Stefan Aust und die Wahrheit

Nachdem die Hörer des Deutschlandfunks am 19.3. schon Stefan Austs Meinung über den Schulz-Hype im Interview erklärt bekamen, folgte zwei Tage später ein Gespräch mit ihm über den Journalismus und den »Wahrheits«-Begriff.1 Aust, Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt und demzufolge immer noch an zentraler Stelle des deutschen Journalismus, bekennt, dass er ein Problem mit diesem Begriff habe. Dieser ist allerdings nicht philosophisch gemeint, sondern, so Aust, liegt darin begründet, dass man viele Informationen auf unterschiedliche Art inter­pretieren könne. Es sei immer im Auge des Betrachters, wie man etwas sehe. Demzufolge, so die Schlussfolgerung, kann es keine »Wahrheit« geben bzw. der Wahrheitsbegriff sei dehnbar.

Die Äußerung ist interessant, weil sie das Grunddilemma des Journalismus auf den Punkt bringt. Aust ist mit dieser Sicht nicht alleine. Auch ein Roland Tichy (der mit Aust außer seiner Profession nicht viel gemeinsam haben dürfte) vertritt diese These: Ein Journalist informiert sich über einen Sachverhalt und bewertet diesen. Diesen Extrakt publiziert er dann. Weiterlesen


  1. Bis 27.9.2017 im Netz verfügbar. 

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , | 9 Kommentare

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

Honoré de Balzac:
Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

1977 erwarb der Literaturkritiker, Journalist und Übersetzer Rudolf von Bitter in einer Ausgabe des Verlegers Jean-Jacques Pauvert für 5,40 FF den Text Monographie de la presse parisienne aus dem Jahr 1843 von Honoré de Balzac. Vierzig Jahre später legt er nun erstmalig in deutscher Sprache die Typenlehre der Pariser Presse zusammen mit einem klugen Nachwort und einem umfassenden Personen- und Publikationsverzeichnis vor. Die Schrift bildet den Kern des Manesse-Bändchens mit dem übertrieben reißerischen Titel Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken (keine Sorge: das Wort »Schmierfink« kommt gar nicht vor).

Balzacs Typologie des Journalisten und Kritikers ist ein Konglomerat aus Polemik, Persiflage und Philippika. Obwohl der Text 173 Jahre alt ist, erscheinen die be­schriebenen Ordnungs- und Gattungscharakteristika von einer je nach Sichtweise bewundernswerten oder nieder­schmetternden Frische. Immerhin scheint er damit auch heute noch ins Herz zu treffen: Dina Netz, die Anfang des Jahres für den DLF-»Büchermarkt« Rudolf von Bitter zu dem Buch befragte, kam bei der Lektüre ein »Geschmäckle« auf und sie schlägt einen Haken zu den aktuellen »Lügenpresse«-Vorwürfen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Zurück zum Meister. Balzac unterscheidet zwei »Ordnungen«: Den Publizisten (gemeint ist der politische Journalist) und den Kritiker. Den Publizisten gliedert er in acht »Gattungen«: Journalisten, Politiker, Pamphletist, Nihiloge, Publizist mit eigenem Ressort, Monothematiker, Übersetzer und den Autor mit Überzeugungen. Bei der Charakterisierung des Journalisten entwickelt Balzac ein hierarchisches Modell mit fünf Untergruppen, genannt »Arten«. Oben in der Rangfolge steht der »geschäftsführende Chefredakteur-Eigentümer-Direktor« (»Graf Gernegroß«); die Schnittmengen mit dem adäquaten heutigen Typus liegen nahe bei 100%. Daneben gibt es den meist anonym bleibenden »Tenor«, der Aufmacher-Macher, ein »Quarkschläger« mit einer »gewissen Menge von vorgefertigten Sätzen«. Schließlich den ehrlichen »Schreiber von Hintergrund­artikeln«, der im Betrieb wenig geschätzt wird. Keine Zeitung kommt ohne das »Fakto­tum«, dem Chef vom Dienst, aus und ganz unten stehen dann die »Kämmerlinge«, die Protokollanten der Politikerreden, übertragen auf das heutige Metier sind es die Presseerklärungsabschreiber und -umformulierer. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , | Kommentar abgeben

Rezension

Dieses dünne Buch mit dem schmucklosen, früher vielleicht lachsrosafarbenen, jetzt nur noch verjährten Einband hat ein halbes Jahrhundert in den schwach belüfteten Tiefen einer Bibliothek auf dich gewartet, in fremder, verständnisloser Umgebung, Tausende Kilometer von seinem Entstehungsort entfernt. Aus der Gruft befreit, gewinnt es im Handumdrehen seine kindliche Spielfreude zurück: »Fang mich, such mich, ich bin der Wind!« Und du darfst lange darin suchen, bis du in dem kleinen Labyrinth, das dem großen Labyrinth der Bibliothek eine lange Nase dreht, endlich auf die dir bestimmten Sätze stößt: »Es war eine Nebelnacht, und wir kreuzten uns. Jeder von uns ging weiter, aber in entgegengesetzte Richtungen. Es ist wie ein Schlaf, von dem man nicht erwacht, und wacht man endlich auf, findet man nicht zu sich selbst zurück. Es ist wie ein Schlaf, der einem die Lider zudrückt, auch wenn die Lichter tanzen.«

Veröffentlicht in: Splitter | Kommentar abgeben

Barbara Kenneweg: Haus für eine Person

Barbara Kenneweg: Haus für eine Person

Barbara Kenneweg:
Haus für eine Person

Sie heißt Rosa Lux (der Vorname ist ein Wortspiel der Mutter), ist 32 Jahre alt und wohnt irgendwo im Osten von Ostberlin in einem kleinen, 50 Quadratmeter großen Haus, dass sie (wie auch immer) von einem ehemaligen SED- und/oder Stasi-Menschen gekauft hat. Ihre Nach­barin ist die 98jährige Witwe Frau Paul, die in einem 1970er-Jahre-DDR-Kuriosum wohnt, dass ihr Mann in den 1970er Jahren aus Trümmern und Baustellenresten zusammengebaut hatte. Frau Paul bekam zwischen 1931 und 1952 fünf Kinder und hat ebenso viele politische Systeme erlebt. »Und immer waren die Namen, die ihr gefielen, politisch unerwünscht.« Mit Charme und Schalk erzählt sie davon, warum ihre Kinder nicht Wilhelm, Iwan und Glenn heißen durften und warum sie aus Joshua Joschi machen musste. Und sie erzählt von den Bomben­angriffen, den Wohnblockknackern und Vierpfündern.

Rosa ist beeindruckt von der Gelassenheit und Lebensklugheit dieser Frau. Weniger sympathisch ist ihr Herr Scholl, der andere Nachbar, etwas jünger als Frau Paul, Witwer, ein Steine- und Findlingssammler (mit einem, wie sich später herausstellt, rührendem Geheimnis) und, so Frau Paul, ein damals Nazi-Überzeugter. Ansonsten ist das Viertel verschlafen, ein »Fleckchen Bürgerlichkeit«. Rosa schwankt ob sie das mögen oder hassen soll. Ihr Vater ist seit acht Jahren tot und jetzt starb auch noch ihre Mutter. Von ihrem Freund Olaf hat sie sich getrennt, der daraufhin in den Himalaya geflüchtet ist. Jetzt lebt Rosa alleine, fast isoliert, von einem One-Night-Stand mit einem schrecklichen Immobilienmakler einmal abgesehen. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | 1 Kommentar

Verhüllung und Moderne

Als ich noch in Neubau, im siebten Wiener Gemeindebezirk, in einem für diese Gegend untypischen Haus wohnte, erfuhr ich was das Verhüllen von Kopf, Gesicht und Körper, je nach Vollständigkeit und Blickwinkel des Betrachters, bedeuten kann: Ich war damals mit einer jungen, tschetschenischen Nachbarin in Kontakt gekommen, die sich wie einige andere Bewohner des Hauses in dessen Hof bei schönem Wetter zum Spielen, Tratschen und Kaffeetrinken einfanden. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , , , , | 16 Kommentare

Auslöschung (3)

< --- Teil 2

3

Ich habe von Kultur gesprochen. Genauer, von kulturellen Produkten als wirtschaftlichem Einsatz, Existenzgrundlage weltweit tätiger Firmen. Deshalb der Eifer und Übereifer, mit dem heute Eigentumsrechte an letztlich immateriellen Dingen wie Filme und Popsongs, Figuren und Titel, Slogans und Designs geltend gemacht werden. In unseren Köpfen hallt die Drohung, wer einen Film kopiere, werde mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Und ein Großteil der Konsumenten-Produzenten, der Nutzer und Selbstdarsteller, der Kunden und Könige macht mit beim Gezeter, »das gehört doch mir« und »ich habe dafür bezahlt« und »ich will das Geld, das mir zusteht«. Der sogenannte Neoliberalismus ist tief in die Köpfe und Herzen eingedrungen, um dort Wurzeln zu schlagen. Horkheimer und Adorno haben nicht nur unter dem Eindruck der Massenbetörung durch den Nationalsozialismus, son­dern gleichzeitig unter dem nachhaltigeren Eindruck von Hollywood und dem begin­nenden Fernsehen ihre Theorie von der Gleichschaltung durch die Kulturindustrie entwickelt. Die Theorie wurde in ungeahntem Ausmaß von den nach und nach geschaf­fenen Fakten bestätigt. Mozart und Beethoven würden von dieser Industrie allein zu Werbezwecken eingesetzt, meinten die radikalen Kritiker. Sie konnten sich vermutlich nicht vorstellen, daß man sich eines Tages in der Öffentlichkeit – und teils in privaten Haushalten – gar nicht mehr bewegen kann, ohne von akustischer Kultur, durchbrochen von Werbeslogans, umfangen zu werden. Freilich nicht von Werken Mozarts oder Beethovens, sondern von seichtester Popmusik. Einer Popmusik, die in den fünfziger und sechziger Jahren als Gegenkultur antrat, inzwischen aber nahezu restlos von der musikindustriellen Herrschaftskultur gekapert worden ist. Der visuelle Siegeszug des Fernsehens und dessen geistige Folgen wurden in den achtziger Jahren von Neil Postman beschrieben. Fernsehstationen sind seither ins Kraut geschossen, es gibt keine Sekunde am Tag, in der die Bilderflut nicht auf den Konsumenten, den User lauern würde. Die digitale Vernetzung hat die Vorherrschaft des Visuellen nur verschärft. In den Zeiten vor der Einführung der Schulpflicht und der Erfindung des Buchdrucks war die Gesellschaft in einen literaten und einen illiterate Bevölkerungsteil gespalten; die Schriftunkundigen speiste man mit Bildern ab, um ihnen die Grundlagen der Kultur im Schoße der christ­lichen Religion zu vermitteln. Heute wendet sich die große Bevölkerungsmehrheit wieder den Bildern zu, ohne Zwang und auch nicht, weil sie gar keine Wahl hätte, sondern weil musikalisch untermalte Bilder leichter und rascher konsumierbar sind, da sie kein intellektuelles Engagement verlangen. Bequemlichkeit über alles: wie sollen da Mut und Tätigkeitsdrang gedeihen? Touchscreens und akustische Sensoren werden die Spaltung langfristig verschärfen, Analphabetismus könnte ein echtes Problem nicht nur an den Rändern der Gesellschaft werden. Warum lesen und schreiben, wo doch schauen, hören und berühren genügt?

Immanuel Kant hatte in seiner Schrift zur Beantwortung der Frage »Was ist Aufklärung?« den selbständigen Gebrauch des eigenen Verstandes als Voraussetzung für Mündigkeit und damit letztlich für Demokratie dargestellt und an die Schriftkultur gebunden. Ver­kümmert die zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert gefestigte Schriftkultur, verkümmern Mündigkeit und Demokratie. Unmündigkeit, schlichter gesagt: Dummheit, ist mit einer gesellschaftlichen Verfassung, wie Kant und die Aufklärer sie anstrebten, nicht vereinbar. Die Kulturindustrie fördert jedoch die Unmündigkeit, indem sie nicht den Verstand, sondern ausschließlich Emotionen, Sinne und Triebe anspricht. Je stärker gewisse Triebe involviert werden, desto besser für das Geschäft. Der popkulturelle Konsumkapitalismus heutiger Tage erzeugt und fördert Süchte nicht nur in Spielhallen und in der Splatter-Abteilung der harten Drogen, sondern an allen Fronten, besonders im Netz. So sieht das vorläufige Endstadium der umfassenden »Kulturalisierung« aus, die der Entwicklung von einem auf Produktion und Arbeit, Maß und Vernunft, sozialer Disziplin und persönlicher Selbstbeherrschung orientierten Kapitalismus zu einem konsumistischen und hedonis­tischen, hyperaktiven und zugleich angepaßten, augenblicksverhafteten, geschichtslosen Persönlichkeitsmodell im Rahmen der postmodernen Wirtschaftsform entspricht und dient. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , , , | 7 Kommentare

Peter Handke und Jakob Böhme

Es sind in neuerer Zeit nicht eben viele Autoren, aus deren Schriften hervorgeht, daß Jacob Böhme für sie einmal irgend von Bedeutung gewesen ist, und von denjenigen der Gegenwart gilt das am augenscheinlichsten gewiß für Peter Handke. Dabei handelt es sich in seinen Erzählungen und Aufzeichnungen meist um eher knapp gehaltene assoziative Bezugnahmen – mitunter, wie in der Morawischen Nacht, bleibt es bei einer einzigen im Text.1 Auf gleich eine ganze Reihe von solchen Hinweisen stößt man dagegen in seiner Sammlung von Notizen aus den Jahren 2007-2015, die 2016 unter dem Titel Vor der Baumschattenwand nachts2 von ihm veröffentlicht wurden. Daß ich mich im folgenden speziell auf sie ein wenig genauer einlassen möchte, bedarf, mit Blick auf den Rahmen, in dem dieser Text zu stehen kommt, sicher keiner besonderen Erklärung; angesichts der Vielfältigkeit der von Handke notierten Gedanken und Beobachtungen erscheint eine Beschränkung im Stoff ohnehin unumgänglich. Ein wenig mehr vom Ganzen als nur der gewählte schmale Ausschnitt wird sich auch auf diese Weise aber dennoch beleuchten lassen.

Die insgesamt mehrere tausend »Zeichen und Anflüge«, wie es im Untertitel heißt, umfassende Sammlung von Kurztexten ist nach der Chronologie ihrer Entstehung oder Niederschrift angeordnet. Ein Großteil von ihnen läßt sich dabei unter zweierlei Rubriken einordnen, zum einen: Die umgebende Natur im Wechsel der Jahreszeiten, und zum andern: Gedanken zu Gelesenem (oder Verweise auf Gelesenes), wodurch sich im Verlauf des Buchs ein recht genaues Bild ergibt (oder vielleicht auch nur zu ergeben scheint) über die Lektürefolge in den Jahren zwischen 2007 und 2015. So finden sich über längere Zeit Verweise auf, Zitate aus den Tagebüchern von John Cheever, später begegnet immer wieder der Name Paul Nizon, noch später (u. a.) die »Brüder Karamasow«. Gegen Ende sind es dann vor allem die Zeugnisse zum Leben Goethes, die Handke in ihren Bann ziehen; als er, im Februar 2015 wohl, bei dessen Tod angekommen ist (»›Er suchte die göttliche Ruhe in sich herzustellen‹ [(Riemer von G., nach dessen Sterben])« (334), beginnt er (»›Ich habe euch gar zu lieb, siehe, ich schreibe bei Nacht für euch‹ [G. an seine Schwester, 1765 […]]« wieder »von vorne« (336) mit ihm. Und aus dieser Lektüre der Briefe und anderen Lebenszeugnisse ist im übrigen auch die dem Buch vorangestellte Widmung genommen: der »Koppenfelsische[] Scheunengiebel« stammt, wie man auf einer der letzten Seiten erfährt, aus einem Brief an Zelter aus dem Jahr 1816 (411).

Eine eigene Abteilung innerhalb der Aufzeichnungen zu Literarischem bilden die Kommentare zu und Zitierungen von Autoren, die für gewöhnlich dem Bereich der Mystik zugerechnet werden. Das gilt, besieht man sich die Häufigkeit der Nennungen, im besonderen Maße für solche des muslimisch-arabischen Raums: Ibn ʿArabī, Al-Ghazali und Al-Minhadj (u.a. 26, 48, 83f., 94); aus dem Bereich der christlichen Mystik werden je einmal Mechthild von Magdeburg (152) und Juan de la Cruz (255) von Handke zitiert, und, als ein Mystiker der besonderen Art, weil einer aus unserer Zeit, und er wieder gleich mehrmals, der »Mystiker Carlfriedrich Claus« (288), »der Zeichner, der Maler« (295), während in Opposition zu ihnen allen Goethe erscheint, »entschlossener Anti-Mystiker – aber im ›Großen Krieg‹ zugleich gegen sich selber?« (343). Weiterlesen


  1. »Wenn überhaupt etwas, konnte er nur das werden, ausüben und immer weiterüben, was sein Ureigenes oder, frei nach Jakob Böhme, sein Urstand war, oder, mit wieder anderen Worten, sein schönes und schreckliches Problem.« (Peter Handke: Die morawische Nacht. Erzählung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 541. 

  2. Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015 – Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2016, im weiteren Verlauf des Textes Zitate ohne Sigle, nur mit Seitenzahl 

Veröffentlicht in: Peter Handke | Stichworte: , , | 7 Kommentare

Auslöschung (2)

< --- Teil 1

2

Kidzania ist ein vorsintflutlicher Spielkontinent, errichtet und betrieben mit den Mitteln modernster Technik und Kommunikation. Die Kinder gehen dort hin, um spielend zu arbeiten, also die Tätigkeiten der Erwachsenen zu imitieren, darunter solche, für die in der Erwachsenenwirklichkeit gar kein Personal mehr benötigt wird. Die meisten begleitenden Eltern oder Großeltern tun ihre Pflicht, indem sie digitale Reproduktionstechniken – Kameras, Handys – zum Einsatz bringen und die Kleinen bei ihren Tätigkeiten photo­graphieren und filmen, was in der Regel ein Selbstzweck ist, insofern die Überfülle der gespeicherten Bilder in der Zukunft dieser Familien in virtuellen Abstellkammern verstauben wird (um eine vorsintflutliche Metapher zu gebrauchen). Das Ablichten selbst ist ein Ritual, eine Art Spiel, das die Gepflogenheiten in einer technisierten Konsumwelt bedient. Andere Angehörige sitzen in einer Ecke der Kinderstadt auf einer Ruhebank für Erwachsene und beschäftigen sich mit ihren Smartphones. Ein paar Minuten lang habe ich einem Vater über die Schulter geschaut, der eines dieser bunten Spiele spielte, wo man bewegliche abstrakte Formen ordnen und Hindernissen ausweichen muß. Während sein Sohn mit größtem Eifer die Rolle eines Polizisten ausfüllte, lümmelte der Vater da und gab sich der Beschäftigung hin, die vermutlich einen Großteil seiner Freizeit zu Hause, im Zug im Auto oder in der Mittagspause ausfüllt. Der Sohn wird diesen Grad der Infantilisierung erst im Erwachsenenalter erreichen. Einstweilen hängt er in seinem ernsten Spiel der Illusion nach, in der Welt der Väter würden vernünftige und bedeutsame Dinge ge­schehen, zu der jedes wertvolle Gesellschaftsmitglied seinen Beitrag zu leisten habe.

Ich selbst spiele keine solchen Games. Allerdings besteht ein Teil meiner Unterhaltung darin, spielversessene Erwachsene zu orten, sie zu beobachten und mich innerlich über diese Art von Kultur zu erregen. Ich suche nicht nach Pokemons, sondern verfolge Pokemon-go-Spieler. Einer, auf einem Bahnsteig in Osaka, tat es versteckt, hinter dem Rücken seiner etwa vierjährigen Tochter. So lasse ich mich selbst, erklärter Gegner der Infantilisierung, in meinem täglichen Verhalten von der technologischen Verspieltheit beherrschen. Wahrscheinlich wäre es besser, klein beizugeben, mir ein Smartphone oder Tablet zu kaufen und mich irgendwelchen dieser Spiele hinzugeben. Kritische beobachten oder einfach mittun, das macht letztlich gar keinen Unterschied. Außer vielleicht den, daß man nur mit einem Minimum an Distanz zu dem, was vor sich geht und Sache ist, darüber schreiben kann. Daran halte ich immer noch fest. Der nächste Schritt, die nächste Frage wäre: Wozu überhaupt schreiben? Wenn man doch schauen, berühren und klicken kann. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Essay | Kommentar abgeben