Weltlied

Mein Zepter liegt auf der Steinbank, und im Boden davor sind über Nacht zwei Löcher erschienen, etwa daumennagelgroß. Daraus sind zwei Zikaden hervor­gekrochen, die dort sieben Jahre verbracht haben, nicht mehr als eine Daumen­länge unter der Erde (mit einem Zweiglein nachgemessen). Jetzt hocken sie über mir im Baum und brüllen, was das Zeug hält, sieben Tage lang, mit aller Kon­zentration ihres kleinen Körpers. Mit aller Konzentration der Welt. Sie sind überzeugt, zu singen. Und sie singen das Weltlied. Daß die Menschen und die anderen Tiere es nicht verstehen, ja, nicht einmal hören, macht ihnen nichts aus, es braucht sie nicht zu kümmern. Möglich, daß die anderen Tiere, die Frösche, Ameisen, Spatzen, etwas mehr davon verstehen. Aber auch das spielt keine Rolle. Nichts braucht die Zikaden zu kümmern, sie sind ganz Gesang.


© Leopold Federmair

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Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung

Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung

Carlo Strenger:
Zivilisierte Verachtung

»Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit« untertitelt Carlo Strenger sein Buch und es ist glücklicherweise nicht eines jener Pamphlete, die den marktliberal-ökonomischen Freiheitsbegriff hochleben lässt, sondern es geht ihm um die Rückbesinnung auf die Werte der Aufklärung in unserer postmodernen Welt, die mit »zivilisierter Verachtung« gestärkt werden soll.

»Zivilisierte Verachtung« bedeutet, dass jene Wert- und Moralpositionen, die den freiheitlichen Idealen der Aufklärung entgegenstehen, geächtet und nicht mit falscher Toleranz geduldet werden. Die zivilisierte Verachtung steht dabei in Opposition zur »politischen Korrektheit«. Ein eher unglücklicher Begriff, wobei andere Vokabeln wie »Appeasement« oder »Relativismus« ähnlich kontaminiert gewesen wären. Strenger meint mit politischer Korrektheit nicht die Übersetzung vermeintlicher oder tatsächlicher Sprach- und Denkverbote, sondern jenen nivellierende Sichtweise, die auch antiaufklärerische Wertvorstellungen aus Rücksicht vor anderen kulturellen Prägungen gleichberechtigt gelten lässt. Strenger hält eine vorauseilend postulierte Gleichrangigkeit anderer, antiaufklärerischer Werte und Moralvorstellungen für eine »groteske Verzerrung des aufklärerischen Toleranzprinzips«.

Der besonders ab den 1960er Jahren in der politischen Linken verfochtenen These, dass das Verhalten des kolonialistischen, weißen Mannes die Aufklärung als gescheitertes Projekt diskreditiert habe, und die sich derzeit wieder neuer Beliebtheit erfreut, widerspricht Strenger scharf. Auch den Vorwurf eines »Eurozentrismus« und/oder einer einseitigen und idealisierten Fixierung auf den »Westen« lässt er nicht gelten, was er mit der weltweiten »Strahlkraft westlicher Errungenschaften« begründet. Die Kritik an der Aufklärung als »Enthumanisierungsprojekt« wird entschieden zurückgewiesen. Weiterlesen

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Egon Bahr

In den letzten Jahren schien Egon Bahr eine gewisse Renaissance zu erfahren. Er war Gast in Talkshows und nicht nur, wenn es um Willy Brandts 20. Todestag oder 100. Geburtstag ging. Sein Urteil über geopolitische und strategische Fragen wurde immer noch geschätzt. Liest man seine »Tutzinger Rede« heute nach könnte man ungeachtet der Situation 1963 durchaus Handlungsanweisungen für aktuelle politische Konflikte ableiten. Wie erfolg­reich zähe politische Verhandlungen sein können, zeigte sich unlängst als es um das iranische Atomprogramm ging. Sogar Hardliner wie Zbigniew Brzezinski mutieren plötzlich zu Entspannungspolitikern. Die Parallelen zur sogenannten Ostpolitik der 1970er Jahre sind verblüffend. Die damalige Sowjetunion und der heutige Iran galten und gelten in bestimmten politischen Kreisen als Feinde, was diesen als Rechtfertigung gilt, jegliche Kontakte oder gar Verhandlungen auszuschließen. Bahr durchbrach dieses Denken in Bezug auf das »Reich des Bösen«, weil er überzeugt war, dass auch das politische Gegenüber – mochten auch die ideologischen Differenzen noch so gross und scheinbar unüberbrückbar sein – eine Sehnsucht nach Koexistenz mit den Nachbarn suchte.

»Wandel durch Annäherung« war keine Phrase, wobei es allerdings ein großes Missverständnis war, dieser Wandel bezöge sich ausschließlich auf die Bundesrepublik. Weiterlesen

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Jan Koneffke: Ein Sonntagskind

Jan Koneffke: Ein Sonntagskind

Jan Koneffke: Ein Sonntagskind

In seinem Buch »Die Flakhelfer« versuchte der Publizist Malte Herwig nicht nur die Verstrickungen der Generation der um 1927 geborenen in den National­sozialismus zu dokumentieren und aufzubereiten, sondern auch zu verstehen. Es war die Generation, die »ihre Jugend im ‚Dritten Reich‘ verbracht« hatte, eine, wie es in Heinz Reins Roman »Finale Berlin« aus dem Jahr 1947 heißt, »verlorene, verlassene, verratene Jugend«. Aber nicht wenige dieser Generation waren »nach dem Krieg zu prominenten Intellektuellen und Wortführern der jungen Bundesrepublik aufgestiegen« (Herwig). Die Liste der Namen ist eindrucksvoll: Von Günter Grass bis Martin Walser, von Erhard Eppler über Dieter Hildebrandt, Hans-Dietrich Genscher, Niklas Luhmann, Erich Loest, Walter Jens bis Hans Werner Henze. Ihnen gemein ist ein Makel: Sie sind ausgewiesen als Mitglieder der NSDAP. Grass bildet eine Ausnahme: er gehörte einer Einheit der Waffen-SS an. Herwig klagt in seinem Buch nicht die Verwirrungen der 17, 18, 19jährigen an, die jahrelang indoktriniert wurden. Aber er fragt, wie es dazu kommen konnte, dass diese Vorbilder der neuen, deutschen Demokratie ihre Jugendsünden bis auf wenige Ausnahmen nicht eingestanden sondern verheimlicht oder sogar »vergessen« (vulgo: erfolgreich verdrängt) haben.

Mit »Ein Sonntagskind« legt nun der 1961 geborene Schriftsteller Jan Koneffke einen Roman vor, der diese Problematik ein wenig erhellen könnte. Hauptfigur ist der um 1927 geborene Konrad Alfred Kannmacher. Der Name Kannmacher ist Koneffke-Lesern schon aus seinem letzten Roman »Die sieben Leben des Felix Kannmacher« bekannt. Felix kommt nur ganz am Rande im »Sonntagskind« vor; er ist der Bruder von Konrads Vater Ludwig. Konrad wächst in dem fiktiven Ort Freiwalde in Pommern auf (gemeint ist wohl das ehemalige Freienwalde, das heutige Chociwel). Das Nazitum ist tief eingesickert in dem Ort. Nur Konrads Vater Ludwig Kannmacher, der »langweilige« Buchhalter, spielt nicht mit. Er arbeitet in einer »jüdischen« Bank, was schnell zu entsprechenden Diffa­mierungen führt. Mutter Emilie ist eher unscheinbar, kümmert sich um den vergötterten Sohn, das »Sonntagskind« Konrad und dessen jüngere Schwester Helene. Konrad bildet mit den gleichaltrigen Hartmut und Erwin das sogenannte »Kleeblatt«. Sie sind unzer­trennliche Raubeine, die auch in »Katz und Maus« hätten mitspielen können. Ohne die Spickzettel Hartmuts wäre Konrad im Mathematik-Unterricht verloren gewesen. Konrad bewundert Hartmuts nachlässig-machohaften Umgang mit Mädchen und Frauen.

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Heinz Rein: Finale Berlin

Heinz Rein: Finale Berlin

Heinz Rein: Finale Berlin

Spätestens in der Schule kam man an ihnen nicht mehr vorbei. Da war der Kriegsheimkehrer Beckmann aus Borcherts »Draußen vor der Tür«, der Soldat Feinhals und die Architektenfamilie Fähmel aus Bölls Werken, später noch Clown Schnier und dessen Ansichten. Oskar Matzerath kannte jeder (meist allerdings ohne das Werk en détail gelesen zu haben). Seltener waren schon die Erlebnisse mit dem desillusionierten Bundestags­abgeordneten und Schöngeist Keetenheuve (Koeppens »Treibhaus«) oder dem Maler Ludwig Nansen aus der 60er Jahre »Deutschstunde« (Siegfried Lenz). All diesen Figuren ist gemein, dass sie heute noch Erinnerungen hervorrufen und Referenzgrößen der deutschen Nach­kriegsliteratur wie selbstverständlich herbeizitiert werden. Aber wer kennt eigentlich Joachim Lassehn, den Deserteur aus Heinz Reins »Finale Berlin«? und wer kennt dieses Buch, das bereits 1947 erschienen war und vehement-drastischer Sprache die Schrecken des Krieges nicht nur erzählte, sondern vor dem Leser fast ausspie?

Sicherlich, vergessene Bücher mit vergessenen Schriftstellern aus dieser Zeit gibt es viele. Neben Heinz Rein fallen einem auf Anhieb Hans Scholz (»Am grünen Strand der Spree« [dieses Buch wurde in den 1960er Jahren erfolgreich für das Fernsehen verfilmt]), Peter Bamm und Hans Hellmut Kirst ein, die allesamt mit dem Vorwurf des Trivialautors zu kämpfen hatten. Aber auch ästhetisch anspruchsvollere Autoren wie Gert Ledig und Josef W. Janker gingen im Literaturbetrieb unter, vor allem weil sie nicht in das ästhetische Konzept der Gruppe 47 hineinpassten, einer informellen Vereinigung, die sukzessive die Hoheit über die deutsche Nachkriegsliteratur übernahm und schon vor der Usurpierung durch die Kritiker-Viererbande (Reich-Ranicki, Mayer, Kaiser, Jens) eine machtvolle Position einnahm. Wer heute den Kanon durchschaut, den diese Wenigen aufgestellt haben, entdeckt überall die immergleichen Namen: Heinrich Böll, Günter Eich, Günter Grass, Alfred Andersch, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser (der eigentlich als »gruppenfremder« Autor galt), ein bisschen Wolfdietrich Schnurre und Walter Höllerer noch. Allesamt Autoren, die an den Sitzungen der Gruppe 47 zum Teil regelmässig teilnahmen und dadurch bis heute das literarische Bild der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland prägten.

Achtete man peinlichst darauf, keine nazibelasteten Schreiber in der Gruppe zu haben (was, wie sich später herausstellte, gründlich misslang), so konnte man jedoch als Opfer, das nicht den soldatischen Weg eingeschlagen hatte, kaum reüssieren, wie am Beispiel Paul Celan deutlich wurde. Exilanten mied man offiziell aus ästhetischen Gründen – in Wahrheit wollten sich diese in der Regel nicht mit Wehrmachtsoldaten oder »Inneren Emigranten« messen. Ambitionierte Prosa, die sich von der dem Realismus verpflichteten sogenannten Trümmerliteratur abwichen, hatte ebenfalls keine Chance; sie waren auf Fürsprache außerhalb der Gruppe angewiesen, was bei einigen Ausnahmen (Koeppen, Siegfried Lenz) gelang.

Höllengewitter ohne Scheu vor Pathos

So ist es nicht überraschend, dass Heinz Rein, der Autor von »Finale Berlin«, niemals in der Gruppe 47 gelesen hat. Sein Roman entsprach mit seinem derben Splatter-Expres­sionismus nicht dem Geschmack der Gruppe, die es vorzog, den deutschen Soldaten nach dem Krieg als Opfer der Umstände darzustellen. Reins Buch dagegen zeigt in expressiven, zum Teil pathetisch-brutalen Bildern ein Berlin vom 15. April 1945 bis zur Kapitulation am 2. Mai. Es ist ein Berlin der Straßen- später sogar Häuserkämpfe – eine Bevölkerung eingepresst zwischen Roter Armee und rücksichtslos gegen die eigene Zivilbevölkerung vorgehender SS-Truppen. Es ist ein Berlin der bis zum Schluss an den Sieg Glaubenden, ein Berlin, das am Ende großflächig in Schutt und Asche liegt, übersät mit Leichen bzw. Leichenteilen. Rein entwickelt eine Topographie des Schreckens; wer möchte, kann Truppen- und Kampfbewegungen auf einer Karte genau nachvollziehen. Berlin wird zur Hölle, bar jeder Zivilisation. Weiterlesen

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Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

»Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.« So beginnt Ralf Rothmann seinen Roman »Im Frühling sterben«. Man sieht vor seinem geistigen Auge förmlich den prätentiösen Ausdruck des Dichters oder Vorlesers, der bedeutungsschwere Duktus, der den Leser, die Leserin, auf diese Literatur vorbereiten soll und unumwunden signalisiert: Hier entsteht etwas ganz Besonderes, ein Meisterwerk. Das Schweigen, »wenn es Tote meint«, füllt das Leben mit »Wahrheit«. Fragen, wessen Leben mit Wahrheit gefüllt werden soll und wie dies mit dem »tiefen Verschweigen« gemeint sein könnte, wirken da eher störend, nach dem Sinn dieses Satzes zu suchen erst recht.

Sechseinhalb Seiten skizziert ein Ich-Erzähler mit starken Strichen das Leben seines Vaters Walter Urban. Das schweigsame Wesen, seine Hilfsbereitschaft (»das Wort hochanständig fiel oft«), die Jacken von C & A, die er gerne trug. 30 Jahre arbeitete er als Hauer im Bergwerk in Essen, ohne Gehörschutz. Er ertaubte und verstand nur noch seine Frau, »ob es ihre Stimmfrequenz war oder die Art der Lippenbewegung« weiß der Erzähler nicht. Nach der Frühverrentung, die ihn kränkte, war das Leben praktisch schon zu Ende. Es gab die Zeitung, Heftchenromane und, leider, den Alkohol. Schließlich der Krebs mit 60, das war 1987. Der Erzähler schenkt ihm ein Heft, in dem er etwas vom Krieg, von seinem Leben aufschreiben soll, aber außer ein paar Ortsnamen schreibt Walter Urban nichts hinein. Der Schriftsteller sei doch er, bemerkt er spitzbübisch. Auf dem Sterbebett beginnt er im Schlaf zu sprechen. Er sei jetzt »wieder im Krieg« sagt dann seine Frau.

Und dann, auf Seite 13, beginnt eine Geschichte von Walter Urban ab Februar 1945. Er ist Melkerlehrling in Norddeutschland, der Prügel-Vater im Feld irgendwo auf dem Balkan (strafversetzt, weil er Gefangenen Zigaretten gegeben haben soll), die Mutter mit seiner Schwester in Essen. Es ist Sonntag und es gibt ein Fest. Der »Reichsnährstand« gibt einen aus. Man trifft sich im »Fährhof«, die Kapelle, die aus Kriegsversehrten besteht, spielt Hans Albers, Zarah Leander und Heinz Rühmann. Irgendwo steht auch ein SS-Mann mit der Aufschrift »Frundsberg« – schöner Gruss von Rothmann an Günter Grass. Weiterlesen

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Friedrich Helms: Tagebücher 1945 / 1946-47

Friedrich Helms Tagebuch Wilhelmshorst 1945

Friedrich Helms Tagebuch Wilhelmshorst 1945

Friedrich Helms wurde 1883 geboren. Er lebte in Berlin, wurde dann, 1945, ausgebombt und zog in sein Gartenhaus nach Wilhelmshorst bei Potsdam. Helms war damals über 40 Jahre in Diensten der Deutschen Bank, zum Schluss als »Direktor«. Seine Frau Marie war 12 Jahre jünger als er. Sie war »Pg«, also Mitglied der NSDAP. Helms selber wird als deutschnationaler Sozialdemokrat beschrieben; er war Freimaurer. Das Paar hatte zwei Töchter. Viel weiß man über diese Familie nicht. Friedrich Helms führte Tagebuch. Dies kam irgendwann in den Besitz von Walter Kem­powski, der in seinem »Echolot« »Abgesang’45« ein kleines Stück aus Helms‘ Tagebuch zitierte. Der Publizist und Verleger Tobias Wimbauer nahm sich des Tagebuchs an und gab in seinem leider kürzlich geschlossenen »Eisenhut«-Verlag bisher zwei Bände heraus. Der erste umfasst die Zeit von April bis Dezember 1945; er setzt fast mit der Kapitulation des Deutschen Reichs ein. Der zweite Band umfasst die Jahre 1946 und 1947.

In Anbetracht des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs wurde man medial umfangreich versorgt. Bei aller Ausführlichkeit in den Schilderungen der letzten Tage des Nazi-Regimes und der anschließenden Besatzung nebst geopolitischer Situation blieb die Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende seltsam dunkel. Zwar gilt die Phrase der »Stunde Null« längst als widerlegt, aber was tatsächlich damals geschah wurde in der populären und publizistischen Geschichtsschreibung kaum behandelt. Es ging dann irgendwie mit der Währungsreform 1948 und dem Grundgesetz der Bundesrepublik 1949 weiter.

Der Grund für diese Leerstelle liegt auch darin, dass die Schilderungen der Probleme der Bevölkerung unmittelbar nach dem Krieg sehr schnell als Geschichtsrevisionismus hätte ausgelegt werden können. Diese Befürchtungen gab es ja auch bei anderen Themen­bereichen wie Vertreibung und Bombenkrieg. Alles, was nur im Entferntesten das Tätervolk hätte als Opfer darstellen können, galt es zu vermeiden. Hinzu kam, dass die nachfolgenden Generationen oft genau diese Erzählungen von ihren Eltern und Groß­eltern hörten und als Ablenkungsmanöver einer eventuellen Mitschuld interpretierten. Weiterlesen

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Ziegen am Berg – Zum 90. Geburtstag von Philippe Jaccottet

Philippe Jaccottet zugeeignet

ZIEGEN AM BERG

Wie dargebracht, ein Schwung
Milch, erschien ihm
eine Ziegenherde am Berg,
immer breiter zerstreut.

Nicht dass wir zusammen
jemals hinüberblickten.

Doch wie ich lange spähte
auf jene andere Seite,
sah ich (und wusste nicht,
wodurch dann jäh erfreut),

wie dort am Gegenhang,
im Steigen, die einzelnen,
die ganz am Rande,
in ihrem Streben nickten.


Sander Ort ist Künstler, Übersetzer und Schriftsteller. Er lebt in Paris und Tokio. 2007 erschien im Hanser-Verlag von ihm übersetzt Philippe Jaccottet: »Fliegende Saat – Aufzeichnungen 1954-1979«.

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