Ver­hül­lung und Mo­der­ne

Als ich noch in Neu­bau, im sieb­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk, in ei­nem für die­se Ge­gend un­ty­pi­schen Haus wohn­te, er­fuhr ich was das Ver­hül­len von Kopf, Ge­sicht und Kör­per, je nach Voll­stän­dig­keit und Blick­win­kel des Be­trach­ters, be­deu­ten kann: Ich war da­mals mit ei­ner jun­gen, tsche­tsche­ni­schen Nach­ba­rin in Kon­takt ge­kom­men, die sich wie ei­ni­ge an­de­re Be­woh­ner des Hau­ses in des­sen Hof bei schö­nem Wet­ter zum Spie­len, Trat­schen und Kaf­fee­trin­ken ein­fan­den. Es er­gab sich fast zwangs­läu­fig Kon­takt, wenn man die Woh­nun­gen, die zum Teil ei­nen paw­lat­schen­aähn­li­chen Zu­gang be­sa­ßen, ver­ließ, und mit­ten in die spie­len­den Kin­der stol­per­te, ein so­zia­les Ge­fü­ge, das be­reits, so kommt es mir je­den­falls vor, sel­ten ge­wor­den ist: Man hilft ein­an­der, plau­dert, spielt mit den Kin­dern und lebt in­fol­ge des­sen nicht bloß ne­ben- son­dern auch mit­ein­an­der: Das er­wähn­te Mäd­chen war ziem­lich ge­nau 20 Jah­re jün­ger als ich und hat­te ei­nen Bru­der, der an ei­ner gei­sti­gen Be­hin­de­rung litt; ich ha­be nie nach­ge­fragt um wel­che es sich ge­han­delt hat­te, weil es nicht von Be­lang war und er wie sei­ne Schwe­ster freu­ten sich über Ge­sell­schaft, ganz gleich, ob es mei­ne oder die an­de­rer Kin­der oder Er­wach­se­ner war. So stell­te sich in un­se­rem Hof häu­fig ein bun­tes und lau­tes Trei­ben und Tol­len ein: Es wur­de Fe­der­ball und Fuß­ball ge­spielt, Ver­stecken oder Fan­gen, es wur­de Fahr­rad ge­fah­ren, Blu­men und Ge­mü­se ge­pflanzt, ge­gos­sen und ge­pflegt; ein paar Mal wur­de für die Kin­der so­gar ei­ne Schnit­zel­jagd or­ga­ni­siert und ab und an gab es ei­ne Ein­la­dung zum Abend­essen, zu Kaf­fee oder Ku­chen.

Von Zeit zu Zeit be­merk­te ich, wenn ich in dem über­dach­ten Vor­lauf vor mei­ner Woh­nung stand und auf die efeu­berank­te Mau­er, die den Hof an der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te be­grenz­te, hin­über sah und mich in dem un­be­küm­mer­ten Spiel der Am­seln ver­lor, ei­ne jun­ge Da­me, ich ver­mu­te­te, dass es ei­ne jun­ge Da­me war, die mit lan­gen, wal­len­den Ge­wän­dern und ei­nem Kopf­tuch ge­klei­det, durch den Hof in den hin­te­ren Teil des Hau­ses spa­zier­te; da ich et­was über ihr im Halb­stock stand und sie stets oh­ne den Kopf zur Sei­te zu dre­hen an mir vor­über ging, blieb mir ihr Ge­sicht wie ih­re Haa­re und ih­re Fi­gur, ver­bor­gen: Mir war es un­mög­lich sie den Be­woh­nern des Hau­ses, die ich fast al­le vom Se­hen kann­te, zu­zu­ord­nen, noch wuss­te ich in wel­cher Woh­nung sie wohn­te; ich hät­te ihr na­tür­lich nach­ge­hen kön­nen, aber das ver­bot sich von selbst. Ei­ni­ge Zeit lang blieb die­ses klei­ne Rät­sel be­stehen, bis ich da­hin­ter kam, dass es nie­mand an­ders als das tschetsche­nische Mäd­chen war, das sich au­ßer­halb des Hau­ses, beim Ein­kau­fen oder in der Schu­le, ganz an­ders klei­de­te, als ich es ge­wohnt war, wenn es sich im Hof auf­hielt oder spiel­te. Ich war dar­auf nicht vor­be­rei­tet ge­we­sen und hat­te die bei­den so un­ter­schied­li­chen Erschei­nungen nicht zu­sam­men ge­bracht, ja nicht brin­gen kön­nen: Auf der ei­nen Sei­te ein schlan­kes, jun­ges, in Jeans und T-Shirts ge­klei­de­tes Mäd­chen mit lan­gen, brau­nen Haa­ren, die es of­fen oder zu ei­nem Pfer­de­schwanz zu­sam­men ge­bun­den trug und auf der an­de­ren Sei­te ei­ne Per­son, die sich ver­hüll­te, de­ren Haar und Fi­gur ver­bor­gen und ver­wischt wa­ren, die sich auf die­se Wei­se dem Er­kannt­wer­den ent­zog und de­ren Ge­sicht ich von mei­nem Stand­ort aus nicht se­hen konn­te. Ich war kurz­zei­tig ei­ni­ger­ma­ßen ver­wirrt über die­se Tat­sa­che, hin­ter die ich so plötz­lich wie un­er­war­tet ge­kom­men war: Mehr als die äu­ße­ren Un­ter­schie­de je­doch, hat­te noch et­was an­de­res zu mei­ner Ver­wir­rung bei­getra­gen, das mir erst nach und nach be­wusst wur­de: Ich ha­be das Mäd­chen nie auf sei­ne Klei­dungs­ge­wohn­hei­ten hin an­ge­spro­chen, ich ha­be al­ler­dings auch nie ei­nen Hin­weis be­mer­ken kön­nen, dass es die Klei­dung, die es in der Öffentlich­keit trug, be­son­ders schätz­te, al­so auch pri­vat, et­wa beim Spie­len im Hof, ver­wen­de­te; auch ihr son­sti­ges We­sen – sie war fröh­lich, freund­lich, manch­mal schüch­tern-re­spekt­voll, aber auch be­stimmt und fast kämp­fe­risch – schien da­zu kei­ner­lei tie­fer­ge­hen­de Ver­bin­dung zu be­sit­zen. — Spä­ter traf ich das Mäd­chen dann ab und an auf der Stra­ße und wir lä­chel­ten ein­an­der im Vor­über­ge­hen zu: Nun wuss­te ich ja, wer es war.

Ich bin vor seit ei­ni­ger Zeit um­ge­zo­gen, in ein an­de­res Eck von Wien und vie­le der Be­wohner von da­mals ha­ben kurz da­vor oder da­nach das Haus ver­las­sen; es war der Zu­fall der die An­ge­hö­ri­gen et­li­cher Kul­tu­ren dort für ei­ni­ge Zeit zu­sam­men und dann wie­der aus­ein­an­der ge­führt hat­te; zu der tsche­tsche­ni­schen Fa­mi­lie ha­be ich kei­nen Kon­takt mehr, doch ist mir die oben ge­schil­der­te Be­ge­ben­heit in Er­in­ne­rung ge­blie­ben und sie ist im­mer wie­der her­vor ge­kom­men, wenn sich die­ses The­ma in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on sei­ne Bahn brach und Raum ge­wann.

So sehr es für mich da­mals be­frem­dend war und noch heu­te ist, ei­ne Haus­be­woh­ne­rin und Be­kann­te in der Öf­fent­lich­keit nicht (oder kaum) er­ken­nen zu kön­nen und ob­wohl sich das für vie­le an­de­re ver­mut­lich ganz ähn­lich dar­stellt: Die Per­spek­ti­ve ei­nes Be­trach­ters, ei­nes Be­ob­ach­ters, ei­nes Au­ßen­ste­hen­den, der er­ken­nen möch­te und sei es nur, wer da vor ihm steht, ist nicht der ent­schei­den­de As­pekt, ob­wohl oder ge­ra­de weil er so un­mit­tel­bar ein­gän­gig ist; ge­nau­so ver­hält es sich mit zahl­rei­chen Wort­mel­dun­gen, die mit dem Phä­no­men der Ver­hül­lung in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on ver­bun­den sind: Dass es et­wa bes­ser sei, wenn Frau­en we­nig­stens ver­schlei­ert aus dem Haus dür­fen; dass die Ver­hüllungsdebatten bloß Stell­ver­tre­ter- oder Schein­dis­kus­sio­nen wä­ren; dass dies von vie­len Frau­en ge­wollt sei und da­mit als selbst­be­stimmt und frei­wil­lig auf­zu­fas­sen wä­re und das Kopf­tuch als ein bloß mo­di­sches Ac­ces­soire1; und auch die wohl rich­ti­ge Fest­stel­lung, dass das Kopf­tuch ein Sym­bol der Is­la­mi­sten sei, geht am Kern der An­ge­le­gen­heit vor­bei: Egal ob Kopf­tuch, Tscha­dor, Hi­d­schāb oder Bur­ka, all die­se Klei­dungs­stücke be­schnei­den, in Kom­bi­na­ti­on mit oder als fi­gur­ver­wi­schen­de Klei­dungs­stücke, wenn sie kon­se­quent ge­tra­gen wer­den, die In­di­vi­dua­li­tät und die Wie­der­erkenn­bar­keit ih­rer Trä­ge­rin­nen in der Öf­fent­lich­keit; nimmt ih­re Zahl be­stän­dig zu, muss man von ei­ner Uni­for­mie­rung spre­chen: Frau­en sind da­mit nicht nur nicht mehr in­di­vi­du­ell er­kenn­bar, sie wer­den ein­an­der äu­ßer­lich im­mer ähn­li­cher, nicht durch Haar­far­be, -form und -län­ge, nicht durch ih­re Ge­sichts­zü­ge oder ih­re Mi­mik, die in Bruch­tei­len von Se­kun­den, Ge­müt und See­le of­fen­le­gen kön­nen, un­ter­scheid­bar: Sie wer­den Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen und Ver­hüll­te, die sich vor al­lem durch Mu­ster, Form und Far­be ih­rer Klei­dungs­stücke un­ter­schei­den, ih­nen sind nicht nur ih­re ge­ge­be­nen (»na­tür­li­chen«) Er­schei­nun­gen ge­nom­men, son­dern fast al­le Mög­lich­kei­ten dar­über hin­aus Aus­druck und Er­schei­nung zu for­men.

Wenn es ei­nen un­ver­äu­ßer­li­chen Kern des­sen, was wir als Mo­der­ne oder als mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten be­zeich­nen, gibt, dann ist dies – ne­ben al­len ih­ren Schat­ten­sei­ten, de­rer man sich be­wusst sein soll­te – das In­di­vi­du­um als Trä­ger von Rech­ten, als selbstbe­stimmte Per­son und da­mit als Ver­ant­wort­li­cher und als lei­dens­fä­hi­ges Sub­jekt: Die Gleich­rich­tung, die Un­kennt­lich­ma­chung und das Ver­wi­schen von In­di­vi­dua­li­tät im öf­fent­li­chem Raum zielt auf den Kern un­se­res Ver­ständ­nis­ses von Mensch und Gesell­schaft, der nicht mit ei­nem tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chem li­be­ra­len In­di­vi­dua­lis­mus zu ver­wech­seln ist: Dass ich mich durch Ei­gen­schaf­ten in Raum und Zeit von an­de­ren un­ter­schei­de, al­so nicht mit ih­nen ident bin, be­grün­det mei­ne or­ga­nis­mi­sche En­ti­tät und mei­ne Ab­grenz­bar­keit von an­de­ren: Sie sind grund­le­gend da­für, wenn auch kei­ne Be­grün­dung im stren­gen Sinn, dass we­der ich, noch mein Nach­bar, noch ir­gend­ein an­de­rer Bür­ger oh­ne wei­te­res kol­lek­tiv haft­bar oder ver­ein­nehm­bar sind und soll­ten des­halb auch nicht mit dem Tra­gen von knal­li­gen Sport­schu­hen, Base­ball­kap­pen oder Pier­cings ver­wech­selt wer­den2. – Wel­che Kon­se­quen­zen man auch im­mer dar­aus zie­hen möch­te, dass sich in un­se­ren Ge­sell­schaf­ten ein Wi­der­spruch von öf­fent­li­cher Erschei­nung, von Ver­ständ­nis, Recht und Ge­setz auf­tut und ver­fe­stigt, ei­ne gleich­rich­ten­de, uni­for­mie­ren­de Ten­denz, die in prak­tisch-em­pi­ri­scher Hin­sicht ei­ner mo­der­nen Auf­fas­sung von Ge­sell­schaft ent­ge­gen­steht, sie ist kaum zu be­strei­ten und es steht zu be­fürch­ten, dass sie nicht fol­gen­los, al­so äu­ßer­lich blei­ben wird und dies auch be­reits jetzt schon ist.


  1. Ich er­in­ne­re mich in sol­chen Fäl­len häu­fig an ei­ne Frau, die ein mo­disch aus­se­hen­des Kopf­tuch in ei­nem klei­nen Lo­kal in Istan­bul trug: Die Da­me saß mit zwei oder drei Per­so­nen an ei­nem Tisch hin­ter mir auf der Dach­ter­ras­se vor dem dunk­len Nacht­himmel und hielt la­chend und scher­zend in der lin­ken Hand ei­ne Zi­ga­ret­te und in der rech­ten ein Krü­gerl Bier. – Ich möch­te ge­gen das Kopf­tuch als bloß mo­di­sches Stil­mit­tel fol­gen­des ein­wen­den: Es gibt kaum et­was Sprung­haf­te­res und Un­ge­bun­de­ne­res als die Mo­de: Sie ist für kur­ze Zeit und im­mer neu, al­so oh­ne tief­grei­fen­de Be­grün­dung, das Kopf­tuch aber, wird kon­se­quent und im­mer ge­tra­gen, nicht fall­wei­se, an­lass­ge­bun­den oder flap­sig. 

  2. Es sol­len da­mit kei­nes­wegs über­in­di­vi­du­el­le, kul­tu­rel­le Bin­dun­gen und Loya­li­tä­ten be­strit­ten wer­den, al­ler­dings ist de­ren Ver­ein­nah­mun­gen und et­wai­gen Zu­ge­hö­rig­kei­ten per se kei­ner­lei recht­li­che Re­le­vanz zu­zu­schrei­ben. 

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17 Kommentare zu »Ver­hül­lung und Mo­der­ne«:

  1. die_kalte_Sophie sagt:

    Sehr sinn­fäl­li­ge Dar­stel­lung, der Ha­bi­tus der Tsche­tsche­nin in ei­nem Hin­ter­hof un­ter­schei­det sich er­kenn­bar von ei­nem Auf­tritt in der sog. Öf­fent­lich­keit. Die Psy­cho­lo­gie da­hin­ter ist ein­leuch­tend, es as­so­zi­ie­ren sich leicht Ge­gen­satz­paa­re wie of­fen-ge­schlos­sen, be­kannt-neu, si­cher-ge­fähr­lich, etc.
    Ganz klas­sisch ist der Hin­ter­hof ein pan­op­ti­scher Raum, al­les ist ein­seh­bar. Das Ver­hal­ten ist psy­cho­lo­gisch voll­kom­men er­klär­lich, nur die kul­tu­rel­len De­fi­ni­tio­nen des We­stens ste­hen dem ent­ge­gen, wol­len ver­än­dern, und ver­bie­ten so­gar an Ort und Stel­le.
    Aber Halt!, hö­re ich die Ein­wän­de, was meinst Du denn mit »kul­tu­rell«. Kann man die For­ma­ti­on des We­stens denn über­haupt als ei­ne Kul­tur ne­ben an­de­ren be­grei­fen, ge­hen un­se­re De­fi­ni­tio­nen nicht über den en­de­mi­schen Kul­tur­be­griff hin­aus?!
    Aber si­cher, ant­wor­te ich, und zwar in bei­den Fäl­len. Der We­sten hängt we­sent­lich an non-ter­ri­to­ria­len De­fi­ni­tio­nen, sei­ne Kul­tur­form ist ab­hän­gig vom Grad der Aus­bil­dung, dem Kon­takt mit In­du­stri­en, dem per­sön­li­chen Be­sitz und die de­mo­kra­ti­sche Ge­sin­nung im Sin­ne der Mei­nungs­to­le­ranz, und dem Le­bens­ge­fühl in gro­ßen Städ­ten.
    Der We­sten hat nichts mit of­fen-ge­schlos­sen, be­kannt-neu, si­cher-ge­fähr­lich zu tun. Des­halb re­den wir ja von Kul­tur und nicht von Psy­cho­lo­gie.
    So­kra­tes: Dann über­schrei­tet al­so die Kul­tur mit nor­ma­ti­ven For­de­run­gen die Psy­cho­lo­gie?!
    Glau­kon: Nun, ganz of­fen­sicht­lich tut sie das. Wie könn­te sie sonst kri­tisch ein­grei­fen und Re­geln auf­stel­len?!
    So­kra­tes: Nun, nichts an­de­res aber woll­te ich Dir be­wei­sen.

    #1

  2. Na­tür­lich ist der In­di­vi­dua­lis­mus ein her­aus­ra­gen­des Kri­te­ri­um der Mo­der­ne. Die ge­sell­schaft­li­chen Rück­be­zü­ge ha­ben sich al­le­samt ver­flüs­sigt, wur­den zur Pri­vat­sa­che ge­macht. Aber manch­mal fra­ge ich mich, wie in­di­vi­dua­li­stisch »der We­sten« wirk­lich ist. Ist In­di­vi­dua­lis­mus nicht ei­ne Il­lu­si­on? Man be­stei­ge ein­mal ei­ne U-Bahn ei­ner Groß­stadt. 90% der Men­schen beu­gen sich über ih­re Smart­pho­nes. Wor­in zeigt sich hier In­di­vi­dua­lis­mus? Dass sie al­le et­was an­de­res da­mit ma­chen? Ih­re Klei­dung ist zwar in­di­vi­du­ell, folgt aber durch­aus be­stimm­ten Vor­ga­ben, die man »Mo­de« nennt. (Es gab ein­mal ei­ne Zeit, da »muss­te« man Jeans tra­gen; egal wie un­be­quem die auch wa­ren. An­dern­falls »droh­te« der Aus­schluss aus der Cli­que.) Was ge­schä­he, wenn ir­gend­ein Pop­stern­chen plötz­lich das Kopf­tuch für sich »ent­decken« wür­de? Es wür­de zum Mo­de­trend wer­den. Für ein, zwei Halb­jah­re viel­leicht. Aber im­mer­hin.

    In Deutsch­land wird zu­wei­len dis­ku­tiert, Schul­uni­for­men nach an­gel­säch­si­schem Mu­ster ein­zu­füh­ren. Hin­ter­grund ist, dass man die ge­sell­schaft­li­chen Un­ter­schie­de, die sich in der je­wei­li­gen Ver­wen­dung (oder eben Nicht­ver­wen­dung) von teu­ren oder an­ge­se­he­nen Mar­ken­kla­mot­ten zeigt, un­ter­drücken möch­te. Auf den Ge­dan­ken des Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühls kommt kaum je­mand; ei­ne Schul­uni­form hät­te dem­zu­fol­ge aus­schließ­lich ni­vel­lie­ren­den Cha­rak­ter.

    Es gibt mus­li­mi­sche Ex­ege­ten, die die Kör­per­ver­hül­lung von Frau­en ähn­lich be­grün­den. In­ter­es­sant ist da­bei, dass dies nur für Frau­en gilt, d. h. man glaubt, Frau­en be­schüt­zen zu müs­sen. Die Hier­ar­chie Mann -> Frau wird da­mit aus­drück­lich ze­men­tiert.

    Der Po­le­mi­ker Bro­der hat das mal sinn­ge­mäss da­hin­ge­hend per­si­fliert, dass er ver­schlei­er­te Frau­en bei uns nur dann ak­zep­tiert, wenn sei­ne Toch­ter gleich­zei­tig in Sau­di-Ara­bi­en im Bi­ki­ni über die Stra­ße ge­hen dürf­te. Das ist na­tür­lich über­trie­ben, aber wenn ich auf der an­de­ren Sei­te se­he, dass aus Rück­sicht­nah­me vor den kul­tu­rel­len Ge­pflo­gen­hei­ten im Iran bei der Frau­en-Schach-WM die Teil­neh­me­rin­nen sich an die lo­ka­len Klei­dungs­vor­schrif­ten zu hal­ten ha­ben, dann fra­ge ich mich schon, ob die­ser To­le­ranz­be­griff nicht über­stra­pa­ziert wird.

    Der wich­tig­ste Punkt scheint mir aber ein an­de­rer zu sein: War­um glau­ben Men­schen, die aus dem Na­hen oder Mitt­le­ren Osten in »den We­sten« kom­men, dass ih­re Be­klei­dungs­vor­schrif­ten hier ab­so­lu­te Gül­tig­keit be­sit­zen müs­sen? Oder, prä­gnan­ter for­mu­liert: War­um fü­gen sie sich dem so­zia­len Druck in­ner­halb ih­rer Ge­mein­schaft? Aber viel­leicht ist es auch gar kein »Druck«, son­dern pas­siert das al­les »frei­wil­lig«? Sind uns nicht in Wirk­lich­keit sol­che kul­tu­rel­len »Vor­ga­ben« auch im­mer ein biss­chen un­heim­lich, weil wir sie bei uns nicht be­mer­ken?

    #2

  3. Leopold Federmair sagt:

    Schö­ne und auf­schluß­rei­che Er­zäh­lung, aber ich bin mir nicht si­cher, daß das sich stets von al­len an­de­ren un­ter­schei­den­de In­di­vi­du­um mit sei­nen ver­brief­ten Rech­ten, die es wahr­neh­men soll (muß?), das We­sen je­der Art von »Mo­der­ne« aus­macht. Ich le­be in Ja­pan, ei­ner west­li­chen Ge­sell­schaft, das Un­ter­schei­dungs­be­dürf­nis scheint hier schwä­cher aus­ge­prägt zu sein, Uni­for­men wer­den so­wohl in den Schu­len als auch in Fir­men, Fa­bri­ken und Bü­ros ge­tra­gen. Das fin­den al­le nor­mal, vie­le mö­gen es, we­ni­ge leh­nen es ab.

    Frau­en mit Kopf­tü­chern se­he ich hier ab und zu, In­do­ne­sie­rin­nen, die das Klei­dungs­stück of­fen­bar tat­säch­lich nur (?) aus äs­the­ti­schen Grün­den tra­gen (die Mo­de las­se ich mal bei­sei­te): bunt und of­fen, die üb­ri­gen Klei­der be­to­nen zu­wei­len die Kör­per­form.
    Wie weit es mit dem west­li­chen In­di­vi­du­al­ver­hal­ten im di­gi­ta­len Zeit­al­ter her ist, fra­ge ich mich ähn­lich wie Gre­gor Keu­sch­nig. Und ich er­lau­be mir dar­auf hin­zu­wei­sen, daß in nicht so fer­nen Epo­chen west­li­cher Ge­schich­te Uni­for­mis­mus, Uni­for­men, Gleich­schal­tung, Ein­heits­den­ken gang und gä­be wa­ren. Mo­dern oder nicht?

    Was die is­la­mi­schen Kul­tu­ren, vor al­lem in den ara­bi­schen Län­dern, be­trifft, so steht hin­ter dem Ver­schleie­rungs­zwang und den Ver­schleie­rungs­de­bat­ten das Ver­hält­nis zwi­schen Mann und Frau als Macht- und Un­ter­drückungs­ver­hält­nis, wo­bei Se­xua­li­tät wohl die Kern­zo­ne aus­macht. Wir soll­ten auf kri­ti­sche Stim­men in bzw. aus die­sen Kul­tu­ren hö­ren. Ka­mel Daoud zum Bei­spiel, der in Al­ge­ri­en lebt. »Ist der mus­li­mi­sche Flücht­ling ein Wil­der?« fragt er mit Be­zug auf die Er­eig­nis­se Syl­ve­ster vor et­was mehr als ei­nem Jahr in Köln. »Nein«, lau­tet sei­ne Ant­wort, »er ist nur an­ders, und es ge­nügt nicht, ihn auf­zu­neh­men, in­dem man ihm Pa­pie­re und ei­ne So­zi­al­woh­nung gibt in der Hoff­nung, da­mit das Pro­blem ge­löst zu ha­ben. Man muß den Kör­pern Asyl ge­ben, aber auch die See­le über­zeu­gen, daß sie sich än­dern muß. (...) Die Be­zie­hung zwi­schen Mann und Frau ist der gor­di­sche Kno­ten in­ner­halb der ‘Welt Al­lahs’. Die Frau wird ver­leug­net, ver­wor­fen, ge­tö­tet, ver­schlei­ert, ein­ge­sperrt oder be­ses­sen.« Wenn ich dem ei­nen Satz hin­zu­fü­gen darf: Nicht mo­ra­li­sche Ent­rü­stung ist die ge­eig­ne­te Ant­wort auf die Köl­ner Er­eig­nis­se, son­dern ver­ant­wort­lich ge­brauch­te Frei­zü­gig­keit. Die aber er­wirbt man sich nicht im Hand­um­dre­hen, die Än­de­rung der See­le dau­ert Jah­re, wenn nicht Ge­nera­tio­nen.

    Auch die west­li­che See­le hat sich ver­än­dert und tut es wei­ter­hin.

    #3

  4. @die kal­te So­phie
    In der Auf­klä­rung bzw. der Mo­der­ne steckt ein Uni­ver­sa­lis­mus, der heu­te nach au­ßen hin häu­fig der Be­män­te­lung west­li­cher Macht­po­li­tik dient; in­nen, al­so in den Ge­sell­schaf­ten selbst, ist die Si­tua­ti­on un­ein­deu­ti­ger, die An­sich­ten was man ver­lan­gen kann oder soll, wie Zu­wan­de­rung ge­re­gelt wer­den soll, ge­hen aus­ein­an­der (zu­ge­spitzt aus­ge­drückt: Post­mo­der­ne in­nen, Im­pe­ria­lis­mus au­ßen). — Dass Kul­tur ei­nen uni­ver­sa­li­sti­schen An­spruch tra­gen kann, ist nichts Neu­es, Chri­sten­tum und Is­lam sind dar­in nicht an­ders (po­ten­zi­ell Re­li­gio­nen für al­le Men­schen); war­um ein sol­cher An­spruch exi­stiert und auch durch­zu­set­zen ver­sucht wird, hängt mit der Kraft der eig­nen Über­zeu­gun­gen zu­sam­men, mit mo­ra­lisch-ethi­schen Im­pli­ka­tio­nen und si­cher­lich mit dem Macht­an­spruch der dar­an ge­kop­pelt ist (die be­rühm­te Fackel ist ja nicht bloß ein Leucht­mit­tel, man kann da­mit ge­nau­so gut ein Haus in Brand stecken).

    @Gregor und Leo­pold Fe­der­mair
    Ich ha­be ver­sucht den (zu recht kri­ti­sier­ten) In­di­vi­dua­lis­mus wie er über­all in Er­schei­nung tritt, von dem zu tren­nen was ein In­di­vi­du­um grund­sätz­lich aus­macht, näm­lich be­stimm­te, in Sum­me ein­zig­ar­ti­ge Ei­gen­schaf­ten in Raum und Zeit. Letzt­lich muss es in der Pra­xis Aus­wir­kun­gen ha­ben (ich be­ob­ach­te das auch an mei­nen ei­ge­nen Wahr­neh­mun­gen), wenn je­mand ein­ge­schränkt oder gar nicht mehr – wie­der­um prak­tisch ge­spro­chen – als In­di­vi­du­um iden­ti­fi­ziert wer­den kann und zwar für ihn selbst wie sei­ne Mit­bür­ger. Ich se­he dar­in ei­ne (mehr oder we­ni­ger stark) aus­ge­präg­te Uni­for­mie­rung und Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung, al­so: An­ony­mi­sie­rung: Recht, Ver­ant­wor­tung und Lei­dens­fä­hig­keit spre­chen wir aber In­di­vi­du­en zu, das mein­te ich mit dem Wi­der­spruch.

    @Gregor
    Dass kul­tu­rel­le An­ge­wohn­hei­ten nicht ab­ge­legt wer­den, hat wohl mit der Fe­stig­keit von Über­zeu­gun­gen und mit de­ren Tie­fen­ver­an­ke­rung zu tun, auch mit An­sprü­chen, s.o. Da­zu kommt, wie Bassam Ti­bi z.B. schon vor vie­len Jah­ren ge­schrie­ben, dass der We­sten schwach (oder un­si­cher) ge­wor­den ist und von sei­nen ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen – der kul­tu­rel­len Mo­der­ne – ab­lässt (mei­ne Wort­wahl). An die Frei­wil­lig­keit glau­be ich im Gro­ßen und Gan­zen nicht, denn das Kopf­tuch wird ja im­mer ge­tra­gen, oft mit ei­ner Art Hau­be dar­un­ter, die da­für sorgt, dass kein Haar her­vor­schaut (mei­ne Oma trug auch ein Kopf­tuch, aber nur wenn sie in die Kir­che ging). — Un­heim­lich ist uns viel­leicht die Of­fen­sicht­lich­keit (bos­haft könn­te man sa­gen: wir ha­ben Angst vor der Ver­bind­lich­keit).

    @Leopold Fe­der­mair
    Die eu­ro­päi­schen Be­we­gun­gen je­ner Epo­chen, die Sie an­spre­chen, wa­ren – im Üb­ri­gen ge­nau­so wie der Fun­da­men­ta­lis­mus und Dschi­ha­dis­mus nah­öst­li­cher Prä­gung – im­mer ein Amal­gam: An­ti­mo­dern be­züg­lich Uni­for­mie­rung und Gleich­schal­tung, mo­dern in ih­rer Af­fi­ni­tät zu Tech­nik und Ver­fah­rens­lo­gik. — Un­se­re west­li­chen Ge­sell­schaf­ten sind mit ih­rem nicht Zu­sam­men-, son­dern Ne­ben­ein­an­der­le­ben, ih­rer Viel­ge­stal­tig­keit, ja Be­lie­big­keit und öko­no­mi­schen Grund­be­stimmt­heit ei­ne Zu­mu­tung: Da­mit muss man mal zu­recht kom­men und das wirft ei­nen eher dort­hin zu­rück, wo man steht oder her­kommt (Sinn­stif­tung). Al­ler­dings sind die­se Din­ge nicht of­fen­sicht­lich, of­fen­sicht­lich ist der Wohl­stand un­se­rer Ge­sell­schaf­ten, viel­leicht of­fen­sicht­li­cher als er tat­säch­lich ist (auf der Stra­ße liegt er nicht, der So­zi­al­staat wird knaus­ri­ger). Ich ver­ste­he je­den, der sich sein Le­ben öko­no­misch ver­bes­sern und in den We­sten zie­hen will, aber ist das als Ein­stel­lung aus­rei­chend? Man kann auch ge­gen­fra­gen, ob der öko­no­mi­sche oder so­zi­al­ver­si­che­rungs­tech­ni­sche Nut­zen den ma­che mit Zu­wan­de­rung ver­bin­den, aus­reicht. Und un­ab­hän­gig da­von: Wenn die Pro­zes­se Jah­re dau­ern, was ich auch so se­he, dann be­deu­tet das doch, dass wir Zu­wan­de­rung dra­stisch ein­schrän­ken müss­ten, um Sta­bi­li­tät zu er­rei­chen und zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. Es be­deu­tet wei­ter, dass wir Flucht­ur­sa­chen vor Ort be­sei­ti­gen hel­fen müss­ten, mit dra­ma­tisch ge­stei­ger­tem Auf­wand und jeg­li­che il­le­ga­le In­ter­ven­ti­on, die den ei­ge­nen In­ter­es­sen dient, ein­ge­stellt wer­den müss­te. — Ge­lingt das nicht, wer­den wir in noch viel stär­ke­rem Ma­ße ne­ben ein­an­der le­ben, die Ge­sell­schaft wird noch stär­ker frag­men­tiert wer­den, weil es kaum mehr kul­tu­rel­le Quer­ver­stre­bun­gen ge­ben wird (sie sind jetzt schon ge­ring). Die öko­no­mi­sche Herr­schaft dürf­te dann über­mäch­tig wer­den.

    #4

  5. Leopold Federmair sagt:

    @metepsilonema, letz­ter Teil von Kom­men­tar 4:
    Bin ein­ver­stan­den, vor al­lem ist öko­no­mi­scher Wohl­stand als ein­zi­ges Ziel nicht aus­rei­chend (die im Wohl­stand le­ben ha­ben na­tür­lich leicht re­den...).
    Auch den Uni­ver­sa­lis­mus wür­de ich nicht grund­sätz­lich auf­ge­ben wol­len. Ich den­ke nur, daß man im­mer wie­der neu be­den­ken und ge­ge­be­nen­falls de­fi­nie­ren muß, was uni­ver­sel­le Gül­tig­keit ha­ben soll und was nicht. Ist De­mo­kra­tie west­li­chen Zu­schnitts – die im We­sten im­mer we­ni­ger funk­tio­niert – tat­säch­lich so ein Wert? Je­der ist auf­ge­ru­fen, Ant­wor­ten zu fin­den. Un­ver­han­del­bar sind m. E. der Re­spekt vor dem an­de­ren, vor dem an­de­ren Den­ken, Un­an­tast­bar­keit des Le­bens (des­halb auch ge­gen To­des­stra­fe), grund­sätz­li­che Gleich­be­rech­ti­gung in di­ver­sen Le­bens­be­rei­chen, Ak­zep­tanz der Un­ter­schie­de, üb­ri­gens auch der sog. Ex­zel­lenz, Mög­lich­keit der Selbst­be­stim­mung – und man­ches mehr. Ei­ni­ge die­ser Punk­te sind für den zwi­schen­ge­schlecht­li­chen Um­gang von be­son­de­rer Be­deu­tung.
    Noch et­was: Das Be­stre­ben, Zu­wan­de­rung re­gu­lie­ren, ist be­rech­tigt, aber zu­nächst ist zu prü­fen, wo­her die Strö­me kom­men und wie groß die Dring­lich­keit ist. In den Län­dern um Sy­ri­en hal­ten sich Mil­lio­nen Flücht­lin­ge auf (Li­ba­non, Tür­kei an er­ster Stel­le, viel mehr als in den eu­ro­päi­schen Län­dern), die­se Leu­te ha­ben in den mei­sten Fäl­len ein­fach kei­ne an­de­re Wahl, als zu flie­hen. Auch wenn es die Ge­sell­schaft der Auf­nah­me­län­der de­sta­bi­li­sie­ren kann – will man die Tü­ren schlie­ßen? Zäu­ne und Mau­ern er­rich­ten?

    #5

  6. Man­che die­ser »west­li­chen Wer­te« sind nur auf den er­sten Blick »uni­ver­sal« bzw. es­sen­ti­ell. Wir schrän­ken sie je nach Be­darf (fast hät­te ich ge­schrie­ben: nach Be­lie­ben) im­mer dann ein, wenn es uns passt. Bei­spiel: »Un­an­tast­bar­keit des Le­bens«. Da­her ist man ge­gen die To­des­stra­fe. Aber was ist mit Ab­trei­bung? Auch dort ist Le­ben ent­stan­den. Um uns die­ser Zwick­müh­le zu ent­zie­hen, ha­ben wir ei­nen recht­li­chen Rah­men ge­schaf­fen, der de­fi­niert, wann Le­ben le­bens­wert ist und wann nicht. Das be­frie­det zwar nach au­ßen die Ge­sell­schaft, ist aber nicht oh­ne Heu­che­lei. (Statt Ab­trei­bung hät­te man auch das Mi­li­tär neh­men kön­nen, in dem ja eben­falls die Un­an­tast­bar­keit des Le­bens zur Dis­po­si­ti­on steht – und zwar die Un­an­tast­bar­keit des Le­bens des »Fein­des«.)

    Auch die un­end­li­che Dis­kus­si­on um die Voll­ver­schleie­run­gen von Frau­en in öf­fent­li­chen Räu­men ist ver­mint. Ei­ner­seits kann man das als Herr­schafts- und Dis­kri­mi­nie­rungsym­bol äch­ten. An­de­rer­seits sind es ge­nau die po­li­ti­schen Kräf­te in Deutsch­land, die sich über je­des nicht ge­setz­te Bin­nen-I echauf­fie­ren, die hier plötz­lich to­le­rant sind.

    Die Kri­se des­sen, was wir »We­sten« oder »De­mo­kra­tie« nen­nen, hat m. E. mit den Spa­ga­ten zu tun, die im­mer schwie­ri­ger wer­den. Bei­spie­le: Wenn De­mo­kra­tie die Herr­schaft des Vol­kes ist – was pas­siert, wenn das Volk mehr­heit­lich de­mo­kra­tie­feind­li­che In­sti­tu­tio­nen und Par­tei­en wählt, die am En­de dann die De­mo­kra­tie ab­schaf­fen? Wei­ter: Wenn wir Flücht­lin­ge auf­neh­men sol­len – wo liegt die Gren­ze bzw. gibt es über­haupt ei­ne? Der­zeit sol­len ins­ge­samt 60 Mil­lio­nen Men­schen auf der Flucht sein. Will man die al­le in Eu­ro­pa auf­neh­men? Das ist un­mög­lich – so be­rech­tigt de­ren Weg­gang auch sein mag. Über­haupt nicht ge­klärt ist die Fra­ge des Sta­tus. Sind es Asyl-Su­chen­de (al­so auf Zeit) oder Emi­gran­ten (auf Dau­er)? Wer legt das fest?

    Das näch­ste Pro­blem ist dann das, was die Po­li­tik dann im­mer for­dert: »Flucht­ur­sa­chen be­sei­ti­gen«. Schö­ne Idee, aber wür­de ein Ein­grei­fen in die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät der Län­der, aus de­nen die Men­schen flie­hen, nicht als neu­er Ko­lo­nia­lis­mus ge­brand­markt? Hin­zu kommt ja, dass vie­le Län­der, aus de­nen die Men­schen flie­hen, gar nicht mehr als exi­stie­ren (»fai­led sta­tes«) bzw. von kor­rup­ten Po­ten­ta­ten re­giert wer­den. Je­de Hil­fe fließt dort in die Ta­schen die­ser Leu­te.

    Viel­leicht liegt auch ein Pro­blem dar­in, dass un­se­re ver­recht­lich­te Welt, die al­le mög­li­chen Even­tua­li­tä­ten ab­decken möch­te, ir­gend­wann an ih­re Gren­zen stösst. Da­her sind die »ein­fa­chen Lö­sun­gen« so at­trak­tiv ge­wor­den (sei es bei den Recht- und Links­po­pu­li­sten wie auch im is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus).

    #6

  7. Leopold Federmair sagt:

    @Gregor K.
    Nur zwei Punk­te: Da ich Ach­tung und Schutz von Le­ben als Wert sehr hoch an­set­ze (aber auch nicht ab­so­lut set­ze), bin ich auch in der Ab­trei­bungs­fra­ge sehr sen­si­bel. Wenn es ir­gend­wie geht, möch­te ich Ab­trei­bun­gen ver­mei­den. (Im »mo­der­nen« Ja­pan, des­sen Be­völ­ke­rung schrumpft, wer­den mit größ­ter Leich­tig­keit zig­tau­sen­de Ab­rei­bun­gen vor­ge­nom­men, oh­ne daß sich je­mand er­regt.) An­de­rer­seits scheint es mir doch not­wen­dig zu de­fi­nie­ren, ab wel­chem Zeit­punkt, wel­cher Ent­wick­lungs­stu­fe wir mensch­li­ches Le­ben als Le­ben ei­ner Per­son de­fi­nie­ren. Sonst kommt man da­hin, Sa­men und Kei­me schüt­zen zu wol­len.
    Zwei­ter Punkt: Ur­sa­chen­be­sei­ti­gung in Län­dern wie Sy­ri­en, Irak... Ich glau­be nicht, daß man in ab­seh­ba­rer Zeit in die­sen Län­dern zu be­frie­di­gen­den Lö­sun­gen kom­men wird. Es wä­re schon ein Fort­schritt, die ärg­sten Greu­el ein­zu­däm­men, da und dort fried­li­ches Zu­sam­men­le­ben zu er­mög­li­chen. Uto­pi­en, Ide­en von Ide­al­zu­stän­den, hel­fen da so­wie­so nicht wei­ter. Ver­ges­sen darf man auch nicht, daß sich die Si­tua­ti­on im sog. na­hen Osten durch die mi­li­tä­ri­schen Ein­grif­fe von USA und Na­to ab den Neun­zin­gern so ver­schärft hat. Ei­nen is­la­mi­sti­schen Ter­ro­ris­mus die­ser Art gab es vor­her nicht. Wir tra­gen Ver­ant­wor­tung, auch wenn das vie­le po­li­ti­sche Füh­rer nicht wahr­ha­ben wol­len.

    #7

  8. @Leopold Fe­der­mair
    Zu 1: Ja, ge­nau das mei­ne ich. Ei­ne Ge­sell­schaft muss Re­gu­la­ri­en fin­den, eben da­mit man am En­de nicht noch Sa­men und Kei­me schüt­zen muss. Aber die­se Re­gu­la­ri­en sind im­mer nur auf ei­ne ge­wis­se Zeit be­zo­gen. Die Maß­stä­be än­dern sich. Was heu­te noch un­mög­lich ist und viel­leicht so­gar hart be­straft wird, ist in 25 Jah­ren kon­sen­su­ell. Ho­mo­se­xua­li­tät war vor 30 Jah­ren straf­bar – das kann man sich heu­te nicht mehr vor­stel­len. Wie wird es in 30 Jah­ren mit der Pä­do­phi­lie aus­se­hen?

    Zu 2: Die Ur­sa­chen­be­sei­ti­gung be­zog ich we­ni­ger auf die Län­der des Na­hen und Mitt­le­ren Ostens. Hier ist klar, dass die Krie­ge der jüng­sten Ver­gan­gen­heit ei­ne Mit­schuld tra­gen. Klar ist auch, dass man von sei­ten des We­stens im­mer die ent­spre­chen­den Po­ten­ta­ten un­ter­stützt hat. Sie sorg­ten für »Sta­bi­li­tät«. Die Aus­nah­me war 1991, als man die ira­ki­sche In­va­si­on Ku­waits in ei­ner gro­ßen Ko­ali­ti­on mit u. a. auch an­de­ren ara­bi­schen Staa­ten be­sei­tig­te. Der Keim des is­la­mi­sti­schen Dschi­ha­dis­mus war die In­va­si­on Af­gha­ni­stans durch die UdSSR und die blöd­sin­ni­ge Un­ter­stüt­zung der Dschi­ha­di­sten durch die USA. Voll­kom­men es­ka­liert ist das al­les 2003 durch den Ver­bre­cher Ge­or­ge W. Bush.

    Mei­ne Äu­ße­rung be­zog ich eher auf Län­der wie Eri­trea, Ni­ge­ria, So­ma­lia oder auch die Ma­ghreb-Staa­ten. Von hier flie­hen die Men­schen in Scha­ren und wol­len al­le nach Eu­ro­pa. Ni­ge­ria ist in Wahr­heit ein sehr rei­ches Land (Erd­öl-Ein­nah­men), aber ka­ta­stro­phal re­giert. Im Nor­den gibt es ma­ro­die­ren­de Hor­den (Bo­ko Ha­ram) und der Staat schaut zu. Eri­trea ist ei­ne Dik­ta­tur, die den Men­schen kei­ner­lei Per­spek­ti­ve bie­tet. So­ma­lia exi­stiert prak­tisch nicht. Die Ver­ant­wor­tung des We­stens für die­se Ent­wick­lun­gen er­ach­te ich für mar­gi­nal. Der Ko­lo­nia­lis­mus kann nicht mehr als Ar­gu­ment für die Ver­säum­nis­se der po­li­ti­schen Ka­ste in Afri­ka der letz­ten 30, 40 Jah­re her­hal­ten. (Das es macht­po­li­ti­sche Di­men­sio­nen der ein­sti­gen Im­pe­ri­al­mäch­te gibt, die bis heu­te nach­wir­ken – Bei­spiel Sykes/Picot im Na­hen Osten – ist al­ler­dings un­strit­tig. Und auch »un­se­re« Wirt­schafts­po­li­tik ver­schärft Kon­flik­te.)

    #8

  9. @Leopold Fe­der­mair
    Hei­kel wird der Uni­ver­sa­lis­mus, wenn es um an­de­re Staa­ten geht: Sind un­se­re Vor­stel­lun­gen ent­schei­dend ge­nug, um uns in die An­ge­le­gen­hei­ten an­de­rer Staa­ten ein­zu­mi­schen (et­wa mi­li­tä­risch)? Kön­nen wir das von macht­po­li­ti­schen In­ter­es­sen tren­nen? Wie se­hen die Über­le­gun­gen für das Da­nach aus? Bringt man mit­un­ter mehr Leid und zer­rüt­te­te Struk­tu­ren (dys­funk­tio­na­le Staa­ten)?

    Wenn, dann se­he ich die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie in ei­ner Kri­se, nicht die De­mo­kra­tie, die si­cher­lich nicht ein­fach auf den Rest der Welt über­tra­gen wer­den kann. Viel­leicht gibt es Va­ri­an­ten, die bes­ser funk­tio­nie­ren.

    Was Sy­ri­en be­trifft, ha­ben wir un­se­re Hu­ma­ni­tät ent­deckt, als die Men­schen vor un­se­ren Gren­zen stan­den; man hät­te si­cher­lich, ge­mein­sam mit As­sad und Russ­land, die mei­sten Flücht­lin­ge vor Ort in La­gern, die wie Städ­te funk­tio­nie­ren, in de­nen die Men­schen ih­ren Be­ru­fen ge­mäß ei­nen Platz fin­den, un­ter­brin­gen kön­nen und die­je­ni­gen in den We­sten ge­bracht, für die das not­wen­dig ge­we­sen wä­re, z.B. aus me­di­zi­ni­schen Grün­den, aus psy­chi­scher Not­wen­dig­keit, usw. Man hät­te sich po­li­tisch die Fin­ger schmut­zig ma­chen müs­sen, aber die UNO und das Ro­te Kreuz hät­te As­sad ak­zep­tiert, wenn Russ­land mit im Boot ge­we­sen wä­re. Es hät­te sich kaum je­mand auf den Weg von Sy­ri­en nach Eu­ro­pa ma­chen müs­sen, es hät­te ei­ni­ge To­te we­ni­ger ge­ge­ben und die Auf­nah­me bei uns wä­re ko­or­di­nier­ter ab­ge­lau­fen.

    Wich­tig ist auch sich an den Sturz Mos­sa­deghs durch die CIA und den bri­ti­schen Ge­heim­dienst zu er­in­nern, die Ge­schich­te des Irans wä­re wohl an­ders ver­lau­fen und das An­se­hen des We­stens ein an­de­re (aber das Erd­öl war wich­ti­ger).

    #9

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  11. die_kalte_Sophie sagt:

    @mete Ich bin ein An­hän­ger der Auf­klä­rung, wie je­der Wis­sen­schaft­ler. Doch hat die »Ge­mein­de« doch ei­ne ge­wal­ti­ge Schräg­la­ge er­reicht, nach­dem sie die Mög­lich­kei­ten der »Ge­gen­macht« ent­deck­te.
    Heu­te be­ach­te ich kaum noch In­ter­ven­tio­nen, die sich auf die Auf­klä­rung be­ru­fen. Die we­sent­li­che Dif­fe­renz be­steht of­fen­bar zwi­schen Wis­sen­schaft und Po­li­tik, oder poin­tiert: zwi­schen Wis­sen­schaft und De­mo­kra­tie.
    Es wä­re ja wun­der­bar, wenn sich das Try­pty­chon Wis­sen-Macht-Dis­kur­si­vi­tät wirk­lich be­stens er­gän­zen wür­de, aber ich ha­be das nie be­ob­ach­tet. Re­spek­tiert man das Wis­sen und die Dis­kur­si­vi­tät, dann fehlt die Macht (Post­mo­der­ne), ver­ab­so­lu­tiert man die Dis­kur­si­vi­tät, ver­zerrt man die Macht zur ewi­gen Ge­gen­macht oder »Kon­troll­macht« (Stich­wort: freie Pres­se). Ich wür­de wirk­lich nicht be­haup­ten, dass der We­sten ei­ne ge­lun­ge­ne For­ma­ti­on ist. Kei­ne Wer­tung, aber ei­ne ge­wis­se Ent­täu­schung.

    #10

  12. Leopold Federmair sagt:

    @Gregor K.
    Ni­ge­ria, So­ma­lia..., auch (Süd-)Sudan, und ver­ges­sen wir nicht, was vor über 20 Jah­ren in Ru­an­da ge­schah. Rat­lo­sig­keit. Hier von der Schuld des Ko­lo­nia­lis­mus zu re­den, ist bil­li­ge Aus­re­de, man täuscht sich über die Rat­lo­sig­keit hin­weg. Aber eben, was tun? Ein­mi­schen, nicht ein­mi­schen? (Me­tep­si­lo­n­e­mas Fra­ge)

    #11

  13. Al­le »In­ter­ven­tio­nen« des We­stens hat­ten geo­stra­te­gi­sche Be­deu­tung. Frank­reich in­ter­ve­nier­te nach 1960 ja -zig­fach in ih­ren ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­en in Afri­ka (ei­ne ent­spre­chen­de Wi­ki­pe­dia-Sei­te ist schein­bar ver­schwun­den). Ent­we­der woll­te man den Sta­tus quo auf­recht er­hal­ten (in dem man ein Re­gime stütz­te, dass ei­nem wohl­ge­son­nen war und sei es nur nach der De­vi­se »Der Feind mei­nes Fein­des ist mein Freund«) oder ei­ne Ent­wick­lung soll­te ver­hin­dert wer­den. Sel­te­ner gab es ak­ti­ve Re­gime­stür­ze (wie bei­spiels­wei­se Bush 2001 in Af­gha­ni­stan und 2003 im Irak). Na­he­zu al­le die­se Ein­mi­schun­gen nach 1945 er­ziel­ten mit­tel- bis lang­fri­stig ge­nau das Ge­gen­teil des­sen, was sie be­wir­ken soll­ten. Das gilt so­wohl für Ge­heim­dienst­ope­ra­tio­nen (Iran/Mossadegh bspw.) als auch für Mi­li­tär­ein­sät­ze. Meist kam es noch schlim­mer, da die »Stra­te­gen« Clau­se­witz nicht ge­le­sen hat­ten (und der, der ihn ge­le­sen hat­te, igno­rier­te ihn): Man kommt leicht in ei­nen Krieg hin­ein, aber sehr schwer wie­der her­aus.

    Mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­tio­nen im­mer ein Aus­druck des Ver­sa­gens von Po­li­tik, die sich zu­meist nur auf öko­no­mi­sche und geo­stra­te­gi­sche In­ter­es­sen kon­zen­triert. An­ders sind Al­li­an­zen des We­stens bei­spiels­wei­se mit ei­nem Land wie Sau­di-Ara­bi­en nicht ver­ständ­lich.

    Im­mer wie­der wird be­tont, dass das bi­po­la­re Zeit­al­ter, al­so die Kon­fron­ta­ti­on im Kal­ten Krieg zwi­schen der UdSSR und den USA, vor­bei sei. Kon­flik­te wie Sy­ri­en zei­gen, dass das nur be­grenzt stimmt. So­bald Nu­kle­ar­mäch­te in ei­ner Re­gi­on dif­fe­rie­ren­de In­ter­es­sen ha­ben, ist die Wahr­schein­lich­keit ei­ner krie­ge­ri­schen Es­ka­la­ti­on – frü­her Stell­ver­tre­ter­krieg ge­nannt – sehr gross. Die Bush-Krie­ge 2001 und 2003 sind nur schein­bar ei­ne Aus­nah­me: Hier hat­ten die Rus­sen ähn­li­che In­ter­es­sen (Af­gha­ni­stan) bzw. kei­ne (Irak). Da­her konn­te schnell ein mi­li­tä­ri­scher »Sieg« er­run­gen wer­den, der am En­de al­ler­dings die Län­der in noch grö­sse­res Cha­os stürz­te.

    Der­zeit kon­zen­trie­ren wir uns auf die ver­wor­re­ne La­ge in Nah- und Mit­tel­ost. Sehr viel in­ter­es­san­ter (und auf Dau­er ge­fähr­li­cher) geht es je­doch in Asi­en zu, wenn die un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der von Trump ge­führ­ten US-Re­gie­rung auf die chi­ne­si­schen Groß­macht­an­sprü­che tref­fen.

    #12

  14. @die_kalte_Sophie
    Viel­leicht ist das Tri­pty­chon als Wis­sen­schaft-Po­li­tik-Öf­fent­lich­keit (Dis­kur­si­vi­tät) bes­ser be­stimmt; die tat­säch­li­chen Macht­zen­tren kön­nen ja dis­lo­ziert sein.

    @Gregor
    Bei den Ge­heim­dienst­ope­ra­tio­nen spiel­ten oft öko­no­mi­sche In­ter­es­sen ei­ne be­deu­ten­de Rol­le, z.B. der Sturz von Ár­benz (Gua­te­ma­la) bei dem der CIA mit der United Fruit Com­pa­ny pak­tier­te; ein an­de­res trau­ri­ges Bei­spiel ist der Kon­go (die Er­mor­dung Lu­mum­bas), aus dem das Uran für die Bom­ben auf Hi­ro­shi­ma und Na­ga­sa­ki stamm­te. Aus die­sen und ähn­li­chen Grün­den, ist mir die Li­ta­nei von der li­be­ra­len Welt­ord­nung mitt­ler­wei­le ein­fach zu­wi­der.

    In der Wi­ki­pe­dia schei­nen zu­min­dest bei be­stimm­ten The­men im Hin­ter­grund re­gel­rech­te Krie­ge ab­zu­lau­fen um un­lieb­sa­me An­sich­ten drau­ßen zu hal­ten oder ei­nen be­stimm­ten Spin zu trans­por­tie­ren, in­klu­si­ve un­an­ge­mes­se­ner Sper­ren.

    Manch­mal den­ke ich mir, dass et­li­che Po­li­ti­ker zur Zeit des kal­ten Kriegs ver­nünf­ti­ger wa­ren als ih­re Kol­le­gen heu­te (es ist schon ab­surd, dass Russ­land vor­ge­wor­fen wird, mi­li­ta­ri­stisch und un­de­mo­kra­tisch zu sein und et­li­che Se­na­to­ren und Wis­sen­schaft­ler in den USA ge­nau vor die­sen Ent­wick­lun­gen vor Be­ginn der NA­TO-Ost­erwei­te­rung ge­warnt ha­ben, von ver­gleich­ba­ren Par­al­le­len in den USA ein­mal ab­ge­se­hen).

    Stimmt, Asi­en darf man nicht ver­ges­sen, es ist für uns nur we­ni­ger of­fen­sicht­lich.

    #13

  15. Bei al­ler Ir­ra­tio­na­li­tät des Ver­nich­tungs­po­ten­ti­als durch die Hoch­rü­stung wa­ren die Han­deln­den im Kal­ten Krieg eben auch Re­al­po­li­ti­ker. Auf bei­den Sei­ten gab es kei­ne (re­li­giö­sen) Jen­seits­hoff­nun­gen, die mit dem Sta­tus quo spiel­ten. Die Aus­nah­me war wohl Ca­stro wäh­rend der so­ge­nann­ten Ku­ba-Kri­se, der Chruscht­schow dräng­te, ge­gen die USA hart­zu­blei­ben und da­mit ei­nen Atom­krieg zu ris­kie­ren. Da­bei woll­te die­ser am En­de nur die vor­her in­stal­lier­ten US-Ra­ke­ten in der Tür­kei los­wer­den, die in der hi­sto­ri­schen Be­trach­tung die­ses Vor­falls meist »ver­ges­sen« wer­den.

    Die NA­TO-Ost­erwei­te­rung war von sei­ten des We­stens mit ei­ni­gen in­for­mel­len Ver­spre­chun­gen un­ter­malt wor­den, an die man sich dann spä­ter nicht mehr er­in­nern woll­te.

    #14

  16. die_kalte_Sophie sagt:

    @ me­te und »Viel­leicht ist das Tri­pty­chon als Wis­sen­schaft-Po­li­tik-Öf­fent­lich­keit (Dis­kur­si­vi­tät) bes­ser be­stimmt; die tat­säch­li­chen Macht­zen­tren kön­nen ja dis­lo­ziert sein.«
    Das ha­be ei­gent­lich im­pli­zit an­ge­nom­men. Die Macht in mei­nem Try­pty­chon ist ei­gent­lich nur je­ner An­teil »ak­ku­mu­lier­te Macht«, die nö­tig ist, um ei­nen de­mo­kra­ti­schen Pro­zess zu be­trei­ben, der not­wen­dig ist, ein Amt zu be­set­zen oder ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Ent­schei­dun­gen her­bei zu füh­ren.
    Die »Leh­rer« und die »Po­li­zi­sten« las­se ich mal un­ter den Tisch fal­len. Die gibt es im­mer.
    De­mo­kra­ti­en ha­be vie­le Mit­strei­ter, die Bünd­nis­se sind aber dis­lo­zi­iert. Das ist ei­ne de­mo­kra­ti­sche Grund­er­fah­rung, die Par­ti­ku­la­ri­tät und Par­tei­en­nä­he.
    Seit ge­rau­mer Zeit glau­be ich, dass ex­akt die­se Ver­teilt­heit der Grund da­für sein könn­te, war­um es »das Wis­sen« und »die Dis­kur­si­vi­tät« so schwer ha­ben, nicht von der Macht im en­ge­ren Sin­ne ver­ein­nahmt zu wer­den. Ge­ra­de die Ver­teilt­heit der Macht macht sie so­zu­sa­gen ver­ein­nah­mungs­pflich­tig.
    Ich ste­he mit die­sen An­nah­men re­la­tiv al­lein auf wei­ter Flur, sie wi­der­spre­chen zu­unächst al­lem, was sich der We­sten so ger­ne zu­gu­te hält. Ich ha­be aber ei­ne Schwä­che für An­ti-The­sen. Sie sind so an­re­gend.
    Stel­len wir uns doch mal die pro­vo­kan­te Fra­ge: Wo ist mehr un­ge­teil­te un­be­la­ste­te Wahr­heit mög­lich (im Sin­ne des rei­nen Den­kens), in ei­ner Dik­ta­tur oder in ei­ner li­be­ra­len De­mo­kra­tie?!
    Mit Nietz­sche: Wo wird man die Wahr­heit hö­her schät­zen?!

    #15

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