Fra­ge an mei­ne öster­rei­chi­schen Freun­de

Na­he­zu al­le mei­ne Facebook-»Freunde« aus Öster­reich, die sich dort po­li­tisch äu­ßern, wa­ren und sind fast na­tur­ge­mäß ge­gen die Re­gie­rung Kurz ge­we­sen. Die Freu­de war ent­spre­chend groß als es nun hieß, es gibt Neu­wah­len. Man be­zieht na­tür­lich Po­si­ti­on: Ge­gen Kurz, noch mehr ge­gen die FPÖ, eher neu­tral zur SPÖ. So weit, so be­kannt.

Ich ha­be kei­ne Lust, die Face­book-Threads zu spren­gen. Da­her fra­ge ich hier im Blog: Wie stellt Ihr Euch ei­gent­lich ei­ne neue Re­gie­rung nach den Neu­wah­len vor? Vor­sicht, denn die Fra­ge ist ehr­lich ge­meint!

So sieht es für mich aus – bit­te wi­der­sprecht, wenn ich ir­re:

Es gibt drei Par­tei­en, die hö­he­re Er­geb­nis­se zu er­war­ten ha­ben. Die­se lie­gen nach den ak­tu­el­len Um­fra­gen zwi­schen 17–20% (FPÖ) und viel­leicht 35–38% (ÖVP; die SPÖ kommt zwi­schen 22–25%). Ei­ne Al­lein­re­gie­rung ei­ner Par­tei ist nicht zu er­war­ten. Es muss al­so ei­ne Ko­ali­ti­on ge­ben. Aber wel­che?

ÖVP/FPÖ: Die war ge­ra­de ge­we­sen. Die FPÖ be­tei­lig­te sich mit der SPÖ am Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen Kurz. Von der FPÖ kann man – selbst wenn es Kurz woll­te – ei­gent­lich kei­ne Zu­stim­mung zu ei­nem er­neu­ten Kanz­ler Kurz er­war­ten. Und Kurz wird auch kei­ne gro­ße Lust mit die­sen Ge­sel­len ha­ben.

ÖVP/SPÖ: Hier müss­te die SPÖ die »Krö­te« Kurz schlucken. Wird sie dies tun? Was in Deutsch­land un­ter staats­po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung die SPD in die neue Gro­Ko trieb – ist das von der SPÖ zu er­war­ten?

SPÖ/ÖVP: Der Stan­dard-Sumpf, der das Land in die Kri­se re­gier­te. Ei­ner Kri­se auf ho­hem Ni­veau al­ler­dings. Aber wer kann er­war­ten, dass die SPÖ die mei­sten Stim­men be­kommt?

Ach ja, da gibt es ja noch die Grü­nen, die 2017 nach Spal­tung sang- und klang­los ver­schwan­den, aber jetzt wie­der bei 10% lie­gen. Aber es ist nicht wahr­schein­lich, dass rech­ne­risch ei­ne der grö­sse­ren Par­tei­en in ei­ner Ko­ali­ti­on mit den Grü­nen re­gie­ren könn­te. Am ehe­sten wä­re dies noch mit der ÖVP mög­lich. Aber ÖVP und Grü­ne pas­sen in Öster­reich welt­an­schau­lich nicht zu­sam­men (ein Un­ter­schied zu Deutsch­land).

Die Grü­nen kom­men al­so nur in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung wenn sie ei­ne Drei­er­ko­ali­ti­on ein­ge­hen. Ein­zi­ger Part­ner wä­ren hier die li­be­ra­len NEOS, die zwi­schen 8% und 10% vor­her­ge­sagt wer­den. Al­so dann SPÖ/Grüne/NEOS? Ei­ne Art öster­rei­chi­sche Ja­mai­ka-Re­gie­rung. Der­zeit al­ler­dings nicht mehr­heits­fä­hig (je nach Um­fra­ge zwi­schen 40% und 43%). Wä­re das mög­lich? Ei­ne Re­gie­rung oh­ne die der­zeit er­stark­te ÖVP? Wie pas­sen NEOS und Grü­ne zu­sam­men?

Wer wie ich von au­ßen das sieht, was sich in der öster­rei­chi­schen Po­li­tik ab­spielt, stellt fest: Die Par­tei­en ste­hen sich al­le­samt un­ver­söhn­lich ge­gen­über. Nie­mand will mit nie­man­dem. Kurz gilt fast als po­li­ti­sches Un­ge­heu­er; die FPÖ ist dis­kre­di­tiert (was merk­wür­di­ger­wei­se nicht vie­le Wäh­ler zu be­ein­drucken scheint). Die SPÖ wirkt ver­braucht. Die klei­nen Par­tei­en ha­ben kei­ne zün­den­de Macht­per­spek­ti­ve.

Ihr Öster­rei­cher seid im­mer so gut im Aus­tei­len, in der Sa­ti­re, im Schimp­fen. Aber jetzt ein­mal ernst­haft ge­fragt: Wie soll es wei­ter­ge­hen?

91 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Viel­leicht traut sich da kei­ner der lie­ben bö­sen Öster­rei­cher als er­ster?

    Mir ist es wurscht, bin eh nur Aus­lands­öster­rei­cher, al­so:

    Der obi­ge Text in­ter­es­siert sich ei­gent­lich nur für Wahl- und Ko­ali­ti­ons­arith­me­tik. Hin­ter den Di­lem­ma­ta, die sich da­bei un­wei­ger­lich er­ge­ben (an­stel­le von »Er­geb­nis­sen«), kann man rie­chen, wie morsch die De­mo­kra­tie ge­wor­den ist, be­son­ders in Öster­reich. Die der­zei­ti­ge, nicht de­mo­kra­ti­sche »Ex­per­ten­re­gie­rung« er­scheint mir noch am ehe­sten als Aus­weg, zu­min­dest kurz­fri­stig. Mei­net­we­gen könn­te sie ru­hig noch län­ger im Amt blei­ben, dann könn­te man auf Wahl­arith­me­ti­ken wie die hie­si­ge ver­zich­ten.

    Be­son­ders arg am »de­mo­kra­ti­schen« Zu­stand Öster­reichs fin­de ich, daß ein gro­ßer Teil der Be­völ­ke­rung, in Zah­len ein Fünf­tel bis ein Vier­tel, die ver­rot­te­ten FPÖ-Ty­pen ge­nau­so wähl­bar fin­det wie vor dem Skan­dal, der die Ver­rott­et­heit al­len ge­zeigt hat. Dar­aus schlie­ße ich: Ein gro­ßer Teil der Be­völ­ke­rung will das: Dumpf­heit, In­kom­pe­tenz, Sau­fen, Be­stech­lich­keit, Ma­cho-Ge­ha­be, Freun­derl­wirt­schaft (die die­sel­ben na­tür­lich gei­ßeln). Wie könn­te man dem ab­hel­fen? Kurz­fri­stig po­li­ti­sche Über­le­gun­gen brin­gen auf die­se Fra­ge kei­ne Ant­wort.

    Pi­kant fin­det ich die Er­wäh­nung der Grü­nen durch Keu­sch­nig. Die­se Par­tei hat­te di­ver­se Pro­ble­me, aber vor al­lem hat der »Fe­mi­nis­mus« dort da­zu ge­führt, daß ei­ne Rie­ge von be­sten­falls mit­tel­mä­ßi­gen (weib­li­chen) Fi­gu­ren ei­ne voll­kom­men dif­fu­se, schwa­che Herr­schaft auf­ge­zo­gen hat. Das ver­sucht man jetzt ein we­nig zu­rück­zu­neh­men, wer weiß, mit wel­chem Er­folg.

    Trau­rig fin­de ich, daß man mit der SPÖ nichts mehr an­fan­gen kann, auch nicht in Zu­kunft. Die Mäch­ti­gen dort ver­ste­hen nicht, was läuft, sie spie­len im­mer noch das al­te Spiel von Miß­trau­en, Rück­tritt, Ko­ali­ti­on, Fi­gu­ren­ka­rus­sell, wos geht...

    Fa­zit? Sie­he oben, Ex­per­ten­re­gie­rung.

    Fa­zit? Daß es Zeit wä­re, neue Herr­schafts- oder bes­ser Ver­wal­tungs­for­men zu fin­den. Zum Bei­spiel Aus­wahl der Re­gie­ren­den durch das Zu­falls­prin­zip. Nur Gott Zu­fall ist wahr­haft de­mo­kra­tisch.

  2. @Leopold Fe­der­mair
    Dass, was Sie ein we­nig ab­fäl­lig als Ko­ali­ti­ons­arith­me­tik ab­tun, nennt man Prag­ma­tis­mus. Min­de­stens in ei­nem par­la­men­ta­risch-re­prä­sen­ta­ti­ven Sy­stem. Dass ei­nem die Re­sul­ta­te nicht pas­sen, weil 20% Dumpf­backen wäh­len, ist ja nur ei­ne Sei­te der Me­dail­le. Die an­de­re Sei­te be­steht dar­in zu fra­gen, was die Leu­te ver­an­lasst, die­sen doch ei­ne Stim­me zu­ge­ben. Was müs­sen die an­de­ren Par­tei­en falsch ge­macht ha­ben?

    Die 20% FPÖ-Wäh­ler bil­den im üb­ri­gen kei­ne stra­te­gi­sche Mehr­heit. Man kann an ih­nen vor­bei re­gie­ren (ist ja Jahr­zehn­te ge­sche­hen), sie ver­teu­feln, sie be­schimp­fen – aber es scheint so, dass man sie po­li­tisch nicht rich­tig be­kämpft hat.

    Wer ist denn für die schein­ba­re Ero­si­on der De­mo­kra­tie in Öster­reich (ist es wirk­lich ei­ne?) ver­ant­wort­lich? Die­je­ni­gen, die mit bil­li­gen Fahr­kar­ten auf den Zug auf­sprin­gen? Oder die­je­ni­gen, die den Zug ha­ben ver­ro­sten las­sen? Was be­deu­tet es sa­gen, dass man mit der SPÖ nichts mehr an­fan­gen kann? In Deutsch­land steht die SPD in Um­fra­gen in­zwi­schen bei 12%. Ge­schimpft wird hier auch – aber kon­struk­tiv ana­ly­siert: Fehl­an­zei­ge.

    »Kurz­fri­stig po­li­ti­sche Über­le­gun­gen brin­gen auf die­se Fra­ge kei­ne Ant­wort.« – Aber die Fra­ge stellt sich eben kurz­fri­stig, bzw. in drei Mo­na­ten. Ei­ne Ex­per­ten­re­gie­rung (wer be­stimmt, dass sie Ex­per­ten sind? und von was?) ist nur sehr dünn de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert. Und was be­deu­tet ei­gent­lich De­mo­kra­tie?

    Noch ein­mal: Mei­ne Fra­gen sind nicht rhe­to­ri­scher Na­tur. Ich se­he die Ent­wick­lung in Öster­reich durch­aus par­al­lel zu Deutsch­land. Der si­gni­fi­kan­te Un­ter­schied der­zeit ist noch, dass die Grü­nen in Deutsch­land ei­ne Art von Heils­brin­ger zu sein schei­nen. Aber was pas­siert, wenn sich auch das als über­zo­ge­ne Er­war­tung her­aus­stellt?

    Bleibt am En­de wirk­lich nur noch die Lot­te­rie?

  3. Viel­leicht ist es ein Lap­sus Ih­rer­seits, Gre­gor, aber die FPÖ-Wäh­ler kann und soll man nicht »be­kämp­fen«. Man kann al­len­falls die Um­stän­de be­kämp­fen, un­ter de­nen es so vie­le von ih­nen gibt. Ich bin ziem­lich si­cher, daß die Zahl bald wie­der bei ca. 25 Prozt­ent sein wird, Ten­denz stei­gend. Die Grün­de da­für sind kom­plex, man kann das al­les hier nicht er­ör­tern. Nur Stich­wor­te: Di­gi­ta­li­sie­rung, SM, Spaß­kul­tur, Al­ko­ho­lis­mus, Bil­dungs­de­mon­ta­ge, Schwä­chung bzw. ten­den­zi­ell Auf­lö­sung der auf­klä­rungs­be­wuß­ten Mas­sen­me­di­en, in Öster­reich so­wie­so schon lan­ge: Kro­nen­zei­tung... Falls sich das je än­dert, wird es Jahr­zehn­te dau­ern.

    Die SPÖ »kon­struk­tiv ana­ly­sie­ren«? Nein! Das Ver­sa­gen liegt so­wie­so auf der Hand. Ich glau­be nicht, daß aus die­ser Par­tei je wie­der was wird. Frü­her ha­ben sie ge­ra­de in Öster­reich den Slo­gan »Wis­sen ist Macht!« ver­kör­pert. Das war die Zeit von Ot­to Bau­er, die Zeit des so­zia­len Wohn­baus. Pas­sé, un­wie­der­bring­lich, ab den acht­zi­ger Jah­ren ver­spielt, ver­kackt, wie man in Deutsch­land wohl sagt. Da gibt es kein Zu­rück.

  4. Aus Süd­bay­ern, den Öster­rei­chern im­mer ver­bun­den, wür­de ich sa­gen: Ehts habt’s es ka­putt gmacht.
    Die Viel-Par­tei­en-Sy­ste­me ha­ben deut­li­che Nach­tei­le: je mehr Aus­wahl, de­sto mehr In­dif­fe­renz. Ich ver­mu­te ein Be­ob­ach­ter-Di­lem­ma (als Ur­sprung der sog. Kri­se). Wie ge­nau muss man die Viel­zahl die­ser Ak­ti­vi­tä­ten be­ob­ach­ten, um ei­ne halb­wegs ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen zu kön­nen?
    Nur noch die »Po­la­ri­sie­rung« hilft dem zer­streu­ten Wäh­ler. Polarisierungen/Polemik lässt sich leicht be­ob­ach­ten, sach­be­zo­ge­ne Mei­nungs­un­ter­schie­de sind auf­wän­dig zu ana­ly­sie­ren. Der Wäh­ler ist ge­nau so schlam­pig in sei­ner Ur­teils­fin­dung wie der Po­li­ti­ker. So ge­se­hen ist die Re­prä­sen­ta­ti­on per­fekt.
    Die Ko­ali­ti­ons­fä­hig­keit der Par­tei­en nimmt ab, die An­zahl der Par­tei­en nimmt zu. Ma­the­ma­tisch ge­se­hen, ist das kein Pro­blem. Kommt dar­auf an, wel­che Ten­denz über­wiegt, bzw. ob der emo­tio­na­le Trend (Li­ne­ar-to-No-Thres­hold) sich fort­setzt. Man stel­le sich vor: 10 klei­ne Par­tei­en, die sich al­le ge­gen­sei­tig has­sen...
    Im Mo­ment braucht man wie­der mal sehr viel Hu­mor und Gott­ver­trau­en.

  5. @Leopold Fe­der­mair
    Ja, mein Lap­sus. Aber Ih­re Be­grün­dun­gen für ei­ne evtl. Hausse der FPÖ bei gleich­zei­ti­ger Baisse der SPÖ er­schei­nen mir nicht aus­rei­chend und dann am En­de nur mehr re­si­gna­tiv.

    Ich ha­be neu­lich ein sehr in­ter­es­san­tes In­ter­view mit dem nie­der­län­di­schen So­zio­lo­gen Re­né Cup­erus ge­le­sen. Un­ter dem et­was rei­sse­ri­schen Ti­tel »Wie man Po­pu­lis­mus nicht be­kämpft« sind da in­ter­es­san­te Ide­en ver­sam­melt.

    Be­reits im zwei­ten Satz spricht er die wach­sen­de Ver­trau­ens­kri­se in die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie an: »Es geht um die Bin­de­kraft un­se­rer li­be­ra­len Nach­kriegs­de­mo­kra­tie, un­se­res so­li­da­ri­schen Wohl­fahrts­staa­tes und um die so­zia­le Markt­wirt­schaft. Sie scheint durch den Druck der Glo­ba­li­sie­rung, der Mi­gra­ti­on, und der Ent-tra­di­tio­na­li­sie­rung un­ter­mi­niert und aus­ge­höhlt zu wer­den.« Die Zu­stim­mung zu po­pu­li­sti­schen Par­tei­en sieht er als »Re­vol­te ge­gen die Ein­stel­lun­gen und ge­gen den in­ter­na­tio­na­len Kurs ei­ner als ab­ge­ho­ben wahr­ge­nom­me­nen Eli­te.« Po­pu­lis­mus (den ich für öster­reicvshi­che Ver­hält­nis­se jetzt mal mit der FPÖ iden­ti­fi­zie­ren möch­te) ist, so die The­se, dem­nach »ei­ne Be­we­gung der un­te­ren Mit­tel­schicht in wohl­ha­ben­den Ge­sell­schaf­ten. In­so­fern ist der Po­pu­lis­mus der Kampf um ein ver­lo­re­nes Pa­ra­dies. Aus die­sem Grund ist es un­mög­lich, po­pu­li­sti­sche Be­we­gun­gen zu be­kämp­fen, in­dem man ein­fach das Estab­lish­ment da­zu auf­ruft, zu­sam­men­zu­ste­hen und Pri­vi­le­gi­en zu ver­tei­di­gen.«

    Ex­akt das ge­schieht jetzt wie­der – all­über­all. Ich se­he das auf Face­book, auf Twit­ter. Al­le brü­sten sie sich mit ih­rer »Hal­tung«, ih­rem Kos­mo­po­li­tis­mus (hier­zu sagt Cup­erus in­ter­es­san­tes), ih­rer mo­ra­li­schen Über­le­gen­heit. Aber da­mit ge­winnt man merk­wür­di­ger­wei­se kei­ne Wah­len mehr. Die Rück­grif­fe in die Ver­gan­gen­heit er­in­nern da­bei an Ve­te­ra­nen­tum.

    Für Cup­erus sind Gro­ße Ko­ali­tio­nen Gift. »Sie ero­die­ren die Un­ter­schie­de zwi­schen Links und Rechts und ver­stär­ken das Bild ei­nes ein­zi­gen Estab­lish­ments und der to­ta­len Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit.« Das kann man in Öster­reich sehr gut se­hen – und jetzt auch in Deutsch­land. Hin­zu kom­men die sich im­mer mehr ab­schot­te­ten Mi­lieus von de­nen im Ge­spräch die Re­de ist.

    @die_kalte_Sophie
    In man­chen Par­la­men­ten for­mie­ren sich die Tor­ten­stücke der Stimm­an­tei­le zu ei­nem Streu­sel­ku­chen. In den Nie­der­lan­den gibt es ei­ne Vier-Par­tei­en-Ko­ali­ti­on in der Re­gie­rung. In Schwe­den gibt es ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung aus So­zi­al­de­mo­kra­ten und Grü­nen, die in be­stimm­ten Fra­gen auf Li­be­ra­le und das Zen­trum an­ge­wie­sen ist. Am En­de – und das ist das in­ter­es­san­te – blei­ben die po­li­ti­schen Fi­gu­ren dann doch re­la­tiv sta­bil. Was dann da­zu führt, dass Wahl­be­tei­li­gun­gen zu­rück­ge­hen.

    Wie­der zu­rück nach Öster­reich: Wer in den 1990ern und 2000ern kei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on woll­te, muss­te et­was an­de­res wäh­len. Bei Mehr­heits­ver­hält­nis­sen von bis zu 70% im­mer auf der fal­schen Sei­te zu ste­hen, ist für Wäh­ler auch kein Ver­gnü­gen.

  6. ICH HOFFE: ÖVP (lei­der nicht zu um­ge­hen) mit den Grü­nen und den Ne­os, das wür­den so­wohl die Grü­nen als auch die Ne­os mei­ner An­sicht nach ak­zep­tie­ren...

  7. Rich­tig, Viel-Par­tei­en-Par­la­men­te kön­nen durch­aus sta­bi­le Re­gie­run­gen bil­den. In Deutsch­land sind ge­mäß der ak­tu­el­len Ent­wick­lung kei­nen gro­ße Ko­ali­tio­nen mehr mög­lich, weil es (bald) kei­ne gro­ßen Par­tei­en mehr gibt. Jetzt kommt der »schwa­che Drei­er«...
    Öster­reich bil­det die mit­tel­eu­ro­päi­sche Aus­nah­me, al­ler­dings wird die gro­ße Ko­ali­ti­on dort im­mer nach­ran­gig be­han­delt. Auf­grund der Stär­ke der bei­den rech­ten Par­tei­en, ist auch die »gro­ße Rech­te« mög­lich.

    Die Ana­ly­ti­ker (Cup­erus) krei­sen im­mer noch um die ver­lo­re­ne Mit­tel­schicht, als ob die­se Ver­ein­fa­chung be­weis­bar wä­re. Nein, es geht schon um den Prio­ri­tä­ten­kreis des Po­li­ti­schen. Die Na­ti­on ist wich­ti­ger als die Part­ner­län­der, Pe­ter Sin­ger spricht von kon­zen­tri­schen Krei­sen der Sym­pa­thie resp. der Ver­ant­wort­lich­keit.
    Ja, es gibt ei­ne Moral/Politik, die die­se Prio­ri­tät un­ter­drückt. Sehr be­wusst, und gar nicht zu­fäl­lig. Das geht auch nicht an­ders, in mul­ti­la­te­ra­len Ver­hält­nis­sen. Ich wür­de fast schon von ei­ner »Ar­beits­lü­ge« spre­chen. Und des­halb gibt es auch ei­ne An­ti-Mo­ral, die die­se Ni­vel­lie­rung scho­nungs­los auf­deckt.

  8. die_kalte_Sophie
    Na­ja, die Ge­schich­te um »ver­lo­re­ne Mit­tel­schicht« ist na­tür­lich nicht ma­the­ma­tisch-em­pi­risch be­weis­bar. Aber sie zeigt sich im Ab­schmel­zen der So­zi­al­de­mo­kra­tie (mit der in­ter­es­san­ten Aus­nah­me Dä­ne­mark) und jetzt dem Aus­dün­nen des kon­ser­va­ti­ven La­gers, das in min­de­stens drei Ka­te­go­ri­en droht, ge­spal­ten zu wer­den (wirt­schafts­li­be­ral, wert­kon­ser­va­tiv, rechts­na­tio­nal). Da sind die deut­schen Grü­nen plötz­lich ei­ne »Volks­par­tei« (durch al­le Mi­lieus), weil ihr An­sin­nen plötz­lich brei­te Un­ter­stüt­zung und vor al­lem Prio­ri­tät er­hält (üb­ri­gens auch me­di­al). Ich glau­be aber, dass die­ser Ef­fekt nicht lan­ge an­hal­ten wird.

    Über Ih­re Aus­sa­ge nach der zu­neh­men­den Ori­en­tie­rung als Na­tio­nal­staat, die von Mul­ti­la­te­ra­li­sten so­zu­sa­gen »un­ter­drückt« wer­den muss, könn­te man nach­den­ken. Es sprengt aber ein biss­chen den Rah­men die­ser The­ma­tik. Auch wenn na­tür­lich der Re­kurs von FPÖ auf »Hei­mat« ge­nau in die­ses Horn bläst. Aber das ist m. E. nicht das Ent­schei­den­de.

  9. Es wä­re ja mög­lich, daß ÖVP und Grü­ne nach den Wah­len ge­mein­sam ei­ne Mehr­heit ha­ben. In Ober­öster­reich hat so ei­ne Ko­ali­ti­on ei­ne Zeit­lang auf Lan­des­ebe­ne recht gut funk­tio­niert. Die Ne­os sind ei­ne die­ser kurz­fri­stig ins Le­ben ge­ru­fe­nen »li­be­ra­len« Par­tei­en, die bis­her im­mer eben­so rasch von der Bild­flä­che ver­schwun­den sind. Viel­leicht tun sie’s ja als Mehr­heits­be­schaf­fer. Ob die Grü­nen mit Se­ba­sti­an Kurz wirk­lich »kön­nen«, ist zu­min­dest zwei­fel­haft, denn de­ren Wäh­ler und Ak­ti­vi­sten ge­ben Kurz ei­ne Haupt­schuld an der ge­gen­wär­ti­gen Mi­se­re. Hier üb­ri­gens ein nicht mehr neu­er, aber im­mer noch tref­fen­der Ar­ti­kel von Tho­mas Stangl über den Kanz­ler der Lee­re (Schwei­ge­kanz­ler im Me­di­en­jar­gon): https://www.zeit.de/2017/43/sebastian-kurz-bundeskanzler-oesterreich-charakter

    Um noch­mal von der Wahl­arith­me­tik weg­zu­ge­hen: Ich ge­hö­re zu de­nen, die seit lan­gem die Dys­funk­tio­na­li­tä­ten der De­mo­kra­tie be­ob­ach­ten und be­kla­gen, sich aber durch­aus kei­nen »star­ken Mann« wün­schen. Ich fürch­te, die Un­ter­mi­nie­rung der De­mo­kra­tie in­fol­ge der me­di­en­tech­no­lo­gi­schen Wand­lun­gen und in­zwi­schen tief ver­wur­zel­ter Ge­wohn­hei­ten (Po­li­tik als PR) ist so weit fort­ge­schrit­ten, daß es kei­ne Wie­der­kehr ei­nes ver­nünf­ti­gen Dis­kur­ses in der Öf­fent­lich­keit über öf­fent­li­che Fra­gen (res pu­bli­ca) ge­ben wird, der aber Vor­aus­set­zung für ein Funk­tio­nie­ren der De­mo­kra­tie wä­re. Die ent­spre­chen­den Ent­täu­schun­gen und Em­pö­run­gen wer­den sich wie­der­ho­len, ver­stär­ken, auf­schau­keln. Das ist ge­fähr­lich. Ich ge­hö­re zu de­nen, die nach an­de­ren For­men der Re­gie­rung fra­gen. Post­de­mo­kra­tisch, mei­net­we­gen. Je­den­falls Ge­gen­teil von Re­si­gna­ti­on.

  10. Mich ver­wun­dert die Ver­wun­de­rung, dass die FPÖ ge­wählt wird. Wer es für kei­ne gu­te Idee hält, die na­tio­nal­staat­li­che Ver­fas­sung – mit Aus­nah­me ih­rer Grund­prin­zi­pi­en – an ei­ne po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on »aus­zu­lie­fern«, die ei­ne un­sau­be­re Ge­wal­ten­tren­nung ihr ei­gen nennt und viel­leicht im pri­va­ten Be­reich auch noch Be­kannt­schaft mit de­ren frag­wür­di­gen Re­gu­lie­run­gen ge­macht hat, bleibt ent­we­der im Re­gen ste­hen oder wählt ir­gend­wann doch ei­ne po­pu­li­sti­sche Par­tei (um bei dem Term ein­mal zu blei­ben). Oder: Wen wird ein Brief­trä­ger wäh­len, der um die 50 Jah­re alt ist, den Ab­nüt­zungs­er­schei­nun­gen pla­gen und der im­mer mehr jun­ge Tür­ken in sei­nen Be­ruf drän­gen sieht, der weiß, dass er ei­nen an­stren­gen­den Idio­ten­job macht und lau­fend et­was von Bin­nen-Is und Frau­en­för­de­rung hört. Oder: Je­mand der es nicht mag, dass sei­ne Kin­der ei­nen Kin­der­gar­ten be­su­chen müs­sen, in dem von 125 Kin­dern nur zwei kei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ha­ben. Und was macht man, um »die Mo­ra­li­sten« und die in Brüs­sel zu är­gern? Man gibt Stra­che sei­ne Vor­zugs­stim­me. Das sind – ob man sie mag oder nicht, mo­ra­lisch für rich­tig hält oder nicht – Wahl­mo­ti­ve.

  11. Mich ver­wun­dert das gar nicht. Es macht mich trau­rig. Zu­mal die FPÖ, wenn sie mal an der Macht ist, kei­ne sub­stan­ti­el­len Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren im­stan­de ist und nicht we­ni­ger kor­rup­ti­ons­an­fäl­lig als an­de­re ist (hat man schon un­ter Hai­der in Kärn­ten ge­se­hen). Sieht man von der klei­nen Scharf­ma­che­rei des In­nen­mi­ni­sters ab.

  12. Ja, blei­ben wir in Öster­reich. Ich woll­te nur mei­ne Hy­po­the­se vom Ur­sprung der re­ak­tio­nä­ren Be­we­gun­gen vor­stel­len. Es soll ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur nost­al­gi­schen In­ter­pre­ta­ti­on sein (das Ver­lo­re­ne), an die ich nicht recht glau­be.
    Mir ge­fällt die Ein­ord­nung von Leo­pold. Man fragt sich im­mer: wenn man nicht al­les ret­ten kann, et­wa die Volks­par­tei­en, was ist dann das Wich­tig­ste?!
    Und da scheint mir ei­ne öf­fent­li­che »In­sel der Ver­nunft« un­be­dingt nö­tig zu sein.
    Me­ta­pho­risch ge­nau, ist es so­gar ein Atoll, ei­ne gan­ze Rei­he klei­ner In­seln. Das Be­gleit­schrei­ben wä­re ei­ne da­von.

    Zum Wahl­ver­hal­ten: muss man nicht die Mo­ti­ve des Wäh­lers mit dem Kon­zept der Volks­par­tei ab­glei­chen?! Ich selbst zum Bei­spiel ken­ne mei­nen po­li­ti­schen Ort, wäh­le aber im­mer tak­tisch. D.h. ich muss in der Wahl­ka­bi­ne kei­ne Be­kennt­nis­se ab­le­gen, son­dern las­se mich von ei­nem »Kräf­te-Sche­ma« in­spi­rie­ren.
    Auch die Denk­zet­tel-Be­schrei­bun­gen der mut­maß­li­chen FPÖ-Wäh­ler wi­der­spre­chen dem Kon­zept der Volks­par­tei doch ka­te­go­risch...

  13. Ich be­wun­de­re ja Leu­te wie Herrn Stangl (oder heisst er, wie im Ka­sten des Ar­ti­kels »Stang­le«?), die Es­says über den zu­künf­ti­gen Kanz­ler Kurz auf­set­zen und schon da­mals, im Ok­to­ber 2017 ge­wusst ha­ben, wie es sein wird. Der in sei­nem Text auf Kurz’ Rol­le 2015 in der Flücht­lings­kri­se ein­geht (klar, da gibt es was zu kri­ti­se­ren), dann je­doch, um sei­ne The­se vom »Spiel mit dem Nichts« zu un­ter­mau­ern, kei­nen Hin­weis auf Kurz’ Be­mü­hun­gen zur Schlie­ssung der Bal­kan-Rou­te hin­weist. Ver­mut­lich ist er da nicht so im The­ma, son­dern psy­cho­lo­gi­siert lie­ber her­um. Da ist üb­ri­gens auch rein gar nichts mehr von Dis­kurs, von »res pu­bli­ca«, da ist ein­fach nur Ge­sin­nungs­schrei­be­rei oh­ne Wert und dass man so­was nicht mehr ernst nimmt, er­scheint mir mehr als lo­gisch.

    Und ja, die FPÖ hat Kärn­ten wohl rui­niert, hat nie et­was ad­äqua­tes ge­lei­stet. Aber viel­leicht liegt dar­in die Sa­che be­grün­det, dass sie im­mer noch wei­ter­hin nur rund 20% be­kommt. Sie lei­sten ge­nau so we­nig wie die an­de­ren – da ist es dann auch egal, ob man sie wählt. Man stel­le sich vor, sie wür­de ih­re Ver­spre­chun­gen ein­hal­ten – nicht aus­zu­den­ken.

    De­mo­kra­tie hat nie et­was mit ei­nem »star­ken Mann« zu tun. Die Sehn­sucht da­nach wird in ei­nem funk­tio­nie­ren­dem Ap­pa­rat im­mer ein­ge­schränkt sein. Das Pro­blem ist nicht die cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­fi­gur. Das Pro­blem ist das Schei­tern der­je­ni­gen, die es ei­gent­lich bes­ser ma­chen könn­ten, aber da­zu nicht fä­hig sind – aus wel­chen Grün­den auch im­mer.

    Die Volks­par­tei­en, lie­be kalte_Sophie in­te­grier­ten un­ter­schied­li­che Mi­lieus, hal­fen die­se Mi­lieus auf­zu­bre­chen und sach­po­li­ti­schen The­men so­zu­sa­gen un­ter­zu­ord­nen. Wenn sie ver­schwin­den, ha­ben wir nur noch Kli­en­tel­par­tei­en.

    Ich ha­be das er­ste und das letz­te Mal »tak­tisch« 1980 ge­wählt: Ich woll­te Schmidt als Kanz­ler aber noch we­ni­ger Strauß. Das Züng­lein war die FDP, die sich auf die SPD wei­ter fest­ge­legt hat­te. Al­so wähl­te ich FDP. Das Er­geb­nis war, dass die­se FDP – mit den Stim­men aus ei­nem Wahl­kampf ge­gen Strauß – 1982 Schmidt stürz­te und Kohl wähl­te, Re­gie­rungs­wech­sel. Strauß wur­de zwar ver­hin­dert, aber Schmidt ge­stürzt. So­weit zur »tak­ti­schen« Wahl.

  14. »Mi­lieu« ist auch nur ei­ne Va­ri­an­te von Hei­mat. Mi­lieu, das wa­ren die Berg­leu­te von der Ruhr, die hoch­fah­ren­den Pa­sto­ren-Töch­ter aus West­fa­len, die li­be­ral-ar­ro­gan­ten Han­sea­ten, etc. pp. [Viel­leicht kann das je­mand für Öster­reich dar­stel­len...].
    Dem Ver­lust von Charme und Wahl­ver­wandt­schaf­ten wür­de ich aber die Pro­gramm-Par­tei ge­gen­über stel­len. Kli­en­tel-Par­tei klingt so... ego­istisch. Das trifft die Mo­ti­va­ti­on ei­ner po­li­ti­schen Grup­pie­rung über­haupt nicht.
    Die neu­en Mi­lieus sind nur noch »Leh­rer«, oder »An­wäl­te«, oder Geo­gra­phie-Stu­den­ten. Was fehlt da ei­gent­lich im Ver­gleich zu frü­her, war­um wur­de aus der Berg­ar­bei­ter-SPD nicht ein­fach die Leh­rer-SPD, im Wan­del der Zei­ten?!
    Nach­ge­spürt, wür­de ich sa­gen: da fehlt das Ech­te. Leh­rer ha­ben so viel Grün­de, et­was zu sa­gen, oder nicht zu sa­gen, etc. Berg­leu­te da­ge­gen ken­nen die »Ge­fahr«. Ich den­ke in die­sem Zu­sam­men­hang an Dou­glas Mur­ray, der mein­te, der We­sten hät­te den tra­gic-sen­se-of-li­fe ver­ges­sen oder ver­drängt. Oder auch an Jor­dan Pe­ter­son: er warnt uns vor zu viel »per­so­na« im öf­fent­li­chen Le­ben. Das ist all das Zeug, das wir über Gott-und-die-Welt ver­zap­fen, um wich­tig, be­liebt, in­ter­es­sant oder ein­fluss­reich zu er­schei­nen.
    Berg­leu­te ha­ben kaum »per­so­na«. Leh­rer da­ge­gen ha­ben kaum et­was an­de­res ge­lernt... Aber wer weiß, viel­leicht ha­ben wir uns ja al­le viel mehr ver­än­dert als uns be­wusst ist.

  15. Mi­lieu, das sind oder wa­ren, wenn wir uns mal auf die ÖVP be­schrän­ken, zu­erst die Bau­ern, die ÖVP ist bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad im­mer noch die Bau­ern­par­tei, in Wien war sie stets in der Min­der­heit. Tat­säch­lich sind aber die Bau­ern mitt­ler­wei­le ver­schwun­den, sie stel­len kein Mi­lieu mehr dar, wie ja die so­zia­len Klas­sen ge­ne­rell ver­schwun­den oder zu­min­dest auf­ge­weicht, pre­ka­ri­siert wor­den sind.

    So­phie hat recht, was bis ins spä­te 20. Jahr­hun­dert »Mi­lieu« war, löst sich auf – ein Grund, wes­halb auch die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die Volks­par­tei­en ver­schwin­den. Das ist un­auf­halt­sam, weil ein tief­grei­fen­der ge­sell­schaft­li­cher Pro­zeß. Se­ba­sti­an Kurz, im 21. Jahr­hun­dert auf­ge­wach­sen, hat das er­kannt und die ÖVP ge­stri­chen und ih­re al­te Far­be (Schwarz) über­malt, statt des­sen die gan­ze »Be­we­gung« hin­ter sein Kon­ter­fei und sei­nen Na­men ge­karrt und um­ge­färbt (Tür­kis, ei­ne mo­der­ne Far­be). In­halt geht ten­den­zi­ell ge­gen Null. Wohl­mei­nend for­mu­liert: Op­por­tu­nis­mus, Prag­ma­tis­mus. Ich fin­de durch­aus, daß ihm manch­mal un­recht ge­tan wird von den Main­stream­me­di­en, die eh nicht Main­stream sind, das ist die Kro­nen­zei­tung und die mag Fi­gu­ren wie Kurz.

    Ich stam­me aus ei­nem ober­öster­rei­chi­schen Dorf, dort war der Bür­ger­mei­ster im­mer ÖVP, ge­wählt von den Bau­ern, und jahr­zehn­te­lang war die­ser Mann, ein gu­ter, der Tier­arzt des Dorfs, durch­aus welt­of­fen, li­be­ral, in­tel­li­gent, ge­sprächs­fä­hig. In Wien gab es sie na­tür­lich auch, die li­be­ra­len, Er­hard Bu­sek war das Aus­hän­ge­schild, ei­ner der ÖVP-In­tel­lek­tu­el­len (wie die SPÖ lan­ge von ei­nem In­tel­lek­tu­el­len ge­führt wur­de: Bru­no Krei­sky). Da­zu kom­men die Geld­ge­ber, die Wirt­schafts­leu­te. Ei­ne in­ter­es­san­te Mi­schung, als Par­tei.

    Nur: das ist al­les pas­sé, punk­ten – und nur dar­um geht es – »punk­ten« kann man nur mit Me­di­en­prä­senz, mit Per­so­na­li­sie­rung, mit der so­zia­len Mas­ke, die man sich ver­paßt. Und das be­herrscht Kurz wie kein an­de­rer, und dar­auf läuft der Ar­ti­kel von Tho­mas Stangl hin­aus, der den Po­li­ti­ker 2017 selbst­ver­ständ­lich ken­nen konn­te, er hat sich bis­her nicht ge­än­dert.

    In Öster­reich kommt man un­ter den ge­ge­be­nen Ver­hält­nis­sen nicht um Kurz her­um. Er ist, in all sei­ner Nich­tig­keit, am zeit­ge­mä­ße­sten.

    Die FPÖ wird nicht so bald stärk­ste Par­tei, kei­ne Angst. Da­zu ist sie (noch) zu ideo­lo­gisch. Sie re­prä­sen­tiert die Dumpf­heit, die sich bis­lang in Gren­zen hält. Bis­lang.

  16. Na­ja, was die Nich­tig­keit von Kurz an­geht spie­gelt sie ja ver­mut­lich die noch grö­sse­re Nich­tig­keit der an­de­ren Prot­ago­ni­sten. An­son­sten wä­ren die Pro­gno­sen nicht zu er­klä­ren. Aber viel­leicht fragt man Herrn Men­as­se mal, wen er denn so in der Re­gie­rung ha­ben möch­te.

    Na­tür­lich ha­ben sich die Mi­lieus in den letz­ten Jahr­zehn­ten ver­än­dert. Aus der Berg­mann-SPD ist ja tat­säch­lich in den 1980er bis 2000er Jah­ren die Leh­rer-SPD ge­wor­den (die jetzt in Scha­ren zu den Grü­nen über­lau­fen). Na­tür­lich gibt es den klas­si­schen Bau­ern­stand in der Brei­te nicht mehr, selbst der un­ge­lern­te Ar­bei­ter spielt kei­ne Rol­le mehr. Die Mi­lieus sind an­de­re ge­wor­den; die Aus­dif­fe­ren­zie­rung fin­det bei­spiels­wei­se im Mit­tel­stand statt. Aus­bil­dung ist längst nicht mehr aus­schlag­ge­bend für Kar­rie­re. Die­ses Ver­spre­chen ero­diert schon seit ge­rau­mer Zeit. Im aka­de­mi­schen »Mi­lieu« sind Zeit­ver­trä­ge bei öf­fent­li­chen Ar­beit­ge­bern die Re­gel. Ei­ne Be­kann­te von uns hat ih­ren Bio­lo­gie-Ma­ster und be­kommt mit 28 den er­sten 18-Mo­na­te-Ver­trag. Wie soll man da ein Le­ben pla­nen? Selbst gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te wer­den ab 45/50 nicht mehr ein­ge­stellt; die jun­gen frisch von der Uni oder In­ge­nieur­schu­le sind ein­fach bil­li­ger. Statt­des­sen wird der Blöd­sinn vom »le­bens­lan­gen Ler­nen« pro­pa­giert. Neu­lich wur­de ei­nem an­de­ren Be­kann­ten ei­ne Um­schu­lung an­ge­bo­ten – er ist 55.

    Man kann die Ab­stiegs­äng­ste der un­te­ren und mitt­le­ren Mit­tel­schicht­ler na­tür­lich ab­tun und/oder be­dau­ern. Man könn­te sie zur Ab­wechs­lung auch ein­mal ernst neh­men.

  17. Ad Trau­rig­keit: Ich will die­sel­be nie­man­dem ab­spre­chen, aber wenn die Leu­te, die heu­te FPÖ wäh­len, mor­gen wie­der bei der SPÖ ihr Kreuz ma­chen, ist nie­mand mehr trau­rig, auch wenn die Wäh­ler sich kaum ge­än­dert ha­ben. — Viel­leicht ha­be ich die­ses »das macht mich trau­rig« Se­di­ment auch schon zu oft ge­hört.

    Hin­ter dem Phä­no­men Po­pu­lis­mus steck­ten Grün­de, die si­cher­lich auch mit der Schwä­che der Volks­par­tei­en zu­sam­men hän­gen, ge­nau­er: Sie ha­ben sich wohl von ei­nem Teil der­je­ni­gen Mi­lieus, die sie in­te­grier­ten, in­halt­lich ent­fernt.

    Se­ba­sti­an Kurz war klar, dass er sich des Mi­gra­ti­ons­the­mas an­neh­men muss, um er­folg­reich zu sein, es muss­te qua­si in sei­ne Agen­da ein­ge­bun­den wer­den, aber an­ders als es die FPÖ tut; wä­re ein an­de­res The­ma im Vor­der­grund ge­stan­den, dann hät­te er ein an­de­res ge­nom­men. Da­her auch der Man­gel an Emo­tio­nen, weil er sehr be­rech­nend vor­geht, der Au­then­ti­zi­täts­the­se möch­te ich von da­her wi­der­spre­chen (das Nichts kommt eben­da­her: Kurz ist nicht an et­was ge­bun­den, son­dern er bin­det sich ra­tio­nal an das, was ihm den Er­folg si­cher­zu­stel­len scheint). Das be­deu­tet aber auch, dass Kurz eben nicht nur per­so­na­li­siert, son­dern sehr wohl ein The­ma zur Chef­sa­che er­klärt hat; es ist nicht nur die Per­son Kurz, son­dern die Per­son, die mit ei­nem The­ma qua­si ver­schmol­zen ist.

    Be­züg­lich Kärn­ten darf man al­ler­dings nicht ver­ges­sen, dass die Lan­des­haf­tun­gen von al­len oder fast al­len Par­tei­en be­schlos­sen wur­den (das war der Frei­brief zum Spie­len).

  18. An Me­tep­si­lo­n­e­ma an­knüp­fend, zwei As­pek­te:

    Trau­rig bin ich nicht nur we­gen dem FPÖ-Sumpf, den ich schon in sei­ner Ent­ste­hungs­zeit ken­nen­ge­lernt ha­be (ich mei­ne die Hai­der-FPÖ). Mein Va­ter war ein klei­ner FP-Funk­tio­när, fast sein Le­ben lang. Trau­rig ist für mich der Nie­der­gang der österr. So­zi­al­de­mo­kra­ten, der sich si­cher nicht nur wahl­tak­tisch er­klä­ren läßt. Das Punk­ten steht in mei­nen Über­le­gun­gen auch nicht im Vor­der­grund, son­dern das Ver­spie­len (Ver­sem­meln wä­re auch noch ein Wort, wenn man nicht Ver­kacken sa­gen will) ge­wis­ser »Er­run­gen­schaf­ten« (ehe­mals so­zi­al­de­mo­kra­ti­sches Lieb­lings­wort), näm­lich sol­cher, die aus der ei­ge­nen Kraft ka­men: Wohn­bau, Bil­dung, Ba­sis­ar­beit im Sinn von ge­leb­ter Ge­mein­schaft­lich­keit. Das ist futsch, und die »Ar­bei­ter«, die »klei­nen Leu­te«, die heu­ti­gen FPÖ-Wäh­ler, die Zu­kurz­ge­kom­me­nen, die So­zi­al­schma­rot­zer, die sich über an­de­re auf­pu­deln, die sie für So­zi­al­schma­rot­zer hal­ten... die wer­den nicht zu den Schwund­so­zia­li­sten zu­rück­keh­ren, und dar­über bin ich auch nicht son­der­lich trau­rig. Die Pre­ka­ri­tät, von Gre­gor an­ge­spro­chen, ist mitt­ler­wei­le sy­ste­misch. Ge­werk­schaft­li­che Ar­beit hat da nicht mehr viel Sinn, »Ver­tre­tung« funk­tio­niert an­ders, wenn es über­haupt noch Ver­tre­tung gibt, De­le­gier­te, z. B. bei all den Heim­ar­bei­tern vor dem Dis­play. Hier lie­gen auch die Grün­de, war­um sich ei­ni­ge – we­ni­ge – über­le­gen, ob man die po­li­ti­sche An­ge­fres­sen­heit nicht in ei­ne be­wußt an­ti­po­li­ti­sche Rich­tung len­ken soll­te. Das 20. Jahr­hun­dert war das Jahr­hun­dert der Po­li­tik. Viel­leicht ist es ja gut, daß es da­mit vor­bei ist? Ich fand die Slo­gans, die ich um 2000 ge­hört ha­be und jetzt wie­der in Al­ge­ri­en hö­re, da­mals er­schreckend: »Qu’ils dé­gagent tous«, »que se va­yan to­dos«... Al­le sol­len ab­hau­en. Und was dann? Nichts. Gar kei­ne Po­li­tik mehr. So war das da­mals nicht ge­dacht, aber viel­leicht soll­te man es – auf kon­struk­ti­ve Art – so den­ken. (Im heu­ti­gen Al­ge­ri­en ist der Slo­gan üb­ri­gens be­rech­tigt.)

    Zwei­tens, kurz (der Ar­me wird sich im­mer die­se dum­men Wit­ze ge­fal­len las­sen müs­sen): Da bin ich bei Me­tep­si­lo­n­e­ma, die Nich­tig­keit und Wen­dig­keit von Kurz ist ja ge­ra­de sei­ne Stär­ke. Er spie­gelt da auch gar nichts, wenn nicht die mo­ra­li­sche Lee­re, die ja auch längst ein­ge­kehrt ist.

  19. Da brin­ge ich noch­mal Dou­glas Mur­ray: die mo­ra­li­sche Lee­re ist ei­ne mo­ra­li­sche Er­schöp­fung.
    Üb­ri­gens nicht nur in Um­ver­tei­lungs­fra­gen. Deut­lich auch in der Au­ßen­po­li­tik. Mein lieb­stes po­le­mi­sches Bei­spiel: Ru­mä­ni­en, Po­len, Tür­kei, etc. sind Teil der NATO. Ist schon ir­gend­je­man­dem auf­ge­fal­len, dass wir für die­se un­se­re miss­ra­te­nen Brü­der im Zwei­fels­fall un­ser Le­ben ris­kie­ren müs­sen?! Deutsch­land ganz vor­ne: bit­te nur Fo­tos von der Luft­auf­klä­rung, wir ster­ben nicht mehr ganz so gern wie frü­her...
    Das Ver­dräng­te der Geo­po­li­tik er­in­nert an das Ver­dräng­te der Geld­po­li­tik: al­le Mo­ti­ve und Plä­ne stam­men aus den »gu­ten An­fangs­zei­ten«.
    Mo­ra­li­sche Er­schöp­fung be­deu­tet: man­geln­de Op­fer­be­reit­schaft, »Gip­fel-Rhe­to­rik«, Hy­per­mo­ra­lis­mus (qua­si-all­er­gisch), De­fä­tis­mus (der in Selbst­an­kla­gen mün­det), etc.

  20. Ich glau­be, dass der Nie­der­gang der So­zi­al­de­mo­kra­tie auch in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang steht, näm­lich in ei­nem un­ge­nü­gen­dem Ver­ständ­nis des­sen, was Kul­tur ist und be­deu­tet. Die Ei­gen­erzäh­lung und die un­be­strit­te­nen Lei­stun­gen über­decken, dass eben nicht al­les so­zi­al ist und durch so­zia­le Zu­sam­men­hän­ge er­klär­bar ist. Mensch­li­che Sinn­stif­tung, ob als »Volks- oder Hoch­kul­tur« ruht auf ei­nem ver­bind­li­chen (»ge­teil­tem«) kul­tu­rel­len Hin­ter­grund und ei­ner Be­deu­tung für den All­tag. Um er­folg­reich zu sein (und so er­folg­reich zu wer­den, wie er es wur­de), muss­ten die­se Be­deu­tungs­ver­hält­nis­se durch den Ka­pi­ta­lis­mus un­ter­gra­ben wer­den. Der ge­fü­gig ge­wor­de­ne Mensch ist ei­ner, der aus sei­nen – sich nicht nur im per­sön­li­chen er­schöp­fen­den – Be­deu­tungs­ver­hält­nis­sen her­aus­ge­löst wur­de (sich her­aus­ge­löst hat). Das ist eman­zi­pa­to­risch auf der ei­nen Sei­te, wird zum Zwang auf der an­de­ren, denn ir­gend­wann ist er zum Fort­lau­fen ge­zwun­gen, weil ihn nichts mehr hal­ten kann, er ver­mag kei­ne be­deu­tungs­vol­le Ein­kehr mehr zu fin­den. Das ist ein Pro­zess, der die Mo­der­ne kenn­zeich­net und na­tür­lich nicht auf den Ka­pi­ta­lis­mus re­du­ziert wer­den kann. Li­be­ra­lis­mus ist, kann man hin­zu­fü­gen, nur so­lan­ge er­folg­reich, so­lan­ge das kul­tu­rel­le Fun­da­ment nicht er­schöpft ist. Mitt­ler­wei­le ist das al­ler­dings der Fall; nicht weil es Kul­tur nicht mehr gä­be, son­dern weil sie Bei­werk wur­de, kraft­los ist (das – auch re­ge­ne­ra­ti­ve – Wi­der­la­ger fehlt). Des­we­gen wird das Phä­no­men Po­pu­lis­mus auch nicht ver­schwin­den, weil es gleich­sam der Spie­gel der Ver­hält­nis­se ist: Hei­mat als sinn­stif­ten­des, kul­tu­rel­les Mo­ment, ist gleich­sam als un­ge­still­tes oder un­still­ba­res Be­dürf­nis prä­sent (Po­pu­lis­mus be­ruht dar­auf, die Un­zu­frie­de­nen um sich zu scha­ren, es ist aber un­wahr­schein­lich, dass er et­was von der grund­le­gen­den Pro­ble­ma­tik lö­sen kön­nen wird, da er weit­ge­hend »sy­stem­kon­form« agiert). Die Schwä­che der So­zi­al­de­mo­kra­tie ist zum ei­nen auf den Er­folg, den sie zwei­fel­los hat­te zu­rück­zu­füh­ren, zum an­de­ren dar­auf, dass sie zu den kul­tu­rel­len Fra­gen, die in der glo­ba­li­sier­ten Welt auf­bre­chen, nicht viel zu sa­gen hat (das Miss­ver­ste­hen zeigt sich sehr gut dar­an, dass man glaub­te in den Mi­gran­ten ein neu­es Pro­le­ta­ri­at fin­den zu kön­nen; das hat das al­te Pro­le­ta­ri­at nicht ver­zie­hen und das er­hoff­te neue woll­te – durch­aus ver­ständ­lich – die­se Rol­le so nicht spie­len).

    Mit kul­tu­rel­ler Fra­ge ist nicht das ge­meint, was häu­fig Iden­ti­tät ge­nannt wird, son­dern ei­ne Wech­sel­wir­kung zwi­schen dem In­di­vi­du­um und ei­nem qua­si selbst­ver­ständ­lich prä­sen­tem Hin­ter­grund (zu­dem ge­hört auch das, was man im gu­ten Sinn Tra­di­ti­on nennt). Durch Ein­wan­de­rung wur­de der Hin­ter­grund noch po­rö­ser als er es schon war, die Fra­gen noch drän­gen­der. Die Hilf­lo­sig­keit und Lee­re je­ner In­sti­tu­ti­on, die sich Eu­ro­pa nennt, zeigt sich ge­ra­de hier­in, sie muss al­ter­na­tiv­los sein, weil sie schwach ist, kei­ne Be­deu­tung im kul­tu­rel­len Sinn für je­ne hat, für die sie da­zu­sein vor­gibt.

  21. @Leopold Fe­der­mair
    Der Ver­fall der SPÖ und der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en in Eu­ro­pa im all­ge­mei­nen hat auch da­mit zu tun, dass sie mit ih­re ein­sti­gen Kern­kom­pe­ten­zen an Gren­zen ge­sto­ssen sind. In Deutsch­land ist Bil­dung bspw. Län­der­sa­che. Dort hat man in­zwi­schen ei­ne Ma­tu­r­aquo­te von et­was mehr als 50% er­reicht. Gleich­zei­tig be­kla­gen die Uni­ver­si­tä­ten, dass das Bil­dungs­ni­veau der Erst­se­me­ster im­mer schlech­ter ist. Haupt­sa­che, die Quo­te stimmt und kann dann vor­ge­zeigt wer­den. Zur Not schwächt man die Kri­te­ri­en eben ab.

    Das 20. Jahr­hun­dert war das Jahr­hun­dert der Po­li­tik. Viel­leicht ist es ja gut, daß es da­mit vor­bei ist?
    Das klingt wie ein Slo­gan ei­ner Spaß­par­tei – die ja durch­aus in Eu­ro­pa (und an­ders­wo) ih­ren Zu­lauf ha­ben. Die­se Form der An­ti-Po­li­tik ist üb­ri­gens ein Zei­chen po­pu­li­sti­scher Be­we­gun­gen bis hin zu Trump, der ja im stren­gen Sin­ne eben­falls kei­ne Po­li­tik be­treibt son­dern über Twit­ter wie ein Kö­nig sei­ne Bot­schaf­ten ab­son­dert (die dann bin­nen Se­kun­den von Me­di­en re­pro­du­ziert wer­den und da­durch erst Be­deu­tung er­lan­gen).

    Ich will mich nicht her­aus­re­den, in dem ich auch An­ti-Po­li­tik zur Po­li­tik er­klä­re. Aber der Wunsch nach Auf­lö­sung der po­li­ti­schen Struk­tu­ren ist all­ge­gen­wär­tig ge­wor­den, weil Par­tei­en und Po­li­ti­ker das Ge­mein­wohl im­mer mehr zu Gun­sten von Kli­en­tel­grup­pen ver­nach­läs­si­gen, die mit den glei­chen Bot­schaf­ten um­wor­ben wer­den. Das führt da­zu, dass die Un­ter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en gen null ten­die­ren. Und hier­in liegt dann das Po­ten­ti­al für ei­ne Pö­bel-Par­tei wie die FPÖ, die nichts an­de­res zu tun braucht, als die Ver­dros­sen­heit der Leu­te zu ka­na­li­sie­ren. Sie ist aber auch für die In­tel­lek­tu­el­len wich­tig: Sie kön­nen sich in der Geg­ner­schaft zu ihr wun­der­bar pro­fi­lie­ren – oh­ne an kon­kre­ten Po­li­tik­ent­wür­fen (ich spre­che von Ent­wür­fen, nicht von uto­pi­schen For­de­run­gen) die Fin­ger schmut­zig zu ma­chen.

    @die_kalte_Sophie
    In­ter­es­san­ter As­pekt. Wie bin­dend ein Mul­ti­la­te­ra­lis­mus sein kann, hat­te man ja in der EU an­hnd der Grie­chen­land- und Zy­pern­kri­se des Eu­ros fest­stel­len kön­nen. Dort wur­den dann ganz schnell Maß­nah­men er­grif­fen, die aus­drück­lich nicht vor­ge­se­hen wa­ren (»Bail-Out« bzw. »No-Bail-Out«).

    Im Fall der NATO ist der Bei­stand ja durch­aus nicht quan­ti­fi­ziert. Ir­gend­ein klu­ger Mensch hat ein­mal sinn­ge­mäss ge­sagt, dass der Bei­stand der NATO bei ei­nem An­griff zwi­schen dem Ver­sen­den ei­ner Post­kar­te und dem Atom­waf­fen­ein­satz schwan­ken kann.

    Rich­tig ist, dass die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen mul­ti­la­te­ra­le Ver­trä­ge ge­schlos­sen wur­den, sehr häu­fig der­art ab­strakt wa­ren, dass man das Klein­ge­druck­te nicht ver­han­delt hat­te, weil es so­wie­so nicht ein­tref­fen wür­de. Dass es nun teil­wei­se droht ein­zu­tre­ten, ist na­tür­lich ein Schock. Da­her zieht man sich dann eher wie­der in die ei­ge­nen Ge­fil­de zu­rück.

    @metepsilonema
    Ich ver­ste­he sehr gut, was Du mit »kul­tu­rel­ler Fra­ge« meinst. Es ist na­tür­lich doch ei­ne ge­wis­se Furcht vor der Ver­än­de­rung ei­ner »glo­ba­li­sier­ten« Welt. Es däm­mert lang­sam, dass die­se »Glo­ba­li­sie­rung« kei­ne Ein­bahn­stra­sse ist und durch­aus An­pas­sun­gen ver­langt, die schmerz­lich sein kön­nen.

    Ich ha­be neu­lich ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über die Ko­ro­wai ge­se­hen. Es han­delt sich um ei­nen Stamm im We­sten In­do­ne­si­ens. Über die ist bin­nen we­ni­ger Jah­re die Mo­der­ne ein­ge­bro­chen wie ein Tsu­na­mi. Ih­re tra­dio­nel­le Le­bens­wei­se in Baum­häu­sern ha­ben sie al­le auf­ge­ge­ben; der Staat lockt sie in Dör­fer (in de­nen sie kei­ne Per­spek­ti­ve ha­ben). Ei­ni­ge ver­die­nen sich Geld, in dem sie aus­län­di­schen Film­teams vor­spie­len, wei­ter­hin in Baum­häu­sern und nackt zu le­ben. Sie zie­hen sich aus, ge­hen zur Jagd und zum Fisch­fang, und zei­gen ih­re Bräu­che – al­les für Geld (es gibt ei­nen fe­sten Ka­ta­log der »Dienst­lei­stun­gen«). Die Do­ku­men­ta­ti­on zeig­te dies un­er­bitt­lich. Sie ma­chen Feu­er mit Feu­er­zeu­gen, die sie wie Schät­ze hor­ten, kau­fen sich al­te Ra­di­os, bil­li­ge Han­dys, tra­gen Fuß­ball­tri­kots eu­ro­päi­scher Mann­schaf­ten und ver­su­chen sich als Mas­kott­chen für Do­ku­men­tar­fil­mer. Sie wa­ren auf­ge­wach­sen im Glau­ben, dass sie das Zen­trum der Welt sind. Bin­nen kur­zer Zeit muss­ten sie er­fah­ren, dass sie am Rand ste­hen.

    .-.-.-.-

    Ich hat­te auf Face­book die­sen Bei­trag auch ge­po­stet – mit der Bit­te um Kom­men­ta­re im Blog. Ich ver­mu­te, dass ich rund 20% öster­rei­chi­sche FB-Freun­de ha­be, die auch al­le ziem­lich po­li­ti­siert sind. Ei­ni­ge we­ni­ge ken­ne ich in­zwi­schen per­sön­lich. Ge­äu­ßert hier­zu hat sich nur ei­ner, Pe­ter Ste­phan Jungk (der aber auch ge­le­gent­lich hier et­was bei­trägt). Al­le an­de­ren hül­len sich im Schwei­gen, ver­lin­ken Ar­ti­kel­chen über klei­ne und gro­ße Skan­da­le. Al­les, um nur nicht zu er­ken­nen zu ge­ben, dass sie nichts, aber auch gar nichts bei­zu­tra­gen ha­ben. (Hin­zu kommt na­tür­lich, dass mein Blog wirk­lich nich­tig ist, nich­ti­ger als Kurz.)

  22. @mete: Sehr gu­te Ab­hand­lung. Das Pa­ra­do­xon der Frei­heit muss so­wohl in so­zia­len als auch kul­tu­rel­len Ka­te­go­ri­en ge­dacht wer­den. Der Li­be­ra­lis­mus als po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie ver­zich­tet auf bei­des; aber ich fü­ge hin­zu: das kann man auch als Stär­ke im Sin­ne der Selbst­be­schrän­kung auf­fas­sen.
    Die Psy­cho­dy­na­mik fin­de ich ein­leuch­tend: Auf­bruch und Rück­kehr als at­men­de Dia­lek­tik. Da­bei gibt es of­fen­bar ei­ne Par­al­lel­be­we­gung zwi­schen In­di­vi­dua­ti­on und Gat­tungs­er­kennt­nis. Ich tei­le die An­sicht, dass der »kul­tu­rel­le Hin­ter­grund« eher für die Be­dürf­nis­se und Fra­gen zu­stän­dig ist, die wir als Gat­tungs­we­sen mit uns rum­schlep­pen.
    Und, ja! Zwei­fel­los ei­ne Iro­nie der Ge­schich­te, dass wir eu­ro­päi­sche Po­li­tik zu ei­nem Zeit­punkt ver­su­chen, wo uns die kul­tu­rel­len Bin­dun­gen ab­han­den kom­men. Groß-Se­gel set­zen, wenn der Wind ab­flaut, ist kei­ne Ga­ran­tie für Fort­schritt. Die Si­tua­ti­on ent­spricht ex­akt dem »Milieu«-Problem der Par­tei­en (laut @Gregor), wenn man fest­stellt, dass man nur noch Pro­gramm-Po­li­tik ma­chen kann, weil al­le Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten weg­ge­fal­len sind. Des­halb wer­den die west­li­chen De­mo­kra­ti­en im­mer noch me­ta­phy­sisch auf­ge­la­den, als »Yes-we-can-do-everything«-machine, was ich per­sön­lich sehr arm­se­lig fin­de, und gar nicht be­schei­den oder ver­nünf­tig...

  23. Gu­te Ab­hand­lung, ja, von Me­tep­si­lo­n­e­ma. Wohl­über­legt. Ich wür­de nur eins hin­zu­fü­gen (eher als ent­geg­nen): Ador­nos Ana­ly­se der Kul­tur­in­du­strie. Sa­lopp ge­sagt (nicht ganz so wohl­über­legt): Kul­tur wur­de vom Ka­pi­ta­lis­mus ge­kauft, en gros, Gre­gor gibt ein Bei­spiel en dé­tail. Und die­se in­du­stri­el­le Kul­tur ten­diert zur Be­deu­tungs­lo­sig­keit, sie wur­de zur Spaß­kul­tur, wie wir sie im Grund bis heu­te als Main­stream, als post­ideo­lo­gi­sche He­ge­mo­nie ha­ben. Wir sind hei­mat­los, ob­dach­los, un­be­haust, das scheint mir ir­rever­si­bel. Ein As­pekt da­von ist der Mas­sen­tou­ris­mus: Hall­statt in Chi­na, Chi­ne­sen in Hall­statt. Hilf­lo­se, wenn­gleich not­wen­di­ge Ge­gen­maß­nah­me: Tou­ri­sten­kon­tin­gen­te be­gren­zen.

    Was wür­de Hand­ke, un­se­re Säu­len­hei­li­ger, da­zu sa­gen? Sol­len wir uns – mit ihm – auf In­seln, En­kla­ven zu­rück­zie­hen? In­seln des Au­then­ti­schen, so­zu­sa­gen. (Über­all das So­zu­sa­gen).

    @Gregor K.
    Ich glau­be, man soll­te auch ver­su­chen zu ver­ste­hen, war­um Spaß­ma­cher in der Po­li­tik der­zeit so viel Zu­lauf ha­ben. Zu­grun­de liegt ver­mut­lich das­sel­be Un­be­ha­gen, die­sel­be Ver­dros­sen­heit, die ja nach al­len Sei­ten herrscht. Gril­lo, Son­nen­born etc. ha­ben frei­lich kei­ne Al­ter­na­ti­ven zu bie­ten. Über den ukrai­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Wo­lo­dy­m­yr Se­len­skyj weiß ich nicht viel, aber er schwimmt wohl auf der­sel­ben Wel­le.

    Nein, was mich in­ter­es­siert, ist, ob Ver­wal­tungs­sy­ste­me jen­seits der One-Man-One-Vo­te-De­mo­kra­tie funk­tio­nie­ren könn­ten, und zwar un­ter Auf­recht­erhal­tung der Grund­frei­hei­ten. Ich kann die Po­li­tik­ver­dros­sen­heit nicht nur ver­ste­hen, son­dern bin in Wahr­heit selbst ver­dros­sen. Seit Jahr­zehn­ten kann ich mich in Pro­gram­men und Hand­lungs­li­ni­en von Par­tei­en auch nicht an­nä­hernd wie­der­erken­nen. Aber letz­ten En­des gibt es so­wie­so kaum ei­ne Wahl, es gibt so vie­le Zwän­ge, es läuft im­mer al­les aufs Sel­be hin­aus. Des­halb: Könn­te man nicht ei­ne Ver­wal­tung der Res Pu­bli­ca oh­ne Wah­len an­denken? Wo­zu wäh­len, wenn wir kei­ne Wahl ha­ben? Ten­den­zi­ell kön­nen sich so­zia­le Sy­ste­me doch eh schon selbst ver­wal­ten, wie Au­tos selbst steu­ern könn­ten. Durch die Ab­ga­be von Po­li­tik wür­den wir frei für an­de­re, sinn­vol­le­re Tä­tig­kei­ten. Z. B. da­für, neue Hei­ma­ten und Be­deu­tungs­fel­der zu schaf­fen.

    Daß auf Face­book kom­ple­xe­re Fra­ge­stel­lun­gen nicht dis­ku­tiert wer­den, wird wohl kein öster­rei­chi­sches Phä­no­men sein. Das SM dient der Selbst­dar­stel­lung, nicht der Dis­kus­si­on.

  24. @metepsilonema wg. »Trau­rig­keit: Ich will die­sel­be nie­man­dem ab­spre­chen, aber wenn die Leu­te, die heu­te FPÖ wäh­len, mor­gen wie­der bei der SPÖ ihr Kreuz ma­chen, ist nie­mand mehr trau­rig, auch wenn die Wäh­ler sich kaum ge­än­dert ha­ben. — Viel­leicht ha­be ich die­ses »das macht mich trau­rig« Se­di­ment auch schon zu oft ge­hört.«

    Das stimmt. Und das sagt Thi­lo Sar­ra­zin seit »Deutsch­land schafft sich ab«. – Neu­er­dings sagt das auch Sig­mar Ga­bri­el – mit Blick auf die So­zi­al­de­mo­kra­tin Met­te Fre­de­rik­sen in Dä­ne­mark. Die stört üb­ri­gens auch nicht, dass sie sich in ei­nen Ge­gen­satz zum EuGH und zur EU be­gibt mit ih­ren Grenz­kon­trol­len – das kann ei­nem ja be­kannt vor­kom­men, stimmt’s?

    So­bald man sich au­ßer­halb der üb­li­chen Sprech- und Denk­schran­ken be­gibt, ist al­les ganz ein­fach, Die_kalte_Sophie, das stimmt auch.

    Das aber scheint der­zeit nur in Rand­be­zir­ken un­se­rer bür­ger­li­chen deutsch­spra­chi­gen Öf­fent­lich­keit mög­lich zu sein.

    Wahr­schein­lich wird gern über­schätzt, wer re­giert und un­ter­schätzt, um was es da­bei geht. – Im Üb­ri­gen aber sa­ge ich: Da­vid Mur­ray & Da­vid Good­hart z. B. ha­ben recht: Cf. der Brief­trä­ger als so­me­whe­re me­tep­si­lo­n­e­mas ge­gen die any­whe­res von der EU z. B., die ihn nicht für voll neh­men).

  25. @Leopold Fe­der­mair
    ...was mich in­ter­es­siert, ist, ob Ver­wal­tungs­sy­ste­me jen­seits der One-Man-One-Vo­te-De­mo­kra­tie funk­tio­nie­ren könn­ten, und zwar un­ter Auf­recht­erhal­tung der Grund­frei­hei­ten

    Das wird die de­mo­kra­tie­po­li­ti­sche Gret­chen­fra­ge der näch­sten Zeit sein. Ich muss da tat­säch­lich an das »jo­se­phi­ni­sche« Mo­dell von Men­as­se den­ken (ge­nau­er ge­sagt ist es kein Mo­dell von ihm, son­dern die Kon­se­quenz aus sei­nem Den­ken). Oder, ge­nau­er: Ge­nügt nicht ein Ver­wal­tungs­ap­pa­rat, der fall­wei­se von »gu­ten« Per­sön­lich­kei­ten auf den »rich­ti­gen« Weg ge­bracht wird? Be­darf es ei­nes ge­wähl­ten Re­prä­sen­ta­ti­ons­ap­pa­ra­tes, der am En­de nur sich sel­ber re­prä­sen­tiert? Oder, noch ge­nau­er: Stösst ein One-Man-One-Vo­te nicht an Gren­zen? Die ein­zi­ge Fra­ge ist dann nur: Wer be­stimmt die Rich­tung? Wer be­stimmt, was gut und was schlecht ist? Wer be­stimmt dies, wenn aus­ge­macht ist, dass die Klug­heit der Vie­len ei­ne Schi­mä­re ist? Und was ma­chen wir dann mit Re­vo­lu­tio­nen?

    Die Heils­stim­mung ei­ner im be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men von der Ar­beit be­frei­ten Ge­sell­schaft ver­mag ich nicht zu­zu­stim­men. Ge­ra­de Ar­beit struk­tu­riert Per­sön­lich­kei­ten. Der Glau­ben, dass al­le dann im Pa­ra­dies le­ben, hal­te ich für ei­nen ge­fähr­li­chen Fehl­schluss.

    (Zur Klar­stel­lung: Ich bat auf Face­book, hier zu kom­men­tie­ren, zu dis­ku­tie­ren. Das wurde/wird ge­flis­sent­lich igno­riert. Im üb­ri­gen ge­lin­gen zu­wei­len dort auch in­ter­es­san­te Dis­kus­sio­nen. Kommt – wie über­all – auf die Dis­ku­tan­ten an.)

  26. @Gregor K.
    Men­as­se hat sich zum Zer­bre­chen der Ko­ali­ti­on in Öster­reich und zu Kurz als po­li­ti­scher Ge­stalt ge­äu­ßert.
    https://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-robert-menasse-ueber-oesterreich-zerstoerung.911.de.html?dram:article_id=449664
    https://www.dw.com/de/robert-menasse-sebastian-kurz-ist-der-zombie-einer-alten-zeit/a-44220606
    Auch er ist wie et­wa Pe­ter Pilz und zu­min­dest ein Teil der Grü­nen der An­sicht, daß Kurz ei­ne Haupt­schuld an der Re­gie­rungs­kri­se trägt. Wie er den (Alt?!)-Kanzler sieht, das er­in­nert durch­aus an das von Tho­mas Stangl ge­zeich­ne­te Bild.
    Sei­ne po­li­ti­schen Kon­zep­te sind mir nicht recht klar. Ei­ner­seits Jo­se­phi­nis­mus, ei­ne qua­si jo­se­phi­ni­sche Re­gie­rung ha­ben wir ja der­zeit in Öster­reich (und ich ha­be schon ge­äu­ßert, daß sie mei­net­we­gen gern et­was län­ger im Amt blei­ben kann). An­de­rer­seits hält er mehr oder we­ni­ger au­to­ma­tisch am her­kömm­li­chen De­mo­kra­tie­be­griff fest, mit all­ge­mei­nen Wah­len etc.
    Ich selbst ha­be kein Ta­lent zum Ent­wer­fen po­li­ti­scher Theo­ri­en, fra­ge mich aber grund­sätz­lich, ob man, wenn es eh kei­ne Wahl gibt, die­ses Wahl­spiel noch spie­len soll. Ich le­be in Ja­pan, hier wur­de dem Land die west­li­che De­mo­kra­tie nach dem Krieg auf­ge­zwun­gen. Die Ja­pa­ner sind seit Jahr­zehn­ten dar­an ge­wöhnt, daß sie das De­mo­kra­tie­spiel nur spie­len. Die Re­gie­run­gen ha­ben die gan­ze Zeit über mit ei­ner ge­wis­sen Ra­tio­na­li­tät und lan­des­üb­li­cher Träg­heit ge­han­delt (aber eben doch ge­han­delt), sehr gro­ße selbst­ver­schul­de­te Kri­sen gab es nicht, die Kor­rup­ti­on hält sich in Gren­zen. Das Land und sei­ne Po­li­tik sind aber aus­ge­laugt, das De­mo­kra­tie­spiel wird im­mer lang­wei­li­ger, in den jun­gen Ge­nera­tio­nen in­ter­es­siert es kaum noch je­man­den.
    So ist bei mir dann ein ge­wis­ses In­ter­es­se an der so­ge­nann­ten De­mar­chie er­wacht. Wenn ganz nor­ma­le Bür­ger als Schöf­fen in Mord­fäl­len be­fin­den kön­nen, war­um soll­ten sie dann nicht auch bei­spiels­wei­se ei­nem Mi­ni­ste­ri­um vor­ste­hen kön­nen? Für ei­ne be­grenz­te Zeit, und nach ent­spre­chen­der Vor­be­rei­tung. Die ei­gent­li­che Ar­beit ma­chen eh die Be­am­ten, das ist auch jetzt so.

  27. @ Leo­pold Fe­der­mair und GRe­gor Keu­sch­nig

    Leo­pold Fe­der­mair: »...was mich in­ter­es­siert, ist, ob Ver­wal­tungs­sy­ste­me jen­seits der One-Man-One-Vo­te-De­mo­kra­tie funk­tio­nie­ren könn­ten, und zwar un­ter Auf­recht­erhal­tung der Grund­frei­hei­ten.«

    Das glau­be ich nicht. Funk­tio­nie­ren ja (s. Chi­na), aber nicht zu­sam­men mit den Grund­frei­hei­ten. Denn frei zu sein be­deu­tet u. a. nicht funk­tio­nie­ren zu müs­sen. Auch das Funk­tio­nie­ren gro­ßer Ver­wal­tungs­sy­ste­me zu z. B. ab­zu­le­hen. Die­se Idee ist al­so selbst­wi­der­sprüch­lich.

    Auch Bahro z. B. und der spä­te Ha­rich ha­ben sich in die­sen Denk­bah­nen be­wegt.

    Es ist so wie Gre­gor Keu­sch­nig sagt: Der Staats­bür­ger muss dann ak­zep­tie­ren, dass an­de­re bes­ser wis­sen was gut für ihn wä­re als er selbst. Er muss sich in­so­fern ent­mün­di­gen. Und das ist ei­ne Form der Un­frei­heit.

  28. @Leopold Fe­der­mair
    Men­as­ses Schuld­zu­wei­sung hal­te ich im höch­sten Maß für lä­cher­lich. Wie­so Kurz Schuld sein soll, dass der Au­stro­fa­schis­mus nicht auf­ge­ar­bei­tet wur­de, ver­mag er nicht zu er­klä­ren. An­son­sten übt er sich in Selbst­be­weih­räu­che­rung und sieht sich als ei­nen der Letz­ten, der »im­mer wie­der an die Grund­la­gen ei­ner li­be­ra­len und zi­vi­len De­mo­kra­tie« er­in­nert. Für ihn ist »De­mo­kra­tie« im­mer nur dann ak­zep­ta­bel, wenn sie ir­gend­wie sei­nen An­sich­ten ent­spricht. Von tat­säch­lich de­mo­kra­tisch grun­dier­ten Pro­zes­sen hält er ei­gent­lich nichts.

    Kurz ist für ihn nur ein Är­ger­nis, ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che für sei­nen Un­mut. Er wirft ihm vor, Eu­ro­pa nicht zu ver­ste­hen, was man im­mer sagt, wenn man sich auf dem Sockel sieht. Das »Dub­lin-Ver­fah­ren« hält er für ein »Ver­bre­chen« – klei­ner geht’s nicht. Seit 20 Jah­ren hät­te man ei­ne Asyl­po­li­tik be­trei­ben kön­nen. Als der In­ter­view­er sagt, dass Kurz da erst 11 Jah­re war, weicht er aus und lügt, es gin­ge ihm nicht um Kurz, den er dann we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter ad ho­mi­nem als »Zom­bie« an­greift.

    Das dient al­les nur da­zu, sei­ner Kli­en­tel zu zei­gen, was man für ein tol­ler Hecht ist. Sach­ge­rech­te, kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge: null. Wenn man so et­was liest, dann ahnt man, war­um es ei­ne der­art gro­ße Po­li­tik­ver­dros­sen­heit gibt.

    Po­li­ti­ker in be­stimm­ten Äm­tern zu er­tra­gen, ist oft ge­nug ei­ne Pein. Aber we­he sol­che In­tel­lek­tu­el­len wie Men­as­se wür­den dies tun...

  29. Ja, Men­as­se ist das be­ste Bei­spiel. Kei­ne Ab­stu­fun­gen, kei­ne Fair­ness, kein Quid-pro-quo. »Per­so­na« pur. Mei­ne Re­de wird euch al­le ver­ein­nah­men.
    Die Maß­stä­be sind völ­lig will­kür­lich, vor­al­lem das zeit­li­che Sche­ma »alt« vs. »Zu­kunft« ken­nen wir sehr ge­nau. Alt sind die An­de­ren, die Zu­kunft ge­hört der Mensch­heit, wo die Al­ten dann nicht mehr vor­kom­men. Auch kei­ne jun­gen Al­ten wie Se­ba­sti­an Kurz.

    Die jo­se­phi­ni­sche Lö­sung ist de­noch ei­ne Über­le­gung wert. Man spart sich den or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand von Par­tei­en ein, und re­du­ziert die öf­fent­li­che Po­le­mik auf ein Mi­ni­mum. Ins­be­son­de­re wir­ken die Par­tei­en ja se­lek­tiv auf die Mei­nungs­bil­dung, d.h. man ver­liert le­gi­ti­me Po­si­tio­nen. Aber die »Chan­ce zur Macht­er­grei­fung« ist in der bür­ger­li­chen Welt ein Dreh- und An­gel­punkt. Dar­um kreist un­se­re Sub­jek­ti­vi­tät. Wir wür­den die de­mo­kra­ti­sche Welt voll­kom­men hin­ter uns las­sen, und müss­ten in ein pseu­do-au­to­kra­ti­sches Sta­di­um ein­tre­ten. Die Dia­lek­tik von Herr und Knecht wä­ren wir los, aber die Bü­ro­kra­tie wür­de sich ver­mut­lich noch stär­ker als bis­her ge­gen Ver­än­de­run­gen im­mu­ni­sie­ren.

  30. @ die_kalte_Sophie (u. Gre­gor Keu­sch­nig)

    »Die Dia­lek­tik von Herr und Knecht wä­ren wir los, aber die Bü­ro­kra­tie wür­de sich ver­mut­lich noch stär­ker als bis­her ge­gen Ver­än­de­run­gen im­mu­ni­sie­ren.«

    Stimmt.

    Im Üb­ri­gen ist das al­les schon x mal durch­ge­nom­men wor­den. Das »sanf­te Mon­ster Brüs­sel« (En­zens­ber­ger) – ist ein Mon­ster cf. Cy­rill Parkinson’s law. Nur mal mit Hand­wer­kern re­den. Oder mit Bau­ern, de­nen ih­re Exi­stenz ver­sau­ert wird durch die­ses Mon­ster.

    Ich ken­ne ei­ne Fa­mi­lie, die En­ten und Gän­se auf­zieht und dann schlach­tet. 70-Stun­den-Wo­chen ha­ben sie hin­ge­nom­men, schließ­lich wa­ren sie selb­stän­dig, kei­ner hat ih­nen rein­ge­re­det, au­sser­dem sind sie das Ar­bei­ten ge­wohnt. Jetzt schlie­ßen sie aber. Ih­re Ge­neh­mi­gung für ih­ren Be­trieb, des­sen Kun­den (dar­un­ter ich) nie den klein­sten Grund hat­ten, sich über die Quli­tät ih­rer Pro­duk­te zu be­schwe­ren, – läuft we­gen neu­er EU-Hy­gie­ne­be­stim­mun­gen aus. Ko­sten­vor­anschlag für not­we­ni­ge Mo­der­ni­sie­rungs­ko­sten: 450 000 Eu­ro. Sie sa­gen, sie wür­den das in ih­rem Er­werbs­le­ben nicht mehr til­gen kön­nen. Die Kin­der ma­chen Ver­wal­tungs­aus­bil­dun­gen – heheh – sie kön­nen dann bei der EU an­heu­ern...
    Ohh ja – die En­ten: Die kom­men dann halt aus Po­len oder Weiß­russ­land oder wo – ist ja ganz egal, Kühl­last­wa­gen gibt es ja ge­nug...

    Die­se Bal­la­de könn­te ich wei­ter­erzäh­len, vom Bäcker in der KN Altstdt, der jetzt zwei Klos ein­bau­en soll und ei­ne ge­trenn­te Män­ner- und Frau­en­wasch­ge­le­gen­heit, und der jetzt sei­ne Back­stu­be schließt, weil das in der Alt­stadt nicht geht – und, sie­he oben, sein Bud­get das nicht her­gä­be. – Nie­mals, sagt er, hät­te ei­ner sei­ner An­ge­stell­ten sich be­schwert we­gen der sa­ni­tä­ren Ver­hält­nis­se. Ich glau­be ihm das.

    Vom Elek­tri­ker, der mir die un­flä­tig­sten Flü­che über die EU zu Ge­hör bringt, aus den glei­chen Grün­den, cum gra­no sa­lis, wie die Ge­flü­gel­züch­ter und der Bäcker.

    Und das ist nur e i n As­pekt die­ser Ge­schich­te.

    Die EZB mit ih­rem OMT-Me­cha­nis­mus und ih­ren Tar­get-Sal­den ist aus mei­ner Sicht ein wei­te­rer Grund. Heu­te schreibt Ro­land Ti­chy, er und Hans-Wer­ner Sinn hät­ten durch Zu­fall auf­grund per­sön­li­cher Be­zie­hun­gen (!) da­von er­fah­ren, dass die EZB die Tar­get-Sal­den ein­ge­rich­tet hat­te! Ei­ne Zah­lungs­ver­schlep­pungs­in­sti­tu­ti­on rein­sten Was­sers. Al­so noch­mal rein kon­sta­tiv: Die EZB hat laut Ro­land Ti­chy die eu­ro­päi­sche Öf­fent­lich­keit nicht ein­mal dar­über in­for­miert (!) , dass sie ein »In­stru­ment« – - – - der Zah­lungs­ver­schlep­pung zwi­schen den EU-Staa­ten ein­ge­rich­tet hat­te. Der­zei­ti­ger Stand die­ses EZB-In­stru­ments aus Deut­scher Sicht: 970 Mil­li­ar­den Eu­ro, für die Wa­ren ge­lie­fert wur­den ans Eu­ro­pä­isch Aus­land. Dem­nächst al­so ei­ne Bil­li­on Eu­ro die, so Ti­chy, wohl auf nim­mer­wie­der­se­hen ver­schwun­den ist. – Wer er­klärt das den Deut­schen Steu­er­zah­lern und Wäh­lern und Ar­bei­tern?

    Tcha. – Ins­ge­samt kaum mehr als »ei­ne Ku­gel Eis pro Fa­mi­lie«, so un­ge­fähr wird der­lei kom­mu­ni­ziert... – und dass es uns noch nie so gut ge­gan­gen sei, wie jetzt usw., mehr so hört man, sei da­zu nicht zu sa­gen...

  31. Der nie­der­län­di­sche Spzi­al­wis­sen­schaft­ler Re­né Cup­erus (Gre­gor Keu­sch­nig # 6 und die_kalte_Sophie # 9) üb­ri­gens re­det wie Met­te Fre­de­rik­sen und neu­er­dings Sig­mar Ga­bri­el. Er bil­ligt über­dies Ko­ali­tio­nen mit »po­pu­li­sti­schen Par­tei­en« und stellt die über gro­ße Ko­ali­tio­nen, die er für die ver­derb­lich­ste Va­ri­an­te hält.- Die Fried­rich-Ebert-Stif­tung, die Cup­erus pu­bli­ziert, – - müss­te nun von der TAZ wg. Kry­pro­fa­schis­mus osä. ge­disst wer­den. – Aber auch das wür­de sie über­ste­hen. Im­mer­hin wird sie bald so­gar Kurt Beck über­tan­den ha­ben. – Der Ver­fas­sungs­ju­rist und SPD-Ge­nos­se Bern­hard Schlink (Der Vor­le­ser) freut sich schon auf die Zeit nach Beck bei der Ebert-Stif­tung (er hat sich in der FAZ die Haa­re ge­rauft, über das ak­tu­el­le Ni­veau der De­bat­ten bei der Ebert-Sti­tung). – Mal se­hen, ob er zu Cup­erus was sagt.

  32. Men­as­ses Äu­ße­run­gen wecken bei mir im­mer schon ge­misch­te Ge­füh­le. In die­sem Fall: daß er nicht über Kurz al­lein spricht, son­dern über ei­nen Ty­pus, über be­stimm­te Po­li­ti­ker, ist doch okay. Was ich nicht se­he, ist der Zu­sam­men­hang zwi­schen der ge­gen­wär­ti­gen Pro­ble­ma­tik in Öster­reich und dem nicht auf­ge­ar­bei­te­ten Au­stro­fa­schis­mus. Men­as­se hat ei­ner­seits recht, im­mer wie­der den Fin­ger drauf zu le­gen, Öster­reich stell­te sich nach 45 als Op­fer Hit­lers (des Öster­rei­chers) dar, und so ne­ben­bei kam man auch drum her­um, sich mit dem haus­ge­mach­ten Fa­schis­mus aus­ein­an­der­zu­set­zen. Aber die Wir­kun­gen in die Ge­gen­wart wer­den halt im­mer schwä­cher, seit Dollfuß & Co. ist bald ein Jahr­hun­dert ver­gan­gen. Man kann nicht al­les da­mit er­klä­ren. Men­as­se sagt vie­les um der Rhe­to­rik wil­len, er sieht sich gern ver­bal glän­zen.

    Kurz hat fe­der­füh­rend an der Ko­ali­ti­on von Alt­kon­ser­va­ti­ven, Me­di­en­po­li­ti­kern der »Mit­te« (wie er selbst) und Rechts­ex­tre­men mit­ge­ba­stelt. Er hat Leu­te wie Stra­che und Kickl in die Re­gie­rung ge­holt bzw. sie dort to­le­riert. Nicht mehr und nicht we­ni­ger wer­fen ihm Lin­ke in Öster­reich vor. So auch Men­as­se, da se­he ich kei­ne selt­sa­men ge­dank­li­chen Ver­dre­hun­gen. Zu Kur­zens Ver­tei­di­gung könn­te man sa­gen, er pro­biert halt al­les aus – und ge­nau die­se Ver­tei­di­gung führt uns dann wie­der hin­ein in den Dis­kurs von der vor­sätz­li­chen Nich­tig­keit sol­cher Po­li­ti­ker.

    Das Gän­se­bei­spiel von Die­ter K. ist un­ter­halt­sam und be­stür­zend zu­gleich, nur fra­ge ich mich, ob die im­mer wei­ter fort­schrei­ten­de Bü­ro­kra­ti­sie­rung wirk­lich spe­zi­fisch EU-eu­ro­pä­isch ist. In Öster­reich hö­re ich in Ge­schäf­ten von ähn­li­che Aus­wir­kun­gen na­tio­na­ler Ge­set­ze bzw. der Pra­xis ih­rer Um­set­zung. Ich fürch­te, die Bü­ro­kra­tie ist nur ein Sek­tor des Par­kin­son­schen Grund­ge­set­zes.

  33. @ Men­as­se. ich möch­te die Mi­gra­ti­ons­kri­se nicht noch ein­mal auf­wär­men, aber sei­ne Aus­sa­gen über die 20 Jah­re wäh­ren­de ge­dul­di­ge Po­li­tik, die 2015 ver­hin­dert hät­te, wenn nicht die do­me­sti­schen (kurz­sich­ti­gen) In­ter­es­sen blockiert hät­ten... Sind, mit Ver­laub, ei­ne Ra­tio­na­li­sie­rung er­ster Gü­te. Da staunt man nur noch, vor­al­lem wenn man die Richt­li­ni­en von 2013 (nur 2 Jah­re zu­vor) liest, wo da­ma­li­ge Fehl­funk­tio­nen be­reits groß­spu­rig aus­ge­klam­mert wor­den wa­ren. Man woll­te nur ein Sy­stem be­stä­ti­gen, das nicht funk­tio­niert hat. Die Richt­li­ni­en sind Tex­te aus an­de­ren Wel­ten!

    Es wächst der Staat jen­seits de­mo­kra­ti­scher Ver­fü­gungs­ge­walt am al­ler­be­sten. Es gilt als un­schick­lich, dies zu be­haup­ten, wenn es um Eu­ro­pa geht. Aber ge­nau dort ist es am leich­te­sten er­kenn­bar. Zur Ge­setz­ge­bung ge­hört die Mög­lich­keit der Re­vi­si­on, um mal ganz deut­lich von der mo­de­ra­ten For­de­rung der Sub­si­dia­ri­tät ab­zu­ge­hen. Ein Ge­setz (in den ent­spre­chen­den For­men) aus Eu­ro­pa wie­der los­zu­wer­den, ist prak­tisch un­mög­lich. Wer so­viel Staat hat, braucht auch kei­ne De­mo­kra­tie mehr. Es fehlt der li­be­ra­le Ge­dan­ke ab in­i­tio.

  34. @Leopold Fe­der­mair
    Ge­mäss dem un­ge­schrie­be­nen de­mo­kra­ti­schen Kon­sens ob­lag es Kurz’ ÖVP 2017 die Re­gie­rung zu bil­den. Was hät­te er tun sol­len? (Die Fra­ge wird sich – s. o. in mei­nem Bei­trag – wie­der stel­len!)

    Geht er ei­ne Ko­ali­ti­on mit der SPÖ ein, setzt sich die Spezl­wirt­schaft wei­ter fort. Auf lan­ge Sicht hät­te dies für die ÖVP Stim­men­ver­lu­ste be­deu­tet. Al­so ging der Ko­ali­ti­on mit der FPÖ ein (wie wei­land Schüs­sel). Macht­tak­ti­sche Er­wä­gun­gen spiel­ten da­bei na­tür­lich ei­ne Rol­le, aber auch ein­fach: Ma­the­ma­tik.

    Dass in ei­ner sol­chen Ko­ali­ti­on je­de Par­tei die ei­ge­nen Mi­ni­ster so­zu­sa­gen be­nennt, hat sich in­zwi­schen ein­ge­bür­gert (ist auch in D der Fall). Dass al­so Fi­gu­ren wie Stra­che und Kikl zu Mi­ni­ster­eh­ren kom­men, war klar. Manch­mal träu­men ja Kanz­ler da­von, den Ko­ali­ti­ons­part­ner durch das Mit­tra­gen un­po­pu­lä­rer Ent­schei­dun­gen zu verzwer­gen (Frau Mer­kel war dar­in Spe­zia­li­stin). Aber ei­ne sol­che vi­ri­le Ge­sell­schaft wie die FPÖ schei­tert am En­de nur (»nur«) an sich sel­ber.

    Was die Fra­ge, wie es nach den Wah­len 2019 wei­ter­ge­hen soll, nicht ein­fa­cher macht.

    Die Gän­se- oder En­ten­züch­ter – so­fern es sie in Öster­reich auch gibt – in­ter­es­sie­ren sich nicht für fünf Cent über Men­as­ses Über­le­gun­gen zum Au­stro­fa­schis­mus. Die müs­sen ein­fach in die­sem Ka­pi­ta­lis­mus ver­su­chen, zu über­le­ben. Men­as­se be­dient mit sol­chen Äu­ße­run­gen nur sei­ne ei­ge­ne Bla­se. Es ist ein­fach un­end­lich lang­wei­lig (und ja, er mag ja Recht mit der feh­len­den Auf­ar­bei­tung ha­ben).

  35. @Leopold Fe­der­mair
    Ge­kauft, stimmt na­tür­lich. Trotz­dem ist doch oder müss­te je­den­falls, wenn die An­nah­me die­ses Grund­zugs rich­tig ist, ein mensch­li­ches Be­dürf­nis nach sinn­stif­ten­der, kul­tu­rel­ler Pra­xis da sein, d.h. die­ses müss­te gleich­sam in ei­ne in­di­vi­du­el­le Tä­tig­keit mün­den. Die kom­mer­zi­el­len An­ge­bo­te könn­ten so au­ßen vor blei­ben oder »er­gänzt« wer­den. Mit der Kom­mer­zia­li­sie­rung hat al­so ei­ne Ent­frem­dung von die­ser Be­dürf­tig­keit statt­ge­fun­den, der je­des Kind noch völ­lig in­tui­tiv folgt. Ich kann den Rück­zug auf ei­ne In­sel gut nach­voll­zie­hen, weil ich selbst recht zu­rück­ge­zo­gen le­be (und man dann viel eher bei den tat­säch­lich wich­ti­gen Din­gen bleibt). Den­noch ist Kul­tur als Pra­xis eben­so ge­mein­schaft­lich: Ei­ne Be­kann­te mein­te ein­mal, dass man ein In­stru­ment spie­le, um mit an­de­ren ge­mein­sam zu spie­len. Es ist heu­te ja nicht mehr so, dass kei­ner mehr ein In­stru­ment spielt oder Mu­sik »macht«, aber sich im pri­va­ten Kreis zu tref­fen und sich ei­ner kul­tu­rel­len Tä­tig­keit zu wid­men scheint mir sel­ten ge­wor­den zu sein. Das wur­de weit­ge­hend an In­sti­tu­tio­nen aus­ge­la­gert.

    Zu den Ver­wal­tungs­sy­ste­men: Ich den­ke Sie ge­ben sich die Ant­wort selbst, wenn Sie schrei­ben, dass Sie sich in den Pro­gram­men der Par­tei­en nicht wie­der­erken­nen. Das ist das, was ein tech­no­kra­ti­sches Sy­stem nicht lei­sten kön­nen wird. Ver­wal­tung ist ja für et­was oder je­man­den da, sonst bräuch­te man sie nicht. Und die­ses zu spe­zi­fi­zie­ren ist die Auf­ga­be der Po­li­tik (der Par­tei­en). Und die­se setzt der Ver­wal­tung in Form von Ge­set­zen auch Gren­zen.

    Noch zu Kurz, da­mit wir nicht zu ein­sei­tig wer­den: Wenn wir Chri­sti­an Kern oder Heinz-Chri­sti­an Stra­che her­neh­men, dann fin­den wir in bei­den auch ei­ne Lee­re, der von Kurz nicht un­ähn­lich, wenn auch nicht ident. Ich er­in­ne­re mich noch gut an Kerns An­tritts­re­de, die von et­li­chen Jour­na­li­sten gut auf­ge­nom­men und ge­lobt wur­de (ich fand sie schlicht durch­schnitt­lich). Ein we­nig Ein­sei­tig­keit scheint mir in der Be­richt­erstat­tung da und dort schon mit­zu­schwin­gen.

  36. @Gregor
    Kurz will ja sei­nen Weg wei­ter­ge­hen, wie er sagt. Ei­ne »Lö­sung« könn­te al­so sein, dass er das nach au­ßen ver­kau­fen kann, aber trotz­dem be­stimm­te Zu­ge­ständ­nis­se macht. In­ter­es­sant wird sein, wie vie­le Kon­ser­va­ti­ve er ver­prellt hat, ich glau­be es gibt ei­ni­ge, die über­haupt nicht mit dem En­de der Ko­ali­ti­on ein­ver­stan­den sind.

  37. @Gregor K.
    Wenn man sich noch ein­mal das österr. Wahl­er­geb­nis von 2017 an­sieht – Sie ha­ben wohl recht, Gre­gor. Die Öster­rei­cher ha­ben für die­se Re­gie­rung vo­tiert. Sie ent­spricht dem, was man als Wäh­ler­wil­le be­zeich­net. Ein nicht un­er­heb­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung, deut­lich mehr als in Deutsch­land, wählt in Öster­reich rechts­ex­trem – und zwar nicht aus »Pro­test«.
    Al­ler­dings ver­han­deln Po­li­ti­ker vor je­der Ko­ali­ti­ons­bil­dung, da­bei geht es na­tür­lich nicht nur um Per­so­nal­fra­gen, aber bei­des hängt zu­sam­men, In­hal­te und Per­son, was man deut­lich an Kickl sieht. Das Miß­trau­ens­vo­tum im Mai 2019 ge­gen Kurz als Re­gie­rungs­chef ha­ben SPÖ und FPÖ in­iti­iert und durch­ge­zo­gen. Ich ha­be nicht mit­ge­kriegt (wur­de in den Me­di­en nur am Ran­de er­wähnt?), wie sich die Grü­nen da ver­hal­ten ha­ben. Auch die Ne­os. Arith­me­tisch scheint die Pro­gno­se der­zeit ja ein­fach, Pe­ter Jungk hat sie for­mu­liert: ÖVP mit Grü­nen, die vor­aus­sicht­lich wie­der mehr Stim­men be­kom­men. Plus Ne­os, falls nö­tig oder ge­wünscht. Ich hab dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es so ei­ne Ko­ali­ti­on auf re­gio­na­ler Ebe­ne ja schon gab. Kurz, wie ge­sagt, kann eh mit al­len. Und ver­steht es, zu schwei­gen, wenn ihm et­was oder je­mand ge­gen den Strich geht, er aber nichts da­ge­gen aus­rich­ten kann.

  38. @Metepsilonema

    Ich fürch­te, um Sinn­stif­tung schert sich kaum noch je­mand. En­de des 20. Jahr­hun­derts ha­ben Feuil­le­ton-Jour­na­li­sten ver­folgt, wie an­stel­le der ver­schwun­de­nen Re­li­gio­si­tät und An­häng­lich­keit an (po­li­ti­sche) Ideo­lo­gi­en Softre­li­gio­nen ver­schie­den­ster Art auf­ge­taucht sind, Eso­te­rikt­rends (nicht sel­ten öko­lo­gisch un­ter­fut­tert), leicht zu ha­ben­de Sinn­stif­tungs­an­ge­bo­te. Ich ha­be den Ein­druck, daß so­gar die­se Trends mitt­ler­wei­le wie­der schwä­cher wer­den. Pop ja, Pop ist all­ge­gen­wär­tig, Pop­mu­sik so­wie­so, und Ju­gend­li­che neh­men im­mer noch ger­ne mal ei­ne E-Gi­tar­re zur Hand, oder ein Sound­tool im Com­pu­ter. Wenn ich mit mei­nen Be­kann­ten in Wien re­de, die viel in Kon­zer­te und Oper ge­hen, hö­re ich re­gel­mä­ßig die Kla­ge, daß es kei­nen Nach­wuchs mehr gibt. Das »Mu­sik­land« Öster­reich, das sich gern als sol­ches ver­kauft, hat kei­nen hei­mi­schen Nach­wuchs mehr. Klas­si­sche Mu­sik hö­ren und ma­chen die jün­ge­ren und mitt­le­ren Ge­nera­tio­nen in Öster­reich nicht mehr. Au­ßer­dem: Welt­weit hat ei­ne Gam­ei­fi­zie­rung al­ler Le­bens­be­rei­che ein­ge­setzt. Nichts ge­gen das Spiel als ei­ne der mensch­li­chen Grund­fä­hig­kei­ten, aber Tri­via­li­tät und Sinn­lee­re herr­schen in die­sem Be­reich vor, den der pro­fit­ori­en­tier­te Ka­pi­ta­lis­mus von An­fang an fest im Griff hat­te. Ich mei­ne Vi­deo­ga­mes, di­gi­ta­le Ga­mes, Sport­kon­sum, Glücks­spiel, Wet­ten usw. Wenn Sie im di­gi­ta­len »Kicker« ei­nen Fuß­ball-Spiel­plan an­se­hen, ha­ben Sie ne­ben je­dem Spiel den Link zu ei­ner Wett­fir­ma. Und da­zu klein­ge­druckt ei­nen wei­te­ren zu ei­nem Rat­ge­ber für Spiel­süch­ti­ge. Ka­pi­ta­lis­mus mit mensch­li­chem Ant­litz, der sich über die Fol­gen sei­ner Ge­schäf­te Sor­gen macht.

    Post­de­mo­kra­tie ist für mich nur ein Ge­dan­ken­spiel. Frü­her war es für mich selbst­ver­ständ­lich, mich für Po­li­tik zu in­ter­es­sie­ren. Mitt­ler­wei­le fin­de ich Po­li­tik – wie vie­le Men­schen – zu­meist lang­wei­lig, öd, är­ger­lich. Ich ver­su­che, mir ei­ne Welt oh­ne Po­li­tik (as we know it) vor­zu­stel­len. Wenn Nor­mal­bür­ger oh­ne po­li­ti­sche Zu­ge­hö­rig­keit zeit­be­grenzt als Ent­schei­dungs­trä­ger in öf­fent­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten tä­tig sind, wer­den die Din­ge viel­leicht bes­ser lau­fen, als es jetzt der Fall ist? Oh­ne Hy­ste­rie, oh­ne »Em­pö­rung«, oh­ne ein­ge­schlif­fe­ne Rhe­to­rik, oh­ne Wer­be­frit­zen, oh­ne Fern­seh­spots und Pla­ka­ten mit fo­to­ge­shop­ten Kon­ter­feis. Oh­ne Macht­spie­le. Und oh­ne Volk, ja. Je ernst­haf­ter und kon­kre­ter man dar­über nach­denkt, de­sto mehr wird man sich zu Kon­troll- und an­de­ren in­sti­tu­tio­nel­len Me­cha­nis­men über­le­gen müs­sen. Es gibt ja Vor­den­ker, John Burn­heim, Van Reyb­rouck...

  39. Ich ha­be kürz­lich ein Buch von By­ung-Chul Han ge­le­sen, in dem er ve­he­ment das be­stehen­de »neo­li­be­ra­le Re­gime« (wie er den Ka­pi­ta­lis­mus nennt) an­greift und das Ver­schwin­den von Ge­mein­schaft­lich­keit be­klagt (das ist der fal­sche Aus­druck, aber las­sen wir ihn mal so ste­hen). Vor­der­grün­dig geht es ihm um Ri­tua­le bzw. de­ren Ver­drän­gung aus der Le­bens­wirk­lich­keit, was wie­der­um ge­wollt zu sein scheint. Ei­nen Text zu die­sem Buch wer­de ich hof­fent­lich noch zu­stan­de brin­gen.

    Hans The­se lau­tet ver­kürzt: Ri­tua­le stif­ten Ge­mein­schaft; Ge­mein­sam­keit. Die so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ke stif­ten dies nicht; kön­nen dies nicht. Es han­delt sich um Schein­ge­mein­schaf­ten. Auch so et­was wie Fuß­ball oder an­de­re Sport­ar­ten stif­ten kei­ne Ge­mein­schaft, son­dern sind nur Er­leb­nis­se ei­ner je auf das In­di­vi­du­um aus­ge­rich­te­ten Mas­se. Dar­über könn­te man sehr gut dis­ku­tie­ren. Ich se­he das so ein­fach nicht. Denn die Sinn­stif­tungs­an­ge­bo­te, die Leo­pold Fe­der­mair be­klagt, fin­den sich sehr wohl in Twit­ter und auf Face­book. So­gar das, was man ge­mein­hin als »Hass­kom­men­ta­re« be­zeich­net stif­tet »Sinn« (viel­leicht eher »Un­sinn«). Die vir­tu­el­le »Com­mu­ni­ty« ist das neue Sinn­stif­tungs­an­ge­bot. Ob­wohl es nicht mit dem »re­al li­fe« ver­gleich­bar ist, bie­tet es so et­was wie Ori­en­tie­rung – und zwar in al­le Rich­tun­gen.

    Ich be­haup­te nicht, dass das Vir­tu­el­le mit der »rea­len« Ge­sell­schaft oder Ge­mein­schaft iden­tisch ist – das ist es nicht. Es ist ei­ne Ver­la­ge­rung. Et­wa so, wie man nicht mehr ins Thea­ter geht, son­dern Se­ri­en auf Net­flix oder sonst­wo schaut. Die Fol­gen die­ser »Ver­la­ge­rung« emp­fin­den wir der­zeit als gro­ße Zu­mu­tung, als Un­ord­nung. Sie sind auch ge­fähr­lich, denn oh­ne so­zia­le Netz­wer­ke – so mei­ne The­se – wä­ren po­pu­li­sti­sche Par­tei­en nicht so er­folg­reich. Wir, die mit sol­chen Aus­wüch­sen nicht auf­ge­wach­sen sind, zie­hen uns zu­rück. Die an­de­ren stür­zen sich hin­ein.

  40. @Leopold Fe­der­mair
    Noch kurz zum so­ge­nann­ten Wäh­ler­wil­len. Das ist ja ei­ne be­lieb­te Flos­kel in der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung: Das Volk hät­te für die­se oder je­ne Ko­ali­ti­on ge­stimmt. Das trifft al­ler­dings zu­meist nicht zu. In mei­nem oben er­wähn­ten Bei­spiel – bei der Bun­des­tags­wahl 1980 – und auch bei den Wah­len 1972 und 1976 konn­te man noch tak­tisch wäh­len. Es gab drei Par­tei­en (ei­gent­lich vier, aber las­sen wir das ein­mal weg). Im Vor­feld wa­ren die Kon­stel­la­tio­nen ge­klärt: Die SPD ging mit der FDP in ei­ne Ko­ali­ti­on – die Uni­ons­par­tei­en muss­ten die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­win­nen, um dem et­was ent­ge­gen­zu­set­zen. Der ei­ni­ge Knack­punkt war die so­ge­nann­te 5%-Hürde (in Öster­reich sind es, glau­be ich, 4%). Wür­de die FDP als de­si­gnier­ter Ko­ali­ti­ons­part­ner der SPD bei 4,9% blei­ben, hät­ten CDU/CSU die Wahl ge­won­nen. Da­her konn­te man FDP wäh­len – nicht un­be­dingt, weil man von ihr über­zeugt war, son­dern weil es das Über­le­ben ei­ner Ko­ali­ti­on ge­währ­lei­ste­te, die man ha­ben woll­te.

    Die­se Über­sicht­lich­kei­ten sind in dem Ma­ße ver­lo­ren ge­gan­gen, wie die so­ge­nann­ten Volks­par­tei­en Wäh­ler an Kli­en­tel­par­tei­en ver­lie­ren. Hin­zu kommt im Fall von Öster­reich, dass drei Par­tei­en prak­tisch gleich­auf lie­gen. Dass die Par­tei mit den mei­sten Stim­men die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen be­ginnt und An­spruch auf den Kanz­ler er­hebt, ist lo­gisch und auch (s. o.) de­mo­kra­ti­scher Brauch. Aber ze­men­tiert ist das nicht (sie­he Deutsch­land 1969). Ma­the­ma­tisch wä­re ei­ne Ko­ali­ti­on zwi­schen ÖVP und SPÖ lo­gi­scher ge­we­sen. Aber ge­nau das woll­te man nicht. Ei­ne Drei­er­ko­ali­ti­on mit NEOS und Pilz wä­re für kei­ne der drei arith­me­tisch mög­lich ge­we­sen. 2013 war es nicht zu­letzt durch die Stro­nach-Par­tei noch un­über­sicht­li­cher.

    Der Wäh­ler konn­te die­se Kon­stel­la­ti­on ah­nen – aber dies zu »wis­sen« war un­mög­lich. Es gibt al­so in die­sem Sin­ne kei­nen »Wäh­ler­wil­len«, es sei denn man nimmt schon die Ent­schei­dung für die ÖVP für den still­schwei­gen­den Frei­brief mit der FPÖ zu re­gie­ren. In Deutsch­land zeich­nen sich dem­nächst min­de­stens auf Län­der­ebe­ne ähn­li­che Ver­hält­nis­se ab.

    In­zwi­schen zeich­net sich im­mer mehr die ge­fühl­te (und tat­säch­li­che) Ohn­macht des so­ge­nann­ten Wäh­lers ab, mit sei­ner Stim­me nichts än­dern zu kön­nen. In ei­ni­gen deut­schen Bun­des­län­dern ist dies seit Jah­ren der Fall. Re­gie­rungs­par­tei­en (egal, wel­cher Far­be) ver­lie­ren an Zu­stim­mung, stel­len aber wei­ter den Re­gie­rungs­chef in dem die be­stehen­de Ko­ali­ti­on ein­fach durch ei­nen drit­ten »Part­ner« er­gänzt wird. Oder, wenn der bis­he­ri­ge Ko­ali­ti­ons­part­ner nicht mehr ge­nü­gend Stim­men be­kom­men hat, wird er halt ge­wech­selt. Wo­zu soll man wäh­len, wenn sich nichts än­dert?

  41. @ Leo­pold Fe­der­mair u. Gre­gor Keu­sch­nig u. die_kalte_Sophie

    Es geht ums Gan­ze, ok.

    Die De­mo­kra­tie zu re­vi­die­ren Rich­tung Sin­ga­pur ist in mei­nen Au­gen in­ter­es­sant als emo­tio­na­ler Was­ser­stands­mel­der: Die hie­si­gen Ver­hält­nis­se er­schei­nen mit zu­viel Emo­ti­on auf­ge­la­den und ver­gli­chen mit die­ser emo­tio­na­len Über­la­dung mit zu­we­nig – Funk­tio­na­li­tät (cf. Ni­klas Luh­mann – eis­kalt!). – Das ist die schö­ne, mensch­li­che Sei­te des Jo­spehi­nis­mus. Ok. By­ung Chul Han, Slo­ter­di­jks an­de­re gro­ße Ent­täu­schung, wenn ich recht se­he, tum­melt sich mit ei­ni­gem pu­bli­zi­sti­schen Er­folg auf die­sem Ge­biet der Ge­fühls-Kul­ti­vie­rung. Vie­les von dem, was ich auf der eso­te­ri­schen Ebe­ne als sinn­voll nach­voll­zie­hen kann, ge­hört eben­falls auf die­se Ebe­ne. Man soll das nicht ge­ring ach­ten, wenn Men­schen für sich ent­decken, wie sie ih­re Ge­füh­le (und ih­re Kör­per!) bes­ser zu kul­ti­vie­ren ver­mö­gen.

    Ähn­li­ches gilt auch für ge­mein­schafts­stif­ten­de Ri­tua­le. So­weit fol­ge ich.
    Das heißt mit Blick auf die Po­li­tik, dass vie­le Men­schen auch via Po­li­tik et­was an­streb­ten, das es da gar nicht (oft: zu­al­ler­letzt) zu fin­den gibt. Auch die­se Dia­gno­se leuch­tet mir ein (cf. Pe­ter Schnei­der über »68«: »Re­bel­li­on und Wahn«).

    Das ist der Punkt, den Ha­ber­mas kon­ze­diert mit Blick auf ge­mein­schafts­stif­ten­de »Ri­tua­le« – und auf die Re­li­gi­on. Dass die pol­ti­sche Öf­fent­lich­keit kein Iden­ti­täts­quell schlecht­hin ist – dass man al­so dort mit sei­ner exi­sten­ti­el­len Not nicht un­be­dingt gut auf­ge­ho­ben ist. Das ge­nau ist – wenn ich recht se­he – das ent­schei­den­de bio­gra­phi­sche Mo­vens bei Ha­ber­mas ge­we­sen, zu sa­gen: Die mo­der­ne Welt braucht nicht not­wen­dig die Be­frei­ung von Ri­tua­len, z. b. – Seit er die­ser Ein­sicht Platz ein­ge­räumt hat, be­zeich­net sich Ha­ber­mas sel­ber als post­sä­ku­la­ren Den­ker. Das klingt ein we­nig un­schein­bar, meint aber tat­säch­lich, dass er nicht wei­ter der An­sicht ist wie auch schon, Auf­klä­rung und Ver­nunft müss­ten (!) das Ver­schwin­den der Re­li­gi­on zu Fol­ge ha­ben bzw. um­ge­kehrt: Re­li­gi­on sei nicht ver­mit­tel­bar mit auf­klä­re­ri­schem und ver­nünf­ti­gen Den­ken. Doch sagt er jetzt, doch doch (im Herbst folgt mehr da­zu (1700 Sei­ten mehr in »Auch ei­ne Ge­schich­te der Phi­lo­so­phie« über die Co-Evo­lu­ti­on von – - – Re­li­gi­on und Phi­lo­so­phie seit dem rö­mi­schen Kai­ser­reich)) – wer nicht so­lan­ge war­ten will, kann es mit »Zwi­schen Na­tu­ra­lis­mus und Re­li­gi­on« ver­su­chen (ganz pro­fun­des Buch, wie ich fin­de).

    Ahh, den Sams­tag ha­be ich auf ei­ner klei­nen Fei­er in der Pro­vinz ver­bracht – und die Hälf­te der Fest­ge­sell­schaft be­stand aus – - – mu­si­ka­lisch ganz an­stel­li­gen jun­gen Leu­ten (Chel­lo, Kla­vier, Ge­sang usw. (ein Jung­or­ga­nist, der mich zum Kauf ei­ner Mes­sia­en-CD an­stif­te­te – ich bin ge­spannt!) – Es ist nicht al­les schlecht, hi­nie­den. – Ah ja, der Jung­or­ga­nist be­kann­te ge­sprächs­hal­ber, doch doch er sei schon gläu­big, ka­tho­lisch so­gar – es war ihm et­was pein­lich, aber er hat­te Ver­trau­en zu mir ge­fasst (kei­ne leich­te Übung! – ein Ge­le­gen­heits­ge­dicht mei­ner­seits auf die zu­vor von den jun­gen Leu­ten ge­spiel­ten »Lie­der oh­ne Wor­te« hat da­zu bei­getra­gen).

    Ich ma­che ei­nen Sprung und sa­ge das noch an die_kalte_Sophie:

    »Es wächst der Staat jen­seits de­mo­kra­ti­scher Ver­fü­gungs­ge­walt am al­ler­be­sten. Es gilt als un­schick­lich, dies zu be­haup­ten, wenn es um Eu­ro­pa geht. Aber ge­nau dort ist es am leich­te­sten er­kenn­bar. Zur Ge­setz­ge­bung ge­hört die Mög­lich­keit der Re­vi­si­on, um mal ganz deut­lich von der mo­de­ra­ten For­de­rung der Sub­si­dia­ri­tät ab­zu­ge­hen.«

    Schon rich­tig. Aber doch ei­ne An­mer­kung: Sub­si­dia­ri­tät ist gar nicht mo­de­rat. Die ist das Le­bens­el­e­xier des kul­tu­rell so rei­chen Eu­ro­pa. Die Preis­ga­be die­ses Prin­zips im Na­men der Any­whe­res ist ei­ne der Ur­sa­chen schlecht­hin für mei­ne (und – ja­doch: – - – En­zens­ber­gers) For­de­rung nach ei­nem Rück­bau der hy­per­tro­phen EU.

  42. Ich ha­be schlud­rig for­mu­liert, soll­te hei­ßen: um die mo­de­ra­te For­de­rung nach Sub­si­dia­ri­tät ein­mal zu über­tref­fen... Ei­ne be­last­ba­re Sub­si­dia­ri­tät wä­re ja schon mal ein An­fang. Die Re­vi­si­on ei­ner gel­ten­den Ge­setz­ge­bung ist wei­te­re de­mo­kra­tie-theo­re­ti­sche For­de­rung. Die Re­vi­si­on sprich Ab­schaf­fung oder Neu­for­mu­lie­rung muss ei­ner Wil­len­bil­dung of­fen ste­hen sein. Das krie­ge ich aber nicht über das schwa­che Par­la­ment. Kla­rer Sy­stem­feh­ler: Par­la­ment und Re­gie­rung sind ent­kop­pelt. Ge­setz bleibt Ge­setz, wenn erst ein­mal er­las­sen.

    (@Gregor) Han’s Buch un­be­dingt be­spre­chen. Sehr re­le­vant hin­sicht­lich der sub­ti­len Fra­ge der »fal­schen Sinn­su­che« in der ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­sell­schaft.
    Ri­tua­le sind für de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­schaf­ten kaum ver­füg­bar. Der Be­griff ver­weist auf die Re­li­gi­on. Glau­be und Zu­ge­hö­rig­keit kön­nen nicht ein­fach um­ge­bucht oder rü­ber­ge­pumpt wer­den, wie ei­ne Wäh­rung oder ein Treib­stoff. Das hat Ha­ber­mas ver­mut­lich ge­merkt. Dar­über muss sehr ernst­haft nach­ge­dacht wer­den, denn da liegt der Ha­se im Pfef­fer.
    Das wä­re ja noch schö­ner: die Re­li­gi­on wird all­mäh­lich al­ters­schwach, und die »De­mo­kra­tie« deckt suk­zes­si­ve al­le sä­ku­lar-äqui­va­len­ten Be­dürf­nis­se ab. Man könn­te sich al­so wahl­wei­se be­die­nen.
    Heu­te wer­den Re­li­gi­on und De­mo­kra­tie gleich­zei­tig schwach! Was lehrt uns das?!?!

  43. die_kalte_Sophie
    Das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip war nie et­was an­de­res als ei­ne be­wusst un­ge­naue, ex­akt EU-bü­ro­kra­ti­sche For­mu­lie­rung mit der sich die EU die di­ver­sen Wi­der­sprü­che in ih­ren Richt­li­ni­en sel­ber er­klärt.

    Der von Ih­nen ge­nann­te »Sy­stem­feh­ler« trifft in ei­nem Satz ins Schwar­ze. Es wur­de ein EU-Par­la­ment im­ple­men­tiert, dass we­nig bis nichts zu sa­gen hat. Das be­ste Bei­spiel ist die ak­tu­el­le La­ge zur Fin­dung des EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten. Bei den »Schick­sals­wah­len« zum EU-Par­la­ment vor vier Wo­chen wur­de noch der Spit­zen­kan­di­da­ten ge­dacht. tat­säch­lich war dies nie fest­ge­schrie­ben – wie sich jetzt zeigt. Die Re­gie­rungs­chefs be­stim­men na­tür­lich nach wie vor über den Po­sten. So­mit wird je­mand EU-KP, der si­cher­lich nicht auf den Zet­teln zur Wahl stand. Das Par­la­ment kann nur zu­stim­men – oder Eklats pro­du­zie­ren. Wer will das ei­gent­lich noch?

    Tat­säch­lich sind Ri­tua­le in de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten nicht zu fin­den – zu­mal wenn sie sä­ku­lar sind. Die Re­li­gi­on bie­tet sich da an, aber Han fin­det noch an­de­re Fel­der, die sehr über­ra­schend sind.

  44. Viel­leicht ver­schie­ben wir die Dis­kus­si­on über Sinn­stif­tung, Ri­tua­le, SM etc. auf die Zeit, nach­dem Gre­gors Be­spre­chung des Han-Buchs er­schie­nen ist. Ich für mei­nen Teil neh­me mir vor, das Buch mög­lichst früh­zei­tig zu le­sen.

    @Gregor K.
    Der öster­rei­chi­sche Phi­lo­soph Ru­dolf Bur­ger sag­te vor Jah­ren ein­mal, es kön­ne kein kol­lek­ti­ves Ge­schichts­be­wußt­sein ge­ben. Er­in­nern kön­ne man nur, was man selbst er­lebt ha­be (al­so in­di­vi­du­ell). Dar­an ist et­was, und in die­sem Sinn läßt sich auch der »Wäh­ler­wil­le« grund­sätz­lich in Fra­ge stel­len. Trotz­dem, wir sind eben durch Me­di­en, Er­zie­hung, Über­lie­fe­rung, Pa­pa und Ma­ma, Oma und Opa ge­prägt, al­so auch un­ser In­di­vi­dua­lis­mus ist ein Stück weit Il­lu­si­on. Statt Wäh­ler­wil­le kann man Trends sa­gen, Wäh­ler­strö­me u. dgl. Es zei­gen sich na­tür­lich Mu­ster, Mehr­hei­ten und Min­der­hei­ten und Ver­hält­nis­se nicht nur auf po­li­ti­scher Ebe­ne, son­dern in dem, wie die Be­völ­ke­rung zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt »tickt«. Und beim Blick auf das österr. Wahl­er­geb­nis von 2017 darf man er­stens nicht ver­ges­sen, wor­auf Sie, Gre­gor, oft hin­wei­sen: Gro­ße Ko­ali­tio­nen wie die in Österr. und Deutsch­land ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren er­schöpft, das ist ein Grund für den Nie­der­gang der al­ten Volks­par­tei­en. Und zwei­tens: ÖVP und FPÖ hat­ten ge­mein­sam ei­nen Stim­men­zu­wachs von 13 Pro­zent, FP über fünf, VP über sie­ben. Das heißt, die Be­we­gung, das »Den­ken«, die Ein­stel­lun­gen der Leu­te gin­gen in die­se Rich­tung. Die SPÖ sta­gnier­te zu die­sem Zeit­punkt, die Grü­nen wa­ren aus dem Par­la­ment ge­fal­len. Mit Pilz wä­re ei­ne Ko­ali­ti­on un­denk­bar ge­we­sen, das lag und liegt au­ßer­halb der Vor­ha­ben die­ser Grup­pe (vor al­lem ih­res Chefs). Die Ne­os kann ich bis heu­te nicht recht ernst neh­men, of­fen ge­stan­den; zu ih­nen ha­be ich kei­ne Mei­nung. Frü­her gab es Be­mü­hun­gen, aus der FPÖ ei­ne li­be­ra­le Par­tei (im klas­si­schen Sinn) zu ma­chen (Hei­de Schmidt...). Das fand ich noch in­ter­es­sant, es gab zwei Flü­gel, den (deutsch)nationalen und den li­be­ra­len. Das ist »ge­ges­sen«, die FPÖ bleibt für die näch­sten tau­send Jah­re rechts­ex­trem. Cheers!

  45. @Leopold Fe­der­mair

    In al­len Punk­ten d’accord.

    In­ter­es­sant ist ja, dass die »li­be­ra­len« Par­tei­en in der Ten­denz eher ins na­tio­na­le La­ger ten­die­ren. Die FPÖ ist jetzt un­ge­fähr das, was die deut­sche FDP nach dem Krieg in den 1950er Jah­ren war und bis hin­ein in die so­ge­nann­te so­zi­al-li­be­ra­le Ko­ali­ti­on 1969 Raum und Stim­me hat­te. Erst da ab­sen­tier­te sich der deutsch-na­tio­na­le Flü­gel der FDP. Er ging ent­we­der in die Uni­on oder re­si­gnier­te.

    Die NEOS er­schei­nen mir hin­ge­gen jen­seits na­tio­na­li­sti­scher Im­pul­se zu sein. Sie tre­ten – so scheint es mir – für Mul­ti­la­te­ra­lis­mus ein, der für ih­re wirt­schafts­li­be­ra­len Zie­le Wachs­tum ver­spricht. Es wä­re schon in­ter­es­sant, wie sich ei­ne sol­che Par­tei in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zeigt.

  46. @Gregor
    Die Ne­os sind völ­lig frei von Deutsch­na­tio­na­lem, das ist auch ei­ne ganz an­de­re Ge­nera­ti­on, eher jun­ge Leu­te, mit Ver­bin­dun­gen zur »Wirt­schaft«. In den Sieb­zi­gern, der Krei­sky-Zeit, ha­ben ei­ni­ge Leu­te ver­sucht, ei­ne li­be­ra­le FPÖ zu for­men. Was Sie als Deut­scher viel­leicht nicht wis­sen: Die FPÖ wur­de 1955 als Sam­mel­becken für Alt- und Im­mer­noch-Na­zis ge­grün­det. Das ist ein of­fe­nes Ge­heim­nis, kei­ne In­ter­pre­ta­ti­on. Und mög­lich war das ver­mut­lich nur, weil Öster­reich als Land sich nach dem Krieg als Op­fer dar­stell­te und den Au­stro­fa­schis­mus un­ter den Tep­pich des Schwei­gens kehr­te (Men­as­ses Stecken­pferd). Ich glau­be, es gab von An­fang an ei­nen (schwä­che­ren) wirt­schafts­li­be­ra­len Flü­gel, dem mein Va­ter an­ge­hör­te. Als Klein­ge­wer­be­trei­ben­der, sag­te er, kön­ne nur das sei­ne Par­tei sein. Als dann Hai­der kam, war er trotz­dem froh. Ein­fach we­gen des Er­folgs. Po­pu­lis­mus halt. Zu Haß­ti­ra­den ge­gen wen auch im­mer hät­te er sich aber nie ver­stie­gen.

  47. Ein Li­be­ra­lis­mus oh­ne staat­li­chen An­ker­punkt (=na­tio­nal) ist ein Hirn­ge­spinst. Dar­um kreist so man­che aka­de­mi­sche De­bat­te. Aber selbst in der Theo­rie kann man den Li­be­ra­lis­mus nicht zur uni­ver­sel­len Phi­lo­so­phie auf­bla­sen.
    Tat­säch­lich ist sich die po­li­tisch ak­ti­ve Frak­ti­on nicht im­mer so ganz dar­über im kla­ren. Und seit die hy­bri­de Ver­si­on des »Links­li­be­ra­lis­mus« in Um­lauf ist, schwan­ken be­ru­fe­ne und un­be­ru­fe­ne Gei­ster noch mehr als frü­her. Mit ei­ni­gem Recht kön­nen Par­tei­en wie die FPÖ die sog. frei­heit­li­che Dok­trin für sich in An­spruch neh­men, aber eben­so gut kön­nen To­le­ranz und Zi­vi­li­tät im Ge­gen­zug ab­ge­for­dert wer­den.

    Noch zur Sub­si­dia­ri­tät. Der Ein­füh­rungs­text (auf https://eur-lex.europa.eu) er­klärt das schwa­che Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip. Es geht um Kon­su­la­ti­on, und das Recht der Par­la­men­te, vor dem EuGH zu kla­gen.
    Die­se Kla­gen oder das Ve­to­recht wur­den von deut­scher Sei­te noch nie be­nutzt. Der Grund ist ganz ein­fach: mo­ra­li­scher Druck (An­ti-Eu­ro­pä­er-Vor­wurf!), und schlicht­weg Faul­heit der Par­la­men­te.
    Das ist ein Hauch von nichts, die­ses Prin­zip nach Ar­ti­kel 5, mit dem Zweck, »die Uni­on ih­ren Bür­gern nä­her zu brin­gen«.
    Ei­ne star­ke Ver­si­on wä­re die er­wei­ter­te Zu­stim­mungs­pflicht für Par­la­men­te, und ein na­tio­na­les opt-out-Ver­fah­ren, das dem deut­schen Ver­mitt­lungs­aus­schuss gleich kommt. Ein na­tio­na­les Par­la­ment könn­te sich dar­in ei­ne Än­de­rungs­klau­sel oder die Ei­gen­re­ge­lung er­strei­ten... Und erst an­schlie­ßend, wenn das schei­tert, kann der Kla­ge­weg beim EuGH be­schrit­ten wer­den. Und kei­ne Tritt­brett-Fah­re­rei: was ein Land er­strei­tet, gilt nicht für den Nach­barn.
    Wich­tig ist die Ak­ti­vie­rung der na­tio­na­len Par­la­men­te (die Ge­setz­ge­bungs­pflicht zu Richt­li­ni­en und Ver­ord­nun­gen), an­son­sten geht das EU-Bashing vor­al­lem in Süd­eu­ro­pa mun­ter wei­ter. Man kann ja nichts da­ge­gen tun... Heu­che­lei ab­stel­len, wä­re so ein­fach, wenn die­se Op­ti­on auf dem Tisch liegt.
    Ein Par­la­ment kann zu­stim­men, oder in den Or­gan­streit ein­tre­ten. Ganz ein­fach.

  48. @die_kalte_Sophie zur Sub­si­dia­ri­tät

    Ihr Kom­men­tar zeigt auf sub­ti­le Wei­se das Di­lem­ma der EU. Ei­ne stär­ke­re Rol­le des Par­la­ments ge­gen­über den Na­tio­nal­staa­ten müss­te ja von de­nen be­schlos­sen wer­den, die dann Kom­pe­ten­zen an das EU-Par­la­ment ab­ge­ben. Dar­an ha­ben aber streng ge­nom­men selbst die en­thu­si­astisch­sten »Eu­ro­pä­er« (Deutsch­land aber auch Frank­reich) gar kein In­ter­es­se. Sie wür­den es nur ak­zep­tie­ren, wenn ihr Ein­fluss­be­reich da­durch nicht ein­ge­engt wür­de. Und ehr­lich ge­sagt wä­re die Al­ter­na­ti­ve, sich im­mer mehr in die Hand des EuGH zu be­ge­ben nicht un­be­dingt wün­schens­wert. Be­reits jetzt be­ein­drucken de­ren Ur­tei­le durch Welt­fremd­heit; sie sind na­tür­lich dar­auf aus, ih­ren Ein­fluss (ins­be­son­de­re auf das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt) zu stär­ken. Ei­ni­ge Ur­tei­le sind Macht­de­mon­stra­tio­nen ge­gen na­tio­na­le Ver­fas­sungs­ge­richts­hö­fe.

    Das ak­tu­el­le Her­um­ge­eie­re um den Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten, d. h. vor al­lem Ma­crons Spiel­chen (die kei­ne sind – das Mehr­heits­prin­zip bei den EU-Wah­len hat­te er nie ak­zep­tiert) trei­ben zu­sätz­lich den EU-Geg­nern Sym­pa­thi­san­ten zu. In­wie­weit so et­was auch noch Ein­fluss auf die öster­rei­chi­schen Wah­len hat, bleibt ab­zu­war­ten.

  49. @Leopold Fe­der­mair #40
    Es wä­re reiz­voll, ein­mal den Zu­sam­men­hang bzw. die Un­ter­schie­de zwi­schen der mensch­li­chen Be­fä­hi­gung zum Spiel und dem was Sie als Game­fi­zie­rung be­zeich­nen, her­aus­zu­ar­bei­ten. — Ich he­ge durch­aus Sym­pa­thie für die­se Art der Ge­dan­ken­spie­le, auch wenn ich sie nicht post­de­mo­kra­tisch nen­nen wür­de, zu­mal ich bei mir selbst ei­ne Ent­frem­dung bzw. ein nicht mehr Zu­rück­keh­ren zum Po­li­ti­schen, wenn ich wie­der Zeit da­für ha­be, be­mer­ke. — Ich dach­te bis­lang im­mer, dass eher das Pu­bli­kum ir­gend­wann aus­blei­ben wür­de, als der pro­fes­sio­nel­le Nach­wuchs. Ich mei­ne eher ei­nen Schwund an (gu­ten) »Lai­en­spie­lern« zu be­mer­ken (aber das ist mehr ge­fühlt, als be­legt).

    @Dieter Kief, #43
    Ich brei­te das jetzt nicht län­ger aus, weil es – wie Leo­pold Fe­der­mair rich­tig an­merkt – bes­ser zur Be­spre­chung von Hans Buch passt, da­her nur so­viel: Emo­tio­nen fluk­tu­ie­ren des­halb »durch das Sy­stem«, weil der Funk­tio­na­lis­mus sich über­all hin aus­ge­brei­tet hat, wir brau­chen we­ni­ger nicht mehr. Zu funk­tio­nie­ren, be­deu­tet nach­ge­ra­de kei­ne emo­tio­nal sta­bi­len Bin­dun­gen mehr auf­zu­bau­en, die na­tür­lich et­was wie Sand im Ge­trie­be sind, weil Bin­dun­gen (ein Stück weit) un­ver­füg­bar ma­chen (Bil­dung ist auch des­halb vor al­lem eins: Hin­der­lich). Und da­von pro­fi­tiert der Po­pu­lis­mus, der es ver­steht, die­se Emo­tio­nen (bes­ser: Af­fek­te) an sich zu bin­den.

    @Leopold Fe­der­mair
    Ich weiß, Sie mei­nen es nicht so, aber ich emp­fin­de die Be­mer­kung, dass die FPÖ ein Sam­mel­becken für Alt­na­zis war, bei­na­he als Ge­schichts­klit­te­rung. Im­mer­hin ha­ben Her­bert Kraus und Vik­tor Rei­mann den VdU ge­grün­det, um die­se Alt­na­zis in die Re­pu­blik zu in­te­grie­ren (und Kraus hat­te da­mals schon die Pro­ble­ma­tik der »Re­pu­blik­s­auf­tei­lung« durch zwei Par­tei­en, SPÖ und ÖVP, ver­stan­den). Aus dem VdU (oder ei­nem Teil von ihm) ent­stand dann die FPÖ. Die­se gan­ze Vor­ge­schich­te, in­klu­si­ve der sehr in­ter­es­san­ten Per­son Her­bert Kraus fällt dann un­ter den Tisch, weil man so schön zei­gen kann, dass in der FPÖ eh im­mer schon Na­zis wa­ren. Ei­ne gu­te Do­ku­men­ta­ti­on da­zu, dort.

    Noch et­was Li­be­ra­lis­mus und Na­tio­na­lis­mus: Auch hi­sto­risch be­trach­tet, wa­ren die bei­den et­wa für ei­nen Ab­ge­ord­ne­ten in der Pauls­kir­che wohl kein Wi­der­spruch.

  50. Der EuGH wird wei­ter­hin sei­ner Rol­le als Kom­mis­si­ons-Le­gi­ti­mie­rungs­or­gan ge­recht. Das war in den Sieb­zi­ger Jah­ren in Ord­nung, in­zwi­schen muss man Vor­be­hal­te ha­ben.

    Die Sa­che mit der Macht­auf­tei­lung: Völ­lig rich­tig, es gibt ein dif­fu­ses Macht­be­geh­ren na­mens »Eu­ro­pa«, das kei­ner­lei In­tel­li­genz hin­sicht­lich der Staats­leh­re auf­weist. Macht muss or­ga­ni­siert wer­den, und al­le Checks-and-Ba­lan­ces müs­sen ein­ge­rich­tet wer­den. Da­zu sind Po­li­ti­ker oft sehr schlecht in der La­ge. Sie ak­ku­mu­lie­ren ger­ne...
    Die jet­zi­ge Ge­nera­ti­on ver­sem­melt die In­sti­tu­tio­nen. Wie Sie sa­gen, Gre­gor: Das Par­la­ment stär­ken... Und wer muss ab­ge­ben?! Auf wun­der­ba­re Wei­se sol­len Wein und Brot ver­mehrt wer­den.

    Deutsch­land hat ei­ne ge­bro­che­ne Tra­di­ti­on des Li­be­ra­lis­mus. Im 19. Jahr­hun­dert war die Sym­bio­se voll­kom­men klar. Dann ha­ben die Wil­hel­mi­ner und die Na­zis al­les ver­wü­stet, und man konn­te sich nur noch über al­le ver­füg­ba­ren »mo­ra­li­schen Axio­me« der Mensch­heit le­gi­ti­mie­ren.
    Dah­ren­dorf hat in den Neun­zi­gern die näch­ste Kri­se an­non­ciert: die Glo­ba­li­sie­rung. Es wür­de schwer fal­len, dach­te er, die Na­tio­nen von der Ef­fi­zi­enz des Wett­be­werbs un­ter­ein­an­der zu über­zeu­gen.
    Es ist so wie im­mer: je­mand muss sich hin­stel­len, und die schlech­ten Nach­rich­ten ver­tei­di­gen. Oh­ne Über­zeu­gung kein Fort­schritt!
    Statt­des­sen wird die Glo­ba­li­sie­rung als Schick­sal dar­ge­stellt bzw. ger­ne auch an­ge­klagt. Das ist viel ein­fa­cher, weil man sich auf die Be­haup­tung »un­ver­füg­ba­rer Mäch­te« zu­rück­zie­hen kann: Zeit­um­stän­de, Mo­den, Ideo­lo­gi­en, etc.
    Weiß man, was die­se rhe­to­ri­schen Tricks in Be­völ­ke­run­gen an­rich­ten?! Auf sub­ti­le Art und Wei­se spielt man im­mer noch »Schick­sal« in der Po­li­tik (ein Spiel im wei­te­sten Sin­ne, aber de­fi­ni­tiv ein Spiel). Und da­für zahlt man im­mer ei­nen Preis, denn die Auf­leh­nung ge­gen das Schick­sal ist eben­so alt wie die­se Tricks!

  51. Ein biß­chen Ak­tua­li­sie­rung, um die Run­de der Ant­wor­ten auf die Aus­gangs­fra­ge (wel­che po­li­ti­schen Per­spek­ti­ven für Öster­reich?) zu kom­plet­tie­ren: Kurz hat in­zwi­schen ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung (ÖVP) an­ge­dacht. Ver­mut­lich er­war­tet er sich da­von, sei­ne Po­pu­la­ri­tät noch ein­mal zu stei­gern. Al­ler­dings er­he­ben sich da gleich Be­fürch­tun­gen, so et­was wä­re nur ein Deck­man­tel für ei­nen au­to­ri­tä­ren Stil à la Or­ban-Un­garn.

  52. die_kalte_sophie
    Im­mer­hin hat Ul­rich Beck, der po­li­tisch mit Dah­ren­dorf schwer ver­ein­bar war, ver­sucht, die »Glo­ba­li­sie­rung« frucht­bar zu ma­chen, in dem er ei­ne Art von Welt­re­gie­rung pro­pa­gier­te. Das mag uto­pisch klin­gen und wo­mög­lich auch nicht wün­schens­wert sein, aber ei­ne bes­se­re Mög­lich­keit, den Ti­ger zu bän­di­gen, ha­be ich bis­her nicht ge­fun­den.

    In der Tat ist »Na­tio­na­lis­mus« spä­te­stens nach 1945 zu recht in Ver­ruf ge­ra­ten. Der Li­be­ra­lis­mus à la Dah­ren­dorf soll­te ei­ne ad­äqua­te Po­si­ti­on mög­lich ma­chen. Zwi­schen­zeit­lich wur­den Krücken wie »Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus« er­fun­den, die aus zu dün­nem Holz ge­schnitzt sind, um den Na­tio­na­lis­mus auf den Kopf zu schla­gen.

  53. Leo­pold Fe­der­mair
    Bei der end­los lan­gen Re­gie­rungs­fin­dung in Deutsch­land wur­de, nach­dem Union/FDP und Grü­ne (»Ja­mai­ka«) ge­schei­tert war, auch über ei­ne Uni­on/Grü­ne-Min­der­heits­re­gie­rung nach­ge­dacht. Der Ber­li­ner Jour­na­lis­mus fand das »span­nend« – was klar ist, denn ei­ne sol­che Min­der­heits­re­gie­rung wä­re ein ge­fun­de­nes Fres­sen für Me­di­en. Mer­kel hat­te das für sich im­mer aus­ge­schlos­sen, weil sie nicht auf die Gna­de an­de­rer Par­tei­en bzw. de­rer Ab­ge­ord­ne­ten an­ge­wie­sen sein woll­te.

    Ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung kann nie au­to­ri­tär sein (Or­ban re­giert mit ab­so­lu­ten Mehr­hei­ten). Sie »funk­tio­niert«, wie sich in man­chen skan­di­na­vi­schen Län­dern zeigt, meist ganz gut, wenn es nur um rei­ne Ver­wal­tungs­ak­te geht. Für grö­sse­re po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen taugt sie nicht. Im üb­ri­gen ist es ja nicht ver­bo­ten, wenn Po­li­ti­ker in Wahl­kämp­fen ver­su­chen, ih­re Po­pu­la­ri­tät zu stei­gern.

  54. Wie wer­den in Öster­reich Min­der­heits­re­gie­run­gen in­stal­liert?! Muss sich der Kanz­ler wie in Deutsch­land ggfs. drei Ab­stim­mun­gen stel­len, an de­ren En­de die ein­fa­che Mehr­heit ei­nes Kan­di­da­ten in der Stich­wahl reicht?!
    Die Bil­dung ei­ner MR ist in D voll­stän­dig dem Rat­schluss des Bun­des­prä­si­den­ten an­heim ge­stellt.

    Min­der­heits­re­gie­run­gen kön­nen ei­ne po­li­ti­sche Ord­nungs­wir­kung ent­fal­ten, ge­ra­de ge­gen den Zwang zur Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Sie bie­ten auch der Op­po­si­ti­on ei­ne Chan­ce zu kon­so­li­die­ren. Sie sind kei­ne Vor­stu­fe des Zer­falls (und Vor­zei­chen ei­ner künf­ti­gen Dik­ta­tur), son­dern Stand-by-Pe­ri­oden. Die gro­ße Po­li­tik muss war­ten. Haus­auf­ga­ben-Zeit.
    Kurz kann die Gunst der Stun­de nut­zen. Sie­he Um­fra­gen. 35% sind ei­ne so­li­de Ba­sis. Au­ßer­dem geht er ge­schickt ei­ner Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge aus dem Weg. Tja, ich fürch­te, sei­ne Geg­ner sind sich im­mer noch nicht über sei­ne Fä­hig­kei­ten im kla­ren.

  55. @Metepsilonema
    Der Film über Kraus und die FPÖ ist in­ter­es­sant, be­stä­tigt aber nur die Sicht­wei­se, daß der VdU und da­nach die FPÖ vor al­lem (nicht aus­schließ­lich) Sam­mel­becken für Alt­na­zis wa­ren. Sieht man den Film, wächst viel­leicht das Ver­ständ­nis für die­se In­itia­ti­ve. Es ist klar, daß man ei­nen Be­völ­ke­rungs­an­teil von 600.000 Men­schen, das wer­den an die 10 Pro­zent ge­we­sen sein da­mals, nicht pau­schal ins Ab­seits stel­len kann. Die Na­zis wa­ren nun mal da. Ih­re Zu­sam­men­fas­sung im La­ger in Gla­sen­bach war wohl ei­ne ziem­lich ge­dan­ken­lo­se Art, mit ih­nen »fer­tig­zu­wer­den«. Viel­leicht spiel­ten so­gar hu­ma­ni­tä­re Er­wä­gun­gen ei­ne Rol­le, aber: Die Par­tei, die die­se Leu­te (Rei­mann, Kraus u. a.) be­erbt hat, al­so die FPÖ, muß sich den Vor­wurf ge­fal­len las­sen, von An­fang an Schlupf­win­kel für Rechts­ex­tre­me ge­we­sen zu sein.

    Was die bei­den von Ih­nen ge­nann­ten Ga­li­ons­fi­gu­ren be­trifft, muß ich, so­weit ich mir halt ein Bild von ih­nen ma­chen kann, sa­gen: Ich fin­de sie durch­aus nicht be­ein­druckend. Vik­tor Rei­mann ist mir noch als erz­kon­ser­va­ti­ver Kul­tur­jour­na­list der Kro­nen­zei­tung be­kannt. Sei­ne Se­rie über Ju­den in Öster­reich in der Kro­nen­zei­tung (70er Jah­re) dürf­te ziem­lich am­bi­va­lent ge­we­sen zu sein, An­ton Pel­in­ka meint so­gar: la­tent an­ti­se­mi­tisch. Als jun­ger Mann war Rei­mann ei­ne Zeit­lang il­le­ga­les NSdAP-Mit­glied in Öster­reich. Spä­ter war er dann ge­gen die Na­zis – war­um, weiß ich nicht ge­nau, eher wohl aus öster­rei­chisch-na­tio­na­len Grün­den, viel­leicht aus Habs­bur­ger-Nost­al­gie, nicht so sehr aus po­li­ti­schen Grün­den.
    Und Her­bert Kraus: Der 1962 ge­bo­re­ne Hi­sto­ri­ker Mi­cha­el Geh­ler sagt, er wür­de »zö­gern, ihn als Na­zi zu be­zeich­nen«. Es fällt schon auf, daß er nicht di­rekt sagt: Der Mann war kein Na­zi. Hö­ren Sie sich viel­leicht noch ein­mal an, was der al­te Kraus selbst bei Mi­nu­te 12:48 zir­ka sagt: Weil er in der NS-Zeit un­an­ge­paßt war (aber durch­aus kein Re­gime­geg­ner, fü­ge ich hin­zu), ha­be er nach dem Krieg »den an­de­ren hel­fen kön­nen, den...« Ge­nau an die­ser Stel­le stockt er, bricht den Satz ab, re­det wei­ter, oh­ne ihn be­en­det zu ha­ben. Man ver­steht, wel­ches das feh­len­de Wort ist: »Na­zis«.

  56. @Gregor K.
    Klar, zu­min­dest theo­re­tisch ist ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung stär­ker vom Par­la­ment ab­hän­gig als ei­ne Mehr­heits­re­gie­rung (gar ei­ner ein­zel­nen Par­tei). Was man­che halt ver­mu­ten, ist, daß sich Kurz auf al­len zu Ge­bo­te ste­hen­den We­gen im­mer mehr selbst in Sze­ne set­zen will, mit dem End­ziel Al­lein­herr­schaft, wie er ja auch die gan­ze ÖVP sehr auf ei­ne die­nen­de Funk­ti­on ge­gen­über sei­ner Per­son hin­ge­trimmt hat. Ob das ei­ne be­rech­tig­te Be­fürch­tung ist, weiß ich nicht, bin zu weit vom Schuß, um hier ur­tei­len zu kön­nen.

  57. @die_kalte_Sophie und @Leopold Fe­der­mair

    Das ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung Im Bund in D Sa­che des Bun­des­prä­si­den­ten ist, wä­re mir neu. Bis­her (au­ßer 2017) war es so, dass der Bun­des­prä­si­dent die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ab­war­tet und dann – for­mal – den Kanzler/die Kanz­le­rin dem Par­la­ment vor­schlägt. Bis­her kam es da­bei im­mer zur Mehr­heit. Wür­de dies nicht ein­tre­ten, dann steht es dem Bun­des­tag frei, an­de­re Kan­di­da­ten zu wäh­len. Der Bun­des­prä­si­dent tritt nur auf den Plan, wenn ein Kanz­ler in der Ver­trau­ens­fra­ge »ver­liert«.

    Im Bund ist es wi­der Er­war­ten durch­aus zu al­ler­dings kur­zen Min­der­heits­re­gie­run­gen ge­kom­men. In den Län­dern schon weit häu­fi­ger. Beim Bund ist dies m. E. schwie­rig, weil es vor al­lem die Eu­ro­pa- und Au­ßen­po­li­tik un­be­re­chen­bar macht. Zu­dem lässt sich auf lan­ge Sicht das Wohl­wol­len ei­ner nicht di­rekt an der Re­gie­rung be­tei­lig­ten Par­tei nicht oh­ne Ge­gen­lei­stung er­rin­gen.

    Ak­tu­el­len Pro­gno­sen zu­fol­ge kä­me die ÖVP der­zeit auf rund 38%. Rech­net man 2% für »Son­sti­ge« und wei­te­re 2% für »Jetzt« her­aus, könn­te man da­mit rd. 40% der Man­da­te er­rei­chen. Das wä­re ei­ne gut Ba­sis. Ich weiß jetzt nicht ob das, was man in Deutsch­land »Frak­ti­ons­zwang« nennt (und was es of­fi­zi­ell gar nicht ge­ben darf) in Öster­reich ähn­lich straff ge­hand­habt wird.

  58. @metepsilonema

    Den Film über die FPÖ schaue ich mir spä­ter an. Dan­ke hier­für.

    In D gab es nach dem Krieg ne­ben der spä­ter ver­bo­te­nen, of­fen na­zi­sti­schen SRP und dem an­fangs sehr star­ken na­tio­na­len Flü­gel der FDP ei­ne Par­tei mit dem pa­the­ti­schen Na­men »Bund der Hei­mat­ver­trie­be­nen und Ent­rech­te­ten« (BHE). Hier wa­ren et­li­che ehe­ma­li­gen Na­zis zu fin­den. Was Ade­nau­er nicht da­von ab­hielt mit der Par­tei, als es 1953 mit FDP (und der an­ge­schlos­se­nen DP) kei­ne Mehr­heit gab, den BHE in die Ko­ali­ti­on zu ho­len. Et­li­che BHE-Leu­te gin­gen zur CDU. 1957 blie­ben sie dann un­ter 5%; 1961 lö­ste sich die Par­tei auf.

  59. @Leopold Fe­der­mair
    Ab Mi­nu­te 11:30 sag­te Kraus fol­gen­des: »Ich ha­be in der Na­zi­zeit Par­tei er­grif­fen für die Tsche­chen und die Ukrai­ner und bei den Ukrai­nern wo ich den Gau­lei­ter Koch of­fen an­ge­grif­fen ha­be äh ist es mir schlecht ge­gan­gen, da bin ich vors Kriegs­ge­richt ge­kom­men. Des­we­gen ha­be ich da­nach den an­de­ren hel­fen kön­nen denn im Jahr 45 hat es ge­hei­ßen das ist ein An­ti­na­zi, der darf al­les. »Und dann ab 14:40: »Der VdU war ei­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on in gro­ßer Not. Er war nicht die Grün­dung ei­ner neu­en Ideo­lo­gie, war auch nicht die Fort­set­zung ei­ner al­ten Ideo­lo­gie. Er ist de­nen zu Hil­fe ge­kom­men, die im Jahr, nach dem Jahr 1945 un­ter die Rä­der ge­kom­men sind.« Das sind die ein­zi­gen Stel­len, die mir in Er­in­ne­rung ge­blie­ben sind, wenn Sie ei­ne an­de­re mei­nen, dann bit­te ich um ei­ne kor­rek­te Zeit­an­ga­be.

    Es ist ein Un­ter­schied, ob man sagt, ei­ne Par­tei war im­mer schon ein Sam­mel­becken für Alt­na­zis oder ob man fest­hält, dass sie sich aus ei­ner ent­wickelt hat, die sich um de­ren In­te­gra­ti­on in die Re­pu­blik be­müht hat (wenn die­ses Un­ter­fan­gen red­lich ge­meint war und es scheint mir so zu sein, dann ist da­für un­er­heb­lich, ob Kraus Sym­pa­thi­en für die­se Leu­te heg­te; ich se­he da­für aber kei­ne In­di­zi­en). Ich schrieb oben, das ich Kraus (nicht Rei­mann) des­we­gen als sehr in­ter­es­san­te Per­son emp­fin­de, im­mer­hin: Ein Welt­krieg ist zu En­de, ein grau­sa­mes Re­gime, die zwei­te Re­pu­blik ent­steht aus den Trüm­mern und je­mand sorgt sich um ein ge­samt­ge­sell­schaft­li­ches Fun­da­ment...

  60. @ die_kalte_Sophie u Gre­gor Keu­sch­nig wg. Zäh­mung des Glo­ba­li­sie­rungsti­gers (Ul­rich Beck u. Ralf Dah­ren­dorf) u. Q me­tep­si­lo­n­e­ma wg. Kraus

    Der Uni­ver­sa­lis­mus Ha­ber­masscher Prä­gung, dem auch Ul­rich Beck nach­streb­te, kul­mi­niert in sei­ner For­de­rung nach ei­ner de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Welt­re­gie­rung, das ist wahr.

    Ralf Dah­ren­dorf war im Ge­gen­satz zu den idea­li­stisch hoch­flie­gen­den Beck und Ha­ber­mas ein im Grun­de lo­kal den­ken­der Mensch (er be­hielt stets sei­nen Wohn­sitz im Hoch­schwarz­wald-Städt­chen Bonn­dorf bei – wo im­mer er ge­ra­de be­ruf­lich zu tun hat­te). Stets lob­te er die Schweiz, die er von Bonn­dorf aus se­hen konn­te – und Groß­bri­tan­ni­en. Au­ßer­dem hat­te er ei­nen gut ent­wickel­ten Sinn für die Schein­hei­lig­keit, die dar­in liegt, Po­pu­li­sten an­zu­pran­gern – er hat­te ei­ne sehr schö­ne und el­gan­te Ab­wehr­for­mel ge­gen die Selbst­ge­rech­tig­keit, die sol­chen At­tacken häu­fig zu­grun­de liegt.

    Selbst­re­dend hat­te Dah­ren­dorf auch gro­ße Sym­pa­thi­en für das Lob des Na­tio­nal­staats – und für den ex­zel­len­ten Ox­for­der Ide­en­ge­schicht­ler und an­ti-to­ta­li­tä­ren Na­tio­nal­staats­ver­tei­di­ger Isaiah Ber­lin. Ein Mann, des­sen Werk aus na­he­lie­gen­den Grün­den plötz­lich kaum mehr re­zi­piert wird – und wenn, dann um haar­ge­nau Ber­lins Ver­tei­di­gung ja Lob (!) des Na­tio­nal­staats alt­eu­ro­päi­scher Prä­gung be­rei­nigt.

    @ me­tep­si­lo­n­e­ma:
    Was Sie sa­gen über Kraus leuch­tet mir ein – und es scheint mir ei­nen be­deu­ten­den Un­ter­schied zu mar­kie­ren. Ich muss­te bei Ih­rer Schil­de­rung die­ser Um­stän­de an Hen­scheid und En­zens­ber­ger und Ha­ber­mas den­ken, die wie­der­holt mit (!) Kohl die jun­gen Lin­ken BRD-»Antifaschisten« da­für kri­ti­sier­ten, dass die­se ge­gen­über den in die Na­zi­zeit per­sön­lich ver­strick­ten Men­schen ei­ne Po­si­ti­on ein­nah­men, die un­emp­find­lich für ihr ei­ge­nes »mo­ral luck« (= »die Gna­de der spä­ten Ge­burt«) war – und die des­halb oft sehr hoch­mü­tig ur­teil­ten.

    Ha­ber­mas Ge­dan­ken­ex­pri­ment lau­te­te ganz kurz so: Kei­ner (!) von den Nach­ge­bo­re­nen kann mit Si­cher­heit sa­gen, wie er per­sön­lich sich da­mals ver­hal­ten hät­te. Da­her sei Be­son­nen­heit und Fair­ness in der Be­ur­tei­lung der wie auch im­mer be­la­ste­ten Alt­vor­de­ren durch die Jün­ge­ren ein hu­ma­ni­tä­res Ge­bot.

  61. @Metepsilonema
    Ent­schul­di­gung, die Stel­le ist 11:48 (bis 11:50). Sie er­in­nern das sehr gut, wir bei­de ha­ben durch­aus den­sel­ben Film ge­se­hen. Ich bit­te nur, auf die­ses ei­ne De­tail zu ach­ten. Kraus sagt hier wört­lich »des­halb hab ich nach dem Krieg den an­de­ren hel­fen kön­nen, den...« Nach dem Ar­ti­kel Nach­denk­pau­se, er führt den Satz nicht zu En­de. Das feh­len­de Wort ist »Na­zis«. Daß er es aus­spart, ist be­zeich­nend für die gan­ze Si­tua­ti­on, nicht nur für Kraus, son­dern auch da­für, daß es ver­pönt war, sich mit ehe­ma­li­gen Par­tei­mit­glie­dern auch nur ab­zu­ge­ben; und auch da­für, daß es im Jahr 2000 im­mer noch pein­lich war, ob­wohl ich das Ge­fühl ha­be, daß Kraus in dem Mo­ment ganz in sei­nen Er­in­ne­run­gen ist. Sie, Me­tep­si­lo­n­e­ma, stel­len in Ih­rer Sicht den phil­an­thro­pi­schen (und/oder prag­ma­tisch-sinn­vol­len) As­pekt in den Vor­der­grund. Die­se Sicht neh­me ich an, ich den­ke, ich ler­ne da im Mo­ment ge­ra­de ein we­nig. Es än­dert aber nichts dar­an, daß der VdU in er­ster Li­nie den Na­zis ge­hol­fen hat und die FPÖ dann aus dem Re­ser­voir ge­schöpft hat. Un­ter den Na­zis wa­ren in der Nach­kriegs­zeit si­cher vie­le, die sich ein we­nig Un­ter­stüt­zung ver­dien­ten, an­de­re, die es brauch­ten, und ei­ne Min­der­heit, de­nen man bes­ser Stra­fen auf­brumm­te (la pei­ne ma­xi­ma­le, Sie wis­sen ja, To­des­ur­tei­le wur­den voll­streckt – ich leh­ne sie grund­sätz­lich ab, doch man muß schon ver­su­chen, die Si­tua­ti­on 45 und in den Fol­ge­jah­ren zu ver­ste­hen).

  62. @Leopold Fe­der­mair
    Ich hö­re da eher ein »denn« als ein »den«, aber ich glau­be wir müs­sen über die Stel­le nicht strei­ten, Kraus sagt ja, dass er als »An­ti­na­zi« et­was konn­te, was an­de­re nicht konn­ten und er spricht von de­nen die 1945 un­ter die Rä­der ge­kom­men sind, was Par­tei­mit­glie­der und Min­der­be­la­ste­te nicht aus­nimmt.

    Der öster­rei­chi­sche Hi­sto­ri­ker Man­fried Rau­chen­stei­ner be­schreibt das knapp, aber die Am­bi­va­len­zen be­wah­rend, wie folgt (Kraus wä­re, des­sen Ei­gen­be­schrei­bung fol­gend, ein lu­pen­rei­ner Mon­ar­chist ge­we­sen): »Sie [die Grup­pie­rung VdU] woll­te das li­be­ra­le und (ge­mä­ßigt) deutsch­na­tio­na­le Er­be an­tre­ten und vor al­lem eins: Die gro­ße Grup­pe der so­ge­nann­ten »min­der­be­la­ste­ten« Na­tio­nal­so­zia­li­sten ent­kri­mi­na­li­sie­ren. Der Ver­band fand pro­mi­nen­te Un­ter­stüt­zer, un­ter an­de­rem den Salz­bur­ger Erz­bi­schof An­dre­as Rohr­a­cher, al­so je­nen Kir­chen­für­sten, der ge­gen die Eu­tha­na­sie und ge­gen die Aus­sied­lung der Kärnt­ner Slo­we­nen auf­ge­tre­ten war. Das mach­te ihn fast un­an­greif­bar. Doch eben­so hat­te der Erz­bi­schof vie­len ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­li­sten das Ge­fühl ge­ge­ben, zu Un­recht ver­folgt zu wer­den und Op­fer des neu­en Staats zu sein.« (Un­ter Be­ob­ach­tung. Öster­reich seit 1918, S 290)

    Die FPÖ er­hielt zu­nächst nur 6 der 14 Man­da­te, die der VdU er­reicht hat­te (1956); der VdU war noch in der Be­sat­zungs­zeit er­laubt wor­den. Na­tür­lich hat die FPÖ sich um die­se Wäh­ler be­müht und von die­ser Samm­lung pro­fi­tiert, aber sie war nicht je­ne Par­tei, die zur Samm­lung der ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­li­sten ge­grün­det wor­den war, wie häu­fig sug­ge­riert wird (und zu­nächst war der Er­folg mä­ßig). Und wir wis­sen auch, dass die bei­den Groß­par­tei­en, die ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­li­sten nicht et­wa fort­ge­schickt hat­ten.

    Um in die Ge­gen­wart zu­rück zu kom­men: Mir schei­nen die Be­mü­hun­gen der FPÖ in der Ge­samt­heit Na­zis­mus nach­wei­sen zu wol­len, über­zo­gen, was in der hi­sto­ri­schen Be­trach­tung dar­in mün­det, dass der Wunsch zum Va­ter des Ge­dan­ken wird. Kurz­um: Die FPÖ re­prä­sen­tiert das so­ge­nann­te drit­te La­ger, das im we­sent­li­chen na­tio­nal und ein we­nig li­be­ral ge­prägt ist; frü­her eher deutsch­na­tio­nal, un­ter Hai­der be­gann nach ei­ni­ger Zeit ei­ne Ab­kehr, die Stra­che dann zu ei­ner Art Öster­reich­pa­trio­tis­mus führ­te (die zu­ge­hö­ri­ge Ei­gen­be­zeich­nung lau­tet so­zia­le Hei­mat­par­tei). Von da­her lässt sich auch schlüs­sig er­klä­ren, war­um im­mer wie­der mehr oder we­ni­ger deut­li­che Be­rüh­run­gen mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu Ta­ge tre­ten: Ein na­tio­na­les Den­ken, das Spra­che und Kul­tur au­ßen vor lässt und Eth­ni­zi­tät zum al­lei­ni­gen Kri­te­ri­um macht, ge­rät au­to­ma­tisch in die Nä­he ei­nes Ras­se­be­griffs wie er im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus üb­lich war. An­ders for­mu­liert: Die De­fi­ni­ti­on des­sen, was man un­ter »na­tio­nal« ver­steht, grenzt vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ab oder schafft ei­nen Grau­be­reich, ja gar ei­ne Nä­he.

  63. »Gra­du­ell und ka­te­go­risch«, sagt die Ko­gni­ti­ons­for­schung.
    Es schil­dern sol­che Aus­drücke wie »Nä­he zum Rechts­ex­tre­mis­mus« kei­ne Ka­te­go­ri­en­gren­ze, son­dern nur ei­nen va­gen Ver­gleich.
    Be­dau­er­li­cher­wei­se hat sich die po­li­ti­sche Öf­fent­lich­keit auf die ka­te­go­ri­el­le Be­schrei­bung ein­ge­las­sen. Das wirkt wie ein Scharf­ma­cher auf die Köp­fe. Ge­gen Rechts!
    Man kann den Na­tio­na­lis­mus na­tür­lich ver­dam­men, aber das ent­bin­det nicht von der Mü­he, Ar­gu­men­te da­ge­gen vor­zu­brin­gen.
    Die hi­sto­ri­sche Ar­gu­men­ta­ti­on ist die Leich­te­ste; eben­so wie der Kom­mu­nis­mus führ­te der Na­tio­na­lis­mus im­mer in ei­ne Selbst­täu­schung. Die Na­zis sind »ruch­lo­se Op­ti­mi­sten« (Nietz­sche), wenn sie die in­ter­na­tio­na­len Kräf­te­ver­hält­nis­se ein­schät­zen. Sie über­schät­zen sich selbst, und sie un­ter­schät­zen ih­re Geg­ner.
    Au­ßer­dem sind sie im­mer au­to­ri­tär. Auf den frei­heit­li­chen As­pekt wür­de ich des­halb be­son­ders ach­ten, wenn es dar­um geht, ei­ne »ver­än­der­li­che Par­tei« ein­zu­ord­nen. Das So­zia­le ist im Ver­gleich zur Lin­ken un­ter­ent­wickelt, aber vor­han­den. Be­vor­zugt na­tür­lich die ei­ge­nen Leu­te.
    Der Na­tio­na­lis­mus als po­li­ti­scher Spie­ler ist zu­rück. Aber oh­ne ein Va­ku­um an Ide­en und ver­mit­tel­ba­ren Zie­len wä­re das gar nicht pas­siert. Es ist ei­ne Bla­se auf de­fla­tio­nä­ren Po­lit-Märk­ten. Selbst wenn die Bla­se platzt, ist da noch im­mer... Nichts.

  64. Na­tio­na­lis­mus kann man – Ih­nen fol­gend –, als kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus be­schrei­ben; und wenn der nar­ziss­ti­sche Cha­rak­ter ty­pisch für un­se­re Ta­ge ist, dann wä­re das ein wei­te­rer Grund für die Rück­kehr.

    Poin­tiert lässt sich aber auch fest­stel­len, dass ein funk­tio­nie­ren­der Na­tio­nal­staat das Phä­no­men Na­tio­na­lis­mus klein hal­ten müss­te, wenn er es schafft ei­nen ver­bind­li­chen kul­tu­rel­len Rah­men auf­zu­span­nen in dem sich die Re­gio­nen und Län­der wie die Bür­ger wie­der­fin­den und der ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit »dem Ei­ge­nen« als Rea­li­sti­sches, er­mög­licht. Über­stei­ge­rung und ma­ni­sche Ab­wehr des Frem­den, wä­ren dann über­flüs­sig.

  65. @ die_kalte_Sophie und me­tep­si­lo­n­e­ma

    Ih­re ge­witz­te Poin­tie­rung des Na­tio­nal­staats­pro­blems, me­tep­si­lo­n­e­ma, scheint mir gut an­wend­bar zu sein auf die ge­sell­schaft­li­che La­ge in der Schweiz, Nor­we­gen und Dä­ne­mark z. B..

    Ich fin­de, die Schweiz oder Nor­we­gen (oder Met­te Fre­de­rik­sens Dä­ne­mark) sind kei­ne Hor­te des Ir­ra­tio­na­lis­mus. Die Schweiz ken­ne ich aus der Nä­he – al­le mög­li­chen Funk­ti­ons­trä­ger da ken­ne oder kann­te ich per­sön­lich: Ganz über­wie­gend ver­nünf­ti­ge Leu­te.

    Wenn ich das noch an­fü­gen darf: Ralf Dah­ren­dorf, der wie schon ge­sagt ein Fai­ble für die Schweiz hat­te und sich da sehr gut aus­kann­te, mach­te ein­mal ei­ne Be­mer­kung der Art, dass er die Schweiz be­wun­dert für den ge­rin­gen Grad an un­ver­nünf­ti­gen Ein­schrän­kun­gen der per­sön­li­chen Ur­teils­kraft ih­rer Bür­ger – auch ih­rer Po­li­ti­ker.

    Was die so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che öf­fent­li­che Dis­kus­si­on an­geht, so kann ich aus Er­fah­rung sa­gen, dass dort sehr kom­ple­xe The­men mit ei­nem ganz ge­rin­gen Grad un­sach­li­cher und oder per­sön­li­cher An­grif­fe ver­han­delt wer­den (das ist nach wie vor der Gold­stan­dard für öf­fent­li­che De­bat­ten, wie mir scheint). Nicht zu­letzt in der NZZ und in de­ren Kom­men­tar­be­reich. Im Ver­gleich zu Deutsch­land, neu­er­dings Eng­land oder den USA ein Pa­ra­dies.

  66. Ja, kol­lek­ti­ver Nar­ziss­mus, trifft es ganz gut. Wo­bei die Ich-Psy­cho­lo­gie im­mer Krän­kun­gen vor­aus­setzt, was nicht ganz ein­fach über­setz­bar ist. Die Po­li­tik wä­re dann das ma­ni­pu­la­ti­ve El­tern­paar, und das Krän­kungs­er­leb­nis be­stün­de heut­zu­ta­ge in der man­geln­den »Wett­be­werbs­fä­hig­keit« vie­ler Ge­sell­schaf­ten.
    Ich bin kein Psy­cho­lo­ge, aber was wä­re denn das An­ti­do­tum?! Wür­de man als Ge­gen­gift ei­ne Po­li­tik ver­lan­gen, die »kom­pe­tent, selbst­be­wusst und hand­lungs­fä­hig« wirkt?!
    So­weit ich weiß, kom­men Nar­ziss­ten aus »ehr­gei­zi­gen Ver­sa­ger-El­tern­häu­sern«, und über­set­zen ei­ne ge­sell­schaft­li­che For­de­rung nur in ein wahn­haf­tes Selbst­bild. Wich­tig sind die Müt­ter, die ih­re Kind­chen im­mer auf­pum­pen: Du schaffst das, wenn du nur willst... Du kannst al­les err­rei­chen (auch wenn dein No­ten­schnitt nicht ge­ra­de be­rau­schend da­her­kommt)...
    Ich spe­ku­lie­re nur. Nach zwei Dik­ta­tu­ren in Deutsch­land kann man wohl je­des be­kann­te pa­tho­lo­gi­sche Sche­ma er­folg­reich an­wen­den.

  67. @ die_kalte_Sophie

    Ich bin jetzt, be­vor ich ab­tau­che in den See, ein biss­chen ein Pe­dant: Sie ver­su­chen den Schritt von der In­di­vi­du­al­psy­cho­lo­gie zur So­zi­al­psy­cho­lo­gie zu ge­hen – das ist ver­nünf­tig in die­sem Kon­text, aber auch kom­plex.
    Mein Vor­schlag zur Kom­ple­xi­ät­s­re­duk­ti­on ist sehr kurz und ein biss­chen von oben her­un­ter, wie ich fürch­te, aber wie ge­sagt, ich will tau­chen ge­hen: Die ein­schlä­gi­gen so­zi­al­psy­cho­lo­gi­schen Bü­cher le­sen oder die Vor­trä­ge hö­ren. Sehr gut: »The Coddling of the Ame­ri­can Mind« von Greg Lu­kian­off und Jo­na­than Haidt. Von de­nen gibt es auch ei­ni­ges auf You­tube. Ei­ne gut ge­schrie­be­ne Be­spre­chung des Bu­ches fin­det sich auf Taki’s Ma­ga­zi­ne. Der treff­li­che Ste­ve Sai­ler hat sie ver­fasst.

  68. Ein Nar­zisst über­spielt die ei­ge­ne Ver­letz­lich­keit bzw. die ei­ge­nen Ver­let­zun­gen da­durch, dass er sich auf­bläht. Ihm ge­lingt im po­si­ti­ven wie ne­ga­ti­ven kei­ne In­te­gra­ti­on, kei­ne Sta­bi­li­tät. Ge­lingt die­se Sta­bi­li­tät, dann muss man aus der Dia­lek­tik »ei­gen und fremd« nicht aus­bre­chen, son­dern er­trägt ih­re Span­nung, mehr noch: Ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung wird mög­lich. Mir scheint, dass da der sprich­wört­li­che Wurm drin­nen ist, aber ge­nau­er kann ich es ge­ra­de auch nicht sa­gen.

  69. @metepsilonema
    Lukianoff/ Haidt zei­gen in ih­rem Nar­ziss­mus-kri­ti­schen Buch »The Coddling of the Ame­ri­can Mind«, al­so die Ver­knud­de­lung des Ame­ri­ka­ni­schen Gei­stes, dass die Fi­xie­rung auf die ei­ge­nen – su­per­wich­ti­gen! – Ge­füh­le und Grup­pen­merk­ma­le wie schwul, les­bisch, links, welt­of­fen usw. so weit Platz ge­grif­fen hat, dass die ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät aus dem Fo­kus ge­rät. Und zwar flä­chen­deckend.

    Haupt­merk­mal die­ser zeit­ge­nös­si­schen Men­ta­li­tät: Mer­heit­li­che Ver­wei­ge­rung der ver­nünf­ti­gen öf­fent­li­chen De­bat­te. – Al­so ei­ne Still­stel­lung der Dia­lek­tik von ei­gen und fremd, in­nen und au­ßen, wahr und falsch usw. – : – Im Er­geb­nis ei­ne kol­lek­ti­ve Ver­blö­dung in Form ei­ner kol­lek­ti­ven Selbst­fei­er oder: Der Tausch von Wi­der­spruch und Ar­gu­men­ta­ti­on hie ge­gen al­ler­lei Iden­ti­tä­ten und Sen­si­bi­li­tä­ten und ein kind­lich rei­nes Ge­wis­sen da.
    In ganz die glei­che Ker­be wie Haidt/Lukianoff haut üb­ri­gens der Psy­cho­lo­ge Ste­ven Pin­ker mit sei­nem Buch »En­lig­t­hen­ment Now!« / Dt. »Auf­klä­rung jetzt!« – Eins sei­ner Bei­spie­le für ein fal­sches zeit­ge­nös­si­sches nar­ziss­ti­sches Be­wußt­sein ist die For­de­rung nach ei­ner – auf­ge­passt, kei­ne Er­fin­dung! – »fe­mi­ni­sti­schen Gla­zio­lo­gie«! Die sei be­son­ders dring­lich wg. Män­ner­do­mi­nanz u n d Kli­ma­wan­del. – Es gibt auch For­de­run­gen nach ei­ner fe­mi­ni­sti­schen oder halt gen­der-quee­ren Astro­no­mie – mit we­ni­ger Ma­the­ma­tik und Phy­sik (Ma­the­ma­tik und Phy­sik = Aus­druck hi­sto­ri­scher männ­li­cher Do­mi­nanz über die­se Fä­cher!).

    Was Haidt und Pin­ker und Ca­mil­le Paglia und Ja­mesT­homp­son usw. um­treibt ist die Tat­sa­che, dass der­lei ver­knud­del­tes Den­ken mitt­ler­wei­le den Haupt­strom in den Hu­ma­nities und den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten in der Anglo­s­phe­re dar­stellt.

    Ein voll­kom­men un­ta­de­li­ger Wis­sen­schaft­ler wie der Po­lit­so­zio­lo­ge No­ah Carl in Cam­bridge kann da­her von der stu­den­ti­schen Merhheit öf­fent­lich als Halb- oder Ganz­fa­schist – wahl­wei­se Ras­sist – des­avou­iert wer­den, u. a. weil er über mi­gran­ti­sche Kri­mi­na­li­tät schrieb, und die Uni­ver­si­täts­lei­tung pa­riert, und ent­lässt den. Al­so: Nicht weil sei­ne Un­ter­su­chun­gen nicht rich­tig wä­ren muss Carl weg, son­dern weil er über et­was schreibt, das i n s i c h ras­si­stisch sei, weil es Mi­gran­ten her­ab­wür­digt. Die mi­gran­ti­sche Iden­ti­tät sei wich­ti­ger und wert­vol­ler als ir­gen­del­che Er­kennt­nis­se über de­ren tat­säch­li­ches Ver­hal­ten.

    No­ah Carl hat jetzt ein er­heb­li­ches Pro­blem, weil ver­mut­lich auch al­le an­de­ren Unis für ihn ver­schlos­sen sind. Und die Ge­sell­schaft hat ein er­heb­li­ches Pro­blem, weil er­heb­li­che Tei­le ih­rer Wirk­lich­keit nicht mehr an­ge­mes­sen ana­ly­siert wer­den sol­len.

  70. Der Nar­zisst kennt nur sich. Kol­lek­ti­ver Nar­ziss­mus wä­re m. E. ein Wi­der­spruch. Die Na­ti­on soll­te im 19. Jahr­hun­dert das In­di­vi­du­um ein­he­gen, ihm ei­ne Iden­ti­tät über das ei­ge­ne Ich hin­aus ge­ben. Da­zu pass­te üb­ri­gens die Ko­lo­nia­li­sie­rung in Afri­ka, Ame­ri­ka und Asi­en. Aus dem »Ich« wur­de ein »Wir«, wel­ches all­zu oft ag­gres­siv ge­gen­über den Nach­barn agier­te. Nach zwei Welt­krie­gen steht der Na­tio­nal­staat als po­ten­ti­el­les Ba­sis­la­ger des Na­tio­na­lis­mus in schlech­tem Ruf. Die Iden­ti­tä­ten ver­schie­ben sich. Je­de Min­der­heit pocht nun auf iden­ti­täts­stif­ten­de Dif­fe­renz und gleich­zei­tig auf Ega­li­tät. Das er­scheint der­zeit das kul­tu­rel­le Span­nungs­feld.

    Wei­te­res da­zu kann man in dem Auf­satz von Si­mon Strauß ganz gut nach­le­sen – der Text wür­de ei­nen ei­ge­nen Bei­trag ver­lan­gen, aber las­sen wir’s da­bei und blei­ben beim The­ma.

  71. In­ter­es­san­ter Text, dan­ke.

    Die kal­te So­phie schrieb oben, dass »der Na­tio­na­lis­mus im­mer in ei­ne Selbst­täu­schung« füh­re. Das ist auch beim Nar­ziss­mus der Fall, un­ab­hän­gig da­von, ob der Nar­zisst nur sich selbst kennt oder nicht, des­we­gen auch der Spie­gel, der Nar­zisst fällt auf sich selbst, die ei­ge­ne Il­lu­si­on von sich selbst, her­ein. Er mas­kiert bzw. über­geht da­durch die ei­ge­ne Ver­letz­lich­keit, die ei­ge­nen Schwä­chen. Und ge­nau das pas­siert im Na­tio­na­lis­mus auf der Ebe­ne des Kol­lek­tivs: Idi­vi­du­ell vor­han­de­nes (kol­lek­ti­ves oder hi­sto­ri­sches) Un­ge­nü­gen wird nicht in ein Selbst­bild in­te­griert, son­dern in ei­ner über­in­di­vi­du­el­len Über­stei­ge­rung (ei­nem Wahn) über­gan­gen: Die ei­ge­ne ist die er­ste, die zur Herr­schaft aus­er­wähl­te Na­ti­on! Das ist schon na­he am nur mehr sich selbst ken­nen...

  72. Stimmt schon, @Gregor. Die Be­griffs­bil­dung vom kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus er­scheint zu­nächst ab­surd. Aber vie­les passt ins Bild: die Ich-Schwä­che (über­setzt: Wir-Schwä­che), die Selbst­über­hö­hung, ei­ne dy­na­misch hoch am­bi­va­len­te Be­zie­hun­gen zu den An­de­ren (man den­ke an das Pu­tin-Bild der Rech­ten, ih­re spon­ta­ne Fra­te­ri­sie­rung), die Auf­he­bung des Rea­li­täts­prin­zips, etc.
    Wich­tig ist Ihr Hin­weis auf den Un­ter­schied zwi­schen Ma­jo­ri­tät und Min­der­heit, sprich die Fra­ge, ob es zwei grund­ver­schie­de­ne nar­ziss­ti­sche »Be­we­gun­gen« in der west­li­chen Welt gibt. Die Min­der­hei­ten wie LGTB müs­sen na­tür­lich ir­gend­wo ih­re Krän­kun­gen ven­ti­lie­ren; ich drücke das mal ganz lieb­los aus. Die Kon­sti­tu­ie­rung ei­ner ge­kränk­ten Mehr­heit (Ma­jo­ri­tät im Sin­ne von De­leu­ze) er­scheint da­zu im Ver­gleich ab­surd. Wer hät­te denn die Mehr­heit fer­tig ge­macht?! Noch ein Bul­ly auf dem Schul­hof?!
    Aber wir dür­fen die in­ter­na­tio­na­le Di­men­si­on der Po­li­tik nicht ver­ges­sen. Auch da gibt es Un­zu­läng­lich­keit und In­fe­rio­ri­tät. Ge­ra­de Eu­ro­pa ist voll von »klei­nen Staa­ten«... Chi­na kämpft wie be­ses­sen ge­gen sei­ne »Min­der­wer­tig­keit«. Po­len ist ei­ne ein­zi­ge Wun­de. So­gar Frank­reich hat es ir­gend­wie er­wischt.
    Das Sche­ma ist nicht per­fekt. Die Hi­sto­rie wiegt m.E. schwe­rer als die ak­tu­el­le Feu­er­kraft der Pan­zer­kreu­zer. Und die Glo­ba­li­sie­rung ist oh­ne­hin die per­fek­te Krän­kung für den We­sten.

  73. @metepsilonema – Bit­te!

    @ Gre­gor Keu­sch­nig, @ die_kalte_Sophie,

    Si­mon Strauß zi­tiert in dem von Ih­nen, Gre­gor Keu­sch­nig, dan­kens­wer­ter Wei­se ver­link­ten Auf­satz zu­stim­mend Mark Lil­la. In sei­ner Kri­tik des vor­herr­schen­den lin­ken (!) Nar­ziss­mus ist Mark Lil­la ganz auf der Sei­te von Haidt und Lu­kian­off und Pin­ker: »Na­tio­nal po­li­tics in healt­hy pe­ri­ods is not about ‚dif­fe­rence‘, it is about commonality.«[8] Si­mon Strauß fährt dann fort: »Nur wenn sich die Lin­ke von ih­rem neu­en mo­ral­po­li­ti­schen Kurs ver­ab­schie­de und sich wie­der Fra­gen der Klas­se, der Wirt­schaft und der So­li­da­ri­tät zu­wen­de, ha­be sie ei­ne Chan­ce ge­gen den gras­sie­ren­den Po­pu­lis­mus.«
    Strauß re­det mit Lil­la ge­gen die sich selbst fei­ern­de Grup­pen-Den­ke der lin­ken Min­der­hei­ten- und Iden­ti­täts­po­li­tik (= des lin­ken Nar­ziss­mus).

    Das Wort von Mark Lil­la, das Si­mon Strauß zwar zi­tiert, aber in sei­ner Pa­ra­phra­se aus­lässt (!), ist of­fen­bar die hei­ße Kar­tof­fel für ihn: Mark Lil­la plä­diert aus­drück­lich für ei­ne – - – ver­nünf­ti­ge »na­tio­na­le Po­li­tik« – in »ge­sun­den Zei­ten«. – Man den­ke jetzt an Ri­chard Ror­ty (»Stolz auf un­ser Land« -Suhr­kamp Ver­lag) – oder Bruce Spring­ste­en, zwei li­be­ra­le (=lin­ke) US-Pa­trio­ten.

  74. @metepsilonema und @die_kalte-Sophie – Nar­ziss­mus und Na­tio­na­lis­mus

    Ich ge­ste­he, dass die The­se in­ter­es­sant ist. Ins­be­son­de­re wenn es um die von der So­phie an­ge­spro­che­nen »Wun­den« von Na­tio­nen geht.

    Vom ehe­ma­li­gen deut­schen Bun­des­prä­si­den­ten Jo­han­nes Rau stammt der Aus­spruch: »Ein Pa­tri­ot ist je­mand, der sein Va­ter­land liebt. Ein Na­tio­na­list ist je­mand, der die Va­ter­län­der der an­de­ren ver­ach­tet.« Das war da­mals sehr um­strit­ten. Heu­te ist der Be­griff des »Pa­trio­ten« ja auch wie­der ne­ga­tiv kon­no­tiert. Die wich­ti­ge Aus­sa­ge be­steht dar­in, dass Na­tio­na­lis­mus, al­so, um der Hy­po­the­se zu fol­gen, »Nar­ziss­ten«, nicht nur ihr ei­ge­nes Land über Ge­bühr ver­eh­ren müs­sen, son­dern gleich­zei­tig auch die an­de­ren ver­ach­ten muss. Ak­tu­ell könn­te man sa­gen, dass FPÖ-Na­tio­na­li­sten die­se Ver­ach­tung nicht mehr an­de­ren Län­dern (Na­tio­nen) ge­gen­über zum Aus­druck brin­gen, son­dern der EU.

  75. Jo­han­nes Rau: »Ein Pa­tri­ot ist je­mand, der sein Va­ter­land liebt. Ein Na­tio­na­list ist je­mand, der die Va­ter­län­der der an­de­ren ver­ach­tet.«
    Mit der Er­laub­nis, den gro­ßen Lan­des­va­ter po­le­misch fort­set­zen zu dür­fen:
    »Und ein Deut­scher ist je­mand, der sein Va­ter­land hasst und al­le an­de­ren um ih­ren Pa­trio­tis­mus be­nei­det...«.
    Das führt aber so­fort zum The­ma zu­rück: wie­viel Lie­be zum Ei­ge­nen, und wie­viel »ver­kehr­te Wut« steckt in den rech­ten Be­we­gun­gen?! Ich glau­be, es gibt schon ei­ne an­ti-fa­schi­sti­sche Re­ak­ti­on bei den Rech­ten, al­so den Ver­such, die hi­sto­ri­sche Schuld ab­zu­weh­ren und durch po­si­ti­ve Af­fir­ma­tio­nen zu er­set­zen. Ich ver­mu­te, die ein­deu­tig lin­ke Ver­ar­bei­tungs­va­ri­an­te der »selbst­lo­sen Be­trof­fen­heits-An­kla­ge« ist ei­ni­gen Leu­ten ein­fach nicht zu­gäng­lich. Wir ha­ben ja (sie­he Jo­na­than Haidt) un­ter­schied­li­che Mo­ral-Ty­pen, die al­le Po­li­tik ma­chen wol­len.
    Die EU bie­tet sich an als Samm­lung al­ler »an­de­ren Va­ter­län­der«, mit de­nen man un­aus­ge­spro­chen auf Kriegs­fuß steht. Das ist ei­ne grund­sätz­lich an­de­re Hal­tung als die kol­le­gia­le Ri­va­li­tät. Die Ko­ope­ra­ti­on wird sehr stark ein­ge­schränkt, die Staa­ten­bil­dung auf EU-Ebe­ne kon­ter­ka­riert. Und da fin­det der Är­ger sei­nen Ur­sprung; die li­be­ra­le Idee zur Be­gren­zung des Staa­tes stößt in der EU auf tau­be Oh­ren. Vor­al­lem die Bü­ro­kra­tie will wach­sen und Macht ak­ku­mu­lie­ren. Wer die EU ein­grenzt, mag ein rech­ter Stink­stie­fel sein, aber er folgt ei­ner frei­heit­li­chen Idee. Das passt sehr gut zu­sam­men, ge­ra­de des­halb sind die Alt-Par­tei­en ja schockiert. Es liegt kein Denk­feh­ler oder schlim­me Bi­got­te­rie vor. Sie mei­nen es ernst, und das An­lie­gen ist le­gi­tim.

  76. Ich ha­be ge­ra­de »Rö­mi­sche Ta­ge« von Si­mon Strauß ge­le­sen (Be­spre­chung folgt). Über das Ver­hält­nis zwi­schen ita­lie­ni­scher Po­li­tik und den Bür­gern steht dort: »Man liebt das Land, aber hasst den Staat, so lau­tet die Faust­for­mel in Ita­li­en.« In Deutsch­land, so möch­te ich er­gän­zen, ist es um­ge­kehrt.

    Die Grün­de für die jahr­zehn­te­lan­ge Kon­di­tio­nie­rung, Deutsch­land mit Selbst­vor­be­hal­ten zu be­geg­nen, lie­gen auf der Hand. Sie führ(t)en je­doch zu ei­nem ver­krampf­ten Ver­hält­nis des Bür­gers zu »sei­ner« Na­ti­on (das wuß­te schon Her­zog und üb­ri­gens auch Ha­beck). Die Lö­sung schien das Auf­ge­hen in die EU zu sein – frei­lich mit dem Ver­spre­chen, dass sich nicht än­de­re. Das ero­dier­te spä­te­stens 2008/09 mit der Eu­ro­kri­se, die das Ver­hält­nis zwi­schen den Deut­schen und der EU ra­di­kal ver­än­der­te (in Wahr­heit hat­te man die Ver­ein­heit­li­chun­gen der Bü­ro­kra­tie von der Gur­ken­krüm­mung über den Trak­tor­sitz im­mer nur be­lä­chelt). Jetzt wur­den plötz­lich (in­for­mel­le) Ver­spre­chun­gen ge­bro­chen. Das Ge­re­de von der Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit ver­stärk­te die­sen Ef­fekt noch.

    In­zwi­schen gibt es kein Land mehr in der EU, wel­ches sich wirk­lich um die Eu­ro­päi­sche Uni­on sorgt und not­falls na­tio­na­le In­ter­es­sen zu­rück­stellt. Das und das ak­tu­el­le Ge­schie­be ver­stär­ken die Vor­be­hal­te ge­gen die EU. De­ren Geg­ner hat­ten es nie leich­ter. In­zwi­schen ist man Avant­gar­de, wenn man Pro-EU ist.

  77. Es gibt auf der rech­ten Sei­te si­cher­lich ei­ne ge­ra­de­zu ma­ni­sche Ab­wehr »al­les Schlech­ten«, die, wür­de ich sa­gen, um­so hef­ti­ger aus­fällt, je mehr es um »das Volk« im eth­ni­schen Sinn geht. Rein ge­gen Un­rein, so­zu­sa­gen. Nur: Auch die an­de­re Sei­te, die im Deut­schen das Üb­le aus­macht, bleibt die­sem Den­ken letzt­lich ver­haf­tet.

    Muss man sich als Na­ti­on oder Land selbst an­kla­gen oder auf­blä­hen, wenn man »das Ei­ge­ne« (im­mer wie­der) zu be­stim­men ver­sucht, hi­sto­risch und kul­tu­rell? Dies müss­te doch zu Sta­bi­li­tät füh­ren. Und zu Ak­zep­tanz, im Sin­ne des­sen, was (ge­we­sen) ist (dar­aus mag Lie­be wer­den oder nicht).

    Die EU ist zu ver­nünf­tig, auch in ih­rem Agie­ren, um Bin­dungs­kraft zu er­zeu­gen, dar­in se­he ich die grund­sätz­li­che Schwie­rig­keit des Un­ter­fan­gens (Spra­che und Re­li­gi­on fal­len als in­te­gra­ti­ve Kräf­te weg, über er­ste­re ha­ben wir ja schon ein­mal dis­ku­tiert).

  78. @ die_kalte_Sophie und Gre­gor Keu­sch­nig

    Pa­trio­ten kön­nen die na­tio­na­le Per­pek­ti­ve ein­neh­men, oh­ne Na­tio­na­li­sten zu sein – lo­go!

    Das war es je­den­falls, was Ha­ber­mas sei­nem Freund Ror­ty ganz zu Recht, wie ich fin­de, pro­blem­los zu­ge­stan­den hat: Ei­nen ge­sun­den Pa­trio­tis­mus (cf. Bruce Spring­ste­ens durch­aus zwie­ge­sich­ti­ge Rock-Hym­ne »Born in the USA«, die grad’ we­gen ih­rer pa­trio­ti­schen Zwie­ge­sich­tig­keit Hei­ne und He­geln ge­fal­len ha­ben wür­de). Wil­ly Brandt ist ganz na­he am kri­ti­schen na­ti­on­len Selbst­be­wusst­sein Spring­ste­ens und Raus und Ror­tys. Heu­te ist das frei­lich al­les Kon­ter­ban­de und die Hel­den des Estab­lish­ments ma­chen gro­ße Bö­gen um die Be­für­wor­ter sol­cher Ge­dan­ken.

    Das wä­re wei­ter nicht schlimm, wenn die EU nicht an ei­ne Sy­stem­gren­ze sto­ßen wür­de, die wg. all­zu kon­troll-fer­ner Über­deh­nung gra­vie­ren­de Fehl­steue­run­gen her­vor­bräch­te (cf. »Sanf­tes Mon­ster Brüs­sel – Oder die Ent­mün­di­gung Eu­ro­pas«, Suhr­kamp, we­ni­ge Eu­ro). Das ge­nau ist aber der Stand der Din­ge in der EU, und die­se sy­ste­misch in­du­zier­ten Fehl­steue­run­gen sind da­her ih­re ei­gent­li­che Krux.
    Der gro­ße Feh­ler in der bür­ger­li­chen deut­schen Öf­fent­lich­keit be­steht in die­ser La­ge dar­in, die not­wen­di­ge Aus­ein­der­set­zung über die de­struk­ti­ve Sei­te der zu schwach kon­trol­lier­ten Über­deh­nung der EU (= ih­rer in­ef­fek­ti­ven Eli­ten­herr­schaft) ha­bi­tu­ell zu skan­da­li­sie­ren – als: Na­tio­na­li­stisch. Das ist die Dau­er­schlei­fe von ÖR bis SZ, FAZ, weLT, FR, Spie­gel, ZEIT, TAZ (und Per­len­tau­cher) usw.

    Der Chor der in­tel­lek­tu­el­len Ge­gen­stim­men be­steht aus et­wel­chen Ein­zel­nen: Rü­di­ger Sa­fran­ski, Rolf Pe­ter Sie­fer­le, Frank Böckel­mann, Jo­na­than Haidt, Ro­bert Put­nam, Thi­lo Sar­ra­zin, Paul Col­lier, Ja­mes Thomp­son, Da­vid Cum­ming­ham (Kopf des Bre­x­it), Da­ve Mur­ray, Re­né Scheu (NZZ), Hans-Wer­ner Sinn, Nor­bert Bolz, Don Alp­hon­so, Hen­ryk M. Bro­der, Alain Fin­kiel­kraut, Eli­sa­beth Bad­in­ter, Faw­zia Zoua­ri, Mi­chel Hou­ellebecq (gro­ßer Schweiz-Be­für­wor­ter) und Pe­ter Slo­ter­di­jk (»Es gibt kei­ne mo­ra­li­sche Pflicht zur (na­tio­na­len, DK) Selbst­zer­stö­rung«).

    Der Un­ter­schied zwi­schen ei­ner na­tio­na­len und ei­ner na­tio­na­li­sti­schen Ar­gu­men­ta­ti­on, wie er für Jo­han­nes Rau und Ri­chard Ror­ty (und Kon­rad Ade­nau­er und Gün­ther Nen­ning und Bru­no Krei­sky, eh kloa) noch selbst­ver­ständ­lich be­stan­den hat, wird im me­dia­len Haupt­strom in­des nicht mehr ge­macht. Die öf­fent­li­che De­bat­te ist da­mit in ei­nem Kern­be­reich emp­find­lich ein­ge­schränkt. –

    - Das kann auf Dau­er nicht gut­ge­hen, weil die­se un­ter­kom­ple­xe Dis­kurs­ar­chi­tek­tur die Selbst­wahr­neh­mung des eu­ro­päi­schen Bür­ger­tums be­schä­digt – - – und lang­sam die Um­ris­se ei­nes ge­wal­ti­gen, blau­äu­gig fa­bri­zier­ten rous­se­austi­schen kind­li­chen Irr­gar­tens oder »sanf­ten Mon­sters« – ge­nannt EU – aus sich ent­lässt.

    Ein wei­te­rer Ver­schwö­rer des »In­tel­lec­tu­al Dark Web« sei des­halb aus dia­gno­sti­schen Grün­den zum gu­ten En­de noch zi­tiert: Der – ehe­dem! – tief­ro­te, jü­di­sche, schwu­le selb­stän­di­ge US-Talk­show-Un­ter­neh­mer und Spaß­ma­cher Da­ve Ru­bin, der dem kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus der west­li­chen Lin­ken at­te­stiert hat, dass die­ser ei­ne grund­sätz­li­che Schub­um­kehr des lin­ken Den­kens in der Anglo­s­phe­re ge­zei­tigt ha­be. Aus der pro­gress­si­ven sei des­halb, so Ru­bin, die »re­gres­si­ve Lin­ke« ge­wor­den: Selbst­ver­liebt, über­emp­find­lich, un­frei, ver­knud­delt, ag­gres­siv und doof.

    Ri­chard Ror­tys flot­ter Es­say »Stolz auf un­ser Land« wur­de denn auch zu­neh­mend von Rech­ten zi­tiert – wäh­rend sich die Lin­ken von ih­rem ein­sti­gen He­ros Ri­chard Ror­ty pi­kiert und/oder selbst-zen­triert – de­fi­ni­tiv ab­wand­ten.

    Und Kai­ser Franz Jo­seph, Kon­rad Ade­nau­er, Theo­dor Heuß, Bru­no Krei­sky, Wil­ly Brandt und Hel­mut Kohl, Hel­mut Schmidt, Jo­han­nes Rau und Ralf Dah­ren­dorf, Frie­de ih­rer Asche, le­ben hier auch nicht mehr. Das frei­lich ist – seufz – der Lauf der Din­ge hi­nie­den: »Was it­zund Atem holt; fällt un­ver­sehns da­hin«.

  79. 2 Kor­rek­tu­ren zu mei­nem Kom­men­tar #83 – der Bre­x­it-Stra­te­ge ist Do­mi­nic Cum­mings, nicht Da­vid Cum­ming­ham und Dou­glas Mur­ray heißt nicht Da­ve Mur­ray.
    https://dominiccummings.com/2019/03/27/on-the-referendum-24n-actions-have-consequences/
    Ver­ges­sen ha­be ich Chri­sto­phe Gu­il­luy, den Kul­tur­geo­gra­phen und ex­zel­len­ten Gelb­we­sten-Deu­ter (»No So­cie­ty« – im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal auf Eng­lisch) im Chor der Kri­ti­ker der »Any­whe­res« (Da­vid Good­hart – »The Road to Smowhe­re«) im Na­men der »So­me­whe­res«.

  80. @ Die­ter Kief, sie schrei­ben: »Das kann auf Dau­er nicht gut­ge­hen, weil die­se un­ter­kom­ple­xe Dis­kurs­ar­chi­tek­tur die Selbst­wahr­neh­mung des eu­ro­päi­schen Bür­ger­tums be­schä­digt.«
    Die­se mo­da­le Ein­sicht kann man ins Rea­le über­set­zen: Ge­nau das ist schon pas­siert. Ein kom­plett über­for­der­tes eu­ro­päi­sches Bür­ger­tum legt sich selbst die Scheu­klap­pen an, stöp­selt die Oh­ren zu (kein In­ter­es­se an In­tel­lek­tu­el­len!), und rei­tet in den Ne­bel der Ge­schich­te. Die sog. po­li­ti­sche Eli­te ver­steht sich auf die ge­dul­di­ge Aus­le­se von Gut­ach­ten und die poinitier­te Selbst-Dar­stel­lung im In­ter­view. Aber die ha­ben kei­nen Kom­pass und die ha­ben kei­nen Plan. Ei­ne ge­mein­sa­me Be­we­gung im psy­cho­po­li­ti­schen Sin­ne kann nicht zu­stan­de kom­men, weil die mar­kan­ten Zie­le feh­len. Sie­he Ver­tei­di­gungs-Uni­on. Vor 70 Jah­ren ei­ne Rie­sen-Idee, heu­te be­lang­los. Oder die Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen... Be­lang­los, weil am Kern der Sa­che vor­bei. Nur der mor­gi­ge Tag ist si­cher, aber die Zu­kunft der EU ist nicht mehr greif­bar.

  81. Die Re­de vom über­for­der­ten Bür­ger­tum hat ja et­was pa­ter­na­li­sti­sches. Ist es nicht so, dass man eher von ei­nem »ab­ge­häng­ten« Bür­ger­tum spre­chen könn­te? War­um wird nicht mehr auf die In­tel­lek­tu­el­len ge­hört? Wur­de dies je­mals prak­ti­ziert? Wä­re es über­haupt wün­schens­wert?

    Ich er­in­ne­re mich noch sehr gut an den Re­gie­rungs­wech­sel 1998/99 von Kohl zu Schrö­der. Josch­ka Fi­scher, der schon da­mals den au­ßen­po­li­ti­schen Au­gu­ren gab, stieß pu­bli­zi­stisch ve­he­ment ins Rohr die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu­nächst zu ver­tie­fen, und erst dann zu er­wei­tern. Als er an der Re­gie­rung war stell­te er fest, dass die­ser Zug längst ab­ge­fah­ren war. Die Ver­spre­chen an die ost­mit­tel­eu­ro­päi­schen Staa­ten wa­ren bin­dend. Be­vor die Uni­on sich sta­bi­li­sie­ren konn­te (und Ent­schei­dun­gen et­wa in Rich­tung Ver­tei­di­gungs­uni­on hät­te tref­fen kön­nen), war die Ge­mein­schaft der­art an­ge­wach­sen, dass sie prak­tisch »un­re­gier­bar« wur­de.

    Der pol­ni­sche Schrift­stel­ler An­drzej Sta­si­uk hat ein­mal in ei­nem po­li­ti­schen Es­say dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Land wie Po­len, wel­ches prak­tisch erst 1990 wie­der ei­ne Un­ab­hän­gig­keit be­kom­men hat­te, ein­fach nicht in der La­ge war, sich so früh er­neut in ein an­de­res Bünd­nis ein­zu­bin­den. Man hät­te die­sen Län­dern mehr Zeit ge­ben müs­sen.

    Das Ge­scha­che­re um die neu­en Po­sten im EU-Ge­bil­de – in de­nen es nicht um Sach­the­men, son­dern aus­schließ­lich um Pro­porz und Per­so­nal geht – zeigt, wie ver­lo­ren die­se EU in­zwi­schen ge­wor­den ist. Der ein­zi­ge Grund für ih­re Exi­stenz scheint noch der zu sein, sich ge­mein­sam al­le Un­bil­len der Welt in ih­rer Exi­stenz fest­zu­ma­chen. Da­her las­sen sich ver­mut­lich auch die EU-Geg­ner in das EU-Par­la­ment wäh­len. Und na­tür­lich auch, weil es üp­pig ho­no­riert wird.

  82. Ich war zu Zei­ten von Schröder/Fischer nicht sehr auf­merk­sam, aber Sie ha­ben si­cher recht, Gre­gor. Der Zug ist mit der Ost­erwei­te­rung ab­ge­fah­ren, ob­wohl man ja noch die Ver­ve hat­te, ei­nen »Ver­fas­sungs­ver­trag« auf­zu­le­gen. Das war aber nicht ein­fach ein Feh­ler im Ti­ming, hier war ei­ne po­li­ti­sche Gren­ze über­schrit­ten wor­den, so­dass Frank­reich und die Nie­der­lan­de 2005 kehrt mach­ten. Die Stich­wor­te hie­ßen Au­to­no­mie und Li­be­ra­lis­mus, bzw. in Frank­reich Au­to­no­mie und So­zia­lis­mus. Deutsch­land hät­te mit Freu­den Ja-ge­sagt. Das Land will ja im­mer noch sei­ne Ge­schich­te los­wer­den, und rennt wie vom Teu­fel ge­jagt in die Zu­kunft.
    Auf die Ein­las­sung des Ver­fas­sungs­ge­richts wä­re ich da­mals ge­spannt ge­we­sen. Der Ver­trag von Lis­sa­bon spä­ter ist mit ro­ten Li­ni­en aus Karls­ru­he zu­rück­ge­kom­men. Und das war die Sou­ve­rä­ni­täts-freund­li­che ab­ge­speck­te Ver­si­on.
    Noch ein­mal das 11. Ge­bot: Du sollst kei­ne zwei Staa­ten ne­ben­ein­an­der am Lau­fen ha­ben.
    Aber das ist der deut­sche Son­der­weg; das klas­si­fi­ziert nicht die La­ge der MIt­glieds­staa­ten. Das ist ein kom­plett ei­ge­ner Film im Film. Wie hat sich Öster­reich 2005 ver­hal­ten?!

  83. @ Gre­gor Keu­sch­nig und die_kalte_Sophie

    Ich mei­ne es sei rich­tig, von der Hy­per­tro­phie der EU zu spre­chen. Die Ar­beits­ver­wei­ge­rung der bür­ger­li­chen Öf­fent­lich­keit be­trifft ins­be­son­de­re die Be­rei­che sy­ste­mi­sche Fehl­steu­run­gen (cf. Luhamnn/ Cy­rill Par­kin­son /Enzensberger), Bildung/Bildbarkeit, so­zia­ler Streß (Hei­ner Rin­der­mann, Ro­bert Plomin), Sub­si­dia­ri­tät und Grup­pen­ego­is­men der Funk­ti­ons­eli­te, die aus die­ser grup­pen­ego­isti­schen Per­spek­ti­ve her­aus ih­re Rol­le als Staats­bür­ger ver­küm­mern las­sen und lei­der vor­nehm­lich als Press­su­regroup ih­rer selbst fun­gie­ren. (Da­zu nur 1 Hin­weis: Ich zäh­le vie­le ÖR-An­ge­stell­te zu die­ser Schicht. Und der ÖR al­lein ko­stet so­viel, wie der ge­sam­te üb­ri­ge Deut­sche Kul­tur­be­trieb, wie ich kürz­lich ge­lernt ha­be – das sind al­so schon er­heb­li­che Vo­lu­mi­na. – Aber wie ge­sagt: Der ÖR ist nur ei­ne Grup­pe in die­ser Grup­pe der So­me­whe­res, die von der wei­te­ren In­ter­na­tio­na­li­sie­rung cum gra­no sa­lis al­le pro­fi­tie­ren).

    Die Any­wh­re- und So­me­whe­re-Un­ter­schei­dung er­laubt es die­se groß-An­kla­ge der EU gleich­sam wie­der um­zu­dre­hen und aus der le­bens­welt­li­chen Per­spek­ti­ve be­stimm­ter Bür­ger die in­ter­na­tio­na­li­sti­sche Hy­per­tro­phie ent­we­der a) als eher funk­tio­nal zu be­trach­ten (für die Any­whe­res) oder b) als eher dys­funk­tio­nal (für die So­me­whe­res).

    Die Poin­te mei­ner Ana­ly­se liegt dann nicht mehr in ih­rer Selbst­wi­der­sprüch­lich­keit (= ih­rem Pa­ter­na­lis­mus, Gre­gor Keu­sch­nig), son­dern in mei­ner Par­tei­nah­me für die So­me­whe­res.

    Chri­sto­phe Gu­il­luy, ein ex­zel­len­ter Ge­gen­warts­deu­ter, hat sich der Per­spek­ti­ve der So­me­whe­res ver­schrie­ben in sei­nem Buch »No So­cie­ty«. Rolf Pe­ter Sie­fer­le hat in »Das Mi­gra­ti­ons­pro­blem« (2017) ei­nen Teil die­ser Po­si­tio­nie­rung vor­weg­ge­nom­men, und öko­no­misch den wich­tig­sten Grund ge­gen die wei­te­re In­ter­na­tio­na­li­sie­rung ge­nannt: Dass näm­lich die Ra­tio­na­li­sie­rungs­ge­win­ne per In­ter­na­tio­na­li­sie­rung – - . – - die so­zia­len Ko­sten vor Ort in den Na­tio­nal­staa­ten nicht mehr auf­wie­gen, so­dass die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung zu­neh­mend zu ei­nem Ver­lust­ge­schäft für die Na­tio­nal­staa­ten wird.

    Das Glei­che gilt für Sar­ra­zin. Dem hab’ ich mal ein Bloch-Zi­tat aus den »Spu­ren« ge­schickt, und das hat der so­fort ent­zückt auf­ge­grif­fen. Es ist das ei­ne ganz ge­spen­stisch ak­tu­el­le Sze­ne aus den »Spu­ren«, denn es geht um Arm und Reich und noch da­zu ums Strom­spa­ren (!) und Blochs Fa­zit ist sehr la­ko­nisch: »Wenn es nicht für al­le reicht, sprin­gen die Ar­men ein.« Das sagt üb­ri­gens auch ganz ex­pli­zit Mi­cha­el Klo­n­ovsky, und das sagt neu­er­dings – vor drei vier Jah­ren hat die näm­lich noch ganz an­ders ge­spro­chen – Met­te Fre­de­rik­sen (ich stel­le in ei­nem näch­sten Post ein Zi­tat aus »Die Pres­se« ein über Fre­de­rik­sen, wo das deut­lich wird – »Die Pres­se« macht hier die Ar­beit der bür­ger­li­chen Selbst­ver­stän­di­gung, üb­ri­gens, die an­ders­wo lei­der ver­wei­gert wird).

    Der Kul­tur­geo­graph Chri­sto­phe Gu­il­luy hat sich – mit Leib und See­le – die­ser die So­me­whe­res mar­gi­na­li­sie­ren­den Ten­denz ent­ge­gen­ge­stemmt – seit Jahr­zehn­ten! – Nun un­ter­stütz­te er die Gelb­we­sten. Er wählt nicht. Er ar­bei­tet im le­gen­dä­ren De­part­ment 95 Sei­ne- Saint De­ni­se, an­gren­zend an die Ban­lieus von Pa­ris, und er kon­sta­tiert aus jahr­zen­te­lan­ger ge­nau­er Kennt­nis der Wohn­quar­tie­re vor Ort her­aus: Das Ge­sell­schafts­ge­fü­ge wird durch die Glo­ba­li­sie­rungs­ef­fek­te über­la­stet und die Ze­che zah­len ins­be­son­de­re die we­nig mo­bi­len Fa­mi­li­en­men­schen der un­te­ren Mit­tel­schicht. -Üb­ri­gens voll­kom­men egal, wer denn nun al­les die­se un­te­re Mit­tel­schichts-Fa­mi­li­en bil­det.

    Klei­ne Er­gän­zung: Die­se anywhere/somewhere Be­schrei­bung stammt von ei­nem – eben­falls: ehe­ma­li­gen! – Mar­xi­sten, näm­lich Da­vid Good­hart.
    In den USA ha­ben Leu­te das näm­li­che Phä­no­men aus­ge­guckt: cf. die »Hil­li­bil­ly Ele­gie«, cf, Ste­ve Sai­lers »fa­mi­ly-af­for­dance« Ana­ly­sen, cf. die Ge­ring­schät­zung der »fly­o­ver coun­try« durch die Eli­ten in den Kü­sten­städ­ten, cf. – eben­falls von ei­nem al­ten Lin­ken, der je län­ger je mehr an sei­nen Ge­nos­sen we­gen de­ren Hei­mat­ver­ges­sen­heit, wie ich das jetzt mal nen­nen will, ver­zwei­fel­te, aber un­über­trof­fe­ne Schil­de­run­gen aus die­ser un­te­ren Mit­tel­schicht schrieb: Joe Ba­ge­ant: »De­er Hun­ting with Je­sus«.

    Ge­le­sen wer­den hier statt­des­sen Mal­com Glad­well, Ge­or­ge Packer und Ta Ne­hi­si Coa­tes, die im Ver­gleich da­zu nur sehr sehr ober­fläch­li­che Ana­ly­sen lie­fern, aber al­le zu­ver­läs­sig die Im­mi­gra­ti­ons­trom­mel rüh­ren! Denn, nicht wahr: Welt­of­fen­heit, dar­auf kommt es ja zu­al­ler­erst und vor al­lem an­de­ren an!

  84. Aus »Die Pres­se« vom Ju­ni 2019 über die dä­ni­sche So­zi­al­de­mo­kra­tin und Re­gie­rungs­chefin Met­te Fre­de­rik­sen

    [Co­py & pa­ste ent­fernt; s. u. -GK- ]

    Met­te Fre­de­rik­sen darf als die Ent­decke­rin der dä­ni­schen So­me­whe­res gel­ten. Mar­tin Schulz und Ka­tha­ri­na Bar­ley fir­mie­ren da­ge­gen als He­rol­de des ewi­gen Auf­stiegs und schrei­en sich hei­ser in ih­ren »Bom­ben­kra­tern des Fort­schritts«. Ih­rer ur­ei­ge­nen Kli­en­tel fal­len sie mit ih­rem flot­ten In­ter­na­tio­nal­si­mus in den Rücken, in­dem sie das in­ter­na­tio­na­li­sti­sche Wol­ken­kuckucks­heim der EU und des in­ter­na­tio­nal Com­pact for Mi­gra­ti­on als de­ren ur­ei­ge­nen Turf ver­kau­fen.

    Die Wäh­ler stra­fen Bar­ley und Schulz ab und: Be­loh­nen Frau Fre­de­rik­sen mit der macht in Dä­ne­mark, ganz wie es Thi­lo Sar­ra­zin seit Jahr und Tag ana­ly­siert. Ich pro­phe­zeie sei­ne Eh­ren­mit­glied­schaft in der Dä­ni­schen SP!

  85. @Dieter Kief
    Ich ha­be Ihr Co­py & Pa­ste aus der »Pres­se« ent­fernt. Zum er­sten soll es kei­ne recht­li­chen Pro­ble­me ge­ben (da­her ha­be ich den Ar­ti­kel ver­linkt). Zum zwei­ten hat der Ar­ti­kel we­nig bis nichts mit dem The­ma die­ses Threads zu tun. Wie auch ihr vor­he­ri­ger Kom­men­tar nur ein Na­me­drop­ping mit The­sen ist. Bit­te las­sen Sie das.

  86. @ Gre­gor Keu­sch­nig: Dan­ke für den »Die Presse«-link zu dem Ari­kel über Met­te Fre­de­rik­sen, find’ ich ei­ne gu­te Lö­sung.

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