nun schal­te ich die­se Müh­le aus, das Wet­ter ist zu schön, um wei­ter am PC zu hocken.
    Herz­li­che Grü­ße
    von
    mir

    [EDIT: 12:34]

  21. @Metepsilonema
    Nig­ge­mei­er ist Jour­na­list – das darf man nicht ver­ges­sen. er hat mit dem Blog­gen nach sei­ner Tä­tig­keit als Re­dak­teur der FAZ an­ge­fan­gen, ver­füg­te al­so (1.) um ein ge­wis­ses »Netz­werk« und (2.) weiss er ein­fach, wie man schreibt.

    Ich hat­te im Som­mer ja das Bild von der »Do-It-Yourself«-Bewegung auf das Blog­gen ver­wen­det. Die­ses Bild fort­ge­schrie­ben heißt das: Nig­ge­mei­er war der Ge­sel­le, der sich selb­stän­dig ge­macht hat. Der Ge­sel­le hat aber sein Hand­werk ge­lernt. Ich wä­re – um so­zu­sa­gen im Bild zu blei­ben – der­je­ni­ge, der sich selb­stän­dig ge­macht hat oh­ne vor­her Ge­sel­le ge­we­sen zu sein (in Deutsch­land geht das glau­be ich nicht, aber theo­re­tisch eben). Die Un­ter­schie­de hal­te ich für fun­da­men­tal: Der »un­ge­lern­te« Blog­ger wird im­mer sehr schnell an Gren­zen sto­ßen – und zwar so­wohl an Gren­zen der Ak­zep­tanz (bei an­de­ren) als auch Gren­zen bspw. der Re­cher­che. Nur so wä­re aber die Blog­ge­rei ir­gend­wann »re­le­vant«: Wenn die Blog­ger re­cher­chie­ren wür­den. An­son­sten bleibt nur der Kat­zen­blog.

    Jour­na­li­sten ha­ben in Be­zug auf Blogs die glei­che Hal­tung wie Me­di­zi­ner auf Heil­prak­ti­ker: Sie mö­gen sie nicht und grei­fen sie im­mer da an, wo sie eh an­zu­grei­fen sind. In den mei­sten Fäl­len trifft das auch zu. Aber in dem so­wohl in der »brei­ten Mas­se« als auch in­ner­halb der »kri­ti­schen Mas­se« die Ak­zep­tanz auf­grund von Forn­mal­qua­li­fi­ka­tio­nen bzw. For­mal­vor­aus­set­zun­gen feh­len, wird der Blog­ger im­mer nur in Aus­nah­me­fäl­len ge­fun­den wer­den.

    Ein Ge­mein­schafts­blog wür­de dar­an nichts än­dern – son­dern die Sa­che nur auf ei­ne brei­te­re Ba­sis stel­len. Ich glau­be, wenn man nensch zu sei­ner Zeit ak­tiv be­wor­ben und Mul­ti­pli­ka­to­ren ge­fun­den hät­te, hät­te sich das Fo­rum eta­blie­ren und gu­te Au­toren ge­win­nen kön­nen. Die­ser Zug ist m. E. da­hin­ge­hend ab­ge­fah­ren, dass man zwar noch in Feeds auf­tau­chen wür­de, aber die Leu­te längst nur noch se­lek­tiv le­sen, weil es ein­fach zu­viel ist, was sie im www prä­sen­tiert be­kom­men.

  22. Ent­schei­dend ist, dass die Le­ser blei­ben. Da­für muss man weg von den nor­ma­len Prä­sen­ta­ti­ons­for­men (die­ser Blog ist ist ab­so­lut stink­nor­mal; Buch­re­zen­sio­nen gibt es mas­sig bei Ama­zon, da­für braucht man das hier z. B. nicht). Als Pri­vat-Blog­ger und man­gels For­mal­qua­li­fi­ka­ti­on ha­be ich we­der Zeit noch Mög­lich­kei­ten an­de­re, heu­te ge­wünsch­te Prä­sen­ta­ti­ons­for­men zu kre­ieren oder auf ei­ner Wel­le zu schwim­men (oh­ne, dass es so­fort pein­lich wür­de).

    Das wür­de sich m. E. nicht gross­ar­tig än­dern, wenn man mit meh­re­ren ei­nen kol­la­bo­ra­ti­ven Blog be­trei­ben wür­de. Es sei denn, die an­de­ren sind »Pro­fis«. Dann brau­chen die aber wie­der kei­ne Ama­teu­re.

  23. Ich ha­be zwar da­mit be­gon­nen, aber wir dür­fen nicht den Feh­ler ma­chen, aus­schließ­lich mit dem Jour­na­lis­mus zu ver­glei­chen, und zwar in dem Sinn, dass man ihm auf sei­nem ur­ei­ge­nen Ge­biet eben­bür­tig sein will. Das wird nicht funk­tio­nie­ren, aber das muss es gar nicht. Blog­ger ha­ben den gro­ßen Vor­teil, dass sie (im Re­gel­fall) nicht et­was Be­stimm­tes lie­fern müs­sen (wie ei­ne Re­zen­si­on in ei­ner Zei­tung sti­li­stisch und auch in­halt­lich aus­se­hen wird, ist re­la­tiv klar; es gilt eben ge­nau nicht das­sel­be zu lie­fern, son­dern et­was an­de­res; Dei­ne Re­zen­sio­nen sind ein gu­tes Bei­spiel, sie wür­den in die­ser Form nicht in ei­ner Zei­tung ste­hen, aber nicht weil sie qua­li­ta­tiv schlecht sind; ich er­in­ne­re mich an ei­nen Kom­men­ta­tor, der fest­stell­te, dass in Dei­nen Re­zen­sio­nen der Au­tor viel mehr als ge­wöhn­lich zur Spra­che kommt, und dass er das sehr gut fin­det), son­dern re­la­tiv gro­ße Frei­heit be­sit­zen. Das »Do-it-Yours­elf« ist schon stim­mig, aber noch kein Qua­li­täts­kri­te­ri­um; es ist im­mer wie­der er­staun­lich was »Lai­en« zu­stan­de brin­gen, und das steht »Pro­fis« schon mal we­nig nach. Kein Ei­gen­lob, kei­ne fal­sche Hoff­nung, kein schön­re­den, aber man soll­te nicht vor­schnell auf­ge­ben, oder fal­sche Zie­le ver­fol­gen (Und wenn Du an nensch zu­rück­denkst, das hät­te ei­ner pro­fes­sio­nel­len Zei­tung den Rang auch nicht ab­ge­lau­fen, aber es war ei­ne all­ge­mei­ne Dis­kus­si­ons­platt­form, wie sie De­mo­kra­ti­en brau­chen. Viel­leicht ein Ziel?).

    Zur Re­cher­che: In ei­nem Ge­mein­schafts­pro­jekt blie­be da­für mehr Zeit (Zu­min­dest was das Le­sen von Bü­chern und Ar­ti­keln be­trifft; von Blog­gern vor-Ort-Re­cher­chen zu er­war­ten hal­te ich für ei­ne zu ho­he Er­war­tung). Und was Blog­ger al­le­mal kön­nen, ist aus Fel­dern be­rich­ten mit de­nen sie tag­täg­lich zu tun ha­ben (Be­ruf etc.).

    Wenn ich kurz ver­su­che mei­ne ei­ge­nen Le­se­prä­fe­ren­zen zu re­flek­tie­ren, dann will ich ge­ra­de nicht (nur) Blogs le­sen, die wie Zei­tun­gen »da­her­kom­men«. Und der den Tex­ten gleich­wer­ti­ge As­pekt ist für mich im­mer die – ja! – öf­fent­li­che Dis­kus­si­on, auch schon bei Nensch.

  24. Gu­tes Blog­gen ist Hand­werk
    ... und was Hand­werk be­deu­ten kann, hast Du, Gre­gor, schon re­zen­siert. Ich blei­be bei mei­ner Über­zeu­gung, dass meh­re­re Köp­fe ge­mein­sam mehr zu­stan­de brin­gen als sie als Ein­zel­ne zu lei­sten im­stan­de sind. Ich mer­ke das im­mer wie­der in der Uni, sei es in Col­lo­qui­en oder an den For­schungs­schwer­punk­ten der Leh­ren­den: Zer­split­te­rung be­deu­tet in die­sem Fall ei­ne ge­wis­se Schwä­chung. Will man Mei­nun­gen bil­den, muss man sie für’s Er­ste an ei­nem Ort (sei er auch vir­tu­ell) kon­zen­trie­ren, bün­deln.

    Si­cher­lich kannst Du da­ge­gen­hal­ten, dass Nig­ge­mei­er Jour­na­list ist. Sein ein­zig tat­säch­li­cher Vor­teil ist al­lein das Netz­werk. Er­in­ne­re Dich im Ge­gen­zug an die Prä­senz von PI: Der Blog wur­de (oder wird; wer durchschaut’s?) von ei­nem Grund­schul­leh­rer in­iti­iert. Kein Netz­werk, son­dern Mei­nungs­macht. Bei­de lie­fern et­was, das ei­nem be­stimm­ten Pu­bli­kums­seg­ment fehl­te: aus der je­wei­li­gen Per­spek­ti­ve »kri­ti­sche« Be­richt­erstat­tung, die Fo­rum und Re­prä­sen­tanz bie­tet.

    Es gibt, mei­ne ich in­zwi­schen, ge­nug Leu­te, die wis­sen, wie man schreibt; der ei­ge­ne Blog ver­führt al­ler­dings zu ei­ner ge­wis­sen Kom­pro­miss­lo­sig­keit, weil man auf sei­nem Blog sei­ne Sa­che durch­zie­hen kann – man macht sie ja schließ­lich, weil man sich nir­gends ver­tre­ten, nir­gends auf­ge­ho­ben fühlt. Ich wun­de­re mich in­zwi­schen nicht mehr, dass ich nur ver­ein­zel­te Rück­mel­dun­gen er­hal­te; na­iv wie ich zu Be­ginn ge­we­sen bin, dach­te ich, das In­ter­es­se an post­mo­der­ner Ethik sei be­stimmt rie­sig. Ist’s aber nicht. Er­go: Grö­ße­re Reich­wei­te er­for­dert Kom­pro­miss­be­reit­schaft, oh­ne da­bei auf Qua­li­tät zu ver­zich­ten. Das ist viel­leicht eher der Draht­seil­akt ... ?

  25. @willyam
    Du be­tonst zwei Punk­te, die mei­nes Er­ach­tens es­sen­ti­ell sind (ich hat­te das schon in Di­gi­ta­le Na­ziss­ten an­ge­deu­tet):

    1. Meh­re­re Leu­te brin­gen ge­bün­delt mehr zu­sam­men als Ver­ein­ze­lung (es gibt da­zu auch die Ge­gen­the­se der »Schwar­min­tel­li­genz«).

    2. Die »Ver­ein­ze­lung« in den Blogs führt zu ei­ner ge­wis­sen Kom­pro­miss­lo­sig­keit (sehr schön for­mu­liert; ich sa­ge eher: zur schlei­chen­den Aso­zia­li­tät, was bspw. Ge­gen­stim­men oder Ge­gen­ar­gu­men­te an­geht).

    Bei­des spricht für ei­ne Bün­de­lung von Kräf­ten, die dann ej­doch aber auch nicht par­al­lel ne­ben­ein­an­der (ei­ne pu­re Ver­schmel­zung), son­dern mit­ein­an­der in­ter­agie­ren müs­sen (wo­bei die Fra­ge ist, ob dies so­zu­sa­gen »öf­fent­lich« oder in ei­ner vir­tu­el­len Re­dak­ti­on un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit statt­zu­fin­den hat).

    Die Nach­tei­le, die ich als Deut­scher na­tür­lich so­fort pro­ble­ma­ti­sie­re, se­he ich in der be­reits an­ge­spro­che­nen Kom­pro­miss­be­reit­schaft, die durch ei­ne grö­sse­re Reich­wei­te, die an­ge­strebt wird, er­for­der­lich ist.

    Das Ent­schei­den­de ist aber das, was Du bei Nig­ge­mei­er an­sprichst und als ein­zi­gen Vor­teil fast ein biss­chen ab­schwä­chend er­wähnst: das Netz­werk. Das ist in der heu­ti­gen Zeit und um über­haupt ei­ne Brei­ten­wir­kung zu er­rei­chen, enorm wich­tig und not­wen­dig. (Was na­tür­lich ir­gend­wann zu den »Zie­len« [man kann sich die­ses Ma­na­ger­jar­gon nicht im­mer er­spa­ren] führt...)

    Mei­ne Er­fah­run­gen so­wohl mit Nensch als auch mit die­sem Blog hier: Mit mei­nen Tex­ten ist in die­ser Hin­sicht kein Staat zu ma­chen. Dass sie dem ein oder an­de­ren ge­fal­len, ist schön. Aber auch die Ver­lin­kung über Nig­ge­mei­er und Per­len­tau­cher hat dau­er­haft we­der zu ei­ner Stei­ge­rung der Zu­griffs­zah­len noch zu in­ten­si­ve­ren Dis­kus­sio­nen ge­führt (Aus­nah­men wa­ren dann meist nur die ver­link­ten Tex­te).

  26. Als Deut­scher?
    Die­sen Satz ver­ste­he ich nicht: Die Nach­tei­le, die ich als Deut­scher na­tür­lich so­fort pro­ble­ma­ti­sie­re, se­he ich in der be­reits an­ge­spro­che­nen Kom­pro­miss­be­reit­schaft, die durch ei­ne grö­sse­re Reich­wei­te, die an­ge­strebt wird, er­for­der­lich ist. Was ha­ben Deut­sche und Kom­pro­miss­be­reit­schaft für Schwie­rig­kei­ten mit­ein­an­der?

    Was mein Ver­hält­nis zum Netz­wer­ken an­be­langt: das ist in der Tat »ab­ge­schwächt«. Ich be­ob­ach­te die­se »Pra­xis« dann und wann und ha­be mich aus­rei­chend da­von über­zeu­gen kön­nen, dass das nichts für mich ist. Sei’s für den »er­folg­rei­chen« Be­trieb von Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, sei’s auf aka­de­mi­schen oder blog­zen­trier­ten Kon­fe­ren­zen, sei’s auf XING oder face­book: zu viel Ver­bie­ge­rei, zu viel ge­heu­chel­tes In­ter­es­se. Und al­le sind gleich »Freun­de«. Ge­sprä­che kom­men oft nur da­durch zu­stan­de, dass man sich »Kon­tak­te« er­hofft – und fin­den ab dem Au­gen­blick kei­ne Fort­set­zung mehr, ab dem man nichts zu bie­ten hat. Aus­tausch = Tausch; oh­ne »as­sets« geht nix.

    Aber um noch­mal ge­gen Dei­ne Skep­sis zu hal­ten: Ein gu­tes Netz­werk kann auch durch Zu­sam­men­schluss ent­ste­hen. Es ist (oder soll­te sein) mehr als die Sum­me sei­ner Mit­glie­der – so­fern man, wie Du rich­tig for­derst, für In­ter­ak­tio­nen und Rück­kopp­lun­gen of­fen ist.

  27. Mei­ner Er­fah­rung
    nach (und dem, was man mir so aus dem Aus­land sagt), nei­gen Deut­sche zum über­schwäng­li­chen Pro­ble­ma­ti­sie­ren (man se­he nur die gest­ri­gen Fern­seh­sen­dun­gen nach dem Ret­tungs­pa­ket II – die Chan­cen wur­den gar nicht bzw. kaum ge­nannt, statt­des­sen nur die Nach­tei­le und Pro­ble­me). Nur das mein­te ich.

    Mit Netz­werk mei­ne ich auch et­was an­de­res als XING oder face­book. Bei­des sind nur Imi­ta­tio­nen von Netz­wer­ken; die rich­ti­gen »Net­ze« wer­den nicht in der Öf­fent­lich­keit ge­spon­nen, son­dern eher im »Ver­bor­ge­nen« bzw. we­sent­lich in­for­mel­ler.

  28. Ja, Du hast na­tür­lich Recht. Nichts­de­sto­trotz (oder ge­ra­de aus dem Grund?) mei­ne Über­zeu­gung: dass man Netz­wer­ke nicht in und/oder für ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt über­nimmt, son­dern dem Neu­en mit ei­ner Of­fen­heit ge­gen­über­steht, die ihm Raum zum Wach­sen ei­nes ei­ge­nen Netz­werks lässt. Ge­ra­de weil ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt ja zu Per­spek­tiv­än­de­run­gen füh­ren könn­te, die das bis­he­ri­ge Netz­werk spren­gen bzw. nicht an­spre­chen. (Mei­ne For­mu­lie­rungs­ga­be hat sich heu­te frei­ge­nom­men, be­fürch­te ich ...)