Ri­chard Sen­nett: Hand­werk

Richard Sennett: Handwerk

Ri­chard Sen­nett: Hand­werk

He­phai­stos, Schmied und grie­chi­scher Gott des Feu­ers, war nicht nur der Er­fin­der des Streit­wa­gens, son­dern auch Er­bau­er sämt­li­cher Häu­ser auf dem Olymp. Er war der ein­zi­ge Hand­wer­ker un­ter den grie­chi­schen Göt­tern. Aber He­phai­stos ist ge­zeich­net: Er hat ei­nen Klump­fuss. Und in der an­ti­ken grie­chi­schen Kul­tur gal­ten kör­per­li­che Miss­bil­dun­gen als Schan­de. Der Klump­fuss des He­phai­stos – sym­bo­li­siert er bis heu­te den ge­sell­schaft­li­chen Wert des Hand­wer­kers? Zeigt Ho­mers Ka­pi­tel über He­phai­stos in der »Ili­as«, dass die ma­te­ri­el­le häus­li­che Kul­tur den Wunsch nach Ruhm und Eh­re nie­mals zu be­frie­di­gen ver­mag? Und hier­aus speist sich – trotz der mit­tel­al­ter­li­chen Hoch­pha­se der Zünf­te (die aus­führ­lich be­han­delt wird) – auch heu­te noch das Bild des Hand­wer­kers? Und Pan­do­ra, je­nes »rei­zen­de Mäd­chen«, die mit ih­rer Büch­se im­mer auch als Mah­nung für den Zorn der Göt­ter steht, als Ge­gen­pol?

Ri­chard Sen­netts »Hand­werk«, das er­ste Buch ei­ner Tri­lo­gie über ma­te­ri­el­le Kul­tur (die an­de­ren Bän­de sol­len »Krie­ger und Prie­ster« und »Der Frem­de« hei­ssen), ist mehr als ei­ne Kul­tur­so­zio­lo­gie des Hand­werks. Es ist ei­ne em­pha­tisch-eu­pho­ri­sche Schrift für all die­je­ni­gen, die ih­rer Ar­beit mit Hin­ga­be nach­ge­hen und sie um ih­rer selbst wil­len gut ma­chen wol­len. Das ist für Sen­nett die De­fi­ni­ti­on des Hand­wer­kers. Sie üben ei­ne prak­ti­sche Tä­tig­keit aus, doch ih­re Ar­beit ist nicht nur Mit­tel zu ei­nem an­de­ren Zweck. Ob die­ser Be­stim­mung be­darf es Sen­netts Be­kennt­nis am En­de des Bu­ches, ein An­hän­ger der phi­lo­so­phi­schen Denk­schu­le des Prag­ma­tis­mus zu sein, fast nicht mehr.

En­ga­gier­tes Tun

Ein Hand­wer­ker ist dem­nach weit mehr als ein Hand­ar­bei­ter, der mit den Hän­den Fer­tig­kei­ten aus­übt. Der Hand­wer­ker steht für die be­son­de­re mensch­li­che Mög­lich­keit en­ga­gier­ten Tuns. Sen­nett er­wei­tert so den Be­griff des Hand­wer­kers (durch­aus in den Spu­ren Hei­deg­gers). Hand­werk­li­ches Kön­nen ba­siert für Sen­nett auf hoch ent­wickel­te Fä­hig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten. Da­bei ist für ihn Mo­ti­va­ti­on wichtiger…als Ta­lent, weil das Stre­ben nach Qualität…Gefahren für die Mo­ti­va­ti­on ber­ge.

Die kul­tu­rell seit Jahr­hun­der­ten be­stehen­de Tren­nung zwi­schen Kopf- und Hand­ar­beit will Sen­nett auf­he­ben. Da­für legt er sich so­gar noch post­hum mit (sei­ner Leh­re­rin) Han­nah Arendt und de­ren Ver­ach­tung für den »Ani­mal la­borans« (das ar­bei­ten­de Tier Mensch) zu Gun­sten des »Ho­mo fa­ber« an. Un­ter der fal­schen Al­ter­na­ti­ve Kopf ver­sus Hand lei­de letzt­lich der Kopf und so­wohl Ver­ständ­nis als auch Aus­druck neh­men Scha­den. Bei je­dem gu­ten Hand­wer­ker, so die The­se, ste­hen prak­ti­sches Han­deln und Den­ken in ei­nem stän­di­gen Dia­log. Sen­nett ver­sucht sich als zwei­ter Di­de­rot, der in sei­ner En­cy­clo­pé­die die Le­ser in den Sa­lons bat, ein­fa­che ar­bei­ten­de Menschen…zu be­wun­dern (oh­ne Ge­fahr zu lau­fen, ei­ner Ver­kit­schung oder gar fal­schen He­roi­sie­rung an­heim zu fal­len). Dies be­rück­sich­ti­gend, und weil Witt­gen­stein und des­sen Wort von den »Gren­zen der Spra­che« er­wähnt wird, sei am Ran­de (ein biss­chen süf­fi­sant) ge­fragt, war­um es im Buch kei­ne Il­lu­stra­tio­nen und Bil­der gibt, die ei­ni­ge Um­ständ­lich­kei­ten hät­ten be­he­ben kön­nen.

Fast über­bor­den­de Opu­lenz

Sen­nett zeigt am Bei­spiel so­wje­ti­scher Bau­ar­bei­ten En­de der 80er Jah­re, wie Hand­werk de­ge­ne­rie­ren kann und ent­wickelt bei der Re­kon­struk­ti­on der Ge­schich­te des Mo­bil­te­le­fons die The­se, dass Ko­ope­ra­ti­on dem Wett­be­werb über­le­gen sei (und nicht nur als Be­loh­nungs­sy­stem). Es wird auf die Pro­ble­ma­tik der CAD-Soft­ware hin­ge­wie­sen, die dem Ar­chi­tek­ten (bzw. Kon­struk­teur) zwar das Zeich­nen ab­nimmt, aber auch – durch die per­ma­nen­te Re­pro­du­zier­bar­keit vir­tu­ell er­zeug­ter »Nach­bil­dun­gen« – das Verständnis…für den Ge­gen­stand ih­rer Ar­beit schwächt, das sinn­li­che Er­leb­nis ver­küm­mern lässt, den Men­schen nur noch zum pas­si­ven Zu­schau­er oder Konsument[en] der…erweiterten Fä­hig­kei­ten macht und zu Fehl­kon­struk­tio­nen füh­ren kann (Überdeterminierung[en] und/oder fal­schen Re­la­tio­nen); ein Tat­be­stand, der üb­ri­gens durch­aus be­kannt ist und ein­ge­räumt wird.

Er ver­an­schau­licht, wie un­ter dem Deck­man­tel der »Qua­li­täts­si­che­rung« das bri­ti­sche Ge­sund­heits­we­sen zum For­dis­mus ver­kommt, weil es, ex­trem ar­beits­tei­lig, ei­ner Bü­ro­kra­tie ver­pflich­tet ist und nicht mehr den Men­schen im Fo­kus hat und po­stu­liert sei­ne die Am­bi­va­lenz des Be­griffs »Qua­li­tät« (hier­auf wird noch ein­zu­ge­hen sein).

Der Le­ser wird in mit­tel­al­ter­li­che Werk­stät­ten ge­führt, in de­nen es an­fangs kei­ne Tren­nung zwi­schen Pri­vat­le­ben und Ar­beit gab, be­kommt Ein­blicke in die Tri­ni­tät Mei­ster-Ge­sel­le-Lehr­ling (und in die Er­satz­va­ter­rol­le des Mei­sters dem Lehr­ling ge­gen­über) und wird mit der Aus­ein­an­der­set­zung mit Fra­gen der Au­to­ri­tät und der Au­to­no­mie in­ner­halb der Werk­statt kon­fron­tiert. Man geht mit den Ge­sel­len, die sich an­ders­wo zum Mei­ster aus­bil­den las­sen und wagt ei­nen Blick in die Werk­stät­ten Stra­di­va­ris, die nach des­sen Ab­le­ben der un­wi­der­bring­li­che Ver­lust des still­schwei­gen­den Wis­sens (spä­ter, ge­nau­er, im­pli­zi­tes Wis­sen ge­nannt) un­ter­gin­gen. Nie­mand weiss bis heu­te ge­nau, was die Mu­sik­in­stru­men­te Stra­di­va­ris so ein­ma­lig macht – das Wis­sen hier­um, nir­gend­wo fest­ge­hal­ten, ist auf im­mer ver­lo­ren ge­gan­gen; et­was am Cha­rak­ter ih­rer Werk­stät­ten muss den Wis­sens­trans­fer ver­hin­dert ha­ben.

Ge­duld und heil­sa­mes Schei­tern

Man er­fährt, wie Frau­en im Mit­tel­al­ter zum We­ben und Sticken ka­men, er­hält ei­nen Ah­nung, wie Gold­schmie­de frü­her das Gold er­ta­ste­ten und be­kommt er­läu­tert, wie Kin­der mit der »Su­zu­ki-Me­tho­de« Gei­ge ler­nen, in dem sie die auf dem Griff­brett an­ge­brach­ten far­bi­gen Pla­stik­strei­fen me­cha­nisch ab­fas­sen (was Sen­nett als Si­mu­la­ti­on ei­ner fal­schen Si­cher­heit gei­sselt – al­ler­dings wird der ganz­heit­li­chen An­satz der »Me­tho­de«, der weit mehr um­fasst als die bun­ten Pla­stik­strei­fen, schlicht­weg un­ter­schla­gen).

Es gibt ei­ne klei­ne In­du­strie­ge­schich­te des Glas­blä­ser­hand­werks, die Dif­fe­ren­zen zwi­schen Hand­werk, Kunst­werk (Kunst­wer­ke sind Zeug­nis­se ei­nes in­ne­ren Le­bens) und Kunst­hand­werk wer­den aus­führ­lich dar­ge­legt und dem Le­ser wird der Un­ter­schied zwi­schen Spie­gel­werk­zeu­gen, Re­pli­kan­ten und Ro­bo­tern er­klärt. Sen­nett un­ter­nimmt ei­ne kur­ze Kul­tur­ge­schich­te des Zie­gels, ent­wirft ei­ne Chro­nik der Ent­wick­lung vom pro­fa­nen Schnei­de­mes­ser bis zum Skal­pell des Chir­ur­gen, be­lehrt über die Zu­nah­me der ma­te­ri­el­len Gü­ter seit dem 15. Jahr­hun­dert und den sich hier­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen für die Her­stel­lung die­ser Gü­ter, führt den Le­ser zur fran­zö­si­schen Pa­pier- und Tex­til­in­du­strie des 18. Jahr­hun­derts, ent­deckt das »Er­ha­be­ne« im Flach­schrau­ben­zie­her, phi­lo­so­phiert über ei­ne ge­bo­te­ne Mehr­deu­tig­keit in der Stadt­pla­nung, ver­gleicht den Ge­brauch der Hand beim Mu­si­ker, Glas­blä­ser – und Koch, sin­niert mit fast fern­öst­li­chem Duk­tus über die Not­wen­dig­keit des Hand­wer­kers zur Ge­duld (Wenn et­was län­ger dau­ert als er­war­tet, hö­re auf, da­ge­gen zu kämp­fen!), re­fe­riert über die Dif­fe­renz zwi­schen so­zia­lem und an­ti­so­zia­lem Ex­per­ten­tum, wet­tert ge­gen den al­les ni­vel­lie­ren­den und die Krea­ti­vi­tät tö­ten­den, in­di­vi­du­al­feind­li­chen Per­fek­tio­nis­mus und lobt statt­des­sen das »heil­sa­me Schei­tern« (Mon­tai­gne), plä­diert für die Langeweile…als An­reiz und regt zu Reflexion[en] über das Ma­te­ri­al an, die den un­voll­kom­me­nen Zie­gel als Iko­ne der Qua­li­tät er­schei­nen las­sen.

Sen­nett führt den Le­ser zum Mu­se­ums­bau nach Bil­bao, in den Peach­tree Cent­re nach At­lan­ta, Geor­gia und ver­gleicht aus­führ­lich die Ar­chi­tek­tur der Häu­ser, die Lud­wig Witt­gen­stein und Al­fred Loos in Wien An­fang des 20. Jahr­hun­derts ge­baut ha­ben.

Und das sind al­les nur Aus­ris­se aus die­sem so de­tail­rei­chen Buch. »Hand­werk« ist ein Kom­pen­di­um ge­spickt mit The­sen, Lek­tü­re­ein­drücken, Ge­schich­ten (und Ge­schicht­chen), Ver­knüp­fun­gen, Al­le­go­ri­en, Ab­schwei­fun­gen. Das ist an- und auf­re­gend und bil­dend – aber auch ge­le­gent­lich (und lei­der mehr als man möch­te) an­stren­gend und er­mü­dend. Sen­netts weit­schwei­fi­ges Mit­tei­lungs­be­dürf­nis, wel­ches sich, wie man an den zahl­rei­chen Fuss­no­ten se­hen kann, auf ei­ner enor­men Fül­le von Lek­tü­re stützt, er­drückt den Le­ser dann doch im ei­nen oder an­de­ren Fall, wenn die Ex­kur­se dann Pi­rou­et­ten dre­hen und zur De­ko­ra­ti­on des an­ge­le­se­nen Wis­sens wer­den.

Un­ver­ständ­li­che An­lei­tun­gen

Et­wa, wenn er auf das är­ger­li­che The­ma der häu­fig un­ver­ständ­li­chen An­lei­tun­gen zu spre­chen kommt. An­hand (sic!) ei­ner An­lei­tung zur Ent­bei­nung ei­nes Hühn­chens führt er nicht nur die­ses Un­ver­ste­hen vor, son­dern er­läu­tert auch, war­um die zi­tier­te An­lei­tung letzt­lich für den­je­ni­gen der hier Hil­fe er­war­tet wert­los ist, to­tes Be­zeich­nen dar­stellt: Was die Ver­fas­ser die­ser An­lei­tun­gen zur Ge­nü­ge ken­nen, was ih­nen der­art ver­traut ist, kön­nen sie nicht all­ge­mein­ver­ständ­lich aus­drücken. Hin­zu kommt, dass es häu­fig ei­nen im­pe­ra­ti­ven Ton gibt. Bis da­hin ist man voll­kom­men d’­ac­cord – na­tür­lich auch des­we­gen, weil man die­se Pro­ble­ma­tik zur Ge­nü­ge kennt. Rou­ti­nier­tes Wis­sen ste­he gu­ten An­lei­tun­gen im Weg, so die The­se. Zwar ahnt der Le­ser schon, dass dies nicht in die­ser Mo­no­kau­sa­li­tät stimmt, aber den­noch be­gibt man sich er­war­tungs­voll in Sen­netts Hän­de – den Al­ter­na­ti­ven Ein­fühl­sa­me Il­lu­stra­ti­on, der Be­schrei­bung des Schau­plat­zes und – am En­de – der An­lei­tung durch Me­ta­phern.

Ge­ra­de letz­te­re hebt er be­son­ders her­vor; ei­ne ko­chen­de Be­kann­te, 1970 als Flücht­ling aus dem Iran in die USA ge­kom­men, pfleg­te die­se Art von Be­schrei­bung. Das Koch­re­zept klingt dann (zu­nächst) phan­ta­stisch: »Dein to­tes Kind. Er­wecke es zu neu­em Le­ben. Fül­le es mit Er­de. Sei vor­sich­tig! Es soll­te nicht zu­viel es­sen. Le­ge ihm den gol­de­nen Man­tel an. Und ba­de es. Wär­me es, aber sei vor­sich­tig! Ein Kind stirbt von zu viel Son­ne. Le­ge ihm die Ju­we­len an. Das ist mein Re­zept.«

Tat­säch­lich wun­der­schön – und Sen­nett er­läu­tert auch, was die ein­zel­nen For­mu­lie­run­gen zu be­deu­ten ha­ben. Aber als prak­ti­sche An­lei­tung taugt dies auch nicht. Vor­her be­klagt Sen­nett zu Recht, dass zu­viel im­pli­zi­tes Wis­sen vor­aus­ge­setzt wird – aber das ist hier ja nicht an­ders. Bei ei­nem vor­he­ri­gen Bei­spiel emp­fahl er schon, das Ent­bei­nen von ei­nem Fach­mann vor­neh­men zu las­sen. Da­mit hät­te sich die ein­gangs ge­stell­te Fra­ge er­üb­rigt. Und am En­de weiss man im­mer noch nicht, wie An­lei­tun­gen aus­se­hen und ge­schrie­ben wer­den kön­nen, die man auch tat­säch­lich »ge­brau­chen« kann. Der Le­ser bleibt – nicht nur hier – al­lei­ne ge­las­sen.

Trotz die­ser ge­le­gent­lich frucht­lo­sen Ver­ir­run­gen ist die­ses Buch im­ma­nent lehr­reich. Sen­netts em­pha­ti­scher Hand­werks- und Hand­wer­ker­be­griff zeigt neue As­pek­te auf, die man sonst in die­ser Kon­zen­tra­ti­on kaum ge­lie­fert be­kommt. So wird ei­ne Neu­de­fi­ni­ti­on des Be­griffs der Rou­ti­ne vor­ge­nom­men, den er aus sei­ner ne­ga­ti­ven Kon­no­ta­ti­on »be­freit« und in das wei­te Feld des »Übens« über­führt, in dem sie zum Ent­wick­lungs­vor­gang wird. Übung dient als Er­ler­nen ei­nes Rhyth­mus, der un­wei­ger­lich zum Hand­werk da­zu­ge­hört aber kei­nes­falls mit stu­rer Wie­der­ga­be gleich­ge­setzt wer­den darf. Aber auch die Phil­ip­pi­ka ge­gen die Per­fek­ti­on, die Ver­such und Irr­tum un­ter­bin­den und so­mit kei­ne In­no­va­tio­nen und Neu­ent­wick­lun­gen zu­las­sen, ist an­re­gend, auch wenn Sen­nett Per­fek­tio­nis­mus als Ob­ses­si­on in pa­tho­lo­gi­sche Ge­fil­de über­führt und als zwang­haf­te Stö­rung ru­bri­ziert.

Plä­doy­er für das Cha­os und die sie­ben Leuch­ter

Sehr le­sens­wert ist Sen­netts mit auf­fäl­li­ger Sym­pa­thie vor­ge­brach­te Schil­de­rung des so­ge­nann­ten Rus­ki­nis­mus. John Rus­kin war ein ra­di­ka­ler Tech­nik­ver­wei­ge­rer des vik­to­ria­ni­schen Eng­land (er wet­ter­te so­gar ge­gen den Buch­druck), der von ei­ner Wert­schät­zung für ro­he, un­be­haue Schön­heit be­seelt war und letzt­lich die Mei­nung ver­trat, die mo­der­ne Ge­sell­schaft sol­le und kön­ne als gan­ze in die vor­in­du­stri­el­le Ver­gan­gen­heit zu­rück­keh­ren. Schon in Di­de­rots »En­cy­clo­pé­die« wur­den Un­re­gel­mä­ssig­kei­ten nicht-ma­schi­nel­ler Pro­duk­ti­on mit dem an­thro­po­mor­phen Be­griff des Cha­rak­ters be­zeich­net (spä­ter im Buch treibt Sen­nett noch phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en zum ehr­li­chen Zie­gel). In dem Sen­nett die fast ent­fes­selt da­her­kom­men­de Me­cha­ni­sie­rung des vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ters mit der au­to­mo­bi­li­sti­schen Über­mo­to­ri­sie­rung der Ge­gen­wart ver­gleicht, er­gibt sich der An­knüp­fungs­punkt zu Rus­kin.

Mit gro­ssem Ver­gnü­gen wird des­sen Plä­doy­er für das Cha­os des Hand­wer­kers, wel­ches sinn­voll, ja not­wen­dig ist, um sei­ne Ar­beits­ver­fah­ren bes­ser zu ver­ste­hen und sei­ne sie­ben An­lei­tun­gen oder »Leuch­ter« für den ver­wirr­ten Hand­wer­ker und für je­den, der di­rekt mit der Her­stel­lung ma­te­ri­el­ler Ob­jek­te ar­bei­tet zi­tiert. Fünf der »sie­ben Leuch­ter« sind:

  • »der Leuch­ter der Auf­op­fe­rung«: dar­un­ter ver­steht Rus­kin (wie auch ich) die Be­reit­schaft, et­was um sei­ner selbst wil­len zu tun, al­so Hin­ga­be;
  • »der Leuch­ter der Wahr­heit«, der Wahr­heit mit ih­ren »stän­di­gen Brü­chen und Ris­sen«; da­mit meint Rus­kin Schwie­rig­kei­ten, Wi­der­stand und Mehr­deu­tig­keit;
  • »der Leuch­ter der Kraft«, ge­zähm­ter, durch an­de­re Maß­stä­be als blin­den Wil­len ge­lei­te­ter Kraft;
  • »der Leuch­ter der Schön­heit«, die für Rus­kin eher im De­tail, im Or­na­ment zu fin­den ist als im gro­ßen Ent­wurf – hand­li­che Schön­heit;
  • […]
  • »der Leuch­ter des Ge­hor­sams«, des Ge­hor­sams ge­gen­über dem Bei­spiel, das ein Mei­ster eher durch sei­ne Pra­xis als durch ein­zel­ne Wer­ke ge­ge­ben hat. An­ders ge­sagt: Stre­be da­nach, wie Stra­di­va­ri zu sein, aber ver­su­che nicht, sei­ne Gei­gen zu ko­pie­ren!

Rus­kins Ab­leh­nung der Ge­gen­wart, sein Ein­tre­ten für das lei­den­schaft­li­che Ver­lan­gen nach ei­nem ver­lo­re­nen Frei­raum, in dem der Hand­wer­ker zu­min­dest zeit­wei­lig die Kon­trol­le ver­lie­ren darf, fas­zi­niert Sen­nett. Dass er sich am En­de doch ge­gen Rus­kins ex­tre­me Po­si­tio­nen wen­det und nicht den Kampf ge­gen die Ma­schi­ne, son­dern in der Ar­beit mit ihr die ra­di­ka­le eman­zi­pa­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung sieht (Sen­nett be­zeich­net dies als aufgeklärtes…Verständnis), dürf­te eher ra­tio­na­len Er­wä­gun­gen ge­schul­det sein. Im wei­te­ren Fort­gang des Bu­ches wer­den durch­aus – mal ver­steckt, mal of­fen – The­sen Rus­kins von Sen­nett ad­ap­tiert.

Je­der kann ein gu­ter Hand­wer­ker wer­den

Ei­ne der Kern­the­sen im Buch, am Schluss fast ha­stig her­vor­ge­bracht (stark an Beuys er­in­nernd und die­sen pa­ra­phra­sie­rend, oh­ne ihn zu er­wäh­nen) lau­tet, dass na­he­zu je­der Mensch ein gu­ter Hand­wer­ker wer­den kön­ne. Statt dies je­doch bei­spiels­wei­se an­hand der »Do-It-Yourself«-Bewegung, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten nicht un­er­heb­lich zur De­kon­struk­ti­on ei­ner Teils des pro­fes­sio­nel­len Hand­werks bei­getra­gen ha­ben dürf­te, in dem sie Scha­ren von Hob­by­heim­wer­kern er­mög­lich­te, aus­zu­füh­ren, be­grün­det er dies mit Schil­lers Spiel­theo­rie. Im Spiel lie­ge der Ur­sprung des Dialogs…den der Hand­wer­ker mit Ma­te­ria­li­en wie Ton und Glas führt. Im Spiel er­kennt Sen­nett den Be­ginn des Übens.

Ver­ein­facht be­deu­tet das: Wer spie­len kann, kann auch hand­wer­ken. Im wei­te­ren Ver­lauf wer­den dann die gän­gi­gen mul­ti­ple-choice In­tel­li­genz­tests, die – so Sen­nett – pro­ble­ma­ti­sie­ren­des Den­ken ne­ga­tiv be­wer­ten und bei de­nen es kei­ne Zeit zum Nach­den­ken gibt, zu Gun­sten der Fä­hig­keit des Hand­wer­kers in die Tie­fe zu ge­hen ver­wor­fen. Da­mit soll von der Fi­xie­rung auf ei­nen ein­zi­gen Wert wie bei­spiels­wei­se dem In­tel­li­genz­quo­ti­en­ten ab­ge­rückt wer­den. Der Schluss, dass Men­schen mit ei­nem IQ von 85…durchaus mit den­sel­ben Pro­ble­men fer­tig wer­den wie die Mas­se der In­tel­li­gen­te­ren ist al­ler­dings kühn, auch wenn er mit der klei­nen Ein­schrän­kung nur et­was lang­sa­mer ver­se­hen wird. Da kommt das zen-bud­dhi­sti­sche Ver­su­che nicht, das Ziel zu tref­fen! als ro­man­ti­sches Trost­pfla­ster viel­leicht ge­ra­de recht.

Trotz der be­reits er­wähn­ten De­tail- und Ma­te­ri­al­fül­le, die sich al­ler­dings häu­fig an Ver­gan­ge­nem ori­en­tiert, ver­misst der Le­ser As­pek­te des ge­gen­wär­ti­gen »glo­ba­len Hand­wer­kens«. Sen­nett kon­sta­tiert rich­ti­ger­wei­se, dass mit dem tech­no­lo­gi­schen Wan­del seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts für gro­sse Tei­len der Ar­beit­neh­mer nur die Al­ter­na­ti­ve De­qua­li­fi­zie­rung oder Ent­las­sung blieb. Die­ser Pro­zess dürf­te in den In­du­strie­na­tio­nen in­zwi­schen weit­ge­hend ab­ge­schlos­sen sein, d. h. ei­ne wei­te­re Frei­set­zung von Ar­beits­kräf­ten durch neue Tech­no­lo­gi­en ist in grö­sse­rem Rah­men im Hand­werk nicht mehr zu er­war­ten (im Dienst­lei­stungs­sek­tor mag dies an­ders aus­se­hen). Da­her wä­re es in ei­ner Schrift über das Hand­werk durch­aus not­wen­dig ge­we­sen zu zei­gen, wie das »ver­blie­be­ne Hand­werk« aus öko­no­mi­schen Grün­den nun suk­zes­si­ve in so­ge­nann­te Bil­lig­lohn­län­der aus­ge­la­gert wird und wel­chen Ein­fluss dies auf die Her­stel­lungs­pro­zes­se, die Pro­duk­te – und den »Kon­sum« hat.

Die Achil­les­ver­se die­ses Bu­ches ist Sen­netts fast kau­zig-ab­leh­nen­de Mei­nung über den Be­griff der Qua­li­tät, der in die Nach­bar­schaft des so ver­teu­fel­ten Per­fek­tio­nis­mus ge­stellt wird. Da­bei ist in sei­ner am En­de vor­ge­tra­ge­ne Cha­rak­te­ri­stik des gu­ten Hand­wer­kers im­pli­zit so et­was wie Qua­li­täts- und Fort­schritts­den­ken an­ge­legt. Nur weil »Qua­li­tät« zwi­schen­zeit­lich als Flos­kel durch die Wer­be­in­du­strie ver­ein­nahmt und in­stru­men­ta­li­siert wur­de, ist es nicht ein­zu­se­hen, war­um ein pein­lich ge­nau­es, prä­zi­ses und hoch­wer­ti­ges Ar­bei­ten, er­reicht durch Üben, durch ge­le­gent­li­ches Schei­tern, durch »Ver­such und Irr­tum« – war­um ein solch qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ges Pro­dukt fast dä­mo­ni­siert wird. Aus­ge­rech­net die­ser Punkt bleibt von ei­ner ge­naue­ren Er­ör­te­rung aus­ge­spart.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das macht Lust auf das Buch. Den­noch ein paar Fra­gen bzw. An­mer­kun­gen : kran­ken Be­triebs­an­lei­tun­gen nicht eher dar­an, daß die von eher ma­te­rief­rem­den ver­fasst wer­den und / oder daß ge­ra­de tech­ni­sche Ge­rä­te ei­ne der­ar­ti­ge und über den All­tags­ge­brauch hin­aus­ge­hen­de Kom­ple­xi­tät er­reicht ha­ben, daß es gleich­sam zu ei­ner Ent­frem­dung von »Fea­tures« und Le­bens­welt ge­kom­men ist ?
    Gibt es nicht ei­ne dop­pel­te Ent­wer­tung des Hand­werks, daß selbst sol­che, nicht ma­schi­nell leist­ba­re Ar­bei­ten den­noch via Zeit­druck, Ak­kord­ar­beit gleich­sam in­du­stria­li­siert wer­den ei­ner­seits, durch sin­ken­de Be­zah­lung – an den ein­zel­nen (die Kun­den zah­len an den Be­trieb den­noch im­mer hö­he­re Ent­gel­te) an­de­rer­seits ? Ein Hand­wer­ker heu­te ist nicht mehr der, der einst hat­te sein kön­nen und dür­fen, au­ßer er übt sein Hand­werk zu Schau­zwecken auf Mit­tel­al­ter­märk­ten oder auf Mu­ra­no (Glas­blä­ser) aus, will mir schei­nen.

  2. in Hän­den
    In Hän­den hat­te ich das Buch. Und der wohl­ge­stal­te­te Um­schlag lock­te mich zum Kauf. Aber ich ha­be wi­der­stan­den. Jetzt le­se ich, dank Ih­rer Zu­sam­men­fas­sung, dass das Buch für mich den­noch ei­ne loh­nen­de Lek­tü­re sein kann. Al­lein das The­ma CAD und wie es be­han­delt wird in­ter­es­siert mich.

    Lie­be Grü­ße

    Karl Gum­bricht

  3. Zu CAD schreibt er nur ein paar Sei­ten. Aber ich glau­be trotz­dem, dass Ih­nen das Buch ge­fal­len wür­de.

    Schön, wie­der von Ih­nen zu hö­ren. Mail folgt!

  4. #1 ti­ni­us
    Zu den Be­triebs­an­lei­tun­gen: Sen­netts The­se ist ei­ne an­de­re – An­lei­tun­gen wer­den (so er) von Leu­ten ver­fasst, die zu­viel im­pli­zi­tes Wis­sen vor­aus­set­zen und da­durch so­zu­sa­gen »blind« für die Pro­ble­me der »Un­wis­sen­den« sind.

    Und über Dei­ne Ein­las­sun­gen zur dop­pel­ten Ent­wer­tung des Hand­werks – hier­über hät­te ich ger­ne was ge­le­sen. Da­zu gibt’s aber – lei­der – nichts.

  5. Aber das »Ge­heim­nis« hät­te jahr­hun­der­te­lang ge­hal­ten...

    Wür­de die Ver­mu­tung im Ar­ti­kel rich­tig sein, dann wä­re das im­pli­zi­te Wis­sen, was lt. Sen­nett ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, nur am Ran­de der Grund für die Ein­zig­ar­tig­keit. Wei­ter­hin blie­be die Fra­ge, war­um an­de­re Gei­gen­bau­er der da­ma­li­gen Zeit nicht ähn­li­che In­stru­men­te bau­ten – wenn es am Holz ge­le­gen ha­ben soll.

  6. Hand­werk in der glo­ba­li­sier­ten Welt
    »Trotz der be­reits er­wähn­ten De­tail- und Ma­te­ri­al­fül­le, die sich al­ler­dings häu­fig an Ver­gan­ge­nem ori­en­tiert, ver­misst der Le­ser As­pek­te des ge­gen­wär­ti­gen »glo­ba­len Hand­wer­kens««

    Das The­ma Hand­werk im Kon­text der glo­ba­li­sier­ten Mo­der­ne wird in dem et­was äl­te­ren Buch von Sen­nett »Die Kul­tur des neu­en Ka­pi­ta­lis­mus« be­han­delt. Dort wird es nicht so um­fäng­lich be­spro­chen, aber es wird her­ge­lei­tet (in an­gel­säch­si­scher Leicht­fü­ßig­keit), war­um die ge­gen­wär­ti­ge Wirt­schaft die hand­werk­li­che Ein­schät­zung nicht zu­lässt.

  7. Dan­ke für den Hin­weis; das Buch ken­ne ich­nicht . Aber ich hät­te es trotz­dem für sinn­voll und not­wen­dig er­ach­tet, es in »Hand­werk« an­zu­spre­chen.

  8. Die Theo­rie sagt, dass Hand­bü­cher von Per­so­nen ver­fasst wer­den sol­len, die das tech­ni­sche In­nen­le­ben der be­schrie­be­nen Ge­rä­te nicht ken­nen – weil sie dann den­sel­ben Zu­gang ha­ben wie die spä­te­ren Be­nut­zer. Und in dem da­durch not­wen­di­gen Dis­kurs mit den In­ge­nieu­ren, die für Hard- und Soft­ware zu­stän­dig sind, er­fah­ren die­se et­was über die Be­dürf­nis­se der Be­nut­zer. Und ein ganz an­de­res The­ma sind die Über­set­zun­gen aus asia­ti­schen Spra­chen.

    Und wie­der ein an­de­res The­ma ist die Fea­turi­tis der Ge­rä­te. Ei­ne Ur­sa­che ist si­cher, dass die er­sten Te­ster die Ent­wick­ler und die zwei­ten die »Nerds« oder »Ear­ly Adop­ter« sind. Mei­stens sind das selbst Ent­wick­ler an­de­rer Ge­rä­te oder Tech­nik­freaks, die auf der ei­nen Sei­te ei­ne Un­men­ge von (über­flüs­si­gen) Funk­tio­nen gou­tie­ren und an­de­rer­seits, was die Feh­ler­haf­tig­keit be­trifft, sehr lei­dens­fä­hig sind. Der Kon­kur­renz­kampf zwi­schen den Fir­men macht es prak­tisch un­mög­lich, dass durch­dach­te Stan­dards vor den Ge­rä­ten ver­ab­schie­det wer­den.

    Das letz­te Ge­rät mit ei­ner ein­heit­li­chen Be­dien­phi­lo­so­phie war das Au­to. Das Gas­pe­dal ist im­mer vor dem rech­ten Fuß und das Lenk­rad be­fin­det sich di­rekt vor dem Fah­rer. Wenn man das Cha­os der PC-Pro­gram­me auf das Au­to über­tra­gen wür­de: Bei je­dem Au­to ist ein an­de­res Pe­dal fürs Gas­ge­ben und Brem­sen ver­ant­wort­lich, und mit wel­chem Ele­ment man len­ken kann, muss man wäh­rend der er­sten Fahrt erst her­aus­fin­den.

  9. Wel­che Theo­rie ist das?
    Sie stün­de im Ge­gen­satz zu Sen­netts Dik­tum.

    Ich glau­be, man kann am Hil­fe-Fo­rum von two­day manch­mal se­hen, wie An­lei­tun­gen ver­fasst wer­den. Ich ge­he da­von aus, dass dort nur je­mand ant­wor­tet, der auch Ah­nung von den Pro­ble­men der Fra­ge­stel­ler hat. Die­se Ant­wor­ten sind je­doch sehr häu­fig in ei­ner Spra­che ge­schrie­ben, die schon wie­der die Vor­kennt­nis­se vor­aus­setzt, die ei­gent­lich an­ge­fragt wer­den.

    Das was Sen­nett dann sel­ber prä­sen­tiert, ist aber kei­nen Deut’ bes­ser.

    [EDIT: 2008-08-11 12:16]

  10. Ich ha­be die­se Emp­feh­lung be­reits mehr­fach in Bü­chern über Soft­ware­ent­wick­lung ge­le­sen. In un­se­rer Fir­ma schreibt je­der Ent­wick­ler die Do­ku­men­ta­ti­on zu sei­ner Soft­ware selbst. Aber ein Ent­wick­ler be­dient sei­ne Soft­ware an­ders als ein nor­ma­ler An­wen­der. In grö­ße­ren Fir­men (Ent­wick­ler­teams) ma­chen das des­halb an­de­re. Zum Bei­spiel könn­te es die De­si­gne­rin schrei­ben, die die Icons und das Lay­out ent­wickelt hat. Sie kennt zwar die prin­zi­pi­el­le Ar­beits­wei­se und Auf­ga­be des Pro­gramms, aber sie klickt die Me­nü­punk­te an­ders an als die Ent­wick­ler.

    Wenn ich mein ei­ge­nes Pro­gramm be­die­ne, stürzt es nie­mals ab. Aber in den frü­hen Pha­sen der Ent­wick­lung brau­chen an­de­re nur kur­ze Zeit bis sich das Pro­gramm ver­ab­schie­det. Sie kom­men mit we­ni­gen Klicks auf Pro­gramm­ab­lauf­pfa­de, bei de­nen ich im Traum nicht dar­an ge­dacht ha­be, dass man es auch so ver­su­chen kann. – Im üb­ri­gen ist das auch ei­ner der Grün­de, war­um so­viel der Free- und Share­ware aus dem Netz kaum be­nutz­bar ist. Man fin­det die Be­dien­rei­hen­fol­ge nicht, bei der es nicht ab­stürzt. Denn die Pro­gram­m­au­toren wa­ren ja bei der Ver­öf­fent­li­chung der Mei­nung, dass al­les funk­tio­niert und für sie tat es das auch.

    [EDIT: 2008-08-11 14:52]

  11. Es wird auf die Pro­ble­ma­tik der CAD-Soft­ware hin­ge­wie­sen, die dem Ar­chi­tek­ten (bzw. Kon­struk­teur) zwar das Zeich­nen ab­nimmt, aber auch – durch die per­ma­nen­te Re­pro­du­zier­bar­keit vir­tu­ell er­zeug­ter »Nach­bil­dun­gen« – das Verständnis…für den Ge­gen­stand ih­rer Ar­beit schwächt, das sinn­li­che Er­leb­nis ver­küm­mern lässt, den Men­schen nur noch zum pas­si­ven Zu­schau­er oder Konsument[en] der…erweiterten Fä­hig­kei­ten macht und zu Fehl­kon­struk­tio­nen füh­ren kann (Überdeterminierung[en] und/oder fal­schen Re­la­tio­nen); ein Tat­be­stand, der üb­ri­gens durch­aus be­kannt ist und ein­ge­räumt wird.

    Das glau­be ich so nicht. Die Qua­li­tät an räum­li­cher Vor­stel­lung wird ei­ner­seits von den in­di­vi­du­el­len in­tel­lek­tu­el­len Vor­aus­set­zun­gen je­des Ein­zel­nen und an­de­rer­seits von der Zeit­men­ge be­stimmt, in der man be­stimm­te Auf­ga­ben zu lö­sen hat. Wenn sich das räum­li­che Vor­stel­lungs­ver­mö­gen al­so tat­säch­lich ver­schlech­tert ha­ben soll­te, dann wür­de das nicht am Ko­pie­ren, son­dern an der Ver­schie­bung der Ar­beits­in­hal­te hin zu et­was An­de­rem lie­gen. – Nur was soll­te das bei Kon­struk­teu­ren sein?

  12. Mit dem sinn­li­chen Er­leb­nis
    ist das Zeich­nen ge­meint. In­dem am Com­pu­ter im­mer aufs Neue Mo­del­le er­stellt wer­den und ver­wor­fen wer­den kön­nen und kei­ne Zeich­nung mehr er­stellt wird, ver­liert der Ar­chi­tekt ei­nen Be­zug zu dem Ob­jekt. Ich hat­te für die­se The­se mit mei­ner Nich­te ge­spro­chen. Sie be­stä­tigt den Ein­druck – ins­be­son­de­re was die­je­ni­gen Ar­chi­tek­ten an­geht, für die die­se Soft­ware ei­ne Um­stel­lung er­for­der­te.

    [EDIT: 2008-08-11 12:11]

  13. Das er­in­nert mich dar­an, dass Men­schen, die viel am Com­pu­ter schrei­ben, ei­ne mi­se­ra­ble Hand­schrift ent­wickeln oder auch gar nicht mehr im­stan­de sind le­ser­lich zu schrei­ben, ob­wohl sie frü­her ei­ne schö­ne Hand­schrift ge­habt ha­ben.