Kö­nigs­ma­cher und Kon­troll­freak

Ei­ne Be­mer­kun­gen zum Film »Ke­vin Küh­nert und die SPD« von Ka­tha­ri­na Schie­le und Lu­cas Strat­mann

Ir­gend­wann 2019 trifft sich Ke­vin Küh­nert im Rah­men ei­ner Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung mit Phil­ipp Amt­hor, dem vier Jah­re jün­ge­ren Nach­wuchs­star der CDU. Die Le­bens­läu­fe äh­neln sich. Bei­de ha­ben ihr gan­zes bis­he­ri­ges Be­rufs­le­ben in Gre­mi­en von po­li­ti­schen Par­tei­en ver­bracht und dort re­üs­siert. Amt­hor hat im­mer­hin die »Er­ste Ju­ri­sti­sche Prü­fung« ab­sol­viert, Küh­nert ist Stu­di­en­ab­bre­cher. Der auf­merk­sa­me Zu­schau­er er­in­nert sich an ei­ne Sze­ne im Film, dass ein Bild des Kop­fes von Amt­hor an ir­gend­ei­ner Pinn­wand im Wil­ly-Brandt-Haus im Hin­ter­grund se­hen war als sich Küh­nert und sei­ne En­tou­ra­ge Hoch­rech­nun­gen an­schau­ten – ver­mut­lich als Scherz­mit­tel. Amt­hor er­kun­digt sich, war­um ein Film­team da­bei ist und Küh­nert klärt ihn auf, dass dies für ei­ne Lang­zeit-Do­ku­men­ta­ti­on sei; ge­plant bis zur Bun­des­tags­wahl 2021. Er ha­be das auch schon mal über­legt, so Amt­hor, der sich ver­mut­lich sor­gen wür­de, dass die Pri­vat­heit zu kurz kommt. Kein Pro­blem, klärt ihn Küh­nert auf, »wenn ich sa­ge ‘ist nicht’ – dann ist nicht«.

Ge­nau dies muss man in den mehr als drei Stun­den, den der Film »Ke­vin Küh­nert und die SPD« dau­ert (or­dent­lich por­tio­niert auf sechs Fol­gen), im­mer im Au­ge ha­ben: Es ist die ste­ri­le Au­then­ti­zi­tät ei­nes »Best of«, wel­ches Ka­tha­ri­na Schie­le und Lu­cas Strat­mann von Ke­vin Küh­nert zwi­schen 2018 und 2021 mit des­sen Er­laub­nis zei­gen. Es ist ei­ne Si­mu­la­ti­on von Rea­li­tät, ein be­stimm­tes Image trans­por­tie­rend. Ge­zeigt wird je­mand, der per­ma­nent Me­di­en kon­su­miert und sich in den Me­di­en Prä­senz ver­schafft, eben weil er in ei­ner Po­si­ti­on als Ju­so-Vor­sit­zen­der (bis En­de 2020) ge­nau die­se Prä­senz er­hält. Küh­nert, der stän­dig un­ter Strom zu sein scheint, ist Ak­teur in ei­ner selbst­re­fe­ren­ti­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­spi­ra­le ei­ner Po­lit­bubble, die nur ei­nen Fix­punkt hat: Ke­vin Küh­nert.

Er macht es den Me­di­en leicht, ist ein dank­ba­rer In­ter­view­part­ner, (fast) stän­dig ver­füg­bar und re­ak­ti­ons­schnell, wenn es dar­um geht, Aus­sa­gen sei­ner Ge­nos­sen und/oder des po­li­ti­schen Geg­ners schlag­zei­len­träch­tig zu kom­men­tie­ren. Wenn er den säch­si­schen Mi­ni­ster­prä­si­den­ten Kret­schmer als »Sprech­au­to­mat« be­zeich­net, so ist dies durch­aus als Di­stanz zu den Phra­sen des Po­lit­be­triebs ge­meint, die Küh­nert im­mer ver­sucht ist, zu um­ge­hen um ei­ge­ne Punk­te zu set­zen.

Bei al­ler In­sze­nie­rung – es gibt sie eben doch, die ehr­li­chen Mo­men­te. Als Küh­nert im Eu­ro­pa­wahl­kampf in der ober­ber­gi­schen Pro­vinz vor­fährt und für ein paar Stun­den das Ba­sis­par­füm in ei­ner Gast­stät­te ein­at­met, bricht er sich noch vor dem Buf­fet auf. Man ver­ab­schie­det ihn herz­lich; er ist wirk­lich ei­ne Art von Hoff­nungs­trä­ger. Als die Au­to­tür zu­schlägt ent­fleucht ihm ein Seuf­zer: »Mei­ne Gü­te«. Und da blitzt die Ver­ach­tung des Funk­tio­närs dem Klein­bür­ger ge­gen­über auf.

Als er in ei­nem ZEIT-In­ter­view 2019 die Kol­lek­ti­vie­rung von Un­ter­neh­men als lang­fri­sti­ges Ziel aus­gibt, um den Ka­pi­ta­lis­mus zu über­win­den, kon­tert er den Wi­der­spruch auch in den ei­ge­nen Rei­hen mit ei­nem trot­zi­gen »das muss­te mal ge­sagt wer­den« und mo­niert, dass der Bei­trag im Netz im­mer noch hin­ter ei­ner Be­zahl­schran­ke ver­bor­gen ist. Wenn hier­zu die In­ter­view­an­fra­gen an­de­rer Me­di­en ex­plo­die­ren, kon­tert Küh­nert dies mit »Aas­geie­rei«, weil die zu er­war­ten­den Fra­ge­stel­lun­gen nicht nach sei­nem Ge­schmack aus­fal­len dürf­ten. Wenn er könn­te, wür­de er auch noch die Fra­gen an sich sel­ber for­mu­lie­ren wol­len. Im­mer­hin wird der »Volks­ver­pet­zer« ge­lobt, der als Si­de­kick zu Küh­nerts Pres­se­spre­cher die In­ter­view-Pas­sa­ge ent­spre­chend deu­tet.

Bei DWDL steht zu le­sen, was Küh­nert zur Do­ku­men­ta­ti­on sag­te: »Vie­le lei­ten ihr Ver­ständ­nis von po­li­ti­schen Pro­zes­sen und Par­la­men­ta­ris­mus von dem ab, was sie in Fil­men und Se­ri­en se­hen, wäh­rend das kon­kre­te Ver­ständ­nis des ei­ge­nen na­tio­na­len oder re­gio­na­len Par­la­ments sehr ge­ring aus­ge­prägt ist.« Wei­ter steht dort, er, al­so Küh­nert, »ha­be zei­gen wol­len, ‘wie Po­li­tik aus­se­hen kann, wenn sie nicht aus dem par­la­men­ta­ri­schen Zu­sam­men­hang her­aus kommt’ «.

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Sahra Wa­gen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten
Sahra Wa­gen­knecht:
Die Selbst­ge­rech­ten

Sahra Wa­gen­knecht ge­hört in Deutsch­land zwar zu den be­kann­te­sten Po­li­ti­kern der Par­tei Die Lin­ke (hier im wei­te­ren »Links­par­tei« ge­nannt, um die­se von der all­ge­mein­po­li­ti­schen Rich­tung »Lin­ke« ab­zu­gren­zen), aber ist auch ein Bei­spiel da­für, dass Be­kannt­heit, über­par­tei­li­che Be­liebt­heit und Re­spekt nicht au­to­ma­tisch mit Ein­fluss in der je­wei­li­gen Par­tei ver­bun­den ist. Man spricht dann schnell von je­man­den, der »in der fal­schen Par­tei« sei.

Man kann Wa­gen­knecht vie­les vor­wer­fen, aber Angst vor Kon­flik­ten ge­hört nicht da­zu. Trotz ih­rer Ent­mach­tung nebst Ab­lö­sung als Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Links­par­tei im Bun­des­tag 2019 und dem mehr oder we­ni­ger sicht­ba­ren Schei­tern ei­ner au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen, lin­ken Samm­lungs­be­we­gung »auf­ste­hen« wagt sie sich im­mer wie­der ins Ge­tüm­mel. So wur­de sie un­längst zur Spit­zen­kan­di­da­tin der Links­par­tei in NRW ge­wählt, was da­hin­ge­hend in­ter­es­sant ist, weil Wa­gen­knecht ei­gent­lich nichts mit die­sem Bun­des­land zu tun hat. Was sie nicht da­von ab­hält, im Wahl­kreis Düs­sel­dorf II an­zu­tre­ten.

Zum in­ner­par­tei­li­chen Streit­fall wur­de die Kan­di­da­tur un­ter an­de­rem durch die Pu­bli­ka­ti­on ih­res neue­sten Bu­ches »Die Selbst­ge­rech­ten«, in dem Wa­gen­knecht fu­ri­os mit dem so­ge­nann­ten »Links­li­be­ra­lis­mus« ins Ge­richt geht, für den sie bis­wei­len den leicht de­spek­tier­li­chen, aber grif­fi­gen Be­griff »Life­style-Lin­ke« ver­wen­det.

Al­len Be­kennt­nis­sen zum Trotz ist »Die Selbst­ge­rech­ten« bis­wei­len durch­aus auch ei­ne Ab­rech­nung. Da­bei ist es kein Zu­fall, dass es star­ke Über­ein­stim­mun­gen mit Bernd Ste­ge­manns »Die Öf­fent­lich­keit und ih­re Fein­de« gibt – war doch Ste­ge­mann Mit­grün­der und im Vor­stand von »auf­ste­hen«. Wa­gen­knechts Vor­ha­ben geht aber wei­ter. Zwar kri­ti­siert sie zu­nächst auf rund 200 Sei­ten die so­ge­nann­te »lin­ke« Iden­ti­täts­po­li­tik, aber an­schlie­ßend fol­gen auf rund 140 Sei­ten Po­si­tio­nie­run­gen für ei­ne neue, zeit­ge­mä­sse »lin­ke« Po­li­tik, die die­sen Na­men ver­die­nen soll.

Ent­frem­de­te Life­style-Lin­ke

Im Fo­kus von Wa­gen­knechts Kri­tik steht der »Links­li­be­ra­lis­mus«. Da­mit meint sie aus­drück­lich nicht die so­zi­al­li­be­ra­le Po­li­tik­rich­tung der Re­gie­run­gen zwi­schen 1969 und 1982: »Wenn in die­sem Buch von Links­li­be­ra­lis­mus die Re­de ist, ist der Be­griff im­mer im mo­der­nen Ver­ständ­nis als Be­zeich­nung für die Welt­sicht der Life­style-Lin­ken ge­meint und nie in dem frü­he­ren Wort­sinn.« Die­se Un­ter­schei­dung sei wich­tig weil bei­de Denk­rich­tun­gen nichts mit­ein­an­der zu tun hät­ten. Den Be­griff ver­wen­de sie trotz­dem, weil er sich eta­bliert ha­be. Da­mit ver­fährt sie ähn­lich wie in ih­rem Buch »Frei­heit statt Ka­pi­ta­lis­mus« von 2011, in dem »Neo­li­be­ra­lis­mus« eben­falls in der zeit­ge­nös­si­schen Kon­no­ta­ti­on (vul­go: de­re­gu­lier­tes Wirt­schafts­sy­stem) ver­wen­det wird und nicht im Sin­ne der ordo-li­be­ra­len Ent­wür­fe von Eucken und Mül­ler-Arm­ack (ob­wohl sie die­se er­wähnt).

Die vor­ge­brach­te Dia­gno­se ist bei­lei­be nicht neu: Sich links wäh­nen­de Ak­ti­vi­sten, mehr­heit­lich aka­de­misch aus­ge­bil­det, so­li­de Mit­tel- bis Ober­schicht, groß­städ­tisch, »welt­of­fen und selbst­ver­ständ­lich für Eu­ro­pa, auch wenn je­der un­ter die­sen Schlag­wor­ten et­was an­de­res ver­ste­hen mag«, be­sorgt ums Kli­ma, setzt sich für »Eman­zi­pa­ti­on, Zu­wan­de­rung und se­xu­el­le Min­der­hei­ten ein«. Sie usur­pie­ren den Dis­kurs in­ner­halb der po­li­ti­schen Lin­ken. Der Na­tio­nal­staat ist die­sen »Life­style-Lin­ken« ein Aus­lauf­mo­dell: Man schätzt »Au­to­no­mie und Selbst­ver­wirk­li­chung mehr als Tra­di­ti­on und Ge­mein­schaft. Über­kom­me­ne Wer­te wie Lei­stung, Fleiß und An­stren­gung fin­det [man] un­cool.«

Wa­gen­knecht kon­sta­tiert ei­ne Ent­frem­dung der Lin­ken mit ih­ren po­ten­ti­el­len Wäh­lern: »Frü­her ge­hör­te es zum lin­ken Selbst­ver­ständ­nis, sich in er­ster Li­nie für die we­ni­ger Be­gün­stig­ten ein­zu­set­zen, für Men­schen oh­ne ho­he Bil­dungs­ab­schlüs­se und oh­ne res­sour­cen­star­kes fa­mi­liä­res Hin­ter­land. Heu­te steht das La­bel links meist für ei­ne Po­li­tik, die sich für die Be­lan­ge der aka­de­mi­schen Mit­tel­schicht en­ga­giert und die von die­ser Schicht ge­stal­tet und ge­tra­gen wird.«

Ge­meint ist der bis­wei­len ver­bit­ter­te, in Uni­ver­si­tä­ten aber auch so­zia­len Netz­wer­ken bis hin­ein in die Pu­bli­zi­stik ge­führ­te Kampf für Sprach- und Sprech­ge- bzw. ver­bo­te, vor al­lem je­doch ge­gen ver­meint­li­chen Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­run­gen von Min­der­hei­ten. Er will al­ler­dings, so Wa­gen­knecht, kei­ne recht­li­che Gleich­heit, son­dern ufert aus in »Quo­ten und Di­ver­si­ty, al­so für die un­glei­che Be­hand­lung un­ter­schied­li­cher Grup­pen.« Die Fol­ge: »Der iden­ti­täts­po­li­ti­sche Links­li­be­ra­lis­mus, der die Men­schen da­zu an­hält, ih­re Iden­ti­tät an­hand von Ab­stam­mung, Haut­far­be, Ge­schlecht oder se­xu­el­len Nei­gun­gen zu de­fi­nie­ren, […] spal­tet […] da, wo Zu­sam­men­halt drin­gend not­wen­dig wä­re. Er tut das, in­dem er an­geb­li­che Min­der­hei­ten­in­ter­es­sen fort­lau­fend in Ge­gen­satz zu de­nen der Mehr­heit bringt und An­ge­hö­ri­ge von Min­der­hei­ten da­zu an­hält, sich von der Mehr­heit zu se­pa­rie­ren und un­ter sich zu blei­ben. Nach­voll­zieh­ba­rer­wei­se führt das bei der Mehr­heit ir­gend­wann zu dem Ge­fühl, die ei­ge­nen In­ter­es­sen ih­rer­seits ge­gen die der Min­der­hei­ten be­haup­ten zu müs­sen.« (Her­vor­he­bun­gen S. W.)

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Ba­rack Oba­ma: Ein ver­hei­sse­nes Land

[...] Der Ti­tel könn­te pa­trio­ti­scher nicht sein: »Ein ver­hei­ße­nes Land«. Im (kur­zen) Vor­wort er­klärt Oba­ma, war­um für ihn die USA im­mer noch die­se Zu­wei­sung ver­dient. Die Vo­ka­bel des »ame­ri­ka­ni­schen Traums« ver­wen­det er zwar nicht di­rekt, aber sie wird fei­er­lich um­schrie­ben. Und Oba­ma kann auch Pa­thos, wenn er da­von spricht, »die Mög­lich­keit von Ame­ri­ka« nicht auf­zu­ge­ben, ...

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Ide­al­ty­pus DT

1

»Zu Hit­ler fällt mir nichts ein«, schrieb Karl Kraus 1933 und sag­te dann doch ei­ni­ges über ihn.

»Zu Do­nald Trump fällt mir nichts ein«, den­ke ich manch­mal, und mein Über-Ich, das wie im­mer recht hat, wen­det ein, Trump sei nicht Hit­ler, und dann will mir wirk­lich nichts ein­fal­len. Ich glau­be nicht, daß ich, hät­te ich die Mög­lich­keit, mich mit die­sem Mann an ei­nen Kaf­fee­haus­tisch set­zen wür­de. Da ver­ste­he ich Gre­ta Thun­berg gut. Der Mann re­det ja nur über sich, zu sich und zu al­len.

2

Zum Ty­pus, der im Ex­em­plar Ge­stalt an­ge­nom­men hat, fällt mir aber doch et­was ein. Er in­ter­es­siert mich, der Ty­pus, weil ich über­zeugt bin, daß der DT, der di­rec­tor té­c­ni­co, wie man in his­pa­ni­schen Län­dern Fuß­ball­trai­ner nennt, der be­ste Re­prä­sen­tant je­nes Men­schen­bilds ist, das der Neo­li­be­ra­lis­mus im Zu­ge der to­ta­len Öko­no­mi­sie­rung der Ge­sell­schaft oh­ne gro­ßes Hal­lo, viel­mehr als »Selbst­ver­ständ­lich­keit«, ver­brei­tet und ein­ge­wur­zelt hat. DT, der Ide­al­ty­pus: ego­istisch, selbst­dar­stel­le­risch, me­di­en­süch­tig, un­ge­bil­det, laut, vul­gär, stets den per­sön­li­chen Ge­winn, d. h. sei­ne Koh­le im Sinn. Ir­gend­wo, ir­gend­wann, es ist Jah­re her, gab es mal ei­ne Dis­kus­si­on, ob ein Land sei­ne po­li­ti­schen Füh­rer ver­dient ha­be oder nicht. Man sagt es nicht gern, nie­mand hört es gern, aber ich glau­be wohl, daß es da ei­ne Wi­der­spie­ge­lung gibt, auch wenn sie ver­zerrt und miß­braucht wer­den kann. Al­ler­dings ist das ei­ne Wech­sel­wir­kung, kei­ne Ein­bahn­wi­der­spie­ge­lung, die Prä­si­den­ten und Kanz­ler spie­geln zu­rück, sie be­stär­ken und be­ein­flus­sen die Mas­se und ge­brau­chen sie mit­tels der Mitt­ler, al­so der Me­di­en, und zwar so di­rekt wie mög­lich, oh­ne Jour­na­li­sten als Dämp­fer da­zwi­schen: Mitt­ler Twit­ter.

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Fra­ge an mei­ne öster­rei­chi­schen Freun­de

Na­he­zu al­le mei­ne Facebook-»Freunde« aus Öster­reich, die sich dort po­li­tisch äu­ßern, wa­ren und sind fast na­tur­ge­mäß ge­gen die Re­gie­rung Kurz ge­we­sen. Die Freu­de war ent­spre­chend groß als es nun hieß, es gibt Neu­wah­len. Man be­zieht na­tür­lich Po­si­ti­on: Ge­gen Kurz, noch mehr ge­gen die FPÖ, eher neu­tral zur SPÖ. So weit, so be­kannt.

Ich ha­be kei­ne Lust, die Face­book-Th­reads zu spren­gen. Da­her fra­ge ich hier im Blog: Wie stellt Ihr Euch ei­gent­lich ei­ne neue Re­gie­rung nach den Neu­wah­len vor? Vor­sicht, denn die Fra­ge ist ehr­lich ge­meint!

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Truth isn’t truth…

…sprach der Rechts­an­walt und ehe­ma­li­ge Bür­ger­mei­ster von New York Ru­dolph Giu­lia­ni, um mög­li­chen Dis­kus­sio­nen über die Fra­ge, ob sein Man­dant Do­nald Trump, Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, bei ei­ner mög­li­chen Ge­richts­ver­hand­lung die Wahr­heit sa­gen wer­de oder nicht, zu­vor­zu­kom­men. Bei Ge­richt muß man schwö­ren; man darf nichts als die Wahr­heit sa­gen. Die­ser Grund­satz ist in den Rechts­staa­ten im­mer noch weit­hin ak­zep­tiert. Ei­ne De­fi­ni­ti­on, was Wahr­heit ei­gent­lich sei, scheint nicht von­nö­ten. Hin­ter­fra­gun­gen, zu de­nen mei­ne Aus­füh­run­gen über den Wil­len zum Nicht­wis­sen an­re­gen, sind in die­sem Kon­text nicht üb­lich und brin­gen den Be­tei­lig­ten auch nichts, am we­nig­sten dem An­ge­klag­ten.

In den Mas­sen­me­di­en wur­de Giu­lia­nos Spruch so­gleich mit den »al­ter­na­ti­ven Fak­ten«, die Trump oder sei­ne Un­ter­ge­be­nen ge­le­gent­lich an­bie­ten, in Zu­sam­men­hang ge­bracht. Frei­lich ist ein Fakt, ei­ne Tat­sa­che, et­was an­de­res als »die Wahr­heit«. Wahr­heit – oder ein Nä­he­rungs­wert an die hy­po­the­ti­sche Wahr­heit – stellt sich in der Re­gel durch Prü­fung von Fak­ten her; nicht nur, aber auch durch Treue ge­gen­über den Fak­ten. Er­ziel­te Wahrheits­werte in Be­zug auf die­sel­be Fra­ge­stel­lung kön­nen selbst­ver­ständ­lich von­ein­an­der ab­wei­chen. Die Per­spek­ti­ven und In­ter­es­sen sind un­ter­schied­lich, viel­leicht auch die ei­nem kon­kre­ten Er­kennt­nis­be­mü­hen zu­grun­de­lie­gen­den ethi­schen Wer­te. Wer­den ei­ne ge­mein­sa­me Be­zugs­ebe­ne und ei­ne ge­mein­sa­me Spre­che ge­leug­net, las­sen sich sol­che Dis­kus­sio­nen al­ler­dings gar nicht mehr füh­ren. Was dann ob­siegt, ist nicht das bes­se­re Ar­gu­ment oder der kla­re­re Blick auf die Tat­sa­chen, son­dern die Macht und das Ei­gen­in­ter­es­se der Spre­cher, ih­re Laut­stär­ke und die Fä­hig­keit, Mas­sen­me­di­en zu kon­trol­lie­ren oder zu ma­ni­pu­lie­ren.

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Der grü­ne »Geist«. Zur ver­gan­ge­nen Na­tio­nal­rats­wahl und der Kri­tik ei­ner Par­tei.

Auf dem Weg zur Ar­beit er­hält ein Be­kann­ter auf ei­ne flap­si­ge Be­mer­kung hin von ei­nem Kol­le­gen die Ant­wort, dass er in ein Gen­der­se­mi­nar ge­hö­re; die Be­mer­kung ist ernst ge­meint und kommt von ei­nem in­tel­li­gen­ten Men­schen. Ei­ni­ge Zeit spä­ter spricht der Bun­des­prä­si­dent der Re­pu­blik Öster­reich, Alex­an­der van der Bel­len, vor Schü­lern zum The­ma »Kopf­tuch«: Der Bun­des­prä­si­dent legt das Pro­blem nicht et­wa ana­ly­tisch vor den Schü­lern dar, er mo­ra­li­siert und ver­mei­det ge­ra­de die­je­ni­gen, die Ur­teil, Grün­de und Be­grün­dung viel­fach su­chen, dar­in zu un­ter­stüt­zen und be­trügt sie da­mit um die Kom­ple­xi­tät und die mit die­ser The­ma­tik zu­sam­men­hän­gen­den Fra­gen. Bei­de Hal­tun­gen ha­ben mit den Grü­nen zu tun, ein­mal ge­hört sie zu ei­nem ih­rer Wäh­ler, ein­mal zu ei­nem ih­rer be­kann­te­sten Ex­po­nen­ten1.

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  1. Der als eine Art abhängig-unabhängiger Kandidat antrat und viele Jahre Bundessprecher der Grünen war 

Jan-Wer­ner Mül­ler: Was ist Po­pu­lis­mus?

An­mer­kung zur Le­se­run­de:

Die­se ein­lei­ten­den Aus­füh­run­gen sol­len die The­sen aus Jan-Wer­ner Mül­lers Buch »Was ist Po­pu­lis­mus?« vor­stel­len. Dies soll so neu­tral wie mög­lich ge­sche­hen; wo dies nicht der Fall sein soll­te und vor­ei­li­ges Ur­teil her­vor­schim­mert, bit­te ich um Nach­sicht.


Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?
Jan-Wer­ner Mül­ler:
Was ist Po­pu­lis­mus?

In­zwi­schen gibt es kaum noch ei­ne Nach­rich­ten­sen­dung, die oh­ne den Be­griff des »Po­pu­lis­mus« auf­kommt; meist in der Form als »Rechts­po­pu­lis­mus«, et­wa wenn es um die öster­rei­chi­sche FPÖ, den fran­zö­si­schen Front Na­tio­nal, die un­ga­ri­sche oder die pol­ni­sche Re­gie­rung geht. Aber was ist ei­gent­lich Po­pu­lis­mus? Wel­che Fol­gen hat er, könn­te er ha­ben? Jan-Wer­ner Mül­ler, Leh­rer für po­li­ti­sche Theo­rie und Ideen­ge­schich­te in Prin­ce­ton, möch­te mit sei­nem Buch »Was ist Po­pu­lis­mus?« ab­seits ta­ges­po­li­ti­sche Auf­geregtheiten ei­ne »kri­ti­sche Theo­rie des Po­pu­lis­mus« for­mu­lie­ren.

Be­reits auf den er­sten Sei­ten bi­lan­ziert er sei­ne The­se: Po­pu­lis­mus sei »der Ten­denz nach zwei­fels­oh­ne an­ti­de­mo­kra­tisch«. Po­pu­li­sten ge­fähr­de­ten die Grund­prin­zi­pi­en der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie. Po­pu­lis­mus sei »ei­ne ganz be­stimm­te Po­li­tik­vor­stel­lung, laut der ei­nem mo­ra­lisch rei­nen, ho­mo­ge­nen Volk stets un­mo­ra­li­sche, kor­rup­te und pa­ra­si­tä­re Eli­ten ge­gen­über­ste­hen«. Da­her en­ga­gier­ten sich Po­pu­li­sten für ple­bis­zi­tä­re Ele­men­te, aber, so die The­se, »Po­pu­li­sten in­ter­es­sie­ren sich gar nicht für die Par­ti­zi­pa­ti­on der Bür­ger an sich; ih­re Kri­tik gilt nicht dem Prin­zip der po­li­ti­schen Re­prä­sen­ta­ti­on als sol­chem … son­dern den am­tie­ren­den Re­prä­sen­tan­ten, wel­che die In­ter­es­sen des Vol­kes an­geb­lich gar nicht ver­tre­ten.«

Es gibt laut Mül­ler zwei es­sen­ti­el­le Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le für Po­pu­lis­mus, die in­ein­an­der grei­fen. Zum ei­nen ist er an­ti­plu­ra­li­stisch (nicht per se an­ti-in­sti­tu­tio­nell). Und zum an­de­ren nimmt er für sich und sei­ne po­li­ti­schen The­sen die al­lei­ni­ge mo­ra­li­sche Ver­tre­tung in An­spruch. Und so kommt es, dass, »wer sich ih­nen [den Po­pu­li­sten] ent­ge­gen­stellt und ih­ren mo­ra­li­schen Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch be­strei­tet«, »auto­matisch nicht zum wah­ren Volk« zu­ge­schla­gen und am En­de aus­ge­grenzt wer­de. Po­pu­li­sten sa­gen: »Wir – und nur wir – re­prä­sen­tie­ren das Volk«, und das nicht als em­pi­ri­sche, son­dern als mo­ra­li­sche Aus­sa­ge.

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