Der Wille zum Nichtwissen (9/9)

Anmerkungen zu einer Handvoll legendärer Sätze

9 – Unschuldige Formen der Übertreibung

First, the facts. Zuerst die Fakten. Mit diesem Satz begann Joel Pollak, Chefredakteur der Website Breitbart News, am 23. Januar 2017 seinen Leitartikel, in dem er Donald Trump und seine Mitarbeiter in Schutz nahm, die in Bezug auf die Zahl der bei der Amts­einführung des Präsidenten anwesenden Personen maßlos übertrieben hatten. Kellyanne Conway, seine Sprecherin, hatte von »alternativen Fakten« gesprochen, um Trumps großspurige Behauptung, das Publikum sei zahlreicher gewesen als bei seinem Amtsvorgänger, zu zementieren.

Welche Fakten hatte Pollak in dieser Angelegenheit zu bieten? Nun, er führte aus, daß die Menge von der Tribüne her gesehen, also vom Standort des Präsidenten, gewaltig wirkte – er selbst könne dies bestätigen, denn er habe einen Platz auf der Tribüne ergattert gehabt. Diese Rechtfertigung, der Präsident sei halt einer subjektiven Täuschung erlegen, mag den Journalisten ehren. Vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit aus gesehen ist es bedenklich, wenn subjektive Eindrücke zu Fakten geadelt werden. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik und in der medialen Berichterstattung sollte beides getrennt werden. Was Pollak als Fakten bezeichnete, ist nichts anderes als die Feststellung der Subjektivität der Wahrnehmung, die natürlich für jedermann gilt. Wir haben täglich den Eindruck, die Sonne bewege sich um die Erde, und unsere Sprache spiegelt diesen Eindruck wider: Die Sonne geht auf und sie geht unter. Wir wissen aber heute dank Kopernikus und Galilei, daß die Tatsachen anders liegen.

Subjektive Eindrücke sind keine Tatsachen, ebensowenig wie Übertreibungen oder gar Lügen. Hält man beides nicht auseinander, entzieht man der Möglichkeit vernunft­geleiteten Denkens, Erkennens und Kommunizierens den Boden. Bereits 1987 war in den USA ein Buch erschienen, das Donald Trump – sekundiert von einem gewissen Tony Schwartz – als Verfasser auswies. Darin findet man die Aussage, »die Menschen« würden gern glauben, daß irgend etwas, ein Produkt oder eine Überzeugung, am größten und großartigsten und spektakulärsten sei. Dieses Bedürfnis der Masse nach Superlativen lasse sich durch »wahrhaftige Übertreibungen« befriedigen – ein »unschuldiges« Verfahren und eine sehr »effiziente Art der Werbung«. Das Symptomatische und Bedenkliche an den »alternativen Fakten« Trumps und seiner Mitarbeiter ist nicht die subjektive Fehlbarkeit einzelner Menschen, es ist dieses Bestreben, an die Stelle von Erkenntnis, Tatsachen­prüfung, Wahrheitssuche und vernunftgeleiteter Diskussion bloße Werbung zu setzen, also eine aus der Geschäftswelt stammende Art der Propaganda, die die kampfbetonte Show vorantreibt, zu der die Wirklichkeit umfunktioniert worden ist.

1987 bekannte Donald Trump, daß er die Leute für dumm hält und er ihnen deshalb nichts anderes geben will als Illusionen, die sie in ihrer Dummheit bestätigen. Die digitalen Kommunikationsformen der sogenannten sozialen Medien sind dazu das bestgeeignete Instrument. Es gibt in dieser echtzeitfixierten, impulsiven Kommunikationsform keine Instanz, die Tatsachen und Wahrhaftigkeit, Absichten und Hintergründe prüfen würde. Daher die Fundamentalopposition des Rattenfängers gegen seriöse Tageszeitungen und andere traditionelle Massenmedien. Die pauschalisierende Rede von der »Lügenpresse« ist eine Propagandaformel von Akteuren, die am eigenen Erfolg, nicht aber an der Wahrheit interessiert sind. Und jene, die im Schatten von verantwortungsfreier Anonymität oder Pseudonymität ihren Instinkten freien Lauf lassen, wiederholen sie viral, um sich ihre selbst- oder fremdverschuldeten Frustrationen von der Leber zu posten. Nietzsche, der Vornehme, hätte mit diesem Sieg der Instinkte keine Freude gehabt.

<- 8 - Denken ist vor allem Mut.

© Leopold Federmair

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19 Kommentare zu »Der Wille zum Nichtwissen (9/9)«:

  1. »Alternative Fakten« sind ja längst nicht nur mehr ein Vorgehen von populistischen Bewegungen. Wer die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland seit den 1990er-Jahren in Bezug auf Berichterstattungen zu Konflikten, Kriegen oder auch scheinbar notwendigen »Interventionen« untersucht, kommt zu teilweise katastrophalen Befunden. Das geht von der »Brutkastenlüge« 1990 über die einseitigen Berichterstattungen zu den Jugoslawien-Kriegen in den 1990ern, dem angeblichen Überfall Russlands auf Georgien 2008 bis hin zu den erfundenen Massakern in Libyen 2011, die die Interventionen rechtfertigen sollten. Deutschland wurde die Intervention in Afghanistan 2001 als »Brunnenbauen« erzählt – es war in Wirklichkeit ein veritabler und gefährlicher Kriegseinsatz. Auch innenpolitisch klafft immer mehr eine Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Ich erspare mir die Beispiele. Die im nachhinein sehr selektive Berichterstattung der einst durchaus geschätzten Medien führten zu einem schleichenden Vertrauensverlust.

    Die Entfremdung zwischen Rezipienten und Journalisten ist keineswegs einseitig und keine alleinige Sache von »Rattenfängern« (wie nämlich Rezipienten auch keine Ratten sind). Dass, was man inzwischen mit dem Kaugummiwort »Populismus« überzieht ist in Wirklichkeit Produkt einer Entwicklung. Man kann diese mit den gängigen Vokabeln verteufeln. Lösen wird man dies damit nicht.

    #1

  2. Leopold Federmair sagt:

    Schon, es gibt natürlich immer eine Vorgeschichte, und davor eine Vorgeschichte. Mir scheint jedoch – wieder mal – ein neuer Punkt, eine neue Qualität erreicht zu sein, wenn falsche, erfundene »Fakten« nicht nur hintenrum lanciert werden oder, was immer passieren kann, auch bei besten Absichten, daß Fakten schlecht, mißverständlich, tendenziös etc. dargestellt werden, sondern wenn man von vornherein davon ausgeht, daß jeder seine Privatfakten hat, mit denen er grundsätzlich nach Belieben vorgehen kann – was dann eben in der Regel heißt, sie zu Werbezwecken, zur Vertuschung, im bloßen (politischen, kommerziellen) Eigeninteresse einzusetzen. Das ist ein wesentlicher Grund, warum mir doch scheint, daß wir auf dem Wahrheitsanspruch und Wahrheitsbegriff bestehen sollten. Vor allem zu dem Behuf, daß eine sinnvolle, vernünftige Diskussion, auch kommunikatives Handeln genannt, überhaupt möglich – nein, anvisierbar ist. Andernfalls wird das, was wir Demokratie nennen (zugegeben, auch diese Definition ist schwierig), obsolet.

    #2

  3. Selbstverständlich muss man auf einem Wahrheitsanspruch bestehen. Keine Frage. Aber für mich bleibt die Frage ob eine Diskussion um »alternative Fakten« nicht eine Scheindiskussion ist. Indem jeder für sich »Fakten« generiert und dies auch offen zugesteht, so ist damit nicht der Wahrheitsanspruch an sich diskreditiert, sondern die Personen, die so handeln. Das beste Beispiel ist die »Diskussion« um die Anzahl der Zuschauer bei der Inauguration von Trump. Dessen Lager behauptet, es seien mehr Leute anwesend als bei Obama acht Jahre zuvor. Ein kleiner Vergleich zeigt, dass dies Unfug ist.

    Das »alternative Faktum« ist derart eindeutig eine Lüge, dass man am Ende nur noch schmunzeln kann. Viel subtiler sind jene versteckten Halbwahrheiten wie ich sie in meinem Kommentar skizziert hatte. Die kommen eben vor allem aus den Medien und nicht nur aus den sogenannten »sozialen Medien«, die ja schnell für alle möglichen Falschmeldungen verantwortlich gemacht werden. Dabei gab es Propaganda immer schon. Das sagt ein Kind des Kalten Krieges, der in den 1970ern eifriger Hörer von Kurzwellenprogrammen aus Osteuropa war, weil man dort vermeintlich andere Aspekte zu Gehör bekam.

    Schwierig wird es, wenn im Laufe der Zeit der Rezipient tröpfchenweise von den Halbwahrheiten erfährt, die in den etablierten Medien mit Wahrheitsanspruch verbreitet wurden. Man ist ja schon für ein Dementi, eine klarstellende Dokumentation, dankbar, die Jahre später irgendwann auf einem Spartenkanal um 23.30 Uhr beginnt, während die Hysterisierungen damals zur Prime Time um 20.00 Uhr liefen.

    #3

  4. Leopold Federmair sagt:

    Hysterisierungen… Den medialen Kontext habe ich im Artikel nicht beschrieben, spielt sicher eine wesentliche Rolle. Mir scheint, daß Hysterisierungen zu einem Prinzip geworden sind, das ein ausschließlich kommerziell orientierter, auf Einschalt-, Klick- und sonstige Nutzungsquoten fixierter Betrieb unweigerlich hervorbringt. Dem kommerziellen Erfolg opfert man dann leicht den Wahrheitsanspruch (der ja letztlich ein ethisches Postulat ist, kein gnoseologisches). Einzelne Journalisten können und sollen dagegenhalten, aber wahrscheinlich sind sie doch auf verlorenem Posten. Ein ehrenwerter Platz, übrigens.

    #4

  5. Trump und seine Entourage, die mit »alternativen Fakten« regieren wollen (und dies inzwischen tun), sind nur im medialen Kontext verstehbar. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, dass Trump ohne die zum Teil wütenden und eher von Wunschdenken als von rationalen Einsichten geprägten medialen Gegnerschaften nicht hätte reüssieren können. (Im Fall von Trump kam aber noch etwas anderes dazu: Die Gegenkandidatin, Hillary Clinton, wurde auch von den sich progressiv gebenden Medien äußerst kritisch gesehen.)

    Am Ende wurde jede – berechtigte – Entrüstung über Trumps Verhalten oder Wortwahl zu einem Trumpf für ihn. Trumps (journalistische) Gegner unterschätzten ihn zunächst, um ihn dann mit seinen eigenen Mitteln schlagen zu wollen. Daher spreche ich von Hysterisierungen. Im deutschen Journalismus gilt inzwischen, dass bei jedem kleinsten sich am Horizont zeigenden Problem für Trump das Totenglöckchen für dessen Präsidentschaft geläutet wird. Eingetreten ist davon nichts.

    Das alles hat nur zum Teil mit der Kommerzialisierung des Journalismus zu tun. Es könnte sich auch um einen reduzierten Wahrheitsanspruch von Journalisten handeln – und zwar auf beiden Seiten. Das ist kein Phänomen digitaler Medien alleine. In den 1980er und 1990er Jahren wurde Helmut Kohl als Kanzler in gewissen Medien ebenfalls bekämpft, heruntergeschrieben und ihm politische Probleme angelastet. Journalisten wollten Wahlen entscheiden. Genutzt hat es nichts; Kohl wurde immer wieder gewählt. Erst als man seine bräsige Art nicht mehr ertragen konnte, erfolgte 1998 die Abwahl. Heutzutage wird der Meinungsjournalismus durch die sozialen Medien natürlich unendlich verstärkt.

    #5

  6. Joseph Branco sagt:

    Zum Thema Fakten hat Gregor Keuschnig alles Wichtige gesagt.

    Hätte die Presseabteilung von Trump nach der Inauguration verbreitet, dass Trump-Wähler während der Woche hart arbeiten müssen und nicht in Washington rumgammeln können wie die Obama-Homies, wäre die Lüge nicht nötig gewesen und die Klientel befriedigt worden. Diese Leute sind sicher nicht dumm und kommen auch auf solch einfache Gedanken.

    Die für mich einzige Erklärung ist dann auch die banalste: Trump hat einfach aus dem Sandkasten getwittert. Die alternative facts waren dann nur ein gefundenes Fressen für die Liberalen. Washington Post und New York Times haben auch nur Interessen und wenn man ansatzweise die Lügen von Clinton kennt, wendet man sich angewidert ab.

    #6

  7. Leopold Federmair sagt:

    Trump ist nicht einfach nur ein Twitter-Kasper, er ist ein Symptom (aus diesem Grund hab ich ihn und die Seinen in diesen Essay hereingenommen). Symptom einer Entwicklung, die man m. E. nicht ganz zu Unrecht als heraufziehende post-truth-Epoche bezeichnet. An die Stelle eines immer auch moralisch motivierten Wahrheitsanspruchs tritt die erfolgreiche Selbstdarstellung. Je besser, geschickter, lauter, wirksamer diese ist, desto mehr wird der Player (oder Kandidat) geachtet und honoriert. Deshalb schaden ihre diversen »Ausrutscher«, Unbeherrschtheiten, egoistischen, gewaltschwangeren Äußerungen oder Ausbrüche und schließlich auch Handlungen den Berlusconis, Trumps, Dutertes und jetzt auch bald, in Brasilien, Bolsonaros nicht – im Gegenteil. Es ist, allgemein gesprochen, eine utilitaristische »Moral« oder Postmoral, deren sich der Populismus aller Spielarten befleißigt. Beunruhigend (für mich jedenfalls), daß schon Bertolt Brecht einer solchen Zuerst-mein-Fressen-Moral huldigte. »Schön ist, was uns nützt«, sprach der Dichter bei anderer Gelegenheit.
    Die sog. sozialen Medien (»digitalsozial« wäre passender) bieten den passenden medialen Kontext für die hier angedeutete Enwicklung. Es ist kein Zufall, daß die genannten Kandidaten und Präsidenten nicht mehr zu Journalisten sprechen, die das Gesagte prüfen und sieben und interpretieren könnten, sondern »unmittelbar« via Twitter und Facebook zu denen, die inzwischen daran gewöhnt sind, täglich Wasser auf ihre Mühlen der Empörung und der Selbstbestätigung zu bekommen.

    #7

  8. Das Problem ist, dass die Journalisten, die sich ja immer noch als »Gatekeeper« sehen, längst ebenso diskreditiert sind wie die Trumps und Berlusconis. Joseph Branco sprach über Bill Clinton und dessen Lügen, die all diejenigen, die nun die Presse als Wahrheitsinstanz implementieren wollen, damals wenig interessierten. Da waren es die Rechten, die aus dem außerehelichen Verhältnis zur Praktikantin den Präsidenten aus dem Amt jagen wollten. Heuchelei überall. Heute stürzen sich alle auf die Niederschriften einer Porno-Darstellerin statt sich um die politischen Arbeit Trumps zu kümmern.

    #8

  9. Leopold Federmair sagt:

    In den westlichen Demokratien galten seit dem Ende des 2. Weltkriegs die Massenmedien, allen voran die Presse, als Kontrollinstanz gegenüber der Macht. Wieweit sie diese Rolle wirklich gespielt haben, ist eine andere Frage, es gab aber, und gibt immer noch, Journalisten, die sehr viel, manchmal ihr Leben, aufs Spiel gesetzt haben, um die Wahrheit über die Mächtigen ans Tageslicht zu bringen. Ich sehe durchaus das Problem, daß der Journalismus in Deutschland oder Frankreich viel seines Kredits verspielt hat, sich auf die Seite der Macht geschlagen hat – halte aber immer noch Zeitschriften wie den Spiegel oder in den USA Tageszeitungen wie die New York Times für Foren, die unsereinem dabei helfen, sich einen Reim über gegenwärtige Entwicklungen zu machen – und die eben auch das Spiel der Macht und der Mächte im Hintergrund (Lobbys) aufzeigen. Die digitalsozialen Medien tragen dazu bei, daß diese Instanz als solche bedroht ist und möglicherweise verschwinden wird. Ich denke, daß das eine äußerst gefährlich Entwicklung ist, vielleicht der entscheidende Faktor, der die schleichende Installierung eines massenbasierten Faschismus ermöglichen könnte.

    #9

  10. Joseph Branco sagt:

    Trump ist nicht einfach nur ein Twitter-Kasper, er ist ein Symptom (…). Symptom einer Entwicklung, die man m. E. nicht ganz zu Unrecht als heraufziehende post-truth-Epoche bezeichnet.

    Meine Intention war, zu fragen, warum eine Provokation verwendet wurde, wenn es auch eine politisch korrekte Antwort gegeben hätte. Daher stimme ich zu, dass Trump ein Symptom ist, ein Symptom für eine Öffentlichkeit, die mediales Opfer der Kommunikationsabteilungen wurde, die aber nach einer wie auch immer gearteten Wahrhaftigkeit giert. Die Wahrhaftigkeit, die man für die Lösung eines Problems benötigt und nicht für die Durchsetzung von Partialinteressen. Irgendwann ist die Reizschwelle so weit gesenkt, dass nach jedem gerade passenden Ziel geschnappt wird. Das ist nicht mehr die Zeit der Syllogismen, das ist die Zeit des Populismus.

    Ihre Sicht auf den Journalismus empfinde ich als arg romantisch. Den Zahn hat mir das Leben lange gezogen. Die Washington Post, der Vorreiter der Anti-Trumpkampagne, gehört Jeff Bezos. Und der vertritt Interessen und keine höheren Ideale. Bei uns sieht die Lage nicht viel anders aus. Wie Gregor Keuschnig so schön angerissen hat, ist die Glaubwürdigkeit systematisch zerstört worden und in fruchtbaren Boden für die Rattenfänger verwandelt worden. Sie beschreiben selbst, dass es sich um ein globales Problem handelt. Daher sollte die Ursache auch eine globale sein. Ich sehe da keine Alternative, als den nach 1989 installierten globalen Finanzkapitalismus. Trump etc. sind da nur Girlande.

    #10

  11. Leopold Federmair sagt:

    Romantisch, mag sein. Und einzige Alternative Finanzkapitalismus, also keine Alternative, mag auch sein. Ich will mich trotzdem nicht damit abfinden, vielleicht nur deshalb, weil ich dann jeden Antrieb, noch was zu schreiben, verlieren könnte.

    In einem heute erschienenen Artikel mit der Überschrift »Eine trumpianische Welt oder das Recht des Stärkeren« (Un monde «trumpien» ou la loi du plus fort) weist der Journalist Thomas Cantaloube darauf hin, daß in den letzten Monaten innerhalb der EU drei Journalisten ermordet wurden (in Slowakei, Bulgarien, Malta). Auch das ist ein Symptom, und kein romantisches, sondern dafür, daß die Mächtigen keinen
    Spaß verstehen. Ein Symptom aber auch dafür, daß sich immer noch eine ganze Reihe von Leuten mit dem Recht des Stärkeren nicht abfinden wollen. Wenn ich wen lesen/hören will, dann die.

    Der erwähnte Artikel steht übrigens in Mediapart, einer Internet-Tageszeitung, deren Chefredakteur Edwy Plenel ist, der früher, als diese Zeitung noch lesenswerter war, in leitenden Positionen bei Le Monde war. Mediapart versucht ein neues Modell, kein Gratisdigitalblatt, sondern man muß bezahlen, also abonnieren, und bisher funktioniert das ganz gut. Ein Gegenmodell zu von Konzernen etc. abhängigen Organen.

    #11

  12. Joseph Branco sagt:

    Fragte ich in meinem Umfeld nach gutem Journalismus, würde wahrscheinlich der Name Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung am häufigsten fallen. Heribert Prantl wird aber nicht aufgrund seiner Arbeit ermordet werden, der kennt die Grenzen seines Käfigs, weiß sich aber zu inszenieren.

    Bei den ermordeten Journalisten habe ich das Problem, dass ich nicht überschauen kann, ob sie wahrhaftig sind. Die Behauptung einer der Guten zu sein, ist zu wenig. Was ich z.B. von Daphne Caruana gelesen habe, stimmt mich da nicht sehr optimistisch. Bellingcat ist auch so ein Beispiel. Soll ich denen trauen? Mein Gefühl sagt mir nein, die Tagesschau tut es. Vertrauen ist ein hoher Kredit, den ich nicht leichtfertig vergebe. Wenn ich ein Interview mit dem als Experten eingeführten Leiter des Instituts für hassenichtgesehen höre, möchte ich erst wissen, wer ihn bezahlt. Zumindest muss er sein Wappen offen vor sich hertragen.

    #12

  13. Leopold Federmair sagt:

    Ich würde hier Joris Luyendijk nennen mit seinem Buch über »Bilder und Lügen in Zeiten des Kriegs«, aber auch dem neueren über die Londoner Banker, beide im realen Journalismus wurzelnd. Das erstgenannte thematisiert v. a. die Beschränkungen einer freien Berichterstattung, auch die Gefahren, auf die sie stößt oder die selbst heraufbeschwören kann, in Kriegsgebieten und in Diktaturen u. U. lebensbedrohende Gefahren.

    Vertrauen muß man sich konkret bilden, durch Erfahrung, Vertrauen zu Individuen oder auch zu Verbänden wie Zeitungsredaktionen. Mir fällt bei der gegenwärtigen Diskussion der Blick auf die Tätigkeit des Einzelnen zu sehr unter den Tisch.

    #13

  14. Joseph Branco sagt:

    Das ist jetzt skurril. Das Buch habe ich vor langer Zeit gekauft, aber im Bücherschrank ungelesen vergessen. Wo Sie es erwähnen, fiel es mir wieder ein. Danke für den Hinweis. Werde ich lesen.

    #14

  15. Die Berichterstattung über Trump zeigt, dass fundamentale Funktionen des Journalismus‘ auf breiter Basis nicht mehr funktionieren, etwa die Unterscheidung zwischen »wichtig« und »unwichtig«, also seine häufig herausgestellte Filterfunktion. Auch seine kritische Funktion ist spätestens seit dem Ukrainekonflikt auf breiter Basis desavouiert. Ein noch nicht altes Beispiel aus Österreich: In einer an die Öffentlichkeit gespielte Email aus dem Innenministerium ist zu lesen, dass die Polizeibehörden gebeten werden, die Zusammenarbeit mit bestimmten Medien im eigenen Interesse und in Rücksicht auf das gesetzlich gebotene Maß zu minimieren (man kann diese Medien, etwa den Standard oder den Falter, als kritische verstehen oder als nicht vertrauenswürdig, je nach Standpunkt). In einigen Kommentaren zu der Angelegenheit wurde daraus eine Einschränkung der Pressefreiheit und eine Anweisung des Innenministers, die nicht belegt wurde (ich kann sie nicht ausmachen). Man muss die Vorgehensweise des Innenministeriums nicht mögen und nicht gut finden, aber dieses unbesonnene Überschießen und Verzerren ist verrückt, weil das den hier ausdrücklich notwendigen, abwägenden Diskurs verunmöglicht. Mich ärgert so etwas maßlos und wenn solche Vorkommnisse vielleicht im Verbund mit anderen Gründen eine Kette von Enttäuschung, Ohnmacht und Rache anstoßen, dann haben wir eine (Teil)erklärung warum sogenannte Populisten gewählt werden. Mich wundert das schon lange nicht mehr.

    #15

  16. die_kalte_Sophie sagt:

    Ich glaube, die Krise des Populismus ist nicht auf ungewöhnliche Fehlleistungen des Journalismus zurückzuführen. Es ist wohl eher so, dass die Krise die »gewohnheitsmäßigen Fehlleistungen« des Journalismus größer erscheinen lässt, wie in einem Brennglas.
    Ich kann den Trend noch nicht garantieren, aber ich vermute, viele Redaktionen sind bereits zu dem Schluss gekommen, dass man den Populisten nicht auf den Leim gehen darf, und die ewige Versuchung, den Bericht zum »Kommentar« zu erweitern, die psychologisch falsche Reaktion ist. Das Feuer der Populisten bekämpft man mit dem Wasser der Vernunft.
    Ich kenne bisher nur zwei analytische Muster im Umgang mit dem Populismus. Das eine Muster findet man beispielhaft bei Jan-Werner Müller: eine detaillierte Darlegung, warum die Ziele und Methoden irreführend und destruktiv sind. Das ist die kritische Herangehensweise, die allerdings an der Oberfläche der Sprachkorrektur und normativen Belehrung verharrt.
    Der zweite Ansatz überlegt, was an diesem Ausbund an Irrationalität ein Versäumnis der politischen Mitte belegt, und versucht, Empfehlungen für eine andere Politik, einen anderen Stil, eine andere Kommunikation zu finden.
    Ich halte den zweiten Ansatz für richtig, obwohl er sehr viel Misstrauen hervorruft.
    Dieser Ansatz nimmt den Populismus nur so weit ernst als man seine politischen Themen aufgreift, und einer (dann hoffentlich vertieften) Erörterung zuführt.
    Es müssten nach Links und Rechts getrennt dann alle Steckenpferde dabei sein: Migration, Fiskalpolitik, Bankenunion, soziale Gerechtigkeit, Klimawandel.
    Nicht ohne Grund sind die heißen Eisen der Brennstoff der Populisten. Die politische Klasse muss mit einer ganzen Anzahl von Teilnehmern beweisen, dass sie in der Lage ist, diese Komplexe zu bewältigen; es reicht, wenn man den Eindruck gewinnt, dass die Akteure die Themen intellektuell durchdringen. Lösungen sind ja nicht leicht über Nacht zu schaffen.
    Die Rückkehr der Vernunft ist nicht mit einem Meta-Diskurs zu schaffen. So ideal sind die Bedingungen von Demokratie nicht, und außerdem ist die Vernunft ja kein Selbstzweck.

    #16

  17. Leopold Federmair sagt:

    Ein sehr vernünftiger Kommentar, und mir scheint, die Entscheidung hinsichtlich der Handlungsalternativen kann und sollte sich vielleicht an den jeweiligen Umständen orientieren, die in den diversen Ländern ziemlich verschieden sind und sich auch ändern können. Eine Befürchtung allerdings: Daß die intellektuelle Durchdringung von Themen viele Wähler gar nicht mehr juckt, sie sogar eher abschreckt, auf die Palme bringt. Es ist dies das Ergebnis verschiedener zusammenwirkender technologischer und bildungspolitischer/bildungspraktischer Entwicklungen, die ich in meiner Essay-Serie halbwegs zusammenzusehen versucht habe. Es bleibt natürlich noch einiges, vieles zu sagen…

    #17

  18. @die_kalte_Sophie
    Die meisten Medien begegnen nun dem Populismus eben nicht mit »Vernunft«, sondern mit der Agitation des Gegenteils. Hierfür opfern sie ihre Berichterstattung zu Gunsten des berichtenden Kommentars. Beides verknäuelt sich nun derart, dass dem Rezipienten nur noch eines bleibt: Der Glaube. So wird journalistische Berichterstattung zur Religion.

    Und natürlich schälen sich jetzt die medialen »Sünden«, sprich: Falschberichtstattungen, heraus. Und »wer einmal lügt…«

    #18

  19. Ich vermute ja, dass das Phänomen »Populismus« in der derzeitigen Breite nicht ohne jenes instrumentelle Denken, das sich nahezu überall hin ausgebreitet hat, zu verstehen ist. Er sammelt das Unterdrückte, schart es um sich, aber kaum um es zu befreien: All jene übergangenen Gemütszustände, Emotionen und inneren Befindlichkeiten, die nicht mehr in ein Denken und eine Welt Eingang finden, die sozusagen gegen eine solche bestehen, eine, die sich immer stärker an Funktions- und Nutzzusammenhängen orientiert. Ein Bekannter sprach einmal so treffend, vielleicht habe ich es schon einmal erwähnt, von der Ausdörrung der inneren Welten der Menschen. Der Populismus als das hervorbrechende Verdrängte einer hochgradig rational organisierten Welt.

    Noch in Ergänzung zu Kommentar #16: Es würde zunächst wohl schon genügen, wenn ein Zusammenhang zwischen der Sprache und der Person eines Politikers bestünde, aber, mein Eindruck mag täuschen, »sie« sprechen alle mehr oder minder gleich. Die Persönlichkeit eines Menschen, zumindest jener, die ein Bewusstsein dafür besitzen, bildet sich in der Sprache ab, sie schimmert sozusagen durch. Jemand der sich »stimmig« oder im Einklang mit sich selbst verhält und eben auch spricht, erzeugt Vertrauen, weil er redlich ist. Das wäre schon viel. Allerdings hieße das, entgegen der gegenwärtig wirkenden Mechanismen, in eine solche Position zu kommen.

    #19

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