Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

»Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.« So beginnt Ralf Rothmann seinen Roman »Im Frühling sterben«. Man sieht vor seinem geistigen Auge förmlich den prätentiösen Ausdruck des Dichters oder Vorlesers, der bedeutungsschwere Duktus, der den Leser, die Leserin, auf diese Literatur vorbereiten soll und unumwunden signalisiert: Hier entsteht etwas ganz Besonderes, ein Meisterwerk. Das Schweigen, »wenn es Tote meint«, füllt das Leben mit »Wahrheit«. Fragen, wessen Leben mit Wahrheit gefüllt werden soll und wie dies mit dem »tiefen Verschweigen« gemeint sein könnte, wirken da eher störend, nach dem Sinn dieses Satzes zu suchen erst recht.

Sechseinhalb Seiten skizziert ein Ich-Erzähler mit starken Strichen das Leben seines Vaters Walter Urban. Das schweigsame Wesen, seine Hilfsbereitschaft (»das Wort hochanständig fiel oft«), die Jacken von C & A, die er gerne trug. 30 Jahre arbeitete er als Hauer im Bergwerk in Essen, ohne Gehörschutz. Er ertaubte und verstand nur noch seine Frau, »ob es ihre Stimmfrequenz war oder die Art der Lippenbewegung« weiß der Erzähler nicht. Nach der Frühverrentung, die ihn kränkte, war das Leben praktisch schon zu Ende. Es gab die Zeitung, Heftchenromane und, leider, den Alkohol. Schließlich der Krebs mit 60, das war 1987. Der Erzähler schenkt ihm ein Heft, in dem er etwas vom Krieg, von seinem Leben aufschreiben soll, aber außer ein paar Ortsnamen schreibt Walter Urban nichts hinein. Der Schriftsteller sei doch er, bemerkt er spitzbübisch. Auf dem Sterbebett beginnt er im Schlaf zu sprechen. Er sei jetzt »wieder im Krieg« sagt dann seine Frau.

Und dann, auf Seite 13, beginnt eine Geschichte von Walter Urban ab Februar 1945. Er ist Melkerlehrling in Norddeutschland, der Prügel-Vater im Feld irgendwo auf dem Balkan (strafversetzt, weil er Gefangenen Zigaretten gegeben haben soll), die Mutter mit seiner Schwester in Essen. Es ist Sonntag und es gibt ein Fest. Der »Reichsnährstand« gibt einen aus. Man trifft sich im »Fährhof«, die Kapelle, die aus Kriegsversehrten besteht, spielt Hans Albers, Zarah Leander und Heinz Rühmann. Irgendwo steht auch ein SS-Mann mit der Aufschrift »Frundsberg« – schöner Gruss von Rothmann an Günter Grass. Weiterlesen

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Öde Belanglosigkeit

»Der Primus« lautete der Titel der Dokumentation von Erica von Moeller, die gestern in der ARD zu später Stunde (22.50 Uhr) lief. Gezeigt werden sollte das private und politische Leben von Franz Josef Strauß, dessen 100. Geburtstag im September ansteht.

Die Klammer des Films bildete der Wahlkampf Strauß’ als Kanzlerkandidat 1980. Darum herum wurde das Leben von den 1920er Jahren an chronologisch behandelt. Der latein­kundige Ministrant, der antinazistische Vater, der schweren Herzens dem Gymnasium für seinen Sohn zustimmte, schließlich der Musterschüler Franz Josef, der als Oberleutnant der Wehrmacht in den letzten Tagen kleine und größere Heldentaten vollbrachte. Schließlich der bayrische Politiker, der bereits 1949 bei der legendären Einladung Adenauers in Rhöndorf dabei war. Zur Sicherheit und um den Zuschauer nicht zu überfordern wurden etliche Szenen nachgespielt; teilweise wurde das Material aus dem Film »Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung« von 2012 verwendet. Strauß ist im politischen Bonn ein Karrierist. Adenauer bremst ihn zunächst, macht ihn dann aber doch zum Verteidigungsminister. In der »Spiegel«-Affäre lässt der Alte ihn fallen. Verblüffend dabei, dass Strauß loyal blieb, d. h. die Rückversicherung Adenauers für seine umstrittene Verhaftungsaktion zu Conrad Ahlers in Spanien hat Strauß öffentlich nie erwähnt.

Wolfram Bickerich, ehemaliger »Spiegel«-Redakteur, und Augstein-Biograph Peter Merseburger kommen zu Wort und analysieren Augsteins fast obsessiv-pathologischen Hass auf (den politischen) Strauß, der zuweilen mit Journalismus nichts mehr zu tun hatte. Zu Wort kommen Franz-Georg Strauß und Monika Hohlmeier, zwei von drei Strauß-Kindern und Edmund Stoiber. Politische Gegner wie auch der in solchen Filmen zumeist übliche Historiker fehlen. Strauß’ Wahlkampf von 1980 wird als teilweise Hasskampagne gegen ihn interpretiert, wenn er Störer als »Gehirnprothesenträger« bezeichnet, heißt es im Film, er habe schlagfertig und witzig reagiert und nicht verbissen. Zur Sicherheit fehlt dann aber das schweißnasse Strauß-Redegesicht dann doch nicht.

Warum Augstein Strauß als »gefährlich« einschätzte, bleibt erstaunlicherweise unerwähnt. Strauß war in seiner Eigenschaft als »Atomminister« nämlich mitnichten alleine für die friedliche Nutzung der damals als Segen gepriesenen Kernenergie befasst. Er interpretierte sein Amt auch militär-strategisch dahingehend die frisch gegründete Bundeswehr atomar zu bewaffnen. Für Augstein et al. war die Vorstellung eines Deutschlands mit Atomwaffen ein Alptraum, den es unter allen Umständen zu verhindern galt. Weiterlesen

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Friedrich Helms: Tagebücher 1945 / 1946-47

Friedrich Helms Tagebuch Wilhelmshorst 1945

Friedrich Helms Tagebuch Wilhelmshorst 1945

Friedrich Helms wurde 1883 geboren. Er lebte in Berlin, wurde dann, 1945, ausgebombt und zog in sein Gartenhaus nach Wilhelmshorst bei Potsdam. Helms war damals über 40 Jahre in Diensten der Deutschen Bank, zum Schluss als »Direktor«. Seine Frau Marie war 12 Jahre jünger als er. Sie war »Pg«, also Mitglied der NSDAP. Helms selber wird als deutschnationaler Sozialdemokrat beschrieben; er war Freimaurer. Das Paar hatte zwei Töchter. Viel weiß man über diese Familie nicht. Friedrich Helms führte Tagebuch. Dies kam irgendwann in den Besitz von Walter Kem­powski, der in seinem »Echolot« »Abgesang’45« ein kleines Stück aus Helms’ Tagebuch zitierte. Der Publizist und Verleger Tobias Wimbauer nahm sich des Tagebuchs an und gab in seinem leider kürzlich geschlossenen »Eisenhut«-Verlag bisher zwei Bände heraus. Der erste umfasst die Zeit von April bis Dezember 1945; er setzt fast mit der Kapitulation des Deutschen Reichs ein. Der zweite Band umfasst die Jahre 1946 und 1947.

In Anbetracht des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs wurde man medial umfangreich versorgt. Bei aller Ausführlichkeit in den Schilderungen der letzten Tage des Nazi-Regimes und der anschließenden Besatzung nebst geopolitischer Situation blieb die Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende seltsam dunkel. Zwar gilt die Phrase der »Stunde Null« längst als widerlegt, aber was tatsächlich damals geschah wurde in der populären und publizistischen Geschichtsschreibung kaum behandelt. Es ging dann irgendwie mit der Währungsreform 1948 und dem Grundgesetz der Bundesrepublik 1949 weiter.

Der Grund für diese Leerstelle liegt auch darin, dass die Schilderungen der Probleme der Bevölkerung unmittelbar nach dem Krieg sehr schnell als Geschichtsrevisionismus hätte ausgelegt werden können. Diese Befürchtungen gab es ja auch bei anderen Themen­bereichen wie Vertreibung und Bombenkrieg. Alles, was nur im Entferntesten das Tätervolk hätte als Opfer darstellen können, galt es zu vermeiden. Hinzu kam, dass die nachfolgenden Generationen oft genau diese Erzählungen von ihren Eltern und Groß­eltern hörten und als Ablenkungsmanöver einer eventuellen Mitschuld interpretierten. Weiterlesen

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Ziegen am Berg – Zum 90. Geburtstag von Philippe Jaccottet

Philippe Jaccottet zugeeignet

ZIEGEN AM BERG

Wie dargebracht, ein Schwung
Milch, erschien ihm
eine Ziegenherde am Berg,
immer breiter zerstreut.

Nicht dass wir zusammen
jemals hinüberblickten.

Doch wie ich lange spähte
auf jene andere Seite,
sah ich (und wusste nicht,
wodurch dann jäh erfreut),

wie dort am Gegenhang,
im Steigen, die einzelnen,
die ganz am Rande,
in ihrem Streben nickten.


Sander Ort ist Künstler, Übersetzer und Schriftsteller. Er lebt in Paris und Tokio. 2007 erschien im Hanser-Verlag von ihm übersetzt Philippe Jaccottet: »Fliegende Saat – Aufzeichnungen 1954-1979«.

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Joachim Lottmann: Happy End

Joachim Lottmann: Happy End

Joachim Lottmann: Happy End

Irgendwann hat das jeder einmal erlebt. Man steht am Tresen in einer Kneipe und wartet auf ein Bier. Da kommt ein Mensch (es ist immer ein Mann), nicht unsympa­thisch, stellt sich neben einem und beginnt, zu erzählen. Über das Bier hier in der Kneipe, die Bedienung, seine Arbeit, über Politik, seinen Urlaub, seine Beziehung, die Ungerechtigkeit in der Welt – es geht einfach um Alles. Erst ist man nett abgelenkt, nickt zuweilen aus Höf­lichkeit, aber irgendwann wünscht man sich, dass ein ehemaliger Schulfreund das Lokal betritt, das leise im Hintergrund dudelnde Radio eine weltbewegende Nachricht verkündet oder mindestens dass das Mobiltelefon klingelt – inständig ersehnt man einen sozial halbwegs glaubwürdigen Grund, dem Redeschwall zu entfliehen.

In etwa ist das die Situation mit Joachim Lottmanns neuem Buch »Happy End«. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich, der Leser, mich sozusagen an Lottmanns Tresen gestellt habe. Und das da jemand nicht über Beziehungsprobleme erzählt, sondern bereits auf den ersten Seiten seine Frau Elisabeth, genannt Sissi, eine 38jährige erfolgreiche Linksintellektuelle, die über das Elend in der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zielsicher schreiben kann und in »geriatrischen« Filmen heult, in den höchsten Tönen lobt. Weiter geht es um Urlaubsreisen, Lektüreeindrücke, Kolumnenschreiberei (Schwer­punkt Tierkolumnen), seine Magenschmerzen, die auf eine zu starke Vereinnahmung durch die so vergötterte Frau hindeuten und eine Geheimwohnung in Wien. Dass einem bei der Lektüre der Kopf vor lauter Müdigkeit nicht auf das E-Book-Lesegerät fällt vermag man nur zu vermeiden, indem man diesen gelegentlich schüttelt. Eine Melange aus Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Masochismus führt dazu, dass man bis zum Ende liest. Weiterlesen

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Präliminarien zu einem Literaturpreis

Eine kleine Tetralogie zum Bachmannpreis 2015

Service für Schnellleser:
I. Flatulenzen
II. Weg mit den Patenschaften!
III. Die Kritik in der Krise
IV. Journalistische Dominanz oder: Vermutlich keine »Muppet-Show« in diesem Jahr

Für Allesleser (ein Pleonasmus): Weiterlesen

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Der Maler der Apple-Moderne: Oskar Schlemmer

»Visionen einer neuen Welt« in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein Nachklapp

Oskar Schlemmer ist ein beliebter Maler: An einem Freitag Nachmittag sind die Aus­stellungsräume der Staatsgalerie Stuttgart gut gefüllt. Das typische Publikum für einen Museumswochentag: Rentner-Gruppen, Schülerinnen und Studentinnen sowie Kinder. Während die jungen Besucherinnen und Besucher meist unangeleitet, aber mit Block und Stiften in der Hand, durch die Säle gehen, tappt die Mehrzahl der Senioren mit Kopf­hörern auf den Ohren und einem vor der Brust baumelnden Audio-Guide von Bild zu Bild, Raum zu Raum. Die Betrachter geraten dabei in seltsame, mitunter komische Korrespondenzen zu den auf den Bildern rastlos hin und her, auf und ab schreitenden Gestalten: Irgendwie fremdgesteuert beide, streben die Schlemmer-Wesen gemessenen Schrittes und meist ätherisch strahlend rank und schlank zu Höherem, während sich die Irdischen in ihren von Zeit, Schwerkraft und Erfahrung individuelle geformten Leibern durch die Ausstellung schieben.

Die Beliebtheit Schlemmers beim Publikum erschließt sich sofort: Seine Bilder bieten eine aufgeräumte, geradezu cleane Ästhetik in zurückhaltender, harmonischer, freundlicher Farbigkeit. Eigentlich immer sind menschliche Gestalten zu erkennen, meist in angedeutete architektonische Zusammenhänge eingefügt, in suggestiven Posen und Konstellationen. Eine klassische Moderne, deren Irritationsvermögen fast gänzlich verschwunden ist, die uns aber noch einmal das große Versprechen auf eine bessere, effizientere, schwerelose Welt spürbar macht, das die Moderne auch einmal war.

Oskar Schlemmers Gemälde müssten eigentlich die Wände der Smart Homes von Silicon Valley-Tycoonen schmücken, finanziert vom Gewinn aus Google- und Apple-Aktien.

Dass sie das bisher nicht tun, liegt nicht an den Internet-Unternehmern, sondern an den Schlemmer-Erben. Nach dem Tot von Tut Schlemmer, der Witwe Schlemmers, ver­hinderten deren Erben nicht nur den Verkauf seiner Werke fast vollständig, sondern auch viele Ausstellungen sowie Publikationen. Der Ruf von Oskar Schlemmer als einer zentralen Figur der klassischen Moderne, – wie ihn auch die Stuttgarter Ausstellung feierte –, ist deswegen eher mythischer Natur. Aufgrund der Machenschaften seiner Erben und der Ängstlichkeit vieler Museen ist seine kunsthistorische Einordnung heute ungenau, mehr Behauptung als Anschauung. Aber nun, 70 Jahre nach seinem Tod, ist die Diskussion wieder eröffnet, denn nun sind die Rechte an den Bildern frei. Weiterlesen

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Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten (Hrsg. von Jakob Augstein)

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten - Hrsg. v. Jakob Augstein

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten – Hrsg. v. Jakob Augstein

Der überraschende und bestürzende Tod des 54jährigen Frank Schirrmacher ist noch nicht einmal ein Jahr her, da erscheint schon ein Band mit seinen Aufsätzen aus den Jahren 1990 bis 2014. Es sind 39 Texte und fünf Gespräche (mit Joachim Fest, dem Albert Speer jr., Ottfried Preußler, Günter Grass [jenes Gespräch von 2006, in dem er seine Mitgliedschaft in einer Einheit der Waffen-SS öffentlich machte] und das Ver­söhnungsgespräch zwischen Martin Walser, Salomon Korn und Ignatz Bubis nach Walsers Paulskirchenrede 1998 – der längste Beitrag im Buch). Die Ordnung der Texte innerhalb der sieben gewählten Kategorien ist nicht chronologisch; warum, bleibt offen. Die Texte werden ohne erklärende Erläuterungen abgedruckt. Kontexte und Hintergründe muss der Leser gegebenenfalls selber eruieren.

Der Titel des Sammelbandes trifft perfekt Schirrmachers Duktus: »Ungeheuerliche Neuigkeiten«. Herausgegeben ist das Buch von Jakob Augstein, der auch ein kurzes, aber sehr stupendes Vorwort verfasst hat. Die längst eingesetzte Hagiographisierung Schirr­machers insbesondere in weiten Teilen des Kulturjournalismus vermeidet Augstein, allerdings ohne dabei dem großen Kollegen den Respekt zu verweigern. So bezichtigt er Schirrmacher beispielsweise des Alarmismus, was zweifellos den Tatsachen entspricht. Kongenial wenn auch nicht originell der Vergleich mit dem »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch. Wenn man Schirrmachers Texte in dieser Geballtheit hintereinander liest, bemerkt man das Umtriebige, fast Hektische, das Augstein kongenial beschreibt. Stets gilt es, der Erste zu sein, der sich einer am Horizont anbahnenden gesellschaftlichen Diskussion widmet. Und wenn die anderen auf den Zug aufgesprungen waren, winkte schon ein anderes Thema. Weiterlesen

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