Barbara Kenneweg: Haus für eine Person

Barbara Kenneweg: Haus für eine Person

Barbara Kenneweg:
Haus für eine Person

Sie heißt Rosa Lux (der Vorname ist ein Wortspiel der Mutter), ist 32 Jahre alt und wohnt irgendwo im Osten von Ostberlin in einem kleinen, 50 Quadratmeter großen Haus, dass sie (wie auch immer) von einem ehemaligen SED- und/oder Stasi-Menschen gekauft hat. Ihre Nach­barin ist die 98jährige Witwe Frau Paul, die in einem 1970er-Jahre-DDR-Kuriosum wohnt, dass ihr Mann in den 1970er Jahren aus Trümmern und Baustellenresten zusammengebaut hatte. Frau Paul bekam zwischen 1931 und 1952 fünf Kinder und hat ebenso viele politische Systeme erlebt. »Und immer waren die Namen, die ihr gefielen, politisch unerwünscht.« Mit Charme und Schalk erzählt sie davon, warum ihre Kinder nicht Wilhelm, Iwan und Glenn heißen durften und warum sie aus Joshua Joschi machen musste. Und sie erzählt von den Bomben­angriffen, den Wohnblockknackern und Vierpfündern.

Rosa ist beeindruckt von der Gelassenheit und Lebensklugheit dieser Frau. Weniger sympathisch ist ihr Herr Scholl, der andere Nachbar, etwas jünger als Frau Paul, Witwer, ein Steine- und Findlingssammler (mit einem, wie sich später herausstellt, rührendem Geheimnis) und, so Frau Paul, ein damals Nazi-Überzeugter. Ansonsten ist das Viertel verschlafen, ein »Fleckchen Bürgerlichkeit«. Rosa schwankt ob sie das mögen oder hassen soll. Ihr Vater ist seit acht Jahren tot und jetzt starb auch noch ihre Mutter. Von ihrem Freund Olaf hat sie sich getrennt, der daraufhin in den Himalaya geflüchtet ist. Jetzt lebt Rosa alleine, fast isoliert, von einem One-Night-Stand mit einem schrecklichen Immobilienmakler einmal abgesehen.

Der Roman »Haus für eine Person« der 1971 geborenen Barbara Kenneweg besteht aus vier Kapiteln: März, Mai, August, November. Es muss das Jahr 2010 sein, was aber für den Roman keine signifikante Rolle spielt. Ab Mai ist Frau Paul nicht mehr da; die Kinder haben sie mit Demenz-Verdacht in ein Heim gebracht, was sie von Herrn Scholl erfährt. Rosa bereut, dass sie sich an einem Apriltag von Frau Paul abgewendet hatte – womöglich wollte diese sich von ihr verabschieden. Die Jahreszeiten plätschern vor sich hin; es ist fast immer zu warm. Strukturiert wird Rosas Leben vor allem durch den sich früh be­stätigenden Verdacht der Schwangerschaft. Ist das Kind von Olaf oder dem Makler? Abtreiben oder behalten?

Die Ich-Erzählerin taumelt zwischen Alpträumen, Ängsten und kurzen Euphoriephasen. Sie kann sich kaum aufraffen, Geld zu verdienen. Eigentlich ist sie selbständige Fotografin, aber als Sprecherin »für Funk und Fernsehen« hatte sie mehr verdient. Aufsagen, was andere geschrieben haben, mag sie jedoch nicht. Da kam das Erbe ihrer Mutter, dass eigentlich das Erbe der geizigen Großmutter ist. Hiervon scheint sie zu zehren; die finanzielle Situation wird im Verlauf des Jahres immer prekärer, die Ernährung wird auf Tütensuppen umgestellt und das Geschmacksempfinden entsprechend angepasst.

Nach den ersten 30 oder 40 Seiten hätte ich fast die Romanlektüre abgebrochen, wenn es nicht die beiden skurrilen Nachbarn gegeben hätte. Zu sehr stört der girliehafte, pseudo-ironische Ton der Erzählerin. Aber wenn sie dann von ihren eigenen Idiosynkrasien und kulturpessimistischen Reflexionen abstrahiert, wenn die Selbstbeschreibungen zu Gunsten des Aufnehmens des Geschehens in ihrer Umgebung weicht, wenn sie in den »Zenter« einkaufen geht (und dabei das wichtigste vergisst), die Pissecken in einer Mischung aus Abscheu und Faszination betrachtet, wenn sie nicht deklamiert, sondern erzählt – dann entsteht eine phänomenologische Fundgrube und wenn sie die Gene­rationen vergleicht – sich und ihre (promiskuitive und liebesunfähige) Mutter und schließlich die »Ersatzgroßmutter« Frau Paul – dann entwickelt sich plötzlich so etwas wie ein Weltgefühl, oder, besser: eine Sehnsucht nach einem Gefühl für die Welt. Gleich­zeitig wird ihre Unzufriedenheit mit der Gegenwart fassbar und dann versteht man, warum ihr das Leben von Frau Paul in fünf politischen Systemen und zwei Kriegen wert- oder mindestens gehaltvoller erscheint als die aktuelle Wohlstandsexistenz, die nur zwanzig verschiedene Chipssorten zu präsentieren in der Lage ist.

Ein kleiner Höhepunkt des Buches ist der Besuch bei der Schwangerenberaterin, die ihr die diversen finanziellen Möglichkeiten als alleinerziehende Mutter aufzeigt aber eben auch die Mühsal der Hausfrau desillusionierend (und aus eigener Anschauung) erzählt. Rosa (und mit ihr der Leser) ist verblüfft über diese schonungslose Darstellung, die der gängigen Ideologie des Frauen-Powermanagements diametral widerspricht. Mit Kindern, so die These, hört das Leben auf. Aber was, wenn es bis dahin gar kein Leben gab?

Leider ist das Buch nicht frei von trivial-ästhetischen »Rückfällen«. Beispielsweise als sich unverhofft Olaf aus dem Himalaya bei der Protagonistin meldet. Denn einerseits sehnt sie sich nach so etwas wie spießigem Familienleben, andererseits tut sie alles, um es zu vermeiden und deklariert Liebe als »Super-GAU«. Bestimmte Rollenbilder – Frau ist empört, leicht hysterisch und will das Kind nicht während der Mann kühl analysierend aus 9000 km schon Vatergefühle entwickelt – werden zielsicher bedient und so liest sich diese Stelle wie ein Illustriertenroman.

»Bin ich dabei, verrückt zu werden« fragt sich Rosa schon im Frühjahr. Sie beginnt, sich in ihrem Haus zu verkriechen. »Sobald ich wo hinschaue, wird es dort dunkel und trüb«. Überall sieht sie die »Dreckecken«, die »desolaten Rückstände«, bezeichnet sich als »Seherin der Schmutzränder«. Im November konstatiert sie, dass sie »seit Wochen nur noch mit der Katze« spricht. Ist diese Protagonistin also psychisch krank? Oder zwang­haft? Vieles spricht dafür, dass diese Deutungsangebote vergiftete Äpfel für den allzu vorschnellen Exegeten sind. Zumal die bloße Umkehrung, dass nicht der Einzelne gestört sei sondern die Situation, in der er lebt, auch nicht funktioniert. Wie auch immer: Rosas einsiedlerisches Leben ist nicht die Freiheit, die sie sich erträumt – und wenn sie es nicht weiß, so ahnt sie es zumindest.

Im November schließlich gebiert sie vier Wochen zu früh in vollkommener Einsamkeit in ihrem Haus das Kind. Ein Schock auf Olafs SMS »Vergiss mich« kurz zuvor? Die Geburt inszeniert Kenneweg als eine Mischung aus Splatterfilm und Erlösungsphantasie. Die Schilderung der Schmerzen ist eindringlich. Sie halluziniert und ist dann urplötzlich mitten im archaischen Lebens- und Überlebenskampf. Es geht um Elementares, Wichtiges und nicht nur um fair gehandelten Kaffee, ordnungsgemäße Mülltrennung oder die richtige Kleidung. Und das Kind, gerade auf der Welt, nimmt keine Rücksicht auf die sich am Boden krümmende Mutter, sucht instinktiv deren Brust und beginnt sofort sich zu nähren.

Literarisch wagt Kenneweg einiges. Vermag eine auktoriale Ich-Erzählerin, die sich in dieser instabilen-labilen Lebenssituation befindet zugleich derart scharfsichtig über sich zu reflektieren? Oder, anders gefragt: Wie kann jemand diese chaotisch-schmerzhafte Geburt erleben und gleichzeitig fast medizinisch genau darüber erzählen? Hätte dies nicht eine von außen aufblickende Erzählerin glaubwürdiger vermittelt (ohne dabei die Intensität der Schilderung preisgeben zu müssen)? Oder sind dies in Anbetracht der Unmittelbarkeit der Wirkung, die sich beim Lesenden einstellt, nur Beckmessereien?

»Ich werde mich grundsätzlich ändern müssen« sagt Rosa kurz vor der Geburt ihres Kindes. Ob und wie dies gelingt? Plötzlich und viel zu früh, ist der Roman zu Ende.

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Ein Kommentar zu »Barbara Kenneweg: Haus für eine Person«:

  1. Sonja sagt:

    Jetzt will ich das aber auch lesen- schon allein wegen der skurillen Nachbarn…
    Danke für die anregende Besprechung!

    #1