Ro­bert Ha­beck: Pa­trio­tis­mus – Ein lin­kes Plä­doy­er

Robert Habeck: Patriotismus - Ein linkes Plädoyer

Ro­bert Ha­beck: Pa­trio­tis­mus – Ein lin­kes Plä­doy­er

Die Feind­schaft zum Staat als Re­pres­si­ons­in­stanz, »Atom­staat«, »Bul­len­staat«, als pa­ter­na­li­sti­scher Ak­teur, Hü­ter fau­ler Kom­pro­mis­se, ver­stell­te den grü­nen Blick dar­auf, was (mit ei­nem) ge­sche­hen wür­de, wenn man selbst zu dem ge­hör­te. Der zi­vi­le Mut woll­te im­mer über den Staat hin­aus, ziel­te auf die Idee ei­nes Ge­mein­we­sens oh­ne Staat. Als dann rot-grün 1998 an die Re­gie­rung kam, wa­ren die li­be­ra­len Vor­stel­lun­gen von Ge­mein­wohl nicht mehr ge­gen, son­dern mit dem Staat durch­zu­set­zen. Auf die­sen Schritt wa­ren die pro­gres­si­ven Kräf­te schlecht vor­be­rei­tet und sind es bis heu­te.

Hart geht Ro­bert Ha­beck, 41, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Grü­nen im schles­wig-hol­stei­ni­schen Land­tag, mit der Lin­ken im All­ge­mei­nen und sei­ner Par­tei im Be­son­de­ren ins Ge­richt (wo­mit die po­li­ti­sche Rich­tung und nicht de­zi­diert die Par­tei »Die Lin­ke« ge­meint ist). Nach rot-grün, so Ha­becks The­se, ha­be das Land in ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on, die ih­re Chan­cen lei­der (!) sträf­lich ver­passt ha­be, vier Jah­re ver­lo­ren. Schwarz-gelb ist kei­nen Deut bes­ser; die Le­thar­gie spür­bar, wo­bei er wohl rich­tig liegt, dass es die­se Ko­ali­ti­on für län­ge­re Zeit zum letz­ten Mal ge­ge­ben ha­ben dürf­te. Aber der di­cho­to­mi­sche La­ger­wahl­kampf »rechts« ge­gen »links« bringt uns nicht mehr wei­ter. Die Welt ist kom­ple­xer ge­wor­den; Me­cha­nis­men, die in der Ver­gan­gen­heit ih­re Be­rech­ti­gung hat­ten, grei­fen nicht mehr.

Ha­beck be­gnügt sich nicht mit der Auf­zäh­lung der Feh­ler der an­de­ren. Er wen­det den Blick auf die rot-grü­nen Re­gie­rungs­jah­re, um aus die­sen Feh­lern zu ler­nen. Er war je­mand, der sich ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Auf­bruch ver­spro­chen hat­te; ein »Pro­jekt«. Elan und En­thu­si­as­mus wa­ren groß. Und ver­puff­ten so schnell. Früh stell­te sich der Blues ein. Es gibt Grün­de, die zu die­ser Dia­lek­tik aus Ver­spre­chen und Ent­täu­schung ge­führt ha­ben. Aber letzt­lich geht es um Auf­bruch und nicht Rück­blick. Die­ser Auf­bruch soll kei­ne Fort­füh­rung ei­ner Po­li­tik des klei­ne­ren Übel[s] wer­den. Er­nüch­ternd aber kor­rekt die Fest­stel­lung, dass es kei­nen Fall in der jün­ge­ren Ge­schich­te ge­ge­ben hat, aus der die Lin­ke als Sie­ge­rin her­vor­ging. Ro­bert Ha­beck pro­pa­giert nicht mehr und nicht we­ni­ger als ei­ne Neu­ori­en­tie­rung der po­li­ti­schen Lin­ken, zu der er wie selbst­ver­ständ­lich die Grü­nen zählt.

Der »Ge­schmack des Ab­ge­stan­de­nen«

Ei­ni­ge Dia­gno­sen und The­sen sind aus der Fe­der ei­nes Po­li­ti­kers durch­aus ver­blüf­fend und wer­den na­tur­ge­mäss in be­stimm­ten Krei­sen für die (ri­tua­li­sier­te) Em­pö­rung sor­gen. Et­wa wenn er schreibt, dass es der auf­ge­klär­ten Lin­ken bis­her nicht ge­lun­gen sei, den Er­zäh­lun­gen über den Wer­te­ver­fall ei­nen neu­en, star­ken, auf­re­gen­den, die ge­sell­schaft­li­che De­bat­te fo­kus­sie­ren­den und her­aus­for­dern­den pro­gram­ma­ti­schen Ent­wurf ent­ge­gen­zu­set­zen. Ja, es ist ih­nen noch nicht ein­mal ge­lun­gen, her­aus­zu­ar­bei­ten, um was für ei­ne De­bat­te es ei­gent­lich geht. Wo lin­ke Ide­en ge­äu­ßert wer­den, um­ge­ben sie ein Ge­wand des ver­gan­ge­nen und ein Ge­schmack des Ab­ge­stan­de­nen. Marx hält er für re­gres­siv, sein Den­ken sei all­zu stark auf die Öko­no­mie aus­ge­rich­tet. Ve­he­ment sei­ne Kri­tik an der Par­tei »Die Lin­ke« und auch an die Ju­sos der SPD. In den pro­gram­ma­ti­schen, an­ti­ka­pi­ta­li­sti­schen Po­li­tik- und Ge­sell­schafts­ent­wür­fen der ak­tu­el­len Ju­so-Vor­sit­zen­den Fran­zis­ka Droh­sel sieht er nur ei­ne la­ten­te Hilf­lo­sig­keit, mit alt­backe­ner So­zia­lis­mus­ro­man­tik ak­tu­el­le Pro­ble­me der Zeit lö­sen zu wol­len.

Das Fun­da­ment für die neue Po­li­tik wird in der Über­win­dung der links­li­be­ra­len Gleich­gül­tig­keit ge­gen­über dem Staat ge­legt. Jahr­zehn­te­lang wa­ren Be­grif­fe wie »Pa­trio­tis­mus« oder »Ge­mein­wohl« zu Un­wör­tern ge­wor­den – na­tür­lich durch­aus be­rech­tigt auf­grund des ho­hen Miss­brauchs­po­ten­ti­als und in An­be­tracht der hi­sto­ri­schen Ka­ta­stro­phen zwei­er Welt­krie­ge. Ha­beck sieht es nun an der Zeit, der po­li­ti­schen Rech­ten die­se Be­grif­fe durch ei­ne of­fen­si­ve Neu­de­fi­ni­ti­on zu ent­rei­ßen und sel­ber pro­duk­tiv zu ma­chen. Im er­sten Drit­ten und letz­ten Fünf­tel sei­nes Bu­ches plä­diert er ein­dring­lich und durch­aus ge­fäl­lig für ei­nen neu­en, lin­ken Pa­trio­tis­mus, zu ei­nem positive[n] Be­kennt­nis zu der Ge­sell­schaft, in der man agiert. (Da­bei wirft Ha­beck auch sei­ne per­sön­li­che Le­bens­si­tua­ti­on in die Waag­scha­le: er ist Va­ter von vier Kin­dern, Frei­be­ruf­ler und lebt mit der Schrift­stel­le­rin An­drea Pa­luch zu­sam­men.)

Ge­mein­wohl und Fan

Als Adres­sat und Ver­bin­dung zwi­schen den Ge­gen­sät­zen zwi­schen »Li­be­ra­li­tät« und »Pa­ter­na­lis­mus«, zwi­schen »ver­ant­wor­tungs­voll« und »krea­tiv«, zwi­schen »Bür­ger« und »Kon­su­ment« braucht man ein po­si­ti­ves Ge­sell­schafts­ver­ständ­nis. Man braucht es, um ei­ne sinn­stif­ten­de, po­li­ti­sche Er­zäh­lung zu schaf­fen, die Zu­trau­en und Zu­ver­sicht gibt, dass Ver­än­de­run­gen gut sind und es sich lohnt, für sie zu strei­ten. Man braucht ei­ne Er­zäh­lung, die auf Ver­än­de­rung setzt, auf Ge­rech­tig­keit und In­ter­na­tio­na­li­tät. Die­ses En­ga­ge­ment nen­ne ich ei­nen »lin­ken Pa­trio­tis­mus«.

Selbst­re­dend, dass es nicht um ei­ne Wie­der­be­le­bung na­tio­na­li­sti­scher Um­trie­be geht. Pa­trio­tis­mus als Va­ter­lands­lie­be lehnt Ha­beck ab. Ich wuss­te mit Deutsch­land nichts an­zu­fan­gen und weiß es bis heu­te nicht heißt es arg nass­forsch. Den Na­tio­nal­staat hält er für über­holt. Auch ei­nen Re­gio­nal­pa­trio­tis­mus (und sei es als ei­ne Art »Über­brückung« zum Na­tio­nal­staat und so­zu­sa­gen vor­ge­schal­tet zu su­pra­na­tio­na­len EU) lehnt er als po­li­tisch rück­stän­dig schroff ab; al­ler­dings nicht oh­ne zu ge­ste­hen, im All­tag ge­le­gent­lich selbst in die­se Ka­te­go­rie zu ver­fal­len. Den­noch sieht er nicht mit lin­ker Ver­ach­tung auf die pa­trio­ti­schen Wel­len 1989/90 und an­läss­lich der Fuß­ball-WM 2006 her­ab. Aus den Er­fah­run­gen mit den bei­den so un­ter­schied­li­chen Er­eig­nis­sen ver­sucht er, den Be­griff des Pa­trio­tis­mus vom na­tio­nal­staat­li­chen Mief zu ent­kop­peln. Statt als An­ge­hö­ri­ger ei­nes Vol­kes sol­le man sich als Fan füh­len; ein net­tes Ge­dan­ken­spiel. Frei­mü­tig be­kennt er:

War es noch in den rot-grü­nen Jah­ren schick, sich in die pa­trio­ti­sche Gleich­gül­tig­keit zu­rück­zu­zie­hen, zie­he ich jetzt ei­nen an­de­ren Schluss. Ja, ich bin der Mei­nung, dass es ge­nau je­nes un­auf­ge­klär­te Ver­hält­nis zum Ge­mein­wohl war, das das rot-grü­ne Pro­jekt so schnell mü­de und nach Ver­rat hat aus­se­hen las­sen. […] Wenn wir nicht auch das näch­ste Jahr­zehnt zu Null­jah­ren ma­chen wol­len, dann muss die ge­sell­schaft­li­che De­bat­te nun raus aus ih­ren Lö­chern. Dass Deutsch­lands Ge­schich­te über wei­te Strecken ei­ne der Bar­ba­rei war, heißt nicht, dass man sich dar­um nicht zu sche­ren braucht, dass Zi­vil­cou­ra­ge und Ein­satz nichts nüt­zen. Er­stens wür­de man da­mit das Land nur er­neut den Bar­ba­ren aus­lie­fern, zwei­tens wür­de man ei­ne völ­ki­sche Denk­wei­se über­neh­men, näm­lich dass es so et­was wie den Geist ei­ner Na­ti­on gibt. In­tel­lek­tu­el­le Red­lich­keit zwingt zum Be­mü­hen um ei­nen lin­ken Pa­trio­tis­mus. Die gan­ze trot­zi­ge Hal­tung des Pro­tests und der Kon­fron­ta­ti­on ist heu­te eher ein Hin­der­nis zu ech­tem En­ga­ge­ment.

Aus ei­ner blo­ßen Ro­man­tik des Auf­be­geh­rens führt, so die ein­leuch­ten­de und klu­ge The­se, der Weg durch die In­sti­tu­tio­nen schnell in ei­ne As­si­mi­la­ti­on mit dem bour­geoi­sen Bür­ger­tum. Das wird am Bei­spiel von Ger­hard Schrö­der per­so­na­li­siert, darf aber auch als Sei­ten­hieb auf ei­ni­ge grü­ne An­zug­trä­ger ver­stan­den wer­den. Ha­beck will weg von der gries­grä­mi­gen Lin­ken, die sich in der Macht zu schnell zu­recht­fin­det und ih­re Idea­le all­zu ei­lig ei­nem fal­schen Prag­ma­tis­mus op­fert. Der Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen soll in kri­ti­scher Sym­pa­thie er­fol­gen, nicht in vor­aus­ei­len­der Ab­wehr.

In­sti­tu­ti­ons­pa­trio­tis­mus

Ha­beck zi­tiert Ror­ty und Ha­ber­mas und plä­diert in punk­to Ein­wan­de­rung für In­te­gra­ti­on statt Ex­klu­si­on. »Lands­leu­te« sind für ihn nicht völ­kisch oder nach Ab­stam­mung de­fi­niert, son­dern al­le im Land le­ben­den Men­schen (was dann das ei­gent­lich ab­ge­lehn­te Prin­zip der Ter­ri­to­ria­li­tät über die Hin­ter­tür wie­der ein­führt). Ei­nen Fra­ge­ka­ta­log zur Ein­bür­ge­rung lehnt er ab. Am Ho­ri­zont leuch­tet bis­wei­len Ul­rich Becks kos­mo­po­li­ti­scher In­ter­na­tio­na­lis­mus auf, oh­ne di­rekt er­wähnt zu wer­den. Lin­ker Pa­trio­tis­mus ist für ihn ein ra­tio­na­ler Ge­sell­schafts­ver­trag mit ei­ner emo­tio­na­len An­spra­che, eine[r] ge­mein­sa­men Idee, da­mit ein Pa­thos der Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit ent­ste­hen kann, in dem das Ge­mein­wohl wie­der neu ent­deckt wird.

Heh­re und längst über­fäl­li­ge Wor­te – ins­be­son­de­re auch, was die Selbst­re­fle­xi­on an­geht. Da der Na­me Ha­ber­mas früh fällt und auf Sei­te 35 ei­nem Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus das Wort ge­re­det wird, ist man über­rascht, wenn als Kron­zeu­ge hier­für Ri­chard von Weiz­säcker ge­nannt wird. Mit dem Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus wird ei­ne Ge­sell­schaft von Bür­gern an­ge­strebt, die sich ih­rer Rech­te, aber auch ih­rer Pflich­ten be­wusst sind. Ha­beck füllt die­sen Be­griff al­ler­dings kaum wei­ter aus. Er be­lässt es bei Um­krei­sun­gen und be­schwört So­li­da­ri­tät und Iden­ti­fi­ka­ti­on über In­sti­tu­tio­nen re­spek­ti­ve das Grund­ge­setz aus­zu­rich­ten. Ob man hier­mit Fans ge­winnt, bleibt frag­lich.

Wenn die­ser In­sti­tu­ti­ons­pa­trio­tis­mus am En­de über die EU her­ge­stellt wer­den soll (wie Ha­ber­mas prä­fe­riert er die EU als Bun­des­staat), ob­wohl Ha­beck durch­aus kri­tisch kon­sta­tiert, dass die emo­tio­na­le Zu­spit­zung zur Eu­ro­päi­schen Uni­on feh­len, zei­gen sich die Vor­schlä­ge da­zu als ein biss­chen dürf­tig: Stei­ge­rung der Le­bens­zu­frie­den­heit als In­di­ka­tor statt ein öko­no­misch über­aus zwei­fel­haf­tes »BIP«-Denken; Än­de­rung des Wahl­rechts (zu Gun­sten al­ler in Deutsch­land le­ben­den), um auch Mi­gran­ten mehr in die Ge­mein­schaft ein­zu­bin­den; ein Zi­vil­dienst, der ab­ge­kop­pelt vom Wehr­dienst ist, aber frei­wil­lig sein soll (und viel­leicht nur bei der Stu­di­en­platz- oder Aus­bil­dungs­platz­ver­ga­be ge­wis­se No­mi­nie­rungs­vor­tei­le brin­gen soll); Po­li­ti­ker, die auch in ih­ren Amts­zei­ten Bür­ger blei­ben und nicht »ab­he­ben«.

Aus­drück­lich be­kennt sich Ha­beck zum Ka­pi­ta­lis­mus und für das Ziel ei­ner neu­en, moralische[n] Art des Wachs­tums. Bei­des sei po­li­tisch und öko­lo­gisch aus­zu­ge­stal­ten. So wird von ei­nem lo­kal­po­li­ti­schen Pro­jekt mit dem CDU-Mi­ni­ster­prä­si­den­ten be­rich­tet, in dem er mit die­sem und im Kon­sens mit Bür­ger­initia­ti­ven und In­ve­sto­ren öko­lo­gi­sche Stan­dards und öko­no­mi­schen Nut­zen zu­sam­men­ge­führt ha­be, oh­ne »fau­le Kom­pro­mis­se« ein­ge­gan­gen zu sein. An­ti­ka­pi­ta­lis­mus sei dumm. De­mo­kra­tie funk­tio­nie­re oh­ne Markt nicht (um­ge­kehrt – sie­he Chi­na – üb­ri­gens durch­aus). Die Wirt­schaft brau­che Ef­fi­zi­enz und Wett­be­werb. Für Her­stel­lung von So­li­da­ri­tät sei al­ler­dings die Po­li­tik ver­ant­wort­lich, nicht die Wirt­schaft, die ori­gi­när an­de­re Zie­le ver­fol­ge. Ha­beck zeigt an­schau­lich, wie die ideo­lo­gi­sche Per­ver­tie­rung des Be­griffs der »Frei­heit« durch markt­li­be­ra­le Kräf­te seit An­fang der Acht­zi­ger Jah­re (für ihn ist das so­ge­nann­te »Lambs­dorff-Pa­pier« der Aus­lö­ser ge­we­sen) vor­an­schritt (lei­der ver­wen­det er den in­kor­rek­ten Be­griff »neo­li­be­ral« hier­für mehr­fach).

Die Al­ter­na­ti­ve schlan­ker vs. schwa­cher Staat hält er für falsch und führt dies bei­spiel­haft für ei­ne re­duk­tio­ni­sti­sche, auf Slo­gans fi­xier­te, af­fekt­ge­steu­er­te Po­li­tik auf (wo­bei er aber­mals die ei­ge­ne Par­tei nicht schont). Sein Un­wort des Jahr­zehnts lau­tet al­ter­na­tiv­los. Aus­drück­lich muss im­mer je­de Ent­schei­dung für sich ge­se­hen wer­den. Mal kann es sinn­voll sein, dass sich der Staat zu­rück­zieht, mal ist es un­um­gäng­lich, dass er stren­ge Vor­ga­ben macht oder gar das Ru­der über­nimmt. Sehr in­ter­es­sant, wie er die fal­sche, lin­ke In­du­strie­po­li­tik der letz­ten Jahr­zehn­te kri­ti­siert, die mit ih­ren Hil­fen für Koh­le­ta­ge­bau [und] Au­to­in­du­strie ent­ge­gen al­ler Be­teue­run­gen letzt­lich Kon­zern­po­li­tik war. Da­zu hät­te man ger­ne mehr ge­le­sen, zu­mal Ha­beck aus­drück­lich für ei­nen sanf­ten Pa­ter­na­lis­mus ein­tritt, der zwar die Er­zie­hung des Men­schen zum »rich­ti­gen« Ver­hal­ten ab­lehnt, aber sehr ge­zielt in ent­schei­den­den Si­tua­tio­nen An­rei­ze set­zen möch­te.

Un­ge­nau­ig­kei­ten im Mit­tel­teil

So heißt denn das zwei­te Ka­pi­tel, wel­ches mit rund ein­hun­dert Sei­ten fast die Hälf­te des Um­fangs des Bu­ches aus­macht, »Sanf­ter Zwang zur Frei­heit«. Ei­ne Über­schrift, die ja durch­aus dem Cha­rak­ter grü­ner Po­li­tik ent­spricht. Der lin­ke Pa­trio­tis­mus dient hier als Fun­da­ment für ei­ni­ge ge­sell­schafts- und so­zi­al­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen, die durch­aus in­ter­es­sant sind. Aber statt an zwei, drei Punk­ten kon­kre­ter zu wer­den, wid­met sich Ha­beck vie­len un­ter­schied­li­chen Bau­stel­len, und dies durch­aus nicht im­mer auf si­che­rem Ter­rain.

So kann man na­tür­lich Acker­manns Ziel von 25% Ei­gen­ka­pi­tal­ren­di­te für sein Un­ter­neh­men kri­ti­sie­ren. Dies je­doch in Kor­re­la­ti­on zum pro­gno­sti­zier­ten Wirt­schafts­wachs­tum von 1% zu set­zen und na­iv zu fra­gen, wo­her denn die an­de­ren 24% kom­men sol­len, ist nur po­le­misch. Und auch die The­se, Deutsch­land ha­be ei­ne der nied­rig­sten Ab­ga­ben­quo­ten in der EU wird nicht da­durch bes­ser, dass man sie stän­dig wie­der­holt (hier wird Ab­ga­ben­quo­te mit Steu­er­quo­te ver­wech­selt).

Und wenn Ha­beck für ein ge­rech­te­res Steu­er­sy­stem mit ver­lang­sam­ter Pro­gres­si­on ein­tritt, wel­ches den »Mit­tel­stands­bauch« be­sei­ti­gen soll, kommt voll­ends Kon­fu­si­on auf. Wenn er ei­ner­seits mo­niert, dass man (oh­ne Kin­der) be­reits mit ei­nem Jah­res­ein­kom­men von 50.000 Eu­ro den Spit­zen­steu­er­satz be­zahlt, dann be­darf es der Er­läu­te­rung, war­um ei­ne Sei­te spä­ter ein neu­es Steu­er­sy­stem skiz­ziert wird, wel­ches et­wa bei ei­nem Ein­kom­men von 3500 (sic!) die Gren­ze für ei­nen besser/schlechter Schnitt sieht. Ver­mut­lich ist in ei­nem Fall das Brut­to­jah­res­ein­kom­men, im an­de­ren Fall das Net­to­mo­nats­ein­kom­men ge­meint – aber das hät­te man durch­aus prä­zi­ser er­läu­tern müs­sen (ei­ne der Si­tua­tio­nen, die nach ei­nem Lek­tor ru­fen lässt [ei­ne an­de­re ist, wenn DBI steht und BDI ge­meint ist]).

Al­ler­lei wei­te­re klei­ne Un­ge­reimt­hei­ten ent­deckt der auf­merk­sa­me Le­ser. Das stei­gen­de Lohn­ni­veau in Groß­bri­tan­ni­en zu prei­sen ist ei­ne Sa­che – zu er­grün­den, wo­her dies kommt und wel­che so­zi­al­staat­li­che Ab­si­che­rung da­mit ei­gen­fi­nan­ziert wer­den muss, ei­ne an­de­re. Die Öko­no­mi­sie­rung bzw. Mo­ne­ta­ri­sie­rung der Ge­sell­schaft wird durch­aus be­klagt, aber an­de­rer­seits als »Ko­sten« für Kin­der­er­zie­hung das pau­scha­le von-der-Ley­en-Dik­tum zi­tiert (wie ein Ein­fa­mi­li­en­haus – wel­che La­ge darf denn das Haus ha­ben).

Em­pha­tisch tritt Ha­beck für ei­ne Gleich­set­zung der So­zi­al­sät­ze von Er­wach­se­nen und Kin­dern ein (ei­gent­lich möch­te er so­gar mehr für Kin­der). Hier­für nennt er sehr gu­te Grün­de, al­ler­dings auch den, dass man den stär­ke­ren mo­di­schen In­ter­es­sen von Kin­dern nach Mar­ken­pro­duk­ten Rech­nung zu tra­gen ha­be. Da­mit ist er dann plötz­lich vom an an­de­rer Stel­le so hef­tig kri­ti­sier­ten So­zi­al­ro­man­ti­zis­mus nicht weit ent­fernt. Und wie selt­sam von ihm plötz­lich zu hö­ren, der Staat soll­te sich ge­sell­schafts­po­li­tisch zur Idee von In­di­vi­dua­li­tät be­ken­nen und bei­spiels­wei­se das Ehe­gat­ten­split­ting, die ko­sten­lo­se Kran­ken­mit­ver­si­che­rung oder eben auch die Be­darfs­ge­mein­schaf­ten im Hartz IV-Be­zug, ab­schaf­fen. Je­der die­ser Punk­te kann zwar für sich durch­aus gut be­grün­det wer­den, aber ein we­nig kon­ter­ka­riert Ha­beck hier sei­nen Ge­mein­wohl­ap­pell, in dem er so­wohl die pe­ku­niä­ren wie die ge­sell­schaft­li­chen Fol­gen von über­in­di­vi­dua­li­sier­ten En­ti­tä­ten gänz­lich aus­blen­det.

Gänz­lich über­ha­stet wird der Vor­stoß der Be­steue­rung der Ar­beits­zeit in den Un­ter­neh­men vor­ge­bracht. Staat­li­cher­seits soll ein Ar­beits­zeit­durch­schnitt fest­ge­setzt wer­den, ent­lang dem sich ei­ne Be­steue­rung voll­zieht, bei­spiels­wei­se ei­ne Ar­beits­zeit von 30 bis 36 Stun­den. Bei Über­schrei­tung der Ar­beits­zeit be­ginnt die Be­steue­rung des Be­triebs­ge­winns, pro­gres­siv an­stei­gend. Weil Ha­beck kurz vor­her die star­ren Ta­rifar­beits­zeit­mo­del­le für nicht be­son­ders be­triebs­ge­recht emp­fun­den hat­te, über­rascht die­se Fest­le­gung schon. Lei­der er­wähnt er we­der, wie die­se Durch­schnitts­ar­beits­zeit er­mit­telt wird noch wer dies kon­trol­lie­ren soll.

Bil­dungs­geld als »be­din­gungs­ar­mes Grund­ein­kom­men«

Der Idee des so­ge­nann­ten Bil­dungs­gel­des wid­met Ha­beck mehr Raum. In­ter­es­sant da­bei ist, dass er sich da­mit von pro­gram­ma­ti­schen Ent­wür­fen ei­ni­ger grü­ner Lan­des­ver­bän­de, die zum so­ge­nann­ten be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men ten­die­ren, ent­fernt. Nicht, dass er glaubt, die Men­schen wür­den al­le zu Fau­len­zern, aber er führt Un­ter­su­chun­gen aus den USA an, die in Ex­pe­ri­men­ten ei­ne Un­zu­frie­den­heit bei Emp­fän­gern von be­din­gungs­lo­sem Grund­ein­kom­men fest­ge­stellt ha­ben; die Schei­dungs­ra­ten sei­en hö­her und der durch den be­ruf­li­chen Trott struk­tu­rier­te Ta­ges­ab­lauf feh­le (das Feh­len ei­nes Quel­len­ver­zeich­nis ist be­son­ders jetzt är­ger­lich). Statt­des­sen schlägt er ein be­din­gungs­ar­mes Grund­ein­kom­men vor, und zwar für al­le, die be­reit sind, sich fort‑, aus‑, neu­zu­bil­den. Ge­zahlt wird dies auf ma­xi­mal fünf Jah­re; als Be­trag rech­net Ha­beck 800 Eu­ro pro Mo­nat aus. Der Satz liegt da­mit ge­wollt leicht über dem BA­föG-Höchst­satz und auch über dem ALG-II-Re­gel­satz. Er ist nicht vom Ein­kom­men der El­tern ab­hän­gig und vor al­len Din­gen nicht aufs Stu­di­um be­schränkt. Ob­wohl ein Geg­ner von Stu­di­en­ge­büh­ren, sind die­se mit 500 Eu­ro pro Se­me­ster be­rück­sich­tigt.

Un­ter Be­rück­sich­ti­gung bis­her be­reits ge­zahl­ter Zu­schüs­se ko­stet das Bil­dungs­geld im vor­ge­schla­ge­nen Rah­men rund 20 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich. Ha­beck schlägt als Fi­nan­zie­rung ei­ne wie­der­zu­be­le­ben­de Ver­mö­gens­steu­er von ca. 1% vor, die je­doch mit groß­zü­gi­gen mit­tel­stands­freund­li­chen Frei­be­trä­gen aus­ge­stat­tet wer­den soll­te, um nur die wirk­lich Ver­mö­gen­den zu »tref­fen«. Als Al­ter­na­ti­ve wird noch die so­ge­nann­te So­zi­al­erb­schaft auf­ge­führt, in der ein fe­ster Be­trag in Hö­he von 60.000 Eu­ro auf Wunsch je­dem Bür­ger ein­ma­lig und vor­aus­set­zungs­los zur frei­en Ver­fü­gung be­reit­ge­stellt wer­den soll.

Da das Bil­dungs­geld an ei­nen wie auch im­mer vor­han­de­nen Schul­ab­schluss an­dockt (und die Zu­wen­dun­gen un­ter Um­stän­den an be­stimm­te Grund­vor­aus­set­zun­gen ge­kop­pelt sein sol­len), rech­net Ha­beck ne­ben ei­ner Neu­ju­stie­rung der ge­sell­schaft­li­chen Me­cha­nis­men, wel­che ei­nen neu­en ge­sell­schaft­li­chen Auf­bruch or­ga­ni­sie­ren könn­ten, auch mit dem will­kom­me­nen Ne­ben­ef­fekt ei­ner bür­ger­ge­trie­be­nen Re­form un­se­res Bil­dungs- bzw. Schul­sy­stems, wel­ches als Grund­vor­aus­set­zung plötz­lich an­de­re Prio­ri­tät be­kä­me. Auch in punk­to Ge­nera­tio­nen­ge­rech­tig­keit wä­re man ei­nen Schritt wei­ter, da man da­von aus­ge­hen kann, dass ins­be­son­de­re jün­ge­re Men­schen die­ses An­ge­bot an­neh­men wer­den.

Auch wenn De­tails noch nicht bis ins Letz­te aus­for­mu­liert sind, lässt sich der Le­ser hier ger­ne vom En­thu­si­as­mus des Au­tors an­stecken. Lei­der blei­ben je­doch sei­ne Aus­füh­run­gen hin­sicht­lich der Re­or­ga­ni­sa­ti­on des Bil­dungs­we­sens ein biss­chen ein­di­men­sio­nal: Ab­schaf­fung des Bun­des­bil­dungs­mi­ni­ste­ri­ums und der Kul­tus­mi­ni­ster­kon­fe­renz un­ter gleich­zei­ti­ger Stär­kung der Au­to­no­mie der je­wei­li­gen Bil­dungs­ein­rich­tung (Schu­le, Uni­ver­si­tät), der Wunsch ei­ner Re­form der Ober­stu­fe und das Plä­doy­er für we­ni­ger Fron­tal- und mehr Tea­m­un­ter­richt (der Leh­rer als Hel­fer) – das ist al­les nicht mehr ganz neu und be­dürf­te de­tail­lier­te­rer Aus­schmückung. Wei­ter­hin wird die Mög­lich­keit skiz­ziert, dass Schü­ler ih­re Zen­su­ren sel­ber ver­wal­ten könn­ten. Wo Ha­beck in An­be­tracht der vor­lie­gen­den Stu­di­en »Streber«-Schulen aus­macht (an­hand des so­ge­nann­ten Tur­boa­b­iturs soll dies ab­ge­lei­tet wer­den), bleibt dif­fus. Des­wei­te­ren wer­den die Ur­sa­chen für die Gleich­gül­tig­keit ge­gen­über Bil­dung in brei­ten Be­völ­ke­rungs­schich­ten igno­riert. Hier wä­re man sehr in­ter­es­siert, mehr über sei­ne An­rei­ze zu er­fah­ren.

So­li­de und an­re­gen­de Dis­kus­si­ons­grund­la­ge

Trotz al­ler Vor­be­hal­te ist das Buch mehr, als man von so man­chem Sonn­tags­red­ner in un­zäh­li­gen Talk­shows ge­hört hat. Zwei Kar­di­nal­feh­ler macht Ha­beck bei der Po­li­tik von heu­te aus: An die wirk­lich gro­ßen Ver­än­de­run­gen traue man sich nicht her­an und struk­tu­rell hin­ke die Po­li­tik der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung im­mer hin­ter­her. Der letz­te Ein­wand ist ein we­nig arg pau­schal; der er­ste völ­lig rich­tig. Struk­tu­rel­le Vor­schlä­ge zu ei­ner Um­or­ga­ni­sa­ti­on po­li­ti­scher In­sti­tu­tio­nen macht er al­ler­dings nicht (nur ein­mal deu­tet er an, dass er das Mehr­heits­wahl­recht fürch­tet). Lö­sun­gen, die aus selbst­be­züg­li­chen Struk­tu­ren des Po­li­ti­ker­sy­stems kom­men ver­ab­scheut er und sieht sie als Ur­sa­che für den Rück­zug ins Pri­va­te vie­ler Bür­ger. Ha­beck ist über­zeugt von ei­nem re­le­van­ten In­ter­es­se an Po­li­tik, wel­ches mit zu­rück­ge­hen­dem En­ga­ge­ment in Par­tei­en und Ver­bän­den nicht ver­wech­selt wer­den dür­fe. Un­en­ga­giert ja, un­po­li­tisch nein. Die The­se, die pro­duk­ti­ve Un­ru­he wer­de be­wusst kalt­ge­stellt ist kühn, aber nicht gänz­lich von der Hand zu wei­sen, wenn­gleich man Ur­sa­che und Wir­kung un­ter­su­chen müss­te.

Ha­beck be­kennt sich zu Vi­sio­nen, die Antwort[en] auf die Sinn­su­che zu ge­ben ha­ben (und nicht mit Uto­pi­en ver­wech­selt wer­den dür­fen). Er sagt Ja zur Kraft der Idee und hat kei­ne Pro­ble­me da­mit, als Idea­list be­zeich­net zu wer­den. Wech­seln­de Mehr­hei­ten sieht er nicht per se als Ka­ta­stro­phe an und wähnt sich da­bei – ver­mut­lich rich­ti­ger­wei­se – auf der Sei­te der Mehr­heit der Be­völ­ke­rung, die sach­be­zo­ge­ne Ent­schei­dun­gen wünscht und nicht auf­grund par­tei­po­li­ti­scher Tak­ti­ken. Sei­ne The­sen zu ei­nem Aufbruch…jenseits der al­ten Schub­la­den und Scha­blo­nen sind für den Le­ser po­li­tisch-theo­re­ti­scher Schrif­ten bei­lei­be nicht un­be­kannt. Dass ein lin­ker Po­li­ti­ker die­se Über­zeu­gun­gen auf­nimmt und frucht­bar ma­chen will, ist da­ge­gen neu und er­freu­lich. Ro­bert Ha­beck wür­de der Satz, dass sich ein Land glück­lich schät­zen darf, sol­che Po­li­ti­ker (noch) zu ha­ben, nicht ge­fal­len. Aber so was muss auch ein­mal ge­sagt wer­den.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein biss­chen wi­der­sprüch­lich ist sei­ne Hal­tung schon, wie du ja auch an­ge­deu­tet hast. Na­tio­nal- und Lo­kal­pa­trio­tis­mus ab­leh­nen und dann über die Hin­ter­tür wie­der ein­füh­ren – »Land»sleute, als die im Land Le­ben­den. Dass das lin­ke La­ger kei­ne län­ger­fri­sti­gen Er­fol­ge auf­wei­sen kann, scheint un­ter die­sem Blick­win­kel dann auch ver­ständ­lich. Der Kon­ser­va­tis­mus hat es viel ein­fa­cher, weil er da­von aus­geht, dass dem Groß­teil sein Le­ben ge­fällt und man Än­de­run­gen ge­gen­über miss­trau­isch ist, es könnt ja auch schlech­ter wer­den.

    In­ter­es­san­te Ide­en, von de­nen ei­ni­ge nicht recht zu­sam­men­zu­pas­sen schei­nen oder un­aus­ge­go­ren wir­ken. Aber das muss auch nicht so gra­vie­rend sein, wenn ei­nem nicht der gro­ße Ent­wurf ei­nes Plans prä­sen­tiert wer­den soll, der al­le Pro­ble­me lö­sen kann. _Das_ scheint mir näm­lich der Haupt­feh­ler vie­ler lin­ker Plä­ne zu sein – nicht vom ak­tu­el­len Zu­stand aus­zu­ge­hen, sich dann das Wün­schens­wer­te zu träu­men und dann über das Mach­ba­re nach­zu­den­ken, al­so po­si­ti­ver Prag­ma­tis­mus.

  2. Prag­ma­tisch ist Ha­beck si­cher, ob­wohl ihm die­se For­mu­lie­rung be­stimmt nicht ge­fal­len wür­de. Sein In­sti­tu­tio­nen­pa­trio­tis­mus ist in dem Sin­ne ja nicht neu (Ha­ber­mas). Ich zweif­le stark dar­an, dass ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on über die EU mög­lich ist; er nennt im Buch sel­ber Bei­spie­le da­für, wie dies kon­ter­ka­riert wird und hältr Lis­sa­bon für nicht weit­ge­hend ge­nug. Aber selbst wenn es ei­nen eu­ro­päi­schen Bun­des­staat ge­ben wür­de, wä­re die­ser min­de­stens durch die Sprach­bar­rie­ren im­mer noch kul­tu­rell ab­ge­grenzt. EIn wie auch im­mer ge­ar­te­tes So­li­da­ri­sie­rungs­ge­fühl als »Eu­ro­pä­er« wür­de min­de­stens drei, vier Ge­nera­tio­nen brau­chen, um nur halb­wegs zu ent­ste­hen. Ich se­he dar­in auch die Ge­fahr der Ni­vel­lie­rung von Un­ter­schie­den (da­mit mei­ne ich: ich hal­te es für ei­nen Ge­winn, dass es un­ter­schied­li­che Men­ta­li­tä­ten gibt und hiel­te je­de Ein­eb­nung für fa­tal).

    Ich hal­te den »Re­gio­nal­pa­trio­tis­mus«, wie er im­mer mehr um sich greift, für ei­ne Fol­ge fehl­ge­steu­er­ter Ent­wick­lun­gen durch die EU. Dies wür­de sich bei ei­nem Bun­des­staat Eu­ro­pa mit un­ge­wis­sem Aus­gang ver­stär­ken.

    Im Buch schwingt mit, dass die »gro­ssen Plä­ne«, von de­nen Du schreibst, tat­säch­lich nicht funk­tio­nie­ren. Da­her sieht er sich auch ge­nö­tigt, Es­sen­ti­als an­zu­er­ken­nen und dann fall­wei­se zu ent­schei­den.

    Dan­ke für den Kom­men­tar. Dach­te schon, das in­ter­es­siert al­les nie­man­den mehr.

  3. Nicht un­ge­dul­dig wer­den, es gibt schon noch an­de­re die das in­ter­es­siert – wie stark »deutsch­land­fi­xiert« ist denn das Buch? Oder an­ders: Lohnt sich die Lek­tü­re auch für Al­pen­länd­ler?

    Ro­bert Ha­beck pro­pa­giert nicht mehr und nicht we­ni­ger als ei­ne Neu­ori­en­tie­rung der po­li­ti­schen Lin­ken, zu der er wie selbst­ver­ständ­lich die Grü­nen zählt.

    Wir ha­ben das bei Köpp­nick schon ein­mal dis­ku­tiert: Ich wüss­te nach wie vor nicht wo­hin ich sie sonst zäh­len soll­te.

    Ei­ne Bürger/Bürgerlichkeitsdiskussion fän­de ich ge­winn­brin­gend, schon al­lei­ne des­halb, weil – wie mir scheint -, die Be­grif­fe nicht klar ver­wen­det wer­den (sie­he auch hier).

    Die vor­ge­brach­te An­ti­staat­lich­keit der Lin­ken (scheint mit) nicht recht schlüs­sig: Ge­fühlt gibt es die na­tür­lich, aber war die je­mals so groß, dass sie tat­säch­lich an­ar­chi­sche Zü­ge trug?

    Noch et­was zum Lay­out: Ir­gend­et­was zwi­schen der ak­tu­el­len und der al­ten Sei­ten­brei­te wä­re (für mich) ide­al.

  4. Das Buch ist na­tür­lich sehr »deutsch­land­fi­xiert«, aber die grund­sätz­li­che Dis­kus­si­on um Ge­mein­wohl, Ver­fas­sungs- bzw. In­sti­tu­ti­ons­pa­trio­tis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus dürf­te schon ge­ne­rell in­ter­es­sant sein.

    Dass die Grü­nen sehr schnell zum lin­ken Mi­lieu zu­ge­schla­gen wer­den, ist ver­mut­lich in der Fin­dung der Par­tei En­de der 70er/Anfang der 80er Jah­re (ins­be­son­de­re in Deutsch­land) be­grün­det. Nicht we­ni­ge se­hen sie als Nach­klapp zur 68er Be­we­gung, was m. E. ein biss­chen vor­ei­lig sein könn­te. Den­noch muss man auch se­hen, dass vie­le der Wer­te, die von den Grü­nen ver­tre­ten wur­den und wer­den (An­ti-AKW; Tech­no­lo­gie­vor­sicht um es freund­lich aus­zu­drücken; Ab­rü­stung bzw. Angst vor Hoch­rü­stung; Men­schen­rech­te) auch so­ge­nann­te kon­ser­va­ti­ve Wer­te sind. Es ist mehr als ein ge­flü­gel­tes Wort, dass sich die Bür­ger­söh­ne und ‑töch­ter in den 80er/90er Jah­ren der in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Grü­nen an­nah­men. Auch un­ter den so­ge­nann­ten »Fun­dis« fan­den sich meist Kin­der hoch­ge­bil­de­ter Bür­ger­fa­mi­li­en (bspw. Frau Dit­furth fällt mir da so­fort ein).

    Ein­zig in der sehr pro­gres­si­ven Ge­sell­schafts­po­li­tik un­ter­schie­den sich Grü­ne und Kon­ser­va­ti­ve deut­lich. Die­ser Gra­ben ist in­zwi­schen wenn nicht über­wun­den, so doch klei­ner ge­wor­den. Ich bin mir manch­mal nicht mehr so ganz si­cher, ob die Grü­nen heu­te noch zu Recht als pri­mär lin­ke Par­tei ge­se­hen wer­den bzw. was von dem Eti­kett »links« nur noch Po­se ist. So ganz ver­ste­he ich da­her den ak­tu­el­len Kom­men­tar von Ha­beck in der »Welt« nicht (hier).


    Spal­ten­brei­te: Ich wer­de mich hü­ten, die vor­ge­ge­be­nen Lay­outs von two­day ver­su­chen, sel­ber zu ver­än­dern und es erst ein­mal so las­sen. Wenn ich noch an­de­re Mög­lich­kei­ten fin­den soll­te, die mich nicht über­for­dern, wer­de ich mich noch ein­mal dran­set­zen.

  5. Ja, man­che grü­ne Wer­te sind kon­ser­va­tiv. Aber dann auch wie­der nicht, denn Um­welt­schutz war, be­vor die grü­ne Be­we­gung ent­stand, si­cher kein Mar­ken­zei­chen kon­ser­va­ti­ver Par­tei­en. Und was die Tech­no­lo­gieskep­sis be­trifft (die dann auf kon­ser­va­ti­ver Sei­te fast ent­ge­gen­ge­setzt da­her kommt oder kam, z.B. Atom­kraft) hat sich das doch ge­än­dert, was re­ge­ne­ra­ti­ve En­er­gie­quel­len u.ä. be­trifft. Und das die Grü­nen sich (in Tei­len) aus Bür­ger­fa­mi­li­en re­kru­tiert ha­ben, sagt doch nur be­dingt et­was über die wei­ter po­li­ti­sche Ent­wick­lung aus.

    Ge­sell­schafts­po­li­tisch hat sich die kon­ser­va­ti­ve si­cher der pro­gres­si­ven an­ge­nä­hert.

  6. Ich ha­be das nicht ge­nau re­cher­chiert, aber Tech­nik­skep­sis fin­det und fand sich in vie­len bür­ger­li­chen Krei­sen sehr wohl. Na­tür­lich gab es auch tech­ni­kaf­fi­ne Kräf­te, die nach­her so et­was wie Atom­kraft oder In­du­stria­li­sie­rung for­ciert ha­ben. Die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ri­sten wa­ren Tech­nik­be­für­wor­ter, in ih­ren po­li­ti­schen An­sich­ten je­doch fast fa­schi­sto­id. In Deutsch­land wur­den die Be­den­ken hin­sicht­lich wei­te­rer Tech­no­lo­gi­sie­run­gen ein­fach dem Fort­schritts- und Wohl­stands­ge­dan­ken lan­ge Zeit un­ter­ge­ord­net. Das war aber kei­ne Do­mä­ne von CDU/CSU, son­dern auch in wei­ten Tei­len von SPD (und FDP) gän­gi­ges Dog­ma. Schmidt hielt An­fang der 80er Jah­re die Grü­nen für ein kurz­fri­sti­ges Phä­no­men.

  7. Ich fra­ge mich ge­ra­de, was man mit dem Ein­ord­nen ei­gent­lich ge­winnt. Na­tür­lich ist es sinn­voll po­li­ti­sche Cha­rak­te­ri­sti­ka her­aus­zu­ar­bei­ten, aber ob ei­ne Par­tei nun drei­vier­tel links ist, oder doch nur halb, ist letzt­lich be­deu­tungs­los, oder?

  8. Jein. Ei­ner­seits ist die­se Form der po­li­ti­schen Ge­säß­geo­gra­fie si­cher­lich ein biss­chen alt­backen. An­de­rer­seits gibt es na­tür­lich grund­le­gen­de Un­ter­schie­de zwi­schen »links« und »rechts« (die sich an den Ex­tre­men ko­mi­scher­wei­se wie­der be­rüh­ren). Vor al­le die­nen sie der ei­ge­nen La­ger­ab­si­che­rung. In­dem Ha­beck die Grü­nen als »Lin­ke« ver­or­tet, ver­sucht er je­den Schwenk hin zum Re­stau­ra­ti­ven (»Pa­trio­tis­mus«) im Keim zu er­sticken.

    Die Un­mög­lich­keit in den 80er Jah­ren mit CDU/CSU zu ko­alie­ren lag in fun­da­men­tal and­ren po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen. Die­se Dif­fe­ren­zen exi­stie­ren nicht mehr oder könn(t)en für ei­ne ge­wis­se Zeit neu­tra­li­siert wer­den. Das macht die Grü­nen min­de­stens theo­re­tisch für die CDU ko­ali­ti­ons­fä­hig; vor al­lem in den Län­dern (sie­he Ham­burg und Saar­land). Das ver­schafft üb­ri­gens den Grü­nen mehr Op­tio­nen als der FDP, die sich un­ter We­ster­wel­le fest­ge­legt hat.