Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe

1

Daß ich überhaupt Literaturkritik geschrieben und veröffentlicht habe, liegt daran, daß ich als junger Mann auf den Besitz von Büchern versessen war, aber nicht genug Geld hatte, mir welche zu kaufen. Als Rezensent hat man ein Recht auf sein Rezensionsexemplar, man läßt sich nicht mit losen Druckfahnen abspeisen. Später dann, als ich nach Argentinien und von dort nach Japan ging, trennte ich mich von meiner mittlerweile stattlichen Bibliothek. Schon vorher waren mir die Bücher mehr und mehr zur Last geworden: die Wohnung verstaubte, und es wurde immer schwieriger, eine Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich sagte mir, das Wesentliche dieser Gebrauchsgegenstände, ihren Inhalt sozusagen, hätte ich ohnehin in meinem Kopf gespeichert, und so verkaufte ich die gesamte Bibliothek zu einem Spottpreis (abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Pléiade-Werkausgabe von Borges). Ich fühlte mich erleichtert und habe diesen Schritt nie bereut.

Mit meiner kritischen Tätigkeit fuhr ich fort, aus Trägheit und anhaltender Neugier. Hatte ich die Bücher gelesen, verschenkte ich sie oder ließ sie irgendwo zurück. Das digitale Zeitalter hatte inzwischen begonnen, und ich war froh, daß mir die Verlage pdf-Dateien schickten anstelle von Bücherpaketen. Sie taten es anfangs mit einem gewissen Mißtrauen, ganz so, als könne man mit digitalem Gut mehr Schindluder treiben als mit analogem. Daß ich auf die Zusendung eines »echten« Buchs verzichtete, verstanden sie nicht; hartnäckig schickten sie mir das Rezensionsexemplar, das mir zustand.

Eigentlich wollte ich immer schon Schriftsteller werden, aber es mangelte mir am nötigen Selbstbewußtsein. So war ich überrascht und glücklich, als mir gegen Ende meines Studiums, als ich nolens volens irgendwelche beruflichen Schritte unternehmen mußte, wozu ich gänzlich unfähig war, der Leiter einer Literatursendung im Radio auf meine Anfrage zurückschrieb, er wolle mich unter seine freien Mitarbeiter aufnehmen. Kurz darauf ergab sich für mich, nachdem zwei andere Bewerber abgesagt hatten, die Mög­lichkeit, als Lektor an eine Universität nach Frankreich zu gehen, und ich ließ sie nicht verstreichen. Erst einige Jahre später, als ich immerhin schon einen Roman in der Schublade hatte und ein wenig aus dem Französischen übersetzte, begann ich wirklich, Literaturkritik zu schreiben, aus dem eingangs erwähnten Grund, denn mein Brotberuf war nie besonders einträglich. Damals ging man noch persönlich in Redaktionen, um Text zu liefern, anfangs tatsächlich noch auf Papier, dann auf einer Diskette, die ich in einen Schlitz am Hauptcomputer der Zeitung, für die ich schrieb, stecken mußte.

Der zuständige Redakteur fragte mich damals, was ich sonst so täte. Ich wußte keine rechte Antwort, von meinen Schubladen wollte ich nicht erzählen, und so lautete der Kommentar des Redakteurs zu meinem Gestotter: »Aber vom Artikelschreiben kann man doch nicht leben.« Danke für die Auskunft, dachte ich und war zu perplex, um zu ant­worten. Auf die Idee, mir irgendwelche Hinweise, eine kleine Handreichung zu geben, kam der Mann nicht. Umgekehrt kam ich nicht auf die Idee, die mir auf abstrakter Ebene durchaus bekannt war, daß man nämlich seine Ellbogen einsetzen muß, um sich im Medienbetrieb ein sei es auch noch so kleines Plätzchen zu verschaffen (im Literatur­betrieb gilt dasselbe, auch unter Übersetzern). Bei der Wochenendbeilage derselben Tageszeitung bekam ich nach annähernd zehn Jahren freier Mitarbeit Schwierigkeiten, weil ich in anderen Organen zu veröffentlichen begonnen hatte. Man erwartete von uns Schreiberlingen, daß wir dem Blatt treu blieben – so sah die Freiheit aus. Ausnahmen wurden bei sogenannten Berühmtheiten gemacht, die durften veröffentlichen, wo sie wollten.

Diese Geschichten spielen in Österreich, einem engen Ländchen mit sogenannter Pressekonzentration, wo Eifersüchteleien und Mißtrauen gang und gäbe waren. Andererseits: Vom Artikelschreiben kann man nicht leben – vor allem nicht, wenn man nur für ein Organ schreibt. Ich versuchte zu wechseln, was mir auch nicht recht gelingen wollte, und war froh, als sich die Möglichkeit ergab, regelmäßig für eine Schweizer Zeitung zu schreiben, die über solchen Kleinkram erhaben war und ist, obwohl ja auch die Schweiz, nach dem Bekunden einiger von dort stammender Autoren, ein enges Ländchen ist: wahrscheinlich doch, trotz der verbindenden Alpen, mit etwas weiterem Horizont. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , , | 9 Kommentare

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co.

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co

»Wie Medien manipulieren« lautet der Untertitel des Sammelbandes »ARD & Co.« Herausgegeben wurde das Buch von Ronald Thoden, V.i.S.d.P.-Redakteur des seit 2010 online verwaisten Magazins »Hintergrund«, für das im Impressum eine »Verlag Selbrund GmbH« zeichnet. Wenn man nach dem Herausgeber googelt findet man einen Bericht über ein »Querdenker«-Forum 2003 zu den Anschlägen des 11. September 2001, organisiert von Thoden. Dort wurden teilweise absurde Theorien zu den Anschlägen ausgebreitet. Immerhin: Für das Buch »ARD & Co.«, im Selbrund-Verlag erschienen, konnten mit Ulrich Tilgner, Kurt Gritsch und Walter von Rossum Autoren gewonnen werden, deren Urteile ich durchaus schätze (auch wenn ich ihnen nicht immer zustimme).

Leider verläuft die Lektüre recht ernüchternd, wenn man sich durch Titel und Untertitel konditioniert substanzielle Medienkritik erhofft. Die gibt es zwar auch – häufig zu Beginn der jeweiligen Beiträge. Dann jedoch ergreift etliche Autorinnen und Autoren zu oft das Besserwisser-Pathos, mit dem sie nicht nur die medialen Erscheinungen beleuchten und kritisieren, sondern sich in fachliche Gegenargumentationen begeben.

So geißelt Wolfgang Bittner in »Feindbild Putin« durchaus berechtigt die einseitige Dämonisierung Putins und Russlands in der Berichterstattung um die Ukraine-Krise von Ende 2013 bis heute. Aber er belässt es nicht dabei, sondern beginnt seine eigenen Bewertungen, sieht die Krise als Inszenierung der USA mit dem Hintergrund einer politischen Destabilisierung Russlands. Bittner schreibt unter Berufung von Henry Kissinger und seinem Interview vom 2. Februar 2014 mit CNN, dass »der Regime Change in Kiew sozusagen die Generalprobe für das sei, ‚was wir in Moskau tun möchten'«. Als Quelle wird der Link der »Neuen Rheinischen Zeitung« angegeben. Dort kann man allerdings nachlesen, wie das Kissinger-Zitat von Bittner sinnentstellend verfälscht wurde. Die Frage des CNN-Reporter lautete: »Sie kennen Putin gut. Sie haben ihn häufiger getroffen als jeder andere Amerikaner. Glauben Sie, dass er beobachtet, was in der Ukraine passiert, und denkt, der Westen und die USA würden dies im Grunde als Schritt zur Umzingelung Russlands betreiben?«. Kissingers Antwort: »Ich glaube, dass er denkt, dass dies eine Generalprobe ist, für das, was wir in Moskau tun möchten…« Kissinger hat also nicht gesagt, dass die USA einen »Regime Change« in Russland planten oder ihn machen sollten, er hat lediglich eine Vermutung darüber geäußert, dass Putin dies so empfinden könnte. Der Unterschied ist frappierend. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , , , , , , | Kommentar abgeben

Der Friedenskaiser (3)

Teil 2

Judith wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung, recht geräumig für eine Studentin. Martha, ihre Freundin, ebenfalls Psychologin, übernachtete häufig bei ihr, sie wohnte bei ihren Eltern in Braunau und der letzte Zug ging früh am Abend. Wenn sie über Nacht blieb, schliefen die beiden im Doppelbett. In dieser Nacht waren wir zu dritt, Martha kuschelte sich von hinten an mich, was mein auf Judith fixiertes Begehren – »Mutter­komplex«, erklärte Martha am nächsten Morgen beim Frühstück – drosselte. »Dann bin ich auch ein Zwangscharakter?«, sagte ich mit Blick auf Judith. Diese Art Ironie, die den Sprecher vor jedem Gefühlsausdruck schützt, hatte ich von András übernommen, obwohl sie nicht recht zu mir paßte. »Du nicht«, sagte sie sanft nach einer Schweigepause, als hätte sie sich die Frage ernsthaft überlegen müssen. Sie legte mir die Hand auf den Nacken, schob sie unter das halblange Haar. Judith und Martha verheimlichten nicht, daß sie »eine Beziehung« hatten. Sie bezeichneten sich als lesbisch, aber ich glaube, das traf im eigentlichen Sinn nicht zu. (Zugegeben, ich hatte und habe keine Ahnung, worin das eigentlich Lesbische besteht; bei der männlichen Homosexualität scheint die Definition leichter zu fallen.)

Die Sitzungen der Parallelakteure wurden zäher und kürzer, nachdem András und Judith uns verlassen hatten; auch die Zahl der Teilnehmer schrumpfte. Michelangelo versuchte, die Leitung zu übernehmen. Er schlug Tagesordnungen vor, die von Franz und vom Jüngling durchkreuzt wurden. »Wir brauchen hier keinen Führer«, hörte ich einmal, während der andere zitierte: »Der Leiter ist ein Abstraktum, das sich von selbst auflöst«. In letzter Zeit hatte Michelangelo auf Vermittlung von András bzw. dessen Vater an Ausstellungen in Galerien teilnehmen können, einmal sogar während der Festspielzeit. Wenig später hatte er einen eigenen Galeristen, und er verkaufte ein paar von seinen infrarealistischen Ölgemälden zu recht guten Preisen an Sammler. Von Amerika aus hatte András sogar eine neue Kunstrichtung erfunden, den Infrarealismus, eine Art Label, unter dem Michelangelo Obermayer berühmt werden sollte. Aufs ganze, also im nachhinein, betrachtet, scheiterte das Vorhaben. Die Sammler verloren das Interesse, Michelangelo seinen Galeristen, die von ihm gemalten Bilder waren und blieben einfallslos, radikal nett auch und gerade dann, wenn sie sich um einen aggressiven – »haptischen« – Gestus bemühten. Ja, richtig, Kontrolle der Aggression war einer der Titel, die sich das Genie damals von András einflüstern ließ. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , , | Kommentar abgeben

Geist und Macht

Zwei Bücher über Alarmismus und Konformität deutscher Intellektueller nach 1945

Immer wenn politische, soziale oder ökonomische Krisen ein Gemeinwesen erschüttern, werden sie gerufen, um Stellung zu beziehen: Die Intellektuellen. In der allgemeinen Meinungskakophonie sollen sie Halt bieten, Auswege aufzeigen, die Unübersichtlichkeit ordnen und repräsentativ für die kritische Masse ihr Wort erheben. Wo früher Pfarrer die Moral vorgaben, sind es heute die Intellektuellen, die als »Gewissen der Nation« agi(ti)eren. Kaum eine »Kulturzeit«-Woche vergeht, in der sie nicht gerufen und um ihre Interventionen gebeten werden.

Günther Rüther: Die Unmächtigen

Günther Rüther: Die Unmächtigen

Zwei neue Bücher spüren nun diesen scheinbar so großen Zeiten nach und beschäftigen sich mit der Rolle der Intellektuellen in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist zum einen »Die Unmächtigen«, eine Chronologie des 1948 geborenen Politikwissenschaftlers Günther Rüther über »Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945«, wie es etwas irreführend im Untertitel heißt, da er sich auf Deutschland und die DDR beschränkt. Eine Erweiterung auf europäischer Ebene oder auch nur auf den deutschsprachigen Raum, hätte das Volumen des Buches gesprengt. Schade allerdings, dass damit auch die Interventionen schweizerischer oder österreichischer Schriftsteller zu deutschen Befindlichkeiten fehlen.

Uwe Kolbe: Brecht

Uwe Kolbe: Brecht


Das andere Buch ist von Uwe Kolbe und heißt fast ein wenig unschuldig »Brecht«. Der 1957 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller und Übersetzer beschäftigt mit den Entwicklungen in der Kulturszene der DDR von Brechts Ankunft 1948 an. Kolbe kann hierzu bis 1988, dem Jahr seiner Ausreise, eigene Anschauungen beisteuern.

Gleich zu Beginn fragt Kolbe, ob Brechts Wirken die Existenz der DDR verlängert habe. Die Frage sei zwar »aus faktischen, aus historischen Gründen absurd«, so Kolbe, denn nach Brechts Tod existierte der DDR noch mehr als drei Jahrzehnte. Aber er begründet, warum ihn dennoch damit ernst ist. Denn Brecht setzte über seinen Tod hinaus ein Zeichen. Und richtig virulent wird sie, weil Kolbe die »Nachgeborenen« Brechts mit in die imaginäre Haftung nimmt. Hauptsächlich sind dies vier Personen, die nicht nur als intellektuelle Erben Brechts, sondern auch in ihrer politischen Haltung dem Vorbild nahekommen und es Kolbe gemäß sozusagen fortschreiben: Volker Braun, Wolf Biermann, Heiner Müller und Thomas Brasch. So unterschiedlich diese Persönlichkeiten und ihre Dissidenzen mit dem SED-Staat auch waren, so verblüffend zeigen sich Übereinstimmungen.

–> weiterlesen auf Glanz und Elend

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , , , | 12 Kommentare

Der Friedenskaiser (2)

Teil 1

Judiths Hund, warum fällt er mir jetzt wieder ein? Als wäre er die heimliche Hauptfiguer jener Jahre. Ich sehe ihn vor mir, besser gesagt: neben mir, wie er still in einer Ecke des Hörsaals liegt und manchmal die Ohren bewegt, als lauschte er den mehr oder minder klugen Diskussionen im Seminar. Damals regte sich kein Mensch darüber auf, daß Hunde oder Kleinkinder an die Universität mitgenommen wurden. In manchen Seminaren war es erlaubt zu rauchen, und es war überhaupt kein Problem, die Räumlichkeiten am Wochen­ende für Feste zu nutzen (die Portiere feierten mit). Ich will nicht sagen, daß es damals besser war, die Luft in den Zimmern war wirklich verpestet, aber . . . Nun ja, der Hund hörte zu und dachte mit, wenigstens sah es so aus, während wir uns in endlose Gedanken­gefechte verstrickten. Judith hatte ihm einen typischen Hundenamen gegeben, Bello oder Waldi oder Ajax, etwas in dieser Art, einen Namen, der überhaupt nicht zu seinem melancholischen Gemüt paßte. Sie selbst hatte einen ähnlichen Blick, vor allem, wenn sie András anschaute, der sie so wenig beachtete. Dabei war sie eine schöne Frau, die schönste weit und breit, daran zweifelte niemand. Aber das schien András nicht zu jucken; er vergnügte sich lieber mit Hausfrauen, die unter seiner Anleitung das sich abzeichnende Übergewicht ihres Körpers bekämpften.

Judith hatte keine Probleme dieser Art. Kein Wunder, sie war zehn, fünfzehn Jahre jünger als diese Frauen. Wenn ich an Musils Roman denke, fällt mir auf, daß Ulrich überhaupt keine ernstzunehmenden Geschlechtspartnerinnen hat, jedenfalls keine, die er von sich aus ernstnimmt, ernstnehmen will. All diese Diotimas und Gerdas und Bonadeas – höhere Hausfrauen der Jahrhundertwende. Und dann, als der Strang der Frauengeschichten durchzuhängen beginnt, plötzlich die eigene Schwester, die angeblich vergessene. Warum ausgerechnet die eigene Schwester? Gibt es in der kakanischen Großstadt unter den zwei Millionen Einwohnern wirklich keine einzige schöne Frau, die vom Alter und vom geistigen Niveau her zu ihm passen würde? Vielleicht hat András Judith verschmäht, weil sie nicht in das Anders-Schema paßte. Oder weil dieser Ulrich-Typus, den er willentlich oder, was wahrscheinlicher ist, unwillentlich verkörperte, für solche Frauen keinen Sinn hat, weil er nichts mit ihnen anfangen kann. Weil sie ihn öffnen, lockern würden? So sah es Judith selbst, in manchmal nachtlangen Gesprächen vertraute sie es mir an. »Seine Panzerungen werden abfallen, wenn er sich erst einmal auf mich einläßt.« Das war der Stil, den wir damals pflegten. András hat sich aber nicht auf sie eingelassen. Ob er nicht wollte oder nicht konnte, wer will diese Frage entscheiden? Am wenigsten er selbst . . . Er ließ sich nicht auf Judith ein, nicht einmal durch die Heirat, die er auf dem Standesamt wie einen mittelmäßigen Scherz absolvierte (ich war Trauzeuge). Judith weinte, und der, der seit ein paar Sekunden ihr Mann war, machte irgendeine ironische Bemerkung. Kein einziger Verwandter war zugegen, auch nicht der Musiker-Vater, nur eine kleine Schar Paralellaktionisten in ihrem üblichen Aufzug. András hatte die Heirat akzeptiert, damit Judith ein Visum für die USA bekäme, wo er ein Jahr lang studieren oder forschen sollte, postgraduate, ein für mich damals neues Wort. Und Judith, die New York für das Mekka der Psychoanalyse hielt, brannte auf die Reise. Sie führte nicht nach New York, sondern in die Provinz, nach Maryland. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , | Kommentar abgeben

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

38 Gespräche von Carsten Gansel mit Schriftsteller­innen und Schriftstellern zwischen 1989 und 2014 sind im von Norman Ächtler im Verbrecher-Verlag herausgebrachten Band »Literatur im Dialog« chronologisch abgedruckt. Gansel, 1955 in Güstrow geboren und mit dezidiert ostdeutscher Akademiker­vita, ist seit 1995 Professor für Neuere Deutsche Literatur und Germanistische Literatur- und Mediendidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die meisten Gespräche aus dem Band wurden in der DDR- Wochenzeitschrift »Sonntag« bzw. später in »Der Deutschunterricht« veröffentlicht; einige sind allerdings erstmalig publiziert. Das 39. Gespräch ist bilanzierend und findet zwischen Carsten Gansel und Norman Ächtler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Gießener Institut für Germanistik, statt.

In der interessanten Einleitung Ächtlers, die einige grundsätzliche Fragen behandelt, etwa ob es sich um Interviews oder Gespräche handelt und wie es um die Selbstinszenierungen der Befragten bestellt sein mag, werden die »drei Generationen« vorgestellt, die Gansel in und mit seinen Interviews zu DDR und Literatur befragte: Die Gründungsgeneration nach 1945, die »Heineingeborenen« (ein Wort von Uwe Kolbe) und die heute um die 40jähr­igen, »Hineingeschriebenen«. Es kommen so unterschiedliche Autoren wie Stefan Heym, Hermann Kant, Christoph Hein, Christa Wolf, Erich Loest, Ulrich Plenzdorf aber auch »westdeutsche« Stimmen wie Peter Kurzeck, Norbert Gstrein, Peter Härtling, Günter Grass oder Alexa Hennig von Lange zum Spannungsfeld von Erinnerung und Literatur und Politik und Publizität (vor allem aber nicht nur im Hinblick auf die »geschlossenen Gesellschaft« der DDR) befragt.

Es gibt mehrere Gründe, warum man dieses Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen mag. So wirken Gansels Sach- und Fachkenntnisse der jeweiligen Publikationen der befragten Autoren auf eine berückende Weise altmodisch. Man ist es vom dröhnenden Feuilleton-Geschwafel einfach nicht mehr gewohnt, dass da jemand tatsächlich die Bücher gelesen hat und kundig (Lektüre-)Eindrücke zu formulieren und einzubringen weiß. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: , , , , , , , , | 2 Kommentare

Der Friedenskaiser (1)

Er hieß András mit Vornamen…

Spontan greife ich zum Imperfekt, doch bestimmt trägt er den Namen immer noch mit sich herum, von einem Ableben ist mir nichts zu Ohren gekommen. Im Lauf der Jahre verschwand er aus meinem Blickfeld, machte sich rar, verbrachte ein Forschungssemester oder zwei in den USA, übersiedelte in ein anderes Land, ließ immer weniger von sich hören, zuletzt, seit einer Reihe von Jahren, gar nichts mehr. Er hieß András, bestand auf dem Akzent über dem zweiten A und konnte bissig werden, wenn ihn jemand Andreas nannte. Die paar Artikel aus seiner Feder, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeichnete er, wenn überhaupt, dann mit »Anders Schwarz«, immer am Ende des Textes. Auch auf dem Gedichtband, den er in Italien veröffentlichte, stand dieser für Italiener schwer auszu­sprechende Name. Anders, wie der Mann ohne Eigenschaften. Diese Parallele ist mir erst viele Jahre später bewußt geworden. Musil nennt seinen Helden ja nie beim Nachnamen, und die Figuren des Romans tun es auch nicht.

Erst kürzlich, beim Nachdenken über das Schicksal des Multitalents, ist mir eingefallen, was ich vergessen oder verdrängt hatte, nämlich daß wir eine Art Zeitschrift herausgaben, ein paar hektographierte, mit Büroklammern zusammengeheftete Blätter, meist unter dem Titel Die Parallelaktion, manchmal auch nur Die Aktion, oder ganz ohne Titel. Eine von András‘ Theorien besagte, daß Musil seine Parallelaktion als Gegenunternehmen zur Aktion verstand, der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift, die in den Jahren, als sich Musil an sein Großprojekt machte, kommunistische Propaganda trieb. András, im vorletzten Kriegsjahr geboren, meinte, es gehe heutzutage darum, Aktion und Parallel­aktion miteinander zu verschmelzen, also individuelle Freiheit und Gemeinschaftssinn. Er war 1956 mit seinem Vater, einem Klarinettisten, der später ins Mozarteum-Orchester aufgenommen wurde, aus Ungarn nach Österreich gekommen und hatte sich 1968, als er sein Studium begann, für den Prager Frühling begeistert. Unsere Zeitschrift vertrieben wir an der Universität, nur András ging in die Cafés und Bierkeller und verkaufte »das Or­gan«, wie er es nannte, zu wechselnden Preisen und mit beträchtlichem Erfolg. Manchmal nahm er Michael mit oder Franz, seinen Schüler – als solchen sehe ich ihn vor mir, obwohl er älter war und auf den ersten Blick mehr Eindruck machte als sein Mentor. Franz war der einzige von uns, der zu einer gewissen, wenn auch problematischen und kurzfristigen, Berühmtheit gelangen sollte. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , | Kommentar abgeben

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Man muss Greg Grandins »Kissingers langer Schatten« wirklich bis zum Schluss, d. h. inklusive der Danksagung am Ende des Buches lesen. Denn hier finden sich nicht nur die üblichen Worte an Helfer, Lektoren, Freunde oder Familie sondern auch der Dank an den 2011 ver­storbenen Christopher Hitchens. Zugleich emanzipiert sich Grandin von Hitchens Vorgehensweise in dessen Anklageschrift »Die Akte Kissinger« aus dem Jahr 2001. Hitchens »selbstgerechte Empörung« habe verhindert, die »Wirkungsmacht seiner [Kissingers] Ideen…zu erklären«. Er sei derart auf sein Studienobjekt fixiert gewesen, dass die »äußeren Bedingungen seines [Kissingers] politischen Handelns unreflektiert« geblieben wären. Dadurch sei ihm »Wesentliches entgangen«.

Grandins Kritik ist deshalb so bemerkenswert, weil man sie ebenso auf sein Buch anwenden kann. Obwohl er mehrfach einer Dämonisierung Kissingers das Wort redet, passiert genau dies. So, als würden die Fakten nicht ausreichen, flüchtet er sich in zuweilen abenteuerliche Kausalitäten und, was noch schlimmer ist, in Vermutungen. So wird berichtet, dass Kissinger den Krieg zwischen dem Irak und den Iran (»Erster Golfkrieg« von 1980 bis 1988) befürwortet, seinerzeit »die Iraker als ein Gegengewicht gegen den revolutionären Iran« gesehen und Unterstützung für Saddam Hussein vorgeschlagen habe. So weit, so gut. Als reiche dies nicht aus, bringt Grandin noch einen vermeintlichen Ausspruch Kissingers: »Schade, dass sie [Irak und Iran] nicht beide verlieren können«. Das Problem ist allerdings, dass es Kissinger gesagt haben soll, was zwar sowohl im Text als auch in einer Fußnote am Ende der Seite klargestellt wird: »Dieses Zitat ist nicht zweifelsfrei belegt«. Aber warum erscheint es dann überhaupt im Buch? Grandin benennt mit Raymond Tanter, einem ehemaligen Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats der USA, noch einen Kronzeugen, der gesagt haben soll, dass Kissinger im Oktober 1980, also rund vier Wochen nach Beginn des Krieges, dass die »Fortsetzung der Kämpfe zwischen Iran und Irak im Interesse Amerikas sei«. Eine Quelle für dieses Zitat fehlt dann allerdings. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Politik | Stichworte: , , , , , , , , | 11 Kommentare