Moos auf den Steinen

Moos auf den Steinen, das Buch dieses Titels stand viele Jahre in meinem Bücherregal, aber gelesen habe ich es nie. Dabei stellte ich mir vor, der Verfasser gehöre zu meinen Ahnen; fast so, als könnte ich ohne ihn, ohne die Lektüre seines Buchs überhaupt nie etwas schreiben (und wie lange habe ich nichts geschrieben, nachdem der jugendliche Überschwang vorbei war). Ich nahm es immer wieder zur Hand, strich über seinen Deckel, seinen Rücken, seine Stirn, ohne darin zu blättern. Als wollten meine Finger das Moos an diesem Buch ertasten: materiell, nicht symbolisch. Aber auf dem Leinen wuchs kein Moos.

Jetzt wächst es, hier vor mir, um mich herum, überall. Auf dem Stein der Totenlaterne, des Geländers, der Säulchen; auf dem Holz, auf dem Platz, wo ich sitze, auf der gestampften Erde und der lockeren Erde, in der Regenrinne und den Abbruch hinauf, um im Schatten, im Wald, im Dunkel zu verschwinden. Aber wächst es denn wirklich? Wächst es in der Wirklichkeit – oder nicht doch im Buch, in seinem, meinem, jedem Buch? Wenn, dann wächst es langsam, unmerklich, nicht in Tagesschnelle wie die Gräser, die Bambus­sprossen, die Farne. Wahrscheinlich braucht es Jahre, oder Jahrhunderte, das waldgrüne, lichtgrüne, wassergrüne, erdgrüne, olivgraue, nachtsilberne, reisstrohfarbene Moos. Oder es gleicht schon – oder längst – dem Stein, hat sich diesem anverwandelt, ist steinern geworden, so daß es nun frei ist von der Mühe des Wachsens und Vergehens, jenseits von Leben und Tod.

Moos auf den Steinen, das Buch existiert, lebt weiter in meinem Kopf und vor meinen Augen, schreibt sich ungelesen fort in dieser und jener Wirklichkeit. Vielleicht habe ich es damals, als der Überschwang schwand, unwillkürlich erkannt und seine Botschaft aufgenommen: Lies mich nicht! Geh zu den Steinen, geh in den Wald, berühre das nächste, das nächste, das nächste. Es ist ein langer Weg, aber auch: In einem anderen Leben tränkt das Moos den Stein.

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Karsten Krampitz: 1976 – Die DDR in der Krise

Karsten Krampitz: 1976

Karsten Krampitz: 1976

»1976« lautet der Titel. Darunter »Die DDR in der Krise«. Da schüttelt man sich erst einmal als in Westdeutschland sozialisierter Mensch. 1976? Nicht etwas 1989? Gut, die Biermann-Ausbürgerung ist noch präsent. Und mit ein wenig Nachdenken auch noch der Arrest für Robert Havemann. Schon schwieriger wird es mit der Erinnerung an die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz. Vergessen (falls jemals gewusst) die Konferenz der kommunistischen Parteien in Ost-Berlin. Noch exotischer: der IX. Parteitag der SED. Und das Honecker von Stoph das Amt des Staatsratsvorsitzenden übernahm und damit die vollkommene Machtfülle beider Ämter (General­sekretär der SED und faktisches Staatsoberhaupt) auf sich vereinigte, hatte man damals nicht mitbekommen – zu deutlich war die Außenwahrnehmung auf Honecker gerichtet.

All das geschah 1976. Und Karsten Krampitz findet noch weitere interessante Begebenheiten aus diesem Jahr wie den Tod von Michael Gartenschläger, einem DDR-Flüchtling, der vom Westen aus wieder in das DDR-Grenzgebiet eindrang und Selbstschussanlagen demontierte und veräußerte. Er wurde bei einer solchen Aktion erschossen. Da waren die Olympischen Sommerspiele 1976 in Montreal, bei denen der DDR mit Platz 2 im Medaillenspiegel hinter der Sowjetunion endgültig der Durchbruch als Sportweltmacht gelang; nie mehr – auch bei den Boykott-Spielen 1980 – erreichte man so viele Goldmedaillen. Außenpolitisch peinlich wurde der Tod eines italienischen LKW-Fahrers an der deutsch-deutschen Grenze, der sich lediglich im Grenzgebiet verirrt hatte – und auch noch Kommunist war. Spannend Krampitz‘ Fundstück eines Gedächtnis­protokolls des damals 35jährigen Pfarrers Lothar Vosberg, der den Besuch zweier MfS-Männer rekapitulierte und an seine Vorgesetzten meldete.
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Boualem Sansal: 2084 – Das Ende der Welt

Boualem Sansal: 2084 - Das Ende der Welt

Boualem Sansal:
2084 – Das Ende der Welt

Wenn Gesellschaften – aus welchen Gründen auch immer – trotz eines exorbitanten Wohlstands mit einem diffusen Unbehagen der Zukunft entgegen sehen, weil sie vor Umbrüchen mit unsicherem Ausgang stehen, dann ist Zeit für dystopische Romane, die dann die eher harmlos daherkommende (leider zu oft banale) Fantasy oder bewusst technikaffine Science-Fiction-Seligkeit über­wuchern. Nicht zuletzt in der aktuellen deutschsprachigen Literatur gibt es einen Trend zur Dystopie, vielleicht auch einfach nur, weil es im Alltag so gar keine Abenteuer mehr zu erleben gibt.

Bei Boualem Sansal sieht dies anders aus. Der 1950 in Algerien geborene Autor fand erst spät zum literarischen Schreiben, avancierte aber schnell zum bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller seines Landes und bekam 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt hat er mit »2084 – Das Ende der Welt« einen Weltunter­gangsroman geschrieben. Das Buch war zunächst in Algerien nicht zu erhalten und sorgte für Diskussionen in Frank­reich. Seit Mai liegt es auch in einer deutschen Übersetzung von Vincent von Wroblewsky vor.

Das deutsche Feuilleton befragt Sansal ausgiebig, aber noch mehr möchte man über seine Einschätzungen zur aktuellen politische Lage wissen, den Bedrohungen durch das, was man gemeinhin »Islamismus« nennt. Sansal hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er bezichtigt besonders die westliche Linke als naiv im Umgang mit dem politischen Islam, was diese zum Anlass nimmt, ihn in eine neurechte Ecke zu stellen; das inzwischen bekannte Gesellschaftsspiel. Die Erfahrungen, die Sansal in Algerien macht und gemacht hat, werden hierbei gerne heruntergespielt. Die Politisierung eines solchen Romans hat allerdings meist zur Folge, dass die Diskussion weniger um das Buch als um die politischen Thesen des Autors kreist. Dies erzeugt Erwartungshaltungen, die je nach Orientierung enttäuscht oder bestätigt werden. Dabei tritt dann die literarische Qualität eines solchen Buches allzu oft in den Hintergrund. Weiterlesen

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Schmerzhaft gleichgültig

Wenn man erklärt, dass man sich die Lesungen und Diskussionen zum Bachmannpreis anschaut, kommt immer mehr die mitleidige Frage: »Warum?« Sie impliziert zweierlei: Zum einen glaubt man nicht mehr an die Kraft der Literatur im Zeichen des Fernsehens. Und zum anderen wird damit auch gleich in einer Mischung aus Mitleid und Empörung die jeweilige Auswahl der Lesenden erledigt. Nein, die Lesenden im Bachmannpreis repräsentieren natürlich nicht »die deutschsprachige Literatur« wie es dann mal apodiktisch, mal vorwurfsvoll heißt. Nachträglich muss man dieses Dementi gerade für den »Jahrgang 2016« zur Hand haben: Nein, das, was heuer in Klagenfurt gelesen wurde ist kein repräsentativer Querschnitt der deutschsprachigen Literatur. Da mag der Moderator noch so Animateursqualitäten offenbart haben (was zuweilen peinlich war). (Über das peinliche Sandkastenarrangement »draußen«, bei Zita Bereuter, schweigt man besser.)

Aber es ist womöglich ein Querschnitt der inzwischen inflationären Stadtschreiber- und Schreibschulprosaisten, die sich von ihren Notebooks erheben und das replizieren, was sie gelernt haben, wofür sie ausgezeichnet wurden und was sie nun mit einem seltsam stoischen Selbstbewusstsein als preiswürdig reklamieren. Weiterlesen

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Wolfgang Welt

Wolfgang Welt 2014 - © Lothar Struck

Wolfgang Welt 2014 – © Lothar Struck

Wolfgang Welt schreibe »Bruchteilsekundensätze«, so vor einigen Jahren einmal Peter Handke über den Bochumer Autor. Literarisch sind Handke und Welt fast Antipoden und doch schätze Handke diesen als »Pop-Literaten« nur unzureichend charakterisierten Autor, machte sich stark für ihn, dass er im Suhr­kamp-Verlag publizieren konnte. Die Prosa von Wolfgang Welt war derb und griffig, aber in den schönsten Momenten lösten sich Augenblicke zeitlupenhaft auf. Da spielte es keine Rolle, ob das Ereignis zehn oder zwanzig Jahre vergangen war. Welt schien dies zu speichern und es kam einem vor, als sei es nicht aus einer (vagen) Erinnerung heraus geschrieben, sondern aus dem was man Wieder-Holung nennen könnte; eine Wieder-Hervorholen eines gelebten Moments.

Das verlieh seinen Büchern etwas wimmelbildhaftes, aber Welt verstand es, die unterschiedlichen Ebenen, die immer seine waren, simultan zu evozieren. Die fünf prallen Jahre zwischen 1979 und 1984 als Welt einer der wildesten und gefürchtetsten Musikkritiker Deutschlands war bilden das Zentrum der ersten drei Romane (»Peggie Sue«, »Der Tick« und »Der Tunnel am Ende des Lichts«). Es ist ein Leben auf der Überholspur, denn Welt war ein Berserker, ein Musikbesesessener aber vor allem ein Musikbeseelter. Bei aller Internationalität der Musik war Welt verwurzelt mit seiner Heimatstadt Bochum, was seinen Romanen ein Spannungsfeld zwischen Weltläufigkeit und Ruhrgebiet verschaffte. Untrüglich sein Gespür für Heuchelei; man gibt nicht einfach seine Ideale für Geld auf. Wenn Grönemeyer von »Bochum« sang, kränkte ihn diese Bigotterie. Welt hielt auch mit Kritik am Betrieb nicht hinter dem Berg; nur notdürftig verschleierten die Pseudonyme in seinen Büchern die echten Personen. Schließlich trat 1983 ein erster psychotischer Schub auf. Welt schonte sich in seinen Büchern nicht, sondern beschrieb seine von nun an immer wieder in Schüben auftretenden psychischen Probleme. Er zog sich aus der Szene zurück, schrieb weiter an seiner Prosa und war Nachtwächter im Bochumer Schauspielhaus.

Vor fast genau zwei Jahren traf ich Wolfgang Welt im »Tucholsky« in Bochum. Das Treffen sollte eigentlich schon früher stattfinden, aber er war krank geworden, Verdacht auf Schlaganfall. Einige Tage später schrieb er dann per Mail, dass es doch kein Schlaganfall war. Er war sichtlich gezeichnet von seiner Medikamentierung (was er sofort pro-aktiv anging). Dennoch war er wach; korrigierte und ergänzte wo es notwendig war. Mein Text freute ihn und der Vergleich mit Peter Kurzeck führte dazu, dass man ihn zu einer Gedenkveranstaltung in Kurzecks Heimatdorf einlud.

Wolfgang Welt ist, wie ich gerade lese, am Sonntag in Bochum gestorben.

Irgendwann werdet Ihr begreifen, was für ein toller Autor Wolfgang Welt war.

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Die Klagenfurt-Formel oder Video Killed the Radio Star

Im Wallstein-Verlag ist vor kurzem ein Buch mit dem interessanten Titel »Dichter­darsteller – Fallstudien zur biographischen Legende des Autors im 20. und 21. Jahr­hundert« erschienen. Die beiden Herausgeber Robert Leucht und Magnus Wieland stellen zunächst in einer Einleitung die lange vergessene These der »biographischen Legende« des russischen Literaturwissenschaftlers Boris Tomaševskij aus dem Jahr 1923 vor. Schließlich gibt es Fallstudien diverser Autoren, die die biographischen Legenden von Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Franz Kafka, B. Traven und Thomas Bernhard untersuchen. Zu Peter Handke referiert Karl Wagner den »Auftritt« Handkes bei der Gruppe 47 in Princeton 1966 und setzt ihn in Relation zu anderen, damals durchaus üblichen, weitaus opulenteren Auftritten von Schriftstellern in Konzerthallen oder Stadien. Auch über Rollenzuweisungen bei Dichterinnen gibt es einen (sehr interessanten) Beitrag (von Evelyn Polt-Heinzl). Schließlich beschäftigt sich ein Text mit Medium Twitter und den »Gebrauch« dieses Mediums von amerikanischen Autoren wie vor allem Bret Easton Ellis aber auch von Mark Z. Danielewski, Chuck Palahniuk und Lindsay Lohan.

Die biographische Legende wird dabei als Konstruktion hin zum Werk interpretiert und als Abgrenzung zum empirischen Autor aber auch zur Autorenfigur im literarischen Text betrachtet. Sie ist somit eine dritte auktoriale Instanz; sozusagen »zwischen« der realen Vita des Autors und dessen Werk. Sie ist vom Autor nur begrenzt zu beeinflussen. In einem der Aufsätze im Buch wird Tomaševskij dahingehend zitiert, dass es im Einzelfall »schwierig zu entscheiden [sei], ob die Literatur diese oder jene Lebenserscheinung reproduziert oder ob umgekehrt diese Lebenserscheinungen das Resultat des Eindringens literarischer Schablonen in das Leben ist«. Daher darf, wie die Herausgeber im Résumé des Buches klarstellen, die biographische Legende nicht reduziert werden auf »Pose, Marke, Image, Inszenierung oder Habitus«. Diese Selbstinszenierungsstrategien werden vom Autor (bzw. dem Verlag oder anderen Vermarktern) bewusst gewählt. Dagegen verschmelzen in der biographischen Legende biographische Aspekte im Werk und Werkaspekte im Leben zu einer neuen ästhetischen Figuration.

Die biographische Legende böte sich an, die jeweiligen literaturwissenschaftlichen Lager zu versöhnen: Zum einen jene, die eine strikte Trennung von Werk und Leben fordern. Und zum anderen jene, die einem Biographismus frönen und jede Textstelle mit dem realen Leben des Autors, der Autorin in Bezug bringen. Weiterlesen

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Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?

Anmerkung zur Leserunde:

Diese einleitenden Ausführungen sollen die Thesen aus Jan-Werner Müllers Buch »Was ist Populismus?« vorstellen. Dies soll so neutral wie möglich geschehen; wo dies nicht der Fall sein sollte und voreiliges Urteil hervorschimmert, bitte ich um Nachsicht.

Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?

Jan-Werner Müller:
Was ist Populismus?

Inzwischen gibt es kaum noch eine Nachrichtensendung, die ohne den Begriff des »Populismus« aufkommt; meist in der Form als »Rechtspopulismus«, etwa wenn es um die österreichische FPÖ, den französischen Front National, die ungarische oder die polnische Regierung geht. Aber was ist eigentlich Populismus? Welche Folgen hat er, könnte er haben? Jan-Werner Müller, Lehrer für politische Theorie und Ideengeschichte in Princeton, möchte mit seinem Buch »Was ist Populismus?« abseits tagespolitische Auf­geregtheiten eine »kritische Theorie des Populismus« formulieren.

Bereits auf den ersten Seiten bilanziert er seine These: Populismus sei »der Tendenz nach zweifelsohne antidemokratisch«. Populisten gefährdeten die Grundprinzipien der repräsentativen Demokratie. Populismus sei »eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen«. Daher engagierten sich Populisten für plebiszitäre Elemente, aber, so die These, »Populisten interessieren sich gar nicht für die Partizipation der Bürger an sich; ihre Kritik gilt nicht dem Prinzip der politischen Repräsentation als solchem … sondern den amtierenden Repräsentanten, welche die Interessen des Volkes angeblich gar nicht vertreten.«

Es gibt laut Müller zwei essentielle Identifikationsmerkmale für Populismus, die ineinander greifen. Zum einen ist er antipluralistisch (nicht per se anti-institutionell). Und zum anderen nimmt er für sich und seine politischen Thesen die alleinige moralische Vertretung in Anspruch. Und so kommt es, dass, »wer sich ihnen [den Populisten] entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet«, »auto­matisch nicht zum wahren Volk« zugeschlagen und am Ende ausgegrenzt werde. Populisten sagen: »Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk«, und das nicht als empirische, sondern als moralische Aussage. Weiterlesen

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Andrzej Stasiuk: Der Osten

Andrzej Stasiuk: Der Osten

Andrzej Stasiuk: Der Osten

»Der Osten«, das neueste Buch von Andrzej Stasiuk, beginnt damit, dass die Einrichtung eines alten »LPG«-Ladens Stück für Stück zum Abtransport aufgeladen wird. Dabei entzünden sich beim mithelfenden Ich-Erzähler Erinnerungen aus den 1970er Jahren, als er als Kind vor einem solchen Laden mit anderen Menschen auf Lebensmittel in einer Schlange wartete. Als das Fahrzeug mit der Ware eintraf, vernahm er den Benzingeruch, den er sofort mit »Freiheit, Geheimnis und Verlangen«. Beim Wegräumen dieser alten Möbel überkommt ihm nun fast so etwas wie eine Epiphanie über die Dinge, in denen Geschichte und Geschichten abgespeichert sind: »Das Leben war in sie [die Dinge] eingedrungen und erstarrt«. Im Gegenstand befindet sich sozusagen Geschichte aus mehr als hundert Jahren inkubiert: »Die Zeit der Lemken, der Kommunismus und jetzt wir, schwitzend unter der Last«.

Man denkt an Hofmannsthals Roman »Briefe des Zurückgekehrten«. Der Briefroman spielt Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Kaufmann kommt nach fast zwanzig Jahren nach Deutschland zurück. Er erkennt das inzwischen modernisierte und industrialisierte Land nicht mehr wieder. Ein mehr als nur diffuses Unbehagen ergreift ihn. Die Menschen hatten sich verändert, sie waren zusehends geprägt »von dem Geld, das sie hatten, oder von dem Geld, das andre hatten.« Sogar die Dinge erschienen ihm verwandelt, durch industrielle Fertigung konturlos und profanisiert (was man später »Fordismus« nennen wird). Bevor mit Husserl und Heidegger die philosophische Phänomenologie entstand und Richard Sennett Betrachtungen zur fortschreitenden Degeneration des Handwerks (oder, besser, des Werkens mit der Hand) vornahm, deutete Hofmannsthal in diesem Roman an, dass Gegenstände ihre Entstehung und damit auch eine Epoche spiegeln können. Und so ergeht es auch Andrzej Stasiuk, der von solchen Dingen fasziniert ist und sich auf die Reise macht und Menschen trifft, die deren Geschichten erzählen können. Weiterlesen

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