Ma­nue­la Fu­el­le: Fen­ster auf, Fen­ster zu

Manuela Fuelle: Fenster auf, Fenster zu

Ma­nue­la Fu­el­le:
Fen­ster auf, Fen­ster zu


An­fangs denkt man es geht um Wal­ter, Elas Va­ter. Der Va­ter, der »Mut­ter und Va­ter in ei­nem war«. Der Va­ter und sei­ne Schrul­len. »Epi­kureisch« nennt ihn Ela, die Ich-Er­zäh­le­rin. Das stimmt nur be­dingt. Ob­wohl: Die Sparsam­keit geht schein­bar in skur­ril-krea­ti­vem Geiz über. Die Bröt­chen sind ihm zu teu­er. Nach ei­nem Ge­spräch mit dem Bäcker holt er für Klein­geld die »al­ten« Bröt­chen ab. Und steht ab so­fort um 2 Uhr mor­gens da­für auf. Dumm ist er auch nicht. Er be­schäf­tigt sich mit Spi­no­za oder He­gel. Hil­fe kann er nicht aus­hal­ten; die Rücken­schmer­zen wer­den ver­tuscht.

Aber es bleibt nicht bei den An­ek­do­ten. 1968 ist Ela fünf Jah­re alt, als sich die El­tern schei­den las­sen. Sie und ih­re Ge­schwi­ster soll­ten sich ent­schei­den – für den Va­ter oder die Mut­ter. Jetzt und so­fort. Dass die El­tern zu­sam­men­blei­ben soll­ten – ihr Wunsch – war nicht vor­ge­se­hen. Sie, die Äl­te­ste, ent­schied sich für den Va­ter. Jahr­zehn­te spä­ter wohnt Ela in Tü­bin­gen und er­hält mah­nen­de Brie­fe von ih­ren Ge­schwi­stern: Der Va­ter sei ver­wirrt, be­dür­fe der Hil­fe. Und weil sie, Ela, die­sem Ur­teil über ih­ren Va­ter im­mer wi­der­spro­chen ha­be, soll sie ihn su­chen. Denn er ist spur­los ver­schwun­den – we­der in der Stadt noch auf sei­nem Hof im Groß­raum Ber­lin auf­find­bar; kein Le­bens­zei­chen. Da­bei hat­ten die Ge­schwi­ster Pro­ble­me Ela tele­fonisch zu er­rei­chen. Die ging nicht an den Ap­pa­rat. Der Ap­fel, der nicht all­zu weit vom Stamm fällt.

Aber dann macht sie sich auf den Weg mit dem Zug, ver­passt ih­ren Ziel­bahn­hof, wird zu spät ge­weckt und geht die gan­zen sie­ben Ki­lo­me­ter mit ih­rem Roll­kof­fer zu Fuß zu­rück. Mehr als die Hälf­te des Bu­ches geht Ela auf der Bahn­strecke in die Däm­me­rung hin­ein und as­so­zi­iert da­bei ih­re Kind­heit und Ju­gend in der DDR mit die­sem Va­ter, Tan­te Hel­ga (der ewi­gen Freun­din), dem ver­wil­der­ten Gar­ten, den Haus­tie­ren bis hin zu Zie­gen und all den an­de­ren Ide­en des manch­mal arg mü­den Va­ters, der im Be­ruf po­li­tisch neu­tral war, im Le­ben aber streit­bar. Er war so­gar ein Schul­geg­ner und glaub­te, die Kin­der bes­ser sel­ber un­ter­rich­ten zu kön­nen. Den­noch: Kein de­zi­diert fal­sches Le­ben.

So hef­tig sind die­se Er­in­ne­rungs­erup­tio­nen Elas, dass manch­mal vor­letz­te und letz­te Wor­te ei­nes Sat­zes ver­schluckt wer­den (man er­gänzt das Feh­len­de pro­blem­los). Am En­de im­mer mehr. Auch wenn es rück­blickend nicht nur Idyl­len sind – »glück­li­che Kin­der« sei­en sie doch ge­we­sen, so lau­tet Elas Res­u­mé. Aber manch­mal weiß man nicht, ob viel­leicht die Er­zäh­le­rin noch ein biss­chen neu­ro­ti­scher als ihr Va­ter ist. Bei­spiels­wei­se als sie im Jee­pfah­rer, der sie vom Bahn­hof zum Hof bringt, plötz­lich al­le An­zei­chen ei­nes Mas­sen­mör­ders zu er­ken­nen glaubt.

Ma­nue­la Fu­el­le chan­giert zwi­schen kur­zen, stak­ka­to­haf­ten und län­ge­ren, Tho­mas-Bern­hard-ähn­li­chen elip­ti­schen Sät­zen. Ihr be­schwö­ren­des, mä­an­dern­des, sich zu­wei­len Kausal­ketten ver­wei­gern­des Er­zäh­len ist nicht im­mer nur luf­tig und die Locker­heit des An­fangs weicht ir­gend­wann ei­ner ge­wis­sen, zur (ab­sichts­vol­len) Red­un­danz nei­gen­den Er­in­ne­rungs-Ver­bis­sen­heit. Und doch über­wiegt der Ein­druck, et­was Schö­nes und vor al­lem Ein­zig­ar­ti­ges ge­le­sen zu ha­ben. Ein so ganz an­de­res Re­fu­gi­en­bür­ger­tum wie das der Fa­mi­lie Hoff­mann aus Uwe Tell­kamps »Turm«.

Ist es ein Feh­ler oder Ab­sicht, dass der Va­ter 84 Jah­re alt ist, aber zwi­schen 1929 und 1930 ge­bo­ren ist? Phan­ta­siert da ei­ne Er­zäh­le­rin in die Zu­kunft hin­ein? Wie auch im­mer: »Fen­ster auf, Fen­ster zu« ist ein ele­gi­scher, zärt­li­cher Ab­ge­sang auf ei­ne Kind­heit in der ehe­ma­li­gen DDR, die mit dem Tod des Va­ters droht, end­gül­tig ver­lo­ren zu ge­hen und noch ein­mal – fast rhaps­odisch – evo­ziert und mit rup­pi­ger Be­hut­sam­keit vor dem end­gül­ti­gen Ver­ges­sen ge­ret­tet wird.

Das Schluss­bild bleibt lan­ge im Kopf. Ela steht vor dem mit ei­ner Ket­te ver­schlos­se­nen Tor vor dem »Hof« des Va­ters – kein Zei­chen, kein Licht, nie­mand ist da. Und dann be­ginnt es auch noch zu reg­nen und »al­les Was­ser fällt aus dem Him­mel, und dann fällt der Him­mel.« Am En­de macht man sich wirk­lich Sor­gen um den Va­ter. Und dann um die Toch­ter im fal­len­den Him­mel.

41 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein un­glaub­li­ches Buch, das ei­nen so schnell nicht los lässt – je tie­fer man drin ist. Und die­se Be­spre­chung von Gre­gor Keu­sch­nig zeigt mir, dass da dem Le­ser viel In­ter­pre­ta­ti­ons-Spiel­raum bleibt. Sehr emp­feh­lens­wert!

  2. Ich be­wun­de­re Sie im­mer noch da­für, dass Sie all die­se Bü­cher – die of­fen­bar nur sehr we­ni­ge in­ter­es­sie­ren – tat­säch­lich le­sen, dar­über nach­den­ken und auch noch lan­ge fun­dier­te Kom­men­ta­re dar­über ver­fas­sen. Sie wis­sen doch auch, dass all die­se er­folg­lo­sen Bü­cher (Ei­ne Va­ter-Toch­ter-Ge­schich­te; na und?) nach ei­nem hal­ben Jahr auf dem Grab­bel­tisch lan­den. Hier um die Ecke schließt ge­ra­de wie­der ei­ne Bü­che­rei. Zu­letzt hat­te der la­den noch ver­sucht, Bü­cher zum hal­ben Preis auf Ti­schen vor dem La­den an die Leu­te zu ver­hö­kern. Ich hät­te ja ger­ne mit ei­nem Kauf ge­hol­fen, nur das, was mit in­ter­es­sier­te, hat­te ich schon und der Rest – wie sol­che Va­ter-Toch­ter-Ge­schich­ten von ir­gend­wel­chen deut­schen Na­men­lo­sen – in­ter­es­sier­te mich nicht.
    Ich weiß: es ist trau­rig. Als ich mal las, wie­vie­le Bü­cher ich im Le­ben tat­säch­lich le­sen kann, und zwar aus Zeit­grün­den: man lebt ja nur ei­ne ge­wis­se Zeit, ha­be ich mich ent­schlos­sen, nur das zu le­sen, was wirk­lich für mich wich­tig ist. Und El­tern­pro­ble­me hat­te ich (wie wohl je­der) selbst, so­was muss ich spä­ter nicht auch noch nach­le­sen.
    Dann doch lie­ber ei­nen der vie­len Klas­si­ker nach­ho­len. Und, ja, ich ge­be es zu: Le­sen muss mir Spaß ma­chen. Und das voll­bringt nun mal eher ein P.G. Wo­de­house als all die vie­len Deutsch schrei­ben­den Pro­blem­be­hand­ler oder gar Herr Hand­ke.
    Ich be­wun­de­re Ih­re Aus­dau­er. Es macht Ih­nen of­fen­bar Freu­de, all dies zu le­sen.

  3. Der Web­ma­ster die­ses li­te­ra­ri­schen Sa­lons hier nimmt den vor­an­ge­gan­ge­nen Kom­men­tar #2 zum An­laß, gleich­falls (und dies­mal auch öf­fent­lich) dem Haus­herrn sei­ne Be­wun­de­rung aus­zu­spre­chen für die drei­fa­che Mü­he des Le­sens, Re­flek­tie­rens und Kri­ti­sie­rens dicker Bü­cher am lau­fen­den Band. Si­cher, der Lohn sei­ner Mü­he sind (zu­meist) Dis­kur­se mit der Le­ser­schaft auf sehr ho­hem Ni­veau, aber die Vor­lei­stung ist gleich­wohl mehr als be­mer­kens­wert. Mei­ner ei­ner hat nach ex­akt sechs Jah­ren bunt be­bil­der­ten Blog­gens neu­lich die ei­ge­ne vir­tu­el­le Bu­de zu­ge­na­gelt, weil sich – ge­ra­de bei den aus­führ­li­che­ren Tex­ten – die Ar­beit dar­an oft über mehr Zeit er­streck­te als der zu­grun­de­lie­gen­de An­laß selbst!

    Ein Nach­trag zum The­ma »Klas­si­ker« sei mir noch er­laubt: Seit ich mei­nen Kind­le be­sit­ze und so gut wie stets in griff­be­rei­ter Reich­wei­te ha­be, le­se, ja frä­se ich mich ger­ne durch die gro­ßen Klas­si­ker der Welt­li­te­ra­tur: Die gibt es beim größ­ten On­­li­ne-Buch­händ­ler al­le­samt für 0,00 EUR zu kau­fen und in Se­kun­den­schnel­le auf den an­ge­nehm ab­les­ba­ren Di­gi­tal­pa­pier-Schirm ge­beamt. Die Zahl der für lau er­hält­li­chen ge­mein­frei­en Wer­ke (de­ren Au­toren schon län­ger als 70 Jah­re nicht mehr un­ter uns wei­len) geht in die -zig­tau­sen­de. Da fin­det sich mehr als ge­nug bil­den­de und er­bau­li­che Lek­tü­re für je­den An­spruch und jeg­li­chen Ge­schmack.

    Sa­ge mir jetzt keine(r), das wä­re ein den Re­clam-Heft­chen in­fe­rio­res Ver­gnü­gen: Im Ge­gen­teil, es er­öff­net (mir zu­min­dest) neue Wel­ten, oh­ne mich Geld und wert­vol­len Reg­al­platz zu ko­sten, der schon mit (Papier-)Büchern aus fünf Jahr­zehn­ten Le­sens mehr als voll­ge­stellt ist...

  4. Tja, Jee­ves, »Va­ter-Toch­ter-Ge­schich­te, na und?« – das könn­te man im­mer und über­all und zu al­lem sa­gen, fin­den Sie nicht? Schwingt in Ih­rer Ant­wort nicht zu viel Kul­tur­pes­si­mis­mus mit? Dann die­ses – sor­ry für die­ses Wort – ver­gif­te­te Lob ei­ner Be­wun­de­rung. Als wür­de ich ei­ne Art Op­fer für ir­gend­wen brin­gen (oder für ir­gend­was). Soll­te die­se In­ten­ti­on je­mals bei mir als Pflänz­chen vor­han­den ge­we­sen sein, ist sie längst hin­weg­ge­mäht von der All­täg­lich­keit ei­ner Welt, die mit Buch­be­spre­chun­gen und -ein­drücken weiß Gott zu­ge­deckt wird.

    Ich hat­te neu­lich ein ähn­li­ches Ge­spräch in ei­ner Run­de. Als man dann et­was ins De­tail ging, fühl­ten sich an­de­re Dis­ku­tan­ten ur­plötz­lich »aus­ge­grenzt«. Da es sich nicht um ein Fern­seh­pro­gramm han­del­te was man hät­te weg­zap­pen kön­nen, wur­de die Dis­kus­si­on be­en­det und fast be­kam man das Ge­fühl, sich ent­schul­di­gen zu müs­sen, jen­seits von Klatsch und Tratsch ge­spro­chen zu ha­ben.

    Wie Sie das wis­sen: Die deut­schen »Pro­blem­be­hand­ler«. Neu­lich sprach Gott­schalk mit Kehl­mann. Gott­schalk wuß­te auch, dass die deut­sche Li­te­ra­tur pro­blem­be­la­den sei – und gab gleich­zei­tig zu, seit -zig Jah­ren kein deutsch­spra­chi­ges Buch der üb­li­chen Ver­däch­ti­gen mehr ge­le­sen zu ha­ben. Er lob­te Kehl­mann und war ganz über­rascht. Wie oft wä­re er wohl bei an­de­ren Bü­chern »über­rascht« ge­we­sen?

  5. Lie­ber Ralph, dan­ke für die Zei­len, aber Be­wun­de­rung ist nicht nö­tig. Noch macht es Freu­de und er­wei­tert zu­wei­len auch mei­nen Ho­ri­zont.

    Ich glau­be, die Sa­che mit dem Kind­le über­zeugt mich (die Klas­si­ker der­art »ab­ruf­be­reit« zu ha­ben, ist ver­lockend). Schau’mer mal...

  6. @jeeves
    Wie wol­len Sie wis­sen, ob nicht un­ter den Bü­chern, die Sie nicht le­sen, ge­ra­de das Buch ist, das für Sie enorm wich­tig ge­we­sen wä­re und noch ist? In die­sem Jahr sind wirk­lich ganz her­vor­ra­gen­de deutsch­spra­chi­ge Bü­cher er­schie­nen. Das fängt bei A. Klüss­mann an und geht über J. Scharlan­sky, E. Ru­ge, P. Kur­zek, S. Le­wit­schar­off bis M. Kumpf­mül­ler. Das ist für je­den et­was da­bei und es gibt noch mehr span­nen­de und sprach­lich her­vor­ra­gen­de Bü­cher in die­sem Jahr. Vie­le Klas­si­ker sind zwar le­sens­wert, aber oft sind ein­zel­ne Klas­si­ker schon ein My­thos durch Ver­fil­mun­gen und aus­ufern­de In­ter­pre­ta­tio­nen, so dass sie ei­gent­lich nichts mehr im Le­ser be­we­gen. Je­den­falls sind sie nicht die Axt in uns, wie Kaf­ka es von ei­nem wich­ti­gen Buch ge­for­dert hat.
    Al­so, G. Keu­sch­nig, ru­hig wei­ter­hin neue Bü­cher re­zen­sie­ren.

  7. @Jeeves
    Ich wun­de­re mich auch: Vor­her weiß man es doch nicht, sonst müss­te man doch nicht mehr le­sen – das ein­zi­ge was wir ha­ben sind Vor­ur­tei­le in ih­rem be­sten Sinn!

    Hm, und das »na­men­los«, war­um steht das ei­gent­lich da?

    Gre­gor, wür­de ich sa­gen, teil hier (s)eine Lei­den­schaft mit uns (wo­für wir ihm sehr dank­bar sind).

  8. @Norbert
    Die Aus­sa­ge, dass »vie­le Klas­si­ker« (wel­che?) beim Le­ser »ei­gent­lich nichts mehr be­we­gen« ist kühn. Sie ist auch m. E. ab­we­gig. Mi­cha­el Kohl­haas, Die Lei­den des jun­gen Wert­hers, Ef­fi Briest, Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit, Krieg und Frie­den, Ber­lin Alex­an­der­platz, Der Zau­ber­berg – das sind (zum Bei­spiel) al­les »Klas­si­ker«, die zeit­los sind und weit ent­fernt, nur noch als My­thos ih­re Be­rech­ti­gung zu er­hal­ten. Da­ge­gen die neue deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur an­zu­füh­ren ist min­de­stens ver­früht; im Fal­le von Schalan­sky ga­ran­tiert ab­we­gig.

  9. @ Gre­gor Keu­sch­nig
    Nun, den Küh­nen ge­hört die Li­te­ra­tur­welt. Aber im Ernst. Wer liest denn noch den »Alex­an­der­platz«? Für mich ei­ner der be­sten Groß­stadt­ro­ma­ne und Ro­ma­ne über die Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik, die es gibt. Es gibt her­vor­ra­gen­de Aus­ga­ben, auch als Ta­schen­buch, aber ge­le­sen? Ef­fi Briest, wur­de und wird vie­len durch die Schu­le ver­lei­det. An­na Ka­re­ni­na und Krieg und Frie­den wur­den jetzt neu über­setzt. Ich ken­ne die Auf­la­gen nicht, aber ich be­zweif­le, ob je­weils 10000 Ex. ver­kauft wur­den. Das be­ste Bei­spiel ist doch »Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit.« Auch hier, das ist Li­te­ra­tur die ich per­sön­lich her­vor­ra­gend fin­de, die ein­zel­nen Be­ob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen der Sa­lon­ge­sprä­che, die Na­tur­schil­de­run­gen usw., usf. Aber wer hat denn tat­säch­lich die 7 Bän­de ge­le­sen? Sie mö­gen in vie­len Re­ga­len ste­hen, aber un­ge­le­sen. Da­sel­be gilt doch für Kleist, Tho­mas Mann und an­de­re Au­toren. Gab es nicht kürz­lich ei­ne Ger­ma­ni­stin, die un­ver­blümt be­kann­te, nichts von Kleist zu ken­nen? Als hö­he­re Un­ter­hal­tung auf Par­ties etc. mö­gen Klas­si­ker in bes­se­ren Krei­sen im­mer noch die­nen, ich ken­ne mich da nicht so aus. Aber vie­le ken­nen sie durch Ver­fil­mun­gen, Le­xi­ka und Wi­ki­pe­dia, aber nicht durch ei­ge­ne Lek­tü­re. Ich per­sön­lich mei­ne nicht, das war viel­leicht ein Miß­ver­ständ­nis, dass man Klas­si­ker nicht mehr le­sen soll­te, aber ich ha­be mei­ne Zwei­fel, dass ei­ne re­le­van­te Men­ge von In­ter­es­sen­ten gibt, die die­se Bü­cher le­sen.
    In der »Welt« war vor ein paar Ta­gen ein fas­zi­nie­ren­des Ge­spräch zwi­schen Alex­an­der Klu­ge und Jo­seph Vogl über »Mo­by Dick«. Es gibt zwei neue her­vor­ra­gen­de Über­set­zun­gen, aber ich be­zweif­le, ob tat­säch­lich ei­ne nen­nens­wer­te Zahl von Le­sern zu den Bü­chern greift, ob­wohl es sich für je­den loh­nen wür­de. Sie mer­ken, ich bin ei­gent­lich ein An­hän­ger der Klas­si­ker, ha­be sie in mei­nen Re­ga­len und auch fast al­le ge­le­sen, aber wenn ich mich um­hö­re, wer noch ge­le­sen hat, Schwei­gen wie im Uni­ver­sum. Das wird in der Zu­kunft nicht an­ders wer­den, weil sehr vie­le sich Bü­chern mit kom­ple­xem In­halt über, sa­gen wir mal, 300 Sei­ten, nicht mehr aus­set­zen wer­den.
    Über Schalan­sky sind wir ver­schie­de­ner Mei­nung, aber da kön­nen wir bei­de nicht an­ders.
    Viel­leicht konn­te ich mit die­sen Aus­füh­run­gen, das ver­ur­sach­te Miß­ver­ständ­nis aus­räu­men. Al­so ja zu der Re­le­vanz und Ak­tua­li­tät von Klas­si­kern, aber auch zu neu­en Bü­chern, Skep­sis hin­sicht­lich vie­ler Le­ser und ei­ner un­ver­stell­ten Lek­tü­re der Klas­si­ker.

  10. Sor­ry, da hat­te ich Sie dann ein we­nig falsch ver­stan­den. Wenn­gleich ich die­sen kul­tur­pes­si­mi­sti­schen Duk­tus nicht ganz nach­voll­zie­hen kann – viel­leicht aber auch, weil ich es nicht will. Aber: Dass sich Frau Bün­ger neu­lich als in Sa­chen Kleist Un­kun­di­ge ge­outet hat, spricht ja nicht ge­gen Kleist. (Es spricht ge­gen die­se Da­me und ge­gen die­ses Stu­di­um, was ei­ne der­ar­ti­ge Halb­bil­dung zu­läßt.) Und dass sie von »nor­ma­len Leu­ten« nicht ge­le­sen wer­den, sagt auch nichts ge­gen die­se Bü­cher.

    Jee­ves trifft ja mit sei­nem Ein­wurf ei­nen rich­ti­gen Kern: An sehr vie­le der von mir ge­nann­ten Bü­cher (es gibt na­tür­lich noch we­sent­lich mehr) kom­men et­li­che der hier be­spro­che­nen Bü­cher nicht her­an. Und wer­den es auch nie. Aus man­chen Ta­len­ten wird nichts; an­de­re Au­toren ha­ben nach ein, zwei Bü­chern ihr Pul­ver »ver­schos­sen«. Wie­der an­de­re Au­toren in­ter­es­sie­ren mich nicht mehr – die Grün­de ver­mag ich nicht ein­mal zu nen­nen (Wil­helm Ge­n­azi­no ist so ei­ner).

    Dass ich Neu­erschei­nun­gen le­se, ist ei­ner­seits Neu­gier, an­de­rer­seits durch­aus auch ein ge­wis­ser Trotz. Ich ha­be nie ei­nen Hehl dar­aus ge­macht, dass die­ses Ak­tua­li­tä­ten­ka­bi­nett ir­gend­wann si­cher­lich zu Gun­sten der noch im Re­gal ste­hen­den (oder auf ei­nem noch be­sor­gen­den Kind­le ab­ge­spei­cher­ten) Klas­si­ker zu­rück­ge­fah­ren wer­den dürf­te. Und zwar in dem Mo­ment, wenn die Mit­tel­mä­ssig­keit zu sehr do­mi­niert. Aber noch gibt es in­ter­es­san­te An­knüp­fun­gen. Noch.

    Es ist m. E. wich­tig, Neu­erschei­nun­gen bzw. zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur im­mer dort »ab­zu­ho­len«, wo sie steht. Tell­kamps »Turm« kann man durch­aus mit den Bud­den­brooks ver­glei­chen (vor al­lem li­te­ra­risch – nicht the­ma­tisch). Das Buch von Ma­nue­la Fu­el­le na­tür­lich nicht. Das macht das Buch aber nicht schlech­ter (oder bes­ser). Na­tür­lich braucht man ei­gent­lich nach Goe­thes Faust und ei­ni­gen Shake­speare-Dra­men kei­ne an­de­ren Thea­ter­stücke mehr an­zu­se­hen. War­um macht man es trotz­dem?

    Ich glau­be im üb­ri­gen auch nicht an die häu­fig vor­ge­bracht Aus­re­de, man ha­be ei­nem die Li­te­ra­tur im Deutsch­un­ter­richt aus­ge­trie­ben. Dies mag für 20jährige gel­ten, die froh sind, dem Schul­stress ent­kom­men zu sein. Für ei­nen 50jährigen gilt das nicht mehr. Was aber ei­gent­lich auch nicht schlimm ist. Nicht je­der kann sich für Li­te­ra­tur in­ter­es­sie­ren. Aber man soll­te dies of­fen­siv er­klä­ren und nicht an­de­ren in die Schu­he schie­ben. Mir sind im Netz man­che Fuß­ball­blogs mit ih­ren Bei­trä­gen und Kom­men­ta­ren lie­ber als die Klap­pen­text­ab­schrei­ber und Stern­chen­ver­ge­ber, die sich als »Le­se­rat­te« oder »Bü­cher­wurm« be­zeich­nen.

  11. @ Gre­gor Keu­sch­nig
    Viel­leicht ge­hö­re ich zu ei­ner aus­ster­ben­den Spe­zi­es von Le­sern und Buch­lieb­ha­bern, was ja oft zu­sam­men­kommt. Ich le­se seit über vier­zig Jah­ren ger­ne Tho­mas Mann, A. Dö­blin, H. Hes­se, R. Wal­ser, von Goe­the und Schil­ler die für mich wich­ti­gen Wer­ke, G.Grass, U. John­son, P. Hand­ke, Th. Bern­hard, H. v. Do­de­rer, aber auch A. V. The­len usw. usf, in­ter­na­tio­na­le Li­te­ra­tur von Na­bo­kov, Tol­stoj, Bul­ga­kow, Bu­nin, Tsche­chow, Ph.Roth, Ham­sun, Gar­cia Mar­quez usw., usf. Ich bin auch, glau­be ich, was Neu­erschei­nun­gen von Li­te­ra­tur und neue Über­set­zun­gen be­trifft, auf dem Lau­fen­den. Ich ha­be in ei­ni­gen Fo­ren ver­sucht, Ge­sprä­che über Li­te­ra­tur an­zu­sto­ßen, nur Lee­re und Stil­le, es wer­den ir­gend­wel­che Fan­ta­sie­ro­ma­ne ge­le­sen oder an­de­re Un­ter­hal­tungs­ro­ma­ne. Von Ly­rik will ich erst gar nicht re­den. Auf Ih­ren Blog bin ich durch den Hand­ke­bio­gra­phen ge­sto­ssen. Er ist wirk­lich für mich der ein­zig gu­te Li­te­ra­tur­blog. Ja, ich bin pes­si­mi­stisch oder bes­ser trau­rig und me­lan­cho­lisch, weil ich, als je­mand mit päd­ago­gi­scher Ader, im­mer für Bü­cher wer­ben möch­te. Mei­ne bei­den, jetzt er­wach­se­nen, Töch­ter ha­ben sich be­klagt, ich hät­te ih­nen zu früh Kaf­ka und die Blech­trom­mel emp­foh­len. Bei­de le­sen heu­te trotz­dem Bü­cher, nicht im­mer die, die ich emp­feh­le, aber bei­de wün­schen sich aus­drück­lich von mir zum Ge­burts­tag und zu Weih­nach­ten ei­nen von mir aus­ge­wähl­ten Ro­man. Ein ganz klein we­nig Re­so­nanz ha­be ich er­reicht, aber sonst se­he ich wirk­lich schwarz. Al­ler­dings glau­be ich auch nicht, dass Klas­si­ker für die Ewig­keit ge­schrie­ben wur­den, auch sie ha­ben ih­re Zeit. Er­klärt uns Krieg und Frie­den über heu­ti­ge zwi­schen­staat­li­che Pro­ble­me wirk­lich so viel? Halt sa­gen Sie, da gibt es noch die Ge­sell­schafts- ‚Um­bruchs- und Lie­bes­ge­schich­ten. Aber sind die­se wirk­lich ex­em­pla­risch für un­se­re Ver­hält­nis­se. Was auf je­den Fall bleibt, ist die sprach­li­che Schil­de­rung und die Fein­hei­ten der Cha­rak­te­re und die psy­cho­lo­gi­sche Se­zie­run­gen, aber un­ter uns, kennt man be­stimm­te Ver­fah­rens­wei­sen nicht nach dem 2 oder 3 Ro­man doch be­reits? Des­halb hat mich ja auch die­se ganz an­de­re Schil­de­rung der Fi­gur der Frau Loh­mark und ih­re dar­wi­ni­sti­sche Sicht so über­zeugt, weil über­rascht. Aber, das ist ja wie­der ein wei­tes Feld. Ma­chen Sie doch ein paar Mal im Jahr un­ter der Ru­brik wie­der­ge­le­sen oder le­sens­wert ein Klas­si­ker­be­spre­chung. Ich wür­de mich freu­en und be­stimmt auch kom­men­tie­ren.

  12. Ich bin ja gar nicht mehr si­cher, ob ei­ne ge­wis­se Re­si­gna­ti­on – min­de­stens je­doch Me­lan­cho­lie – zum Le­ben ei­nes »Kul­tur­men­schen« da­zu­ge­hört. Die päd­ago­gi­sche Ader ha­be ich mir längst schon ab­ge­wöhnt, was viel­leicht an mei­ner Kin­der­lo­sig­keit liegt. Zu Bü­chern, die ich ver­schen­ke, er­fah­re ich nach­träg­lich ein­fach zu we­nig (au­ßer, dass sie sel­tenst ge­le­sen wer­den; es gibt da ei­gent­lich nur ei­ne Aus­nah­me im Freun­des­kreis). Da kommt ei­nem dann schnell das Bild mit den Tier­chen und den Per­len vor die Au­gen...

    Sie ha­ben na­tür­lich recht wenn Sie sa­gen, dass die Klas­si­ker nicht als »Klas­si­ker« ge­schrie­ben wur­den – trotz al­ler Selbst­be­haup­tun­gen und Ego­ma­ni­en der Dich­ter (zu je­der Zeit). Auch bei den Zwei­feln­den gab es ge­wis­ses Ko­ket­tie­ren: Kaf­ka woll­te ja sei­ne Wer­ke ver­nich­tet ha­ben. Aber konn­te er nicht ah­nen, dass Brod das nicht tut bzw. nahm es das nicht in Kauf? (Ein Glück für uns heu­te.) Goe­thes ita­lie­ni­sche Rei­se ist na­tür­lich nicht mehr »ak­tu­ell« wie da­mals – li­te­ra­risch-sti­li­stisch je­doch im­mer noch sehr in­ter­es­sant.

    Zu Schalan­skys Buch: Ich neh­me der Au­torin die­se Frau Loh­mark nicht ab. Sie hat al­les da­für ge­tan, sie zu de­nun­zie­ren und bloß­zu­stel­len. Das ist mei­nes Er­ach­tens ei­ne Tod­sün­de ei­nes Au­tors. Na­tür­lich kann und darf man ei­ne bös­ar­ti­ge Fi­gur zur Hel­din ma­chen, aber man muß sie in ih­rer Bos­haf­tig­keit Ernst neh­men. Zur Sa­ti­re reicht es aber auch nicht; hier­für ist es auch viel zu lang. Die Kri­tik wei­det sich an Loh­marks aus­ge­stell­tes Welt­bild, weil es gleich­zei­tig auch lä­cher­lich ge­macht wird. Das be­ginnt bei der Na­men­ge­bung der Schu­le und setzt sich in den pla­ka­ti­ven Ver­bal­aus­brü­chen fort.

    Der Ge­dan­ke der Klas­si­ker-Neu­le­sung ist sehr gut. Ich wer­de dies ver­mut­lich auf­grei­fen. Dan­ke.

  13. Ich möch­te den zwei­ten Kom­men­tar zum An­lass neh­men und mei­ne Sicht zum ‘Be­gleit­schrei­ben’ mit­tei­len, denn »ein­fach so« passt ein Lob, ei­ne Re­spekt­äu­ße­rung nicht so un­be­dingt ins Feld der Buch­be­spre­chun­gen. Ich bin sehr froh, vor drei oder vier Jah­ren die­sen Blog ent­deckt zu ha­ben. Auch wenn ich vie­le vor­ge­stell­te Bü­cher nie le­sen wer­de, nicht aus In­ter­es­se, son­dern aus Zeit­grün­den, so neh­me ich die Re­zen­sio­nen und Ge­dan­ken des Blog­her­ren als An­lass, Din­ge zu re­flek­tie­ren, die mir im um­trie­bi­gen All­tag un­ter­ge­gan­gen wä­ren oder die ich nie ge­se­hen hät­te. Be­gleit­schrei­ben pflegt in mei­nen Au­gen ein ho­hes Ni­veau, aber dran blei­ben Herr Keu­sch­nig, un­be­dingt dran­blei­ben! Gott­schalks ha­ben wir ge­nug um uns her­um. Und die Idee mit den Klas­si­kern ... ist gut!

  14. Kur­zer Ein­wurf, oh­ne stö­ren zu wol­len: Kann es sein, dass der Pes­si­mis­mus bzw. die Me­lan­cho­lie ei­ne Art Selbst­ver­ge­wis­se­rung dar­stel­len, die Be­deu­tung und Be­son­der­heit des ei­ge­nen Tuns, der In­ter­es­sen be­to­nen sol­len?

    Und es ist schon so, dass es ne­ben dem Bü­cher­le­sen et­li­che an­de­re, reich­hal­ti­ge, schö­ne und tief­sin­ni­ge Be­schäf­ti­gun­gen gibt (ich le­se ge­ra­de sehr we­nig, ha­be das frü­her aber an­ders ge­hal­ten).

    An Klas­si­ker-Neu­le­sun­gen wä­re ich sehr in­ter­es­siert.

  15. Ich möch­te das wer­te Pu­bli­kum auf den Fo­ren-Bei­trag »Die Wie­der­ent­deckung wun­der­ba­rer Au­toren« hin­wei­sen. Die di­gi­ta­le (= um­stands­lo­se und mo­bi­le) Ver­füg­bar­keit von »Klas­si­kern« (im wei­te­sten Sin­ne) be­schert heu­te vie­len ver­bli­che­nen Au­toren neue Auf­merk­sam­keit und ein in­ter­es­sier­tes Pu­bli­kum, was man selbst viel­leicht gar nicht so wahr­nimmt. So ganz pes­si­mi­stisch muß man die Ent­wick­lung al­so viel­leicht gar nicht se­hen: Ge­le­sen wird im­mer, und nicht im­mer nur Seich­tes und Schund!

  16. @ me­tep­si­lo­n­e­ma
    Be­gin­nen wir mit der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Ich glau­be nicht, zu­min­dest ist mir dies nicht be­wußt, dass die­se Me­lan­cho­lie von die­sem Mo­tiv her be­stimmt ist. Ich neh­me es eher als ei­ne un­be­stimm­te Trau­er über die­se Mo­der­ne mit den neu­en tech­ni­schen Me­di­en, der zu­neh­men­den Ge­schwin­dig­keit und Be­schleu­ni­gung bei gleich­zei­ti­ger In­for­ma­ti­ons­fül­le und zu­neh­men­der Ober­fläch­lich­keit?, die mich, als äl­te­ren Zeit­ge­nos­sen be­fal­len hat.
    Na­tür­lich weiß ich, dass ich mich da­ge­gen nicht weh­ren und die­se Ent­wick­lun­gen erst gar nicht stop­pen kann. Für mei­nen klei­nen Be­reich ver­su­che ich es, das muss nicht das Le­sen von Bü­chern sein, ich ver­brin­ge so­fort mei­ne Zeit mit mei­ner En­kel­toch­ter und le­ge je­des Buch bei­sei­te, wenn sie kommt. Das kann auch je­de an­de­re Be­tä­ti­gung sein, die Mu­ße, Den­ken und, von mir aus auch Kon­tem­pla­ti­on, för­dert.

  17. Das mit der Me­lan­cho­lie in­ter­es­siert mich. Ich fra­ge mich aber, in­wie­fern die nicht eher mit der ei­ge­nen Le­bens­zeit syn­chron geht als mit Grün­den zu ei­nem wirk­li­chen Pes­si­mis­mus.

    (Zum Pes­si­mis­mus nur kurz: Man soll­te ihn als ein­ge­führt-lieb­ge­won­ne­ne Hal­tung von Kul­tur­men­schen wahr­schein­lich ab­leh­nen, schlicht weil er letzt­lich nicht wei­ter­führt – au­ßer manch­mal zu schö­ner Li­te­ra­tur, et­wa Fer­nan­do Pes­s­o­as „Buch der Un­ru­he“.

    Die Grün­de da­für, die Zei­chen für Nie­der­gang, sind wohl zahl­reich ge­nug und of­fen­sicht­lich. Und Nie­der­gang war eben im­mer schon, seit Pla­ton auch schon in der Kul­tur und ih­ren Me­di­en. Es gibt aber par­al­lel im­mer auch die gu­ten Ent­wick­lun­gen, und es ist, wenn nicht Ent­schei­dungs­sa­che, ei­ne Ge­wohn­heits­sa­che, wor­auf man sich fo­kus­siert: Im­mer­hin hat man die Frei­heit. Die ob­jek­ti­ve Mi­se­re er­wischt ei­nen früh ge­nug. )

    Es ist wie beim Fern­seh­pro­gramm, wenn es 40 Ka­nä­le gibt und man nie et­was für sich fin­det. Dann kann man wohl ei­nen ge­wis­sen Druck emp­fin­den zu­zu­ge­ben, dass es an ei­nem sel­ber lie­gen muss. Mich macht das manch­mal me­lan­cho­lisch, mit ei­ner mei­ner lang­jäh­rig­sten, ver­läss­lich­sten Freu­den mehr und mehr al­lein zu sein. (Da­bei sind die mei­sten Leu­te, mit de­nen ich frei­wil­lig zu tun ha­be Le­ser, und ich könn­te mir auch mal wie­der die Mü­he ma­chen, je­man­den zu et­was über­zeu­gen zu wol­len. Letzt­lich bin ich Teil der Kraft, die an den Grün­den für die Me­lan­cho­lie nichts än­dert.)

    Die Me­lan­cho­lie über ei­nen Be­deu­tungs­ver­lust lä­ge so we­ni­ger in dem ge­schätz­ten Me­di­um (es wird noch laaan­ge Bü­cher ge­ben, sie­he bei Schall­plat­ten), als in der Ah­nung, da­mit ten­den­zi­ell an kaum noch ei­ner all­ge­mei­ne­ren (um nicht zu sa­gen ge­sell­schaft­li­chen) Re­le­vanz- oder Kon­sens­bil­dung teil­zu­ha­ben: Man nä­hert sich so­zu­sa­gen der Min­der­heit, die man sel­ber ein­mal fi­nal sein wird. Nä­hert sich hier et­was sei­nen Schwund­stu­fen – oder war es da schon im­mer? Wa­ren die Schrift­stel­ler frü­her bes­ser als heu­te und hat­ten des­halb auch hö­he­re Auf­la­gen? (War die Bil­dung „tie­fer“ – aber hat man an­nä­hernd so viel wie heu­te ge­wusst? Aber was für ei­ne lä­cher­li­che Cli­que war et­wa die „Grup­pe 47“ aus heu­ti­ger Sicht! Was für klein­mü­ti­ge Bü­cher wur­den mal hier­zu­lan­de ver­fasst!)

    Da­bei kommt es auch im­mer noch, im­mer wie­der zu äs­the­ti­schen Neue­run­gen, der Markt für al­les wei­tet sich ten­den­zi­ell so­gar aus, heu­te kann je­der sei­ne ei­ge­nen Le­bens­er­in­ne­run­gen drucken, auch oh­ne de­mand, und Leu­te schrei­ben Bü­cher, von de­nen man im TV-In­ter­view ei­gent­lich kei­nen Satz zu­en­de sa­gen hö­ren möch­te. Die mo­der­ne Un­ent­scheid­bar­keit auch in die­ser Fra­ge macht mich manch­mal me­lan­cho­lisch.

    An­son­sten bin ich, glau­be ich, in mei­nem Grund­ver­ständ­nis na­he bei G.K. Mei­ne Lieb­lings­schrift­stel­ler le­se ich eh re­gel­mä­ßig wie­der. Doch kom­men eben im­mer noch auch wie­der neue, auf­re­gen­de da­zu. Und die Ein­tracht mit „Le­se­rat­ten und Bü­cher­wür­mern“ fie­le mir wohl auch eher schwer. Statt­des­sen glau­be ich et­wa an den Ro­man als Kunst­form ei­ner kom­ple­xen äs­the­ti­schen Her­vor­brin­gung, die mit ih­ren Mög­lich­kei­ten je und je ganz ei­ge­nes Be­wusst­sein oder Ver­gnü­gen schaf­fen kann – und da­mit letzt­lich auch Neu­ig­keits­wer­te und ge­sell­schaft­li­ches Fort­kom­men und al­so wie­der Re­le­vanz.

    (An­son­sten, so mei­ne Er­fah­rung, hilft ge­gen sol­che Leu­te wie Gott­schalk, die das Wort füh­ren, Stren­ge. Im­mer wird sich ei­ner dar­auf her­aus­re­den, dass er „die La­cher auf sei­ner Sei­te hat“.)

    ***

    Viel­leicht noch ein Bei­spiel: Als es sei­ner­zeit um die lei­di­ge Hei­ne-Preis­ver­wei­ge­rung für Hand­ke in un­se­rem Städt­chen ging, war ich ei­ni­ger­ma­ßen er­schüt­tert über die Blöd­heit der Nach­plap­pe­rei­en in ei­ner Run­de auch von lo­ka­len Künst­lern: „Ach das ist doch der mit sei­nem Ju­go­sla­wi­en usw.“ Sie wa­ren auf dem glei­chen Nach­rich­ten­stand wie Hinz und Kunz. Ich ha­be dann kurz dar­auf an ei­nem Abend in un­se­rem Ge­sprächs­kreis statt mei­nes va­ge im Kopf vor­be­rei­te­ten The­mas ein paar mei­ner „Stel­len“ aus ei­nem der Jour­na­le Hand­kes ge­le­sen, ein­fach so, oh­ne ei­ne wei­te­re „Ver­tei­di­gung“. Die Leu­te, sonst durch­aus elo­quent, wa­ren ei­ni­ger­ma­ßen vor dne Kopf ge­sto­ßen ob der vor­he­ri­gen Un­be­darft­heit ih­rer Ur­tei­le.

    Was man nicht kennt, kann man auch nicht schät­zen. Und lei­der sind die mei­sten We­ge der Ver­mitt­lung schon ein Är­ger­nis an sich oder ein Gäh­nen ma­chen­des Hin­der­nis. Es kommt eben auch auf ein ge­wis­ses En­ga­ge­ment für sei­ne Sa­che an, ei­ne Aus­drück­lich­keit, ei­ne Mü­he­wal­tung, ei­ne her­aus sich sel­ber wahr-spre­chen­de Lei­den­schaft. (Oder ein le­sens­wer­tes Blog.)

    Ich ha­be mir üb­ri­gens vor­ge­nom­men den „Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten“ die­ses Jahr noch mal zu le­sen, für mich. Ich emp­fin­de ihn nicht als Klas­si­ker. Das er­ste Le­sen hat­te ich ge­ra­de­zu zag­haft an­ge­fan­gen, und es wur­de dann ei­ne gro­ße Sa­che, die mich über Wo­chen be­glei­te­te – ich er­in­ne­re die­sen Zeit­ab­schnitt in mei­nem Le­ben eben an / als par­al­lel die­ser Lek­tü­re. (Wahr­schein­lich wie man­che sich an ei­nen „schö­nen Fuß­ball­som­mer“ er­in­nern wür­den zu ir­gend­ei­ner Welt­mei­ster­schaft.) Die zwei­te Lek­tü­re war dann ei­ne völ­lig an­de­re, auch „kri­ti­sche­re“, an­ders­wie für mich gül­ti­ge. Es ist die­se zwei­bän­di­ge Dünn­druck­aus­ga­be von Ro­wohlt. Sie und ich kni­stern in bei­der­sei­ti­ger Er­war­tung.

    Die Sa­chen, die man liebt, sind nicht für je­den. Und das ist ir­gend­wie auch gut.

     

  18. @Norbert
    Ich frag­te, weil ich aus an­de­ren Be­rei­chen ähn­li­che Wort­mel­dun­gen ken­ne und das manch­mal als Selbst­be­stä­ti­gung emp­fin­de (und es hin und wie­der selbst ein­mal tue). Aber mög­li­cher Wei­se hat en-pas­sant recht, dass die ei­ge­ne Le­bens­zeit ei­ne be­deu­ten­de Rol­le spielt. Und viel­leicht auch, dass Me­lan­cho­lie ein Zu­stand ist, den ich selbst zu­min­dest, als ei­nen wert­vol­len auch »schöp­fe­risch« nutz­ba­ren er­le­be; je­den­falls kei­nen, den ich weg ha­ben woll­te, wenn ich dar­über be­stim­men könn­te. Ein Mo­ment in­ten­si­ven Er­le­bens auf je­den Fall.

    Oh, ich glau­be man kann sich sehr wohl (in ge­wis­sen Gren­zen) ge­gen die Be­schleu­ni­gung weh­ren, ich ver­su­che das selbst und bin durch­aus er­folg­reich (na­tür­lich nicht im­mer). Je­den­falls sind Phä­no­me­ne wie Stress und Hek­tik auch selbst ver­schul­det (weil man nicht ver­zich­ten will oder kann).

    @en-passant
    Schö­ner Kom­men­tar!

  19. @en-passant

    Nun al­so zur Me­lan­cho­lie. Woll­te ich ne­ga­tiv be­gin­nen, könn­te man Ben­ja­mins »Lin­ke Me­lan­cho­lie« durch­aus mit als Bei­spiel an­füh­ren. Ja, es ist schon teil­wei­se ein Rück­be­zug auf sich selbst, aber oh­ne die an­ge­streb­te Schein­ra­di­ka­li­tät Käst­ners. Viel­mehr füh­le ich mich eher zu dem 19. und frü­hen 20. Jh. hin­ge­zo­gen. Ich weiß, dass da­bei ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Igno­ranz hin­sicht­lich der po­li­ti­schen und so­zia­len Rea­li­tät mit­spielt. Aber der Mensch lebt nun mal auch von sei­nen Ge­füh­len und die sind halt bei mir mehr auf die As­pek­te der Ein­fach­heit und kla­ren Struk­tu­ren aus­ge­rich­tet. Die Welt von Tho­mas Mann und Her­mann Hes­se, al­so die Zeit des Bür­ger­tums, hat es mir an­ge­tan. Es sind Ge­rü­che von un­ge­pfla­ster­ten We­gen, von Blu­men und Obst im Gar­ten, von jah­res­zeit­lich be­ding­ten Hand­lun­gen und Ak­ti­vi­tä­ten, die heu­te nicht mehr vor­kom­men und den mei­sten Jün­ge­ren un­be­kannt sind.
    Da­zu zählt eben auch die Li­te­ra­tur. Auch hier ken­ne ich na­tür­lich die Ge­gen­bei­spie­le, aber heu­te zählt für die vie­le Le­ser doch nur die Mas­sen­wa­re der Best­sel­ler­li­sten.

    Ich bin al­ler­dings nicht der Mei­nung, dass es sich um ei­nen all­ge­mei­nen Nie­der­gang han­delt, dem man mel­nacho­lisch nach­trau­ert. Po­li­tisch ja auf kei­nen Fall, denkt man an De­mo­kra­tie, Mit­be­stim­mung etc. Auch tech­nisch wird man die heu­ti­ge Zeit nicht als Nie­der­gang be­grei­fen kön­nen. Trotz­dem füh­le ich mich un­wohl, seh­ne mich nach ru­hi­ge­ren Zei­ten. An­ders aus­ge­drückt, nach ei­nem ge­lin­gen­den Le­ben. Das kann ich zwar be­ein­flus­sen, aber ich kann mich an­de­rer­seits nicht der schnelllebi­gen Zeit ent­zie­hen.
    Na­tür­lich ha­be ich ein Han­dy, wenn ich es auch sel­ten und nur zum Te­le­fo­nie­ren be­nutz­te, nie SMS sen­de, Fo­tos ma­che etc. Das ist zum Bei­spiel so ein Punkt. Vie­le glau­ben, al­les fest­hal­ten zu kön­nen, in­dem sie es spei­chern, auf dem Han­dy, dem Lap­top, dem PC. Die­sem Ge­fühl des Be­dau­erns, et­was nicht prä­sent zu ha­ben, dem traue­re ich schon nach. Et­was er­in­nern zu müs­sen, sich an den Din­gen zu freu­en, die man eben jetzt nur hat. Ich bin mir nicht si­cher, ob ich mich ver­ständ­lich aus­drücke, aber es hat viel mit Ge­fühl und dem Be­grenzt­sein des Men­schen zu tun, oh­ne aber die re­li­giö­se Kom­po­nen­te.
    Ich bin der fe­sten Über­zeu­gung, dass die Glo­ba­li­sie­rung den Men­schen über­for­dert, auch die For­de­rung, man müs­se al­les an­de­re an­er­ken­nen und ak­zep­tie­ren. Der Mensch ist auf klei­ne so­zia­le Grup­pen an­ge­legt. (Hier könn­te man wie­der ei­nen Schlenk zu Schalan­sky ma­chen.)
    Aus­drück­lich stim­me ich zu, dass die »mo­der­nen Un­ent­scheid­bar­keit « mel­nacho­lisch macht. Auch Un­über­sicht­lich­keit, wie sie schon Ha­ber­mas kri­ti­sier­te, macht me­lan­cho­lisch. Al­ler­dings se­he ich kei­ne äs­the­ti­schen Neue­run­gen, wel­che soll­te das sein? Dass je­der se­mi­pro­mi­nen­te Fuß­bal­ler oder Se­ri­en­schau­spie­ler meint, sei­ne von ei­nem Ghost­wri­ter ge­schrie­be­nen Me­moi­ren ver­öf­fent­li­chen zu müs­sen? Ich be­kom­me schon kei­ne Wut mehr über sol­chen Ten­den­zen, wie die Bür­ger in Stutt­gart, son­dern neh­me es schul­ter­zuckend in Kauf, was mich är­gert.
    Le­dig­lich die Li­te­ra­tur und Re­li­gi­ons­fra­gen las­sen mei­nen Blut­druck noch stei­gen, aber auch da ha­be ich fast nur ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen ge­macht. Ge­ra­de in Fo­ren oder all­ge­mein im In­ter­net mei­nen vie­le ur­tei­len zu kön­nen, oh­ne über­haupt über das not­wen­di­ge Wis­sen oder das Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen zu ver­fü­gen.

    Kom­men wir zur Grup­pe 47. Seit ei­ni­ger Zeit ist es schick ge­wor­den, die­se Grup­pe zu kri­ti­sie­ren, zu­letzt Mar­tin Mo­se­bach. Die Grup­pe 47 hat tat­säch­lich mit den Bü­chern von Grass, John­son, En­zens­ber­ger, Bach­mann, Böll die Fen­ster der ko­ser­va­ti­ven oder re­ak­tio­nä­ren BRD weit ge­öff­net, zu­min­dest was den li­te­rai­schen Be­reich an­ging. Ja, ich weiß, Ar­no Schmidt, A,V. The­len, Ce­lan und die Exi­lier­ten wur­den nicht ger­ne ge­se­hen. Aber was war denn die Al­ter­na­ti­ve des Bür­ger­tums oder der Kon­ser­va­ti­ven?
    Ber­gen­gru­en, G. von le Fort, Ler­net-Ho­le­nia Ed. Sc­ha­per, Gerd Gai­ser u.a.

    Neh­men wir noch das Hand­ke­bei­spiel. Ich bin Hand­ke­le­ser seit sei­nem »Kur­zen Brief zum lan­gen Ab­schied.« Vie­le Bü­cher fand ich her­vor­ra­gend, an­de­re we­ni­ger. So weit, so gut. Aber sei­ne Aus­füh­run­gen zu Sre­bre­ni­ca konn­te ich nicht mehr ver­ste­hen. Ich tren­ne deut­lich sei­ne po­li­ti­schen Äu­ße­run­gen von sei­nen Ro­ma­nen, das sind zwei ver­schie­de­ne Sa­chen. Aber auch die Ver­tei­di­ger von Hand­ke, wie P. Hamm, ha­ben doch ein­sei­tig nur Phra­sen ge­dro­schen, von den bö­sen NA­TO-An­grif­fen , dem bö­sen J. Fi­scher usw. Bis auf die »Kuck­kucke von Ve­li­ka Hor­ca« ha­be ich al­le Tex­te von Hand­ke da­zu ge­le­sen. Bei­de Sei­ten zu hö­ren, ist das ein­zi­ge, was man noch ma­chen kann. Hört man sich Ra­do­van Mla­dic im TV vor Ge­richt an, was er zu Sre­bre­ni­ca sagt, es ha­be kein Ver­bre­chen ge­ge­ben, so et­was Un­ge­heu­er­li­ches dür­fe man ihm nicht vor­wer­fen, dann fällt mir na­tür­lich Hand­ke ein und ich kann nur den Kopf schüt­teln.

    Zum »Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten« kann ich nur gra­tu­lie­ren, der Ro­man lohnt sich, aber ich fin­de es scha­de, wenn man mit die­ser Lek­tü­re al­lei­ne bleibt. Da bie­tet doch ei­gent­lich das In­ter­net ei­ne Rie­sen­mög­lich­keit, mit Gleich­ge­sinn­ten über die Lek­tü­re zu kom­mu­ni­zie­ren. Ich wür­de zum Bei­spiel ger­ne noch ein­mal den »Mo­by Dick« le­sen, weil er für mich sehr vie­le Pro­ble­me der heu­ti­gen Zeit be­han­delt, zu­min­dest in über­tra­ge­nen Sin­ne: Hy­bris, Na­tur, Kampf mit der Na­tur, Re­li­gi­on, My­thos usw.

    Letz­te An­mer­kung, den Fer­nan­do Pes­soa soll­te man lie­ber im Früh­jahr und nicht im Herbst oder Win­ter le­sen, denn »Die Un­ru­he ...« ist zwar ein wun­der­ba­res Buch, aber wer für die­se Stim­mung emp­fäng­lich ist, kommt nur schwer wie­der her­aus und das wä­re scha­de, denn trotz al­ler Me­lan­cho­lie, frei nach Ro­ber­to Be­nig­ni: La Vi­ta è bel­la!

  20. Sehr schö­ne Kom­men­ta­re. Ein kur­zer Ein­wurf @Norbert zu Hand­ke:

    Hand­ke hat nie­mals Sre­bre­ni­ca in ir­gend­ei­ner Form ni­vel­liert oder gar ge­leug­net. Er war mehr­fach dort und hat in zwei Bü­chern hier­über er­zählt (»Som­mer­li­cher Nach­trag« und »Un­ter Trä­nen fra­gend«). Er hat auch in In­ter­views und di­ver­sen Ar­ti­keln kei­nen Zwei­fel dar­an ge­las­sen, dass es sich bei Sre­bre­ni­ca um das größ­te Ver­bre­chen in Eu­ro­pa nach dem 2. WK han­delt. Evtl. Aus­sa­gen von Mla­dic oder Ka­rad­zic, die in ei­ne an­de­re Rich­tung ge­hen, wür­de er nie­mals un­ter­stüt­zen. Da­her ver­ste­he ich Ihr Kopf­schüt­teln in Be­zug auf Hand­ke bei Mla­dics Aus­sa­gen in Den Haag nicht.

    Ich hal­te es für fa­tal, die so­ge­nann­ten Ju­go­sla­wi­en-Rei­se­bü­cher von Hand­kes an­de­rem Werk zu tren­nen. Hand­kes Hin­wen­dung zu Ju­go­sla­wi­en als sein Ar­ka­di­en (auch po­li­tisch – nicht nur hin­sicht­lich sei­ner Her­kunft) be­gann 1986 mit der Er­zäh­lung »Die Wie­der­ho­lung«. Die Se­zes­sio­nen, die zu Be­ginn der 90er Jah­re zur Im­plo­si­on Ju­go­sla­wi­ens führ­ten, stand er von An­fang an ne­ga­tiv ge­gen­über. Die Grün­de hier­für sind in sei­nen Bü­chern nach­zu­le­sen. Wich­tig ist: Nach 1986 gibt es prak­tisch kein Buch mehr, in dem nicht in ir­gend­ei­ner Form die­ses The­ma bei Hand­ke ei­ne Rol­le spielt.

    Zur Me­lan­cho­lie viel­leicht spä­ter. Sehr in­ter­es­san­tes The­ma.

  21. @ Nor­bert

    Ich woll­te es ei­gent­lich ver­mei­den – es wird dann rasch sehr spe­zi­ell und läuft doch, wg. den vie­len Spu­ren, bald aus­ein­an­der – aber ich den­ke wirk­lich, dass die ge­sam­te Me­lan­cho­lie-Tra­di­ti­on seit Dü­rer bei uns bis heu­te ei­ne Rol­le spielt. Ra­di­kal ver­ein­facht ge­sagt, dass al­so Gei­stes­le­ben und Er­kennt­nis un­wei­ger­lich die Ent­zau­be­rung der Welt be­för­dern (und der Ver­lust be­son­ders die­ses per­sön­li­chen, des ewig be­wahr­ten Zau­bers aus der ei­ge­nen Kind­heit in Form en­gram­ma­ti­scher Er­in­ne­run­gen, die im­mer wie­der als Res­sour­ce ab­ge­ar­bei­tet wird... im­mer wie­der, so­dass man ir­gend­wann dar­über be­mer­ken muss, wie man sie sel­ber ver­fälscht und an ih­rer Lö­schung mit­hilft und al­so an der Ei­ge­nen Trau­er dar­über.)
    (Falls das je­mand in­ter­Es­siert üb­ri­gens aus­drück­li­cher Tipp von mir: Las­zlo Föl­de­nyi, ein Un­gar hat dar­über sehr le­sens­wert und auf­schluss­reich ge­ar­bei­tet.)

    Ich mein­te hier al­ler­dings auch be­son­ders die Me­lan­cho­lie der Mo­dern (ja, Glo­ba­li­sie­rung, Über­kom­ple­xi­tät, Über­for­de­run­gen... die ten­den­zi­ell grö­ßer ge­wor­de­nen Un­er­fass­bar­keit der Welt spielt da rein, das ist na­tür­lich der an­de­re star­ke Kom­plex an Grün­den).

    Die äs­the­ti­schen Neue­run­gen se­he ich über­all: Von der ela­bo­rier­ten Ly­rik-Zel­le bis zum Cannes.Film – und da­bei zu blei­ben – „Me­lan­cho­lia“ von Lars von Trier. (Der Idio­tis­mus dass es in ei­ner hoch­stap­le­risch ge­nann­ten Sen­dung wie „Kul­tur­zeit“ dann nur wie­der mit der Un­kul­tur des Zi­tats des blö­den Skan­däl­chens geht... macht mich me­lan­cho­lisch.)

    Aber um auf Li­te­ra­tur zu­rück­zu­kom­men. Was ist mit den Süd­ame­ri­ka­nern? Nou­veau ro­man? Oder ak­tu­el­ler: Ich hal­te je­man­den wie Rai­nald Goe­tz – be­zeich­nen­der­wei­se in sei­nem Schei­tern an den tra­di­tio­nel­len For­men – für ei­ne äs­the­ti­sche Neue­rung. Oder zum Teil auch Leu­te aus der DDR. Oder so man­che Öster­rei­cher in der Fol­ge Os­wald Wie­ners. (Ob man das al­les gou­tiert ist ei­ne an­de­re Sa­che. Ich mer­ke es aber ge­ra­de wie­der wie viel Spaß so ei­ne ver­jähr­te und son­der­ba­re Ty­pe wie Ar­no Schmidt ei­nem macht!)

    (Dass es im In­ter­net über­all so vie­le Un­be­darf­te gibt, die sich den­noch äu­ßern – ge­schenkt; es ist der Preis, dass man sel­ber re­den darf. Im­mer­hin gibt es al­so auch Win­zig­fo­ren und sol­che die auch ab­sei­ti­gen In­ter­es­sen be­die­nen, die es wert sind.)

    ***

    Dass es mo­disch ist, auf die „Grup­pe 47“ zu schimp­fen, mag sein, aber es hat wohl auch da­mit zu tun, dass der Blick­win­kel heu­te ein wei­ter auf­ge­mach­ter ist, und dass es ge­nug neu­es Ma­te­ri­al über sie zu wis­sen gibt.

    (Ich sag­te das üb­ri­gens mit ei­nem Au­ge auf Gerd Gai­ser. Ei­gent­lich woll­te ich sei­ner­zeit et­was zu dem Es­say G.Ks zu ihm sa­gen, aber ich hat­te ein­fach nicht die Zeit. Doch ha­be ich seit Jah­ren ein Buch Gerd Gai­sers im Re­gal, und mir wur­de klar, im Licht des Es­says ei­ner­seits, im kur­zen Wie­der­an­le­sen des Bu­ches – des et­was sehr Mo­der­nes hat – an­de­rer­seits, wie so ein mo­bi­ler Geist wie G.Gaiser, mit sei­nem Er­fah­rungs­hin­ter­grund und sei­nen in­ter­na­tio­na­len Kon­tak­ten (er war in sei­nen spä­ten Jah­ren ja viel­leicht mehr Künst­ler als Schrift­stel­ler), bei den deut­schen Spie­ßer­in­stan­zen nur auf nach­ge­tra­ge­ne Mo­ra­li­tät sto­ßen konn­te statt auf äs­the­ti­sche Auf­nah­me­be­reit­schaft. – Viel­leicht kom­me ich noch mal da­zu, das aus­zu­ar­bei­ten.)

    Je­den­falls – sehr ver­kürzt und über­spitzt ge­sagt – er­scheint mir die Grup­pe 47 heu­te als die Art Öf­fent­lich­keit, die wir heu­te ha­ben: Kon­sens­süch­tig, klein­lich, in der Ge­wiss­heit ih­rer das Schwie­ri­ge­re aus­zu­gren­zen ver­su­chen­den Ur­tei­le im­mer schon ten­den­zi­ös. Deut­sche En­ge, ei­ne gei­stig-künst­le­ri­sche Im­po­tenz, Igno­ranz bei al­lem mo­der­ni­sti­schen Dün­kel.

    Es geht wohl nicht dar­um im Nach­hin­ein ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu for­dern – die gab es üb­ri­gens durch­aus, in den Un­ab­hän­gi­gen und de­zi­dier­ten Ein­zel­gän­gern und auch wie­der­um bei den Öster­rei­chern et­wa. Und na­tür­lich muss man die Zeit­ver­haft­et­heit der Ur­tei­le und ih­rer Be­din­gun­gen se­hen. Aber was man zu­min­dest mo­nie­ren muss, ist ein man­geln­des Be­wusst­sein für eben die ei­ge­ne Be­dingt­heit, für das Wis­sen um das ei­ge­nen Ab­ge­häng­t­sein von in­ter­na­tio­na­len Mo­der­nis­men und da­mit der das in (wie­der mal) fal­schem Glau­ben über­kom­men­den Un­gu­te wei­ter­füh­ren­den Kon­ti­nui­tä­ten. Äs­the­ti­sche Blind­heit ist zum Teil im­mer auch ei­ge­nes Ver­schul­den. Und so­wie­so bei Leu­ten, die sich als In­stan­zen set­zen aber in ih­rem Ver­hal­ten eher Ver­eins­mei­er sind.

    Zu Hand­ke. Selbst wenn man ihn nicht ver­steht – und wer könn­te das im­mer be­haup­ten ei­nen zu ver­ste­hen, der der­art un­be­irrt und zu­neh­mend sin­gu­lär sein Ding macht – hat man doch sei­ne künst­le­ri­sche Po­tenz zu ach­ten und kann ihn nicht mit Me­di­ens­im­pel­hei­ten (sich) ab­tun las­sen. (Von mir aus wie – ja, schlech­tes Bei­spiel – so je­mand wie Ernst Jün­ger. Hät­te ich den nicht ge­le­sen – ob­wohl ich ihn meist nicht mag, und mit den Jah­ren im­mer we­ni­ger -, fehl­te mir was. Es sind doch sol­che Art Köp­fe, die die Kon­sens­öf­fent­lich­keit braucht.)

    Ich ver­mu­te, den Kopf schüt­teln muss man ei­gent­lich im­mer.

    ***

    In­ter­es­sant noch das mit den ei­ge­nen Hin­ge­zo­gen­hei­ten. Da ha­ben Sie mich auf et­was ge­bracht. Bei mir sind das teils ganz selt­sa­me, gar nicht be­gründ­ba­re Sym­pa­thi­en – über de­ren Ver­lust – ob­wohl er mich in nichts an­geht – ich traue­re. Ein für mich le­ben­di­ges Bei­spiel sind die Fil­me Mi­chel­an­ge­los An­to­nio­nis aus der mitt­le­ren Pha­se (der frü­hen 60er Jah­re).

    Ich war ge­ra­de erst auf der Welt, ich ha­be spä­ter das mon­dän-un­ru­hi­ge (statt dem goe­thi­schen) Ita­li­en mit sei­ner spe­zi­fi­schen Mi­schung aus der Ar­cha­ik des Mez­zo­gior­no und dem Stadt­le­ben nie mehr ge­fun­den (ich bin es su­chen ge­gan­gen), ich weiß wie ge­schmäck­le­risch heu­te vie­len Leu­ten die­se Fil­me vor­kom­men, weil sie ge­wis­se Din­ge dar­in nicht se­hen. Und doch ist es, als wä­ren sie ein ei­ge­ner Ort in mir, den ich ver­mis­se – in dem Ort, den ich ver­mis­se. Ich mei­ne al­so die­se Art Me­lan­cho­lie, die in den Sub­jek­ten und de­ren Gei­stes­le­ben zu ei­nem ge­wis­sen Zu­sam­men­hang schaf­fen­den Kli­ma wird.

    (Ein wei­tes Bei­spiel wä­re das Bue­nos Ai­res aus den Jah­ren, als Bor­ges, Gom­bro­wicz und Onet­ti dar­über ge­schrie­ben ha­ben. Ich hät­te in ei­ner Zeit, als ich öf­ter in Bra­si­li­en war, leicht mal hin­fah­ren kön­nen, und ein­mal hat­te ich so­gar schon das Ticket. Aber dann woll­te ich mir doch lie­ber die­sen men­ta­len Ort be­wah­ren. Das rea­le heu­ti­ge Bue­nos Ai­res zu se­hen da­ge­gen wä­re si­cher nut Tou­ris­mus und auch der macht mich seit Lan­gem nur noch me­lan­cho­lisch.)

    (Sor­ry, falls ich mich hier zu breit ma­che...)

     

  22. @ Gre­gor Keu­sch­nig
    War­um ha­be ich oft das Pech, bei Hand­ke-Geg­nern ihn zu ver­teid­gen zu sol­len und bei Hand­ke-An­hän­gern doch Ein­wän­de zu äu­ßern? Ge­nau­so geht es mir mit der Re­li­gi­on.
    Nun al­so.
    Zu­erst ei­ne Klar­stel­lung, ich be­zog mich auf In­ter­views und Ein­zel­äu­ße­run­gen, als ich schrieb, ich trenn­te den Schrift­stel­ler Hand­ke von dem po­li­ti­schen Hand­ke. Al­le Bü­cher sind für mich Li­te­ra­tur, ob rein fik­tio­nal oder durch per­sön­li­che Er­fah­run­gen ge­prägt, spielt da­bei kei­ne Rol­le.
    Hand­ke schreibt in sei­nem Buch »Ei­ne win­ter­li­che Rei­se..«, S. 41: « Die­se, so war es je­den­falls nicht sel­ten zu se­hen, »po­sier­ten« zwar nicht, doch wa­ren sie, durch den Blick- oder Be­richts­blick­win­kel, deut­lich in ei­ne Po­se ge­rückt: wohl wirk­lich lei­dend, wur­den sie ge­zeigt in ei­ner Lei­dens­po­se.«
    Dass ist kei­ne Re­la­ti­vie­rung des Lei­dens der ein­ge­pferch­ten Men­schen? Oder wenn er ein paar Sät­ze spä­ter schreibt: »...nah­men sie für für die Lin­sen und Hör­knöp­fe der in­ter­na­tio­na­len Be­lich­ter und Be­rich­ter, von die­sen in­zwi­schen an­ge­lei­tet, ge­lenkt, ein­ge­winkt (»He, Part­ner!«), si­cher­lich wie ge­fü­gig die fremd­ge­wünsch­ten Mar­ter­mie­nen und -hal­tun­gen ein.«
    »Ge­fü­gig fremd­ge­wünsch­te Mar­ter­mie­nen und -hal­tun­gen« ist nicht ei­ne völ­lig un­an­ge­mes­se­ne Dar­stel­lung der ge­fan­ge­nen Men­schen?
    Noch ein Bei­spiel sei zi­tiert, ich kön­te noch vie­le wei­te­re Stel­len an­füh­ren. In dem Buch »Som­mer­li­cher Nach­trag...« schreibt er S. 14: « (Hand­ke u. Be­glei­ter) de­ren Rei­se­ziel oder Hin­ter- und Haupt­ge­dan­ke es je­den­falls nicht war, wei­te­re Wor­te und Sät­ze zu­zu­häu­feln zu der Sa­ge von ih­rem Vol­ke als ei­nem von Ver­ge­wal­ti­gern, Schläch­tern und un­eu­ro­päi­schen Bar­ba­ren – und so: »Sre­tan put! Glück­li­che Fahrt!«
    Wird hier nicht Schläch­ter und Ver­ge­wal­ti­ger durch den Zu­sam­men­schluß mit Sa­ge re­la­ti­viert?
    Er be­strei­tet nicht Sre­be­ni­ca, aber re­la­ti­viert die­ses Ver­bre­chen in mei­nen Au­gen, wenn er, wie z.B. oben zi­tiert, die­ses Ver­bre­chen im­mer wie­der hin­ter­fragt, wie es zu die­sem Ver­be­chen kam, wer der Ag­gres­sor war, usw. Ich müss­te noch ein­mal mei­ne Bü­cher durch­for­sten, um wei­te­re Stel­len zu be­le­gen, ich mei­ne aber, dass dies nicht nö­tig ist.
    Ich fas­se noch ein­mal mei­ne Mei­nung zu Hand­ke zu­sam­men. In der­De­bat­te oder Aus­ein­an­der­set­zung um Ser­bi­en hat Hand­ke ei­ne Po­si­ti­on be­zo­gen, die man von sei­ner Her­kunft und sei­nen Er­fah­run­gen durch­aus in der Schuld­fra­ge dis­kus­si­ons-wür­dig nen­nen kann. Da­ne­ben hat er aber sich zu Aus­sa­gen über mi­li­tä­ri­schen Ak­tio­nen und Ver­be­chen und über die An­füh­rer der Ser­ben, über die mi­li­tä­ri­schen Ak­tio­nen der NATO, über die Be­richt­erstat­tung der Me­di­en hin­rei­ßen las­sen, die ich nur noch kopf­schüt­telnd zur Kennt­nis neh­men kann, aber für die ich kein Ver­ständ­nis ha­be.
    Er woll­te als Zeu­ge für Mi­lo­se­vic auf­tre­ten, be­such­te Mi­lo­se­vic etc. Er­in­nern Sie sich, wie man es Ham­sun übel­nahm, Hit­ler be­sucht zu ha­ben, da­mit will ich kei­nes­falls Mi­lo­se­vic zu ei­nem Hit­ler ma­chen. Aber er war ne­ben den bei­den K, und M. für vie­le Ver­bre­chen ver­ant­wort­lich.
    Trotz­dem sind die Bü­cher seit 1996, wie Sie ja rich­tig schrei­ben, von die­sem Kon­flikt stark be­ein­flusst. Ich le­se ihn selbst­ver­ständ­lich wei­ter­hin , ver­ste­he aber nicht, wie er, der ei­gent­lich das Po­li­ti­sche ab­lehnt, sich da­zu so ex­zes­siv äu­ßern konn­te.

    Ich ah­ne und weiß im Grun­de , dass ich mit mei­nen Aus­füh­run­gen Ih­ren Wi­der­spruch her­aus­for­de­re, aber ist es nicht mög­lich, dass kei­ner von uns bei­den in die­sem Fall die Wahr­heit kennt bzw. sie be­sitzt und man es da­bei be­wen­den las­sen soll­te? Wenn man sich zu 90% über Hand­ke wahr­schein­lich ei­nig ist, war­um müs­sen die rest­li­chen 10% so aus­schlag­ge­bend sein und al­les be­stim­men?

  23. @Norbert
    Zu­nächst ein­mal: Ich bin kein »Ver­tei­di­ger«. Ich bin ein Le­ser.

    Kurz: Die Stel­len, die Sie aus der Win­ter­li­chen Rei­se zi­tie­ren, ha­ben mit Sre­bre­ni­ca nichts zu tun. Sie be­zie­hen sich auf Hand­kes Sprach- und Me­di­en­kri­tik zur Be­richt­erstat­tung der Ju­go­sla­wi­en­krie­ge ge­ne­rell. Sie sug­ge­rie­ren, als sei­nen die Rei­se­be­rich­te Hand­kes be­zo­gen auf das Sre­bre­ni­ca-Mas­sa­ker. Das ist aus­drück­lich falsch. Sie wer­den kein Zi­tat zur Re­la­ti­vie­rung von Kriegs­ver­bre­chen bei ihm fin­den – es sei denn, Sie wol­len es be­wusst als sol­ches aus­le­gen. Hand­ke hat die me­dia­le In­sze­nie­rung der Al­lein­schuld der Ser­ben an der Im­plo­si­on Ju­go­sla­wi­ens be­fragt. Sei­ne zum Teil wü­ten­den und po­le­mi­schen Aus­füh­run­gen ha­ben ei­nen durch­aus wah­ren Kern: Die Dar­stel­lun­gen in den Me­di­en zu Gun­sten der Se­zes­sio­nen Slo­we­ni­ens und Kroa­ti­ens (spä­ter Bos­ni­ens und des Ko­so­vo) wa­ren ein­sei­tig und zum Teil durch ge­schick­te Pro­pa­gan­da der ent­spre­chen­den Staa­ten bzw. ei­ni­ger Pri­vat­leu­te ge­steu­ert (hier­über gibt es Be­le­ge). Das re­la­ti­viert die Ver­bre­chen der Ser­ben nicht – et­was, was üb­ri­gens Hand­ke auch nie ge­tan hat.

    Es ist auch falsch zu be­haup­ten, dass Hand­ke als »Zeu­ge« im Haa­ger Mi­lo­se­vic-Pro­zess auf­tre­ten woll­te. Das Ge­gen­teil ist rich­tig (es steht in den »Tab­las von Dai­miel«): Die Ver­tei­di­gung hat­te Hand­ke (un­ter rund ein­tau­send an­de­ren Per­so­nen) als po­ten­ti­el­len Zeu­gen be­nannt. Hand­ke – von Na­tur aus neu­gie­rig – frag­te sich war­um und woll­te sich ein Bild da­von ma­chen und hat Mi­lo­se­vic im Ge­fäng­nis be­sucht. In den »Tab­las« ist das sehr ge­nau be­schrie­ben – bis hin­ein in die Mo­no­lo­ge Mi­lo­se­vics, die ihn (Hand­ke) gar nicht in­ter­es­sie­ren. Ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Zeu­gen­schaft hat­te Hand­ke dann ex­pli­zit ab­ge­lehnt. Er ist üb­ri­gens nie so weit ge­gan­gen wie Pin­ter, der so­gar Mi­lo­se­vics Frei­las­sung for­der­te.

    Den Ver­gleich mit Ham­sun, der nach der Be­stä­ti­gung des Ka­rad­zic-Be­su­ches durch Mal­te Her­wigs Bio­gra­phie ver­ein­zelt auf­kam, be­zeich­ne­te Hand­ke zu­tref­fend als »Par­al­le­len­schwin­del«.

    Es geht im üb­ri­gen nicht dar­um, die »Wahr­heit« zu ken­nen. Es geht um sorg­fäl­ti­ges Le­sen, da­mit Ver­schlag­wor­tun­gen sich nicht fest­set­zen. Bei Hand­ke ist dies nicht ge­lun­gen – was zum Teil auch an ihm sel­ber liegt.

  24. @en-passant

    Ich glau­be, dass die Me­lan­cho­lie ir­gend­wann noch so et­was wie ein Schutz ge­gen den sich im­mer mehr in ei­nem aus­brei­ten­den Zy­nis­mus dar­stellt. Der Me­lan­cho­li­ker ist noch nicht ver­lo­ren an die Dau­er-Be­spa­ßer und Dau­er-Iro­ni­ker – und gleich­zei­tig noch nicht in tie­fe De­pres­si­on ver­fal­len (das an­de­re Ex­trem). Ge­nau hier liegt die In­tel­lek­tua­li­tät des Me­lan­cho­li­kers, der sich dem Schnel­len, Grif­fi­gen und Ak­tio­ni­sti­schen (vor­läu­fig) ent­zieht – aber re­fle­xiv und nicht als Af­fekt ge­gen (oder für) et­was. Ob das schon ein Ver­stecken vor der Welt ist, wie der Ver­lag zu dem Föl­dé­nyi-Buch sagt? Ich weiss es nicht – ich müss­te es da­für le­sen. An­de­rer­seits be­har­re ich im­mer auf mei­ner Sicht des Dü­rer-En­gels: Ist auf sei­nem Ge­sicht nicht auch ein An­flug von Lä­cheln zu er­ah­nen, was noch ei­ne ge­wis­se Por­ti­on Zu­ver­sicht min­de­stens als Mög­lich­keit ein­räumt?

    ***

    Was Sie zur Grup­pe 47 sa­gen, ist sehr hart – aber es ist wahr­schein­lich zu­tref­fend. Noch zu­tref­fen­der dürf­te der Re­kurs auf die sich hier auf­zei­gen­de Dis­kurs-Tra­di­ti­on Kon­sens­süch­tig, klein­lich, in der Ge­wiss­heit ih­rer das Schwie­ri­ge­re aus­zu­gren­zen ver­su­chen­den Ur­tei­le im­mer schon ten­den­zi­ös. Deut­sche En­ge, ei­ne gei­stig-künst­le­ri­sche Im­po­tenz, Igno­ranz bei al­lem mo­der­ni­sti­schen Dün­kel. Ich glau­be nicht, dass es noch prä­gnan­ter geht, wenn man Me­di­en im all­ge­mei­nen und das Feuil­le­ton im be­son­de­ren be­schrei­ben möch­te. (Die­se »Kulturzeit«-Macher sto­ßen mir mit ih­rem main­streammäßi­gen Klein­geist schon seit Jah­ren un­an­ge­nehm auf; schon wie­der ei­ne ver­ge­be­ne Chan­ce.)

    Ich brau­che wohl nicht zu er­wäh­nen, wie sehr ich an Ih­ren Aus­füh­run­gen zu Gai­ser in­ter­es­siert wä­re. Ei­ne Re­ak­ti­on auf die­sen Es­say war ein (in­zwi­schen ver­schwun­de­ner) Bei­trag in ei­nem an­de­ren Blog mit der Über­schrift (sinn­ge­mäss) »War­um ich Gerd Gai­ser nicht le­sen wer­de« – wo­bei der Au­tor sein Ur­teil aus­schließ­lich mit der Se­kun­där­li­te­ra­tur über Gai­ser be­grün­de­te (und mei­nen Es­say als »ho­mo laber«-Geschwätz ru­bri­zier­te). Da­bei mach­te er ge­nau das, was ich als schwei­gen­den Grund­kon­sens in so­ge­nann­ten links-li­be­ra­len Krei­sen im­mer wie­der be­ob­ach­te: man pau­scha­li­siert auf­grund über­lie­fer­ter Da­ten. Po­li­tisch oder sonst­wie un­be­que­me Fi­gu­ren wer­den auf die­se Art aus­ge­son­dert. So las­sen sich mit ge­ring­stem Auf­wand die ent­spre­chen­den Ge­sin­nungs-Pünkt­chen ge­win­nen. Bil­li­ger geht’s nicht mehr.

  25. Me­lan­cho­lie ... in­ter­es­sant, dass sie von meh­re­ren Sei­ten mit Über­for­de­rung, Glo­ba­li­sie­rung, Schnelllebig­keit und Über­kom­ple­xi­tät in Ver­bin­dung ge­bracht wird, bei mir lö­sen die­se Zu­stän­de und Er­fah­run­gen Frag­men­tiert­heit, Ab­ge­schla­gen­heit, Zer­streut­heit, Er­schöp­fung, usw. aus, aber ei­gent­lich kei­ne Me­lan­cho­lie, auch kei­ne Trau­er.

    Me­lan­cho­lie, stellt sich viel­leicht ein, wenn man et­was oder je­mand, dem man sich ver­bun­den fühlt oder gar lieb­te beim Schwin­den, Da­hin­schei­den, beim Ster­ben zu se­hen muss, man er­fährt, dass et­was un­wei­ger­lich da­hin ge­hen muss. Ist es das was die oben ge­nann­ten Er­fah­run­gen viel­leicht auch sa­gen?

    Ich ken­ne Me­lan­cho­lie von an­ders­wo: Wie ein Loch in das man fällt, ei­ne Kraft, ein Zu­stand, der weg­bricht und man sitzt drin­nen. Sei­ne Me­lan­cho­lie­en drän­gen­der Kräf­te er­tra­gen kön­nen, heisst Mensch sein! (Pe­ter Al­ten­berg, Pròdrŏmŏs). Das scheint mir manch­mal sehr zu­tref­fend: Wenn die Kräf­te da­hin sind, wenn wir nichts än­dern kön­nen, matt und mü­de (schwer!) wer­den, dann ge­sellt sie sich zu uns.

  26. Ich weiß gar­nicht, wie ich das aus­drücken soll: ha­be sel­ten so ei­ne per­sön­li­che und be­we­gen­de Dis­kus­si­on im Netz ge­le­sen!? Ich ha­be heu­te auch ei­ne re­stau­rier­te Fas­sung von »Im We­sten nichts Neu­es« (USA 1930, von Le­wis Mi­le­stone) auf You­Tube ge­se­hen:

    So­viel zu den ’schö­nen’ Din­gen, die man ne­ben Le­sen trei­ben kann, @metepsilonema. Ab­ge­se­hen von den ak­ti­ven Krea­ti­vi­tä­ten wie Schrei­ben. Die apo­re­ti­sche Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­läh­mung des »mo­der­nen« Men­schen, von der @en-passant in #18 sprach, ist, glau­be ich, so alt wie die Zi­vi­li­sa­ti­on. Der Wan­del der Ge­stal­ten, die ra­sche Fol­ge von Bil­dern und Er­eig­nis­sen, das Ster­ben und Ver­we­sen der Ge­lieb­ten und An­ge­hö­ri­gen quä­len und ver­un­si­chern auch den alt­ägyp­ti­schen Dich­ter der To­ten­lie­der. Man muß sich auch fra­gen, ob bron­ze­zeit­li­che Men­schen, die auf Land- und See­rei­sen über Tau­sen­de von Ki­lo­me­tern hin­weg in­du­strie­mä­ßig Wa­re han­del­ten, tat­säch­lich mehr »Zeit« und we­ni­ger Streß hat­ten, als der »mo­der­ne« Mensch. Oder ob der All­tag nicht ge­nau­so ver­tak­tet und aus­ge­füllt war – mit ex­ak­ten Ge­schäfts­plä­nen und zeit­ab­hän­gi­gen Ge­winn­zie­len. Ich deu­te hier an, wor­aus sich mei­ne per­sön­li­che Me­lan­cho­lie haupt­säch­lich speist: aus ei­ner flüch­ti­gen Ah­nung der lan­gen Di­stanz, die die Mensch­heit seit ih­rem An­fang (wann?) zu­rück­ge­legt und viel­leicht noch vor sich hat – und wie qual­voll, ja pa­tho­lo­gisch die­se Rei­se oft ver­lau­fen ist. Die Ge­schichts­schrei­bung ist für mich ei­gent­lich die Text­gat­tung, in der der Mensch sei­ne ei­ge­ne Un­ge­heu­er­lich­keit im Sin­ne von Mon­stro­si­tät zu fas­sen ver­sucht – mit flie­ßen­den Über­gän­gen zur Li­te­ra­tur. Das Be­wußt­sein für die lin­gu­isti­sche Kon­struk­ti­on al­ler Text- und Sprach­ge­bil­de, für ih­re Be­grenzt­heit in der Re­la­ti­on zur kos­mi­schen Po­tenz, hat mich schon ein­mal in die pu­re Ver­zweif­lung ge­trie­ben, buch­stäb­lich. Hier von Me­lan­cho­lie zu spre­chen, wä­re ei­ne Net­tig­keit. Wer kann mit Spra­che ei­ne But­ter­blu­me aus­schöp­fen? Und wer kann mit Spra­che Ausch­witz aus­schöp­fen?

    Daß ge­ra­de Mo­se­bach als Ver­tre­ter ei­nes bie­der­mei­er­lich ge­drech­sel­ten Kunst­hand­werks die Grup­pe 47 ge­rügt hat, wie @Norbert #21 schreibt, hat wohl eher et­was mit Roll­back und Markt­ni­sche für den hei­mat­ori­en­tier­ten Sehn­suchts­le­ser zu tun (was mo­men­tan auf­grund ei­ner Vor­märz-Stim­mung me­ga­out sein dürf­te ...). Ich hal­te es da eher mit dem po­si­ti­ven Ur­teil von @Norbert über die Grup­pe 47, bei al­ler Selbst­ab­schot­tung und Dün­kel­haf­tig­keit, auch Grob­hei­ten ge­gen­über Ce­lan, die mich per­sön­lich sehr schmer­zen, ist ih­re Wir­kung und Be­deu­tung für das jun­ge Deutsch­land nach Ausch­witz ein­deu­tig. Was hät­te man nach der voll­stän­di­gen Zer­stö­rung al­ler gei­sti­gen und mo­ra­li­schen Wer­te mehr er­war­ten dür­fen? Viel­leicht mehr Ver­ständ­nis für das Lei­den ei­nes Ce­lan. Aber war das über­haupt mög­lich? Ist das heu­te über­haupt mög­lich? »Kon­sens­süch­tig, klein­lich, in der Ge­wiss­heit ih­rer das Schwie­ri­ge­re aus­zu­gren­zen ver­su­chen­den Ur­tei­le im­mer schon ten­den­zi­ös. Deut­sche En­ge, ei­ne gei­stig-künst­le­ri­sche Im­po­tenz, Igno­ranz bei al­lem mo­der­ni­sti­schen Dün­kel.« Die­ses Ur­teil über die Grup­pe 47 von @en-passant #23 könn­te auch über die Äs­the­tik des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­fällt wer­den, der ja Ele­men­te zu­min­dest der tech­ni­zi­sti­schen, fu­tu­ri­sti­schen Mo­der­ne kennt. Wo­her stam­men denn die deut­sche Klau­stro­pho­bie, die Am­pu­ta­ti­on des Mit­ge­fühls, die Ge­häs­sig­keit und der Le­bens­ekel, die al­le­samt die Kunst ver­un­mög­li­chen? Ich be­haup­te: sie stam­men aus den Gra­nat­trich­tern, in de­nen sich schon Hit­ler und Jün­ger in die Er­de krall­ten, sie füh­ren zu den Ver­bren­nungs­gru­ben des Ge­no­zids und sie tra­gen bis heu­te zur an­hal­ten­den Ver­stö­rung des Men­schen bei. Die­se Ver­stö­rung, wenn sie denn nicht in Wor­te ge­faßt wer­den kann, hat ein Ge­sicht:

    http://www.youtube.com/watch?v=SS1dO0JC2EE&feature=related

  27. @en pas­sant
    Erst ein­mal ei­nen ganz herz­li­chen Dank. Beim Le­sen lief mir tat­säch­lich ein Schau­er über den Rücken, we­gen der vie­len Er­in­ne­run­gen, die der Bei­trag aus­ge­löst hat. Ich kann je­dem Satz nur zu­stim­men, so­weit ich die Bei­spie­le über­haupt ein­schät­zen kann – bei Fil­men ist das schwie­rig, weil nicht so mein Me­tier – , aber al­le li­te­ra­ri­schen Bei­spie­le wie Ar­no Schmidt, Ernst Jün­ger und sei­ne Ta­ge­bü­cher und frü­hen Sa­chen , R. Go­ertz das Ta­ge­buch usw.
    Die Grup­pe 47 wird doch et­was un­ter­schätzt. Be­son­ders was ih­re To­le­ranz und Of­fen­heit be­trifft, zu­min­dest in der An­fangs­pha­se, spä­ter, mit den Ver­le­gern, war es tat­säch­lich ein clo­sed shop. Man muss ne­ben der Grup­pe 47 ein­mal die At­tacken der Nicht-47er- ge­gen Tho­mas Mann, Brief­wech­sel an­läss­lich der Auf­for­de­rung zur Rück­kehr, die At­tacken im Bun­des­tag ge­gen Brecht, Boy­kott­dro­hun­gen ge­gen Brecht­auf­füh­run­gen, Straf­an­zei­gen ge­gen Wa­gen­bach, sein Raus­schmiß bei S. Fi­scher, die Het­ze? ge­gen DDR/»Sowjetzonenschriftsteller« wie A. Seg­hers se­hen, um al­les rich­tig ein­zu­ord­nen.
    Rich­tig ist auch, ich kann mich sehr wohl er­in­nern, dass auch im lin­ken Spek­trum sehr eng­stir­nig ge­dacht und ge­ur­teilt wur­de. A. An­dersch schrieb zu Sol­sche­ni­zyn, man sol­le ihn nicht le­sen, weil er die deut­schen Ver­hö­rer den rus­si­schen hin­sicht­lich der Wahr­heit­su­che vor­ge­zo­gen ha­be. H. May­er sprach sein Dik­tum ge­gen Dop­de­rer aus. Das wa­ren ra­di­ka­le Aus­gren­zun­gen, aber oft gab es auch Ge­gen­stim­men. Liest man heu­te al­te Ma­ga­zin- oder Feuil­le­ton­bei­spie­le, ist man manch­mal ver­wun­dert oder auch ent­setzt, über die da­ma­li­gen De­bat­ten. Als Letz­tes nur noch den Hin­weis auf die be­rühmt-ber­rüch­tig­te Re­de E. Stai­gers über die mo­der­ne Li­te­ra­tur. Die Grup­pe 47 hat­te es wahr­lich nicht ein­fach mit dem Feuil­lo­ton und der Wis­sen­schaft. Den­ken Sie dar­an, wer da­mals an den Unis lehr­te und wie die Stel­len aus­ge­kun­gelt wur­den. Ge­nug. Üb­ri­gens, Sie hät­ten auch dop­pelt so lang schrei­ben kön­nen, je­der Satz ein Ge­nuss und ein Ap­pe­tit­hap­pen für mehr!

    Mit der Ent­zau­be­rung der Welt tref­fen Sie mein Ge­fühl sehr gut. Ge­ra­de wenn wie­der ein­mal die kri­ti­sche Li­te­ra­tur­hal­tung über­hand ge­nom­men hat­te, fehl­te da­nach et­was. Des­halb ha­be ich auch nie mei­ne frü­hen »Dich­ter« ver­leug­net, Hes­se zum Bei­spiel, da konn­ten noch so vie­le Kitsch schrei­en oder ihn im Ver­gleich mit Th Mann ab­qua­li­fi­zie­ren. Na­tür­lich än­dert sich auch hier mit der Zeit man­che Ein­schät­zung, sei es ein­zel­ne Wer­ke oder gar ei­ne Per­son be­tref­fend, aber ich ha­be mich nie, oder wenn nur kurz, von Zeit­strö­mun­gen be­ein­flus­sen las­sen.
    Zu den Bei­spie­len der Neue­run­gen kann ich be­züg­lich der Fil­me nichts bei­tra­gen. Ich bin auf dem Ge­biet sehr schmal­brü­stig. Ich lie­be zwar auch Fil­me wie La Stra­da oder die Fahr­rad­die­be, Wil­de Errd­bee­ren, über­haupt Berg­mann und von den mo­der­nen Fil­men se­he ich Woo­dy Al­len Fil­me ger­ne.

    Die süd­ame­ri­ka­ni­schen Ro­ma­ne sind aber un­ab­hän­gig von der deut­schen Li­te­ra­tur ent­stan­den und be­son­ders von M Strauss­feld und an­de­ren erst be­kannt­ge­macht wor­den. Hier hat der Suhr­kamp-Ver­lag wirk­lich Her­vor­ra­gen­des ge­lei­stet.

    O. Wie­ner, da kann man auch G. Fritsch nen­nen, sind dann doch eher Ein­zel­gän­ger.

    Zu Hand­ke als ei­nem Bei­spiel für Kopf­schüt­teln. Liegt es nicht auch dar­an, dass wir ganz idea­li­stisch mei­nen, ein Dichter/Schriftsteller mit der nach­weis­ba­ren Sen­si­bi­li­tät im Sprach­li­chen und der Be­ob­ach­tung müs­se auch auf dem po­li­ti­schen Sek­tor Wich­ti­ges zu sa­gen ha­ben bzw. kön­ne sich doch kaum ir­ren? Mir geht es oft so, dass mein er­ster Re­flex Ver­tei­di­gung ist, da­nach bröckelt mei­ne Selbst­ge­wiss­heit im­mer mehr. Mein Beis­pi­le ist Mar­tin Wal­ser und der Vor­wurf des An­ti­se­mi­tis­mus. Dies be­trifft so­wohl die Re­de in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che als auch den Ro­man »Tod ei­nes Kri­ti­kers«.
    Das Bei­spiel des Tou­ris­mus, das Sie er­wäh­nen, ist völ­lig be­rech­tigt, aber hat auch ei­nen An­flug von elei­tä­rem? Wis­sen um die Au­ra von Or­ten. Mir ist es so in Grie­chen­land oder Ägyp­ten ge­gan­gen, wenn vie­le die­ser ma­gi­schen Or­te buch­stäb­lich von den mei­sten Tou­ri­sten nur auf ih­rer Li­ste, was man ge­se­hen ha­ben muss, ab­ge­hakt wur­den.
    Noch­mal, es hat mir gro­ße Freu­de be­rei­tet und wie­vie­le Ge­füh­le und Er­in­ne­run­gen wur­den durch die Bei­spie­le ge­weckt, da­von zeh­re ich län­ger als von vie­len Bü­chern!

  28. @Gregor Keu­sch­nig

    Al­so viel Lä­cheln kann ich bei dem En­gel nicht er­ken­nen – aber ich glau­be, ich weiß un­ge­fähr, was Sie mei­nen: Noch nicht bit­ter, zur Selbst­di­stan­zie­rung fä­hig und von da­her um die Re­la­ti­vi­tät auch der ei­ge­nen Stim­mungs­la­gen wis­send... ins­ge­samt aber auch schon nach ei­nem Moll hin ge­tönt. Und ja, dar­in liegt dann wohl ei­ne ge­wis­se In­tel­lek­tua­li­tät, die um die ei­ge­nen Ver­geb­lich­kei­ten weiß und sie al­so mit un­ter­su­chen muss wie ih­re Be­dingt­heit. Und die Me­lan­cho­lie mag dann auch ei­ne Schutz­funk­ti­on sein – und ist zu­letzt ge­gen die Un­be­dacht­hei­ten oder Lei­den­schaft­lich­kei­ten der Men­schen nicht aus­zu­spie­len, son­dern je Er­gän­zung wie in­di­vi­du­el­le Spiel­art. Und ja, das soll­te ei­ne Grund­zu­ver­sicht nicht aus­schlie­ßen, sie viel­leicht so­gar sel­ber in die me­lan­cho­li­sche Hal­tung mit ein­schlie­ßen, als eben ei­ne be­ding­te an­ge­sichts, dass es im­mer­hin auch star­ke Zu­ge­win­ne da­durch gibt.

    ***

    Zu Gerd Gai­ser viel­leicht die Kurz­ver­si­on. Ich hat­te mich beim Le­sen Ih­res Es­says wohl gleich an ihn er­in­nert – al­ler­dings auch nicht sehr ge­nau. So hat­te ich mir ei­gent­lich ei­ne Re-Lek­tü­re vor­ge­nom­men, kom­me aber seit Län­ge­rem ein­fach nicht da­zu. Mei­ne Ein­schät­zung be­ruht al­so ak­tu­ell nur auf die­sem ei­nen er­wähn­ten Buch und kommt mir von da­her et­was hoch­stap­le­risch vor. Aber trotz­dem.

    Es ist al­so „Orts­kun­de“, 1977 bei Han­ser er­schie­nen – al­so wohl po­stum. (Man kriegt es auch noch.)

    Im Blät­tern dar­in aber fand ich so­fort wie­der, was mich an­ge­spro­chen hat­te: Rei­se­lust, Neu­gier, Welt­of­fen­heit. Und das aus­ge­drückt als et­was durch­ge­hend Mo­der­nes, als ei­ne ge­dank­li­che Of­fen­heit, ei­ne „Po­ly­kon­tex­tu­ra­li­tät“ der Be­zü­ge. Das Schrei­ben scheint mir kei­nem be­kann­ten ein­deu­ti­gen Mo­dell zu fol­gen – oder bes­ser: kei­nem Text-Mo­dell. Sehr wohl aber ei­nem Ge­öff­net­sein in Wer­ken der bil­den­den Kunst. (Pi­cas­so, über­haupt Ma­le­rei und an­de­res Kunst­ma­chen, die Kraft von Ma­te­ria­li­en Be­son­der­hei­ten an Or­ten und die­se sel­ber etc. kom­men im­mer wie­der vor. Zu­gleich, so emp­fin­de ich es, exi­stiert in dem Schrei­ben ei­ne Di­men­si­on des hier neu­lich mal an­ge­spro­che­nen Dys­to­pi­schen.)

    Das al­so, da­zu ein Atem und ei­ne Sinn­lich­keit, ab­ge­löst von der drö­gen deut­schen The­men­durch­ar­bei­tung, dem The­sen­ro­man, der an­schluss­fä­hig ge­mach­ten Rich­tig­keits­pro­sa, se­he ich bei Gai­ser – und bei an­de­ren deut­schen Au­toren aus der Zeit und be­son­ders der Grup­pe 47 doch eher we­nig. (Wo­bei ich so­fort ein­schrän­kend sa­gen will, dass ich si­cher nicht al­les ken­ne und hier sehr stark ver­ein­fa­che.)

    Mei­ne Über­le­gung al­so ist, dass die hi­sto­risch be­ding­te (und si­cher auch grund­le­gend zu be­fra­gen­de) Zwie­späl­tig­keit von Gai­sers Le­bens­lauf und Hal­tun­gen den herr­schen­den In­stan­zen nicht er­laub­te sein We­sent­li­che­res, das an­de­re – weil doch letzt­lich Über­dau­ern­de­re, das künst­le­risch Ver­wan­deln­de – zu se­hen. Oder dass sie es eben nicht konn­te man­gels ei­ge­ner künst­le­ri­scher Ein­ge­schränkt­heit wenn nicht Im­po­tenz – und von da­her ei­ner ei­ge­nen Be­zwei­fel­bar­keit.

    Denn hät­te man nicht eben ver­su­chen müs­sen, auch sol­che um­stürz­le­ri­sche aber sie be­zeu­gen kön­nen­de Er­fah­run­gen und in­di­vi­du­el­le Brü­che her­ein­zu­ho­len? Sie als Be­din­gung oder zu­min­dest Fall­hö­he zu ei­ner künst­le­ri­schen An­stren­gung an­zu­er­ken­nen von ih­rem Er­geb­nis her? Es ist tat­säch­lich wie das, was auch heu­te all­seits pas­siert, man spricht von „In­te­gra­ti­on“, aber er­laubt an­de­ren nicht ih­re Ei­gen­stän­dig­keit und kann die­se nicht als Be­rei­che­rung und Selbst­er­wei­te­rung be­grei­fen. Als ob es kein Recht auf Fremd­heit ge­ben dür­fe, an dem die Mehr­heit sich ver­un­si­chern las­sen könn­te um zu ler­nen! Es ist al­so die­ser As­pekt von be­haup­te­ter aber nicht ge­leb­ter Mo­ra­li­tät, das Be­har­ren letzt­lich ge­gen Ver­wand­lung, dass ich ge­gen die Grup­pe ins Feld füh­ren wür­de. Au­ßer­dem: Der Vor­wurf der An­rü­chig­keit ge­gen zu gro­ße Ei­gen­stän­dig­keit – das ist ja oft ein Mu­ster in Grup­pen, die schon von durch­ge­setz­ten Al­pha­tie­ren be­stimmt sind -, das ist das klas­si­sche Mob­bing bzw. „Frem­den­feind­lich­keit“. (Die rie­chen nicht wie wir, die es­sen nicht das glei­che Es­sen wie wir – un­deutsch, weg da­mit!)

    Wo­bei ich so­fort zu­ge­ben wür­de, dass „da­mals“ an­fangs si­cher Be­sin­nung und auch so je­mand wie Wolf­gang Bor­chert not­wen­dig war. Aber was wei­ter? Und Li­te­ra­tur – und das wä­re die Ver­feh­lung, das nicht ge­se­hen oder dem nicht We­ge ge­öff­net zu ha­ben – soll­te eben nicht per se und dann durch­gän­gig ver­ein­nahmt wer­den für mo­ra­li­sche Re­stau­ra­ti­on (ob­wohl sie da auch et­was lei­sten kann). Mit der „Kahl­schlag“- Strö­mung wä­re aber viel­leicht noch mehr mög­lich ge­we­sen: Wenn schon kei­ne An­knüp­fung an die äs­the­ti­sche Mo­der­ne so viel­leicht eben die Be­rei­tung des Vor­felds ei­nes wirk­li­chen neu­en An­fangs. (Aber, na ja, da bin ich viel­leicht auch schon et­was un­rea­li­stisch.)

    ***

    Nach­satz 1: In­ter­es­sant viel­leicht, wie das ins Per­sön­li­che spielt bei den ak­tu­el­len Be­spre­chun­gen zu Os­kar Roeh­ler, der aus dem In­ne­ren der Grup­pe 47 et­was er­zählt. „Letzt­lich wa­ren das auch nur – wie im­mer höchst feh­ler­haf­te – Men­schen.“

    Nach­satz 2: (auch @ Nor­bert)
    Zu den Aus­gren­zun­gen und Vor­ur­tei­len, der not­wen­di­gen Zeit­ver­haft­et­heit, mit der man das ei­gent­lich se­hen und das ei­ge­ne Ur­teil re­la­ti­vie­ren müss­te. Ja, das se­he ich auch. Und es gibt ja die­se Ge­dan­ken­fi­gur, dass al­le Nach­kom­men­den mit ih­ren ar­ro­gan­ten oder hoch­herz­li­chen Ur­tei­len das al­te Un­recht qua­si noch ein­mal er­neu­ern. (Un­recht türmt sich über Un­recht... und kann ei­nen me­lan­cho­lisch ma­chen).
    Aber ei­ne er­neu­er­ba­re Un­schuld in der Ge­schich­te gibt es eben auch nicht. Der Un­ter­schied scheint mir, dass man sei­ner­seits schon ge­nug er­fah­ren die­sen dop­pel­ten Blick­win­kel, die ei­ge­ne Re­la­ti­vi­tät hät­te mehr se­hen müs­sen. Und sie dann in ih­ren Ur­tei­len ge­gen Miss­lie­bi­ge un­ter den Au­toren auch an­wen­den. Was üb­rig­bleibt von ei­ner Zeit ist ja oft ge­nug et­was ganz an­de­res als das in ihr Ge­fei­er­te.

    Nach­satz 3: @ Me­tep­si­lo­n­e­ma
    Ja, auch ich brin­ge Me­lan­cho­lie eher mit der Zeit, ih­rem Schwin­den in Ver­bin­dung als mit dem (sich an­ders­wie ver­än­dern­den) Raum. Die von mir ge­ge­be­nen Bei­spie­le funk­tio­nie­ren dann auch eher als „Or­te in der Zeit“, als Mar­kie­run­gen. Und si­cher steht das Ver­mis­sen von so man­chem eher in Zu­sam­men­hang mit so et­was wie per­sön­li­chen Phan­tom­schmer­zen. Aber wo­mög­lich ist Me­lan­cho­lie in sol­chen Ef­fek­ten dann auch so et­was wie ei­ne Bin­de­kraft, die Mög­lich­keit ei­nes Über­grei­fens und An­schlie­ßens. (Viel­leicht so, wie ei­ne Trau­er als „Ar­beit“ et­was be­wäl­ti­gen hilft.)

     

  29. Ich glau­be, dass man nach­träg­lich die »Grup­pe 47« ein­fach zu sehr auf­ge­wer­tet hat­te. Zu­nächst ein­mal war es nichts an­de­res als ein Ein­la­dungs­kränz­chen ei­ner Pri­vat­per­son. Die Zeit war so, dass man dem fol­gen konn­te (man­gels an­de­rer Mög­lich­kei­ten). Ei­ni­ge konn­ten dem nicht fol­gen, weil sie im Knast sa­ßen (Kem­pow­ski in Baut­zen); sie ha­ben spä­ter schwer oder kaum An­schluß er­hal­ten. Schien man nicht et­was nach­ho­len zu müs­sen nach der Zeit die­ser gro­ßen Bar­ba­rei? Da war das, was man heu­te »po­li­ti­sche Kor­rekt­heit« nennt, doch als Kri­te­ri­um vor­pro­gram­miert. Im gün­stig­sten Fall woll­te man die ei­ge­nen Ver­strickun­gen mit ei­nem ge­wis­sen mo­ra­li­schen Ri­go­ris­mus ca­mou­flie­ren (Rich­ter, An­dersch, Ko­ep­pen, Grass). Da­bei blieb na­tür­lich häu­fig das Li­te­ra­ri­sche zu Gun­sten des Po­li­ti­schen auf der Strecke. Leu­te wie Her­mann Lenz, die »nur« Li­te­ra­tur schrie­ben, hat­ten kei­ne Chan­ce. Die Gret­chen­fra­ge hieß »Wie hält’s du’s mit dem Po­li­ti­schen«? Dass dann je­mand wie Gai­ser, der min­de­stens zeit­wei­se der­art of­fen­siv mit den Na­zis sym­pa­thi­siert hat­te, so­fort per­so­na-non-gra­ta war, ist lo­gisch. Viel­leicht be­ruh­te aber in Fäl­len wie bei Gai­ser die Ab­nei­gung auch auf bei­den Sei­ten; das soll­te man min­de­stens der Fair­neß hal­ber er­wä­gen.

    Und ist es nicht so, wie Nor­bert in #29 sagt, dass es ein­fach ein Irr­tum ist, das In­tel­lek­tu­el­le per se die bes­se­ren Po­li­ti­ker wä­ren? Oder kommt es uns ein­fach nur so vor, weil sie doch so häu­fig den be­que­mem Weg der Uto­pie zu Gun­sten des stei­ni­gen Pfads der »Nor­ma­li­tät« oder All­täg­lich­keit ge­hen kön­nen? Grass’ in­fla­tio­nä­res Ein­tre­ten für oder ge­gen fast al­les kommt mir da in den Sinn. Die­se Ver­zet­te­lun­gen, die zu­meist in pla­ka­ti­ve The­sen mün­de­ten, die ei­nem Mann des Wor­tes ei­gent­lich su­spekt hät­ten sein müs­sen. Und dann gibt es ja die »üb­li­chen Ver­däch­ti­gen«, de­ren Li­te­ra­tur mit spit­zen Fin­gern an­ge­fasst wird, weil sie so gar nicht der still­schwei­gen­den po­li­ti­schen Über­ein­kunft ent­spre­chen und da­her schein­bar die Li­te­ra­tur be­schä­di­gen. Als wür­den Leu­te ih­re Au­tos auch im­mer erst ge­gen po­li­zei­li­ches Füh­rungs­zeug­nis des Händ­lers kau­fen.

    Ist das nicht al­les nur ein Af­fekt aus ei­ner Selbstent­täu­schung her­aus? Und wie sich die­se Af­fek­te in Über­zeu­gun­gen ver­wan­deln, er­kennt man ja re­gel­mä­ssig an den kru­den Ver­ein­fa­chun­gen, die dann in den Feuil­le­tons als Eti­ket­ten ver­ge­ben und so­mit zu »Wahr­hei­ten« wer­den.

    Letzt­lich wa­ren wohl die »Grup­pe 47«-Sitzungen kon­sti­tu­ie­ren­de Tref­fen für das, was heu­te Li­te­ra­tur­be­trieb ge­nannt wird. Das aus­ge­rech­net Hand­kes »Re­de« in Prince­ton nach­träg­lich als Epi­log ge­se­hen wird, ist mehr als in­ter­es­sant, weil er ja auf die schwin­den­de Li­te­ra­ri­zi­tät der Tex­te der Grup­pe hin­ge­wie­sen hat­te. Reich-Ra­nicki hat ihm dies und den klei­nen Auf­satz von 1968, in dem er ihn als den un­wich­tig­sten al­ler Kri­ti­ker be­zeich­net hat­te, nie ver­ges­sen. Ein schö­nes Bei­spiel da­für, wie her­me­tisch die­ser Ver­ein (= der »Be­trieb«) war und ei­gent­lich bis heu­te ist. Das Pro­blem ist, dass letzt­lich nie­mand an die­se Rän­ke­spiel­chen vor­bei­kommt, der et­was er­rei­chen will. Aber das ist eben ein Er­ken­nungs­zei­chen her­me­ti­scher Zir­kel: sie ver­lan­gen nach Af­fir­ma­ti­on.

    (Dan­ke en-pas­sant für die Gai­ser-In­ter­pre­ta­ti­on. Das Buch wer­de ich mir be­sor­gen.)

    [Wei­te­re Kom­men­ta­re über Gai­ser ha­be ich hier­hin ver­scho­ben und in die­sem Thread ge­löscht.]

  30. @en-passant
    Mir scheint Me­lan­cho­lie, ob­wohl sie »schwer« macht, auch wie­der Kraft zu schen­ken, ein Auf­bäu­men zu er­mög­li­chen; ja, in die­sem Sinn ein An­schlie­ßen, ein Zu­rück­keh­ren und wie­der wei­ter ma­chen (ganz an­ders Ver­zweif­lung, und auch Trau­er, de­ren Über­win­dung an­ders von stat­ten ge­hen muss).

  31. @metepsilomena

    Me­lan­cho­lie als ein Zwi­schen­sta­di­um so­zu­sa­gen, das wie­der ei­nen Neu­an­fang be­deu­tet oder neue Kraft tan­ken lässt, glau­be ich nicht. Ge­ra­de das Ge­fühl des un­wie­der­bring­lich Ver­lo­re­nen macht doch die Me­lan­cho­lie aus. Sei es, dass man sich z.B. an die ei­ge­ne Ju­gend mit ganz an­de­ren Sehn­süch­ten, Er­war­tun­gen, kör­per­li­chen Mög­lich­kei­ten er­in­nert oder an Zei­ten, die eben­so vor­bei sind, wie z.B. die 60/70er Jah­re mit der Auf­bruchs­stim­mung in al­len Be­rei­chen und der Stim­mung, al­les ist mög­lich. Ge­ra­de auch das Wis­sen, dass man da­mals sich und die Mög­lich­kei­ten des Men­schen, der Na­tur etc. über­chätzt hat oder wel­che Mög­lich­kei­ten man hat ver­strei­chen las­sen, lässt mich dann in ei­ne me­lan­cho­li­sche Stim­mung kom­men.
    Man soll­te auch die Me­lan­cho­lie von ih­rer Schwe­ster der Schwer­mut und der noch dü­ste­ren De­pres­si­on un­ter­schei­den, ob­wohl si­cher­lich der Über­gang manch­mal flie­ßend ist.

  32. Man soll­te auch die Me­lan­cho­lie von ih­rer Schwe­ster der Schwer­mut und der noch dü­ste­ren De­pres­si­on un­ter­schei­den
    Das ist wirk­lich sehr wich­tig. Un­be­dingt.

  33. @ Gre­gor Keu­sch­nig #25
    Grund­sätz­lich ist es rich­tig, dass er in den Rei­se­bü­chern « Ei­ne win­ter­li­che Rei­se...« und »Som­mer­li­cher Nach­trag...« nicht ex­pli­zit zu Sre­be­ni­ca schreibt. Aber auch Sie wis­sen, dass pas­siert zu­min­dest bei mir, wenn er sich der­ma­ßen her­ab­las­send zur Lei­dens­po­se (S. 41) äu­ßert, sich im­mer auch Sre­be­ni­ca in den Blick schiebt.

    Er hat sehr wohl die Zeu­gen­aus­sa­ge er­wo­gen. So schreibt er in »Die Tab­las... S. 7f: »Da­bei ha­be ich den Zeu­gen­stand, Tri­bu­nal hin, Tri­bu­nal her, ei­ne Zeit­lang durch­aus er­wo­gen.«
    Wie er dann be­grün­det, war­um er die Zeu­gen­aus­sa­ge nicht mehr ma­chen will, nicht mehr ma­chen kann, ist schon, ne­ben si­cher­lich be­rech­tig­ter Kri­tik an vie­len Me­di­en, ei­ne Mei­ster­lei­stung der Un­ter­stel­lun­gen und Ver­harm­lo­sun­gen der ser­bi­schen Ak­teu­re.
    Las­sen Sie mich zum Ab­schluss ein Zi­tat aus ei­nem In­ter­view mit Ul­rich Grei­ner an­füh­ren. Dort sagt Hand­ke, an­ge­spro­chen auf Sre­bre­ni­ca: »Zum er­sten Mal kommt ei­ner wie ich nach Sre­bre­ni­ca und er­zählt von ei­ner Mut­ter, nicht von den Müt­tern. Ja, es ist ein un­ver­zeih­li­cher Ra­che­akt, was die ser­bi­sche Ar­mee da ver­an­stal­tet hat. Aber es ist ei­ne Ra­che ge­we­sen an den zer­stör­ten Dör­fern rund um Sre­be­ni­ca. Für mich habt ihr Deut­schen gro­ße Schuld auf euch ge­la­den, schon mit der An­er­ken­nung Kroa­ti­ens.«
    Wie, Rach­akt für zer­stör­te Dör­fer? Die sy­ste­ma­ti­sche Aus­son­de­rung und kalt­blü­ti­ge Er­mor­dung von 7000 Män­nern, die vor den Au­gen der nie­der­län­di­schen UN-Trup­pen und der me­dia­len Öf­fent­lich­keit ab­ge­führt wur­den, war nur ein Rach­akt. Und die ser­bi­sche Ar­mee hat kein Mas­sa­ker, kein Ver­bre­chen be­gan­gen, son­dern hat da et­was « ver­an­stal­tet«. Die­se Äu­ße­run­gen sind kei­ne Re­la­ti­vie­rung des Ve­bre­chens? Ein Schrift­stel­ler wie Hand­ke, des­sen sprach­li­che Sen­si­bi­li­tät zu recht ge­rühmt wird, sagt so et­was, oh­ne dass er weiß, was er da­mit in­si­nu­iert?
    Las­sen wir es da­bei be­wen­den. Er war kein Tä­ter und auch kein Be­für­wor­ter des Krie­ges, aber ei­ne an­ge­mes­se­ne, weil dif­fe­ren­zier­te Dar­stel­lung des Kon­flik­tes oder gar ein Ruh­mes­blatt sei­nes Schrei­bens sind sei­ne Aus­füh­run­gen in den Rei­se­bü­chern und auch den an­de­ren Tex­ten zum Kom­plex Ser­bi­en, Mi­lo­se­vic, ganz si­cher nicht.

  34. @Norbert
    Ko­misch, dass Sie es im­mer be­wen­den las­sen wol­len, nach­dem Sie ei­ne Re­plik ge­schrie­ben ha­ben.

    Dass Hand­ke den Zeu­gen­stand er­wo­gen hat ist et­was an­de­res als das, was Sie sag­ten: Er woll­te als Zeu­ge für Mi­lo­se­vic auf­tre­ten. Das ist – mit Ver­laub – et­was an­de­res.

    Die Grün­de sind auch kei­ne »Re­la­ti­vie­rung« (ich ver­ste­he das Wort in die­sem Zu­sam­men­hang auch gar nicht). Ge­ra­de in den »Tab­las« steht ja, wie not­wen­dig Hand­ke die Auf­ar­bei­tung der Ver­bre­chen er­ar­tet, al­ler­dings das Ver­fah­ren um Mi­lo­se­vic als me­dia­le In­sze­nie­rung oh­ne je­des »Auf­klä­rungs­po­ten­ti­al« (mein Wort) be­trach­tet. Al­lei­ne schon des­we­gen kommt für ihn wohl ei­ne Zeu­gen­schaft nicht in Be­tracht. Es geht – so Hand­kes The­se zum Mi­lo­se­vic-Ver­fah­ren – gar nicht um ei­ne neu­tra­le Auf­ar­bei­tung des Ge­sche­he­nen, son­dern nur dar­um, fest­ge­füg­te Vor-Ur­tei­le zu be­stä­ti­gen.

    Hand­kes The­se von ei­nem »Ra­che­akt« der Ser­ben in Sre­bre­ni­ca ba­siert auf den »Ak­tio­nen« ei­nes ge­wis­sen Na­ser Oric (bos­nia­ker Kom­man­dant) und sei­ner Kame­ril­la, die zwi­schen 1992 und 1995 in ins­ge­samt rd. 190 Dör­fern ge­wü­tet und die Zi­vil­be­völ­ke­rung mas­sa­kriert ha­ben sol­len (bzw. ha­ben). Hier die Ver­öf­fent­li­chung des ICTY zu sei­ner Ver­haf­tung 2003. Oric wur­de zu­nächst ver­ur­teilt, dann je­doch 2008 in al­len Punk­ten frei­ge­spro­chen.

    Me­di­al hat man von die­sem Vor­gang we­nig bis nichts ge­hört. Die Über­grif­fe bzw. Mas­sa­ker dürf­te es ge­ge­ben ha­ben; die Zu­stän­dig­keit ist nicht ge­klärt. Im »Som­mer­li­chen Nach­trag« be­tont Hand­ke, dass Ra­che kei­ne Ent­schul­di­gung dar­stellt. Aber sie lie­fert viel­leicht ei­ne Er­klä­rung. Wo­bei Er­klä­rung kei­ne Recht­fer­ti­gung ist. Auch das steht im »Som­mer­li­chen Nach­trag« schon.

    Das The­ma ist üb­ri­gens das Buch von Frau Fu­el­le. Da­hin soll­ten wir zu­rück­keh­ren.

  35. @Norbert
    Ich ver­ste­he nicht ganz: Ei­ner­seits schrei­ben Sie, dass man Me­lan­cho­lie von Schwer­mut und De­pres­si­on tren­nen soll­te (da ge­he ist so­fort mit), an­de­rer­seits glau­ben Sie nicht, dass man durch sie auch wie­der zu Kraft kom­men kann. Aber war­um nicht? Wenn Me­lan­cho­lie, wie oben schon an­ge­deu­tet (und auch in Dü­rers En­gel zu se­hen ist), ein Zu­stand von Be­trach­tung, von Re­fle­xi­on ist...

  36. Ich glau­be, die Nei­gung zur Me­lan­cho­lie ist ei­ne Cha­rak­ter­ei­gen­schaft. Sie hat viel zu tun mit ei­ner an­de­ren Welt­wahr­neh­mung, viel­leicht auch mit ei­nem Über­maß an Nach­denk­lich­keit und Be­schäf­ti­gung mit der con­di­tio hu­ma­na. Des­halb ver­wies ich auf die Ge­schichts­schrei­bung. Das Wort »Me­lan­cho­lie« er­in­nert mich im­mer an »Me­lo­die«, so als ei­ne Art Hin­ter­grund­mu­sik des All­tags. Sie ist der Aus­gangs­punkt für den Ab­sturz in die De­pres­si­on und Ver­zweif­lung, ein prä­mor­bi­der, chro­ni­fi­zier­ter Zu­stand. Sie kann viel­leicht auch ein zar­ter, krea­ti­ver An­trieb sein, die Me­lan­cho­lie z.B. durch Kunst zu dämp­fen (Kunst als Ver­such der Ver­ge­gen­wär­ti­gung oder Ver­ar­bei­tung des Ver­gan­ge­nen). Die­ses An­triebs­ver­mö­gen bricht bei der De­pres­si­on und Ver­zweif­lung völ­lig weg.

  37. @metepsilonema
    Wenn Sie Me­lan­cho­lie vor al­lem als Re­fle­xi­on se­hen, dann ha­ben Sie na­tür­lich recht, dass man dar­aus Kraft schöp­fen kann. Ich se­he Me­lan­cho­lie vor al­lem als Be­schäf­ti­gung mit der Er­in­ne­rung, Ver­gäng­lich­keit und auch mit der Be­grenzt­heit des Men­schen und der Na­tur.
    Dü­rers Me­lan­cho­lie trifft nicht so mei­ne In­ten­ti­on.
    Um ak­tiv zu wer­den, muss ich mich aus die­ser me­lan­cho­li­schen Stim­mung rei­ßen, ich schöp­fe kei­ne Kraft aus ihr, höch­stens das Be­wußt­sein, dass ein zu lan­ges Ver­wei­len rasch ab­glei­ten kann in Schwer­mut. Ich sa­ge mir viel­mehr, trotz­dem auf ein Neu­es, aber ganz frei bin ich nie von ihr.

  38. @Norbert

    Na­ja, nicht vor al­lem, ich ken­ne sie nur nicht oh­ne die­ses be­trach­ten­de Ele­ment. Aber: Die­ses Wis­sen um Be­grenzt­heit, um Ver­gäng­lich­keit, um Ver­ge­be­nes und die »Trau­er« dar­über, kann das nicht ein Trotz­dem an­sto­ßen? Wei­ter zu ma­chen, weil es et­was gibt, das des Wei­ter­ma­chens wert ist.

    Ja, ab­glei­ten kann man, völ­lig rich­tig.

  39. @Gregor Keu­sch­nig # 36
    War­um ko­misch? Als höf­li­cher Mensch fühl­te ich mich ver­pflich­tet, auf Ih­re Ant­wort wie­de­run zu ant­wor­ten, zu­mal Sie mei­nes Er­ach­tens im­mer haar­scharf ne­ben der Fra­ge ant­wor­te­ten.
    Sie se­hen, in­halt­lich kommt nichts mehr.