Realitätsferne

Brigitte Baetz vom Deutschlandfunk hat den »lieben Kollegen« von FAZ und FAS einen Brief geschrieben. Sie verwehrt in diesem Brief gegen das ewige Lamento der Frankfurter den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als »Staatsrundfunk« und von »Zwangsgebühren« finanziert zu kritisieren.

Das kann man machen.

Aber wie so oft macht der Ton die Musik.

Und dieser Ton, den Frau Baetz anschlägt, ist an Häme, Arroganz und Selbstgefälligkeit nicht zu überbieten. Sie brüstet sich mit Mitteln, für die sie (die Anstalt) nichts zu tun braucht, die ihnen sozusagen per Richterbeschluss ein ums andere Mal zugesichert werden.

Und Frau Baetz spricht von Staatsferne, die, so will es ja das geduldige Papier, auf dem die Ideale des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einst niedergeschrieben wurden, herrschen soll. Der Blick auf die Gremien der Deutschlandradio-Sender zeigt anderes.

Da gibt es einen achtköpfigen Verwaltungsrat. Offiziell besteht er »aus drei Vertretern der Länder, einem Vertreter des Bundes und jeweils zwei Vertretern von ARD und ZDF. In der Wikipedia liest das deutlicher: Demnach besteht er aus je zwei Vertreter[n] von ARD und ZDF, drei Länderverteter[n] von den Ministerpräsidenten und eine[m] von der Bundesregierung«.

Aktuell bedeutet dies:

Dr. Thomas Bellut, ZDF (Vorsitzender)
Tom Buhrow, ARD (stellvertretender Vorsitzender)
Björn Böhning, Land Berlin
Karin Brieden, ZDF
Dr. Marc Jan Eumann, Land Nordrhein-Westfalen
Prof. Monika Grütters, Bundesregierung
Stefan Grüttner, Land Hessen
Dagmar Reim, ARD

Böhning, Eumann, Grütters und Grüttner sind Politiker reinsten Wassers. Karin Brieden, eine Vertreterin des ZDF, ist ebenfalls SPD-Mitglied. Die Qualifikationen der Politiker für einen Verwaltungsrat einer Rundfunksender-Kette liegen einzig und alleine in ihrer Zugehörigkeit zu den jeweiligen Parteien. Ihre Fachkenntnisse dürften überschaubar sein.

Der Hörfunkrat besteht aus normalerweise 40 Mitgliedern – derzeit sind es 38. Hiervon sind 16 Ländervertreter (allesamt politischen Parteien zuzuordnen), drei Abgesandte der Bundesregierung und 21 Vertreter von »relevanten« gesellschaftlichen Gruppen (zwei Positionen derzeit nicht besetzt). Somit liegt der fest zuzuordnende parteipolitische Anteil bei 19 Teilnehmern. Auf eine Recherche zu Parteimitgliedschaften der anderen Mitglieder wurde dabei verzichtet.

»Staatsferne« ist die Floskel mit der der öffentlich-rechtliche Rundfunk für sich trommelt. Die Praxis sieht anders aus wie es zuweilen immer einmal publik wird. Womöglich ist die Formulierung »Staatsrundfunk« zu hart, aber der Einfluss der politischen Parteien über die Gremien zu leugnen, ist lächerlich. Vor allem von den Journalisten, die ansonsten hinter privat finanzierten Einrichtungen bei jeder Gelegenheit – zu recht! – Interessenkonflikte entdecken.

Selbst der letzte Ausweg um dieses Gewäsch irgendwie zu rechtfertigen – die Ironie – steht nicht zur Verfügung. Hierfür fehlt es der Verfasserin schlichtweg an Eleganz. Wie erbärmlich.

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Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

Wenn Schriftsteller in ein gewisses Alter gekommen sind werden ihre Erzählungen über ihre Kindheit und Jugend und insbesondere über ihre Väter meist großmütig, milde und zuweilen gar elegisch. Vielleicht weil man plötzlich an sich selber – halb erschrocken und also mehr als man sich das lange zugestanden hat – Eigenschaften des Vaters bemerkt hat. Zuletzt konnte man das bei Botho Strauß beobachten, der in »Herkunft« seinem Vater trotz aller Unzulänglichkeiten ein episches Denkmal setzte. Die Ausnahmen gibt es auch, etwa wenn es sich um Emanzipationsbewegungen des Autors sowohl von den scheinbar übermächtigen Eltern als auch von der als bedrückend empfundenen Gesellschaft handelt, wie etwa Peter Weiss‘ »Abschied von den Eltern« oder Josef Winklers unablässiges Befragen des Ackermanns von Kärnten – dann jedoch entstehen die Vaterwerke unmittelbar.

Richard Ford bestätigt diese These mit seinem Buch »Zwischen ihnen«. Im englischen folgt nach »Between them« noch eine Ergänzung: »Remembering My Parents«. Die Erinnerungen an die Eltern betreibt Ford in diesem Buch in zwei Erzählungen. Zunächst wird in »Weg« vom Vater erzählt. Der zweite Teil ist mit »Meine Mutter in memoriam« betitelt. Im Nachwort erläutert Ford, dass er die Muttererzählung unmittelbar nach ihrem Tod 1981 geschrieben habe (sind nicht auch viele andere Muttererzählungen unmittelbar nach deren Tod verfasst worden?), den Vatertext jedoch erst 50 Jahre nach dessen Tod 1960 begonnen hat. Ford begründet schlüssig, warum dennoch die Erinnerungen an den Vater an den Beginn des Buches gestellt sind. Das Leben des Vaters reichte einerseits weiter in die Vergangenheit hinein und andererseits überlebte seine Mutter ihren Ehe­mann um 21 Jahre. Somit entsteht durch diese Reihenfolge eine spezifische Form von Chronologie. Weiterlesen

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Überdruss

Nein, direkte Nachfragen warum es hier in der letzten Zeit so vergleichsweise ruhig ist, gab es noch nicht. Vielleicht fällt es im Getümmel all der stündlich auffrischenden Feeds auch gar nicht auf, wenn hier weniger los ist. Klagt man doch allgemein eher über zu viel Angebot. Dennoch treibt es mich zur Erklärung, die aber weder Rechenschaft noch Anklage werden soll.

Zunächst einmal schreibe ich an einem weiteren Band zu Peter Handke. Es sind Essays oder, vielleicht besser, Aufsätze, oder, vielleicht noch besser: Begleitschreiben zum Werk Handkes. Sechs Texte sind fertig, der siebente hat es in sich und ich erfahre fast zum ersten Mal was es bedeuten kann eine »Schreibhemmung« zu haben. Wobei es natürlich keine Schreibhemmung ist, sondern eher eine Art Gehemmtheit, die mir bisher voll­kommen fremd war. Während des Schreibens an diesem Text stelle ich nämlich fest, wie sich mein Urteil, mit dem ich den Text begonnen habe, ändert. Das ist nicht ganz neu für mich. Aber neu ist, dass ich nicht weiß, in welche Richtung diese Änderung verläuft. So sitze ich fest, obwohl Termine am Horizont stehen. Hinzu kommt, dass ich Mitte Oktober einen Vortrag über Handke im Internet halten soll. Ursprünglich als Ablenkung zum verflixten Text gedacht, entpuppt er sich eher als zusätzliche Belastung.

Aber es wäre nicht aufrichtig, wenn ich meine Fast-Abstinenz alleine damit begründen würde. Es hat sich auch in den letzten Monaten ein gewisser Überdruss eingestellt. Ein Überdruss am Füttern der Blogmaschine mit Besprechungen beispielsweise zu Neu­erscheinungen, die keiner kommentieren kann (mangels Kenntnis des Buches) oder kommentieren mag (aus anderen Gründen). Hinzu kommt, dass mich kaum eine der Neuerscheinungen, die einem in den Verlagsprogrammen angepriesen werden angesprochen haben. Es gibt zwei, drei Bücher (die ich auch lesen werde), aber das Bedürfnis, sich auf Neues oder eben das Alte einzulassen, schwindet. Weiterlesen

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Bad Motherfucker

steht in gotischen Lettern am Rücken des schwarzen T-Shirts des stämmigen Mannes, in dessen dunklem Vollbart ein paar Silbersträhnen fließen. Soeben hat er eine flinke, fast anmutige Drehbewegung vollzogen und eine herbeigezauberte Banane bis zur Mitte des Schafts in drei Streifen geschält. Ein Ohr beim Blues des Schwergewichtigen – »ein Schrank von einem Mann«, dazu die winzige Gitarre – hebt der Motherfucker sein Kleinkind hoch, welches mit Zuneigung, fast mit Begeisterung »Papa, Papa!« ruft und ruckartig die Bananenkuppe abbeißt, während die leuchtend grünen Blattwedel über ihren – ja, unseren – Köpfen eine zitternde Wölbung in die Luft zeichnen und die beleibte oder schwangere Mutter in eine Gasse abseits aller vorstellbaren Interessen schielt.

© Leopold Federmair

Veröffentlicht in: Splitter | 3 Kommentare

Antiquitäten und Freundlichkeit

Zugegeben, lange Zeit war meine Abneigung gegen die Figur, die sich im Fernsehen Horst Lichter nennt so groß, dass ich immer wenn ich durch Zufall beim Channelcrossing auf »Bares für Rares« stieß binnen Sekunden umschaltete. Ein Koch, der für Maggi Werbung gemacht hatte. Unmöglich. Und auch sonst. Irgendwann war ich einmal zu müde, blieb auf dem Sender und plötzlich erkannte ich dort jenseits von Smalltalks, Expertisen, Preisgeboten und Geldzählen ein zeitgenössisches Phänomen würdig von Soziologen und sonstigen studierten Taxifahrern bei Gelegenheit einmal genauer analysiert zu werden.

Wie hellsichtig erscheint das Lied vom Versaufen des Häuschens der Großmutter aus den 1920er Jahren. Denn die meisten der von den potentiellen Verkäufern vorgebrachten Kostbarkeiten (wobei die Variationsbreite sehr groß ist – zwischen 20 Euro und – einmal eine besondere Münze – 35.000 Euro, vom Nippes bis zum Oldtimer ist alles möglich) sind Fund- bzw. Erbstücke, was nicht nur von Lichter im Plausch abgefragt wird sondern oft genug von den fünf Händlern, die in scheinbarer Harmlosigkeit fragen, woher man denn bitteschön diesen Gegenstand habe, herausgekitzelt wird. Dabei bedeutet Erbstück natürlich immer auch, dass der Verkäufer rein gar nichts aufgebracht hat – sein Ein­standspreis ist null Euro. Jetzt muss man nur herausbekommen, ob das Stückchen von einer nahen oder fernen Verwandten (Freund/Freundin) stammt – und schon kann man auch den emotionalen Wert für den Verkäufer taxieren. Je geringer dieser ist, desto lukrativer der Einkauf.

Tatsächlich wird, wenn man die Sendung über ein paar Monate gesehen hat, überwiegend der Großeltern-, Tanten- und Onkelhausstand verkauft und damit alles, was einer bestimmten Epoche angehört und Generationen einst als kostbar, wertvoll oder wichtig erschien abgewickelt. Porzellan (Meißen, wobei Meißen Synonym für Ernüchterung ist), Silber in allen Variationen, Schmuck jeglicher Art und Provenienz, Statuetten, Bronzen, Bier- und sonstige Krüge, Pickelhauben, Gemälde, die zu groß, zu klein oder zu speziell sind und sogar Möbelstücke. Kurz: Devotionalien aus vergangenen Zeiten, die nun vom soliden Mittelstand des 21. Jahrhunderts zur Auffüllung der Urlaubskasse oder als kleine Unterstützung für Kinder und/oder Enkel dienen sollen. Die meisten Gegenstände die auf diese Art verflüssigt werden sollen stammen aus der sogenannten Gründerzeit (ab 1870) bis hinein in die 1930er Jahre. Ob Absicht oder nicht – der gedrillte Schnurrbart des Moderators erscheint kongenial. Die Nazijahre kommen kaum vor. Es geht dann wieder weiter mit den 1950er Jahren, »Made in US-Zone«, vor allem Blech- und anderes Spielzeug und dann natürlich die 1970er, das, was als Vintage bzw. Retro gilt. Weiterlesen

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Zukunft

Der Song von David Bowie, der sich in meinem Kopf drehte, mit Worten in der Art von

wir standen vor der Wand
und küßten uns, als könnte nichts fallen
während die Gewehrkugeln über unseren Köpfen pfiffen
aber die Schande (Scham?) fiel auf ihre Seite…

weckte Bilder von Goya im Kopf.

Worte und Töne und Bilder wanderten Hand in Hand, schwebten auf die pummeligen Kirschbäume zu, an ihnen vorbei, durch die unscheinbare, bald endlose Allee: Können wir trotz allem Helden sein? Sollen wir uns küssen?

Küssen? Helden spielen?

Auf dem Gesicht des in der nächsten Sekunde Füsilierten stand nichts als der – what you’d say – blanke Schrecken, und das Bild nahm die Farbtöne jener anderen, viel späteren, endgültigeren Bilder an, der schwärzlichen, gestaltlosen Bilder, wo sich die grotesken, schon deformierten Leiber und Gesichter diverser Altersklassen in die Erde, den Himmel, die Wand hinein verflüchtigen und Spuren hinterlassen würden, die wir, die Nachgeborenen (Gebildeten, Geschichtsbewußten…) vergeblich zu dechiffrieren versuchen:
                    Stein? Hund? Mensch?

Ein neues Kinderspiel.


© Leopold Federmair

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Just for two weeks

Niemand beachtet sie mehr, die Kirschbäume, seit sie ihre Blüten verloren haben. Damals, in der kurzen Blütezeit, waren sie die Stars: in Scharen drängten sich die Leute um ihre Stämme, ließen sich nieder unter der – what you’d say? – weißen Pracht, lachten, tranken aus Bierdosen, lachten…

Einst bildeten sie eine Allee, jetzt stehen sie im Abseits, kaum einer weiß, daß sie die sind (und nicht mehr sind), die sie waren. Könige einst, jetzt Durchschnittsgestalten mit langweiligen Blättern, nicht groß nicht klein, nicht dick nicht dünn, nicht dunkel nicht hell, sondern rundlich, pummelig, Einheiten für die Statistik, die niemanden interessiert. Sie tragen keine Früchte, spenden löcherige Schatten, die keinen Schutz bieten. Ihr Holz soll hart und formbar sein, aber wir können es nicht nutzen, dürfen die Bäume nicht fällen und neue pflanzen, weil wir die – what you’d say? – kurze Pracht ihrer Blüte brauchen für unser irdisches Vergnügen im nächsten und übernächsten Jahr.

© Leopold Federmair

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Lucas Cranach in Düsseldorf

Also doch noch geschafft zu Lucas Cranach der Ältere in Düsseldorf. Seit April läuft die Ausstellung aber irgendwie gab es immer wieder Hindernisse, mal zu warm, mal zu regnerisch, dann schon wieder fast vergessen und nur die große Plakatierung erinnerte mich wieder daran. Es ist Donnerstag, die Ausstellung ist vor zehn Minuten geöffnet worden. Am Eingang erklärt uns ein Mann wo wir die Räume finden und was wir sonst noch besuchen dürfen für unser Eintrittsgeld. Ich frage mich, ob er das in fünf Stunden noch mit der gleichen Intensität und Freundlichkeit macht. Prompt kommt eine ältere Frau und beschwert sich bei ihm, dass niemand gekommen sei, ihren gehbehinderten Mann abzuholen.

Wir zahlen. Den Audioguide gibt es kostenlos zum Eintrittsgeld. Ich halte zum ersten Mal ein solches Gerät in Händen. Insgesamt gibt es Informationen für 90 Minuten und ich erinnere mich an André Seelmanns 20 Minuten-Museumsbesuche, was mir zu kurz erscheint. Aber 90 Minuten wollte ich auch nicht bleiben. Zudem möchte ich immer erst das entsprechende Bild sehen und dann erst den Text dazu hören. Dieser kommt sehr getragen daher und mehrmals ertappe ich mich dabei, dass ich glaube er sei zu Ende und dann geht es doch noch weiter. Gleich am Eingang ist eine Schülergruppe; 15, 16jährige. Die Lehrerin erklärt und hält gleichzeitig Unterricht. Zwei Tage vor den Sommerferien. Laut. Den Film über Cranach kann man nicht hören, die Lautsprecher sind zu schwach eingestellt. Ich lese ein wenig die englischen Untertitel und warte bis die Lehrerin mit ihren Schülern außer Hörweite ist. Schon kommt eine andere Schülergruppe, aber es gibt weniger Vortrag. Wenig später Zweitklässler mit einem Lehrer. Sie setzen sich auf den Boden und hören ihm zu. Weiterlesen

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