»Im Kel­ler die Be­sti­en«

Vor­läu­fi­ger Ver­such über den ver­fem­ten Schrift­stel­ler Gerd Gai­ser

Auf den Nach­ruf zum Tod des Schrift­stel­lers Jo­sef W. Jan­ker er­hielt ich ei­nen Kom­men­tar von »zone­batt­ler« Ralph Sten­zel. Ralph hat­te sich 2007 in ei­nem kur­zen Bei­trag mit ei­nem ge­wis­sen Gerd Gai­ser be­schäf­tigt und mach­te mich auf auf­fäl­li­ge Par­al­le­len zwi­schen Jan­ker und Gai­ser auf­merk­sam. Das klang in­ter­es­sant und Ralph war so freund­lich, mir zwei an­ti­qua­ri­sche Bü­cher von Gai­ser zu­zu­sen­den: »Die ster­ben­de Jagd« und »Schluß­ball«.

Es ist nicht ganz ein­fach, ver­wert­ba­re In­for­ma­tio­nen über Gai­ser zu er­hal­ten. Das be­ginnt schon bei den An­ga­ben zur Per­son. Haupt­quel­le ist hier ein eher be­schei­de­ner Wi­ki­pe­dia-Ein­trag. Dem­nach wur­de Gerd Gai­ser 1908 als Sohn ei­nes Land­pfar­rers im württembergi­schen Ober­ri­ex­in­gen ge­bo­ren, stu­dier­te Kunst­ge­schich­te und Ma­le­rei, pro­mo­vier­te 1934 in Tü­bin­gen und ar­bei­te­te als Kunst­leh­rer. Gai­ser trat früh­zei­tig der NSDAP und dem NS-Leh­rer­bund bei (die Zah­len di­ver­gie­ren hier zwi­schen 1933 und 1937). 1941 er­schien sei­ne er­ste Buch­pu­bli­ka­ti­on – ein Ge­dicht­band mit dem Ti­tel »Rei­ter am Him­mel«. Gai­ser übt sich hier in Elo­gen an die Ideo­lo­gie des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und an den »Füh­rer«. Im Krieg war er Luft­waf­fen­of­fi­zier bei den Jagd­flie­gern und ge­riet in Ita­li­en in kur­zer Gefangen­schaft. Nach dem Krieg schlug sich Gai­ser zu­nächst als Ma­ler durch, be­vor er 1947 wie­der in den Schul­dienst ein­trat und zwi­schen 1962 und 1973 als Pro­fes­sor für Kunst­ge­schich­te in Reut­lin­gen tä­tig war. Gai­ser hei­ra­te­te 1959 die Ma­le­rin Ire­ne Wid­mann. Er starb 1976 in Reut­lin­gen.

Gai­ser pu­bli­zier­te seit En­de der 40er Jah­re in der Bun­des­re­pu­blik und wur­de ein bekann­ter und viel­ge­le­se­ner Schrift­stel­ler. Er er­hielt zwi­schen 1950 und 1960 vier Prei­se, so den Fon­ta­ne-Preis (pi­kan­ter­wei­se 1951 zu­sam­men mit Hans Wer­ner Rich­ter) und den Wil­helm-Raa­be-Preis. In knapp ei­nem Jahr­zehnt ver­öf­fent­lich­te Gai­ser vier Ro­ma­ne und min­de­stens acht Er­zähl­bän­de; die mei­sten in sei­nem Haus­ver­lag bei Carl Han­ser, Mün­chen. Ei­ni­ge Er­zäh­lun­gen wur­den in Schul­bü­chern auf­ge­nom­men. Die gro­ße Popu­larität, die sich in ho­hen Auf­la­gen­zah­len zeigt (»Schluß­ball« er­reich­te in­klu­si­ve der Ta­schen­buch­aus­ga­ben mehr als 300.000), ver­wun­dert ein we­nig, denn die Ro­ma­ne sind kom­pli­ziert ge­baut; die Spra­che zum Teil sehr ex­pres­sio­ni­stisch und al­le­go­risch. Die­se Lek­tü­re war kei­nes­falls »leich­te Kost«.

Ak­tu­el­le Auf­la­gen von Gai­sers Bü­chern gibt es nicht, seit dem die­ser in den 1960er Jah­ren in die Ecke des »Na­zi-Schrift­stel­lers« ge­stellt wur­de. Wie so oft stellt sich die Fra­ge, ob man dem Ur­teil der Kri­tik ver­traut oder sich an­hand der Lek­tü­re sel­ber ein ei­ge­nes Bild macht. Un­wei­ger­lich fasst man der­art kon­di­tio­niert die Bü­cher Gai­sers mit »spit­zen Fin­gern« an.

In mei­nem Es­say stel­le ich ne­ben »Die ster­ben­de Jagd« und »Schluß­ball« noch den Er­zähl­band »Gib acht in Domo­kosch« vor. Ich ver­su­che da­bei ob­jek­tiv zu blei­ben und ins­be­son­de­re die li­te­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten zu ge­wich­ten. Da­nach folgt ein aus­führ­li­ches Ka­pi­tel über die Re­zep­ti­on von Gai­sers Ro­ma­nen, die in den 60er Jah­ren durch Auf­sät­ze von Wal­ter Jens und Mar­cel Reich-Ra­nicki in Ver­ruf ka­men. Die Grün­de – ins­be­son­de­re bei Reich-Ra­nicki – sind auf der per­sön­li­chen Ebe­ne nach­voll­zieh­bar. Er, Jens und an­de­re Mit­glie­der der »Grup­pe 47« zo­gen aus Gai­sers Ver­hal­ten wäh­rend der Zeit des National­sozialismus Rück­schlüs­se auf die Bil­der und Me­ta­phern aus den Ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen aus den 50er Jah­ren und kon­stru­ier­ten ei­ne Kon­ti­nui­tät. Bei al­ler Be­rech­ti­gung die­ser Ein­wän­de tru­gen die­se In­ter­pre­ta­tio­nen zum Teil je­doch durch­aus skur­ri­le Zü­ge. Hier­auf wird hin­ge­wie­sen wer­den, oh­ne Gai­ser in ir­gend­ei­ner Form re­ha­bi­li­tie­ren zu wol­len. Der Le­ser soll sich im Zwei­fel ein ei­ge­nes Bild ma­chen kön­nen. Ich ma­che kei­nen Hehl dar­aus, dass ich »Die ster­ben­de Jagd« für ei­nes der ein­dring­lich­sten und er­schüt­tern­sten Bü­cher der un­mit­tel­ba­ren deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur hal­te. Dies wird mit ausführ­lichen Zi­ta­ten be­legt wer­den. Die Kri­tik am Wirt­schaft­wun­der­land Bun­des­re­pu­blik, die sich vor al­lem im »Schluß­ball« zeig­te wur­de teil­wei­se holz­schnitt­ar­tig aus­ge­führt. In et­li­chen von Gai­sers Er­zäh­lun­gen wird auf sein zu­tiefst pes­si­mi­sti­sches Men­schen­bild hin­ge­wie­sen.

Der Es­say (31 Sei­ten; pdf) ist hier ver­füg­bar: Im Kel­ler die Be­sti­en

64 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Groß­ar­ti­ge Ar­beit, mei­nen Re­spekt! Herz­li­chen Dank für die be­glei­ten­de Einbin­dung in den Schaf­fens­pro­zeß und die un­ver­hoff­te Lie­fe­rung heu­te auf mei­nen Kind­le: Da sitzt man nichts­ah­nend auf dem Bal­kon, sucht nach anspruchs­voller Feiertagsabend­lektüre und schwupps, da kommt sie auch schon durch den Äther. Klas­se!

    Da Du das Co­ver­bild des Ro­mans »Die ster­ben­de Jagd« in Dei­nem Es­say nicht nur ab­bil­dest, son­dern auch ex­pres­sis ver­bis kom­men­tierst, muß ich mich noch­mals zu Wort mel­den mit der Kla­ge, daß hier – wie so oft – auf­grund feh­len­der Sach­kennt­nis und/oder man­geln­den In­ter­es­ses arg ge­schlu­dert wur­de. Das Ti­tel­fo­to zeigt ei­nen Bom­ber­pi­lo­ten des Kampf­ge­schwa­der 26, was an dem Wap­pen je­ner Ein­heit (der sti­li­sier­te Lö­we un­ter dem »ve­sti­gi­um leo­nis«) zwei­fels­frei er­kenn­bar ist. Das Mo­tiv hat mit dem Su­jet des Ro­mans in dop­pel­ter Hin­sicht nichts zu tun: Er­stens spielt das Buch im Jagd­flie­ger-Mil­lieu und nicht bei den Kampf­flie­gern (Bomber­verbänden), zwei­tens paßt die Ein­satz­ge­schich­te des KG 26 auch chro­no­lo­gisch und geo­gra­phisch über­haupt nicht zur Hand­lung...

    Ich könn­te Dir al­ter­na­tiv das Co­ver mei­ner al­ten Ta­schen­buch-Aus­ga­be an­bie­ten, aber das ist auch nicht viel bes­ser, zeigt es doch Sche­ren­schnitt-Sil­hou­et­ten von drei Mes­ser­schmitt Me 109-Jä­gern der frü­hen E‑Baureihe, die zum Zeit­punkt des Gesche­hens schon jah­re­lang nicht mehr im Front­ein­satz zu fin­den war. Man mag der­lei Spitz­fin­dig­kei­ten als ir­rele­van­te Erb­sen­zäh­le­rei ab­tun, ich hal­te so­was gleich­wohl für ein Zei­chen man­geln­der edi­to­ri­scher Sorg­falt!

  2. Vie­len Dank für den Hin­weis. Soll­te ich ir­gend­wann ein­mal den Es­say er­gän­zen, wer­de ich auf die­sen Feh­ler hin­wei­sen. Ich er­ach­te das wirk­lich nicht für »Er­bens­zäh­le­rei«; das hat ein­deu­tig mit man­geln­der Sach­kennt­nis zu tun. Ich glau­be, ich bin da ei­ni­ger­ma­ßen ent­schul­digt; bei ei­nem Ver­lag sieht das m. E. schon an­ders aus...

  3. Ge­ra­de durch­ge­le­sen – sehr gu­ter Es­say, gut re­cher­chiert (viel Mü­he ge­macht). Dan­ke. Gerd Gai­ser ist mir aus der Schul­lek­tü­re in Er­in­ne­rung, da­mals wur­de er noch ge­le­sen (Ab­itur 1963), und hat­te ihn li­te­ra­risch als po­si­tiv im Be­wusst­sein.

  4. Dank an die­se Er­in­ne­rung ...! Auch bei uns (Abi 87) war er noch Schul­lek­tü­re, zwi­schen­zeit­lich ist er aus mei­nem Ge­dächt­nis ver­schwun­den, jetzt hab ich ihn wie­der auf die To-do-Li­ste ge­nom­men. – Wie so vie­le Au­torIn­nen aus die­ser Ge­ne­ra­ti­on ist Gai­ser am »Markt« nicht mehr er­hält­lich, ein trau­ri­ges Er­geb­nis der Ver­lags­kon­zen­tra­tio­nen, zu­mal in ei­ner Zeit, in der es leich­ter ge­wor­den ist, Bü­cher on de­mand oh­ne gro­ßen fi­nan­zi­el­len Auf­wand er­hält­lich zu ma­chen; ich ver­su­che seit ge­rau­mer Zeit ein Buch von Her­bert Ei­sen­reich auf­zu­trei­ben, nicht ein­mal an­ti­qua­risch bin ich fün­dig ge­wor­den (zu­min­dest nicht zu ei­nem se­riö­sen Preis). Mit Kurz­ge­schich­ten von der Morg­ner hat­te ich jetzt mehr Glück. Gai­ser wä­re viel­leicht auch mal ein Pro­jekt für den Ver­bre­cher-Ver­lag.
    Herz­li­che Grü­ße aus der schwä­bi­schen Pro­vinz, M.

  5. @Martin von Arndt
    Na­ja, Gai­ser gilt eben als po­li­tisch nicht »vor­zeig­bar«. Das ist der Grund, war­um er in den 60er Jah­ren ver­schwand. Ich kann mich an Gai­ser als Schul­lek­tü­re nicht er­in­nern, ob­wohl ich äl­ter bin. Viel­leicht hat das da­mit zu tun, dass Gai­ser in Ba­den-Würt­tem­berg ge­lebt hat­te...

  6. Zu Gerd Gai­ser viel­leicht die Kurz­ver­si­on. Ich hat­te mich beim Le­sen Ih­res Es­says wohl gleich an ihn er­in­nert – al­ler­dings auch nicht sehr ge­nau. So hat­te ich mir ei­gent­lich ei­ne Re-Lek­tü­re vor­ge­nom­men, kom­me aber seit Län­ge­rem ein­fach nicht da­zu. Mei­ne Ein­schät­zung be­ruht al­so ak­tu­ell nur auf die­sem ei­nen er­wähn­ten Buch und kommt mir von da­her et­was hoch­stap­le­risch vor. Aber trotz­dem.

    Es ist al­so „Orts­kun­de“, 1977 bei Han­ser er­schie­nen – al­so wohl po­stum. (Man kriegt es auch noch.)

    Im Blät­tern dar­in aber fand ich so­fort wie­der, was mich an­ge­spro­chen hat­te: Rei­se­lust, Neu­gier, Welt­of­fen­heit. Und das aus­ge­drückt als et­was durch­ge­hend Mo­der­nes, als ei­ne ge­dank­li­che Of­fen­heit, ei­ne „Po­ly­kon­tex­tu­ra­li­tät“ der Be­zü­ge. Das Schrei­ben scheint mir kei­nem be­kann­ten ein­deu­ti­gen Mo­dell zu fol­gen – oder bes­ser: kei­nem Text-Mo­dell. Sehr wohl aber ei­nem Ge­öff­net­sein in Wer­ken der bil­den­den Kunst. (Pi­cas­so, über­haupt Ma­le­rei und an­de­res Kunst­ma­chen, die Kraft von Ma­te­ria­li­en Be­son­der­hei­ten an Or­ten und die­se sel­ber etc. kom­men im­mer wie­der vor. Zu­gleich, so emp­fin­de ich es, exi­stiert in dem Schrei­ben ei­ne Di­men­si­on des hier neu­lich mal an­ge­spro­che­nen Dys­to­pi­schen.)

    Das al­so, da­zu ein Atem und ei­ne Sinn­lich­keit, ab­ge­löst von der drö­gen deut­schen The­men­durch­ar­bei­tung, dem The­sen­ro­man, der an­schluss­fä­hig ge­mach­ten Rich­tig­keits­pro­sa, se­he ich bei Gai­ser – und bei an­de­ren deut­schen Au­toren aus der Zeit und be­son­ders der Grup­pe 47 doch eher we­nig. (Wo­bei ich so­fort ein­schrän­kend sa­gen will, dass ich si­cher nicht al­les ken­ne und hier sehr stark ver­ein­fa­che.)

    Mei­ne Über­le­gung al­so ist, dass die hi­sto­risch be­ding­te (und si­cher auch grund­le­gend zu be­fra­gen­de) Zwie­späl­tig­keit von Gai­sers Le­bens­lauf und Hal­tun­gen den herr­schen­den In­stan­zen nicht er­laub­te sein We­sent­li­che­res, das an­de­re – weil doch letzt­lich Über­dau­ern­de­re, das künst­le­risch Ver­wan­deln­de – zu se­hen. Oder dass sie es eben nicht konn­te man­gels ei­ge­ner künst­le­ri­scher Ein­ge­schränkt­heit wenn nicht Im­po­tenz – und von da­her ei­ner ei­ge­nen Be­zwei­fel­bar­keit.

    Denn hät­te man nicht eben ver­su­chen müs­sen, auch sol­che um­stürz­le­ri­sche aber sie be­zeu­gen kön­nen­de Er­fah­run­gen und in­di­vi­du­el­le Brü­che her­ein­zu­ho­len? Sie als Be­din­gung oder zu­min­dest Fall­hö­he zu ei­ner künst­le­ri­schen An­stren­gung an­zu­er­ken­nen von ih­rem Er­geb­nis her? Es ist tat­säch­lich wie das, was auch heu­te all­seits pas­siert, man spricht von „In­te­gra­ti­on“, aber er­laubt an­de­ren nicht ih­re Ei­gen­stän­dig­keit und kann die­se nicht als Be­rei­che­rung und Selbst­er­wei­te­rung be­grei­fen. Als ob es kein Recht auf Fremd­heit ge­ben dür­fe, an dem die Mehr­heit sich ver­un­si­chern las­sen könn­te um zu ler­nen! Es ist al­so die­ser Aspekt von be­haup­te­ter aber nicht ge­leb­ter Mo­ra­li­tät, das Be­har­ren letzt­lich ge­gen Ver­wand­lung, dass ich ge­gen die Grup­pe ins Feld füh­ren wür­de. Au­ßer­dem: Der Vor­wurf der An­rü­chig­keit ge­gen zu gro­ße Ei­gen­stän­dig­keit – das ist ja oft ein Mu­ster in Grup­pen, die schon von durch­ge­setz­ten Al­pha­tie­ren be­stimmt sind -, das ist das klas­si­sche Mob­bing bzw. „Frem­den­feind­lich­keit“. (Die rie­chen nicht wie wir, die es­sen nicht das glei­che Es­sen wie wir – un­deutsch, weg da­mit!)

    Wo­bei ich so­fort zu­ge­ben wür­de, dass „da­mals“ an­fangs si­cher Be­sin­nung und auch so je­mand wie Wolf­gang Bor­chert not­wen­dig war. Aber was wei­ter? Und Li­te­ra­tur – und das wä­re die Ver­feh­lung, das nicht ge­se­hen oder dem nicht We­ge ge­öff­net zu ha­ben – soll­te eben nicht per se und dann durch­gän­gig ver­ein­nahmt wer­den für mo­ra­li­sche Re­stau­ra­ti­on (ob­wohl sie da auch et­was lei­sten kann). Mit der „Kahl­schlag“- Strö­mung wä­re aber viel­leicht noch mehr mög­lich ge­we­sen: Wenn schon kei­ne An­knüp­fung an die äs­the­ti­sche Mo­der­ne so viel­leicht eben die Be­rei­tung des Vor­felds ei­nes wirk­li­chen neu­en An­fangs. (Aber, na ja, da bin ich viel­leicht auch schon et­was un­rea­li­stisch.)

    ***

    Nach­satz 1: In­ter­es­sant viel­leicht, wie das ins Per­sön­li­che spielt bei den ak­tu­el­len Be­spre­chun­gen zu Os­kar Roeh­ler, der aus dem In­ne­ren der Grup­pe 47 et­was er­zählt. „Letzt­lich wa­ren das auch nur – wie im­mer höchst feh­ler­haf­te – Men­schen.“

    [Aus­schnitt aus ei­nem um­fas­sen­de­ren Kom­men­tar; s. hier]

  7. « ... je­mand wie Gai­ser, der min­de­stens [sic!] zeit­wei­se der­art of­fen­siv mit den Na­zis sym­pa­thi­siert hat­te ... « (G. Keu­sch­nig #31)

    Die­se Er­kennt­nis wä­re für mich im­mer der Aus­gangs­punkt ei­ner je­den wei­te­ren Be­schäf­ti­gung mit Gai­ser (a‑­prio­ri-Vor­ur­teil, ich weiß, me­tep­si­lo­n­e­ma). Zu­mal die­se Er­kennt­nis noch sehr ent­schärft for­mu­liert ist. Ich sa­ge mal: Herr Gai­ser hat ak­tiv (er­zie­he­risch und pu­bli­zi­stisch) bei der Ein­pflan­zung und Ver­fe­sti­gung na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Ideo­lo­gie mit­ge­wirkt. Die Fra­ge ist: wie schnell und wo­durch wan­delt sich ei­ne Ge­sin­nung? Wan­delt sie sich über­haupt? Oder taucht sie nur in noch schö­ne­rer Ge­stalt nach 45 wie­der auf (weil der Au­tor mitt­ler­wei­le sein Kön­nen staat­lich fi­nan­ziert aus­bau­en durf­te. Vie­le an­de­re konn­ten das nicht mehr. Da­für hat­te der Staat gleich 33 ge­sorgt.). Die mar­tia­li­sche Gal­le­ons­fi­gur der Neu­en Rech­ten in Deutsch­land, Götz Ku­bit­schek, sei­nes Zei­chens »Ger­ma­nist« und Ver­le­ger, wünscht sich je­den­falls nicht grund­los ei­ne Neu­auf­la­ge der Gai­ser-Schrif­ten:

    http://www.sezession.de/1694/autorenportraet-gerd-gaiser.html

    Er sti­li­siert zwar Gai­ser als den Mann der »Ver­wun­dung«, der sich der Nach­kriegs­ge­schäf­tig­keit der auf dem ma­te­ria­li­sti­schen Trüm­mer-Bo­den ei­nes ge­schei­ter­ten Welt­erobe­rungs­plans krie­chen­den »Ge­sell­schaft« na­se­rümp­fend ent­zieht (ea­sy mit ei­ner Wie­der­auf­nah­me in den staat­li­chen Kunst­er­zie­hungs­sek­tor ...), um an­däch­tig und ni­veau­voll dem Un­ter­gang des Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches nach­zu­lau­schen, sei­ne ei­ge­ne Schuld­lo­sig­keit sich selbst als künst­le­ri­scher Be­ob­ach­ter gro­ßer Ta­ten und Nach­zei­ten zu be­wei­sen, als an­geb­lich apo­li­ti­scher Zeu­ge des Groß­ar­ti­gen, Jün­ger hier­in nicht un­ähn­lich. Dies ist na­tür­lich Au­gen­wi­sche­rei.

    In­so­fern wirkt Ih­re »In­ter­pre­ta­ti­on« des Gai­ser-Wer­kes selt­sam ab­strakt, @en-passant. Bzw. Herr Gai­ser hät­te sich über Ih­re Wür­di­gung sei­ner künst­le­ri­schen Lei­stung sehr ge­freut: von We­sent­lich­keit, Über­daue­rung und Ver­wand­lung spra­chen auch an­de­re Kräf­te, na­ment­lich die kon­ser­va­tiv Re­vo­lu­tio­nä­ren, als de­ren Nach­fah­re sich ein Herr Ku­bit­schek ver­steht. Was mich bei die­ser rein äs­the­ti­zi­stisch ge­führ­ten De­bat­te ir­ri­tiert, ist, daß zwar Gai­ser (als Ma­ler) ei­ne star­ke Sinn­lich­keit und Bild­lich­keit, ei­ne mo­der­ne Viel­stim­mig­keit zu­ge­spro­chen, aber da­bei die Schuld­fra­ge, die Fra­ge nach der po­li­ti­schen Mit-Ver­ant­wor­tung des in der Öf­fent­lich­keit wir­ken­den Künst­lers, tot­ge­schwie­gen wird, so, als ob der Künst­ler sei­ner Le­bens­um­welt ent­ho­ben wä­re, oder Nar­ren­frei­heit, bzw. Son­der­rech­te ge­nös­se.

    Über­haupt das Tot­schwei­gen der To­ten. Kann mir ir­gend­wer ei­ne Schrift von Gai­ser nen­nen, die sich mit Ausch­witz aus­ein­an­der­setzt?

    Und wie­so soll­te sich die Grup­pe 47 an die äs­the­ti­sche Mo­der­ne an­schlie­ßen, wo je­ne doch Weg­be­rei­ter und TEIL des NS ge­we­sen ist?

  8. @ en-pas­sant @ Gre­gor Keu­sch­nig
    Ist es nicht aus heu­ti­ger Sicht merk­wür­dig, dass in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit kaum je­mand über die ei­ge­nen Er­fah­run­gen im 3. Reich ge­schrie­ben hat. We­der G. Eich, W. Koep­pen, W. Jens, noch G. Grass, A. An­dersch, H.W. Rich­ter. Es wur­den fik­tio­na­le Tex­te ver­fasst, kei­ne au­to­bio­gra­phisch grun­dier­ten. Ei­ne Aus­nah­me si­cher Ernst Sa­lo­mon 1951 mit »Der Fra­ge­bo­gen«.
    Dies ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund der nach­träg­lich auf­ge­tauch­ten Mit­glied­schaf­ten in Par­tei oder par­tei­ähn­li­chen Glie­de­run­gen oder dem Ver­hal­ten und ei­ge­nen Hand­lun­gen als Sol­dat in der Wehr­macht.
    Ich glau­be, dass man den Fall G.Gaiser nicht oh­ne die Rol­le von F. Sieburg, Hol­thusen und an­de­ren im da­ma­li­gen Li­te­ra­tur­be­trieb oder im bür­ger­li­chen Feuil­le­ton se­hen kann. Hier stan­den sich zwei Er­fah­run­gen und Hal­tun­gen un­ver­söhn­lich ge­gen­über.
    @ G.Keuschnig
    Ich lie­fe­re die Er­wi­de­rung zu Hand­ke noch nach, ha­be heu­te noch ein­mal die Reis­bü­cher und an­de­re Tex­te ge­le­sen, eben­so folgt auch noch mei­ne Ant­wort zu Schal­an­sky.

  9. Ich se­he ge­ra­de, daß Sie, @en-passant, Götz Ku­bit­schek in #23 mit »G.K.« vor­stel­len – war­um schrei­ben Sie denn den Na­men nicht aus? Ist er ei­ne sol­che Be­rühmt­heit, daß man ihn mit Ta­schen­tuch-In­itia­len zi­tie­ren kann?

    Oder, halt, G.K.=Gregor Keu­sch­nig?! Jetzt bin ich aber ver­wirrt … .

    Ach, wie blö­de von mir … ha­be es schon ge­fun­den:

    https://www.begleitschreiben.net/im-keller-die-bestien/

    Na denn: Stu­di­um.

  10. @Michael Platt­ner
    Kann mir ir­gend­wer ei­ne Schrift von Gai­ser nen­nen, die sich mit Ausch­witz aus­ein­an­der­setzt?
    Ja, das ist ge­nau die­ser ge­sin­nungs­äs­the­ti­sche Blöd­sinn, den ich mei­ne. Wo steht denn bit­te in den Pa­ra­gra­phen des Po­lit­bü­ros oder Ober­kom­man­dos des Li­te­ra­tur-Wahr­heits­mi­ni­ste­ri­ums ein ent­spre­chen­der Pas­sus? Ist denn Li­te­ra­tur nur dann sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig, wenn sie po­li­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen mit ge­wis­ser Em­pha­se re­pe­tiert? Das war ja ge­ra­de der Be­stand­teil je­der Na­zi-Kunst (und auch spä­ter des so­zia­li­sti­schen Rea­lis­mus und der mao­isti­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on): Das Kunst­werk als po­li­ti­sche De­mon­stra­ti­on. Dies­mal um­ge­kehrt? Wel­cher ha­ne­bü­chen­der Un­sinn ei­ner Ra­disch da­mals Walsers »sprin­gen­den Brun­nen« vor­zu­wer­fen, der Held er­wäh­ne Ausch­witz nicht.

    Es wä­re bes­ser ge­we­sen, Sie hät­ten mei­nen Auf­satz ge­le­sen, schon da­mit Sie die­sen blö­den Se­zes­si­ons-Link nicht set­zen. Das ist näm­lich kal­ter Kaf­fee (und et­li­ches stimmt auch nicht). Tat­säch­lich gibt es bei Gai­ser Stel­len, die sich der NS-Zeit aus­ein­an­der­set­zen. Frei­lich nicht in pla­ka­ti­ver oder viel­leicht auch nicht po­li­tisch »kor­rek­ter« Dik­ti­on. Aber auf so­was scheiß’ ich.

  11. @ Mi­cha­el Platt­ner
    (Nur um das hier nicht un­ter­ge­hen zu las­sen)

    Um Got­tes Wil­len!
    Mit G.K. kür­ze ich Gre­gor Keu­sch­nig ab! Ich hat­te sei­nen Es­say über Gai­ser hier ein­fach als be­kannt vor­aus­ge­setzt.
    Von Götz Ku­bit­schek hat­te ich vor­her nie­mals ge­hört. (Ich bin Ih­rem Link ge­folgt und wer­de mich kun­dig ma­chen.)
    Mein Bei­trag will und soll­te auch aus­drück­lich nicht mehr als ei­ne sub­jek­ti­ve Fuß­no­te sein – so viel Selbst­zwei­fel ha­be ich auch!
    Mir geht es al­lein dar­um, dis­si­den­te Stim­men nicht a prio­ri aus­zu­schlie­ßen, zu­min­dest nicht äs­the­tisch: Die Li­te­ra­tur be­steht auch aus den Her­vor­brin­gun­gen von du­bio­sen Men­schen und so­gar Arsch­lö­chern!

  12. :)

    @Keuschnig, jetzt wer­den Sie aber emo­tio­nal! »Ausch­witz« wirkt al­so auch bei Ih­nen ... .

    @en-passant, er­schrecken Sie nicht gleich. Das war ein Miß­ver­ständ­nis von mei­ner Sei­te. Ich woll­te Sie nicht in ein neu­rech­tes Licht rücken. Ich hal­te den Ku­bit­schek-Link aber dann auch nicht für ganz so »blöd«, wie Herr Keu­sch­nig meint, wenn Sie ihn noch nicht kann­ten. Es kann nicht scha­den, das Gai­ser-Pro­blem auch in die­ser Hin­sicht zu se­hen. Ja, Na­zi-Li­te­ra­tur ist auch Li­te­ra­tur. Nur von wel­cher (Mach-)Art ist sie es? Ich hal­te ge­nau­so wie Sie oder Herr Keu­sch­nig über­haupt nichts vom Weg­sper­ren und Ver­bie­ten der NS-Schrif­ten. Dies er­schwert die hi­sto­ri­sche Quel­len­ar­beit – und ist ei­ne an­de­re Form der Ver­drän­gung. Aber ich be­vor­zu­ge ei­nen an­de­ren An­satz in der Li­te­ra­tur­ana­ly­se: ich schaue mir sehr ge­nau an, wel­che äs­the­ti­schen Mit­tel wel­che In­hal­te ver­mit­teln wol­len. Ich kann das Po­li­ti­sche im Sin­ne von Öf­fent­lich­keit nie­mals vom Äs­the­ti­schen tren­nen. Und selbst de­mon­stra­tiv un­po­li­ti­sche Kunst ist im­mer po­li­tisch, al­lein, weil sie öf­fent­lich ist. Wir ha­ben da viel­leicht ei­nen an­de­ren Kunst- und Po­li­tik­be­griff. Ein Künst­ler, der sich der Ta­ges­po­li­tik ent­zieht, han­delt po­li­tisch, be­zieht Stel­lung zur Ta­ges­po­li­tik – wenn auch nur durch Schwei­gen und Nicht­hand­lung. Spä­ter mag man ihm des­halb vor­wer­fen: war­um hast du nichts ge­sagt und ge­tan – du bist doch Künst­ler!

    Vor­ab muß ich kurz klar­stel­len, daß ich zu jung bin, um noch ernst­haft im Links-Rechts-Spiel der letz­ten Jahr­zehn­te so­zia­li­siert wor­den zu sein. Mein Herz schlug zwar im­mer auf dem »lin­ken« (=hu­ma­ni­sti­schen) Fleck, aber das Gan­ze sehr un­dog­ma­tisch und un­theo­re­tisch. Des­halb be­deu­tet Ausch­witz für mich kei­ne Po­la­ri­sie­rung in der Par­tei­en­land­schaft (ich be­hand­le ei­nen Grass ge­nau­so wie ei­nen Gai­ser), son­dern ein hi­sto­risch-an­thro­po­lo­gi­sches Phä­no­men, ei­ne Epo­chen­zä­sur und ei­nen Hö­he­punkt ei­ner lan­gen Vor- und Nach­ge­schich­te. Es gibt für mich ei­ne Zeit­rech­nung vor und nach Ausch­witz. Ausch­witz ist für mich die Weg­mar­kie­rung, in der sich drei Ideen tref­fen und ma­ni­fe­stie­ren: 1. Na­tur­wis­sen­schaft (Bio­lo­gie und Me­di­zin) als Klas­si­fi­zie­rung und Bewertung/Auswertung des »Men­schen­ma­te­ri­als«, als Ide­al von Rein­heit und Ge­sund­heit des »Volks­kör­pers« 2. Ro­man­ti­scher Klas­si­zis­mus (Ide­al des an­ti­ken Her­ren- und Skla­ven­staa­tes) 3. Ka­pi­ta­lis­mus oh­ne Gren­zen (IG Far­ben als Auf­trag­ge­ber und »Ar­beit­ge­ber« von Ausch­witz, Ver­wer­tung des »Roh­stoffs Mensch« bis in die Haar­spit­zen, die Gas­kam­mer als prak­ti­scher Teil des In­du­strie­kom­ple­xes).

    Ich ha­be Ih­ren Es­say über Gai­ser ge­le­sen, Keu­sch­nig. Ich glau­be, daß Ih­re Ar­beit me­tho­di­sche Män­gel auf­weist. Ich wür­de nicht Gai­sers Früh-Werk vom Spät-Werk tren­nen, son­dern mir eher Ent­wick­lun­gen, im schlimm­sten Fall so­gar Kon­ti­nui­tä­ten an­schau­en. Da­zu müß­ten ei­gent­lich die Pu­bli­ka­tio­nen von Gai­ser im »In­ne­ren Reich«, ei­ner er­le­se­nen, kon­for­mi­sti­schen Kul­tur­zeit­schrift (Auf­la­ge: 5000), und in der Goeb­bels­schen, »in­tel­lek­tu­el­len« und in­ter­na­tio­na­len Wo­chen­zei­tung »Das Reich« (Auf­la­ge: zu­letzt 1,4 Mil­lio­nen) her­an­ge­zo­gen wer­den (Mi­kro­fi­che-Ar­beit). Der Ge­dicht­band von 1941 wä­re im Zu­sam­men­hang mit dem Flie­ger­horst-Ro­man zu le­sen. Und das Ge­samt­werk im Ge­samt­kon­text von Gai­sers Hal­tung im und nach dem NS zu be­ur­tei­len. Da­zu müß­te aber die Hal­tung Gai­sers erst hi­sto­risch-so­zio­lo­gisch re­kon­stru­iert wer­den. Dies ver­mis­se ich in Ih­rem Es­say, der mir auf Po­le­mi­ken der Gai­ser-Geg­ner zu­viel mit Ge­gen­po­le­mik re­agiert. Das wird das Di­lem­ma des Gai­ser-Wer­kes nicht er­hel­len. Ei­ni­ge Punk­te sind mir bei der Lek­tü­re Ih­res Es­says auf­ge­fal­len:

    1. ein dun­kel-un­sym­pa­thisch wir­ken­der, »fremd­stäm­mi­ger« Sohn ei­ner schmie­ri­gen Por­no-Händ­le­rin (mit öst­li­chem Na­men) grab­belt die blon­de(?), un­schul­di­ge Toch­ter ei­ner stand­haft auf ih­ren Sol­da­ten-Mann war­ten­den Frau an?
    2. ei­ne schwar­ze(?) Spin­ne webt in ei­nem dunk­len Wald my­tho­lo­gisch-al­le­go­risch die Fä­den des al­les ein­spin­nen­den Ka­pi­ta­lis­mus/­Ma­te­ria­lis­mus-Net­zes?
    3. die Ju­gend des Nach­kriegs­deutsch­land ist oh­ne Idea­le und Wer­te jen­seits des Kon­sums? Ein Leh­rer ver­mißt ei­ne Wer­te- und So­zi­al­ge­mein­schaft?
    4. Be­schei­den­heit und Ver­zicht, (blon­der) Zopf und Na­tur­nä­he, Schick­sals­glau­be und Na­tur­kreis­lauf der Völ­ker? Bar­ba­ren­tum der in­ne­ren Be­stie als or­ga­ni­sches Na­tur­prin­zip?
    5. Rea­li­tät wird in ei­nen Phan­ta­sie­raum ver­scho­ben, um dort un­an­greif­bar bes­ser mit My­tho­lo­gi­sie­rung und Bio­lo­gi­sie­rung ar­bei­ten zu kön­nen?
    6. die Spra­che ly­ri­siert Tä­ter, Op­fer und Tech­nik-Mensch-Na­tur-Sym­bio­sen (= der Jagd­flie­ger als sol­da­ti­sche Eli­te) un­ter­schieds­los zu ei­nem deut­schen, fa­ta­li­sti­schen Ge­sang vom Le­ben und Ster­ben im Krie­ge?

    Dies sind bis­lang (un­an­ge­neh­me) Im­pres­sio­nen ei­ner rei­nen NS-Dok­trin, die be­legt wer­den müß­ten. An ei­ni­gen Stel­len er­ken­ne ich NS-Jar­gon von Hel­lig­keit und Klar­heit, von Strahl­kraft und Licht, die ganz ty­pisch sind für NS-Li­te­ra­tur – und die schon Klem­pe­rer in sei­nem »LTI« tref­fend zu­sam­men­ge­tra­gen hat. Üb­ri­gens ist Klem­pe­rers Stu­die mu­ster­gül­tig, wenn es um die phi­lo­lo­gisch ge­naue Ar­beit mit Spra­che geht, um Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Wör­tern und ih­rer Wir­kung her­aus­zu­ar­bei­ten. Hel­les ne­ben Dunk­les zu stel­len – das sind Kunst­grif­fe, die Gai­ser und Ce­lan aus sehr ver­schie­de­nen Grün­den ein­set­zen. Da bin ich mir ziem­lich si­cher. Sie fin­den die­se Licht-und-Schat­ten-Welt üb­ri­gens auch in den Krit­ze­lei­en der Neu­en Rech­ten, z.B. in den Wi­der­wär­tig­kei­ten der Ehe­frau von Herrn Ku­bit­schek, Frau El­len Ko­sitza, die in ih­ren Tex­ten auch gern schwarz­haa­ri­ge Ach­meds ne­ben blon­de Irm­gards in den mul­ti­kul­tu­rel­len Sand­ka­sten setzt, um an­zu­deu­ten, daß ihr die Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät nicht paßt, son­dern sie Pri­vi­le­gi­en und Aus­gren­zung ha­ben möch­te. Auf mich wirkt das Gai­ser-Werk, so, wie Sie es vor­stel­len, Herr Keu­sch­nig, sehr säu­selnd-rau­nend und ver­däch­tig un­ter­kom­plex.

  13. @Michael Platt­ner
    Sie ar­gu­men­tie­ren na­tür­lich se­lek­tiv. Gai­sers Flie­ger­ro­man ist – das steht m. W. auch in mei­nem Es­say – ei­ne Ab­rech­nung mit Flos­keln wie Eh­re und Sieg. Über die hi­sto­ri­schen Hin­ter­grün­de ei­ner Fi­gur las­se ich mich auch aus – und auch auf des­sen Ver­sa­gen, das Gai­ser the­ma­ti­siert. Dass sich Flie­ger im 2. WK als Eli­te ge­rier­ten, kann man Gai­ser nicht vor­wer­fen (er war es sel­ber und zeigt das eben).

    Wenn Sie nicht um die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen Gai­sers wüss­ten, kä­me Ih­nen die schwar­ze Spin­ne nicht als NS-Sym­bol vor und die Kri­tik am Kon­su­mis­mus der Er­hard-Zeit nicht ver­däch­tig. Dass »Rea­li­tät im Phan­ta­sie­raum« ver­scho­ben wird, ist auch für Li­te­ra­tur nicht so ganz un­ge­wöhn­lich, oder?

    War­um soll der Ge­dicht­band von 1941 – als Gai­ser noch ein glü­hen­der Na­zi-An­hän­ger war – im Zu­sam­men­hang mit dem Flie­ger­ro­man ge­le­sen wer­den? Was wol­len Sie da fest­stel­len. Ei­ne Kon­ti­nui­tät? Dann kön­nen Sie den Ro­man in den Or­kus wer­fen. Ei­ne Ab­wen­dung? Wie soll die aus­se­hen? Ver­lan­gen Sie ein Be­kennt­nis? Ei­ne Beich­te? Falls ja: wie soll die­se aus­fal­len? Und wer sagt Ih­nen, dass dies »ehr­lich ge­meint« ist? Es könn­te ja auch op­por­tu­ni­stisch sein.

    Es gibt schon Grün­de, war­um vie­le der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on (ab ca. 1927 ge­bo­ren) ih­re Na­zi-Phan­ta­sien nach dem Krieg ge­heim hiel­ten: Sie hät­ten kein Bein mehr auf die Er­de be­kom­men. Noch heu­te leug­nen sie ih­re Par­tei­mit­glied­schaft, wenn man sie da­mit kon­fron­tiert (s. die di­ver­sen Pu­bli­ka­tio­nen von Mal­te Her­wig hier­zu). Dass aus­ge­rech­net Wal­ter Jens die mo­ra­li­schen Ur­tei­le im Schnell­ver­fah­ren ge­spro­chen hat­te (nicht nur bei Gai­ser) spricht Bän­de.

    Viel­leicht be­sor­gen Sie sich »Die ster­ben­de Jagd« für ein paar Eu­ro in ei­nem An­ti­qua­ri­at. Dann kann von Un­ter­kom­ple­xi­tät kei­ne Re­de mehr sein.

  14. Hm, ich weiß nicht, Keu­sch­nig.

    Ich schil­de­re eher mei­nen Ge­samt­ein­druck, den ich nicht zu­letzt aus Ih­ren län­ge­ren Zi­ta­ten ge­win­ne. Schuld und Schick­sal, Eh­re und Sieg wer­den the­ma­ti­siert, rich­tig, aber vor wel­cher Lein­wand? Vor der Lein­wand des Schlach­ten­ge­mäl­des? Vor ei­nem Bild des Bio­kreis­lau­fes?

    Da ich um die Me­tho­den und Sym­bo­li­ken, auch Het­ze­rei­en der NS-Li­te­ra­tur weiß, kommt mir Vie­les von den De­tails, die Sie zi­tie­ren, grund­be­kannt vor. Ob nun Kra­ken die Welt um­schlin­gen, Rat­ten­ru­del die Stra­ßen flu­ten oder Gift­spin­nen ih­re Net­ze we­ben, die­se bio­lo­gi­sie­ren­den Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken sind be­kannt.

    Der Ge­dicht­band von ’41 (auf ihn hät­te ich un­mit­tel­ba­ren Bi­blio­theks­zu­griff) und der Flie­ger-Ro­man sind al­lein schon sti­li­stisch und the­ma­tisch auf­ein­an­der be­zo­gen. Ich sprach ja von Ly­ris­men im Ro­man. Ich will nichts fest­stel­len, aber ich wür­de un­ter­su­chen wol­len. Der Ge­dicht­band ist mir ei­gent­lich Be­kennt­nis ge­nug. Mich wür­de aber in­ter­es­sie­ren, in­wie­weit Gai­ser sei­ner To­p­ik und Spra­che treu bleibt.

    Adolf Hit­ler *1889.
    Hein­rich Himm­ler *1900.
    Gerd Gai­ser *1908.
    Wal­ter Jens *1923.

    Vier Ge­ne­ra­tio­nen der NSDAP: Grün­der­vä­ter, jün­ge­re Füh­rungs­eli­te, Ju­gend der er­sten Stun­de, Ka­der­nach­wuchs. Al­le im Ab­stand von je­weils 10 Jah­ren. Hi­sto­risch ei­ne Ewig­keit. Die­se Ab­stän­de zei­tig­ten ganz un­ter­schied­li­che Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Schuld­zu­sam­men­hän­ge. Ei­nen Grass (*1927!) oder Jens möch­te ich nicht mit Gai­ser ge­ne­ra­ti­ons­spe­zi­fisch ver­ührt wis­sen.

  15. @Michael Platt­ner
    Was ver­ste­hen Sie un­ter Na­zi-Li­te­ra­tur? Wenn man das ein­deu­tig sa­gen könn­te, wä­re es doch kei­ne mehr. Kann man es aber nicht, er­gä­ben sich auch an­de­re Le­se­ar­ten, dann wä­re ei­ne ent­spre­chen­de Zu­wei­sung nur ei­ne von meh­re­ren mög­li­chen.

    Und viel­leicht be­den­ken, dass die Na­zis si­cher­lich ge­schickt ge­nug wa­ren Sym­bo­le, My­then u.a. für ih­re Zwecke zu in­stru­men­ta­li­sie­ren – manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass das Kräf­te oder Mög­lich­kei­ten sind, im Men­schen an­ge­legt, nicht grund­sätz­lich bö­se oder gut (wie lan­ge war es z.B. un­mög­lich sich mit ger­ma­ni­scher My­tho­lo­gie zu be­schäf­ti­gen, weil sie von den Na­zis ge- und miss­braucht wur­de).

    Ich hof­fe ich kom­me bald da­zu den Es­say zu le­sen.

  16. Ach Herr Platt­ner, ich brau­che doch Ih­re Be­leh­run­gen in Sa­chen Ge­schich­te nicht. Und die­se 08/15-Plat­ti­tü­den brin­gen ei­nen nicht wei­ter. Die an­geb­li­chen »Ly­ris­men« ha­ben Sie aus an­de­ren Quel­len. Gai­sers »Ster­ben­de Jagd« ist ex­pres­sio­ni­stisch; ei­ne Form, die in den 50er Jah­ren sehr en vogue war (Koep­pen, Schnur­re; auch Benn und teil­wei­se An­dersch). In mei­nem Es­say (zum letz­ten Mal ei­nen Hin­weis dar­auf – ver­spro­chen!) wei­se ich ja auf die Ge­ne­ra­ti­on Gai­ser hin (S. 7). Wenn ich nun sa­ge, dass die Ge­ne­ra­ti­on Grass und Jens wuß­te, war­um sie ih­re evtl. Sym­pa­thien (die ich ih­nen nicht vor­wer­fe) bis heu­te ver­leug­net, so zeigt sich nur, wie man, um an­de­re zu dis­kre­di­tie­ren (zu Recht oder nicht, sei da­hin­ge­stellt), für sich sel­ber ei­ne wei­ße We­ste er­gau­nern muss­te.

    Zur Ge­ne­ra­ti­on Gai­ser ge­hör­te die in­fa­me Lui­se Rin­ser, die sich so­gar als NS-Geg­ne­rin ge­rier­te (noch ein­mal Mal­te Her­wig hier­zu). Da­mals re­cher­chier­te man noch nicht so ge­nau.

  17. @metepsilonema, ich ha­be den Be­griff ei­ner Na­zi-Li­te­ra­tur ge­braucht un­ter der An­nah­me, daß es auch ex­trem schlech­te Li­te­ra­tur gibt. Sie kön­nen Na­zi-Li­te­ra­tur sehr ge­nau de­fi­nie­ren, weil sie sich pro­gram­ma­tisch und pro­pa­gan­di­stisch an theo­re­ti­schen Grund­schrif­ten des NS in end­lo­sen Schlei­fen und Wie­der­ho­lun­gen ab­ar­bei­tet. Sie fin­den ei­ni­ge wich­ti­ge Kern­ele­men­te in mei­ner »Ausch­witz­de­fi­ni­ti­on« und mei­ner »Im­pres­si­ons­li­ste« in Kom­men­tar #14. Ich kann hier kein Re­fe­rat über NS-Li­te­ra­tur hal­ten. Dies wür­de ich viel­leicht im Rah­men ei­ner Ana­ly­se von Gai­ser tun. Na­tür­lich ha­ben die Na­zis (alt­ger­ma­ni­sche) My­tho­lo­ge­me für ih­re Ideo­lo­gie miß­braucht. Sie ha­ben aber vor al­lem das Prin­zip der My­tho­lo­gi­sie­rung, der Schaf­fung von Neo­my­then für par­tei­kul­ti­sche oder per­so­nen­kul­ti­sche Zwecke, im All­tag ein­ge­führt – mit Blut­fah­nen­eid und Son­nen­wend­fe­sten, Füh­rer­ge­burts­ta­gen und Macht­er­grei­fungs­ge­denk­fei­ern, mit Stern­mär­schen und Licht­dom, Fackel­zü­gen und La­ger­feu­er­ge­sang etc. Zum Neo­my­thos ge­hör­ten ein gan­zer Kranz von Lie­dern, Dich­tun­gen und Tex­ten, von flei­ßi­gen »Kul­tur­ar­bei­tern« zweck­ge­bun­den ge­schaf­fen. Ei­ner die­ser »Kul­tur­ar­bei­ter« war Gai­ser.

    Sie wei­chen mir zu schnell dau­ernd auf an­de­re Na­men (erst Jens, jetzt Rin­ser) aus, so, als ob dies Gai­ser ir­gend­wie ent­la­sten wür­de, @Keuschnig.

    »Die Nacht, die in Rand­vig ein­fiel,
    sprö­de, zö­gernd, blaß,
    wie zu Um­ar­mun­gen,
    in­des­sen der Abend sich
    nach den ho­hen Fel­dern zu­rück­zog,
    in die Wet­ter
    über den In­land­ge­bir­gen,
    in die Am­boß­wol­ke,
    die lang­sam in Kup­fer und Am­ber zer­ging.«

    Dies ist der von Ih­nen zi­tier­te Be­ginn der Nacht­be­schrei­bung aus der »Jagd«. Ich er­ken­ne auch in den fol­gen­den Zi­ta­ten kei­nen Stil­bruch. Ich ha­be Ihr Zi­tat in die Zei­len ein­ge­rückt, um zu ver­deut­li­chen, was ich un­ter »Ly­ris­mus« oder Pro­sa­ly­rik ver­ste­he: star­ke Rhyth­mi­sie­rung, aus­ge­präg­te Bin­nen­al­li­te­ra­tio­nen und Satz­teil­schach­te­lun­gen. Al­les sehr klang­ma­le­risch-un­auf­ge­regt vor­ge­tra­gen. Dies un­ter­schei­det sich er­heb­lich von der Dy­na­mik und De­kla­ma­ti­on des klas­si­schen Ex­pres­sio­nis­mus. Man er­kennt schon an die­sem Aus­schnitt, daß Gai­ser durch­aus was kann – er be­herrscht den an­ti­mo­der­nen, an der deut­schen Klas­sik ge­schul­ten »Ho­hen Ton«. Da­zu müß­te ich aber mehr von ihm le­sen.

    Was mei­nen Sie ge­nau mit »08/15-Plat­ti­tü­den«, @Keuschnig? Ich ver­ste­he Sie da nicht ... .

  18. @ Mi­cha­el Platt­ner
    Ein Ein­wand, wenn je­de Li­te­ra­tur po­li­tisch ist, sagt der Be­griff nichts mehr aus. Wenn z.B. ein Ro­bert Wal­ser sich nicht zur ak­tu­el­len Po­li­tik sei­ner Zeit äu­ßert, liegt das in sei­ner Auf­fas­sung von Li­te­ra­tur und er will we­der be­schö­ni­gen noch kri­ti­sie­ren. Man könn­te wei­te­re Bei­spie­le an­füh­ren.
    Man soll­te schon de­zi­diert po­li­ti­sche Ro­ma­ne von an­de­ren, de­nen es um an­de­res geht, un­ter­schei­den.
    @ G. K.
    Auch hier klei­ner Ein­wand hin­sicht­lich der 1927 ge­bo­re­nen. Grass hat nie ei­nen Hehl aus sei­ner Hit­ler­be­gei­ste­rung als Jung­pimpf ge­macht, viel­mehr dies zum An­lass ge­nom­men, ge­gen Neo­na­zis und al­te Na­zis zu wet­tern. Sein Be­kennt­nis, ein paar Wo­chen in ei­ner Ein­heit der Waf­fen SS »ge­dient« zu ha­ben, ist an­ders ge­la­gert.
    Auch Jens und an­de­ren zu un­ter­stel­len, dass sie be­wußt ih­re Mit­glied­schaft ver­schwie­gen hät­ten, lässt Er­kennt­nis­se der Ge­dächt­nis­for­schung völ­lig au­ßer acht. Sie kön­nen recht ha­ben, aber es kann auch tat­säch­lich bei Jens, Wapnew­s­ki und an­de­ren die­se Mit­glied­schaft nicht mehr im Ge­dächt­nis re­prä­sen­tiert ge­we­sen sein. Ab­ge­se­hen da­von, dass ei­ne ge­hei­me Über­füh­rung in die Par­tei­mit­glied­schaft nicht aus­gräumt ist.
    Aber ge­mes­sen an dem Kom­plex der tat­säch­li­chen »Na­zi­dich­tern«, sind das doch Ne­ben­schau­plät­ze.

  19. @Norbert
    Sie glau­ben doch nicht ernst­haft dar­an, dass je­mand wie Jens oder auch Die­ter Hil­de­brandt ei­ne NSDAP-Mit­glied­schaft »ver­ges­sen« ha­ben?

    Noch ein­mal: Es geht nicht dar­um, Na­zi-Dich­ter und Grass in ei­nen Topf zu wer­fen. Es geht dar­um, dass vie­le der spä­te­ren Gei­stes­he­ro­en der Bun­des­re­pu­blik ih­re Sym­pa­thien – über die ich hier nicht rich­ten möch­te – aus Kal­kül ver­schwie­gen, weil sie da­mit im links­in­tel­lek­tu­el­len Main­stream nicht mehr hät­ten re­üs­sie­ren kön­nen. Es ist auch noch ein­mal ein Un­ter­schied, ob man ei­ne ge­wis­se Hit­ler­be­gei­ste­rung ein­ge­steht oder dann – durch wel­che Um­stän­de auch im­mer – ge­gen En­de des Krie­ges in ei­ner Waf­fen-SS-Ein­heit war. Wenn es denn nicht so wich­tig ge­we­sen wä­re, fra­ge ich mich, war­um Grass das jahr­zehn­te­lang ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit ver­schwie­gen hat­te (In­si­der wuß­ten das wohl).

    Wenn man sich ein biss­chen ge­nau­er mit der Sa­che be­schäf­tigt, stellt man fast ein biss­chen re­si­gnie­rend fest, dass es – au­ßer die Exi­lan­ten – kaum ei­nen »sau­be­ren« Schrift­stel­ler gab (ich mei­ne jetzt die in den 20ern oder vor­her ge­bo­re­nen; nicht Pimp­fe oder BdM). Den »Fall« Lui­se Rin­ser als be­son­ders drei­stes Stück ha­be ich schon er­wähnt. Man könn­te auch noch Koep­pen, An­dersch, Benn nen­nen; so­gar Sieg­fried Lenz soll ja Par­tei­mit­glied ge­we­sen sein. Na­tür­lich war Gai­sers Ge­ne­ra­ti­on (und auch die »Jün­ger-Ge­ne­ra­ti­on« da­vor) nicht nur emp­fäng­li­cher, son­dern sie wa­ren schlech­ter­dings auch in­vol­vier­ter.

    Au­ßer­halb des Li­te­ra­tur­zir­kus gibt es auch zahl­rei­che Bei­spie­le für »ent­tarn­te« NS-Sym­pa­thi­san­ten, die wohl mehr als nur Mit­läu­fer wa­ren. Die­se Leu­te wa­ren nach ih­rer Ent­tar­nung zu­meist pu­bli­zi­stisch und mo­ra­lisch »er­le­digt«, selbst wenn ih­re Be­mü­hun­gen und Ver­dien­ste in der neu­en Bun­des­re­pu­blik un­an­ge­foch­ten wa­ren. Bei­spiel­haft fällt mir da Wer­ner Hö­fer ein. Un­be­lehr­ba­re in der Mas­ke des De­mo­kra­ten gab es ja auch, wie Theo­dor Maunz, der ju­ri­sti­sche Kom­men­ta­re zum Grund­ge­setz ver­fass­te und un­ter Pseud­onym für die Na­tio­nal-Zei­tung schrieb. (Ei­ne Aus­nah­me stell­ten merk­wür­di­ger­wei­se fast im­mer die Po­li­ti­ker dar, die oft ge­nug ih­re Kar­rie­ren fort­set­zen konn­ten).

    Will sa­gen: Ei­ne of­fe­ne – man wür­de heu­te viel­leicht sa­gen: trans­pa­ren­te – Aus­ein­an­der­set­zung mit den ei­ge­nen Ver­strickun­gen in der NS-Zeit gab es kaum. Es wur­de ver­schlei­ert, ge­leug­net. ver­harm­lost. Das ist mensch­lich ver­ständ­lich, wirft aber auf die Mo­ral­rich­ter von da­mals ein selt­sa­mes Licht. Leu­te wie Gai­ser, die ak­tiv pu­bli­ziert hat­ten und nun nicht gut ver­netzt wa­ren, konn­ten die­sen Stra­te­gien nicht fol­gen; sie wur­den schnell und zü­gig ent­tarnt, und zwar un­ab­hän­gig von dem, was sie nach die­ser Zeit ge­schrie­ben ha­ben. Ih­re Form der »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« war a prio­ri ne­ga­tiv be­setzt und wur­de mehr­heit­lich ab­ge­lehnt. Merk­wür­dig in die­sem Zu­sam­men­hang wie ein Un­ter­hal­tungs­schrift­stel­ler wie Kon­sa­lik (ein glü­hen­der Na­zi und An­ge­hö­ri­ger der Ge­sta­po) fast un­be­hel­ligt blieb. Ein Be­leg für die Blind­heit des Feuil­le­tons, dass der­ar­ti­ge For­men von Li­te­ra­tur ver­mut­lich als nicht sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig an­sah.

    Für al­le an­de­ren muss­te das dro­hen­de Re­stau­ra­ti­ons-Ge­spenst her­an­ge­zo­gen wer­den, was ab­surd war. Der Li­te­ra­tur­dis­kurs wur­de po­li­tisch der­art ab­ge­dich­tet, dass selbst ein harm­lo­ser Lin­ken-Skep­ti­zis­mus – wie der ei­nes Wal­ter Kem­pow­ski – schief be­äugt wur­de.

    Die ak­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen um ein Grass-In­ter­view in Is­ra­el zei­gen nun, wie der Mo­ra­lis­mus die­ser Ge­ne­ra­ti­on sie selbst nun ein­zu­ho­len be­ginnt.

  20. @ G.K.
    Mit fast al­lem ein­ver­stan­den. Aber auch die Exi­lier­ten soll­te man nicht ver­ges­sen. Auch sie wa­ren nicht so un­schiu­l­dig, wie man sie spä­ter hin­stell­te.
    Was Weh­ner in Mos­kau ge­macht hat, war schlimm, wenn auch wahr­schein­lich aus Angst vor dem KGB. Schlim­mer noch Ull­bricht und an­de­re, da war be­wuß­te De­nun­zia­ti­on nicht sel­ten.
    Zu Jens. Ich weiß es wirk­lich nicht, ob er be­wußt ver­schwie­gen hat oder nicht. Je­den­falls gibt es manch­mal selt­sa­me Er­geb­nis­se, wenn es um Er­in­ne­run­gen geht.
    Den­ken Sie an den Fall Will­ko­mir­ski. Je­den­falls hät­te es Jens u.a. da­mals nicht ge­scha­det, weil sie auf ge­nü­gend ehe­ma­li­ger Par­tei­mit­glie­der in der Po­li­tik und Ver­wal­tung hät­te ver­wei­sen kön­nen.
    Neh­men Sie die auch Jün­ger, Breit­bach, Sieburg etc. hin­zu. Die trotz An­grif­fe ei­ne gro­ße Rol­le spiel­ten. Es war da­mals ei­ne schwie­ri­ge Ge­menge­la­ge.
    War­um konn­ten vie­le Men­schen nach 45 nicht er­zäh­len? Heu­te wird das Wort Trau­ma in­fla­tio­när bei je­der Klei­nig­keit be­nutzt. Denkt man an die da­ma­li­ge jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, die zum Teil ak­tiv im Krieg war, aber auf je­den Fall die Bom­ben­an­grif­fe er­lebt hat und un­ter den Aus­wir­kun­gen des Krie­ges zu lei­den hat­te, dann wird ei­ni­ges von dem Ver­hal­ten und Ver­schwei­gen eher ver­ständ­lich, oh­ne dass man es auch be­für­wor­ten muss.

    Ich weh­re mich seit Jah­ren da­ge­gen, die deut­sche Gecs­hich­te, da­mit auch die deut­sche Li­te­ra­tur, auf die 12 Jah­re zu be­schrän­ken. Ich ver­mu­te bei ei­ni­gen An­klä­gern den Wunsch, sich da­durch selbst zu ent­la­sten und sich auf die Sei­te der Gu­ten zu brin­gen.
    Nicht sel­ten wa­ren je­ne Per­so­nen, die sich we­gen ei­ni­ger »unschöner/schlimmer« Tex­te an­ge­grif­fen sa­hen, aber auch die­je­ni­gen, die sich un­ter Ge­fahr für die Frei­heit und das ei­ge­ne Le­ben für an­de­re ein­setz­ten. Den­ken Sie an Gründ­gens, ein wahr­haft schwie­ri­ger Fall. Auch W. Hö­fer wur­de sehr schnell in der Öf­fent­lich­keit ver­ur­teilt, was heu­te doch dif­fe­ren­zier­ter ge­se­hen wird, nicht nur we­gen sei­ner Rol­le in­ach dem Krie­ge.
    Rin­ser ist in der Tat ein schlim­mes Bei­spiel, weil sie sich als Op­fer prä­sen­tiert hat.
    Aber neh­men Sie die gan­ze Un­ter­hal­tungs­bran­che, Film, Mu­sik, Ka­ba­rett. Wur­de es H. Rüh­mann an­ge­krei­det, dass er durch sei­ne Fil­me mit zum Durch­hal­ten bei­getra­gen hat?
    Man soll­te nicht leicht­fer­tig an­kla­gen, aber auch nicht ver­tu­schen. da­mit mei­ne ich we­der Sie noch M. Platt­ner, der schon ei­ni­ge wich­ti­ge Aspek­te ge­nannt hat.

  21. @Norbert
    Es soll­te ei­gent­lich gar nicht mehr um An­kla­ge ge­hen. Das ist wahr­lich Schnee von ge­stern. Aber die Phä­no­me­ne zu be­schrei­ben und nach Grün­den zu fra­gen – das soll­te und müss­te mög­lich sein.

    Ich glau­be nicht, dass Hö­fer heu­te an­ders »be­han­delt« wür­de als da­mals (das ist ja ziem­lich hy­po­the­tisch). Nach der Wen­de hat man al­ler­dings die DDR-»Fälle« sehr viel mil­der ge­se­hen. Das links­in­tel­lek­tu­el­le Estab­lish­ment hat­te hier auch ge­le­gent­lich ei­ni­ge klei­ne­re »Be­sti­en« im Kel­ler (Pe­ter Schnei­der, En­zens­ber­ger...). Ei­ne Chri­sta Wolf gilt heu­te als durch­aus re­pu­ta­bel; ih­re DDR-Nost­al­gie ist äs­the­tisch (und po­li­tisch) ak­zep­tiert.

  22. Zu Gai­ser sel­ber möch­te ich im Mo­ment (fast) nichts mehr sa­gen, da ich mich da­zu doch lie­ber auf Pri­mär­tex­te ver­las­sen wür­de als auf die ein­ver­neh­men­den oder sonst wie in­ter­es­se­ge­leite­ten Stim­men. (Wenn auch sei­ne Be­hand­lung oft er­hel­lend ist – für die ihn Be­han­deln­den.)

    Aber mir fal­len – au­ßer den im Es­say an­ge­klun­ge­nen – auch so ein paar Grün­de für ihn ein. Es hat z.B. Fäl­le ge­ge­ben, in de­nen Au­toren in den Nach­kriegs­jah­ren, auch wo sie sich in per­sön­lich si­cher schwie­ri­gen Pro­zes­sen ge­wan­delt hat­ten, er­neut in rech­te Netz­wer­ke ge­rückt wur­den ganz ein­fach nur, weil sie an­ders­wo nicht mehr ge­druckt wur­den – fast aus Markt­grün­den al­so. (An­de­re wä­ren lie­ber stumm ge­blie­ben, wur­den aber Op­fer ih­res frü­he­ren Er­folgs.)

    Oder war­um in­ter­es­sie­ren uns heu­te et­wa Ver­rä­ter so sehr – wg. der Ah­nung ei­ner mo­ra­li­schen Fall­hö­he, die an die Am­bi­va­lenz und an die Be­dingt­heit von Ur­tei­len rührt: Wir ah­nen, so sim­pel wie in den Gut-Bö­se-Plots ist es nicht. (Und wo Ur­tei­le even­tu­ell auf Selbstrein­wa­schun­gen à la Jens be­ruh­ten, müss­ten sie ja ge­ra­de­wegs Ge­gen­ver­dacht und Neulek­tü­re pro­du­zie­ren.)

    Oder die „bio­lo­gi­sie­ren­den Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken“. Ganz üb­le Sa­chen. Zu­gleich aber auch Kli­schees und Be­le­ge für ei­ne viel­leicht nur simp­le Zeit­ver­haf­t­et­heit der Gei­ster, die ih­re Kon­ti­nui­tät fand in Un­be­dacht­heit und aus ver­meint­lich gu­ten Grün­den der Ver­ständ­lich­ma­chung. (Wie ja et­wa Po­li­ti­kern bis heu­te im­mer noch der ei­ne oder an­de­re Lap­sus un­ter­läuft in­dem sie du­bi­os-ver­rä­te­ri­sches Sprach­ma­te­ri­al be­nut­zen.)

    Tat­sa­che ist, dass Ur­tei­le ih­rer­seits im­mer stark zeit­ver­haf­tet sind und oft neue Un­ge­rech­tig­keit pro­du­zie­ren – und eben Blind­stel­len, aus de­nen man wo­mög­lich wie­der­um Er­hel­lun­gen zu ge­win­nen ver­su­chen kann.

    Was al­so heu­te wie­der mög­lich sein müss­te, ist, ein­zel­ne Stim­men nach ih­ren ge­nui­nen Her­vor­brin­gun­gen zu be­fra­gen und da­zu nicht so­fort das Be­steck der über­lie­fer­ten Eti­ket­tie­run­gen und üb­li­chen Ver­däch­ti­gun­gen an­zu­brin­gen. Und dass da­durch ein an­de­res Hö­ren und Spre­chen her­aus je­ner Zeit eben ver­nehm­bar wer­den könn­te, an dem man neu­er­dings viel­leicht noch mal lernt – oder eben die al­ten In­stru­men­te sel­ber über­prüft. Das ist nicht nur ei­ne ab­strak­te Po­si­ti­on, son­dern an­ge­sichts so man­cher Fest­ge­fah­ren­hei­ten in den Ur­tei­len heu­te, die uns noch zu­rück­wer­fen, in­dem wir uns sel­ber als ir­gend­wie avan­ciert miss­ver­ste­hen, ge­ra­de­zu not­wen­dig!

    Vor al­lem aber: Man kann nicht gut zwangs­iden­tisch für je­de be­gan­ge­ne Blöd­heit ein Le­ben lang in Haft ge­nom­men wer­den. (Wohl­ge­merkt, ich spre­che nicht von schwer­wie­gen­den Din­gen oder gar be­gan­ge­nen Ver­bre­chen.) Aber die­ses Ewig-Schul­dig-sein und vor al­lem die Leicht­fer­tig­keit der Ver­dik­te (und der Schau­der des Wohl­ge­nus­ses an­ge­sichts der „gu­ten“ Grün­de und ih­rer ver­meint­li­chen Ein­deu­tig­keit) – ich fin­de, das geht beim Wis­sen um Wech­sel­fäl­le und Zu­fäl­le, um die ge­sam­ten Le­bens­kom­ple­xi­tä­ten nicht mehr.

  23. @ G.K.
    Na­tür­lich ha­ben Sie recht, dass es nicht um An­kla­gen, son­dern um Phä­no­me­ne und der de­ren Ur­sa­chen ge­hen soll­te. Aber ist es nicht selt­sam, dass es trotz­dem in Ih­rem Bei­trag und dem von M. Platt­ner sehr schnell zu ge­gen­sei­ti­gen Vor­wür­fen und An­kla­gen kam, ob­wohl Sie bei­de dies si­cher­lich ver­mei­den woll­ten. Dies scheint mir ei­ne deut­sche Be­son­der­heit zu sein.
    Ich le­se ge­ra­de 2 Bü­cher. Ein­mal von An­to­nio Mu­noz Mo­li­na: Die Nacht der Er­in­ne­run­gen, es geht um den spa­ni­schen Bür­ger­krieg und von Ma­rio Var­gas Llosa: Der Traum des Kel­ten, in dem es um die Bio­gra­phie ei­nes Iren geht, der für Eng­land die Miß­stän­de im Kon­go un­ter dem bel­gi­schen Kö­nig und die Miß­stän­de und Ver­be­chen in Süd­ame­ri­ka an den In­di­os an­klagt. Als er dann aber die Un­ter­drückung Ir­lands durch die Bri­ten an­klagt und die Be­frei­ung Ir­lands von der bri­ti­schen Herr­schaft be­treibt, wird er ver­haf­tet und hin­ge­rich­tet.
    We­der ist in Spa­ni­en der Bür­ger­krieg »auf­ge­ar­bei­tet«, noch in Bel­gi­en die Ver­bre­chen Kö­nig Leo­polds, ge­schwei­ge denn in Eng­land die Mas­sa­ker und Ver­bre­chen an den Iren.
    Manch­mal glau­be ich, dass man auch ver­ges­sen kön­nen muss, weil es zu­tiefst mensch­lich ist. Da­mit bin ich kein Ver­fech­ter der Schluss­strich­de­bat­te, aber man soll­te sich auf die wirk­lich we­sent­lich noch auf­zu­ar­bei­ten­den Fak­ten be­schrän­ken.

  24. @Norbert
    Ja muß denn im­mer al­les »auf­ge­ar­bei­tet« und po­li­tisch sau­ber re­ka­pi­tu­liert wer­den? Wo­her kommt die fra­gen­de For­de­rung, war­um in Walsers »Sprin­gen­der Brun­nen« Ausch­witz nicht auf­taucht (Ra­disch) oder wo Gai­ser et­was zu KZs ge­schrie­ben ha­be (M. P.)? Doch nur aus ei­nem merk­wür­dig ge­sin­nungs­äs­the­ti­schen Af­fekt her­aus, der so­fort jeg­li­che Aus­ein­an­der­set­zung auf ei­nen sol­chen Punkt re­du­ziert.

    Da­her er­scheint en-pas­sants Ein­wurf in #24 für mich ziem­lich wich­tig: »Man kann nicht gut zwangs­iden­tisch für je­de be­gan­ge­ne Blöd­heit ein Le­ben lang in Haft ge­nom­men wer­den. [...] Aber die­ses Ewig-Schul­dig-sein und vor al­lem die Leicht­fer­tig­keit der Ver­dik­te (und der Schau­der des Wohl­ge­nus­ses an­ge­sichts der ‘gu­ten’ Grün­de und ih­rer ver­meint­li­chen Ein­deu­tig­keit) – ich fin­de, das geht beim Wis­sen um Wech­sel­fäl­le und Zu­fäl­le, um die ge­sam­ten Le­bens­kom­ple­xi­tä­ten nicht mehr.«

  25. @ GK.
    Da ha­be ich mich ver­mut­lich miß­ver­ständ­lich aus­ge­drückt, denn ich fin­de die »Auf­ar­bei­tung« bis ins letz­te Glied auch nicht nö­tig.
    Aber die von mir ge­nann­ten Bei­spie­le sind doch an­ders ge­la­gert. In Spa­ni­en er­ken­nen An­hän­ger von Fran­co auch heu­te im­mer noch nicht sei­ne Ver­bre­chen an und dass er ein Dik­ta­tor war. Auf der an­de­ren Sei­te wol­len die Ver­tei­di­ger der Re­pu­blik, die Kom­mu­ni­sten, So­zia­li­sten etc. auch nicht wahr­ha­ben, dass un­ter ih­rer Herr­schaft eben­so grau­sa­me Ver­bre­chen be­gan­gen wur­den.
    Ge­nau­so ist es in Bel­gi­en und in den Län­dern der Ko­lo­ni­al­mäch­te, dass die­se ge­schich­li­che Epi­so­den aus­ge­blen­det oder be­wusst ver­fälscht wer­den.
    Das woll­te ins Ver­hält­nis zu Deutsch­land set­zen. Wir ha­ben uns, was »nach­ge­hol­te Ge­rech­tig­keit«, Ver­ur­tei­lung von Tä­tern etc hin­sicht­lich der brau­nen Zeit nicht mit Ruhm be­kleckert, kön­nen aber trotz al­ler Feh­ler, Ver­tu­schun­gen doch für vie­le an­de­re Län­der durch­aus als Vor­bild die­nen, sieht man das Ge­samt­ergeb­nis.
    Den Satz von en-pas­sant kann man nur un­ter­strei­chen. Aber der Streit liegt doch ge­ra­de dar­in be­grün­det, dass es ei­ne Grat­wan­de­rung ist, hier ver­zeih­li­cher Feh­ler oder Blöd­heit oder läss­li­che Sün­de, dort nicht to­le­rier­ba­res schuld­haf­tes Ver­hal­ten. Wer ur­teilt mit wel­chem Maß­stab? Bei­spie­le gibt es ge­nug.

  26. Ich will ja weg vom »ur­tei­len«! Bzw. vom Ver-Ur­tei­len auf im­mer.

    Das Ver­drän­gen re­sul­tiert zum Teil ja auch auf die Angst vor der dau­er­haf­ten und end­gül­ti­gen Ver­ur­tei­lung (ich er­wähn­te ex­em­pla­risch die Cau­sa Hö­fer). Ich bin mir ja gar nicht si­cher, ob ei­ne »Auf­ar­bei­tung« in un­se­rem Sinn im­mer das Rich­ti­ge ist. (Aber das ist ein an­de­res The­ma – s. u. a. hier.)

  27. @Michael Platt­ner
    Li­te­ra­tur (als Kunst) ist nie ein­deu­tig, es gibt im­mer ver­schie­de­ne, auch ein­an­der wi­der­spre­chen­de Le­se­rich­tun­gen (durch­aus ent­ge­gen der Ab­sicht des Au­tors). Wenn sich al­so ein Werk (und zwar nur das Werk) zwei­fels­frei als »na­zi­stisch« aus­wei­sen lässt, dann wä­re es kei­ne Li­te­ra­tur.

    Das Werk Ri­chard Wag­ners ist m.E. frei von An­ti­se­mi­tis­men, es wä­re dem­nach und un­ab­hän­gig von eben­sol­chen Ur­tei­len des Au­tors zu wer­ten (man könn­te sa­gen, Wag­ner war klug ge­nug, sei­ne An­sich­ten nicht in sein Werk hin­ein­zu­tra­gen – das könn­te bei Gai­ser ähn­lich ge­wesn sein).

  28. @Norbert in #20:

    Wenn Sie un­ter Po­li­tik nur ein in­sti­tu­tio­na­li­sier­tes Sy­stem mit Per­so­nal ver­ste­hen, auf das der Künst­ler sich ex­pres­sis ver­bis be­zieht oder nicht be­zieht, ha­ben Sie Recht. Mein Ge­dan­ke war: ein Künst­ler han­delt als Künst­ler zwangs­läu­fig po­li­tisch, weil sein Werk nur in der Öf­fent­lich­keit als wahr­ge­nom­me­nes (!) Werk exi­stiert – und die­se Öf­fent­lich­keit als »Bür­ger­ge­sell­schaft« u.a. ein po­li­ti­scher Raum der Ver­hand­lun­gen und Macht­ver­tei­lun­gen ist. D.h., wenn z.B. Wal­ser sich vom Ausch­witz-Dis­kurs (aus wel­chen Grün­den auch im­mer) ver­ab­schie­det, han­delt er zwangs­läu­fig po­li­tisch, wenn die Ge­sell­schaft, oder Tei­le der Ge­sell­schaft, oder auch nur Leit­me­di­en, die­ses nicht tun. Das er­ken­nen Sie dar­an, daß die Ausch­witz-Dis­kurs­ler Herrn Wal­ser in ei­nem ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Dis­kurs vor­wer­fen, über Ausch­witz zu schwei­gen (Frau Ra­disch). Man mag sich über die­sen Dis­kurs­zwang be­kla­gen – und Wal­ser hat dies auch tat­säch­lich im Kon­text der Pauls­kir­chen­re­de ge­tan – es än­dert aber nichts an den Ver­hält­nis­sen in ei­ner Me­di­en­de­mo­kra­tie: Kunst­werk und Öf­fent­lich­keit sind im­mer po­li­tisch. Sonst wä­re es kei­ne De­mo­kra­tie mehr. Das, was wir hier al­le tun, Keu­sch­nigs Blog mit Gai­ser-De­bat­ten fül­len, ist ein viel­leicht wir­kungs­schwa­cher, aber hoch­po­li­ti­scher Akt.

    @Keuschnig #21:

    Voll­kom­men kor­rek­te, er­nüch­tern­de Dar­stel­lung von Ih­nen: der brau­ne (und auch ro­te) Sumpf war/ist seit 1933 bis heu­te brei­ter und tie­fer, als man dachte/denkt. Egal ob im links­in­tel­lek­tu­el­len oder rechts­kon­ser­va­ti­ven oder ge­mä­ßigt-mit­ti­gen La­ger. Denn oft­mals sind sich die La­ge­r­an­ge­hö­ri­gen ih­rer ei­ge­nen hi­sto­ri­schen Prä­mis­sen und Kon­se­quen­zen ih­res Den­kens nur halb­be­wußt. Denk­feh­ler der Ge­schich­te wie­der­ho­len sich auch zu­wei­len.

    Sie schrei­ben: »Leu­te wie Gai­ser, die ak­tiv pu­bli­ziert hat­ten und nun nicht gut ver­netzt wa­ren, konn­ten die­sen Stra­te­gien nicht fol­gen; sie wur­den schnell und zü­gig ent­tarnt, und zwar un­ab­hän­gig von dem, was sie nach die­ser Zeit ge­schrie­ben ha­ben.« Leu­te wie Gai­ser wa­ren im­mer­hin so gut ver­netzt, daß sie es bis zur Pro­fes­sur brach­ten. Er war auch ei­ni­ge Jah­re nach 1945 ein ab­so­lu­ter Er­folgs­au­tor. Es wur­de ihm auch nicht ganz un­ab­hän­gig von sei­nem Nach­kriegs­werk der Grup­pe-47-Krieg er­klärt, son­dern auch WEGEN sei­ner Nach­kriegs­bü­cher. Die Sub­stan­tia­li­tät die­ser Na­zi-Vor­wür­fe von Sei­ten Jens und Ra­nickis gilt es zu un­ter­su­chen – sach­lich, me­tho­disch, wis­sen­schaft­lich. Mein Ein­druck Ih­res Es­says war, daß Sie zu sehr dar­auf be­dacht sind, der Grup­pe 47 Be­ur­tei­lungs-Ver­sa­gen nach­zu­wei­sen, als den Ge­halt des Gai­ser-Werks zu er­for­schen. Sie gra­ben mei­ner Mei­nung nach nicht weit und nicht tief ge­nug im brau­nen Sumpf. Des­halb er­klär­te ich, wie ich me­tho­disch an Gai­ser her­an­ge­hen wür­de. Das war nicht als An­griff oder An­kla­ge ge­dacht (auch @Norbert #25), son­dern als Re­ak­ti­on auf Ih­re Ar­beits­me­tho­de, Keu­sch­nig. Sie stell­ten Ih­ren Es­say der Kri­tik. Er ist mit »Vor­läu­fi­ger Ver­such« be­ti­telt. Da kön­nen Sie doch Kri­tik si­cher­lich aus­hal­ten, oder? Es ir­ri­tiert mich manch­mal Ih­re Wort­wahl, wie »hübsch de­ko­rier­tes Be­trof­fen­heits­fres­ko« oder »Plat­ti­tü­den«, die ja rei­ne po­le­mi­sche Spöt­te­lei­en und Ab­wer­tun­gen sind. So kön­nen Sie nicht in ei­nem Li­te­ra­tur-Es­say auf­tre­ten – und auch nicht in ei­ner Dis­kus­si­on. Das nimmt nie­mand ernst.

    @en-passant #24:

    Sie nei­gen hier zur Ver­harm­lo­sung der Mit­schuld Gai­sers. Sie er­wä­gen sei­ne Nai­vi­tät (»Blöd­heit«) als Au­tor und sei­ne Le­bens-Ge­schich­te als ei­ne Häu­fung von Zu­fäl­len und »Le­bens­kom­ple­xi­tä­ten«. Ja, hi­sto­ri­sche Pro­zes­se sind ul­tra­kom­plex, und je­der Re­kon­struk­ti­ons­ver­such ist ei­gent­lich im­mer ei­ne kla­re Über­for­de­rung. Trotz­dem ist er nicht ganz un­mög­lich. Ich bin für je­de Über­ra­schung im­mer of­fen – auch für ei­ne Neu­be­wer­tung Gai­sers. Nur soll­te man mit ge­schärf­ten und ge­eig­ne­ten In­stru­men­ten an die Sa­che her­an­ge­hen: Ge­schichts­wis­sen­schaft und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft.

    In die­sem Sin­ne auch noch mal an @Norbert und @Keuschnig: Gründ­lich­ste »Auf­ar­bei­tung« so­weit wie mög­lich (98% der Da­ten ge­hen oh­ne­hin ver­lo­ren ...) hal­te ich nach dem heu­ti­gen Stand der aka­de­mi­schen Mit­tel und Mög­lich­kei­ten für prin­zi­pi­ell ge­bo­ten. Al­les an­de­re ist ei­ner Zi­vi­li­sa­ti­on un­wür­dig und schlicht­weg un­pro­fes­sio­nell. Sie wer­den auch kei­nen Hi­sto­ri­ker oder Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler fin­den, die ih­ren Na­men ver­dient ha­ben und da schlam­pen. Das aka­de­mi­sche Ni­veau ist im­mer noch ziem­lich hoch. Goog­len Sie mal über Gai­ser. Da gibt es ei­ni­ge hoch­ka­rä­ti­ge Stu­di­en, die man nicht igno­rie­ren soll­te. Ge­nau­so wie Gai­sers Schrif­ten im Ori­gi­nal, klar.

    @metepsilonema #29:

    Ich ver­ste­he ja Ih­re Po­si­ti­on. Wir spra­chen mal im an­de­ren Zu­sam­men­hang von Ecos Of­fe­nem Kunst­werk. @en-passant in #13 will auch Bü­cher von »Arsch­lö­chern« (al­so z.B. Goeb­bels) als Li­te­ra­tur gel­ten las­sen. Sie wür­den je­des in­dok­tri­nier­te Mach­werk als sol­ches be­zeich­nen – und nicht als Li­te­ra­tur, weil nicht »of­fen« und »schil­lernd« ge­nug, ver­ste­he ich. Ich wür­de sa­gen: es gibt mehr oder min­der ideo­lo­gisch und phi­lo­so­phisch vor­be­la­ste­te Bü­cher – im­mer. Mit mehr oder min­der kla­ren Aus­wir­kun­gen auf ih­re Äs­the­tik. Was Sie aber ei­gent­lich mir sa­gen wol­len, ist: Sie möch­ten gern das Werk ei­nes ideo­lo­gisch ori­en­tier­ten Au­tors un­ab­hän­gig von des­sen Ideo­lo­gie le­sen, d.h. auch völ­lig an­ders und im­mer wie­der neu für sich selbst ent­decken. Das kön­nen Sie tun, auch mit Hard­core-NS-Ma­te­ri­al. Es kann dann al­ler­dings sein, daß Sie Kon­zep­te der Bio­po­li­tik als krea­ti­ve An­re­gung le­sen. Ich glau­be, Ähn­li­ches meint auch @en-passant in punc­to Neu­be­wer­tung ... . Das kann je­der hal­ten, wie er will. Er muß sich dann nur nicht wun­dern, wenn sich auch Hand­lun­gen in der Ge­schich­te mo­di­fi­ziert wie­der­ho­len. In die­sem Bei­spiel Mas­sen­de­por­ta­tio­nen.

  29. @ Mi­cha­el Platt­ner
    Ich ha­be Sie schon rich­tig ver­stan­den. Trotz­dem soll­te man schon ex­pli­zit zwi­schen Li­te­ra­tur, die ex­pli­zit po­li­tisch wir­ken will, al­so z.B. lit­te­ra­tu­re en­ga­gee, und sol­cher, die es nicht will, un­ter­schei­den. Die­se De­bat­te wur­de ja in den 70er Jah­ren um die In­ner­lich­keit (»jetzt dich­ten sie wie­der«) oder in der Aus­ein­an­der­set­zung um das Werk Herm. Hes­ses ge­führt.
    Viel­leicht kann man es an der Ly­rik noch eher deut­lich ma­chen. Aber auch dort wird das Pro­blem the­ma­ti­siert, den­ken Sie an das be­rühm­te Brecht­ge­dicht »An die Nach­ge­bo­re­nen« .
    Aber das Li­te­ra­tur grund­sätz­lich im­mer auch ei­ne po­li­ti­sche Wir­kung hat, da ha­ben Sie na­tür­lich recht. Aber das ei­ne ist die von der Li­te­ra­tur in­ten­dier­te Wir­kung, das an­de­re die von den In­ter­pre­ten über den Text hin­aus be­wer­te­te Wir­kung oder Nicht-Wir­kung auf die Ge­sell­schaft.

  30. »Aber das ei­ne ist die von der Li­te­ra­tur in­ten­dier­te Wir­kung, das an­de­re die von den In­ter­pre­ten über den Text hin­aus be­wer­te­te Wir­kung oder Nicht-Wir­kung auf die Ge­sell­schaft.« (Nor­bert #31)

    Ja, @Norbert, das ha­be ich zu sehr ver­schlif­fen. Ich ha­be dem Au­toren qua­si ei­ne in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dungs­macht und In­ten­ti­on ab­ge­spro­chen. Ist aber auch ei­ne ganz schwie­ri­ge Si­tua­ti­on für Künst­ler heu­te, weil sie, so­bald ihr Werk der Öf­fent­lich­keit über­ge­ben wur­de, sie kaum noch Wir­kun­gen be­ein­flus­sen kön­nen. »Die Me­di­en sind Schuld!«, be­klag­te sich ja Wal­ser. Was in sei­nem Fall aber nicht ganz rich­tig war, weil er selbst zu in­tel­li­gent und me­di­en­prä­sent ma­ni­pu­lie­ren und skan­da­lie­ren konn­te. Da hink­ten eher die »Me­di­en« hin­ter­her ... .

  31. @Michael Platt­ner
    Ich ge­ste­he ei­nem Au­tor grund­sätz­lich zu, dass er, im Pro­zess li­te­ra­ri­schen Schrei­bens be­wusst und re­flek­tie­rend han­delt. Man soll­te sich das Werk (!) an­se­hen und ein ent­spre­chen­des (ge­rech­tes) Ur­teil fäl­len. Es ist zu­nächst ein­mal un­ab­hän­gig von der Per­son des Au­tors zu se­hen, al­les an­de­re wä­re un­wis­sen­schaft­lich und vor­ein­ge­nom­men (wir wis­sen oft nicht war­um je­mand so oder so ge­han­delt hat).

    [Im Üb­ri­gen: Wenn Sie den Stil Ih­rer letz­ten Ant­wort bei­be­hal­ten, dann wer­de ich die Dis­kus­si­on ab­bre­chen.]

  32. @Michael Platt­ner
    Den Kom­men­tar #30 ha­be ich erst jetzt ge­le­sen und zur Kennt­nis ge­nom­men. Ich weiß nicht, was ich (oder an­de­re hier) bei Gai­ser ver­harm­lost ha­ben soll(en). Dass er Na­zi war? Oder dass ich ein li­te­ra­ri­sches Werk ver­su­che in Gän­ze zu be­wer­ten und nicht von ei­nem Buch auf al­le an­de­ren zu schlie­ßen? (Was man im üb­ri­gen in der Re­gel auch bei Pound, Cé­li­ne, Benn, Ham­sun, usw. macht.)

    Sie un­ter­stel­len, wer das tut, müs­se die Fol­gen für sein Han­deln ver­ant­wor­ten und kom­men dann gleich mit »Mas­sen­de­por­ta­tio­nen«? Ich ver­mu­te, da ist Ih­nen ei­ni­ges durch­ein­an­der ge­ra­ten?

    Und so et­was will ich hier nicht mehr le­sen:
    @en-passant in #13 will auch Bü­cher von »Arsch­lö­chern« (al­so z.B. Goeb­bels) als Li­te­ra­tur gel­ten las­sen.
    Das steht nir­gend­wo und ist ei­ne dum­me und bös­ar­ti­ge Un­ter­stel­lung. In Zu­kunft wird so et­was un­sach­li­ches und de­nun­zia­to­ri­sches ge­löscht.

    Wenn Sie wie­der in der La­ge sind, sach­lich zu ar­gu­men­tie­ren, kön­nen wir ger­ne wei­ter­ma­chen. An­son­sten war’s das.

  33. @metepsilonema, gut, Sie plä­die­ren für ei­ne be­din­gungs­lo­se Werk­im­ma­nenz als In­ter­pre­ta­ti­ons­ver­fah­ren. Zum Bei­spiel: ICH le­se den Tagebuch-‘Roman’ »Mi­cha­el« von Dr. Jo­seph Goeb­bels. Wo­bei mich Goeb­bels als Mensch gar­nicht in­ter­es­siert.

    ‘Ich ha­be den „Mi­cha­el“ mehr als ein­mal durch­ge­le­sen, aber ich fand nir­gends auch nur ei­nen Satz, von dem man hät­te sa­gen kön­nen, er sei deutsch emp­fun­den oder in ei­nem deut­schen Stil ge­schrie­ben. Was ich aber fand – und je­des drit­te Wort ist da­für ein Be­leg – das war je­ne durch­aus un­deut­sche, ab­so­lut pa­tho­lo­gi­sche [SIC !!!] Scham­lo­sig­keit, mit der hier ein li­te­ra­ri­scher Schmutz­fink un­un­ter­bro­chen sei­ne Brust auf­reißt und „letz­te Din­ge“ her­aus­gröhlt. Frei­lich gab es nichts zu er­schlie­ßen als ein eis­kal­tes Herz­chen und nichts zu be­ken­nen als fer­tig kon­fek­tio­nier­te Phra­sen. Beim er­sten­mal lacht man, dann wird ei­nem spei­übel.’

    So Heinz Pol(lack) 1931 in ei­ner Re­zen­si­on der »Welt­büh­ne« (http://www.gazette.de/Archiv2/Gazette5/Pol.pdf). Da Pol­lack im Jahr 1931 weiß, daß es zu ei­nem Werk auch ei­nen Ur­he­ber braucht – und es in li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­cher Me­tho­den­plu­ra­li­tät zum Vor­teil ge­reicht, sich auch die­sen ge­nau­er an­zu­schau­en, tut er dies – und er­klärt da­mit hin­rei­chend die Äs­the­tik des ‘Ro­mans’:

    ‘„Wir müs­sen den Geist über­win­den“ no­tiert Mi­cha­el am 23. No­vem­ber. Der Au­tor Goeb­bels hat den Geist spie­lend über­wun­den, er brauch­te gar nicht erst zu kämp­fen. Sein Mi­cha­el stirbt im­mer­hin als ro­man­tisch ver­klei­de­ter Berg­ar­bei­ter. Er selbst je­doch hat den bes­sern Teil der Geist­lo­sig­keit [SIC !!!] er­wählt: als pa­ten­tiert deut­scher Ar­bei­ter­füh­rer und stil­ler, be­schei­de­ner Be­sit­zer ei­nes Mer­ce­des­wa­gens von 16 000 Mark ist er dem neu­en Deutsch­land ein Mu­ster­vor­bild pro­le­ta­ri­scher Le­bens­wei­se.’

    Was Pol­lack in sei­ner De­mas­kie­rung des zu­künf­ti­gen Mi­ni­sters fa­ta­ler­wei­se völ­lig falsch ein­schätzt, lau­tet wie folgt:

    ‘Denn die Säu­len des Drit­ten Rei­ches, die ja kei­ne, ver­zei­hen Sie, das küh­ne Wort: Re­vo­lu­tio­nä­re sind, ja nicht ein­mal hand­fe­ste Re­ak­tio­nä­re, wer­den kei­ne Köp­fe rol­len
    las­sen [SIC !!!] – aber sie wer­den, wie Herr Mi­cha­el, mit Nietz­sche­zi­ta­ten um sich wer­fen, als sei­en es Hand­gra­na­ten. Es wird wie­der so dun­kel wer­den in Deutsch­land
    wie vor ge­nau hun­dert Jah­ren, und da­mals wa­ren wir im dü­ster­sten Mit­tel­al­ter.’

    Dies als Lehr­stück der Li­te­ra­tur- und Zeit­ge­schich­te zu­gleich, @metepsilonema, daß es durch­aus IMMER sinn­voll ist, sich nicht nur das Werk an­zu­schau­en, son­dern auch das da­zu­ge­hö­ri­ge Per­so­nal – ja den ge­sam­ten um­welt­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen KONTEXT. Al­les an­de­re ist reich­lich na­iv.

    An­statt mir auf­grund mei­nes »Stils« zu dro­hen, oh­ne zu er­läu­tern, was Sie ge­nau an mei­nem »Stil« stört, bit­te ich Sie, @metepsilonema, mir ei­nen Hin­weis zu ge­ben, wo ich Sie gekränkt/verletzt/verstört/getroffen/verärgert/verhöhnt/erschreckt/... ha­ben könn­te.

  34. Mi­cha­el Platt­ner
    Ich ha­be Ih­ren Kom­men­tar #36 ge­löscht. Die Aus­sa­ge »Das glau­ben Sie ja sel­ber nicht« muß ich mir nicht bie­ten las­sen. Von nie­man­dem. Auf Wie­der­se­hen.

    PS: Ich ha­be Ih­ren neu­en Kom­men­tar eben­falls ge­tilgt, weil er wie­der ei­ne bös­ar­ti­ge Un­ter­stel­lung be­inhal­te­te. Den Vor­schlag, den Sie dort un­ter­brei­ten, kann ich ak­zep­tie­ren. Wo­bei ich mir al­ler­dings wei­ter­hin die Lö­schung von Be­lei­di­gun­gen und Un­ter­stel­lun­gen vor­be­hal­te. Ob Sie’s glau­ben oder nicht: Ich ha­be nach dem »Das glau­ben Sie...« auf­ge­hört zu le­sen.

  35. In Ord­nung, @Keuschnig. Das ist zu­nächst ein­mal ein fai­res An­ge­bot von Ih­rer Sei­te. Aber Sie könn­ten ru­hig das »bös­ar­tig« – und an­de­re Wor­te – weg­las­sen. »Un­ter­stel­lung« als Vor­wurf reicht voll­kom­men. Ich will Ih­nen das glau­ben, daß Sie mei­nen Kom­men­tar #36 nicht voll­stän­dig ge­le­sen ha­ben.

    Falls ich mei­nen Kom­men­tar #36 hier noch­mals in der be­spro­che­nen Wei­se ein­ver­nehm­lich ge­kürzt ver­öf­fent­li­chen soll­te, soll­ten Sie sich sehr gut über­le­gen, was Sie als Un­ter­stel­lung oder Be­lei­di­gung in­ter­pre­tie­ren wol­len. Wol­len Sie hier ein Zen­sur­mas­sa­ker bei Ih­ren Le­sern ver­an­stal­ten? Kom­men­ta­re ver­stüm­meln, bis Sie Ih­nen pas­sen? Es ist Ihr gu­tes Recht und Ih­re Pflicht, als Blog­be­trei­ber Ih­re Kom­men­tar­lei­ste zu über­wa­chen und zu pfle­gen, aber in die­sem Fall ge­hen Sie ent­schie­den zu weit. Es gibt ge­nü­gend an­de­re Or­te im Netz, wo ich mei­nen Kom­men­tar #36 ver­öf­fent­li­chen kann. Kom­men­tiert, ver­steht sich.

  36. Es gibt ge­nü­gend an­de­re Or­te im Netz, wo ich mei­nen Kom­men­tar #36 ver­öf­fent­li­chen kann. Kom­men­tiert, ver­steht sich.
    Auf den Sei­ten grö­ße­rer deut­scher Zei­tun­gen ver­mut­lich nicht. Aber ich muss auch zu­ge­ben, dass ich es be­dau­er­lich fin­de, dass ge­ra­de die­ser klei­ne Ab­schnitt be­schnit­ten wur­de, denn der zer­leg­te, scheint mir, die gan­ze Ar­gu­men­ta­ti­on doch vor­züg­lich: Als ob ernst­haft das neue (kri­ti­sche, ge­naue) Le­sen al­ter Na­zi-Schmö­ker ei­ne neue to­ta­li­tä­re Ge­fahr her­auf­be­schwö­ren könn­te? Das scheint so als wol­le man lie­ber ein Ta­bu er­rich­ten, da­mit man sich mit dem Mist nicht mehr aus­ein­an­der­zu­set­zen braucht. (Ist ja auch un­sin­nig, wir ha­ben un­se­re »Auf­klä­rung« schon hin­ter uns, wir ha­ben doch schon die rich­ti­ge Ge­sin­nung, uns droht doch kei­ne neue Ge­fahr)
    [Gut, Sie ha­ben hier ei­ne sehr aus­führ­lich Schnip­sel von ei­ner Be­spre­chung ei­nes Goeb­bels-Bu­ches ein­ge­stellt und das liest sich sehr auf­schluss­reich, aber: wor­aus soll sich all­ge­mein ab­lei­ten las­sen, dass nicht auch ein Na­zi Literat/Künstler ge­we­sen sein kann? Weil es nicht sein darf, und weil man es sich nicht vor­stel­len möch­te, er­klärt man es lie­ber als un­mög­lich?]

    Scha­de al­so – Scha­de, dass es zu die­sem un­schö­nen Hand­ge­men­ge kam, aber auch scha­de, dass es so ent­sorgt wur­de..

  37. @Michael Platt­ner #38
    Es geht nicht um Zen­sur. Un­ter­stel­lun­gen ge­gen mich oder je­den an­de­ren Kom­men­ta­tor hier las­se ich je­doch nicht zu. Da geht die Be­haup­tung, je­mand wol­le die Li­te­ra­tur von »Arsch­lö­chern« »zu­las­sen«, fast schon zu weit. Aber zu un­ter­stel­len, ich schrie­be die Un­wahr­heit, geht nicht. Da ist je­der In­ter­pre­ta­ti­on­spiel­raum er­schöpft.

    Im Grun­de ge­nom­men be­trei­ben Sie das Spiel, was Leu­te wie Jens, Grass und auch Reich-Ra­nicki jahr­zehn­te­lang be­trie­ben ha­ben: Sie ver­su­chen ein li­te­ra­risch-äs­the­ti­sches Werk (meist war es Li­te­ra­tur) an­hand po­li­ti­scher Kom­po­nen­ten ei­ner Zu­las­sungs­ana­ly­se zu un­ter­zie­hen. Da­bei spielt das ei­gent­lich Werk zu­nächst kei­ne Rol­le mehr oder nur noch ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te. Ent­schei­dend ist die po­li­ti­sche (bzw. so­zia­le) Ein­stel­lung des Au­tors. Sie dient als ei­ne Art Schlüs­sel, mit dem erst die Re­zep­ti­on be­ginnt. Wenn die­ser Schlüs­sel ist passt, sucht man sich schnell ein, zwei (ver­hält­nis­mä­ßig) lä­cher­li­che Kri­tik­punk­te (meist sind es aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­se­ne Zi­ta­te; nicht sel­ten aus In­ter­views), um dann mit gro­ßem Schwung al­les in den Or­kus zu spü­len. So funk­tio­niert bei­spiels­wei­se Jens’ Gai­ser-Kri­tik aus der ZEIT in den 60er Jah­ren.

    Den Hö­he­punkt die­ser Aus­ein­an­der­set­zung bil­det dann der Re­kurs auf »Ausch­witz«. Da hat man dann von den 68ern ge­lernt – da galt ja je­der Stra­ßen­bahn­kon­trol­leur schon als »Fa­schist«. Wenn Frau Ra­di­sich rein gar nichts ein­fällt, be­män­gelt sie bei Walsers »Sprin­gen­den Brun­nen«, dass da nichts über Ausch­witz stand. Die­ser Ein­schub KANN nur un­se­ri­ös sein, denn Wal­ser nimmt auf Er­in­ne­rung (und die Ein­ge­schränkt­heit von Er­in­ne­rung) in die­sem Buch so­gar in ei­ner kur­zen Ein­lei­tung Be­zug. Da es aber of­fen­sicht­lich kei­ne (oder zu we­nig) li­te­ra­ri­sche Kri­tik­punk­te gab, muss­te man (da ist Ra­disch bra­ve 68er Toch­ter) dann auf Ausch­witz re­kur­rie­ren. Das auch, weil Wal­ser kei­ne »In­stant-Ka­thar­sis« (Mal­te Her­wig) an­bot.

    Ex­akt in die­sem Stil war ihr Ein­wurf. Die mo­der­ne Gret­chen­fra­ge lau­tet: »Wie hält er/sie es mit Ausch­witz?« In Wirk­lich­keit stellt die­se Fra­ge ei­ne Fal­le dar: Sie soll den­je­ni­gen, der sie stellt, vor jeg­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung und Kri­tik im­mu­ni­sie­ren. Wenn ich jetzt bös­ar­tig wä­re, wür­de ich sa­gen, dass die­ser rhe­to­ri­sche Ta­schen­spie­ler­trick die To­ten ein­fach für sei­ne Zwecke in­stru­men­ta­li­siert. (Ein Vor­wurf, den Av­ra­ham Burg bei­spiels­wei­se ge­gen die is­rae­li­schen Eli­ten er­hebt.) Ei­ne an­de­rer Ver­such, dies aus­zu­drücken, wä­re die »Ausch­witz­keu­le« (Mar­tin Wal­ser). Eben­falls ein sehr un­glück­li­ches Wort, mit dem man Wal­ser aber recht be­quem ei­ne Schluß­strich­de­bat­te an­hän­gen konn­te.

    In al­len Fäl­len liegt der Sinn die­ser Form der Aus­ein­an­der­set­zung auf der Hand: Der zu kri­ti­sie­ren­de Ge­gen­stand wird ent­spre­chend be­stimm­ter Kri­te­ri­en be­wer­tet (die zu­meist po­li­ti­scher Na­tur sind). Die­se Be­wer­tung – die na­tur­ge­mäß ei­ne Sub­jek­ti­ve ist – wird dann Ge­gen­stand der Kri­tik. Das heißt, man hat ge­gen die In­ter­pre­ta­ti­on ei­nes Kom­men­ta­tors zu ar­gu­men­tie­ren, die die­ser als ob­jek­ti­ve Wahr­heit aus­gibt. Das Prak­ti­sche da­bei: Je­des Ab­wei­sen die­ser Form von Kri­tik wird als »Ver­harm­lo­sung« (im gün­stig­sten Fall) be­wer­tet. Es wird so­fort mo­ra­lisch ar­gu­men­tiert; der Wi­der­spruch ist dann – Sie ah­nen es – »un­mo­ra­lisch«. (Von die­sen Deu­tun­gen ha­ben Sie hier ei­ni­ge ab­ge­ge­ben.) Es geht al­so gar nicht mehr um den Text, das Buch, das Kunst­werk an sich. Ge­nau dies gilt es je­doch zu­nächst zu ver­mei­den, da sonst der Blick ver­klebt wird. Ich glau­be, dies ist die In­ter­pre­ta­ti­on von en-pas­sants Kom­men­tar.

    @Phorkyas #39
    Viel­leicht ha­be ich mit der Lö­schung des ge­sam­ten Kom­men­tars über­re­agiert, Aber ich fin­de es fast noch schlim­mer, in den Kom­men­ta­ren her­um­zu­krit­teln als das gan­ze Ding ein­fach zu lö­schen. Zu­mal ich dar­auf hin­ge­wie­sen ha­be. Platt­ner kann sei­ne Sa­che er­neut ein­stel­len (er hat­te ja den Kom­men­tar ge­si­chert, wie er ge­schrie­ben hat).

  38. @Michael Platt­ner
    Es sind drei Din­ge die mich stö­ren:

    1) Sie be­zie­hen sich nicht auf das was ich ge­schrie­ben ha­be, son­dern spit­zen es un­zu­läs­sig in ei­ne Rich­tung hin zu: Ich schrieb nicht von ei­ner »bedingungslose[n] Werk­im­ma­nenz«, son­dern dass es »zu­nächst ein­mal un­ab­hän­gig von der Per­son des Au­tors« ge­se­hen wer­den soll­te (weil ein Arsch­loch mög­li­cher­wei­se auch schöp­fe­ri­sche oder an­der­wer­ti­ge Lei­stun­gen er­brin­gen kann). Ganz ähn­lich auch in #30.

    2) In ei­ner sach­li­chen Dis­kus­si­on sind For­mu­lie­run­gen wie »Was Sie aber ei­gent­lich mir sa­gen wol­len, ist:« un­an­ge­bracht, weil es Un­ter­stel­lun­gen, Be­haup­tun­gen sind, wis­sen kön­nen sie das nicht (wo­zu soll das gut sein, au­ßer dass es den an­de­ren vor den Kopf stößt?).

    3) Der Schwenk zu den Mas­sen­de­por­ta­tio­nen hin, kann ich nur als den Ver­such le­sen, ei­ne an­de­re Sicht auf Werk bzw. Li­te­ra­tur mo­ra­lisch zu dis­kre­di­tie­ren – wie­der­um: Wo­zu (ich den­ke ich ha­be klar ge­macht, dass es mir nicht um Mach­wer­ke wie »Mein Kampf« o.ä. geht)?

  39. Ok. @Phorkyas, @metepsilonema, @Keuschnig: selt­sa­mer­wei­se geht die Dis­kus­si­on wei­ter. Und zwar in ei­nem Ton, an dem ich mer­ke, daß al­le »run­ter­fah­ren« und sich um Ver­stän­di­gung be­mü­hen. Dar­an will ich mich auch hal­ten. Ich wer­de erst in ei­ni­gen Stun­den oder auch erst mor­gen mit sor­tier­tem Kopf auf die letz­ten Bei­trä­ge ant­wor­ten kön­nen. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber po­ste ich jetzt den ge­lösch­ten Kom­men­tar #36 – un­ter Aus­las­sung von Punkt 1), der Keu­sch­nig ver­är­gert hat. Wie an mei­nem Ton zu hö­ren ist, ist die Ver­är­ge­rung nicht nur auf Keu­sch­nigs Sei­te. Ich glau­be, der Kom­men­tar #36 ent­hält kei­ne »Un­ter­stel­lun­gen«, die jetzt nicht schon wo­an­ders ste­hen, son­dern nur mein un­gu­tes GEFÜHL bei die­ser gan­zen Dis­kus­si­on und vor al­lem mei­ne RECHTFERTIGUNGEN. Ich mei­ne al­so, @Keuschnig, je­de wei­te­re Schnip­pe­lei an mei­nem Kom­men­tar #36, nimmt mir die Lo­gik mei­ner Ge­gen­wehr:

    »@Keuschnig, ich mer­ke schon seit ge­rau­mer Zeit, daß der Kom­plex »Ausch­witz« mit al­len be­kann­ten Im­pli­ka­tio­nen hier of­fen­sicht­lich vie­len Leu­ten – mit aus­drück­li­cher Aus­nah­me von @Norbert – nicht schmeckt. Seit­dem wird der Ton un­ter­schwel­lig ag­gres­si­ver, aber nicht von mei­ner Sei­te: mir wird mit Zensur/Sperrung ge­droht, an­statt mei­ne Ar­gu­men­te SACHLICH, DIFFERENZIERT UND FAIR auf­zu­grei­fen.

    In­so­fern:

    1. [ge­löscht]

    2. »Ver­harm­lo­sung der Mit­schuld Gai­sers« – das war an @en-passant ad­dres­siert, ein­deu­tig. Le­sen Sie bit­te ge­nau, @Keuschnig. Ich be­grün­de mei­ne Mei­nung in #30 und auch zu­vor aus­führ­lich und sach­lich.

    3. Ich ha­be nie ein­ge­for­dert, das Spät­werk Gai­sers aus­schließ­lich aus sei­nem Früh­werk ab­zu­lei­ten. Aber ich ha­be ANGEREGT (mehr nicht), das Früh­werk nicht völ­lig aus­zu­blen­den. Ge­nau die­ses tun Sie aber, @Keuschnig. Neh­men Sie doch Gai­sers Schrif­ten vor 1945 un­ter die Lu­pe. Schau­en Sie doch ge­nau hin. Erst dann kön­nen Sie sa­gen, Sie näh­men sein Werk in »Gän­ze« wahr. Da­zu ge­hört ei­gent­lich auch, sich um­zu­schau­en, was an­de­re zu die­sem The­ma be­reits ge­sagt ha­ben – wenn Sie Wert auf »sau­be­re« Ar­beit le­gen ... .

    4.»Sie un­ter­stel­len, wer das [= Gai­ser-Ver­harm­lo­sung] tut, müs­se die Fol­gen für sein Han­deln ver­ant­wor­ten und kom­men dann gleich mit »Mas­sen­de­por­ta­tio­nen«? Ich ver­mu­te, da ist Ih­nen ei­ni­ges durch­ein­an­der ge­ra­ten?« (Keu­sch­nig #34)

    Nein, da ist jetzt Ih­nen ALLES durch­ein­ader ge­ra­ten: ich ha­be in mei­ner Ant­wort auf @metepsilonema in #30 am En­de an ei­nem Bei­spiel (NS-»Biopolitik«, sprich ‘Ras­sen­kun­de’ und ih­re prak­ti­schen Kon­se­quen­zen, näm­lich (min­de­stens!) Mas­sen­de­por­ta­ti­on) an­ge­deu­tet, was mei­ner Mei­nung nach die GEFAHR ist, NS-Schrif­ten rein werk­im­ma­nent zu le­sen – oh­ne Be­rück­sich­ti­gung ih­res hi­sto­ri­schen Kon­tex­tes. #35 von mir er­läu­tert dies an­hand ei­nes wei­te­ren Bei­spiels. So wie hier mit Gai­ser um­ge­gan­gen wird oder wer­den soll – da wä­re es dann doch bes­ser, man ver­schlös­se den NS-Gift­schrank. Denn die­ses Gift wirkt im­mer noch und wird ver­se­hent­lich ein­ge­nom­men, wenn man die Be­schrif­tung auf dem Fläsch­chen nicht le­sen kann oder will. Da­vor möch­te ich war­nen.

    5. »Mir geht es al­lein dar­um, dis­si­den­te Stim­men [be­zo­gen auf Gai­ser] nicht a prio­ri aus­zu­schlie­ßen, zu­min­dest nicht äs­the­tisch: Die Li­te­ra­tur be­steht auch aus den Her­vor­brin­gun­gen von du­bio­sen Men­schen [lies: Gai­ser] und so­gar Arsch­lö­chern [lies: Stei­ge­rung von Gai­ser]!« (en-pas­sant #13)

    Ich schrieb in #30: »@en-passant in #13 will auch Bü­cher von »Arsch­lö­chern« (al­so z.B. Goeb­bels) als Li­te­ra­tur gel­ten las­sen.«

    Sie schrei­ben, @Keuschnig, als Re­ak­ti­on auf mei­nen Satz: »Das steht nir­gend­wo und ist ei­ne dum­me und bös­ar­ti­ge Un­ter­stel­lung. In Zu­kunft wird so et­was un­sach­li­ches und de­nun­zia­to­ri­sches ge­löscht.«

    Das steht sinn­ge­mäß sehr wohl in #13, und es ist auch kei­ne Un­ter­stel­lung, son­dern er­gibt sich aus mei­ner Über­le­gung, daß »Goeb­bels« ei­ne be­grün­de­te Stei­ge­rung zu »Gai­ser« dar­stellt, vor al­lem, wenn Sie, @Keuschnig, Gai­ser als »ex­pres­sio­ni­stisch« emp­fin­den, na, da ist aber Goeb­bels »Mi­cha­el« so­was von und wahr­haft ex­pres­sio­ni­stisch, da fal­len Ih­nen beim Le­sen die Oh­ren ab, so wird da GEGRÖHLT.

    ICH ar­gu­men­tie­re hier im­mer sach­lich, @Keuschnig. SIE spre­chen mir ge­gen­über von »Plat­ti­tü­den«, weil das so schön zu mei­nem Na­men passt. Zwei­mal ha­be ich dies an­ge­merkt. Wol­len Sie da­zu nicht auch ein­mal was sa­gen? SIE müs­sen sich die Fra­ge ge­fal­len las­sen, was auf IHREM Blog ei­gent­lich für ei­ne Ge­sprächs­kul­tur herrscht. Das ha­be ich mir deut­lich an­ders vor­ge­stellt.

    Wenn Ih­nen oder den an­de­ren ir­gend­et­was nicht passt, dann bit­te deut­lich und klar aus­spre­chen. Die Din­ge beim Na­men nen­nen. Nicht um den hei­ßen Brei her­um­re­den, wie @en-passant, wo ein je­der sich sel­ber den­ken kann, was er un­ter mensch­li­chen »Arsch­lö­chern« – im Kon­text des Drit­ten Reichs – denn die­ses ist das The­ma – ver­steht, son­dern auch ein­mal die Arsch­lö­cher di­rekt beim Na­men nen­nen. Das läßt erst gar kei­ne Un­stim­mig­kei­ten auf­kom­men. Wenn aber doch, dann sind die Fron­ten we­nig­stens ge­klärt. Und es kann dann zu­min­dest an der Front ge­kämpft wer­den ... .

  40. @Michael Platt­ner
    Wenn Sie mei­ne Kom­men­ta­re hier häu­fi­ger le­sen, wer­den Sie fest­stel­len, dass ich kei­ne Scher­ze mit Na­men ma­che und das Wort »Plat­ti­tü­de« nicht als Spie­le­rei mit Ih­rem Na­men zu se­hen ist.

    Aber die­se Art des Tons stört mich ein­fach:
    Nicht um den hei­ßen Brei her­um­re­den, wie @en-passant, wo ein je­der sich sel­ber den­ken kann, was er un­ter mensch­li­chen »Arsch­lö­chern« – im Kon­text des Drit­ten Reichs – denn die­ses ist das The­ma – ver­steht, son­dern auch ein­mal die Arsch­lö­cher di­rekt beim Na­men nen­nen.
    Um das deut­lich zu sa­gen: Sie ver­ge­ben hier nicht die Kom­men­tar­richt­li­ni­en und for­dern an­de­re auf, sich deut­li­cher zu ar­ti­ku­lie­ren...

    Im üb­ri­gen hal­te ich die Ge­sprächs­kul­tur auf die­sem Blog für ziem­lich gut.

    Die grund­sätz­li­chen Punk­te ha­be ich un­ter #40 schon an­ge­ris­sen. Jeg­li­ches Jon­glie­ren mit Skan­da­li­sie­rungs-Me­ta­phern soll­te un­ter­blei­ben. Es wä­re m. E. sinn­voll, we­nig­stens die »ster­ben­de Jagd« zu le­sen.

  41. @Keuschnig, ja, die Dis­kus­si­on ist für mich noch nicht be­en­det. Et­was Ge­duld bit­te.

    Gut zu wis­sen, daß Sie mit mei­nem Na­men kei­nen Hum­bug trei­ben. Es bleibt den­noch der bit­te­re Ge­schmack der Ab­wer­tung mei­ner Per­son. Denn die Ar­gu­men­te des Blog­ga­stes als »Plat­ti­tü­den« ab­zu­tun, oh­ne sich über­haupt auf sie ein­zu­las­sen, ist kei­ne Gast­freund­lich­keit. @Norbert hat­te, glau­be ich, an an­de­rer Stel­le in Ih­rem Blog kei­ne Lust mehr, et­was zu Hand­ke zu schrei­ben.

    Wenn an­de­re sich nicht deut­lich aus­drücken (wol­len), mah­ne ich das als Ge­sprächs­teil­neh­mer an, ja­wohl. Wenn ich den an­de­ren nicht ver­ste­he und dar­über auch noch ein Streit ent­steht, dann sa­ge ich das, ja­wohl. Sie hät­ten mei­ne Be­grün­dung auch gleich zi­tie­ren kön­nen: »Das läßt erst gar kei­ne Un­stim­mig­kei­ten auf­kom­men. Wenn aber doch, dann sind die Fron­ten we­nig­stens ge­klärt. Und es kann dann zu­min­dest an der Front ge­kämpft wer­den … .«

    »Ster­ben­de Jagd« ist in mei­nem Ama­zon-Wunsch­zet­tel ge­spei­chert. In der Bi­blio­thek la­gert »Rei­ter im Him­mel« – ne­ben auf­schluß­rei­chen Stu­di­en, die sich die Mü­he ge­macht ha­ben, auch den 3.Reichs-Kram von Gai­ser aus­zu­wer­ten. Denn an die­se In­for­ma­tio­nen kä­me man aus er­ster Hand nur über auf­wän­di­ge und sehr teu­re Stand­ort- und Mi­kro­fi­che-Re­cher­che (Staats­bi­blio­thek Ber­lin und Li­te­ra­tur­ar­chiv Mar­bach u.a.).

  42. @Michael Platt­ner
    Mit den »Rei­tern im Him­mel« be­wei­sen Sie zu­nächst nichts, au­ßer, dass Gai­ser 1941 ein Na­zi war, was nie­mand be­strei­tet. Das hat mit sei­nen Bü­chern in den 1950er-Jah­ren nicht un­be­dingt et­was zu tun. Das war aber die Stoß­rich­tung mei­ner Aus­füh­run­gen. Wir dre­hen uns im Kreis.

  43. »Das hat mit sei­nen Bü­chern in den 1950er-Jah­ren nicht un­be­dingt [sic!] et­was zu tun.« (Keu­sch­nig #45)

    »Der Ge­dicht­band von 1941 wä­re im Zu­sam­men­hang mit dem Flie­ger­horst-Ro­man zu le­sen. Und das Ge­samt­werk im Ge­samt­kon­text von Gai­sers Hal­tung im [sic!] und nach [sic!] dem NS zu be­ur­tei­len. Da­zu müß­te aber die Hal­tung [VIELLEICHT bes­ser: Hal­tun­gEN – Plu­ral!] Gai­sers erst hi­sto­risch-so­zio­lo­gisch re­kon­stru­iert wer­den.« (Platt­ner #14)

    »Der Ge­dicht­band von ‘41 (auf ihn hät­te ich un­mit­tel­ba­ren Bi­blio­theks­zu­griff) und der Flie­ger-Ro­man sind al­lein schon sti­li­stisch und the­ma­tisch auf­ein­an­der be­zo­gen. Ich sprach ja von Ly­ris­men im Ro­man. Ich will nichts fest­stel­len, aber ich wür­de un­ter­su­chen wol­len. Der Ge­dicht­band ist mir ei­gent­lich Be­kennt­nis ge­nug. Mich wür­de aber in­ter­es­sie­ren, in­wie­weit [sic! = NICHT zwangs­läu­fig!] Gai­ser sei­ner To­p­ik und Spra­che treu bleibt.« (Platt­ner #16)

  44. Sor­ry, 4 x »sic!« ist mir zu­viel. Ich ma­che hier erst ein­mal die Kom­men­ta­re dicht. Viel­leicht än­de­re ich das spä­ter wie­der, wenn sich die Ge­mü­ter be­ru­higt ha­ben.

  45. Spä­ter und viel­leicht et­was mehr Ru­he: Gai­ser hat mit der ster­ben­den Jagd ein Buch oh­ne greif­ba­re Hand­lung, oh­ne zen­tra­le, in ei­nem Fo­kus von Auf­merk­sam­keit ste­hen­de Cha­rak­te­re, oh­ne ei­nen be­stimm­ten, durch die Hand­lung her­vor­ge­ho­be­nen Ort, ge­schrie­ben. Er er­zählt ei­nen fik­ti­ven Aus­schnitt des zwei­ten Welt­kriegs, der nach dem Ab­schluss des Buchs noch wei­ter an­dau­ert (et­wa ein knap­pes Jahr schät­ze ich) – es spielt an ver­schie­de­nen, be­nach­bar­ten Flug­plät­zen, in den Un­ter­künf­ten der Pi­lo­ten, in der Luft, den Ma­schi­nen... Vie­les tritt wie ne­ben­her und doch wie­der deut­lich in den han­deln­den Per­so­nen, Dia­lo­gen und Sze­nen in Er­schei­nung und be­schäf­tigt den Le­ser, der ei­ne Ant­wort selbst fin­den muss: Fra­gen um Eh­re, Rit­ter­lich­keit, Ge­rech­tig­keit (gleich­gül­ti­ges und be­lie­bi­ges Tö­ten von Un­be­waff­ne­ten), die Un­fä­hig­keit der obe­ren Füh­rung, fa­ta­le Er­ge­bung in den Füh­rer­wil­len, Sinn­haf­tig­keit des Kriegs, die Fra­ge nach der An­we­sen­heit von Gott und dem We­sen des Men­schen (wo­her kommt das Bö­se – »im Kel­ler die Be­sti­en«).

    Der Krieg er­scheint fast schick­sal­haft als Hin­ter­grund, der die Hand­lun­gen und den All­tag der Men­schen be­stimmt – wie auch im­mer ge­dacht und ge­han­delt wird, er wird auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se hin­ge­nom­men, aber durch­aus nicht be­ja­hend. In­ter­es­sant das Auf­tre­ten von Frens­sen, fast könn­te man sa­gen ei­ner Licht­ge­stalt, ein Hei­li­ger, noch groß ge­wor­den in ei­ner an­de­ren Welt (?) und dem man das an­sieht, aber selbst er bleibt in das Ge­sche­hen ein­ge­bun­den und wird un­ter ge­hen (ja, war­um macht er kei­nen Ver­such »aus­zu­bre­chen«?). Das Schluss­bild möch­te ich fast fürch­ter­lich nen­nen, ob­wohl mit we­ni­gen Stri­chen ge­zeich­net.

    Der Geg­ner der deut­schen Jagd­flie­ger bleibt, nur ein ein­zi­ges Mal tritt ein ab­ge­sprun­ge­ner Bord­schüt­ze ei­nes Bom­bers in Er­schei­nung, ge­sichts­los, we­der idea­li­siert noch dä­mo­ni­siert – tat­säch­lich ist die Geg­ner­schaft nicht das The­ma des Buchs, eher das Schei­tern der Ein­zel­nen, ih­re Hal­tung im Krieg, al­so eher exi­sten­zi­el­le Be­lan­ge.

    Die Spra­che er­scheint manch­mal schlank, dann wie­der, wie Du schon schriebst, »ex­pres­sio­ni­stisch«, vor al­lem in den Be­schrei­bun­gen der Land­schaft oder der Luft­kämp­fe. Ex­zes­si­ve Ge­walt­dar­stel­lun­gen gibt es kei­ne, trotz­dem er­scheint kein Tod als leicht­fer­tig oder un­be­deu­tend.

    So weit ein­mal. Al­ler­dings gibt es noch ei­ni­ge Stel­len auf die es sich loh­nen wür­de, noch se­pa­rat ein­zu­ge­hen. Ganz an­ders ha­be ich üb­ri­gens z.B. Jün­gers Stahl­ge­wit­ter in Er­in­ne­rung.

  46. Hi­sto­ri­sches Vor­bild des Ober­sten Frens­sen ist üb­ri­gens Gün­ther Lüt­zow, des­sen hoch­in­ter­es­san­te Bio­gra­phie un­ter dem Ti­tel »Gott oder ein Flug­zeug« im Neun­und­zwan­zigS­echs Ver­lag er­schie­nen ist. Ich er­lau­be mir (als der plum­per Schleich­wer­bung si­cher­lich un­ver­däch­ti­ge Mann im Ma­schi­nen­raum die­ses Blogs) hier ei­nen emp­feh­len­den Hin­weis auch auf die an­de­ren Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen die­ses Hau­ses, die al­le­samt ei­ne sehr loh­nens­wer­te Lek­tü­re für zeitgeschicht­lich In­ter­es­sier­te dar­stel­len und so gar nichts mit den hel­den­ver­eh­ren­den Land­ser-Ge­schich­ten be­kann­ter Mach­art zu tun ha­ben. Die auf der ver­link­ten Ver­lags-Home­page ver­füg­ba­ren Le­se­pro­ben be­le­gen das hin­läng­lich.

  47. Lei­der funk­tio­nie­ren wohl die Links, die ich im Es­say ge­setzt hat­te, nicht. Dort hat­te ich näm­lich auf Gün­ther Lüt­zow hin­ge­wie­sen; jetzt hat Ralph dies dan­kens­wer­ter Wei­se nach­ge­holt.

    Tat­säch­lich ist die »ster­ben­de Jagd« fast dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt zu Jün­gers Stahl­ge­wit­tern. Der »Ari­sto­krat« (Sart­re) Jün­ger schil­dert haut­nah den Stel­lungs­krieg und ver­sucht sei­ne »rit­ter­li­che« Form des Krie­ges – Mann ge­gen Mann – im Zei­chen der fort­schrei­ten­den Tech­ni­sie­rung zu »ret­ten« bzw. als ver­geb­lich dar­zu­stel­len. Da­bei ist sein Blick em­pa­thie­los, fast re­por­ter­haft – was dann am En­de fast schon zeit­ge­schicht­li­chen Cha­rak­ter be­kommt. Tat­säch­li­che Li­te­ra­tur ist das kaum.

    Gai­sers Sicht ist ei­ne an­de­re. Sei­ne Fi­gu­ren ha­ben Brü­che hin­ter sich und sind des­il­lu­sio­niert (ver­mut­lich wie er sel­ber).

    Bei­de Au­toren eint höch­stens, dass sie die mo­ra­lin­saure Sicht, die in der Li­te­ra­tur­re­zep­ti­on im­mer mehr Über­hand ge­winnt, nicht prak­ti­ziert ha­ben.

  48. @Ralph Sten­zel
    Dan­ke für den Hin­weis. Mir war beim Le­sen klar, dass es ein Vor­bild ge­ge­ben ha­ben muss­te, nur kam ich nicht da­hin­ter wer das war.

    @Gregor
    Der Link auf die Wi­ki­pe­dia funk­tio­niert tat­säch­lich nicht (ich hat­te vor dem Schrei­ben mei­nes Kom­men­tars al­ler­dings nicht noch ein­mal nach­ge­le­sen).

    Noch ein Un­ter­schied scheint zwi­schen Gai­ser und Jün­ger zu be­stehen: Letz­te­rem geht es um den Kampf bzw. das Er­le­ben des Kamp­fes – bei Gai­ser ist das kein The­ma.

  49. Zwei klei­ne Vor­sichts-Be­mer­kun­gen.

    Zum er­sten be­steht wohl ei­ne ge­wis­se An­leh­nung an Gün­ther Lüt­zow, wenn­gleich vor ei­ner Gleich­set­zung zu war­nen ist (das hat­te Ralph al­ler­dings auch nicht be­haup­tet). Mei­nen In­for­ma­tio­nen nach war Gai­ser – wie Lüt­zow – im Krieg auch in Ita­li­en sta­tio­niert. Al­lei­ne da­her er­ge­ben sich schon mo­ti­vi­sche Über­ein­stim­mun­gen.

    Zum an­de­ren glau­be ich nicht, dass Gai­ser das Er­le­ben des Kamp­fes nicht ent­spre­chend the­ma­ti­siert. Da­zu fin­den sich zu vie­le Schil­de­run­gen von Flie­ger-Ein­zel­hei­ten (bis hin­ein in das Jar­gon, was nach­zu­schla­gen ist). Tat­säch­lich ist Gai­ser aber eher be­müht die Fol­gen des Krie­ges bei sei­nen Haupt­fi­gu­ren zu re­flek­tie­ren. Da­von ist m. W. bei Jün­ger über­haupt nicht die Re­de (vgl. hier­zu: Ernst Jün­ger: »Der Kampf als in­ne­res Er­leb­nis«, 1926 – on­line zu le­sen oder als pdf.)

  50. Hm, so hat­te ich es auch nicht auf­ge­fasst – Lüt­zow war wohl ei­ne An­re­gung oder In­spi­ra­ti­ons­quel­le für Gai­ser.

    Jün­gers Stahl­ge­wit­ter sind aus der Ich-Per­spek­ti­ve ge­schrie­ben, die ster­ben­de Jagd nicht, da hat der Au­tor an­de­re Mög­lich­kei­ten sub­jek­ti­ves Er­le­ben dar­zu­stel­len und so weit ich mich er­in­ne­re nutzt Jün­ger die auch (ich ha­be die Stahl­ge­wit­ter nur ge­ra­de nicht zu Hand). Das »nicht« war wohl zu stark, aber das sub­jek­ti­ve Er­le­ben wäh­rend des Kamp­fes (nicht sei­ne Fol­gen), spielt m.E. bei Gai­ser kei­ne au­ßer­or­dent­li­che Rol­le.

  51. Et­was aus­führ­li­cher zum oben an­ge­spro­che­nen Er­le­ben wäh­rend des Kamp­fes bei Jün­ger (»In Stahl­ge­wit­tern«) und Gai­ser (»Die ster­ben­de Jagd«). Ich fin­de bei Jün­ger ein Ele­ment, das bei Gai­ser fehlt, das er viel­leicht nicht kann­te oder ihn nicht in­ter­es­siert hat (im­mer­hin war Jün­ger In­fan­te­rist im er­sten Welt­krieg und Gai­ser Jagd­flie­ger im zwei­ten). Die The­ma­ti­sie­rung bei Jün­ger ist durch­aus »ver­dienst­voll«, weil sie even­tu­ell (mit)erklären könn­te, was – trotz al­lem Grau­en – am Krieg zu be­gei­stern ver­mag oder was ihn be­glei­tet und Be­gei­ste­rung her­vor­ruft (wenn man so et­was ein­mal an­nimmt). Ich wür­de es als ei­ne Art Akt von Tran­szen­denz be­schrei­ben, ex­ta­tisch, ein Po­si­ti­vum, das plötz­lich in Mit­ten von Leid und Grau­en auf­taucht (viel­leicht schim­mert auch das im Wort vom kämp­fen­den Herz auf).

    Ein paar Stel­len (die Aus­wahl er­folg­te bei bei­den Au­toren nicht sy­ste­ma­tisch), zu­erst bei Jün­ger, dann bei Gai­ser:

    »Nun hat­te es mich end­lich er­wischt. Gleich­zei­tig mit der Wahr­neh­mung des Tref­fers fühl­te ich, wie das Ge­schoß ins Le­ben schnitt. Schon an der Stra­ße vor Mo­ry hat­te ich die Hand des To­des ge­spürt – dies­mal griff er fe­ster und deut­li­cher zu. Als ich schwer auf die Soh­le des Gra­bens schlug, hat­te ich die Über­zeu­gung, daß es un­wi­der­ruf­lich zu En­de war. Und selt­sa­mer­wei­se ge­hör­te die­ser Au­gen­blick zu den ganz we­ni­gen, von de­nen ich sa­gen kann, daß sie wirk­lich glück­lich ge­we­sen sind. In ihm be­griff ich, wie durch ei­nen Blitz er­leuch­tet, mein Le­ben in sei­ner in­ner­sten Ge­stalt. Ich spür­te ein un­gläu­bi­ges Er­stau­nen dar­über, daß es ge­ra­de hier zu En­de sein soll­te, aber die­ses Er­stau­nen war von ei­ner sehr hei­te­ren Art. Dann hör­te ich das Feu­er im­mer schwä­cher wer­den, als sän­ke ich wie ein Stein tief un­ter die Ober­flä­che ei­nes brau­sen­den Was­sers hin­ab. Dort war we­der Krieg noch Feind­schaft mehr. « (In Stahl­ge­wit­tern, Klett-Cot­ta, 2007, S 316–317)

    »Die ha­sti­gen Be­we­gun­gen trie­ben das Blut in hel­len Schlä­gen aus der Lun­ge. Ich konn­te frei­er at­men und be­gann, an dem Gra­ben­stück ent­lang zu lau­fen. [...] Der gro­ße Blut­ver­lust gab mir die Frei­heit und Leich­tig­keit ei­nes Rau­sches, mich be­un­ru­hig­te nur der Ge­dan­ke, zu früh zu­sam­men­zu­bre­chen.« (In Stahl­ge­wit­tern, Klett-Cot­ta, 2007, S 320–321)

    »Das ging al­les sehr schnell, die Ge­schwin­dig­kei­ten fra­ßen ein­an­der weg, Feu­er­schlä­ge, auf­rei­ßen­de Lich­ter vor­ne und rechts und links, Licht­ge­stö­ber, Licht­stö­ße oben und un­ten; wie in der Schmie­de, in der brül­len­den Schmie­de mit­ten dar­in, sie fie­len und lie­ßen sich fal­len, zer­sto­ben wie Fun­ken im Sturm, kei­ner sah mehr den an­de­ren, zwei schleif­ten wei­ße Fah­nen, Lutz sel­ber brann­te, ei­ne Flam­me leck­te an ihn an war weg wie ein­ge­haucht, dann spie es wie­der, spie wie Flam­menge­blä­se und ruß­te ihn an. So­fort schoß er die Ka­bi­e­nen­hau­be ab, riß Hau­be und Gur­ten auf und wand sich halb er­stickt auf den Bord­rand.
    Der Fahrt­wind um­schlang ihn brül­lend, feg­te ihn ab, nahm Atem, es gur­gel­te in sei­ner Keh­le und schnitt ins Ge­därm, sei­ne Hän­de wehr­ten sich, sie ka­men nicht nach, dum­me Hän­de, die sich wehr­ten und nicht los­lie­ßen, wo es dar­auf an­kam los­zu­las­sen; dann war der Druck mäch­ti­ger und leg­te ihn um. Ei­ne Schwin­ge schoß an ihm vor­bei, ein furcht­ba­rer Streich, der ihn fehl­te. Dann er selbst ein Bün­del in der Luft, schlen­kernd, den Mund voll Druck, und dann krampf­haft die Bei­ne an­ge­krümmt wie ein Kind in der Mut­ter , ein Kind in der gro­ßen Mu­schel, kopp­he­ister und noch ein­mal hei, noch ein­mal him­me­l­an und auf und hin­an zu der lu­sti­gen Er­de mit dem dicken Kopf schwap­pend voll Blut und den flie­ßen­den Au­gen, mit dem Salz­was­ser die Wan­gen her­ab, him­me­l­an und die himm­li­schen Heer­scha­ren auch da­bei, Frie­de auf Er­den und al­len die gu­ten Wil­lens sind. Den Men­schen ein Wohl­ge­fal­len, die Er­de so weit und so lu­stig grün. « (Die ster­ben­de Jagd, Carl Han­ser, 1989, S 134)

  52. Ich ha­be vor Jah­ren die glei­che – höchst ein­drucks­vol­le – Pas­sa­ge aus Gai­ers »Ster­ben­der Jagd« et­was aus­führ­li­cher zi­tiert. Was mich seit je­her ver­wun­dert hat, ist die recht un­ge­wöhn­li­che Schreib­wei­se von »Gur­ten« als Plu­ral von (Anschnall-)Gurt: In man­chen Aus­ga­ben steht »Gur­te«, in an­de­ren »Gur­ten«. Wür­de mich in­ter­es­sie­ren, was da­von Gai­ser, was ba­na­ler Tipp­feh­ler und was Lek­to­ren-Kor­ri­gat ist. Die »Ka­bi­e­nen­hau­be« in­des gibts nur bei me­tep­si­lo­n­e­ma. ;-)

  53. Ja, ein me­te-Lap­sus (pein­lich, aber wahr). Über »Gur­ten« ha­be ich mich auch ge­wun­dert.

    In­halt­lich gilt es, zu­wei­len kri­ti­sche Di­stanz zu wah­ren! Wel­che Stel­len (In­hal­te) sind da ge­meint?

  54. So sehr ich die Gaiser’sche Spra­che gou­tie­re: Sie sug­ge­riert, der Krieg wä­re deut­scher­seits über­wie­gend von li­te­ra­risch, phi­lo­so­phisch und hi­sto­risch ge­bil­de­ten Fein­gei­stern aus­ge­tra­gen wor­den. Si­cher­lich ist man als Jagd­flie­ger in der Luft­waffe di­stan­zier­ter vom Grau­en auf der Er­de ge­we­sen und das Flie­gen an sich dürf­te im Wort­sin­ne »er­he­ben­der« und äs­the­tisch be­we­gen­der sein als das Rob­ben im Schlamm un­ter Ar­til­le­rie­be­schuß. Gleich­wohl er­fährt das Schlach­ten bei Gai­ser ei­ne ge­wis­se Ver­klä­rung, die sich nicht nach­voll­zie­hen läßt, wenn man beispiels­weise die Zeit­zeu­gen­be­rich­te im »Echo­lot« von Wal­ter Kem­pow­ski liest. Wo­bei da die Luft­waf­fe lei­der un­ter­re­prä­sen­tiert ist.

    Aber um kon­kre­te Stel­len zu er­wäh­nen, an de­nen kri­ti­sche Di­stanz an­ge­bracht ist: Wäh­rend ei­ner­seits ein »flie­gen­der Rit­ter« auf deut­scher Sei­te hofft, die Be­sat­zung des von ihm so­eben ab­ge­schos­sen­sen feind­li­chen Bom­bers mö­ge jetzt bit­te­schön aus­stei­gen, bie­tet Gai­ser an­de­rer­seits im um­ge­kehr­ten Fall, der »Aus­rot­tung des Ober­fähn­richs von Schwer­senz« gleich zwei ame­ri­ka­ni­sche Jagd­flie­ger auf, um dem not­ge­lan­de­ten, au­ßer Ge­fecht ge­setz­ten, hilf­lo­sen und schwer­ver­wun­de­ten deut­schen Jagd­flie­ger den Rest zu ge­ben. Nach­zu­le­sen bei Rein­hold Grimm, der be­haup­tet, daß dar­in Sy­stem liegt und kein Zu­fall: »Die­ser und der vor­her­ge­hen­de Text sind in be­wuß­ter Ge­gen­über­stel­lung auf­ein­an­der be­zo­gen; zu­sam­men, kein Zwei­fel, ent­hül­len sie mit je­der nur wünsch­ba­ren Deut­lich­keit das Gai­ser­sche Ver­fah­ren und die ihm zu­grun­de lie­gen­de Ideo­lo­gie: das ab­sto­ßen­de, völ­lig un­ritterliche Feind­bild und das er­he­ben­de, ja er­bau­li­che und ma­kel­los rit­ter­li­che Ei­gen­bild. ‘Wir Deut­schen sind doch bes­se­re Men­schen’, ist man ver­sucht, hier so fin­ster wie un­se­li­ger­wei­se ganz und gar an­ge­bracht zu scher­zen.« [1]

    Ich ge­be zu, die­se per­spek­ti­vi­schen Un­ter­schie­de selbst nicht auf An­hieb be­merkt zu ha­ben, sie sind ja auch vir­tu­os aus­ge­ar­bei­tet und kom­men nicht im Stil dump­fer Pro­pa­gan­da da­her. Aber wi­der­spre­chen wird man der Ana­ly­se von Herrn Grimm schwer­lich kön­nen...

    [1] Grimm, Rein­hold: Gerd Gai­sers Rei­ter am Him­mel – Be­mer­kun­gen zu sei­nem Ro­man Die ster­ben­de Jagd. Am­ster­da­mer Bei­trä­ge zur neue­ren Ger­ma­ni­stik, SCHULD UND SÜHNE? Kriegs­er­leb­nis und Kriegs­deu­tung in deut­schen Me­di­en der Nach­kriegs­zeit (1945–1961) In­ter­na­tio­na­le Kon­fe­renz vom 01.–04.09.1999 in Ber­lin. HEUKENKAMP, Ur­su­la (Hrsg.) , pp. 21–33(13)

  55. Jün­ger hat­te ei­ne eher »ari­sto­kra­ti­sche« Sicht (Dö­b­lin) auf den Krieg. Ei­ner­seits war er für ihn ein Kon­ti­nu­um im »Kampf« der Völ­ker (fast so et­was wie ei­ne an­thro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te, die ei­nem be­stimm­ten Zweck zu die­nen hat) – an­de­rer­seits wur­de er ver­klärt als ei­ne be­stimm­te Form von Schu­le für den Ein­zel­nen. Krieg be­griff Jün­ger als he­roi­schen Kampf, der vom ei­gent­li­chen Sub­jekt los­ge­löst ist. So blie­ben feind­li­che Sol­da­ten bei Jün­ger im­mer Men­schen (mit ent­spre­chen­den Schick­sa­len); sie wur­den nur be­grif­fen als An­ge­hö­ri­ge ei­ner En­ti­tät, mit der man sich mes­sen muss­te. Die­se Sicht ging min­de­stens bis weit in die 1920er Jah­re hin­ein (s. »Der Kampf als in­ne­res Er­leb­nis«, 1926 – on­line zu le­sen oder als pdf). Sol­da­ten wa­ren Kampf­hand­wer­ker, die man au­ßer­halb des Schlacht­fel­des als »nor­ma­le« mensch­li­che We­sen wahr­neh­men muss­te. In den »Stahl­ge­wit­tern« (und auch spä­ter) schil­der­te Jün­ger mit sei­ner sprich­wört­li­chen Käl­te die Kriegs­er­leb­nis­se im Schüt­zen­gra­ben (Tod an­de­rer Sol­da­ten; ei­ge­ne Ver­wun­dun­gen; die ka­ta­stro­pha­len hy­gie­ni­schen Zu­stän­de) und adel­te sie als et­was Be­son­de­res. Krieg um­fass­te er als ei­ne Art Prü­fung für ein Volk (oder ei­ne Na­ti­on) und da­durch als le­gi­ti­mes Mit­tel po­li­ti­schen Han­dels. Im o. e. Text gei­ßelt Jün­ger die pa­zi­fi­sti­schen Ten­den­zen in der Ge­sell­schaft – sie ste­hen na­tür­lich im Wi­der­spruch zu sei­ner Leh­re von der Aus­le­se, die der Krieg vor­nimmt. Der Sol­dat sel­ber ist in die­sem po­li­ti­schen Pro­zess nicht ein­ge­bun­den, d. h. er hat nur zu fol­gen. Das »ari­sto­kra­ti­sche« dar­an ist die Vor­stel­lung ei­nes rit­ter­li­chen Kamp­fes Mann ge­gen Mann. Dass be­reits der Er­ste Welt­krieg ei­ne Ma­te­ri­al­schlacht war, hat Jün­ger na­tür­lich am ei­ge­nen Leib er­lebt; sei­ne Vor­stel­lun­gen wa­ren da­mals schon ver­al­tet.

    In Gai­sers »ster­ben­der Jagd« sind die Prot­ago­ni­sten vom Krieg des­il­lu­sio­niert. In der Luft­waf­fe ist viel­leicht das Jün­ger­sche Ide­al noch am ehe­sten ver­wirk­licht – Gai­ser schil­dert ja die Luft­kämp­fe Flie­ger ge­gen Flie­ger durch­aus em­pha­tisch. Ei­ne Fas­zi­na­ti­on, die üb­ri­gens auch in der Pop-Kul­tur im­mer wie­der mal her­aus­bricht, wie hier in ei­ne ver­blüf­fen­de An­spie­lung auf den »Ro­ten Ba­ron«.

    Bei Gai­ser wird der Krieg gleich­zei­tig aber als hoff­nungs­los und ver­lo­ren emp­fun­den. Im Es­say ha­be ich die­se Stel­len teil­wei­se zi­tiert. Es wird so­gar die Eh­re – ein Be­griff, der von den Na­zis voll­kom­men per­ver­tiert wur­de – als scha­le, ja lä­cher­li­che Flos­kel dar­ge­stellt. Zwar strickt Gai­ser ein biss­chen an der Mär des »miß­brauch­ten« Sol­da­ten mit, aber im Ge­gen­satz zu Jün­ger ver­sucht er das Dä­mo­ni­sche im Men­schen, dass ihn krie­ge­ri­sche Ak­te wil­lig aus­füh­ren lässt, we­nig­stens er­ahn­bar zu ma­chen und nicht als Kampf­ide­al zu über­hö­hen. Die »po­li­ti­sche Fra­ge«, d. h. nach der Le­gi­ti­ma­ti­on, stellt Gai­ser ge­nau so we­nig wie Jün­ger.

    Grimms Ein­wand, Gai­sers Welt­bild zei­ge sich dar­in, dass es zwei­er »feind­li­cher« Flie­ger be­darf um ei­nen Deut­schen ab­zu­schie­ssen, hal­te ich – mit Ver­laub – für lä­cher­lich. (Über den Be­griff der »Aus­rot­tung« hat­te ich auch ei­ne Theo­rie an­ge­bo­ten – ei­ne Rot­te ist ei­ne For­ma­ti­on; »Aus­rot­tung« kann man le­sen als Ver­such, den deut­schen Flie­ger aus der Flug­rot­te zu trei­ben.)

  56. @Ralph Sten­zel

    Ich wun­de­re mich, weil ich da ei­ni­ges an­ders in Er­in­ne­rung ha­be (oder an­ders las).

    Die Flie­ger (und ich wür­de sa­gen die Jagd­pi­lo­ten im Be­son­de­ren) nah­men ei­ne Art »Eli­te­sta­tus« ein, war­um auch im­mer, be­rech­tigt oder un­be­rech­tigt und ich ver­mu­te das ent­sprach ih­rem Selbst­ver­ständ­nis; Gai­ser hat das ver­mut­lich ähn­lich er­lebt und er­zählt es. Nun könn­te man ihm Un­re­flek­tiert­heit vor­wer­fen, wenn er da nicht ein paar Ge­gen­sät­ze ein­ge­floch­ten hät­te (viel­leicht gibt es meh­re­re, mir fal­len zwei auf An­hieb ein): 1) Die Pi­lo­ten sau­fen, rau­chen und be­neh­men sich wie klei­ne Kin­der (Gai­ser be­schreibt das im­mer wie­der). 2) Ei­ner der Cha­rak­te­re (Schwer­senz) ver­kör­pert die­ses rit­ter­li­che Ide­al, er glaubt an es und Gai­ser de­kon­stru­iert es: Schwer­senz be­rich­tet sei­nem Vor­ge­setz­ten über ei­nen Vor­fall bei dem ein Un­be­waff­ne­ter von ei­nem deut­schen In­fan­te­ri­sten in ei­nem Ge­fan­ge­nen­la­ger wahl­los er­schos­sen wur­de (Gai­ser lässt es hier in kei­ner Wei­se an Deut­lich­keit feh­len und man kann an­neh­men, dass die­se Stel­le Sym­bol­cha­rak­ter hat); der Vor­ge­setz­te will die Be­schwer­de von Schwer­senz nicht wei­ter lei­ten, of­fen­bar weil er ei­nen nüch­ter­ne­ren Blick auf das Ver­hal­ten der Sol­da­ten hat (das wird in dem er­zähl­ten Ge­spräch der bei­den deut­lich – ich zi­tie­re die Stel­len bei Be­darf ger­ne); und am En­de ist es ge­nau die­ser Schwer­senz, dem ein rit­ter­li­cher Tod nicht zu­teil wird: Bruch­ge­lan­det, wird er von zwei Al­li­ier­ten Jä­gern am Bo­den in Brand ge­schos­sen, er ist im Au­gen­blick sei­nes To­des in der Rea­li­tät des Krie­ges an­ge­kom­men. Ich emp­fin­de das al­les als deut­lich, al­ler­dings ist es in der Er­zäh­lung ein­ge­floch­ten, man muss es auf­spü­ren und zu­sam­men­set­zen.

    Am Ran­de noch: Zur Zeit der Er­zäh­lung war die Luft­über­le­gen­heit der Al­li­ier­ten für die deut­sche Jagd be­reits of­fen­sicht­lich, was Gai­ser im­mer wie­der an­deu­tet: War­um sol­len es al­so nicht zwei Al­li­ier­te Jä­ger ge­we­sen sein?

    Ei­nes Kom­men­tars zu Grimm ent­hal­te ich mich, bis ich sei­nen Text ge­le­sen ha­be.

  57. Man kann über­le­gen, ob die bei­den al­li­ier­ten Jä­ger nicht ein Stil­mit­tel sind, um die Un­rit­ter­lich­keit von Schwer­senz’ Tod (nicht: die sei­ner Geg­ner) zu un­ter­strei­chen: Hier wird ei­ner, der am Bo­den liegt, von zwei an­de­ren be­schos­sen, de­nen das, wenn wir ih­re Flug­be­we­gun­gen »über­set­zen« auch noch Spaß be­rei­tet. Hier wird al­les Ed­le am Krieg ent­larvt.

    Und doch gibt es wie­der Stel­len, die ei­ne ge­wis­se Fas­zi­na­ti­on des Kamp­fes trans­por­tie­ren – was wä­re, wenn es die tat­säch­lich gibt? Müss­te man sie nicht aus­spre­chen?

  58. So sehr mich das The­ma in­ter­es­siert, ich kann der­zeit wohl nichts Re­le­van­tes zur Dis­kus­si­on bei­tra­gen, denn wie­wohl ich »Die ster­ben­de Jagd« mehr­fach und auch et­li­ches an Se­kun­där­li­te­ra­tur ge­le­sen ha­be, so liegt all das schon Jah­re zu­rück und ist mir nicht mehr im De­tail prä­sent. Na­tür­lich fin­de ich auch, daß Gai­ser ei­gent­lich al­les ge­schil­dert und nichts ver­schwie­gen hat, bis hin zur wahl­lo­sen und willkürli­chen (und kriegs­rechts­wid­ri­gen) Tö­tung Ge­fan­ge­ner. Was man ihm viel­leicht an­kreiden kann, ist die sprach­li­che Äs­the­ti­sie­rung auch bar­ba­ri­scher Ak­te wie die­sem Mord an ei­neem Ge­fan­ge­nem, bei dem er An­lei­hen am Jä­ger­jar­gon nimmt (das Op­fer »zeich­net«, wenn ich mich recht er­in­ne­re). Und die­se äs­the­ti­sche Über­höhung (die mich recht­ver­stan­den durch­aus fas­zi­niert) zieht sich ja durch das ge­sam­te Buch (und auch an­de­re Wer­ke Gai­sers). Als jun­ger Le­ser ließ ich mich da­von hin­rei­ßen, heu­te fra­ge ich mich, ob die Stil­mit­tel dem The­ma an­ge­mes­sen sind. Aber wie ein­gangs for­mu­liert, ei­ne de­zi­dier­te Mei­nung da­zu wür­de ich mir nur nach er­neu­ter Lek­tü­re an­ma­ßen...

    P.S.: Frei­lich müß­te man auch die Fas­zi­na­ti­on am Grau­sa­men und über­haupt al­les an­spre­chen kön­nen. Die Kri­tik von Grimm zielt m.E. dar­auf ab, daß die Rollen­verteilung bei Gai­ser (an­geb­lich) recht sub­til im­mer dem Sche­ma Deut­sche = gut, Allier­te = nie­der­träch­tig folgt.

  59. Grimms Her­an­ge­hens­wei­se an den Ro­man ist ent­täu­schend; er ver­sucht nicht ein­mal im An­satz die zi­tier­ten und be­män­gel­ten Pas­sa­gen in den Kon­text und die Kon­zep­ti­on des Werks zu­stel­len, es so­zu­sa­gen von »in­nen« zu le­sen, ge­schwei­ge denn an­de­re Le­se­rich­tun­gen zu ver­su­chen: Al­les steht von Be­ginn an fest.

    Er un­ter­schei­det nicht ein­mal, ob der Er­zäh­ler oder ei­ne Ro­man­fi­gur (Schwer­senz) von »zeich­nen« spricht (letz­te­res ist der Fall) oder von 10 000 To­ten in ei­ner deut­schen Stadt pro Nacht. Was soll man von so ei­nem Kri­ti­ker hal­ten?

    Gai­ser hät­te die deut­schen Jagd­flie­ger in ein schlech­te­res Licht stel­len kön­nen (die La­ger­sze­ne aber durch­bricht die Rol­len­ver­tei­lung von »deutsch« gleich »gut« und »al­li­iert« gleich »bö­se«), als er es tat; die­se Fra­ge wä­re im Rah­men des Ro­mans, d.h. sei­ner Kon­zep­ti­on zu be­ant­wor­ten (ich glau­be nur, dass er da nicht vie­le Mög­lich­kei­ten hat­te, da Deutsch­land längst in die De­fen­si­ve ge­drängt war, er hat­te sich für des­il­lu­sio­nier­te Cha­rak­te­re ent­schie­den, da­her schei­det aus, sie gleich­zei­tig als Fa­na­ti­ker zu zeich­nen; eben­so kom­men An­grif­fe auf Zi­vi­li­sten nicht in Be­tracht, die Jä­ger hat­ten die Auf­ga­be Bom­ber­ver­bän­de ab­zu­fan­gen, man war längst, wie ge­sagt, in die De­fen­si­ve ge­drängt – Gai­ser hät­te ei­nen deut­schen Pi­lo­ten al­li­ier­te Fall­schir­me be­schie­ßen las­sen kön­nen, das ist ziem­lich das Ein­zi­ge, das mir ein­fällt; an­de­rer­seits spricht Kreys­ler, glau­be ich, ein­mal da­von, dass es die wirk­sam­ste Me­tho­de wä­re, ein Flug­zeug ab­zu­schie­ßen, der Be­sat­zung das Hirn her­aus­zu­bla­sen – ich weiß nicht, ein we­nig selt­sam er­schei­nen mir sol­che For­de­run­gen, zu­mal es ei­ne ein­zi­ge Stel­le gibt, die al­li­ier­te Pi­lo­ten in ein schlech­tes Licht stellt und für die­se Stel­le las­sen sich auch an­de­re Deu­tun­gen fin­den, sie­he oben).

    Die schick­sal­haf­te Ge­bun­den­heit der Cha­rak­te­re, die Gre­gor schon er­wähnt hat, wä­re ei­ne Dis­kus­si­on wert ge­we­sen, aber das über­sieht Grimm.

    Was ich aber nach­voll­zie­hen kann, ist, dass sich manch ei­ner, ge­ra­de in der Nach­kriegs­zeit, wer­ten­de­re, ein­deu­ti­ge­re Sicht­wei­sen ge­wun­schen hät­te.

  60. Dan­ke, ei­ne in­ter­es­san­te Dar­stel­lung.

    Das my­tho­lo­gi­sche Ele­ment bei Gai­ser, das der Au­tor er­wähnt, könn­te sich in der Schick­sals­er­ge­ben­heit der Cha­rak­te­re der ster­ben­den Jagd spie­geln; oder aber es war tat­säch­lich bei vie­len da­mals prä­sent.

    Mir scheint fast, dass das was Gai­ser in der ster­ben­den Jagd zwar un­ver­kenn­bar an­deu­tet, aber nicht deut­lich beim Na­men nennt (Ver­bre­chen im Osten, Exi­stenz von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, die An­kla­ge des Füh­rers), so tat­säch­lich bei vie­len Zeit­ge­nos­sen auf­tauch­te: Man wuss­te et­was, woll­te nicht mehr wis­sen, nicht han­deln bzw. recht­fer­tig­te man es mit dem Leid, das man sel­ber er­dul­den muss­te. – Es ist fast irr­wit­zig, aber es scheint egal zu sein, ob das Gai­sers An­sich­ten wa­ren oder ob er es »bloß« dar­zu­stel­len be­ab­sich­tig­te, man kann es durch die Of­fen­heit des Tex­tes in die­ser Rich­tung zu le­sen.