Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (9/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

9 – Un­schul­di­ge For­men der Über­trei­bung

First, the facts. Zu­erst die Fak­ten. Mit die­sem Satz be­gann Jo­el Pollak, Chef­re­dak­teur der Web­site Breit­bart News, am 23. Ja­nu­ar 2017 sei­nen Leit­ar­ti­kel, in dem er Do­nald Trump und sei­ne Mit­ar­bei­ter in Schutz nahm, die in Be­zug auf die Zahl der bei der Amts­einführung des Prä­si­den­ten an­we­sen­den Per­so­nen maß­los über­trie­ben hat­ten. Kel­ly­an­ne Con­way, sei­ne Spre­che­rin, hat­te von »al­ter­na­ti­ven Fak­ten« ge­spro­chen, um Trumps groß­spu­ri­ge Be­haup­tung, das Pu­bli­kum sei zahl­rei­cher ge­we­sen als bei sei­nem Amts­vor­gän­ger, zu ze­men­tie­ren.

Wel­che Fak­ten hat­te Pollak in die­ser An­ge­le­gen­heit zu bie­ten? Nun, er führ­te aus, daß die Men­ge von der Tri­bü­ne her ge­se­hen, al­so vom Stand­ort des Prä­si­den­ten, ge­wal­tig wirk­te – er selbst kön­ne dies be­stä­ti­gen, denn er ha­be ei­nen Platz auf der Tri­bü­ne er­gat­tert ge­habt. Die­se Recht­fer­ti­gung, der Prä­si­dent sei halt ei­ner sub­jek­ti­ven Täu­schung er­le­gen, mag den Jour­na­li­sten eh­ren. Vom Stand­punkt der Wahr­haf­tig­keit aus ge­se­hen ist es be­denk­lich, wenn sub­jek­ti­ve Ein­drücke zu Fak­ten ge­adelt wer­den. So­wohl in der Wis­sen­schaft als auch in der Po­li­tik und in der me­dia­len Be­richt­erstat­tung soll­te bei­des ge­trennt wer­den. Was Pollak als Fak­ten be­zeich­ne­te, ist nichts an­de­res als die Fest­stel­lung der Sub­jek­ti­vi­tät der Wahr­neh­mung, die na­tür­lich für je­der­mann gilt. Wir ha­ben täg­lich den Ein­druck, die Son­ne be­we­ge sich um die Er­de, und un­se­re Spra­che spie­gelt die­sen Ein­druck wi­der: Die Son­ne geht auf und sie geht un­ter. Wir wis­sen aber heu­te dank Ko­per­ni­kus und Ga­li­lei, daß die Tat­sa­chen an­ders lie­gen.

Sub­jek­ti­ve Ein­drücke sind kei­ne Tat­sa­chen, eben­so­we­nig wie Über­trei­bun­gen oder gar Lü­gen. Hält man bei­des nicht aus­ein­an­der, ent­zieht man der Mög­lich­keit vernunft­geleiteten Den­kens, Er­ken­nens und Kom­mu­ni­zie­rens den Bo­den. Be­reits 1987 war in den USA ein Buch er­schie­nen, das Do­nald Trump – se­kun­diert von ei­nem ge­wis­sen To­ny Schwartz – als Ver­fas­ser aus­wies. Dar­in fin­det man die Aus­sa­ge, »die Men­schen« wür­den gern glau­ben, daß ir­gend et­was, ein Pro­dukt oder ei­ne Über­zeu­gung, am größ­ten und groß­ar­tig­sten und spek­ta­ku­lär­sten sei. Die­ses Be­dürf­nis der Mas­se nach Su­per­la­ti­ven las­se sich durch »wahr­haf­ti­ge Über­trei­bun­gen« be­frie­di­gen – ein »un­schul­di­ges« Ver­fah­ren und ei­ne sehr »ef­fi­zi­en­te Art der Wer­bung«. Das Sym­pto­ma­ti­sche und Be­denk­li­che an den »al­ter­na­ti­ven Fak­ten« Trumps und sei­ner Mit­ar­bei­ter ist nicht die sub­jek­ti­ve Fehl­bar­keit ein­zel­ner Men­schen, es ist die­ses Be­stre­ben, an die Stel­le von Er­kennt­nis, Tatsachen­prüfung, Wahr­heits­su­che und ver­nunft­ge­lei­te­ter Dis­kus­si­on blo­ße Wer­bung zu set­zen, al­so ei­ne aus der Ge­schäfts­welt stam­men­de Art der Pro­pa­gan­da, die die kampf­be­ton­te Show vor­an­treibt, zu der die Wirk­lich­keit um­funk­tio­niert wor­den ist.

1987 be­kann­te Do­nald Trump, daß er die Leu­te für dumm hält und er ih­nen des­halb nichts an­de­res ge­ben will als Il­lu­sio­nen, die sie in ih­rer Dumm­heit be­stä­ti­gen. Die di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men der so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en sind da­zu das best­ge­eig­ne­te In­stru­ment. Es gibt in die­ser echt­zeit­fi­xier­ten, im­pul­si­ven Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form kei­ne In­stanz, die Tat­sa­chen und Wahr­haf­tig­keit, Ab­sich­ten und Hin­ter­grün­de prü­fen wür­de. Da­her die Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on des Rat­ten­fän­gers ge­gen se­riö­se Ta­ges­zei­tun­gen und an­de­re tra­di­tio­nel­le Mas­sen­me­di­en. Die pau­scha­li­sie­ren­de Re­de von der »Lü­gen­pres­se« ist ei­ne Pro­pa­gan­da­for­mel von Ak­teu­ren, die am ei­ge­nen Er­folg, nicht aber an der Wahr­heit in­ter­es­siert sind. Und je­ne, die im Schat­ten von ver­ant­wor­tungs­frei­er An­ony­mi­tät oder Pseud­ony­mi­tät ih­ren In­stink­ten frei­en Lauf las­sen, wie­der­ho­len sie vi­ral, um sich ih­re selbst- oder fremd­ver­schul­de­ten Fru­stra­tio­nen von der Le­ber zu po­sten. Nietz­sche, der Vor­neh­me, hät­te mit die­sem Sieg der In­stink­te kei­ne Freu­de ge­habt.

- 8 – Den­ken ist vor al­lem Mut.

© Leo­pold Fe­der­mair

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21 Kommentare zu »Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (9/9)«:

  1. »Al­ter­na­ti­ve Fak­ten« sind ja längst nicht nur mehr ein Vor­ge­hen von po­pu­li­sti­schen Be­we­gun­gen. Wer die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en in Deutsch­land seit den 1990er-Jah­ren in Be­zug auf Be­richt­erstat­tun­gen zu Kon­flik­ten, Krie­gen oder auch schein­bar not­wen­di­gen »In­ter­ven­tio­nen« un­ter­sucht, kommt zu teil­wei­se ka­ta­stro­pha­len Be­fun­den. Das geht von der »Brut­ka­sten­lü­ge« 1990 über die ein­sei­ti­gen Be­richt­erstat­tun­gen zu den Ju­go­sla­wi­en-Krie­gen in den 1990ern, dem an­geb­li­chen Über­fall Russ­lands auf Ge­or­gi­en 2008 bis hin zu den er­fun­de­nen Mas­sa­kern in Li­by­en 2011, die die In­ter­ven­tio­nen recht­fer­ti­gen soll­ten. Deutsch­land wur­de die In­ter­ven­ti­on in Af­gha­ni­stan 2001 als »Brun­nen­bau­en« er­zählt – es war in Wirk­lich­keit ein ve­ri­ta­bler und ge­fähr­li­cher Kriegs­ein­satz. Auch in­nen­po­li­tisch klafft im­mer mehr ei­ne Dis­kre­panz zwi­schen öf­fent­li­cher und ver­öf­fent­lich­ter Mei­nung. Ich er­spa­re mir die Bei­spie­le. Die im nach­hin­ein sehr se­lek­ti­ve Be­richt­erstat­tung der einst durch­aus ge­schätz­ten Me­di­en führ­ten zu ei­nem schlei­chen­den Ver­trau­ens­ver­lust.

    Die Ent­frem­dung zwi­schen Re­zi­pi­en­ten und Jour­na­li­sten ist kei­nes­wegs ein­sei­tig und kei­ne al­lei­ni­ge Sa­che von »Rat­ten­fän­gern« (wie näm­lich Re­zi­pi­en­ten auch kei­ne Rat­ten sind). Dass, was man in­zwi­schen mit dem Kau­gum­mi­wort »Po­pu­lis­mus« über­zieht ist in Wirk­lich­keit Pro­dukt ei­ner Ent­wick­lung. Man kann die­se mit den gän­gi­gen Vo­ka­beln ver­teu­feln. Lö­sen wird man dies da­mit nicht.

    #1

  2. Leopold Federmair sagt:

    Schon, es gibt na­tür­lich im­mer ei­ne Vor­ge­schich­te, und da­vor ei­ne Vor­ge­schich­te. Mir scheint je­doch – wie­der mal – ein neu­er Punkt, ei­ne neue Qua­li­tät er­reicht zu sein, wenn fal­sche, er­fun­de­ne »Fak­ten« nicht nur hin­ten­rum lan­ciert wer­den oder, was im­mer pas­sie­ren kann, auch bei be­sten Ab­sich­ten, daß Fak­ten schlecht, miß­ver­ständ­lich, ten­den­zi­ös etc. dar­ge­stellt wer­den, son­dern wenn man von vorn­her­ein da­von aus­geht, daß je­der sei­ne Pri­vat­fak­ten hat, mit de­nen er grund­sätz­lich nach Be­lie­ben vor­ge­hen kann – was dann eben in der Re­gel heißt, sie zu Wer­be­zwecken, zur Ver­tu­schung, im blo­ßen (po­li­ti­schen, kom­mer­zi­el­len) Ei­gen­in­ter­es­se ein­zu­set­zen. Das ist ein we­sent­li­cher Grund, war­um mir doch scheint, daß wir auf dem Wahr­heits­an­spruch und Wahr­heits­be­griff be­stehen soll­ten. Vor al­lem zu dem Be­huf, daß ei­ne sinn­vol­le, ver­nünf­ti­ge Dis­kus­si­on, auch kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln ge­nannt, über­haupt mög­lich – nein, an­vi­sier­bar ist. An­dern­falls wird das, was wir De­mo­kra­tie nen­nen (zu­ge­ge­ben, auch die­se De­fi­ni­ti­on ist schwie­rig), ob­so­let.

    #2

  3. Selbst­ver­ständ­lich muss man auf ei­nem Wahr­heits­an­spruch be­stehen. Kei­ne Fra­ge. Aber für mich bleibt die Fra­ge ob ei­ne Dis­kus­si­on um »al­ter­na­ti­ve Fak­ten« nicht ei­ne Schein­dis­kus­si­on ist. In­dem je­der für sich »Fak­ten« ge­ne­riert und dies auch of­fen zu­ge­steht, so ist da­mit nicht der Wahr­heits­an­spruch an sich dis­kre­di­tiert, son­dern die Per­so­nen, die so han­deln. Das be­ste Bei­spiel ist die »Dis­kus­si­on« um die An­zahl der Zu­schau­er bei der In­au­gu­ra­ti­on von Trump. Des­sen La­ger be­haup­tet, es sei­en mehr Leu­te an­we­send als bei Oba­ma acht Jah­re zu­vor. Ein klei­ner Ver­gleich zeigt, dass dies Un­fug ist.

    Das »al­ter­na­ti­ve Fak­tum« ist der­art ein­deu­tig ei­ne Lü­ge, dass man am En­de nur noch schmun­zeln kann. Viel sub­ti­ler sind je­ne ver­steck­ten Halb­wahr­hei­ten wie ich sie in mei­nem Kom­men­tar skiz­ziert hat­te. Die kom­men eben vor al­lem aus den Me­di­en und nicht nur aus den so­ge­nann­ten »so­zia­len Me­di­en«, die ja schnell für al­le mög­li­chen Falsch­mel­dun­gen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den. Da­bei gab es Pro­pa­gan­da im­mer schon. Das sagt ein Kind des Kal­ten Krie­ges, der in den 1970ern eif­ri­ger Hö­rer von Kurz­wel­len­pro­gram­men aus Ost­eu­ro­pa war, weil man dort ver­meint­lich an­de­re As­pek­te zu Ge­hör be­kam.

    Schwie­rig wird es, wenn im Lau­fe der Zeit der Re­zi­pi­ent tröpf­chen­wei­se von den Halb­wahr­hei­ten er­fährt, die in den eta­blier­ten Me­di­en mit Wahr­heits­an­spruch ver­brei­tet wur­den. Man ist ja schon für ein De­men­ti, ei­ne klar­stel­len­de Do­ku­men­ta­ti­on, dank­bar, die Jah­re spä­ter ir­gend­wann auf ei­nem Spar­ten­ka­nal um 23.30 Uhr be­ginnt, wäh­rend die Hy­ste­ri­sie­run­gen da­mals zur Prime Time um 20.00 Uhr lie­fen.

    #3

  4. Leopold Federmair sagt:

    Hy­ste­ri­sie­run­gen... Den me­dia­len Kon­text ha­be ich im Ar­ti­kel nicht be­schrie­ben, spielt si­cher ei­ne we­sent­li­che Rol­le. Mir scheint, daß Hy­ste­ri­sie­run­gen zu ei­nem Prin­zip ge­wor­den sind, das ein aus­schließ­lich kom­mer­zi­ell ori­en­tier­ter, auf Ein­schalt-, Klick- und son­sti­ge Nut­zungs­quo­ten fi­xier­ter Be­trieb un­wei­ger­lich her­vor­bringt. Dem kom­mer­zi­el­len Er­folg op­fert man dann leicht den Wahr­heits­an­spruch (der ja letzt­lich ein ethi­sches Po­stu­lat ist, kein gno­seo­lo­gi­sches). Ein­zel­ne Jour­na­li­sten kön­nen und sol­len da­ge­gen­hal­ten, aber wahr­schein­lich sind sie doch auf ver­lo­re­nem Po­sten. Ein eh­ren­wer­ter Platz, üb­ri­gens.

    #4

  5. Trump und sei­ne En­tou­ra­ge, die mit »al­ter­na­ti­ven Fak­ten« re­gie­ren wol­len (und dies in­zwi­schen tun), sind nur im me­dia­len Kon­text ver­steh­bar. Ich ge­he so­gar so weit, dass ich sa­ge, dass Trump oh­ne die zum Teil wü­ten­den und eher von Wunsch­den­ken als von ra­tio­na­len Ein­sich­ten ge­präg­ten me­dia­len Geg­ner­schaf­ten nicht hät­te re­üs­sie­ren kön­nen. (Im Fall von Trump kam aber noch et­was an­de­res da­zu: Die Ge­gen­kan­di­da­tin, Hil­la­ry Clin­ton, wur­de auch von den sich pro­gres­siv ge­ben­den Me­di­en äu­ßerst kri­tisch ge­se­hen.)

    Am En­de wur­de je­de – be­rech­tig­te – Ent­rü­stung über Trumps Ver­hal­ten oder Wort­wahl zu ei­nem Trumpf für ihn. Trumps (jour­na­li­sti­sche) Geg­ner un­ter­schätz­ten ihn zu­nächst, um ihn dann mit sei­nen ei­ge­nen Mit­teln schla­gen zu wol­len. Da­her spre­che ich von Hy­ste­ri­sie­run­gen. Im deut­schen Jour­na­lis­mus gilt in­zwi­schen, dass bei je­dem klein­sten sich am Ho­ri­zont zei­gen­den Pro­blem für Trump das To­ten­glöck­chen für des­sen Prä­si­dent­schaft ge­läu­tet wird. Ein­ge­tre­ten ist da­von nichts.

    Das al­les hat nur zum Teil mit der Kom­mer­zia­li­sie­rung des Jour­na­lis­mus zu tun. Es könn­te sich auch um ei­nen re­du­zier­ten Wahr­heits­an­spruch von Jour­na­li­sten han­deln – und zwar auf bei­den Sei­ten. Das ist kein Phä­no­men di­gi­ta­ler Me­di­en al­lei­ne. In den 1980er und 1990er Jah­ren wur­de Hel­mut Kohl als Kanz­ler in ge­wis­sen Me­di­en eben­falls be­kämpft, her­un­ter­ge­schrie­ben und ihm po­li­ti­sche Pro­ble­me an­ge­la­stet. Jour­na­li­sten woll­ten Wah­len ent­schei­den. Ge­nutzt hat es nichts; Kohl wur­de im­mer wie­der ge­wählt. Erst als man sei­ne brä­si­ge Art nicht mehr er­tra­gen konn­te, er­folg­te 1998 die Ab­wahl. Heut­zu­ta­ge wird der Mei­nungs­jour­na­lis­mus durch die so­zia­len Me­di­en na­tür­lich un­end­lich ver­stärkt.

    #5

  6. Joseph Branco sagt:

    Zum The­ma Fak­ten hat Gre­gor Keu­sch­nig al­les Wich­ti­ge ge­sagt.

    Hät­te die Pres­se­ab­tei­lung von Trump nach der In­au­gu­ra­ti­on ver­brei­tet, dass Trump-Wäh­ler wäh­rend der Wo­che hart ar­bei­ten müs­sen und nicht in Wa­shing­ton rum­gam­meln kön­nen wie die Oba­ma-Ho­mies, wä­re die Lü­ge nicht nö­tig ge­we­sen und die Kli­en­tel be­frie­digt wor­den. Die­se Leu­te sind si­cher nicht dumm und kom­men auch auf solch ein­fa­che Ge­dan­ken.

    Die für mich ein­zi­ge Er­klä­rung ist dann auch die ba­nal­ste: Trump hat ein­fach aus dem Sand­ka­sten get­wit­tert. Die al­ter­na­ti­ve facts wa­ren dann nur ein ge­fun­de­nes Fres­sen für die Li­be­ra­len. Wa­shing­ton Post und New York Times ha­ben auch nur In­ter­es­sen und wenn man an­satz­wei­se die Lü­gen von Clin­ton kennt, wen­det man sich an­ge­wi­dert ab.

    #6

  7. Leopold Federmair sagt:

    Trump ist nicht ein­fach nur ein Twit­ter-Kas­per, er ist ein Sym­ptom (aus die­sem Grund hab ich ihn und die Sei­nen in die­sen Es­say her­ein­ge­nom­men). Sym­ptom ei­ner Ent­wick­lung, die man m. E. nicht ganz zu Un­recht als her­auf­zie­hen­de post-truth-Epo­che be­zeich­net. An die Stel­le ei­nes im­mer auch mo­ra­lisch mo­ti­vier­ten Wahr­heits­an­spruchs tritt die er­folg­rei­che Selbst­dar­stel­lung. Je bes­ser, ge­schick­ter, lau­ter, wirk­sa­mer die­se ist, de­sto mehr wird der Play­er (oder Kan­di­dat) ge­ach­tet und ho­no­riert. Des­halb scha­den ih­re di­ver­sen »Aus­rut­scher«, Un­be­herrscht­hei­ten, ego­isti­schen, ge­walt­schwan­ge­ren Äu­ße­run­gen oder Aus­brü­che und schließ­lich auch Hand­lun­gen den Ber­lus­co­nis, Trumps, Du­ter­tes und jetzt auch bald, in Bra­si­li­en, Bol­so­na­ros nicht – im Ge­gen­teil. Es ist, all­ge­mein ge­spro­chen, ei­ne uti­li­ta­ri­sti­sche »Mo­ral« oder Post­mo­ral, de­ren sich der Po­pu­lis­mus al­ler Spiel­ar­ten be­flei­ßigt. Be­un­ru­hi­gend (für mich je­den­falls), daß schon Ber­tolt Brecht ei­ner sol­chen Zu­erst-mein-Fres­sen-Mo­ral hul­dig­te. »Schön ist, was uns nützt«, sprach der Dich­ter bei an­de­rer Ge­le­gen­heit.
    Die sog. so­zia­len Me­di­en (»di­gi­tal­so­zi­al« wä­re pas­sen­der) bie­ten den pas­sen­den me­dia­len Kon­text für die hier an­ge­deu­te­te En­wick­lung. Es ist kein Zu­fall, daß die ge­nann­ten Kan­di­da­ten und Prä­si­den­ten nicht mehr zu Jour­na­li­sten spre­chen, die das Ge­sag­te prü­fen und sie­ben und in­ter­pre­tie­ren könn­ten, son­dern »un­mit­tel­bar« via Twit­ter und Face­book zu de­nen, die in­zwi­schen dar­an ge­wöhnt sind, täg­lich Was­ser auf ih­re Müh­len der Em­pö­rung und der Selbst­be­stä­ti­gung zu be­kom­men.

    #7

  8. Das Pro­blem ist, dass die Jour­na­li­sten, die sich ja im­mer noch als »Gate­kee­per« se­hen, längst eben­so dis­kre­di­tiert sind wie die Trumps und Ber­lus­co­nis. Jo­seph Bran­co sprach über Bill Clin­ton und des­sen Lü­gen, die all die­je­ni­gen, die nun die Pres­se als Wahr­heits­in­stanz im­ple­men­tie­ren wol­len, da­mals we­nig in­ter­es­sier­ten. Da wa­ren es die Rech­ten, die aus dem au­ßer­ehe­li­chen Ver­hält­nis zur Prak­ti­kan­tin den Prä­si­den­ten aus dem Amt ja­gen woll­ten. Heu­che­lei über­all. Heu­te stür­zen sich al­le auf die Nie­der­schrif­ten ei­ner Por­no-Dar­stel­le­rin statt sich um die po­li­ti­schen Ar­beit Trumps zu küm­mern.

    #8

  9. Leopold Federmair sagt:

    In den west­li­chen De­mo­kra­ti­en gal­ten seit dem En­de des 2. Welt­kriegs die Mas­sen­me­di­en, al­len vor­an die Pres­se, als Kon­troll­in­stanz ge­gen­über der Macht. Wie­weit sie die­se Rol­le wirk­lich ge­spielt ha­ben, ist ei­ne an­de­re Fra­ge, es gab aber, und gibt im­mer noch, Jour­na­li­sten, die sehr viel, manch­mal ihr Le­ben, aufs Spiel ge­setzt ha­ben, um die Wahr­heit über die Mäch­ti­gen ans Ta­ges­licht zu brin­gen. Ich se­he durch­aus das Pro­blem, daß der Jour­na­lis­mus in Deutsch­land oder Frank­reich viel sei­nes Kre­dits ver­spielt hat, sich auf die Sei­te der Macht ge­schla­gen hat – hal­te aber im­mer noch Zeit­schrif­ten wie den Spie­gel oder in den USA Ta­ges­zei­tun­gen wie die New York Times für Fo­ren, die un­ser­ei­nem da­bei hel­fen, sich ei­nen Reim über ge­gen­wär­ti­ge Ent­wick­lun­gen zu ma­chen – und die eben auch das Spiel der Macht und der Mäch­te im Hin­ter­grund (Lob­bys) auf­zei­gen. Die di­gi­tal­so­zia­len Me­di­en tra­gen da­zu bei, daß die­se In­stanz als sol­che be­droht ist und mög­li­cher­wei­se ver­schwin­den wird. Ich den­ke, daß das ei­ne äu­ßerst ge­fähr­lich Ent­wick­lung ist, viel­leicht der ent­schei­den­de Fak­tor, der die schlei­chen­de In­stal­lie­rung ei­nes mas­sen­ba­sier­ten Fa­schis­mus er­mög­li­chen könn­te.

    #9

  10. Joseph Branco sagt:

    Trump ist nicht ein­fach nur ein Twit­ter-Kas­per, er ist ein Sym­ptom (...). Sym­ptom ei­ner Ent­wick­lung, die man m. E. nicht ganz zu Un­recht als her­auf­zie­hen­de post-truth-Epo­che be­zeich­net.

    Mei­ne In­ten­ti­on war, zu fra­gen, war­um ei­ne Pro­vo­ka­ti­on ver­wen­det wur­de, wenn es auch ei­ne po­li­tisch kor­rek­te Ant­wort ge­ge­ben hät­te. Da­her stim­me ich zu, dass Trump ein Sym­ptom ist, ein Sym­ptom für ei­ne Öf­fent­lich­keit, die me­dia­les Op­fer der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lun­gen wur­de, die aber nach ei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten Wahr­haf­tig­keit giert. Die Wahr­haf­tig­keit, die man für die Lö­sung ei­nes Pro­blems be­nö­tigt und nicht für die Durch­set­zung von Par­ti­al­in­ter­es­sen. Ir­gend­wann ist die Reiz­schwel­le so weit ge­senkt, dass nach je­dem ge­ra­de pas­sen­den Ziel ge­schnappt wird. Das ist nicht mehr die Zeit der Syl­lo­gis­men, das ist die Zeit des Po­pu­lis­mus.

    Ih­re Sicht auf den Jour­na­lis­mus emp­fin­de ich als arg ro­man­tisch. Den Zahn hat mir das Le­ben lan­ge ge­zo­gen. Die Wa­shing­ton Post, der Vor­rei­ter der An­ti-Trump­kam­pa­gne, ge­hört Jeff Be­zos. Und der ver­tritt In­ter­es­sen und kei­ne hö­he­ren Idea­le. Bei uns sieht die La­ge nicht viel an­ders aus. Wie Gre­gor Keu­sch­nig so schön an­ge­ris­sen hat, ist die Glaub­wür­dig­keit sy­ste­ma­tisch zer­stört wor­den und in frucht­ba­ren Bo­den für die Rat­ten­fän­ger ver­wan­delt wor­den. Sie be­schrei­ben selbst, dass es sich um ein glo­ba­les Pro­blem han­delt. Da­her soll­te die Ur­sa­che auch ei­ne glo­ba­le sein. Ich se­he da kei­ne Al­ter­na­ti­ve, als den nach 1989 in­stal­lier­ten glo­ba­len Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus. Trump etc. sind da nur Gir­lan­de.

    #10

  11. Leopold Federmair sagt:

    Ro­man­tisch, mag sein. Und ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus, al­so kei­ne Al­ter­na­ti­ve, mag auch sein. Ich will mich trotz­dem nicht da­mit ab­fin­den, viel­leicht nur des­halb, weil ich dann je­den An­trieb, noch was zu schrei­ben, ver­lie­ren könn­te.

    In ei­nem heu­te er­schie­ne­nen Ar­ti­kel mit der Über­schrift »Ei­ne trumpia­ni­sche Welt oder das Recht des Stär­ke­ren« (Un mon­de «trumpi­en» ou la loi du plus fort) weist der Jour­na­list Tho­mas Can­talou­be dar­auf hin, daß in den letz­ten Mo­na­ten in­ner­halb der EU drei Jour­na­li­sten er­mor­det wur­den (in Slo­wa­kei, Bul­ga­ri­en, Mal­ta). Auch das ist ein Sym­ptom, und kein ro­man­ti­sches, son­dern da­für, daß die Mäch­ti­gen kei­nen
    Spaß ver­ste­hen. Ein Sym­ptom aber auch da­für, daß sich im­mer noch ei­ne gan­ze Rei­he von Leu­ten mit dem Recht des Stär­ke­ren nicht ab­fin­den wol­len. Wenn ich wen lesen/hören will, dann die.

    Der er­wähn­te Ar­ti­kel steht üb­ri­gens in Me­dia­part, ei­ner In­ter­net-Ta­ges­zei­tung, de­ren Chef­re­dak­teur Ed­wy Ple­nel ist, der frü­her, als die­se Zei­tung noch le­sens­wer­ter war, in lei­ten­den Po­si­tio­nen bei Le Mon­de war. Me­dia­part ver­sucht ein neu­es Mo­dell, kein Gra­tis­di­gi­tal­blatt, son­dern man muß be­zah­len, al­so abon­nie­ren, und bis­her funk­tio­niert das ganz gut. Ein Ge­gen­mo­dell zu von Kon­zer­nen etc. ab­hän­gi­gen Or­ga­nen.

    #11

  12. Joseph Branco sagt:

    Frag­te ich in mei­nem Um­feld nach gu­tem Jour­na­lis­mus, wür­de wahr­schein­lich der Na­me He­ri­bert Prantl von der Süd­deut­schen Zei­tung am häu­fig­sten fal­len. He­ri­bert Prantl wird aber nicht auf­grund sei­ner Ar­beit er­mor­det wer­den, der kennt die Gren­zen sei­nes Kä­figs, weiß sich aber zu in­sze­nie­ren.

    Bei den er­mor­de­ten Jour­na­li­sten ha­be ich das Pro­blem, dass ich nicht über­schau­en kann, ob sie wahr­haf­tig sind. Die Be­haup­tung ei­ner der Gu­ten zu sein, ist zu we­nig. Was ich z.B. von Daph­ne Ca­rua­na ge­le­sen ha­be, stimmt mich da nicht sehr op­ti­mi­stisch. Bel­ling­cat ist auch so ein Bei­spiel. Soll ich de­nen trau­en? Mein Ge­fühl sagt mir nein, die Ta­ges­schau tut es. Ver­trau­en ist ein ho­her Kre­dit, den ich nicht leicht­fer­tig ver­ge­be. Wenn ich ein In­ter­view mit dem als Ex­per­ten ein­ge­führ­ten Lei­ter des In­sti­tuts für has­se­nicht­ge­se­hen hö­re, möch­te ich erst wis­sen, wer ihn be­zahlt. Zu­min­dest muss er sein Wap­pen of­fen vor sich her­tra­gen.

    #12

  13. Leopold Federmair sagt:

    Ich wür­de hier Jo­ris Lu­y­en­di­jk nen­nen mit sei­nem Buch über »Bil­der und Lü­gen in Zei­ten des Kriegs«, aber auch dem neue­ren über die Lon­do­ner Ban­ker, bei­de im rea­len Jour­na­lis­mus wur­zelnd. Das erst­ge­nann­te the­ma­ti­siert v. a. die Be­schrän­kun­gen ei­ner frei­en Be­richt­erstat­tung, auch die Ge­fah­ren, auf die sie stößt oder die selbst her­auf­be­schwö­ren kann, in Kriegs­ge­bie­ten und in Dik­ta­tu­ren u. U. le­bens­be­dro­hen­de Ge­fah­ren.

    Ver­trau­en muß man sich kon­kret bil­den, durch Er­fah­rung, Ver­trau­en zu In­di­vi­du­en oder auch zu Ver­bän­den wie Zei­tungs­re­dak­tio­nen. Mir fällt bei der ge­gen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on der Blick auf die Tä­tig­keit des Ein­zel­nen zu sehr un­ter den Tisch.

    #13

  14. Joseph Branco sagt:

    Das ist jetzt skur­ril. Das Buch ha­be ich vor lan­ger Zeit ge­kauft, aber im Bü­cher­schrank un­ge­le­sen ver­ges­sen. Wo Sie es er­wäh­nen, fiel es mir wie­der ein. Dan­ke für den Hin­weis. Wer­de ich le­sen.

    #14

  15. Die Be­richt­erstat­tung über Trump zeigt, dass fun­da­men­ta­le Funk­tio­nen des Jour­na­lis­mus’ auf brei­ter Ba­sis nicht mehr funk­tio­nie­ren, et­wa die Un­ter­schei­dung zwi­schen »wich­tig« und »un­wich­tig«, al­so sei­ne häu­fig her­aus­ge­stell­te Fil­ter­funk­ti­on. Auch sei­ne kri­ti­sche Funk­ti­on ist spä­te­stens seit dem Ukrai­ne­kon­flikt auf brei­ter Ba­sis des­avou­iert. Ein noch nicht al­tes Bei­spiel aus Öster­reich: In ei­ner an die Öf­fent­lich­keit ge­spiel­te Email aus dem In­nen­mi­ni­ste­ri­um ist zu le­sen, dass die Po­li­zei­be­hör­den ge­be­ten wer­den, die Zu­sam­men­ar­beit mit be­stimm­ten Me­di­en im ei­ge­nen In­ter­es­se und in Rück­sicht auf das ge­setz­lich ge­bo­te­ne Maß zu mi­ni­mie­ren (man kann die­se Me­di­en, et­wa den Stan­dard oder den Fal­ter, als kri­ti­sche ver­ste­hen oder als nicht ver­trau­ens­wür­dig, je nach Stand­punkt). In ei­ni­gen Kom­men­ta­ren zu der An­ge­le­gen­heit wur­de dar­aus ei­ne Ein­schrän­kung der Pres­se­frei­heit und ei­ne An­wei­sung des In­nen­mi­ni­sters, die nicht be­legt wur­de (ich kann sie nicht aus­ma­chen). Man muss die Vor­ge­hens­wei­se des In­nen­mi­ni­ste­ri­ums nicht mö­gen und nicht gut fin­den, aber die­ses un­be­son­ne­ne Über­schie­ßen und Ver­zer­ren ist ver­rückt, weil das den hier aus­drück­lich not­wen­di­gen, ab­wä­gen­den Dis­kurs ver­un­mög­licht. Mich är­gert so et­was maß­los und wenn sol­che Vor­komm­nis­se viel­leicht im Ver­bund mit an­de­ren Grün­den ei­ne Ket­te von Ent­täu­schung, Ohn­macht und Ra­che an­sto­ßen, dann ha­ben wir ei­ne (Teil)erklärung war­um so­ge­nann­te Po­pu­li­sten ge­wählt wer­den. Mich wun­dert das schon lan­ge nicht mehr.

    #15

  16. die_kalte_Sophie sagt:

    Ich glau­be, die Kri­se des Po­pu­lis­mus ist nicht auf un­ge­wöhn­li­che Fehl­lei­stun­gen des Jour­na­lis­mus zu­rück­zu­füh­ren. Es ist wohl eher so, dass die Kri­se die »ge­wohn­heits­mä­ßi­gen Fehl­lei­stun­gen« des Jour­na­lis­mus grö­ßer er­schei­nen lässt, wie in ei­nem Brenn­glas.
    Ich kann den Trend noch nicht ga­ran­tie­ren, aber ich ver­mu­te, vie­le Re­dak­tio­nen sind be­reits zu dem Schluss ge­kom­men, dass man den Po­pu­li­sten nicht auf den Leim ge­hen darf, und die ewi­ge Ver­su­chung, den Be­richt zum »Kom­men­tar« zu er­wei­tern, die psy­cho­lo­gisch fal­sche Re­ak­ti­on ist. Das Feu­er der Po­pu­li­sten be­kämpft man mit dem Was­ser der Ver­nunft.
    Ich ken­ne bis­her nur zwei ana­ly­ti­sche Mu­ster im Um­gang mit dem Po­pu­lis­mus. Das ei­ne Mu­ster fin­det man bei­spiel­haft bei Jan-Wer­ner Mül­ler: ei­ne de­tail­lier­te Dar­le­gung, war­um die Zie­le und Me­tho­den ir­re­füh­rend und de­struk­tiv sind. Das ist die kri­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se, die al­ler­dings an der Ober­flä­che der Sprach­kor­rek­tur und nor­ma­ti­ven Be­leh­rung ver­harrt.
    Der zwei­te An­satz über­legt, was an die­sem Aus­bund an Ir­ra­tio­na­li­tät ein Ver­säum­nis der po­li­ti­schen Mit­te be­legt, und ver­sucht, Emp­feh­lun­gen für ei­ne an­de­re Po­li­tik, ei­nen an­de­ren Stil, ei­ne an­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­on zu fin­den.
    Ich hal­te den zwei­ten An­satz für rich­tig, ob­wohl er sehr viel Miss­trau­en her­vor­ruft.
    Die­ser An­satz nimmt den Po­pu­lis­mus nur so weit ernst als man sei­ne po­li­ti­schen The­men auf­greift, und ei­ner (dann hof­fent­lich ver­tief­ten) Er­ör­te­rung zu­führt.
    Es müss­ten nach Links und Rechts ge­trennt dann al­le Stecken­pfer­de da­bei sein: Mi­gra­ti­on, Fis­kal­po­li­tik, Ban­ken­uni­on, so­zia­le Ge­rech­tig­keit, Kli­ma­wan­del.
    Nicht oh­ne Grund sind die hei­ßen Ei­sen der Brenn­stoff der Po­pu­li­sten. Die po­li­ti­sche Klas­se muss mit ei­ner gan­zen An­zahl von Teil­neh­mern be­wei­sen, dass sie in der La­ge ist, die­se Kom­ple­xe zu be­wäl­ti­gen; es reicht, wenn man den Ein­druck ge­winnt, dass die Ak­teu­re die The­men in­tel­lek­tu­ell durch­drin­gen. Lö­sun­gen sind ja nicht leicht über Nacht zu schaf­fen.
    Die Rück­kehr der Ver­nunft ist nicht mit ei­nem Me­ta-Dis­kurs zu schaf­fen. So ide­al sind die Be­din­gun­gen von De­mo­kra­tie nicht, und au­ßer­dem ist die Ver­nunft ja kein Selbst­zweck.

    #16

  17. Leopold Federmair sagt:

    Ein sehr ver­nünf­ti­ger Kom­men­tar, und mir scheint, die Ent­schei­dung hin­sicht­lich der Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven kann und soll­te sich viel­leicht an den je­wei­li­gen Um­stän­den ori­en­tie­ren, die in den di­ver­sen Län­dern ziem­lich ver­schie­den sind und sich auch än­dern kön­nen. Ei­ne Be­fürch­tung al­ler­dings: Daß die in­tel­lek­tu­el­le Durch­drin­gung von The­men vie­le Wäh­ler gar nicht mehr juckt, sie so­gar eher ab­schreckt, auf die Pal­me bringt. Es ist dies das Er­geb­nis ver­schie­de­ner zu­sam­men­wir­ken­der tech­no­lo­gi­scher und bildungspolitischer/bildungspraktischer Ent­wick­lun­gen, die ich in mei­ner Es­say-Se­rie halb­wegs zu­sam­men­zu­se­hen ver­sucht ha­be. Es bleibt na­tür­lich noch ei­ni­ges, vie­les zu sa­gen...

    #17

  18. @die_kalte_Sophie
    Die mei­sten Me­di­en be­geg­nen nun dem Po­pu­lis­mus eben nicht mit »Ver­nunft«, son­dern mit der Agi­ta­ti­on des Ge­gen­teils. Hier­für op­fern sie ih­re Be­richt­erstat­tung zu Gun­sten des be­rich­ten­den Kom­men­tars. Bei­des ver­knäu­elt sich nun der­art, dass dem Re­zi­pi­en­ten nur noch ei­nes bleibt: Der Glau­be. So wird jour­na­li­sti­sche Be­richt­erstat­tung zur Re­li­gi­on.

    Und na­tür­lich schä­len sich jetzt die me­dia­len »Sün­den«, sprich: Falsch­be­richt­stat­tun­gen, her­aus. Und »wer ein­mal lügt...«

    #18

  19. Ich ver­mu­te ja, dass das Phä­no­men »Po­pu­lis­mus« in der der­zei­ti­gen Brei­te nicht oh­ne je­nes in­stru­men­tel­le Den­ken, das sich na­he­zu über­all hin aus­ge­brei­tet hat, zu ver­ste­hen ist. Er sam­melt das Un­ter­drück­te, schart es um sich, aber kaum um es zu be­frei­en: All je­ne über­gan­ge­nen Ge­müts­zu­stän­de, Emo­tio­nen und in­ne­ren Be­find­lich­kei­ten, die nicht mehr in ein Den­ken und ei­ne Welt Ein­gang fin­den, die so­zu­sa­gen ge­gen ei­ne sol­che be­stehen, ei­ne, die sich im­mer stär­ker an Funk­ti­ons- und Nutz­zu­sam­men­hän­gen ori­en­tiert. Ein Be­kann­ter sprach ein­mal so tref­fend, viel­leicht ha­be ich es schon ein­mal er­wähnt, von der Aus­dör­rung der in­ne­ren Wel­ten der Men­schen. Der Po­pu­lis­mus als das her­vor­bre­chen­de Ver­dräng­te ei­ner hoch­gra­dig ra­tio­nal or­ga­ni­sier­ten Welt.

    Noch in Er­gän­zung zu Kom­men­tar #16: Es wür­de zu­nächst wohl schon ge­nü­gen, wenn ein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Spra­che und der Per­son ei­nes Po­li­ti­kers be­stün­de, aber, mein Ein­druck mag täu­schen, »sie« spre­chen al­le mehr oder min­der gleich. Die Per­sön­lich­keit ei­nes Men­schen, zu­min­dest je­ner, die ein Be­wusst­sein da­für be­sit­zen, bil­det sich in der Spra­che ab, sie schim­mert so­zu­sa­gen durch. Je­mand der sich »stim­mig« oder im Ein­klang mit sich selbst ver­hält und eben auch spricht, er­zeugt Ver­trau­en, weil er red­lich ist. Das wä­re schon viel. Al­ler­dings hie­ße das, ent­ge­gen der ge­gen­wär­tig wir­ken­den Me­cha­nis­men, in ei­ne sol­che Po­si­ti­on zu kom­men.

    #19

  20. Phorkyas sagt:

    me­te, da­mit ist dir ei­ne fast freu­dia­ni­sche Rück­an­knüp­fung an die vo­ri­ge Auf­klä­rungs-Dis­kus­si­on ge­lun­gen. Es scheint ein­leuch­tend: auf der ei­nen Sei­te die Po­pu­li­sten, die die nie­de­ren, emo­tio­na­len In­stink­te be­die­nen ge­gen­über ei­ner im­mer ef­fi­zi­en­te­ren, ver­wis­sen­schaft­lich­ten, tech­ni­fi­zier­ten Welt, die uns in­ner­lich ab­ge­stumpf­te Wracke nichts mehr er­fah­ren lässt, weil das was auch ge­mein­schaft­li­che Er­fah­rung sein könn­te, durch Even­ti­sie­rung so ka­na­li­siert und zu­ge­rich­tet wird, als lie­fe im­mer­fort ein Sub­ti­tel mit der uns sagt, wie wir uns nun ge­ra­de zu füh­len ha­ben [groß­ar­ti­ge Freu­de].
    Jetzt hat­te ich die­sen Satz als Ein­wand be­gin­nen wol­len, aber er ist in die Zu­stim­mung ent­glit­ten. War­um auch nicht? Nur, die­ser gan­ze Kom­plex von Auf­klä­rung die in My­thos um­kippt oder im­mer noch ih­re auf­plat­zen­den, sub­ku­ta­nen Ge­gen­auf­klä­rungs­bla­sen mit sich trägt, der wird sich wohl selbst dann nicht so leicht er­hel­len las­sen, soll­te ich je­mals den Adorno/Horkheimer aus­le­sen oder mein Alt-Bier ge­leert ha­ben.

    In Er­gän­zung dei­ner Er­gän­zung: Bei Bu­ber glau­be ich gab es die Spra­che des Man oder Es, als ei­ner Spra­che, die bar je­der exi­sten­zi­el­len Be­geg­nung, nur der funk­tio­nel­len All­ge­mein­heit ver­haf­tet ist. Lei­der, so muss man fest­hal­ten, sind es nicht nur Po­li­ti­ker, die von so was an­ge­zo­gen wer­den, son­dern auch wir glei­ten leicht in so et­was ab, das nur noch die all­ge­mei­ne Spra­che uns spricht, das was ge­mein­hin so ge­sagt wird, weil manch­mal auch die Flos­keln ei­nen si­che­re­ren Halt in ih­rer Lee­re zu bie­ten schei­nen, als die un­si­che­re exi­sten­zi­el­le Be­geg­nung...

    PS. Hier über Trump zu stol­pern war für mich zu­nächst wie ein un­wür­di­ger Ab­schluss die­ser Es­say­rei­he, weil mit die­sem Kerl kein Dis­kurs zu ma­chen ist (in ir­gend­ei­nem mei­ner Brow­ser hat­te ich schon ei­nen Trump-Fil­ter in­stal­liert). Lang­sam erst ge­wöh­ne ich mich dar­an, dass man wohl doch sei­nen Na­men nicht völ­lig aus­blen­den kann oder muss. – Dass der kal­te Krieg nun wie­der so ent­flammt, ist ja auch nicht erst seit ge­stern und nicht nur durch ihn, aber.. sind es nur die Mi­li­tärs auf bei­den Sei­ten, die mehr Geld in ih­ren Kas­sen wol­len – dass die Welt nun wie­der nah am Ab­grund ste­hen muss?

    #20

  21. Rich­tig, die Er­fah­rung der »Events« ist ei­ne (zum Teil) ge­plan­te und ge­mach­te, d.h. das Ge­fühls­le­ben der Sub­jek­te wird im Vorn­her­ein zu be­stim­men ver­sucht und ver­liert dar­über sei­ne Selbst­stän­dig­keit. Ich mei­ne da­mit nicht, dass »Events« gar kei­ne an­de­ren Er­fah­run­gen zu­las­sen, aber Ab­wei­chun­gen, al­so nicht In­ten­dier­tes, wird zu mi­ni­mie­ren ver­sucht. Da­ge­gen steht das, was man Le­ben­dig­keit nennt, das eben nicht von An­fang an wie ein Pro­dukt be­stimmt ist und (un­vor­her­seh­ba­ren) Ver­än­de­run­gen un­ter­liegt. Bu­bers »Du«, so neh­me ich an, meint die­se Le­ben­dig­keit, die, wenn man sie an ei­nem Ge­gen­über er­fährt, ver­hin­dert, dass man die­sem bloß in­stru­men­tell be­geg­net. Ein wich­ti­ger Punkt der gan­zen An­ge­le­gen­heit ist, wie Ador­no be­merk­te, dass die Ver­nunft selbst ir­ra­tio­nal wird, wenn sie der sinn­li­chen Sei­te der Sub­jek­te kei­ne Selbst­stän­dig­keit gönnt (und die­se wie­der­um darf sich der Fra­ge nach Wahr­heit nicht ver­wei­gern). Der Po­pu­lis­mus scheint mir (u.a.) von der Ver­nunft be­dräng­te, ab­ge­spal­te­ne und sich ver­selbst­stän­dig­te, sinn­li­che An­tei­le zu sam­meln (und ge­gen die Ver­nunft aus­zu­spie­len). Mehr Bil­dung, al­so ei­ne wech­sel­sei­ti­ge Durch­drin­gung bei­der Po­le könn­te, wenn sie ge­sell­schaft­li­che Aus­wir­kung hät­te, an die­sen Zu­stän­den et­was än­dern, al­ler­dings sieht es nicht da­nach aus, es wird – im Ge­gen­teil – an al­len Ecken und En­den im­mer »tech­ni­scher« oder »öko­no­mi­scher« ge­dacht, die bei­de Spiel­ar­ten der in­stru­men­tel­len Ver­nunft sind (die­se Lo­gi­ken ha­ben längst ih­re Fel­der, auf die sie be­grenzt sein soll­ten ver­las­sen).

    #21

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