Wenn der Post­man mehr­fach klin­gelt

Mit »Amusing our­sel­ves to de­ath»1 stellt Neil Post­man ei­ne wich­ti­ge Grund­fra­ge: Wirkt das Me­di­um auf sei­ne In­hal­te zu­rück? In der Haupt­sa­che kon­tra­stiert Post­man dann zwei un­ter­schied­li­che Me­di­en­wel­ten: die Ty­po­gra­phi­sche der Zei­tun­gen und Bü­cher ge­gen die Pik­to­gra­phi­sche des Fern­se­hens. Nach Post­man be­din­gen die li­ne­ar-fort­schrei­ten­den Schrift­me­di­en ei­ne an­de­re Kon­sum­wei­se als die Be­wegt­bil­der. Sie be­nö­tig­ten ei­ne län­ge­re Auf­merk­sam­keits­span­ne, set­zen ge­wis­se dis­kur­si­ve Vor­kennt­nis­se vor­aus und ziel­ten von sich aus auf Ganz­heit und Ko­hä­renz. In der Fernseh»kultur« hin­ge­gen wer­de der Be­trach­ter nur in ei­nen vi­su­el­len Rausch im­mer neu­er Rei­ze oh­ne grö­ße­ren Sinn und Ein­heit ver­setzt, was letzt­lich un­ser frag­men­tier­tes ADHS-Hirn er­zeu­ge.

Dies ist nun der drit­te An­lauf mei­ne Ge­dan­ken zum Post­man­schen Pam­phlet zu ver­schrift­li­chen, aber viel­leicht ist mein graue Mat­sche auch schon zu ver­pi­xelt, um die­ses Vor­ha­ben je zu be­en­den.

1. Die Sa­pir-Whorf-The­se der Me­di­en­kri­tik

Wei­ten wir zu­nächst ein we­nig den Blick, um die All­ge­mein­heit der Post­man­schen The­se zu er­fas­sen. Es gibt, so den­ke ich, al­ler­orts ähn­lich ge­ar­te­te An­sät­ze. So zum Bei­spiel in der Wall­raff­schen Kri­tik der Bild­zei­tung, in wel­cher er Post­man ähn­lich das Por­trät ei­nes Me­di­ums zeich­net, das al­le in ihm ge­druck­ten In­hal­te ver­zerrt und ent­stellt. Auf noch fun­da­men­ta­le­re Wei­se stell­ten Sa­pir-Whorf die The­se auf, dass so­gar die Gram­ma­tik un­se­rer Spra­che die Welt­sicht prä­ge. Auch wenn die The­se wis­sen­schaft­lich mei­nes Wis­sens nicht un­be­dingt un­an­ge­foch­ten blieb, wur­de sie ähn­lich ver­hee­rend po­pu­la­ri­siert wie Gö­dels Un­voll­stän­dig­keits­sät­ze, so dass heu­te die Be­dingt­heit un­se­res Welt­bil­des von un­se­rer Spra­che schon die Spat­zen von den Dä­chern pfei­fen; mei­stens mit dem Fehl­verweis auf die hun­der­te Schnee­wör­ter der Es­ki­mos. Am weit­rei­chend­sten fin­det sich die­ser Denk­an­satz wohl ver­wirk­licht in dem Dik­tum, dass kein rich­ti­ges Le­ben im Fal­schen mög­lich sei. Das »Me­di­um« fin­det sich hier ge­wei­tet zu den »sy­ste­mi­schen, ka­pi­ta­li­sti­schen Um­ge­bungs­ge­ge­ben­hei­ten«, die je­den exi­sten­zi­el­len Aus­druck, den wir su­chen könn­ten, not­wen­dig ver­fäl­schen.

Die­se The­sen üben auch auf mich An­zie­hungs­kraft aus. Aber es gibt da auch ei­nen auf­kei­men­den Ver­dacht, dass es da nicht im­mer mit rech­ten Din­gen zu­ge­he, dass es viel­leicht nicht im­mer so ein­fach ist zwi­schen dem »rich­ti­gen« und »fal­schen« Me­di­um oder Le­ben zu un­ter­schei­den. Wo­her neh­men die Leu­te nur im­mer ih­re Si­cher­heit? Sind das nicht meist ih­re Ge­wohn­hei­ten und Vor­ur­tei­le zu Wahr­hei­ten ver­fe­stigt und für die Grab­bel­ti­sche ver­fer­tigt, dass ein je­der sich be­die­ne, der kei­ne Zeit oder Lust hat, sich ei­ge­ne Ge­dan­ken zu ma­chen?

Woll­ten wir die­se Schein­kor­re­la­tio­nen zwi­schen Me­di­um und In­halt et­was über­trei­ben, ge­lang­ten wir dann nicht zu der hi­sto­ri­schen Ab­sur­di­tät je­ner For­scher, die von der Kopf­form, die Art der dar­in ge­dach­ten Ge­dan­ken ab­lei­ten woll­ten. Die­se Kra­nio­lo­gen wer­den heut­zu­ta­ge wohl zu Recht be­lä­chelt. Aber selbst die al­te Theo­rie, die Kör­per­bau und gei­sti­ges Tem­pe­ra­ment in Ver­bin­dung bringt (z.B. py­knisch – phleg­ma­tisch), gei­stert im­mer noch um­her. Ist die­se Art der de­ter­mi­ni­sti­schen Fun­da­men­tal­ver­knüp­fung von Me­di­um auf In­halt, viel­leicht so­gar ei­ne Art von Denk­fal­le, in die wir und Me­di­en­kri­ti­ker nur all­zu ger­ne tap­pen? Es wird dann ja auch schön ein­fach; mit dem In­halt braucht man sich erst gar nicht ab­zu­ge­ben, es ge­nügt, dass et­was im fal­schen Me­di­um oder Ge­wand er­scheint.

2. Die de­kon­tex­tua­li­sier­te Na­ti­on

»Wer nicht von drei­tau­send Jah­ren,
sich weiß Re­chen­schaft zu ge­ben,
bleibt im Dunk­len un­er­fah­ren,
mag von Tag zu Ta­ge le­ben«

J. W. Goe­the

Ei­nen gro­ßen Teil sei­ner Kri­tik ver­wen­det Post­man dar­auf, das Ame­ri­ka der Ur­vä­ter als ei­ne durch­li­te­r­a­ri­sier­te Na­ti­on zu por­trä­tie­ren, wo ge­wis­ser­ma­ßen noch der Far­mer­jun­ge mit ei­nem Buch hin­ter dem Pflug her­ge­lau­fen sei. Den po­li­ti­schen Er­folg der Ver­ei­nig­ten Staa­ten schreibt Post­man dem ra­tio­na­len Dis­kurs zu, den die Na­ti­on so lan­ge ge­pflegt ha­be bis er vom En­ter­tain­ment der elek­tro­ni­schen Bild­me­di­en zer­setzt wor­den sei, in wel­chen nur noch die Te­le­ge­ni­tät des Po­li­ti­kerant­litz zäh­le.

Wie viel An­stren­gung in die­ses idea­li­sier­te Bild fließt, sei hier nicht von In­ter­es­se, ich möch­te viel­mehr den po­li­ti­schen Er­folg der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von ei­ner Ge­gen­sei­te her be­leuch­ten. Da­zu dient mir der Post­man­sche Kampf­be­griff der De­kon­tex­tua­li­sie­rung. Für Post­man be­steht ei­nes der Haupt­übel des Fern­se­hens dar­in, dass es in das Ver­sen­den ato­mi­sti­scher Clips be­stehe, die kei­nen grö­ße­ren Sinn­zu­sam­men­hang mehr her­stell­ten, die sich selbst nicht ein­ord­ne­ten. Dies sei im Ge­gen­satz zu se­hen zur schrift­li­chen Äu­ße­rungs­form, die als sol­che den Schrei­ber im­mer schon zur Ex­po­si­ti­on nö­ti­ge.

Der Irr­tum ist hier so viel­fach, dass ich es nicht auf­zäh­len kann. Das Wich­tig­ste: De­kon­tex­tua­li­sie­rung is king. Wenn man es näm­lich ge­nau nimmt, so ist die Stär­ke der mei­sten Schrift­spra­chen, dass sie Laut­fol­gen durch we­ni­ge Sym­bo­le re­prä­sen­tie­ren kön­nen und so die ge­spro­che­ne Spra­che aus ih­rem Kon­text her­aus­lö­sen und in ei­ne ab­strak­te Fol­ge von Zei­chen ver­wan­deln. Bild und Ton­me­di­en bie­ten mit der Hal­tung, Mi­mik, Ge­stik, Be­to­nung des Spre­chers ei­nen viel rei­che­ren Kon­text, so dass Miss­verständnisse, wie sie in schrift­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­tre­ten viel we­ni­ger häu­fig sind oder schnel­ler aus­ge­räumt wer­den kön­nen. Ge­ra­de für die Kul­tur ist dies aber auch ei­ne Stär­ke, ja sie be­steht was die schrift­lich fi­xier­ten Zeug­nis­se an­geht, ge­ra­de aus Wer­ken, die im­mer wie­der aus ih­rem ur­sprüng­li­chen Kon­text ge­löst, neu ge­deu­tet in fri­sche Er­de um­ge­topft wur­den.

Ähn­lich ist für mich ei­ne der wich­tig­sten Ur­sa­chen für die Stär­ke der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ih­re jun­ge Ge­schich­te oder gar Kon­text­lo­sig­keit. – Als Eu­ro­pä­er wer­de ich na­tür­lich von ähn­li­chen kul­tu­rel­len Vor­ur­tei­len ge­plagt wie einst Lor­ca oder Ador­no. Aber es ist doch ei­ni­ger­ma­ßen of­fen­sicht­lich: dass vie­le, die in die Neue Welt auf­bra­chen, ei­nen Neu­an­fang such­ten. Auch mit dem My­thos vom »Go­ing West« ist der ste­ti­ge Neu­an­fang, das Ab­wer­fen des Kon­tex­tes des al­ten Le­bens, tief ein­ge­schrie­ben in den Geist der Na­ti­on. In Eu­ro­pa, der al­ten Welt, hin­ge­gen hinkt man im­mer hin­ten­an. Hin­ab­ge­zo­gen vom Bal­last der Ge­schich­te und Tra­di­ti­on he­cheln wir dem atem­lo­sen Takt der neu­en Tech­no­lo­gien hin­ter­her.

Dass die Ge­schich­te der USA so jung ist, hat ei­nen wei­te­ren Vor­teil: ih­re Ge­macht­heit ist leich­ter greif­bar. Als ich an den An­denken­ge­schäf­ten bei der li­ber­ty bell stand, da er­schien mir die­se gan­ze Ge­schich­te in ih­rer faken­ess. Ich weiß: Als Eu­ro­pä­er ist das ei­ner die­ser ein­fa­chen Re­fle­xe, wenn man das Kon­sum­ter­ror­land aus Pla­stik und Zucker be­reist, aber ich will mich ge­ra­de in die an­de­re Rich­tung aus dem Fen­ster leh­nen: dass un­se­re Ge­schich­ten hier­zu­lan­de et­was län­ger ab­ge­han­gen und fer­ner sind, führt näm­lich lei­der da­zu, dass wir sie noch we­ni­ger über­prü­fen wol­len oder kön­nen. Der gan­ze Quatsch wird ein­fach schul­ter­zuckend ge­schluckt, weil das nun mal die Er­eig­nis­se sind, die wir wahl­los her­aus­ge­pickt hat­ten, um so dem Cha­os, das der Mensch im­mer wie­der ent­facht, ir­gend­ei­ne Ge­stalt und Sinn zu ge­ben.

Da­bei ist doch auch die Kul­tur aus Pa­pier und Wort ge­nau­so fake. Wir ha­ben uns nur schon jahr­hun­der­te­lang mit ihr in­dok­tri­niert, dass sie zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den ist. Aber wenn wir es aus grö­ße­rer Wei­te be­trach­te­ten, und dann die­ses Tier sä­hen, dass an­statt Fres­sen zu ja­gen oder sich fort­zu­pflan­zen, sich über ein Schrift­stück beugt und frem­de Sym­bo­le zu ent­zif­fern sucht, wer lach­te es nicht aus?

Aber wie so oft beim Men­schen hat auch die­ser Wahn­sinn Sy­stem. Al­ler­dings be­nö­tigt es zu die­ser Er­ör­te­rung ei­nen et­was brei­te­ren Rah­men als Post­man ihn ge­ben kann. Post­man greift nicht wei­ter als bis zur Auf­klä­rung – aber wei­ter zu­rück geht heu­te sel­ten ei­ner, selbst wenn er den Un­ter­gang der gan­zen abend­län­di­schen Kul­tur be­klagt.

Und das liegt dar­an, dass die viel­fäl­ti­gen De­kon­tex­tua­li­sie­rungs­vor­gän­ge nicht mehr durch­sich­tig sind. Die Auf­klä­rung wird heu­te ger­ne ge­deu­tet als das Ab­na­beln von der Re­li­gi­on, dass die Wis­sen­schaft in der Op­po­si­ti­on zur re­li­giö­sen Welt­erklä­rung nun die Ober­hand ge­won­nen ha­be. Da­bei wä­ren ge­ra­de aus den Wort­re­li­gio­nen, die un­se­ren Kul­tur­kreis be­stim­men so vie­le Me­ta­phern­schät­ze zu ber­gen.

3. Das de­kon­tex­tua­li­sier­te, künst­li­che We­sen – Die Selbst­er­schaf­fung des Men­schen im Wort

Der Kon­text, den ich ge­ben möch­te, ist zu­nächst bio­lo­gi­stisch. Wenn man die fort­schreitende Ent­wick­lung der Ar­ten vor dem in­ne­ren Au­ge sieht, so sticht doch ei­nes her­aus: die Zu­nah­me von Au­to­no­mie. Die Be­we­gungs­frei­heit der Tie­re ge­gen die re­la­ti­ve Un­be­weg­lich­keit der Pflan­zen zu ver­glei­chen, trifft es noch nicht. Viel­mehr geht es um ei­ne Ent­wick­lung der Tie­re: wa­ren de­ren Re­ak­tio­nen auf Au­ßen­ein­flüs­se zu­nächst noch hart co­diert, öff­ne­ten im­mer kom­ple­xe­re Ner­ven­sy­ste­me ei­nen ganz neu­en Spiel­raum von er­lern­tem oder gar spon­tan im­pro­vi­sier­tem Ver­hal­ten. In heu­ti­ger Me­ta­phern­spra­che wä­re dies die Er­schaf­fung von Soft­ware, die al­ler­dings auf der wet­ware bio­lo­gi­scher Hir­ne lie­fe.

In die­ser Li­nie ist auch der Mensch zu se­hen. Um die um­fas­sen­de For­cie­rung, die der Mensch die­ser Ent­wick­lung ge­ge­ben hat zu se­hen, soll­ten wir auf die Wort­re­li­gio­nen blicken. Zum ei­nen ver­dich­te­ten sie gei­sti­ge In­hal­te zum er­sten Mal zu ei­nem über­lieferungsfähigen Ka­non, zum an­de­ren fin­den sich Bil­der und My­then zum Ur­sprung oder Be­schaf­fen­heit des Gei­stes selbst.

So ist da z.B. die Re­de von die­sem Lehm­kloß, dem der gött­li­che Atem ein­ge­bla­sen wor­den sei. Man mag das be­lä­cheln wol­len, aber von uns pro­gram­mier­te Ma­schi­nen, die noch sehr un­be­hol­fen durch die Ge­gend ei­ern, ha­ben ei­nen ähn­li­chen Aspekt, dass wir ih­nen von au­ßen ein Ver­hal­ten ein­ge­ge­ben ha­ben, sie die­ses aber an­hand der ein­ge­ge­be­nen Re­geln nach­her »frei« ent­fal­ten. Der mensch­li­che Geist ist in die­sem Bild auch le­dig­lich ab­ge­lei­te­ter Na­tur. Aber es ist doch im­mer­hin der Ver­such ei­ner Er­klä­rung, wie denn ein Kör­per von ei­ner See­le »be­ses­sen« sein kann, die ihn steu­ert. Es ist bei Licht be­se­hen ja auch ein un­heim­lich Ding, das selbst heu­te noch im Ho­mun­ku­lus-Fehl­schluss durch die Phi­lo­so­phie gei­stert.

Was ich je­doch hier nur fest­hal­ten möch­te ist dies: dass wir das mensch­li­che Be­wusst­sein als die to­ta­le Ver­dich­tung sonst­wie dunk­ler neu­ro­na­ler Pro­zes­se in ei­ner zen­tra­len Ent­schei­dungs­in­stanz se­hen. Egal wie dies nun bio­che­misch er­zeugt, gibt die­se In­stanz an, in wel­che Rich­tung z.B. der Kör­per sich be­we­ge. So er­reich­te die Na­tur die größt­mög­li­che Au­to­no­mie: in­dem die Re­li­gi­on das Gei­sti­ge er­schuf – mit all sei­nen Apo­rien (z.B. kommt man wenn man das Gei­sti­ge auf­grund sei­ner flüch­ti­gen An­ders­ar­tig­keit in ei­ne an­de­re Seins­schicht hebt, so kommt man letzt­lich nicht um die Zir­bel­drü­se um­her, die das Gan­ze mit der Ma­te­rie ver­bin­de – oder das Pro­blem der re­flek­ti­ven Selbst­letzt­be­grün­dung, wie schon Kier­ke­gaard es in der Krank­heit zum To­de stell­te: um der Ver­zweif­lung zu ent­rinnen, be­dürf­te es letz­ten En­de doch des gött­li­chen Hau­ches der Set­zung. Fast wie das Pro­blem des boot[strapping] beim Hoch­fah­ren je­des Com­pu­ters.)

Wo­zu je­doch die­ser et­was über­stra­pa­zier­te Ex­kurs?

Zur Ein­ord­nung des­sen was Me­di­en sind. Sie sind ge­ra­de Trä­ger der gei­sti­gen In­hal­te des mensch­li­chen Be­wusst­seins. Aus dem Vor­her­ge­hen­den kann man viel­leicht schon er­ah­nen, dass die Ver­ar­bei­tung von Me­di­en­in­hal­ten kein ein­fa­cher Ab­tast­vor­gang wie das Ab­spie­len ei­ner CD dar­stellt. Post­mans Be­haup­tung ist hier, dass die Dar­bie­tungs­form so­gar schon di­rek­te Aus­wir­kun­gen auf den Ver­ar­bei­tungs­vor­gang bzw. letzt­lich so­gar die Qua­li­tät der Be­wusst­seins­vor­gän­ge ha­be. Was hier je­doch vor­liegt ist das Um­ge­kehr­te: aus hi­sto­ri­schen, ideo­lo­gi­schen, re­li­giö­sen Grün­den be­wer­ten wir me­dia­le Darreichungs­formen un­ter­schied­lich. So ist es letzt­lich das lan­ge Er­be der Wort­buch­re­li­gio­nen, das Print­me­di­en so hoch ge­schätzt wer­den, bzw. das Le­sen meist erst den Ein­tritt in das Reich der Kul­tur er­laubt. Nicht nur die Aus­wahl von In­hal­ten ist oft ideo­lo­gisch ge­färbt, son­dern schon die des Me­di­ums.

4. West­world

»Al­le bis­he­ri­gen kon­ver­gie­ren in der vier­ten, der Ver­blö­dungs­the­se, die sich zu ei­ner an­thro­po­lo­gi­schen Aus­sa­ge ver­dich­tet. Die Me­di­en grei­fen, wenn man ihr folgt, nicht nur das Kri­tik- und Un­ter­schei­dungs­ver­mö­gen, nicht nur die mo­ra­li­sche und po­li­ti­sche Sub­stanz ih­rer Nut­zer an, son­dern auch ihr Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen, ja, ih­re psy­chi­sche Iden­ti­tät. Sie pro­du­zie­ren so­mit, wenn man sie ge­wäh­ren läßt, ei­nen Neu­en Men­schen, den man sich, je nach Be­lie­ben, als Zom­bie oder Mu­tan­ten vor­stel­len kann.
Al­le die­se Theo­rien sind schwach auf der Brust.

H. M. En­zens­ber­ger »Null­me­di­um«

So wie die Feuil­le­tons die neu­en Fern­seh­se­ri­en fei­ern kann man den Ein­druck er­hal­ten, als hät­ten die­se den Ro­man schon längst über­holt. Lan­ge, epi­sche Er­zähl­wei­sen wur­den wie­der­be­lebt. Ge­nügt al­so schon die Exi­stenz die­ser Se­ri­en, um Post­man zu wi­der­le­gen? In die­sem Ka­pi­tel möch­te ich ex­em­pla­risch ei­ne Se­rie un­ter­su­chen. Da das Haupt­the­ma die­ser Se­rie das mensch­li­che Be­wusst­sein ist, be­rührt es auch das bis­her Aus­ge­führ­te.

Die Se­rie »West­world« war­tet mit der schon fast üb­li­chen nicht­li­nea­ren Er­zähl­wei­se auf. Schein­ba­re Pa­ra­do­xien, rät­sel­haf­te Vor­aus­blicke ir­ri­tie­ren den Zu­schau­er und ani­mie­ren ihn zum Wei­ter­schau­en. Dies kom­bi­niert mit Schach­te­lun­gen und den üb­li­chen twists wird der er­zäh­le­ri­sche Bo­gen manch­mal fast über­stra­pa­ziert. Die ka­prio­len­schla­gen­de Ef­fekt­me­cha­nik be­ru­higt sich aber auch wie­der und in der zwei­ten Staf­fel wer­den dann haupt­säch­lich meh­re­re Hand­lungs­strän­ge par­al­lel aber chro­no­lo­gisch ver­folgt.

Ver­han­delt wird ein ähn­li­cher Stoff wie z.B. schon in Ter­mi­na­tor, Ma­trix oder Ex Ma­chi­na: Ei­ne ma­schi­nel­le In­tel­li­genz, die Be­wusst­sein er­langt und sich ge­gen den Men­schen auf­lehnt. Der Ort die­ser Re­vo­lu­ti­on ist der Frei­zeit­park »West­world«. In die­sem durch­le­ben von Men­schen nicht zu un­ter­schei­den­de An­dro­iden, die Gast­ge­ber (hosts) im­mer wie­der vor­ge­schrie­be­ne Ge­schich­ten. Die At­trak­ti­on des Parks be­steht dar­in, dass Men­schen als Gä­ste (gue­sts) sich nun in die­se Er­zähl­strän­ge be­ge­ben kön­nen und frei mit ih­nen in­ter­agie­ren. Da die Hand­lun­gen an den Ma­schi­nen je­doch fol­gen­los sind, ver­hal­ten sich vie­le Gä­ste völ­lig ent­hemmt und le­ben ih­re dunk­len Sei­ten so sehr aus, dass man als Zu­schau­er fast un­wei­ger­lich mo­ra­lisch auf der Sei­te der Ma­schi­nen steht.

In ei­ner kur­zen Be­spre­chung las­sen sich nur ei­ni­ge Aspek­te der Se­rie her­aus­grei­fen: In der Haupt­sa­che dreht es sich dar­um, wie die Ma­schi­nen, ge­fan­gen in ih­ren Geschichts­wiederholungen (loops) ein Selbst-Be­wusst­sein er­lan­gen. Ne­ben der Theo­rie des Gei­stes wird z.B. auch Da­ta-Mi­ning ge­streift, als sich her­aus­stellt, dass die ei­gent­li­che Funk­ti­on des Parks dar­in be­stün­de, das Ver­hal­ten der Gä­ste so ge­nau zu tracken, dass es mög­lich wer­de di­gi­ta­le Ko­pien ih­res Gei­stes zu er­stel­len.

Als zwei der An­dro­iden den Ort (die Crad­le) vir­tu­ell be­tre­ten, in wel­chem all die Da­ten der Park­be­su­cher ge­spei­chert wer­den, er­wei­sen die Se­ri­en­au­toren ei­ne fast ehr­fürch­ti­ge Re­ve­renz an das do­mi­nan­te Me­di­um der letz­ten Jahr­tau­sen­de: das Buch. Die Men­schen oder die Es­senz ih­res We­sens wer­den hier als die Bü­cher in ei­ner Bi­blio­thek dar­ge­stellt, die ih­re Äu­ße­run­gen, Ge­dan­ken und Ta­ten ko­di­fi­zier­ten. Al­ler­dings ist hier auch schon der Über­gang zur neu­en Epo­che mar­kiert. In ei­ner an­de­ren Ein­stel­lung wird ein Maschinen­arm ge­zeigt, der den Men­schen viel­mehr als Al­go­rith­mus in das Buch ein­gra­viert. Die an­we­sen­den Ma­schi­nen, die die Da­ten sich­ten, be­schei­ni­gen dem mensch­li­chen Be­wusst­sein nur ei­ne ent­täu­schend be­grenz­te Kom­ple­xi­tät. Es ist ei­ne Sze­ne in­vers zu je­ner in Ma­trix, wo Neo ei­nen Agen­ten über­win­det mit dem One-Li­ner: »Nur ei­ne Ma­schi­ne.« – So lau­tet nun das Ur­teil über den Men­schen: »Auch nur ein Al­go­rith­mus«. Zwar fand ich nicht al­le die­ser Se­quen­zen völ­lig aus­ge­reift, aber die an­ge­schla­ge­nen Me­ta­phern­räu­me be­rüh­ren den­noch ge­nau der Kern der Sa­che: Er­öff­nen uns die neu­en elek­tro­ni­schen Da­ten­ver­ar­bei­tungs­ma­schi­nen ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis oder ist es schon die dro­hen­de Selbst­ver­nich­tung, wenn wir für un­ser nur noch über tech­no­lo­gi­sche Me­ta­phern ver­fü­gen?

Wahr­schein­lich kaum, wür­den je­ne sa­gen, die im Neu­en nur ei­nen Wie­der­auf­guss des Al­ten se­hen. Was ist denn Welt­um­wäl­zen­des an den neu­en Ta­schen­rech­nern auf Ste­ro­iden? Wenn der Mensch sich nach ko­per­ni­ka­ni­schen Wen­de und Got­tes Tod, ei­ne neue Selbst­krän­kung bei­fü­ge, so ist das doch nur ver­dient, wenn man sich der­art als Kro­ne der Schöp­fung selbst­herr­lich in­thro­ni­sier­te.

Folgt man der In­fra­ge­stel­lung so steht un­ser hei­li­ges Selbst­be­wusst­sein nun als nack­ter Kai­ser da, so nackt wie die An­dro­iden in »West­world« bei ih­ren Be­fra­gun­gen, ei­ner Art Me­ta-Ge­spräch au­ßer­halb des Loops, das zum Bei­spiel der Strip­pen­zie­her Ford als In­stru­ment der Be­wusst­seins­er­zeu­gung und Tu­ring Test zu­gleich ein­setzt. (Zu die­sen Be­fra­gun­gen und zu dem ei­gen­tüm­li­chen Ef­fekt der Nackt­heit lie­ße sich so viel un­ter­su­chen, hier nur: Vie­le Men­schen be­trach­ten die Ma­schi­nen in der Se­rie als We­sen oh­ne Wür­de, Din­ge viel­mehr, wes­we­gen man ih­nen wohl auch kei­ne Kör­per­be­deckung zu­ge­steht, aber merk­wür­di­ger­wei­se hat­te das für mich als Zu­schau­er so­gar ei­nen ge­gen­läu­fi­gen Ef­fekt: dass der vom In­ge­nieur be­frag­te An­droid so­gar an Ver­letz­lich­keit und Wür­de ge­wann. – Wä­re et­was Ähn­li­ches gar für die Men­schen­wür­de denk­bar, wenn wir un­ser Be­wusst­sein der di­gi­ta­len An­ni­hi­la­ti­on preis­ge­ben, dass sie neu und fremd wie­der­auf­er­ste­he?)

Ich glau­be, die Ana­lo­gie, die ich bis­her im­mer nur schwer fas­sen ge­schwei­ge denn aus­drücken konn­te, ist un­ge­fähr je­ne: Im An­dro­iden und ih­rem elek­tro­ni­schen »Ge­hirn« scheint uns ei­ne neue Fremd­heit ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die­se Ali­en­haf­tig­keit ruft Ab­scheu und Ab­wehr her­vor, wäh­rend es sich doch nur um ein neu­es Zerr­bild un­se­rer selbst han­delt. So wie die Re­li­gio­nen uns die­ses wort­spei­en­de Got­tes­mon­strum vor­setz­ten, als Über­va­ter und Herr­scher, in wel­chem wir doch nur uns selbst mein­ten. So sind wir nun bald so­weit statt aus Lehm aus Sand (Si­li­zi­um), nicht die Welt son­dern uns selbst zu fäl­schen. Die Fremd­heit und Wi­der­na­tür­lich­keit war doch auch beim Men­schen­af­fen schon ge­ge­ben als die­ser be­gann, sich über merk­wür­di­ge Schrift­zei­chen zu beu­gen, so als er­öff­ne­tem die­se ihm We­ge in an­de­re, hö­he­re Wel­ten. Nur das jahr­hun­der­te­lan­ge Trai­ning lässt uns die­se Kul­tur­tech­nik doch heu­te als völ­lig na­tür­lich er­schei­nen.

War­um al­so kön­nen wir die­se neue An­ders­ar­tig­keit nicht po­si­tiv er­grei­fen, so wie es die­se Se­rie er­reicht? War­um müs­sen all die Buch­sta­ben­ge­lehr­ten, die CPU ih­rer De­ter­mi­niert­heit we­gen zei­hen als kön­ne da nicht mal ein Rowham­mer oder das ther­mi­sche Rau­schen im RAM-Rie­gel ein Bit flip­pen? So als wä­re Auf­klä­rung in Hän­den der In­ge­nieu­re im­mer die skla­visch-dum­me, in­stru­men­tel­le Ver­nunft. Wo­her stammt die­ser Ver­dacht ge­gen die Ver­nunft, der die Auf­klä­rung seit je­her be­glei­tet? Ha­ben wir Angst al­les Mensch­li­che ver­blas­se, wenn Den­ken zum blo­ßen Lo­gik­kal­kül ver­kommt? Sor­gen wir uns die­ser in­ne­re, un­er­klär­li­che Kern un­se­rer Exi­stenz ver­flüch­tig­te sich, wenn wir mit den Stri­chen ei­ner Welt­for­mel dem La­place­schen Dä­mon gleich die Exi­stenz von al­lem her­lei­ten könn­ten?

Da­bei lehrt uns un­se­re Ge­schich­te vor al­lem ei­nes: Wenn im Uni­ver­sum ei­nes gren­zen­los ist, so ist es die Über­zeu­gung des Men­schen von sei­ner ei­ge­nen Ein­zig­ar­tig­keit und Gran­dio­si­tät. In der leid­li­chen De­bat­te um phi­lo­so­phi­sche Zom­bies führ­te Den­nett auch den Be­griff des zom­bic hunch ein, um ge­nau die­ses Über­le­gen­heits­ge­fühl zu kenn­zeichnen, dass wir ge­gen­über dem hy­po­the­ti­schen We­sen füh­len, dass sich zwar iden­tisch zu uns ver­hal­ten mag, aber dem die letz­te, ech­te Flam­me des Be­wusst­seins fehlt (qua­lia oder wie im­mer man das nun nen­nen mag). In ei­ner iro­ni­schen Vol­te schlug Den­nett das Kon­zept der zim­boes vor. Dies wä­ren phi­lo­so­phi­sche Zom­bies, je­doch er­wei­tert, um die Über­zeu­gung, dass sie kei­ne Zom­bies sei­en, dass sie Schmerz emp­fin­den usw., ge­ra­de so wie wir oder die Phi­lo­so­phen, die die­ses Kon­zept er­dach­ten, um zu be­wei­sen, un­ser Be­wusst­sein lie­ße sich nicht auf ein­fa­che de­ter­mi­ni­sti­sche Phy­sik oder Che­mie re­du­zie­ren.

Das Ver­stö­ren­de mit dem »West­world« oder Ex­Ma­chi­na spie­len, ist ähn­lich wie bei Den­nett, das Kit­zeln an die­ser Gren­ze; die Fra­ge, wie sehr wir uns selbst über­haupt von den hy­po­the­ti­schen phi­lo­so­phi­schen Zom­bies un­ter­schei­den.

5. Schluss

Die­se Be­trach­tun­gen mö­gen ein biss­chen ab­ge­glit­ten sein. Keh­ren wir zur Aus­gangs­fra­ge zu­rück: Füh­ren elek­tro­ni­sche Me­di­en zur Ver­dum­mung? Ich hof­fe ich ha­be nun ge­nü­gend Ma­te­ri­al ge­lie­fert, war­um ich im Ge­gen­teil solch sim­pli­fi­zie­ren­de, sug­ge­sti­ven Fra­gen für ein viel grö­ße­res Pro­blem hal­te. Sie sind sehr ver­füh­re­risch, weil sie uns von dem Pro­blem ent­he­ben, die ver­schie­de­nen In­hal­te der Me­di­en für sich auf ih­ren Ge­halt zu prü­fen, son­dern schon ein pau­scha­les, ab­leh­nen­des oder auf­wer­ten­des Ur­teil er­lau­ben, nur weil der In­halt sich ei­nes be­stimm­ten Me­di­ums be­dient.

Ja, ge­wis­se Me­di­en wei­sen struk­tu­rel­le Pro­ble­me auf: Mei­nem Sohn wer­de ich auch nach sei­ner Ein­schu­lung kein Smart­phone in die Hand drücken. Aber ist das ein Pro­blem des Me­di­ums selbst, dass es uns in die­sen Sumpf hin­ab­zö­ge, weil es in­hä­rent zu minder­wertigen In­hal­ten ver­lei­tet oder ist es nicht viel­mehr so, dass wir als Kon­su­men­ten und Pro­du­zen­ten uns selbst in die­se Rich­tung trei­ben oder trei­ben las­sen? Ei­ne Art Trägheits­gesetz un­se­res Gei­stes, dass er ger­ne in dif­fu­se­re, un­fo­kus­sier­te­re Zu­stän­de sich hin­ab­sin­ken lässt. Al­so Zeit, dass wir uns selbst am ei­ge­nen Schop­fe wie­der aus dem Sumpf her­aus­zie­hen, ob nun am Han­dy­bild­schirm oder über Pa­pier ge­beugt!


  1. "Wir amüsieren uns zu Tode", 1985